Saisonale Vorfreudelieder religiösen Ursprungs: „Laßt uns froh und munter sein“ und „Niklaus, komm in unser Haus“

Anonym

Laßt uns froh und munter sein (Nikolauslied)

1. Laßt uns froh und munter sein
Und uns recht von Herzen freu'n!

Lustig, lustig, traleralera,
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

2. Bald ist uns're Schule aus,
Dann zieh'n wir vergnügt nach Haus.

3. Dann stell ich den Teller auf,
Niklaus legt gewiss was drauf.

4. Steht der Teller auf dem Tisch,
Sing ich nochmals froh und frisch:

5. Wenn ich schlaf, dann träume ich:
Jetzt bringt Niklaus was für mich.

6. Wenn ich aufgestanden bin,
Lauf ich schnell zum Teller hin.

7. Niklaus ist ein guter Mann,
Dem man nicht g'nug danken kann

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Sofern in Liederbüchern Näheres zu dem Lied angegeben ist, heißt es meistens: „Text und Melodie aus dem 19. Jahrhundert“. Einige Angaben lauten „Volksweise aus dem Rheinland oder Hunsrück“ oder „zugeschrieben Josef Annegarn“. Annegarn (1794-1843) war Priester, Schriftsteller und Professor der Theologie.

Die Frage, ob das folgende Nikolauslied mit derselben Melodie bekannter ist als Laßt uns froh und munter sein, dürfte je nach Region unterschiedlich beantwortet werden. Geht man jedoch von der Anzahl der Liederbücher und Tonträger aus, ist Niklaus, komm in unser Haus weit weniger populär (s. Abschnitt Rezeption).

Anonym

Niklaus, komm in unser Haus

Niklaus, komm in unser Haus,
pack die großen Taschen aus,

Lustig, lustig trallerallala!
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

Stell das Pferdchen unter den Tisch,
dass es Heu und Hafer frisst.

Heu und Hafer frisst es nicht,
Zuckerplätzchen kriegt es nicht.

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Auch bei diesem Lied ist nicht bekannt, von wem Text und Melodie stammen. Als Zeitraum der Entstehung des Liedes wird von den Volksliedforschern Ernst Klusen (Deutsche Lieder, 1981) und Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) übereinstimmend das 19. Jahrhundert genannt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Niklaus, komm in unser Haus als spätere Version den Refrain „Lustig, lustig trallerallala“ aus Laßt uns froh und munter sein übernommen hat.

Vergleich der beiden Lieder

Laßt uns froh und munter sein und Niklaus, komm in unser Haus enthalten in der ersten Strophe eine Aufforderung. Während sich Laßt uns froh und munter sein an die Sänger richtet, die Vorfreude auf den nahenden Niklausabend zu zeigen, drückt Niklaus, komm in unser Haus den Wunsch der Kinder aus, dass der Nikolaus zu ihnen kommen und – ganz direkt und ohne Umschweife – „die großen Taschen auspacken“ möge.

In den Strophen zwei und vier von Laßt uns froh und munter sein wird noch einmal die Freude ausgedrückt: Man zieht vergnügt nach Haus (wenn die Schule aus ist) und „singt froh und frisch“, wenn der Teller für die Gaben auf dem Tisch steht, denn das Sprecher-Ich ist gewiss, „Niklaus legt gewiss was drauf“.

Im Niklaus, komm in unser Haus wird darauf angespielt, dass der Nikolaus in einem  Pferdeschlitten fährt (in vielen Geschichten auch vom Himmel geflogen oder durch den Schornstein kommt). Vom Schlitten ist hier zwar nicht direkt die Rede, wohl aber vom Pferdchen, dass Nikolaus in der warmen Wohnung abstellen darf (damit es nicht draußen in der Kälte warten muss) und das Heu und Hafer zu fressen erhalten kann. So mitfühlend dies ist, so wird doch gleich der Zeigefinger erhoben, als das kleine Pferd das Fressen verweigert: „Zuckerplätzchen kriegt es nicht“. Ähnlich wie es in der Schwarzen Pädagogik formuliert würde: „Wenn du das nicht aufisst, bekommst du auch keinen Nachtisch“!

Der Nikolausabend beschäftigt in Laßt uns froh und munter sein das singende Kind so sehr, dass es sogar vom Nikolaus träumt. Es ist gewiss  – und sicherlich ist es bisher nicht enttäuscht worden – dass der Nikolaus ihm auch in diesem Jahr etwas bringen wird. Und am  folgenden Tag, kaum aufgestanden, läuft es schnell gucken, ob und womit der Teller gefüllt ist. Mit den Gaben zufrieden, wird der Nikolaus gelobt und überschwänglich ein indirekter Dank ausgesprochen.

Bei meinen Kindern erinnere ich mich, wie sehr sie sich auf den Nikolaus bzw. dessen Gaben gefreut haben, wenn sie mit strahlenden Gesichtern den in beiden Liedern vorhandenen Refrain: „Lustig, lustig trallallala …“ geschmettert haben.

Brauchtum und Kommerzialisierung

Nikolaus, verehrt sowohl in der römischen als auch in der griechischen Kirche als Heiliger, ist als Gabenspender auch in evangelischen und in nichtchristlichen Kreisen bekannt. Am 6. Dezember bringt er den Kindern Süßigkeiten und andere kleine Geschenke. Die Gaben können auf zweierlei Arten zu den Kindern kommen. Entweder stellen sie am 5. Dezember einen Stiefel oder Schuh vor die Wohnungs- oder Schlafzimmertür (in einigen Regionen sind es Strümpfe, die an die Türklinke oder ans Fenster gehängt werden) oder der Nikolaus kommt am 6. Dezember selbst, angetan mit rotem Mantel, Bischofsmütze (manchmal tut‘s auch eine Pudelmütze), Stiefeln und vor allem mit einem gutgefüllten Sack über dem Rücken. Der Vater, ein Verwandter oder auch ein vom „Nikolausdienst“ gegen Entgelt engagierter Mann, der den Nikolaus spielt, lässt sich häufig ein Nikolauslied vorsingen oder ein Gedicht aufsagen, bevor er dann einem Kind die Standardfrage stellt: „Bist du auch artig gewesen?“ – Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Kind nicht mit „Ja“ geantwortet hat. Und danach werden aus dem Sack die Gaben übergeben.

Ausgangspunkt dieses Brauchtums ist der heilige Nikolaus, der seit dem 6. Jahrhundert in Legenden auftaucht. In dem uns bekannten Nikolaus sind zwei Personen verschmolzen. Einmal der Bischof Nikolaus von Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei, der im dritten Jahrhundert (nach anderen Quellen im 4.) lebte, und das andere Mal der gleichnamige Nikolaus von Sion, einem Ort in der Nähe von Myra, aus dem sechsten Jahrhundert (vgl. NDR Kultur vom 5.12. 2016). Diesem Nikolaus, von dem wir heute aufgrund historisch-kritischer Forschungsergebnisse wissen, dass er fiktiv ist, werden zahlreiche Wunder zugeschrieben. Er soll z.B. einen Sturm besänftigt und mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben. Eine Geschichte erzählt davon, wie er einem verarmten Vater von drei Töchtern hilft: Der verarmte Vater steht aus Verzweiflung kurz davor, seine Töchter in die Prostitution zu schicken, als Nikolaus hilft, indem er heimlich in der Nacht Goldstücke durch das Fenster wirft. Nach einer „bereinigten“ Variante schenkte er einem armen Vater von drei Mädchen im heiratsfähigen Alter die Mitgift, damit sie ehrbar verheiratet werden konnten. Ferner soll er armen Familien mit Kindern heimlich Geld durch den Kamin geworfen haben, das dann in die daran aufgehängten Strümpfe fiel. Vor allem diese Legenden begründen den Mythos des barmherzigen Helfers und Beschützers, der unerkannt in der Nacht mit seinen Gaben Gutes tut.

Als Freund und Beschützer der Kinder wird der Heilige Nikolaus sowohl in Europa als auch in Asien und Amerika verehrt. Gemäß Wikipedia ist er  ist der Schutzpatron von Berufen wie Seefahrer, Binnenschiffer, Kaufmann, Rechtsanwalt, Apotheker, Metzger und Bäcker, von Getreidehändlern, Dreschern, Pfandleihern, Juristen, Schneidern, Küfern, Fuhrleuten und Salzsiedern. Nikolaus ist auch der Patron der Schüler und Studenten, Pilger und Reisenden, Liebenden und Gebärenden, der Alten, Ministranten und Kinder, aber auch von Dieben, Gefängniswärtern, Prostituierten und Gefangenen.

Der Kirchturm von St. Niklaus im Schweizer Kanton Wallis wird im Advent als Nikolausfigur dekoriert. Gemäß Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde handelt es sich dabei um die weltweit größte Nikolaus-Figur.

Das Brauchtum, dass Nikolaus den Kindern Gaben bringt, ist in einer Schrift des evangelischen Theologen Kirchmeyer seit dem Jahr 1555 belegt. Damals gab es Nüsse und Dörrobst (vgl. den alten Spruch: Sankt Nikolaus, leg mir ein, / was dein guter Will‘ mag sein. / Äpfel, Nuss und Mandelkerne / essen kleine Kinder gerne) und nützliche Dinge für den täglichen Gebrauch.

Im Mittelalter war es der Brauch, dass Klosterschüler am 5. Dezember einen „Kinderbischof“ wählten. Wie ein Bischof gekleidet, besuchte er am folgenden Tag die Klosterschule, ermahnte manche Schüler und belohnte andere mit Süßigkeiten. In einigen Gegenden mussten die Erwachsenen dem Kinderbischof gegenüber Rechenschaft ablegen, speziell über ihr Verhalten zu den Kindern. Daraus entwickelte sich umgekehrt unser noch heute bekannter Nikolausbrauch.

Da der katholische Ursprung des Gedenkens an den Bischof von Myra nicht in die reformatorischen Vorstellungen passte, schaffte Luther diesen Brauch ab. Stattdessen versuchte er, das Beschenken durch das Christkind am 25. Dezember zu beleben. Seitdem wurde die Bescherung auf Weihnachten verlegt, eine Sitte, die auch von den Katholiken übernommen wurde und in den meisten Ländern der Welt gepflegt wird.

Die reformierten Niederländer haben sich diesem Brauch widersetzt und lassen noch heute die Geschenke nicht zu Weihnachten, sondern von ihrem „Sinterklaas“ am 6. Dezember bringen. Auf diesen „Sinterklaas“ mit weißem Bart und rotem Gewand, der den Kindern am Heiligen Abend die Geschenke überreicht, geht der der Weihnachtsmann zurück.

Holländische Auswanderer brachten diese Tradition nach Nordamerika mit. Ab dem 19. Jahrhundert wird die Nikolausgestalt immer mehr verweltlicht; in den USA wurde aus dem „Sinterklaas“ der „Saint Claus“, der die Geschenke bringt. Eine Kommerzialisierung des Nikolausbruchs  begann Anfang des 20. Jahrhunderts, als 1915 das heute gewohnte Bild des beleibten, freundlichen Nikolaus von der US-amerikanischen Mineralwasserfirma White Rock zu Werbezwecken erfunden wurde. Bald verwendete die Firma Coca Cola Saint Claus als Figur in ihren Hausfarben rot-weiß für Anzeigen. Ab 1931 ließ Coca Cola den Nikolaus als gemütlichen alten Mann als Gestalt auf ihre Lieferwagen aufmalen ließ. Anschließend setzte eine weltweite Verbreitung dieser Aufmachung des Nikolaus ein.

Im süddeutschen Raum jedoch kennt man den Heiligen Nikolaus bis heute im traditionellen Bischofsgewand mit Stab und Mitra, der hohen Bischofsmütze. Im Norden dagegen hat sich die Vorstellung vom Nikolaus als gemütlichem alten Mann mit weißem Rauschebart und dickem roten Mantel durchgesetzt.

Rezeption

Nikolaus, komm in unser Haus ist in den bedeutenden Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts wie  Die Deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (drei Bände 1838-1845), herausgegeben von Ludwig Erk und Wilhelm Irmer, Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851) und im von Franz Magnus Böhme umgearbeiteten und ergänzten Deutschen Liederhort (1893/94, ursprünglich Ludwig Erk 1856) nicht enthalten. Für mich erstaunlich ist, dass dieser Text auch weder in einer Auflage von Karl Simrocks Das deutsche Kinderbuch (1842, 3. Auflage 1879) noch in der dreibändigen Ausgabe (1838-1845) Deutsches Kinderlied und Kinderspiel von Franz Magnus Böhme zu finden ist. Demnach ist es bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts mündlich überliefert worden.

Auch Laßt uns froh und munter sein ist in den von den mir online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern im 19. Jahrhundert nur in zwei Veröffentlichungen vertreten, nämlich 1885 im katholischen Liederheft Lieder für die Lambertusfeier zu Münster und 1897 in Deutsches Kinderlied und Kinderspiel.

Im 20. Jahrhundert ist Nikolaus, komm in unser Haus erstmalig 1938 im Liederbuch Sonnenlauf in Lied und Spruch um die Gezeiten des Jahres zu finden; danach allerdings nur in knapp 20 weiteren mir bekannten Liederbüchern. Mit einigen Varianten ist es im Katalog des Deutschen Musikarchivs (Stand 11/2017) auf neun Tonträgern vertreten.

Dagegen wurde Laßt uns froh und munter sein bereits seit 1905 (Macht das Tor auf) in zahlreiche Liederbücher aufgenommen, bis heute in weit über 100.

Im Vergleich zu Nikolaus, komm in unser Haus hat mich die außerordentlich große Anzahl der Tonträger (337) und der Musiknoten (705) mit Laßt uns froh und munter sein überrascht. Von den Fischer-Chören und dem Botho Lucas Chor bis hin zu den Wiener Sängerknaben und dem Nymphenburger Kinderchor, um nur die bekanntesten zu nennen, haben vor allem Chöre zur Adventszeit sich diesen Lieds angenommen. Auch zahlreiche bekannte Schlagersänger wie Heintje und Heino, Karel Gott („die goldne Stimme Prags“) und Peter Alexander, Vico Torriani und Hansi Hinterseer sowie Nena und Roger Whittaker haben Laßt uns froh und munter sein interpretiert. Abbi Hübners Old Merry Tale Jazzband hat sogar eine Version im Dixieland-Stil aufgenommen.

In Kindergärten und in vielen Familien werden ab erstem Adventssonntag, spätestens am 5. Dezember Nikolauslieder gesungen „Bald ist Niklausabend da!“ bzw. am 6. Dezember „Heut ist Niklausabend da!

 

Zu erwähnen ist noch, dass der Nikolaus eine Adresse hat, an die Kinder schreiben können, wenn sie einen Gruß vom Nikolaus haben möchten:

An den Nikolaus
66351 St. Nikolaus

Die Zahl der kleinen Briefschreiber beträgt mehrere 10.000.

Georg Nagel, Hamburg

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Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“

Anonym

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann,
hatt' Kleider nicht, hatt' Lumpen an.
"O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!"

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Roß stand still beim armen Mann,
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt'
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
Sankt Martin aber ritt in Eil'
hinweg mit seinem Mantelteil.

Heilige, lange zentraler Bestandteil des Volksglaubens als in allen erdenklichen Notsituationen anzurufende Schutzpatrone, haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv an Popularität verloren. Das mag zum einen daran liegen, dass das Gefühl, allen möglichen Gefahren vom Sturm auf See bis zum Blitzschlag hilflos ausgeliefert zu sein und also des übernatürlichen Beistands permanent zu bedürfen, in aufgeklärten und hochtechnisierten wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften nachgelassen hat. Zum anderen könnte gerade ein wichtiger Faktor, der ehemals für die immense Beliebtheit von Heiligen mitverantwortlich war, dazu beigetragen haben, dass die meisten von ihnen mittlerweile aus dem allgemeinen Bewusstsein verschunden sind: ihre meistens grausamen und oft bizarren Todesumstände. In Zeiten, in denen Sakralkunst wo nicht gar die einzige, so doch eine zentrale Kunstform darstellte, boten gerade die Märtyrerlegenden der frühen christlichen Heiligen (von den besonders im deutschsprachigen Raum beliebten vierzehn Notehlfern ist nur ein einziger nicht als Märtyter gestorben) Stoff für drastische Darstellungen, die, speziell bei Märtyrerinnen, auch Nacktheit zuließen, – heute würde man von Splatter oder zuweilen gar von Torture Porn sprechen.

Der von Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian mit seinem oft zwischen Schmerz und Verzückung oszillierenden Gesichtsausdruck stellt hier eine der bekanntesten, aber auch eine der noch harmlosesten Varianten dar.  Der heilige Dionysius von Paris beispielsweise soll nach seiner Enthauptung seinen abgeschlagenen Kopf genommen und in einer nahen Quelle gewaschen haben, um danach zu einem sechs Kilometer entfernten Ort zu gehen, wo er begraben werden wollte – in künstlerischen Darstellungen trägt er dabei zuweilen seinen Kopf in den Händen, obwohl der ihm gleichzeitig noch auf den Schultern sitzt. Und die Symbole der ‚heiligen drei Madl“, bekannt aus dem Merkvers „Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl“, deuten ebenfalls auf grotesk-grausame Märtyrien hin: Margaretha von Antiochia musste sich nicht nur im Gefängnis eines Drachens – des (Lind-)’Wurms‘ – erwehren, sondern wurde zudem ohne Ergebnis mit Fackeln versengt und in Öl gebraten, bevor sie schließlich enthauptet wurde; Barbara von Nikomedien wurde von ihrem Vater zunächst in einemm Turm inhaftiert, dann auf Geheiß des römischen Statthalters gefoltert, dass ihr die Haut in Fetzen vom Körper hing, und, als ihre Wunden von Christus geheilt worden waren, mit Keulen geschlagen, bevor ihr die Brüste abgetrennt, sie mit Fackeln gequält und sie schließlich von ihrem eigenen Vater enthauptet wurde; Katharina von Alexandrien schließlich sollte nach zwölftägiger Geißelung durch mehrere Räder, an denen Sägen und Nägel angebracht waren, getötet werden, was jedoch ein Engel verhinderte, woraufhin auch sie enthauptet wurde; aus ihren Wunden soll statt Blut Milch geflossen sein.

Man kann sich gut vorstellen, dass diese Legenden nicht nur auf Erwachsene, sondern gerade auch auf Kinder eine große Faszination ausgeübt haben dürften. Gerade im frühen Kinderalter, in dem erste religiöse Vorstellungen typischerweise vermittelt werden, dürfte man heute im Sinne einer Bewahrpädagogik aber derartige Überlieferungen aussparen. Und so hat auch die Popularität von Heiligen massiv abgenommen. Der heilige Florian von Lorch ist zwar, meistens dargestellt als überdimensionierte Figur in römischer Legionärsrüstung, die mit einem Eimer ein brennendes Haus löscht, als Wandmalerei noch an vielen Feuerwachen zu sehen; seine Legende besteht aber auch wieder vornehmlich aus seinem Märtyrium, bei dem er, nachdem ihm die Schulterblätter mit geschärften Eisen gebrochen worden waren, ertränkt wurde – daher ursprünglich der Wasserkübel als Symbol. Neben der drastischen Grausamkeit, die man Kindern heute nicht mehr zumuten möchte, erscheint auch der religionsdidaktische Gehalt der meisten Heiligenlegenden wenig zeitgemäß: Stets geht es darum, um des Glaubens willen den schlimmsten irdischen Qualen zu widerstehen.

Hier bildet  der heilige Martin von Tours in doppelter Hinsicht eine Ausnahme: Zum einen erlitt er keinen Märtyrertod, sondern wurde erst nach der konstantinischen Wende geboren und lebte ein langes Leben, in dessen Verlauf er zum Bischof aufstieg. Zum anderen illustriert die Episode der Legende, die für die Ikonographie bis heute prägend ist, eine andere christliche Tugend als die der unbedingten Beständigkeit im Glauben: die Nächstenliebe. Beides prädestiniert Martin zum idealen Heiligen bereits für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter – nicht zuletzt deshalb, weil er den Mantel eben nur teilt und nicht ganz weggibt.

Das bekannte Volkslied über ihn, das fester Bestandteil des Liederrepertoirs  bei Laternenumzügen am Martinstag ist, umfasste im Liederschatz für katholische Vereinigungen aller Art 1904 noch 20 Strophen (siehe Lieder-Archiv), jedoch kann die ausschließliche Kanonisierung der ersten vier als Ausdruck ästhetischer Kompetenz der vielen aktiven Rezipientinnen und Rezipienten gesehen werden. Denn aus der ausufernden Schilderung der spirituellen Erlebnisse und des kirchlichen Wirkens des Heiligen ist so ein relativ kurzer, einprägsamer erzählender Liedtext geworden, der zudem mit einer schönen inhaltlichen wie sprachlichen Schlusspointe versehen ist.

Die erste Strophe hebt anschaulich die Qualitäten des Legionärsmatels hervor und stellt so sicher, dass dessen spätere Teilung auch angemessen gewürdigt wird. Die zweite Strophe erweckt Mitleid mit dem Armen und führt dessen existentiell bedrohliche Situation in seiner wörtlichen Rede drastisch vor Augen. In der dritten Strophe wird deutlich, dass Martin aus einer tief empfundenen Regung und einer festen Überzeugung heraus handelt, da er nicht zögert, wie sowohl das Bild des angehaltenen Pferdes als auch das schöne Wort „unverweilt“ hervorheben. Die vierte Strophe schließlich bricht die feierliche Stimmung, die noch durch die Melodie verstärkt wird, indem sie eben nicht, wie man nach den ersten zwei Versen erwartet, mit dem Dank des armen Mannes und der Lobpreisung des Heiligen schließt, sondern damit, dass Sankt Martin schnell davonreitet – ob aus Bescheidenheit, weil er sich nicht für etwas danken lassen will, das für ihn selbstvesrtändlich ist, oder, weil der nunmehr nur noch halbe Mantel ihn eben nicht mehr so behaglich wärmt wie in der ersten Strophe und er schnell an sein Ziel gelangen möchte, bleibt offen. Beide Interpretationen bringen einem den Heiligen jedoch näher: Die erste macht ihn zusätzlich sympathisch, die zweite vergegenwärtigt, dass es sich um einen Menschen mit ganz banalen körperlichen Empfindungen gehandelt hat.

Auf sprachlicher Ebene wird das Pathos durch das Augenblickskompositum „Mantelteil“ gebrochen, das eine komische Wirkung entfaltet. Dieses komische Element baut eine bei Kindergartenkindern sehr beliebte mündlich tradierte Umdichtung aus:

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat,
sein Ross steht still am Colaautomat,
Sankt Martin wirft ne Münze ein
und trinkt die Cola ganz allein.

Diese Version frönt zum einen der (nicht nur) kindlichen Freude am Unsinn: Der Ritt durch Pommes und Salat mutet surreal an, und ist zudem, ebenso wie der Halt am Colaautomat, grob ahistorisch. Zum anderen konterkariert sie aber auch den offenkundig sehr wohl wahrgenommenen pädagogischen Impetus – Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt -, indem betont wird, dass Sankt Martin die Cola „ganz allein“ trinkt und also eben nicht teilt. Aber solange ein Lied parodiert wird, wird es noch ernst genommen. Insofern muss einem um die Bekanntheit und Beliebtheit des heiligen Martin nicht bange sein. Und eine Ikone der Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe ist wohl durchaus auch zeitgemäß.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

Albtraum-Schlaflied: „Maikäfer, flieg!“

Anonym 

Maikäfer, flieg!

Maikäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrannt.

Der Verfasser des Liedes ist bis heute unbekannt geblieben, und woher die Volksweise stammt, ist umstritten. In den mir zugänglichen Liederbüchern (Archiv Hubertus Schendel, und private Sammlungen) wird am häufigsten Pommern, bald danach Thüringen genannt. Dass auch Schleswig Holstein, Niedersachsen, die Eifel, das Vogtland und Südtirol erwähnt werden, deutet daraufhin, wie weit das Lied verbreitet war.

Ob mit „Pommerland“ tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, bleibt ebenfalls umstritten. Einige Forscher stellen einen Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg her, andere weisen darauf hin, dass bereits zu der Zeit Flugblätter mit Liedern kursierten, jedoch keine einzige Flugschrift mit dem Maikäfer-Lied bekannt sei. Außerdem seien Liedtexte mit dem Begriff „Pommerland“ erst rund 150 Jahre später bekannt geworden. Nachzuvollziehen ist der Hinweis des Historikers Hans Medick (geb. 1939) auf die Entstehung des „Pommerland-Verses“ im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem Pommern nach Eintritt Schwedens in die antipreußische Koalition neben Sachsen am stärksten von den Kriegshandlungen und -folgen betroffen war.

Einig sind sich die Volksliedforscher darin, dass Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), der fast 50 Texte von Johann Gottfried Herder vertonte, 1781 die heute bekannte Melodie nach einer alten Volksweise komponiert hat. Reichardt verwendete die Maikäfer-Melodie auch für die Vertonung des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf. Dieses nach einer Volksweise geschaffene Wiegenlied ist seit 1605 bekannt; auch die folgende Parodie hat das gleiche Versmaß wie das Maikäfer-Lied:

Bet, Kinder, bet,
morgen kommt der Schwed’,
morgen kommt der Ochsenstern,
der wird die Kinder beten lern [lehren].
Bet, Kinder, bet.

Dieses Lied, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte, stammt ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Wort „Ochsenstern“ bezieht sich auf Axel Oxenstierna, den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, der als Oberkommandierender der schwedischen Truppen hier als Schreckensfigur für die Kinder fungiert. So könnte das Maikäfer-Lied eine Umdichtung des „Ochsenstern-Liedes“ sein. Mündlich überliefert taucht Maikäfer, flieg gedruckt zum ersten Mal 1800 auf, und zwar in Otmars (= Johann Karl Christoph Nachtigal, 1753 – 1819, deutscher Theologe, Schriftsteller und Erzählforscher) Volcks-Sagen. Einige Jahre später wurde das Lied unter dem Titel Maykäfer-Lied in den ersten Band der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn in der folgenden Version aufgenommen:

Maykäfer, flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

Der Lied und Erzählforscher Heinz Rölleke meint, „Pulverland“ sei eine ironische Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“. In den Folgejahren tauchte das Lied in weiteren Fassungen auf, so heißt es einmal „Engelland ist abgebrannt“. Der Vers „deine Mutter ist in Engelland“ soll sich laut dem Volkskundler Wilhelm Mannhardt nicht auf England, sondern auf das „Land der Engel“, also den Himmel, beziehen. Aus der Zeit des Vormärz und der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert.

Der Maiakäfer fliegt,
Der Hecker ist em Kriag,
Der Hecker ist em Oberland,
Der Hecker ist em Unterland

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg
Der Struve ist im Oberland
Macht die Republik bekannt.

Der Advokat Friedrich Hecker (1811 – 1881), Anhänger der Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), rief 1848 in Konstanz die Republik aus, musste jedoch nach verlustreichen Kämpfen der Freischärler gegen die Badenser großherzoglichen Truppen untertauchen und floh in die USA. Sein Mitstreiter, der Rechtsanwalt Gustav Struve (1805-1870) setzte sich ebenfalls nach Amerika ab. Beide kämpften dort im Sezessionskrieg (1861-1864) für die Abschaffung der Sklaverei.

Der Maikäfer ist ein Frühlingsbote; man freut sich, „wenn alles schön grünet und blüht“ (2. Strophe des Liedes Im Märzen der Bauer). Wie wir früher als Kinder einen Maikäfer anhauchten, damit er losfliegen möge, so kann man sich hier ein Kind vorstellen, das sich damit tröstet, dass der Maikäfer fliegt, um seine verschollenen Eltern zu suchen und sie zurückzubringen. Der Vater ist wahrscheinlich zwangsrekrutiert worden, um im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) auf Seiten der Preußen gegen Schweden zu kämpfen. Die Mutter musste im Tross mitziehen oder ist von den Feinden verschleppt worden. So ist das Kind allein geblieben und haust in Ruinen („Pommerland ist abgebrannt“) mit anderen Kindern zusammen oder lebt bei seiner Großmutter in einer übrig gebliebenen Hütte so gut es geht, nachdem Soldaten das Land geplündert und gebrandschatzt haben.

Ungewiss bleibt, ob der kleine Sänger oder die kleine Sängerin bereits ein Waisenkind ist oder ob der Vater oder die Mutter oder beide jemals zurückkommen werden. Das Kind hofft, dass der Maikäfer als der gute Bote (vgl. Wenn ich ein Vöglein wär oder Kommt ein Vogel geflogen) den Eltern den Weg nach Hause zeigt. Es kann aber auch sein, dass das Kind das Lied nur für sich selbst singt, um die erlebten Zerstörungen und den vermeintlichen Verlust der Eltern zu verarbeiten. Ob es ein Bewältigungslied oder ein Lied der Hoffnung ist, bleibt offen.

Rezeption

Wie populär ein Lied ist, zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Liederbücher, Partituren oder Tonträgern mit dem Lied, sondern auch in der Verwendung des Incipits. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) finden sich 62 Bücher mit dem Titel Maikäfer flieg, davon fast die Hälfte der in verschiedenen Verlagen erschienenen Ausgaben von 1973 bis 2016 von Christine Nöstlinger mit dem Untertitel: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“. Dieses autobiographische Jugendbuch mit einer Auflage von mehreren 100.000 Exemplaren ist auch in Englisch, Französisch, Russisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch und Norwegisch erschienen.

Zwei Ausstellungen und die Kataloge dazu wurden mit Maikäfer flieg betitelt (Ruhrmuseum Essen, Kindheitserinnerungen, 2001 sowie Städtische Galerie und Kunstverein GRAZ Regensburg, 2004). Außerdem weist die DNB sieben Bilderbücher und sechs Erinnerungsbücher mit dem Titel aus, manche davon mit mehreren Ausgaben. Erwähnt werden sollen hier nur die Erinnerungen von Werburg Doerr mit dem Untertitel „Eine Kindheit jenseits der Oder“ mit hohen Auflagen in einem Verlag des Bertelsmann-Konzerns (2011), einer Taschenbuchausgabe bei Piper (2005) und einer ebenfalls auflagenstarken Edition des Weltbild Verlags (2004), nachdem das Buch von Hoffmann und Campe bereits 2003 verlegt worden war, und Peter Heinls Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit (1994).

Zusätzlich zu den 41 Partituren mit dem Titel Maikäfer flieg, die der Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA) Leipzig enthält, weist das DMA über 40 Tonträgern aus, die das Maikäfer-Lied enthalten. Nicht nur viele Kinderchöre, wie die Regensburger Domspatzen oder der NDR-Knabenchor singen das Lied, auch Heinz Rudolf Kunze interpretiert seine Kontrakaftur des Maikäfers auf mehreren CDs. Die Gruppe Die Grenzgänger, die u. a. politische Volkslieder im weiteren Sinne interpretiert, hat für ihre CD Maikäfer flieg – Verschollene Lieder 1914-1918 2014 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.

Der Vollständigkeit halber sei hier die österreichische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christine Nöstlinger aufgeführt, die im Jahr 2016 erfolgte (Trailer hier).

Obwohl noch 1999 nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts zwei von drei Deutschen (rund 65 %) das Maikäferlied kannte, hat die Popularität des Liedes in den letzten Jahren nachgelassen.

Georg Nagel, Hamburg

Anarchie in der Backstube. Zu Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“

Eine Pdf-Datei mit dem Text lässt sich hier auf der Homepage von Rolf Zuckowski aufrufen, der Abdruck an anderer Stelle wird dort untersagt.

Neulich beim Adventssingen im Kindergarten wurde wieder einmal deutlich, dass Rolf Zuckowskis In der Weihnachtsbäckerei zurecht der Status eines ‚neuen Volksliedes‘ zuerkannt werden kann – so klassifiziert es jedenfalls der Wikipedia-Artikel, den es sogar eigens zu dem Lied gibt. Bei Schneeflöckchen, Weißröckchen, Lasst uns froh und munter sein und anderen bekannten Weihnachtsliedern sangen die Kinder schon auch eifrig mit, aber bei der Weihnachtsbäckerei war der Enthusiasmus wie schon im Vorjahr am größten und die Lautstärke am höchsten. Zudem fiel die allgemeine Textsicherheit hier besonders auf. Worin liegt der spezielle Reiz dieses Liedes?

Dass der Text durchgehend in Paarreimen verfasst ist, macht ihn schon einmal leicht einprägsam. Die ebenso eingängige wie schmissige Refrainmelodie lässt sich prima im Chor schmettern. Dabei kann man inmitten der fünf- und siebensilbigen Zeilen die – semantisch passend – längere, nämlich neunsilbige Zeile „eine riesengroße Kleckerei“ ausgiebig zelebrieren.

Der melodische und rhythmische Wechsel zu den Strophen ist so deutlich wie wirkungsvoll. Hier werden jeweils einzelne Arbeitsschritte des Plätzchenbackens besungen, angefangen bei der Rezeptsuche und dem Vorheizen des Ofens, über die Zusammenstellung und das Verrühren der Zutaten bis zum Kneten, Ausstechen und Backen. Die Strophen sind teilweise dialogisch und pointiert gestaltet, was durch die Stufung der Zeilenlänge mit zweimal acht, dann einmal fünf und schließlich zwei Silben unterstützt wird. Auf diese Weise kommt die Komik des Liedes besser zur Geltung – gerade im Zusammenhang mit den im Text belassenen Leerstellen oder den wenig explizierten Inhalten: So ist das Rezept nicht auffindbar, denn es gilt, „frei nach Schnauze [zu] backen“; das Ei kommt nicht vorbei, sondern es ist mit ihm „vorbei“, es geht also wohl einfach zu Bruch oder klatscht daneben; und die Finger sind offenbar schmutzig und nicht „rein“, was nicht einfach durch ein ‚Nein‘ als sich reimende Antwort auf die betreffende Frage deutlich wird, sondern aus der rüden Beschimpfung „Du Schwein!“ zu erschließen ist. Auch den Schlussgag hebt der Strophenbau günstig hervor, wenn die Plätzchen zu allem Überfluss am Ende misslingen:

Sind die Plätzchen, die wir stechen,
erstmal auf den Ofenblechen,
warten wir gespannt –
verbrannt.

Das Lied präsentiert das vorweihnachtliche Plätzchenbacken also als Klamauk voller Pannen und als wonnevolles Scheitern. Der Weg ist das Ziel, und vergnügliches Chaos wird einem guten Ergebnis vorgezogen. Die (kleinen) Bäcker sind frei von jeglicher Leistungsanforderung. Das Backen ist hier entlastenderweise keine Arbeit, sondern ein Spiel.

Nicht zu unterschätzen in ihrer Attraktivität für Kinder sind sicherlich die Übertretungen, die auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene begangen werden. Im Refrain ist gleich frech von „so manche[m] Knilch“ die Rede, was durch die Verwendung von „Schwein“  als Schimpfwort noch überboten wird. Identifiziert man sich mit der hier besungenen Art des Backens, mutiert man freilich selbst zu so einem ungehobelten Typ, der wenig filigran vorgeht („Kleckerei“), schnell auf Rezepte pfeift („frei nach Schnauze“), es auf allerlei süße Sachen abgesehen hat („Leckerei“; „Schokolade, / Zucker, Honig und Sukkade [d. i. Zitronat, Anm. DD-R] / […] Zimt“), vom Teig nascht und am Ende noch nicht einmal ordentliche Plätzchen zustande bringt, weil das für ihn auch gar nicht die Hauptsache ist. Kleckern, nicht klotzen!

Rolf Zuckowski datiert die Entstehung des Liedes auf die Weihnachtszeit 1986. Die Veröffentlichung erfolgte 1987 auf dem Album Winterkinder. Bei seinem letzten großen Showauftritt im Fernsehen 2012 stand In der Weihnachtsbäckerei selbstverständlich im Mittelpunkt. Im Zuge der Recherche bin ich schnell auf diverse Cover-Versionen gestoßen, vor allem auf solche, in denen  das Lied schlagerhaft zugerichtet wird. Albernheit und Schlager (zumindest in der seit einigen Jahrzehnten dominierenden Spielart) vertragen sich nicht. In Michelles braver Hausfrauen-Variation (2002) beispielsweise wird „Du Schwein!“ durch „Na fein.“ ersetzt. Vielleicht fürchteten die Verantwortlichen, dass die Kinder dem Zielpublikum andernfalls allzu aufmüpfig erschienen wären. Wolfgang „Wolle“ Petrys leicht rockig instrumentierte Interpretation (Album: Freude 2. Na Klar/Sony Music 2000) betont demgegenüber gerade den Effekt der verbalen Übertretung, allerdings indem der kunstvollere Reim „Leckerei“/„Kleckerei“ der Modifikation „Eine riesengroße Schweinerei“ geopfert wird. In Helene Fischers Version soll das Lied durch eine aufwendigere Instrumentierung und im Bemühen um kunstvolleren Gesang offenbar eine ästhetische Aufwertung erfahren, die allerdings zu dem kindlich-anarchischen Inhalt nicht recht passen mag und den fröhlichen (ohnehin eigentlich harmlosen) Ungehorsam unter Preisgabe jeglichen Witzes erledigt. Aus den Backstubenrebellen werden auf diese Weise putzig-ungeschickte liebe Kinderlein – zumal in der Aufführung in der Wiener Hofburg mit dem Royal Philharmonic Orchestra (sic!) (erfrischend einseitig die Besprechung des gesamten Schwulst- und Pathos-triefenden Konzerts auf laut.de).

Weitere Beispiele aus der Schlagerhölle erübrigen sich (es gäbe noch mehr!). Am besten sollten Erwachsene wohl die Finger von dem Lied lassen – und es auch nicht mit Kindern für erwachsenes (insbesondere betagteres) Fernsehshow-Publikum inszenieren (auch hierfür finden sich viele Exempel). Immerhin reizte Otto Waalkes unlängst in einer Videoversion für die Sendung mit der Maus das anarchische Potenzial des Liedes, etwa durch Textvariationen wie „Irgendwas mit Schokolade, / Leberwurst, Senf und Pomade“.

Eine wesentlich stärkere Bearbeitung erfuhr das Lied 2009 in einer Parodie für die im NDR ausgestrahlte Sketch-Comedy-Sendung Dennis und Jesko von Dennis Kaupp und Jesko Friedrich. Aus Rolf Zuckowski wird bei dieser dialogisch angelegten Version ein gewisser „Ralf Grabowski“, der kläglich daran scheitert, stereotyp dargestellte schwer erziehbare, betreuungs- und therapiebedürftige Jugendliche zu kindlich-heiterer Weihnachtsbäckerei zu ermuntern. Die Schmunzelfröhlichkeit, die dem Lied wohl vor allem aus den oben angedeuteten Aufführungsroutinen im Fernsehen und Schlagerkontext anhaftet, prallt hier an der harten Realität von jungen Menschen ab, die schon mit ganz anderen Verfehlungen und Problemen als Kinderulk in der Backstube aufgefallen sind und dem ganzen vorweihnachtlichen Treiben keinerlei Zauber oder Spaß abgewinnen können.

In der Weihnachtsbäckerei
gibt es manche Leckerei.
Wer zusammen backt,
der ist beknackt,
denn Kekse gibt‘s doch abgepackt

In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Während ich hier Plätzchen backe,
klau’n wir Geld aus deiner Jacke.
Wo ist denn mein Scheck?
Der ist weg.

Ja was wollt ihr denn mit dem Geld, Kinder? Vielleicht …

… ein Geschenk für Oma kaufen?
Nein wir gehen zum Komasaufen.
Wo ist denn der Tim?
Hier drin!

Der hier guckt ja gar nicht heiter.
Das ist mein Sozialarbeiter.
Da ist doch was faul.
Halt’s Maul!

Greif mal zu und zwar recht tüchtig.
Nein, ich bin doch magersüchtig.
Willst du wirklich nicht?
Aber ich!

In der Weihnachtsbäckerei
gibt’s so manche Schlägerei.
Ob Schlag, ob Tritt,
alle machen mit
und die Polizei ist auch dabei.
In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

 

Einmal Dieb, immer Dieb: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ von Ernst Anschütz (1824)

Ernst Anschütz

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
gib sie wieder her,
gib sie wieder her,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.

Seine große, lange Flinte
schießt auf dich den Schrot,
schießt auf dich den Schrot,
dass dich färbt die rote Tinte
und dann bist du tot.

Liebes Füchslein, lass dir raten,
sei doch nur kein Dieb,
sei doch nur kein Dieb,
nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
mit der Maus vorlieb.

     [Text nach Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. Mainz 1999, 
     S. 108.]

Wie in so manchem Kinderlied älterer Bauart und ländlicher Herkunft (vgl. Alle meine Entchen) geht es mal wieder ums liebe Essen, hier speziell im Modus des Futterneids. Eine Gans ist weg und schon ist der Schuldige ausgemacht: Reinecke Fuchs! Im Lied wird mit keinem Wort angedeutet, dass man ihn in flagranti ertappt hätte (dafür ist er ja auch zu gerissen!), kein Zeuge hat am vermeintlichen Tatort seine Lunte gesichtet, geschweige denn sein Kennzeichen notiert. Nicht einmal einen genetischen Fingerabdruck scheint es zu geben – aber für die Sprechinstanz ist dennoch sofort ausgemacht, dass nur der berüchtigte Rotrock vom Stamme der Hundeartigen (Canidae) als Täter in Frage kommt. Obwohl sich die gegebene Indizienlage denkbar bescheiden ausnimmt, droht der Kläger dem Fuchs mit dem allmächtigen Sheriff des Märchenwalds, dem Jäger, der bekanntlich schon mit härteren Brocken – ich erinnere nur an Rotkäppchens Isegrim – kurzen Prozess gemacht hat.

Bei einem ordentlichen Gerichtsverfahren hätte ich als Reinekes Verteidiger zunächst einmal eingewandt, dass ja noch gar nicht ausgemacht ist, dass der abgängigen Gans etwas Schlimmes zugestoßen ist. Man wisse ja, wie neugierig diese großen Entenvögel, zumal im Teenie-Alter, zu sein pflegen: „Gänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein …“. Ein paar Tage später finden sich die naseweisen Ausreißer dann regelmäßig wieder bei Muttern ein: „… aber Mama weinte sehr, weil sie hat kein Gänschen mehr, da besinnt sich das Kind, eilt nach Haus geschwind.“ Vermutlich würde der Staatsanwalt darauf dem Gericht als Beweisstück ein Exemplar der Mittelbayerischen Zeitung vom 11. Juni 2009 präsentieren, worin von einem rheinland-pfälzischen Fuchs berichtet wird, der im Dorf Föhren über einige Wochen hinweg über 120 Schuhe geklaut hat; da sehe man es: Füchse sind chronische Diebe und wer vor den Schuhen seiner Nachbarn nicht zurückschreckt, habe sicher auch keine Hemmungen vor arglosen Gänsen! Nicht von ungefähr habe die christliche Ikonographie die Sünde über Jahrhunderte hinweg als Fuchs personifiziert …

Die Verteidigung empörte sich daraufhin medienwirksam, ließe beiläufig Reizwörter wie „Generalverdacht“, „Pauschalisierung“ oder „Rassismus“ fallen, um zu guter Letzt als Trumpf-As einen Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 29. Dezember 2009 aus dem Ärmel zu ziehen, der vom friedlich-multikulturellen Zusammenleben von Füchsen und Brandgänsen berichtet, und zwar ausgerechnet in Malepartus (Fuchs-Kessel), also quasi im Herzen der Finsternis. Wobei wir unser besonderes Augenmerk auch noch auf den Aspekt legen sollten, dass Brandgänse (Tadorna tadorna) als Halbgänse eine ziemlich kleine, für Füchse eigentlich mundgerecht proportionierte Gänsespezies darstellen. Spätestens hier dürfte die Anklage in sich zusammenbrechen.

Ich vermute, dass die Sprechinstanz unseres Liedes einen solchen – oder ähnlichen – Verlauf eines ordentlichen Prozesses antizipiert hat, weshalb sie sich in der zweiten Strophe statt aufs Argumentieren gleich aufs Drohen verlegt und dem auserkorenen Übeltäter einen Lynchakt mit blutigen, pardon! tintenroten Farben ausmalt. In Kommentaren zum Lied fand ich die Meinung, dass vom Autor die rote Tinte ins Spiel gebracht wird, um die Grausamkeit der Szene für zarte Kinderseelen abzumildern. Das glaube ich nun mitnichten, sondern gehe vom genauen Gegenteil aus. Bauernkindern des frühen 19. Jahrhunderts dürfte Tierblut eine vertraute Flüssigkeit gewesen sein, die mit so angenehmen Vorstellungen wie Schlachtfesten, Blutwürsten, rotem Pressack und ähnlichen Köstlichkeiten verbunden war. Zu roter Tinte sind ihnen dagegen vermutlich öffentliche Demütigungen, Prügelorgien und andere traumatische Erfahrungen eingefallen.

Die Sache mit der roten Tinte bestätigt m. E. auch die Autorschaft von Ernst Anschütz (1780-1861), der das Lied vom Gänseklau erstmals in seinem Musikalischen Schulgesangbuch (1. Heft, Leipzig 1824, S. 38; Angabe nach Weber-Kellermann 1997, S. 108) veröffentlicht hat. Anschütz, übrigens auch Verfasser des beliebten Weihnachtsliedes O Tannenbaum, war hauptberuflich Lehrer und wusste damit sicher bestens über die Möglichkeiten psychologischer Kriegsführung vermittels roter Tinte Bescheid. Mit dieser Anmerkung will ich aber nicht das herausragende musikalische Talent des Verfassers schmälern, der mehrere Instrumente spielte, ein glänzender Organist war und auch die Kunst des Töne-Setzens beherrschte. Die Melodie von Fuchs, du hast die Gans gestohlen stammt dessen ungeachtet nicht von ihm, sondern gilt als volkstümlich und wurde schon für ein Vorgängerlied (Wer die Gans gestohlen hat) verwendet.

Gerade noch in Lynch-Stimmung, rudert die Sprechinstanz in der dritten Strophe mit voller Kraft zurück. Anstatt dem schlimmer Gewalttaten Verdächtigten mit phallischen Flinten, Schrot und pädagogischen Schreckensinsignien zu drohen, bietet sie dem – unversehens verniedlichten – „Füchslein“ einen Handel an: Es solle vom Gänsebraten Abstand nehmen und sich stattdessen von Mäusen ernähren. Ohne Futterkonkurrenz ließe es sich miteinander aushalten. Ich denke, dass sich Reinecke darauf einlassen wird, entsprechen wehrhafte Gänse seinem Beuteschema doch weit weniger als Mäuse. Dass er damit dem Menschen noch sog. ,Schädlinge‘ vom Leib hält, wird er als Teil des Deals billigend in Kauf nehmen. Moderne Füchse, die sich für ein urbanes Leben entschieden haben, bevorzugen übrigens Müll, was aber auch in Ordnung geht, oder?

Hans-Peter Ecker (Bamberg)

Wauwau auf Abwegen: „Ein Hund kam in die Küche“

Ein Hund kam in die Küche

Ein Hund kam in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Hund entzwei.

Da kamen viele Hunde
und gruben ihm ein Grab.
Und setzten ihm ‘nen Grabstein,
worauf geschrieben war:

Ein Hund kam in die Küche [...]

[nach Belieben endlos weiter]

 

Ich notiere den Text so, wie ich ihn von Kindesbeinen an gesungen habe. Kleine Abweichungen sind in Deutschland weit verbreitet: z.B. benutzen die Köche mangels eines geeigneten Löffels gerne auch mal „Kellen“ oder „Messer“ als Mordwerkzeuge,  hin und wieder schlagen sie den diebischen Hund, der oft als „Mops“ spezifiziert wird, nicht nur halbherzig „entzwei“, sondern gleich komplett „zu Brei“ usw. Zwischen dem besungenen Mops und der dialektalen Bezeichnung ,mopsen‘ für ,klauen‘ scheint ein ironischer Zusammenhang zu bestehen (vgl. dazu auch den Hinweis in einem Beitrag vom 11.5.2010 zum Internet-Forum Talkteria).

Dieses Lied, das wahrhaft viel Böses und Trauriges in wenigen Zeilen versammelt, wird vom Volksliederarchiv gleichwohl als ,Scherzlied‘ eingestuft. Obwohl es mir fern liegt, dieser Klassifikation ausgewiesener Fachleute zu widersprechen, scheint es mir doch ein bedenkliches Licht auf den deutschen Humor zu werfen, der sich offensichtlich an Diebstahl, unverhältnismäßiger Rachsucht, brutalem Totschlag und Beerdigungen entzünden kann – und davon, wenn wir an die dem Lied inhärente Endlosschleife denken, offensichtlich gar nicht genug bekommen kann!

Immerhin muss man unserem schaurigen Endloslied, das zum Genre der Moritaten gerechnet werden darf, auch pädagogische Qualitäten zugute halten, die natürlich in erster Linie für Canoidea (gelegentlich auch als Caniformia bezeichnet, vulgo: Hundeartige) einschlägig sind. Mit dem zoologischen Überfamilienbegriff der ,Hundeartigen‘ schließe ich hier ausdrücklich auch Füchse ein, die m.E. ebenfalls, darin den Möpsen vergleichbar, in besonderer Weise zur Kleptomanie neigen (vgl. Fuchs, du hast die Gans gestohlen) und gegebenenfalls mit ähnlich unliebsamen Gewaltausbrüchen ihrer Opfer zu rechnen haben. Hund (im weitesten Sinne) könnte also aus dem Exempel die Lehre ziehen, Küchen generell als loci horribili zu begreifen und insofern konsequent zu meiden, was für häuslichen Frieden wie Hygiene gleichermaßen Vorteile mit sich brächte. Auf der anderen Seite wäre es aber auch Köchen dringlich anzuempfehlen, für den Totschlag von Haustieren nicht jene Küchenutensilien zu verwenden, mit denen sie gleich darauf wieder ihren beruflichen Pflichten nachgehen. Auf diese Weise verspielt man nur allzu rasch den einen oder anderen mühsam erarbeiteten Michelin-Stern!

Das brutale Geschehen unseres Hundesongs wird durch die grotesken Elemente der Handlung  ,entwirklicht‘, d.h. seines Schreckens beraubt und damit auch für Kinder kompatibel gestaltet. Der unverhältnismäßig hart bestrafte Eierdieb bekommt ein bürgerliches Grab und einen Gedenkstein dazu, der in literarischer Form sein tragisches Schicksal dem Vergessen entzieht und ihn so – durchaus im Hölderlinschen Sinne – unsterblich macht: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“. So ist der Mops – analog zu Comicfiguren wie Tom und Jerry – nie endgültig umzubringen, sondern entsteigt slapstickartig mit jeder zweiten Strophe seinem Grab, um abermals die Küche zu betreten usw. usw.: ein diebischer Sisyphos, der – und das ist die mythische Kehrseite der Medaille! – seinem Kontrahenten Verdruss in tantalischem Ausmaß zufügt. Diese Liedstruktur scheint mir ausgesprochen ,kindgerecht‘, insofern unsere lieben Kleinen bei vielen Spielen kein Ende finden können bzw. wollen.

Zum eigentlichen Liedtext, den ich hier auch wegen des schönen Begleitvideos und des Ei-Motivs bespreche, das so gut zu Ostern passt, scheint nun das Wichtigste gesagt. Allenfalls sind noch einige Informationen zur Entstehungssituation und Rezeption nachzutragen. Aus dem bereits erwähnten Volksliederarchiv ist fernerhin zu erfahren, dass Ein Hund kam in die Küche schon dem 19. Jahrhundert bekannt war (in dessen Mitte ich es deshalb praktischer Weise datiere) und sein Verfasser unbekannt geblieben ist. Andere Quellen vermuten diesen Anonymus im studentischen Milieu, ohne dafür konkrete Belege anführen zu können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man den Endlos-Song üblicherweise auf die Melodie von Mein Hut, der hat drei Ecken anstimmt, die – wie nun wieder das Volksliederarchiv ausführt –  venezianischen Ursprungs und 1816 vom ,Teufelsgeiger‘ Niccolò Paganini (1782-1840) durch sein Opus 10, „Carneval di Venezia, Variationen über „O mamma, mamma cara“ für Violine und Orchester, nach Deutschland gebracht worden sei.

Für die große Beliebtheit des schlichten Volks- und Kinderlieds von der eierklauenden Fellnase sprechen viele Variationen und Erweiterungen, die in speziellen deutschen Soziotopen in Gebrauch sind. Viele dieser Varianten weisen dialogische Strukturen zwischen einem Vorsänger (V) und einem Chor (A für ,Anhänger‘) auf, der bestimmte Verse nachsingt. Ein besonders schönes Beispiel liefert der nachfolgend vorgestellte Fangesang des Fußballclubs SC Preußen Münster 06 e.V. mit seiner genialen Lösung für den Lied-Schluss, welche die Endlosschleife des Scherzlieds vermeidet:

V: Ein Hund kam in die Küche.

A: Die Küche.

V: Die Kammer.

A: Die Kammer.

V: Die Speisekammer.

A: Die Speisekammer.

V: Und stahl dem Koch die Mettwurst.

A: Die Mettwurst.

V: Die Blutwurst.

A: Die Blutwurst.

V: Die Cervelatwurst.

A: Die Cervelatwurst.

V: Da kam der Koch mit der Kelle.

A: Der Kelle.

V: Dem Messer.

A: Dem Messer.

V: Dem Hackebeilchen.

A: Dem Hackebeilchen.

V: Und schlug dem Hund den Kopf ab.

A: Den Kopf ab.

V: Die Beine ab.

A: Die Beine ab.

V: Und alle seine Schwänze.

A: Und alle seine Schwänze.

V: Da kamen viele Hunde.

A: Viele Hunde.

V: Die Pinschers.

A: Die Pinschers.

V: Die Dackels.

A: Die Dackels.

V: Die Bernhardieners.

A: Die Bernhardieners.

V: Und schufen ihm ein Grabmal.

A: Ein Grabmal.

V: Ein Denkmal.

A: Ein Denkmal.

V: Ein Mausoleum.

A: Ein Mausoleum.

V: Und schrieben drauf mit Tinte.

A: Mit Tinte.

V: Mit Kuli.

A: Mit Kuli.

V: In schwarz-weiß-grüner Farbe.

A: In schwarz-weiß-grüner Farbe.

Ha, ho, he, nur der SCP! Ha, ho, he, nur der SCP!

 

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Zauberformel im karnevalistischen Olymp: Das „Heile, heile Gänsje“ von Martin Mundo (1929) bzw. Ernst Neger (1952)

Martin Mundo/Ernst Neger

Heile, heile Gänsje

Bei all den kleinen Kinderlein
gibt's manchen großen Schmerz,
hat's Püppchen was am Fingerlein,
bricht Mutti fast das Herz.
Dann kommt die Mama schnell herbei,
nimmt's Kindchen auf den Schoß
und sagt bedauernd: „Ei, ei, ei,
was hat mein Kindchen bloß?“
Bewegt sie es ans Herze zieht
und singet ihm zum Trost das Lied:

Heile, heile Gänsje,
‘s is bald widder gut,
‘s Kätzje hot e Schwänzje,
‘s is bald widder gut.
Heile, heile Mausespeck,
in hunnert Jahr‘ is alles weg.
Heile, heile Mausespeck,
in hunnert Jahr‘ is alles weg.

Und ist das Kindchen größer dann,
erwacht im Herz die Lieb.
Es dreht sich alles um den Mann,
den bösen Herzensdieb.
Und wenn das Herz in Flammen steht
vor Liebe, Lust und Glück,
der Mann gar oft von dannen geht,
läßt weinend es zurück.
Dann singt die Mutter angst und bang
das Lied das sie dem Kind einst sang:

Heile, heile Gänsje [...]

Das Leben ist kein Tanzlokal,
das Leben ist sehr ernst;
es bringt so manche Herzensqual,
wenn du es kennen lernst.
Doch brich nicht unter seiner Last,
sonst wärest du ein Tor,
und trag, was du zu tragen hast,
geduldig mit Humor.
Und denk dein ganzes Leben lang
ans Lied, das dir die Mutter sang:

Heile, heile Gänsje [...]

[Diverse Zusatzstrophen mit Zeitbezug, z.B. (von Georg Zimmer-Emden):]

Wär ich einmal der Herrgott heut,
so wüsste ich nur ääns:
Ich nähm‘ in meine Arme weit
mein arm‘ zertrümmert Määnz
und streichelt‘ es ganz sanft und lind
und sag: „Hab nur Geduld,
ich bau‘ dich widder auf geschwind,
du warst doch gar nicht schuld.
Ich mach‘ dich widder wunnerschee,
du kannst, du darfst nit unnergeh!“

Heile, heile Gänsje [...]

     [Rohtext von Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. 
     Mainz 1997, S. 68 f. Versgliederung, kleinere Veränderungen bei 
     Orthographie und Interpunktion von mir.]

Das 1929 für die Mainzer Fasenacht von Martin Johann Mundo (1882-1941) getextete, komponierte und auch vorgetragene Lied hat ältere Wurzeln in Kinderreimen des 19. Jahrhunderts, die man kleinen Kindern – im sog. ,Hätschelalter‘ – zum Trost vorsagte, wie z.B. „Heile, heile Segen! / Morgen gibt es Regen, / Uebermorgen Schnee: / Thut’s Kindle nicht mehr weh.“ Oder: „Heile, heile Kätzchen / ’s Kätzchen hat vier Beine / Und einen langen Schwanz: / Morgen ist Alles wieder ganz!“ usw. usw. Solche Sprüche sind bei Karl Simrock (Das deutsche Kinderbuch) und in vergleichbaren Sammlungen traditioneller Kinderverse und -lieder mehrfach überliefert, darunter auch Varianten mit dem Anfang „Heile, heile Gänsje“.

Martin Mundo war seinerzeit eine tragende Säule des MCC, der in vielen Auftritten die Rolle des Vater Knörzel verkörperte. Für die Zeit des Nationalsozialismus, der in Mainz ohnehin nur schwer Fuß fassen konnte, wird er als prominente karnevalistische Widerstandsfigur angeführt. So berichtet der Historiker Markus Leifeld in einem Interview von einer giftigen Büttenrede Mundos über die ,Idiotie des Herings‘, die in der Kampagne 1935 Hermann Göring aufs Korn genommen hatte. Dieser satirische Angriff blieb nicht ohne Folgen: Die Nazis verhafteten ihn und andere Narren und durchsuchten seine Wohnung, woraufhin seine Frau einen Herzinfarkt erlitt. Um 11.11 Uhr ließ ihn der Mainzer Gauleiter wieder frei, bezeichnete alles als einen Ulk und lud die Narren zu einem Katerfrühstück. Heile, heile Gänsje?

Zu seinem durchschlagenden, viele Jahre überdauernden Erfolg verhalf dem Karnevalsschlager nach dem Zweiten Weltkrieg dann allerdings der ,singende Dachdeckermeister‘, Ernst Neger. Mainz war damals durch den britischen Bombenangriff vom 27. Februar 1945 fast komplett zerstört, außerdem durch die politische Zonengliederung der Alliierten von seinen rechtsrheinischen Stadtteilen abgetrennt. Als Ernst Neger das Lied im Jahre 1952, ergänzt um eine (manchmal auch zwei) aktualisierende Zusatzstrophe(n) von Georg Zimmer-Emden, vortrug, rührte er sein Saalpublikum zu Tränen. (Übrigens hatte bereits Mundo seiner Liedfassung ein politisches da capo angehängt, das damals auf die französische Besatzung gemünzt war; vgl. den einschlägigen Wikipedia-Artikel.) In den Folgejahren forderte man nach jedem seiner Auftritte rituell das ,Gänsje‘ als Zugabe.

In den Wirtschaftswunderjahren schien sich die Lehre des Trostliedes zu bewahrheiten, sein psychologischer Doppelbezug – Erinnerung an die erlittenen Verletzungen und zugleich die Erfahrung der den Schrecken mildernden, ja ,heilenden‘ Wirkung der verstreichenden Zeit – besaß damals eine ungeheure emotionale Wucht, die ein heutiges Publikum – zumindest als Kollektiv – kaum mehr nachvollziehen kann. Insofern verwundert es mich einigermaßen, dass das Heile-Gänsje 2009 bei einer Umfrage des Südwest-Fernsehens (überregionale Befragungen erbringen natürlich andere Ergebnisse!) unter 111 zur Auswahl angebotenen Karnevalhits immer noch den Spitzenplatz belegte. Einen wesentlichen Teil besagter ,Wucht‘ schreibe ich dem Regressions-Angebot des Liedes zu: Dem Rezipienten wird die Rolle eines Kleinkinds angetragen, er darf sich fallen und von einer liebevollen, mütterlichen Sprecherinstanz trösten lassen. Tränen sind in dieser Situation ausdrücklich erlaubt, auch und gerade im karnevalistischen Rahmen, der ohnehin die Normen des Alltags lockert.

Durch den Beginn der deutschlandweiten Fernsehübertragungen der zentralen Prunksitzung der größten Mainzer Karnevalsvereine im Jahre 1955 erlangte das Heile-Gänsje einen nationalen Bekanntheitsgrad, Ernst Neger und sein blinder Begleiter am Klavier, der Pianist und Komponist Toni Hämmerle, stiegen zu Karnevalstars auf. Mit dem Humba Tätärä, einem eigenen Titel, der bereits auf einen neuen gesellschaftlichen Hintergrund verweist, konnte das Duo 1964 seinen früheren Mega-Erfolg noch einmal wiederholen, wenn nicht sogar toppen.

Die Erzählstrophen des Liedes von Martin Mundo berichten von der ersten Erfahrung eines Kleinkinds mit der tröstlichen Zauberformel vom ,Heile-Gänsje‘ und einer späteren Wiederholung (bzw. lerntheoretischen ,Befestigung‘) dieser Situation im jugendlichen Alter. Die dritte Liedstrophe formuliert dann eine aus jenen Erfahrungen ableitbare lebenspraktische, im Grunde stoische Quintessenz: Man dürfe sich von Leid und Unglück nicht unterkriegen lassen, sondern müsse sein Schicksal mit Geduld und Humor annehmen. Dabei helfe einem die in dem alten Kinderlied aufgehobene Erfahrung, dass Zeit alle Wunden heile. Allerdings lohnt es sich, den Refrain dieses (vorgeblichen) Trostliedes genauer zu betrachten.

Die Verse des Refrains sind kürzer als die der erzählenden Liedstrophen, in der Folge stehen die Reime hier dichter. Einigermaßen unsinnige Aussagen bzw. Satzfragmente, mischen sich mit suggestiv wiederholten Beschwörungen, dass die Welt bald wieder in Ordnung kommen, der Schaden wieder heilen wird. Als ,Gesamtkunstwerk‘ erinnert der Refrain des Liedes an einen Zauberspruch, der seine Kraft nicht aus logischer Argumentation zieht, sondern aus einem sprachlichen Ritual, das von einem machtvollen Sprecherfigur (hier einer gegenüber dem Kind allmächtigen Mutterfigur) korrekt artikuliert wird. Damit funktioniert die ,Zauberei‘ dieses Liedes durchaus analog zum priesterlichen Vollzug eines katholischen Sakraments oder zum Aufsagen eines Merseburger Zauberspruchs durch einen kompetenten Heiler. Von den genannten Vergleichsritualen unterscheidet sich unser Refrain natürlich durch Bausteine, die der kindlichen Vorstellungssphäre entsprechen, und einen ganz speziellen, verzweifelten Humor: „Heile, heile Mausespeck, / in hunnert Jahr‘ is alles weg.“ Absolut mitgedacht wird hier, wenn auch wahrscheinlich nicht auf Seiten des zu tröstenden Kindes, aber mit Sicherheit auf Seiten der tröstenden Mutter, dass für einen Menschen seine Leidenszeit erst mit dem Tode beendet sein wird.

Dass wir Menschen diese eine Sicherheit haben, nicht mehr – aber eben doch wenigstens diese, ist wirklich tröstlich und ein echter Fortschritt, z.B. gegenüber jenen dialektischen Angeboten, die uns von Religionen angeboten werden. Besagte Einsicht scheint mir zutiefst humoristisch und somit gebührt dem Heile-Gänsje sein Platz im karnevalistischen Olymp auch zu Recht. (Dass das auch die Jecken von der kölschen Konkurrenz so sehen, gereicht ihnen unbedingt zur Ehre!)

Hans-Peter Ecker, Bamberg