Ein Klassiker des Antikriegslieds. Hannes Waders „Es ist an der Zeit“

Hannes Wader

Es ist an der Zeit

1. Weit in der Champagne im Mittsommergrün
Dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht
Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat,
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt
Und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.

2. Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih'n
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein
Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

3. Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß
Oder hat ein Geschoss dir die Glieder zerfetzt?
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt?
Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt?
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

4. Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör' meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh'n, dass bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch längst finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

     [Hannes Wader:Es ist an der Zeit. Aris 1980.]

Orientiert am Text des vom schottisch-australischen Singer-Songwriter Eric Bogle (geb. 1944) komponierten Liedes No Man’s Land, schrieb  Hannes Wader (geb. 1942) das Lied Es ist an der Zeit. Bogle hatte 1976 eine Tournee durch in Frankreich unternommen. Tief bewegt nach einem Besuch der Soldatenfriedhöfe in Nordfrankreich und Flandern, verfasste er das auch unter The Green Fields of France bekannt gewordene Lied:

Wann Wader das Lied kennengelernt hat, ist nicht bekannt. Beim Verfassen seines Liedesim Jahr 1980 wird er unter dem Eindruck des im Dezember 1979 vom Bundestag beschlossenen Nato-Doppelbeschlusses gestanden haben, der erlaubte, mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen und Marschflugkörper in der BRD zu stationieren, wobei der Bundestag auf die Einflussnahme vor deren Einsatz verzichtete.

Angesichts der Proteste, der sich ausbreitenden Bürgerinitiativen und der sich daraus neu formierenden Friedensbewegung mit ihren massenhaft besuchten Demonstrationen, Sitzblockaden und Menschenketten stieß Waders Antikriegslied auf ein gewaltiges Echo. Während der Demonstrationen wurde es vom Lautsprecherwagen übertragen und bei Kundgebungen häufig von Musikgruppen gespielt und gesungen. Ich erinnere mich daran, dass wir bei unseren Beratungsstunden für potentielle Kriegsdienstverweigerer in der Evangelischen Studentengemeinde Hamburg zu Beginn immer Es ist an der Zeit abspielten und manche Besucher einige Verse leise mitsangen. Wie populär Waders Antikriegslied war und noch immer ist, zeigen die von 1981 bis 2014 herausgebrachten LPs und CDs, die Interpretationen anderer Liedermacher, u.a. von Reinhard Mey und die zahlreichen Konzerte Waders, u a. mit Konstantin Wecker, auf denen das Lied gesungen wurde.

Wie Bogles Text beginnt auch die erste Strophe von Wader mit einer fast idyllisch anmutenden Beschreibung eines Soldatenfriedhofs. Schrecken und Leid sind unter den Mohnblumen und den sich wiegenden Gräsern nur noch zu ahnen. Im Gegensatz zu Bogle, der den Soldaten, den er besingt, beim Namen nennt – Willie McBride -, übernimmt Wader nur das Todesjahr und das Alter des jungen Mannes. Das anonyme Kreuz, von dem Wader spricht, macht noch deutlicher, dass dieser Soldat stellvertretend für alle Soldaten steht.

Und er spricht den toten Soldaten an und klagt an: „uch dich haben sie schon genauso belogen, / So wie sie es mit uns heute immer noch tun“. Im Ersten Weltkrieg meldete sich ein großer Teil der jungen Männer freiwillig zum Kriegsdienst, weil sie an den versprochenen schnellen Sieg glaubten, das Wort von Kaiser Wilhelm II. noch in den Ohren: „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein!“ (zur Erinnerung: Der Kaiser unterschrieb die Kriegserklärung gegen Frankreich am 3. August 1914 – Weihnachten 1914 waren fast 300.000 deutsche Soldaten tot; vgl. auch die Interpretation zu Liederjahns Ein kleiner Frieden mitten im Krieg).

Denkt man an die von Bismarck zugespitzte Emser Depesche (Juli 1870), die als Herausforderung Frankreich zur Kriegserklärung veranlasste, an den inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz und Hitlers Rede am 1. September 1939 („Seit 5.Uhr 45 wird zurückgeschossen!“), an den „Tonkin-Zwischenfall“ (1. August 1964), der den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg rechtfertigen sollte, an die Unwahrheiten im Zusammenhang mit den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks, die die Bombardierung Bagdads und (ab März 2003) die Invasion durch die USA und Großbritannien auslösten, so scheinen Lügen, Provokationen und Manipulationen zum Krieg dazuzugehören – „wie sie es mit uns heute immer noch tun“.

Jahre zuvor hatte Bogle in No Man’s Land gefragt, ob alle toten Soldaten gewusst hätten, wofür sie gestorben sind und ob sie alles geglaubt hätten, was ihnen erzählt wurde: „Do all those who lie here know why they died? / Did you really believe them when they told you ‚The Cause‘? / Did you really believe that this war would end wars?“ Bei Wader wird aus der Anklage Trauer: „Und du hast ihnen alles gegeben: / Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.“

Mitfühlend fragt Wader in der zweiten Strophe, ob der junge Soldat je ein Mädchen geliebt hat, um dann zu vermuten, dass das sicherlich nicht der Fall gewesen sei, da nur dort, wo es „Frieden gibt“, „Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih’n“ können. An die Verrohung durch den Krieg denkend (vgl. 3. Strophe, 2. Vers), fragt Wader, ob der Soldat eine Vergewaltigung – wie häufig in eroberten Gebieten vorgekommen – begangen hat. Doch er hält unserem unbekannten Soldaten zugute, dass der zwar entschlossen dazu war, dann aber sich geschämt und nicht vergewaltigt hat.

Auch andere LiedermacherInnen haben sich mit dem Krieg auseinander gesetzt, wie z.B. die kanadische Komponistin und Musikerin Buffy Sainte-Marie (geb. 1941). Wie sehr es auf das Tun oder Nichttun eines Soldaten ankommt, stellt sie in ihrem 1964 erschienenen Lied Universal Soldier dar (fälschlicherweise häufig dem schottischen Liedermacher Donovan zugeschrieben):

But without him, how would Hitler have condemned them at Dachau?
Without him Caesar would have stood alone,
He’s the one who gives his body as a weapon of the war,
And without him all this killing can’t go on.

He’s the Universal Soldier and he really is to blame,
His orders come from far away no more,
They come from here and there and you and me,
And brothers, can’t you see,
This is not the way we put the end to war.

Das Mitte der 1960er Jahren entstandene Lied ist als indirekte Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung verstanden worden und nicht nur in pazifistischen Kreisen erfolgreich gewesen.

In einem weiteren inneren Dialog fragt Wader, ob der tote Soldat den Begründungen für den Krieg geglaubt hat und ob er seinen wirklichen Feind (die Regierung, die ihn in den Krieg schickte) nicht erkannt hat. Reinhard Mey (geb. 1942) gibt dagegen in seinem 1994 verfassten Lied Frieden eine deutliche Antwort darauf und beschreibt zugleich den ‚wirklichen Feind‘:

Wenn die Kriegsherrn im Nadelstreifen,
Die wahren Schuldigen geächtet sind,
Wenn Soldaten endlich begreifen,
Daß sie potentielle Tote sind.
Wenn von Politikerversprechen
Sich nur dieses erfüllt von all’n,
Wird eine bessere Zeit anbrechen,
Denn: »Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfall’n!

In der dritten Strophe hofft Wader, dass unserem Soldaten ein „sauberer Schuß“ traf, d.h. dass er gleich tot war und nicht lange leiden musste. Wader benennt die Gräuel und das Leid, denen die Soldaten im Krieg  ausgesetzt sind, wenn eine Granate „die Glieder zerfetzt“ und dann nur noch einzelne Gliedmaßen begraben werden, die Schwerverwundeten auf „ihren Beinstümpfen weiter gerannt“ sind und im Todeskampf nach ihrer Mutter geschrien haben.

Auch Mey beschreibt in der ersten Strophe seines Liedes Frieden das Elend und die Sinnlosigkeit eines Krieges:

Dein Bild in den Spätnachrichten,
Wimmernder, sterbender Soldat.
Eine Zahl in den Kriegsberichten,
Ein Rädchen im Kriegsapparat,
Für einen Schachzug zerschossen
Und für ein Planquadrat im Sand,
Für einen Wahn hast du dein Blut vergossen
Und immer für irgendein gottverdammtes Vaterland!

Der US-amerikanische Lyriker und Liedermacher Bob Dylan (geb. 1941) stellt in seinem 1962 geschriebenen Hit Blowin‘ in the Wind zwar kritische Fragen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly/ Before they are forever banned?“  (1. Strophe), „Yes, and how many ears must one man have / Before he can hear people cry?“, „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows / That too many people have died?“ (3. und letzte Strophe). Doch seine Antwort bleibt vage: „The answer, my friend, is blowin‘ in the wind / The answer is blowin‘ in the wind.“

Dagegen wusste der 1921 geborenen Schriftsteller Wolfgang Borchert (u.a. Autor des Heimkehrerdramas Draußen vor der Tür) kurz vor seinem Tod im November 1947 in seinem Manifest in Form eines Gedichtes Dann gibt es nur eins! die Antwort:

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Missisippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

Auch der Schriftsteller, Schauspieler, Trompeter und Chansonnier Boris Vian (1920 bis 1959) wusste 1954 eine Antwort auf die Frage, wie Kriege zu verhindern seien. Angesichts des Algerienkriegs und des Kolonialkriegs in Indochina ruft er in seinem Chanson Le déserteur (Monsieur le Président) zur Desertion und Befehlsverweigerung auf:

Ich will nicht provozier’n,
wenn ich ganz offen sage:
Der Krieg kommt nicht in Frage,
ich werde desertier’n! [4. Strophe]

Verweigert den Befehl,
kämpft nicht in ihren Kriegen,
glaubt niemals ihren Lügen,
der Frieden wär’ ihr Ziel! [10. Strophe]

Fragt Reinhard Mey 1980 „Wann ist Frieden, wann ist endlich Frieden?“ und antwortet, wenn Frieden ist, „ist das Elend vorbei und das Ende der Barbarei“ gekommen, hat Wolf Biermann auf seine Frage Wann ist endlich Frieden in dieser irren Zeit? (1980) nur eine pessimistische Antwort:

Die Welt ist so zerrissen
Und ist im Grund so klein
Wir werden sterben müssen
Dann kann wohl Friede sein.

Wader dagegen fordert, „für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein“ und warnt davor, noch einmal auf Lügen hereinzufallen, da „sonst bald niemand mehr lebt, der die Milliarden von Toten begraben“ könnte (ausgelöst durch den „overkill“ der in einem Weltkrieg eingesetzten Atombomben). Und hoffnungsvoll schließt er mit den Worten: „Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“

Georg Nagel, Hamburg

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Zwischen Resignation und Anklage: Das Aushebungslied „Wo soll ich mich hinwenden“

Wo soll ich mich hinwenden (Aushebungslied)

1) Wo soll ich mich hinwenden bei der betrübten Zeit*
   An allen Orten und Enden ist nichts als Krieg** und Streit
   Rekruten fanget man, so viel man haben kann;
   Soldat muss alles werden, sei einer Knecht oder Mann,
   Soldat muss alles werden, es sei Knecht oder Mann.

*  in einer anderen Version: in dieser schlechten Zeit.
** auch: Hass oder Kampf

2) Mit List hat man mich g’fangen, als ich im Bette schlief.
   Strickreuter* kam gegangen**, ganz leise auf mich griff:
   „Ei Bruder, bist du da? Von Herzen bin ich froh!
   Steh nur auf, Soldat mußt werden, das ist nun einmal so!“

*  berittener Soldat,
** auch: Da kam der Hauptmann gegangen

3) So bin ich nun gefangen, mit Eisen angelegt;
   Als wär‘ ich durchgegangen, so hat man mich belegt.
   Ach Gott, verleih‘ Geduld, ich bitt‘ um deine Huld!
   Mein Schicksal will ich tragen, vielleicht hab‘ ich’s verschuld’t.

4) Der König hat’s beschlossen, zu streiten für sein Land;
   viel‘ Kinder* werden erschossen durch der Feindlichen Hand.
   Das ist des Krieges Lauf: Rekruten hebt man auf,
   viel‘ tausend Kinder müssen ihr Leben geben drauf.

*  auch: Krieger

5) Dem König muß ich dienen, solang ich’s Leben hab‘;
   werd‘ ich einmal erschossen, wirft man den Leib ins Grab,
   allwo in einer Schicht – Ach Gott, erbarme dich! –
   viel‘ Kamerad‘* begraben; vielleicht betrifft’s auch mich.

*  auch: Brüder

6) Man hört Kanonen knallen, daß es die Luft erschallt;
   Viel tausend Brüder fallen, verlieren ihr‘ Gestalt,
   seufzen in ihrem Blut, das stromweis fließen tut,
   müssen den Geist aufgeben; o du unschuldig’s Blut!

7) „Ade, mein Vater und Mutter!“ „Ade, mein lieber Sohn;
   mußt dich zur Reis‘ begeben auf eine Festung zu,
   s’regiert jetzt in der Welt die Falschheit und das Geld;
   der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld.“

     [Aus dem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn der Folkgruppe 
     Zupfgeigenhansel, 1978.]

Zupfgeigenhansel hat dem im Großen Steinitz abgedruckten 12-strophigen Lied die Strophen 1 bis 6 entnommen und ihre 7. Strophe aus den ursprünglichen Strophen 7 und 8 kombiniert (s. auch Nachtrag Strophe 7 bis 12). Nicht bekannt ist, im welchen Jahr der Text der 12 Strophen entstanden ist. Für seine Entstehung geben manche Liederbücher an „aus dem 18.Jahrhundert“ bzw. „aus dem letzten Drittel des 18.Jahrhunderts“.

Ob die Melodie mit dem Schlemmerlied (auch Das tumbe Brüderlein) Wo soll ich mich hinkehren, ich tumbes Brüderlein übereinstimmt, ist umstritten. Dieses Lied wurde gemäß dem Lied- und Erzählforscher Heinz Rölleke „in manchen Umdichtungen geistlicher und politischer Art […] und erstmals in den ‚Bergreihen‘ 1535 und auch in Georg Forsters ‚Frische Teutsche Liedlein‘ I, Nürnberg 1540, überliefert“ (Das Große Buch der Volkslieder, Köln 1939, S. 94). Die dort abgedruckten Noten weisen nur eine geringe Ähnlichkeit mit der Melodie von Wo soll ich mich hinwenden auf. Dagegen ist die Verwandtschaft mit dem im Zupfgeigenhansl (hier 20. Auflage von 1921, S. 265) abgedruckten Schlemmlied offensichtlich, und auch im einigen Liederbüchern heißt es „Melodie Tumbes Brüderlein“ (z.B. 1912 in Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige und 1914 in Deutsche Soldatenlieder).

Interpretation

Das Lied handelt von einem offensichtlich jungen Mann, der als Soldat zwangsrekrutiert wird und sich Gedanken macht, wie es nun mit ihm weitergehen werden wird. Er ist sich klar darüber, dass im Krieg viele Soldaten sterben müssen. Er verabschiedet sich von seinen Eltern und verspricht seiner Liebsten, sie zu heiraten, falls er (heil) zurückkommt.

Im Einzelnen: Zu der Zeit, als das Lied im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand, war der Siebenjährige Krieg (1756–1763) gerade erst zu Ende gegangen. Preußen litt schwer an den Kriegsfolgen, es herrschte Hungersnot (die erst Jahre später mit Hilfe der aus Amerika eingeführten Kartoffel überwunden werden konnte).

Es ist nachzuvollziehen, dass das Sprecher-Ich in der ersten Strophe fragt, wo es sich angesichts des überall herrschenden Hasses (Kampfes, Krieges) und Streits hinwenden soll, um dem Soldatwerden zu entgehen. Eine gesetzliche Kriegsdienstverweigerung gab es nicht, und der Weg an die Küste, um per Schiff auszuwandern, barg die Gefahr, unterwegs geschnappt und rekrutiert zu werden. So ist anzunehmen, dass der junge Mann sich versteckt und gehofft hat, dass man ihn so schnell nicht finden würde. Er weiß, wie die Monarchen ihre Soldaten rekrutieren lassen: Wer sich nicht freiwillig meldet oder als Söldner anheuern lässt, der wird zwangsrekrutiert: „Rekruten fanget man“, denn „Soldat muß alles werden, es sei Knecht oder Mann“. Und ein neuer, der Österreichische Erbfolgekrieg 1778–1789, (Preußen gegen Österreich, das sich Bayern einverleiben will) steht bevor.

So ist er eines Nachts, als er (fest) schlief, auch tatsächlich von einem Hauptmann ausgehoben worden (vgl. Untertitel „Aushebungslied“), der ihn mit „Ei Bruder“ kumpelhaft begrüßt, „von Herzen froh“ ist, ihn endlich zu fassen und ihm lapidar erklärt: „Soldat mußt du nun werden, das ist nun einmal so!“

Resignierend bedauert der Sprecher in der 3. Strophe, dass er gefangen und in Ketten gelegt wurde. Er hat sich ohne Gegenwehr und Fluchtversuch gefangen nehmen lassen und beklagt sich darüber, dass man ihn wie einen Verbrecher gefesselt hat. Äußerlich hat er sich damit abgefunden, doch er bittet Gott um Geduld, damit er keinen Befreiungsversuch unternehmen möge, womöglich, falls der Versuch scheitern sollte, mit schlimmen Folgen. Auch bittet er Gott um Huld, dass der ihm als Soldat wohlgesonnen sein möge. Denn er befürchtet (5. Strophe), dem König so lange dienen zu müssen, wie er am Leben bleibt. Er fürchtet den Tod und in einem Massengrab („allwo in einer Schicht“) begraben zu werden wie (voraussichtlich) „viel‘ Kamerad‘“.

Während das Sprecher-Ich in den Strophen 2, 3 und 5 von sich und seinen Befürchtungen erzählt hat, sinniert es in der 4. und 6. Strophe allgemein über den Krieg. Die Menschen sind nicht gefragt worden, ob sie Krieg führen wollen; der König beschließt und seine Untertanen müssen gehorchen (hier eventuell ein Untertan des preußischen Königs Friedrich II.). Und es sieht so aus, als wenn der Dichter bereits Soldat gewesen wäre und seine Erfahrungen gemacht hat: vom Ausheben, der Zwangsrekrutierung der Männer, bis zum Sterben vieler tausend (Landes-)Kinder (in einer anderen Version: Brüder). Seine Kameraden (hier Brüder genannt) haben wie er die Kanonen nicht nur knallen hören, sondern auch erlebt, was sie anrichten können: vom Wunden schlagen bis hin zum massenhaften Töten. Bereits 1733 hatte König Friedrich-Wilhelm I. („Soldatenkönig“) das „Kantonsytem“ in Preußen eingeführt, danach wurde Preußen in sogenannte “Enrolierungskantone“ eingeteilt, aus denen die Rekruten regimentsweise ausgehoben wurden.

Wo soll ich mich hinwenden_1Wo soll ich mich hinwenden_2

Werbung von Rekruten für die Befreiungskriege

In einer anderen Version ist es der Kaiser, der beschlossen hat, in fremdes Land zu ziehen. Das deutet darauf hin, dass der junge Mann ein Untertan des österreichischen Kaisers war. Doch da das Lied in vielen Teilen Deutschlands verbreitet war (in den Liederbüchern werden verschiedene Regionen genannt: Franken, Hessen, Lothringen, Tirol, Sudetenland, Altmark u.a.), ist es woanders der König oder der Fürst. Wenn es in den Krieg ging, im Kabinett die Kriegsziele behandelt wurden (sogenannte Kabinettskriege, wie sie vielfach im 18. Jahrhundert üblich waren), dann wurden überall Männer rekrutiert. Die Monarchen, gedanklich noch im Absolutismus befangen, sahen die Untertanen als persönliches Eigentum an, die auch als Siedler oder Soldaten an andere Herrscher oder Staaten verkauft werden konnten.

In der „Kaiserstrophe“ beklagt der Dichter, dass viele Tausend ihr Leben lassen müssen und es Unschuldige trifft (ähnlich wie in der o.a. 6. Strophe), während die Regenten bei gewonnenen Kriegen zu Ruhm und Ehre kommen und vor allem zu neuen Ländern (vgl. Friedrich II., „der Große“, nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg: Schlesien und nach dem Siebenjährigen Krieg: Sachsen): „Das ist der Kriege Lauf, Regenten steigen auf / vieltausend von uns müssen ihr Leben geben drauf.“

Hier ist ähnlich wie bei den Strophen 8 bis 12 (s. Nachtrag) zu erkennen, dass das Lied mehrere Verfasser hatte und auf den Fliegenden Blättern in verschiedenen Versionen existierte bis schließlich 1855 alle Strophen vom Liedersammler Ditfurth zusammengefasst wurden (s. Rezeption).

Mit einem „Ade“ verabschiedet sich der junge Mann in der 7. Strophe von seinen Eltern, die ihm ebenfalls ein ‚Geh mit Gott‘ wünschen („Ade, mein lieber Sohn“). Auch die Eltern haben sich damit abgefunden, dass ihr Sohn Soldat werden muss. Sie meinen, dass in der Welt nur „die Falschheit und das Geld“ regiert und aus Erfahrung wissen sie, dass (nur) der Reiche sich helfen kann (sprich: sich dem Wehrdienst entziehen kann), wogegen der Arme ins Feld muss. Und heute noch werden entgegen dem UN-Fakultativprotokoll vom 12. Februar 2002 zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten massenhaft sogar Kinder (gemäß UN-Kinderrechtskonvention Jugendliche unter 18 Jahren) in Myanmar, Syrien, Kolumbien oder Somalia, Uganda, Kongo und anderen afrikanischen Staaten oder vom „Islamischen Staat“ (IS) zum Kriegsdienst gepresst.

Vor 1814 (Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen) konnten sich Söhne adeliger Eltern, sofern sie nicht Offiziere werden wollten, ebenso freikaufen wie reiche Bauern sich oder ihre Söhne. Derartiges Freikaufen war in vielen Ländern gängige Praxis. Noch fast hundert Jahre später, nämlich im spanischen Marokkokrieg 1909, konnten sich Reiche mit 6.000 Reales „einen Vertreter beschaffen, was jenseits der Möglichkeiten der Arbeiter lag(Wikipedia). Nicht freikaufen dagegen konnten sich die Männer aus Polen, Belgien, Luxemburg und anderen Staaten, die entgegen Artikel 45 der Haager Landkriegsordnung im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zum Wehrdienst oder zum Dienst in der Waffen-SS (NS-Erlass vom 22. Aug. 1942) gezwungen wurden. Und noch heute besteht in der Türkei die Möglichkeit des Freikaufs vom Wehrdienst für die im Ausland lebenden Türken, dabei ist nach dem Aktionsplan der 64. Regierung im Dezember 2015 der Betrag des Freikaufs von 6.000 auf 1.000 € gesenkt worden (vgl. deutsch-türkisches journal online, 10.12.2015).

Rezeption

Das Lied wurde nach seiner Entstehung im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und etwa bis 1830 mithilfe Fliegender Blätter verbreitet. Häufig waren dem ursprünglichen Lied mit sieben oder acht Strophen die Strophen neun bis zwölf (s. Nachtrag) hinzugefügt worden, vermutlich um die Zensoren bereits mit dem Hinweis „Abschiedslied“ von der der Brisanz der Strophen eins bis acht abzulenken. Häufig fehlten die Zeilen „‘s regiert in der Welt die Falschheit und das Geld; / der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ aus Vorsichtsgründen „offenbar vom Verleger weggelassen oder von den Zensoren gestrichen“ (Steinitz, S. 338). Doch in den Befreiungskriegen, als Tausende sich freiwillig meldeten, verlor das Lied seine Aktualität; dazu beigetragen hat sicherlich auch die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht 1814, obwohl noch bis 1830 Fliegende Blätter mit dem Lied in diversen Versionen erschienen sind (Steinitz berichtet von 19 Fassungen, die er im Freiburger Deutschen Liederarchiv vorfand, S. 337). 1812 erschien ein Fliegendes Blatt mit einer Umdichtung: Im ersten Vers lautet nun die 2. Zeile „An allen Orten und Ländern führt Napoleon Kampf und Streit“; im 4. Vers heißt es „Napoleon hat beschlossen, zu kriegen in Russland“ und weiter „Und viele deutschen Brüder müssen geben ihr Leben drauf.“

Bis 1855 sind keine Veröffentlichungen in Liederbüchern bekannt. 1855 brachte der Dichter und Liedersammler F. W. von Ditfurth (1821-1880) die Fränkischen Volkslieder, Teil II: Die weltlichen Lieder mit 12 Strophen des Liedes heraus. Seit dieser Veröffentlichung ist das Lied im Vergleich zu anderen Volksliedern, aber auch im Verhältnis zu anderen Soldatenliedern, nur in wenigen Liederbüchern erschienen. Bis zum Jahr 1907 (Historische Volkslieder und Zeitgedichte vom 16 bis 19. Jahrhundert mit 7 Strophen) ist vor der Jahrhundertwende hauptsächlich die bedeutende Liedersammlung Deutscher Liederhort III von Erk/Böhmer (1894) mit 12 Strophen zu erwähnen.

Mit Ausnahme von Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige (1912) ist das Aushebungslied in keinem Liederbuch der Wandervogelbewegung enthalten. Dagegen taucht es 1914 und 1915, allerdings nur mit 5 bzw. 3 Strophen in Soldatenliederbüchern auf, und zwar 1914 in Deutsche Soldatenlieder, ohne die Strophe mit der Zeile „der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ und 1915 in Das deutsche Soldatenlied. Im Krieg ist das Lied „kaum noch gesungen worden“ (Wilhelm Schumacher, Leben und Seele unseres Soldatenliedes im Weltkrieg, 1928, S. 231).

Ein Lied mit der Anfangszeile „Wo soll ich mich hinwenden in der betrübten Zeit“ passte den Nationalsozialisten nicht in ihre „Zeit der nationalen Erhebung“ bzw. „Erneuerung“. So nimmt es nicht Wunder, dass es in kein einziges NS-Liederbuch aufgenommen wurde. Laut Schendel-Archiv (deutscheslied.com) ist es in der Zeit bis 1945 nur in Volkslieder des rumänischen Banats (1935) und in Deutsches Lied der Sudetendeutschen (1938) vertreten.

In den meisten der wenigen nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbücher mit dem Lied sind nur die Strophen 1, 2 und die obige 7. Strophe enthalten. Die erste Ausgabe nach 1945 ist 1957 die Liedersammlung Ludolf Parisius und seine altmärkischen Volkslieder (um 1850), neu herausgegeben von der Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann. 1965 folgte eine Neuauflage des Ditfurth-Buches von 1872, Deutsche Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 18. Jahrhunderts, und danach 1972 Lieder gegen den Tritt. Politische Lieder aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von der Publizistin Annemarie Stern. Anhänger der Folkmusik kennen das Lied seit 1975 durch Hannes Waders Album Volkssänger (und bis 2000 durch fünf weitere Alben mit dem Lied, jeweils nur mit 3 Strophen, s. Video), durch Hein und Oss Kröher (Doppel-LP Auf der großen Straße, 1977 mit dem Titel Der Arme muß ins Feld) und/oder durch Live-Auftritte von Wader, den Gebrüdern Kröher, der Gruppe Zupfgeigenhansel oder auch aus ihrem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn 1978 (7 Strophen).

Im Liederbuch mit der höchsten Auflage, Die Mundorgel, (bis 2013 10 Millionen Druck- und 4 Millionen Notenauflage) ist es ebenso wenig enthalten wie in den bedeutenden Liedsammlungen der Liederforscher Ernst Klusen, Heinz Rölleke oder Brederich/Röhrich/Suppan wie in den auflagestarken Liederbüchern Das Volksliederbuch (Weltbildverlag), Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann, 1993) oder im Insel Taschenbuch Alte und neue Lieder mit ihren Weisen (4. Auflage 1979) und in anderen Lieder-Taschenbüchern der Verlage Reclam, Fischer, Heyne oder Moewig. Dagegen taucht es jedoch seit 1977 in der weitverbreiteten Liederkiste mit 12 Strophen auf, sowie 1981 in der Sammlung Lieder der Arbeiterbewegung der Büchergilde Gutenberg.

In den meisten Liederbüchern der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung ist Wo soll ich mich hinwenden nicht zu finden mit Ausnahme des Liederbuchs der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1985) und des Liederbocks (Verband Christlicher Pfadfinder, 1990).

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag

Die folgenden Strophen stammen ursprünglich aus den Fränkischen Liedern von Ditfurth  (s. o.). Sowohl der Große Steinitz (S. 336 f.) als auch die Liederkiste haben sie übernommen. Während die 8. Strophe in den ersten zwei Zeilen eine Variante der 7. ist (ähnlich auch Strophe 11 und 12), weisen die Zeilen 5 bis 8 eine Brisanz auf, die die Zensoren aktiv werden ließ. Betrachtet man die Verse 9 bis 12, wird verständlich, warum das Lied auch als Abschiedslied bezeichnet wurde und sie als später hinzugefügt angesehen werden.

7) „Adje nun, Vater und Mutter. Adje, mein lieber Freund!
Muß mich zur Reis‘ begeben, zur Residenz noch heut‘.
Der Himmel schütze euch! Wenn ich im Felde bleib‘
betet für meine Seele, daß sie komm‘ ins Himmmelreich!“

8) „Ach Vater, Schwester, Bruder, stellt euer Weinen ein!
Es kann nichts anders helfen, Soldat muss ich jetzt sein.
’s regieret in der Welt, die Falschheit und das Geld;
Der Reiche kann sich helfen, der Arme muss ins Feld“.

9) Der Vater weint um seinen Sohn, die Mutter um ihr Kind;
das Weib bedauert ihren Mann, weil sie geschieden sind;
Die Schwester um den Bruder, die Kinder um den Vater;
das ist ein Lamentieren, daß man nicht hören kann.

10) „Mein Schätzchen steht von weiten, schaut mich ganz traurig an;
ich sag es allen Leuten, was sie mit Gut’s getan.
Ob ich gleich fortmarschier‘, bleibt doch mein Herz bei dir
und bis zum Tod ergeben, gib mir das dein‘ dafür!“

11) „Noch ein Kuss wirst geben zum Zeugnis meiner Treu;
Ich geb‘ dir zwei dagegen und liebe dich aufs Neu.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich einst wiederkomme, gewiss ich heirat‘ dich!“

12) „Man hört die Vöglein singen, die liebliche Musik;
Ich wünsch‘ vor allen Dingen ein angenehmes Glück.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich zu Hause komme, gewiss heirat‘ ich dich!“

Friede auf Erden. Liederjan: „Ein kleiner Frieden mitten im Krieg“

Liederjan_Ein kleiner Frieden mitten im Krieg

Liederjan

Ein kleiner Frieden mitten im Krieg

Der Kaiser unterschrieb die Kriegserklärung,
für Tausende aber den Totenschein.
Er sagte: „Ehe die Blätter fallen,
werdet ihr wieder zu Hause sein“.
Doch der Krieg, der hatte sich fest gebissen,
kilometerweit in die Erde gegraben.
Granaten taten ihr dreckiges Werk,
und Soldaten froren und starben.
Doch am vierundzwanzigsten zwölften
sollte alles anders sein:
Eine sonderbare Stimmung
ergriff die verfeindeten Reih’n.

Die Waffen schwiegen im Niemandsland,
und es klang für alle gut:
Comrades, Camerades, Kameraden,
We not shoot, you not shoot!

Es wurden Weihnachtslieder gesungen,
ein bisschen war es wie zu Haus.
Ein paar Witze wurden rüber gerufen,
hier und da gab es fürs Singen Applaus.
Es wurden Kerzen aufgestellt
hüben wie drüben am Grabenrand.
Konnte man den anderen trauen,
war das alles viel zu riskant?
Schließlich wagte sich der erste Mann
aus dem schützenden Unterstand.
Dann kam einer von der anderen Seite
Und man reichte sich die Hand.

Die Waffen schwiegen […]

Nun dauerte es nicht mehr lange
und tausende verließen die Gräben.
Sie scherzten und lachten hin und her
und freuten sich am Leben.
Sie tauschten Tabak, Schokolade und Bier
und zeigten sich Fotos von Frau und Kind,
sie spielten Fußball und es war klar,
dass die Andren so anders nicht sind.
Doch schon bald war die gute Zeit vorbei,
wieder schoss man von beiden Seiten.
Doch es blieb eine Ahnung von Brüderlichkeit,
von friedlichen, besseren Zeiten.

Dann schweigen die Waffen im Niemandsland
und es klingt für alle gut:
Comrades, camarades, Kameraden!
We not shoot – you not shoot!

     [Liederjan: 40 Jahre - sowieso. 2015.]

Über den Frieden gibt es viele Songs, meistens verbunden mit dem Wunsch nach Frieden: Give peace a chance (John Lennon), Gebt uns endlich Frieden (Georg Danzer, Frieden), Wann ist Frieden, endlich Frieden (Reinhard Mey, Frieden). Zufrieden ist man schon mit einem kleinen Frieden (Rolf Zuckowski), einem einfachen (Gisela Steineckert) oder gar mit ein bisschen Frieden (Nicole). Einen kleinen Frieden besonderer Art, zu dem es tatsächlich mitten im Krieg 1914 kam, besingt Liederjan auf ihrer neuen CD.

Jörg Ermisch, vor 40 Jahren einer der Gründer der mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichneten Folkgruppe Liederjan hat – angeregt durch die Fernseh-Reihe 100 Jahre Erster Weltkrieg und durch das Buch des Journalisten Michael Jürgs Ein kleiner Frieden im Großen Krieg – den Text von Ein kleiner Frieden mitten im Krieg geschrieben. Darin hat er in komprimierter Form die Ereignisse an einigen Abschnitten der Westfront zusammengefasst, die als „Weihnachtsfrieden 1914“ in die Geschichte eingegangen sind. Die weihnachtlich anmutende Melodie – passend zum Text – hat die seit 2004 bei Liederjan hauptberuflich tätige Musikerin Hanne Balzer komponiert, früher mit der Tuba bei Lauter Blech (Bremen) und nun nebenberuflich bei Tuten und Blasen (Hamburg). Der Dritte im Bund ist der 2009 hinzugekommene Michael Lempelius, der wie Ermisch und Balzer eine Vielzahl von Instrumenten spielt, hier die Tin Whistle und die Mandola.

In den ersten Jahren interpretierte Liederjan bekannte Volkslieder und auch fast verschollene Lieder aus fünf Jahrhunderten, die die Gruppe im Deutschen Volksliederarchiv Freiburg fand (seit 1994 umbenannt in Zentrum für populäre Kultur und Musik). In den vergangenen Jahrzehnten kamen immer mehr eigene Texte und Kompositionen hinzu. Ihre neue CD (von bisher insgesamt 24) 40 Jahre – Sowieso mit der Nr. 4 Ein kleiner Frieden mitten im Krieg enthält fast nur eigene Lieder.

„Der Kaiser“ (Wilhelm II.) „unterschrieb die Kriegserklärung“ gegen Frankreich(am 3. August 1914) und, wie der Liedtext fortführt, damit „für Tausende de[n] Totenschein“. Tausende steht hier für die kaum fassbare Zahl von 300.000 toten deutschen Soldaten in den ersten fünf Monaten an der Westfront (zum Vergleich: so viel wie alle Einwohner von Münster oder Karlsruhe).

Einen Tag später waren deutsche Truppen völkerrechtswidrig in das neutrale Belgien einmarschiert, um wie 1871 schnell auf Paris „durchzustoßen“. Doch der erbitterte Widerstand der Belgier und Franzosen, zu denen noch seit dem Kriegseintritt Großbritanniens Mitte August die British Expeditionary Force stieß, brachten den von deutscher Seite als Bewegungskrieg geplanten Vormarsch bald zum Stehen. Nach den Schlachten an der Marne und Aisne kam es zum Stellungskrieg mit Schützengräben von der Nordseeküste bis an die Voralpen. Trotz heftiger Kämpfe gab es kaum einen Raumgewinn einer Seite – „Der Krieg, der hatte sich festgebissen.“

Spätestens Mitte Dezember wurde es den deutschen Soldaten klar, was sie von dem Versprechen Kaiser Wilhelms II. „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein“ zu halten hatten – im Lied poetisch umschrieben: „Ehe die Blätter fallen, werdet ihr wieder zu Hause sein.“ Bis dahin waren an der Westfront auf beiden Seiten bereits fast 800.000 Soldaten getötet worden, bedingt durch die Industrialisierung des Krieges: den Einsatz von Artilleriesalven und Schrapnellgranaten, Tanks, Maschinengewehren, Flammenwerfern und Spitterhandgranaten – „Die Granaten taten ihr dreckiges Werk.“

Seit Anfang Dezember kam es an ganzen Abschnitten der Front an manchen Tagen zu stundenlangen Regenfällen. Die durch Granaten entstandenen trichterartigen Löcher wurden ebenso schlammig wie die Schützengräben. So ließ bereits vor Weihnachten die Kampfintensität nach; die Soldaten auf beiden Seiten hatten zeitweise genug damit zu tun, das Wasser aus den Schützengräben zu schöpfen, sich zu entlausen und die Ratten zu bekämpfen. Als sich die Weihnachtstage näherten, flauten die wochenlang erbittert geführten Kämpfe als Folge der Regenfälle und der damit verbundenen Schlammmassen weiter ab. Beide Seiten besserten ihre auf Rufweite liegenden Schützengräben aus und an einigen Abschnitten der Front, hauptsächlich – so die britischen Quellen – auf rund 2/3 der von den Britischen Expeditionary Force gehaltenen 30 Meilen der Westfront (The Guardian, 24.12 01, „When Peace brokes out“ nach Tagebuchaufzeichnungen und Feldpostbriefen) kam es zu kurzen Feuerpausen. Und das, obwohl von den kriegsführenden Mächten der Appell von Papst Benedikt XV. Allerheiligen 1914, an Weihnachten die Waffen schweigen zu lassen, ignoriert wurde und von den Heeresleitungen sogar für etwaige Fraternisierungen Strafen angedroht wurden. Dass es trotzdem an einigen Stellen der Front zum „kleinen Weihnachtsfrieden“ kam, ging nicht von den Offizieren, sondern von sogenannten einfachen Soldaten aus.

Doch am vierungzwanzigsten zwölften
sollte alles anders sein:
Eine sonderbare Stimmung
ergriff die verfeindeten Reih’n.

Am 24.12. kam hinzu, dass beide Seiten kampfesmüde waren und die deutschen Soldaten lieber die Kerzen an den von der Generalität an die Front geschafften kleinen Weihnachtsbäume ansteckten und die britischen Soldaten ihren aus der Heimat gelieferten geliebten Plumpudding aßen. Und wie es im Lied weiter heißt: „Es wurden Weihnachtslieder gesungen, / ein bisschen war es wie zu Haus/ […] hier und da gab es fürs Singen Applaus“. Tatsächlich wird in Tagebüchern berichtet, dass als deutsche Soldaten Stille Nacht sangen, es von britischer Seite Beifallsrufe gab und als Antwort das alte britische Weihnachtslied O Come, Ye All Faithful gesungen wurde. Da viele Deutsche die Melodie aus den Weihnachtsgottesdiensten kannten, fielen sie ein: Herbei nun, ihr Gäub‘gen, wobei einige Katholiken auch den lateinischen Text Adeste fideles sangen. Hierzu passend hat Balzer die ersten Takte von Adeste fideles als Zwischenspiel zur Verbindung der einzelnen Strophen verwendet.

Danach wurden auf deutscher Seite einige Weihnachtsbäume auf die Brustwehr und auch – so zutreffend das Lied – „Kerzen aufgestellt / hüben wie drüben am Grabenrand“. In holprigem Englisch wurden Schilder gezeigt, auf denen zu lesen stand: „We not shoot, you not shoot“. Nach anderen Quellen wurde es gerufen (vgl. „und es klang gut: Comrades, Camerades, Kameraden“), worauf, von welcher Seite zuerst auch immer, Soldaten zunächst zögernd – „Konnte man den anderen trauen, / war das alles viel zu riskant?“ – aus ihren Schützengräben kamen, dann aufeinander zugingen und sich „Merry Christmas“ und „Frohe Weihnachten“ wünschten. „Sie scherzten und lachten hin und her / und freuten sich am Leben.“ Sie „zeigten sich Fotos von Frau und Kind,“ es wurden Fotos gemacht und es kam zu einem kleinen Tauschhandel: „Sie tauschten Tabak, Schokolade und Bier.“

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Deutsche und britische Soldaten fraternisieren im Niemandsland, Weihnachten 1914

Es sind dann auch Offiziere dazu gekommen, die für die Feiertage einen Waffenstillstand vereinbarten, um die im Niemandsland liegenden Toten zu beerdigen.

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Bergen der Toten am 1.Weihnachtstag 1914; Britische und deutsche Offiziere im Niemandsland beobachten das Bergen der Toten.

Während am größten Teil der Front weiter geschossen wurde, kam es an einigen Frontabschnitten zum Bergen und Begraben der Toten und zu einem gemeinsamen Totengedenken – nach englischen Quellen, auf die sich Jürgs bezieht, mit der Ansprache eines schottischen Kaplans und dem Rezitieren des 23. Psalms von einem deutschen Studenten: „Der Herr ist mein Hirte, mir soll nichts mangeln […] Du bereitest vor mir einen Tisch im angesichts meiner Feinde […] und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Nach anderen Quellen hielt ein sächsischer Kaplan die Predigt und ein Engländer sprach den Psalm „The Lord is my shepherd“. Diese belegten Totenfeiern sind örtlich nicht zuzuordnen; es dürften beide Versionen zutreffen, da es an verschiedenen Frontabschnitten zu gemeinsamen Totenfeiern kam, z.B. bei Diksmuide (nördlich von Ypern) und laut Jürgs „das wohl größte Joint Burial […] bei Fleurbaix“ (südöstlich von Armentières).

An verschiedenen Frontabschnitten ist es sogar, wie britische und deutsche Soldaten in Briefen berichten, zu Fußballspielen gekommen, z.B. bei Wulvergem und Frelinghien (Nähe Armentières). Mal wurde mit, mal ohne Schiedsrichter gespielt; häufig war es ein Gekicke, selten mit einem Lederball, in den meisten Fällen mit improvisierten Bällen, z.B. mit Dosen oder mit Draht umwickelten Strohkugeln oder kleinen Sandsäcken. Die Tore wurden durch Mützen und Pickelhauben dargestellt. In einigen Berichten siegten die Briten, in den anderen die Deutschen. Ein Engländer schrieb nach Hause, „the Fritzens beat the Tommies“, aber er sei nicht sicher, ob es daran gelegen habe, dass ein Deutscher den Schiedsrichter gemacht habe.

Jedoch kam es nicht darauf an zu gewinnen: „[S]ie spielten Fußball und es war klar, / dass die Andren so anders nicht sind.“

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Freitag, 25. Dezember 1914

Längst nicht überall wurde der ausgehandelte kurze Waffenstillstand eingehalten. The Guardian berichtet von einem britischen Soldaten der ins Niemandsland ging, um deutschen Soldaten Zigaretten anzubieten, da wurde er von einem deutschen Scharfschützen erschossen. Ein deutscher Offizier entschuldigte sich darauf bei den Briten.

Während belgische Soldaten mit derartigen temporären Verbrüderungen äußerst zurückhaltend waren, kam es vereinzelt auch an der deutsch-französischen Front zum Austausch von Geschenken und zu gemeinsamem Trinken von Wein und Bier. Die Teilnehmer des Weihnachtsfriedens wurden nicht disziplinarisch bestraft, jedoch wurden einige Gruppen versetzt oder von der Front vorübergehend abgezogen. Auf alliierter Seite wurde ein Befehl erlassen, nachdem für die nächsten Weihnachtstage jede Fraternisierung mit den Deutschen als Verrat bezeichnet und vor das Kriegsgericht kommen würde. Auf deutscher Seite lautete der Befehl: „Das Fraternisieren und überhaupt jede Annäherung an den Feind im Schützengraben ist verboten!“ Zugleich wurde mit dem Kriegsgericht gedroht.

Doch schon bald war die gute Zeit vorbei,
wieder schoss man von beiden Seiten.
Doch es blieb eine Ahnung von Brüderlichkeit,
von friedlichen, besseren Zeiten.

Und der Krieg nahm neue Formen an: Noch Weihnachten 1914 kam es erstmalig zu einem gleichzeitigen Angriff mit Schiffen und Flugzeugen; zerstört werden sollten die Zeppelinhallen in Cuxhaven, um so einem drohenden Luftangriff des Deutschen Kaiserreichs auf das Vereinigte Königreich zuvorzukommen. Ende April 1915 setzten die Deutschen erstmalig Giftgas ein; Gasangriffe der Alliierten folgten. Wer zuerst völkerrechtswidrige DumDum-Geschosse (Patronen mit abgefeilter Spitze) einsetzte, ist nicht eindeutig geklärt worden.

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Giftgaslager in einem belgischen Wald; Frontsektor nach einem Giftgasangriff

Noch im Dezember 1914 und Anfang Januar 1915 wurde in britischen überregionalen und lokalen Zeitungen auf der ersten Seite, häufig mit einem Foto, ausführlich über den Weihnachtsfrieden berichtet, u.a. mit der Schlagzeile „Ein Triumph der Menschlichkeit“. Nur wenige deutsche Zeitungen nahmen die Geschehnisse auf: Es gab nur kurze Meldungen, häufig auf den hinteren Seiten. Während in den britischen Kriegsberichten der diversen Einheiten längere Beschreibungen der Ereignisse zu finden sind, tauchen Informationen darüber in deutschen Berichten nur spärlich oder überhaupt nicht auf.

Waffenstillstände und kurzfristige Feuerpausen ohne Fraternisierungen gab es Weihnachten 1914 an mehreren Abschnitten der Westfront. Im Flanders Field Museum in Ypern sind auf einer Karte zehn „Weihnachtsfrieden“ verzeichnet. Von der Nordseeküste (Nieuwpoort) bis zu den Ausläufern der Alpen (La Bassée) auf rund 110 km (insgesamt betrug die Frontlinie der Westfront rund 700 km), schwiegen abschnittsweise (insgesamt auf rund 50 km) die Waffen, von Diksmuide (rund 20 km vom Ärmelkanal) bis Ploegsteert (nördlich von Armentières), vom 24. bis 26. Dezember 1914, an wenigen Stellen bis Anfang Januar 1915. An den meisten Frontabschnitten gingen, ungeachtet des Weihnachtsfestes, die Kämpfe weiter.

Unklar ist, wie viele Soldaten an den Weihnachtsfrieden teilgenommen haben. Die vorwiegend von britischer Seite geschätzte Zahl von rund 100.000 dürfte weit übertrieben sein, denn dann hätten an den 10 belegten Frontabschnitten durchschnittlich 10.000 Soldaten teilnehmen müssen, was unwahrscheinlich ist. Sicherlich waren es einige Tausend bis Zehntausend, die den „kleinen Frieden“ erleben durften.

Bis zum Ende des Krieges gab es an allen Fronten über 10 Millionen tote Soldaten, davon mehr als 1,7 Mio Deutsche, 1,4 Mio Franzosen, 800. Tsd. Briten, 23 Mio Verwundete, 7 Mio Vermisste und rund 8 Mio tote Zivilisten (vgl. N24: Der Erste Weltkrieg, Sendung vom 5.12.2015). Angesichts dieser Opferzahlen erscheint „Ein kleiner Frieden mitten im Krieg“ Weihnachten 1914 wie ein Märchen. Als ‚eine sonderbare Stimmung die verfeindeten Reih’n ergriff und die Waffen im Niemandsland schwiegen‘.

Sir Arthur Conan Doyle (Schöpfer der Romanfigur Sherlock Holmes) nannte den Weihnachtsfrieden in einem 1915 veröffentlichten Buch „eine menschliche Episode inmitten all der Grausamkeiten des Kriege“, „einen Akt der Menschlichkeit in einem unmenschlichen Krieg“.

Georg Nagel, Hamburg

Quellen und weitere Medien:

Spielfilm Oh, what a lovely War. Produktion: Großbritannien (nach dem gleichnamigen Musical 1964), 1969 Regie: Richard Attenborough, Auszug (5 Min.).

BBC Dokumentation Peace in No Man’s Land, 1981, mit dem Begleitbuch des englischen Historikers Malcolm Brown We not shoot you not shoot nach der als Standarddarstellung angesehenen Studie Christmas Truce von Malcolm Brown und Shirley Seaton.

The Heritage oft the Great War, First World War 1914 -1918; Blog von Bob Ruggenberg seit 1994, letzte Eintragung 14. 11. 2015.

The Guardian Online, 24.12.2001, When Peace broke out.

Michael Jürgs, Der kleine Frieden im großen Krieg, Westfront 1914. Als Deutsche, Briten und Franzosen gemeinsam Weihnachten feierten. Bertelsmann, 2003, Merry Christmas: Der kleine Frieden mitten im Krieg, Goldmann, 2005.

Spielfilm Merry Christmas, 2005, frz., engl., dt., belg., rumän. Co-Produktion, Regie: Cristian Carion (nach seinem gleichnamigen Buch).

NDR Kultur, Interview mit Michael Jürgs vom 22.12.2014.

Deutsche Welle online, Bericht vom 24.12.2014, Birgit Görtz, Der Weihnachtsfrieden von 1914 ahlreiche Artikel online, speziell zu Weihnachten 2014, z. B. Spiegel, Stern, FAZ, Süddeutsche, Rheinzeitung.

Youtube: diverse Videos, Ausschnitte aus den Filmen, nachgestellte Videos, einzelne mit Originalfotos.

„Das Fotoalbum oder die Gitarre“ – Zu Die Braut haut ins Auge: „Was nehm ich mit (wenn es Krieg gibt)?“ (1995)

Die Braut haut ins Auge

Was nehm ich mit?

Die Sirenen heulen, der Himmel ist feuerrot.
Ich lieg im Bett und wünschte, ich wär' tot. 
Nein, doch nicht gerade jetzt, denke ich entsetzt
und ziehe das Kissen übers Gesicht, doch auch das hilft mir nicht.
Draußen auf der Treppe hör ich ein Gepolter 
wie das Ende der Welt, nur noch viel lauter. 
Und die Frage aller Fragen, um die alles kreist, 
ist das, was ich nicht weiß:

Was nehm ich mit, wenn es Krieg gibt?

Das Fotoalbum oder die Gitarre
oder ziehe ich alle Lieblingssachen übereinander?
Wo ist der letzte Brief meiner Mutter geblieben? 
Auch die Schmuckschatulle kann ich nicht finden 
Das Telefon funktioniert nicht mehr,
also muß ich ganz, ganz schnell überlegen,
wer in der Nähe wohnt, der mir etwas bedeutet. 
Und zum ersten mal hab ich bereut,
dass ich alleine wohnen wollte.

Was nehm ich mit, wenn es Krieg gibt?

Jetzt ist es zu spät und ohne irgendwas 
renne ich auf die Straße, mein Gesicht ist nass 
Und zielstrebig laufe ich zur Autobahn, 
während irgendwo die ersten Bomben runterfallen 
Ich werde mein Leben ändern, jetzt sofort! 
Alles ist falsch, ich fange an von vorn 
Bei den Elbbrücken spüre ich einen heftigen Schmerz 
Ein Granatsplitter trifft mich mitten ins Herz 
Links von mir seh ich einen brennenden Schuhkarton, 
der aussieht wie ein Auto, so, das hab ich nun davon, 
wenn ich mir vorher nicht mal überlege, was ich mach 
Und während ich sterbe, denke ich noch:

Was nehm ich mit, wenn es Krieg gibt?

     [Die Braut haut ins Auge: Was nehm ich mit? BMG Ariola 1995]
Was kriegt man, wenn man Lassie Singers und Wir sind Helden kreuzt? Vermutlich Die Braut haut ins Auge, eine formidable, leider nicht mehr existente Band um Bernadette La Hengst. Sie sollten auf jeden Fall zu diesem Nullbegriff Hamburger Schule dazugezählt werden, denn sie sangen deutsch und verweilten in Hamburg. Einen anderen Zusammenhang scheint es bei den üblichen Vertretern auch nicht zu geben. Ein Highlight ihres Schaffens ist das Album Was nehm ich mit?, das mittlere von insgesamt nur 3 Studioalben. Von den vielen guten Liedern möchte ich an dieser Stelle das Titelstück vorstellen.
Zum Einstieg könnte man mächtige Abhandlungen über Ursprünge, Zusammenhänge, Emanzipation und Feminismus bezüglich des Begriffs Hamburger Schule verfassen, aber wir halten es am besten kurz. Die Ursprünge von Bernadette La Hengst liegen in Bad Salzuflen bei Fast Weltweit. Nachdem sie wie und wegen sovielen anderen nach Hamburg kam, gründete sie mit Peta Devlin, Katja Böhm, Karen Denning und Barbara Haß eine auschließlich weiblich besetzte Rockband – ein seltenes Phänomen. Vorbilder gab es praktisch nicht, mal abgesehen von den Liverbirds.Sie brauchten 4 Jahre, um ihr selbstbetiteltes Debütalbum zu veröffentlichen, ein Werk voller guter Ideen, die musikalisch recht grob umrissen wurden. Es wirkt roh, und es macht Spaß. Das letzte Album Pop ist tot hingegen ist sehr viel ausgefeilter, ja poppiger. Dazwischen liegt Was nehm ich mit?

Das Hauptthema des Albums ist ganz klassisch Liebe, allerdings oft aus Perspektiven, die man von ‚Männerbands‘ nicht gewohnt ist. Beim hier vorgestellten Titelstück findet es aber nur am Rande statt. Die Kunst des Liedes ist es vielmehr, sehr bildlich eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie es ist, wenn Bomben einschlagen und man flüchten muss. Für uns Glücksgeburten in Raum und Zeit (Formulierung gestohlen aus Fensterbrett von Dota & Die Stadtpiraten) eine unwirkliche Vorstellung. Das Beklemmende ist nicht nur diese bedrohlich reale Beschreibung, die sich mit dem Hören des Liedes unweigerlich vorm geistigen Auge abspielt. Es ist auch die Verlagerung ins Hier und Jetzt.

Die Frage ist klar: Was nehme ich mit, wenn es Krieg gibt? Hm, ja, gute Frage. Fotoalbum? Gitarre? Briefe? Schmuckschatulle? Die Sprechinstanz weiß es auch nicht. Und was dann? Letztendlich stirbt sie im Lied und bereut, so unvorbereitet zu sein.

Das Gruselige an diesem Lied ist, dass wir es in unserer Realitität total absurd finden. Für zahllose Menschen ist und war aber genau solch ein Szenario schrecklicher Ernst. Das löst dieses Lied in mir aus – eine ausnahmsweise sehr konkrete Vorstellung von Kriegsgräueln, die sonst oft so abstrakt wirken.

12 Jahre später haben Wir sind Helden, die zwar zurecht sehr erfolgreich sind, aber zu unrecht erfolgreicher als Die Braut haut ins Auge, ein erstaunlich ähnliches Lied veröffentlicht. Da schließt sich wohl der Kreis von Erfolg, Role Models und Ideen.

Christan Gröpler, Berlin

Dieser Text erschien zuerst auf tantepop.de.

Fordernde Allegorie. Zu Rio Reisers „Der Krieg“

Rio Reiser

Der Krieg

Der Krieg er ist nicht tot, der Krieg.
Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur. 

Er liegt da unter'm Apfelbaum und wartet, wartet
auf mich, auf dich. Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er liegt da im Hinterhof und wartet, wartet
auf mich, auf dich.
Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet
auf dich, auf mich.
Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er liegt da unter'm Apfelbaum und wartet, wartet
auf mich, auf dich.
Er ist nicht tot, der Krieg.     

     [Rio Reiser: Durch die Wand. Columbia 1991.]

Den Krieg allegorisch zu personifizieren, hat eine lange Tradition, angefangen bei Kriegsgöttern, die auch von Dichtern, die nicht mehr an sie glaubten, besungen wurden, über das Diktum vom Krieg als „Vater aller Dinge“ bis hin zu expressionistischen Kriegsgedichten. Derartige Personifikationen dienen ganz allgemein häufig dazu, etwas anschaulich oder greifbar zu machen, das ansonsten als Vorstellung abstrakt bliebe. Rio Reiser bedient sich  dieses Verfahrens aber mit dem gegenteiligen Ergebnis: So anschaulich das Bild des unter dem Apfelbaum oder im Hinterhof Liegenden ist, so schwer erscheint es in den ersten beiden Strophen, einen Bezug zum Krieg herzustellen. Denn das geschilderte Verhalten des Krieges ist ja, das mach spätestens die dritte Strophe deutlich, untypisch, stellt eine Art Camouflage dar.

Auch dass er wartet, deutet darauf hin, dass er im beschriebenen Moment eben nicht tut, was für ihn charakteristisch ist. Worum es dabei geht, wird sowohl zum Ende der Strophen als auch im Refrain in einer irritierenden Anwendung auf ihn selbst genannt: töten. Irritierend ist daran nicht nur, dass der Krieg nicht als der thematisiert wird, der tötet, sondern als möglicherweise gestorben, sondern auch, dass er existieren soll, während er doch gerade nicht existiert. Ein Ereignis findet statt oder eben nicht, etwas dazwischen, eine Art Latenz, nehmen wir üblicherweise nicht an. Zwar gibt es oft Indikatoren dafür, dass ein Ereignis bald eintreten wird – Bewölkung etwa als Vorbote von bzw. Voraussetzung für  Regen -, das Ereignis selbst ist aber erst ‚da‘, wenn es sich ereignet. Die idiomatische Wendung, ein Krieg drohe, impliziert auch ungeachtet der grammatischen Position des Krieges als Subjekt nicht, dass er schon in irgendeiner Art vorhanden sei, sondern eben dass es Anzeichen gebe, die ihn möglich oder gar wahrscheinlich machen.

Desweiteren bleibt im Text unklar, was denn geschähe, wenn das Ich oder das Du auf den wartenden Krieg träfen. Würde er sie anfallen, würden sie unmittelbar seine Opfer? Oder würden sie selbst zu Akteuren und somit höchstens mittelbar Opfer? Um diese Frage zu beantworten, bleibt interpretatorisch der Weg, eine Mehrfachcodierung des Textes zu unterstellen und etwa nach der übertragenen Bedeutung von Apfelbaum und Hinterhof zu fragen. Der Aufenthalt unter einem Apfelbaum lässt einerseits die Assoziation zu idyllischen Szenarien wie dem in Ludwig Uhlands berühmtem Gedicht Einkehr, in dem der Apfelbaum als gastfreundlich gefeiert wird, zu, andererseits natürlich zum Sündenfall. Folgt man dieser zweiten Symboltradition, so käme dem wartenden Krieg die Rolle der Schlange zu. In einer solchen Lesart wäre es der Mensch, im Text verkörpert vom Ich und Du, der der Versuchung zur kriegerischen Aggression erliegen könnte.

Der Hinterhof weist zwar keine so lange Geschichte als Symbol auf wie der Apfelbaum, jedoch lässt er sich unschwer in eine Reihe mit anderen, der Allgemeinheit verborgenen Orten wie Kellern bringen, wozu auch das Verstecken in der dritten Strophe passt. So wird das Bild des Hinterhofs psychoanalytisch als Hinweis auf verdrängte Triebe deutbar, im Kontext des Textes den Aggressionstrieb. Auch die Aussage, dass er nicht tot sei, sondern nur schlafe, weist darauf hin, dass es hier um etwas geht, das nur vermeintlich endgültig überwunden, tatsächlich aber nach wie vor bedrohlich ist. Der Krieg wird also keineswegs wie etwa in Georg Heyms Der Krieg I, zu dessen beginn der Krieg aus langem Schlaf erwacht, als etwas beschrieben, das über die Menschen hereinbricht, sondern vielmehr als von ihnen gemacht.

Eine entsprechende Lesart wird in einer anderen, posthum auf dem Album Am Piano I (Möbius Rekords 1998) veröffentlichten Version des Lieds (die auch dem obigen Video unterlegt ist) expliziert. Dort lautet die dritte Strophe:

Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet
in mir, in dir.
Er ist nicht tot, der Krieg.

Realweltlich käme es demnach, um Krieg zu verhindern, darauf an, sich bewusst zu halten, dass die Grundlagen für Kriege nicht nur ideologischer, geopolitischer, ethnischer oder wirtschaftlicher, sondern auch indivuidual- und kollektivpsychologischer Natur sind. Rio Reisers Lied könnte einen Beitrag dazu leisten.

Martin Rehfeldt, Bamberg