Kann Spuren von Liedtext enthalten. Zu Knorkators „Zoo“

Florian Seubert gewidmet

 

Knorkator

Zoo

Elefanten, Pinguine, Leoparden und Delphine
Fledermäuse, Paviane, Wasserbüffel, Pelikane
Dromedare, Borkenkäfer, Krokodile, Siebenschläfer
Schildkröten, Nacktschnecken, Kängurus, Marabus und Heuschrecken

Nasenbären, Schnabeltiere, Erdmännchen und Tapire
Schwarzer Panther, Weißer Hai, Orang-Utan und Papagei
Skorpione, Leguane, Klapperschlangen und Kormorane
Zwergmakaken, Zwergmapissen, Kapuzineraffen und Hornissen

Zoo, Zoo, Zoo
Zoo, Zoo, Zoo

Vogelspinne, Seidenraupe, Ringelnatter und Turteltaube
Antilope, Tiger, Löwe, Pferd, Hund, Schaf, Katze, Maus und Möwe
Nachtigall, Oktopus, Storch, Koala, Hängebauchschwein, Anakonda, Impala
Buntspecht, Waschbär, Frosch und Libelle, Nacktnasenwombat und Gazelle

Zoo, Zoo, Zoo
[…]

     [Knorkator: We want Mohr. Tubareckorz 2014.]

Was ist ein Liedtext? Lassen sich beliebige Worte, die über Musik gesungen werden, bereits als ein Liedtext, als, wie es in der Beschreibung dieses Blogs heißt, „Lyrik“, bezeichnen? Im Nachfolgenden soll diese Frage bei der Interpretation eines auf den ersten Blick eher banalen Textes der Berliner „Spaßrocker“ Knorkator im Mittelpunkt stehen. Dabei wird argumentiert, dass es sich bei dem Liedtext zum 2014 erschienen Zoo um eine Art dekonstruierten Liedtext handelt, der nur noch in Ansätzen traditionellen Lyrics ähnelt. Mit ihrer inhaltlich und stilistisch minimalistischen Herangehensweise machen sich Knorkator auch über die in vielen (modernen) Liedtexten vorhandenen sprachlichen Unzulänglichkeiten lustig.

Doch zum Text: Es handelt sich dabei um eine Aufzählung von Tieren. Denkbar wäre als Sprecher ein kleines Kind, das sich durch einen Zoo bewegt und Tiernamen auf den dazugehörigen Schildern liest, unterbrochen von gelegentlichen „Zoo“ Schreien. Aber das ist reine Spekulation und würde vielleicht sogar die Intention des Textes verfehlen. Denn ein Charakteristikum ist eben, dass es kein Narrativ gibt und kein Spaziergang durch einen Zoo beschrieben wird, sondern der Text lediglich aus den Elementen ‚Tier‘ und ‚Ort‘ besteht, die von einer gänzlich unbekannten Sprech-Instanz aufgezählt werden.

Übergeordnete Ordnungsprinzipien sind dabei kaum zu erkennen. Lediglich in der zweiten Zeile der dritten Strophe lässt sich so etwas wie ein gemeinsamer Nenner erkennen. Zunächst werden die exotischen Tiere „Antilope, Tiger, Löwe“ erwähnt, denen dann Bauernhoftiere folgen („Pferd, Hund, Schaf, Katze, Maus“). Doch sogar diese lose Ordnung wird dann durch das letzte Tier in der Reihe, die Möwe, wieder gebrochen. Diese würde wohl eher in eine Kategorie mit Küstentieren passen.

Daneben bildet die Zeile ohnehin die Ausnahme und andere Zusammenstellungen scheinen gänzlich zufällig. Ein Beispiel: „Nachtigall, Oktopus, Storch, Koala, Hängebauchschwein, Anakonda, Impala“. Hier werden sowohl lokale als auch exotische, gefährliche und harmlose, in Gewässern lebende, aber auch auf dem Land beheimatete Lebewesen genannt, Vögel, Säugetiere, ein Reptil und mit dem Oktopus ein Weichtier werden aufgezählt.

Natürlich gibt es doch ein übergeordnetes Ordnungsprinzip, nämlich den (wohl imaginären) Zoo. Und selbstverständlich gibt es innerhalb vieler Genres, beispielsweise beim Musiktheater, interessante Texte, die sich vor allem mit Tieren beschäftigen und im Rahmen der animal studies immer wieder analysiert werden. Mit dem Rahmen des Zoos hat Knorkators Text noch Ansätze eines konventionellen Textes, irgendeine Art von Zusammenhang. Aber es gibt kein Narrativ, keine Moral und keine Handlung. Doch deskriptiv ist der Text auch nicht, denn die Tiere und der Zoo werden nicht näher beschrieben.

Stilistisch und sprachlich arbeitet der Text auf einer ähnlichen Ebene: Genauso wie der große Zusammenhang ‚Zoo‘ einen sehr losen Rahmen gibt, werden auch einfache Stilmittel verwendet. Man könnte den Text damit als minimalistisch, vielleicht sogar partiell dekonstruiert, bezeichnen. Es wird mit dem denkbar einfachsten Stilmittel gearbeitet, einem reinen Reim („Pinguine […] Delphine“, „Schnabeltiere […] Tapire“). In der Grundschule schon gelernt, handelt es sich dabei um eines der zugänglichsten und elementarsten Stilmittel.

Daneben gibt es weitere rhetorische Figuren. Der Gegensatz zwischen „Schwarze[m] Panther“ und „weiße[m] Hai“ stellt eine Art sprachliche Antithese dar. Der Verweis auf „Frosch und Libelle“ stellt hingegen eine Art biologischen Gegensatz dar, bei dem der Frosch als natürlicher Feind der Libelle fungiert. Hier und da finden sich noch weitere Stilmittel, so die Alliteration bei „Maus und Möwe“ oder die Wiederholung im Refrain und natürlich die Aufzählung selber. Bedenkt man aber, dass der Text eine gänzlich lose Struktur hat und somit alle Türen für die Verwendung von Stilmitteln offenständen, ist ihre Verwendung relativ spärlich.

Dennoch zeigt der Text auch eine gewisse Freude an den Tiernamen. So ist es wohl kein Zufall, dass komische Namen wie Hängebauchschwein und Nacktnasenwombat im Text Verwendung finden. Der komischen Wirkung dient ebenfalls die Erfindung von „Zwergmapissen“, einer fäkalhumoristischen Analogbildung zu den tatsächlich existenten „Zwerkmakaken“.

Sowohl wegen der Stilmittel, als auch der Verwendung solcher Tiernamen handelt es sich bei dem Text dann doch um etwas mehr als eine bloße Aufzählung. In diesem Sinne hat der Liedtext dann wieder mehr mit traditionellen Lyrics gemein, als dies das fehelende Narrativ nahelegen würde. Ganz so radikal wie er erscheint, ist der Text auf dieser Ebene doch nicht, was fragen lässt, ob jeder Liedtext zumindest ein paar Stilmittel benötigt, um zu funktionieren, sogar ein radikaler wie der Knorkators.

Wenden wir uns abschließend noch dem Refrain zu. Als hätte man nach einer Erwähnung des gemeinsamen Nenners nicht schon das recht einfache Prinzip des Liedtextes durchschaut wird einem im Refrain das Wort ‚Zoo‘ geradezu um die Ohren gehauen. Der Rahmen wird so der Zuhörerin oder dem Zuhörer im Refrain fast schon penetrant nahegelegt. Dies wird übrigens musikalisch auch durch die andere Singtechnik im Refrain, eine Art growling, besonders deutlich.

Schließlich wird der Text zum Ende hin dann vollständig dekonstruiert. Nachdem in den drei Strophen noch Tiere genannt wurden, kommt es dann nur noch zur sinnfreien Wiederholung des Wortes Zoo, das dann schließlich in einem „Ooo“ endet, womit das Wort durch einen Laut ersetzt wird und somit der Minimalismus und die Dekonstruktion zu ihrem logischen Schluss kommen.

Was, also, kann uns der Liedtext über das Genre des Liedtextes beibringen? Die Abwesenheit einer Handlung gibt anderen Liedtexten, die eine Geschichte erzählen, schärfere Konturen und verdeutlicht, dass irgendeine Art von Aussage oder Handlung gemeinhin als zentraler Bestandteil eines Textes verstanden wird. Handelt es sich also bei dem Knorkator-Text überhaupt nicht um einen Liedtext, sondern etwas anderes? Reicht es einige Tiere aneinanderzureihen? Eine ähnliche Kohärenz hätte beispielsweise ein vertonter Einkaufszettel. Im Sinne der Arbeiten von John Cage ließe sich auch Fragen, ob es einen Liedtext ohne Text geben kann.

Interessant ist die Herangehensweise von Knorkator auch, weil sie andere Texte (vermutlich unbewusst) ad absurdum führt. Der an anderer Stelle auf diesem Blog kritisch besprochene Liedtext von Adel Tawils Lieder  stellt beispielsweise eine ähnliche Aneinanderreihung von Liedtextzitaten anderer Künstlerinnen und Künstlern dar, wie sie auch bei Knorkator in der Kategorie ‚Tiere‘ zu finden ist. Im Gegensatz zu diesem Text aber versucht Knorkator anhand einer solchen Aneinanderreihung nicht größere Zusammenhänge darzustellen, sondern lässt den Text einfach so stehen. Wie die Frage, was nun einen Liedtext ausmacht, keine klare Antwort hat, bleibt Knorkators Text im Raum stehen. Zusammenhänge oder ein Narrativ können sich im Kopf der Leserinnen oder Leser bilden – oder der Text kann einfach ohne einen solchen Zusammenhang stehen bleiben. Eine Funktion kann dabei natürlich auch ein so dekonstruierter Text erfüllen. Im hier vorgestellten Beispiel stehen vermutlich humoristische Aspekte im Vordergrund.

Knorkators Text kann in dieser Lesart auch als Kritik an einer verkrampften Suche nach Sinnzusammenhängen in Texten verstanden werden. So könnte man argumentieren, dass Knorkator damit die Häufung an schiefen Metaphern und inhaltlich fragwürdigen Liedtexten kritisiert.  Solche fehlgeschlagenen Versuche besonders literarisch wertvolle Texte zu kreieren wurden auf diesem Blog auch immer wieder besprochen (etwa Hämatoms Zu wahr um schön zu sein).Knorkator hingegen benutzten zwar Stilmittel, aber nicht im Übermaß. Vielleicht auch, weil sie ihre rhetorischen Grenzen einzuschätzen wissen und deshalb mit einfachen Reimen zufrieden sind. Damit unterwandern Knorkator letztlich den Zwang besonders wertvolle Lyrik zu schaffen und hinterfragen stattdessen auf eine radikale Weise, was ein Liedtext überhaupt ist.

Martin Christ, Tübingen

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Der beste Sommer von allen: Zu „French Disko“ von den Beatsteaks und Dirk von Lowtzow (2016)

Beatsteaks und Dirk von Lowtzow 
 
French Disko
 
Es ist sicherlich absurd, in dieser Welt zu leben
Sie erscheint dir sinnentleert
doch zieh dich nicht zurück

Spontane Rebellion und Solidarität
sind Akte, die jetzt wertvoll sind
Es ist nie zu spät

La Résistance
Das Leben ist hart
La Résistance
Der Widerstand

     [V.A.: Tschick. Original Motion Picture Soundtrack. Warner 2016.]

Erst sind nur die Schnallenturnschuhe zu sehen. Dann wandert die Kamera an der Jogginghose hoch, zeigt die Plastiktüte eines Discounters, die der Junge in der Hand hält. Unter dem bunt gemusterten Hemd trägt er eine lange Silberkette, die Basecap verkehrt herum auf dem Kopf. Er tippt auf seinem Handy, setzt sich die Kopfhörer auf, die Musik startet. Lächelnd und mit halb geschlossenen Augen tanzt er den Gehsteig entlang, die Tüte wippt, er stolpert und taumelt gegen einen Zaun. Unbeirrt setzt er seinen Weg fort, bis sein Blick an einem himmelblauen Lada hängenbleibt.

Der Name des Jungen ist Andrej Tschichatschow, genannt Tschick. Der Lada wird ihm in den kommenden Tagen ein treuer Begleiter sein, ihn quer durch das sommerliche Ostdeutschland bringen. Nachzulesen ist das in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick aus dem Jahr 2010. Anzusehen in Fatih Akins gleichnamigem Film aus dem Jahr 2016. Und anzuhören – oder vielmehr klanglich nachzuvollziehen – im dazugehörigen Soundtrack French Disko von den Beatsteaks und Dirk von Lowtzow, deren Musikvideo die eingangs geschilderte Szene entstammt.

Pop und Philosophie

Wem Titel und Melodie merkwürdig bekannt vorkommen, der irrt nicht. Dirk von Lowtzow hat die Lyrics von French Disko der britischen Band Sterolab aus dem Jahr 1993 ins Deutsche übersetzt. Deren Lieder erfreuten sich insbesondere Mitte der Neunzigerjahre großer Beliebtheit und „durften auf keiner geisteswissenschaftlichen Institutsparty fehlen“. Schließlich war die Beschäftigung mit französischer Philosophie – gesellschafts- und kapitalismuskritischen Situationisten und Poststrukturalisten – gerade in Mode. Und so kam es zum Zusammentreffen von Pop und Philosophie, „um in der French Disko gemeinsam zu tanzen“. Den Liedtext jedoch habe „damals wahrscheinlich niemand so recht verstanden. Man war nicht mal sicher, ob Frontfrau Laetitia Sadier hier englisch oder französisch sang“. Verständlich sei nur der Aufruf zum Widerstand, „La Résistance“, gewesen, der Assoziationen zur französischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus weckt (Deutschlandfunk Kultur).

Auch Tocotronic werden gerne dem Genre des akademisch-intellektuellen Diskurspops zugeordnet (eine leichte Kursänderung stellt das derzeit jüngste Album Die Unendlichkeit dar), Unzufriedenheit mit den Gegebenheiten und die Frage des Umgangs damit sind immer wiederkehrende Themen in ihren Liedern (vgl. die Interpretationen auf diesem Blog) und bilden sich auch im politischen Engagement der Bandmitglieder ab. Und so erstaunt es nicht, wenn Dirk von Lowtzow erzählt, dass er zustimmte, als Arnim Teutoburg-Weiß, der Sänger der Beatsteaks, ihn fragte, ob er den Liedtext von French Disko übersetzen wolle.

Aufruf zum Widerstand

Das Ergebnis fällt ebenso knapp – der Liedtext umfasst nur zwei Strophen und den Refrain – wie prägnant aus und besticht durch seine Unmittelbarkeit. Das lyrische Ich bedient sich einer direktiven Ansprache und hält sich nicht mit Umwichtigem auf: Einem Zugeständnis – „Es ist sicherlich absurd, in dieser Welt zu leben / Sie erscheint dir sinnentleert“ – schließt sich ein Appell – „doch zieh dich nicht zurück“ – an. Dem folgt eine Art Handlungsempfehlung zu „spontane[r] Rebellion und Solidarität“. Schließlich bestehe Hoffnung – „es ist nie zu spät“ – auch wenn das Leben „hart“ sei.

Tocotronic-Sänger und -Texter Dirk von Lowtzow spricht dem Text „einen imperativen Charakter“ zu. Damit stehe dieser in einem gewissen Gegensatz zu den sonst von ihm verfassten Liedtexten, seien diese doch „verschrobener, nicht so autoritär. Meine Manifeste haben dann Titel wie Kapitulation oder Sag alles ab, sie rufen dazu auf, Dinge nicht zu tun“ (Interview im Südkurier). Die Original-Lyrics von Stereolab hingegen würden sich „fast wie eine marxistische Theorie“ lesen (Interview in der Intro):

Though this world’s essentially an absurd place to be living in
It doesn’t call for total withdrawal
I’ve been told it’s a fact of life, men have to kill one another
Well I say there are still things worth fighting for

La Résistance!

Though this world’s essentially an absurd place to be living in
It doesn’t call for total withdrawal
It’s said human existence is pointless
As acts of rebellious solidarity can bring sense in this world

La Résistance!

Tatsächlich erscheint der Liedtext des Covers im Vergleich mit dem Original milder, beinahe geglättet: So fehlt bspw. die Passage „I’ve been told it’s a fact of life, men have to kill one another“ und aus „As acts of rebellious solidarity can bring sense in this world“ sind „Akte, die jetzt wertvoll sind“, geworden.

Die Unbeschwertheit des Sommers…

In Tschick geht es um jugendliches Aufbegehren: Der vierzehnjährige Maik wird zu Beginn der Sommerferien alleine im seelenlosen Neubau der Familie zurückgelassen – seine alkoholabhängige Mutter fährt in eine Entzugsklinik, sein Vater verbringt den Sommer lieber mit seiner jungen Assistentin. Maik scheinen einsame Wochen voller Liebeskummer – er ist unglücklich in eine Mitschülerin verliebt – bevorzustehen. Dann taucht sein Klassenkamerad Andrej, genannt Tschick, mit besagtem Lada auf. Er will in die Walachei, seinen Opa besuchen – Maik steigt ein und es beginnt eine wilde Fahrt kreuz und quer durch das sommerliche Ostdeutschland. Die beiden übernachten unter den riesigen Rotorblättern eines Windrads, spielen Fußball mit Tiefkühlpizzen, gabeln auf einer Müllkippe ein junges Mädchen auf und lassen sich weder von Maiskolben vor der Windschutzscheibe, Konserven ohne Dosenöffner, noch vom Spritmangel oder der Polizei aufhalten. Erst als sie mit einem Viehtransporter zusammenstoßen, endet ihre Reise. Zurück in der Schule ist Maik die Aufmerksamkeit seiner Mitschülerin gewiss, doch es interessiert ihn nicht mehr. Die durchstandenen Abenteuer haben ihn selbstbewusster gemacht und er resümiert: Es war „der beste Sommer von allen“.

Das Musikvideo erzählt eine eigene kleine Geschichte und ergänzt somit den Film: Zu sehen ist, wie Tschick an den Lada gelangt. Bei seinem Versuch, sich des Autos zu bemächtigen, wird er von einem herbeieilenden Mann – Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß – ertappt. Tschick gelingt es jedoch schnell, ihn zu besänftigen – mit Hilfe einer Flasche Schnaps, die er aus seiner Plastiktüte zieht. Gemeinsam schlendern sie in die angrenzende Autowerkstatt, wo sie auf einen weiteren Mann – Dirk von Lowtzow – treffen. Tschick schenkt ein, sie stoßen an. Während die Erwachsenen zunehmend betrunkener werden und dabei „La Résistance“ grölen, kippt Tschick sein Glas ungesehen aus und besorgt sich einen Schraubendreher. Mit ihm startet er schließlich den Lada und fährt zu Maik – die Reise kann beginnen.

Geeint wird das jugendliche Duo von seinem Dasein als Außenseiter: „Psycho“ wird Maik von seinen Mitschülern genannt, während der Russlanddeutsche Tschick sich auch schon mal im Klassenzimmer übergibt. Anderssein und deshalb gehänselt werden – eine Erfahrung, die auch Fatih Akin und Dirk von Lowtzow gemacht haben und die sie dazu bewogen haben mag, sich der Romanvorlage anzunehmen. „Ich war Außenseiter, weil ich auch so ein bisschen Psycho war“, erzählt der Regisseur (Deutschlandfunk). Und der Tocotronic-Sänger bekennt im Interview: „Ich habe versucht zu provozieren, vor allem durch Kleidung“. Außerdem sei Rockmusik „wie eine Endlospubertät, also kann man sich mit Teenagern immer gut identifizieren“ (Intro). Das sorgt bei manchem Hörer für Erheiterung: „Ich möchte Teil einer Altherrenbewegung sein“, hat jemand in Anspielung auf Dirk von Lowtzows Alter und einen seiner bekanntesten Hits unter das Video zu French Disko geschrieben.

….gegen die Enge im Elternhaus

Dass sich Tocotronic immer noch mit Jugendlichen identifizieren können bzw. wollen, beweisen sie auch in ihrem Song Electric Guitar (Januar 2018), der auf biographischen Notizen beruht und einen „Teenage Riot“ schildert. Jedoch ist dieser räumlich auf das „Reihenhaus“ begrenzt, die „Manic Depression im Elternhaus“ erscheint unausweichlich (vgl. die Besprechung auf diesem Blog). In Tschick dagegen gelingt, was dem lyrischen Ich in Electric Guitar verwehrt bleibt: der Ausbruch aus dem elterlichen Haus. Statt im „Zimmer unter dem Garten“ Zuflucht zu suchen, verspricht die Fahrt in die Weite des Sommers Erlösung. Der Aufruf zur Rebellion in French Disko bietet den dazu passenden musikalischen Rahmen, den es für ein erfolgreiches Aufbegehren in Electric Guitar vielleicht auch gebraucht hätte. Und so erscheinen „spontane Rebellion und Solidarität“ als zeitlos wertvolle „Akte“, die jede Generation für sich neu entdecken und keinesfalls mit dem Älterwerden aufgeben muss.

Isabel Stanoschek, Bamberg

Klaustrophobie in der Kleinstadt: Zu Electric Guitar von Tocotronic

Tocotronic

Electric Guitar 

In meinem Zimmer
Unter dem Garten
Fühl ich mich sicher
Ich kann‘s euch verraten
Ich schnalle dich um
Nehme dich in die Hände
Und schicke den Sound
Zwischen die Wände

Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Teenage Riot im Reihenhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Am frühen Morgen
In die Garage
Die Dose Haarspray
In meiner Tasche
Auf dem Fahrrad zum Postamt
Vorbei an Plakaten
Ich schicke Briefe
Und kann’s kaum erwarten

Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus
Manic Depression im Elternhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Die Treppe runter zur Hintertür raus
Ich halte das alles hier nicht mehr aus
Ein Tagtraum im Regen und Apfelkorn
An der Bushaltestelle lungern wir rum
Wir erfinden uns selbst als Anarchisten
Als unscharfe Bilder auf Fahndungslisten
Erkunden uns selbst und wollen es wissen
Ich will es jetzt wissen

Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Sex and Drugs im Reihenhaus
Ich gebe dir alles, mein Rock’n‘Roll-Star
Electric Guitar
Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Manic Depression im Elternhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar

     [Tocotronic: Die Unendlichkeit. Vertigo 2018.]

Es ist Nacht. Mondlicht schimmert durch die Äste. Grillen zirpen. Ein Käuzchen ruft. Sonst ist es still.

Dann setzt die Musik ein. Ein Zimmer ist zu sehen, Plakate an der Wand, schummriges Licht, eine Gitarre. In der Garage ein Motorrad. Die Fahrerin nimmt den Helm ab, streicht sich die Haare aus dem Gesicht, offenbart einen mürrischen Blick. In der Küche ein Mann am Herd, er brät Spiegeleier, stellt Getränke auf den Tisch. Das Mädchen läuft die Treppe hoch, macht die Tür hinter sich zu, atmet tief durch. Ein Schrei aus der Küche, sie versteckt etwas im Schrank.

Daheim im elterlichen Reihenhaus ist das Abendessen fertig.

Mit dieser Szenerie beginnt das Video zu Electric Guitar von Tocotronic, dem dritten Kapitel der Videoreihe zum Album Die Unendlichkeit (2018). Es folgt auf das Video des ersten Kapitels Hey Du und das des zweiten Die Unendlichkeit und bildet mit diesen eine Art Miniserie. Visuell wie lyrisch steht Electric Guitar nicht für sich alleine, sondern bildet einen Puzzleteil eines Lebenszyklus – dem von Sänger und Texter Dirk von Lowtzow. Die zwölf Lieder des zwölften Albums beruhen auf biographischen Notizen, angefangen bei den Kindheitserinnerungen (Tapfer und grausam) und der Jugend (Hey du, Electric Guitar), gefolgt von Aufbruch und Bandgründung (1993), dem Tod eines Freundes (Unwiederbringlich), einem Umzug und einer neuen Liebe (Ausgerechnet du hast mich gerettet), bis in die Zukunft (Mein Morgen) und schließlich in die Unendlichkeit.

Zurück zu den Anfängen

„Ich hatte den Wunsch, im Songschreiben wieder persönlicher zu werden und weniger abstrakt und theorielastig“, erklärt Dirk Von Lowtzow im Interview. Diese Konzeption steht in Abgrenzung zu den letzten Alben der Band, die häufig dem sogenannten Diskurspop zugeordnet und von der Kritik auch schon mal als „Pop für das Universitäts-Seminar“ bezeichnet wurden. Die Liedtexte auf Die Unendlichkeit hingegen sind weniger geprägt von akademischem Schriftgut: „Ich wollte mich mit einfachen Worten, ohne Umwege und ungepanzert mitteilen“, so Dirk von Lowtzow.

Neu ist das nicht: „Die Lieblingsband der deutschen Feuilletons“ (Die Zeit), findet vielmehr zurück zu ihren ersten Alben, die von Prägnanz und Schlichtheit geprägt waren und deren eingängige, elegische Parolen das Publikum direkt ansprachen (vgl. die Besprechungen auf diesem Blog zu Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein und Über Sex kann man nur auf Englisch singen). Was ein Rezensent der Süddeutschen Zeitung über die Alben der 1990er-Jahre schreibt – diese hätten „ein großes Identifikationsangebot an die durch Überbehütung durchschnittlich verlorene junge deutsche Mittelschichtsseele“ geboten –, trifft auch auf Electric Guitar zu.

Begrenzte Freiheit

In Electric Guitar geht es um die Enge im Elternhaus. „Seine Freiburg Diaries finden im neuen Song wieder zu konkreteren Formen“, schreibt ein Kritiker auf laut.de und bezieht sich damit auf Dirk von Lowtzows Herkunft. In dem Lied tauchen Konstanten der Adoleszenz auf, die nicht nur den Bandmitgliedern bekannt sein dürften: Haarspray, Pickel, Apfelkorn, an der Bushaltestelle lungern und natürlich die Electric Guitar. „Mit der Gitarre konnte ich Krach machen, und das gab mir Selbstsicherheit und das Gefühl von Freiheit. Und das fiel genau in die Zeit von erwachender Sexualität“, berichtet der Sänger im Interview über seine Pubertät.

Denn die Freiheit im elterlichen Reihenhaus ist begrenzt: Steht das Abendessen auf dem Tisch, hat man zu erscheinen. Und dabei nicht nur physisch anwesend zu sein. Besucher anderen Geschlechts sind nicht gestattet. Hört der Vater verdächtige Geräusche im Jugendzimmer, steht er in der Tür. Das Video führt den Songtext hier noch weiter. „Man möchte in diesem Video dauernd auf Pause drücken, um sich die liebevoll detailliert ausgestattete Wohn-Höhle oder auch Hölle des Jugendzimmers ganz genau anzuschauen“, schreibt ein Kritiker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Ist es leicht, jung zu sein?

„Ist es leicht, jung zu sein?“ steht auf einem Plakat im Jugendzimmer. Es ließe sich entgegnen: Es ist auch nicht leicht, älter zu werden. Tocotronic bestehen seit 25 Jahren, die Bandmitglieder sind weit jenseits ihrer Zwanziger, gehen auf die 50 zu. Zwar geht es damals wie heute in ihren Liedern um die Reibung mit der Welt und den Menschen, die dort wohnen. Doch die juvenile Auflehnung ist dem „milden Rückblick des gereiften Erwachsenen auf die eigene Jugend“ gewichen (Die Zeit).

Das Video zu Electric Guitar verdeutlicht dies: Das Zusammenleben mit einem Teenager strapaziert die Nerven des Vaters. Seine Versuche, mit dem aggressiven, ablehnenden Verhalten seiner Tochter umzugehen, sie zu kontrollieren, scheitern und demonstrieren nur seine Hilflosigkeit. Erschöpft schläft er im Wohnzimmersessel ein – das Fernsehprogramm, eine Unterwasserwelt mit Fischen, scheint beruhigend gewirkt zu haben.

Im Reihenhaus wirkt alles, mit Ausnahme des Smartphones – herrlich anzuschauen der Disput am Küchentisch – aus der Zeit gefallen: der beleuchtete Globus im Jugendzimmer, die Spitzengardinen, die Flasche Maggi auf dem Küchentisch. Schließlich behandelt Electric Guitar ein zeitloses Phänomen:

Was Weezer 1994 in In the garage besangen, ist heute nicht weniger aktuell: „In the garage / I feel safe / No one cares about my ways.“ Aus der amerikanischen Garage wird bei Tocotronic ein deutsches Souterrain, das dem unsicheren Teenager als Zufluchtsort dient:

In meinem Zimmer
Unter dem Garten
Fühl ich mich sicher
Ich kann‘s euch verraten

Auch bei Weezer gibt es eine „electric guitar“ und „posters on the wall“. Und auch Sonic Youth besangen schon 1988 einen Teenage Riot.

Die Gitarre als Geliebte

Insbesondere die Electric Guitar ist mit Sehnsucht aufgeladen; der Text schildert ein intensives haptisches wie sinnliches Erleben und liest sich durchaus doppeldeutig:

Ich schnalle dich um
Nehme dich in die Hände
Und schicke den Sound
Zwischen die Wände

Neben der Möglichkeit, mit der Electric Guitar einen mehr oder weniger musikalischen, auf jeden Fall geräuschvollen Teenage Riot anzuzetteln, der garantiert auch die stumpf starrende Nachbarschaft aufschreckt (vgl. das Video zu Hey Du), versinnbildlicht sie ein Bedürfnis nach Liebe: Die Gitarre stelle „aufgrund ihrer Form seit jeher ein Symbol für den weiblichen Körper“ dar (n-tv).

Noch expliziter werden die folgenden Zeilen, aus denen trotzige Entschlossenheit spricht:

Erkunden uns selbst und wollen es wissen
Ich will es jetzt wissen

Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Sex and Drugs im Reihenhaus
Ich gebe dir alles, mein Rock’n‘Roll-Star
Electric Guitar

Doch das sexuelle Erwachen ist nur ein Teil des Erwachsenwerdens. „In Electric Guitar geht es um so eine Art musikalische Individualisierung oder Selbstwerdung durch Popmusik“, so Dirk von Lowtzow im Interview. Das Lied handele von einem „Gefühl, das jeder jugendliche Gitarren-Fan kennt: In den sechs Saiten und ihrer über Jahrzehnte aufgebauten Aura endlich die Entsprechung eines Selbst zu finden, das man cool finden kann“, schreibt ein Rezensent in der Spex.

Besungen wird eine intensive Beziehung, die sich durch Absolutheit auszeichnet:

Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Der Kontrast zu der im Video aufgezeigten Beziehung des Teenagers zum Vater könnte nicht größer sein: Kommunikation findet nicht statt, man geht sich aus dem Weg.

Ausbruch aus der Provinz

Kontakt zur Außenwelt, zu Gleichgesinnten muss hergestellt werden. Ein klassisches Kommunikationsmittel verspricht Linderung – vor der Erfindung des Smartphones und der Verfügbarkeit des Internets im Jugendzimmer – und weckt Sehnsucht:

Ich schicke Briefe
Und kann’s kaum erwarten

Im Video findet die Teenager-Figur, gespielt von der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, zudem einen Gefährten – ganz analog – im Wald. Halb ohnmächtig sitzt dort ein junger Mann, „dessen Erscheinung zwischen Jesus, Maria und Marilyn Manson changiert“ (FAZ), an einen Baum gelehnt. Sie nimmt ihn bei sich auf, nachdem die beiden bereits in den ersten beiden Videos gemeinsam zu sehen waren: In Hey Du (Kapitel 1) läuft dieser geheimnisvolle junge Mann, ein noch größerer Außenseiter, durch eine Siedlung, verfolgt von den Blicken sämtlicher Einwohner, am Ende trifft er auf eine Motorradfahrerin. In Die Unendlichkeit (Kapitel 2) stehen die beiden Rücken an Rücken, Hand in Hand im Nebel.

Besonders Hey Du unterstreicht noch einmal den Charakter der Kleinstadt als „Diaspora“, als „Schwarzwaldhölle“ – wie es wiederum in 1993 heißt und was man als Hommage an Thomas Bernhard, der einst Freiburg und den Schwarzwald beleidigte, lesen kann. Hier fühlt sich der Jugendliche zunehmend fremd, bis die Verzweiflung so groß ist, dass der Ausbruch geprobt wird:

Die Treppe runter zur Hintertür raus
Ich halte das alles hier nicht mehr aus

Doch weiter als zum Postamt und zur Bushaltestelle geht es nicht. Möglich ist nur die Flucht in einen Tagtraum und in die Phantasie, beflügelt von Plakaten:

Wir erfinden uns selbst als Anarchisten
Als unscharfe Bilder auf Fahndungslisten

Diese versprechen fernab der Provinz Abenteuer und lassen an RAF-Fahndungslisten denken. Welch ein Gegensatz zur braven, bürgerlichen Ordnung und Ruhe im Reihenhaus!

Isabel Stanoschek, Bamberg

Rückzug statt Revolte: „Columbo“ von Wanda (2017)

Wanda

Columbo

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z'haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Und der Regen fällt draußen vor dem Fenster
Und wir schlafen ein
Und am Ende wird's in Ordnung sein
Draußen vor dem Fenster
Ich schaue in das Fenster rein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum

Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

     [Wanda: Niente. Vertigo 2017.]

„Es ist lyrische Monotonie. Wir kennen die Texte, die sich mehr wie wahlloses Gebrabbel eines beschwipsten Hobby-Philosophen im Weinheurigen anhören, als tiefgründige Phrasen, die Interpretation zulassen. Ein beschränktes Vokabular. Seit Jahren sudern sie über dieselben Probleme. Aber ja, das ist Wanda. Es wäre auch ein Stück Selbstverrat, das aufzugeben. Manchmal muss man sich selbst ein Messer in den Rücken rammen, um zu sterben — und dann neu aufzuerstehen. Hatte Falco recht? Muss ich denn sterben, um zu leben?“ (Quelle: kultort.at)

Nicht zuletzt, um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, folgt hier der Versuch einer Interpretation:

Columbo hat es nach Österreich verschlagen. Statt der Skyline von Los Angeles ist die Donau zu sehen, dahinter die Hochhäuser Wiens. Davor zwei Männer, einer von ihnen trägt eine Lederjacke, auf der in großen Lettern „Columbo“ prangt. Der andere gebückt, im Trenchcoat. Sein Begleiter zündet ihm eine Zigarre an. Mit diesen Bildern beginnt das Video der österreichischen Band Wanda zu ihrem im Spätsommer 2017 veröffentlichten Lied „Columbo“. Die verwendeten Symbole könnten kaum eindeutiger sein, Zweifel an der Verortung ihres Kommissars lassen die fünf jungen Wiener nicht aufkommen. Beide sind sie leicht zerfleddert, teilen den Hang zum Nikotin: Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda und der Doppelgänger Columbos.

Instant Amore oder Fischvergiftung?

Columbo ist erschienen auf dem dritten Studioalbum Niente. Ihr Debütalbum Amore (2014) hatte die Band auf einen Schlag berühmt gemacht – ein kommerzieller Erfolg, von der Kritik überwiegend positiv, vom Publikum meist euphorisch aufgenommen. Das keine zwölf Monate später erschienene zweite Album Bussi (2015) verkaufte sich zwar auch sehr gut, bescherte Wanda jedoch eine mediale Kontroverse und den Vorwurf, sexistisch zu sein: Im Videoclip zu Bussi Baby taucht Sänger Marco Wanda in einem Ozean zwischen riesenhaften Frauenbeinen ab. Zuvor sieht man, wie sich Ronja von Rönne auf einem Bett räkelt – die Bloggerin, die mit dem Artikel Warum mich der Feminismus anekelt bekannt geworden war.

Allen, die sich davon in ihrer Begeisterung nicht stören lassen wollten, bescheinigte der Wiener Journalist Wolfgang Zechner eine „Fischvergiftung namens Wanda“. In seiner im Rolling Stone erschienenen Schmähkritik unterstellt er, Rezensenten wie jene der Süddeutschen Zeitung, die über „das grandiose Comeback des Austropop“ sinnierten, müssten von „einer unerklärlichen austrophilen Geisteskrankheit befallen“ sein: „Die so aufgegeilten Pop-Kritiker benehmen sich dabei wie eine mit Kleinem Feigling abgefüllte Urlauberinnengruppe aus Castrop-Rauxel, die in irgendeiner gottverlassenen, österreichischen Apres-Ski-Hölle von einer Meute grindiger Skilehrer eingekocht wird“. Was Zechner zu Columbo gesagt hätte, ist leider nicht bekannt: „Denn bevor ich mir eine dritte Wanda-Platte anhöre, entferne ich mir lieber alle Zehennägel eigenhändig mit einem Tortenheber“.

Dem stehen die zahlreichen zustimmenden Kommentare entgegen, die sich – nicht nur – unter dem Video zu Columbo finden: „Das Lied verursacht in mir ein Gefühl des Glücks!“, „Die ‚Ösis‘ machen jetzt den Sound!“ oder „Columbo ist instant amore“.

Den lässigen, leicht rotzigen Habitus hat die Band seit ihrem ersten Hit Bologna (2014) beibehalten, das Image der charmanten Verwahrlosung weiter gepflegt (vgl. die Besprechung auf diesem Blog). Die typischen nach außen sichtbaren Kennzeichen sind geblieben: abgeschrammelte Lederjacke, darunter wallendes Brusthaar, ganz viel Amore, Bier, Wein oder Schnaps stets in Reichweite und natürlich Zigaretten. Das kommt gut an. „Weiß jemand welche Zigarettenmarke Marco bzw. die anderen Bandmitglieder raucht/rauchen?“, hat jemand unter das Video geschrieben – und zwanzig verschiedene Antworten erhalten (Stand: 14.01.2018). „Parisienne“, „Chesterfield“, „Camel Blue“ – „Die rauchen alles was man überhaupt nur irgendwie rauchen kann“.

Binge Watching gegen die Wirklichkeit

Also alles beim Alten?

Nein, Wanda seien erwachsen geworden, lautet die Einschätzung im Deutschlandfunk. Die Amore habe ihren Charakter verändert; sie sei „nicht mehr der promiskuitive Cunnilingus, sondern ein versöhnlicher Kuss auf die Wange.“ Die Wandamania – von einem „mörderischen Tourplan“ hatte der Musikexpress berichtet – hat Spuren bei der Band hinterlassen, die Hysterie ist Erschöpfung gewichen: „Auf Niente sind die Zwischentöne drauf, die nie erzählt wurden, die Einsamkeit, das Gefühl, dass wir vier Jahre wie eine Partyflasche herumgereicht wurden. Jeder hat uns leer gesoffen, und jetzt ist wenig Wasser im Brunnen übrig“, erklärt Marco Wanda auf news.at. Tatsächlich ist die Musik ruhiger, die Texte wirken weniger provokant: Die Sehsucht nach der Cousine („Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, / obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht“) und die Abenteuer der Tante („Tante Ceccarelli hat / in Bologna Amore gemacht“) sind dem gemütlichen Dasein daheim vor dem Fernseher gewichen:

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z’haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Ein Rückzug ins Private – „wie im Traum“:

 Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Die Schwarze Jalousie bleibt unten und schützt vor der Außenwelt.

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Alles Unerwünschte bleibt draußen, übrig bleiben nur der Blick aufeinander und auf den Bildschirm. So weit, so idyllisch, doch der Schein trügt:

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch

Wanda machen schließlich „Rock‘n Roll mit Welteroberungsanspruch“, wie Sänger Marco Wanda nicht müde wird zu erklären, und keinen Schlager. Dazu gehört auch der eine oder andere markige Spruch, zumindest aber dürfte die Band mit ihren Texten das Lebensgefühl eines großen Teils ihrer Zuhörerschaft treffen: Angesichts politisch turbulenter Zeiten die Welt da draußen für ein Wochenende im Pyjama daheim beim Binge Watching der aktuellen Lieblingsserie vergessen. Doch noch nicht einmal die privaten Konflikte lassen sich auf diese Weise dauerhaft aussperren. Die Angst ist zurück, der Traum ist vorbei.

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Columbo, der erfahrene Ermittler, löst seine Kriminalfälle, aber dem Pärchen vor dem Fernseher kann er nicht helfen.

Engel in Lederjacke

Das Video zu Columbo wurde im steirischen Eisenerzer Bergbaugebiet gedreht. Die zerklüftete Landschaft dient als Kulisse für die Liebesdramen mehrerer Pärchen. Erst sieht man verliebte Blicke, vorsichtige Annäherungen und zarte Berührungen. Dann verzweifeltes Weinen, traurige Gesichter, Regen fällt, die Pärchen laufen voneinander weg. Am Boden die Männer in Kreideumrissen, wie an einem Tatort. „Amore, Amore“ hallt es im Hintergrund. Und „Amore“ steht auch in Großbuchstaben auf einem Hügel – dann folgt die Sprengung.

Über dem Elend auf Erden fliegt Marco Wanda, einem Amor gleich, mit zerzausten Engelsflügeln am Rücken. Die Lederjacke hat er dafür freilich nicht abgenommen. Eine Anspielung auf Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin (1987)? Darin trifft Columbo-Darsteller Peter Falk an einer Imbissbude Engel Damiel. Und in dem Gedicht Lied vom Kindsein, das Peter Handke für den Film schrieb, wird die Kindheit als utopischer Idealzustand des Menschen geschildert.

Gegen Ende des Videos ist der Engel gefallen, mitten unter die tanzenden Pärchen auf einem Schiff. Es dauert nicht lange und der Columbo-Doppelgänger kommt auf ihn zu, schmiegt sich an ihn.

Im Interview geben sich die Bandmitglieder als große Fans des tollpatschig-smarten Inspektors zu erkennen. Columbo sei „ur-wienerisch, weil er gewaltlos und immer mit seinem Schmäh durchkommt“, zieht Marco Wanda im Interview mit TV-Media die Parallele zu seiner Heimatstadt. Die erste Folge der mit Pausen zwischen den Jahren 1968 und 2003 produzierten Serie habe er als Kind gesehen. Tatsächlich vergeht noch heute kaum ein Tag, an dem Columbo nicht im Fernsehen läuft: in Deutschland auf ZDF neo, in Österreich auf ORF 2. Seine Lieblingsfolge, so Marco Wanda, sei – wenig überraschend – Columbo in der Lederjacke. Das Motiv des Albums, Erinnerungen an die Kindheit, findet sich also auch in Columbo wieder – neben den äußeren Erkennungsmerkmalen des Inspektors, wie dem Peugeot 403 Cabrio und dem Basset. Fehlt nur noch das gekochte Ei.

Musik für postfaktische Zeiten?

Thematisch fügt sich Columbo gut in den Reigen der übrigen Lieder auf dem Album Niente ein. Melancholie und Rückschau dominieren. „Immer leichter wird es schwer / Und alles wirft mich aus der Bahn“, klagt Marco Wanda gleich im Eröffnungsstück Weiter, weiter. „Alles hier erinnert / Aber nix davon bleibt“, heißt es in Wenn du schläfst. Die „traurig schöne Kindheit in 0043“ wird in dem Lied besungen, das als Titel die Vorwahl Österreichs trägt, während im dazugehörigen Video die Bandmitglieder mit einem alten Mercedes durch die dämmrige Landschaft fahren, sich müde die Augen reiben und mit Dinosaurierfiguren im Wald kuscheln. Eine Flucht in Erinnerungen an längst vergangene Kindheitstage? Ein bisschen Wärme gegen die Kälte der Gegenwart und des Erwachsenseins?

„Alles, was ich brauche, ist ein einiges Mal / Ohne Förmlichkeit / (…) Ohne Sachlichkeit“, heißt es über und in Das Ende der Kindheit.

Von dort sei es dann auch nicht mehr weit zum „neuen, fragilen Wahrheitsbegriff in postfaktischen Zeiten“, mit dem eine Rezensentin in der Süddeutsche Zeitung die Musik von Wanda verbunden sieht. Schließlich, schreibt sie, seien deren Lieder unpolitisch, enthielten keine „Botschaften, Aussagen oder gar Meinungen“. Statt der häufig schnöden Gegenwart ginge es bei Wanda um größere Fragen, „das, was Menschen immer beschäftigen wird. Was wir denken, fühlen, wollen im großen Strom zwischen Liebe und Tod.“

„Muss ich denn sterben, um zu leben?“

Hört man sich die Lieder auf Niente an, ist man geneigt, mit Ja zu antworten. „Es ist nihilistisch angehaucht“, lautet die wenig überraschende Erklärung Marco Wandas zu dem italienischen Titel des Werks, der übersetzt „Nichts“ heißt. Die Stücke lassen eine Verletzlichkeit erkennen, Nachdenklichkeit, Traumzustände, Schwermut, Vergänglichkeit, Abschied. In einer Intensität, die über die bislang von Wanda gekannte Wiener Verfallsmystik hinaus geht. Zusätzlich betont von akustischen Gitarren, Klavier und Streichern. Die Band propagierte stets einen „Lebensstil der Selbstverschwendung“. Das kann man wiederum politisch oder zumindest gesellschaftskritisch finden: gegen den neoliberalen Zeitgeist, seinen Jugend- und Gesundheitswahn. Statt permanenter Selbstoptimierung hemmungsloser Rausch und die Hingabe an den Augenblick.

Mehr als auf den vorigen Alben hängen die Lieder miteinander zusammen. So findet Columbo in Lieb sein eine Art Fortschreibung, wenn es heißt:

Unglaublich gern sind wir hier
Unheimlich schwer tu ich mir
Samstag, Sonntag und auch
Keine Hände auf deinem Bauch
Alles einfach unendlich leer
Lieb sein ist schwer
Lieb sein ist anstrengend
Lieb sein tut weh

Das Wochenende dauert an, über den Bildschirm flimmert noch immer Columbo, doch auch die Konflikte sind noch da und auch die nackten Bäuche, auf denen statt der Hände die Angst ruht.

Der letzte Song auf Niente trägt den Titel Ich sterbe. Zumindest so viel ist gewiss.

Isabel Stanoschek, Bamberg

 

Der Ur-Rockschlager. Zu Peter Maffays „Es war Sommer“

Peter Maffay (Text: Gregor Rottschalk)

Und es war Sommer

Es war ein schöner Tag – der letzte im August.
Die Sonne brannte so, als hätte sie’s gewusst
Die Luft war flirrend heiß und um allein zu sein
sagte ich den andern, ich hab’ heut keine Zeit

Da traf ich sie und sah in ihre Augen
und irgendwie hatt’ ich das Gefühl
als winkte sie mir zu und schien zu sagen
Komm setz dich zu mir

Ich war 16 und sie 31
und über Liebe wußte ich nicht viel
sie wußte alles
und sie ließ mich spüren
ich war kein Kind mehr

Und es war Sommer
 
Sie gab sich so, als sei ich überhaupt nicht da
und um die Schultern trug sie nur ihr langes Haar
Ich war verlegen und ich wußte nicht wohin
mit meinem Blick, der wie gefesselt an ihr hing

"Ich kann verstehen", hörte ich sie sagen
"Nur weil du jung bist, tust du nicht, was du fühlst
Doch bleib bei mir bis die Sonne rot wird
Dann wirst du sehen"

Wir gingen beide hinunter an den Strand
und der Junge nahm schüchtern ihre Hand
doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn
Und es war Sommer

Es war Sommer. Es war Sommer
das erste Mal im Leben
Es war Sommer
das allererste Mal
und als Mann sah ich die Sonne aufgehn.
Und es war Sommer. Es war Sommer
das erste Mal im Leben 
Es war Sommer …

     [Peter Maffay: Und es war Sommer. Sony 1976.]

 

Bobby Goldsboro

Summer (The First Time)

It was a hot afternoon
The last day of June
And the sun was a demon
The clouds were afraid
One-ten in the shade
And the pavement was steaming

I told Billy Ray
In his red Chevrolet
I needed time for some thinking
I was just walking by
When I looked in her eye
And I swore, it was winking

She was 31 and I was 17
I knew nothing about love
She knew everything
But I sat down beside her
On her front porch swing
And wondered what the
Coming night would bring

The sun closed her eyes
As it climbed in the sky
And it started to swelter
The sweat trickled down the
Front of her gown
And I thought it would melt her

She threw back her hair
Like I wasn't there
And she sipped on a julep
Her shoulders were bare
And I tried not to stare
When I looked at her two lips

And when she looked at me
I heard her softly say
"I know you're young
You don't know what to do or say
But stay with me until
The sun has gone away
And I will chase the boy in you away"

And then she smiled
Then we talked for a while
Then we walked for a mile to the sea
We sat on the sand
And a boy took her hand
But I saw the sun rise as a man

Ten years have gone by
Since I looked in her eye
But the memory lingers
I go back in my mind
To the very first time
And feel the touch of her fingers

It was a hot afternoon
The last day of June
And the sun was a demon
The clouds were afraid
One-ten in the shade
And the pavement was steaming

     [Bobby Goldsboro: Summer (The First Time). United Artists 1973.]

Seit Peter Maffay auch außerhalb des Segments der klassischen Schlager-Hörer erfolgreich ist, wird die Frage gestellt, was so viele Menschen an ihm und seiner Musik mögen. Ebenso interessant erscheint aber auch die Frage, warum so viele Menschen Maffay, nein, nicht hassen, sondern lächerlich finden. Seine geringe Körpergröße und sein leicht parodierbarer Akzent begünstigen dabei sicher eine Vielzahl von Parodien (zu den berühmtesten gehört die von Jürgen von der Lippe, zu nennen wäre außerdem Anke Engelkes und Ingolf Lücks Wochenshow-Sketch, in dem Engelke als Moderatorin Ricky unablässig daran scheitert, Formulierungen, in denen es um Größe geht, zu vermeiden). Aber vielleicht gibt es darüber hinaus noch Gründe, die in der Ästhetik seines Schaffens liegen. Maffay ist der Godfather of Schlagerrock respektive Rockschlager, wie ihn heute Silbermond, Revolverheld u. v. a. erfolgreich spielen: Er begann seine Karriere als Schlagersänger (in diese Zeit fällt auch noch die Veröffentlichung von Und es war Sommer im Jahr 1976). 1979 erschien dann das Album Steppenwolf, benannt nach einer Rockband, die sich wiederum nach dem Roman von Hermann Hesse benannt hatte. Dass Steppenwolf ihren großen Hit Born to be wild bereits elf  Jahre vorher hatten, sagt ebenso viel über Maffays Verständnis von Rock wie seine Lederjacken, Cowboystiefel und Motorräder: Für ihn ist Rock kein moderner Mythos (Roland Barthes), zu dem konstitutiv Rebellion, Subversion und Normbruch gehören und dessen Protagonisten sich deshalb ständig neuer Mittel bedienen müssen – 1978 lösten sich die Sex Pistols als eine der prominentesten und modisch prägendsten Bands des Punk als damals neuester Manifestation des Mythos Rock’n’Roll bereits wieder auf und postulierte die Anarcho-Punkband Crass Punk Is Dead; ein Jahr später veröffentlichte Peter Maffay sein erstes Rock-Album, dessen Titeltrack sich am klassischen Rock’n’Roll der 1950er Jahre orientiert.

Maffay fasst Rock als einen Musikstil auf, der sich weniger durch eine Haltung, als durch Instrumentierung, Rhythmik und Akkordfolgen definiert, und verbindet damit einen bestimmten Retro-Kleidungsstil. Es ist ein im wörtlichen Sinne konservatives, bewahrendes Verständnis, demzufolge der (gute, alte, handgemachte) Rock’n’Roll weiter gepflegt werden muss, ebenso wie man das über Volkstänze oder Dialekte denken kann. Auf der anderen Seite führt eine Band wie Atari Teenage Riot schon qua Bandname die Rock’n’Roll-Tradition begriffen als Mythos fort, obwohl ihre Musik – wie ebenfalls schon der Bandname aussagt – ausschließlich elektronisch erzeugt wird. Und auch wenn im Bereich individueller Musikvorlieben viel möglich ist, dürfte die Schnittmenge von Atari Teenage Riot- und Maffay-Fans äußerst gering sein.

Doch warum wurde Maffay 1980 im Vorprogramm der Rolling Stones von deren Fans ausgebuht und mit Tomaten beworfen? Schließlich gehörten auch die Rolling Stones 1980 schon lange nicht mehr zur ästhetischen Speerspitze des Rock’n’Roll. Hier kommt ein weiteres zentrales Moment des modernen Mythos Rock’n’Roll ins Spiel: das der Authentizität. Im Film Walk the Line wird der Wandel des jungen Johnny Cash vom Musiker, der verbreitete Lieder nachspielt, zum Rocker im mythischen Sinne in einer Szene inszeniert: Der Mitarbeiter einer Plattenfirma, bei der Cash mit zwei Begleitmusikern uninspiriert ein Gospel vorspielt, unterbricht sie und nennt als Grund: „I don’t believe you.“ Anschließend fragt er Cash, ob das, was er da gespielt habe, auch das sei, was er als letztes spielen würde, wenn er von einem Lkw überfahren worden sei und nur noch Zeit für einen Song habe. Daraufhin spielt Cash den selbstkomponierten Folsom Prison Blues, womit seine Karriere beginnt. Zuvor hat der Zuschauer dessen Entstehung erfahren: Zwar war Cash nicht, wie später einige Fans glauben sollten, selbst im Gefängnis gewesen, hatte sich aber während seiner Stationierung als Soldat in Deutschland so gefühlt und in dieser Situation den Song geschrieben. Es geht beim Rock’n’Roll mithin nicht um eine referentielle Authentizität, sondern um eine emotionale. Und diese Authentizität nahmen die Stones-Fans bei Peter Maffay, der noch zwei Jahre zuvor Schlager im engeren Sinne gesungen hatte, 1980 anscheinend nicht an. Maffays Problem bestand darin, dass er mit dem Musikstil Rock’n’Roll und der dazugehörigen Kostümierung nebst Requisiten eben auch dessen mythischen Implikationen aufgerufen hatte. Auch noch drei Jahre später nahmen ihm nicht alle den Rocker ab: Bei seinem Auftritt im Rahmen der Proteste gegen die Stationierung von mit Nuklearsprengköpfen bestückten Raketen des Typs Pershing II in Neu-Ulm stand auf einem Plakat im Publikum: „Lieber Pershing II als Peter Maffay“.

Es war Sommer gehört zu den Stücken aus Maffays Zeit als reiner Schlagersänger, die er auch als ‚Rocker‘ weiterhin im Repertoire hat. Insofern erscheint es als geeignetes Beispiel dafür, das Hybridgenre des Rockschlagers zu diskutieren, zu dessen Gründungsvätern Maffay gehört, der damit eine Traditionslinie begründete, in die sich u. a. PUR und Silbermond stellen lassen. Einer der zentralen Unterschiede zwischen Schlagermusik und ‚authentischer‘ Rockmusik besteht darin, dass der Schlagersänger traditionell die Texte professioneller Textdichter singt, wohingegen Rocksänger häufig eigene Texte singen. Der Schlagersänger klassischen Zuschnitts ist in erster Linie Interpret, ihn zeichnen seine Stimme, sein Aussehen und seine Bührenperformance aus, weniger seine Biografie. Im Rock (begriffen als moderner Mythos) hingegen kann auch ein stimmlich sehr gewöhnungsbedüftiger Sänger wie Bob Dylan, der seine Songs selbst schreibt, zum Weltstar werden. Wie zentral die Kategorie der Authentizität bzw. street credibility nach wie vor ist, zeigen gerade die Versuche, neuen deutschen Sängern und Bands aus dem Segment des Rock- und Popschlagers, deren Texte vornehmlich von Profis, die für diverse Interpreten  schreiben, verfasst werden, das Image zu geben, es handle sich um Singer-Songwriter, die in ihren Liedern eigene Erlebnisse und Gedanken formulierten – vgl. dazu Jan Böhmermanns Ausführungen zu u.a. Max Giesinger.

Den Text von Es war Sommer hat nun nicht nur jemand anderes als der Sänger, nämlich der Radiomoderator und erfolgreiche Liedtexter (u. a. Marianne Rosenbergs Er gehört zu mir) Gregor Rottschalk alias Christian Heilburg verfasst, sondern dieser hat dazu auch noch auf einen bereits bestehenden Liedtext zurückgegriffen. Von Bedeutung ist hier, dass es sich um eine unmarkierte Übernahme bei gänzlich anderer Musik handelte, nicht um eine Coverversion, die häufig eine Hommage ans Original darstellt und eine Traditionslinie markiert. Dadurch, dass nicht nur der Text in seiner konkreten Gestalt von jemand anderem als dem Interpreten verfasst worden ist, sondern auch die Idee dazu, das geschilderte Szenario, nicht von ihm stammt, kann auch nicht mehr, wie häufig bei der Zusammenarbeit von professionellen Liedtextern mit Sängern, behauptet werden, dass der Textdichter nur als Ghostwriter firmiert habe, der den Gedanken des Sängers eine Form gegeben habe (bei den Böhsen Onkelz, einer Band, für deren Fans gerade ihre angebliche Authentizität von zentraler Bedeutung ist, fand diese Arbeitsteilung bandintern statt: Bassist Stephan Weidner textete u. a. Lieder über Drogensucht für den davon betroffenen Sänger Kevin Russell). Problematisch ist darüber hinaus, dass es sich um ein höchst intimes und individuelles Thema handelt, das weder eine verallgemeinernde noch eine metaphorische Lesart nahelegt. Wenn Johnny Cash sich in die Rolle eines Inhaftierten hineinimaginiert und dessen Gedanken und Gefühle beim Anblick vorbeifahrender Züge artikuliert, lässt sich dies ohne Weiteres einerseits als Kritik am Strafvollzug, andererseits als Sinnbild für Situationen, in denen sich jemand eingeengt fühlt und aus denen er keinen Ausweg sieht, interpretieren. Maffays Lied lässt sich aber weder sinnvoll sozialkritisch als Kritik am sexuellen Missbrauch männlicher Teenager durch Frauen in den Dreißigern lesen noch als Allegorie auf – ja auf was?

Was bleibt ist eine schwüle Sexphantasie, die zudem noch wesentlich züchtiger als im Original, das auch schon nicht gerade ein Kandidat für einen „Explicit Lyrics“-Aufkleber ist, gehalten ist – so fehlt etwa die Beschreibung der klassichen Verführungsposen, die die in derlei Dingen offenbar Erfahrene einnimmt und die ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nicht verfehlen:

She threw back her hair
Like I wasn’t there
And she sipped on a julep
Her shoulders were bare
And I tried not to stare
When I looked at her two lips

Bei Maffay heißt es hingegen, zwar teilweise direkt zitierend, aber stark verkürzt:

Sie gab sich so, als sei ich überhaupt nicht da
und um die Schultern trug sie nur ihr langes Haar
Ich war verlegen und ich wußte nicht wohin
mit meinem Blick, der wie gefesselt an ihr hing

Ausgesagt wird hier im Wesentlichen dasselbe, nur wird es eben im ersten Fall bildlich beschrieben, während es im zweiten eher abstrakt benannt wird. Dass Maffays Lied weitaus züchtiger gehalten ist als das Original, zeigt sich hier unter anderem darin, dass die Schultern der Frau zwar in beiden Texten nackt sind, diese Nacktheit im Original aber zu sehen ist und benannt wird, wohingegen die Schultern in Es war Sommer von den Haaren verdeckt werden. (Um dem alten Argument, es sei erotischer, wenn man nicht alles sehe, zu begegnen: Es geht hier nicht um alles, sondern um Schultern! Und wenn die schon bedeckt werden müssen, weil es sonst für den Rezipienten zu viel wird, ist das Genre erotisches Lied wohl nicht ganz das geeignete.) Eine fast schon ins Selbstironische changierende Formulierung ist in diesem Kontext „Doch bleib bei mir bis die Sonne rot wird“, da hier ’schamrot werden‘ assoziiert werden kann.

Ansonsten ist Gregor Rottschalks Fassung vor allem kürzer und auch allgemeiner gehalten – statt des namentlich genannten Freundes werden die nicht näher konkretisierten „andern“ zurückgelassen. Aus der persönlichen, ja intimen und detaillierten Erinnerung, die bei Goldsboro in den Schlussstrophen ja auch noch einmal reflektiert wird, ist eine lediglich grob skizzierte, exemplarische Geschichte geworden: die von der Emanzipation eines Heranwachsenden aus der bis dahin bestimmenden peer group und von seiner Initiation als Mann – die in beiden Texten wiederum fast wortgleich beschrieben wird, inklusive des Wechsels von der dritten zur ersten Person: „And a boy took her hand / But I saw the sun rise as a man“ –  „und der Junge nahm schüchtern ihre Hand / doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn“.

Man kann Rottschalk handwerklich kaum etwas vorwerfen: Er hat aus einem langen, persönlichen Singer-Songwiter-Text einen kurzen, stadiontauglichen Schlagertext gemacht, der so züchtig gehalten ist, dass er aufgrund seines Themas zwar einen kleinen Skandal auslöste und damit Aufmerksamkeit generierte, aber Maffays Wohnzimmertauglichkeit nicht nachhaltig beeinträchtigte. Die Glaubwürdigkeitsproblematik ergibt sich erst in der performativen Reklamation von Authentizität – einerseits durch die Rockerpose, andererseits durch Maffays stark emotionalen Gesang. Mit der Kombination aus einem schematischen, allgemein gehaltenen Text und performativ beanspruchter Individualität liefert Es war Sommer die Blaupause für die Lieder von Generationen nachfolgender Rockschlagersängerinnen und -sänger, die sich zwar wünschen, dass Worte ihre Sprache wären, aber sich doch nur Formulierungen bedienen, die genau so schon Zahllose vor ihnen genutzt haben.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Weicher Kern, harte Schale, Teil IV. Gemäßigter Punk in Dritte Wahls „Zu wahr um schön zu sein“

Dritte Wahl

Zu wahr um schön zu sein 

Ich sitz' am Fenster müde von der langen Reise,
draußen ziehen Landschaften vorbei.
Mit vollem Tempo rollt der Zug über die Gleise,
ich fühl mich eingesperrt und irgendwie auch frei.
 
Und die Dämmerung lässt diesen Tag zu Ende gehen,
die grellen Lichter fangen mit der Arbeit an
da wo das Gold und das Gift so dicht beisammen stehen,
dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann.
 
Ich denk, was könnte diese Welt doch für ein Ort sein?
Ein Paradies auf schneller Fahrt durch Zeit und Raum.
Würde hier Miteinander mehr als nur ein Wort sein
und wäre Gleichheit etwas mehr als nur ein Traum.
 
Doch während sich einige hier Prunk und Luxus geben,
ganz ohne Maß und völlig zu bis oben hin,
können die anderen sich noch so sehr bewegen,
was sie auch tun, die Luft bleibt unten immer dünn.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage,
uns von diesen alten Zwängen zu befreien.
Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein,
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?
 
Man sollte meinen, Wut und Zorn wär'n schier unendlich,
an so ein Unrecht da gewöhnen wir uns nie.
Die Apathie hier ist doch völlig unverständlich,
oder wollen im Grunde alle sein wie die?
 
Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen,
wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt,
dort wo sie schwärmen von den guten alten Zeiten
und man die schlechten Dinge gerne mal verdrängt.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage […]

     [Dritte Wahl. Geblitzdingst. Dritte Wahl Records 2015.]

Leise ins Paradies    

Der Text der Rostocker Punkrocker Dritte Wahl beginnt, wie dies in vielen literarischen Erzeugnissen der Fall ist, auf einer Reise des Protagonisten. Dieser (weil das Lied von einem Mann gesungen wird, nehmen wir an, dass auch der Protagonist männlich ist) sitzt in einem Zug, spätabends und denkt beim Anblick der vorbeirauschen Landschaft an die Probleme der Welt. Diesen entfliehend, träumt er von einer utopischen Welt, einem „Paradies“, das auf Gleichheit und Miteinander beruht. Schnell wird der Reisende aber von der Realität eingeholt und kritisiert in guter Punk-Manier die Reichen und deren luxuriösen Lebensstil. Im Refrain wird dann an eine imaginierte Gemeinschaft appelliert, etwas zu ändern, damit die Phantasie Realität wird und nicht viel zu schön wahr zu sein bleibt. In den letzten beiden Strophen wird dann dieser Wunsch nach Veränderung aufgegriffen indem Apathie und Verdrängung kritisiert werden. Passend zum schlaftrunkenen Reisenden ist der erste Teil des Liedes auch musikalisch ruhiger und langsamer gehalten, als der zweite Teil, in dem sich dder Sprecher in Rage geredet hat.

Im Fall von Dritte Wahl steht die Zeile „zu schön um wahr zu sein“ symptomatisch für eine gemäßigte Interpretation klassischer Punk-Topoi. Sie wird deshalb als Frage an die Rezipienten gestellt: „Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage / viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?“ Davor wird im Refrain, ganz leise, die Hoffnung geäußert, dass Veränderungen möglich seien: „Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage, / uns von diesen alten Zwängen zu befreien“. Doch, ganz untypisch für Punkrock, für den rotzig-selbstbewusste Texte durchaus üblich sind, wird hier durch die Verwendung eines „vielleicht“ deutlich, dass sich nicht einmal der Sprecher selbst sicher ist, ob Veränderungen möglich (oder wünschenswert) sind.

Passenderweise bemüht der Protagonist dann auch abstraktere Sprachbilder, die man vielleicht ebenfalls nicht in klassischen Punkliedern erwarten würde, beispielsweise die Personifikation der Lichter, die „mit der Arbeit“ anfangen oder die Beschreibung einer utpischen Welt als „ein Paradies auf schneller Fahrt durch Raum und Zeit“. Denkt man zum Vergleich an die Ursprünge des Punks mit Liedern wie London’s Burning oder Anarchy in the U.K. wirken solche Zeilen gänzlich atypisch.

Doch bei Dritte Wahl führt der Wunsch nach einer neuen Weltordnung noch zu ganz anderen, ebenso überraschenden Erkenntnissen: Der Alkoholkonsum der Menschen wird kritisiert. Für eine Punkrockband vermeintlich unvorstellbar! („Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen / wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt“). Die betäubende Wirkung des Alkohols und das Schwärmen von alten Zeiten wird nicht als ein positives Beisammensein mit Freunden bei einem Bier gesehen, sondern als Flucht vor der Realität (zur Kneipe als Erinnerungsort, siehe auch Denise Dumschat-Rehfeldts Interpretation zu Eins kann uns keiner nehmen von Revolverheld). Es scheint als würde der müde Reisende im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft auch den stereotypischen Lebensstil eines Punks hinterfragen und vermutlich damit auch sein eigenes Leben.

Enttäuscht von der Welt kritisiert der Sprecher die Apathie und das Unrecht, das ihm in den Sinn zu kommen scheint. Und hier bleibt er sich, folgt man der Lesart, dass es sich bei ihr um einen moderaten Punk handelt, trotz allen Einschränkungen treu. Der Grund für die Probleme der Welt liegen im Luxus und der Prunksucht der wenigen, die diese auf Kosten derer, die sich ‚unten‘ befinden, ausleben. Somit wird das Gold der Wenigen zum Gift für die Vielen und die maßlose Verschwendung von denen, die ‚oben‘ sind, zeigt die bestehende Ungleichheit. Das, so scheint es, führt zu den im Refrain angesprochenen „Zwängen“, die es zu durchbrechen gilt.

An dem Punkt, wo der Sprecher über diese Ungleichheiten nachzudenken beginnt, gibt es auch die am deutlichsten ausgeprägten sozialkritischen Einschätzungen, die sich gegen Apathie und Unrecht wenden. Verbunden wird dies mit einer, und auch dies kann wieder als typisch für den Punk gelten, Schwarz/weiß-Sicht von ‚wir gegen die‘. So fragt die vorletzte Strophe ob „im Grunde alle sein wollen, wie die“  (Hervorhebung M.C.) Mit emotionalen Worten wie Wut und Zorn kommt diese Strophe auch der ansonsten so typischen, Anti-establishment-Attitüde des Punkrock am nächsten. Schließlich folgt die bereits besprochene Strophe, die sich gegen den Alkoholkonsum in der Kneipe ausspricht. Doch wo man dann eine klare Aufforderung an die Kneipengänger erwarten würde, auf die Straße zu gehen und etwas zu verändern, folgt lediglich wieder der betont unsichere Refrain.

Es scheint, der Sprecher ist sich selber nicht sicher, wohin er gehört, fühlt er sich doch „eingesperrt und irgendwie auch frei“, kritisiert Apathie und soziale Ungerechtigkeit, greift aber auf keine Topoi zu einem Umsturz der Weltordnung zurück auf und hat zwar mit den Reichen klare Feindbilder identifiziert, ist sich aber nicht sicher, ob sich die vorgefundene Ungleichheit überhaupt ändern lässt. Wie auch bei Onkel Tom (siehe Teil II) verweist deshalb die Zeile „zu wahr um schön zu sein“ zum Teil auch auf die Unsicherheit des Sprechers. Unser Zugreisender glaubt wohl selbst, dass sein Wunsch nach einer anderen Welt nur ein Traum bleiben wird.

Martin Christ, Oxford

„Sag mir wo du stehst“? Über die Verortung des Selbst und der Anderen in „030, gleiches Ambiente“ von Die Goldenen Zitronen

 

Die Goldenen Zitronen

030, gleiches Ambiente

Hey, kühles Hemd!
Ah, du kennst die?
Ja irgendwie, der Sänger geht immer in denselben Lebensmittelladen wie ich.
Echt, das ist kühl!
Du magst also auch Musik, was?
Ja, ich liebe Musik!
Auf was für Musik stehst du?
Alle Sorten.
Also ich mag Easy Listening.
Ja, ich auch, Easy Listening ist echt geil!
Wohnst du hier in der Gegend?
Ja, praktisch um die Ecke, ist ne gute Gegend zu wohnen.
Ich mag es.
Ich auch.
Apropos, ich heiße Thomas.
Hallo Thomas, ich bin Stefan. Nett dich kennen zu lernen.
Auch nett dich kennen zu lernen!
Weißt du was komisch ist? Hier ist dienstags immer ziemlich leer!
Echt?
Diese Kneipe erinnert mich an eine Kneipe in meiner Heimatstadt.
Echt? Das ist interessant!
Ja, echt verrückt!
Was machst du so?
Ich bin in der Werbung.
Oh wow, das ist stark!
Ja, ich mag Menschen
Ich auch! Ich liebe Menschen!
Kommst du oft hierher?
Ja ja...
Ich dachte, ich hab' dein Gesicht schon mal gesehen hier. Kennst du vielleicht Katrin?
Kann sein...
Wow, das ist super, ich liebe dieses Lied! Moby hat echt eine tolle Stimme.
 
Hast du den neuen Quentin Tarantino schon gesehen?
Ja, ich mag Filme.
Ernsthaft? Ich auch, ich leihe mir oft Filme aus.
Wow, ich auch!
Hör mal, ich muss jetzt los. Es war toll, sich mit dir zu unterhalten.
Ja, es war nett dich kennengelernt zu haben.
Nimm's locker, Mann!

     [Die Goldenen Zitronen: Economy Class. Sub-Up-Records 1996.]

Keine Popmusik ohne Identität, keine Identität ohne Popmusik! Simon Frith erklärte bereits 1987: „We use pop songs to create for ourselves a particular sort of self-definition, a particular place in society. The pleasure that pop music produces is a pleasure of identification – with the music we like, with the performers of that music, with the other people who like it.“ (Simon Frith: Towards an aesthetic of popular music. In: Ders.: [Hg.]: Taking popular music seriously. Selected essays. Reprinted. Aldershot: Ashgate 2008 [Ashgate contemporary thinkers on critical musicology series], S. 258–273, hier S. 264)

Identität ist – eine kulturwissenschaftliche Binsenweisheit – immer nur möglich in der Abgrenzung gegen ein anderes. Prozesse der Identitätsbildung und -sicherung stehen schon früh im Fokus der Goldenen Zitronen, etwa die Abgrenzung gegen Hardrock (Das ist Rock! – Live in Japan, Maxi Weser Label 1988) oder auch gegen Teile ihrer Fans (Schmeiß es weg auf Fuck You, Vielklang  1990). Diese Versuche der Bewahrung der eigenen Identität gegen vermeintliche oder tatsächliche Annäherungsversuche sind in den Jahren um 1990 häufig (Mutter: Du bist nicht mein Bruder auf Mutter, What’s So Funny About 1993, Tocotronic: Freiburg auf Digital ist besser, L’age d’or 1995). Im vorliegenden Stück soll ebenfalls die eigene Identität gesichert werden. Doch wovor?

Das Stück ist mit Schlagzeug, Gitarren und Orgel eigentlich klassisch instrumentiert, folgt aber keinem bekannten Lied-Schema. Strophen, Versmaß oder Refrain gibt es nicht. Der Text wird gesprochen über zwei Bassfiguren, die im Stück hindurch mit der Ausnahme eines dissonanten Gitarrensolos (01:40-02:00) alternieren. Das Stück ist eigentlich kein ‚Lied‘, weil der Text nicht auf das musikalische Arrangement bezogen ist. Text und Musik erscheinen unabhängig voneinander und im Studio nur zufällig zusammengemischt. Der Text besteht ausschließlich aus rezitiertem Dialog:

Zwei junge Männer – Stefan und Thomas – begegnen sich an einem nicht näher spezifizierten Dienstag in einer Kneipe, es läuft Musik, die Tageszeit bleibt unklar. Stefan spricht Thomas wegen seines Band-T-Shirts an, und so entspinnt sich ein Gespräch, in dem sich die beiden kennen lernen (wollen). Allerdings legt das Stück im weiteren Verlauf keinen Wert darauf, die Sprecher identifizierbar zu halten; die höchstens aus einem halben oder ganzen Satz bestehenden Dialogbeiträge sind nicht immer klar zuzuordnen.

Autoren nutzen direkte Rede und Dialoge, um ihre Figuren durch deren eigene Äußerungen zu charakterisieren. In einer so kompakten Form wie dem Songtext sind diese besonders mit Bedeutung aufgeladen. Welchen Eindruck vermittelt dieser Text von Stefan und Thomas? Was verraten ihre Gesprächsbeiträge über ihr Leben? Und was hat das eigentlich mit der Identität der Goldenen Zitronen zu tun?

Zunächst einmal handelt das Gespräch von alltäglichen Dingen – Musikgeschmack, abends Weggehen, Kneipen, mögliche gemeinsame Bekannte, Wohnen, Arbeit – das Standardrepertoire der Twentysomethings: Stefan und Thomas wohnen in der Innenstadt einer deutschen Großstadt, in der sie allerdings nicht geboren sind. Vielmehr sind sie Zugezogene und bezeichnen ihren Geburtsort immer noch als „Heimatstadt“. Zumindest Stefan arbeitet „in der Werbung“, denn er „mag Menschen“. Kulturkonsum spielt eine wichtige Rolle: Die beiden sind Musik-Fans, sie mögen „alle Sorten“ bzw. den damals neuesten Trend („Easy Listening“) und aktuelle Kinofilme. Sie sind informiert über die angesagten städtischen Viertel und machen sich Gedanken über Kneipendesign. Ihr Treffpunkt erinnert „an eine Kneipe in meiner Heimatstadt.“ Das ‚Kennen‘ spielt eine wichtige Rolle, egal ob es sich um Menschen („Katrin“) oder Kultur handelt.

Für sich genommen erscheinen die Einzeiler der jungen Menschen unauffällig, ihre Verdichtung erschafft jedoch ein Panorama der Belanglosigkeiten: Wir finden es nicht interessant, dass irgendeine Kneipe „dienstags immer ziemlich leer“ ist. Wir finden es auch nicht interessant, dass sie so ähnlich aussieht wie eine andere Kneipe – wo auch immer. Eigentlich ist es verdammt langweilig.

Diese Banalität der Informationen steht in Widerspruch zum Enthusiasmus der Dialogpartner. Diese finden alles „interessant“, „echt verrückt“ oder „stark“. Sogar Easy Listening – eine Musik, die gerade keine starken Reaktionen hervorrufen soll – wird als „echt geil“ bezeichnet. Nichts fällt ihnen leichter, als Dinge, von denen der andere erzählt, zu mögen oder sogar zu lieben. Stefan und Thomas betreiben eine gnadenlose gegenseitige Überaffirmation, die ihre Mittel laufend entwertet und daher immer noch stärkere Ausdrücke braucht. Eine Korrektur falscher Aussagen würde da nur stören, weswegen Thomas mit der Aussage durchkommt, dass Moby eine „super Stimme“ habe. Dabei übernahmen fast immer Gastsänger oder -sängerinnen die Gesangspassagen. Beide bemühen sich um die Demonstration ihres Dazugehörens, etwa durch die überkorrekte Aussprache US-amerikanischer Nachnamen („Hast Du den neuen TarantEIno schon gesehen?“) oder durch dezente Hinweise auf das Teilen der Umgebung mit Sängern von angesagten Bands.

Formal zeichnet den Dialog eine scheinbar unkonventionelle Form der Gesprächsführung aus, die mit der Tür ins Haus fällt („Du kennst die?“/„Ja irgendwie!“) und so klassische Regeln aushebelt (erst Kennenlernen, dann über T-Shirts reden!). Gleichzeitig möchten Stefan und Thomas unverbindlich bleiben („irgendwie“, „kann sein“). Solche Floskeln werden verwendet, um sich gegen Kritik abzusichern, machen aber die Verständigung über Inhalte letztlich unmöglich: „Irgendwie“ ist alles immer richtig. Die gegenseitige Bestätigung soll soziale Nähe herstellen. Räumliches Pendant dieser sozialen Nähe ist die kleinräumige Umgebung des Kiezes, wo man sich kennt (der „Lebensmittelladen“!), wo man es mag und wo die eigenen Regeln gelten.

Der fehlende Zusammenhang von Textdarbietung und musikalischem Arrangement ermöglicht den Goldenen Zitronen, die Musik als Reaktion auf den Text zu arrangieren. Diese Reaktion ist durchaus feindlich: Die zerhackten Gitarren- und Orgelfiguren sind gerade keine Zustimmung, gerade keine Affirmation; sie bilden vielmehr das musikalische Äquivalent zu Entsetzen und Hilflosigkeit angesichts der Inhaltsleere des Dialogs. Die Dissonanz des Solos macht es zum Gegenteil eines ‚Hörerlebnisses‘ und genau dies sollen wir auch vom Dialog zwischen Thomas und Stefan denken.

Wir ahnen es längst: Es geht den Goldenen Zitronen hier natürlich nicht um einen bestimmten Thomas oder Stefan. Die Goldenen Zitronen konstruieren die beiden als Prototypen der jungen Menschen, die Anfang der 1990er in Großstädte wie Hamburg oder Berlin ziehen und in den dortigen Innenstadtvierteln hoffen, Anschluss an die ‚Szene‘ zu finden, was auch immer sie darunter verstehen mögen. Die Ankunft dieses studentischen Milieus stellt eine mittlere Phase im Gentrifizierungsprozess dar. Dieses Milieu richtet seinen Geschmack nach (tatsächlichen oder imaginierten) Subkulturen und Künstlern, die in diesem Prozess als Pioniere fungieren, indem sie das symbolische Kapital und die Ästhetik bestimmter Viertel erhöhen. Ihnen folgen die besagten Studenten nach. Ihren Endpunkt findet die Gentrifizierung dann in der Aneignung des Stadtteils durch neue Mittelschichten, die oft in so genannten Kreativberufen (‚irgendwas mit Medien‘) arbeiten. Dieses Muster einer dreiphasigen Gentrifizierung ist natürlich holzschnittartig vereinfacht. Die Phasen gehen auf vielfältige Weise ineinander über, die Akteure sind nicht einfach einer Phase zuzuordnen, sondern gehören im Laufe ihrer Biografie möglicherweise diesen drei Phasen nacheinander an. So haben Thomas und Stefan ihren studentischen Habitus (noch?) nicht abgelegt, arbeiten aber bereits („in der Werbung“!); sie werden also von den Goldenen Zitronen genutzt, um den Übergang von Phase 2 zu Phase 3, den Anfang vom Ende im Gentrifizierungsprozess zu markieren.

In diesem Prozess ist nicht einfach zu bewerten, wer ‚noch gut‘ und wer ‚schon böse‘ ist. Aber gerade weil die Grenzen realiter so unklar sind, ist das Bedürfnis nach symbolischer Abgrenzung so hoch. Indem sich die Goldenen Zitronen über Thomas und Stefan lustig machen, grenzen sie sich von diesen ab und gelangen so auf die ‚gute Seite‘ des Prozesses. Dies ist umso leichter, als sie die Protagonisten zu Otto Normalverbrauchern, zu deutschen Michels, zum 08/15 jener Jahrgänge machen, also zu etwas ganz Gewöhnlichem degradieren: Bei ‚Thomas‘ und ‚Stefan‘ handelt es sich um die beiden häufigsten männlichen Vornamen der zwischen 1965 und 1975 Geborenen (vgl. www.beliebte-vornamen.de). Auch im weiteren Verlauf der Unterhaltung haben es die beiden nicht leicht: Das Gespräch zerfleddert in ein Nichts aus Leuten, die man vielleicht kennt, vielleicht auch nicht, und banalen Informationen, bevor es abrupt endet, weil einer der beiden „jetzt los“ muss. Ein Grund wird bezeichnenderweise nicht gegeben. Beide versichern nochmals, wie „toll“ und „nett“ das Gespräch war. Die Parodie eines bestimmten Milieus weitet sich hier zur Kritik an oberflächlicher Kommunikation allgemein.

Die Goldenen Zitronen artikulieren die Abneigung derjenigen, die bereits vor den Studenten in Stadtvierteln wie Hamburg-St. Pauli, St. Georg, oder auch Prenzlauer Berg und Kreuzberg (Stadtviertel in 030-Berlin mit dem ‚gleichen Ambiente‘ wie St. Pauli) gelebt haben oder die diesen Prozess mit Unbehagen verfolgen. Wie schon Schmeiß es weg richtet 030, Gleiches Ambiente eine Grenze zu denen auf, die einem ähnlich scheinen oder es vielleicht auch tatsächlich sind. Diesen werden dann die negativen Aspekte der eigenen Existenz wie ein Schwarzer Peter zugeschoben, die Identität als ‚Guter‘ so gesichert. Der Nachvollzug der Distinktion im Prozess des Hörens ermöglicht Konsumenten des Stückes eine symbolische Absetzung von den im Lied Karikierten. So kann er im Gentrifizierungsprozess ebenfalls auf der ‚guten Seite‘ stehen.

So einfach, mit scheinbar klaren Grenzziehungen die eigene Identität als ‚die Guten‘ zu sichern, machen es sich die Goldenen Zitronen aber nicht, wie der Blick aufs Video verrä: Die Rollen von Thomas und Stefan werden von Mitgliedern der Band (oder ihren Bekannten) selbst gespielt. Das besagte Band-T-Shirt ist sichtbar ein Goldene Zitronen-T-Shirt (Fuck You). Wenn sie sich also mit dem Stück selbst aus dem Prozess der Stadtviertel-Hipsterisierung herausgezogen haben, werfen sie sich mit dem dazugehörigen Video wieder mitten hinein. Das Stück interpretiert also die eigene Position in der Hamburger Stadtgesellschaft, lässt aber diese Position und damit auch ihre Beurteilung letztlich offen. Somit erscheint es auch als eine Vorwegnahme der Distanzierung von der Hamburger Schule – einem, nun ja, musikalischen Stil, dem die Goldenen Zitronen nicht (oder doch?) angehören sollen (Die Goldenen Zitronen: Dead School Hamburg, Cooking Vinyl 1998).

Georg Götz, Vechta