Weihnachten ohne Christkind: Hans Baumanns „Hohe Nacht der klaren Sterne“

Hans Baumann

Hohe Nacht der klaren Sterne

1.
Hohe Nacht der klaren Sterne,
Die wie helle Zeichen steh'n
Über einer weiten Ferne
D'rüber uns're Herzen geh'n.

2.
Hohe Nacht mit großen Feuern,
Die auf allen Bergen sind,
Heut' muß sich die Erd' erneuern,
Wie ein junggeboren Kind!

3.
Mütter, euch sind alle Feuer,
Alle Sterne aufgestellt;
Mütter, tief in euren Herzen
Schlägt das Herz der weiten Welt!

 

Einführung 

Hohe Nacht der klaren Sterne wird von der Volkskundlerin und Germanistin Esther Gajek als das Stille Nacht, heilige Nacht der Nationalsozialisten bezeichnet. Text und Melodie wurden 1936 von  Hans Baumann (1914 – 1988) verfasst, der als Dichter von Es zittern die morschen Knochen bereits 1933 als Referent in die Reichsjugendführung aufgenommen wurde. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Lied Hohe Nacht 1936 in Wir zünden das Feuer als Bestandteil der umfangreichen Chorsammlung Den Müttern. Die Aufnahme 1938 in die Weihnachtsliedersammlung mit dem Titel „Hohe Nacht der klaren Sterne“ und in das „Liederbuch der NSDAP“ trugen ebenso zur Popularität des Liedes bei wie in den nächsten beiden Jahren viele Schul- und Weihnachtsliederbücher. Bald wurde es als Volkslied wahrgenommen. Durch die „Richtlinien für Weihnachtsfeiern“ der Hitlerjugend, des NS- Lehrerbunds, der SA und der SS gehörte es zum Kanon der NS-Weihnachtslieder.

Julfest als NS-Weihnachtskult

Da die Nationalsozialisten jede Art christlichen Brauchtums ablehnten, versuchten sie nach der Machtaneignung 1933, christliche Rituale durch neue Riten zu ersetzen. Anfangs gingen die Nazis zurückhaltend vor, und so wurde z.B. das Weihnachtsfest erst langsam umgedeutet. Man sprach nicht vom Christkind und Christfest, sondern von der deutschen Weihnacht und rückte den Geschenke bringenden Weihnachtsmann in den Mittelpunkt. Beibehalten wurden die Krippe, die sich in das zu Weihnachten feiernde „Fest der allgemeinen Mutterschaft“, der „Mutternacht“ einfügen ließ. „Zu diesem Zweck stiftete die NSDAP Weihnachten 1938 das Ehrenkreuz der deutschen Mutter (Mutterkreuz), das an kinderreiche Mütter ausschließlich mit Ariernachweisen verliehen wurde“ (vgl. DLF Kultur vom 14.12.2014: Stefanie Oswalt: Nazi-Propaganda Weihnachten unter dem Hakenkreuz).

Von dem aus der römischen Antike bekannte Brauch, im Mithras-Kult zur Wintersonnenwende den Sonnengott zu ehren, wurde das Schmücken eines Baumes übernommen. Dabei wurden Tannenzweige ins Haus gehängt, um bösen Geistern das Eindringen zu erschweren. Aus dem mittelalterlichen, am 24. Dezember mit Äpfeln und bunten Papierblüten geschmückten Paradeislbaum, hat sich der Weihnachtsbaum entwickelt (vgl. Wikipedia „Tannenbaum“ und „Christbaumschmuck“). Statt der etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblichen bunten, glänzenden Weihnachtskugeln wurden die Kugeln mit einem Hakenkreuz versehen; es gab sogar Kugeln mit dem Konterfei Hitlers.

Das Hakenkreuz am Weihnachtsbaum.

Der Führer als Weihnachtskugel.

[Fotos aus www.dorsten-transparent.de]

Weihnachten 1942 nannte die Zeitschrift „Reichsrundfunk“ (Nr. 19, 1942/43) das Lied Hohe Nacht der klaren Sterne  das „schönste Weihnachtslied aus unserer Zeit“ (vgl. Michael Fischer, Historisch-kritisches Liederlexikon, 2006, 2010). Die Lied- und Heimatforscher sind sich darüber einig, dass während des Zweiten Weltkriegs das „Weihenachtsfest“ weiterhin im Sinne der Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde (vgl. Frenz und Stegemann, Sperlich u.a.).  Sogenannte Weihnachtsringsendungen von Front zu Front, der Versand von Weihnachtskugeln mit dem Hakenkreuz und die speziellen Wehrmachtsliederbücher zur Weihnacht gehörten zu einem wesentlichen Bestandteil der Kriegs- und Nazipropaganda.

Das Hakenkreuz bestimmte die NS-Weihnacht.

 

 

 

 

 

 

 

Ab 1934 war an Weihnachtsbäumen das Hakenkreuz als Schmuck zugelassen.

 

 

 

 

 

 

 

[Fotos: www.dorsten-transparent.de]

Umdichtungen und Liedverbote

Aus dem ursprünglichen Schweizer Weihnachtslied, das auch als Sterndreherlied  bezeichnet wird (s. Bamberger Anthologie)

Es ist für uns eine Zeit angekommen, es ist für  uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ, der für uns, der für uns der für uns Mensch geworden ist.

machten die Nazis 1940

Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Freud.
Über’s schneebeglänzte Feld wandern wir durch die weite, weiße Welt.

Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt diese NS-Umdichtung ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222). So wie hier aus dem christlichen Lied ein Winterlied wurde, so wurden aus Es ist ein Ros entsprungen und Ihr Kinderlein kommet sogar NS-ideologisch besetzte Gesänge. Demnach sollte „in deutschen Landen der Glaube (an Reich und Führer) neu entfacht“ werden; die Kinder sollten nicht zur Krippe kommen, sondern „zur Weihnacht die uralte Mär vernehmen“, wobei „die blitzenden Lichtlein… auf uralte Zeiten zurückdeuten. Bewahrt bleiben (mögen) die Sitte der Ahnen …und deren Erbe …“.

Selbst das bekannteste deutsche Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht wurde 1942 umgedichtet: Aus dem „trauten hochheiligen Paar“ wurde nun der „strahlende Lichterbaum“ und “Christ, in deiner Geburt“ wurde zu „werdet Lichtsucher all!“ umgeschrieben“ (Helmut Frenz und Wolf Stegemann, www.dorsten-transparent.de).

Einige christliche Advents- und Weihnachtslieder wurden gänzlich verboten, so z.B. die Lieder Tochter Zion (allegorisch für Jerusalem) wegen der VerseSieh, dein König kommt zu dir, / ja, er kommt, der Friedefürst“ und  Zu Bethlehem geboren vor allem wegen der Anbetung des (Jesu-)-Kindeleins als „wahrer Gott“. Vergöttlicht werden sollte nur Hitler als Welterlöser, und anstelle des „ewgen Reichs“ sollte das „Dritte Reich“ im Vordergrund stehen.

Dagegen durfte Lied O, Tannenbaum mit kleinen Änderungen weiterhin gesungen werden. Aus den ‚grünen Blättern‘ wurden „treue  Blätter“ (1. Strophe), und der Vers „gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit“ (3. Strophe) wurde durch „gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit“ ersetzt.

Abgesehen von NS-inszenierten Weihnachtsfeiern, kirchlichen Julfesten der Deutschen Christen und ähnlicher nationalkirchlicher Bewegungen behielt jedoch ein großer Teil der Bevölkerung die christlichen Weihnachtsrituale bei und sang weiterhin christliche Advents- und Weihnachtslieder. Eine Ausnahme bildete Baumanns Hohe Nacht der klaren Sterne.

Interpretation

Hohe Nacht, klare Sterne, helle Zeichen, weite Ferne, große Feuer – Metaphern, wie wir sie aus Liedern der Jugendbewegung kennen. So wie manche Lieder der Bündischen Jugend von der Hitlerjugend und anderen NS-Organisationen adaptiert (um nicht zu sagen: geklaut) wurden, so erweist sich Baumann mit seinem Lied „als ein Brückenbauer aus der Jugendbewegung und dem Christentum in den Nationalsozialismus“ (Liederportal Bayern).

In den beiden ersten Strophen wird ein nächtliches Naturbild vorgestellt, das mit den „Herzen der Rezipienten in Zusammenhang gebracht wird“ Martin Fischer, a. a. O). Die „großen Feuer[] […] auf allen Bergen“ kennt man heute noch aus einigen Regionen Deutschlands (z.B. Lipper Land, Kasseler Gegend, Weserbergland), in denen vor Ostern Feuerräder von den Bergen bzw. Hügeln gerollt werden. Hier weisen die „großen Feuer“ auf die Sonnwendfeiern hin.

Durch den Vers „die Erd‘ muss sich erneuern“ wird vermittelt, dass der Nationalsozialismus unabdinglich etwas Neues schafft. Hier geht es nicht, wie in christlichen Liedern, um die Geburt des Jesuskindes, „wie ein junggeboren Kind“ soll ausdrücken: es geht dem Nationalsozialismus um etwas noch nie Dagewesenes. Zugleich leitet das „junggeboren Kind“ zu den „Müttern“ über, denen verheißungsvoll „alle Feuer, alle Sterne“ leuchten. Und in deren Herzen – wie es dem Mutterkult (s.o. auch Abschnitt Julfest) der Nazis entspricht – „das Herz der weiten Welt schlägt“.

Die folgende drastische Kritik stammt von der Dichterin und bekennenden Katholikin Claudia Sperlich: „Kurz, in diesem Machwerk wird mit künstlich-volkstümlichem Geschwurbel ein erhabenes und selbsterhebendes Gefühl beschworen, Naturverbundenheit, mystisches Gewaber und Mutterkult werden verwoben in einem den Verstand missachtenden und vernebelnden Lied“ (Hohe Nacht der morschen Knochen, 19. Dezember 2009).

Rezeption nach 1945

Auch nach 1945 blieb Hohe Nacht einige Jahre bei Weihnachtsfeiern beliebt. Sogar der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds hielt das antichristliche Lied (s. Abschnitt Interpretation) für unbedenklich und nahm es 1948 in das „Liederbuch für die schaffende Jugend“ (S. 93) auf.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs weist ab 1945 nur 2 Tonträger mit dem Lied aus. Da nicht alle Musikverlage ihrer Pflicht nachkommen (Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek 1969, Neufassung 2006), zwei Exemplare an das DMA zu liefern, kann man aber davon ausgehen, dass weitere Veröffentlichungen vorliegen. Nicht im Katalog zu finden sind z.B. die Weihnachtsalben 1969, 1971, 2003 und 2013 von Heino und viele bei YouTube angeführte Schallplatten und CDs, gesungen Chören und weniger bekannten Sängern. Dass Kleinverlage wie Wotan Records oder Black Records sich scheuen, ihre Rechtsrock-Versionen (z.B. Projekt Aaskreia, 2007 oder Darker Than, 2011) an das DMA zu senden, ist nachvollziehbar, da sie bei größerer Publizität wegen anderer Songs ein Verbot riskieren würden.

Vergleicht man die Anzahl der Tonträger mit den von 1948 bis 2007 mit dem Baumann-Lied erschienenen 28 Liederbüchern (vgl. online-Archiv deutscheslied.com), so kann man sagen: Die Buchverleger halten es für wahrscheinlich, dass Hohe Nacht weniger angehört als gesungen wird. Darauf deuten auch die Chor-Partituren des DMA-Katalogs hin.

Die Einschätzung von Michael Fischer (a.a.O.), wonach „das Lied in der Gegenwart entweder aus Unkenntnis (da es keine auf den ersten Blick als nationalsozialistisch erkennbaren Textstellen enthält) oder bewusst vornehmlich in rechtskonservativen Kreisen verbreitet und rezipiert“ wird, ist gemessen an der Anzahl der Liederbücher insgesamt nicht nachzuvollziehen. Ein Viertel der Liederbücher erschien in rechtsextremen Kreisen (Wiking-Jugend, o.J.) oder Verlagen (Munin Verlag, 1976, Heidenkreis 2004). Bis 2004 erschienen 4 weitere völkisch bzw. rechtskonservativ ausgerichtete Liederbücher von der Eekboom Gesellschaft und dem, der Ludendorff-Gesellschaft nahestehenden, Arbeitskreis für Lebenskunde. Die Mehrheit der Liederbücher mit Hohe Nacht erschien in Verlagen wie Voggenreiter und Sikorski; Verlage wie Kallmeyer und Möseler knüpften mit der Veröffentlichung des Baumann-Liedes an ihre Liederbücher aus der Nazizeit an (vgl. deutscheslied.com).

Die renommierten Volksliedforscher wie Ernst Klusen (Deutsche Lieder, Band I und II. 2. Auflage 1981, 51. bis 100. Tausend), Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) und Theo Mang, Der Liederquell, 1969 und 2015) haben Hohe Nacht der klaren Sterne nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen.

Georg Nagel, Hamburg

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Von Weihnachten zum Julfest und zurück. Drei Versionen des Sterndreherlieds „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

Paul Hermann

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Dieses Lied entstand 1940, einige Jahre nachdem die Nationalsozialisten versuchten, die Tradition der altgermanischen Sonnenwendfeier als Julfest aufzuwerten und das christliche Weihnachtsfest zu verdrängen. Übereinstimmend mit der Nazi-Ideologie hatte bereits 1936 der Dichter vieler, auch nazistischer, Lieder, darunter Es zittern die morschen Knochen, Hans Baumann (1914-1988), das aus dem Jahr 1923 von Pfadfindern stammende Lied Hohe Tannen weisen die Sterne (Interpretation) umgedichtet zu Hohe Nacht der klaren Sterne, ein Lied das Stille Nacht, heilige Nacht ersetzen sollte. Aus dem Rübezahllied wurde ganz im Sinne der herrschenden Ideologie ein Loblied auf den Mutterkult (vgl. die Wikipedia-Artikel zu Mutterkreuz und Julfest). Dem heidnischen Julfest gemäß hat der heute unbekannte Musiker und Komponist Paul Hermann (1904-1970) dem aus dem Kanton Aargau stammenden ursprünglichen Text jeden christlichen Bezug genommen. Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt die Umdichtung in Es ist eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222f.).

Im Folgenden wird das schweizerische Original vorgestellt:

 

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ
Der für uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein
O du armes, o du armes,
o du armes Jesulein.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie und führte sie
Führte sie bis gen Bethlehem.

Über einem Stalle,
da hielt der Stern stille
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten* vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.

* knieten

Dieses christliche Lied wurde 1902 handschriftlich aufgezeichnet, in Druck erschien es zum ersten Mal 1906 (vgl. Waltraud Linder-Beroud: Historisch kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs, November 2005/Januar 2007). Mit leichten Text- und Melodievariationen wurde das Lied um 1900 auch im Kanton Luzern gesungen.

Gemäß dem Volksliedsammler und Mitbegründer des Schweizerischen Volksliederarchivs Alfred Leonz Gassmann (1876-1962) zogen in beiden Kantonen am Dreikönigstag jeweils drei Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in den Dörfern von Haus zu Haus, um dieses Lied und/oder Weihnachtslieder zu singen (vgl. Sammlung Gassmann, Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, 1906, nach Linder-Beroud). Die Sänger waren mit Kronen oder Turbanen versehen und in wallende Gewänder gekleidet. Ein „König“ trug einen Stab mit einem selbst gebastelten Stern vorweg, den er während des Umhergehens drehte. Daher wird Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Gnad auch als Sterndreherlied bezeichnet.

Der Stern erinnert an die Heiligen Drei Könige, denen er den Weg zum Stall in Bethlehem zeigte (vgl. das Evangelium des Matthäus Kapitel 2, Verse 7 und 9-10). In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Kapitel 2, Vers 1–20) ist jedoch von einem Besuch der Könige im Stall keine Rede, wohl aber von Hirten, die nach der Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel nach Bethlehem aufbrachen und „das Kind in der Krippe liegen“ sahen (Lukas 2, 16). Während Matthäus (2, 1 f.) von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, werden im Alten Testament in der „Ankündigung des Friedefürsten“ (Psalm 72) drei Könige erwähnt, die ihn anbeten und Gaben zuführen werden (Verse 10 und 11). Beschrieben werden die Geschenke in Jesaja 60, 6: Gold und Weihrauch, in Matthäus 2, 11 kommt noch Myrrhe dazu. Die im Lied erwähnten „Ochs und Eselein“ habe ich selbst mit Hilfe einer Konkordanz in der gesamten Bibel nicht gefunden. Der Dichter der zweiten Strophe hat wohl zu Recht gemeint: Wo ein Stall mit einer (Futter-)Krippe ist, da sind auch Tiere.

Doch weiter zu unseren Sternsingern. Nach dem Singen der Lieder erhielten die Sänger ein paar Batzen oder Rappen (damalige Währung in der Schweiz) und/oder Süßigkeiten, die Älteren oft selbst gemachten Most. Danach wurde folgender Spruch aufgesagt: „Wir kommen hier an. Das wünschen wir euch an Ein guetes glücksäligs, gesund und auch fröhlichs, ein guetes neues Jahr, Das wünschen wir euch an.“

Noch heute wird in Deutschland in vorwiegend katholischen Gegenden der Sternsingerbrauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter „Sternsinger“ oder „Sterndreher“). Bemerkenswert ist, dass überwiegend die weltliche Version Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud gesungen wird. Nach einer Meldung des Bayerischen Rundfunks TV werden vom 1. bis 6. Januar 2018 bundesweit 300.000 Sternsinger aus allen katholischen Bistümern Geld für Hilfsprojekte in Ländern der Dritten Welt sammeln.

Eine christliche Fassung ist erst wieder seit 1957 bekannt geworden. Der deutsche Chorleiter und Tonsetzer Gottfried Wolters (1910–1989) wollte das Lied in seine Weihnachtsliedersammlung aufnehmen, nahm dann aber wegen der Entchristlichung des Liedes Abstand davon. Schließlich fügte seine Frau Maria Wolters der ersten Strophe des  Aargauer Sterndreherlieds acht neue Strophen an. Bei ihrem Text orientierte sich Maria Wolters an der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, manchmal sogar wörtlich (vgl. z. B. Strophe 4 und 5 mit Lukas 2, 1 und 7):

1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es bringt uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2. Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel
zur Jungfrau hin nach Nazareth.
„Sei gegrüßt, du Jungfrau rein,
den aus dir, denn aus dir,
will der Herr geboren sein.“

3. Maria hörte des Höchsten Begehren,
sich neigend sie zum Engel sprach:
„Sie, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh, mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt!“

4. Und es erging ein Gebot des Kaisers,
dass alle Welt geschätzet wird.
Josef und Maria voll Gnad
zogen hin, zogen hin,
zogen hin zur Davidstadt.

5. Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt, kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

6. In der Krippe muss er liegen,
Und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
Liegst du, liegst du,
Liegst du, armes Jesulein.

7. Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde,
ein Engel dort erschienen ist:
„Fürcht euch nicht, ihr Hirtenleut!
Fried und Freud, Fried und Freud,
Fried und Freud verkündt ich heut!

8. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
der euer Herr und Retter ist.
Dieses Zeichen merkt euch gut:
Gottes Kind, Gottes Kind,
Gottes Kind in der kalten Krippe ruht!“

9. Sie liefen eilend und suchten und fanden,
was auf dem Felde verkündet ward.
Unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

10. Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold,
brachten sie, brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Während das christliche Sterndreherlied von den Heiligen Drei Königen weder im katholischen Gesangbuch Gotteslob noch im evangelischen Einheitsgesangbuch (EG) zu finden ist, fand der Text von Maria Wolters 1993/94 Aufnahme in die Ausgaben für die ev. Landeskirchen Niedersachsen/Bremen, Rheinland-Westfalen/Lippe und für die Reformierte Kirche.

Auch in weltliche Liederbücher wurde das Dreikönigslied selten  aufgenommen; dagegen weisen zahlreiche Gebrauchsliederbücher die weltliche Version auf. Von rund 150 mir zugänglichen Liederbüchern enthalten mehr als ¾ Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud. Einzelne Liederbücher mit dem Lied wurden herausgegeben von Nachfolgeorganisationen der Wandervögel, von der Turner-, Wald- und Naturfreundejugend, von den Pfadfindern und sogar vom Deutschen Fußballbund. Dass es nicht nur in diesen Kreisen gesungen wird, sondern in der Version von 1940 auch von Sternsingern vorgetragen wird, kann man einigen Videos bei Youtube entnehmen.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, befinden sich fast 400 Nachweise des Liedes, rund 120 auf Tonträgern und fast 180 als Notenausgaben. Überwiegend interpretieren Chöre, darunter die Kinderchöre Tölzer Sängerknaben und der Bielefelder Kinderchor sowie SängerInnen die weltliche Version. Von Solisten gesungen wird das Lied z. B. nicht nur von Karel Gott und Frank Schöbel, sondern auch vom Bariton Hermann Prey und den Folksingern Sigrun Kiesewetter und Pete Seeger.

Georg Nagel, Hamburg