Vom König zum Kumpel. Zu „Fußball ist immer noch wichtig“ von Fettes Brot, Bela B., Marcus Wiebusch und Carsten Friedrichs

Fettes Brot, Bela B., Marcus Wiebusch und Carsten Friedrichs 

Fußball ist immer noch wichtig

Manchmal kommst du noch vorbei an diesem Klotz aus Beton
Dein Club hat wieder mal bloß an Erfahrung gewonnen
Kein Bock auf eine weitere verkorkste Saison
Und Fußball ist gar nicht so wichtig
Jetzt stehst du da allein vor′m Stadion,
Bist fest entschlossen, nicht mehr wieder zu kommen
Die zweite Halbzeit hat gerade begonnen,
Das Flutlicht geht an, nur für dich nicht

Ich hör sie alle schreien: "Macht es noch mal!
Für unseren Verein! Holt den Pokal!
Mensch mach das Ding jetzt rein, wie ist egal!"
Doch Fußball ist gar nicht so wichtig

Mittlerweile denkst du nicht mehr allzu häufig daran,
Weißt immer irgendwas mit deiner Zeit anzufangen
Dein Lieblingstrikot vergammelt hinten im Schrank
Und Fußball ist nicht mehr so wichtig

Jetzt standen da heut auf einmal deine Freunde vor der Tür - alle Mann
Erst wolltest du nicht so recht, dann bist du doch mitgegangen
Und nun stehst du in der Kurve, wo alles begann
Und weißt wieder, hier bist du richtig
Und Fußball ist immer noch wichtig

Ich hör sie alle schreien: "Macht es noch mal!
Für unseren Verein! Holt den Pokal!
Mensch mach das Ding jetzt rein, wie ist egal!"
Und Fußball ist immer noch wichtig

So soll's für immer sein, unser Schicksal,
Kann regnen oder schnei′n, König Fußball,
"Du gehst niemals allein" steht auf unserem Schal
Und Fußball ist immer noch wichtig

Fußball, mein alter Kumpel Fußball,
Ich glaube nicht an Zufall,
Ich glaube an dich, Fußball, Fußball

Dies ist nicht für RTL, ZDF und Premiere,
Ist nicht für die Sponsoren oder die Funktionäre,
Nicht für Medienmogule und Öl-Milliardäre,
Das hier ist für uns, für euch, für alle!

Für Fußball, du wunderschöner Fußball,
Wir glauben nicht an Zufall,
Wir glauben an dich Fußball, Fußball!

     [Fettes Brot, Bela B., Marcus Wiebusch und Carsten Friedrichs: Fußball ist immer noch wichtig. ‎ Fettes Brot Schallplatten 2006.]

Wenn es um die Wichtigkeit von Fußball geht, kommt man an zwei Namen nicht vorbei: Bill Shankley und Nick Hornby. Shankly, legendärer Trainer des FC Liverpool von 1959 bis 1974, wird mittlerweile auch auf Kleidungsstücken mit der Sentenz zitiert: „Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that.“ Die überraschende Pointe entsteht dadurch, dass man natürlich nach dem ersten Satz erwartet, die Bedeutung des Fußballs werde à la Dragoslav Stepanović relativiert („Lebbe geht weider“). Indem Shankly stattdessen vorgibt, dass ihm die Auffassung von Fußball als Frage von Leben und Tod noch nicht weit genug gehe, erhält das Zitat über die Komik hinaus auch eine schwebene romantische Ironie, da es explizit die immense Bedeutung des Fußballs betont und sie gleichzeitig durch die Steigerung ins Absurde implizit relativiert. Direkter, aber nicht weniger komisch hat Nick Hornby in seiner autobiographischen Mutter aller Fußballromane, Fever Pitch, geschildert, wie das Fansein ein Leben prägen, ja beherrschen kann, aber auch, dass es schließlich gelingen kann, ihm seinen Platz in einem erfüllten bürgerlichen Leben mit Familie zuzuweisen.

Der Protagonist unseres Liedes ist zu dessen Beginn sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat den Fußball ganz aus seinem Leben verbannt. Der Prozess einer aus Frustration („Kein Bock auf eine weitere verkorkste Saison“) entstandenen Entfremdung scheint abgeschlossen, wenn das Heimstadion, früher jener Ort, an dem die Fans als ‚zwölfter Mann‘ mit ihrer Mannschaft zu einer Einheit verschmelzen, abwertend als „Klotz aus Beton“ bezeichnet wird. Als positiv wird hingegen der Zugewinn an frei verfügbarer Zeit erlebt – die Taktung des übrigen Lebens durch den Spielplan ist auch ein zentrales Motiv in Hornbys Roman. In die fußballfreie, aber auch etwas dröge wirkende häusliche Idylle platzt plötzlich die alte Fan-Clique hinein, um den Protagonisten, keinen Widerspruch duldend, ins Stadion mitzunehmen. Dort erkennt er, dass ihm Fußball, insbesondere das gemeinsame Erlebnis im Stadiom, nach wie vor viel bedeutet – statt allein vor dem Stadion steht er nun mit seinen Freunden als Teil der noch größeren Gruppe der Fans darin.

Soweit die recht einfache Geschichte, die bis hierhin erzählt wird – eine Geschichte, in der sich sicherlich viele leidgeprüfte Fußballfans wiederfinden, wobei die in Liedtexten eher seltene Verwendung der Du-Form die Identifikation noch unterstützt.

Komplexer wird es allerdings, wenn man die noch folgenden Verse betrachtet. Dabei stechen besonders zwei Formulierungen hervor: „Fußball, mein alter Kumpel Fußball“ erhält seine Bedeutung vor der intertextuellen Folie des frühen Fußballhits Fußball ist unser Leben (Interpretation hier), gesungen von der Deutschen Nationalmannschaft zur WM 1974. In dessen Refrain heißt es „Fußball ist unser Leben, / denn König Fußball regiert die Welt“. Vor diesem Hintergrund stellt die Bezeichnung des Fußballs als „Kumpel“ eine Degradierung dar, die zeigt, dass der Fußball zwar wieder einen Platz im Leben des Protagonisten hat, allerdings keinen so zentralen mehr, wie mutmaßlich zuvor. Denn während ein König traditionell uneingeschränkt herrscht, so ist ein Kumpel jemand, mit dem man zwar hin und wieder gerne Zeit verbringt, der aber für das eigene Leben nicht unverzichtbar ist. So erzählt dieses Lied nicht nur vom Wiedereinzuig des Fußballs ins Leben des Protagonisten, sondern auch – wiederum wie Hornbys Roman – davon, erwachsen zu werden, in ein Leben hineinzuwachsen, in dem Fußball eben nicht mehr alles beherrschend im Zentrum steht.

Die zweite auffallende Formulierung lautet „Ich glaube nicht an Zufall, / Ich glaube an dich, Fußball“. Zunächst könnte man im Glauben an den Fußball einen Widerspruch zu dessen eben angesprochener Relativierung sehen: Fasst man ‚glauben‘ religiös auf, so begegnete der Fußball hier als Gottheit (mit dieser Form quasi-religiösen Fantums spielt etwa der Titel des Fanzines Schalke Unser). Doch scheint in unserem Text, bei genauerer Betrachtung, etwas anderes gemeint zu sein: Der Glauben an Fußball wird nämlich als Gegenentwurf zur Vorstellung der bloßen Zufälligkeit von Ereignissen – im Kontext: Spiel- und Saisonverläufen – präsentiert. Diese Vorstellung der Folgerichtigkeit ist bis in Floskeln hinein („Die Tore, die man vorne nicht macht, bekommt man hinten rein.“ – rein logisch besteht hier kein Zusammenhang) in der Fußballfankultur verankert. Und sie macht wohl einen erheblichen Teil der Faszination dieses Sports aus – es gibt zwar schnellere, akrobatischere, härtete und ästhetischere Sportarten als Fußball – jedoch erreicht kaum eine sein narratives Potential, wozu u.a. die potentiell spielentscheidende Bedeutung eines einzelnen Tores beiträgt.

Aktuell hat die dänische Nationalmannschaft mit ihrem 4:1-Sieg gegen die russische eine weitere schlüssige Erzählung hervorgebracht: Wie ihr Kapitän Christian Eriksen nach seinem Herzstillstand im ersten Spiel buchstäblich vom Tod ins Leben zurückgekehrt ist, so ist seine Mannschaft nach zwei Niederlagen doch noch im Turnier weitergekommen. Diese Geschichte ist wesentlich faszinierender als die konkurrierende, den Faktor Zufall betonende Betrachtung, derzufolge die russische Mannschaft durchaus auch hätte in Führung gehen können und auf der anderen Seite das zweite Tor der Dänen aus einem aberwitzigen Fehlpass resultierte und das dritte ein klassischer Sonntagsschuss war. Hier bedarf es des Glaubens an den Fußball und seine innere Sinnhaftigkeit, also der Einnahme einer spezifischen Rezeptionshaltung ähnlich der des „willing suspension of disbelief“ (Samuel Taylor Coleridge) bei der Lektüre literarischer Texte. Die Europameisterschaft zeigt wieder einmal, dass es sich – trotz allen Ärgers über Fernsehvermarktung, Sponsoren und alle weiteren Aspekte, die unter dem Schlagwort „Kommerzialisierung“ verhandelt werden – lohnt, an den Fußball als große Geschichtenmaschine zu glauben.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Auszuloten, was erlaubt und was verboten“ – Zur Meinungs- und Kunstfreiheit in Danger Dans Klavierstück „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Danger Dan

Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spannen
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig' mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei'm
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befreien
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahlen
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär‘ nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzählen
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß'
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet haben
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach' ich es mir dann wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

     [Danger Dan: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Antilopen Geldwäsche 2021.]

Mit seinem Klavierlied Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt reiht Danger Dan sich in die immer wieder erstarkende Diskussion über die Grenzen der Meinungs- und Kunstfreiheit ein und erinnert dabei an einen anderen berühmt gewordenen Fall: Im März 2016 trug der Moderator Jan Böhmermann in seiner Fernsehsendung NEO Magazin Royale ein satirisches Gedicht mit dem Titel Schmähgedicht vor, womit er einen Skandal entfachte, der als „Causa Böhmermann“ und „Erdogate“ nicht nur medial hohe Wellen schlug, sondern gar eine diplomatische Staatskrise mit der Türkei auslöste, deren Staatspräsident das Gedicht Böhmermanns gewidmet war.

Parallelen zu Böhmermanns Schmähgedicht lassen sich in Danger Dans Klavierlied Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt durchaus erkennen, wenngleich eine Eskalation wie in der Böhmermann-Affäre bisher ausblieb. Ähnlich dem Vorgehen des Fernsehmoderators, der während des Vortrags seines Gedichts immer wieder schelmisch betonte, das, was er vortrage, dürfe man keinesfalls öffentlich sagen, verwendet Danger Dan zu Beginn seines Liedtextes bewusst den Konjunktiv: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied“ und später dann: „Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv“. Nicht nur führt er mit seinen folgenden ebenfalls konjunktivisch formulierten Passagen die Meinungsfreiheit ad absurdum, indem er Behauptungen auf eine Weise äußert, die suggerieren soll, er würde sie gar nicht wirklich so meinen, obwohl er sie ja doch kundtut, auch greift er damit die Rhetorik derer auf, die er mit Elsässer, Kubitschek, Gauland und Jebsen exemplarisch anspricht: Die Grenzen des Sagbaren werden gerade von Führungsfiguren der Neuen Rechten oft besonders weit ausgelegt und provokante Aussagen werden von ihnen so formuliert, dass sie sich vermeintlich noch innerhalb der Ränder der Meinungsfreiheit bewegen.

In seinem, wie er es nennt, musikalischen Experiment bleibt Danger Dan auch zunächst verhaftet im Konjunktiv, wenngleich er am Ende der zweiten Strophe zu dem – natürlich rein spekulativen – Aufruf, „die Welt von den Faschisten zu befreien“, auf musikalischer Ebene entschiedenere Töne anstimmt, gefolgt von einer Anspielung auf Kurt Tucholskys Rosen auf den Weg gestreut, einem Gedicht, in dem der Journalist und Schriftsteller Tucholsky den Umgang mit Faschisten satirisch kommentiert. Danger Dan sorgt mit den bis hierhin nur vage beschriebenen Äußerungen für einen Moment der Irritation, scheut er doch mit seiner Band Antilopen Gang keinesfalls klare Statements. So besingt das Trio etwa im Song Beate Zschäpe hört U2 folgende Textzeile: „All die Pseudo-Gesellschaftskritiker / Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer / Nichts als Hetzer in deutscher Tradition / Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um“. Diese Passage bewegte Ken Jebsen zu einem Antrag auf einstweilige Verfügung, die jedoch vor dem Landgericht Köln abgewiesen wurde mit dem Verweis auf die Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre. Jebsen musste seinen Antrag nicht nur zurücknehmen, sondern auch für die Gerichts- und die Anwaltskosten der Antilopen Gang aufkommen, was Danger Dan in seinem Solostück aufgreift und mit den Worten kommentiert: „So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an“. Die Berufung auf die Kunstfreiheit ist sodann Kernelement des Refrains. „Juristisch“, behauptet der Musiker, „wär‘ die Grauzone erreicht“, doch sollte es je zu einem gerichtlichen Verfahren kommen, könne er es sich leicht machen, denn: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“.

Das Hauptstück des Songs offenbart sich schließlich in der letzten Strophe, in der Danger Dan die Intention seines Musikstücks preisgibt: Ein Experiment zu wagen, das die Grenzen der Meinungs- und Kunstfreiheit hinterfragen soll. Und so ist der Konjunktiv ab hier passé; stattdessen spricht Danger Dan nun offen an, was er von den im vorherigen Verlauf des Liedtextes angesprochenen Vertretern der rechten Szene hält: „Jürgen Elsässer ist Antisemit / Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘ / An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist / Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist“. Damit aber nicht genug, bezieht der Sänger nun auch Staat, Polizeiapparat und Verfassungsschutz in seine Kritik ein, wobei er Letzterem vorwirft, den NSU mit aufgebaut zu haben, und der Polizei unterstellt, nicht nur von Nazis durchsetzt zu sein, sondern auch den 2005 in seiner Zelle verbrannten Flüchtling Oury Jalloh ermordet zu haben. Musikalisch werden diese Aussagen durch ein eindringliches Crescendo getragen, auf der Bildebene unterstützt durch eine Kameraführung, die das Gesicht des Sängers im Close-Up zeigt, während dieser seine Worte mit ernster Miene an die ZuhörerInnen richtet, ehe er in der abschließenden Zeile die Militanz – passenderweise ist dies auch das letzte Wort der Strophe – als das letzte Mittel gegen Gewalt bezeichnet.

Es ist vor allem der Verweis auf militante Gegenwehr in Kombination mit dem Filmbild des Musikvideos, in dem Danger Dan eine Kalaschnikow in die Höhe hält, der Kritik aufkommen ließ, verherrliche er damit, so der Vorwurf, schließlich Gewalt, die er zuvor noch angeprangert habe. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt der Sänger, er stehe in dieser Szene des Musikvideos auf einer Theaterbühne und das Gesehene sei daher wie ein Theaterstück zu interpretieren, wobei er klarstellt: „Dass ich natürlich nicht der Meinung bin, man sollte mit Kalaschnikows auf irgendwen schießen.“ Inhaltlich, so betont es der Künstler im Verlauf des Interviews, stehe er aber zu dem, was er besingt: „Wenn ich sage, dass das Letzte aller Mittel dann halt doch die Militanz ist, dann meine ich das auch so. Damit möchte ich jetzt nicht zu Gewalt aufrufen. Ich glaube aber auch nicht, dass man dann jetzt einen wütenden Nazi-Mob, der vor einer Geflüchtetenunterkunft steht, mit Lichterketten davon abhalten kann, da rein zugehen oder Leute zu attackieren.“

Besonders in Bezug auf die zuvor angesprochene Theaterbühne lohnt ein genauerer Blick auf das Musikvideo: Der Künstler steht zwar auf einer Bühne, doch wer sein Publikum ist, wird nicht ersichtlich. Vielmehr richtet er seine Worte an die ZuschauerInnen des Musikvideos, indem er während seines Gesangstücks immer wieder den Blick der Kamera sucht. Dabei symbolisiert die Farbgebung des Videos die Entwicklung des musikalischen Textes: Die zuvor farblich entsättigten Filmbilder weichen ab dem Augenblick einer stärkeren Kolorierung, als der Sänger in der letzten Strophe auch verbal „Farbe bekennt“ und seine zuvor im Konjunktiv formulierten Sätze an dieser Stelle als klare Aussagen besingt. Auch die Darstellung des Künstlers betont den inhaltlichen Wechsel zwischen den ersten Textzeilen und der letzten Strophe. So tritt Danger Dan, der sich zuvor noch hinter seinem Klavier „versteckt“ hat, als Künstler vor sein Instrument, sodass die Kamera ihn als Person gänzlich einfangen kann, mehr noch, er tritt auf die Bühne, in Richtung des unsichtbaren Publikums, während das Scheinwerferlicht ihn fokussiert und ihm damit alle Aufmerksamkeit zukommen lässt. Hat er zuvor noch am Klavier gesessen, steht Danger Dan zu Beginn der letzten Strophe im doppelten Wortsinn zu seiner Meinung.

Inszeniert als Theaterstück werden Danger Dans musikalische Aussagen gegen Ende des Videos mit dem Wurf diverser Lebensmittel quittiert – ein durchaus ironischer Moment, in dem der Künstler klarstellt: Wer mit seinen Worten und Handlungen provoziert, der darf sich über harsche Reaktionen nicht wundern. So lässt der Sänger es im Video stoisch über sich ergehen, mit Tomaten, Eiern und Torten beworfen zu werden, während er textlich betont: „Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der, alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Selbst dann also, so suggeriert das Video, wenn sich die Aussagen juristisch gesehen im Rahmen der Meinungsfreiheit befinden, wenngleich sie deren Grenzen ausloten, ist die Gegenwehr zu akzeptieren – auch wenn sie im Falle des Musikvideos gewiss sehr rabiat erscheint. Implizit bezieht sich der Künstler auch an dieser Stelle auf Vertreter der rechten Szene, die selbst gerne provokant auftreten, sich Kritikern und anderen Meinungen aber verwehren.

Dass nicht zu erkennen ist, wer die Lebensmittel wirft, darf als Anspielung auf die anonyme Kritik verstanden werden, die besonders online zunimmt und die gerade durch die vermeintliche Anonymität des Internets nicht selten unangemessen ausfällt und von konstruktiver Kritik deutlich abweicht. Die Theaterbühne wiederum unterstreicht, dass gerade diejenigen, die – metaphorisch gesprochen – in der Öffentlichkeit eine Bühne betreten und von dieser ihre Parolen verkünden, bewusst Reaktionen des Publikums evozieren. Die Stilisierung zum Opfer, wie Figuren der Neuen Rechten sie gerne für sich beanspruchen, wird hierdurch entlarvt. Auch Danger Dans Musiktext ist als Reaktion auf Worte und Taten derer zu verstehen, die er verbal angreift. Zugleich nimmt das Musikvideo mit dem Wurf der Lebensmittel die Kritik derjenigen vorweg, die den Aussagen des Künstlers nicht zustimmen, und suggeriert: Wie die Lebensmittel, mit denen Danger Dan beworfen wird, prallen Gegenreaktionen auf seine Äußerungen an ihm ab, mehr noch, er tritt ihnen bewusst entgegen. Und so bleibt der Sänger bis zum Schluss auf der Bühne und blickt zum Abschluss des Videos, wenn auch mit beschmiertem Gesicht, noch immer entschlossen in die Kamera und damit seinem Publikum und der Kritik direkt in die Augen.

Catalina Vrabie, Nürnberg

Wenn ein Mensch lebt oder Jegliches hat seine Zeit – Alles nur geklaut?

Die Puhdys

Wenn ein Mensch lebt

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt,
Sagt die Welt, es ist Zeit, daß er geht.

Meine Freundin ist schön.
Als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich hab' mich in ihren Schatten gelegt.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n,
Leben und sterben und Streit.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n
Leben und sterben und Frieden und Streit.

Weckt sie nicht, bis sie selber sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Meine Freundin ist schön,
als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

     [Die Puhdys: Die Puhdys. Amiga 1974.]

Entstehung und Vorgeschichte

Die Rockballade der Puhdys Wenn ein Mensch lebt (so der Kurztitel) stammt aus dem erfolgreichen DEFA-Film Die Legende von Paul und Paula. 1973 entdeckte der Filmkomponist Peter Gotthardt (geb. 1941, über 60 Filmmusiken, darunter mehrmals für Polizeiruf) die Band und schrieb für sie sieben Songs. Die Texte dazu wurden von dem Dichter und Schriftsteller Ulrich Plenzdorf (1934–2007) verfasst (berühmtestes Werk Die neuen Leiden des jungen Werther), als Dramaturg auch für das Drehbuch des Films zuständig.

Ob Plenzdorf sich bei den auf „Jegliches hat seine Zeit“ (s.o.) folgenden Dichotomien an den Versen 1 bis 8 des 3. Kapitels Koholet (Die Sprüche Salomos) orientiert hat, ist nicht bekannt. Möglich ist es, da der Textdichter offensichtlich über Bibelkenntnisse verfügte, worauf einige im Liedtext verwendeten Bibelzitate deuten (s. Anm./Interpr.). Unwahrscheinlich ist jedoch, dass Plenzdorf sich für seinen Text von Marlene Dietrichs Version (1963) Glaub, glaub, glaub (Für alles Tun auf dieser Welt kommt die Zeit) (s. u.) hat inspirieren lassen, zumal dieser Version nicht gerade ein großer Erfolg beschert war.

Nach einer anderen Vermutung hat Plenzdorf sich Pete Seegers Turn, turn, turn, turn (s. u.) als Vorlage genommen (vgl. Wikipedia-Artikel zu Turn, turn, turn). Dafür spricht einiges: Seeger und seine Songs waren – wie auch andere Folksinger und ihre Songs – über das Radio DDR Sonderstudio DT 64 und vor allem durch den kanadischen Banjospieler und Sänger Perry Friedman in der DDR bekannt. Friedman, der 1959 in die DDR umgesiedelt war, ist Mitbegründer des Hootenanny-Clubs (Singer-Songwriter-Treff mit geselligen zwanglosen Konzerten), 1966 umbenannt in den systemnahen Oktoberklub.

So wie Plenzdorf sich an bereits vorliegenden Texten orientierte, hatte auch der Filmkomponist Peter Gotthardt seine Vorbilder. Wenn ein Mensch lebt ähnelt auffallend – wie Teile der Interpretation der Puhdys – Spicks and Specks (Where is the sun?) der Bee Gees von 1966 (und Geh zu ihr dem 1972 erschienenen Titel Look Wot You Dun der britischen Rockband Slade).

Anmerkungen / Interpretation

Wie lange ein Mensch lebt, ist von ihm nicht oder nur sehr bedingt (z.B. durch gesunde Ernährung) zu beeinflussen. Und sicherlich bedauern wir, wenn ein Mensch in jungen Jahren oder „im besten Alter“ stirbt. Aber dass man bei alten Leuten sagt, es werde Zeit zu gehen, dürfte i.d.R. nicht zutreffen (es sei denn, ein Mensch ist todkrank). Im Gegenteil, die meisten Menschen sprechen anerkennend von einem „biblischen Alter“.

Im Refrain wird eine Freundin besungen, die ihren Freund verlassen hat. Die rätselhaften Worte „Weckt sie nicht, bis sie sich regt. / Ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegtwerden klar, wenn man den Film kennt (Inhaltsangabe auf www.filmzentrale.com). Nach einer kurzen Zeit des Glücks trennt sich Paula von Paul (In Spicks and Specks von den Bee Gees heißt es: „Where is the girl I loved / All along / The girl that I loved / She’s gone / She’s gone“), der sich aus gesellschaftlichen Gründen nicht zur ihr bekennt („als ich aufstand“). Doch Paul erkennt, wie sehr er Paula wirklich liebt, im Lied ausgedrückt durch: „Meine Freundin ist schön“. Als sie ihn eine Zeit lang nicht in ihre Wohnung lässt, legt sich Paul vor ihre Wohnungstür („Ich hab mich in ihren Schatten gelegt“). Schließlich „regt sich“ Paula („Weckt sie nicht, bis sie sich regt“) und sie versöhnen sich; doch ein Happy End gibt es nicht (s. Inhaltsangabe).

Auch hier hat der Liedtext biblische Bezüge: Im Hohe Lied Salomos, Kapitel 1, Vers 15 heißt es: „Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du […]“. Und die 7. Zeile des Liedtextes „Weckt sie nicht, bis sie sich regt“ könnte ebenfalls biblisch inspiriert sein (vgl. Das Hohe Lied, Kapitel 2, Vers 7: „Ich beschwöre Euch, […] dass ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis es ihr selbst gefällt“).

„Jegliches hat seine Zeit“ und die folgenden Zeilen handeln vom Zeitenwandel mit bestimmten, nicht beeinflussbaren Zeitabschnitten – „leben und sterben“ – und bewusst gestalteten – „Bäume pflanzen, Bäume abhau’n“. Dabei greift Plenzdorf das Bibelwort „ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde“ auf (Prediger 3,1). Von den dort erwähnten weiteren zehn zum Teil beeinflussbaren Dichotomien (vgl. Prediger 3, 2b-8a) greift unser Liedtext zusätzlich nur „Steine sammeln, Steine zerstreu’n“ (hebräische Metaphern für männliches und weibliches Begehren) und „Frieden und Streit“ auf. Viele der im Songtext nicht aufgegriffenen Motive aus dem Bibeltext (töten – heilen, weinen – lachen, umarmen – Umarmung lösen, suchen – verlieren, lieben – hassen) werden aber  im Film Die Legende von Paul und Paula thematisiert.

Die vier in der Rockballade beschriebenen Gegensatzpaare stehen exemplarisch für die Ungleichzeitigkeit mancher Ereignisse und dafür, dass alles seine Zeit hat – in Pete Seegers Turn, Turn, Turn heißt es: „To Everything (Turn, Turn, Turn) / There is a season (Turn, Turn, Turn) / And a time for every purpose under Heaven“ (s. u. Synopse). Im Gegensatz zu den von den Puhdys gesungenen Versen hat Pete Seeger alle 14 Dichotomien fast wörtlich der Bibel entnommen, wie folgende Synopse zeigt:

Links der Bibeltext aus dem 10. Jh. v. Chr. stammenden Buch Kohelet (Prediger), (Einheitsübersetzung EKD), rechts der 1960 geschriebene Text von Pete Seeger:

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist,
3 würgen und heilen, brechen und bauen,
4 weinen und lachen, klagen und tanzen,
5 Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
6 suchen und verlieren, behalten und wegwerfen,
7 zerreißen und zunähen, schweigen und reden,
8 lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit. 

 

To Everything (Turn, Turn, Turn)
There is a season (Turn, Turn, Turn)
And a time for every purpose, under Heaven
A time to be born, a time to die
A time to plant, a time to reap
A time to kill, a time to heal
A time to build up, a time to break down
A time to laugh, a time to weep
A time to dance, a time to mourn
A time to cast away stones, a time to gather stones together
A time you may embrace, a time to refrain from embracing
A time to gain, a time to lose
A time to rend, a time to sew
A time of love, a time of hate
A time of war, a time of peace
I swear it’s not too late.

Außer dem Text von Plenzdorf hat der Schriftsteller und Dichter Max Colpet (1905-1998) nach der Melodie von Pete Seeger eine Textversion mit dem Titel Glaub, glaub, glaub (linke Spalte) verfasst, die 1963 Marlene Dietrich (1901-1992) interpretiert hat. Hannes Wader (geb. 1942) hat 2012 eine Version mit dem Titel Seit Ewigkeiten (rechte Spalte) veröffentlicht.

Für alles Tun,
Glaub, glaub, glaub,
Auf dieser Welt,
Glaub, glaub, glaub,
Kommt die Zeit, wenn es dem Himmel so gefällt.Die Zeit der Fülle, die Zeit der Not.
Die Zeit der Sorge um’s tägliche Brot.
Die Zeit zum Speisen, die Zeit zum Fasten.
Die Zeit zum Schaffen, Zeit zum Rasten.Für alles Tun […]Die Zeit der Saat, der Erntezeit.
Die Zeit des Danks, dass es soweit!
Die Zeit zum Schweigen, die Zeit zum Reden.
Die Zeit zum Singen, Zeit zum Beten.Für alles Tun […]Die Zeit der Furcht, die Zeit zum Mut.
Die Zeit, die weit von Bös‘ und Gut.
Die Zeit zum Frieden nach all dem Leid.
Denn Streit und Friede hat seine Zeit.

 

 

 

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n
Wir diese Welt sich dreh’n, dreh’n, dreh’n
Und doch hat ein jegliches seine Zeit auf Erden.Die Zeit zu ernten, die Zeit zu säen
Die Zeit zu werden, die Zeit zu vergeh’n
Die Zeit der Freude, die Zeit des Leids
Die Zeit des Lachens, die Zeit zu trauern.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu bauen, die Zeit zu zerstör’n
Die Zeit des Duldens, die Zeit sich zu empör’n
Die Zeit zu kämpfen, die Zeit zu fliehen
Die Zeit zu hassen, die Zeit zu lieben.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu verstummen, die Zeit zu schrei’n
Die Zeit der Reue, die Zeit zu verzeih’n
Die Zeit der Erlösung, die Zeit der Qual
Die Zeit der Wende, die Zeit der Kälte.

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]
Die Zeit zu gewinnen, die Zeit zu verlier’n
Die Zeit des Zorns, die Zeit der Gewalt
Die Zeit der Versöhnung, die Zeit für den Sieg
Den Sieg des Friedens in der Welt über den Krieg.

Die 1963 herausgebrachte Single mit Marlene Dietrichs Interpretation war nicht besonders erfolgreich (So ist sie im Wikipedia-Artikel zu Marlene Dietrich gar nicht aufgeführt).

Wenn ein Mensch lebt dagegen war mit einer verkauften Auflage von fast drei Millionen LPs bzw. CDs. in Gesamtdeutschland ein Hit. Nicht nur in der DDR, wo der Song sogar im Musikunterricht gesungen und besprochen wurde, sondern spätestens seit einem Konzert 1976 in der Hamburger Fabrik, dem ersten Fernsehauftritt 1977 und weiteren Tourneen in Westdeutschland wurde die Rockband auch in der BRD gefeiert. Nach ihrem letzten Konzert 2016 in Berlin löste sich die Band „aus Altersgründen“ (so der Keyboarder und Saxofonist Peter Meyer) auf. Gecovert wurde die Rockballade u.a. von Clueso, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze, Matthias Reim und die Sportfreunde Stiller.

Das zum Sprichwort gewordene Bibelwort Ein Jegliches hat seine Zeit ist auch Titel einer von dem Komponisten Ludger Vollmer (geb. 1961) geschaffenen Kantate für Solisten, Chor, Orgel und Orchester. Die Uraufführung fand anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution in Jena in einem Festgottesdienst in der Stadtkirche St. Michael statt. Das zeitgenössisch politische Libretto wurde von dem Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk (geb. 1955) verfasst.

Alle drei Liedtexte beziehen sich auf die biblische Aussage „Alles hat seine Zeit“ (vgl. Prediger 3, 1). Machen wir uns diese Lebensweisheit Salomos im alltäglichen Leben bewusst, so können wir manches gelassener nehmen. Wir wissen ja, dass es eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten gibt; wir haben erfahren, dass wir uns nach einem Streit mit Freunden bald wieder mit ihnen versöhnen.

Dass „Alles seine Zeit hat“ klingt allerdings wenig beruhigend in einem Krieg, in den wir als Soldaten, Flüchtlinge oder unter Bomben Leidende involviert sind. Aber irgendwann erfüllen sich unsere Hoffnungen auf Frieden, und so bestätigt sich, dass manches seine Zeit braucht und wir uns in Geduld üben sollen. Der chinesische Philosoph und Begründer des Taoismus Laotse hat bereits um 6. Jh. v.Chr. (umstritten, evtl. auch im 4. Jh.) gelehrt: „Im Nichtstun bleibt nichts ungetan“.

Georg Nagel, Hamburg

Flucht auf die Enterprise, Teil II: „Scotty, beam mich hoch!“ von Marteria

 

 

Marteria

Scotty, beam mich hoch!

Ein Maserati explodiert, ein Wischmopp randaliert
Am Glühweinstand da gibt's heute nur warmes Bier
Am Straßenrand, da liegt ein überfahrenes Tier
Kids malen einen Hitlerbart auf ein Plakat von mir
Ein Hai beißt in dein Segelschiff, Paparazzis sehen's nicht
Ein Promi sitzt am Nebentisch, Dauerschleife Greatest Hits
Ein Nazi tanzt zu Billy Jean, Punks kaufen ganze Berlin
Hunde schnüffeln an Lawinen, Menschen, die vor Panzern knien

Scotty, Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Ich werd' verrückt hier unten, Scotty, wann geht's endlich los?
Wer hat sich das hier ausgedacht? Wer war dieser Idiot?
Bin auf dem Trampolin gefangen, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Alles blitzt, Nebel bricht
Türkises Licht, Ziel in Sicht
Viel zu dicht, hier is' low 
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Alles blitzt, Nebel bricht
Türkises Licht, Ziel in Sicht
Viel zu dicht, hier is' low
Scotty, Scotty, beam mich hoch!

Sieht wohl so aus wie kurz vor Untergang
Alice glaubt nicht mehr an's Wunderland
Der Gerichtsvollzieher ist beim Ku-Klux-Klan
UFOs über Yucatan und alle sehen sich Bunker an
Der Rote Platz liegt vor dem Weißen Haus, Pferde peitschen Reiter aus
Endlich regnet's Eltern vor dem Waisenhaus
Beim Jogger läuft es rund, die NASA schießt 'n Hund zum Mars
Rentner werden undankbar und mein bester Kumpel Arzt

Scotty, Scotty, Scotty, beam mich hoch! [...]

Alles blitzt, Nebel bricht [...]
Er beamt mich hoch, er beamt mich hoch
Ja, er beamt mich hoch!

Jetzt sitz' ich hier schwerelos im Schneidersitz
Kein oben, kein unten, Tag und Nacht das gleiche Licht
Bin hier ganz alleine, kam ja leider keiner mit
Schick mich zurück, dahin wo's Schweinefleisch und Weiber gibt

Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Scotty, Scotty, beam mich hoch! 
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Scotty, Scotty, beam mich hoch! 
Scotty, beam mich hoch! 
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

     [Marteria: Roswell. Green Berlin 2017.]

Neben der Punkband Dritte Wahl (vgl. Interpretation), hat sich auch der Rostocker Rapper Marteria mit Scotty als einem Ausweg aus den Krisen der Erde beschäftigt. Beide Lieder erschienen 2017 und können somit auch als Antwort auf die vielen globalen Krisen unseres Zeitalters verstanden werden. Im Gegensatz zur Interpretation dieser Thematik durch Dritte Wahl entwickelt der hier vorgestellten Text allerdings kaum ein Gesamtnarrativ. Stattdessen arbeitet der Text mit einer listenartigen Struktur, deren Elemente nur lose Sinnzusammenhänge verbinden. In der hier vorgeschlagenen Leseart dient diese zunächst zufällig anmutende Darstellungsweise dazu, die Unsicherheit und Verwirrung des Sprecher-Ichs zu illustrieren.

Bereits in der ersten Zeile („Ein Maserati explodiert, ein Wischmopp randaliert“) werden die gegensätzlichen Verknüpfungen deutlich. Während der explodierende Maserati möglicherweise stellvertretend für Zerstörung und Gewalt steht, scheint der darauf folgende Verweis auf einen randalierenden Wischmopp ein humoristisches Wortspiel mit einem randalierenden Mob von Menschen, der somit einen direkten Kontrast zur real existierenden Zerstörung von Luxusautos steht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Rest der ersten Strophe, in dem es kaum zur Beschreibung tatsächlicher Probleme kommt, sondern vielmehr um eine Aneinanderreihung kleiner Problemchen geht, z. B. warmes Bier am Glühweinstand oder absurde Beschreibungen („Ein Hai beißt in dein Segelschiff, Paparazzi sehen’s nicht“). Was Bergungshunde, die an Lawinen schnüffeln, mit Menschen, die vor Panzern knien, zu tun haben, weiß wohl nur das Sprecher-Ich – oder eben nicht. Letztlich lässt sich kaum ein Muster bei dieser Aneinanderreihung erkennen. Dennoch kommt die Tatsache, dass das Weltbild des Sprecher-Ichs ins Wanken gerät, implizit zur Sprache: Wie können Punks reich sein? Warum tanzen Nazis zur Musik eines Schwarzen? Die Welt dreht am Rad und das Sprecher-Ich mit. Die Strophen zielen möglicherweise auch darauf ab, beim ersten Lesen bzw. Hören zu verwirren, um damit die Verwirrung des Sprecher-Ichs auch auf die Rezipientinnen und Rezipienten zu übertragen.

Diese Lesart wird dadurch plausibler, dass das Sprecher-Ich im Refrain äußert, dass es „verrückt hier unten“, also auf der Erde, wird. Die vielen Eindrücke, die in der ersten Strophe beschrieben werden, stellen die diffusen Erfahrungen des Sprecher-Ichs dar. Passend dazu ist auch die Beschreibung, dass das Sprecher-Ich auf einem Trampolin gefangen ist. So wird das normalerweise spaßbringende Trampolinspringen zu etwas Negativem. Ungeduldig („wann geht’s endlich los?“) wartet das überforderte Sprecher-Ich darauf, von Scotty auf die Enterprise gebeamt zu werden.

Im Gegensatz zum Songtext von Dritte Wahl, kommentiert das Sprecher-Ich nicht den Gesamtzustand der Welt, sondern stört sich an den kleinen und großen Widersprüchlichkeiten, die ihr Weltbild zerstören, um dann auch aggressiv nachzufragen, wer die Welt plötzlich so verrückt gemacht hat („Wer hat sich das hier ausgedacht? Wer war dieser Idiot?“). Während bei Dritte Wahl verständlicherweise eine Abkehr von der Welt auf Grund von Gier und Zerstörung thematisiert wird, wirkt der Wunsch des Sprecher-Ichs in Marterias Text auf den ersten Blick lächerlich. Weil es ein totes Tier am Straßenrand liegen sah oder sich nicht vorstellen kann, dass auch Punks Immobilien kaufen, will es nun die Welt verlassen. Doch diese Beschreibungen stehen stellvertretend für eine Welt, die auf dem Kopf steht und aus den Fugen geraten ist.

Auch in der zweiten Strophe kommt die Unsicherheit des Sprecher-Ichs zum Tragen. Wird die Welt untergehen? Kann man den Behörden noch trauen? Sind sie vom Ku-Klux-Klan unterwandert? Was hat es mit UFOs und Verschwörungstheorien auf sich? Sollte man sich auf die Apokalypse vorbereiten? In dieser Strophe wird die wankende Weltordnung dann auch noch konkretisiert. Die ehemals tief verfeindeten Supermächte USA und Russland sind plötzlich politische Partner („Der Rote Platz liegt vor dem Weißen Haus“). Explizit wird auch nochmal die Thematik der auf dem Kopf stehenden Welt aufgegriffen („Pferde peitschen Reiter aus“), die seit dem Mittelalter eine Welt beschreibt, in der Bauern über Könige herrschen, Kinder ihre Eltern züchtigen, oder eben Pferde Reiter auspeitschen. Doch dann, passend zur Verwirrung des Sprecher-Ichs  wird der Text wieder durch eine utopisch-humoristische Komponente („Endlich regnet’s Eltern vor dem Waisenhaus“), eher banale Feststellungen („Beim Jogger läuft es rund“) und schließlich subjektive Probleme („mein bester [wird] Kumpel Arzt“) gebrochen. Wie auch in der ersten Strophe wird so eine Durchmischung von Kategorien und eine allgemeine Verwirrung seitens des Sprecher-Ichs dargestellt.

Schließlich wird dem Sprecher-Ich im letzten Refrain sein Wunsch gewährt: Ob nun wegen der scheinbar banalen Probleme der ersten Strophe oder der Furcht vor dem Weltuntergang in der zweiten beamt Scotty es oder nach oben. Nach einer ersten, großen Freude („Ja, er beamt mich hoch!“) weicht diese aber dem Wunsch, zurück auf die Erde zu kommen. Das Sprecher-Ich ist „ganz allein“, will wieder Tageslicht haben und vermisst „Schweinefleisch“ und Frauen. Auch hier herrscht also vor allem Verwirrung beim Sprecher-Ich, das sich nicht entscheiden kann, ob es nun auf die Enterprise oder die Erde will.

Auch der Verweis auf Star Trek bleibt deshalb nur ein Referenzpunkt unter vielen, der nicht genauer ausdifferenziert wird.  Kaum verwunderlich ist deshalb auch, dass die Probleme, die das Sprecher-Ich auf der Enterprise hat, kaum in dieses Universum passen. Bekanntlich wird auf der Enterprise Essen einfach generiert, Frauen sind durchaus Mitglieder der Crew und bei den legendären Ausflügen der Mannschaft gibt es auch reichlich Tageslicht. Das Sprecher-Ich ist so überfordert vom Zustand der Welt, dem möglichen Weltuntergang und nun auch der Enterprise, dass es „kein oben, kein unten“ mehr gibt. Folgerichtig will es deshalb logisch falsch auch nach „oben“ zurück auf die Erde gebeamt werden. Richtig müsste es ab diesem Zeitpunkt heißen „Scotty beam mich runter, weil das Sprecher-Ich ja bereits auf der Enterprise ist. Im Text heißt es stattdessen: „Schick mich zurück, […] Scotty, Scotty, beam mich hoch“. Die Schwerelosigkeit und das künstliche Licht verstärken die Zerstreutheit des Sprecher-Ichs nur noch zusätzlich. Oben, unten, Erde, Enterprise – es wird alles zu viel.

In der hier vorgeschlagenen Lesart handelt es sich bei den insgesamt losen Zusammenhängen und den auch innerhalb einzelner Zeilen vorhandenen Brüchen um ein bewusstes Stilmittel, um die Verwirrtheit des Sprecher-Ichs auszudrücken. Ob nun auf der Erde oder auf der Enterprise ist es, und das genauso wie das Sprecher-Ich im Text von Dritte Wahl, mit der Situation komplett überfordert. Letztlich weiß es dann nicht mehr, wie tanzende Nazis noch in das Weltbild passen sollen, was es von den UFOs halten soll oder ob es nun auf die Enterprise will oder nicht. Auch dieses des Sprecher-Ich geht so an der Welt schließlich zu Grunde.

Martin Christ, Erfurt

Das etwas andere Pferdemädchen. Zum Kampf der Geschlechter in Jennifer Rostocks „Hengstin“ (2016)

Jennifer Rostock

Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und Gold
Hast du das Silber gewählt? Hast du das selber gewollt?
Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst?
Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst
Du hast gelernt, dass man besser keine Regeln bricht
Dass man sich besser nicht im Gefecht die Nägel bricht
Tiefe Stimmen erheben sich, gegen dich, knebeln dich
Doch wer nichts zu sagen wagt, der spürt auch seine Knebel nicht
Du fragst, was Sache ist? Reden wir Tacheles!
Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät
Denn ein Weg entsteht erst wenn man ihn geht
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin,
Ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin
Trau keinem System, trau nicht irgendwem
Lass dich nicht von Zucker und Peitsche zähmen
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin
Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Festival Mainstage – alles voller VIPs
Plattenfirma, Chefetage – alles voller VIPs
Very Important Penises – wo sind die Ladys im Business?
Wo man auch nur hin tritt – überall ’n Schlips
Es ist seit Hunderten von Jahren dieselbe Leier
Das selbe Lied zu dem die Chauvis gerne feiern
Sie besaufen sich am Testosteron bis sie reihern
Ich seh’ so viele Männer und so wenig Eier
Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist
Man muss nicht alles schwarz anmalen, um zu erkennen, was Sache ist
Wir leben in ’nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist
Doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät [...]

     [Jennifer Rostock: Genau in diesem Ton. Four Music 2016. 
     (Songwriter: Alexander Knolle / Jennifer Bender / Jennifer Weist / 
     Johannes Walter Mueller / Raphael Schalz; Songtext von Hengstin 
     © Sony/ATV Music Publishing LLC, BMG Rights Management US, LLC)]

#MeToo und #TimesUpNow, Harvey Weinstein oder Dieter Wedel: Seit Ende 2017 hat die Sexismus-Debatte, auch und gerade durch die Enthüllungen im Weinstein-Skandal, im öffentlichen Bewusstsein wieder Fahrt aufgenommen, wobei die mediale Berichterstattung zu diesem Themenkomplex in den folgenden Ausführungen schon allein ob der schieren Menge an Material dazu nicht weiter betrachtet werden soll.

Was an dieser Stelle vielmehr interessiert: Bereits ein Jahr zuvor hatte die deutschsprachige Band Jennifer Rostock das Thema Sexismus zur Agenda ihres Songs Hengstin gemacht. Die Band, 2007 gegründet, tätig in Berlin, zeichnet sich durch eine Musik-Mischung aus Alternative-Rock, Elektro, Pop und Punk aus, getragen von der markanten Stimme sowie dem exaltierten Auftreten der Frontfrau Jennifer Weist (geb. 1986), selbsternannte „Empfangsdame bei JR“. Nach einem Auftritt beim Bundesvision Song Contest 2008 auf der Bühne der nationalen Musikszene erschienen, können Jennifer Rostock mittlerweile auf elf Jahre Bandgeschichte zurückblicken; ein Live- und sechs Studio-Alben liegen hinter der fünfköpfigen Formation, zuletzt erschien 2017 die selbstironisch betitelte Platte Worst of Jennifer Rostock. Im Zuge der Veröffentlichung des Songs Die guten alten Zeiten kündigte die Band an, nach einer Dekade Band-Dasein und einer Best-Of-Tour im Frühjahr 2018 eine längere Pause einzulegen.

Keineswegs schrecken Jennifer Rostock vor kommerziellen Aspekten der Musik-Branche zurück, wie die Single Es tut wieder weh (2009) beweist, die für den Film The Twilight Saga: New Moon (2009, USA, Regie: Chris Weitz) produziert wurde, oder Jennifer Weists Auftritt in der Promi-Version der TV-Sendung Das perfekte Dinner im Jahr 2010. Zugleich beweisen Jennifer Rostock, dass sich Popmusik mit Botschaft und erfolgreiche Plattenverkäufe nicht ausschließen müssen. So lässt sich beinahe schon von einem beständigen politischen Einsatz der Band sprechen; die Zeitung Die Welt will Jennifer Rostock gar in einer Reihe mit Wolf Biermann und Franz Josef Degenhardt sehen und bezeichnet die Frontfrau als „die linke Helene Fischer“. Weist selbst äußert sich ebenfalls beständig zu politischen Themen, verortet sich als „politisch gesehen klar links“. Dies bleibt nicht immer unkritisiert, wird mitunter gar als „Protestgehabe“ verurteilt. Thematisch greifen Jennifer Rostock beispielsweise Homophobie auf, wenn sie im Song Ein Schmerz und eine Kehle (2013) vom Album Schlaflos Intoleranz ebenso anprangern wie Rassismus in Wir sind alle nicht von hier (2014). Im Vorfeld der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2016 veröffentlichte die Band einen improvisiert wirkenden Anti-AfD-Song Wähl die AfD (Interpretation hier), der naturgemäß kontrovers diskutiert wurde.

Bei Hengstin nun handelt es sich um die Single des fünften Studio-Albums von Jennifer Rostock, Genau in diesem Ton (2016), die am meisten Aufmerksamkeit von Seiten der Presse und des Publikums erfuhr und von Jennifer Rostock in einem Facebook-Post als „außergewöhnlichste[r] Track auf dem Album“ bezeichnet wurde, der entsprechend auch „ein besonderes Video“ verdient habe; er hat es im Übrigen bereits zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht.

Musikalisch geben sich Jennifer Rostock mit „Hengstin“ experimentierfreudig: Der Song ist mit Elementen aus Hip-Hop und Trap angereichert; die Strophen fungieren als Rap-Teile – ironische Aneignung der zumeist männlich dominierten Hip-Hop-Beats –, der Refrain ist mit Gesang unterlegt.

Überhaupt: Der Song wird verstanden als Plädoyer für Feminismus, schlichtweg ein „Feminismus-Mahnmal“. Mit Jennifer Weist als der Stimme für moderne Emanzipation und Selbstbestimmtheit widmet sich Hengstin der Trias aus Feminismus, Gleichberechtigung von Frauen und Sexismus. Der Song ist folglich auf die Frontfrau Weist auch und gerade in ihrer Weiblichkeit zugeschnitten, dominiert sie doch das dazugehörige Musikvideo optisch gänzlich (ohnehin ist sie Verfahren der Selbstinszenierung gegenüber sehr aufgeschlossen, wie ein Blick auf ihre Facebook– und Instagram-Profile verraten).

Mit und in Hengstin setzen sich Jennifer Rostock also für die Rechte der Frau ein, ‚wettern‘ gegen Sexismus und Alphamännchen und sparen auch nicht mit Kritik an der Männerdominanz im Musikbusiness (aktuelle Diskussionen um die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern im Filmgeschäft wirken da nicht fern). Zur Unterstützung sind im Video zwischendurch Filmaufnahmen von anderen beruflich erfolgreichen Frauen zu sehen, so unter anderem von Ex-Schwimmerin Britta Steffen, der Hip-Hop-Produzentin Melbeatz, der körperbehinderten Leichtathletin Vanessa Low, der Profi-Skateboarderin Kim Wiebelt oder dem Transgender-Model Pari Roehi; nicht unkritisch zu betrachtende Role Models also, denn sie alle sind in gewisser Weise Personen des öffentlichen Interesses. Was ist, so ließe sich latent ketzerisch, wenngleich freilich mit Blick auf die genannten Berufe stereotypisiert fragen, mit der unbekannten Hausfrau, der namenlosen Krankenschwester, der unentdeckten Grundschullehrerin?

Wie dem auch sei: Hengstin löste kontroverse Debatten aus. Das Video wird schon einmal als „großartig verstörend“ bezeichnet, während das Lied selbst an anderer Stelle wenig schmeichelhaft als „dieser eine okaye Song“ des gesamten Albums tituliert wird. Das Musikvideo jedenfalls kann bei YouTube mittlerweile auf die stattliche Zahl von ca. 6.700.000 Aufrufen (Stand März 2018) zurückblicken. Ohnehin lohnt sich zunächst einmal der Blick auf den visuellen Anteil der „Hengstin“, denn das Musikvideo wird von einem großen Maß an Körperlichkeit getragen: In eine rosafarbene Glitzer-Bomberjacke gekleidet und mit überdimensioniert wirkenden Creolen versehen, in die die Inschrift „Hengstin“ integriert ist, adressiert Frontfrau Weist den Zuschauer direkt und spielt, in ihrer Rolle als Frau, bereits so mit gängigen Weiblichkeitsklischees:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

In der Folge provoziert Weist im Video bewusst mit ihren deutlich zur Schau gestellten Intimzonen, so etwa mit Aufnahmen aus der Froschperspektive auf ihren vollständig nackten Körper:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Interessanterweise lassen sich die deutlich hervortretenden Tattoos als Weists zweite Haut interpretieren, mithin also als doch wieder verhüllende Kleidung. Auf der Bildebene finden sich eine Reihe weiterer Zitate, etwa in Form der um Weist herum gruppierten Tänzer, mittels derer Boyband-Klischees aufgerufen werden, zumal wenn die Bilder durch Aufnahmen der während des Drehs am Set zum Bild-Check genutzten Screens medial gebrochen werden:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Sicherlich: Mit Blick auf den Konnex aus Sex, Gender und Sexual Desire sowie auf die geschlechtliche Performanz nach Judith Butler ist bei der Bildebene von Hengstin von einem dezidierten Ausstellen des weiblichen Körpers im Sinne einer feministischen Botschaft zu sprechen. Doch mag eine derartig laszive Selbstinszenierung dem Verständnis des traditionellen Feminismus zuwiderlaufen, oder, wie es die Website Plattentest in ihrer Kritik zum Album Genau in diesem Ton formuliert: „Auf einem Beat, der wie von der Resterampe der Orsons klingt, richtet sich die ‚Hengstin‘ morphologisch fatalerweise nach etwas per se Männlichem aus und wirft selbst mit faulen Eiern auf die vorgelebten Emanzipationsideale.“

Um dies eingehender zu erörtern, ist die Analyse des Textes selbst vonnöten: Die Lyrics sind geprägt von einer ganzen Reihe anzitierter Phraseologismen, etwa dem von den Waffen einer Frau oder von Frauen als dem vermeintlich schwachen Geschlecht, allesamt im Dienste der Chauvinismus-Kritik eingesetzt. So spricht das Textsubjekt in Strophe eins von den Rollenerwartungen, die an eine Frau herangetragen werden und die diese in ihrer Entfaltung einschränken. Der von Frauen zu tragende Gold- und Silberschmuck wird hierbei als expressis verbis mit Gefangenen-Ketten enggeführt. Zugleich wird auch die Gefallsucht der Frau an dieser Stelle kritisch reflektiert. Strophe zwei bringt die von Frauen erwartete Rollenkonformität neuerlich zur Sprache, greift überdies die männliche Diskursdominanz an und ruft zu widerständigem Verhalten auf, denn, ganz im Foucault’schen Sinne, gesellschaftliche Realität entsteht im Diskurs. In Strophe drei, eingeleitet mit einer rhetorischen Frage, thematisiert das sich deutlich als weiblich verortende Ich die Selbstbestimmtheit der Frau, auch und gerade mit Blick auf den weiblichen Körper. Im sich anschließenden Refrain erfolgt dann die imperativisch formulierte Aufforderung zu individueller Befreiung und Selbstermächtigung, und, so ließe sich abstrahieren, gesellschaftlicher Veränderung, gar Gesellschaftstransformation. Eine Absage an Gruppenzwang wird hier ebenso formuliert, wie das Nomen des Song-Titels in Variationen dargeboten wird: „Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin / Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin“.

An dieser Stelle lohnt sich ein eingehenderer Blick auf eben dieses Substantiv „Hengstin“: Infolge seiner Deklination erweist es sich als semantischer Oxymoron, denn das Nomen Hengst steht eindeutig für das männliche Pferd, zu finden auch in Komposita wie Zuchthengst oder Deckhengst. Im Song Jennifer Rostocks, der eigentlich Kritik an einer Männergesellschaft übt, wird das Substantiv jedoch durch die Anfügung des für das weibliche Geschlecht stehenden Wortbildungspartikels „-in“ im Zuge dieser Feminisierung positiv konnotiert; die mit dem Substantiv „Hengst“ metaphorisch verbundenen Attribute wie Stärke und Dominanz und im eigentlichen Wortsinne auch die sexuelle Potenz werden auf das weibliche Geschlecht übertragen. Auch Weist selbst bindet das Substantiv „Hengstin“ an den physischen Aspekt der Körperlichkeit zurück, wenn sie sagt: „Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Jemand, der sein Leben in die Hand nimmt, macht, was er möchte und sich darin nicht von anderen beirren lässt. Eine Hengstin ist eine Frau, die ihren Körper liebt, die auch kein Problem damit hat, ihren Körper zu zeigen und einfach nichts darauf gibt, was andere Leute sagen.“ Zum Schluss des Videos ist Weist scheinbar tatsächlich zur Hengstin transformiert, und zwar in Form eines Zentaurs, hier als Mischung aus Pferd und Frau:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Doch noch einmal zurück zum Songtext: In Strophe vier erfolgt ein direkter Angriff auf das Musikbusiness, das vom Festivalzirkus über die Bühnen bis hin zu den Plattenfirmen und sonstigen Entscheidungspositionen von Männern dominiert wird. In Strophe fünf, die mit einem Verweis auf die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau eingeleitet wird, wird der Chauvinismus-Angriff des Songs nun direkt ausgesprochen. Strophe sechs schließlich wendet sich der gesellschaftlichen Gegenwart zu, in der aufgrund patriarchaler Gesellschafstrukturen und systematischer Ungleichheit immer noch eine Benachteiligung der Frau zu verzeichnen sei, siehe beispielsweise die viel zitierte Gender Pay Gap.

Hengstin artikuliert sich folglich nicht nur auf der Textebene als feministisch, der Song wird von Weist im metatextuellen Diskurs auch dezidiert als solcher ausgestellt: Hengstin sei ein Aufruf dafür, als Frau „selbstbewusst und eigenständig zu sein, keinem Hengst hinterher zu rennen, sondern selber Hengstin zu sein“, insbesondere in einer Zeit, in der Frauen „nach wie vor weniger Karrierechancen [haben], [sie] verdienen in gleichen Jobs weniger als Männer und haben mit krasseren Vorurteilen zu kämpfen“, so Weist in einem Facebook-Post.

Bei aller Interpretationsmöglichkeit als „Zeichen für mehr Gleichberechtigung“ sei dennoch die Frage erlaubt, ob Hengstin nicht auch unter dem Label „Sex oder zumindest Sexism Sells“ anzusiedeln ist. Dies ist als die sowohl den Lyrics als auch dem dazugehörigen Musikvideo zugrundeliegende Frage zu werten. Zugleich handelt es sich dabei um den alten Widerspruch zwischen ‚korrektem‘ Feminismus und vom männlichen Blick dominierter Nacktheit; dies wird als Grundproblem jeder feministischen Strömung wohl letztlich ungelöst bleiben.

Was Jennifer Rostock mit Hengstin in jedem Fall erreicht haben – und dies ist für deutsche Popmusik doch eher selten –, ist eine breite, kontroverse Rezeption ihres Songs respektive ihres Videos, das zu medialer Berichterstattung und Debatten vor allem aufgrund der Nacktheit Weists angeregt hat. Positive Resonanz auf Hengstin findet sich dabei neben Fokussierungen auf den eben durchaus politischen Gehalt des Songs, der wiederum – im politischen Debatten Erfahrene können darüber selbstverständlich nur müde lächeln – natürlich auch Kritik hervorrief.

Die breite Rezeption von Jennifer Rostocks Hengstin, etwa als Adaption Hengstin-Unicorn-Remake von sookee und Schrottgrenze aus dem Jahr 2018, wird auf die Spitze getrieben vom Diss-Track Stute (2016) von Bass Sultan Hengzt. Dieser ist naturgemäß das genaue Gegenteil von „Hengstin“, nämlich die obszöne Männerphantasie eines Textsubjekts, das sich sexuelle Handlungen mit Jennifer Weist wünscht, was an dieser Stelle ob seiner Primitivität nicht wiedergegeben werden soll. Jennifer Rostock jedenfalls antworteten auf Bass Sultan Hengzts Diss-Song mit einer zu diesem Anlass aktualisierten Version des Songs Neider machen Leute, in dem sich die Band selbstironisch gibt („Wenn die Alte mit den Tattoos ihre Brüste zeigt, / braucht ihre klickgeile Band wohl wieder Aufmerksamkeit.“), medienreflexiv textet („Willkommen im Internet, das ist der Ort, an dem man aufschreit, laut schreit, austeilt – selber aber taub bleibt. / Wo man dem andern noch den Weg mit der Faust zeigt. / Das Dorf, durch das man jeden Tag ’ne neue Sau treibt.“) und Bass Sultan Hengzt direkt adressiert: „Deutschrapfans ziehen den Schwanz ein, ganz klein! / Frauen, die was zu sagen haben, jagen ihnen Angst ein. / Keine Punchline, nur sexistisches Geballer. / Was’n eierloser Disstrack, Bass Sultan Wallach!“. War es dieses improvisierte Protest-Gegenprotest-Lied, das Bass Sultan Hengzt zu einer ‚Entschuldigung‘ trieb – ebenfalls in Form eines Songs, nämlich Donald Trump mit Zeilen wie „Jenni Weist ist am Heulen und ich grab sie by the Pussy / Ach Jennifer, es waren alles unkleine Sprüche / Ich träume einfach nur von einem Bums in deiner Küche“ – oder doch eher der mediale Druck, lässt sich diesbezüglich augenzwinkernd fragen, oder, um es mit den süffisanten Worten eines Musikjournalisten zu formulieren: „Damit hat Hengzt in nur einem Song einen glorreichen, moralischen Aufstieg vom lyrischen Vergewaltiger zum gewöhnlichen Sexisten vollzogen.“

Es sei daher noch einmal prononciert formuliert: Verhandelt wird in Hengstin selbst, aber im Grunde auch in allen Debatten zu Song und/oder Musikvideo die alte Frage, ob frau sich im Namen des Feminismus ausziehen darf, denn, so lautet eben jene Frage: „Kann man tatsächlich splitternackt ein Zeichen gegen Sexismus setzen?“ (wie dies beispielsweise auch Femen bei ihren politisch motivierten Oben-ohne-Aktionen tun). Nun, Hengstin polarisiert in jedem Fall, wie dies Feminismus- und Sexismus-Debatten ohnehin immer schon tun. Was für einen Feminismus Jennifer Rostock nun gesellschaftlich genau praktiziert wissen wollen, das bleibt mithin opak. Insofern reiht sich Hengstin nahtlos in die komplexe Geschichte des Feminismus ein.

Corina Erk, Bamberg