Weicher Kern, harte Schale, Teil II. Selbstzweifel von unerwarteter Seite. Zu Onkel Toms „Zu wahr um schön zu sein“

Onkel Tom

Zu wahr um schön zu sein

Man kann es tun, man kann es lassen
Man kann es drehen, wie man will
Die einen lieben, was andere hassen
Ob man laut ist oder still
Soll man das Leid der anderen kennen
Oder ist man besser Schwein
Soll man alles niederbrennen
Nur um König der Asche zu sein

Zu alt um jung zu sterben
Zu krass um Held zu werden
Ein Schatten im Heiligenschein
Zu wahr um schön zu sein

Da bewegt man sich am Abgrund
Und ist für manche noch zu brav
Für die einen wie ein Bluthund
Für die anderen wie ein Schaf
Soll man denn wirklich etwas ändern
Andere verlieren, was ich gewinne
In einer Welt aus Blendern
Raubt es einem schnell die Sinne

Zu alt um jung zu sterben […]

Soll man die ganze Welt erneuern
Oder nur die Augen drehen
Soll man die ganze Ladung feuern
Oder auf Knien flehen
Man glaubt, man hat den Funken
Der das Feuer entfacht
Doch schnell ist der gesunken
Der aus Gold nur Scheiße macht

Zu alt um jung zu sterben […]

     [Onkel Tom: H.E.L.D. Steamhammer 2014.]

Ein Rocker reflektiert

Sänger aus Genres wie dem Punk oder Metal gelten nicht unbedingt als selbstkritisch. Schließlich gehört es zum Stereotyp des Rockers, sich völlig der Musik verschrieben zu haben und auch, wenn der Weg schwierig und lang ist, sich mit der Vorstellung der eigenen, originären Musik durchzusetzen. Typisch für diesen selbstbewussten Weg ist beispielswiese der AC/DC Klassiker It’s a long way to the top (if you want to rock’n roll), in dem der harte aber letzendlich erfolgreiche Weg in den Rockolymp glorifiziert wird. Umso überraschender präsentiert sich im hier vorgestellten Lied Onkel Tom, der sich gerne als rotziger Ruhrpottrocker stilisiert, beispielsweise im Lied Prolligkeit ist keine Schande.

Ganz reflektiert beginnt der Text mit der Feststellung von subjektiven Einschätzungen nicht näher definierter Leistungen. Zugespitzt wird in der ersten Strophe ausgedrückt, dass man es nie allen Recht machen kann. Der zunächst einmal offensichtlichen Feststellung, dass die „einen lieben, was andere hassen“, folgt dann ein breiter Fragenkatalog zum richtigen Verhalten. Dabei geht es um die Frage, ob man sich mit dem Leid der anderen beschäftigen soll oder dieses lieber ignoriert, in den letzten beiden Versen dann darum, ob sich ein radikaler Umbruch („alles niederbrennen“) letzten Endes lohnt. Schließlich wird gefragt ob ein Bruch mit Zwängen und Systemen wirklich zielführend ist („König der Asche“).

Schließlich wagt die Sprechinstanz den Blick in den Spiegel und auch wenn die erste Person nie verwendet wird, bezieht sich der Refrain in der hier vorgeschlagenen Lesart auf die Sprechinstanz, einen gealterten Rocker und damit ein Alter Ego Onkel Toms, selber. Also könnte man statt: ‚zu alt, um jung zu sterben…‘ auch sagen ‚ich bin zu alt um jung zu sterben…‘. Hier wird die Unsicherheit der Sprechinstanz besonders deutlich: Das Alter schreitet unaufhörlich voran (vgl. dazu auch den Vers „Ich glaub’s ja selbst kaum, ich bin noch am Leben“ des Liedes Ich bin noch am Leben auf dem gleichen Album), das Leben wurde „krass“ geführt und die Sprechinstanz befindet sich irgendwo zwischen Schatten und Licht. In den ersten Refrainzeilen gibt es noch keine Indikation, ob die Sprechinstanz es als gut oder schlecht empfindet „krass“ gelebt zu haben. Besonders die Tatsache, dass sie kein „Held“ ist, kann im Rockgenre auch positive Konnotationen haben, wo ein Anti-Held, der sich gegen Konventionen und Normen stellt, als positiv wahrgenommen werden kann.

Nicht so hier. Klar wird nämlich schließlich im Schlussvers, dass es sich bei dieser selbst-reflektiven Sprechinstanz um eine Person handelt, die es zumindest nicht ausschließlich als positiv empfindet, ein Anti-Held zu sein. „Zu wahr, um schön zu sein“, gibt klar zu erkennen, dass der Sprecher sich selber als ‚un-schön‘ sieht. Ganz im Gegensatz zu den anderen Texten in dieser Serie wird hier das „zu wahr um schön zu sein“ nicht auf die Welt an sich, sondern den Sprecher selber angewandt. Er scheint vom Leben enttäuscht.

Warum dies so ist, wird bereits in den ersten Strophen angedeutet, besonders in der zweiten. Die ersten zwei Verse dieser Strophe vermitteln den Eindruck, dass der Sprecher sein Bestes versucht, es allen Recht zu machen, und doch nie gut genug ist. Noch weiter geht es in den folgenden Versen, in denen durch Tiermetaphorik („Bluthund“ und „Schaf“) ausgedrückt wird, dass der Sprecher für die einen zu brav und für die anderen zu „krass“ ist und sich somit in einer Lage befindet, in der nichts gut genug ist. Versteht man die Sprechinstanz als einen gealterten Rocker, möglicherweise ein Alter Ego Onkel Toms, lässt sich noch weiter konkretisieren, dass dieses versucht Fans und Kritikern zu gefallen, aber damit nur bedingt Erfolg hat. Dieses Bild eines von externen Kritikern verunsicherten Rockers ist ein Gegenpol zum in schwarz gekleideten Rockstar, der umgeben von E-Gitarren, Bier und Zigarettenrauch von einer Frau zur nächsten hüpft. Unsicherheiten, so könnte man verallgemeinern, haben alle, nur manche sind besser darin sie zu verstecken.

Doch, und auch das zieht sich durch das ganze Lied, was der Befund aus dieser Verunsicherung ist, darüber ist sich die Sprechinstanz nicht sicher. So lautet die fragende Überleitung „Soll man wirklich etwas ändern“, um dann festzustellen, dass das, was die Sprechinstanz gewinnt, andere verlieren und es ohnehin nur Blender in der Welt gibt. Die Welt aus Blendern hat dem Sprecher ohnehin schon die Sinne geraubt, was wohl darauf hindeutet dass er deshalb selber nicht weiß, wie er sich verhalten, ob er „Bluthund“ oder „Schaf“ sein soll.

Auf ähnliche Weise wird in der letzten Strophe gefragt, ob man die Welt erneuern oder sich von ihr abwenden soll. Hierbei handelt es sich um eine Variation des Themas, das in der ersten Strophe durch die Verse „Soll man das Leid der anderen kennen / Oder ist man besser Schwein“ bereits eingeführt worden ist. Die gleiche Frage wird auch in den Versen drei und vier der letzten Strophe gestellt, wo gefragt wird, ob man einen radikalen Umbruch herbeisehnt („alles niederbrennen“ bzw. „die ganze Ladung feuern“). Als weitere Option, die nicht in der ersten Strophe vorkommt beinhaltet die letzte Strophe auch die Frage, ob man sich unterwerfen solle („auf Knien flehen“). Durch das Aufgreifen bereits eingeführter Themen erhält der Text auch eine gewisse Kohärenz, die sich durch den zentralen Fokus auf den Selbstzweifels noch verstärkt. So entgeht Onkel Tom der Auflistung von Klischees, die im Text von Hämatom (siehe Teil I) so ausgeprägt ist – auch wenn im hier besprochenen Text natürlich ebenfalls mit konventionellen Topoi wie Schatten/Licht gearbeitet wird. Der Kreis zwischen erster und letzter Strophe schließt sich mit der erneuten Verwendung von Feuermetaphern, doch endet die letzte Strophe auf eine pessimistische Weise, denn „Man glaubt, man hat den Funken“, macht dann aber doch nur aus Gold Scheiße. Blinder Aktionismus, so scheint hier nahegelegt zu werden, führt nicht immer ans Ziel.

Wie Onkel Tom an anderer Stelle ein überraschend positives Bild von Gott zeichnet (siehe Interpretation hier), überrascht er auch hier mit einem Liedtext, der voller Fragen und Unsicherheiten ist. Die Sprechinstanz wird sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten im Liedtext bewusst und bittet auf gewisse Weise den Hörer um Nachsicht, indem sie betont, dass sie versucht ihr Bestes zu geben. Die Sprechinstanz, die mit sich selber und der Welt hadert, hat auch eine repräsentative Funktion für Menschen, die an sich zweifeln. Dass dies so offen von einem Künstler dargestellt wird, der auch davon lebt, ein Image als saufender Trunkenbold zu zelebrieren, verdient Respekt.

Martin Christ, Oxford

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Ein Geschenk Gottes. Bier als Gottesgabe in Onkel Tom Angelrippers ‚1516‘

Onkel Tom Angelripper

1516 

Wir trinken wenig aber oft und dann viel 
Und sind bestrebt, dass uns kein Unglück geschieht 
Wir wollen kein Glas gefüllt mit Schaum und mit Schmerz 
Es kann so einfach sein mit Wasser, Hopfen, Malz 
Wasser, Hopfen, Malz

1516 
Da wurde der Herr geboren 
Von da an gab’s nur ein Gesetzt 
Das deutsche Reinheitsgebot 
1516 
Die Brauer sein gelobt 
Ein Segen für die Menschheit 
Das deutsche Reinheitsgebot

Es klingt wie Hochverrat, die ganze Welt braut Bier 
Doch nirgends schmeckt`s so gut wie in der Heimat hier 
Chemie und Pestizide haben bei uns verloren 
Ein schlechtes Bier das wird ganz schnell zu Gottes Zorn 
Schnell zu Gottes Zorn

1516 [...]

La, la, la, la, la, la, la, la, la, la 
La, la, la, la, la, la, la, la 
La, la, la, la, la, la, la, la, la, la 
La, la, la, la, la, la, la, la

1516 [...]

La, la, la, la, la, La, la, la, la, la

     [Onkel Tom Angelripper: Nunc est bibendum. Drakkar 2011.]

 

Gott und Metalmusik haben keine einfache Beziehung zueinander. Das 2013 veröffentlichte Comeback Album der Heavy Metal Pioniere Black Sabbath zum Beispiel enthält den Titel God is Dead? Während Black Sabbath durch das Fragezeichen am Ende des Titels zumindest noch etwas Interpretationsspielraum ermöglichen, sind andere Bands noch direkter: Im Lied Ode an den Niedergang von Eisregen wird Jesus beispielsweise als Bastard bezeichnet. White Metal Bands, welche ihre Religiosität in den Vordergrund stellen und mit klassischer Rock-Besetzung über christliche Themen singen, werden oft nur belächelt und spielen v.a. auf gesonderten christlichen Rockkonzerten und selten auf großen Metalfestivals. Beliebter als christliche Motive sind im Metal beispielsweise Darstellungen der Bandmitglieder als Wikinger mit Songs über Thor, Odin und andere nordische Göttern (vgl. AmonAmarth). Diese nordischen Götter werden somit als halb-ernste Alternative zu einem christlichen Glaubenssystem dargestellt.

Diese kritische Auseinandersetzung mit dem Christentum und die Kritik, welche implizit geäußert wird, sollte keinesfalls mit Satanismus o.ä. verwechselt werden, welcher in fast allen Metalgenres nicht vorhanden ist. Es gibt wohl auch keinen Metalhead, der tatsächlich zu Odin betet (am besten noch mit Tieropfern). Entsprechende Darstellungen in den Medien sind oft völlig unausgewogen und überspitzt und haben sehr wenig mit der Realität zu tun. Fast schon komisch ist beispielsweise eine Dokumentation zu diesem Thema aus dem Jahr 1990. Und es gibt durchaus auch Metallieder, in denen Gott positiv dargestellt wird – ein solches ist Onkel Tom Angelrippers Song 1516, in dem Gott den Metalheads deren liebstes Getränk herabgibt: Bier.

Im Refrain spielt Angelripper mit diesem Leitmotiv des Liedes: „1516 / Da wurde der Herr geboren / Von da an gab’s nur ein Gesetz / Das deutsche Reinheitsgebot“. Das Reinheitsgebot, welches besagt, dass beim Brauen nur Wasser, Hopfen und Malz verwendet werden dürfen, ist hier die Nullstunde nicht nur für die Braukunst, sondern auch für die Christenheit, ja für die ganze Menschheit. Der Heiland wurde 1516 geboren. Anstatt der biblischen Zehn Gebote gibt es nur ein Gesetz: nämlich das deutsche Reinheitsgebot. Logisch folgt, dass das Reinheitsgebot mit biblischen Worten beschrieben wird: „Ein Segen für die Menschheit“.

Zusammen mit dem Herrn ist also auch das wahre Bier auf die Erde gekommen. Zwar gab es vorher schon Bier und Religion, aber erst nach dem Jahr 1516 gab es den wahren und reinen Gerstensaft, wie er sein muss, und auch erst seitdem die wahre Religion. Der Herr ist also eng verbunden mit dem Getränk, welches er der Menschheit vermachte. Dies kann auch als Anspielung auf das christliche Abendmahlsverständnis interpretiert werden. Besonders in der katholischen Transsubstantionslehre ist Christus beim Abendmahl präsent. Allerdings ist in diesem Fall nicht der Wein das Blut Christi, sondern das Bier die Geburtsflüssigkeit.

Eine historische Ebene erhält diese Verbindung zwischen Bier und Christenheit durch die mittelalterliche und früh-neuzeitliche Bierproduktion in den Klöstern. Darstellungen von betrunkenen Mönchen mit großem Bierbauch sind in der Polemik der Reformationszeit ein beliebter Topos. Sie zeigen, wie weit verbreitet Klischees über den besoffenen Mönch waren, weil die evangelische Propaganda mit bereits existierenden Stereotypen spielt. Die Nähe der Mönche zu „ihrem“ Gerstensaft führte dabei häufig auch zu Streitigkeiten mit der städtischen Obrigkeit, die mit Bannmeilen und Gesetzen versuchte den Bierausschank in ihren Städten zu regulieren und dabei möglichst viel Geld einzutreiben. Der Bierausschank von Mönchen und Predigern, die oft durch das Kirchenrecht vor weltlichen Einschränkungen geschützt waren, war dabei stets unerwünscht. Schon im Mittelalter also hatte die Kirche eine enge Verbindung zum Bier, sogar gegen den Widerstand weltlicher Akteure.

Weil das Bier ein Geschenk Gottes ist, wird bereits in der ersten Strophe, ganz folgerichtig, schlechtes Bier als Gotteslästerung verstanden: „Und sind bestrebt, dass uns kein Unglück geschieht / Wir wollen kein Glas gefüllt mit Schaum und mit Schmer z/ Es kann so einfach sein mit Wasser, Hopfen, Malz“. Hier werden negative Emotionen (Schmerz) direkt mit einem schlechten oder schlecht gezapftem Bier (Schaum) verquickt und so ein schlechtes Bier, ganz zu schweigen von gar keinem Bier, mit Schmerz verbunden. Die Wichtigkeit des Schmerzes in der christlichen Mythologie – man denke z.B. an die Leiden Christi (bei denen mit der Verabreichung von Essig als Martergetränk ebenfalls etwas Flüssiges im Mittelpunkt steht) oder die Entbehrungen der Israeliten in der Wüste – greift hier wieder das Thema des Bieres als Gottesgeschenk auf. Schließlich wird die Gotteslästerung durch mangelhafte Braukunst auch in der Zeile „Ein schlechtes Bier das wird ganz schnell zu Gottes Zorn“ explizit herausgestellt. Das Reinheitsgebot, von Gott geschenkt, darf nicht abgewandelt oder ignoriert werden.

Angelripper fügt seinem religiös angehauchten Lied ebenfalls eine weltliche Ebene hinzu. Dies ist auch eine interessante Parallele zur frühen Neuzeit, aus welcher das Reinheitsgebot stammt, in der geistliche und weltliche Macht eng verbunden waren. Deshalb ist Bier nicht nach dem Reinheitsgebot zu brauen für Angelripper wie „Hochverrat“. Der Begriff des Hochverrats spiegelt die Verbindung aus weltlicher und geistlicher Macht wieder. Als Konsument oder Hersteller von schlechtem Bier begeht man gegen Deutschland als Biernation Hochverrat. Der Verrat aber spielt auch wiederum im Christentum eine zentrale Rolle, besonders durch Judas‘ Vertrauensbruch gegenüber Jesus.

Der Verweis auf ungewünschte Zusätze im Bier („Chemie und Pestizide“) kann durchaus auch als Seitenhieb auf andere bierbrauende Nationen verstanden werden, in denen sich die Nachricht des gottgegebenen Reinheitsgebotes noch nicht herumgesprochen hat. Diese sind somit durch den Konsum des falschen Gerstensaftes biertechnisch gesehen Heiden. Die nationale Beschränkung des Reinheitsgebotes auf Deutschland bedeutet natürlich auch, dass es nirgends so gut schmeckt „wie in der Heimat hier“, Deutschland also das auserwählte Land des Biergottes ist. Obwohl das Bier in Deutschland, laut Onkel Tom, am besten schmeckt, sind unsere österreichischen (knapp) und tschechischen Nachbarn (klar) uns in unserem Bierkonsum per capita überlegen (vgl. Wikipedia). Naja, die Qualität zählt ja und nicht die Quantität.

Wahrscheinlich ist es dem Konsum des göttlichen Gerstensaftes auch geschuldet, dass das Lied schließlich in ein lallendes Lalala übergeht, was ja auch wesentlich leichter mitzugröhlen ist als ein wortreicher Liedtext. Im völligen Suff schließlich verliert die Welt ihre Grausamkeit und stattdessen bringt man nur noch ein fröhlich-unbeschwertes Lalala zu Stande. Das Geschenk Gottes dient somit als bewusstseinserweiternde Droge, die Glücksgefühl, Ekstase hervorruft. Vielleicht ist diese Ekstase nicht unähnlich zu der, die religiöse Mystiker in ihrer Verbindung zu Gott fühlen. Im Vollrausch, ob stehend oder schon liegend, in friedvoller Umnachtung, mit einem alkoholisierten Grinsen auf den Lippen findet so vielleicht der eine oder andere ein kleines Stückchen vom Paradies.

Martin Christ, Oxford

 

Liederportrait II. Der Ewige Rocker: „Lemmy macht mir Mut“ von Onkel Tom Angelripper

Onkel Tom Angelripper

Lemmy macht mir Mut

Kein Alkohol und immer nüchtern,
Nie einen draufgemacht und immer schüchtern,
Keine Drogen und kein Exzess,
Vor der Ehe gar kein Sex,

Das alles trifft auf ihn nicht zu,
Auch wenn die ganze Welt zerbricht,
Und trotzdem lebt er immer noch,
Lemmy macht mir Mut,
Für mich wird er unsterblich sein,
Ein Mythos für die Ewigkeit,
Lemmy macht mir Mut.

Keine Spiele, die das Glück beherrscht,
Leise Töne völlig unverzerrt,
Statt Rotlicht und Vielweiberei,
Ein gutes Buch bei Kerzenschein,

Das alles trifft auf ihn nicht zu […]

Nikotin stets abgelehnt,
Und jeden Tag ein Stoßgebet,
Immer nur sich selbst geliebt,
Und stets hat die Vernunft gesiegt,

Das alles trifft auf ihn nicht zu […]

Lemmy...
Lemmy macht mir Mut,
Legenden sterben nie!

     [Onkel Tom Angelripper: Nunc est bibendum. Drakkar 2011.]

 

Innerhalb des Metal-Genres kommt es in diversen Subgenres zur Verwendung des Deutschen: vom Death Metal (Eisregen), über klassischen Hard Rock/ Heavy Metal (Die Böhsen Onkelz, Die Apokalyptischen Reiter, Frei.Wild) sowie „Spaß-Metal“ (Knorkator, J.B.O.) und vor allem beim Mittelaltermetal (Corvus Corax, Subway to Sally, In Extremo, Schandmaul). Besonders erwähnenswert sind hier außerdem Rammstein, deren Industrial Metal mit deutschen Gesang auch international erfolgreich ist, obwohl ihre Wortspiele oft nur auf Deutsch funktionieren, z.B. „Du has(s)t mich“. Auch im Thrash Metal gibt es mindestens einen prominenten Vertreter, der auf Deutsch textet: Thomas Such, besser bekannt unter seinem Künstlernamen (Onkel) Tom Angelripper.

In seinem Nebenprojekt beschäftigt sich der Bassist und Sänger der deutschen Thrash-Metal Band Sodom, die normalerweise ihre Texte auf Englisch verfasst, mit unpolitischen und humorvollen Themen – der Alkohol steht dabei oft im Vordergrund. Charakteristisch für den Thrash Metal ist schnelles und anspruchsvolles Gitarrenspiel, durchschlagende Schlagzeug-Beats und aggressiver Gesang, der oft Gewalt und politische Themen problematisiert. Nicht zu verwechseln ist Thrash hierbei mit Trash (= Müll), wie dies oft auch schriftlich geschieht.

Der Name Angelrippers geht auf die Diskrepanz zwischen seinem humoristischen Nebenprojekt und den Texten über Gewalt, die oftmals im Thrash-Metal gängig sind, mit wunderbarer Absurdität ein: der gemütlich-familiäre Name Onkel Tom wird dem zweiten Teil seines Namens, Angelripper (Deutsch: Engelszerreiser), entgegengesetzt. Die Liedtexte Angelrippers spielen oft mit Klischees des daueralkoholisierten Metalheads (beispielsweise im Lied „Schade, dass man Bier nicht ficken kann“). Besonders in der Frühphase seiner Solokarriere spielte Angelripper auch oft Cover von Schlagern und Saufliedern ein, beispielsweise Es gibt kein Bier auf Hawaii oder Blau blüht der Enzian.

Das Lied, welches im Folgenden besprochen werden soll, hat ein etwas anderes Thema. Es behandelt Ian „Lemmy“ Kilmister, Bassist, Gründer und Sänger der Hard Rock/Heavy Metal-Band Motörhead. Als Band der ersten Stunde in der „New Wave of British Heavy Metal“ genießt Motörhead und besonders deren Frontmann Lemmy absoluten Kultstatus. Seit dem Debut-Album Motörhead von 1977 hat Kilmister 22 Alben mit seiner Band veröffentlicht. Legenden über den Frontmann, besonders dessen Alkoholkonsum, kursieren in der Metalcommunity viele: zahlreiche Drogenexzesse, eine Flasche Jack Daniels zum Frühstück und die Anzahl der flachgelegten Groupies. Bemerkenswert an Kilmister: Im Gegensatz zu anderen Bands der 80er und frühen 90er Jahre hat Lemmy diesen ‚Rocker-Lebensstil‘ überraschenderweise durchgehalten. James Hetfield von Metallica beispielsweise wurde von seiner Vergangenheit früher eingeholt und trinkt nach einer Entziehungskur keinen Alkohol mehr (vgl. www.mtv.com). Schlimmer noch hat es z.B. Bon Scott, den ersten Leadsänger von AC/DC, getroffen, der an seinem eigenen Erbrochenen nach einer durchfeierten Nacht erstickte (vgl. www.ultimateclassicrock.com). Lemmys Durchhaltevermögen hat dazu geführt, dass er und sein Lebensstil als legendär angesehen werden – ein „Mythos für die Ewigkeit“.

Clever spielt Angelripper mit den Zuhörern seines Liedes, indem er in der Strophe auflistet, was Lemmy nicht tut. Sämtliche Klischees über den „Rocker-Lifestyle“ werden bedient: Alkohol, Drogen, Sex, aber auch Fannähe („immer nur sich selbst geliebt“). Zusätzlich beinhaltet der Liedtext Verweise auf Motörhead: „Keine Spiele, die das Glück beherrscht ist eine Anspielung auf Motörheads Ace of Spades, in dem es um das Kartenspiel des Lebens geht. „Leise Töne unverzerrt“ hingegen spielt auf die Behauptung Motörheads an, die lauteste Band der Welt sind. „Und jeden Tag ein Stoßgebet“ kann ebenfalls als Anspielung auf anti-religiöse Songs von Motörhead, wie beispielsweise God was Never on Your Side, verstanden werden.

Verfolgt man diesen Gedanken eines (anti-)religiösen Untertons weiter, lässt sich Lemmys Portraitierung als Exemplum eines Rockers verstehen. Als berühmte Figur illustriert Lemmy (anti-)moralische Ansichten, wie dies für ein Exemplum üblich ist: Trotz eines exzessiven Rocherdaseins ist es möglich lange zu leben. In diesem Sinne ermutigt Lemmy nicht nur Onkel Tom Angelripper, sondern auch andere Rocker, diesen Lebensstil nicht abzulegen. Als Verkörperung des „Sex, Drugs and Rock ‘n Roll“-Lifestyle, der gleichzeitig im christlichen Verständnis durch Glücksspiel, Sex vor der Ehe und exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum sündhaft ist, ist Lemmy ein Heiliger der Rocker und gleichzeitig ein Anti-Heiliger im christlichen Verständnis. In ähnlicher Weise thematisiert das Lied Bon Scott hab ich noch live gesehen, welches auf Lemmy macht mir Mut folgt, den Tod Bon Scotts, der durch sein Ableben im Rausch als Märtyrer für den Rocker-Lebensstil verstanden werden kann.

Besonders deutlich wird die Stellung Kilmisters als unzerstörbare Feste der Rock- und Metalgemeinschaft im Verspaar „Auch wenn die ganze Welt zerbricht/ Und trotzdem lebt er immer noch“. Als das Album Nunc est Bibendum, auf dem der Song zu finden ist, 2011 veröffentlicht wurde, war das Image des unzerstörbaren Lemmys noch intakt. Lemmy selbst spielt mit der Tatsache, dass er trotz Drogen und Alkohol immer noch lebt. Im bekanntesten Song der Band, The Ace of Spades, ersetzt er bei Live-Auftritten die Verse „I don’t want to live forever/ and don’t forget the joker“ mit „I don’t want to live forever/ but apparently I am“. Seit der Veröffentlichung des Albums allerdings hat wohl auch Lemmy (immerhin 69 Jahre alt) sein Alter und seinen Lebensstil zu spüren bekommen: Beim letztjährigen Wacken-Festival musste Motörhead ihren Auftritt nach ca. einer halben Stunde abbrechen. Zuvor wurde Lemmy bereits ein Herzschrittmacher eingesetzt (vgl. www.welt.de). Wie bereits betont ist dies, betrachtet man Lemmys Lebensstil, nicht wirklich verwunderlich. Es geschieht wahrscheinlich vor diesem Hintergrund, dass Angelripper Lemmy als unvernünftig darstellt („Und stets hat die Vernunft gesiegt“). Die Sprechinstanz gesteht somit zu, dass Lemmys Lebensstil legendär, aber nicht vernünftig ist. Trotz allem befinden sich Motörhead wieder auf Tour. Lemmy scheint tatsächlich „unsterblich“.

Auffallend ist Angelrippers wiederholte Aussage, dass Kilmister ihm Mut mache. Betrachtet man Angelrippers Äußerungen, so scheint dies auch eine Anspielung auf seine eigenen Ansichten über die Musikwelt zu sein. Nachdem Angelripper zehn Jahre unter Tage gearbeitet hatte, entschloss er sich mit 27, also relativ spät, hauptberuflich Musiker zu werden. Das Leben, welches er sich durch diesen Wechsel erhofft hatte, sieht er inzwischen sehr kritisch. Den Mut, den ihm Lemmy und andere Größen der Musikwelt gegeben haben, konnte er somit gut gebrauchen. Wenn auch in abgeschwächter Form, besingt Angelripper in seinem Lied nicht nur Lemmy als „Mythos für die Ewigkeit“, sondern die mutmachenden Qualitäten von Musikgrößen im Allgemeinen. Weil Angelripper inzwischen selber eine dieser Größen ist, macht sein Wandel vom Kumpel zu einem der bekanntesten Thrashmetalsänger der Welt auch jüngeren Musikern Mut. Legenden sterben nie!

Martin Christ, Oxford