Grenzen der Hufeisentheorie. Zur Verwendung der Marionetten-Metapher in „Marionetten“ von Söhne Mannheims und „Geld regiert die Welt“ von Targets

 

Söhne Mannheims 

Marionetten 

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter

Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten
Denn weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Müssen wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschilde ausbreiten

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? [...]

Aufgereiht zum Scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung?
Ihr seid blind für Nylonfäden an euren Glieden und hackt
man euch im Bundestags-WC, twittert ihr eure Gliedmaßen
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid

Mit dem zweiten sieht man …

Wir steigen euch aufs Dach und verändern Radiowellen
Wenn ihr die Tür’n nicht aufmacht, öffnet sich plötzlich ein Warnhinweisfenster
Vom Stadium zum Zentrum einer Wahrheitsbewegung
Der Name des Zepters erstrahlt die Neonreklame im Regen
Zusamm’n mit den Söhnen werde ich Farbe bekennen
Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen
Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten
Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen

Ihr seid so langsam und träge, es ist entsetzlich
Denkt, ihr wisst alles besser, und besser geht’s nicht, schätz’ ich
Doch wir denken für euch mit und lieben euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein’n in die Finger krieg’, dann reiß’ ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? [...] 

     [Söhne Mannheims: MannHeim. Söhne Mannheims 2017.]

Aus dem Duellwesen ist das Konzept der Satisfaktionsfähigkeit bekannt. Es besagt, dass, auch wenn eigentlich ein Grund für eine ritualisierte bewaffnete Auseinandersetzung vorliegt, diese dennoch nicht mit jeden beliebigen Gegner stattfinden kann. Vielmehr muss der Gegner nach bestimmten – historisch: ständischen – Kriterien dieser Form der Konfliktbeilegung würdig sein. So treibt es Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl bekanntlich beinahe in den Selbstmord, dass er einen Bäckermeister, der ihn im Theater öffentlich gedemütigt hat, aufgrund von dessen ‚niederem‘ Stand nicht zum Duell fordern kann, um seine Ehre wieder herzustellen. Überträgt man die Idee der Satisfaktionsfähigkeit auf die Literaturkritik, so stellt sich die Frage, ob es legitim ist, Xavier Naidoos Texte zu verreißen. Denn während seine Stimme weitgehend einhellig als außergewöhnlich angesehen wird, so waren seine von schiefen Formulierungen, unreinen Reimen, falschen Betonungen und Stilbrüchen geprägten Texte schon von seinen frühen Veröffentlichungen an prädestiniert dazu, sich darüber lustig zu machen. Und Naidoos begriffliches Irrlichtern auch neben der Bühne (er bezeichnete sich schon 1999 als „Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“, vgl. Rolling Stone) machte es, zusammen mit seinem zumindest in der europäischen Popmusik ungewohnten inbrünstigen religiösen Sendungsbewusstsein, nicht besser.

In Marionetten bleibt Naidoo nicht nur seinen zuletzt immer deutlicher geäußerten politischen Überzeugungen, sondern auch seinem sprachlichen Stil treu: Im Refrain wird die popmusikalisch weidlich plattgeprügelte Marionetten-Metapher (Metallica widmete ihr bereits 1986 ein gesamtes Album – Master of Puppets) konkretisiert durch zwei sich eigentlich ausschließende Metaphern: Das ehemals in politischen Debatten gebräuchliche, mittlerweile aber doch antiquiert wirkende Bild des Steigbügelhalters besagt ja, dass jemand einem anderen erst zur Macht verhilft; das juristischer Terminologie entlehnte Bild des Sachverwalters hingegen setzt voraus, dass diese Herrschaft bereits besteht, denn der Sachverwalter übt ja bestimmte Rechte für jemanden anderen aus. In den Strophen setzt sich dann das Stil- und Metaphernchaos fort: Aus den Nylonfäden, an denen die Puppen hängen und die zu deren Steuerung dienen, wird auf einmal eine Nabelschnur, die der Ernährung dient. Hinzu kommen noch die (etwa auch von Frei.Wild bekannten) Stilwechsel zwischen archaisierender („Zepter“), förmlicher („beziehungsweise“) und Umggangssprache („reiß ich euch in Fetzen“, „Volks-in-die-Fresse-Treter“).

Wenn es also in ästhetischer Hinsicht nicht reizvoll ist, sich kritisch mit Marionetten auseinanderzusetzen, warum sollte man es dann tun? Nahe läge die Antwort: aus politischen Gründen. Doch auch diskursiv bietet der Songtext nichts Neues, sondern bedient die gängigen Vorstellungen der neuen rechten Bewegungen – von der abstrakten (Marionetten-Metapher) bis zur konkreten („Pizzagate“) Verschwörungstheorie, von der Verachtung der ersten („Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen“), der zweiten („Marionetten“, „Hoch- beziehungsweise Volksverräter“), der dritten („da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen“) sowie der vierten Gewalt („weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht“).

Wenn nun der Text sprachlich wie inhaltlich nur das bietet, was erwartbar war – warum sich dann näher mit ihm beschäftigen? Liest man sich durch die Kommentarspalten, in denen Naidoo verteidigt wird, so findet sich zuweilen neben dem üblichen Beschimpfungen und Gewaltfantasien gegen die ‚links-grün-versifften‘ Politiker der ‚Systemparteien‘, die als ‚Klaschhasen‘ der ‚Kanzlerdiktatorin‘ Merkel zujubelten, Andersdenkende von der ‚roten SA‘ der Antifa verfolgen ließen und, unterstützt von der ‚Lügenpresse‘ bzw. den ‚Mainstreammedien‘ im Auftrag fremder Mächte einen ‚Bevölkerungsaustausch‘ vorantrieben, tatsächlich auch so etwas wie ein Argument: Warum man sich denn bei Musik mit linksradikalen Texten nicht aufrege? Dass das Social-Media-Team des Justizministers Heiko Maas der antifaschistischen Ska-Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, die in einige Jahre lang in Verfassungsschutzberichten des Landes Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht ist, auf Twitter für die Organisation eines Konzerts gegen Rechtsextremismus gedankt hat, wir hier immer wieder gern als Beleg für vermeintliche Doppelmoral angeführt, ebenso wie Claudia Roths frühere Tätigkeit als Managerin von Ton Steine Scherben. Nun ist das natürlich ein Musterbeispiel für Whataboutism und wurden außerdem viele linke Bands durchaus, wie ja auch Feine Sahne Fischfilet, Ziel stattlicher Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen, aber dennoch: War die in Texten deutscher Politpunkbands insbesondere in den 1980er Jahren transportierte Weltsicht hinsichtlich der Ablehnung des ‚Systems‘ so anders? War ihre Sprache gemäßigter, die propagierten Mittel zur Veränderung zivilgesellschaftlich akzeptabler? Beispielhaft soll hier ein Text der Targets, die der Slime-Gitarrist Elf nach der ersten Slime-Auflösung gründete, betrachtet werden:

Targets

Geld regiert die Welt

Schon Hitler gaben sie ihr Geld
Damit das Schwein die Macht behält
Bestechung war schon immer normal
Sie gehen über Leichen, egal

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn
Menschlichkeit ergibt für sie keinen Sinn

Die Multinationalen erpressen und bezahlen
Die Multinationalen erpressen und bezahlen

Sie reden von Freiheit und Demokratie
Doch Bosse wählen konnte man noch nie
Sie herrschen durch Mord und Korruption
Der Tod durch Konsum ist unser Lohn

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn […]

Die Multinationalen erpressen und bezahlen […]

Politiker sind ihre Marionetten
Wer nicht mitmacht, wird sofort zertreten
Gefühle und Skrupel sind ihnen unbekannt
Das Kapital herrscht über jedes Land

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn […]

Die Multinationalen erpressen und bezahlen […]

     [Targets: Schneller, lauter, härter. Aggressive Rockproduktionen 1984.]

Der Text ist zwar in seinen politischen Aussagen konkreter und sprachlich homogener als der der Söhne Mannheims, teilt aber diverse Motive mit ihm: Politiker werden nicht als selbstbestimmte Akteure gesehen, sondern als Marionetten international agierender Mächte – bei den Targets direkt benannt: internationaler Konzerne. Der Verweis auf Hitler zitiert dabei John Heartfields berühmte Collage Der Sinn des Hitlegrusses:

Und das Versprechen von Freiheit und Demokratie wird auch bei den Targets als Propaganda, die über die wahren Machtverhältnisse hinwegtäuschen soll, ‚entlarvt‘ – ganz im Sinne von Frank Zappas Diktum „Politics is the Entertainment Branch of Industry.“ Zwar finden sich in Geld regiert die Welt keine Gewaltphantasien, aber dies ist keineswegs auf eine gewaltablehnende Haltung zurückzuführen, sondern liegt lediglich daran, dass der Text sich konsequent auf die Analyse der Zustände beschränkt. In anderen Politpunktexten der Zeit finden sich durchaus Umsturzvorstellungen (z.B. „Schickischweine, Bonzen / wir zerschlagen euren Staat / Schickischweine, Bonzen / dann wird es für euch hart“, Klischee: Schickischweine, Bonzen, 1981) sowie konkrete Gewaltaufrufe („Dies ist ein Aufruf zur Revolte / Dies ist ein Aufruf zur Gewalt / Bomben bauen, Waffen klauen / Den Bullen auf die Fresse hauen“ – Slime: Wir wollen keine Bullenschweine, 1980); was aber in linken Punktexten weitgehend fehlt, sind die sadistischen Volksgerichts- und Vergeltungsfantasien nach einem erfolgreichen Umsturz, in denen Naidoo in seinen Texten schwelgt. Während diese in Marionetten noch vage gehalten werden zwischen dem salbungsvollen In-Aussicht-Stellen von Vergebung („Euch wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid“) und Gewaltandrohung („sonst sorgt der Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid“), so hat sie Naidoo mit Xavas, seinem gemeinsamen Projekt mit Kool Savas, im Song Wo sind sie jetzt? ausgeschmückt:

Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab
Und dann fick ich euch in den Arsch, so wie ihr’s mit den Klein‘ macht
Ich bin nur traurig und nicht wütend, trotzdem will ich euch töten
Ihr tötet Kinder und Föten und dir zerquetsch ich die Klöten

Ebenso wie laut der von Naidoo zustimmend zitierte Pizzagete-Verschwörungstheorie wird in diesem Text angenommen, dass die Mächtigen in Politik, Justiz und Medien nicht nur geheimbündlerisch (als Illuminaten, Freimaurer, Bilderberger etc.) die Etablierung einer neuen Weltordnung vorantrieben, sondern dass auch satanistische Ritualmorde und sexueller Missbrauch von Kindern ein integraler Bestandteil ihrer Zusammenkünfte seien:

Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht
Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet
Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe
Sie schreiben ihre eigenen Gebote, Bruderschaften erricht‘ aus Leid
Sie fühl’n sich sicher und überlegen, posieren vor uns und lächeln ins Blitzlicht

Naidoo, der sich in Raus aus dem Reichstag auch schon ganz offen antisemitisch geäußert hat („Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel / Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel“), nutzt hier Motive des strukturellen Antisemitismus, indem er die traditionelle antisemitische Behauptung, dass Juden christliche Kinder schächteten, abgewandelt auf andere angebliche geheime Herrschaftseliten überträgt. Dieser Vorwurf erfüllt mehrere Funktionen: Zum einen desavouiert er den politischen Gegner (und die Strafverfolgungsbehörden, die solche Taten im verschwörungstheoretischen Narrativ dulden) moralisch vollkommen, zum anderen legitimiert er sadistische Marter- und Mordphantasien am politischen Gegner ebenso wie den Ruf nach einem starken Mann/Rächer/Führer (im Refrain von Wo sind sie jetzt? heißt es dann auch „Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer? / Wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“). Dass das vermeintliche Interesse am Wohl missbrauchter Kinder dabei lediglich Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer politischen Agenda ist (wie auch bei der rechtsradikalen Forderung ‚Todesstrafe für Kinderschänder‘), zeigt sich daran, dass hier keineswegs der typische Fall des Kindesmissbrauchs durch dem Opfer bekannte Täter (93 % der Fälle, vgl. Wikipedia), darunter insbesondere Verwandte (zwei Drittel der Fälle) geschildert wird, und dass nicht das Opfer sich als Ermächtigungs-role model letztlich erfolgreich zur Wehr setzt (beide Momente sind typisch für Punksongs über das Thema, vgl. etwa Hass: Sag du liebst mich, 1990, und Abstürzende Brieftauben: Allein, 1993), sondern dass die Figur, deren Sicht eingenommen wird, der (männliche) gewalttätige Rächer ist.

Dass der politische Gegner auch moralisch abgewertet wird und ihn betreffende Vernichtungsphantasien entworfen werden stellt ein Muster dar, dass sich etwa auch in Internetforen und andernorts bei AfD-Anhängern und anderen Vertretern der neuen rechten Bewegungen beobachten lässt – von der noch eher harmlosen Variante, sich vorzustellen, wer nach der nächsten Wahl alles arbeitslos sei, über die Wünsche, politische Gegner und ihre Familien sollten Opfer von Migranten begangener Verbrechen werden bis hin zu ganz offenen Lynchjustizszenarien sowie der unverhohlenen Freude daran, wenn politische Gegner Opfer politisch motivierter verbaler (Morddrohungen) oder realer Gewalt werden. Dies lässt sich als Ausdruck eines grundsätzlichen Unterschieds zwischen einem rechten völkischen Weltbild einerseits und der linken Idee verschiedener gesellschaftlicher Klassen mit verschiedenen Interessen andererseits interpretieren: Im Klassenkampf hat, im Sinne des historischen Materialismus gedacht, die Arbeiterklasse zwar den Lauf der Geschichte auf ihrer Seite; dass die Bourgeoisie, die mit der Emanzipation vom Adel einst selbst die Geschichte vorangebracht hat, aber ihre Privilegien verteidigt, wird ebenso als selbstverständlich angesehen, wie dass die Unterprivilegierten gegen die Verhältnisse aufbegehren. Moral spielt in diesem Modell keine Rolle, der (auch gewalttätige) Klassenkampf ist gleichsam der natürliche Weg, auf dem Konflikte ausgetragen werden. In einem völkischen Modell hingegen ist es natürliche, quasi-religiöse und moralische Pflicht jedes Mitglieds des Volks, alles zu dessen Erhalt beizutragen und eigene Bedürfnisse diesem unterzuordnen – man denke an die NS-Losung „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ oder die Inschrift auf einem Hamburger Kriegerdenkmal „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ (auf die die Hamburger Punkband Slime in ihrem wohl bekanntesten Lied reagierte: „Deutschland muß sterben, damit wir leben können“). Wer das nicht tut, muss entweder manipuliert worden sein (durch die Mainstreammedien etc.) und deshalb früher oder später ‚aufwachen‘ und sich der „Wahrheitsbewegung“ anschließen, oder ein durch und durch verworfenes Subjekt, dem auch ansonsten alles zuzutrauen ist. So wird aus jedem politischen Gegner, der eine nach eigener Meinung falsche Position vertritt, ein amoralischer und krimineller Feind, ein Volkverräter, den es mit allen Mitteln zu vernichten gilt. Hier ergänzen sich die religiöse Rhetorik und die rechtsradikale Ideologie von Naidoos Texten, hier wird, wie in der neurechten Rede vom drohenden Volkstod, aus einer Auseinandersetzung zwischen Anhängern verschiedener Positionen ein apokalytischer Endkampf zwischen Gut und Böse, in dem eine kleine Gruppe von Gerechten (schon in Dieser Weg sang Naidoo: „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein“) mutig gegen die Mächte der Finsternis antritt. In diesem Weltbild erscheint dann selbst die Veröffentlichung eines auf eine große Zielgruppe zugeschnittenen Popsongs als Heldentat.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

 

Reset am Waschbecken. Zu „Unterwasserliebe“ von OK KID

OK KID

Unterwasserliebe (2014)

Heute nicht, denke ich
Während sich der Atem über die Scheibe legt
Und ich mein Spiegelbild verlier’
Und alles, was ich seh’
Sich nicht wirklich als konkret herauskristallisiert
Alles still, jedes Wort nur noch ’ne Luftblase
Solang’ ich Luft habe, bleibt alles stumm
Augen auf im Aquarium
Noch kurz warten, um
Das Gefühl wieder zu haben
Nicht mehr zu atmen
Bis die Tropfen neue Wellen schlagen
Und der Frust endlich schweigt
Nicht mehr zu atmen
Sage nichts, denk’ nur laut
Tauche erst wieder auf, wenn Liebe nicht mehr laut ist
Und wieder warten auf das Endorphin
Endlich wir, endlos fühlen
 
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Nicht mehr Kopf in den Sand stecken
Kaltes Wasser laufen lassen, Kopf in das Waschbecken
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Bis die Tropfen neue Wellen schlagen
Und der Frust endlich schweigt
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
 
Heute nicht, denke ich
Während sich das Wasser über meine Schläfen legt
Und ich das Gleichgewicht verlier’
Und alles, was ich seh’, sich erst,
Wenn ich runter geh’, herauskristallisiert
Zum Lachen unter Wasser gehen
Roter Faden, loose tragen
Nicht mehr zu atmen, nicht mehr aufstoßen
Runterspülen, saurer Magen leer
Hunger stillen
Und wieder warten auf das Endorphin
Endlich wir, endlos fühlen
 
Unterwasserliebe […]
 
(Luft nach oben, Luft nach oben)
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Nicht mehr Kopf in den Sand stecken
Kaltes Wasser laufen lassen, Kopf in das Waschbecken
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Bis die Tropfen neue Wellen schlagen
Und der Frust endlich schweigt
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh
Unterwasserliebe
Und alles, was du siehst, ist die Luft nach oben, oh

     [OK KID: Unterwasserliebe [Single]. Four Music/Sony Music 2014.
     OK KID: Grundlos [EP]. Four Music/Sony Music 2014.]

2014 traten OK KID mit Unterwasserliebe beim 10. Bundesvision Song Contest für das Land Hessen an und erreichten den 9. Platz. In einem kurzen Statement im Vorfeld der Musikshow gaben sie folgende Lesart für ihr Lied an: „Darin geht es um die Suche nach Ruhe und das Innehalten, um Nebensächlichkeiten zu vergessen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ (Infoseite zum 10. BuViSoCo) Ähnlich äußerten sich OK KID in einem Interview für welt.de: „Es geht einfach darum Ruhe und Entspannung in einem übersättigten, gestressten Umfeld zu finden. Deswegen das Bild mit dem Abtauchen.“ (Kathrin Rosendorff: Wenn die Tropfen neue Wellen schlagen. [Interview]. In: welt.de, 19.09.2014.) Das leuchtet soweit ein. Wir wollen es dabei aber nicht bewenden lassen und finden, dass noch einiges der Erklärung bedarf und Beachtung verdient – sowohl was die Textgestaltung als auch das Songumfeld anbelangt.

Der Text lässt Gegensätze auf verschiedenen Ebenen erkennen: über Wasser/unter Wasser, atmen/nicht atmen, laut/leise, sprechen/schweigen, undeutlich/deutlich. Der erstgenannten Opposition lassen sich die anderen unterordnen, so dass sich zwei einander entgegengesetzte Situationen ergeben: Über Wasser, wo das Ich atmet, geht es laut zu, wird gesprochen und erscheinen die Dinge eher undeutlich („Und alles, was ich seh’ / Sich nicht wirklich als konkret herauskristallisiert“); unter Wasser, wo man nicht atmen kann, ist es leise, fallen keine Worte („[…] jedes Wort nur noch ’ne Luftblase / Solang’ ich Luft habe, bleibt alles stumm“) und ist vieles klarer und differenzierter zu erkennen („Und alles, was ich seh’, sich erst, / Wenn ich runter geh’, herauskristallisiert“). Das kalte Kopfbad klärt die Gedanken und Gefühle. Es ist dabei keine kalte Dusche, die Lust ausbremst oder desillusioniert und frustriert – ganz im Gegenteil. Das Ich des Textes sieht dadurch klarer (zugegeben, herauskristallisieren ist nicht eben das dichterischste und zugleich auch recht ein langes Verb, fügt sich in der gesanglichen Umsetzung aber dennoch rhythmisch gut ein) und rechnet sogar mit angenehmen Empfindungen: „Und wieder warten auf das Endorphin“. Ein Endorphinausstoß kann nach Anstrengungen, Schmerzen oder (selbst auferlegtem) Hunger Beruhigungs-, Rausch- oder Glücksgefühle hervorrufen. Indem das Ich den Kopf unter Wasser taucht, durchbricht es den lebensnotwendigen Rhythmus aus Einatmen und Ausatmen. Das ist zunächst ähnlich unangenehm, wie sich beispielsweise bei drückendem Magen nicht durch Aufstoßen Erleichterung zu verschaffen oder Hunger nicht einfach durch Essen zu „stillen“. In der ausgedehnten Atempause werden Körperfunktionen kurz wie auf Null gesetzt, um das System danach wieder richtig zum Laufen zu bekommen.

Nun heißt das Lied ja aber nicht ‚Unterwasserkur‘, sondern „Unterwasserliebe“. Zu diesem Thema passen dezidiert die Textpassagen und -elemente „wenn Liebe nicht mehr laut ist“, „wir“ und „fühlen“. Den ‚lauten Frust‘ („Frust endlich schweigt“) könnte man hier anschließen als Ausdruck für Streit, der sich mit Worten nicht beenden lässt. Unter Wasser verwandeln sich die Worte in Luftblasen und verbildlichen, dass noch ‚Luft nach oben ist‘, dass es also noch besser werden kann. Die plausible Vorstellung von aufsteigenden Luftblasen changiert somit in eine hoffnungsvolle Einsicht.

OK KID spielen in diesem Song – wie auch generell in ihren Texten – noch an weiteren Stellen mit der Sprache, namentlich mit Redewendungen: aus ‚zum Lachen in den Keller gehen‘ wird „zum Lachen unter Wasser gehen“; und an die Stelle einer Kapitulation – „Kopf in den Sand stecken“ – tritt ein gezieltes Vorgehen, das eine positive Veränderung herbeiführen soll – „Kopf in das Waschbecken“. Am Ende der Übung heißt es auszuatmen und die aufsteigenden Luftblasen zu betrachten. Der Frust löst sich in Luft auf und wird ‚weggeblubbert‘.

Soweit zum Nachvollzug des Textes an und für sich. Unterwasserliebe lässt sich allerdings auch im Zusammenhang mit anderen Songs betrachten. So bildet es als Teil 3 die Mitte der EP Grundlos. Textlich ist es mit zwei anderen darauf erschienenen Liedern verbunden: mit dem ersten, Borderline, durch die Wendungen „Luft nach oben“ und – kontrastiv – „Kopf über Wasser halten“, mit dem letzten Zuerst war da ein Beat durch die Redewendungsvariante „zum Lachen übern Teller sehen“. Die Videos zu allen fünf Songs der EP – also auch zu Februar (Kaffee warm 2) (Teil 2) und Grundlos (Teil 4) –  hängen durch gemeinsame Figuren, Räume und Szenen zusammen. Über all diese Videos hinweg werden mit wechselnden Schwerpunkten mehrere kleine ‚Geschichten‘ erzählt.

Jenseits der Songs von OK KID erinnert der Titel Unterwasserliebe an das seinerzeit international recht erfolgreiche Lied Underwater Love von Smoke City, das 1997, also im Jahr seiner Veröffentlichung, musikalisch wie motivisch einem Werbespot für die Levi‘s 501 Shrink-To-Fit Jeans zugrunde gelegt wurde (vgl. den Wikipedia-Artikel zur Band).

Smoke City

Underwater Love

This must be underwater love
The way I feel it slipping all over me
This must be underwater love
The way I feel it

O que que é esse amor, d’água
Deve sentir muito parecido a esse amor
O que que é esse amor, d’água
Deve sentir muito parecido a esse amor
Esse amor com paixão, ai
Esse amor com paixão, ai que coisa

After the rain comes sun
After the sun comes rain again
After the rain comes sun
After the sun comes rain again
After the rain comes sun
After the sun comes rain again

This must be underwater love […]

O que que é esse amor, d’água
Eu sei que eu não quero mais nada

Follow me now
To a place you only dream of
Before I came along
When I first saw you
I was deep in clear blue water
The sun was shining
Calling me to come and see you
I touched your soft skin
And you jumped in with your eyes closed
And a smile upon your face

Você vem, você vai
Você vem e cai
E vem aqui pra cá
Porque eu quero te beijar na sua boca
Que coisa louca
Vem aqui pra cá
Porque eu quero te beijar na sua boca
Ai que boca gostosa

After the rain comes sun […]

Cai cai e tudo tudo cai
Tudo cai pra lá e pra cá
Pra lá e pra cá
E vamos nadar
Y vamos nadar e tudo tudo dá

This must be underwater love […]

Oh
oh
d’água we are full

Mit der Unterwasserliebe werden in Smoke Citys Lied Erotik und Leidenschaft ins Bild gesetzt. Im Lied von OK KID lässt sich Entsprechendes textlich nicht so recht greifen. Die Zeile „Endlich wir, endlos fühlen“ tendiert noch am ehesten in diese Richtung. Würde man an dieser Stelle die Interpretation noch weiter treiben, ließe sich das Luftanhalten unter Wasser, das mit dem Effekt eines Endorphinausstoßes einhergeht, als Ersatzhandlung auffassen, die ähnliche Empfindungen und körperliche Zustände hervorruft wie Sex. Für diese Lesart erscheint die interpretatorische Verrenkung aber schon recht weit zu gehen. Eine Beziehung zu Underwater Love lässt sich – abgesehen vom Titel – eher noch über den Levi’s-Werbeclip konstruieren. Darin nähern sich drei Meerjungfrauen neugierig einem über Bord gegangenen jungen Fischer und machen sich sexuell forsch an ihm zu schaffen. Eine der Wasserfrauen haucht ihm mit einem Kuss Luft und damit wieder Leben ein. Der begehrte Jüngling kann sich befreien und fliehen, als die drei Nixenwesen verzweifelt und erfolglos versuchen, ihm die – zumal im Wasser – wie angegossen sitzende Jeans auszuziehen. In einigen Szenen im Video zu Unterwasserliebe sind zumindest ein Mann und eine Frau zu sehen, die sich mehrfach unter Wasser aufeinander zu bewegen, sich auch durchaus berühren, allerdings ohne betont erotische Anmutung und frei von sexueller Begierde.

In dem ober bereits erwähnten Interview auf welt.de legen OK KID selbst einen intertextuellen Verweis offen: „Bei ‚Unterwasserliebe‘ heißt es ‚Tauche erst wieder auf, wenn Liebe nicht mehr laut ist.‘ Das ist ein verstecktes Bosse-Zitat[,] also ‚Liebe ist leise‘.“

Bosse

Liebe ist leise

Sie sagt: Jetzt ist es raus,
jetzt weißt du Bescheid.
Kannst es glauben oder nicht,
ich hab die ganze Zeit geschwiegen,
es war immer so laut
und Liebe ist leise.
Hast du sie nie gehört?
Sie hat die ganze Zeit geflüstert.

Und, ich hab dich immer geliebt,
aber eben leise.
Ich hab dich immer geliebt,
aber eben auf ’ne ruhige Art und Weise,
denn Liebe ist leise
und alles hier ist laut.
Liebe ist kein Rock ’n’ Roll,
Sie ist leise.

Und als die Musik dann aus war
und der Rest der Stadt im Bett,
hab’ ich in der Stille gehört, was du meintest,
hab’ auf der Straße gesessen und geschwiegen.
Meine Tür ist immer ’nen Spalt offen
und ich denke meistens an dich,
aber solange mein Leben Rock ’n’ Roll ist,
kommst du wahrscheinlich nicht.

Ich hab dich immer geliebt,
aber eben leise.
Ich hab dich immer geliebt,
aber eben auf ’ne ruhige Art und Weise,
denn Liebe ist leise
und alles hier ist laut.
Liebe ist kein Rock ’n’ Roll,
Liebe ist leise.

Ich hab dich immer geliebt […]
und Liebe ist leise, leise, leise
und Liebe ist leise, leise
und du bist immer laut.
Und Liebe ist leise.

Bedenkt man die Namensbildung für die Band OK KID, gelangt man noch auf eine weitere Spur. Die beiden Namensteile haben die Bandmitglieder von zwei Alben der englischen Band Radiohead abgeleitet: OK Computer (1997) und Kid A (2000) (vgl. den Wikipedia-Artikel zu OK KID und das Band-Portrait auf laut.de). Im Video zu Radioheads No Surprises (aus dem Album OK Computer) wird ebenfalls das Unterwasser-Motiv umgesetzt.

Radiohead

No Surprises

A heart that’s full up like a landfill
A job that slowly kills you
Bruises that won’t heal

You look so tired, unhappy
Bring down the government
They don’t, they don’t speak for us

I’ll take a quiet life
A handshake of carbon monoxide
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises
Silent
Silent

This is my final fit
My final bellyache with
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises, please

Such a pretty house
And such a pretty garden
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises
No alarms and no surprises, please

Während der gesamten Laufzeit des Videos ist der Kopf von Sänger Thom Yorke zu sehen. Nach und nach wird deutlich, dass er in einem gläsernen Helm steckt, in dem solange Wasser aufsteigt, bis schließlich keine Möglichkeit mehr zum Atmen besteht. Es ist beklemmend, dem zuzuschauen. Und Yorke hält erstaunlich lang die Luft an (hier wurde trickreich mit beschleunigter Geschwindigkeit gedreht – vgl. den Wikipedia-Artikel zu No Surprises). Kurz nachdem Luftblasen aufsteigen, sinkt der Wasserspiegel zur sichtlichen Entspannung des Sängers (wie auch der Zusehenden) schnell ab. Den Kopf solange im Waschbecken unter Wasser zu halten, bis es wirklich nicht mehr geht, und dann (in mancherlei Hinsicht) erleichtert wieder aufzutauchen, erscheint als Variante des Experiments im Video zu No Surprises. Und sowohl im Lied von Radiohead als auch in dem von OK KID geht es darum, zur Ruhe zu kommen und einem wie auch immer gearteten Lärm zu entfliehen („Silent“; „wenn Liebe nicht mehr laut ist“).

Nicht mehr atmen – kurz ein kleines bisschen sterben (vielleicht einen ersatzhalber herbeigeführten petit mort) – dann weiteratmen – und (besser) weiterl(i)eben.

Denise Dumschat-Rehfeldt und Mirjam Stumpf (Bamberg)

Schuld sind immer die Eltern: Erziehungstips von unerwarteter Seite in Sidos „Augen Auf“ und Knorkators „Kinderlied“

Sido

Augen auf

Hey, hallo Kinder! (Hallo Sido!)
Hi Anna, Hi Thorsten und die andern.
Levent, leg das Handy weg!
OK, soll ich euch mal 'ne Geschichte erzählen? (Ja!)
Dann hört zu jetzt!

Die kleine Jenny war so niedlich, als sie sechs war
Doch dann bekam Mama ihre kleine Schwester
Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt, sie stand hinten an
Und dann mit zwölf fing sie hemmungslos zu trinken an
Das war sowas wie ein Hilfeschrei, den keiner hört
Bei jedem Schluck hat sie gedacht: „Bitte, Mama, sei empört!"
Doch Mama war nur selten da, keiner hat aufgepasst
Papa hat lieber mit Kollegen einen drauf gemacht
Jenny war draußen mit der Clique, hier war sie beliebt
Hier wird man verstanden, wenn man oft zu Hause Krise schiebt
Sie ging mit 13 auf Partys ab 18
Schminken wie 'ne Nutte und dann rein in das Nachtleben
Ecstasy, Kokain, ficken auf'm Weiberklo
Flatrate saufen, 56 Tequila Shots einfach so
Wieviel mehr kann dieses Mädchen vertragen?
Und ich sag: Kinder kommt, wir müssen den Eltern was sagen
Und das geht (Hey)

Mama, mach die Augen auf! (Aha)
Treib mir meine Flausen aus!
Ich will so gern erwachsen werden
Und nicht schon mit 18 sterben
(Hey) Papa, mach die Augen auf (Aha)
Noch bin ich nicht aus'm Haus
Du musst trotz all der Schwierigkeiten
Zuneigung und Liebe zeigen

(Yeah) Der kleine Justin war nicht gerade ein Wunschkind
Doch seine Mama ist der Meinung abtreiben gleich umbringen
Das Problem war nur, dass Papa was dagegen hatte
Deshalb fand man Justin nachts in der Babyklappe (Oh Scheiße!)
Er wuchs von klein auf im Heim auf
Doch wenn der Betreuer was sagte, gab er ein' Scheiß drauf
Er hat schnell gemerkt, dass das nicht sein Zuhause ist
Hier gibt man dir das Gefühl, dass du nicht zu gebrauchen bist
Dass er jemals 18 wird, kann man nur wenig hoffen
Denn er raucht mit sechs, kifft mit acht und ist mit zehn besoffen
Sag, wieviel mehr kann dieser Junge vertragen?
Und ich sag: Kinder kommt, wir müssen den Eltern was sagen
Und das geht (Hey)

Mama mach die Augen auf! (Aha) [...]

Ein Kind zu erziehen ist nicht einfach, ich weiß das
So hast du immer was zu tun, auch wenn du frei hast
Pass immer auf, du musst ein Auge auf dein Balg haben
Am besten lässt du's eine Glocke um den Hals tragen
Kinder sind teuer, also musst du Geld machen
Du musst Probleme erkennen und sie aus der Welt schaffen
Du musst zuhören, in guten und in miesen Zeiten
Du musst da sein, und du musst Liebe zeigen
Wer Kinder macht, der hat das so gewollt
Doch sobald es ernst wird mit der Erziehung, habt ihr die Hosen voll
Wie viel mehr kann die Jugend in Deutschland vertragen? (Wie viel?)
Hört hin, wenn eure Kinder euch jetzt was sagen
Und das geht (Hey)

Mama, mach die Augen auf! (Aha) [...]
(Hey)
Mama, mach die Augen auf! (Aha) [...]

     [Sido: Augen auf / Halt dein Maul. Aggro Berlin 2008.]

Knorkator

Kinderlied

Unsere Väter sind Versager,
haben's nie zu was gebracht,
träumten stets vom großen Durchbruch,
doch das ist nicht so einfach.
 
Heute steh'n sie vor den Trümmern
ihrer schnöden Existenz,
machen immer noch den Affen
für ein paar hundert Fans.
 
Mittlerweile über vierzig,
alle Skrupel abgelegt,
wird jetzt schon der eigene Nachwuchs
mit ins Rennen geschickt.
 
"Komm, wir machen euch zum Popstar",
haben sie vergnügt gesagt.
Doch ob wir das wirklich wollen,
hat uns niemand gefragt.
 
Nun stehn wir da
im Rampenlicht,
werden vorgeführt.
Man starrt uns an.
Wir können uns nicht wehren.
Sind viel zu klein
fürs Business,
für den Rock'n'Roll,
fühl'n uns verheizt
für eure Gier und Eitelkeit.
 
Schon allein die schräge Wortwahl,
die mir fast die Zunge bricht
und meiner kindlichen Rhetorik
überhaupt nicht entspricht.
 
Außerdem kann ich nicht singen,
doch die Technik macht das schon.
Editiert ist am Computer
jeder einzelne Ton.
 
Nun stehn wir da [...]

     [Knorkator: Kinderlied. Tubareckorz 2008.]

Wem würde man wohl weniger zutrauen, hilfreiche Erziehungstips zu geben, einem Berliner Gangsta-Rapper oder einem fäkal-humoristischen Metalsänger? Überaschenderweise geben ausgerechnet zwei solche Künstler ihrem Publikum Ratschläge zum richtigen Umgang mit ihren Sprösslingen. Beiden Liedern ist gemein, dass eine falsche Behandlung der Nachkommen moniert wird – im Falle Knorkators das Ausnutzen der Kinder aus finanziellen Gründen und bei Sido die Vernachlässigung der elterlichen Fürsorge mit drastischen Folgen.

Beide Songs werden zum Teil (Augen auf) bzw. komplett (Kinderlied) von Jungspunden gesungen. Bei Knorkator bilden im gesamten Lied die Kinder der Bandmitglieder, die ihre Väter kritisieren, die Sprecher. Bei Sido hingegen rappt der Künstler die Strophen und Teile des Refrains selbst. Sido besingt in den Strophen in der Dritten Person vernachlässigte Kinder, um dann aus Rolle der Kinder Eltern im Refrain Ratschläge zu erteilen. Dabei verlässt er im gesamten Lied nie die Rolle des moralisch-erzieherisch Überlegenen. Sido gibt anderen Eltern Empfehlungen und kritisiert sie mit einer Bestimmtheit, die suggeriert, dass er selber genau weiß, wie gute Erziehung auszusehen hat. Allerdings sind dann dafür, dass er eine derartige Besserwisserei an den Tag legt („wir müssen den Eltern was sagen“) die Ratschläge doch sehr allgemein gehalten („Zuneigung und Liebe zeigen“). Sozialkritisch wird dabei hingegen kaum argumentiert. Eine detaillierte Problematisierung politischer Versäumnisse im Heimwesen unterbleibt ebenso wie der Hinweis auf mögliche soziale Ursachen für das Versagen der Eltern. Seine moralische Autorität zieht der sich als Opa Besserwisser gerierende Sprecher dabei anscheinend – wie auch in Erziehungsratgebern üblich – aus eigener Erfahrung: „Ein Kind zu erziehen ist nicht einfach, ich weiß das“.

Der Eindruck der moralisierenden Besserwisserei verstärkt sich noch, wenn man einzelne Verse aus dem Text greift. Passagen wie „Schminken wie ’ne Nutte und dann rein in das Nachtleben / Ecstasy, Kokain, ficken auf’m Weiberklo“ illustrieren das generell probelmatische Verhältnis von Rap zu Frauen. Aufgrund als übertrieben empfundener Schminke eine Person (wohlgemerkt eine 13-jährige) in die Nähe einer Nutte zu stellen, stellt eine Spielart von ‚slut shaming‘ dar, bei dem der Kleidungsstil oder das Auftreten einer Frau als ‚Einladung‘ verstanden wird. Dass dies auch noch von einem (inzwischen) wohlhabenden Mann getan wird, ist zwar leider typisch, macht die Aussage aber nur noch verstörender. Interessant ist hier auch, dass Drogenkonsum und sexuelle Aktivität als Zeichen sozialen Abstiegs ausgelegt werden, wohingegen sie in ähnlichen Raptexten, auch solchen Sidos, stolz zur Schau getragen werden. Bei solchen Aussagen fragt man sich, woher Sido seine Kompetenzen auf dem Feld der Erziehung zieht. Der Rapper feiert andernorts seine eigenen Jugensünden (vgl. die Interpretation von Bilder im Kopf) gesteht solche aber, so suggeriert die extreme Sprache, nicht den Mädchen zu.

Doch die moralischen Wertungen enden hier noch nicht: Sido hat offensichtlich auch eine klare Meinung über Abtreibungen: „Doch seine Mama ist der Meinung abtreiben gleich umbringen / […] Deshalb fand man Justin nachts in der Babyklappe.“ Die weitere Beschreibung von Justins Leben scheint nahe zu legen, dass die Mutter das Kind hätte abtreiben sollen. Im Gegenzug zur wertliberalen impliziten Empfehlung einer Abtreibung zeichnet Sido dann aber wiederum ein eher konservatives Familienbild: Im Refrain und in den ersten beiden Strophen werden beide Elternteile angesprochen, was nahelegt, dass für Sido eine gelungene Erziehung nur durch Vater und Mutter vorstellbar ist. Auch die erteilten Erziehungsratschläge selbst erscheinen widersprüchlich: Einerseits wird Zuwendung empfohlen, andererseits gehören die von den Kindern selbst eingeforderten und vom Sprecher propagierten Erziehungsmethoden Strafe („Treib mir meine Flausen aus!“) und Kontrolle („Pass immer auf, du musst ein Auge auf dein Balg haben / Am besten lässt du’s eine Glocke um den Hals tragen“) ins klassische Repertoire autoritärer Erziehung.

Noch pathetischer wird es, wenn sich Sido im Refrain zum Sprecher für die Jugend Deutschlands stilisiert: „Wie viel mehr kann die Jugend in Deutschland vertragen?“ Dieser Vers wird nicht von einem kindlichen Sprecher-Ich gesungen, sondern Sido muss den Kindern (im Gegensatz zur Sprechsituation in Knorkators Lied) die Worte aus dem Mund nehmen und als starker (männlicher) Beschützer der Kinder, ja ganz Deutschlands auftreten. Dementsprechend ist es auch Sido selber, der im zum Song gehörenden Video in Kinderkleidern auftritt. Im Prolog zum Lied („Hey, hallo Kinder! […]“) wendet sich Sido erzieherisch an die Kinder. Im Verlauf des Liedes tut er dies aber auch gegenüber jeglichen Rezipienten. Sido will die Kinder Deutschlands beschützen. Nur, dass ihn keiner darum gebeten hat.

Erfrischend sind dagegen die humoristisch-selbstironischen Erziehungsweisheiten Knorkators, die sich selber und ihre Empfehlungen nicht so ernst nehmen wie Sido dies tut. Knorkator gehen von ihrem eigenen Erfahrhungshorizont aus und verstehen sich nicht als Repräsentanten der Kinder Deutschlands. In erster Linie handelt es sich hier zwar um einen Kommentar zum Showbusiness, aber in einer anderen Lesart kann sich das Lied auch auf Erziehung allgemein beziehen. In für sie typischer Manier nimmt sich die Band zunächst einmal selber auf die Schippe und vermeidet dadurch die bei Sido so stark ausgeprägte Besserwisserei. Schon in der ersten Strophe werden die Väter als „Versager“ bezeichnet und monieren die Kinder deren verpassten Durchbruch. Hier belehren die Kinder ihre Eltern („doch das ist nicht so einfach“), sie selbst singen das ganze Lied und benötigen kein Sprachrohr, wie das bei Sido der Fall ist. Auch wenn sie sich „nicht wehren“ können und für ihre Väter auf die Bühne geschickt werden, melden sie sich doch zumindest im Lied autonom zu Wort.

Im Gegensatz zu der radikalen Sichtweise Sidos, bei dem die Vernachlässigung zum Tod der Kinder zu führen droht („Ich will so gern erwachsen werden / Und nicht schon mit 18 sterben“), beschweren sich Knorkators Sprösslinge lediglich darüber, dass ihre Väter sie auf Grund des mangelnden Erfolges auf die Bühne schicken und sie ungefragt zu Popstars machen wollten. Es geht hier also um das Mitspracherecht von Kindern und Jugendlichen bei Entscheidungen, die über sie getroffen werden. Knorkator treten hier selbstkritisch auf, aber ermöglichen dennoch eine breitere Identifikation mit anderen Eltern, die ihre Kinder in ihre eigenen Vorstellungen zwängen, sei dies nun im Sportverein, beim Instrumentlernen, in der Schule oder eben auf der Bühne. Im Gegensatz zu Sido sehen sich Knorkator aber selbst dieser Kritik ausgesetzt und stellen sich damit auf die selbe Ebene wie die in dieser abstrahierenden Lesart mitkritisierten Eltern. In Knorkators Kinderlied werden, und hierin besteht ein weiterer Unterschied zu Sido, ausschließlich die Väter angesprochen, da die Kinder sich an die männlichen Bandmitglieder richten. Dass der starke pater familias dabei ausgerechnet von seinen eigenen Kindern kritisert wird, kann auch als Dekonstruktion einer hierarchischen Familienstruktur verstanden werden.

Auch wenn Sido mit wesentlich drastischeren Bildern arbeitet, wirken seine Vorschläge für eine bessere Erziehung zugleich banal und arrogant. Knorkator hingegen finden ein adäquates Mittel, indem sie sich nicht anmaßen, mehr zu wissen als die Rezipienten ihres Songs und sich selber „zum Affen“ machen, wie ihre Kinder singen. Auch wenn es in Knorkators Lied primär um die Band selber geht, werden doch auch größere erzieherische Themen angeschnitten. Sido wirkt als Weltretter in einem sprachlich wie inhaltlich fragwürdigen Lied wenig überzeugend, wohingegen Knorkator, indem sie sich aus Kindersicht selbst kritisieren, auch anderen Eltern einen Anlass zur Selbstreflexion liefern, ohne dabei eine überlegene Stellung für sich zu reklamieren. Was würden die selbstbestimmten Jugendlichen in Konorkators Lied wohl sagen, wenn ihnen ein Mann mit silberner Maske vorschreiben würde, wie sie sich zu schminken haben?

Martin Christ, Oxford

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“ … „and the world will live as one“. Zu „Hurra, die Welt geht unter“ von K.I.Z. und Henning May (2015)

K.I.Z. und Henning May

Hurra, die Welt geht unter 

Kleidung ist gegen Gott, wir tragen Feigenblatt
Schwingen an Lianen übern Heinrichplatz
Und die Alten erzählen vom Häuserkampf
Beim Barbecue in den Ruinen der Deutschen Bank
Vogelnester in einer löchrigen Leuchtreklame
Wir wärmen uns auf an einer brennenden Deutschlandfahne
Und wenn einer auf 'ner Parkbank schläft
Dann nur weil sich ein Mädchen an seinen Arm anlehnt
Drei Stunden Arbeit am Tag, weil es mehr nicht braucht
Heut' Nacht denken wir uns Namen für Sterne aus
Danken dieser Bombe vor zehn Jahren
Und machen Liebe bis die Sonne es sehen kann
Weißt du noch, als wir in die Tische ritzten in den Schulen
„Bitte Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen was sie tun.“
Unter den Pflastersteinen wartet der Sandstrand
Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun

Und wir singen im Atomschutzbunker:
„Hurra, diese Welt geht unter!“
„Hurra, diese Welt geht unter!“
„Hurra, diese Welt geht unter!“
Und wir singen im Atomschutzbunker:
„Hurra, diese Welt geht unter!“
„Hurra, diese Welt geht unter!“
Auf den Trümmern das Paradies

Nimm dir Pfeil und Bogen, wir erlegen einen Leckerbissen
Es gibt kein' Knast mehr, wir grillen auf den Gefängnisgittern
Verbrannte McDonald's zeugen von unsern Heldentaten
Seit wir Nestlé von den Feldern jagten
Schmecken Äpfel so wie Äpfel und Tomaten nach Tomaten
Und wir kochen unser Essen in den Helmen der Soldaten
Du willst einen rauchen? Dann geh dir was pflücken im Garten
Doch unser heutiges Leben lässt sich auch nüchtern ertragen
Komm, wir fahren in den moosbedeckten
Hallen im Reichstag ein Bürostuhlwettrennen
Unsere Haustüren müssen keine Schlösser mehr haben
Geld wurde zu Konfetti und wir haben besser geschlafen
Ein Goldbarren ist für uns das gleiche wie ein Ziegelstein
Der Kamin geht aus, wirf' mal noch 'ne Bibel rein
Die Kids gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst
Dieses Leben ist so schön, wer braucht ein Leben danach?

Und wir singen im Atomschutzbunker: [...]

Die Kühe weiden hinter uns, wir rauchen Ot, spielen Tavla
Dort wo früher der Potsdamer Platz war
Wenn ich aufwache, streich ich dir noch einmal durchs Haar
„Schatz ich geh zur Arbeit, bin gleich wieder da.“
Wir stehen auf, wann wir wollen, fahren weg, wenn wir wollen
Sehen aus, wie wir wollen, haben Sex, wie wir wollen
Und nicht, wie die Kirche oder Pornos es uns erzählen
Baby, die Zeit mit dir war so wunderschön
Ja, jetzt ist es wieder aus, aber unsere Kinder wein' nicht
Denn wir ziehen sie alle miteinander auf
Erinnerst du dich noch, als sie das große Feuer löschen wollten?
Dieses Gefühl, als in den Flammen unsere Pässe schmolzen?
Sie dachten echt, ihre Scheiße hält ewig
Ich zeig den Kleinen Monopoly, doch sie verstehn's nicht
„Ein Hundert-Euro-Schein? Was soll das sein?
Wieso soll ich dir was wegnehm', wenn wir alles teilen?“

Und wir singen im Atomschutzbunker: [...]

     [K.I.Z.: Hurra, die Welt geht unter. Universal 2015.]

In Thomas Brussigs aktuellem Roman Das gibts in keinem Russenfilm (2015) beerbt Gregor Gysi Egon Krenz und verhindert auch für das Jahr 2016 wieder freie Wahlen in der DDR. Gut auch für Gysi ganz persönlich also, dass es entgegen Brussigs Fiktion vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert tatsächlich eine Wiedervereinigung gab. Statt Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender konnte er Oppositionsführer, Medienstar und – spätestens nach Ankündigung seines relativen Rückzugs – irgendwie auch -liebling werden. So darf er sich nun u. a. gemütlich von einer ihm höflich gewogenen Redakteurin das Magazins Rap ist interviewen und ganz ohne jeglichen Polit-Talk-Druck zu Texten der provokant prolligen, selbstironisch sexistischen und vor allem bekanntermaßen eher linksdenkenden Hip-Hop-Formation K.I.Z. befragen lassen.

Trotz ihres polit(satir)ischen Engagements für die Partei Die Partei (vgl. etwa einen Bericht über ein entsprechendes Konzert Mitte Juli) findet Gysi die Jungs von K.I.Z. und speziell ihr fröhliches Endzeitsszenario namens Hurra, die Welt geht unter erwartungsgemäß „klug“, „witzig“ sowie überhaupt „gut“. An dieser Stelle vertritt er offenbar einmal eine durchaus mehrheitsfähige Meinung: Das gleichbetitelte Album landete auf Rang eins der Charts, das Video wurde auf Youtube bislang in den ersten drei Monaten seit der Veröffentlichung Anfang Juli 2015 über 16 Millionen Mal geklickt. Dieser Erfolg hat nicht nur mit der Eingängigkeit des Refrains und der beeindruckenden Reibeisenstimme Henning Mays von AnnenMayKantereit zu tun. Die Vision einer Bombe, die unsere Welt mitsamt einiger ihrer Annehmlich- aber eben auch Ungerechtigkeiten so ein bisschen zerstört, scheint sehr gut anzukommen. Eventuell trifft diese Hymne auf den halben Weltuntergang und die mit ihm verbundene „neue Verbundeheit mit Mutter Erde“ (vgl. laut.de) einen irgendwie gearteten Nerv der Zeit. Jedenfalls darf man das „so ziemlich […] einzige politisch korrekte Lied der Hip-Hop-Band aus Berlin“ (SZ-Magazin) einen Hit nennen. Wenn man sich die Wetterlage der Monate nach der Veröffentlichung in Erinnerung ruft, lässt sich vielleicht sogar von einem echten Sommerhit sprechen – die erste Zeile zumindest passt recht gut dazu: „Kleidung ist gegen Gott, wir tragen Feigenblatt“.

Exemplarisch bewertet Gysi diesen einleitenden Satz als „sehr klug“ und interpretiert, damit würde gesagt, „dass der Mensch natürlich anders geschaffen worden ist“, um anzumerken, wie wichtig es sei, dass wir als „Säugetiere“ häufiger die Natürlich- bzw. Sinnhaftigkeiten unserer Regeln hinterfragen. Ein entsprechendes Hinterfragen fördern die „Kannibalen in Zivil“ (vgl. zu dieser Bedeutungsvariante der namensgebenden Abkürzung aktuell im Stile einer eisler-brechtschen Kampfeshymne: Das Kannibalenlied), indem sie mit einer pfiffigen Umkehrung religiös motivierter Bekleidungsvorschriften gegen eine übertriebene Verhüllung fleischlicher Reize in der Postzivilisation plädieren. Wenn daran anknüpfend vom „Schwingen an Lianen übern Heinrichplatz“ erzählt wird, bringt dies hier nicht nur den obligatorischen Berliner Lokalkolorit, sondern auch eine ordentliche Portion Spaß ins Szenario. Üblicherweise hat man ja – geschult durch Hiroshima-Dokus und zu den Hochzeiten des Kalten Krieges gehäuft entstandenen Filmen wie z.B. Malevil (F/BRD 1981), The Day After (USA 1983), Threads (GB 1984) oder Briefe eines Toten (UdSSR 1986) sowie natürlich Guido Knopp (u.a. Der Dritte Weltkrieg aus dem Jahr 1998) – eher weniger schöne Bilder im Kopf, wenn man an Atomschläge denkt.

In einem Werbeinterview spricht K.I.Z.-Kopf Maxim dann auch genau davon, dass fiktionale „Weltutergangsszenarien“ sonst meistens dystopische „Alptraumwelt[en]“ zeigen, die auch deshalb so bedrückend wirken, weil die Leute dann kurioserweise immer gleich die „alte Ordnung“ wiederherstellen wollen würden – „aber man kann sich doch ebenso gut vorstellen, dass einfach alles Schlechte verschwindet“. Entsprechend erscheint die bessere Welt in Hurra, die Welt geht unter als eine großartige Gegenfolie bzw. Ausgangsbasis, um Zeile für Zeile klarzustellen, was hier und heute alles als kritik- oder gar zerstörungswürdig anzusehen bzw. als das „Schlechte“ zu haten ist: die „Deutsche Bank“, „McDonalds“ und „Nestlé“ etwa ganz konkret. Solche Symbole der „Scheiße“ bzw. „alte[n] Ordnung“ sind im utopischen Berlin zur „Ruine“ verfallen, verbrannt oder verjagt.

Im besseren, nüchtern zu ertragenden Leben sollen uns „Pornos“ nicht mehr vorschreiben, wie man Liebe macht, Soldatenhelme sind nur noch zum Kochen zu gebrauchen, und das architektonisch umstrittene Privatgelände „Potsdamer Platz“ hat es verdientermaßen auch erwischt. Auch werden „Leuchtreklame[n]“ nicht mehr unsere Innenstädte verunstalten, „Geld“ wird nur noch als „Konfetti“ dienen, „Goldbarren“ werden nicht mehr übertrieben viel wert sein etc. Dass ausgerechnet diese Wesentlichkeiten des Kapitalismus ausgerottet bleiben, erscheint als eine zwar naive, aber nicht nur für Gysi und Co. durchaus attraktive Vorstellung. Zusammenfassend kommentiert das SZ-Magazin: „Gier und Stress sind bäh, also muss man das ja gut finden“.

Insgesamt wirkt Hurra, die Welt geht unter als eine für das Jahr 2015 sehr gelungene Kreuzung aus Jacob van Hoddis‘ Weltende und John Lennons Imagine. „Die Eisenbahnen [fielen] von den Brücken“ und alles wurde traumhaft schön: „No heaven […], no countries […], no possessions“ heißt hier kein „Papst“, keine „Pässe“ und keine „Schlösser“ an den Haustüren mehr. In die aktuelle Situation passt das Lied auch deshalb so gut, weil K.I.Z. mit der Rede vom erhebenden „Gefühl, als in den Flammen unsere Pässe schmolzen“, auch einen beachtenswerten Kommentar zur aktuellen Flüchtlingsdebatte liefern (man vgl. auch Boom Boom Boom: „Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen […]?“). Hierzu passt auch die „brennende Deutschlandfahne“. Gregor Gysi mag sich inzwischen an den neuen ausgelassenen Schwarzrotgoldpatriotismus gewöhnt haben (vgl. wiederum Rap ist-Interview), K.I.Z. stören sich nach wie vor daran (vgl. Maximilian Sauers Beitrag zu Biergarten Eden).

Martin Kraus, Bamberg

Das fragmentierte Selbst: Sidos „Bilder im Kopf“

Der Science Academy Baden-Württemberg/ Junior Akademie Adelsheim, besonders den geisteswissenschaftlichen Kursen, gewidmet

Sido

Bilder im Kopf

In einem schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf
Bewahr' ich alle diese Bilder im Kopf
Ich weiß noch damals, als ich jung und wild war im Block
Ich bewahr' mir diese Bilder im Kopf
In einem schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf
Bewahr' ich alle diese Bilder im Kopf
Ich weiß noch, als wir das erste Mal gechillt haben im Loft
Ich bewahr' mir diese Bilder im Kopf

Es war einmal vor langer langer Zeit
Vor 32 Jahren, als Mama schwanger war, sie schreit 
Denn ich komme! Ich war so süß ohne die Haare am Sack
Aber die wachsen schon noch, warte mal ab
Ich bin im Osten aufgewachsen, bis ich neun war
Orangenes Licht und graue Häuser, dann der Aufbruch ins Neuland
An der Entscheidung kann ich nicht nur Gutes lassen
Denn es war nicht immer einfach für uns drei, hier Fuß zu fassen
Aber alles hat sich eben so ergeben und mein Vater 
Über den will ich nicht reden, ich erwarte nichts mehr
Ich wollte keinem glauben, traute nur ein paar Gesichtern
Nachts draußen, die Augen kannten nur Straßenlichter

Konserviert und archiviert, ich hab's gespeichert
Paraphiert und nummeriert, damit ich's leicht hab'
Wenn die Erinnerung auch langsam verschwindet
Weiß ich immerhin genau, wo man sie findet

In einem schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf [...]

Damals auf'm Hof mit Bobby und so
Dieses Rap-Ding unser neues Hobby und so
Und dieses Gras-Ding zwei Gramm auf Kommi und so
Wir haben geträumt, wir wären ein Promi und so
Ich zog' die Jordans mit den Löchern an und dann 'ne Runde Basketball
In der Raucherecke stand Jamal am Marterpfahl
Ob wir Spaß hatten damals, rate mal
Aber die Schulwand haben wir nicht nur zum Spaß bemalt
Uni passte nicht in meine Welt, nicht mal ein halbes Semester
Wir brauchten Geld, wir waren Rebellen, wir wussten alles besser
Wir haben rumgehangen und Mucke gemacht
Das Mikrofon im Kleiderschrank, wir haben gewusst, dass es klappt

Und jetzt ist es konserviert und archiviert, ich hab's gespeichert
Paraphiert und nummeriert, damit ich's leicht hab'
Wenn die Erinnerung auch langsam verschwindet
Weiß ich immerhin genau, wo man sie findet

In einem schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf [...]

In meinem schwarzen Fotoalbum mit dem silbernen Knopf
Sind viele Bilder von 'nem Typ mit 'nem silbernen Kopf
Und viele Bilder von guten Freunden und Freunden die Feinde wurden
Von Autos mit 1000 PS und Bräuten mit geilen Kurven
Von Partys, von Konzerten, von den Brüchen, von den Ärzten
Von den Zeugnissen, dem letzten bis zum ersten
Ich hab Bilder von den Feiertagen, Bilder von mei'm Opa
Ich war so verdammt traurig, als er tot war

Doch ich hab es konserviert und archiviert, ich hab's gespeichert
Paraphiert und nummeriert, damit ich's leicht hab'
Denn ich weiß genau, bei mir läuft's nicht für immer rund
Doch was mir bleibt, ist die Erinnerung

In einem schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf [...]

Ich weiß noch (Ich weiß noch, ich weiß noch, ich weiß noch)
Ich weiß noch (Ich weiß noch, ich weiß noch, ich weiß noch)

     [Sido: Bilder im Kopf. Universal 2013.]

Im Jahr 2004 veröffentlichte der Berliner Rapper Sido seinen Arschficksong. Der vulgäre Titel wird konsequent im Text fortgeführt. Die Zeilen „[wir] reden ständig über Scheiße / Egal ob flüssig, fest, braune oder weiße / Sie fragen, ob ich nur über Analsex reden kann / Doch es geht nicht anders, ich bin der Arschfickmann“ sollen als Illustration genügen. Auf dem jüngsten Album des Rappers, VI, hingegen finden sich Zeilen wie „Änder dich / Wenn du eine gelbe Blume siehst, die den Zement durchbricht / Dann denk an mich“ (Löwenzahn). Von fäkal-humoristischen Sprachspielen hat sich der Rapper nun zu einem Texter entwickelt, der lebensbejahende Unterstützung an seine Zuhörer vermittelt. In vielerlei Hinsicht gibt das Lied Bilder im Kopf, das zeitlich und inhaltlich zwischen den zwei Phasen steht, Aufschluss über diese mindestens zwei Abschnitte, in die sich das Werk des Künstlers Sido unterteilen lässt.

Am Anfang der Karriere des Rappers stehen bewusst provokante Songs. Dass dabei die Provokation Teil einer inzwischen schon recht viel praktizierten Marketingstrategie ist, ist durchaus möglich. Der mit einer Indizierung einhergehende Presserummel kann Künstlern natürlich durchaus helfen. So gilt das Plattenlabel Aggro Berlin, bei dem auch Sido unter Vertrag stand, als Wegbereiter des deutssprachigen Gangsta-Raps, der sich bewusst von deutsch-sprachigem HipHop à la Fettes Brot oder Die Fantastischen Vier absetzt (vergleiche dazu Spiegel online). Sido ist sich, wie er im Lied Verrückt wie krass beweist, dieser Marketingstrategie durchaus bewusst: „Hier und da mal ‚ficken‘ sagen, manchmal übertreiben / Du musst Grenzen überschreiten, mach, dass sie drüber schreiben.“ In dem Spiel mit dem Image des Bad Boys und dem damit bewusst provozierten Aufschrei allerdings den einzigen Grund für vulgäre Sprache zu sehen, wäre zu eindimensional. Die expliziten Zeilen können beispielsweise auch Ausdruck einer jugendlichen Grenzüberschreitung sein. Immerhin war Sido zu diesem Zeitpunkt ein junger Künstler der möglicherweise auch seine Grenzen und die des Genres austesten wollte.

In einer zweiten Phase als Künstlers wendete sich Sido von seinen Jugendsünden ab und rappte stattdessen Lieder, welche weniger kontrovers waren. Diese Einteilung in zwei klar zu trennende Phasen vereinfacht natürlich das Gesamtwerk Sidos. In der Frühphase gab es auch nicht-vulgäre Texte und umgekehrt. Dennoch hat sich Sido bereits 2005 etwas von seinem „Arschficksong“ distanziert (vgl. stern.de). Den vorläufigen Gipfel findet diese Wandlung in Kollaborationen mit massenverträglichen Pop-Sängern wie Adel Tawil (vgl. die Interpretation zu dessen Hit Lieder) oder Andreas Bourani. Diese zwei Schaffensphasen visualisierte Sido auch durch das Ablegen seiner silbernen Maske, welche er in seinen frühen Jahren bei Veranstaltungen und in Videos stets trug.

Das schwarze Fotoalbum mit dem silbernen Knopf, um das es in Bilder im Kopf geht, kann verschieden interpretiert werden. In dem Lied geht es um ein Fotoalbum, das der Rapper anschaut und dabei über seine Verganeheit nachdenkt. Das Fotoalbum, so wird suggeriert, enthält alle wichtigen Ereignisse aus seinem Leben, beginnend mit seiner Geburt. Im Fotoalbum findet der Künstler Erinnerungen an sein Leben, inklusive aller Höhen und Tiefen. Das Fotoalbum kann auch für Sido selber stehen. Dies wird deutlich, wenn man sich Sidos silberne Maske und seine oft dunkle Kleidung als Parallelen zum silbernen Knopf und dem schwarzen Einband des Buches vorstellt. Durch das Reimpaar „In meinem schwarzen Fotoalbum mit dem silbernen Knopf / Sind viele Bilder von ’nem Typ mit ’nem silbernen Kopf“ wird die Parallele eigens hervorgehoben. Folgt man dieser Interpretation, handelt es sich bei den Bildern in dem Fotoalbum um eine Visualisierung der Erinnerungen Sidos. Zweitens kann das Fotoalbum, auch auf Grund des im Musikvideo abgebildeten Formats, als eine Anspielung auf eine CD- oder Schallplattenhülle verstanden werden. Dass der zweite Bestandteil des Kompositumms ‚Fotoalbum‚ auch eine Langspielplatte bzw. eine entsprechende CD bezeichnet, ist in diesem Kontext stimmig. Wie eine CD-Hülle kann Sido das Fotoalbum öffnen und Erinnerungen mit den Inhalten asoziieren. Das Fotoalbum steht bei dieser Lesart für Sidos eigene Platten, möglicherweise auch die anderer Künstler, die ihn an seine Vergangenheit erinnern.

Auf einer dritten Ebene kann das Fotoalbum auch wörtlicher als ein memento vitae verstanden werden, in dem Sido seine Vergangenheit dokumentiert und aufarbeitet. In diesem Sinne ist es auch verständlich, dass in diesem Fotoalbum alles zu finden ist und auch weiterhin zu finden sein wird: „Wenn die Erinnerung auch langsam verschwindet / Weiß ich immerhin genau, wo man sie findet“. Fest steht, und hier schließt sich der Kreis zu den beiden Schaffensphasen Sidos, dass Sido mit diesem Lied klar stellt, dass er sich durchaus an seine Vergangenheit als „echter Rapper“ erinnert. So rappt der Berliner in Bilder im Kopf von „Autos mit 1000 PS und Bräuten mit geilen Kurven“, die sinnbildlich für seine frühere Schaffensphase stehen. In der gleichen Strophe aber illustriert Sido auch seine spätere, emotional-verletzlichere Schaffensphase, indem er über den Tod seines Großvaters rappt. Am Ende des Liedes betont er dann auch immer wieder, vielleicht auch an seine Kritiker gerichtet: „Ich weiß noch“.

Mit dem Stilwechsel von kontroversem Aggro-Rap zu radiotauglicher Musik stieß Sido auf ein Problem, welches genreübergreifend zu beobachten ist: Ändert ein Künstler seinen Stil zu drastisch, wird ihm vorgeworfen, er sei ein „Verräter“ seines Genres (vgl. meinrap.de). Das inwzischen wohl bekannteste Beispiel für solch einen Imagewechsel – hier in umgekehrter Richtung – ist Miley Cyrus, der vorgeworfen wurde, sie provoziere bewusst um mehr Geld zu verdienen und ihr Image als Disney-Star zu revidieren. Auch in anderen Sub-Genres ist dieses Phänomen zu beobachten: Bereits in den 1980er Jahren wurde Metallica nach vier bahnbrechenden, aber komerziell nur bedingt erfolgreichen Alben, attestiert, sie würden versuchen ihren Sound auf den Mainstream trimmen, um so mehr Geld zu verdienen.

Obwohl in den bildenden Künsten ganz selbstverständlich von verschiedenen Phasen eines Künstlers gesprochen wird, beispielsweise einem frühen oder späten Picasso, wird komerziell erfolgreichen Musikern dieses Recht nicht immer eingeräumt. Die Eindimensionalität, mit der Medien und Rezipienten somit operieren, stellt die Musiker durchaus vor große Probleme. Will sich ein Künstler neu erfinden, und sei es um kommerziell erfolgreicher zu sein, stößt dies oft auf erheblichen Widerstand von jenen Stamm-Fans, die den Künstler schon kannten, „bevor er berühmt war“. Die Rezipienten stellen sich somit eine bessere, goldene Vergangenheit vor – bei Sido eben jene Zeit, in der er noch ein „echter Rapper“ war. Vielleicht ist auch so das Schlussbild des Musikvideos zu Bilder im Kopf zu verstehen, in dem Sido von einer Trophäe erschlagen wird, die aus seiner Vergangenheit in die Gegenwart katapultiert wird. Der Künstler wird von seiner eigenen Vergangenheit erschlagen.

Die Möglichkeit, dass Sido sich tatsächlich geändert hat, manche Dinge nun anders sieht und nun eben andere Musik machen will, wird dabei selten in Erwägung gezogen. Zunächst wurde Sido attestiert, er sei brav (sprich: langweilig) geworden (vgl. morgenpost.de). Nun gehen Journalisten noch weiter und beschreiben seine Musik abschätzig als „Christenpop“ (welt.de). Dabei sind das Hinterfragen der eigenen Person und des eigenen Charakters im Zentrum für jedes Individuums von zentraler Bedeutung, zumindest für jedes reflektierte. Sogar wenn eine solche Selbstreflexion ergibt, dass ein Künstler versuchen will, mainstream-taugliche Musik zu machen, sollten Fans dafür Verständnis haben. Anders verhält es sich natürlich, wenn beispielsweise eine Plattenfirma einen anderen Sound fordert, der dem Künstler selber widerstrebt. Ansonsten aber gilt: Man sollte allen Menschen die Möglichkeit lassen, sich selber zu finden, auch sich neu zu erfinden, umzuinterpretieren oder 180°-Wendungen zu vollziehen. Insbesondere Künstlern muss es der Spielraum gegeben werden, Aspekte des eigenen Images wie Mosaiksteine zu handhaben und neu und ungewohnt zu kombinieren. Und wem der neue Sound Sidos nicht gefällt, der hört eben weiterhin den Arschficksong.

Martin Christ, Oxford

Hipster im Hinterland: „Im Ascheregen“ von Casper

Casper

Im Ascheregen

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen (brennen, brennen, brennen)

Und wieder von vorn, Fuß auf's Gas, ah, in ein gutes Jahr
Sofort los, sorglos, ohne groß' Fokus Richtung Zukunft fahren
Weg von immer nur leben ohne Riesengefahren
Jede Nacht lang: Schlaf nur Probeliegen für'n Sarg
Werf ein Streichholz in die Luft auf den Rest meines Lebens
Und blicke nur zurück, um eure Gebäude brennen zu sehen, im Ascheregen
Sieh nur, wie die Pläne zerfallen
Ehe wir langsam verglühen, dann lieber gehen mit 'nem Knall, ah!
Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Augen und Herzen sind Dynamit

Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Müde mit 'nem Plan mit 'nem Ziel
Ich breche auf, bin raus
Dreh' das Radio laut, fahr' zum Hügel hinauf und
Lass' es untergehen
Lass' es untergehen
Lass' es untergehen
Ich breche auf, bin raus
Dreh' das Radio laut, fahr' zum Hügel hinauf und
Lass' es untergehen
Lass' es untergehen
Lass' es untergehen

Wieder wird das Weihwasser knapp für die Bürger der Neinsager-Stadt
Wieder redet der Prediger lediglich ewig und wir zum Scheitern verdammt
Vorbei das Warten umsonst auf den Tag, der nie kommt
Bin im Wagen davon, los und starte von vorn, ah!
Kein Schritt zurück, nehm' von hier kein bisschen mit
Blick zu lange in den Abgrund und er blickt zurück; Hitze drückt
Lieber Neubeginn, als was das Alte verspricht
Auf Nimmerwiedersehen und danke für nichts, danke für nichts
Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Augen und Herzen sind Dynamit
Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Müde mit 'nem Plan mit 'nem Ziel
Ich breche auf, bin raus
Dreh' das Radio laut, fahr' zum Hügel hinauf und

Lass' es untergehen
Lass' es untergehen
Lass' es untergehen
Ich breche auf, bin raus
Dreh das Radio laut, fahr zum Hügel hinauf und
Tanz' im Ascheregen
Tanz' im Ascheregen
Tanz' im Ascheregen

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen (brennen, brennen, brennen)
Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen

     [Casper: Hinterland. Four Music 2013.]

Aufbruch im Matsch

Nackte Füße waten durch Schlamm. Ein weißes Kleid gleitet knapp über dem morastigen Boden. Ein sanftes Schmatzen ist zu hören, dann setzt die Musik ein. Die Kamera schwenkt über den Wald, fliegt über den Fluss. Die Bäume stehen dicht, wachsen in den Himmel, spiegeln sich im Wasser. Ein Krokodil taucht auf und zeigt seine Zähne. Eine junge Frau fährt auf einem Floß. Zwei Minuten lang nur Landschaft, Klaviermusik, Drums und Glockenspiel. Dann erst der Gesang – aber richtig.

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen (brennen, brennen, brennen)

Der Urheber dieser wütenden Zeilen: Casper. Der Rapper aus Ostwestfalen tanzt im Sumpf, das Wasser spritzt. Welch ein Kontrast zu der jungen Frau, die ihr weißes Kleid – Symbol der Reinheit – rafft und bedächtig, gleichsam würdevoll durch den Wald schreitet. Was die beiden verbindet: der Wille zum Ausbruch, zum Neubeginn. Die junge Frau ist auf dem Weg, sich im Fluss taufen zu lassen. Und Casper? Singt, „Ich breche auf, bin raus.“

Griff in die Zitatekiste

Damit nicht genug. Der Rapper will nur „zurück“ blicken, „um eure Gebäude brennen zu sehen.“ „Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin“ sollen ihm dabei helfen. Diese entzündliche Mixtur vermengte nicht originär Casper, sondern die Punkband Slime. Deren Lied Bullenschweine ist eine Hymne der antifaschistischen, linken Bewegung seit den 1980er-Jahren.  Casper hat noch tiefer in die Zitatekiste gegriffen: Danke für nichts sagten schon die Böhsen Onkelz. Auf seinem Album Hinterland finden sich zudem Anklänge an Ton Steine Scherben (Mach kaputt was dich kaputt macht), Die Sterne (Was hat uns bloß so ruiniert) und Wir sind Helden (Die haben uns ein Denkmal gebaut).

Casper als Erbe der Punkbewegung? Das nehmen ihm nicht alle Hörer und Journalisten ab. Davon zeugen sowohl hämische Kommentare im Netz als auch kritische oder – noch schlimmer – wohlwollende Kritiken: „Ein wohlerzogener junger Mann mit guten Manieren“, so nennt Die Zeit Casper. „Für viele ist er nur ein Emo-Rapper in Hipsterklamotten“, schreibt die taz und scheint sich dieser Meinung implizit anzuschließen.

Katzenbabys und Fantakuchen

Seine Fans in den sozialen Netzwerken beliefert Casper nicht nur intensiv mit Informationen und Bildern, er antwortet ihnen auch – anders als viele Stars. Seinen Anhängern verrät der Rapper, dass es sich nicht lohne, seinen Rechner zu hacken, da sich auf diesem kaum mehr als Katzenbilder befänden. Dass sein Lieblingskuchen Fanta Schmand sei und er gerne Chicken Nuggets in Dinoform mit scharfer Soße esse. Kein Grund, Casper deshalb mit Häme zu übergießen. Dennoch: Wie passt das Image des Kümmerers, der seine Fans mit Bildern von sich im Bademantel und mit kleinen Katzen versorgt, neben die er „Ich bin Katzenbabypapa!!!!“ schreibt, zu Zeilen wie „Kein Lebewohl, will euch nicht kennen“ oder „ich war nie willkommen“? Die taz fragt dann auch folgerichtig: „Wo soll dieser vermeintliche Underdog nicht willkommen sein?“ Zwischen Caspers Selbstdarstellung in den Sozialen Netzwerken und den schwermütigen Texten seiner Lieder klafft ein Riss.

Ein Rapper zum Liebhaben

„Ist das überhaupt noch Rap“, fragt Die Zeit. Casper selbst sagt, er „bumse keine Mütter, fahre nicht in der Limousine herum und schlürfe auch keinen Champagner.“ Glaubt man seiner Präsentation in den Sozialen Medien, schlurft er tatsächlich lieber im Bademantel, kleine Katzen kuschelnd, durch seine Wohnung. Das Klischee des harten Rappers geht anders – man denke nur an die verbalen Entgleisungen eines Bushido oder an all die Chabos, die wissen, wer der Babo ist (vgl. den Deutsche Lieder-Beitrag zum Rapper Haftbefehl).

Caspers Musik dagegen wird weder als jugendgefährdend eingestuft, noch werden ihm Verbindungen in die Bandenkriminalität nachgesagt. Stattdessen hat er vierzehn Semester Pädagogik und Psychologie studiert. Brechen andere Rapper wegen drohender Haftstrafen die Schule ab, hat Casper sein Studium wegen der Studiengebühren ohne Abschluss beendet. Die Zeit will ihm trotzdem das Summa cum laude verleihen – für die „Rettung des deutschen Hip-Hop“. Casper selbst gibt sich bescheidener, nennt sich einen „Versager mit Stil“. Der ursprünglich antibürgerliche Habitus (Tattoos, Hipsterbart, Unterhemd) zeigt sich am Beispiel Caspers in sein Gegenteil verkehrt: Formvollendete Bürgerlichkeit statt sexistisches oder homophobes Bashing. Allerdings sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht Casper allein das Bild des tiefsinnigen Gymnasiasten-Rappers bestimmt. Man denke nur an Marteria und Prinz Pi.

Rückzug statt Revolution

„Irgendwie fühlt es sich an wie angekommen in der Wohlfühlzone zwischen Club-Mate und iPhone 5“, schreibt ein Leser unter die Besprechung des Albums Hinterland in der taz. Als „Soundtrack für den Studienanfang in Marburg“ bezeichnet die Zeitung selbst das Album. Nicht verwunderlich angesichts dieser Zeilen:

Und wieder von vorn, Fuß auf’s Gas, ah, in ein gutes Jahr
Sofort los, sorglos, ohne groß‘ Fokus Richtung Zukunft fahren
Weg von immer nur leben ohne Riesengefahren
Jede Nacht lang: Schlaf nur Probeliegen für’n Sarg

Casper besingt die Immerwiederkehr des Vertrauten. Das Dasein ist so passiv abwartend, dass der „Schlaf nur Probeliegen für’n Sarg“ ist. Keine „Riesengefahren“ bedeuten keine Krokodile, keine Abenteuer oder gar Revolutionen. Aus dieser Ereignislosigkeit und den Zwängen des Alltags möchte Casper ausbrechen. Er ist „müde“ vom „Warten umsonst auf den Tag, der nie kommt“. Er will „lieber gehen mit ’nem Knall, ah!“ Ob er dies tatsächlich tut, bleibt offen. Zumindest besingt Casper die Agonie einer visionslosen Generation, die dabei zuschaut, „wie die Pläne zerfallen“. Indem er seine eigenen Befindlichkeiten in den Mittelpunkt stellt, fügt sich Casper in eine „Ära des digitalen Narzissmus“ (Die Zeit), deren Codes er perfekt verinnerlicht hat, wie seine intensive Nutzung der Sozialen Medien belegt.

Gefühle statt Gangsterrap

Neu ist, dass Casper nicht den harten Rapper mimt, seine Verletzlichkeit und Emotionen nicht versteckt – im Gegenteil. Sie sind sein Kapital. Casper bricht Genregrenzen auf. Rap trifft auf Indie. Aggression auf Depression. „Negative Gedanken wandeln sich durch energiegeladene Musik zu positiv kanalisierten Gefühlen“, beschreibt es die taz. Zweifel, Melancholie und Romantik statt Bling-Bling, fetten Autos und Battles. Das schlägt sich auch in der Musik nieder. Der Ascheregen wird nicht von harten Beats, sondern von Klavierklängen und einem Glockenspiel begleitet.

Heimatlos im Hinterland

„Ich breche auf, bin raus“ – es geht um die Suche nach einem Platz im Leben. Ein Gefühl, in dem sich Caspers vorwiegend junge Fans wiederfinden dürften oder zumindest glauben, sich darin wiederzufinden. Casper selbst, Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners, ist in Deutschland geboren, aber in Georgia (USA) aufgewachsen. Im Alter von elf Jahren zog er zurück nach Ostwestfalen, kaum ein Wort Deutsch sprechend. Der Vater blieb in den USA. Seine Studienzeit verbrachte Casper in Bielefeld, heute lebt er in Berlin. Schwierig, angesichts so vieler Umzüge und der Trennung der Familie einen einzelnen Ort, eine einzelne Sprache als Heimat zu benennen.

Hinterland, der Titel des Albums – eine Ode an die Region zwischen Mittelgebirge und Norddeutscher Tiefebene? Casper erklärt: „Hinterland spielt tatsächlich eher in Deutschland, weil ich das Aufwachsen hier bewusst miterlebt habe. Aber dieses Nichts mit den Trailerparks und Pickup-Trucks in den Südstaaten, das spielt natürlich mit hinein, weil ich dort gelebt habe und dort regelmäßig bin, wenn ich meinen Vater besuche.“ Doch egal ob in Deutschland oder in den USA, „das Gefühl, als Jugendlicher da raus zu wollen, das ist universell.“ (Interview in Die Zeit) Schließlich hat Casper das Hinterland mit seinem Umzug nach Berlin hinter sich gelassen, er hat es „geschafft“, wie es der Interviewer formuliert. Casper selbst sieht das gelassener, entgegnet, „so toll ist es auch nicht.“ Diese Meinung teilt er mit Kraftclub, die Ich will nicht nach Berlin singen und Chemnitz bevorzugen. Kein Zufall, dass Casper gemeinsam mit der Band auftritt.

Erlösung durch Flusstaufe

Zurück zum Video: Eine Prozession bahnt sich ihren Weg durch das Unterholz, ganz in Weiß gekleidet. Die junge Frau schließt sich an. Mit ekstatischer, ausladender Geste tauft der Priester sie im Fluss. Die Gläubigen recken ihre Arme gen Himmel. Religion als neues Zuhause? Als Ersatz für eine Heimat, in der man sich „nie willkommen“ fühlte? Die Taufe als aufregendes Ereignis für die verzagten „Bürger der Neinsager-Stadt“, die sonst nur „Probeliegen für’n Sarg“? Fragen, die sich stellen, wenn man das Video als Weiterdenken des Liedtextes betrachtet. Casper jedenfalls bedient sich hier eines bekannten Topos: Die Flusstaufe in den amerikanischen Südstaaten stellt ein verbreitetes Bild in Literatur und Film dar. Sie taucht in Flanery O’Connors Kurzgeschichte The River aus dem Jahr 1955 ebenso auf wie im Film O Brother, Where Art Thou? aus dem Jahr 2000. Die Taufe symbolisiert den Neubeginn und die Aufnahme in eine Gemeinschaft. Damit verknüpft die Hoffnung auf eine Reinwaschung, eine Vergebung der Sünden, nachdem „die Stadt brennen“ musste, der „Ascheregen“ niedergegangen ist.

Wieder wird das Weihwasser knapp für die Bürger der Neinsager-Stadt
Wieder redet der Prediger lediglich ewig und wir zum Scheitern verdammt

Im Liedtext „redet der Prediger lediglich ewig“, im Video handelt er: Indem er die Taufe vollzieht, sind die Bürger nicht länger „zum Scheitern verdammt“. Wird in der Stadt „das Weihwasser knapp“, ist im Hinterland genug Flusswasser vorhanden. Im Video ist der im Liedtext aufgezeigte Mangel beseitigt.

Die Macht der großen Gesten

Zu viel der Theatralik? Ja, meint die taz. Das Pathos „klatscht einem in jeder zweiten Zeile mit voller Wucht gegen die Stirn.“ Und tatsächlich ist nicht nur jede zweite Zeile betroffen…

Kein Schritt zurück, nehm‘ von hier kein bisschen mit
Blick zu lange in den Abgrund und er blickt zurück; Hitze drückt
Lieber Neubeginn, als was das Alte verspricht
Auf Nimmerwiedersehen und danke für nichts, danke für nichts

…sondern so gut wie jede. Dem Rezensenten im Spiegel dagegen gefallen Caspers Zeilen: „Intelligent, poetisch, schwermütig, erdschwer – nie zuvor schürfte deutschsprachiger HipHop so nah am deutschen Grundgefühl.“ Fest steht: Casper liebt die großen Bilder und Worte und beherrscht sie perfekt: die Taufe im Wald, die Fahrt mit dem Hundeschlitten unterm Sternenhimmel (Auf und davon), die blutüberströmten Footballspieler (So perfekt). Egal ob in den Sozialen Medien, mit seinen Songtexten oder den Bildern seiner Videos – Casper erreicht seine Fangemeinde zielgenau. Mehr „perfektes“ „Auf und davon“ ins „Hinterland“ war selten. Gewitterdonner zum Abschied.

Isabel Stanoschek, Bamberg

Die unerträgliche Leichtigkeit des Trödelns. Zu Deichkinds „Der Flohmarkt ruft“

Deichkind

Der Flohmarkt ruft

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu.
Brauchst du Games oder gar neue Schuh, nur zu.
Der Flohmarkt ruft, alles klötert und staubt.
Vielleicht findest du ja was, was du brauchst.

Einmal im Monat, geh' ich auf den Flohmarkt.
Ne Platte von Crowbar, Bay City Rollers, Blowfly,
Phantom der Oper.
Grad wieder sober. Grad aus dem Koma.
Sieht aus wie die Vase von Oma.
Der Mantel, der modert.
2-Euro-Prosa, Augen die lodern.

Ich hab die Vans im Blick,
Ich glaub ich nehm' sie mit
und den Trainer von Kettler,
hab' ich selber.
Ist der Sattel verstellbar?
Coole Machete,
aber viel zu viel Knete.
Komm lass uns handeln,
kann nicht so viel bieten.
Gib mir die Hanteln dazu,
dann sind beide zufrieden.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

Tritt ein und schleich' herum,
tauch' ab und zieh' dich um.
Ein Stand der NVA,
der Kerzenständer da.

Das Kleid von H&M,
der Knopf ist abgetrennt.
Der Helm ist mir zu klein,
schöne Kette, ist das Bernstein?
Ein Crêpes mit Apfelmus
bevor ich weitersuch'.
Das Buch von „Was ist Was“,
das macht den Kindern Spaß.
Der Pelz ist unkorrekt,
der ist zu abgewetzt.
Du hast bestimmt noch Glück,
komm geh' halt noch ein Stück.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

Möchtste haben?
Der passt total gut zu dir, echt, steht dir.
Das geht total leicht wieder ab, das ist nur Staub.
Ist ein bisschen nass geworden, das läuft aber noch.
Jaja, der läuft noch, der geht auf jeden Fall.
Nein, die sind neu, also wie neu.
Das ist ungetragen, habe ich nie benutzt, also ungewaschen, guck‘s dir an.
Nee, eine Tüte habe ich keine mehr.
Das ist die Spezialversion, die ist total rar,
da hab ich damals viel Geld für bezahlt.
Hey, bei Ebay kostet das das Doppelte, das sage ich dir.
Wir sind doch auf dem Flohmarkt, da handelt man.
Was willst du denn geben?
Nee, sag du zuerst.
Nee, zwanzig.
Nee, zwanzig.

Mein Tapeziertisch, der wackelt und hängt durch.
Was willst du geben für die schöne Playmo-Burg.
Mein' ganzen Krempel, den krieg ich nicht an' Mann.
Ich schlepp' das nicht noch einmal, das tu' ich mir nicht an.
Tausend Kilo Brockhaus, ein mächtiges Gerät.
Marc O'Polo-Sweater, komm riech' die Qualität.
'Nen Zwannie für den Gameboy, ich wechsel' keinen Schein.
Die Standgebühr ist viel zu hoch, die krieg' ich nie mehr rein.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

     [Deichkind: Niveau weshalb warum. Sultan Günther 2015.]

Nostalgiker kreiden dem Internet an, dass es nicht nur einiges Angenehmes gebracht, sondern auch vieles Schönes verdrängt hat. Beispiele fallen unzählige ein. Lauter Selbstverständlichkeiten früherer Zeiten müssen bzw. können wir heute mehr oder weniger schmerzlich vermissen. Z.B. werden keine „Tausend Kilo Brockhaus“ mehr gedruckt und kaum mehr Mixtapes verschenkt; nur noch selten ist man heiß auf den Blick in den Briefkasten, und auch das erste Probehören in der CD-Abteilung des örtlichen Drogeriemarkts hatte schon einmal mehr Glanz; Youtube killed the MTV star, Youporn sexuelle Ausgeglichenheit, Amazon so manche äußerst reizvolle Fachbuchhandlung, Facebook den Datenschutz, Whatsapp die Telefonpyramiden usw.

„Ebay“ konkurriert entsprechend dieser zugespitzten Gegenüberstellungen seit nunmehr knapp zwei Jahrzehnten mit dem guten alten Flohmarkt. Dass sich jener in seinen traditionellen Formen an physischen Plätzen, in Fußgängerzonen, Schulen oder Vereinsheimen dennoch ganz gut zu halten scheint, mag damit zu tun haben, dass er ja von Natur aus von Nostalgikern getragen wird. Vor allem aber bietet er als social event en masse Möglichkeiten zur mutmaßlich selten gewordenen real face communication (vgl. im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Flohmarkt die Ausführungen zum „Flair eines Marktes“).

Man trifft sich ungezwungen freizeitlich und genießt den gemeinsamen Überfluss, man tauscht Vintagejacken sowie Kindheitserinnerungen aus, man simuliert ein bisschen Zeitreise, man zockt ein wenig um dem Preis, handelt dabei im Sinne einer gewissen Nachhaltigkeit und spart letztlich sogar noch bares Geld. Wie viel Zeitgeist geht denn noch? Inwiefern die „ganze Menschheit […] dadurch geschunden“ (vgl. Tocotronic: Samstag ist Selbstmord) sein soll, ist an einem sonnigen Altstadtmorgen bei „Crêpes mit Apfelmus“ und „Was ist Was“-Bänden nicht immer unmittelbar nachvollziehbar. Nur folgerichtig also, dass die Institution Flohmarkt auch ausführlicher und positiver klingend besungen wird.

Deichkinds gelobtes Niveau weshalb warum enthält mit Like mich am Arsch nicht nur einen Song über „Stern-App, Bahn-App, Tier-App, Skype-App, Wein-App“, Youtube, Youporn, Amazon, Facebook, Whatsapp et al., sondern auch ein Lied, in dem Der Flohmarkt ruft. Wenn man die Qualitäten der „Band mit dem Dreieck“ (vgl. den Song Niveau weshalb warum) abseits ihrer Liveshows in 1. Bierprolligkeit (Prost, Roll das Fass rein, 99 Bierkanister etc.), 2. treffende Slogans (Leider geil, Arbeit nervt, Bück dich hoch [mit Interpretation], Denken Sie groß etc.) und 3. humorige Sozialkritik (neben u.a. 99 Bierkanister und Bück dich hoch auch Partnerlook, Mehr als lebensgefährlich etc.) unterteilt (vgl. zu diesen Qualitäten auch Patrick Galke: Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen), dann passt ihr Flohmarktlied wohl vor allem in die dritte Kategorie. Hier spiegelt sich die Gesellschaft in den Waren, die ihre Teilnehmer konsumieren, ihr „Warenfetischismus [führt] zu Momenten schwärmerischer Erregung“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, S. 54).

Dass sich abgesehen von Debord auch noch so manch anderer Marxist im Grab umdreht, wenn er erfährt, dass es dabei nicht nur um ein „Kleid von H & M“, sondern auch um Restbestände der „NVA“ geht, kann uns seit fünfundzwanzig Jahren gesamtdeutsch wurscht sein. Shoppen ist einfach die konsumierbarere Ideologie, vor allem, wenn wir „Games“, „Gameboy[s]“, „Trainer von Kettler“, „Playmo-Burg[en]“ und den ganzen ebenso überflüssigen wie unterhaltsamen „Krempel“ für Preise bekommen, die historisch oder global betrachtet in keinem reellen bzw. einem für uns sehr günstigen Verhältnis zu der dafür aufgewendeten Arbeitsleistung stehen. Solange wir die Wahl haben, ob wir beispielsweise die „Bay City Rollers“ gleich frei zugänglich auf Youtube oder erst nach Zahlung einer geringen Gebühr und wirklich wie früher nach dem Auflegen einer Platte anhören, können wir freudig durch das Leben tänzeln.

Dass das „[J]uhu“ hier dennoch irgendwie vergiftet klingt, bemerkt man spätestens, wenn die Salve an Flohmarktfloskeln abgefeuert wird. Neulich wurden im SZ-Magazin Die drei großen Lügen auf Flohmärkten gelistet: „Das ist orginalverpackt“, „Ich könnte auch das Doppelte verlangen“, „Es fällt mir echt schwer, mich davon zu trennen“. „Der passt total gut zu dir, echt, steht dir“, „Das geht total leicht wieder ab, das ist nur Staub“, „Ist ein bisschen nass geworden, das läuft aber noch“, trifft in die gleiche Kerbe. Besagte Marxisten könnten an dieser Stelle anmerken, dass auch ein Flohmarkt nur nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. Das unternehmerische Risiko „Standgebühr“ führe gewissermaßen zwangsläufig dazu, das wir uns gegenseitig die Geldbeutel leerlügen. Letztlich wäre es aber quatschig, den Song in eine kapitalismuskritische Ecke zu drängen. Zumindest ein bißchen weniger unpassend erscheint es demgegenüber, darüber zu reden, dass kollektivierte Freizeit an Sommertagen in Innenstädten tatsächlich manchmal nur schwer auszuhalten sein kann. Entsprechend ist der Flohmarkt ruft doch gar nicht so weit weg von Tocotronics Samstag ist Selbstmord. Die entscheidende Qualität des Songs liegt darin, dass er das Kippmoment zwischen Leichtigkeit und Unerträglichkeit hörbar macht.

Martin Kraus, Bamberg