Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen

Werner Bergengruen

Kaschubisches Weihnachtslied

1. Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
wärst auf Daunen weich gebettet worden.

2. Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
dich und deine Mutter zu verehren.

3. Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
blauen Mantel von kaschubischem Tuche,
pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.

4. Hätten dir den eig’nen Gurt gegeben,
rote Schuhchen für die kleinen Füße,
fest und blank mit Nägelchen beschlagen!
Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!

5. Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke [Buttersoße],

6.Gänsefleisch und Kuttelfleck, fette Wurst

und gold’nen Eierkuchen,
Krug um Krug das starke Bier aus Putzig!
Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!

7.Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
Sieh, wir wären alle fromm geworden,
alle Knie würden sich dir beugen,
alle Füße Himmelwege gehen.

8. Niemals würde eine Scheune brennen,
sonntags nie ein trunk’ner Schädel bluten, —
wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!

Zu den 18 mir bekannten Liedern über die bzw. zur Geburt Christi lernte ich erst kürzlich „Wärst du, Kindchen, doch im Kaschubenlande … geboren“ kennen dank Ingeborg Weber-Kellermanns Das Buch der Weihnachtslieder. Den Text mit dem Titel Das kaschubische Weihnachtslied hat der in Riga geborene Dichter und Schriftsteller Werner Bergengruen (1892-1964) 1927 verfasst. Erstmalig veröffentlicht wurde es 1938 in der Sammlung der Gedichte Bergengruens Die verborgene Frucht. Das Gedicht wurde mehrmals vertont, 1942 von Franz Motzer (s. o. Noten) und später von Karl Heinz Malzer (geb. 1942). Zudem gibt es eine Kantate von Hans Poser nach der Melodie von Franz Motzer (diesen Hinweis verdanke ich dem kaschubischen Heimatforscher Richard Glischinski).

Bergengruen hat sein berühmtestes Werk, den verschlüsselten zeitgenössischen Roman Der Großtyrann und das Gericht, 1935 fertiggestellt. Aufgrund der Parallelen zu einem diktatorischen System wurde Bergengruen 1936 aus der Reichsschriftumkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, zumal noch Rundfunk- und Auftrittsverbote folgten.

Entstehung

Zur Entstehung von Bergengruens Weihnachtsgedicht hat 1964 der Slawist und Kaschubologe Friedhelm Hinze in der Zeitschrift für Slawistik die Vermutung zurückgewiesen, Bergengruen habe das Gedicht „direkt aus dem Kaschubischen übertragen, da er einiger slawischer Sprachen sehr wohl mächtig war“. Hinze beruft sich auf einen Brief von Bergengruen an ihn und zitiert den Dichter. Danach entstand das Gedicht „auf Grund von Erzählungen einer kaschubischen Hausangestellten meiner Eltern, die damals in Danzig lebten“ (Dank an Richard Glischinski für die Übersendung eines Auszugs aus Hinzes Artikel Zur Quelle des Kaschubischen Weihnachtslieds von Werner Bergengruen).

Richard Glischinski hat das Original des Kaschubischen Weihnachtslieds online gestellt (vgl. http://www.glischinski.de/roots/Bergengruen.htm ). Er hat es entdeckt in dem 1911 veröffentlichten Buch des kaschubischen Schriftstellers und Lehrers Ernst Seefried-Gulgowski (1874 – 1925) Von einem unbekannten Volke in Deutschland – Ein Beitrag zur Volks- und Landeskunde der Kaschubei.

1. Sei uns gegrüßet geliebter Jesu, unser von Ewigkeit ersehnter Herr.
Aus Kaschubien zum Stalle eilen hurtig wir alle
und bis zur Erde neigen die Stirne – und bis zur Erde neigen die Stirne.

2. Warum so arm liegst du in der Krippe und nicht im Bettchen, wie es dir zukommt.
Im Stalle geboren, in der Krippe gebettet.
Warum mit Ochsen und nicht mit Herren – warum mit Ochsen und nicht mit Herren.

3. Wärst in Kaschubien du uns geboren, wärest auf Heu von uns nicht gebettet.
Hättest ein Strohsäckchen, darüber ein Bettchen,
und viele Kissen gefüllt mit Daunen – und viele Kissen gefüllt mit Daunen.

4. Und auch dein Kleidchen wär nicht so einfach. Aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen.
Aus blauem Tuche ein Röckchen und ein grünes Warb-Jöppchen [Trachtenjäckchen],
dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben – dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben

5.Wärst in Kaschubien du uns geboren, brauchtest dann niemals Hungersnot leiden.
Zu jeder Tageszeit hättest Gebratenes,
zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen – zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen.|

6. Zu Mittag hätt’st du Buchweizengrütze, mit gelber Butter reichlich begossen.
Saftiges Gänsefleisch, mit Speck Kartoffelmus,
und Fleck (Kutteln, in Streifen geschnittener Magen) mit  Ingwer nicht zu vergessen – und Fleck mit Ingwer nicht zu vergessen.

7. Und Wurst mit Rührei gar fett gebraten, darnach der Liebling würd’ wohl geraten.
Zum Trinken gäb man dir Tuchler- oder Berent-Bier.
Könntest dann schwelgen in den Genüssen – könntest dann schwelgen in den Genüssen.

8. Zum Abendbrot hätt’st du schmackhafte Flinzen [Pfannkuchen] und zarte Würstchen mitsamt Pieroggen [Teigtaschen], Wruken [Steckrüben] mit Hammelfleisch, Erbsen mit Speck gekocht,
und fette Vöglein knusprig gebraten – und fette Vöglein knusprig gebraten.

9. Bei uns gibts Wildbret, Jesu, in Menge.
Wäre allzeit für dich wohl bereitet, ganz junge Rebhühnchen und andre Vögelchen,
auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen – auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen.

10. Dort hast du allzeit Mangel gelitten, hier hätt’st du alles im Überfluß.
Beim Trinken und Essen, Beim Spielen, Erzählen,
wäre beim Amtmann dein Platz am Tische – wäre beim Amtmann dein Platz am Tische.

11. Doch dir genügt schon der gute Wille, unsere Wünsche nimmst du als Gaben.
Die Herzen zum Opfer bringen wir dem Schöpfer.

12. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind.

Den Gedanken, dass Jesus Christus ein besseres Los verdient habe, als auf Heu und Stroh zu liegen, hat bereits der bedeutendste Kirchenlieddichter und Theologe Paul Gerhardt (1607-1676) rund 250 Jahre vor dem kaschubischen Weihnachtslied gehegt. Davon zeugen die Strophen sechs und sieben seines Liedes Ich steh an deiner Krippen hier:

6. O daß doch so ein lieber Stern
Soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn
Gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,Dies Kindlein drauf zu legen !

7. Nehm weg das Stroh, nehm weg das Heu!
Ich will mir Blumen holen,
Daß meines Heilands Lager sei
Auf lieblichen Violen;
Mit Rosen, Nelken, Rosmarin
Aus schönen Gärten will ich ihn
Von oben her bestreuen.

Während Glischinski – aus meiner Sicht wohlwollend – meint, „Der hier genannte Text [gemeint ist das Kaschubische Weihnachtslied] zeigt interessante Bezüge zum späteren Gedicht von Werner Bergengruen“, meine ich: Hier hat sich der 37jährige Dichter mit fremden Federn geschmückt. Die Strophen eins bis sechs entsprechen bis auf kleinere Abweichungen der zweiten bis neunten des Originals. Selbst die siebente Strophe Bergengruens ist noch von der elften Strophe des Originals inspiriert.

Anzuerkennen ist, dass Bergengruen den Titel Kaschubisches Weihnachtslied übernommen hat; für Liedforscher und andere Interessierte gibt er damit einen deutlichen Hinweis auf das Original-Krippenlied. Dabei hätte er es doch ganz einfach gehabt, sein Gedicht z.B. „Masurisches Weihnachtslied“ zu nennen und im Text statt Kaschubenlande Masurenlande zu schreiben, zumal ihm als gebürtigem Letten das ostpreußische Masuren mindestens räumlich näher lag, als die Kaschubei. Und da die Masuren ebenfalls als gastfreundlich galten und ihre Feste, genau wie die Kaschuben, mit üppigem Essen und reichlichem Trinken feierten, wäre die Übernahme des Originals kaum aufgefallen.

Das ‚Kaschubenland‘ ist die Kaschubei (polnisch kaszuby)genannte Region westlich und südwestlich von Danzig. Heute sprechen rund 150.000 Menschen als eine von Polen anerkannte eigenständige ethnische Minderheit kaschubisch. An der Universität in Danzig besteht ein Lehrstuhl für diese westslawische Sprache (vgl. www.westpreussisches-landesmuseum.de). Aufnahme in die Weltliteratur fand die Kaschubei durch Günter Grass‘ Werk Die Blechtrommel. Wie die Mutter des Blechtrommlers Oskar war auch die Mutter von Grass Kaschubin.

Die kaschubischen Weihnachtslieder – andere Krippenlieder

Während bereits in der ersten Originalstrophe Jesus Christus gehuldigt wird, greift Bergengruen gleich zu Beginn die dritte Strophe des Originals auf und fragt sich, was passiert wäre, wenn Jesus nicht in Bethlehem, sondern im Kaschubenlande geboren worden wäre. Angesichts seiner „christlich-humanistischen Einstellung“ (www.hdg.de) finde ich es bemerkenswert, dass die Sprechinstanz bei Bergengruen nicht, wie in den meisten Krippenliedern üblich, die Geburt Jesu lobt, Jesus willkommen heißt und oder anbetet(vgl. Strophen 3 und 4 bzw. 5 von Vom Himmel hoch, da komm ich her, oder 4. Strophe von Nun singet und seid froh oder Ich steh an deiner Krippen hier).

Beim Vergleich des Originals und Bergengruens Version mit anderen Krippenliedern fallen auch die Unterschiede von Obdach, Kleidung und Nahrung auf. Während Bergengruen nichts über die Unterkunft und die Anwesenheit von Tieren sagt, nimmt das Originallied wie die Mehrheit der Krippenlieder Bezug auf die Weihnachtsgeschichte bei Lukas: „Und sie [Maria] gebar ihren ersten Sohn […] und legte ihn in eine Krippe“. (Lukas, Kapitel 2, Vers 7). Die Krippe als Futtertrog aus Flechtwerk weist auf einen Viehstall hin; von Ochsen, wie im Originallied, ist bei Lukas ebenso wenig die Rede wie von einem Esel oder von Schafen. Die Verfasser der Krippenlieder haben „Ochs, Esel und Schafe“ hinzu gedichtet, wie z. B. in O, Jesulein zart (2. Strophe) oder Martin Luthers „Rind und Esel“ in Vom Himmel hoch, da komm ich her (9. Strophe) und in Was soll das bedeuten (3. Strophe).

Auch darauf, dass Joseph und Maria besonders arm gewesen wären (vgl. Original 2. Strophe oder Ihr Kinderlein kommet:Ach, hier in der Krippe schon Armut und Not“, 5. Strophe, 3. Vers), gibt es bei Lukas keinen Hinweis; lapidar heißt es „denn sie hatten sonst keinen Platz in der Herberge gefunden“. Was kein Wunder ist, hatte doch Kaiser Augustus eine Volkszählung veranlasst, nach der jeder in seiner Heimatstadt erfasst werden sollte (vgl. Lukas 2,2). Und so machten sich viele in Bethlehem geborene Menschen auf, so wie Joseph, um sich in ihrer Geburtsstadt Bethlehem registrieren zu lassen.

Während bei Lukas (2, 7) darüber berichtet wird, dass Jesus von Maria „in Windeln gewickelt“ wurde, machen einige Hirtenlieder andere Aussagen: Jesus liegt „elend nackt und bloß in einem Krippelein“ (Lobt Gott, ihr Christen allzugleich, 2. Strophe) oder „das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost“ (Was soll das bedeuten, 5. Strophe). Im Vergleich dazu würde Jesus im kaschubischen Land nicht frieren, er hätte ein „Bettchen und viele Kissen gefüllt mit Daunen“. Bergengruen greift diesen Gedanken auf: Jesus wäre „auf Daunen weich gebettet […], das Bettchen stünde warm am Ofen“.

Die Bekleidung im Original, bestehend „aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen“, einem „Röckchen aus blauem Tuche“, „einem grünen Warb-Jöppchen“ (Trachtenjäckchen) und einen „Netzgurt“ (einen geflochtenen Gürtel), variiert Bergengruen: Jesus müsste eine ‚Schaffellmütze tragen, einen blauen pelzgefütterten Mantel und rote mit Nägelchen beschlagenen Schuhe‘.

Nur in einem der mir bekannten 18 Krippenlieder habe ich einen Hinweis auf die Ernährung Jesu gefunden. Die 4. Strophe von Ihr Kinderlein kommet lautet:

Manch Hirtenkind trägt wohl mit freudigem Sinn
Milch, Butter und Honig nach Betlehem hin;
ein Körblein voll Früchte, das purpurrot glänzt,
ein schneeweißes Lämmchen mit Blumen bekränzt.

Dagegen zählt das Original des kaschubischen Lieds in fünf von insgesamt elf Strophen Mahlzeiten und Getränke in Hülle und Fülle auf, während Bergengruen sich auf zwei Strophen beschränkt, ohne dabei freilich an kindliche Ess- und Trinkbedürfnisse zu denken. Es waren wohl eher die Vorstellungen der Erwachsenen, wenigstens einmal im Jahr in Saus und Braus zu leben. Wenn man bedenkt, dass um 1900, der wahrscheinlichen Entstehung des Originallieds, abgesehen von einigen Handwerkern die Mehrheit der Kaschuben als Landarbeiter* bei den häufig deutschen Großgrundbesitzern malochen und ihr ganzes Leben in Armut verbringen musste, werden die heimlichen Wünsche verständlich.

Und so gibt es nicht nur „Arme-Leute-Essen“ wie Buchweizen- bzw. Gerstengrütze oder Kutteln (auch Kuttelfleck, in Streifen geschnittener Magen, Pansen) und Wruken (Steckrüben), sondern es werden auch – sonst den Familien der Gutsbesitzer vorbehalten – Wildbret, Rebhühnchen, Täubchen und Krammetvögel (Wacholderdrossel) und ähnliche Genüsse aufgefahren.

Von Milch oder Wasser als Getränken für das Krippenkind erzählen weder Lukas noch ein einziges mir bekanntes Krippenlied. Nur im originalkaschubischen Weihnachtslied und bei Bergengruen wird von Getränken gesprochen. Allerdings, wieder wie bei den Essensmahlzeiten, nicht gerade kind-, geschweige denn kleinkindgerecht.

Dass die Bewohner der sogenannten „Kalten Heimat“ (Ost- und Westpreußen und Kaschubei), gern dem Alkohol zugesprochen haben, ist bekannt. Übertrieben jedoch dürfte jedoch sein, dass es bereits zum Frühstück „ein Gläschen Wodki“ gegeben haben soll. Und jeden Abend Bier zutrinken, war auch nur den Betuchten möglich.

In seiner letzten Strophe greift Bergengruen die bei Festen üblichen Gelage der männlichen Landbevölkerung auf, indem er auf die manchmal in Schlägereien bis hin zum Scheuneanstecken ausartenden Alkoholexzesse erinnert. Nach all den fiktiven Gaben, die ja indirekt eine Würdigung des Christuskindes darstellen, passt die achte Strophe nicht so recht zu den vorhergehenden. Hier wird Bergengruens Text realistisch, um in der letzten Zeile jedoch darauf hinzuweisen, dass Derartiges nicht vorgekommen wäre, wenn das „Kindchen im Kaschubenlande geboren“ worden wäre.

Die 10. Strophe des Originals vergleicht die Geburt in Bethlehem mit einer fiktiven Geburt im Kaschubenlande. Während Jesus in Bethlehem „allzeit Mangel gelitten“ hat, hätte er hier alles im Überfluss. Hinzu käme, dass Jesus einen Platz am Tische des Amtmanns, einem Vertreter der Obrigkeit, eingenommen hätte mit allem was dazu gehörte: „Trinken und Essen, Spielen, Erzählen“.

Nach der Aufzählung der leiblichen Genüsse ist sich der kaschubische Dichter darüber im Klaren, dass es die erwähnten Annehmlichkeiten – warmes Bett, Kleidung und Nahrungsmittel – es nur in der Vorstellung der armen Leute gibt. Doch als Christen sind sie sich sicher, dass Jesus „schon der gute Wille genügen“ würde und, wie es metaphorisch weiter in der 11. Strophe heißt: „Die Herzen bringen wir dem Schöpfer zum Opfer“. Auch Bergengruen ist gegen Schluss „seines“ Gedichts darauf gekommen, die Geburt Jesu zu würdigen: „Und wie wir das Herz dir schenken wollten“ (7. Strophe).

Das Original schließt mit einem Gebet, das der Dichter für die Mehrheit der Kaschuben spricht: „Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind“.

Rezeption

Das Originallied und Bergengruens vertontes Gedicht sind weitgehend unbekannt geblieben. Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist in seinem Katalog nicht einen einzigen Tonträger aus und auch die Anzahl von lediglich vier Partituren ist im Vergleich zu anderen Krippenliedern außerordentlich gering. Im Online-Liederbuch-Archiv www.deutschelieder.com sind nur neun Liederbücher bzw. -hefte zu finden, darunter aus dem Jahr 2002 Unterm Siebenstern – Deutsche Lieder aus sieben Großlandschaften Osteuropas. Auch die beiden Videos bei Youtube deuten darauf hin, dass diese Kaschubischen Weihnachtslieder nicht gerade populär sind. Und anders als die Volkskundlerin und Liederforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (s.o.) haben weder die Liedforscher Ernst Mang oder Heinz Rölleke noch der Nestor der Volksliedforschung Ernst Klusen das Weihnachtslied von Bergengruen in ihre umfangreichen Liedersammlungen aufgenommen.

Georg Nagel, Hamburg

Weihnachten ohne Christkind: Hans Baumanns „Hohe Nacht der klaren Sterne“

Hans Baumann

Hohe Nacht der klaren Sterne

1.
Hohe Nacht der klaren Sterne,
Die wie helle Zeichen steh'n
Über einer weiten Ferne
D'rüber uns're Herzen geh'n.

2.
Hohe Nacht mit großen Feuern,
Die auf allen Bergen sind,
Heut' muß sich die Erd' erneuern,
Wie ein junggeboren Kind!

3.
Mütter, euch sind alle Feuer,
Alle Sterne aufgestellt;
Mütter, tief in euren Herzen
Schlägt das Herz der weiten Welt!

 

Einführung 

Hohe Nacht der klaren Sterne wird von der Volkskundlerin und Germanistin Esther Gajek als das Stille Nacht, heilige Nacht der Nationalsozialisten bezeichnet. Text und Melodie wurden 1936 von  Hans Baumann (1914 – 1988) verfasst, der als Dichter von Es zittern die morschen Knochen bereits 1933 als Referent in die Reichsjugendführung aufgenommen wurde. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Lied Hohe Nacht 1936 in Wir zünden das Feuer als Bestandteil der umfangreichen Chorsammlung Den Müttern. Die Aufnahme 1938 in die Weihnachtsliedersammlung mit dem Titel „Hohe Nacht der klaren Sterne“ und in das „Liederbuch der NSDAP“ trugen ebenso zur Popularität des Liedes bei wie in den nächsten beiden Jahren viele Schul- und Weihnachtsliederbücher. Bald wurde es als Volkslied wahrgenommen. Durch die „Richtlinien für Weihnachtsfeiern“ der Hitlerjugend, des NS- Lehrerbunds, der SA und der SS gehörte es zum Kanon der NS-Weihnachtslieder.

Julfest als NS-Weihnachtskult

Da die Nationalsozialisten jede Art christlichen Brauchtums ablehnten, versuchten sie nach der Machtaneignung 1933, christliche Rituale durch neue Riten zu ersetzen. Anfangs gingen die Nazis zurückhaltend vor, und so wurde z.B. das Weihnachtsfest erst langsam umgedeutet. Man sprach nicht vom Christkind und Christfest, sondern von der deutschen Weihnacht und rückte den Geschenke bringenden Weihnachtsmann in den Mittelpunkt. Beibehalten wurden die Krippe, die sich in das zu Weihnachten feiernde „Fest der allgemeinen Mutterschaft“, der „Mutternacht“ einfügen ließ. „Zu diesem Zweck stiftete die NSDAP Weihnachten 1938 das Ehrenkreuz der deutschen Mutter (Mutterkreuz), das an kinderreiche Mütter ausschließlich mit Ariernachweisen verliehen wurde“ (vgl. DLF Kultur vom 14.12.2014: Stefanie Oswalt: Nazi-Propaganda Weihnachten unter dem Hakenkreuz).

Von dem aus der römischen Antike bekannte Brauch, im Mithras-Kult zur Wintersonnenwende den Sonnengott zu ehren, wurde das Schmücken eines Baumes übernommen. Dabei wurden Tannenzweige ins Haus gehängt, um bösen Geistern das Eindringen zu erschweren. Aus dem mittelalterlichen, am 24. Dezember mit Äpfeln und bunten Papierblüten geschmückten Paradeislbaum, hat sich der Weihnachtsbaum entwickelt (vgl. Wikipedia „Tannenbaum“ und „Christbaumschmuck“). Statt der etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblichen bunten, glänzenden Weihnachtskugeln wurden die Kugeln mit einem Hakenkreuz versehen; es gab sogar Kugeln mit dem Konterfei Hitlers.

Das Hakenkreuz am Weihnachtsbaum.

Der Führer als Weihnachtskugel.

[Fotos aus www.dorsten-transparent.de]

Weihnachten 1942 nannte die Zeitschrift „Reichsrundfunk“ (Nr. 19, 1942/43) das Lied Hohe Nacht der klaren Sterne  das „schönste Weihnachtslied aus unserer Zeit“ (vgl. Michael Fischer, Historisch-kritisches Liederlexikon, 2006, 2010). Die Lied- und Heimatforscher sind sich darüber einig, dass während des Zweiten Weltkriegs das „Weihenachtsfest“ weiterhin im Sinne der Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde (vgl. Frenz und Stegemann, Sperlich u.a.).  Sogenannte Weihnachtsringsendungen von Front zu Front, der Versand von Weihnachtskugeln mit dem Hakenkreuz und die speziellen Wehrmachtsliederbücher zur Weihnacht gehörten zu einem wesentlichen Bestandteil der Kriegs- und Nazipropaganda.

Das Hakenkreuz bestimmte die NS-Weihnacht.

 

 

 

 

 

 

 

Ab 1934 war an Weihnachtsbäumen das Hakenkreuz als Schmuck zugelassen.

 

 

 

 

 

 

 

[Fotos: www.dorsten-transparent.de]

Umdichtungen und Liedverbote

Aus dem ursprünglichen Schweizer Weihnachtslied, das auch als Sterndreherlied  bezeichnet wird (s. Bamberger Anthologie)

Es ist für uns eine Zeit angekommen, es ist für  uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ, der für uns, der für uns der für uns Mensch geworden ist.

machten die Nazis 1940

Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Freud.
Über’s schneebeglänzte Feld wandern wir durch die weite, weiße Welt.

Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt diese NS-Umdichtung ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222). So wie hier aus dem christlichen Lied ein Winterlied wurde, so wurden aus Es ist ein Ros entsprungen und Ihr Kinderlein kommet sogar NS-ideologisch besetzte Gesänge. Demnach sollte „in deutschen Landen der Glaube (an Reich und Führer) neu entfacht“ werden; die Kinder sollten nicht zur Krippe kommen, sondern „zur Weihnacht die uralte Mär vernehmen“, wobei „die blitzenden Lichtlein… auf uralte Zeiten zurückdeuten. Bewahrt bleiben (mögen) die Sitte der Ahnen …und deren Erbe …“.

Selbst das bekannteste deutsche Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht wurde 1942 umgedichtet: Aus dem „trauten hochheiligen Paar“ wurde nun der „strahlende Lichterbaum“ und “Christ, in deiner Geburt“ wurde zu „werdet Lichtsucher all!“ umgeschrieben“ (Helmut Frenz und Wolf Stegemann, www.dorsten-transparent.de).

Einige christliche Advents- und Weihnachtslieder wurden gänzlich verboten, so z.B. die Lieder Tochter Zion (allegorisch für Jerusalem) wegen der VerseSieh, dein König kommt zu dir, / ja, er kommt, der Friedefürst“ und  Zu Bethlehem geboren vor allem wegen der Anbetung des (Jesu-)-Kindeleins als „wahrer Gott“. Vergöttlicht werden sollte nur Hitler als Welterlöser, und anstelle des „ewgen Reichs“ sollte das „Dritte Reich“ im Vordergrund stehen.

Dagegen durfte Lied O, Tannenbaum mit kleinen Änderungen weiterhin gesungen werden. Aus den ‚grünen Blättern‘ wurden „treue  Blätter“ (1. Strophe), und der Vers „gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit“ (3. Strophe) wurde durch „gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit“ ersetzt.

Abgesehen von NS-inszenierten Weihnachtsfeiern, kirchlichen Julfesten der Deutschen Christen und ähnlicher nationalkirchlicher Bewegungen behielt jedoch ein großer Teil der Bevölkerung die christlichen Weihnachtsrituale bei und sang weiterhin christliche Advents- und Weihnachtslieder. Eine Ausnahme bildete Baumanns Hohe Nacht der klaren Sterne.

Interpretation

Hohe Nacht, klare Sterne, helle Zeichen, weite Ferne, große Feuer – Metaphern, wie wir sie aus Liedern der Jugendbewegung kennen. So wie manche Lieder der Bündischen Jugend von der Hitlerjugend und anderen NS-Organisationen adaptiert (um nicht zu sagen: geklaut) wurden, so erweist sich Baumann mit seinem Lied „als ein Brückenbauer aus der Jugendbewegung und dem Christentum in den Nationalsozialismus“ (Liederportal Bayern).

In den beiden ersten Strophen wird ein nächtliches Naturbild vorgestellt, das mit den „Herzen der Rezipienten in Zusammenhang gebracht wird“ Martin Fischer, a. a. O). Die „großen Feuer[] […] auf allen Bergen“ kennt man heute noch aus einigen Regionen Deutschlands (z.B. Lipper Land, Kasseler Gegend, Weserbergland), in denen vor Ostern Feuerräder von den Bergen bzw. Hügeln gerollt werden. Hier weisen die „großen Feuer“ auf die Sonnwendfeiern hin.

Durch den Vers „die Erd‘ muss sich erneuern“ wird vermittelt, dass der Nationalsozialismus unabdinglich etwas Neues schafft. Hier geht es nicht, wie in christlichen Liedern, um die Geburt des Jesuskindes, „wie ein junggeboren Kind“ soll ausdrücken: es geht dem Nationalsozialismus um etwas noch nie Dagewesenes. Zugleich leitet das „junggeboren Kind“ zu den „Müttern“ über, denen verheißungsvoll „alle Feuer, alle Sterne“ leuchten. Und in deren Herzen – wie es dem Mutterkult (s.o. auch Abschnitt Julfest) der Nazis entspricht – „das Herz der weiten Welt schlägt“.

Die folgende drastische Kritik stammt von der Dichterin und bekennenden Katholikin Claudia Sperlich: „Kurz, in diesem Machwerk wird mit künstlich-volkstümlichem Geschwurbel ein erhabenes und selbsterhebendes Gefühl beschworen, Naturverbundenheit, mystisches Gewaber und Mutterkult werden verwoben in einem den Verstand missachtenden und vernebelnden Lied“ (Hohe Nacht der morschen Knochen, 19. Dezember 2009).

Rezeption nach 1945

Auch nach 1945 blieb Hohe Nacht einige Jahre bei Weihnachtsfeiern beliebt. Sogar der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds hielt das antichristliche Lied (s. Abschnitt Interpretation) für unbedenklich und nahm es 1948 in das „Liederbuch für die schaffende Jugend“ (S. 93) auf.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs weist ab 1945 nur 2 Tonträger mit dem Lied aus. Da nicht alle Musikverlage ihrer Pflicht nachkommen (Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek 1969, Neufassung 2006), zwei Exemplare an das DMA zu liefern, kann man aber davon ausgehen, dass weitere Veröffentlichungen vorliegen. Nicht im Katalog zu finden sind z.B. die Weihnachtsalben 1969, 1971, 2003 und 2013 von Heino und viele bei YouTube angeführte Schallplatten und CDs, gesungen Chören und weniger bekannten Sängern. Dass Kleinverlage wie Wotan Records oder Black Records sich scheuen, ihre Rechtsrock-Versionen (z.B. Projekt Aaskreia, 2007 oder Darker Than, 2011) an das DMA zu senden, ist nachvollziehbar, da sie bei größerer Publizität wegen anderer Songs ein Verbot riskieren würden.

Vergleicht man die Anzahl der Tonträger mit den von 1948 bis 2007 mit dem Baumann-Lied erschienenen 28 Liederbüchern (vgl. online-Archiv deutscheslied.com), so kann man sagen: Die Buchverleger halten es für wahrscheinlich, dass Hohe Nacht weniger angehört als gesungen wird. Darauf deuten auch die Chor-Partituren des DMA-Katalogs hin.

Die Einschätzung von Michael Fischer (a.a.O.), wonach „das Lied in der Gegenwart entweder aus Unkenntnis (da es keine auf den ersten Blick als nationalsozialistisch erkennbaren Textstellen enthält) oder bewusst vornehmlich in rechtskonservativen Kreisen verbreitet und rezipiert“ wird, ist gemessen an der Anzahl der Liederbücher insgesamt nicht nachzuvollziehen. Ein Viertel der Liederbücher erschien in rechtsextremen Kreisen (Wiking-Jugend, o.J.) oder Verlagen (Munin Verlag, 1976, Heidenkreis 2004). Bis 2004 erschienen 4 weitere völkisch bzw. rechtskonservativ ausgerichtete Liederbücher von der Eekboom Gesellschaft und dem, der Ludendorff-Gesellschaft nahestehenden, Arbeitskreis für Lebenskunde. Die Mehrheit der Liederbücher mit Hohe Nacht erschien in Verlagen wie Voggenreiter und Sikorski; Verlage wie Kallmeyer und Möseler knüpften mit der Veröffentlichung des Baumann-Liedes an ihre Liederbücher aus der Nazizeit an (vgl. deutscheslied.com).

Die renommierten Volksliedforscher wie Ernst Klusen (Deutsche Lieder, Band I und II. 2. Auflage 1981, 51. bis 100. Tausend), Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) und Theo Mang, Der Liederquell, 1969 und 2015) haben Hohe Nacht der klaren Sterne nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen.

Georg Nagel, Hamburg

Ein wenig bekanntes Weihnachtslied aus Luthers Feder: „Christum wir sollen loben schon“

Martin Luther

Christum wir sollen loben schon

Der hymnus. A solis ortu.
Christum wir sollen loben schon /
der reynen magd Marien son.
So weit die liebe sonne leucht /
vnnd an aller welt ende reicht.

Der selig schepffer aller ding /
zoch an eins knechtes leib gering /
das er das fleisch durch fleisch erworb /
vnd seyn geschepff nicht als verdorb.

Die götlich gnad von hymel groß /
sych yn die keusche mutter goß /
Eyn medlin trug einn heymlich pfand /
das der natur war vnbekand.

Das zuchtig haus des hertzen tzart /
gar baldt eyn Tempel Gottis wart /
die kein man ruret noch erkand /
von gots wort sye man schwanger fand.

Die edle mutter hat geborn /
den Gabriel verhyeß zuuorn /
den sanct Johans mit spryngen zeygt /
da er noch lag ynn mutter leyb.

Er lag ym hew mit armut groß /
die krippen hart yhn nicht verdroß.
Es ward eyn kleyne milch seyn speyß /
der nie keyn voglin hungern ließ.

Des hymels Chor sich frewen drob /
vnd die engel syngen Got lob /
den armen hyrten wird vermeld /
der hirt vnd schepffer aller welt.

Lob ehr vnnd danck sey dir gesagt /
Christ geborn von reyner magd.
Mit vater vnd dem heylgen geist /
von nu an byß ynn ewigkeit.

Denkt man an Martin Luthers Weihnachtslieder, fällt einem wohl vor allem das heute sehr beliebte Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ähnlich wie Ein feste Burg ist unser Gott gilt es als eines der Standartwerke des Reformators, das zu dieser Jahreszeit in Kirchen und Häusern in ganz Deutschland und darüber hinaus gesungen wird.

Das hier vorgestellte Lied, Christum wie sollen loben schon, ist ein weiteres Weihnachtslied aus Luthers Feder. Es basiert auf dem Lateinischen Gedicht A solis ortus cardine von Caelius Sedulius (gestorben ca. 450), welches im Mittelalter vertont wurde. Luther erwähnt diese Vorlage explizit in seiner Übersetzung. Er übernahm von dem altkirchlichen Original nur fünf Strophen in freier Übersetzung, nämlich die, die sich auf die Geburt Jesu bezogen. So zentrierte er das Lied wesentlich stärker auf Weihnachten. Die Vorlage beschreibt das ganze Leben Christi und nicht nur dessen Geburt. Sie verwendet die rhetorische Form eines Abecedarius, was bedeutet, dass jede Strophe mit einem Buchstaben des Alphabets beginnt. Luther hingegen übersetzte den lateinischen Text in Reimform.

Inhaltlich werden in Luthers Übersetzung einige theologische Aspekte des Luthertums angeschnitten. Beispielsweise wird in der dritten Strophe auf „die göttliche gnad vom hymel“ verwiesen, was auch in Luthers Grundsatz sola gratia zum Ausdruck kam. Als Luther das Lied 1524 übersetzte, hatte sich noch keine vollständige lutherische Konfessionskultur gebildet. So wird auch noch auf „Sanct Johans“ verwiesen und das Lied ist stark auf Maria als Mutter Gottes zentriert; der Heiligenkult und die Marienverehrung sind beides Aspekte, die man heutzutage wohl eher mit dem Katholizismus verbinden würde. Überraschend ist dies allerdings nicht, weil sich erst im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts langsam eine konfessionelle Kultur herausbildete, die sich bei Lutheranern, Katholiken und Reformierten unterschied.

Stilistisch zeichnet sich Luther, der ein sehr feines Gefühl für Sprache besaß, auch als guter Übersetzer und Dichter aus. Die Reimform („schon…son“, „ding…gering“) hat das Lied einprägsam gemacht und die bereits bekannte Melodie für viele eingänglich. Gleichzeitig ist die Übersetzung in die Umgangssprache ein Indiz für die Wichtigkeit des Deutschen im Luthertum. Die Übersetzung der Bibel und die Durchführung von Kirchenritualen, beispielsweise Taufe und Kommunion, in der Umgangssprache waren Kernforderungen Luthers.

Daneben greift Luther in seiner Übersetzung auch beliebte religiöse Topoi auf, die natürlich oft im lateinischen Original bereits vorhanden sind und somit nicht unbedingt explizit lutherisch. Die weitstrahlende Sonne in der ersten Strophe zum Beispiel entwickelte sich zu einem wichtigen Symbol des Luthertums, wobei spätere Generationen von Theologen oft Luther selbst oder die Universität von Wittenberg als die hellstrahlende Sonne bezeichneten. Entgegensetzt war dem dann die Finsternis der katholischen Kirche.

Ein solches Lied konnte in vielen Situationen auch eine didaktische Funktion erfüllen. Die Nacherzählung von Aspekten der biblischen Weihnachtgeschichte, beispielsweise der unbefleckten Empfängnis („die keusche mutter“, „von gots wort sye man schwanger fand“, „reyne magd“), die Ankündigung durch die Engel („den Gabriel verhyeß zuuorn“) oder die Himmlischen Heerscharen („die engel syngen Got lob“) waren wichtige Aspekte des christlichen Selbstverständnisses, die natürlich auch in Predigten und Katechesen aufgenommen werden konnten. So wurde der lutherischen Theologie auch in solchen Liedern Gehör verschafft. Wie üblich verwies das Lied in der letzten Strophe auf die Dreifaltigkeit und die Ewigkeit des göttlichen Reiches und damit letztendlich auch die göttliche Omnipotenz. Dies war offensichtlich für Luther wichtig, denn die letzte Strophe hat im lateinischen Original kein direktes Äquivalent.

Doch, und um zum Anfang zurückzukehren, das Lied, welches heute nur noch in einigen regionalen evangelischen Gesangbüchern abgedruckt ist, zeigt auch, wie einfach es ist, die heutige Form des Luthertums auf das sechzehnte Jahrhundert zu projizieren. Denn während heute Vom Himmel hoch, da komm ich her als das lutherische Weihnachtslied par excellence gesehen wird, waren die Dinge im sechzehnten Jahrhundert nicht so eindeutig. Christum wir sollen loben schon fand sich in einem der frühesten lutherischen Liederbücher, dem Erfurter Enchiridion (1524) und erfreute sich großer Beliebtheit. Das Lied war so beliebt, dass es sogar in katholischen Gesangbüchern des sechzehnten Jahrhunderts abgedruckt wurde. Heute allerdings ist es nur noch Kennerinnen und Kennern bekannt. Es ist irreführend anzunehmen, dass, nur weil Elemente der lutherischen Konfessionskultur wie das Lied vom Himmel hoch, da komm ich her heute so beliebt sind, dies bereits im sechzehnten Jahrhundert der Fall war.

Die Tendenz, die Vergangenheit durch eine teleologische Brille zu sehen, hat sich auch in der Lutherdekade, welche nun mit einer durchwachsenen Bilanz zu Ende gegangen ist (vgl. faz.net), gezeigt. So spielte das Jahr 1517 und der Thesenanschlag in der lutherischen Memorialkultur des sechzehnten Jahrhunderts lange nicht die Rolle, die diesem Ereignis in den Jubiläen, die seitdem gefeiert wurden, zugeschrieben wurde. Die Konstruktion des Thesenschlages als Schlüsselereignis der Reformation geht vielmehr auf spätere Autoren zurück, die die Reformation als Ereignisgeschichte anhand von einigen wichtigen performativen Akten erzählten: dem Thesenanschlag, dem öffentlichen Verbrennen der Bannandrohungsbulle in Wittenberg, dem heroischen Luther auf dem Reichstag von Augsburg und noch einigen weiteren, ähnlichen Ereignissen.

Schlussendlich lässt sich nur dafür plädieren, dass jede Zeit in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden muss und die eigenen Annahmen immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Ein angenehmes Nebenprodukt eines solchen Ansatzes ist es, dass man einem bisher unbekannte Schätze entdecken kann wie das schöne Weihnachtslied Christum wir sollen loben schon.

Martin Christ, Tübingen

Anarchie in der Backstube. Zu Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“

Eine Pdf-Datei mit dem Text lässt sich hier auf der Homepage von Rolf Zuckowski aufrufen, der Abdruck an anderer Stelle wird dort untersagt.

Neulich beim Adventssingen im Kindergarten wurde wieder einmal deutlich, dass Rolf Zuckowskis In der Weihnachtsbäckerei zurecht der Status eines ‚neuen Volksliedes‘ zuerkannt werden kann – so klassifiziert es jedenfalls der Wikipedia-Artikel, den es sogar eigens zu dem Lied gibt. Bei Schneeflöckchen, Weißröckchen, Lasst uns froh und munter sein und anderen bekannten Weihnachtsliedern sangen die Kinder schon auch eifrig mit, aber bei der Weihnachtsbäckerei war der Enthusiasmus wie schon im Vorjahr am größten und die Lautstärke am höchsten. Zudem fiel die allgemeine Textsicherheit hier besonders auf. Worin liegt der spezielle Reiz dieses Liedes?

Dass der Text durchgehend in Paarreimen verfasst ist, macht ihn schon einmal leicht einprägsam. Die ebenso eingängige wie schmissige Refrainmelodie lässt sich prima im Chor schmettern. Dabei kann man inmitten der fünf- und siebensilbigen Zeilen die – semantisch passend – längere, nämlich neunsilbige Zeile „eine riesengroße Kleckerei“ ausgiebig zelebrieren.

Der melodische und rhythmische Wechsel zu den Strophen ist so deutlich wie wirkungsvoll. Hier werden jeweils einzelne Arbeitsschritte des Plätzchenbackens besungen, angefangen bei der Rezeptsuche und dem Vorheizen des Ofens, über die Zusammenstellung und das Verrühren der Zutaten bis zum Kneten, Ausstechen und Backen. Die Strophen sind teilweise dialogisch und pointiert gestaltet, was durch die Stufung der Zeilenlänge mit zweimal acht, dann einmal fünf und schließlich zwei Silben unterstützt wird. Auf diese Weise kommt die Komik des Liedes besser zur Geltung – gerade im Zusammenhang mit den im Text belassenen Leerstellen oder den wenig explizierten Inhalten: So ist das Rezept nicht auffindbar, denn es gilt, „frei nach Schnauze [zu] backen“; das Ei kommt nicht vorbei, sondern es ist mit ihm „vorbei“, es geht also wohl einfach zu Bruch oder klatscht daneben; und die Finger sind offenbar schmutzig und nicht „rein“, was nicht einfach durch ein ‚Nein‘ als sich reimende Antwort auf die betreffende Frage deutlich wird, sondern aus der rüden Beschimpfung „Du Schwein!“ zu erschließen ist. Auch den Schlussgag hebt der Strophenbau günstig hervor, wenn die Plätzchen zu allem Überfluss am Ende misslingen:

Sind die Plätzchen, die wir stechen,
erstmal auf den Ofenblechen,
warten wir gespannt –
verbrannt.

Das Lied präsentiert das vorweihnachtliche Plätzchenbacken also als Klamauk voller Pannen und als wonnevolles Scheitern. Der Weg ist das Ziel, und vergnügliches Chaos wird einem guten Ergebnis vorgezogen. Die (kleinen) Bäcker sind frei von jeglicher Leistungsanforderung. Das Backen ist hier entlastenderweise keine Arbeit, sondern ein Spiel.

Nicht zu unterschätzen in ihrer Attraktivität für Kinder sind sicherlich die Übertretungen, die auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene begangen werden. Im Refrain ist gleich frech von „so manche[m] Knilch“ die Rede, was durch die Verwendung von „Schwein“  als Schimpfwort noch überboten wird. Identifiziert man sich mit der hier besungenen Art des Backens, mutiert man freilich selbst zu so einem ungehobelten Typ, der wenig filigran vorgeht („Kleckerei“), schnell auf Rezepte pfeift („frei nach Schnauze“), es auf allerlei süße Sachen abgesehen hat („Leckerei“; „Schokolade, / Zucker, Honig und Sukkade [d. i. Zitronat, Anm. DD-R] / […] Zimt“), vom Teig nascht und am Ende noch nicht einmal ordentliche Plätzchen zustande bringt, weil das für ihn auch gar nicht die Hauptsache ist. Kleckern, nicht klotzen!

Rolf Zuckowski datiert die Entstehung des Liedes auf die Weihnachtszeit 1986. Die Veröffentlichung erfolgte 1987 auf dem Album Winterkinder. Bei seinem letzten großen Showauftritt im Fernsehen 2012 stand In der Weihnachtsbäckerei selbstverständlich im Mittelpunkt. Im Zuge der Recherche bin ich schnell auf diverse Cover-Versionen gestoßen, vor allem auf solche, in denen  das Lied schlagerhaft zugerichtet wird. Albernheit und Schlager (zumindest in der seit einigen Jahrzehnten dominierenden Spielart) vertragen sich nicht. In Michelles braver Hausfrauen-Variation (2002) beispielsweise wird „Du Schwein!“ durch „Na fein.“ ersetzt. Vielleicht fürchteten die Verantwortlichen, dass die Kinder dem Zielpublikum andernfalls allzu aufmüpfig erschienen wären. Wolfgang „Wolle“ Petrys leicht rockig instrumentierte Interpretation (Album: Freude 2. Na Klar/Sony Music 2000) betont demgegenüber gerade den Effekt der verbalen Übertretung, allerdings indem der kunstvollere Reim „Leckerei“/„Kleckerei“ der Modifikation „Eine riesengroße Schweinerei“ geopfert wird. In Helene Fischers Version soll das Lied durch eine aufwendigere Instrumentierung und im Bemühen um kunstvolleren Gesang offenbar eine ästhetische Aufwertung erfahren, die allerdings zu dem kindlich-anarchischen Inhalt nicht recht passen mag und den fröhlichen (ohnehin eigentlich harmlosen) Ungehorsam unter Preisgabe jeglichen Witzes erledigt. Aus den Backstubenrebellen werden auf diese Weise putzig-ungeschickte liebe Kinderlein – zumal in der Aufführung in der Wiener Hofburg mit dem Royal Philharmonic Orchestra (sic!) (erfrischend einseitig die Besprechung des gesamten Schwulst- und Pathos-triefenden Konzerts auf laut.de).

Weitere Beispiele aus der Schlagerhölle erübrigen sich (es gäbe noch mehr!). Am besten sollten Erwachsene wohl die Finger von dem Lied lassen – und es auch nicht mit Kindern für erwachsenes (insbesondere betagteres) Fernsehshow-Publikum inszenieren (auch hierfür finden sich viele Exempel). Immerhin reizte Otto Waalkes unlängst in einer Videoversion für die Sendung mit der Maus das anarchische Potenzial des Liedes, etwa durch Textvariationen wie „Irgendwas mit Schokolade, / Leberwurst, Senf und Pomade“.

Eine wesentlich stärkere Bearbeitung erfuhr das Lied 2009 in einer Parodie für die im NDR ausgestrahlte Sketch-Comedy-Sendung Dennis und Jesko von Dennis Kaupp und Jesko Friedrich. Aus Rolf Zuckowski wird bei dieser dialogisch angelegten Version ein gewisser „Ralf Grabowski“, der kläglich daran scheitert, stereotyp dargestellte schwer erziehbare, betreuungs- und therapiebedürftige Jugendliche zu kindlich-heiterer Weihnachtsbäckerei zu ermuntern. Die Schmunzelfröhlichkeit, die dem Lied wohl vor allem aus den oben angedeuteten Aufführungsroutinen im Fernsehen und Schlagerkontext anhaftet, prallt hier an der harten Realität von jungen Menschen ab, die schon mit ganz anderen Verfehlungen und Problemen als Kinderulk in der Backstube aufgefallen sind und dem ganzen vorweihnachtlichen Treiben keinerlei Zauber oder Spaß abgewinnen können.

In der Weihnachtsbäckerei
gibt es manche Leckerei.
Wer zusammen backt,
der ist beknackt,
denn Kekse gibt‘s doch abgepackt

In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Während ich hier Plätzchen backe,
klau’n wir Geld aus deiner Jacke.
Wo ist denn mein Scheck?
Der ist weg.

Ja was wollt ihr denn mit dem Geld, Kinder? Vielleicht …

… ein Geschenk für Oma kaufen?
Nein wir gehen zum Komasaufen.
Wo ist denn der Tim?
Hier drin!

Der hier guckt ja gar nicht heiter.
Das ist mein Sozialarbeiter.
Da ist doch was faul.
Halt’s Maul!

Greif mal zu und zwar recht tüchtig.
Nein, ich bin doch magersüchtig.
Willst du wirklich nicht?
Aber ich!

In der Weihnachtsbäckerei
gibt’s so manche Schlägerei.
Ob Schlag, ob Tritt,
alle machen mit
und die Polizei ist auch dabei.
In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

 

Frohe Fracht aus Straßburg: Daniel Sudermanns Weihnachtslied „Es kommt ein Schiff geladen“ (1626)

Daniel Sudermann

Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff, geladen 
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig's Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein’ teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig’ Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß’ Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh’n,
ewig’s Leben zu erben,
wie an ihm ist gescheh’n.

     [Text nach lieder-archiv.de.]

Es kommt ein Schiff geladen ist ein in Deutschland weithin bekanntes Advents- und Weihnachtslied. Seine Ursprünge reichen, was den Text betrifft, bis ins späte Mittelalter zurück, die Melodie ist seit der frühen Neuzeit belegt. Während seiner langen und komplizierten, fachwissenschaftlich allerdings recht intensiv erforschten Überlieferungsgeschichte in katholischen bzw. evangelischen Liedersammlungen wurden Text und Melodie mehrfach verändert, wofür zumeist theologische bzw. (religions-)politische Gründe ausschlaggebend waren. Die Textfassung des uns bekannten Liedes geht auf eine Bearbeitung älterer, handschriftlich überlieferter Quellen durch Daniel Sudermann zurück, die dieser in seinem Gesangsbuch Etliche Hohe geistliche Gesänge (Straßburg 1626) zu Druck gebracht hat; nachfolgend Sudermanns Text, dem ein Motto vorangestellt ist, das die Textquelle dem Mystiker Johannes Tauler zuweist. Diese Zuordnung konnte meines Wissens bislang nicht bewiesen werden; allerdings ist die Quelle bekannt, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts datiert und höchstwahrscheinlich aus dem Besitz eines Straßburger Dominikanerinnenklosters stammt. Heute liegt diese Handschrift – wie zwei jüngere aus der gleichen Epoche – in der Staatsbibliothek Berlin (vgl. Burghart Wachinger in der 2. Aufl. des Verfasserlexikons, Band 2, 1980, Sp. 625-628).

Ein vuraltes Gesang /
So vnter des Herren Tauleri Schrifften funden /
etwas verständlicher gemacht: Im Thon /
Es wolt ein Jäger Jagen wol in deß Himmels Thron.

1.
Es kompt ein Schiff geladen
bis an sein höchste bort,
Es trägt Gottes Sohn vollr gnaden,
deß Vatters ewigs wort.

2.
Das Schiff geht still im triebe,
es tregt ein thewre Last;
Der Segel ist die Liebe,
der heylig Geist der Maßt.

3.
Der Ancker hafft auf Erden,
vnd das Schiff ist am Land:
Gotts Wort thut vns Fleisch werden,
der Sohn ist vns gesandt.

4.
Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
Gibt sich für vns verlohren:
gelobet muß es sein.

5.
Und wer diß Kind mit freuden
küssen, vmbfangen will,
Der muß vor mit jhm leiden
groß pein vnd marter vil,

6.
Darnach mit jhm auch sterben
vnd geistlich aufferstehen,
Ewigs leben zuerben,
wie an jhm ist geschehen.

[Daniel Sudermann: Etliche Hohe geistliche Gesänge. Straßburg 1626, 8. Blatt F. Zit. nach: Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts. Bd. 2. Leipzig 1867, S. 303 (Nr. 459). Zitiert nach liederlexikon.de.]

Sudermann (1650-1631) ist eine interessante, zwischen den Konfessionen stehende und wirkende Gelehrtenpersönlichkeit des Reformationszeitalters bzw. Frühbarock, die man gemeinhin dem ,mystischen Spiritualismus‘ zurechnet (vgl. den einschlägigen Artikel von Thomas Gandlau im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, Band 11, 1996, Sp. 166-169). Geboren und katholisch getauft in Lüttich, erfuhr der Sohn eines Malers und Goldschmieds in Aachen eine calvinistische Ausbildung. Die ersten Jahre seines Erwachsenenlebens arbeitete er als ,Hofmeister‘ (d.h. Erzieher) an diversen Adelshöfen in West- und Süddeutschland sowie in den Niederlanden. 1580 erlangte Sudermann eine kirchliche Anstellung in Lüttich, wenig später bei den evangelischen Domherren in Straßburg, wo er seine Erziehertätigkeit fortsetzen konnte. Nun blieb ihm neben dem Hauptberuf Muße für gelehrte und schriftstellerische Tätigkeiten.

Er sammelte, studierte und publizierte diverse religiöse Schriften wie Predigten, Gebetsliteratur und reformatorische Traktate, wobei seine besondere Zuneigung spiritualistischen Schriften galt. Nachdem er 1594 endlich die lange ersehnte Vikarsstelle besetzen durfte, bekannte er sich offen zur häretischen Lehre Kaspar Schwenckfelds (1490-1561), die in zentralen Punkten von Luthers Dogmen abweicht und starke mystische Züge aufweist. Im Spiritualismus scheint Sudermann eine Möglichkeit gesehen zu haben, die konfessionelle Spaltung des Christentums zu überwinden. Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens investierte er zu einem Teil in den Aufbau einer großen theologischen und literarischen Handschriftensammlung, der die moderne Forschung die Überlieferung vieler wertvoller spätmittelalterlicher Texte verdankt, zum anderen in die literarische Produktion, d.h. ins Dichten von Kirchenliedern, Bearbeiten und Publizieren überlieferter religiöser Schriften und in die Abfassung eigenständiger theologischer Abhandlungen.

Sudermanns Bearbeitung unseres Kirchenlieds gebührt nicht der Ruhm des ersten Drucks, denn bereits 1608 findet sich im – von einer Laien-Bruderschaft edierten – sog. Andernacher Gesangbuch eine Textvariante, die im Gegensatz zur Sudermannschen Fassung freilich eine katholische, ja ausgesprochen gegenreformatorische Handschrift aufweist, erkennbar an Versen, die Maria huldigen bzw. das „Schiff“ des Eingangsverses allegorisch auf die schwangere Gottesmutter beziehen (Abdruck dieser Textes bei Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder. 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder, 7. Aufl. 1992, S. 273 f.). Noch im 19. und 20. Jahrhundert werden sich Liedvarianten in evangelischen und katholischen Gesangbüchern durch die Existenz bzw. das Fehlen marianischer Passagen unterscheiden. Dem Weihnachtslied im Andernacher Gesangbuch ist eine lateinische Paraphrase beigegeben, die theologisch weitergehende Implikationen enthält und zudem den Gedanken nahelegt, dass das Lied auch im Lateinunterricht eingesetzt wurde.

Während wir heute – weitgehend – Sudermanns Text singen, folgen wir gleichzeitig der im Andernacher Gesangbuch angegebenen Melodie, die nach Christa Reichs einschlägiger Untersuchung (2002) „mit musikalischen Mitteln die himmlische und irdische Sphäre zu verbinden scheint. Jedenfalls ist sie kontrastierend angelegt: Auf dorisch folgt F-Dur, auf ein Dreier-Metrum ein Vierer-Metrum und schließlich auf einen eher tiefen Tonraum ein hoher.“ (Zitat nach Michael Fischers kompetenter Zusammenfassung der Forschungssitualtion im Historisch-kritischen Liederlexikon, 2005, S. 10.)

Im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert scheint dieses Weihnachtslied weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein, jedenfalls liegen uns keine Belege für neue interessante Bearbeitungen oder sonstige Rezeptionsdokumente vor. Über die Gründe kann man eigentlich nur spekulieren: Entsprach es stilistisch nicht mehr dem Geschmack der Aufklärung? Sind die mystischen Allegorien unverständlich geworden? Oder sind entsprechende Belege nur verloren gegangen? Wie auch immer diese Rezeptionspause zu erklären sein mag – in den 1840er Jahren wurde Es kommt ein Schiff geladen von Germanisten und Hymnologen (d.h. Kirchenlied-Forschern) wiederentdeckt und schließlich 1854 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wissenschaftlich ediert. Damit waren die entscheidenden Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung, ja Popularisierung des Liedes gegeben, deren einzelne Stationen Michael Fischer (s.o.) benennt. Bei der Rezeption in der ersten Hälfte des 20. Jhs. trat der – ohnehin nicht mehr leicht verständliche religiöse Sinn – nicht selten hinter reformpädagogische, ästhetische bzw. ideologische (national-politische) Zwecksetzungen zurück. Bei letzteren spielte die Herkunft des Liedes aus dem Elsass eine nicht unwichtige Rolle. Nach dem zweiten Weltkrieg tauchte Es kommt ein Schiff geladen vergleichsweise rasch in evangelischen Gesangsbüchern auf, deutlich später (Gotteslob, 1975) dann auch im katholischen Gottesdienst, wobei der evangelischen Fassung Sudermanns noch eine Marienlob-Strophe hinzugefügt wurde, obwohl diese nicht besonders gut zum Duktus des restlichen Textes passt.

Neben dem Abdruck des Liedes in zahlreichen Sammlungen von Weihnachtsliedern bzw. kirchlichen Gesangbüchern sprechen auch andere Dokumente für seine weite Verbreitung: Predigten, die daran anknüpfen und kreative Vergleiche anstellen (z.B. zum Lied der Seeräuber-Jenny von Brecht!), Parodien, Prüfungsaufgaben im Deutschunterricht, musikalische Bearbeitungen, journalistische Überlegungen zur Ladung des Schiffes (Opium fürs Volk?) usw. Die Fülle dieser Belege zur Popularität des Liedes mag angesichts seiner semantischen ,Sperrigkeit‘ für moderne Rezipienten ohne theologische oder kirchenhistorische Spezialbildung einigermaßen erstaunen. Vielleicht findet sich eine gewisse Erklärung für diese Diskrepanz in meinen eigenen Erfahrungen: Diesen zufolge wurden in evangelischen Advents-Gottesdiensten der 1960er Jahren stets nur die ersten drei Strophen gesungen, die durchaus im Wortsinne verstanden werden können, ohne dass man sich zwingend auf theologische Subtilitäten einlassen müsste, wie z.B. die Frage, ob die Schiffs-Allegorie nun auf die schwangere Gottesmutter, die Kirche oder die menschliche Seele hin auszulegen sei. (Für alle diese Annahmen könnten aus Bibel und Väterliteratur stützende Argumente angeführt werden.) Ferner war mir Es kommt ein Schiff geladen seinerzeit vor anderen Weihnachtsliedern auch deshalb lieb, weil es mit seinem getragenen Tempo und nur einem einzigen „b“ meinen bescheidenen Fertigkeiten auf der Blockflöte vergleichsweise wenig Widerstand entgegensetzte…

Damit komme ich abschließend noch kurz auf die Aussage unseres Liedes zu sprechen: Bereits im Schluss-Vers der dritten Strophe expliziert Sudermann den Sinn seiner Schiffsmetaphorik – es geht, wie man es sich wahrscheinlich auch schon gedacht hat, um die Ankunft des Heilands unter den Menschen. Die vierte Strophe referiert schlaglichtartig die bekannte Weihnachtsgeschichte und preist im Vorgriff das künftige Erlösungswerk des Christkinds. Die letzten beiden Strophen dürften moderne Zeitgenossen einigermaßen irritieren, wenn nicht gar durch die Prophezeiung von „Pein und Marter“ verstören, da diese kaum ahnen können, dass hier vom sog. mystischen Kuss die Rede ist, der Mensch und Gott vereint und den symbolischen Tod des mystischen Adepten erfordert, bevor dieser an sein seliges Ziel gelangen kann. Ein ausführlicheres Referat über zentrale Theoreme der Dominikanischen respektive Rheinischen Mystik von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse bis auf die sog. oberrheinischen ,Gottesfreunde‘ und Schwenckfeldianer kann im Rahmen dieses Beitrags nicht erfolgen; somit müssen wir uns hier wohl oder übel damit zufrieden geben, dieses Weihnachtslied, dessen Melodie uns vielleicht dennoch oder sogar deswegen erfreut, nur oberflächlich verstanden zu haben.

Hans-Peter Ecker, Bamberg