Schneelieder: „Leise rieselt der Schnee“ (Eduard Ebel) und „Schneeflöckchen, Weißröckchen“

   
's Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s'Christkind kommt bald!

     [Scan aus Wiki Commons; die hier zusätzlich aufgeführte Strophe wird in
     vielen Online-Veröffentlichungen als dritte Strophe ausgewiesen.]

Geht man von den im Deutschen Musikarchiv Leipzig vorhandenen Tonträgern aus, so gehört Leise rieselt der Schnee mit fast 1.000 Schallplatten und CDs nach Stille Nacht, heilige Nacht (über 2.000) und Es ist ein Ros entsprungen (rund 1.100) zu den beliebtesten Weihnachtsliedern. Die Strophen eins bis drei des manchmal auch als Winterlied bezeichneten Liedes dichtete 1895 der Dichter und evangelische Pfarrer Eduard Ebel (1839–1905). Neben zahlreichen „Kaiserliedern“, Bismarck- und Sedangedichten wurde es im gleichen Jahr als „Kinderlied“ unter  dem Titel Weihnachtsgruß in Ebels Gesammelten Gedichten veröffentlicht. Nicht bekannt ist, von wem die später hinzugefügte Strophe „s‘ Kindlein, göttlich und arm […]“ stammt.

Ob Ebel auch die Melodie komponiert hat, ist strittig; Der Liedforscher Theo Mang (Liederquell, 2015, S. 990) versieht seinen Hinweis auf die Komposition durch Ebel mit einem Fragezeichen. Die Urheberschaft Ebels an der Melodie allerdings deswegen zu bezweifeln, dass „Ebels eigene Veröffentlichung nur den Text“ enthält, wie Wikipedia ausführt,  ist problematisch, da auch kein anderer Text in den Gesammelten Werken mit Noten versehen ist. Wahrscheinlich hat Ebel den Text auf eine alte Volksweise – einige Liederbücher verweisen auf Westpreußen –  gedichtet.

Schneeflöckchen, Weißröckchen

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit.

Komm setz dich ans Fenster,
du lieblicher Stern
malst Blumen und Blätter,
wir haben dich gern.

Schneeflöckchen, du deckst uns
die Blümelein zu,
dann schlafen sie sicher
in himmlischer Ruh’.

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
komm zu uns ins Tal.
Dann bau’n wir den Schneemann
und werfen den Ball.

Während Leise rieselt der Schnee ein Adventslied ist, das auch den Weihnachtsliedern zugerechnet werden darf, ist Schneeflöckchen, Weißröckchen ein reines Winterlied. Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. In manchen Liederbüchern findet sich die Angabe „Von deutschen Kolonisten aus Russland überliefert“, in anderen wird der Text auf die Kindergärtnerin und spätere Lehrerin Hedwig Haberkorn (1837–1901) zurückgeführt. In Haberkorns 1869 erschienenen Buch Tante Hedwigs Geschichten für kleine Kinder kommt in der Geschichte von der Schneewolke unter dem Titel Schneeflöckchen vom Himmel eine Urfassung des Liedes vor (vgl. Wikipedia).

Die uns heute bekannte Melodie eines unbekannten Verfassers findet sich erst seit 1940 in den Liederbüchern (Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 707). Vorher ist es nach alten Volksweisen oder einigen neueren Kompositionen gesungen worden, die sich allerdings nicht durchsetzen konnten.

Interpretationen

Im Lied Leise rieselt der Schnee wird eine Idylle beschrieben, wie wir sie heutzutage kaum noch kennen. Wenn es denn einmal schneit, ist es häufig ein Schneeregen, und die Seen frieren seit Jahren sehr selten zu. Dass unsere verbliebenen, noch nicht von Umweltschäden betroffenen Wälder weihnachtlich glänzen, mag nur ein hoffnungsloser Romantiker behaupten. In der Zeit um 1900 mag die Idylle noch zugetroffen haben, und so konnte beim ersten Schneefall der gläubige Dichter uns auffordern, uns auf die baldige Ankunft des Christkinds zu freuen. Heute würde sich Pfarrer Ebel wahrscheinlich im Grab umdrehen, könnte er sein Lied in vielen Kaufhäusern als Berieselung zum Kaufanreiz hören.

Sicherlich wird vielen von uns am Heiligen Abend warm ums Herz, wenn wir nach der Hektik der Geschenkeinkäufe und der betrieblichen (Vor-)Weihnachtsfeier langsam zur Ruhe gekommen sind. Und wenn dann noch am Weihnachtsbaum „die Lichtlein brennen“, mag auch mancher die Sorgen vergessen, sofern er oder eine ihm nahestehende Person nicht schwerkrank oder arbeitslos ist.

’s Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s’Christkind kommt bald!

Diese später hinzugekommene Strophe betont noch einmal, dass die Geburt des  Christkinds die Herzen erwärmt (indem mit der Ankunft des Gottessohns die Gläubigen durch Jesus von den Sünden erlöst werden). Der „Stern, der überm Wald strahlen“ soll, erinnert an den Stern, der den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Krippe im Stall von Bethlehem zeigt (vgl. Matthäus 2, 10).

Im Folgenden soll nun auf die dritte, von Ebel letzte vorgesehene Strophe eingegangen werden. Wie in dem letzten Vers jeder Strophe („Freue Dich, Christkind kommt bald“) wird in dieser gesamten Strophe „Bald ist heilige Nacht […]“ noch einmal ganz deutlich, dass es sich nicht um ein Weihnachtslied, sondern um ein Adventslied handelt.

Chor der Engel. Gemälde aus der Benediktinerabtei St. Hildegard, Rüdesheim

Von einem „Chor der Engel“ ist  – soweit mir bekannt –  in der Bibel keine Rede, wohl aber im Anhang „Geistliche Lieder“ der evangelischen Gesangbücher. Pfarrer Ebel dürfte durch die Lieder Herbei o ihr Gläubigen mit der dritten Strophe „Kommt, singet dem Herrn, o singt ihr Engelchöre […]“ und Vom Himmel hoch mit der ersten Strophe „Vom Himmel hoch, o Englein kommt […]  kommt singt und klingt, pfeift und trombt […]“ zu den Versen in seiner dritten Strophe inspiriert worden sein.

In dem Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen sehnen sich die Kinder nach dem Winter – „wann kommst du geschneit?“ In vielen Liedern wird der Winter besungen, mal wird über ihn geklagt, wie in Lied O, wie ist es kalt geworden – wie „traurig öd und leer“ es im Winter ist, wenn „rauhe Winde von Norden wehn’n“ -, mal ist man froh, dass „der Winter [endlich] vergangen ist“, die ersten „Blümlein prangen“ und der „Maien Schein“ zu sehen ist (Der Winter ist vergangen wird häufig Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben).

Im hier besprochenen Lied in „kindertümlicher Sprache“ (Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, 1982) wünschen sich die Kinder aber, dass Reif und Schnee „[Eis-] Blumen und -blätter“ ans Fenster malen. Sie haben den Winter gern und sind sich gewiss, der Winter schadet „den Blümelein“ nicht, der Schnee deckt sie – wie die Kleingärtner im Winter ihre Beete gegen Frost und Kälte schützen – nur zu, damit sie „in himmlischer Ruh“ schlafen können (vgl. den Vers in Stille Nacht, heilige Nacht von 1818 des Hilfspriesters Joseph Mohr und Zuccalmaglios Die Blümelein, sie schlafen aus dem Jahr 1840).

In der letzten Strophe wird erneut der Wunsch geäußert, dass es bald schneien möge, damit die Kinder sich einen Schneemann bauen und eine Schneeballschlacht schlagen können.

Weißröckchen ist übrigens ein schlesisches Synonym für Schneeflocke. (vgl. focus.de)

Rezeption

Seit der Erstveröffentlichung 1895 ist Leise rieselt der Schnee bis heute in Schul-,  Kinder- und spezielle Weihnachtsliederbücher aufgenommen worden, zuletzt 2014 in die Lübecker Weihnachtsliederfibel. Was die Anzahl der mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher betrifft, steht es in der Rangfolge im Vergleich zu anderen Advents-, Weihnachts- bzw. Winterliedern allerdings weit unten, ebenso wie das Kinderlied Schneeflöckchen, Weißröckchen, das ich im Liederbuch für Volksschulen, 1. Heft, herausgegeben 1915 gefunden habe. Wahrscheinlich sind beide Lieder derartig bekannt, dass sie in viele Liederbücher gar nicht erst aufgenommen wurden. Für diese Annahme spricht: Auch in bedeutenden neueren Liedersammlungen deutscher Volksliedforscher wie Ernst Klusens Deutsche Lieder (zwei Bände, 1981 Auflage 50.–100. Tsd.) und Heinz Röllekes Das große Buch der Volkslieder  (1991, Lizenzausgabe Bertelsmann)  sind beide Lieder nicht vertreten.

Die große Popularität eines Liedes zeigt sich aber darin, wie viele Schallplatten und CDs mit dem Lied erschienen sind (s. o. Einleitung) und welche Künstler das Lied interpretieren. Unter den zahlreichen Interpreten auf Schallplatten und CDs befinden sich sowohl renommierte Sänger wie der Bariton Hermann Prey, die Chansonette Mireille Mathieu, der Schauspieler und Sänger Peter Alexander als auch viele Schlagersänger, z. B.  Tony Marshall, Frank Schöbel, Unheilig, Heintje und – natürlich – Heino. Auch viele Chöre, vor allem Kinderchöre, haben beide  Lieder in ihr Repertoire aufgenommen, z. B. die Wiener Sängerknaben, die  Schaumburger Märchensänger und der Tölzer Knabenchor. Wie populär das „Weihnachtskinderlied“ (Ingeborg Weber-Kellermann) Leise rieselt der Schnee bzw. das Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen heute noch sind, zeigen auch die annähernd 100 Videos bei Youtube, auf denen neben anderen Weihnachts- bzw. Kinderliedern auch diese beiden Lieder zu finden sind.

Populäre Lieder fordern häufig Parodien heraus. So soll es sogar in der ehemaligen DDR für Leise rieselt der Schnee eine parodistische Fassung gegeben haben, die mir jedoch nicht bekannt ist. Nachstehend wird in Auszügen eine antikapitalistische und zugleich kriegskritische Version des Liedermachers, Kabarettisten und Grafikers Dieter Süverkrüp vorgestellt:

1. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee,
sitzt bei der Lampe noch spät,
blättert im Aktienpaket.

2. Ordnend Scheinchen auf Schein
fällt Erinnerung ihm ein.
„Kriegsweihnacht vierzig war still,
dennoch ein starkes Gefühl!“

[…]

10. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee.
Horcht nur, wie lieblich es knallt!
Fürchtet euch, Kriegskind kommt bald!

[Aus: Süverkrüps Liederjahre 1963–1985 ff , 2002, S. 147. Alle 10 Strophen s. auch  hier .

Auch die deutsche Rockband Torfrock hat an dem Reim der ersten beiden Verse von Leise rieselt der Schnee Gefallen gefunden, satirisch weitergedichtet und mit einigen Zeilen aus bekannten Weihnachtsliedern und -gedichten ergänzt; hier ein Auszug:

Leise pieselt das Reh
Gelbe Spuren in den Schnee
Und die viele kleinen Engels*,
Und die vielen kleinen Engels
tun sich Rum in ihren Tee.

[…]

Lieber guter Weihnachtsmann
Kleb den Bart Dir wieder an
Und nun beschenk mich nich zu knapp
sonst reiß ich ihn Dir nochmal ab.

Lieber guter Weihnachtsmann
schau mich nicht so böse an.
Steck die Rute wieder ein
Sonst gibt das ein mit’m Putenbein

Leise pieselt das Reh! […]

*norddeutsch mundartliche Pluralbildung

Etwa 1980 sangen meine Kinder folgende Strophe, deren Inhalt, wie man sich denken kann, nicht ihrer schulischen und familiären Realität entsprach:

Leise rieselt die Vier
auf das Zeugnispapier.
Horcht nur, wie lieblich es schallt,
wenn mir mein Vater ’n paar knallt!

Für Schneeflöckchen, Weißröckchen habe ich keine Parodie gefunden.

Georg Nagel, Hamburg

Advertisements

„Gar lustig ist die Jägerei“ – Der „Jäger aus Kurpfalz“ als erotisches Lied

Anonym (evtl. Martinianus Klein)

Ein Jäger aus Kurpfalz

1) Ein Jäger aus Kurpfalz,
der reitet durch den grünen Wald.
Er schießt das Wild alsbald,
gleich wie es ihm gefällt.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid,
allhier auf grüner Heid.

2) Bursch, sattel mir mein Pferd
und leg darauf mein´n Mantelsack.
So reit ich weit umher
als Jäger aus Kurpfalz.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

3) Hubertus auf der Jagd,
der schoß ein’n Hirsch und einen Has’.
Er traf ein Mägdlein an
und das war achtzehn Jahr.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

4) Jetzt reit ich nimmer heim
bis daß der Kuckuck kuckuck schreit.
Er schreit die ganze Nacht,
allhier auf grüner Heid.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

Entstehung

In nur fünf der über 400 ausgewerteten Liederbücher (Online-Archiv Hubertus Schendel und eigene Sammlung) wird ein Urheber des Liedes genannt. Der Karmeliterpater Martinianus Klein, Hauslehrer der 14 Kinder des churpfälzischen Jägers und Försters (und späteren Eisenhüttenbesitzers) Friedrich Wilhelm Utsch (1732-1795), soll zu Ehren seines Dienstherrn und Freundes um 1770 den Text verfasst und die Melodie komponiert haben. Ob Utsch der personifizierte Jäger aus Kurpfalz war, wie manche Heimatforscher annehmen, oder Johann Adam Melsheimer, der laut Sterberegister der  Gemeinde Argenthal (im Hunsrück bei Rheinböllen, dem Geburtsort Melsheimers) „Churpfälzischer reitender Förster im Soonwald“ war, ist bis heute bei den Lokalhistorikern umstritten. Während 1914 Kaiser Wilhelm II. ein Denkmal in Gedenken an F.W. Utsch (gegenüber dem Forstamt Soonwald, Nähe Bad Sobernheim) eingeweiht hat, musste sich die Gemeinde Argenthal mit einem Gedenkstein zugunsten J. A. Melsheimers (1683-1757) begnügen.

 

jaeger-aus-kurpfalz_1

jaeger-aus-kurpfalz_2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Denkmal für F. W. Utsch                                                          Gedenkstein für J.A. Melsheimer

Von einigen Heimatforschern abgesehen schreiben Volksliedforscher (u.a. Ernst Klusen und Heinz Rölleke) das Lied unbekannten Verfassern zu. In den Liederbüchern werden jeweils andere Regionen der Entstehung des Liedes angegeben: noch vor der Pfalz am häufigsten Hessen, aber auch Schwaben, Elsass oder Franken. Die Zeit der Entstehung datieren sowohl die Volksliedforscher als auch die Liederbücher „18. Jahrhundert“, einige auch „um 1800“.

In mehr als 300 von über 400 Liederbüchern wird das Jägerlied nur mit drei Strophen ausgewiesen. Einigen Herausgebern war die Erwähnung eines 18jährigen Mägdleins in einem Jagdlied wohl zu heikel; daher wiesen sie als dritte Strophe lieber die „Kuckucksstrophe“ aus, obwohl (zunächst) nicht klar wird, wieso ein Kuckuck hier „die ganze Nacht ruft“. Aber auch mit der „Hubertusstrophe“ statt der „Kuckucksstrophe“ bleibt es bei den dreistrophigen Fassungen der Fantasie des Lesers überlassen, ob und wie es weitergehen könnte. Auch der Ausweis der obigen ersten vier Strophen hilft nicht weiter.

Aufschluss dagegen gibt die fünf Verse umfassende Version, die vor 1800 laut Historisch-kritischem Liederlexikon (HKL) des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg auf diversen Flugblättern verbreitet war. Dort gab es eine vierte Strophe, die, nach der obigen dritten Strophe eingefügt, vermuten lässt, dass es sich um ein erotisches Lied handelt:

Wohl zwischen seine Bein,
da muss der Hirsch geschossen sein,
geschossen muss er sein,
auf eins und zwei und drei.

Jagdinteressierte und Laien meinen, dass es nicht gerade waidmännisch sei, einen Hirschen zwischen seine Läufe zu schießen und ihn dadurch (zunächst) nur zu verwunden. Gemeint ist allerdings nicht, den Hirsch zwischen seine Vorderläufe zu schießen, sondern seitwärts zwischen Vorder- und Hinterläufe zu treffen und ihn mit einem Blattschuss zu erlegen.

jaeger-aus-kurpfalz_3

Illustration aus dem Liederbuch Musik und Jägerei (Dank an Hubertus Schendel)

In der Sendung Volkslieder des SWR 2 wurde ausgesprochen, worum es ging: „Die Jagd war (im 18. Jahrhundert) zugleich die Gelegenheit, sich sexuell zu vergnügen“ (Nicole Dantrimont am 2.9.2001). Und damit erschließt sich auch der Zusammenhang mit der „Kuckuckstrophe“. Wenn sich der Jäger die ganze Nacht vergnügt hat („der Kuckuck schreit die ganze Nacht“), ist es wahrscheinlich, dass die junge Frau schwanger geworden ist und ein „Kuckuckskind“ zur Welt bringen wird. Diese Anzüglichkeit ist sicherlich der Grund dafür, dass „das Lied um 1800 von der Zensur erfasst und z.B. in die Kursächsische Liedverbotsliste 1802 aufgenommen“ wurde („Volkslieder“ –  Gemeinschaftsprojekt von SWR 2, dem Carus-Verlag  und Zeit Online). Daraufhin nahm der Dichter Leo von Seckendorf (1775-1809) das Lied ohne die „Beinschuss-Strophe“ in seinen Musenalmanach für das Jahr 1808 auf, zum ersten Mal mit der heute noch geläufigen Melodie. Von wem die Melodie stammt, ist ebenso unbekannt geblieben wie der oder die Verfasser des Textes.

Bei den Volksliedforschern des 19. und 20. Jahrhunderts ist strittig, ob das Lied bereits Anfang oder Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden ist. Nach neuerer Forschung von Tobias Widmair (Historisch-kritischem Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg) „findet sich die erste tatsächlich datierbare Spur des Liedes 1794“.

Interpretation

Betrachtet man nur die ersten beiden und die vierte Strophe, verwundert es nicht, dass der Jäger aus Kurpfalz als Kinderlied angesehen wird und in vielen Kinderliederbüchern, von Deutsche Schulgesänge für Mädchen (1884) und Des Knaben Liederschatz (1887 ) bis zu Der Liederquell (1999) und auch so auf Tonträgern (z. B. Lieder fürs Kinderherz, 1976 oder Ich geh mit meiner Laterne, 2009) vertreten ist.

In der ersten Strophe wird die Freude des Jägers an der Jagd ausgedrückt, wie in manchen anderen Liedern, z.B. Auf, auf zum fröhlichen Jagen (Interpretation hier), „Im Wald und auf der Heide, / da find ich meine Freude“ oder „Was kann schöner sein als Jagen und ein rechter Weidmann sein“?

Unser Waidmann muss von höherem Stand sein: er befiehlt seinem oder einem Burschen das Pferd zu satteln und den Mantelsack auf das Pferd zu legen, also eine runde sackartige Tasche mit Kleidung und/oder eine Decke hinter den Sattel zu schnallen. So ausgerüstet, lässt es sich weit umher reiten und wie wir der „Kuckucksstrophe“ entnehmen können, auch übernachten und dabei den Kuckuck schreien hören.

Die ersten Verse der zweiten Strophe spielen an auf die Hubertuslegende, nach der ein Hirsch mit einem weißen (oder leuchtenden) Kreuz zwischen dem Geweih einen Jäger zum Christentum  bekehrte (nach anderer Lesart: von seiner Jagdlust kurierte). Dieser heilige Hubertus wird seit dem Mittelalter als Schutzpatron der Jagd angesehen; außerdem ist er Patron der Natur und Umwelt, der Waldarbeiter, der Schützen und Schützenbruderschaften.

Ist in manchen dreistrophigen Fassungen mit der „Hubertusstrophe“ von einem 18jährigen Mägdelein die Rede, so war das allein für viele Herausgeber kein Grund, das Lied nicht in Kinder- und Schulbücher aufzunehmen. Erst mit der zusätzlichen „Kuckucksstrophe“ und einiger Fantasie wird das Jägerlied zu einem erotischen Lied.

Auch in andern Jägerliedern fällt auf, welche Affinität zwischen Jäger und Mädchen Ende des 18. Jahrhunderts (wenn nicht einige Jahrzehnte darüber hinaus) bestanden hat. In dem bekannten Lied Der Jäger in dem grünen Wald heißt es in der vierten Strophe: „Und als ich in den  Wald reinkam, / traf ich ein schönes Mägdlein an“. Immerhin ist hier nicht ein „Kuckuckskind“ das Ergebnis der sexuellen Begegnung, denn  in der fünften Strophe sagt der Jäger: „Bleib du bei mir als Jägerin“ und bekräftigt den Antrag mit „bleibe du bei mir als meine Braut“. Die obige Aussage des SWR 2, derzufolge im 18. Jahrhundert „die Jagd […] zugleich die Gelegenheit [war], sich sexuell zu vergnügen“, wird im Lied Es blies ein Jäger wohl in sein Horn erneut bestätigt. Wird in der dritten Strophe beschrieben, dass der Jäger mit einem Netz auf Niederwild geht („Er zog sein Netz wohl über den Strauch, / da sprang ein schwarzbraunes Mädchen heraus“), so konkretisieren die achte und neunte Strophe „er warf ihr’s Netz wohl um den Fuß, / auf dass die Jungfrau fallen muss“ und „Er warf ihr’s Netz wohl  übern Arm, / da war sie gefangen, dass Gott erbarm“, um dann in der 10. und letzten Strophe zur Sache zu kommen: „Er warf ihr’s Netz wohl um den Leib, / da ward sie bald des Jägers Weib“. Ähnlich heißt es in dem bekannten Lied Hört ihr nicht den Jäger blasen etwas allgemein „der Jäger mit dem grünen Hut, / der die Mädchen lieben tut“.

Vermutlich im 19. Jahrhundert sind zu dem Jäger aus Kurpfalz die folgenden Strophen sechs bis neun hinzugekommen:

6) Der Jäger sah zwei Leut
und sagt zu ihnen: Guten Tag,
wo wollt ihr hin ihr Leut?
Wir wollen nach Kurpfalz.

7) Ich will euch auf der Reis
begleiten, wenn es euch gefällt.
Wißt ihr wohl, wer ich bin:
der Jäger aus Kurpfalz

8) Nun wärn wir in Kurpfalz,
wer aber gibt uns Mittagsbrot,
wer schenkt die Gläser voll:
der Jäger aus Kurpfalz.

9) Nun weiß ich weiter nichts,
was noch geschah, denkt selber nach,
stoßt an: Es lebe hoch:
der Jäger aus Kurpfalz.

Der Jäger aus Kurpfalz ist so weit geritten, dass er die Landesgrenze hinter sich gelassen hat. Als er zwei Leuten (vermutlich Reitern) begegnet, die offensichtlich nicht den rechten Weg wissen, fragt er sie, wohin es gehen soll. Auf ihre Antwort „nach Kurpfalz“, bietet er ihnen an, sie zu begleiten. Als Jäger aus Kurpfalz weiß er, wie sie dahin kommen können. Und bald ist das nicht näher beschriebene Ziel, die Kurpfalz, erreicht. Rein rhetorisch fragt er, wer ihnen Essen und Trinken geben soll, um gleich selbst darauf zu antworten: er, der Jäger aus Kurpfalz. Wie es weiter gegangen ist, erfahren wir nicht. Das Sprecher-Ich weiß es nicht und fordert uns auf, selber darüber nachzudenken. Eventuell ist das ein Hinweis, die dritte, vierte und fünfte Strophe nach eigenem Gutdünken zu interpretieren.

Im Vergleich zu den ersten fünf Strophen wirken die Strophen sechs bis neun belanglos, ihnen fehlt die Pfiffigkeit. So erstaunt es nicht, dass diese Strophen nur in vier von über 400 Liederbüchern zu finden sind, z. B. 1918 in Spielmanns Goldgrube und 1937 in Musik und Jägerei der Deutschen Jägerschaft.

Rezeption

Zusätzlich zu den oben erwähnten Kinderliederbüchern mit drei Strophen sind im 19. Jahrhundert zahlreiche Liederbücher mit fünf Strophen erschienen. Wie beliebt das Lied war, zeigt sich auch darin, dass es in auflagestarken Liedersammlungen vertreten war, wie z.B. im von Erk und Greef herausgegebenen Singvöglein (1883, 5 Heft, 59. Auflage) und in Schauenburgs Allgemeinem Deutschen Commersbuch (1888; 1933: 101.000 bis 110.000. Auflage).

Mit Ausnahme von Wandervogels Liederbuch (1905, fünf Strophen) und des Zupfgeigenhansls (10. Auflage 1913, vier Strophen) weisen die Mehrheit der Liedersammlungen der Jugendbewegungen und der bis 1933 erschienenen Liederbücher nur drei Strophen auf. Das gilt sowohl für studentische und bündische als auch für konfessionelle und schulische Liederbücher.

Ab 1933 enthalten die zahlreichen Liederbücher für die Schulen und für die Hitlerjugend ebenfalls nur drei Strophen: Dagegen weisen die für Erwachsene gedachten vier Strophen auf, z.B. das Liederbuch für die NS-Frauenschaften (1934) und Singend wollen wir marschieren (Reichsarbeitsdienst, 1933). Eine Ausnahme bildet das von der Deutschen Jägerschaft 1937 herausgegebene Werk  Musik und Jägerei mit den erwähnten neun Strophen. Die Wehrmachtsführung brachte mit dem Einverständnis der Reichsführung Liederbücher mit den oben aufgeführten fünf Strophen heraus, z. B. das Deutsche Soldaten-Liederbuch (1937) oder das Liederbuch der Wehrmacht (1939). Bei den Soldaten war das Lied nicht nur beliebt, weil sich nach dem 4/4-Takt gut marschieren ließ, sondern weil es ihnen auchb wegen der Zweideutigkeit gut gefiel.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von politisch orientierten Kreisen die ersten Liederbücher mit dem Jägerlied herausgegeben, z. B. Das Volksliederbuch für die demokratische Erneuerung Deutschlands (1945) oder das Liederbuch für die schaffende Jugend (1946). Schulbücher wie Musik in der Grundschule (Bd. 2 und 3, 1947) und konfessionelle Liedersammlungen wie Der helle Ton (ev., 1948) und Jungen singt (kath., 1952, 6. Auflage 1956) schließen sich an. Danach taucht das Lied in zahlreichen Schul- und Jugendliederbüchern auf und auch 1956 im Liederbuch für Soldaten (1956) und dem des Deutschen Fußballbundes.

Von den anschließend bis 2016 edierten Liedersammlungen sind vor allem zu nennen die Neuauflagen von Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851/1982), Erk/Böhmes Deutscher Liederhort III (1884/1988) und Ditfurths Fränkische Volkslieder, Teil 2, Weltliche Lieder (1855/1999). Wie man der Aufnahme in die weitverbreiteten Lieder-Taschenbücher (Reclam, Schneider, Knaur,  Fischer und gleich zweimal Heyne) entnehmen kann, ist der Jäger aus Kurpfalz nach wie vor in weiten Kreisen beliebt. Auch in der Schweiz und in Österreich ist das Lied gut bekannt.

Gemäß dem Deutschen Musikarchiv Leipzig, das fast 300 Tonträger mit dem Lied archiviert hat, stammen die meisten Aufnahmen von Kinderchören wie den Wiener Sängerknaben und den Regensburger Domspatzen oder von Männer- und gemischten Chören wie den Thomaner Chor, dem Montanara und dem Botho Lucas Chor oder den Fischer Chören, um nur die bekanntesten zu nennen. Geht man von der Anzahl der Tonträger mit Blasmusik aus, dann ist der Jäger aus Kurpfalz als Marsch ganz besonders beliebt bei den Musikkorps der Bundeswehr  (z. B. beim Stabs-, Gebirgs-, Heeresmusikkorps), den Bückeburger Jägern und anderen Blasorchestern. Interpretiert haben das Lied auch berühmte Sänger wie die Tenöre Rudolf Schock und Peter Schreier sowie die Baritone Günther Wewel und Hermann Prey. Während Plattentitel wie Auf der Pirsch oder Heimatklänge zum Lied passend sind, wundert man sich über das Lied enthaltende Alben wie Hoch die Tassen oder Party Sound.

Incipit und Parodien

Die Popularität eines Liedes kann sich auch darin zeigen, dass der Titel oder der erste Vers (das Incipit) außerhalb des musikalischen Zusammenhangs verwendet werden, so als Buchtitel, z.B. Ein Jäger aus Kurpfalz – ein geschichtliches Zeitbild und Ein Jäger aus Kurpfalz – ein Künstlerbilderbuch oder zur Benennung eines Heimatkalenders. Aber auch der Schützenverein von Argenthal (s. oben zu Melsheimer) und ein Hundezwinger sind nach dem Jäger aus Kurpfalz benannt. Und wer möchte, kann auf dem Wanderweg „Jäger von Kurpfalz“ im Soonwald bei Sobernheim (Hunsrück) – acht Kilometer vom Utsch-Denkmal (s.o.) zur tausendjährigen Willigiskapelle – über das Lied und seine Geschichte sinnieren.

Ein anderer Gradmesser für Beliebtheit ist, ob und wie oft ein Lied umgedichtet und parodiert worden ist. Von den zahlreichen Liedern, die die Melodie des kurpfälzischen Jägers verwenden, ist die politische Parodie von Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) aus dem jahr 1844 am bekanntesten:.

Das erwachte Bewusstsein

Bei einer Pfeif‘ Tabak,
bei einer guten Pfeif‘ Tabak
und einem Glase Bier
politisieren wir.

Juja ! Juja !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Da wird dann viel erzählt,
gar viel und mancherlei erzählt,
gestritten und gelacht
und manch ein er Witz gemacht.

Haha ! Haha !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Dann stoßen wir auch an,
auch auf die deutsche Freiheit an:
Und unsre Polizei
sitzt fröhlich mit dabei.

Und wenn die Stunde schlägt,
und wenn die Feierstunde schlägt,
löscht man die Lichter aus.
Und wir, wir gehen nach Haus.

Gut Nacht ! Gut Nacht !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Von den vielen weiteren Umdichtungen soll hier nur noch eine weitere historisch interessante Parodie aus der Zeit der Okkupation nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt werden:

Der Jäger aus Kurpfalz,
der reitet fluchend durch den Wald,
denn rings französisch schallt’s:
„Der Jäger aus Kurpfalz!“

Der Jäger aus Kurpfalz
wünscht, wenn er einen Yankee sieht,
die Pest ihm an den Hals,
die Pest ihm an den Hals!

Der Jäger aus Kurpfalz,
er wünscht dem langen Englishman
zum Frühtrunk Glaubersalz,
zum Frühtrunk Glaubersalz.

Der Jäger aus Kurpfalz,
der flucht: „Schert fix zum Henker euch!
Den Segen auf die Walz,
den gibt euch die Kurpfalz!“

Eine drastische Parodie Der Bulle aus Kurpfalz (LP 2 Stunden Krach) von 1980 der anarchistischen Kabarettgruppe 3 Tornados wurde 1981 gerichtlich verboten.

Zu erwähnen ist noch: Bei der Verabschiedung des Bundeskanzlers Helmut Kohl 1998 wurde von einer Militärblaskapelle Ein Jäger aus Kurpfalz gespielt.

Georg Nagel, Hamburg

Einmal Dieb, immer Dieb: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ von Ernst Anschütz (1824)

Ernst Anschütz

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
gib sie wieder her,
gib sie wieder her,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.

Seine große, lange Flinte
schießt auf dich den Schrot,
schießt auf dich den Schrot,
dass dich färbt die rote Tinte
und dann bist du tot.

Liebes Füchslein, lass dir raten,
sei doch nur kein Dieb,
sei doch nur kein Dieb,
nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
mit der Maus vorlieb.

     [Text nach Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. Mainz 1999, 
     S. 108.]

Wie in so manchem Kinderlied älterer Bauart und ländlicher Herkunft (vgl. Alle meine Entchen) geht es mal wieder ums liebe Essen, hier speziell im Modus des Futterneids. Eine Gans ist weg und schon ist der Schuldige ausgemacht: Reinecke Fuchs! Im Lied wird mit keinem Wort angedeutet, dass man ihn in flagranti ertappt hätte (dafür ist er ja auch zu gerissen!), kein Zeuge hat am vermeintlichen Tatort seine Lunte gesichtet, geschweige denn sein Kennzeichen notiert. Nicht einmal einen genetischen Fingerabdruck scheint es zu geben – aber für die Sprechinstanz ist dennoch sofort ausgemacht, dass nur der berüchtigte Rotrock vom Stamme der Hundeartigen (Canidae) als Täter in Frage kommt. Obwohl sich die gegebene Indizienlage denkbar bescheiden ausnimmt, droht der Kläger dem Fuchs mit dem allmächtigen Sheriff des Märchenwalds, dem Jäger, der bekanntlich schon mit härteren Brocken – ich erinnere nur an Rotkäppchens Isegrim – kurzen Prozess gemacht hat.

Bei einem ordentlichen Gerichtsverfahren hätte ich als Reinekes Verteidiger zunächst einmal eingewandt, dass ja noch gar nicht ausgemacht ist, dass der abgängigen Gans etwas Schlimmes zugestoßen ist. Man wisse ja, wie neugierig diese großen Entenvögel, zumal im Teenie-Alter, zu sein pflegen: „Gänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein …“. Ein paar Tage später finden sich die naseweisen Ausreißer dann regelmäßig wieder bei Muttern ein: „… aber Mama weinte sehr, weil sie hat kein Gänschen mehr, da besinnt sich das Kind, eilt nach Haus geschwind.“ Vermutlich würde der Staatsanwalt darauf dem Gericht als Beweisstück ein Exemplar der Mittelbayerischen Zeitung vom 11. Juni 2009 präsentieren, worin von einem rheinland-pfälzischen Fuchs berichtet wird, der im Dorf Föhren über einige Wochen hinweg über 120 Schuhe geklaut hat; da sehe man es: Füchse sind chronische Diebe und wer vor den Schuhen seiner Nachbarn nicht zurückschreckt, habe sicher auch keine Hemmungen vor arglosen Gänsen! Nicht von ungefähr habe die christliche Ikonographie die Sünde über Jahrhunderte hinweg als Fuchs personifiziert …

Die Verteidigung empörte sich daraufhin medienwirksam, ließe beiläufig Reizwörter wie „Generalverdacht“, „Pauschalisierung“ oder „Rassismus“ fallen, um zu guter Letzt als Trumpf-As einen Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 29. Dezember 2009 aus dem Ärmel zu ziehen, der vom friedlich-multikulturellen Zusammenleben von Füchsen und Brandgänsen berichtet, und zwar ausgerechnet in Malepartus (Fuchs-Kessel), also quasi im Herzen der Finsternis. Wobei wir unser besonderes Augenmerk auch noch auf den Aspekt legen sollten, dass Brandgänse (Tadorna tadorna) als Halbgänse eine ziemlich kleine, für Füchse eigentlich mundgerecht proportionierte Gänsespezies darstellen. Spätestens hier dürfte die Anklage in sich zusammenbrechen.

Ich vermute, dass die Sprechinstanz unseres Liedes einen solchen – oder ähnlichen – Verlauf eines ordentlichen Prozesses antizipiert hat, weshalb sie sich in der zweiten Strophe statt aufs Argumentieren gleich aufs Drohen verlegt und dem auserkorenen Übeltäter einen Lynchakt mit blutigen, pardon! tintenroten Farben ausmalt. In Kommentaren zum Lied fand ich die Meinung, dass vom Autor die rote Tinte ins Spiel gebracht wird, um die Grausamkeit der Szene für zarte Kinderseelen abzumildern. Das glaube ich nun mitnichten, sondern gehe vom genauen Gegenteil aus. Bauernkindern des frühen 19. Jahrhunderts dürfte Tierblut eine vertraute Flüssigkeit gewesen sein, die mit so angenehmen Vorstellungen wie Schlachtfesten, Blutwürsten, rotem Pressack und ähnlichen Köstlichkeiten verbunden war. Zu roter Tinte sind ihnen dagegen vermutlich öffentliche Demütigungen, Prügelorgien und andere traumatische Erfahrungen eingefallen.

Die Sache mit der roten Tinte bestätigt m. E. auch die Autorschaft von Ernst Anschütz (1780-1861), der das Lied vom Gänseklau erstmals in seinem Musikalischen Schulgesangbuch (1. Heft, Leipzig 1824, S. 38; Angabe nach Weber-Kellermann 1997, S. 108) veröffentlicht hat. Anschütz, übrigens auch Verfasser des beliebten Weihnachtsliedes O Tannenbaum, war hauptberuflich Lehrer und wusste damit sicher bestens über die Möglichkeiten psychologischer Kriegsführung vermittels roter Tinte Bescheid. Mit dieser Anmerkung will ich aber nicht das herausragende musikalische Talent des Verfassers schmälern, der mehrere Instrumente spielte, ein glänzender Organist war und auch die Kunst des Töne-Setzens beherrschte. Die Melodie von Fuchs, du hast die Gans gestohlen stammt dessen ungeachtet nicht von ihm, sondern gilt als volkstümlich und wurde schon für ein Vorgängerlied (Wer die Gans gestohlen hat) verwendet.

Gerade noch in Lynch-Stimmung, rudert die Sprechinstanz in der dritten Strophe mit voller Kraft zurück. Anstatt dem schlimmer Gewalttaten Verdächtigten mit phallischen Flinten, Schrot und pädagogischen Schreckensinsignien zu drohen, bietet sie dem – unversehens verniedlichten – „Füchslein“ einen Handel an: Es solle vom Gänsebraten Abstand nehmen und sich stattdessen von Mäusen ernähren. Ohne Futterkonkurrenz ließe es sich miteinander aushalten. Ich denke, dass sich Reinecke darauf einlassen wird, entsprechen wehrhafte Gänse seinem Beuteschema doch weit weniger als Mäuse. Dass er damit dem Menschen noch sog. ,Schädlinge‘ vom Leib hält, wird er als Teil des Deals billigend in Kauf nehmen. Moderne Füchse, die sich für ein urbanes Leben entschieden haben, bevorzugen übrigens Müll, was aber auch in Ordnung geht, oder?

Hans-Peter Ecker (Bamberg)