Anarchie in der Backstube. Zu Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“

Eine Pdf-Datei mit dem Text lässt sich hier auf der Homepage von Rolf Zuckowski aufrufen, der Abdruck an anderer Stelle wird dort untersagt.

Neulich beim Adventssingen im Kindergarten wurde wieder einmal deutlich, dass Rolf Zuckowskis In der Weihnachtsbäckerei zurecht der Status eines ‚neuen Volksliedes‘ zuerkannt werden kann – so klassifiziert es jedenfalls der Wikipedia-Artikel, den es sogar eigens zu dem Lied gibt. Bei Schneeflöckchen, Weißröckchen, Lasst uns froh und munter sein und anderen bekannten Weihnachtsliedern sangen die Kinder schon auch eifrig mit, aber bei der Weihnachtsbäckerei war der Enthusiasmus wie schon im Vorjahr am größten und die Lautstärke am höchsten. Zudem fiel die allgemeine Textsicherheit hier besonders auf. Worin liegt der spezielle Reiz dieses Liedes?

Dass der Text durchgehend in Paarreimen verfasst ist, macht ihn schon einmal leicht einprägsam. Die ebenso eingängige wie schmissige Refrainmelodie lässt sich prima im Chor schmettern. Dabei kann man inmitten der fünf- und siebensilbigen Zeilen die – semantisch passend – längere, nämlich neunsilbige Zeile „eine riesengroße Kleckerei“ ausgiebig zelebrieren.

Der melodische und rhythmische Wechsel zu den Strophen ist so deutlich wie wirkungsvoll. Hier werden jeweils einzelne Arbeitsschritte des Plätzchenbackens besungen, angefangen bei der Rezeptsuche und dem Vorheizen des Ofens, über die Zusammenstellung und das Verrühren der Zutaten bis zum Kneten, Ausstechen und Backen. Die Strophen sind teilweise dialogisch und pointiert gestaltet, was durch die Stufung der Zeilenlänge mit zweimal acht, dann einmal fünf und schließlich zwei Silben unterstützt wird. Auf diese Weise kommt die Komik des Liedes besser zur Geltung – gerade im Zusammenhang mit den im Text belassenen Leerstellen oder den wenig explizierten Inhalten: So ist das Rezept nicht auffindbar, denn es gilt, „frei nach Schnauze [zu] backen“; das Ei kommt nicht vorbei, sondern es ist mit ihm „vorbei“, es geht also wohl einfach zu Bruch oder klatscht daneben; und die Finger sind offenbar schmutzig und nicht „rein“, was nicht einfach durch ein ‚Nein‘ als sich reimende Antwort auf die betreffende Frage deutlich wird, sondern aus der rüden Beschimpfung „Du Schwein!“ zu erschließen ist. Auch den Schlussgag hebt der Strophenbau günstig hervor, wenn die Plätzchen zu allem Überfluss am Ende misslingen:

Sind die Plätzchen, die wir stechen,
erstmal auf den Ofenblechen,
warten wir gespannt –
verbrannt.

Das Lied präsentiert das vorweihnachtliche Plätzchenbacken also als Klamauk voller Pannen und als wonnevolles Scheitern. Der Weg ist das Ziel, und vergnügliches Chaos wird einem guten Ergebnis vorgezogen. Die (kleinen) Bäcker sind frei von jeglicher Leistungsanforderung. Das Backen ist hier entlastenderweise keine Arbeit, sondern ein Spiel.

Nicht zu unterschätzen in ihrer Attraktivität für Kinder sind sicherlich die Übertretungen, die auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene begangen werden. Im Refrain ist gleich frech von „so manche[m] Knilch“ die Rede, was durch die Verwendung von „Schwein“  als Schimpfwort noch überboten wird. Identifiziert man sich mit der hier besungenen Art des Backens, mutiert man freilich selbst zu so einem ungehobelten Typ, der wenig filigran vorgeht („Kleckerei“), schnell auf Rezepte pfeift („frei nach Schnauze“), es auf allerlei süße Sachen abgesehen hat („Leckerei“; „Schokolade, / Zucker, Honig und Sukkade [d. i. Zitronat, Anm. DD-R] / […] Zimt“), vom Teig nascht und am Ende noch nicht einmal ordentliche Plätzchen zustande bringt, weil das für ihn auch gar nicht die Hauptsache ist. Kleckern, nicht klotzen!

Rolf Zuckowski datiert die Entstehung des Liedes auf die Weihnachtszeit 1986. Die Veröffentlichung erfolgte 1987 auf dem Album Winterkinder. Bei seinem letzten großen Showauftritt im Fernsehen 2012 stand In der Weihnachtsbäckerei selbstverständlich im Mittelpunkt. Im Zuge der Recherche bin ich schnell auf diverse Cover-Versionen gestoßen, vor allem auf solche, in denen  das Lied schlagerhaft zugerichtet wird. Albernheit und Schlager (zumindest in der seit einigen Jahrzehnten dominierenden Spielart) vertragen sich nicht. In Michelles braver Hausfrauen-Variation (2002) beispielsweise wird „Du Schwein!“ durch „Na fein.“ ersetzt. Vielleicht fürchteten die Verantwortlichen, dass die Kinder dem Zielpublikum andernfalls allzu aufmüpfig erschienen wären. Wolfgang „Wolle“ Petrys leicht rockig instrumentierte Interpretation (Album: Freude 2. Na Klar/Sony Music 2000) betont demgegenüber gerade den Effekt der verbalen Übertretung, allerdings indem der kunstvollere Reim „Leckerei“/„Kleckerei“ der Modifikation „Eine riesengroße Schweinerei“ geopfert wird. In Helene Fischers Version soll das Lied durch eine aufwendigere Instrumentierung und im Bemühen um kunstvolleren Gesang offenbar eine ästhetische Aufwertung erfahren, die allerdings zu dem kindlich-anarchischen Inhalt nicht recht passen mag und den fröhlichen (ohnehin eigentlich harmlosen) Ungehorsam unter Preisgabe jeglichen Witzes erledigt. Aus den Backstubenrebellen werden auf diese Weise putzig-ungeschickte liebe Kinderlein – zumal in der Aufführung in der Wiener Hofburg mit dem Royal Philharmonic Orchestra (sic!) (erfrischend einseitig die Besprechung des gesamten Schwulst- und Pathos-triefenden Konzerts auf laut.de).

Weitere Beispiele aus der Schlagerhölle erübrigen sich (es gäbe noch mehr!). Am besten sollten Erwachsene wohl die Finger von dem Lied lassen – und es auch nicht mit Kindern für erwachsenes (insbesondere betagteres) Fernsehshow-Publikum inszenieren (auch hierfür finden sich viele Exempel). Immerhin reizte Otto Waalkes unlängst in einer Videoversion für die Sendung mit der Maus das anarchische Potenzial des Liedes, etwa durch Textvariationen wie „Irgendwas mit Schokolade, / Leberwurst, Senf und Pomade“.

Eine wesentlich stärkere Bearbeitung erfuhr das Lied 2009 in einer Parodie für die im NDR ausgestrahlte Sketch-Comedy-Sendung Dennis und Jesko von Dennis Kaupp und Jesko Friedrich. Aus Rolf Zuckowski wird bei dieser dialogisch angelegten Version ein gewisser „Ralf Grabowski“, der kläglich daran scheitert, stereotyp dargestellte schwer erziehbare, betreuungs- und therapiebedürftige Jugendliche zu kindlich-heiterer Weihnachtsbäckerei zu ermuntern. Die Schmunzelfröhlichkeit, die dem Lied wohl vor allem aus den oben angedeuteten Aufführungsroutinen im Fernsehen und Schlagerkontext anhaftet, prallt hier an der harten Realität von jungen Menschen ab, die schon mit ganz anderen Verfehlungen und Problemen als Kinderulk in der Backstube aufgefallen sind und dem ganzen vorweihnachtlichen Treiben keinerlei Zauber oder Spaß abgewinnen können.

In der Weihnachtsbäckerei
gibt es manche Leckerei.
Wer zusammen backt,
der ist beknackt,
denn Kekse gibt‘s doch abgepackt

In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Während ich hier Plätzchen backe,
klau’n wir Geld aus deiner Jacke.
Wo ist denn mein Scheck?
Der ist weg.

Ja was wollt ihr denn mit dem Geld, Kinder? Vielleicht …

… ein Geschenk für Oma kaufen?
Nein wir gehen zum Komasaufen.
Wo ist denn der Tim?
Hier drin!

Der hier guckt ja gar nicht heiter.
Das ist mein Sozialarbeiter.
Da ist doch was faul.
Halt’s Maul!

Greif mal zu und zwar recht tüchtig.
Nein, ich bin doch magersüchtig.
Willst du wirklich nicht?
Aber ich!

In der Weihnachtsbäckerei
gibt’s so manche Schlägerei.
Ob Schlag, ob Tritt,
alle machen mit
und die Polizei ist auch dabei.
In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

 

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Frohe Fracht aus Straßburg: Daniel Sudermanns Weihnachtslied „Es kommt ein Schiff geladen“ (1626)

Daniel Sudermann

Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff, geladen 
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig's Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein’ teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig’ Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß’ Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh’n,
ewig’s Leben zu erben,
wie an ihm ist gescheh’n.

     [Text nach lieder-archiv.de.]

Es kommt ein Schiff geladen ist ein in Deutschland weithin bekanntes Advents- und Weihnachtslied. Seine Ursprünge reichen, was den Text betrifft, bis ins späte Mittelalter zurück, die Melodie ist seit der frühen Neuzeit belegt. Während seiner langen und komplizierten, fachwissenschaftlich allerdings recht intensiv erforschten Überlieferungsgeschichte in katholischen bzw. evangelischen Liedersammlungen wurden Text und Melodie mehrfach verändert, wofür zumeist theologische bzw. (religions-)politische Gründe ausschlaggebend waren. Die Textfassung des uns bekannten Liedes geht auf eine Bearbeitung älterer, handschriftlich überlieferter Quellen durch Daniel Sudermann zurück, die dieser in seinem Gesangsbuch Etliche Hohe geistliche Gesänge (Straßburg 1626) zu Druck gebracht hat; nachfolgend Sudermanns Text, dem ein Motto vorangestellt ist, das die Textquelle dem Mystiker Johannes Tauler zuweist. Diese Zuordnung konnte meines Wissens bislang nicht bewiesen werden; allerdings ist die Quelle bekannt, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts datiert und höchstwahrscheinlich aus dem Besitz eines Straßburger Dominikanerinnenklosters stammt. Heute liegt diese Handschrift – wie zwei jüngere aus der gleichen Epoche – in der Staatsbibliothek Berlin (vgl. Burghart Wachinger in der 2. Aufl. des Verfasserlexikons, Band 2, 1980, Sp. 625-628).

Ein vuraltes Gesang /
So vnter des Herren Tauleri Schrifften funden /
etwas verständlicher gemacht: Im Thon /
Es wolt ein Jäger Jagen wol in deß Himmels Thron.

1.
Es kompt ein Schiff geladen
bis an sein höchste bort,
Es trägt Gottes Sohn vollr gnaden,
deß Vatters ewigs wort.

2.
Das Schiff geht still im triebe,
es tregt ein thewre Last;
Der Segel ist die Liebe,
der heylig Geist der Maßt.

3.
Der Ancker hafft auf Erden,
vnd das Schiff ist am Land:
Gotts Wort thut vns Fleisch werden,
der Sohn ist vns gesandt.

4.
Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
Gibt sich für vns verlohren:
gelobet muß es sein.

5.
Und wer diß Kind mit freuden
küssen, vmbfangen will,
Der muß vor mit jhm leiden
groß pein vnd marter vil,

6.
Darnach mit jhm auch sterben
vnd geistlich aufferstehen,
Ewigs leben zuerben,
wie an jhm ist geschehen.

[Daniel Sudermann: Etliche Hohe geistliche Gesänge. Straßburg 1626, 8. Blatt F. Zit. nach: Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts. Bd. 2. Leipzig 1867, S. 303 (Nr. 459). Zitiert nach liederlexikon.de.]

Sudermann (1650-1631) ist eine interessante, zwischen den Konfessionen stehende und wirkende Gelehrtenpersönlichkeit des Reformationszeitalters bzw. Frühbarock, die man gemeinhin dem ,mystischen Spiritualismus‘ zurechnet (vgl. den einschlägigen Artikel von Thomas Gandlau im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, Band 11, 1996, Sp. 166-169). Geboren und katholisch getauft in Lüttich, erfuhr der Sohn eines Malers und Goldschmieds in Aachen eine calvinistische Ausbildung. Die ersten Jahre seines Erwachsenenlebens arbeitete er als ,Hofmeister‘ (d.h. Erzieher) an diversen Adelshöfen in West- und Süddeutschland sowie in den Niederlanden. 1580 erlangte Sudermann eine kirchliche Anstellung in Lüttich, wenig später bei den evangelischen Domherren in Straßburg, wo er seine Erziehertätigkeit fortsetzen konnte. Nun blieb ihm neben dem Hauptberuf Muße für gelehrte und schriftstellerische Tätigkeiten.

Er sammelte, studierte und publizierte diverse religiöse Schriften wie Predigten, Gebetsliteratur und reformatorische Traktate, wobei seine besondere Zuneigung spiritualistischen Schriften galt. Nachdem er 1594 endlich die lange ersehnte Vikarsstelle besetzen durfte, bekannte er sich offen zur häretischen Lehre Kaspar Schwenckfelds (1490-1561), die in zentralen Punkten von Luthers Dogmen abweicht und starke mystische Züge aufweist. Im Spiritualismus scheint Sudermann eine Möglichkeit gesehen zu haben, die konfessionelle Spaltung des Christentums zu überwinden. Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens investierte er zu einem Teil in den Aufbau einer großen theologischen und literarischen Handschriftensammlung, der die moderne Forschung die Überlieferung vieler wertvoller spätmittelalterlicher Texte verdankt, zum anderen in die literarische Produktion, d.h. ins Dichten von Kirchenliedern, Bearbeiten und Publizieren überlieferter religiöser Schriften und in die Abfassung eigenständiger theologischer Abhandlungen.

Sudermanns Bearbeitung unseres Kirchenlieds gebührt nicht der Ruhm des ersten Drucks, denn bereits 1608 findet sich im – von einer Laien-Bruderschaft edierten – sog. Andernacher Gesangbuch eine Textvariante, die im Gegensatz zur Sudermannschen Fassung freilich eine katholische, ja ausgesprochen gegenreformatorische Handschrift aufweist, erkennbar an Versen, die Maria huldigen bzw. das „Schiff“ des Eingangsverses allegorisch auf die schwangere Gottesmutter beziehen (Abdruck dieser Textes bei Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder. 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder, 7. Aufl. 1992, S. 273 f.). Noch im 19. und 20. Jahrhundert werden sich Liedvarianten in evangelischen und katholischen Gesangbüchern durch die Existenz bzw. das Fehlen marianischer Passagen unterscheiden. Dem Weihnachtslied im Andernacher Gesangbuch ist eine lateinische Paraphrase beigegeben, die theologisch weitergehende Implikationen enthält und zudem den Gedanken nahelegt, dass das Lied auch im Lateinunterricht eingesetzt wurde.

Während wir heute – weitgehend – Sudermanns Text singen, folgen wir gleichzeitig der im Andernacher Gesangbuch angegebenen Melodie, die nach Christa Reichs einschlägiger Untersuchung (2002) „mit musikalischen Mitteln die himmlische und irdische Sphäre zu verbinden scheint. Jedenfalls ist sie kontrastierend angelegt: Auf dorisch folgt F-Dur, auf ein Dreier-Metrum ein Vierer-Metrum und schließlich auf einen eher tiefen Tonraum ein hoher.“ (Zitat nach Michael Fischers kompetenter Zusammenfassung der Forschungssitualtion im Historisch-kritischen Liederlexikon, 2005, S. 10.)

Im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert scheint dieses Weihnachtslied weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein, jedenfalls liegen uns keine Belege für neue interessante Bearbeitungen oder sonstige Rezeptionsdokumente vor. Über die Gründe kann man eigentlich nur spekulieren: Entsprach es stilistisch nicht mehr dem Geschmack der Aufklärung? Sind die mystischen Allegorien unverständlich geworden? Oder sind entsprechende Belege nur verloren gegangen? Wie auch immer diese Rezeptionspause zu erklären sein mag – in den 1840er Jahren wurde Es kommt ein Schiff geladen von Germanisten und Hymnologen (d.h. Kirchenlied-Forschern) wiederentdeckt und schließlich 1854 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wissenschaftlich ediert. Damit waren die entscheidenden Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung, ja Popularisierung des Liedes gegeben, deren einzelne Stationen Michael Fischer (s.o.) benennt. Bei der Rezeption in der ersten Hälfte des 20. Jhs. trat der – ohnehin nicht mehr leicht verständliche religiöse Sinn – nicht selten hinter reformpädagogische, ästhetische bzw. ideologische (national-politische) Zwecksetzungen zurück. Bei letzteren spielte die Herkunft des Liedes aus dem Elsass eine nicht unwichtige Rolle. Nach dem zweiten Weltkrieg tauchte Es kommt ein Schiff geladen vergleichsweise rasch in evangelischen Gesangsbüchern auf, deutlich später (Gotteslob, 1975) dann auch im katholischen Gottesdienst, wobei der evangelischen Fassung Sudermanns noch eine Marienlob-Strophe hinzugefügt wurde, obwohl diese nicht besonders gut zum Duktus des restlichen Textes passt.

Neben dem Abdruck des Liedes in zahlreichen Sammlungen von Weihnachtsliedern bzw. kirchlichen Gesangbüchern sprechen auch andere Dokumente für seine weite Verbreitung: Predigten, die daran anknüpfen und kreative Vergleiche anstellen (z.B. zum Lied der Seeräuber-Jenny von Brecht!), Parodien, Prüfungsaufgaben im Deutschunterricht, musikalische Bearbeitungen, journalistische Überlegungen zur Ladung des Schiffes (Opium fürs Volk?) usw. Die Fülle dieser Belege zur Popularität des Liedes mag angesichts seiner semantischen ,Sperrigkeit‘ für moderne Rezipienten ohne theologische oder kirchenhistorische Spezialbildung einigermaßen erstaunen. Vielleicht findet sich eine gewisse Erklärung für diese Diskrepanz in meinen eigenen Erfahrungen: Diesen zufolge wurden in evangelischen Advents-Gottesdiensten der 1960er Jahren stets nur die ersten drei Strophen gesungen, die durchaus im Wortsinne verstanden werden können, ohne dass man sich zwingend auf theologische Subtilitäten einlassen müsste, wie z.B. die Frage, ob die Schiffs-Allegorie nun auf die schwangere Gottesmutter, die Kirche oder die menschliche Seele hin auszulegen sei. (Für alle diese Annahmen könnten aus Bibel und Väterliteratur stützende Argumente angeführt werden.) Ferner war mir Es kommt ein Schiff geladen seinerzeit vor anderen Weihnachtsliedern auch deshalb lieb, weil es mit seinem getragenen Tempo und nur einem einzigen „b“ meinen bescheidenen Fertigkeiten auf der Blockflöte vergleichsweise wenig Widerstand entgegensetzte…

Damit komme ich abschließend noch kurz auf die Aussage unseres Liedes zu sprechen: Bereits im Schluss-Vers der dritten Strophe expliziert Sudermann den Sinn seiner Schiffsmetaphorik – es geht, wie man es sich wahrscheinlich auch schon gedacht hat, um die Ankunft des Heilands unter den Menschen. Die vierte Strophe referiert schlaglichtartig die bekannte Weihnachtsgeschichte und preist im Vorgriff das künftige Erlösungswerk des Christkinds. Die letzten beiden Strophen dürften moderne Zeitgenossen einigermaßen irritieren, wenn nicht gar durch die Prophezeiung von „Pein und Marter“ verstören, da diese kaum ahnen können, dass hier vom sog. mystischen Kuss die Rede ist, der Mensch und Gott vereint und den symbolischen Tod des mystischen Adepten erfordert, bevor dieser an sein seliges Ziel gelangen kann. Ein ausführlicheres Referat über zentrale Theoreme der Dominikanischen respektive Rheinischen Mystik von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse bis auf die sog. oberrheinischen ,Gottesfreunde‘ und Schwenckfeldianer kann im Rahmen dieses Beitrags nicht erfolgen; somit müssen wir uns hier wohl oder übel damit zufrieden geben, dieses Weihnachtslied, dessen Melodie uns vielleicht dennoch oder sogar deswegen erfreut, nur oberflächlich verstanden zu haben.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Friede auf Erden. Liederjan: „Ein kleiner Frieden mitten im Krieg“

Liederjan_Ein kleiner Frieden mitten im Krieg

Liederjan

Ein kleiner Frieden mitten im Krieg

Der Kaiser unterschrieb die Kriegserklärung,
für Tausende aber den Totenschein.
Er sagte: „Ehe die Blätter fallen,
werdet ihr wieder zu Hause sein“.
Doch der Krieg, der hatte sich fest gebissen,
kilometerweit in die Erde gegraben.
Granaten taten ihr dreckiges Werk,
und Soldaten froren und starben.
Doch am vierundzwanzigsten zwölften
sollte alles anders sein:
Eine sonderbare Stimmung
ergriff die verfeindeten Reih’n.

Die Waffen schwiegen im Niemandsland,
und es klang für alle gut:
Comrades, Camerades, Kameraden,
We not shoot, you not shoot!

Es wurden Weihnachtslieder gesungen,
ein bisschen war es wie zu Haus.
Ein paar Witze wurden rüber gerufen,
hier und da gab es fürs Singen Applaus.
Es wurden Kerzen aufgestellt
hüben wie drüben am Grabenrand.
Konnte man den anderen trauen,
war das alles viel zu riskant?
Schließlich wagte sich der erste Mann
aus dem schützenden Unterstand.
Dann kam einer von der anderen Seite
Und man reichte sich die Hand.

Die Waffen schwiegen […]

Nun dauerte es nicht mehr lange
und tausende verließen die Gräben.
Sie scherzten und lachten hin und her
und freuten sich am Leben.
Sie tauschten Tabak, Schokolade und Bier
und zeigten sich Fotos von Frau und Kind,
sie spielten Fußball und es war klar,
dass die Andren so anders nicht sind.
Doch schon bald war die gute Zeit vorbei,
wieder schoss man von beiden Seiten.
Doch es blieb eine Ahnung von Brüderlichkeit,
von friedlichen, besseren Zeiten.

Dann schweigen die Waffen im Niemandsland
und es klingt für alle gut:
Comrades, camarades, Kameraden!
We not shoot – you not shoot!

     [Liederjan: 40 Jahre - sowieso. 2015.]

Über den Frieden gibt es viele Songs, meistens verbunden mit dem Wunsch nach Frieden: Give peace a chance (John Lennon), Gebt uns endlich Frieden (Georg Danzer, Frieden), Wann ist Frieden, endlich Frieden (Reinhard Mey, Frieden). Zufrieden ist man schon mit einem kleinen Frieden (Rolf Zuckowski), einem einfachen (Gisela Steineckert) oder gar mit ein bisschen Frieden (Nicole). Einen kleinen Frieden besonderer Art, zu dem es tatsächlich mitten im Krieg 1914 kam, besingt Liederjan auf ihrer neuen CD.

Jörg Ermisch, vor 40 Jahren einer der Gründer der mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichneten Folkgruppe Liederjan hat – angeregt durch die Fernseh-Reihe 100 Jahre Erster Weltkrieg und durch das Buch des Journalisten Michael Jürgs Ein kleiner Frieden im Großen Krieg – den Text von Ein kleiner Frieden mitten im Krieg geschrieben. Darin hat er in komprimierter Form die Ereignisse an einigen Abschnitten der Westfront zusammengefasst, die als „Weihnachtsfrieden 1914“ in die Geschichte eingegangen sind. Die weihnachtlich anmutende Melodie – passend zum Text – hat die seit 2004 bei Liederjan hauptberuflich tätige Musikerin Hanne Balzer komponiert, früher mit der Tuba bei Lauter Blech (Bremen) und nun nebenberuflich bei Tuten und Blasen (Hamburg). Der Dritte im Bund ist der 2009 hinzugekommene Michael Lempelius, der wie Ermisch und Balzer eine Vielzahl von Instrumenten spielt, hier die Tin Whistle und die Mandola.

In den ersten Jahren interpretierte Liederjan bekannte Volkslieder und auch fast verschollene Lieder aus fünf Jahrhunderten, die die Gruppe im Deutschen Volksliederarchiv Freiburg fand (seit 1994 umbenannt in Zentrum für populäre Kultur und Musik). In den vergangenen Jahrzehnten kamen immer mehr eigene Texte und Kompositionen hinzu. Ihre neue CD (von bisher insgesamt 24) 40 Jahre – Sowieso mit der Nr. 4 Ein kleiner Frieden mitten im Krieg enthält fast nur eigene Lieder.

„Der Kaiser“ (Wilhelm II.) „unterschrieb die Kriegserklärung“ gegen Frankreich(am 3. August 1914) und, wie der Liedtext fortführt, damit „für Tausende de[n] Totenschein“. Tausende steht hier für die kaum fassbare Zahl von 300.000 toten deutschen Soldaten in den ersten fünf Monaten an der Westfront (zum Vergleich: so viel wie alle Einwohner von Münster oder Karlsruhe).

Einen Tag später waren deutsche Truppen völkerrechtswidrig in das neutrale Belgien einmarschiert, um wie 1871 schnell auf Paris „durchzustoßen“. Doch der erbitterte Widerstand der Belgier und Franzosen, zu denen noch seit dem Kriegseintritt Großbritanniens Mitte August die British Expeditionary Force stieß, brachten den von deutscher Seite als Bewegungskrieg geplanten Vormarsch bald zum Stehen. Nach den Schlachten an der Marne und Aisne kam es zum Stellungskrieg mit Schützengräben von der Nordseeküste bis an die Voralpen. Trotz heftiger Kämpfe gab es kaum einen Raumgewinn einer Seite – „Der Krieg, der hatte sich festgebissen.“

Spätestens Mitte Dezember wurde es den deutschen Soldaten klar, was sie von dem Versprechen Kaiser Wilhelms II. „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein“ zu halten hatten – im Lied poetisch umschrieben: „Ehe die Blätter fallen, werdet ihr wieder zu Hause sein.“ Bis dahin waren an der Westfront auf beiden Seiten bereits fast 800.000 Soldaten getötet worden, bedingt durch die Industrialisierung des Krieges: den Einsatz von Artilleriesalven und Schrapnellgranaten, Tanks, Maschinengewehren, Flammenwerfern und Spitterhandgranaten – „Die Granaten taten ihr dreckiges Werk.“

Seit Anfang Dezember kam es an ganzen Abschnitten der Front an manchen Tagen zu stundenlangen Regenfällen. Die durch Granaten entstandenen trichterartigen Löcher wurden ebenso schlammig wie die Schützengräben. So ließ bereits vor Weihnachten die Kampfintensität nach; die Soldaten auf beiden Seiten hatten zeitweise genug damit zu tun, das Wasser aus den Schützengräben zu schöpfen, sich zu entlausen und die Ratten zu bekämpfen. Als sich die Weihnachtstage näherten, flauten die wochenlang erbittert geführten Kämpfe als Folge der Regenfälle und der damit verbundenen Schlammmassen weiter ab. Beide Seiten besserten ihre auf Rufweite liegenden Schützengräben aus und an einigen Abschnitten der Front, hauptsächlich – so die britischen Quellen – auf rund 2/3 der von den Britischen Expeditionary Force gehaltenen 30 Meilen der Westfront (The Guardian, 24.12 01, „When Peace brokes out“ nach Tagebuchaufzeichnungen und Feldpostbriefen) kam es zu kurzen Feuerpausen. Und das, obwohl von den kriegsführenden Mächten der Appell von Papst Benedikt XV. Allerheiligen 1914, an Weihnachten die Waffen schweigen zu lassen, ignoriert wurde und von den Heeresleitungen sogar für etwaige Fraternisierungen Strafen angedroht wurden. Dass es trotzdem an einigen Stellen der Front zum „kleinen Weihnachtsfrieden“ kam, ging nicht von den Offizieren, sondern von sogenannten einfachen Soldaten aus.

Doch am vierungzwanzigsten zwölften
sollte alles anders sein:
Eine sonderbare Stimmung
ergriff die verfeindeten Reih’n.

Am 24.12. kam hinzu, dass beide Seiten kampfesmüde waren und die deutschen Soldaten lieber die Kerzen an den von der Generalität an die Front geschafften kleinen Weihnachtsbäume ansteckten und die britischen Soldaten ihren aus der Heimat gelieferten geliebten Plumpudding aßen. Und wie es im Lied weiter heißt: „Es wurden Weihnachtslieder gesungen, / ein bisschen war es wie zu Haus/ […] hier und da gab es fürs Singen Applaus“. Tatsächlich wird in Tagebüchern berichtet, dass als deutsche Soldaten Stille Nacht sangen, es von britischer Seite Beifallsrufe gab und als Antwort das alte britische Weihnachtslied O Come, Ye All Faithful gesungen wurde. Da viele Deutsche die Melodie aus den Weihnachtsgottesdiensten kannten, fielen sie ein: Herbei nun, ihr Gäub‘gen, wobei einige Katholiken auch den lateinischen Text Adeste fideles sangen. Hierzu passend hat Balzer die ersten Takte von Adeste fideles als Zwischenspiel zur Verbindung der einzelnen Strophen verwendet.

Danach wurden auf deutscher Seite einige Weihnachtsbäume auf die Brustwehr und auch – so zutreffend das Lied – „Kerzen aufgestellt / hüben wie drüben am Grabenrand“. In holprigem Englisch wurden Schilder gezeigt, auf denen zu lesen stand: „We not shoot, you not shoot“. Nach anderen Quellen wurde es gerufen (vgl. „und es klang gut: Comrades, Camerades, Kameraden“), worauf, von welcher Seite zuerst auch immer, Soldaten zunächst zögernd – „Konnte man den anderen trauen, / war das alles viel zu riskant?“ – aus ihren Schützengräben kamen, dann aufeinander zugingen und sich „Merry Christmas“ und „Frohe Weihnachten“ wünschten. „Sie scherzten und lachten hin und her / und freuten sich am Leben.“ Sie „zeigten sich Fotos von Frau und Kind,“ es wurden Fotos gemacht und es kam zu einem kleinen Tauschhandel: „Sie tauschten Tabak, Schokolade und Bier.“

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Deutsche und britische Soldaten fraternisieren im Niemandsland, Weihnachten 1914

Es sind dann auch Offiziere dazu gekommen, die für die Feiertage einen Waffenstillstand vereinbarten, um die im Niemandsland liegenden Toten zu beerdigen.

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Bergen der Toten am 1.Weihnachtstag 1914; Britische und deutsche Offiziere im Niemandsland beobachten das Bergen der Toten.

Während am größten Teil der Front weiter geschossen wurde, kam es an einigen Frontabschnitten zum Bergen und Begraben der Toten und zu einem gemeinsamen Totengedenken – nach englischen Quellen, auf die sich Jürgs bezieht, mit der Ansprache eines schottischen Kaplans und dem Rezitieren des 23. Psalms von einem deutschen Studenten: „Der Herr ist mein Hirte, mir soll nichts mangeln […] Du bereitest vor mir einen Tisch im angesichts meiner Feinde […] und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Nach anderen Quellen hielt ein sächsischer Kaplan die Predigt und ein Engländer sprach den Psalm „The Lord is my shepherd“. Diese belegten Totenfeiern sind örtlich nicht zuzuordnen; es dürften beide Versionen zutreffen, da es an verschiedenen Frontabschnitten zu gemeinsamen Totenfeiern kam, z.B. bei Diksmuide (nördlich von Ypern) und laut Jürgs „das wohl größte Joint Burial […] bei Fleurbaix“ (südöstlich von Armentières).

An verschiedenen Frontabschnitten ist es sogar, wie britische und deutsche Soldaten in Briefen berichten, zu Fußballspielen gekommen, z.B. bei Wulvergem und Frelinghien (Nähe Armentières). Mal wurde mit, mal ohne Schiedsrichter gespielt; häufig war es ein Gekicke, selten mit einem Lederball, in den meisten Fällen mit improvisierten Bällen, z.B. mit Dosen oder mit Draht umwickelten Strohkugeln oder kleinen Sandsäcken. Die Tore wurden durch Mützen und Pickelhauben dargestellt. In einigen Berichten siegten die Briten, in den anderen die Deutschen. Ein Engländer schrieb nach Hause, „the Fritzens beat the Tommies“, aber er sei nicht sicher, ob es daran gelegen habe, dass ein Deutscher den Schiedsrichter gemacht habe.

Jedoch kam es nicht darauf an zu gewinnen: „[S]ie spielten Fußball und es war klar, / dass die Andren so anders nicht sind.“

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Freitag, 25. Dezember 1914

Längst nicht überall wurde der ausgehandelte kurze Waffenstillstand eingehalten. The Guardian berichtet von einem britischen Soldaten der ins Niemandsland ging, um deutschen Soldaten Zigaretten anzubieten, da wurde er von einem deutschen Scharfschützen erschossen. Ein deutscher Offizier entschuldigte sich darauf bei den Briten.

Während belgische Soldaten mit derartigen temporären Verbrüderungen äußerst zurückhaltend waren, kam es vereinzelt auch an der deutsch-französischen Front zum Austausch von Geschenken und zu gemeinsamem Trinken von Wein und Bier. Die Teilnehmer des Weihnachtsfriedens wurden nicht disziplinarisch bestraft, jedoch wurden einige Gruppen versetzt oder von der Front vorübergehend abgezogen. Auf alliierter Seite wurde ein Befehl erlassen, nachdem für die nächsten Weihnachtstage jede Fraternisierung mit den Deutschen als Verrat bezeichnet und vor das Kriegsgericht kommen würde. Auf deutscher Seite lautete der Befehl: „Das Fraternisieren und überhaupt jede Annäherung an den Feind im Schützengraben ist verboten!“ Zugleich wurde mit dem Kriegsgericht gedroht.

Doch schon bald war die gute Zeit vorbei,
wieder schoss man von beiden Seiten.
Doch es blieb eine Ahnung von Brüderlichkeit,
von friedlichen, besseren Zeiten.

Und der Krieg nahm neue Formen an: Noch Weihnachten 1914 kam es erstmalig zu einem gleichzeitigen Angriff mit Schiffen und Flugzeugen; zerstört werden sollten die Zeppelinhallen in Cuxhaven, um so einem drohenden Luftangriff des Deutschen Kaiserreichs auf das Vereinigte Königreich zuvorzukommen. Ende April 1915 setzten die Deutschen erstmalig Giftgas ein; Gasangriffe der Alliierten folgten. Wer zuerst völkerrechtswidrige DumDum-Geschosse (Patronen mit abgefeilter Spitze) einsetzte, ist nicht eindeutig geklärt worden.

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Giftgaslager in einem belgischen Wald; Frontsektor nach einem Giftgasangriff

Noch im Dezember 1914 und Anfang Januar 1915 wurde in britischen überregionalen und lokalen Zeitungen auf der ersten Seite, häufig mit einem Foto, ausführlich über den Weihnachtsfrieden berichtet, u.a. mit der Schlagzeile „Ein Triumph der Menschlichkeit“. Nur wenige deutsche Zeitungen nahmen die Geschehnisse auf: Es gab nur kurze Meldungen, häufig auf den hinteren Seiten. Während in den britischen Kriegsberichten der diversen Einheiten längere Beschreibungen der Ereignisse zu finden sind, tauchen Informationen darüber in deutschen Berichten nur spärlich oder überhaupt nicht auf.

Waffenstillstände und kurzfristige Feuerpausen ohne Fraternisierungen gab es Weihnachten 1914 an mehreren Abschnitten der Westfront. Im Flanders Field Museum in Ypern sind auf einer Karte zehn „Weihnachtsfrieden“ verzeichnet. Von der Nordseeküste (Nieuwpoort) bis zu den Ausläufern der Alpen (La Bassée) auf rund 110 km (insgesamt betrug die Frontlinie der Westfront rund 700 km), schwiegen abschnittsweise (insgesamt auf rund 50 km) die Waffen, von Diksmuide (rund 20 km vom Ärmelkanal) bis Ploegsteert (nördlich von Armentières), vom 24. bis 26. Dezember 1914, an wenigen Stellen bis Anfang Januar 1915. An den meisten Frontabschnitten gingen, ungeachtet des Weihnachtsfestes, die Kämpfe weiter.

Unklar ist, wie viele Soldaten an den Weihnachtsfrieden teilgenommen haben. Die vorwiegend von britischer Seite geschätzte Zahl von rund 100.000 dürfte weit übertrieben sein, denn dann hätten an den 10 belegten Frontabschnitten durchschnittlich 10.000 Soldaten teilnehmen müssen, was unwahrscheinlich ist. Sicherlich waren es einige Tausend bis Zehntausend, die den „kleinen Frieden“ erleben durften.

Bis zum Ende des Krieges gab es an allen Fronten über 10 Millionen tote Soldaten, davon mehr als 1,7 Mio Deutsche, 1,4 Mio Franzosen, 800. Tsd. Briten, 23 Mio Verwundete, 7 Mio Vermisste und rund 8 Mio tote Zivilisten (vgl. N24: Der Erste Weltkrieg, Sendung vom 5.12.2015). Angesichts dieser Opferzahlen erscheint „Ein kleiner Frieden mitten im Krieg“ Weihnachten 1914 wie ein Märchen. Als ‚eine sonderbare Stimmung die verfeindeten Reih’n ergriff und die Waffen im Niemandsland schwiegen‘.

Sir Arthur Conan Doyle (Schöpfer der Romanfigur Sherlock Holmes) nannte den Weihnachtsfrieden in einem 1915 veröffentlichten Buch „eine menschliche Episode inmitten all der Grausamkeiten des Kriege“, „einen Akt der Menschlichkeit in einem unmenschlichen Krieg“.

Georg Nagel, Hamburg

Quellen und weitere Medien:

Spielfilm Oh, what a lovely War. Produktion: Großbritannien (nach dem gleichnamigen Musical 1964), 1969 Regie: Richard Attenborough, Auszug (5 Min.).

BBC Dokumentation Peace in No Man’s Land, 1981, mit dem Begleitbuch des englischen Historikers Malcolm Brown We not shoot you not shoot nach der als Standarddarstellung angesehenen Studie Christmas Truce von Malcolm Brown und Shirley Seaton.

The Heritage oft the Great War, First World War 1914 -1918; Blog von Bob Ruggenberg seit 1994, letzte Eintragung 14. 11. 2015.

The Guardian Online, 24.12.2001, When Peace broke out.

Michael Jürgs, Der kleine Frieden im großen Krieg, Westfront 1914. Als Deutsche, Briten und Franzosen gemeinsam Weihnachten feierten. Bertelsmann, 2003, Merry Christmas: Der kleine Frieden mitten im Krieg, Goldmann, 2005.

Spielfilm Merry Christmas, 2005, frz., engl., dt., belg., rumän. Co-Produktion, Regie: Cristian Carion (nach seinem gleichnamigen Buch).

NDR Kultur, Interview mit Michael Jürgs vom 22.12.2014.

Deutsche Welle online, Bericht vom 24.12.2014, Birgit Görtz, Der Weihnachtsfrieden von 1914 ahlreiche Artikel online, speziell zu Weihnachten 2014, z. B. Spiegel, Stern, FAZ, Süddeutsche, Rheinzeitung.

Youtube: diverse Videos, Ausschnitte aus den Filmen, nachgestellte Videos, einzelne mit Originalfotos.

Grund zur Freude, mitten im Winter: „Leise rieselt der Schnee“ von Eduard Ebel (1895)

Leise rieselt der Schnee

Leise rieselt der Schnee,
Still und starr liegt der See,
Weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue Dich, Christkind kommt bald!

In den Herzen ist’s warm,
Still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
Freue Dich, Christkind kommt bald!

Bald ist heilige Nacht.
Chor der Engel erwacht.
Horch’ nur, wie lieblich es schallt:
Freue Dich, Christkind kommt bald!

Die ,technischen Daten‘ zu diesem beliebten Weihnachtslied lassen sich bei Wikipedia, teilweise auch im Lieder-Archiv nachlesen: Gedichtet wurde es von dem evangelischen Pfarrer bzw. Superintendenten Eduard Ebel (1831-1905), der es 1895 unter dem Titel Wintergruß in einem Lyrik-Band (Gesammelte Gedichte) veröffentlichte. Die Herkunft der Melodie ist wohl nach wie vor unsicher: Gelegentlich wird auch sie Ebel zugeschrieben, dann aber heißt es wieder, Ebel habe eine anonyme Volksweise aufgegriffen; auch Anleihen bei anderen Kompositionen werden in Fachkreisen erwogen und kontrovers diskutiert.

Ebel selber hat um sein Liedchen nicht viel Aufhebens gemacht; er betrachtete es als Kinderlied für die vorweihnachtliche Winterszeit. Inhaltlich ginge es darum, der Vorfreude auf das baldige Kommen des Christkinds Ausdruck zu verleihen. Auch die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-93) konnte ihm keine besonderen Reize abgewinnen; sie klassifizierte es in ihrem Buch der Weihnachtslieder (Mainz 1982) als ,mehr oder minder banales Potpourrilied‘ (vgl. Wikipedia). Möglicherweise haben Autor und Expertin unterschätzt, was sie da vor Augen und Ohren hatten.

So einfach und kindlich die Worte des Textes gesetzt sind, womit sie – nebenbei bemerkt – den sog. ,echten‘ Volksliedton ziemlich gut treffen, so klar und logisch strukturiert ist sein Aufbau. Die drei ersten Zeilen der ersten Strophe entwerfen ein winterliches Naturbild, das in seiner Reinheit, Stille und Festlichkeit („glänzet“) auf das Kommen des Heilands verweist und in die Aufforderung der vierten Zeile mündet, sich auf dieses nahe Ereignis zu freuen. Die Worte enthalten gehäuft sonorantische Konsonanten wie n, r, l oder Spiranten, die sämtlich den Vokalen nahestehen und angenehm mitklingen. Die zweite Strophe wendet den Blick von der äußeren Naturszenerie auf die innere Seelenlandschaft der Menschen, denen es „warm“ ums Herz ist, weil Kummer, Harm (= Gram) und Sorgen sie nicht mehr bedrängen. Auch dies ist Grund genug, sich aufs Christkind zu freuen. Die dritte Strophe erinnert an die heilsgeschichtliche Bedeutung des Weihnachtsfestes, an die Frohe Botschaft der Engel. Im Unterschied zur Betonung der stillen äußeren und inneren Welt in den ersten Strophen gibt es nun etwas zu hören, konkret: etwas ,Liebliches‘ vom Chor der Engel. Die vorgängige Stille ist natürlich Voraussetzung dafür, dass die Heilsbotschaft von den Menschen überhaupt vernommen wird. Wir memorieren, dass seinerzeit die Engel zu den Hirten auf dem Felde gesprochen haben, also zu den denkbar einfachsten Menschen: So hält es auch unser Kinderlied, das keine großen Worte macht und gerade deshalb unter die Haut geht.

Wie stimmig der Dichter seine Worte auch im Detail gesetzt hat, mag eine kleine Analyse der zweiten Strophe zeigen, die davon spricht, dass die Herzen der Menschen in dieser Zeit erwärmt sind, weil sie die bösen Sorgen verlassen haben. Zunächst verdient hier der Temperatur-Kontrast zur ersten Strophe eine Erörterung. Zur anfangs skizzierten Winterlandschaft der Natur bildet die Herzenswärme der Menschen einen gewissen Kontrast, aber – und das ist wichtig – keinen absoluten Gegensatz (also keine Kontradiktion). Mit Bedacht vermeidet der Verfasser in den ersten vier Zeilen des Gedichts das Adjektiv „kalt“, obwohl es als Reimwort hervorragend passen würde. Es kommt ihm aber gerade auf den Aspekt der Korrespondenz an, nicht auf eine Konstruktion von Gegensätzen. Der Feierlichkeit und Stille der äußeren Welt entspricht die gelassene (!) Ruhe der inneren; die seelischen Unruhestifter (Kummer, Harm, Sorgen) müssen von den Menschen nicht mit Energieaufwand verdrängt werden, weil nun einmal das Weihnachtsfest ansteht, – sie schweigen von selber still, als wüssten sie, dass nun alles gut werden wird. Die vierte Zeile dieser zweiten Strophe ist sicher an die Gesamtheit der Menschen adressiert, aber vielleicht doch auch wieder in besonderer Weise an die Kinder, die von Kummer, Harm und Sorgen vermutlich noch nicht allzu sehr geplagt werden. Aber diese Kinder haben ein feines Gespür für den Seelenzustand der ihnen nahen Erwachsenen, und dass aus deren Herzen die Sorgen gewichen sind, ist Grund genug zur (kindlichen) Freude auf den nahen Erlöser, der deshalb auch Heiland genannt wird, weil er die Welt heil macht.

Selbstverständlich ist es heute schwierig geworden, die im Lied geschilderten Szenarien in der Alltagswelt wiederzufinden. Im Zuge der Klimaerwärmung haben wir uns schon in weiten Teilen unseres Landes daran gewöhnt, permanent ,grüne Weihnachten‘ zu erleben. Andernorts „rieselt“ der Schnee nicht vom Himmel, sondern staubt aus Schneekanonen, um sich flugs in Pisten zu verwandeln. Auch unsere Seen liegen nur noch selten „still und starr“, schon gar nicht in der Nähe von Städten. Entweder frieren sie überhaupt nicht mehr zu oder sie sind von Schlittschuhläufern, Eisstock-Schützen und Hockey-Spielern bevölkert. Entsprechend störrisch sind unsere griesgrämigen Seelenbewohner, die nicht mehr zu wissen scheinen, dass ihnen für Dezember vom höchsten Hausherrn gekündigt ist und sie sich mit ihrem Gerümpel schleichen sollen. Sie pochen statt dessen auf ihren Mieterschutz und denken nicht daran auszuziehen. Und den Ruf der Engel an die Hirten vernehmen wir in der Regel allenfalls einmal ganz kurz am vierten Adventssonntag beim Krippenspiel. Beim Geschenke-Auspacken am 24. hat er keine Chance mehr, weil dann alle ,schreien vor Glück‘.

Leise rieselt der Schnee ist schon ein Lied für Kinder, kleine und große, mehr denn je.

P.S. Mir war Leise rieselt der Schnee in meiner Kindheit unter den Weihnachtsliedern immer besonders lieb, weil es sich dank weitgehend fehlender Vorzeichen (nur ein Kreuz hinter dem Notenschlüssel!) so leicht auf der Blockflöte spielen ließ.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Der Weihnachtsvogel. Zu „Wach Nachtigall, wach auf!“

Anonym

Wach Nachtigall, wach auf!

Wach Nachtigall, wach auf!
Wach auf, du schönes Vögelein
auf jenem grünen Zweigelein,
wach hurtig auf, wach auf.
Dem Kindelein
auserkoren,
heut geboren,
fast erfroren,
sing, sing, sing,
dem zarten Jesulein.

Flieg her zum Krippelein!
flieg her, geliebtes Schwesterlein,
blas an dem feinen Psalterlein,
sing, Nachtigall, gar fein.
Dem Kindelein
musiziere,
koloriere,
jubiliere,
sing, sing, sing
dem süßen Jesulein!

Stimm, Nachtigall, stimm an!
Den Takt gib mit den Federlein,
auch freudig schwing die Flügelein,
erstreck dein Hälselein!
Der Schöpfer dein
Mensch will werden
mit Geberden
hier auf Erden:
Sing, sing, sing
dem werten Jesulein!

 

Er steht nicht in der Bibel. Aber er kommt gleich drei Mal im evangelischen Gesangbuch vor. In Lied EG 110,4 steht er für die Tierwelt, die mit den Menschen zusammen Ostern feiert, in Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud vertritt er neben Taube und Lerche die Vogelwelt, die sich über den Sommer freut (EG 503,3), und für Luther ist er „der Musika ein Meisterin“, denn er „macht alles fröhlich überall mit [seinem] lieblichen Gesang“ (EG 319,2).

Wer einmal das Glück hat, ihn singen zu hören, weiß, dass er wirklich etwas Besonderes ist. Er trägt seinen Namen zu Recht, ist er doch der einzige Singvogel, der auch noch nach Sonnenuntergang singt („gellt“). Es gibt kaum einen deutschen Dichter, der ihn nicht besungen hätte, und alle Kulturen von Europa über Persien bis China haben ihn mit guten Vorbedeutungen ausgezeichnet: Sein Gesang soll Glück bringen und Schmerzen lindern, er gewährt einen sanften Tod, verspricht erfüllte Liebe, aber auch Trost im Leid. Das christliche Mittelalter hat ihn zum Symbol der Himmelssehnsucht gemacht und ihn deshalb gerne in Darstellungen des Paradieses und in Marienbilder gesetzt.

Spätestens jetzt wissen Sie es, liebe Leser, es geht um das Weihnachtslied von der Nachtigall. Dabei steht das Lied selbst nicht einmal im Gesangbuch. Und doch kennen es alle, die ich danach gefragt habe. Das ist in Bamberg kein Wunder, denn hier gehört das Lied zum Kulturerbe der Stadt: Degens Bamberger Gesangbuch von 1670 ist die einzige alte Quelle des Liedes, die wir heute noch besitzen. Niemand hat bisher herausgefunden, wer den Text geschrieben hat, auch von wem die Melodie ist, wissen wir nicht. Der Volksliedsammler Freiherr von Ditfurth hat die dreistrophige Fassung mit der heute gebräuchlichen Weise in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei Kurrendesängern im Maintal wiederentdeckt, sie aufgeschrieben und in seiner Sammlung Fränkische Volkslieder von 1855 veröffentlicht. Dort haben es vor etwa 100 Jahren die Herausgeber des evangelischen Quempasheft entdeckt. Mit dieser Sammlung ist das Bamberger Lied in ganz Deutschland bekannt und beliebt geworden, heute fehlt es in kaum einer Weihnachtsliedersammlung.

Zu meiner Überraschung steht es auch nicht im „alten“ katholischen Gotteslob. Aber wir erwarten ja das „neue“ Gotteslob zu Weihnachten und mit ihm im April 2014 einen neuen Bamberger Diözesananhang…

Was ist das Besondere an diesem Lied? Das eine ist sicher die fröhliche Melodie. Das andere hängt damit zusammen, dass das Lied aus der Zeit stammt, in der auch die St. Stephanskirche und die Martinskirche gebaut und die alten Bamberger Kirchen „barockisiert“ wurden.

So kunstvoll, aber auch so fröhlich verspielt wie die damals gebauten Orgelprospekte sind auch die ursprünglich sechs Strophen unseres Liedes. Das beginnt bei der Beobachtung, dass wir es mit einem „Figurengedicht“ zu tun haben, dessen Text also gleichzeitig ein Bild ist. Besonders häufig im Kirchenlied dieser Zeit waren die Form des Kreuzes oder wie in unserem Fall, des Abendmahlskelches, die wir sofort wiedererkennen, wenn wir die Liedstrophen einmal anders abdrucken, als wir es gewohnt sind.

Wach Nachtigall, wach auf!
Wach auf, du schönes Vögelein
auf jenem grünen Zweigelein,
wach hurtig auf, wach auf.
Dem Kindelein
auserkoren,
heut geboren,
fast erfroren,
sing, sing, sing,
dem zarten Jesulein.

Flieg her zum Krippelein!
flieg her, geliebtes Schwesterlein,
blas an dem feinen Psalterlein,
sing, Nachtigall, gar fein.
Dem Kindelein
musiziere,
koloriere,
jubiliere,
sing, sing, sing
dem süßen Jesulein!

Stimm, Nachtigall, stimm an!
Den Takt gib mit den Federlein,
auch freudig schwing die Flügelein,
erstreck dein Hälselein!
Der Schöpfer dein
Mensch will werden
mit Geberden
hier auf Erden:
Sing, sing, sing
dem werten Jesulein!

Erinnern die vielen Verkleinerungsformen nicht irgendwie auch an das zierliche Rankenwerk in unseren barocken Chorgestühlen? Die Fremdwörter in der zweiten Strophe und die immer neuen Bezeichnungen für das Jesulein in den jeweils letzten Zeilen, das alles sind Kennzeichen der Dichtkunst der Barockzeit, so wie die Blattgirlanden im Stuck der Kirchendecken zu den Kennzeichen der barocken Plastik gehören, die sich alle ähnlich sehen und doch immer wieder anders sind.

Ich verstehe durchaus, dass dies Lied nicht ins Gesangbuch aufgenommen wurde. Es drückt laienhafte Freude aus, hat keinen theologischen „Tiefgang“, wie er die Weihnachtslieder Luthers, Paul Gerhardts oder Jochen Kleppers auszeichnet. Seine theologische Aussage ist ganz einfach: „Der Schöpfer dein / Mensch will werden / […] hier auf Erden“. Aber ist das etwa Nichts? Und gerade weil das etwas ganz Großartiges ist, weckt der Dichter nun die Nachtigall, den einzigen Vogel, der bei Nacht singt und gleichzeitig den Vogel mit der schönsten Stimme von allen, um das neugeborene Jesuskind mit einem Lied zu begrüßen. Sicher kein Lied für den Gottesdienst, aber ein Lied das fröhlich macht. Probieren Sie es einmal aus: Dies Lied kann dunkle Stimmungen vertreiben und es nützt gegen den „Weihnachtsstress“!

Gesegnete Weihnachten wünscht

Ihr Andreas Wittenberg, Bamberg

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert: Martin Luthers „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“

Martin Luther
 
Mit Fried und Freud ich fahr dahin
 
1. Mit Fried und Freud ich fahr dahin
in Gotts Wille;
getrost ist mir mein Herz und Sinn,
sanft und stille,
wie Gott mir verheißen hat:
der Tod ist mein Schlaf worden.

2. Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn,
der treu Heiland,
den du mich, Herr, hast sehen lan
und g’macht bekannt,
dass er sei das Leben mein
und Heil in Not und Sterben.

3. Den hast du allen vorgestellt
mit groß’ Gnaden,
zu seinem Reich die ganze Welt
heißen laden
durch dein teuer heilsam Wort,
an allem Ort erschollen.

4. Er ist das Heil und selig Licht
für die Heiden,
zu ’rleuchten, die dich kennen nicht,
und zu weiden.
Er ist deins Volks Israel
Preis, Ehre, Freud und Wonne.
 
     [EG 519]

Die Titelzeile dieses Lutherlieds von 1524 handelt vom Sterben und will so gar keine Weihnachtsfreude ausstrahlen. Und es steht erst seit dem EKG, also dem Vorgänger unseres heutigen Gesangbuchs, auch in Bayern unter den Liedern zum Ende des Kirchenjahres und entspricht so unseren Vorstellungen von Liedern zum Toten- und Ewigkeitssonntag. Früher und vor allem zu Luthers Zeit stand es ganz woanders. Aber wo? Die beiden Bilder aus Gesangbüchern von 1533 und 1545 helfen Ihnen weiter:

Beschneidung_Klug_1533

Beschneidung_Babst_1545

Sie zeigen Jesus bei seinem ersten Besuch im Tempel und Marias „Reinigung“ nach der Geburt ihres ersten Kindes. Diese Anlässe des jüdischen Ritus haben die Christen noch zu Luthers Zeiten als Feiertage begangen und ihnen eine eigene Liedgruppe im Gesangbuch gegeben. Mit ihnen untrennbar verbunden ist eine ganz alte Hymne unserer Kirchen, das NUNC DIMITTIS. Der alte Simeon sprach dieses Dankgebet nach Luk 2, 29-32, als er erkannte, dass das Kind, das Maria und Joseph zur Beschneidung brachten, der verheißene Messias sei.

Und damit gibt es vier gute Gründe dafür, dass ich Ihnen dieses Lied nahelege. Es ist zunächst die direkte, reformatorische Übertragung eines Biblischen Textes, der die Weihnachtszeit beschließt, in ein Kirchenlied. Es erinnert uns sodann daran, dass Jesus Jude war, der die Rituale und Gebote seines Volkes einhielt. Und das ist ein Gedanke, den wir mit bedenken müssen, wenn in Deutschland über die „Körperverletzung“ durch die Beschneidung diskutiert wird. Es gibt drittens uns Bambergern die Möglichkeit, unseren Besuchern zu erklären, wer die beiden alten Leute in unserer Stephanskrippe sind (nämlich Simeon und Hanna) und was die beiden Tauben bei den Figuren bedeuten (Luk 2, 24). Den vierten, wichtigsten Grund finden Sie selbst heraus, wenn Sie Ihr Gesangbuch neben die Bibel legen und den Liedtext mit dem Gebet des Simeon vergleichen. Es ist alles da, was Lukas überliefert hat, aber Martin Luther hat dies Gebet in einer unglaublich gewaltigen Sprache erweitert und uns als Bekenntnislied in den Mund gelegt. Wir, Menschen des 21. Jahrhunderts, dürfen mit seinen Worten sagen: Der Tod wird mir nur ein Schlaf sein. Denn ich werde wieder aufwachen – und dann ist endlich alles gut. Und das alles, weil Jesus für uns Mensch geworden ist! Was für ein Weihnachtslied!

Andreas Wittenberg, Bamberg

Entstehung und Rezeption eines Weihnachtslieds. Zu „O du fröhliche“ von Johannes Daniel Falk

Johannes Daniel Falk 

O du fröhliche

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren. Christ ward geboren.
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden; Christ ist erstanden.
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ unser Meister, heiligt die Geister.
Freue, freue dich, o Christenheit!

Vor fast 200 Jahren (1816) dichtete Johannes Daniel Falk (1768–1826) das Lied O du fröhliche. Dem Text hatte er eine Melodie unterlegt, die Johann Gottfried Herder (1744–1803) von einer Italienreise mitbrachte und in seinen Stimmen der Völker in Liedern mit lateinischem Text bereits 1788 veröffentlicht hatte. Die Melodie von O Sanctissima, o piissima (O, du Heilige, Hochbenedeite) zur Verehrung  der – nach biblischem Verständnis – Jungfrau Maria soll einem sizilianisches Fischerlied entstammen, das später als Marienlied häufig auf marianischen Wallfahrten gesungen wurde.

Der aus Danzig stammende Falk, Privatgelehrter und Schriftsteller in Weimar, hatte nach der Besetzung Weimars durch die Franzosen und die späteren Befreiungskriege viel Not und Elend der Bevölkerung, vor allem der zahlreichen Waisenkinder, erlebt. Als Folge einer Typhusseuche starben 1813 vier der sieben Kinder Falks. Im selben Jahr gründete er mit anderen Honoratioren Weimars die „Gesellschaft der Freunde in der Not“. Er selbst nahm zusammen mit seiner Frau viele Kinder, die ihre Angehörigen im Krieg oder infolge des Krieges verloren hatten, in sein Haus auf oder brachte sie bei Handwerkerfamilien unter.

Später erwarb er ein verfallenes Haus, das er mit Hilfe befreundeter Handwerker und von ihm betreuter Jugendlicher neu aufbaute. Als gläubiger Christ sorgte Falk nicht nur für Essen, Trinken, Wohnung und Kleidung, sondern versuchte auch, den verwaisten Kindern und Jugendlichen das Christentum nahe zu bringen. Und für die drei bedeutenden christlichen Jahresfeste dichtete er das genannte Lied.

Einer seiner Mitarbeiter, Heinrich Holzschuher (1798–1847), dichtete zu jedem Vers noch zwei weitere. Von den so entstandenen drei Liedern setzte sich im 19. Jahrhundert nur O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit mit folgendem Text langsam durch:

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren:
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen:
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen Gott Ehre:
Freue, freue dich, o Christenheit!

In den jeweils letzen Zeilen fordert das Lied die Christen gleich doppelt auf, sich zu freuen über die Geburt Jesu Christi und darüber, dass er „erschienen [ist], uns zu versühnen“, zu versöhnen mit dem strafenden Gott des Alten Testaments. Daher nennt der Dichter die Weihnachtszeit Gnaden bringend. In der dritten Strophe jauchzen die „himmlische Heere“, und die Christen werden angeregt, sich der Bedeutung von Weihnachten bewusst zu werden und sich über die Geburt des Heilsbringers Jesus zu freuen.

Es ist davon auszugehen, dass das Lied als eines der populärsten Weihnachtslieder zu allen Zeiten in vorwiegend evangelischen Kirchen und Familien gesungen wurde, und es erfreut sich bis heute sich großer Beliebtheit. Die Rezeption in den Liederbüchern in den vergangenen Epochen sehr unterschiedlich.

Während in Deutschland im 19. Jahrhundert das Lied im Vergleich zu den kirchlichen Gesangbüchern nur in wenige weltliche Liederbücher Eingang fand, wurde es in der Schweiz sogar in Schulliederbüchern aufgenommen.

In der deutschen Jugendbewgung  war das Weihnachtslied nur in sehr wenigen Liederbüchern vertreten. Im  weit verbreiteten Zupfgeigenhansl (von 1908 bis 1927: 150 Auflagen mit über 800. Exemplaren),  war das Lied nicht zufinden – auch nicht in den erweiterten Ausgaben.

Bei den Nationalsozialisten dagegen stieß das Lied auf ein größeres Echo, davon zeugen etliche Liederbücher der NS-Organisationen. Auch die rassistisch und antisemitisch orientierten Gottgläubigen, die den Nazis huldigten,  nahmen das Lied in ihre Sammlung auf.

Noch während des Krieges tauchte das Lied im Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark auf (1944). Und in der BRD fand es nach wie vor Aufnahme in kirchliche Gesangbücher, jedoch als christliches Weihnachtslied selten in weltliche Liederbücher. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs in Leipzig (dem von allen Musik betreffenden Veröffentlichungen ein Pflichtexemplar zuzustellen ist)  finden sich nur wenige Liederbücher mit dem Lied; in den vergangenen 20 Jahren wird nicht ein entsprechendes Liederbuch ausgewiesen. In den frühen Nachkriegsjahren taucht O du fröhliche vereinzelt in Schul- oder Schulliederbüchern auf. Rechtzeitig zur Einführung der Bundeswehr im Jahr 1956 erscheint Die Fanfare – Volks- und Soldatenlieder, der 1989 das Gesang- und Gebetsbuch für katholische Soldaten in der Bundeswehr folgt. In Österreich gibt das Bundesministerium für Verteidigung das Österreichische Soldaten-Liederbuch heraus (1962).

Bereits in den späten 1940er und den 1950er Jahren erschienen in der DDR einige Liederbücher mit dem Weihnachtslied, so Ihr Kinderlein kommet und Unser Lied, unser Leben (beide 1947).

In der BRD beinhaltet das auflagenstärkste Liederbuch, die Mundorgel (bis Oktober 2013 über 11 Million Textauflage und  4 Million Auflage mit Text und Noten), die ja ursprünglich von Mitgliedern des CVJM (seit den 1970er Jahren „Christlicher Verein junger Menschen“ statt „Männer“) herausgegeben wurde, das Weihnachtslied nicht.

Dagegen ist das Lied in zahlreichen Partituren und auf Tonträgern vertreten. Das Deutsche Musikarchiv in Leipzig weist in seinem Katalog rund 2.800 aus.  Von Peter Alexander, Herman van Veen und Nana Mouskouri, der Kelly Family, Frank Schöbel, Christian Anders (in leicht verkitschter Interpretation) und Wolfgang Petry bis hin zur Gruppe Die Toten Hosen (als Die Roten Rosen) haben das Lied  in ihr Repertoire aufgenommen. Auch von zahlreichen Chören wurde  und wird es noch heute  gesungen, z. B. vom Tölzer Knabenchor oder von den Hamburger Alsterspatzen. Und Heintje und Heino haben es auf ihre Weise das Lied interpretiert.

Das Lied O du fröhliche ist in vielen Ländern bekannt und beliebt, so in Österreich und in der Schweiz, in England (Oh, how joyfully) Frankreich (O temps joyeux et heureux) und Schweden (O, du saliga, o, du heliga).

Das Lied, das vorwiegend an den Weihnachtstagen, manchmal auch in der Adventszeit gesungen wird, ist aber auch bereits vor Weihnachten in Kaufhäusern, Einkaufszentren und auf Weihnachtsmärkten  allerdings ohne Text  zu hören. Die eingängige Melodie soll dazu beitragen, die Besucher in Stimmung  zu bringen, womöglich noch mehr und/oder kostspieligere Waren als geplant zu kaufen. Diesem kommerzialisierten und konsumorientierten, das Weihnachtsfest entwürdigenden Rummel setzt Uwe Wandrey seine Fassung von O du fröhliche (aus: Stille Nacht allerseits! Ein garstiges Allerlei. Hg. v. Uwe Wandrey. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1975, Neuausgabe 1994) entgegen:

O du fröhliche, o, du selige,
dollarbringende Weihnachtszeit.
Geld ward geboren
Welt ging verloren
Verloren, verloren die Christenheit.

O du fröhliche, o, du selige
Dollarbringende Weihnachtszeit.
Geld ist erschienen, dass wir ihm dienen
Dienen, dienen der Marktfreiheit.

O du fröhliche, o, du selige
Dollarbringende Weihnachtszeit.
Re- und Aktionäre
Jauchzen die Ehre
Jauchzen dir, jauchzen dir, Christenheit.

Georg Nagel, Hamburg