Echse an Krautrock: „Der Elektrolurch“ von Guru Guru (1973)

Guru Guru

Der Elektrolurch

Gestatten, hier spricht der Elektrolurch.
Ich wohne in der Lüsterklemme neben dem Hauptzähler.
Ich sorge für Euren Saft!
Volt, Watt, Ampere, Ohm ...
Ohne mich gibt's keinen Strom!

Was bedeutet eigentlich der Name GURU GURU?
- Der Name GURU GURU ist zum Beispiel prähistorisch;
Er soll, kann und zeigt aber nichts.

Wieso macht Ihr eigentlich Musik?
- Ebbes besseres als de Dod kenne ma allemo finne!

Was war für Dich ein besonders wichtiges Ereignis?
- Der erste Bohnenkaffee nach dem Krieg!

Was macht Ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?

     [Guru Guru: Guru Guru. Brain 1973.]

Das Menu auf der heutigen Tageskarte ist nichts für schwache Mägen. Es stammt aus den frühen 1970er Jahren und seine Hauptzutat ist Krautrock; d.h. es stammt aus (west-)germanischen Gefilden und wurde von Küchenmeistern mit Vorliebe für elektronisches Equipment und experimentierende bzw. improvisierende Herstellungsverfahren zubereitet.  Der Begriff war zunächst eine humoristisch, vielleicht auch etwas despektierlich gemeinte Fremdzuschreibung englischer Rundfunkmoderatoren, wurde dann aber auch in Deutschland, oft selbstironisch, aufgegriffen. Laut Handbuch der populären Musik bezog sich besagte Ironie meist auf den „Hang zu philosophischem Tiefgang“, dem viele Vertreter des Krautrock nachhingen, obwohl sie durchaus unterschiedliche Stile der Rockmusik pflegten. Zu den allgemein anerkannten Spitzenköchen der frühen Krautrock-Ära, denen wir hier Guru Guru einmal zurechnen wollen, gehörten – in alphabetischer Reihenfolge ohne Anspruch auf Gerechtigkeit oder gar Vollständigkeit – u.a. Amon Düül, Ash Ra Tempel, Can, Hoelderlin, Popul Vuh und Tangerine Dream. Wenn jemand in den Namen der Bands (bzw. ihrer Stücke, vgl. etwa LSD-Marsch von Guru Guru) Hinweise darauf zu sehen glaubt, dass der eine oder andere Koch seiner Kreativität mit exotischen Gewürzen nachgeholfen haben könnte, würde ich dem jetzt nicht ungestüm widersprechen …

Zur Gründung von Guru Guru, ihrer musikalischen Herkunft aus dem Free Jazz und Entwicklung, den wechselnden Besetzungen sowie ihren Konzerten und produzierten Alben kann man einiges bei Wikipedia erfahren; darüber hinaus betreibt die Gruppe eine Internetseite. Das entlastet uns hier für die Arbeit am Text, der auch unsere volle Konzentration erfordert … 

Die geneigte Hörerschaft muss sich bei der ausgewählten Aufnahme etwas länger in Geduld üben, bevor eine menschliche Stimme zu vernehmen ist. Man darf sich also ein Weilchen auf einem schönen Klangteppich mit allerlei rhythmischen und elektronischen Effekten räkeln, sollte aber bei exakt 5 Minuten und 18 Sekunden wieder hellwach sein – dann ergreift nämlich der Elektrolurch ohne Vorwarnung persönlich das Wort. Seine Stimme entspricht unserer ,eigentlich‘ (dazu unten mehr) noch gar nicht vorhandenen Vorstellung eines Elektrolurchs ziemlich exakt, da sie ,irgendwie elektronisch‘ klingt, wozu u.a. ein kräftiger Hall beiträgt. Der Lurch verrät uns Wohnort und Beruf, lässt aber ansonsten viele Fragen offen. Ob das Internet Abhilfe schaffen kann?  

Die einschlägige Wissenschaft, die Lurche bzw. Amphibien als Landwirbeltiere, die sich nur im Wasser fortpflanzen können, definiert, hilft uns leider nicht wirklich weiter, da sie weder unter den Frosch- noch Schwanzlurchen einen Elektrolurch zu nennen weiß, und unter den Schleichenlurchen schon gar nicht, was wir uns aber sowieso gedacht haben, weil der Elektrolurch immer recht laut aufzutreten pflegt. Auch die allgemeine Neigung der Amphibien zum flüssigen Element würde sich mit der sprichwörtlichen Affinität unseres Lurchs zur Elektrizität nur schlecht vertragen. Vergessen wir also die Zoologie und suchen unser Heil in der Begriffsgeschichte!

Wörterbücher führen ,Elektrolurch‘ zuvorderst als scherzhafte Bezeichnung für Elektriker auf. Da diese Handwerker zwar durchaus mit Lüsterklemmen umzugehen gewohnt sind, aber nicht darin wohnen, dürfen wir nach messerscharfer Logik davon ausgehen, dass unser Titeltier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Elektrofacharbeiter ist, jedenfalls keiner im branchenüblichen Sinne. Die Sprachnudel (ein Wörterbuch der Jetztsprache) belehrt uns, dass man in hippen Kreisen unter ,Elektrolurchen‘ gewisse Sexspielzeuge versteht, die unter der Bezeichnung ,Vibrator‘ (von lat. ,vibrare‘ =  zittern, beben, schwingen) in der breiten Bevölkerung bekannter sind und – nach einer wissenschaftlichen Studie der Kronen Zeitung von 2006 – in jedem zweiten US-amerikanischen bzw. taiwanesischen, jedem dritten österreichischen und fünften deutschen Werkzeugkasten zur Grundausstattung gehören. Wenn ich das Technische für einen Augenblick einmal zugunsten des Ästhetischen beiseite rücke, empfinde ich den Ausdruck ,Elektrolurch‘ unzweifelhaft netter, um nicht zu sagen poetischer, als Synonyme wie ,Bohrmaschine‘ oder ,Brummgurke‘. Schon deshalb verdient er unsere Sympathie. Außerdem begeistert der quasi ins Auge springende semantische Bezug des Titels zur offenen Frage am Schluss: „Was macht ihr eigentlich einmal, wenn ihr älter seid?“ (Als Interpret literarischer Texte freut man sich ja immer wie ein Schnitzel, wenn irgendwo Strukturen von Kreisschlüssigkeit aufzufinden sind.)

Allerdings gebietet es die hermeneutische Redlichkeit, auch nach Argumenten gegen eine gerade favorisierte Deutung  Ausschau zu halten und diese gegebenenfalls offenzulegen, auch wenn man sich auf diese Weise gewissermaßen selber ins Bein schießt. Insofern muss ich notgedrungen einräumen, dass auch die eben angedeutete – in mehrfacher Hinsicht – ,schöne‘ Interpretation des Elektrolurchs einmal mehr an der Lüsterklemme scheitert, die sich abermals als verteufelte Crux erweist, würde in eine solche doch nicht einmal der klitzekleinste  elektrische Freund hineinpassen. Schade, Fahrradkette, Künstlerpech!

Wenn Wikipedia und Wörterbücher versagen, bleibt dem Interpreten nur noch die eigene kreative Phantasie bzw. Gabe divinatorischer Imagination (Schleiermacher). Manchmal hilft auch der pure Zufall. So habe ich mich glücklicherweise erst kürzlich für einen anderen Artikel (Peter Blaikners Kinder-Musical Das Hausgeisterhaus) eingehend mit Geistern befassen müssen, und zwar allen möglichen Arten wie Haus-, Natur-  und Flaschengeistern, aber auch Voodoo-Tanten. So weiß ich aus sicheren Quellen, dass Geister alle möglichen und unmöglichen Räume bewohnen können, Lüsterklemmen sind da überhaupt kein Problem! Insofern würde ich bis zum Beweis des Gegenteils unseren Lurch für einen Elektrogeist halten, der als Gestaltwandler alle möglichen leitenden Materialien durchdringen, ja durchfließen kann, wodurch er – gemäß eigener, nun absolut plausibel erscheinender Aussage nach – „Volt, Watt, Amper, Ohm“ erzeugt, also jenen ganz besonderen „Saft“, ohne den kein vernünftiger Krautrocker auskommen könnte. Ab und an mag er sich dann vielleicht in Form eines winzigen Axolotls, für ein Nickerchen in die Lüsterklemme neben dem Hauptzähler zurückziehen … Die Nähe zum Hauptzähler stellt sicher, dass er weiterhin den ganzen Laden im Blick hat oder sich das wenigstens einreden kann.

Als Gestaltwandler ist es dem Elektrolurch natürlich auch ein Leichtes, sich zu menschlicher Größe aufzublähen und ein weiteres Bandmitglied von Guru Guru zu mimen, wie viele dokumentarische Fotografien belegen, z.B.:  

Bildquelle: http://mani-neumeier.de/

Nachdem sich der Elektrolurch in den Eingangszeilen selbst vorgestellt hat, besteht der Rest des Textes aus drei Frage-Antwort-Sequenzen und einer unbeantworteten Schlussfrage. Den Fragepart scheint dem Klang der Stimme nach jeweils der Elektrolurch übernommen zu haben, die Antworten kommen vermutlich von unterschiedlichen Mitgliedern der Band Guru Guru. Jedenfalls klingt die erste Antwort vergleichsweise intellektuell, bei der zweiten fällt eine deutliche dialektale Einfärbung auf und die dritte wirkt auf mich so ehrlich wie schlicht. Die Fragen der Elektroechse ähneln journalistischen Standardfragen, wie wir sie von tausend Interviews her kennen, speziell wenn eloquente Künstler oder Profisportler genötigt werden, sich und ihr Tun zu erklären. Ob der Lurch mit seinen Fragen nun die Absicht verfolgt, derartige Interviews zu imitieren, Guru Guru dem Publikum vorzustellen oder selber besser kennenzulernen, kann ich nicht entscheiden.

Allerdings provozieren die Antworten einen gewissen Argwohn, dass es den Beteiligten mehr drum gehen könnte, jemanden zu veralbern, als hilfreiche Informationen zu generieren. Wer aber könnte besagter „jemand“ sein? Allzu verbissene Fans? Kulturjournalisten? Andere Krautrock-Bands mit dem oben erwähnten Hang zu ,philosophischem Tiefgang‘? Ich weiß es nicht. Aber man darf sicherlich auch mit der Möglichkeit rechnen, dass es den Guru Gurus ganz einfach nur Spaß macht, auf der Bühne herumzualbern. Vergessen wir nicht, dass der Zeitgeist der frühen 1970er Jahre sogenannten ,Blödelbarden‘ wie Insterburg & Co., Ulrich Roski oder Schobert und Black Rückenwind verschaffte und einem Otto Waalkes den Start einer steilen Karriere erleichterte. Kalauernde Krautrock-Bands hätten sich übrigens bequem auf britische Vorbilder mit einem ausgeprägtem Sinn für dadaistischen Ulk berufen können (vgl. etwa die Bonzo Dog Doo-Dah Band). Im Übrigen war und ist das Herumalbern erwachsener Menschen in der Öffentlichkeit alles andere als unpolitisches Kasperltheater: es zersetzt auf eine besonders raffinierte, weil kaum angreifbare bzw. zu unterdrückende Art und Weise etablierte Hierarchien und Autoritäten.

Drei der vier Fragen des Elektrolurchs enthalten das Wort „eigentlich“. Verwenden Politiker, Journalistinnen oder auch Studierende diese Partikel, dann tun sie so, als ginge es ihnen um etwas ganz Zentrales, Wesentliches, aber tatsächlich täuschen sie diese Wichtigkeit in den allermeisten Fällen nur vor und verraten stattdessen ihre mangelnde Professionalität. Das gleiche Phänomen haben wir hier: Die Fragen des Elektrolurchs geben sich bedeutsam, sind aber in Wirklichkeit beliebig und absolut konventionell. Dessen ungeachtet überraschen uns die Antworten durchaus, indem sie aus den üblichen Frage-Antwort-Spielchen herausfallen und gerade durch ihre Banalität die dumpfen Bestätigungsrituale einschlägiger Interviews verspotten. Die erste Antwort beginnt pseudointellektuell, wobei das eingestreute „zum Beispiel“ aber schon den folgenden Unsinn signalisiert, bevor die nachgeschobene Erklärung, dass der Name ,Guru Guru‘ keinerlei Funktion habe, die Absurdität der Situation expliziert. Die zweite Antwort, ein auf Südhessisch artikuliertes Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten, ist situativ ebenfalls eigentlich absurd, wirkt als Veralberung der Fragestellung aber ausgesprochen listig. Und die Antwort auf die Frage nach dem ,besonders wichtigen Ereignis‘ würde auch einem Helge Schneider jederzeit zur Ehre gereichen …

Die letzte Frage empfinde ich als ,genial‘. Sie ist einerseits, oberflächlich betrachtet, genauso beliebig und konventionell wie die vorher gestellten, ernst genommen hinterfragt sie aber ALLES – das Spektakel des Elektrolurch-Bühnenauftritts, das Herumgealbere des vorgängigen Textes, die ausgelassene Stimmung des Publikums, die ,unerhörte Leichtigkeit des Seins‘ einer optimistischen Epoche … Vermutlich ,verdankt‘ sich diese Einschätzung dem historischen Abstand, der mich heute von den/meinen frühen siebziger Jahren trennt, die sich für mich inzwischen zu weitgehend ,goldenen‘ Erinnerungen verklärt haben. Absolut richtig, dass diese Frage im Song nicht mehr beantwortet wird!

Aus heutiger Sicht wäre die Antwort natürlich so einfach wie banal und einmal mehr absurd:

Dasselbe wie immer!

Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und der Elektrolurch vermutlich auch …

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Literatur:

Viele einschlägige und nicht einschlägige Wikipedia-Artikel.

Hans-Peter Ecker: Der Zwerg reinigt die Kittel. Das Alberne als ästhetische Kategorie. In: Literatur und Ästhetik. Texte von und für Heinz Gockel. Hrsg. von Julia Schöll. Würzburg 2008, S. 67-74.

MundMische. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache.

Sprachnudel.  Wörterbuch der Jetztsprache.

Peter Wicke u.a.: Handbuch der populären Musik. Mainz 2007.

Abstraktion als Kunstprinzip: „Hoffnung“ von Tocotronic als poetologischer Kommentar zur Corona-Pandemie

Tocotronic

Hoffnung

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und verkündet: 
Bleibt nicht stumm 

Ein kleines Stück 
Lyrics and Music 
Gegen die 
Vereinzelung 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Eine Aktion 
In jedem Klang 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Auf einen neuen 
Zusammenhang 

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und es fliegt 
Durchs Treppenhaus 

Ich hab den Boden 
Schwarz gestrichen 
Wie komm ich aus 
Der Ecke raus? 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Transformation 
Aus jedem Klang 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Auf einen 
Neuanfang 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei der Gefahr 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Dann hätte ich 
Umsonst gelebt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei all der Angst 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Unsonst gelebt 

Wenn Künstlerinnen und Künstler unmittelbar auf politische und gesellschaftliche Ereignisse regaieren, birgt das i.d.R. zwei Gefahren: Sie können wie jede Person, die sich politisch äußert, falsch liegen, was sich schon zeitnah zeigen kann. Das mussten Frei.Wild erfahren, die – als Südtiroler früh von den Auswirkunden der Corona-Pandemie betroffen – bereits Anfang März mit Corona Weltuntergang ein Lied veröffentlichten, das zwar keinewsegs, wie ihnen vom rbb unterstellt, verschwörungstheoretisch grundiert war, aber die Dimension der Bedrohung falsch einschätzte und die ihnen im Lichte dieser Fehleinschätzung übertrieben erscheinende gesellschaftliche und mediale Reaktion auf das Auftreten des Virus kritisierte, auch in Relation zur Ignoranz gegenüber anderen humanitären Katastrophen wie der Situation von Geflüchteten; als sich Ende März zeigte, wie ernst die Situation war, korrigierte sich die Band mit Corona Weltuntergang v2, worin sie einräumte, das Virus unterschätzt zu haben. Das zweite Risiko von Songs mit tagespolitischem Bezug besteht darin, dass das behandelte Thema schnell wieder von der Agenda verschwindet und der Song danach höchstens noch als historisches Dokument taugt. Dieses Schicksal steht voraussichtlich Bernice Ehrlichs zuletzt an dieser Stelle besprochenem Corona-Song bevor.

Ungeachtet der eventuellen Kurzlebigkeit tagespolitischer Lieder können diese natürlich nichtsdestotrotz diverse positive Forgen für ihre Interpretinnen und Interpreten haben: Beginnend bei der evtl. durch die Brisanz des Themas beförderten hohen Aufmerksamkeit (beide Frei.Wild-Videos zusammen kommen auf gut 7 Millionen Aufrufe, Ehrlichs Song kam schnell über eine Million, was sämtliche ihrer anderen Videos bei weitem übertrifft) können politische Positionierungen auch zum Image beitragen – Frei.Wild stärken ihr Image, keine Kontroverse zu scheuen, und Ehrlich wirkt dem oft mit dem Genre Schlager verbundenen Attribut ’seicht‘ entgegen. Der Preis dafür ist aber eben, dass es derart explizit anlassbezogene Lieder nur selten auf Best-of-Alben schaffen werden.

Tocotronic haben es hingegen immer vermieden, in ihren Lieder ausdrücklich politisch zu werden, auch wenn sie mit Auftritten bei einschlägigen Solidaritätsveranstaltungen ihre Verwurzelung in der linken Szene immer wieder gezeigt haben. Und wo ihnen eine Positionierung auf der Bühne doch geboten erschien wie beim Einsatz gegen Rassismus, haben sie den Umweg des Covers gewählt und eine Version von Racist Friend, im Original von The Special AKA, gespielt. Diesem ästhetischen Grundsatz sind sie auch in ihrem Lied Hoffnung, dass sie anlässlich des Lockdowns in vielen Ländern Anfang April diesen Jahres veröffentlich haben, treu geblieben. Geschrieben wurde der Song bereits vor ca. einem Jahr, also noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie (vgl. das Interview mit Dirk von Lowtzow auf br.de), zu der ein Bezug über das Video hergestellt wird, in dem ehemals vielbesuchte Plätze fast menschenleer gezeigt werden.

Der Liedtext selbst hingegen reflektiert die Bedeutung von Musik in Situationen der Einsamkeit allgemein. Damit ist der Text übertragbar auf alle Formen der „Vereinzelung“ – das typische Heranwachsendengfühl, von seiner Umwelt nicht verstanden zu werden, ebenso wie das lokale Alleinsein mit einer von der Norm abweichenden sexuellen Identität, mit im persönlichen Umfeld ungewöhnlichem ästhetischen Vorlieben etc. Speziell Vokalmusik kann in diesen Situationen Hoffnung geben und das Gefühl der Einsamkeit mindern, weil, unabhängig von der zeitlichen und räumlichen Distanz zwischen hörender und singender Person, eine Form der Intimität, der Sich-verstanden-Fühlens entstehen kann. Schritt für Schritt ins Paradies von Ton Steine Scherben beginnt mit den Versen „Du hörst mich singen, / aber du kennst mich nicht / Du weißt nicht, für wen ich singe, / aber ich sing für dich“. Damit beschreibt Scherben-Texter Rio Reiser die Kommunikationssituation zwischen Sänger und Rezipierendem: Wer ein Lied im Radio oder von einem Tonträger hört, kann scheinbar direkt vom Sänger (z.B. mit „du“) angesprochen werden, auch wenn die beiden sich persönlich nicht kennen und der Sänger nicht weiß, wer wann wo seinen Lied hört. Dabei spielen die potentiell emotional ansprechende Musik und die sprachliche Kommunikation („Lyrics and Music“) zusammen.

Dieses Sich-individuell-angesprochen-Fühlen kann aber nur den ersten Schritt zum Weg aus der Vereinzelung darstellen: Folgen können Aktion und Transfornation sowie die Herstellung neuer Zusammenhänge – mit diesen sehr weit interpretierbaren Begriffen wir das Abstraktionsniveau hoch gehalten. Und auch wenn es zunächst paradox klingen mag, ist gerade diese Abstraktion die Voraussetzung dafür, dass die Rezipierenden in ihren je unterschiedlichen, individuellen Lebenssituationen das Lied für sich konkretisieren und auf sich beziehen können. Wer auch immer dieses Lied wann auch immer hört, kann sich in seiner ganz persönlichen Vereinzelung angesprochen un zu einem Umgang damit ermutigt fühlen, der ihn aus der Einsamkeit herausführt.

So versteht auch das Sprecher- bzw. Sänger-Ich seine Rolle: „Wenn ich dich nicht / Bei mir wüsste / Hätte ich / Unsonst gelebt“ kann nicht nur auf eine konkrete, ihm bekannte Person bezogen werden, sondern auch in dem Sinne interpretiert werden, dass er seine Rolle als Sänger verfehlen würde, wenn es ihm nicht gelänge, die beschriebene Nähe zu den Rezipierenden herzustellen – und damit vielleicht auch selbst aus seiner Ecke im Zimmer mit dem schwarz gestrichenen Boden herauszukommen. So kann das Lied im besten Fall allen damit Befassten vermitteln, was Julia Lorenz dazu in der taz formulierte: „Trost durch Empathie“.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Lob der Faulheit. Zu Sportfreunde Stiller: „Wieder kein Hit“

Sportfreunde Stiller

Wieder kein Hit 

Ich hab' mich heut' erst nochmal umgedreht
Und mir 'ne feine Scheibe aufgelegt
Ich war Punk, Rapper und Kommunist
Wollt mal ausprobieren, wie das so ist

Ich war entzückt, verzaubert und berührt
Ich war betroffen, ich hab's gespürt
Hab' was gekauft, was ich nicht brauch'
Verschenken geht ja auch
Und alles, was ich dann noch tat, war keine Diät
Es wurde sehr spät
Kein Shades of Grey
But California, ey

Ich hab heut wieder keinen Hit geschrieben
Doch ich hab' damit mein' Frieden
Hab mal wieder nicht gemacht, was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte

Hab ihn gefragt, was das soll.
Hab ihr gesagt: „Du bist toll!“
Bin rausgefahren, hab angehalten,
Mich unterhalten mit Jungen und Alten
Bin mit schrillen Vögeln abgehoben
Hey ungelogen, 
ich schaute Moody und Runkle
Hörte Simon und Garfunkel
Kurz rief die Pflicht, 
doch ich hörte sie nicht

Ich hab' heut wieder keinen Hit geschrieben
Dafür schwob ich auf Wolke sieben
Hab' mal wieder nicht gemacht was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte

Soll ich dieben gehen, 
Melodien stehlen?
Für meinen Evergreen?
Ach was, ich leg' mich hin

Ich hab heut wieder keinen Hit geschrieben
Doch ich hab' damit meinen Frieden
Hab' mal wieder nicht gemacht was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte


     [Sportfreunde Stiller: New York, Rio, Rosenheim. Vertigo 2013.]

Einfach mal tun, was du willst. So oder so ähnlich ließe sich der hier vorgestellte Liedtext in einem Satz zusammenfassen. Das Sprecher-Ich erzählt von seinen Erlebnissen, während es das macht, was es will. Das resultiert letztlich in einem recht entspannt-unspektakulären Tag: Er beginnt mit dem Aufwachen, möglicherweise durch einen Wecker, doch anstatt aufzustehen, bleibt es einfach im Bett liegen, dreht sich nochmal um und legt eine Schallplatte auf.

Tagträumerisch stellt sie sich vor, Punk, Rapper oder Kommunist zu sein, wohl inspiriert durch die Musik, die die jeweiligen Assoziationen hervorruft. Vielleicht schwingt hier implizit eine Art kreativer Prozess mit, bei dem sich das Sprecher-Ich in andere Personen hineinversetzt und dadurch auch kreativ tätig ist. Doch vielleicht ist das schon einen Schritt zu weit gedacht, denn letztlich geht es in dem Text auch darum, dass eben nicht alles einen Zweck erfüllen muss und das Sprecher-Ich einfach in den Tag hineinträumt.

Dieser Gedanke wird noch fortgeführt, und wir bekommen einen kleinen Einblick in die Gefühlswelt des das Sprecher-Ichs, das „entzückt, verzaubert und berührt“ war, wohl nach wie vor von Musik, die es gerade hört. Die entspannte Situation und das Mantra des Textes, etwas zu tun, weil man Lust darauf hat, und nicht, weil man es muss, führt dann schließlich auch zum Kauf eines unnötigen Gegenstandes – verschenken kann man ihn ja immer noch später. Dieses Motiv wird dann auch auf den Konsum ausgedehnt, wenn das das Sprecher-Ich betont, dass es keine Diät macht, sondern im Umkehrschluss einfach das isst, worauf es Lust hat. Kapitalistischer Kaufrausch und Essen, wonach einem der Sinn steht.

Noch mehr als zur Zeit, in der der Text geschrieben wurde, steht der Text damit heute im Gegensatz zu Forderungen nach Konsumverzicht, klimagerechter oder veganer Ernährung, die unsere Zeit prägen und die letztlich auch als eine Art Pflicht an der Gesellschaft, der Umwelt oder dem Planeten verstanden werden. Gleichzeitig wird auch jeglichem Wunsch nach Selbstoptimierung, sei sie nun körperlich oder geistig, eine Absage erteilt. Umso deutlicher tritt hervor, dass das Sprecher-Ich das tut, wonach ihm der Sinn steht, unabhängig von allen anderen.

Was es mit den Zeilen „Kein Shades of Grey / But California, ey“ auf sich hat, erschließt sich mir nicht ganz. Meine Vermutung wäre, dass das Sprecher-Ich keine Lust hat auf die BDSM-Spiele á la Fifty Shades of Grey und die damit einhergehenden Machtdynanmiken, sondern sich die Serie Californication anschaut, die auch in der zweiten Strophe (Moody und Runkle) zitiert wird, sich auf das Sofa fläzt, statt sich groß für Sex zu interessieren. Aber vielleicht will eine Leserin oder ein Leser in den Kommentaren zu dieser Interpretation eine andere Alternative vorschlagen?

Das das Sprecher-Ich sollte, so macht die Strophe klar, eigentlich den bereits im Titel erwähnten Hit schreiben; also nicht nur irgendein Lied, sondern gleich einen erfolgreichen Song. Dass das Sprecher-Ich ein Lied komponieren soll, legt nahe, dass es sich hier um eine Art Alter Ego des Sängers von Sportfreunde Stiller, Peter Brugger, handelt. Eine nicht genauer identifizierte weitere Person oder Institution, vielleicht das Plattenlabel, will, dass der Hit produziert wird. Aber wer diesen Druck aufbaut oder warum der Hit geschrieben werden soll, wird gar nicht erst erwähnt. Letztlich ist es für den Text auch egal, denn geradezu lapidar und noch unterstrichen durch die entspannte und einfach gehaltene Musik konstatiert das Sprecher-Ich „Hab‘ mal wieder nicht gemacht, was ich sollte, / sondern einfach nur, was ich wollte“.

In der zweiten Strophe wird beschrieben, wie sich das das Sprecher-Ich schließlich doch noch aus dem Bett bewegt und wohl eine Art Spazierfahrt macht, ohne dabei ein genaues Ziel zu verfolgen. So kann es sich mit Leuten unterhalten, wobei die Beschreibung dieser Gesprächspartner als „Junge und Alte“ nahelegt, dass es ihm nicht wichtig ist, wer die Gesprächspartner sind, und es lediglich einen Plausch führen will. Dass das Sprecher-Ich dazu anhalten muss, spielt sowieso keine Rolle, weil ja genug Zeit vorhanden ist und der Hit auch noch ein anderes Mal oder auch gar nicht geschrieben werden kann. Szenen dieser Art sind auch im Musikvideo zu sehen, in dem die Band ins Grüne fährt und Szenen aus der WM 2014 nachspielt, Bier trinkt, dabei Musik spielt und vor sich hin musiziert.

Wieder zu Hause: Fernsehen, Musik hören und getrost die Arbeit ignorieren. Das Hören von Simon and Garfunkel übertönt sozusagen die Pflicht, die das Sprecher-Ich ebenfalls rufen hört. Es kann sich nicht mal dazu aufraffen eine Melodie zu stehlen, die kreative Arbeit also jemand anderem zu überlassen. Aber auch das ist kein Problem, denn dann geht es eben zurück ins Bett. Übrigens wird hier auch performativ dargestellt, dass das Sprecher-Ich macht, was es will, indem es einfach neue Wörter erfindet („Soll ich dieben gehen“), ein Charakteristikum, dass sich auch in der falschen Verbform „schwob‘“ statt ’schwebte‘ finden lässt.

Immer wieder betont das Sprecher-Ich, mit der „hit-losen“ Situation ihren Frieden gefunden zu haben. Kauft man ihm das ab? Schließlich wird immer wieder betont, wie entspannt es mit der Situation umgehen kann. Man könnte wohl auch argumentieren, dass das Sprecher-Ich eine Art Autosuggestion betreibt, indem es immer wieder betont, dass es völlig zufrieden ist, auch ohne Hit. Aber insgesamt, finde ich, scheint es plausibler, dass das Sprecher-Ich tatsächlich mit der Situation zufrieden ist und ohne einen Hit in seinem Repertoire ganz gut leben kann. Und weil es sympathisch darstellt, dass man am besten das machen soll, wonach einem der Sinn steht, ganz explizit auch faul sein und den Tag verschlafen, soll dies als Interpretation genügen – ich höre die Hängematte rufen…

Martin Christ, Erfurt

Seemannsgarn. Zu Achim Reichels „Aloha heja he“

Achim Reichel

Aloha heja he 

Hab die ganze Welt gesehn'
von Singapur bis Aberdeen,
wenn du mich fragst, wo's am schönsten war,
sag ich: Sansibar
Es war 'ne harte Überfahrt,
zehn Wochen nur das Deck geschrubbt.
Hab' die Welt verflucht, in den Wind gespuckt
und salziges Wasser geschluckt.

Als wir den Anker warfen, war's himmlische Ruh'
und die Sonne stand senkrecht am Himmel.
Als ich über die Reling sah, da glaubte ich zu träumen:
Da waren tausend Boote und die hielten auf uns zu
In den Booten waren Männer und Frau'n,
ihre Leiber glänzten in der Sonne
und sie sangen ein Lied,
das kam mir seltsam bekannt vor,
aber so hatt' ich's noch nie gehört,
uuh, so hatt' ich's noch nie gehört:

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

Ihre Boote machten längsseits fest
und mit dem Wind wehte Gelächter herüber.
Sie nahmen ihre Blumenkränze ab
und warfen sie zu uns herüber,
he und schon war die Party im Gange.

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

Ich hab das Paradies geseh'n,
es war um 1910,
der Steuermann hatte Matrosen am Mast,
und den Zahlenmeister ham' die Gonokokken vernascht,
aber sonst war'n wir bei bester Gesundheit.

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

     [Achim Reichel: Aloha heja he. WEA 1991.]
 

Seit 2007 werden auf Youtube Videos mit Titeln wie „Reactions to Two girls one cup“ hochgeladen, die die Menschen bei der Erstrezeption eines Trailers des Koprohpahie-Pornos Hungry Bitches zeigen (vgl. Wikipedia; erstes Video mit 14 Millionen Aufrufen hier, ein beispielhafter Zusammenschnitt hier). Das aufgrund der Notwendigkeit von Webcams und Videoplattformen noch recht junge „Reaction“-Genre könnte man erfolgversprechend erweitern um „Intersectional feminists reacting to Aloha heja he“ – die Reaktionen wären kaum weniger fassungslos als bei „Two girls one cup“. Denn ideologiekritisch betrachtet ist das, was in diesem Lied erzählt wird, ein rassistisch-sexistisch-exotistischer Alptraum.

Achim Reichel, als The Rattles-Sänger und später Vorreiter sowohl der elektronischen Musik (mit A.R. & Machines) als auch der neuen Volksmusik einer der interessantesten Musiker und Produzenten seiner Generation, nimmt hier eine der traditionsreichsten mann-männlichsten Sprechrollen ein: die des Seemanns, der alle sieben Weltmeere befahren hat. In der ersten Strophe belässt er es bei den gängigen Topoi vom rauhen Leben an Bord, bei dem das Deckschrubben (ähnlich wie das Waffenreinigen bei der Armee) u.a. dazu diente, die meist rein männliche Besatzung zu beschäftigen und so Langeweile mit Suff und Konflikten zu vermeiden; das Schlucken salzigen Wassers deutet hingehen auf Phasen mit rauher See oder Stürmen hin.

Im Kontrast zu den Härten des Alltags auf See steht in der zweiten Strophe die Idylle Sansibars mit nun nicht mehr feindlicher Natur und mit freundlichen Einheimischen – ein Szenario, das im Sprecher Assoziationan an den (religiösen) Himmel („himmlische Ruh'“) und einen Traum aufkommen lässt. So weit, so unspektakulär. Die erste Irritation kommt auf, wenn das Glänzen der „Leiber“ in der Sonne hervorgehoben wird – selbst wenn man vom objektivierenden Blick, der in „Leiber“ zum Ausdruck kommt, absieht: Denn das Bild (halb-)nackter Eingeborener passt so gar nicht zum muslimisch geprägten Sansibar (vgl. zur traditionellen Kleidung hier). Und wenn dann das Lied der Einheimischen mit der hawaiianischen Grußformel „Aloha“ beginnt, ist endgültig klar, dass dem Sprecher Eingeborene gleich Eingeborene sind, egal wie groß die georgaphische, ethnische und kulturelle Distanz ist. Und so ist es auch nur konsequent, wenn in der nächsten Strophe die ebenfalls mit Hawaii assoziierten Blumenkränze auftauchen (entsprechend kostümierte Tänzerinnen begleiteten auch einen Auftritt Reichels im ZDF). Die folgende „Party“ beinhaltet natürlich auch sexuelle Ausschweifungen, was durch die Erwähnung der Gonokokkeninfektion sowie der „Matrosen am Mast“ als ’seemännischer‘ Euphemismus für Filzläuse in der Schlussstrophe noch verdeutlicht wird. Hier kommt die gängige exotistische Projektion zum Tragen, dass außerhalb Europas und Nordamerikas Sexualität freier gelebt werde (eine Annahme, der etwa auch auch die Kulturanthropologin Margaret Mead aufsaß, vgl. dazu Peter Sandmeyer: Samoa: Die Illusion von der Südsee-Idylle).

Ansonsten bietet die Schlusstrophe noch eine Datierung: Die Fahrt fand 1910, in der Spätphase der Hochseesegelschiffahrt, statt. Damit wirkt das entworfene Szenario noch unrealistischer: Denn Sansibar war seit dem 10. Jahrhundert arabisch geprägt, und seit Anfang des 16. Jahrhunderts nacheinander von Portugiesen, Arabern, Deutschen und Briten beherrscht, weshalb die Ankunft eines Schiffs mit Europäern Alltag und keineswegs ein soziales Großereignis gewesen sein dürfte.

Wie nun umgehen mit diesen Beobachtungen? Falsch wäre es sicherlich, in einem interpretatorischen Kurzschluss Achim Reichel zum Rassisten und Sexisten zu erklären. Denn ebenso, wie anlässlich den rechten Aggressionen anlässlich des Umweltsau-Lieds des WDR (vgl. Interpretation hier), die in Morddrohungen und Einschüchterungen gegen Beteiligte und Unbeteiligte mündeten, ist auch bei Aloha heja he daran festzuhalten, dass es sich bei Songtexten grundsätzlich um Rollenrede handelt. In diesem Fall ist die Sprecherrolle sogar sehr konkret ausgestaltet: Es erzählt ein (mutmaßlich alter) Seemann von seinen früheren nautischen und erotischen Abenteuern. Angesprochen wird ein nicht näher bestimmtes Du – ob es tatsächlich gefragt hat, wo es dem Weitgereiste am besten gefallen habe, oder ob dieser selbst dem Du die Frage nur in den Mund legt und gleich selbst beantwortet, bleibt offen, denn man hört ja nur den Seemann. Als Redesituation denkbar wäre ein Szenario, in dem dieser, z.B. ganz klassisch an der Bar, einen Fremden, der zufällig neben ihm sitzt, oder den Barkeeper als captured audience schlicht vollschwallt.

Hier wird auch der (frühere) Beruf des Erzählers bedeutsam: Denn Seeleuten wird traditionell unterstellt, bei den Schilderungen ihrer Erlebnisse durchaus kreativ mit der Wahrheit umzugehen (man denke an Käpt’n Blaubär), was sogar in einem eigenen Genrebegriff für derartige, meist mündlich vorgetragene Abenteuergeschichten mit nur losem Realitätsbezug seinen Niederschlag gefunden hat: Seemannsgarn. Dazu passt auch die Hyperbel, dass angeblich tausend Boote auf das Schiff zusteuerten. Rezipiert man den Text dergestalt als in sich widersprüchliche Geschichte eines unzuverlässigen Erzählers, so kann man die wilde Mischung von Klischees und die prahlerisch zur Schau gestellte Mann-Männlichkeit durchaus amüsiert goutieren – und das ist für die eigene Psychohygiene allemal gesünder, als sich darüber zu erregen.

 
Martin Rehfeldt, Bamberg
 
PS: Auf Schützen- und Dorffesten hat sich eine kollektive Ruderperformance zu diesem Lied als Brauch etabliert, auf Youtube vielfach dokumentiert, exemplarisch etwa hier:

Mord und Schlager. Zu „Das bißchen Totschlag“ von Die Goldenen Zitronen

Die goldenen Zitronen

Das bißchen Totschlag

So so, betroffen und zornig, so plötzlich
Sie hatten nachgezählt, sie entschieden 17 Tote
Seien jetzt genug
Ja, die Härte des Rechtsstaats
Ganz genau, zumal es waren anständige Ausländer
Steuerzahlende Möllner, fast wie du und ich
Nachbarn können das bezeugen, "Heil Hitler" wurde gesagt
Der erste Tote dieses Wochenendes wurde nicht mit aufgeführt
Sogenannter Autonomer, abgestochen von stolzen Deutschen
Verblutet auf dem Bahnsteig, mitten in Berlin
Aber, aber, nichts weiter als "rivalisierende Jugendbanden"

Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um
Hier fliegen nicht gleich die Löcher aus dem Käse, sagt mein Mann
Take it easy, altes Haus, wir haben schon Schlimmeres geseh’n
So einfach wird der alte Dampfer auch nicht untergeh’n

Genau genommen war man auch schon vorher ab und zu
Betroffen gewesen, am 8. November '92 in Berlin etwa
60.000, alle mit dabei, die Würde des Menschen
Und die höchsten Würdenträger
Ja, betroffen, unerwartet gab es den Kursus "Gewalt sinnlich erleben"
Nazis? Fast. Autonome sogenannte selbsternannte Menschenfreunde
Und schon fühlte man sich auch ein bißchen fremdengehaßt
Sie hatten nämlich Angst, denn es flogen - nein, keine Brandsätze
Aber Eier, und die nicht zu knapp
Doch sie blieben tapfer, sie würden sich nicht beugen
Vor welchem Mob auch immer
Und übrigens auch nicht vor Mißbräuchern und Schmarotzern
Der, wie sagt man, Flut eben
Letzteres sagten sie anderntags nicht zu laut
In sachlichem Ton und mit vereinigten Kräften
Brachten sie ihr Gesetz durch

Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um [...]

Ja, und dann, wie gesagt, sie hatten nachgezählt
Ging ein Ruck durch die deutsche Mannschaft
Muß ja, das Gerede wurde lauter und lauter
Außerhalb des deutschen Planeten
Also nichts wie "Pack die Lichterkette ein, nimm’ dein kleines Schwesterlein"
Schweigen gegen den Haß, in der schönen Weihnachtszeit
Ein Zeichen setzen. Nein, hier wurde niemand ausgegrenzt
Im Wettbewerb der Leuchten. Mancherorts leuchtete man gar
Gegen Haß und alliierte Bomben. Rabimmel, rabammel, rabumm
Nun denn, Schultern geklopft, Hände geschüttelt
Nun war’s amtlich, man hatte kollektiv böse geträumt
Und nicht schlimmer als anderswo übrigens
Herrgottsack, rabammel, rabumm

Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um [...]

Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um, sagt mein Mann
Ich kann den ganzen Scheiß einfach nicht mehr hör’n, sagt mein Mann
Ist ja gut jetzt, altes Haus, wir haben schon Schlimmeres geseh’n
Und ich sag noch: Laß uns endlich mal zur Tagesordnung übergeh’n 
Right

     [Die goldenen Zitronen: Das bißchen Totschlag. Sub-Up-Records 1994.]

Als Anfang der 1990er Jahre rechter Terror schon einmal ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit kam, insbesonderen durch die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sowie den Mordanschlag von Mölln, reagierten viele Musiker mit Liedern darauf. Die bekanntesten bedienen sich dabei einer denunzierenden Psychologisierung, die den Typus des neonazistischen Gewalttäters, der sich selbst i.d.R. als starken, mann-männlichen Kämpfer inszeniert, als verunsicherten, ängstlichen und hilfsbedürftigen Versager portraitieren: Sascha, ein aufrechter Deutscher von Die Toten Hosen (1992), Schrei nach Liebe von Die Ärzte (1993) und Die Härte von Herbert Grönemeyer (1993).

Die Goldenen Zitronen veröffentlichten 1994 hingegen mit Das bißchen Totschlag ein Meta-Lied zum Umgang der Politik und der Öffentlichkeit mit dem Thema. In den Strophen referiert eine nicht näher bestimmte Sprechinstanz sarkastisch das, was aus ihrer Sicht den Tenor der öffentlichen Meinung darstellt. Dabei geht sie in der ersten Strophe auf die Reaktion auf die Morde von Mölln ein. Der erste implizite Vorwurf der Sprechinstanz an die Mehrheitsgesellschaft lautet, dass das Phänomen rechten Terrors schon lange vorher bekannt war („so plötzlich / Sie hatten nachgezählt, sie entschieden 17 Tote / Seien jetzt genug- :“). Der zweite Vorwurf besteht darin, dass die besondere Hervorhebung des Umstands, dass die Opfer gesetztestreu waren und einer Arbeit nachgingen, implizit rechte Stereotype bediene, denen zufolge auf Ausländer beides in der Regel nicht zuträfe; zudem impliziert die Betonung der gesellschaftlichen Nützlichkeit der Opfer im Zusammenhang mit der Verurteilung eines Mordes, dass dessen Bewertung bei sozial weniger erwünschten Opfern anders ausfallen könnte – eine perverse Spielart von „Es hat die falschen getroffen“, so, als ob es ‚richtige‘ Mordopfer gebe. Und schließlich folgt ein Vorwurf an die polizeiliche Pressearbeit und deren mediale und politische Reproduktion: Dass die Tötung des Hausbesetzers Silvio Meier durch eine Gruppe Neonazis nicht als politische rechtsradikale Straftat und schon gar nicht als rechter Terror, sondern als Ergebnis einer Auseinandersezung zwischen ‚rivalisierenden Jugendbanden‘ klassifiziert wurde, womit das Opfer kriminalisiert und mit seinem Mörder auf eine Stufe gestellt wird, stellt eine Spielart des victim blaming dar, dem Menschen, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Opfer rechter Gewalt werden, immer wieder ausgesetzt sind.

Die zweite Strophe widmet sich der Großdemonstration unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten mit dem maximal weit gefassten Motto „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ am am 8. November 1992, die eine Reaktion u.a. auf die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen darstellte und zu der u.a. Politiker, Kirchen und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Diese wurde, u.a. mit Eierwürfen, von Linksautonomen gestört, die damit gegen die die aus ihrer Sicht heuchlerische Haltung der Politik protestierten, weil parallel zum Protest gegen rechtsradikale Gewalt die massive Einschränkung des Grundrechts auf Asyl vorangetrieben wurde, die am 6. Dezember 1992 im zwischen Union und SPD geschlossenen Asylkompromiss mündete. Neben dem Vorwurf, trotz gemäßigterer Rhetorik bezogen auf Asylsuchende eine ähnliche Agenda wie die rechtsradikalen Gewalttäter zu verfolgen, klingt außerdem wieder die Gleichsetzung von Rechtsradikaler und Linksradikalen an („vor welchem Mob auch immer“) und damit konkret von Eierwürfen mit Brandsatzwürfen, juristisch: von tätlicher Beleidigung mit versuchtem Mord.

Die dritte Strophe schließlich kritisiert Motivation, Form und Inhalt des öffentlichen Gedenkens an die rechtsradikalen Morde:  Als Motiv wird die negative internationale Wahrnehmung der Ereignisse in Deutschland angeführt, die Demonstrationsform der Lichterkette wird als unangemessen und unzureichend der Lächerlichkeit preisgegeben und die Inhalte der unterschiedlichen Aktionen als Whataboutism („Gegen Haß und alliierte Bomben“, „nicht schlimmer als anderswo übrigens“) und Verharmlosung („kollektiv böse geträumt“) denunziert. Dabei wird auch der Vorwurf erhoben, durch die demonstrative („Ein Zeichen setzen“) Ablehnung rechtsradikaler Verbrechen den Rassismus gemäßigterer politisch rechter Positionen und Rhetorik (vgl. Strophe 2: „Mißbräuchern und Schmarotzern / Der, wie sagt man, Flut eben“) im Bemühen um den eindruck ‚bürgerlicher‘ Geschlossenheit auszublenden („hier wurde niemand ausgegrenzt“).

Zusammengefasst lautet die in den Strophen geübte Kritik an der politischen und öffentlichen Reaktion auf den rechtsradikalen Terror der frühen 1990er Jahre also: Während man sich öffentlich von den Tätern distanziert, teilt man im Kern ihre rassistischen Grundüberzeugungen, setzt ihre politische Agenda um und kriminalisiert diejenigen, die entschiedener als mit Lichterketten gegen Rechtsradikale vorgehen. Diese Argumentation entspricht der gängigen linken Analyse rechtsradikaler Gewalt und des bürgerlichen Umgangs damit.

Ästhetisch interessanter und analytisch origineller wird das Lied im  Refrain. Denn in diesem sprechen statt der sarkastischen, politisch links stehenden Sprechinstanz der Strophen nicht  nur zwei Figuren – eine Frau und, von ihr wiedergegeben, ihr Mann -, sondern über die intertextuellen Bezüge gleich ganzes Musikgenre: der deutsche Stimmungsschlager, und zwar vor seiner postmodern-ironischen Eingemeindung in den Popkosmus durch u.a. Dieter Thomas Kuhn und Guildo Horn und erst recht vor der nachfolgenden, wieder gäntzlich unironischen Nivellierung der ehemals strikten Grenze zwischen Schlager und Pop durch den Disco-Schlager à la Helene Fischer: Zitiert werden Johanna von Koczians Das bißchen Haushalt (1977), Gottlieb Wendehals‘ Polonäse Blankenese (1981), Truck Stops Take it easy, altes Haus (1979). Zwar lässt sich Das bißchen Haushalt durchaus subversiv interpretieren, im Kontext der anderen Lieder steht es aber hier ebenso wie diese für ein un- bzw. antipolitisches Konzept von Gemütlichkeit und Stimmung, wie es etwa in Tina Yorks drohend-antiintelletuellem Wir lassen uns das Singen nicht verbieten gegen ästhetisch-politische Kritik verteidigt wird. Ganz in diesem Sinne werden in den teilweise abgewandelten Schlagerzitaten in Das bißchen Totschlag dann auch die rechtsradikalen Morde als zu vernachlässigend abgetan. Im Schlussrefrain wird das Bedürfnis nach ungestörter Normalität zunächst vom Mann, dann von der Frau explitziert: „Ich kann den ganzen Scheiß einfach nicht mehr hör’n, sagt mein Mann“, „Und ich sag noch: Laß uns endlich mal zur Tagesordnung übergeh’n“. Letztlich stören nicht mordende Neonazis sondern stört die als alarmistisch und lästig empfundene Berichterstattung darüber die gemütliche Selbstzufriedenheit. Diese gestörte Selbstzufriedenheit erscheint hier auch als nationale, denn der Schlager war seit der Nachkriegszeit auch ein exklusiv deutsches Genre in Abgrenzung zur englischsprachigen Popmusik.

Der Grund dafür, dass die beiden Figuren sich lediglich von der Berichterstattung, nicht aber vom rechtsradikalen Terror als solchem gestört fühlen, lässt sich der ersten Refrainzeile entnehmen: „Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um“. Anders als andere Formen des Terrorismus, die wahllos Zufallsopfer treffen, richtet sich rechtsradikaler Terror gegen klar abgegrenzte Gruppen: Nicht-Weiße, Juden, Muslime, Homosexuelle und Linke. Wenn man, wie offenbar das sich in den Refrains artikulierende Ehepaar, keiner dieser Gruppen angehört, kann man davon ausgehen, persönlich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum Opfer rechtsradikaler Gewalt  zu werden.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

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