Wenn ein Mensch lebt oder Jegliches hat seine Zeit – Alles nur geklaut?

Die Puhdys

Wenn ein Mensch lebt

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt,
Sagt die Welt, es ist Zeit, daß er geht.

Meine Freundin ist schön.
Als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich hab' mich in ihren Schatten gelegt.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n,
Leben und sterben und Streit.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n
Leben und sterben und Frieden und Streit.

Weckt sie nicht, bis sie selber sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Meine Freundin ist schön,
als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

     [Die Puhdys: Die Puhdys. Amiga 1974.]

Entstehung und Vorgeschichte

Die Rockballade der Puhdys Wenn ein Mensch lebt (so der Kurztitel) stammt aus dem erfolgreichen DEFA-Film Die Legende von Paul und Paula. 1973 entdeckte der Filmkomponist Peter Gotthardt (geb. 1941, über 60 Filmmusiken, darunter mehrmals für Polizeiruf) die Band und schrieb für sie sieben Songs. Die Texte dazu wurden von dem Dichter und Schriftsteller Ulrich Plenzdorf (1934–2007) verfasst (berühmtestes Werk Die neuen Leiden des jungen Werther), als Dramaturg auch für das Drehbuch des Films zuständig.

Ob Plenzdorf sich bei den auf „Jegliches hat seine Zeit“ (s.o.) folgenden Dichotomien an den Versen 1 bis 8 des 3. Kapitels Koholet (Die Sprüche Salomos) orientiert hat, ist nicht bekannt. Möglich ist es, da der Textdichter offensichtlich über Bibelkenntnisse verfügte, worauf einige im Liedtext verwendeten Bibelzitate deuten (s. Anm./Interpr.). Unwahrscheinlich ist jedoch, dass Plenzdorf sich für seinen Text von Marlene Dietrichs Version (1963) Glaub, glaub, glaub (Für alles Tun auf dieser Welt kommt die Zeit) (s. u.) hat inspirieren lassen, zumal dieser Version nicht gerade ein großer Erfolg beschert war.

Nach einer anderen Vermutung hat Plenzdorf sich Pete Seegers Turn, turn, turn, turn (s. u.) als Vorlage genommen (vgl. Wikipedia-Artikel zu Turn, turn, turn). Dafür spricht einiges: Seeger und seine Songs waren – wie auch andere Folksinger und ihre Songs – über das Radio DDR Sonderstudio DT 64 und vor allem durch den kanadischen Banjospieler und Sänger Perry Friedman in der DDR bekannt. Friedman, der 1959 in die DDR umgesiedelt war, ist Mitbegründer des Hootenanny-Clubs (Singer-Songwriter-Treff mit geselligen zwanglosen Konzerten), 1966 umbenannt in den systemnahen Oktoberklub.

So wie Plenzdorf sich an bereits vorliegenden Texten orientierte, hatte auch der Filmkomponist Peter Gotthardt seine Vorbilder. Wenn ein Mensch lebt ähnelt auffallend – wie Teile der Interpretation der Puhdys – Spicks and Specks (Where is the sun?) der Bee Gees von 1966 (und Geh zu ihr dem 1972 erschienenen Titel Look Wot You Dun der britischen Rockband Slade).

Anmerkungen / Interpretation

Wie lange ein Mensch lebt, ist von ihm nicht oder nur sehr bedingt (z.B. durch gesunde Ernährung) zu beeinflussen. Und sicherlich bedauern wir, wenn ein Mensch in jungen Jahren oder „im besten Alter“ stirbt. Aber dass man bei alten Leuten sagt, es werde Zeit zu gehen, dürfte i.d.R. nicht zutreffen (es sei denn, ein Mensch ist todkrank). Im Gegenteil, die meisten Menschen sprechen anerkennend von einem „biblischen Alter“.

Im Refrain wird eine Freundin besungen, die ihren Freund verlassen hat. Die rätselhaften Worte „Weckt sie nicht, bis sie sich regt. / Ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegtwerden klar, wenn man den Film kennt (Inhaltsangabe auf www.filmzentrale.com). Nach einer kurzen Zeit des Glücks trennt sich Paula von Paul (In Spicks and Specks von den Bee Gees heißt es: „Where is the girl I loved / All along / The girl that I loved / She’s gone / She’s gone“), der sich aus gesellschaftlichen Gründen nicht zur ihr bekennt („als ich aufstand“). Doch Paul erkennt, wie sehr er Paula wirklich liebt, im Lied ausgedrückt durch: „Meine Freundin ist schön“. Als sie ihn eine Zeit lang nicht in ihre Wohnung lässt, legt sich Paul vor ihre Wohnungstür („Ich hab mich in ihren Schatten gelegt“). Schließlich „regt sich“ Paula („Weckt sie nicht, bis sie sich regt“) und sie versöhnen sich; doch ein Happy End gibt es nicht (s. Inhaltsangabe).

Auch hier hat der Liedtext biblische Bezüge: Im Hohe Lied Salomos, Kapitel 1, Vers 15 heißt es: „Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du […]“. Und die 7. Zeile des Liedtextes „Weckt sie nicht, bis sie sich regt“ könnte ebenfalls biblisch inspiriert sein (vgl. Das Hohe Lied, Kapitel 2, Vers 7: „Ich beschwöre Euch, […] dass ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis es ihr selbst gefällt“).

„Jegliches hat seine Zeit“ und die folgenden Zeilen handeln vom Zeitenwandel mit bestimmten, nicht beeinflussbaren Zeitabschnitten – „leben und sterben“ – und bewusst gestalteten – „Bäume pflanzen, Bäume abhau’n“. Dabei greift Plenzdorf das Bibelwort „ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde“ auf (Prediger 3,1). Von den dort erwähnten weiteren zehn zum Teil beeinflussbaren Dichotomien (vgl. Prediger 3, 2b-8a) greift unser Liedtext zusätzlich nur „Steine sammeln, Steine zerstreu’n“ (hebräische Metaphern für männliches und weibliches Begehren) und „Frieden und Streit“ auf. Viele der im Songtext nicht aufgegriffenen Motive aus dem Bibeltext (töten – heilen, weinen – lachen, umarmen – Umarmung lösen, suchen – verlieren, lieben – hassen) werden aber  im Film Die Legende von Paul und Paula thematisiert.

Die vier in der Rockballade beschriebenen Gegensatzpaare stehen exemplarisch für die Ungleichzeitigkeit mancher Ereignisse und dafür, dass alles seine Zeit hat – in Pete Seegers Turn, Turn, Turn heißt es: „To Everything (Turn, Turn, Turn) / There is a season (Turn, Turn, Turn) / And a time for every purpose under Heaven“ (s. u. Synopse). Im Gegensatz zu den von den Puhdys gesungenen Versen hat Pete Seeger alle 14 Dichotomien fast wörtlich der Bibel entnommen, wie folgende Synopse zeigt:

Links der Bibeltext aus dem 10. Jh. v. Chr. stammenden Buch Kohelet (Prediger), (Einheitsübersetzung EKD), rechts der 1960 geschriebene Text von Pete Seeger:

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist,
3 würgen und heilen, brechen und bauen,
4 weinen und lachen, klagen und tanzen,
5 Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
6 suchen und verlieren, behalten und wegwerfen,
7 zerreißen und zunähen, schweigen und reden,
8 lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit. 

 

To Everything (Turn, Turn, Turn)
There is a season (Turn, Turn, Turn)
And a time for every purpose, under Heaven
A time to be born, a time to die
A time to plant, a time to reap
A time to kill, a time to heal
A time to build up, a time to break down
A time to laugh, a time to weep
A time to dance, a time to mourn
A time to cast away stones, a time to gather stones together
A time you may embrace, a time to refrain from embracing
A time to gain, a time to lose
A time to rend, a time to sew
A time of love, a time of hate
A time of war, a time of peace
I swear it’s not too late.

Außer dem Text von Plenzdorf hat der Schriftsteller und Dichter Max Colpet (1905-1998) nach der Melodie von Pete Seeger eine Textversion mit dem Titel Glaub, glaub, glaub (linke Spalte) verfasst, die 1963 Marlene Dietrich (1901-1992) interpretiert hat. Hannes Wader (geb. 1942) hat 2012 eine Version mit dem Titel Seit Ewigkeiten (rechte Spalte) veröffentlicht.

Für alles Tun,
Glaub, glaub, glaub,
Auf dieser Welt,
Glaub, glaub, glaub,
Kommt die Zeit, wenn es dem Himmel so gefällt.Die Zeit der Fülle, die Zeit der Not.
Die Zeit der Sorge um’s tägliche Brot.
Die Zeit zum Speisen, die Zeit zum Fasten.
Die Zeit zum Schaffen, Zeit zum Rasten.Für alles Tun […]Die Zeit der Saat, der Erntezeit.
Die Zeit des Danks, dass es soweit!
Die Zeit zum Schweigen, die Zeit zum Reden.
Die Zeit zum Singen, Zeit zum Beten.Für alles Tun […]Die Zeit der Furcht, die Zeit zum Mut.
Die Zeit, die weit von Bös‘ und Gut.
Die Zeit zum Frieden nach all dem Leid.
Denn Streit und Friede hat seine Zeit.

 

 

 

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n
Wir diese Welt sich dreh’n, dreh’n, dreh’n
Und doch hat ein jegliches seine Zeit auf Erden.Die Zeit zu ernten, die Zeit zu säen
Die Zeit zu werden, die Zeit zu vergeh’n
Die Zeit der Freude, die Zeit des Leids
Die Zeit des Lachens, die Zeit zu trauern.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu bauen, die Zeit zu zerstör’n
Die Zeit des Duldens, die Zeit sich zu empör’n
Die Zeit zu kämpfen, die Zeit zu fliehen
Die Zeit zu hassen, die Zeit zu lieben.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu verstummen, die Zeit zu schrei’n
Die Zeit der Reue, die Zeit zu verzeih’n
Die Zeit der Erlösung, die Zeit der Qual
Die Zeit der Wende, die Zeit der Kälte.

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]
Die Zeit zu gewinnen, die Zeit zu verlier’n
Die Zeit des Zorns, die Zeit der Gewalt
Die Zeit der Versöhnung, die Zeit für den Sieg
Den Sieg des Friedens in der Welt über den Krieg.

Die 1963 herausgebrachte Single mit Marlene Dietrichs Interpretation war nicht besonders erfolgreich (So ist sie im Wikipedia-Artikel zu Marlene Dietrich gar nicht aufgeführt).

Wenn ein Mensch lebt dagegen war mit einer verkauften Auflage von fast drei Millionen LPs bzw. CDs. in Gesamtdeutschland ein Hit. Nicht nur in der DDR, wo der Song sogar im Musikunterricht gesungen und besprochen wurde, sondern spätestens seit einem Konzert 1976 in der Hamburger Fabrik, dem ersten Fernsehauftritt 1977 und weiteren Tourneen in Westdeutschland wurde die Rockband auch in der BRD gefeiert. Nach ihrem letzten Konzert 2016 in Berlin löste sich die Band „aus Altersgründen“ (so der Keyboarder und Saxofonist Peter Meyer) auf. Gecovert wurde die Rockballade u.a. von Clueso, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze, Matthias Reim und die Sportfreunde Stiller.

Das zum Sprichwort gewordene Bibelwort Ein Jegliches hat seine Zeit ist auch Titel einer von dem Komponisten Ludger Vollmer (geb. 1961) geschaffenen Kantate für Solisten, Chor, Orgel und Orchester. Die Uraufführung fand anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution in Jena in einem Festgottesdienst in der Stadtkirche St. Michael statt. Das zeitgenössisch politische Libretto wurde von dem Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk (geb. 1955) verfasst.

Alle drei Liedtexte beziehen sich auf die biblische Aussage „Alles hat seine Zeit“ (vgl. Prediger 3, 1). Machen wir uns diese Lebensweisheit Salomos im alltäglichen Leben bewusst, so können wir manches gelassener nehmen. Wir wissen ja, dass es eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten gibt; wir haben erfahren, dass wir uns nach einem Streit mit Freunden bald wieder mit ihnen versöhnen.

Dass „Alles seine Zeit hat“ klingt allerdings wenig beruhigend in einem Krieg, in den wir als Soldaten, Flüchtlinge oder unter Bomben Leidende involviert sind. Aber irgendwann erfüllen sich unsere Hoffnungen auf Frieden, und so bestätigt sich, dass manches seine Zeit braucht und wir uns in Geduld üben sollen. Der chinesische Philosoph und Begründer des Taoismus Laotse hat bereits um 6. Jh. v.Chr. (umstritten, evtl. auch im 4. Jh.) gelehrt: „Im Nichtstun bleibt nichts ungetan“.

Georg Nagel, Hamburg

Flucht auf die Enterprise, Teil II: „Scotty, beam mich hoch!“ von Marteria

 

 

Marteria

Scotty, beam mich hoch!

Ein Maserati explodiert, ein Wischmopp randaliert
Am Glühweinstand da gibt's heute nur warmes Bier
Am Straßenrand, da liegt ein überfahrenes Tier
Kids malen einen Hitlerbart auf ein Plakat von mir
Ein Hai beißt in dein Segelschiff, Paparazzis sehen's nicht
Ein Promi sitzt am Nebentisch, Dauerschleife Greatest Hits
Ein Nazi tanzt zu Billy Jean, Punks kaufen ganze Berlin
Hunde schnüffeln an Lawinen, Menschen, die vor Panzern knien

Scotty, Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Ich werd' verrückt hier unten, Scotty, wann geht's endlich los?
Wer hat sich das hier ausgedacht? Wer war dieser Idiot?
Bin auf dem Trampolin gefangen, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Alles blitzt, Nebel bricht
Türkises Licht, Ziel in Sicht
Viel zu dicht, hier is' low 
Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Alles blitzt, Nebel bricht
Türkises Licht, Ziel in Sicht
Viel zu dicht, hier is' low
Scotty, Scotty, beam mich hoch!

Sieht wohl so aus wie kurz vor Untergang
Alice glaubt nicht mehr an's Wunderland
Der Gerichtsvollzieher ist beim Ku-Klux-Klan
UFOs über Yucatan und alle sehen sich Bunker an
Der Rote Platz liegt vor dem Weißen Haus, Pferde peitschen Reiter aus
Endlich regnet's Eltern vor dem Waisenhaus
Beim Jogger läuft es rund, die NASA schießt 'n Hund zum Mars
Rentner werden undankbar und mein bester Kumpel Arzt

Scotty, Scotty, Scotty, beam mich hoch! [...]

Alles blitzt, Nebel bricht [...]
Er beamt mich hoch, er beamt mich hoch
Ja, er beamt mich hoch!

Jetzt sitz' ich hier schwerelos im Schneidersitz
Kein oben, kein unten, Tag und Nacht das gleiche Licht
Bin hier ganz alleine, kam ja leider keiner mit
Schick mich zurück, dahin wo's Schweinefleisch und Weiber gibt

Scotty, Scotty, beam mich hoch!
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Scotty, Scotty, beam mich hoch! 
Scotty, beam mich hoch!
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

Scotty, Scotty, beam mich hoch! 
Scotty, beam mich hoch! 
Vier, drei, zwei, eins – Scotty, beam mich hoch!

     [Marteria: Roswell. Green Berlin 2017.]

Neben der Punkband Dritte Wahl (vgl. Interpretation), hat sich auch der Rostocker Rapper Marteria mit Scotty als einem Ausweg aus den Krisen der Erde beschäftigt. Beide Lieder erschienen 2017 und können somit auch als Antwort auf die vielen globalen Krisen unseres Zeitalters verstanden werden. Im Gegensatz zur Interpretation dieser Thematik durch Dritte Wahl entwickelt der hier vorgestellten Text allerdings kaum ein Gesamtnarrativ. Stattdessen arbeitet der Text mit einer listenartigen Struktur, deren Elemente nur lose Sinnzusammenhänge verbinden. In der hier vorgeschlagenen Leseart dient diese zunächst zufällig anmutende Darstellungsweise dazu, die Unsicherheit und Verwirrung des Sprecher-Ichs zu illustrieren.

Bereits in der ersten Zeile („Ein Maserati explodiert, ein Wischmopp randaliert“) werden die gegensätzlichen Verknüpfungen deutlich. Während der explodierende Maserati möglicherweise stellvertretend für Zerstörung und Gewalt steht, scheint der darauf folgende Verweis auf einen randalierenden Wischmopp ein humoristisches Wortspiel mit einem randalierenden Mob von Menschen, der somit einen direkten Kontrast zur real existierenden Zerstörung von Luxusautos steht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Rest der ersten Strophe, in dem es kaum zur Beschreibung tatsächlicher Probleme kommt, sondern vielmehr um eine Aneinanderreihung kleiner Problemchen geht, z. B. warmes Bier am Glühweinstand oder absurde Beschreibungen („Ein Hai beißt in dein Segelschiff, Paparazzi sehen’s nicht“). Was Bergungshunde, die an Lawinen schnüffeln, mit Menschen, die vor Panzern knien, zu tun haben, weiß wohl nur das Sprecher-Ich – oder eben nicht. Letztlich lässt sich kaum ein Muster bei dieser Aneinanderreihung erkennen. Dennoch kommt die Tatsache, dass das Weltbild des Sprecher-Ichs ins Wanken gerät, implizit zur Sprache: Wie können Punks reich sein? Warum tanzen Nazis zur Musik eines Schwarzen? Die Welt dreht am Rad und das Sprecher-Ich mit. Die Strophen zielen möglicherweise auch darauf ab, beim ersten Lesen bzw. Hören zu verwirren, um damit die Verwirrung des Sprecher-Ichs auch auf die Rezipientinnen und Rezipienten zu übertragen.

Diese Lesart wird dadurch plausibler, dass das Sprecher-Ich im Refrain äußert, dass es „verrückt hier unten“, also auf der Erde, wird. Die vielen Eindrücke, die in der ersten Strophe beschrieben werden, stellen die diffusen Erfahrungen des Sprecher-Ichs dar. Passend dazu ist auch die Beschreibung, dass das Sprecher-Ich auf einem Trampolin gefangen ist. So wird das normalerweise spaßbringende Trampolinspringen zu etwas Negativem. Ungeduldig („wann geht’s endlich los?“) wartet das überforderte Sprecher-Ich darauf, von Scotty auf die Enterprise gebeamt zu werden.

Im Gegensatz zum Songtext von Dritte Wahl, kommentiert das Sprecher-Ich nicht den Gesamtzustand der Welt, sondern stört sich an den kleinen und großen Widersprüchlichkeiten, die ihr Weltbild zerstören, um dann auch aggressiv nachzufragen, wer die Welt plötzlich so verrückt gemacht hat („Wer hat sich das hier ausgedacht? Wer war dieser Idiot?“). Während bei Dritte Wahl verständlicherweise eine Abkehr von der Welt auf Grund von Gier und Zerstörung thematisiert wird, wirkt der Wunsch des Sprecher-Ichs in Marterias Text auf den ersten Blick lächerlich. Weil es ein totes Tier am Straßenrand liegen sah oder sich nicht vorstellen kann, dass auch Punks Immobilien kaufen, will es nun die Welt verlassen. Doch diese Beschreibungen stehen stellvertretend für eine Welt, die auf dem Kopf steht und aus den Fugen geraten ist.

Auch in der zweiten Strophe kommt die Unsicherheit des Sprecher-Ichs zum Tragen. Wird die Welt untergehen? Kann man den Behörden noch trauen? Sind sie vom Ku-Klux-Klan unterwandert? Was hat es mit UFOs und Verschwörungstheorien auf sich? Sollte man sich auf die Apokalypse vorbereiten? In dieser Strophe wird die wankende Weltordnung dann auch noch konkretisiert. Die ehemals tief verfeindeten Supermächte USA und Russland sind plötzlich politische Partner („Der Rote Platz liegt vor dem Weißen Haus“). Explizit wird auch nochmal die Thematik der auf dem Kopf stehenden Welt aufgegriffen („Pferde peitschen Reiter aus“), die seit dem Mittelalter eine Welt beschreibt, in der Bauern über Könige herrschen, Kinder ihre Eltern züchtigen, oder eben Pferde Reiter auspeitschen. Doch dann, passend zur Verwirrung des Sprecher-Ichs  wird der Text wieder durch eine utopisch-humoristische Komponente („Endlich regnet’s Eltern vor dem Waisenhaus“), eher banale Feststellungen („Beim Jogger läuft es rund“) und schließlich subjektive Probleme („mein bester [wird] Kumpel Arzt“) gebrochen. Wie auch in der ersten Strophe wird so eine Durchmischung von Kategorien und eine allgemeine Verwirrung seitens des Sprecher-Ichs dargestellt.

Schließlich wird dem Sprecher-Ich im letzten Refrain sein Wunsch gewährt: Ob nun wegen der scheinbar banalen Probleme der ersten Strophe oder der Furcht vor dem Weltuntergang in der zweiten beamt Scotty es oder nach oben. Nach einer ersten, großen Freude („Ja, er beamt mich hoch!“) weicht diese aber dem Wunsch, zurück auf die Erde zu kommen. Das Sprecher-Ich ist „ganz allein“, will wieder Tageslicht haben und vermisst „Schweinefleisch“ und Frauen. Auch hier herrscht also vor allem Verwirrung beim Sprecher-Ich, das sich nicht entscheiden kann, ob es nun auf die Enterprise oder die Erde will.

Auch der Verweis auf Star Trek bleibt deshalb nur ein Referenzpunkt unter vielen, der nicht genauer ausdifferenziert wird.  Kaum verwunderlich ist deshalb auch, dass die Probleme, die das Sprecher-Ich auf der Enterprise hat, kaum in dieses Universum passen. Bekanntlich wird auf der Enterprise Essen einfach generiert, Frauen sind durchaus Mitglieder der Crew und bei den legendären Ausflügen der Mannschaft gibt es auch reichlich Tageslicht. Das Sprecher-Ich ist so überfordert vom Zustand der Welt, dem möglichen Weltuntergang und nun auch der Enterprise, dass es „kein oben, kein unten“ mehr gibt. Folgerichtig will es deshalb logisch falsch auch nach „oben“ zurück auf die Erde gebeamt werden. Richtig müsste es ab diesem Zeitpunkt heißen „Scotty beam mich runter, weil das Sprecher-Ich ja bereits auf der Enterprise ist. Im Text heißt es stattdessen: „Schick mich zurück, […] Scotty, Scotty, beam mich hoch“. Die Schwerelosigkeit und das künstliche Licht verstärken die Zerstreutheit des Sprecher-Ichs nur noch zusätzlich. Oben, unten, Erde, Enterprise – es wird alles zu viel.

In der hier vorgeschlagenen Lesart handelt es sich bei den insgesamt losen Zusammenhängen und den auch innerhalb einzelner Zeilen vorhandenen Brüchen um ein bewusstes Stilmittel, um die Verwirrtheit des Sprecher-Ichs auszudrücken. Ob nun auf der Erde oder auf der Enterprise ist es, und das genauso wie das Sprecher-Ich im Text von Dritte Wahl, mit der Situation komplett überfordert. Letztlich weiß es dann nicht mehr, wie tanzende Nazis noch in das Weltbild passen sollen, was es von den UFOs halten soll oder ob es nun auf die Enterprise will oder nicht. Auch dieses des Sprecher-Ich geht so an der Welt schließlich zu Grunde.

Martin Christ, Erfurt

Das etwas andere Pferdemädchen. Zum Kampf der Geschlechter in Jennifer Rostocks „Hengstin“ (2016)

Jennifer Rostock

Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und Gold
Hast du das Silber gewählt? Hast du das selber gewollt?
Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst?
Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst
Du hast gelernt, dass man besser keine Regeln bricht
Dass man sich besser nicht im Gefecht die Nägel bricht
Tiefe Stimmen erheben sich, gegen dich, knebeln dich
Doch wer nichts zu sagen wagt, der spürt auch seine Knebel nicht
Du fragst, was Sache ist? Reden wir Tacheles!
Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät
Denn ein Weg entsteht erst wenn man ihn geht
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin,
Ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin
Trau keinem System, trau nicht irgendwem
Lass dich nicht von Zucker und Peitsche zähmen
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin
Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Festival Mainstage – alles voller VIPs
Plattenfirma, Chefetage – alles voller VIPs
Very Important Penises – wo sind die Ladys im Business?
Wo man auch nur hin tritt – überall ’n Schlips
Es ist seit Hunderten von Jahren dieselbe Leier
Das selbe Lied zu dem die Chauvis gerne feiern
Sie besaufen sich am Testosteron bis sie reihern
Ich seh’ so viele Männer und so wenig Eier
Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist
Man muss nicht alles schwarz anmalen, um zu erkennen, was Sache ist
Wir leben in ’nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist
Doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät [...]

     [Jennifer Rostock: Genau in diesem Ton. Four Music 2016. 
     (Songwriter: Alexander Knolle / Jennifer Bender / Jennifer Weist / 
     Johannes Walter Mueller / Raphael Schalz; Songtext von Hengstin 
     © Sony/ATV Music Publishing LLC, BMG Rights Management US, LLC)]

#MeToo und #TimesUpNow, Harvey Weinstein oder Dieter Wedel: Seit Ende 2017 hat die Sexismus-Debatte, auch und gerade durch die Enthüllungen im Weinstein-Skandal, im öffentlichen Bewusstsein wieder Fahrt aufgenommen, wobei die mediale Berichterstattung zu diesem Themenkomplex in den folgenden Ausführungen schon allein ob der schieren Menge an Material dazu nicht weiter betrachtet werden soll.

Was an dieser Stelle vielmehr interessiert: Bereits ein Jahr zuvor hatte die deutschsprachige Band Jennifer Rostock das Thema Sexismus zur Agenda ihres Songs Hengstin gemacht. Die Band, 2007 gegründet, tätig in Berlin, zeichnet sich durch eine Musik-Mischung aus Alternative-Rock, Elektro, Pop und Punk aus, getragen von der markanten Stimme sowie dem exaltierten Auftreten der Frontfrau Jennifer Weist (geb. 1986), selbsternannte „Empfangsdame bei JR“. Nach einem Auftritt beim Bundesvision Song Contest 2008 auf der Bühne der nationalen Musikszene erschienen, können Jennifer Rostock mittlerweile auf elf Jahre Bandgeschichte zurückblicken; ein Live- und sechs Studio-Alben liegen hinter der fünfköpfigen Formation, zuletzt erschien 2017 die selbstironisch betitelte Platte Worst of Jennifer Rostock. Im Zuge der Veröffentlichung des Songs Die guten alten Zeiten kündigte die Band an, nach einer Dekade Band-Dasein und einer Best-Of-Tour im Frühjahr 2018 eine längere Pause einzulegen.

Keineswegs schrecken Jennifer Rostock vor kommerziellen Aspekten der Musik-Branche zurück, wie die Single Es tut wieder weh (2009) beweist, die für den Film The Twilight Saga: New Moon (2009, USA, Regie: Chris Weitz) produziert wurde, oder Jennifer Weists Auftritt in der Promi-Version der TV-Sendung Das perfekte Dinner im Jahr 2010. Zugleich beweisen Jennifer Rostock, dass sich Popmusik mit Botschaft und erfolgreiche Plattenverkäufe nicht ausschließen müssen. So lässt sich beinahe schon von einem beständigen politischen Einsatz der Band sprechen; die Zeitung Die Welt will Jennifer Rostock gar in einer Reihe mit Wolf Biermann und Franz Josef Degenhardt sehen und bezeichnet die Frontfrau als „die linke Helene Fischer“. Weist selbst äußert sich ebenfalls beständig zu politischen Themen, verortet sich als „politisch gesehen klar links“. Dies bleibt nicht immer unkritisiert, wird mitunter gar als „Protestgehabe“ verurteilt. Thematisch greifen Jennifer Rostock beispielsweise Homophobie auf, wenn sie im Song Ein Schmerz und eine Kehle (2013) vom Album Schlaflos Intoleranz ebenso anprangern wie Rassismus in Wir sind alle nicht von hier (2014). Im Vorfeld der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2016 veröffentlichte die Band einen improvisiert wirkenden Anti-AfD-Song Wähl die AfD (Interpretation hier), der naturgemäß kontrovers diskutiert wurde.

Bei Hengstin nun handelt es sich um die Single des fünften Studio-Albums von Jennifer Rostock, Genau in diesem Ton (2016), die am meisten Aufmerksamkeit von Seiten der Presse und des Publikums erfuhr und von Jennifer Rostock in einem Facebook-Post als „außergewöhnlichste[r] Track auf dem Album“ bezeichnet wurde, der entsprechend auch „ein besonderes Video“ verdient habe; er hat es im Übrigen bereits zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht.

Musikalisch geben sich Jennifer Rostock mit „Hengstin“ experimentierfreudig: Der Song ist mit Elementen aus Hip-Hop und Trap angereichert; die Strophen fungieren als Rap-Teile – ironische Aneignung der zumeist männlich dominierten Hip-Hop-Beats –, der Refrain ist mit Gesang unterlegt.

Überhaupt: Der Song wird verstanden als Plädoyer für Feminismus, schlichtweg ein „Feminismus-Mahnmal“. Mit Jennifer Weist als der Stimme für moderne Emanzipation und Selbstbestimmtheit widmet sich Hengstin der Trias aus Feminismus, Gleichberechtigung von Frauen und Sexismus. Der Song ist folglich auf die Frontfrau Weist auch und gerade in ihrer Weiblichkeit zugeschnitten, dominiert sie doch das dazugehörige Musikvideo optisch gänzlich (ohnehin ist sie Verfahren der Selbstinszenierung gegenüber sehr aufgeschlossen, wie ein Blick auf ihre Facebook– und Instagram-Profile verraten).

Mit und in Hengstin setzen sich Jennifer Rostock also für die Rechte der Frau ein, ‚wettern‘ gegen Sexismus und Alphamännchen und sparen auch nicht mit Kritik an der Männerdominanz im Musikbusiness (aktuelle Diskussionen um die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern im Filmgeschäft wirken da nicht fern). Zur Unterstützung sind im Video zwischendurch Filmaufnahmen von anderen beruflich erfolgreichen Frauen zu sehen, so unter anderem von Ex-Schwimmerin Britta Steffen, der Hip-Hop-Produzentin Melbeatz, der körperbehinderten Leichtathletin Vanessa Low, der Profi-Skateboarderin Kim Wiebelt oder dem Transgender-Model Pari Roehi; nicht unkritisch zu betrachtende Role Models also, denn sie alle sind in gewisser Weise Personen des öffentlichen Interesses. Was ist, so ließe sich latent ketzerisch, wenngleich freilich mit Blick auf die genannten Berufe stereotypisiert fragen, mit der unbekannten Hausfrau, der namenlosen Krankenschwester, der unentdeckten Grundschullehrerin?

Wie dem auch sei: Hengstin löste kontroverse Debatten aus. Das Video wird schon einmal als „großartig verstörend“ bezeichnet, während das Lied selbst an anderer Stelle wenig schmeichelhaft als „dieser eine okaye Song“ des gesamten Albums tituliert wird. Das Musikvideo jedenfalls kann bei YouTube mittlerweile auf die stattliche Zahl von ca. 6.700.000 Aufrufen (Stand März 2018) zurückblicken. Ohnehin lohnt sich zunächst einmal der Blick auf den visuellen Anteil der „Hengstin“, denn das Musikvideo wird von einem großen Maß an Körperlichkeit getragen: In eine rosafarbene Glitzer-Bomberjacke gekleidet und mit überdimensioniert wirkenden Creolen versehen, in die die Inschrift „Hengstin“ integriert ist, adressiert Frontfrau Weist den Zuschauer direkt und spielt, in ihrer Rolle als Frau, bereits so mit gängigen Weiblichkeitsklischees:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

In der Folge provoziert Weist im Video bewusst mit ihren deutlich zur Schau gestellten Intimzonen, so etwa mit Aufnahmen aus der Froschperspektive auf ihren vollständig nackten Körper:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Interessanterweise lassen sich die deutlich hervortretenden Tattoos als Weists zweite Haut interpretieren, mithin also als doch wieder verhüllende Kleidung. Auf der Bildebene finden sich eine Reihe weiterer Zitate, etwa in Form der um Weist herum gruppierten Tänzer, mittels derer Boyband-Klischees aufgerufen werden, zumal wenn die Bilder durch Aufnahmen der während des Drehs am Set zum Bild-Check genutzten Screens medial gebrochen werden:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Sicherlich: Mit Blick auf den Konnex aus Sex, Gender und Sexual Desire sowie auf die geschlechtliche Performanz nach Judith Butler ist bei der Bildebene von Hengstin von einem dezidierten Ausstellen des weiblichen Körpers im Sinne einer feministischen Botschaft zu sprechen. Doch mag eine derartig laszive Selbstinszenierung dem Verständnis des traditionellen Feminismus zuwiderlaufen, oder, wie es die Website Plattentest in ihrer Kritik zum Album Genau in diesem Ton formuliert: „Auf einem Beat, der wie von der Resterampe der Orsons klingt, richtet sich die ‚Hengstin‘ morphologisch fatalerweise nach etwas per se Männlichem aus und wirft selbst mit faulen Eiern auf die vorgelebten Emanzipationsideale.“

Um dies eingehender zu erörtern, ist die Analyse des Textes selbst vonnöten: Die Lyrics sind geprägt von einer ganzen Reihe anzitierter Phraseologismen, etwa dem von den Waffen einer Frau oder von Frauen als dem vermeintlich schwachen Geschlecht, allesamt im Dienste der Chauvinismus-Kritik eingesetzt. So spricht das Textsubjekt in Strophe eins von den Rollenerwartungen, die an eine Frau herangetragen werden und die diese in ihrer Entfaltung einschränken. Der von Frauen zu tragende Gold- und Silberschmuck wird hierbei als expressis verbis mit Gefangenen-Ketten enggeführt. Zugleich wird auch die Gefallsucht der Frau an dieser Stelle kritisch reflektiert. Strophe zwei bringt die von Frauen erwartete Rollenkonformität neuerlich zur Sprache, greift überdies die männliche Diskursdominanz an und ruft zu widerständigem Verhalten auf, denn, ganz im Foucault’schen Sinne, gesellschaftliche Realität entsteht im Diskurs. In Strophe drei, eingeleitet mit einer rhetorischen Frage, thematisiert das sich deutlich als weiblich verortende Ich die Selbstbestimmtheit der Frau, auch und gerade mit Blick auf den weiblichen Körper. Im sich anschließenden Refrain erfolgt dann die imperativisch formulierte Aufforderung zu individueller Befreiung und Selbstermächtigung, und, so ließe sich abstrahieren, gesellschaftlicher Veränderung, gar Gesellschaftstransformation. Eine Absage an Gruppenzwang wird hier ebenso formuliert, wie das Nomen des Song-Titels in Variationen dargeboten wird: „Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin / Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin“.

An dieser Stelle lohnt sich ein eingehenderer Blick auf eben dieses Substantiv „Hengstin“: Infolge seiner Deklination erweist es sich als semantischer Oxymoron, denn das Nomen Hengst steht eindeutig für das männliche Pferd, zu finden auch in Komposita wie Zuchthengst oder Deckhengst. Im Song Jennifer Rostocks, der eigentlich Kritik an einer Männergesellschaft übt, wird das Substantiv jedoch durch die Anfügung des für das weibliche Geschlecht stehenden Wortbildungspartikels „-in“ im Zuge dieser Feminisierung positiv konnotiert; die mit dem Substantiv „Hengst“ metaphorisch verbundenen Attribute wie Stärke und Dominanz und im eigentlichen Wortsinne auch die sexuelle Potenz werden auf das weibliche Geschlecht übertragen. Auch Weist selbst bindet das Substantiv „Hengstin“ an den physischen Aspekt der Körperlichkeit zurück, wenn sie sagt: „Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Jemand, der sein Leben in die Hand nimmt, macht, was er möchte und sich darin nicht von anderen beirren lässt. Eine Hengstin ist eine Frau, die ihren Körper liebt, die auch kein Problem damit hat, ihren Körper zu zeigen und einfach nichts darauf gibt, was andere Leute sagen.“ Zum Schluss des Videos ist Weist scheinbar tatsächlich zur Hengstin transformiert, und zwar in Form eines Zentaurs, hier als Mischung aus Pferd und Frau:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Doch noch einmal zurück zum Songtext: In Strophe vier erfolgt ein direkter Angriff auf das Musikbusiness, das vom Festivalzirkus über die Bühnen bis hin zu den Plattenfirmen und sonstigen Entscheidungspositionen von Männern dominiert wird. In Strophe fünf, die mit einem Verweis auf die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau eingeleitet wird, wird der Chauvinismus-Angriff des Songs nun direkt ausgesprochen. Strophe sechs schließlich wendet sich der gesellschaftlichen Gegenwart zu, in der aufgrund patriarchaler Gesellschafstrukturen und systematischer Ungleichheit immer noch eine Benachteiligung der Frau zu verzeichnen sei, siehe beispielsweise die viel zitierte Gender Pay Gap.

Hengstin artikuliert sich folglich nicht nur auf der Textebene als feministisch, der Song wird von Weist im metatextuellen Diskurs auch dezidiert als solcher ausgestellt: Hengstin sei ein Aufruf dafür, als Frau „selbstbewusst und eigenständig zu sein, keinem Hengst hinterher zu rennen, sondern selber Hengstin zu sein“, insbesondere in einer Zeit, in der Frauen „nach wie vor weniger Karrierechancen [haben], [sie] verdienen in gleichen Jobs weniger als Männer und haben mit krasseren Vorurteilen zu kämpfen“, so Weist in einem Facebook-Post.

Bei aller Interpretationsmöglichkeit als „Zeichen für mehr Gleichberechtigung“ sei dennoch die Frage erlaubt, ob Hengstin nicht auch unter dem Label „Sex oder zumindest Sexism Sells“ anzusiedeln ist. Dies ist als die sowohl den Lyrics als auch dem dazugehörigen Musikvideo zugrundeliegende Frage zu werten. Zugleich handelt es sich dabei um den alten Widerspruch zwischen ‚korrektem‘ Feminismus und vom männlichen Blick dominierter Nacktheit; dies wird als Grundproblem jeder feministischen Strömung wohl letztlich ungelöst bleiben.

Was Jennifer Rostock mit Hengstin in jedem Fall erreicht haben – und dies ist für deutsche Popmusik doch eher selten –, ist eine breite, kontroverse Rezeption ihres Songs respektive ihres Videos, das zu medialer Berichterstattung und Debatten vor allem aufgrund der Nacktheit Weists angeregt hat. Positive Resonanz auf Hengstin findet sich dabei neben Fokussierungen auf den eben durchaus politischen Gehalt des Songs, der wiederum – im politischen Debatten Erfahrene können darüber selbstverständlich nur müde lächeln – natürlich auch Kritik hervorrief.

Die breite Rezeption von Jennifer Rostocks Hengstin, etwa als Adaption Hengstin-Unicorn-Remake von sookee und Schrottgrenze aus dem Jahr 2018, wird auf die Spitze getrieben vom Diss-Track Stute (2016) von Bass Sultan Hengzt. Dieser ist naturgemäß das genaue Gegenteil von „Hengstin“, nämlich die obszöne Männerphantasie eines Textsubjekts, das sich sexuelle Handlungen mit Jennifer Weist wünscht, was an dieser Stelle ob seiner Primitivität nicht wiedergegeben werden soll. Jennifer Rostock jedenfalls antworteten auf Bass Sultan Hengzts Diss-Song mit einer zu diesem Anlass aktualisierten Version des Songs Neider machen Leute, in dem sich die Band selbstironisch gibt („Wenn die Alte mit den Tattoos ihre Brüste zeigt, / braucht ihre klickgeile Band wohl wieder Aufmerksamkeit.“), medienreflexiv textet („Willkommen im Internet, das ist der Ort, an dem man aufschreit, laut schreit, austeilt – selber aber taub bleibt. / Wo man dem andern noch den Weg mit der Faust zeigt. / Das Dorf, durch das man jeden Tag ’ne neue Sau treibt.“) und Bass Sultan Hengzt direkt adressiert: „Deutschrapfans ziehen den Schwanz ein, ganz klein! / Frauen, die was zu sagen haben, jagen ihnen Angst ein. / Keine Punchline, nur sexistisches Geballer. / Was’n eierloser Disstrack, Bass Sultan Wallach!“. War es dieses improvisierte Protest-Gegenprotest-Lied, das Bass Sultan Hengzt zu einer ‚Entschuldigung‘ trieb – ebenfalls in Form eines Songs, nämlich Donald Trump mit Zeilen wie „Jenni Weist ist am Heulen und ich grab sie by the Pussy / Ach Jennifer, es waren alles unkleine Sprüche / Ich träume einfach nur von einem Bums in deiner Küche“ – oder doch eher der mediale Druck, lässt sich diesbezüglich augenzwinkernd fragen, oder, um es mit den süffisanten Worten eines Musikjournalisten zu formulieren: „Damit hat Hengzt in nur einem Song einen glorreichen, moralischen Aufstieg vom lyrischen Vergewaltiger zum gewöhnlichen Sexisten vollzogen.“

Es sei daher noch einmal prononciert formuliert: Verhandelt wird in Hengstin selbst, aber im Grunde auch in allen Debatten zu Song und/oder Musikvideo die alte Frage, ob frau sich im Namen des Feminismus ausziehen darf, denn, so lautet eben jene Frage: „Kann man tatsächlich splitternackt ein Zeichen gegen Sexismus setzen?“ (wie dies beispielsweise auch Femen bei ihren politisch motivierten Oben-ohne-Aktionen tun). Nun, Hengstin polarisiert in jedem Fall, wie dies Feminismus- und Sexismus-Debatten ohnehin immer schon tun. Was für einen Feminismus Jennifer Rostock nun gesellschaftlich genau praktiziert wissen wollen, das bleibt mithin opak. Insofern reiht sich Hengstin nahtlos in die komplexe Geschichte des Feminismus ein.

Corina Erk, Bamberg

Chance vertan? Zu Cro: „Bye Bye“ (2015)

Cro

Bye Bye

Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Er ist auf dem Weg nach Hause mit der Bahn
Schaut aus dem Fenster, lässt Gedanken freien Lauf
Lehnt sich ganz entspannt zurück
Denn er muss lange noch nicht raus
'n paar Menschen steigen ein, andere wieder aus
Er wechselt grad das Lied
Und plötzlich stand da diese Frau
Und er dachte sich "Wow"
Sagte: "Klar, der Platz ist frei"
Sie lachte und er dachte sich nur

Bitte komm
Sprich sie an
Das ist das Schönste, was du je gesehen hast
Und sie hat sicherlich keinen Mann
Stell dich nicht so an
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Doch alles, was man hört ist mein Herzschlag
Bamm!

Was soll ich nur sagen
Irgendwas knockt mich aus
Ich bin ein Versager, 
weil ich mich doch nicht trau'
Mein Kopf ist voller Wörter, 
doch es kommt nichts raus
Sie steht auf
Und steigt aus

Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens
Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen
Kann schon sein, dass man sich im Leben zweimal begegnet
Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist

Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Sie hat Bock auf Shopping also in die Stadt
Sie braucht so Sachen, die Frauen halt eben brauchen
'nen Bikini, 'ne neue Tasche und außerdem will sie schauen
Also los, ab in die Bahn
Sie zieht sich 'n Ticket
Vier Siebzig für die Fahrt
Ist ja ganz schön hart
Doch dann sieht sie diesen Typ
Findet ihn süß
Setzt sich extra zu ihm hin und denkt sich

Bitte, bitte, bitte, bitte komm
Sprich mich an
Es ist ganz egal, was du jetzt sagen würdest
Ich spring darauf an
Also komm
Du bist mein Mann
Wir gehören zusammen
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich hör mein Herz, Bamm!

Was soll ich nur sagen [...]

     [Cro: MTV Unplugged. Chimperator 2015.]

Der Liedtext des Rappers Cro beschreibt eine Situation, die vermutlich Vielen bekannt vorkommt. In der Straßenbahn sitzt man einer Person gegenüber, die man körperlich attraktiv findet und die man gerne ansprechen würde, sich aber nicht traut das zu tun. Dargestellt wird diese Situation von einer allwissenden Sprechinstanz, die dementsprechend auch die Gedanken der beiden Personen, einem Mann und einer Frau mitteilen kann.

Die erste Strophe beschäftigt sich mit dem Mann. Gedankenverloren sitzt er in der Bahn auf dem Weg nach Hause, bis eine Frau einsteigt, die leidglich als „Wow“ beschrieben wird, sich neben ihn setzt. Aus irgendwelchen Gründen denkt sich der Mann, dass die für ihn so attraktive Frau „sicher keinen Mann“ hat. Letztendlich traut sich der Mann aber eben doch nicht die Frau anzusprechen. Wie im ganzen Liedtext ist eine implizite Fixierung auf die Äußerlichkeiten der beiden Protagonisten wahrzunehmen. So wird die Frau kurzum als „Liebe des Lebens“ bezeichnet und das, wohl gemerkt, obwohl sich die beiden kaum unterhalten haben. Lediglich „Klar, der Platz ist frei“ hat der Mann der Frau entgegnet. Liebe auf den ersten Blick hin oder her, scheint „Liebe des Lebens“ doch sehr hoch gegriffen zu sein.

Soweit so gut. Problematischer wird der Text bei der Beschreibung der Frau, sozusagen der Parallelüberlieferung aus weiblicher Sicht. Nach den in der ersten Strophe ebenfalls vorhandenen Beschreibungen des Tages wird die Protagonistin eingeführt durch das in der Popkultur vielleicht am weitesten verbreitete Klischee über weibliche Hobbies: Shopping. Somit wird bereits in der Erstbeschreibung der Frau eine moderne Femininität konstruiert. Verstärkt und fast schon so klischeehaft überzeichnet, dass es ironisch wirkt, wird dies dann durch das Aufzählen der Gegenstände, die die Frau kaufen will: einen Bikini und eine Tasche.

Besonders deutlich wird die Problematik dann auch in der Zeile „Sie braucht so Sachen, die Frauen halt eben brauchen“. Auch wenn die „Sachen“ in der nächsten Textzeile als Bikini und Tasche identifiziert werden, schwingt in der Beschreibung eine gewisse Undurchdringbarkeit dieser Motive mit. Das wird auch durch die umgangssprachliche und etwas unbeholfene Ausdrucksweise unterstrichen. In der nächsten Zeile wird ebenfalls beschrieben, dass sie „schauen“ will. Nach was wird dabei nicht genau spezifiziert. Alles etwas nebulös. Die Frau braucht Dinge, die die Sprechinstanz nicht so richtig einzuschätzen vermag.

Wieder geht es bei der ersten Anziehung in erster Linie um die Äußerlichkeiten. So ist der Mann, neben den sich die Frau setzt, „süß“, nicht etwa nett oder interessant. Ähnlich wie bei der „Liebe des Lebens“ wird dann der Mann auch schnurstracks als „mein Mann“ bezeichnet und die Frau denkt sich „wir gehören zusammen“. Der Clou bei dem Austausch ist also, dass die beiden Akteure mit Herzklopfen nebeneinander sitzen und sich nicht trauen einander anzusprechen.

Oder? Denn ganz so eindeutig ist das im Lied nicht dargestellt. Obwohl beide Personen sich in der gleichen Position befinden, geht es lediglich darum, dass der Mann die Frau nicht anspricht. Also wird von vorneherein angenommen, dass das mögliche Ansprechen nur in einer Richtung stattfinden kann, nämlich von Mann zu Frau. Während der Mann sich selbst auffordert, aktiv zu werden („Sprich sie an“), hofft die Frau Frau passiv ebenfalls darauf, dass er aktiv wird („Sprich mich an“).

Vielleicht handelt es sich dabei um eine unnötige Fokussierung auf Details, doch in der hier vorgeschlagenen Lesart kann man argumentieren, dass es sich um Verwendung klassischer Gender-Stereotype handelt. Der Mann nämlich soll den aktiven Teil der Interaktion übernehmen, der Frau hingegen wird nicht zugestanden selber den Mann anzusprechen. Wie in Revolverhelds Ich lass für dich das Licht an (Interpretation), wo selbstverständlich der Mann der Frau den Heiratsantrag macht, ist nur der Mann aktiv.

Interessant ist dann, dass der Mann sich eben doch nicht traut, die Frau anzusprechen. Somit fällt er letztendlich aus der ihm zugedachten Rolle, weil er eben kein emotionsloser Klotz ist, der sich mutig alles traut. Doch offensichtlich resultiert das in dem Lied dargestellte Wertesystem gerade deshalb in einem Gefühl des Unbehagens bei dem Mann, der sich als „Versager“ sieht. Die gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen an die Maskulinität setzten so den Mann unter Druck.

Der Text beschreibt eine moderne Frau (Shoppen, Handtasche, Bikini), deren Beschreibung allerdings durch die Fokussierung auf klassisch-weibliche Attribute und die suggerierte Passivität problematisch ist. Neben ihr sitzt ein Mann, der, entgegen des Stereotyps vom kühlen und rationalen Brotbeschaffer, von seinen Gefühlen überrumpelt wird und sprachlos da sitzt („Mein Kopf ist voller Wörter, / doch es kommt nichts raus“). Beide bringen es nicht über sich, einander anzusprechen. Doch die vertane Chance ist nicht unbedingt final: Der beschriebene Handlungsraum ist lediglich der Bahnwagen. Denkbar also, dass die Frau in den Wagen zurück kommt oder der Mann ihr doch noch hinterhergeht. Vielleicht spricht dann die Frau einfach den Mann an? Und wenn nicht – auch nicht so wild: Wenn man so schnell die „Liebe des Lebens“ identifizieren kann, kommt morgen sicher gleich die nächste.

Martin Christ, Tübingen

 

Weicher Kern, Harte Schale, Teil V. Hoffen auf eine bessere Welt. Zu Sidos „Zu wahr“

 

Sido

Zu wahr

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Dass die Welt ok ist, so wie sie geworden ist?
Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?
Wenn vor deinem Auge dein Zuhause einfach wegschwimmt?
Wenn man vor lauter Hunger lang schon nicht mehr Hunger sagt
Kein Tropfen Wasser und kein Schatten hat bei 100 Grad
Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat
Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat
Oder Flüchtlinge, die Kurs nehmen auf Garten Eden
Aber nie mehr in ihrem Leben einen Hafen sehen
Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt
Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent
Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch
Immer wenn ich diese Bilder sehe, raste ich aus
Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich
Alle kehren's unter'n Teppich, doch ich trau mich
Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht
Es ist traurig, traurig aber wahr
Du da, alles läuft aus dem Ruder
Wir wollen immer mehr, doch da ist nirgendwo ein Ufer
Das ist alles leider zu wahr
Es ist zu wahr, zu wahr um schön zu sein

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Wenn man sich heute nicht mal sicher ist, was morgen ist
Wenn alle ihre Augen schließen und lieber alleine bleiben
Während sie auf Kinder schießen, nur weil sie mit Steinen schmeißen?
So viele Menschen, dass das Wasser nicht reicht
Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice
Die meisten treffen sich zur Weihnacht auf nen Abend zu viert
Während der Obdachlose leider auf der Straße erfriert
Mir stockt der Atem, wenn ich sehen muss, dass sie Menschen verkaufen
Auf Minen treten, statt problemlos über Grenzen zu laufen
Wenn die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen
Um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen
Vorurteile, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass
Ist schon erstaunlich, was die Dummheit aus dem Menschen macht
Ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich […]

Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen
Wer kann das schon? Ich hoffe nur das der Song dich ein bisschen zum Nachdenken bringt
Ich weiß, es ist nicht immer einfach ein guter Mensch zu sein. 
Aber es kommt auf den Versuch an.
Lass es uns versuchen!

     [Sido: IV. Urban 2015.]

Ein Rapper will die Welt verbessern

An einem Lied, das konkret auf Missstände wie Kinderarbeit und Umweltverschmutzung aufmerksam macht, gibt es sicher in erster Linie inhaltlich wenig zu kritisieren. Ein solches ist Sidos Zu wahr, das in dieser Serie besprochen wird, weil es zwar nicht den Titel ‚zu wahr um schön zu sein‘ hat, diese Zeile aber im Liedtext genutzt wird und „zu wahr“ somit lediglich eine Abkürzung des für diese Serie herangezogenen ‚zu wahr um schön zu sein‘ darstellt. Der Berliner Rapper vollbringt darin einen Rundumschlag gegen die Übel dieser Welt. Er kritisiert die Wasserarmut, dass Menschen verhungern müssen oder Flüchtlinge sterben. Genauso werden Umweltverschmutzung („Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch“) und die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern („Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“) thematisiert. Daran, dass Sido diese Probleme so klar thematisiert, ist sicher nichts auszusetzen. Wie wir in Sondaschules Text gesehen haben (siehe Teil III), kann so eine Liste an Missständen auch ironisch gebrochen werden, wobei Sidos klare Stellungnahme den Vorteil hat, dass keine Ambiguitäten bleiben.

Vor dem ersten Teil dieser Auflistung an Problemen wendet sich das Sprecher-Ich direkt an die Rezipienten („Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist / Dass die Welt ok ist so wie sie geworden ist? / Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?“). In erster Linie ist der Text deshalb ein Aufruf, etwas an der Welt zu verändern (siehe zu dieser Thematik auch wieder Teil III). Das direkte Ansprechen des Publikums wird im Text immer wieder angewandt, im Refrain („Du da, alles läuft aus dem Ruder“) und besonders am Ende der Strophen: „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen? Wo ist die Hoffnung hin?“ Nun, so schwer ist Sidos message sicher nicht nachzuvollziehen. Theoretisch ist eine Abkehr von „Vorurteilen, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass“ nicht schwer zu verstehen.

Die konkreteren Ausführungen sind dabei mal mehr und mal weniger gelungen. Dass beispielsweise religiöser Fanatismus thematisiert wird („Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat / Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat“), dabei aber keine Klischees von radikalem Islamismus aufgerufen werden und sich das Sprecher-Ich stattdessen gegen Fanatismus im Allgemeinen wendet, ist für das Lied, das sich gegen Intoleranz wendet, sicher stimmig. Ähnlich stimmig ist die Kritik an Arbeitsbedingungen bei der Produktion billiger Kleidungsstücke ( „Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“), weil dieser sich auch an Hörer von Sidos Lied wendet und gleichzeitig einen ganz konkreten Weg aufzeigt, etwas für eine bessere Behandlung von andere zu tun, nämlich keine Billigkleidung zu kaufen.

Ein Beispiel für problematischere Verse ist: „So viele Menschen dass das Wasser nicht reicht / Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice“. Selbstverständlich war die Ice Bucket Challenge ein umstrittener Trend, doch die meisten Teilnehmer hatten sicher gute Absichten, und das eingeworbene Geld floss einem guten Zweck zu (siehe Wikipedia). Auch wenn die Verse sprachlich sinnvoll sind, weil sie das Verschwenden eines Eimers Wasser mit dem Verdursten von Menschen entgegenstellen, ist es schwierig nachzuvollziehen, warum eine Spendenaktion für einen guten Zweck mit erschossenen Kindern und erfrierenden Obdachlosen auf eine Ebene gestellt wird. Ähnlich problematisch ist die Rede davon, dass „die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen/ um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen“. Besonders im aktuellen politischen Klima, in dem vom amerikanischen Präsidenten bis zur AfD gegen die Presse in ihrer gesamtheit gewettert wird, sind die Zeilen problematisch. Vermutlich zielt Sidos Kritik auf das rechte Spektrum der Medienlandschaft, das Ängste, beispielsweise gegen Flüchtlinge, schürt. Doch bedient er sich dabei einer ähnlichen Rhetorik (besonders „unterwerfen“) wie die, die er kritisieren will, was die Zeilen problematisch macht.

Aber das für mich größte Problem im Text ist, dass das Sprecher-Ich sich als Aufklärer mit überlegener Einsicht geriert. Der Vers „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören aber kannst du mich verstehen?“ suggeriert, dass das Sprecher-Ich selber ‚es‘, also vermutlich die Missstände und Probleme dieser Welt, versteht. Noch deutlicher wird dies im Refrain: „Alle kehren’s unter’n Teppich, doch ich trau mich / Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht“. Davon abgesehen, dass das nicht stimmt, weil es zumindest im Internet inzwischen zu jedem gesellschaftlichen und sozialem Missstand Materialen gibt, klingen solche Zeilen doch sehr stark nach Selbstbeweihräucherung (zu dieser Thematik, siehe auch meine Interpretation zu Sidos Augen auf).

Doch Sido scheint selbst zu wissen, dass er es mit seiner positiven Selbsteinschätzung etwas übertrieben hat, und gibt  im Outro zu „Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen“. Doch auch diese selbstkritische Einschätzung kann er so stehen lassen und muss nachschieben „Wer kann das schon?“ (ganz anders als die Sprechinstanz in Teil II dieser Reihe). Aber Sido verbindet seine Selbstbewertung mit der Hoffnung, dass man noch etwas verändern kann. So konterkariert der Text auch den überheblichen Ton Sidos etwas, indem er dazu aufruft, gemeinsam etwas an der Welt, die „zu wahr um schön zu sein“ ist, zu ändern: „Lass es uns versuchen!“ Auch wenn Sido inhaltlich nicht immer ins Schwarze trifft und seine Selbstüberschätzung etwas viel wird, hat der Text durch seine Hoffnung auf eine bessere Welt besonders in der jetzigen Zeit durchaus Relevanz.

Epilog

Abschließend lassen sich einige Zusammenfassungen zu der untersuchten Reihe  von Liedern, die die Wendung „zu wahr um schön zu sein“ ganz oder teilweise im Titel tragen, machen: fünf unterschiedliche Künstler aus diversen Genres haben ihre ganz eigene Interpretation von „zu schön um wahr zu sein“ gefunden. Namentlich: melancholisch-depressiv (Hämatom), selbstkritisch reflektiert (Onkel Tom), nachdenklich (Dritte Wahl), ironisch verwirrt (Sondaschule) und selbstbewusst-hoffnungsvoll (Sido). Somit ist ein breites Spektrum an Emotionen abgedeckt, die auch von Resignation (Hämatom) und Unsicherheit (Onkel Tom) bis hin zu einem hoffnungsvollen Aufruf etwas zu ändern reichen (Sido).

Es gibt aber auch auffallende Parallelen. Mit der überraschenden Ausnahme Onkel Toms, der die Formulierung Zeilen auf das Sprecher-Ich selbst bezieht, wird ‚die Welt‘ als zu wahr um schön zu sein angesehen. Vier der fünf Lieder ist deshalb auch gemein, dass soziale oder politische Missstände thematisiert werden. Die genaue Ausführung variiert dabei freilich, in Hämatoms Lied führt die Erkenntnis beispielsweise zu einer sehr düsteren Stimmung, während sie bei Sido ins Hoffen auf eine bessere Welt mündet. Ähnlich variabel ist, ob die Texte im Allgemeinen verharren (wie bei Hämatom und Onkel Tom) oder genauere Details angeben, wer die Welt unschön macht (wie bei Dritte Wahl das Streben nach Reichtum oder bei Sondaschule die Umweltverschmutzung).

Kaum ein Lied enthält konkrete Hinweise, wie man die hässliche Welt verändern kann. Am ehesten tut dies Sido noch, wenn er z.B. den Kauf von billigen Kleidungsstücken verurteilt. In der Tat lässt sich in einer gespaltenen Welt, in der eines der wichtigsten Länder der Welt von einem Donald Trump regiert wird und in der die UNO vor einer Hungersnot, die 20 Millionen Menschen betrifft, warnt (vgl. zeit.de), der Feststellung , dass die Welt tatsächlich zu wahr um schön zu sein ist, wenig entgegenhalten. Doch, und hier wird der Text Onkel Toms wieder wichtig, sollte dies auch zur Selbstreflexion führen. Und die Unsicherheiten, die dadurch entstehen, teilen wir alle. Im Zweifel würde ich deshalb für Sidos „Lass es uns versuchen!“ gegenüber Hämatoms „Allein, allein“ plädieren.

Martin Christ, Oxford