„Guten Abend, gut‘ Nacht“ – Vom Liebeslied zum Schlaflied

Guten Abend, gut' Nacht

Guten Abend, gute Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

Guten Abend, gute Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süß,
schau im Traum's Paradies.

Herkunft und Entstehung

Geht man von der Anzahl der Liederbücher aus (soweit ich sie in online-Archiven und Privatbibliotheken einsehen konnte), dann ist Guten Abend, gut‘ Nacht mit fast 300 Nennungen mit Abstand das beliebteste Schlaflied vor Die Blümelein sie schlafen (rund 250) und Müde bin ich, geh zur Ruh (rund 120). Als Wiegenlied wird es gern kleinen Kindern zum Einschlafen vorgesungen. Gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke machte die Vertonung von Brahms das Lied „unsterblich und weltberühmt“ (Das große Buch der Volkslieder, 2015, S. 139). Volksliedforscher führen die erste Strophe auf einen Gutenachtwunsch aus dem 15. Jahrhundert zurück (so u. a. Ernst Klusen: Deutsche Volkslieder, 2. Auflage 1981, S. 822; Rölleke: a.a.O.). Eine niederdeutsche Textversion erschien 1800 in dem Holsteinischen Idiotikon – Ein Beitrag zur Volkssittengeschichte, herausgegeben von dem Schriftsteller Johann Friedrich Schütze (1758-1810):

Godn Abend, gode Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Negelken besteeken,
krup ünner de Deeken,
Morgen frö wills God,
wöl wi uns wedder spreeken.

Dieser Text wurde von Clemens Brentano (1778-1842) in die uns noch heute bekannte hochdeutsche Fassung übertragen, ein Grund, weshalb er in manchen Liederbüchern und online-Veröffentlichungen fälschlicherweise als Autor bezeichnet wird. Veröffentlicht wurde das Gedicht mit dem Titel Gute Nacht, mein Kind 1808 im Anhang Kinderlieder (s. dazu nächsten Abschnitt) zum dritten Band der von den romantischen Schriftstellern Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano herausgegebenen Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn.

Als Verfasser der zweiten Strophe wird In vielen Liederbüchern der Philologieprofessor und Volksliedsammler Georg Scherer (1828-1909) angegeben. Scherer selbst hat dazu beigetragen, indem er in seiner Kinderliedersammlung Alte und neue Kinderlieder (1849) im Inhaltsverzeichnis zu Gute Nacht, mein Kind „Wdhr. – Scherer“  aufführt (vgl. Xaver Frühbeis: Geheimbotschaft an Bertha Faber: „Guten Abend, gut Nacht“. BR-Klassik Mittagsmusik extra vom 3. Januar 2013). Hinsichtlich „Scherer“ hält der Liedersammler Theo Mang in Der Liederquell (2015, S. 142) diese Angabe für wahrscheinlich. Volksliedforscher wie Klusen (S. 822) und Rölleke (S. 139) halten die Autorenschaft Scherers allein aufgrund dieser Selbstangabe für nicht belegt. Ihnen zufolge sei wahre Verfasser von „Guten Abend, gute Nacht, von Englein bewacht …“ nicht bekannt.

 

Die Reihe der Irrtümer über die zweite Strophe setzt sich fort, wenn in einigen Liederbüchern der Dichter und Philologe Karl Simrock (1802 – 1876) als Autor genannt wird. Simrock ist nur der Verleger. Er hatte zunächst nur die erste Strophe in Das deutsche Kinderbuch (1856) aufgenommen hatte und später die zweite Strophe dazu gefügt. Einige Jahre noch vor der später weltbekannt gewordenen Melodie von Johannes Brahms hat Scherer selbst die beiden Verse vertont, jedoch damit keinen Erfolg gehabt. Brahms (1833 – 1897) fand die Verse in Simrocks Kinderbuch und vertonte sie 1868 mit einer Widmung an Bertha Faber.

„Grundlage für die von Brahms komponierte Gegenstimme war eine Volksweise des oberösterreichischen Ländlers ‘s is anderscht mit der Zeile „Du moanst wohl die Liab last sich zwinge“ (Mang, S. 142). Diesen Ländler hatte die Choristin Bertha Faber ihrem Chorleiter Brahms in Hamburg vorgesungen. Ob es eine Anspielung auf Brahms gescheiterte Werbeversuche war, ist nicht gesichert.

WDR online, 22.12.2014:22.12.1869 – Erste Aufführung „Guten Abend, gut‘ Nacht“

Nach der erstmaligen Aufführung in einem Konzert im Dezember 1869, am Klavier Brahms große Liebe Clara Schumann, verbreitete sich das Stück aufgrund „der innigen Schlichtheit“ schnell in ganz Deutschland.

„Der Verleger Karl Simrock verdient gut daran und veröffentlicht Bearbeitungen für Klavier zu zwei, vier und sechs Händen, mit Violine, Flöte, Cello, Harfe oder Zither, für Männerchor und Orchester. Brahms schreibt voller Ironie: ‚Wie wär’s, wenn Sie vom Wiegenlied auch Ausgaben in Moll machten, für unartige oder kränkelnde Kinder? Das wäre noch eine Möglichkeit, die Zahl der Ausgaben zu vermehren!'“ (Online-Artikel von Christian Kosfeld, WDR vom 22.12.2014).

Wie aus dem Liebeslied ein Kinderlied wurde

Ob der erste Vers ursprünglich als Gutenachtwunsch mündlich ausgesprochen wurde, ist nicht bekannt. Jedoch wurden aus spätmittelalterlichen Liebesbriefen einige Vorläufer des Liedes überliefert; hier ist eine Variante (vgl. Mang, S. 142):

Ich wünsche dir eine gute nacht*
von rosen ein dach
von liligen (Lilien) ein pet (Bett)
von feyal (Veilchen) ein deck (eine Decke)
von muschschat (Muskatnussbaum) ein duer (eine Tür)
von negellein (Nelken) ein rigel darfür (ein Riegel davor).

* In einer anderen Version: „Got geb euch eine gute nacht“

Im Mittelalter wie noch heute symbolisiert die Rose die Liebe. Ob es mittelalterlich „von rosen ein dach“ oder hochdeutsch „mit Rosen bedacht“(= bedeckt) heißt, in beiden Fällen wird metaphorisch Zuneigung ausgedrückt. Vor allem rote Rosen gelten als Zeichen der Liebe, die als Werbung oder als Bestätigung einem geliebten Menschen überreicht werden.

Lilien bedeuten auf mittelalterlichen Gemälden neben Maria, der Mutter Jesu, die unbefleckte Empfängnis, die jungfräuliche Mutterschaft. Heute signalisieren vor allem weiße Lilien Hochachtung und Zuneigung. Veilchen symbolisieren meistens Hoffnung, aber auch Jungfräulichkeit sowie Treue und Liebe (vgl. auch Marianne Beuchert: Symbolik der Pflanzen, 2004).

Als im 16. Jahrhundert die Muskatnuss nach Europa kam, wurde bald bekannt, dass sie nicht nur Schlafstörungen beseitigen hilft, sondern ihr ätherisches Öl auch aphrodisische Qualitäten hat. Es ist also weniger das Holz des Muskatbaums, sondern es sind vielmehr die auf ihm wachsenden Nüsse, die im Gutenachtwunsch gemeint sein dürften. Heute werden Muskatnüsse weniger als „Hausmittel“, sondern vielmehr als Gewürz verwendet.

Weniger bekannt ist, dass rote Nelken für Erotik und rosa Nelken für innige Liebe stehen. Eine andere Deutung der „negellein“ besagt, dass es sich hier um eine sprachlich veraltete Bezeichnung für Gewürznelken handelt. Diese Nelken wurden wegen ihres ausgestrahlten ätherischen Öls zur damaligen Zeit benutzt, um vor Insekten und Krankheitserregern zu schützen. Auch diese Deutung des Symbols Nelken weist auf ein Liebeslied hin. Es ist verständlich, dass ein Mann seiner Angebeteten wünscht, sie möge vor Insektenstichen und Krankheiten bewahrt bleiben.

So zeigen die Blumensymbole Rose, Nelken und Veilchen ebenso wie die Muskatnuss eindeutig, dass es sich hier um ein Liebesgedicht handelt.

Die Übertragung der niederdeutschen Fassung Godn Abend, gode Nacht (s.o.) ins Hochdeutsche wurde 1808 in die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn aufgenommen. Dabei unterlief den Herausgebern ein Fehler, indem sie das Lied unter Kinderlieder in den Anhang zum dritten Band 1808 einordneten.

  

Fotos: Wikipedia: Foto H.- P. Haack

Auch der angebliche Verfasser der zweiten Strophe Scherer nahm 1849 das Lied in seine Sammlung Alte und neue Kinderlieder auf. Seitdem gilt es noch heute als Schlaf- bzw. Wiegenlied (vgl. auch Brahms Lullaby). Dazu beigetragen haben sicherlich auch die Diminutive „Englein“ und Christkindlein[]“. Nicht bekannt ist, wie der weihnachtliche Bezug – „Christkindleins Baum“ – in die zweite Strophe kam.

Wie bereits oben ausgeführt, handelte es sich jedoch um ein Liebeslied.  Außerdem wird man einem Kind wohl kaum vor dem Einschlafen sagen: ‚Morgen früh, wenn Gott will, werden wir uns wieder sprechen.‘

Rezeption

Nach der Vertonung 1868 durch Johannes Brahms wurde das Lied zunächst mit der ersten Strophe in niederdeutscher Fassung in Norddeutschland populär. Einige Jahre später war es in der hochdeutschen Version mit beiden Strophen in ganz Deutschland beliebt und darüber hinaus auch in Österreich und in der Schweiz. In Großbritannien, den USA und vielen anderen Ländern wurde es im Laufe der Zeit als Brahms Lullaby bekannt.

Eines der ersten Liederbücher, in dem Guten Abend, gut Nacht erschien, war Deutsche Schulgesänge für Mädchen (4. Auflage 1884). Es folgten zahlreiche Schul- und andere Gebrauchsliederbücher, wie Kindergarten, 1.Teil  – Sammlung älterer und neuerer Lieder (4. Auflage 1900). In der Schweiz wurde es 1880 von Johann Jakob Schäublin in sein Liederbuch Chorsängen aufgenommen, eine Ausgabe, die es bereits 1900 zur 80. Auflage brachte.

Auch in der Zeit des Nazi-Regimes ist das Brahms‘sche Wiegenlied in viele Schulliederbücher ebenso aufgenommen worden wie in Liederbücher des Bundes Deutscher Mädel und der Deutschen Frauenschaft.

Betrachtet man die große Anzahl der Schulliederbücher, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg Guten Abend, gut Nacht zu finden ist, so scheint die Beliebtheit des Lieds auch in der Schule ungebrochen. Das erste Gebrauchsliederbuch erschien 1945 in Dänemark: Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In der damaligen Sowjetischen Besatzungszone kamen 1945 das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und 1946 das Liederbuch der deutschen Jugend (FDJ) heraus. In „Trizonesien“ (amerikanische, englische und französische Besatzungszone) waren es 1946 Ich fahr in die Welt – Liederbuch der Heppenheimer Jungsozialisten und 1948 Volkslieder – Ein Sing- und Musizierbuch. In der späteren Bundesrepublik folgten zahlreiche Liederbücher.

Angesichts fortgeschrittener Forschungsergebnisse über die Entstehung und Herkunft des Liedes (s.o.) ist es erstaunlich, dass manchmal noch Karl Simrock als Verfasser der zweiten Strophe genannt wird, wie z.B. im vom Heimatverband Eichsfeld 1978 herausgegebenen Eichsfelder Liederbuch.

So bekannt wie das Lied ist, ist es bemerkenswert, dass das Deutsche Musikarchiv nur knapp 50 Tonträger (zum Vergleich: Abend wird es wieder 220 Tonträger) ausweist, davon rund die Hälfte Schellackplatten, also bis 1958 erschienene. Die hohe Anzahl der mir in Privatbibliotheken und Online-Archiven zugänglichen Liederbücher (s.o.) dagegen und der im DMA vorhandenen Partituren (annähernd 100) weist daraufhin, dass das Wiegenlied – verständlicherweise – viel häufiger gesungen als angehört wird. Trotzdem haben es bekannte Schlagersänger wie Heintje, Nana Mouskouri, Nena und Roger Whittaker interpretiert; sogar von dem Bariton Peter Schreier gibt es eine Aufnahme. Die Mehrheit der Tonträger und der Partituren bezieht sich auf Chöre, vor allem auf Kinderchöre wie z.B. die Schaumburger Märchensänger oder der Nymphenburger Kinderchor.

Als Kuriosum soll noch die Aufnahme des Liedes in das Liederbuch Zünftige Lieder – Für Leute am Bau angeführt werden. Na, denn: Guten (Feier-) Abend, gute Nacht.

Georg Nagel, Hamburg

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Geschlecht und Sekret. Zu den Geschlechterrollen in Gerhard Schönes Kinderliedern „Der Popel“ und „Jule wäscht sich nie“

Zu den Pointen der gerade wieder aktuellen Debatte über Feminismus gehört es, dass oft ältere Männer (gelegentlich unterstützt von Frauen wie Birgit Kelle, deren Diskussionsniveau sich exemplarisch an ihrem Buchtitel Dann mach doch die Bluse zu ablesen lässt) einerseits Feministinnen vorwerfen, Frauen in eine Opferrolle zu drängen, andererseits aber mit großer Mühe meist rein fiktive Fälle konstruieren, in denen Männer Opfer einer imaginierten feministischen Hegemonie werden. Zu den jüngsten Beispielen zählen – erwartbar – Martin Walser und – überraschend – Rolf Zuckowski. Letzterer hat im Hamburger Abendblatt erlätert Warum ich mich um meine Lieder sorge. Er fürchte, dass seine Lieder, in denen regelmäßig das generische Maskulinum für alle Geschlechter verwendet wird, „bald als ’nicht mehr zeitgemäß‘ ins Abseits gedrängt, oder gar auf einen ‚Gender-Index‘ gesetzt“ würden. Bemerkenswert ist, dass er keinen konkreten Anlass dazu erwähnt, ihm also kein Vorfall bekannt zu sein scheint, bei dem tatsächlich jemand ein Zuckowski-Lied etwa aus dem Schulchorrepertoire verbannt hätte, weil es nicht geschlechtergerecht formuliert sei. Aber man wird sich ja noch fürchten dürfen, auch ohne einen Anlass dazu zu haben. In der Schilderung seiner Befürchtungen wird Zuckowski allerdings konkret:

Ein Beispiel ist mein beliebtes ­Geburtstagslied „Wie schön, dass du ­geboren bist“. Da heißt es im Originaltext: „Heut ist dein Geburtstag, darum feiern wir, alle deine Freunde freuen sich mit dir.“ „Gendergerecht“ müsste es wohl heißen: „… alle deine Freundinnen und Freunde freuen sich mit dir. Der Schrägstrich oder die Sternchenschreibweise (Freund/Innen oder Freund*Innen) kommen mangels Sprech- und Singbarkeit als „gender­gerechte“ Version sicher nicht infrage. Aber auch die Doppelnennung „Freundinnen und Freunde“ brächte einen unüberwindlichen Stolperstein in das Lied.

Gar so unüberwindlich scheint die Hürde nun aber nicht zu sein – hier ein paar metrisch identische geschlechtergerechte Alternativen zu: „alle deine Freunde freuen sich mit dir.“:

„Freundinnen und Freunde freuen sich mit dir.“

„Alle, die dich mögen, freuen sich mit dir.“

„Alle deine Lieben freuen sich mit dir.“

Das Problem bestünde also, selbst wenn das bislang lediglich von Zuckowski imaginierte Sprachdiktat einmal tatsächlich eingeführt werden sollte, nicht wirklich, wie ja auch in der alltäglichen Praxis eine geschlechtergerechte Sprache sich mit ein wenig Mühe recht gut umsetzen lässt. Interessanterweise fordert Zuckowski, um einem – wohlgemerkt bloß vorgestellten – Sprachdiktat zu entgehen, eine zu schaffende, der Académie française ähnliche Institution oder gleich den Bundespräsidenten mit der Durchsetzung eines tatsächlichen Sprachdiktats, allerdings in seinem Sinne, zu betrauen. Es ist die klassische reaktionäre Argumentation: Um einer gefürchteten zukünftigen Repression der anderen Seite zu entgehen, muss augenblicklich selbst repressiv gehandelt werden.

Nun kann man nicht ausschließen, dass tatsächlich irgendwo im weiten deutschen Sprachraum eine Kindergärtnerin oder ein Kindergärtner sich an der Ausschließichkeit des generischen Maskulinums stören. Vermutlich würden sie aber in diesem Fall aber einfach den Text wie oben skizziert ändern, ebenso wie dies ja nun zum Ärger Andreas Gabaliers, eines ausnahmsweise jungen Antifeministen, bei der Österreichischen Bundeshymne, in der seit 2011 das Land als „Heimat großer Töchter und Söhne“ statt lediglich „großer Söhne“ besungen wird, gehalten worden ist (zur Einordnung Gabaliers ein Zitat: „Man hat es nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht.“ Wäre es nicht zu gefährlich, möchte man Gabalier empfehlen, nach und nach in allen Ländern der Welt, von der er ja ausdrücklich spricht, sich Hand in Hand mit einem Mann in der Öffentlichkeit zu zeigen).

Dass das Bewusstsein dafür, wie Kinderlieder Geschlechterrollen normieren können, entgegen der Annahmen von Zuckowski und anderen allgemein nicht allzu ausgeprägt zu sein scheint, zeigt hingegen die ungebrochene Beliebtheit des Lieds Jule wäscht sich nie von Gerhard Schöne. Der war so etwas wie der Rolf Zuckowski der DDR (und das ist eher ein Ritterschlag für Zuckowski als für Schöne). Auch für Erwachsene hat er als Lieder geschrieben und sich dabei als engagierter evangelischer Christ so souverän auf dem schmalen Grad der gerade noch möglichen Kritik bewegt, dass er 1989 den Staatspreis der DDR erhielt. Aus dem umfangreichen Schaffen des bis heute aktiven Liedermachers haben aber vor allen die beiden Kinderlieder Der Popel und Jule wäscht sich nie eine Kanonisierung in Form einer vielfältigen produktiven Rezeption erfahren, die u.a. in Coverversionen auf Youtube (unbedingt sehenswert: Die klassisch-getragene Popel-Version des Jugendchors Mainstockheim) ablesbar ist.

Gerhard Schöne

Der Popel

Das Lied ist ausgeknobelt
für jeden, der popelt.

Ein Popel! Ein Popel! Ein Popel! O la la.

Spazierst du auf der Straß',
steck' den Finger in die Nas'!
Und irgendwo da hinten 
wird sich sicher etwas finden.

Ein Popel [...]

Die langen eleganten 
gibt's bei den Elefanten.

Ein Popel [...]

Was kann man von der Mama 
über's Popeln noch erfahr'n?
Sie wird erzählen, 
daß die früh'ren Popel besser warn.

Ein Popel [...]

Hast du mal eine Freundin,
dann sei immer nobel!
Und wenn sie dir ein Küßchen gibt,
schenkst du ihr einen Popel.

Ein Popel [...]

     [Gerhard Schöne singt Kinderlieder aus aller Welt. Amiga 1986.]

Das kommt dem – zumindest aus Kindersicht – perfekten Kinderlied schon recht nahe. Die Singalong-Strophen ermöglichen schon beim ersten Hören das Mistingen, im Refrain kann geklatscht werden und dann natürlich der Text: Besungen wird eine kindliche Lieblingsbeschäftigung, die gleich mehrere Attraktionen vereint: die Beschäftigung mit dem eigenen Körper, das Zutagefördern eines sicht- und tast-, ggf. sogar schmeckbaren Ergebnisses durch hartnäckige fortgesetzte Bemühungen („Und irgendwo da hinten / wird sich sicher etwas finden.“ – Selbstwirksamkeit!), der Ekel (v.a. der Anderen) und natürlich die Regelübertretung. Diese wird gleich im ersten Verspaar noch gesteigert, wenn ausdrücklich zum öffentlichen Popeln animiert wird. In der dritten Strophe wird dann zwar eine Erziehungsberechtigte erwähnt; doch statt, wie zu erwarten, das Nasebohren zu verbieten, wird der Mutter unterstellt, sie würde einen Qualitätsvergleich zugunsten der Popel ihrer eigenen Kindheit anstellen. Dabei wirkt nicht nur dieser Erwartungsbruch amüsant; zugleich stellt die Strophe einen (evtl. eher für erwachsene Mithörer erkennbaren) Seitenhieb auf „Früher war alles besser“-Suadas dar, die der Lächerlichkeit preisgegeben werden, indem als ihr Gegenstand etwas gewählt wird, das erstens üblicherweise nicht als wertig angesehen wird und zweitens wohl tatsächlich historisch relativ gleichbleibend ist; und schließlich eröffnet diese Strophe Raum für lustvoll-abwegige Spekulationen: In Hinsicht auf welche Charakteristika sollen führere Popel besser gewesen sein? Farbe? Konsistenz? Geschmack? Klebeeigenschaften? Flugbahn beim Schnipsen?

Während die zweite Strophe mit ihrem zoologischen Exkurs die kindliche wie erwachsene Freude am Grotesken bedient, ist die vierte vor allem an Kinder jenes Alters adressiert, in dem die Reaktion auf sich küssende Menschen „Iiiiiiih!“ lautet. Die brilliante Paradoxie dieser Strophe liegt darin, dass sie eben jenes in aller Regel auf ein bestimmtes Alter beschränkte Unbehagen des kindlichen Adressaten auf ihn als Protagonist in einer späteren Lebensphase („Hast du mal eine Freundin“) überträgt – paradox deshalb, weil er ja keine Beziehung mit einer Freundin im Sinne von ‚girlfriend‘ eingegangen wäre, wenn er Küssen nach wie vor als abstoßend empfände. Dass er das offenbar immer noch tut, wird an der angeratenen Reaktion auf das „Küßchen“ deutlich: Die ’noble‘ Überreichung getrockneten Nasensekrets dürfte beim Gegenüber wohl kaum Entzückung hervorrufen. Vielmehr dürfte dieses Verhalten die Beziehung sabotieren und damit eine polare geschlechtliche Strukturierung einer früheren Altersphase wiederherstellen, in der Jungs und Mädchen sich wechselseitig einfach nur doof finden. Man könnte darin also einen subversiven Akt des Widerstands gegen den Eintritt in die (heteronormative) Erwachsenenwelt, die bereits vorpubertäre Jungen mit der zudringlichen Frage „Und, hast du denn schon eine kleine Freundin?“ behelligt, sehen. Rebellische Regression sozusagen – ganz im Sinne des Prototyps aller anarchischen Kinderheldenfiguren, Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpfs, die mit Tommy und Annika Settergren „Krumme Luse“-Pillen einnimmt, um niemals erwachsen zu werden.

Kennt man den Popel, mag man kaum glauben, das Jule wäscht sich nie vom selben Verfasser stammt.

Gerhard Schöne

Jule wäscht sich  nie
Ein hübsches Mädchen ist die Jule. 
Sie geht auch gerne in die Schule. 
Nur eines finden alle schlecht, 
dass Jule sich nicht wäscht. 
Sieht man sie kommen, heißt es: Hmmm! 
Hört man sie reden, heißt es: Aaah! 
Doch riecht man sie, dann heißt es: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Es kam einmal ein Herr von Thule, 
der war total verknallt in Jule. 
Sie brauchte sich nicht lang zu ziern 
und ging mit ihm im Park spaziern. 
Er nimmt ihr Händchen und denkt: Hmmm! 
Sie sehn sich an und flüstern: Aaah! 
Er kommt ihr näher und schreit: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Da mußte Jule schrecklich weinen, 
trotz allem fand sie später einen, 
der Schnupfen hatte und nichts roch. 
Drum kam die Hochzeitskutsche doch. 
Man sieht die Kutsche und sagt: Hmmm! 
Man grüßt den Bräutigam mit: Aaah! 
Doch als die Braut kommt, hört man: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Und wie sie vor dem Altar sitzen, 
beginnt der Bräutigam zu schwitzen. 
Da schnaubt er dreimal, 1 - 2 - 3, 
und schon ist seine Nase frei. 
Er schielt zur Jule und denkt: Hmmmm! 
Er nimmt das Ringlein und denkt: Aaah! 
Er will sie küssen und schreit: Iiihh! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Da ist 'ne gute Fee gekommen, 
hat Jule an die Hand genommen 
und sprach zur Jule: "Sei kein Schwein! 
Steig in die Badewanne rein!" 
Sie riecht die Seife und denkt: Hmmm! 
Sie wäscht sich richtig sauber: Aaah! 
Sie sieht sich selber und sagt: "Ei! 
Jetzt ist die Schweinerei vorbei."

     [Gerhard Schöne: Lieder aus dem Kinderland. Amiga 1982.]

Dass dieses Lied auf dem Album Lieder aus dem Kinderland erschienen ist, wirkt geradezu ironisch: Denn – abgesehen vom Mitmachspaß beim „Hmmm!“, „Aaah! und vor allem „Iiih!“ Rufen – ist alles an diesem Lied auf die Erwachsenenwelt ausgerichtet. Das beginnt im ersten Satz damit, dass das einzige Adjektiv, mit dem die Protagonistin charakterisiert wird, sich auf ihr Äußeres bezieht. Welches Kind kommt aus dem Kindergarten oder der Grundschule und sagt „Wir haben eine Neue, die ist hübsch?“ Nett, blöd, groß, klein, was auch immer, aber „hübsch“? Als nächte positive Eigenschaft Jules wird angeführt, dass sie gerne in die Schule gehe. Wieder denkt man, diesmal allerdings als Gegenbeispiel, an Pippi Langstrumpf, deren Berührungen mit dieser Bildungsanstalt sämtlich ebenso kurz wie amüsant ausfallen. Außerdem vermag Jule sich offenbar gewählt auszudrücken, wie sich aus der Reaktion ihrer Umgebung auf ihre Äußerungen ergibt. Aber was kann ein adrettes Kind, das artig – man ist versucht, in die Sprache der pädagogischen Kinderliteratur früherer Zeiten zu verfallen – in die Schule geht und wohlgesetzt spricht, überhaupt noch falsch machen? Natürlich: Es an Reinlichkeit mangeln lassen („Auch hinter den Ohren waschen!“). Doch benötigt es bei Jule nicht einmal einer erwachsenen Erziehungsinstanz, um auf diesen Mangel hinzuweisen, das erledigt das mobbende Mitschülerkollektiv, mit dem sich die singenden Kinder beim „Iiih!“ Rufen identifizieren können.

Kennt man den Popel, erwartet man trotz dieses Anfangs noch, dass sich Jules Anderssein irgendwann als nützlich erweisen wird, etwa um irgendjemanden Bedrohlichen in die Flucht zu schlagen. Aber nein. Genüsslich breitet der Text, psychologischen Sadismus bedienend, aus, wie Jule ungeachtet all ihrer positiven Eigenschaften allein aufgrund ihrer mangelnden Körperhygiene scheitert. Und das geschieht, weil sie ja eine Frau ist, natürlich nicht auf der Beziehungsebene: Zunächst bekommt sie den Prinzen (im Liedtext auf jeden Fall ein Adeliger, Jule könnte offenbar mittels ihrer Partnerwahl sozial aufsteigen) nicht und dann folgt auch noch die dramaturgisch infam aufgebaute maximale Demütigung in aller Öffentlichkeit vor dem Traualtar. Diese Szene muss sich, was schwarze Pädagogik angeht, keineswegs vor dem Struwwelpeter verstecken.

Die Auflösung der Problematik erfolgt schließlich nicht einmal durch einen eigenen Erkenntnisprozess Jules, selbst ihre Anpassung an die Rollenerwartungen muss von außen initiiert werden. Eine übernatürliche Instanz gibt harsch („Sei kein Schwein!“) den Befehl zur Reinigung, dem Jule dann freudig Folge leistet.

Dass Jule ein Mädchen und der Protagoinist im Popel mutmaßlich ein Junge ist, schein kein Zufall zu sein. Denn die Forderung nach geruchlicher Neutralität oder sogar Wohlgeruch richtet sich speziell an Frauen – in meiner schwäbischen Heimat war in meiner Jugend, nur halb ironisch, unter Jungen noch der Merksatz virulent „A Mo muaß stenka, an Bierranza und Hohr aufm Rucka hau.“ (Ein Mann muss sinken, einen Bierbauch und Haare auf dem Rücken haben.) Und die Empörung über Charlotte Roches Feuchtgebiete, dessen Klappentext ja direkt mit „Hygiene wird bei mir kleingeschrieben“ betitelt war (DuMont 2008), war untrennbar mit dem Geschlecht der Autorin und der Protagonistin verbunden.

Was also tun? Auf den nicht existierenden „Gender-Index“ mit Jule wäscht sich nie und damit Kindern ihre Freude am „Iiih!“ schreien nehmen? Die bessere Variante wäre wohl ein spielerischer Umgang mit Geschlechterrollen, wie ihn ja auch schon die Gründungsfigur der Gender Studies, Judith Butler, empfohlen hat. Und da es den Jungennamen „Ule“ gibt, ist eine Umdichtung auch ganz metrum- und reimkonform möglich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Schneelieder: „Leise rieselt der Schnee“ (Eduard Ebel) und „Schneeflöckchen, Weißröckchen“

   
's Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s'Christkind kommt bald!

     [Scan aus Wiki Commons; die hier zusätzlich aufgeführte Strophe wird in
     vielen Online-Veröffentlichungen als dritte Strophe ausgewiesen.]

Geht man von den im Deutschen Musikarchiv Leipzig vorhandenen Tonträgern aus, so gehört Leise rieselt der Schnee mit fast 1.000 Schallplatten und CDs nach Stille Nacht, heilige Nacht (über 2.000) und Es ist ein Ros entsprungen (rund 1.100) zu den beliebtesten Weihnachtsliedern. Die Strophen eins bis drei des manchmal auch als Winterlied bezeichneten Liedes dichtete 1895 der Dichter und evangelische Pfarrer Eduard Ebel (1839–1905). Neben zahlreichen „Kaiserliedern“, Bismarck- und Sedangedichten wurde es im gleichen Jahr als „Kinderlied“ unter  dem Titel Weihnachtsgruß in Ebels Gesammelten Gedichten veröffentlicht. Nicht bekannt ist, von wem die später hinzugefügte Strophe „s‘ Kindlein, göttlich und arm […]“ stammt.

Ob Ebel auch die Melodie komponiert hat, ist strittig; Der Liedforscher Theo Mang (Liederquell, 2015, S. 990) versieht seinen Hinweis auf die Komposition durch Ebel mit einem Fragezeichen. Die Urheberschaft Ebels an der Melodie allerdings deswegen zu bezweifeln, dass „Ebels eigene Veröffentlichung nur den Text“ enthält, wie Wikipedia ausführt,  ist problematisch, da auch kein anderer Text in den Gesammelten Werken mit Noten versehen ist. Wahrscheinlich hat Ebel den Text auf eine alte Volksweise – einige Liederbücher verweisen auf Westpreußen –  gedichtet.

Schneeflöckchen, Weißröckchen

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit.

Komm setz dich ans Fenster,
du lieblicher Stern
malst Blumen und Blätter,
wir haben dich gern.

Schneeflöckchen, du deckst uns
die Blümelein zu,
dann schlafen sie sicher
in himmlischer Ruh’.

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
komm zu uns ins Tal.
Dann bau’n wir den Schneemann
und werfen den Ball.

Während Leise rieselt der Schnee ein Adventslied ist, das auch den Weihnachtsliedern zugerechnet werden darf, ist Schneeflöckchen, Weißröckchen ein reines Winterlied. Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. In manchen Liederbüchern findet sich die Angabe „Von deutschen Kolonisten aus Russland überliefert“, in anderen wird der Text auf die Kindergärtnerin und spätere Lehrerin Hedwig Haberkorn (1837–1901) zurückgeführt. In Haberkorns 1869 erschienenen Buch Tante Hedwigs Geschichten für kleine Kinder kommt in der Geschichte von der Schneewolke unter dem Titel Schneeflöckchen vom Himmel eine Urfassung des Liedes vor (vgl. Wikipedia).

Die uns heute bekannte Melodie eines unbekannten Verfassers findet sich erst seit 1940 in den Liederbüchern (Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 707). Vorher ist es nach alten Volksweisen oder einigen neueren Kompositionen gesungen worden, die sich allerdings nicht durchsetzen konnten.

Interpretationen

Im Lied Leise rieselt der Schnee wird eine Idylle beschrieben, wie wir sie heutzutage kaum noch kennen. Wenn es denn einmal schneit, ist es häufig ein Schneeregen, und die Seen frieren seit Jahren sehr selten zu. Dass unsere verbliebenen, noch nicht von Umweltschäden betroffenen Wälder weihnachtlich glänzen, mag nur ein hoffnungsloser Romantiker behaupten. In der Zeit um 1900 mag die Idylle noch zugetroffen haben, und so konnte beim ersten Schneefall der gläubige Dichter uns auffordern, uns auf die baldige Ankunft des Christkinds zu freuen. Heute würde sich Pfarrer Ebel wahrscheinlich im Grab umdrehen, könnte er sein Lied in vielen Kaufhäusern als Berieselung zum Kaufanreiz hören.

Sicherlich wird vielen von uns am Heiligen Abend warm ums Herz, wenn wir nach der Hektik der Geschenkeinkäufe und der betrieblichen (Vor-)Weihnachtsfeier langsam zur Ruhe gekommen sind. Und wenn dann noch am Weihnachtsbaum „die Lichtlein brennen“, mag auch mancher die Sorgen vergessen, sofern er oder eine ihm nahestehende Person nicht schwerkrank oder arbeitslos ist.

’s Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s’Christkind kommt bald!

Diese später hinzugekommene Strophe betont noch einmal, dass die Geburt des  Christkinds die Herzen erwärmt (indem mit der Ankunft des Gottessohns die Gläubigen durch Jesus von den Sünden erlöst werden). Der „Stern, der überm Wald strahlen“ soll, erinnert an den Stern, der den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Krippe im Stall von Bethlehem zeigt (vgl. Matthäus 2, 10).

Im Folgenden soll nun auf die dritte, von Ebel letzte vorgesehene Strophe eingegangen werden. Wie in dem letzten Vers jeder Strophe („Freue Dich, Christkind kommt bald“) wird in dieser gesamten Strophe „Bald ist heilige Nacht […]“ noch einmal ganz deutlich, dass es sich nicht um ein Weihnachtslied, sondern um ein Adventslied handelt.

Chor der Engel. Gemälde aus der Benediktinerabtei St. Hildegard, Rüdesheim

Von einem „Chor der Engel“ ist  – soweit mir bekannt –  in der Bibel keine Rede, wohl aber im Anhang „Geistliche Lieder“ der evangelischen Gesangbücher. Pfarrer Ebel dürfte durch die Lieder Herbei o ihr Gläubigen mit der dritten Strophe „Kommt, singet dem Herrn, o singt ihr Engelchöre […]“ und Vom Himmel hoch mit der ersten Strophe „Vom Himmel hoch, o Englein kommt […]  kommt singt und klingt, pfeift und trombt […]“ zu den Versen in seiner dritten Strophe inspiriert worden sein.

In dem Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen sehnen sich die Kinder nach dem Winter – „wann kommst du geschneit?“ In vielen Liedern wird der Winter besungen, mal wird über ihn geklagt, wie in Lied O, wie ist es kalt geworden – wie „traurig öd und leer“ es im Winter ist, wenn „rauhe Winde von Norden wehn’n“ -, mal ist man froh, dass „der Winter [endlich] vergangen ist“, die ersten „Blümlein prangen“ und der „Maien Schein“ zu sehen ist (Der Winter ist vergangen wird häufig Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben).

Im hier besprochenen Lied in „kindertümlicher Sprache“ (Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, 1982) wünschen sich die Kinder aber, dass Reif und Schnee „[Eis-] Blumen und -blätter“ ans Fenster malen. Sie haben den Winter gern und sind sich gewiss, der Winter schadet „den Blümelein“ nicht, der Schnee deckt sie – wie die Kleingärtner im Winter ihre Beete gegen Frost und Kälte schützen – nur zu, damit sie „in himmlischer Ruh“ schlafen können (vgl. den Vers in Stille Nacht, heilige Nacht von 1818 des Hilfspriesters Joseph Mohr und Zuccalmaglios Die Blümelein, sie schlafen aus dem Jahr 1840).

In der letzten Strophe wird erneut der Wunsch geäußert, dass es bald schneien möge, damit die Kinder sich einen Schneemann bauen und eine Schneeballschlacht schlagen können.

Weißröckchen ist übrigens ein schlesisches Synonym für Schneeflocke. (vgl. focus.de)

Rezeption

Seit der Erstveröffentlichung 1895 ist Leise rieselt der Schnee bis heute in Schul-,  Kinder- und spezielle Weihnachtsliederbücher aufgenommen worden, zuletzt 2014 in die Lübecker Weihnachtsliederfibel. Was die Anzahl der mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher betrifft, steht es in der Rangfolge im Vergleich zu anderen Advents-, Weihnachts- bzw. Winterliedern allerdings weit unten, ebenso wie das Kinderlied Schneeflöckchen, Weißröckchen, das ich im Liederbuch für Volksschulen, 1. Heft, herausgegeben 1915 gefunden habe. Wahrscheinlich sind beide Lieder derartig bekannt, dass sie in viele Liederbücher gar nicht erst aufgenommen wurden. Für diese Annahme spricht: Auch in bedeutenden neueren Liedersammlungen deutscher Volksliedforscher wie Ernst Klusens Deutsche Lieder (zwei Bände, 1981 Auflage 50.–100. Tsd.) und Heinz Röllekes Das große Buch der Volkslieder  (1991, Lizenzausgabe Bertelsmann)  sind beide Lieder nicht vertreten.

Die große Popularität eines Liedes zeigt sich aber darin, wie viele Schallplatten und CDs mit dem Lied erschienen sind (s. o. Einleitung) und welche Künstler das Lied interpretieren. Unter den zahlreichen Interpreten auf Schallplatten und CDs befinden sich sowohl renommierte Sänger wie der Bariton Hermann Prey, die Chansonette Mireille Mathieu, der Schauspieler und Sänger Peter Alexander als auch viele Schlagersänger, z. B.  Tony Marshall, Frank Schöbel, Unheilig, Heintje und – natürlich – Heino. Auch viele Chöre, vor allem Kinderchöre, haben beide  Lieder in ihr Repertoire aufgenommen, z. B. die Wiener Sängerknaben, die  Schaumburger Märchensänger und der Tölzer Knabenchor. Wie populär das „Weihnachtskinderlied“ (Ingeborg Weber-Kellermann) Leise rieselt der Schnee bzw. das Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen heute noch sind, zeigen auch die annähernd 100 Videos bei Youtube, auf denen neben anderen Weihnachts- bzw. Kinderliedern auch diese beiden Lieder zu finden sind.

Populäre Lieder fordern häufig Parodien heraus. So soll es sogar in der ehemaligen DDR für Leise rieselt der Schnee eine parodistische Fassung gegeben haben, die mir jedoch nicht bekannt ist. Nachstehend wird in Auszügen eine antikapitalistische und zugleich kriegskritische Version des Liedermachers, Kabarettisten und Grafikers Dieter Süverkrüp vorgestellt:

1. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee,
sitzt bei der Lampe noch spät,
blättert im Aktienpaket.

2. Ordnend Scheinchen auf Schein
fällt Erinnerung ihm ein.
„Kriegsweihnacht vierzig war still,
dennoch ein starkes Gefühl!“

[…]

10. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee.
Horcht nur, wie lieblich es knallt!
Fürchtet euch, Kriegskind kommt bald!

[Aus: Süverkrüps Liederjahre 1963–1985 ff , 2002, S. 147. Alle 10 Strophen s. auch  hier .

Auch die deutsche Rockband Torfrock hat an dem Reim der ersten beiden Verse von Leise rieselt der Schnee Gefallen gefunden, satirisch weitergedichtet und mit einigen Zeilen aus bekannten Weihnachtsliedern und -gedichten ergänzt; hier ein Auszug:

Leise pieselt das Reh
Gelbe Spuren in den Schnee
Und die viele kleinen Engels*,
Und die vielen kleinen Engels
tun sich Rum in ihren Tee.

[…]

Lieber guter Weihnachtsmann
Kleb den Bart Dir wieder an
Und nun beschenk mich nich zu knapp
sonst reiß ich ihn Dir nochmal ab.

Lieber guter Weihnachtsmann
schau mich nicht so böse an.
Steck die Rute wieder ein
Sonst gibt das ein mit’m Putenbein

Leise pieselt das Reh! […]

*norddeutsch mundartliche Pluralbildung

Etwa 1980 sangen meine Kinder folgende Strophe, deren Inhalt, wie man sich denken kann, nicht ihrer schulischen und familiären Realität entsprach:

Leise rieselt die Vier
auf das Zeugnispapier.
Horcht nur, wie lieblich es schallt,
wenn mir mein Vater ’n paar knallt!

Für Schneeflöckchen, Weißröckchen habe ich keine Parodie gefunden.

Georg Nagel, Hamburg

Von Weihnachten zum Julfest und zurück. Drei Versionen des Sterndreherlieds „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

Paul Hermann

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Dieses Lied entstand 1940, einige Jahre nachdem die Nationalsozialisten versuchten, die Tradition der altgermanischen Sonnenwendfeier als Julfest aufzuwerten und das christliche Weihnachtsfest zu verdrängen. Übereinstimmend mit der Nazi-Ideologie hatte bereits 1936 der Dichter vieler, auch nazistischer, Lieder, darunter Es zittern die morschen Knochen, Hans Baumann (1914-1988), das aus dem Jahr 1923 von Pfadfindern stammende Lied Hohe Tannen weisen die Sterne (Interpretation) umgedichtet zu Hohe Nacht der klaren Sterne, ein Lied das Stille Nacht, heilige Nacht ersetzen sollte. Aus dem Rübezahllied wurde ganz im Sinne der herrschenden Ideologie ein Loblied auf den Mutterkult (vgl. die Wikipedia-Artikel zu Mutterkreuz und Julfest). Dem heidnischen Julfest gemäß hat der heute unbekannte Musiker und Komponist Paul Hermann (1904-1970) dem aus dem Kanton Aargau stammenden ursprünglichen Text jeden christlichen Bezug genommen. Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt die Umdichtung in Es ist eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222f.).

Im Folgenden wird das schweizerische Original vorgestellt:

 

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ
Der für uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein
O du armes, o du armes,
o du armes Jesulein.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie und führte sie
Führte sie bis gen Bethlehem.

Über einem Stalle,
da hielt der Stern stille
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten* vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.

* knieten

Dieses christliche Lied wurde 1902 handschriftlich aufgezeichnet, in Druck erschien es zum ersten Mal 1906 (vgl. Waltraud Linder-Beroud: Historisch kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs, November 2005/Januar 2007). Mit leichten Text- und Melodievariationen wurde das Lied um 1900 auch im Kanton Luzern gesungen.

Gemäß dem Volksliedsammler und Mitbegründer des Schweizerischen Volksliederarchivs Alfred Leonz Gassmann (1876-1962) zogen in beiden Kantonen am Dreikönigstag jeweils drei Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in den Dörfern von Haus zu Haus, um dieses Lied und/oder Weihnachtslieder zu singen (vgl. Sammlung Gassmann, Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, 1906, nach Linder-Beroud). Die Sänger waren mit Kronen oder Turbanen versehen und in wallende Gewänder gekleidet. Ein „König“ trug einen Stab mit einem selbst gebastelten Stern vorweg, den er während des Umhergehens drehte. Daher wird Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Gnad auch als Sterndreherlied bezeichnet.

Der Stern erinnert an die Heiligen Drei Könige, denen er den Weg zum Stall in Bethlehem zeigte (vgl. das Evangelium des Matthäus Kapitel 2, Verse 7 und 9-10). In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Kapitel 2, Vers 1–20) ist jedoch von einem Besuch der Könige im Stall keine Rede, wohl aber von Hirten, die nach der Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel nach Bethlehem aufbrachen und „das Kind in der Krippe liegen“ sahen (Lukas 2, 16). Während Matthäus (2, 1 f.) von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, werden im Alten Testament in der „Ankündigung des Friedefürsten“ (Psalm 72) drei Könige erwähnt, die ihn anbeten und Gaben zuführen werden (Verse 10 und 11). Beschrieben werden die Geschenke in Jesaja 60, 6: Gold und Weihrauch, in Matthäus 2, 11 kommt noch Myrrhe dazu. Die im Lied erwähnten „Ochs und Eselein“ habe ich selbst mit Hilfe einer Konkordanz in der gesamten Bibel nicht gefunden. Der Dichter der zweiten Strophe hat wohl zu Recht gemeint: Wo ein Stall mit einer (Futter-)Krippe ist, da sind auch Tiere.

Doch weiter zu unseren Sternsingern. Nach dem Singen der Lieder erhielten die Sänger ein paar Batzen oder Rappen (damalige Währung in der Schweiz) und/oder Süßigkeiten, die Älteren oft selbst gemachten Most. Danach wurde folgender Spruch aufgesagt: „Wir kommen hier an. Das wünschen wir euch an Ein guetes glücksäligs, gesund und auch fröhlichs, ein guetes neues Jahr, Das wünschen wir euch an.“

Noch heute wird in Deutschland in vorwiegend katholischen Gegenden der Sternsingerbrauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter „Sternsinger“ oder „Sterndreher“). Bemerkenswert ist, dass überwiegend die weltliche Version Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud gesungen wird. Nach einer Meldung des Bayerischen Rundfunks TV werden vom 1. bis 6. Januar 2018 bundesweit 300.000 Sternsinger aus allen katholischen Bistümern Geld für Hilfsprojekte in Ländern der Dritten Welt sammeln.

Eine christliche Fassung ist erst wieder seit 1957 bekannt geworden. Der deutsche Chorleiter und Tonsetzer Gottfried Wolters (1910–1989) wollte das Lied in seine Weihnachtsliedersammlung aufnehmen, nahm dann aber wegen der Entchristlichung des Liedes Abstand davon. Schließlich fügte seine Frau Maria Wolters der ersten Strophe des  Aargauer Sterndreherlieds acht neue Strophen an. Bei ihrem Text orientierte sich Maria Wolters an der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, manchmal sogar wörtlich (vgl. z. B. Strophe 4 und 5 mit Lukas 2, 1 und 7):

1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es bringt uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2. Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel
zur Jungfrau hin nach Nazareth.
„Sei gegrüßt, du Jungfrau rein,
den aus dir, denn aus dir,
will der Herr geboren sein.“

3. Maria hörte des Höchsten Begehren,
sich neigend sie zum Engel sprach:
„Sie, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh, mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt!“

4. Und es erging ein Gebot des Kaisers,
dass alle Welt geschätzet wird.
Josef und Maria voll Gnad
zogen hin, zogen hin,
zogen hin zur Davidstadt.

5. Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt, kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

6. In der Krippe muss er liegen,
Und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
Liegst du, liegst du,
Liegst du, armes Jesulein.

7. Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde,
ein Engel dort erschienen ist:
„Fürcht euch nicht, ihr Hirtenleut!
Fried und Freud, Fried und Freud,
Fried und Freud verkündt ich heut!

8. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
der euer Herr und Retter ist.
Dieses Zeichen merkt euch gut:
Gottes Kind, Gottes Kind,
Gottes Kind in der kalten Krippe ruht!“

9. Sie liefen eilend und suchten und fanden,
was auf dem Felde verkündet ward.
Unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

10. Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold,
brachten sie, brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Während das christliche Sterndreherlied von den Heiligen Drei Königen weder im katholischen Gesangbuch Gotteslob noch im evangelischen Einheitsgesangbuch (EG) zu finden ist, fand der Text von Maria Wolters 1993/94 Aufnahme in die Ausgaben für die ev. Landeskirchen Niedersachsen/Bremen, Rheinland-Westfalen/Lippe und für die Reformierte Kirche.

Auch in weltliche Liederbücher wurde das Dreikönigslied selten  aufgenommen; dagegen weisen zahlreiche Gebrauchsliederbücher die weltliche Version auf. Von rund 150 mir zugänglichen Liederbüchern enthalten mehr als ¾ Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud. Einzelne Liederbücher mit dem Lied wurden herausgegeben von Nachfolgeorganisationen der Wandervögel, von der Turner-, Wald- und Naturfreundejugend, von den Pfadfindern und sogar vom Deutschen Fußballbund. Dass es nicht nur in diesen Kreisen gesungen wird, sondern in der Version von 1940 auch von Sternsingern vorgetragen wird, kann man einigen Videos bei Youtube entnehmen.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, befinden sich fast 400 Nachweise des Liedes, rund 120 auf Tonträgern und fast 180 als Notenausgaben. Überwiegend interpretieren Chöre, darunter die Kinderchöre Tölzer Sängerknaben und der Bielefelder Kinderchor sowie SängerInnen die weltliche Version. Von Solisten gesungen wird das Lied z. B. nicht nur von Karel Gott und Frank Schöbel, sondern auch vom Bariton Hermann Prey und den Folksingern Sigrun Kiesewetter und Pete Seeger.

Georg Nagel, Hamburg

Saisonale Vorfreudelieder religiösen Ursprungs: „Laßt uns froh und munter sein“ und „Niklaus, komm in unser Haus“

Anonym

Laßt uns froh und munter sein (Nikolauslied)

1. Laßt uns froh und munter sein
Und uns recht von Herzen freu'n!

Lustig, lustig, traleralera,
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

2. Bald ist uns're Schule aus,
Dann zieh'n wir vergnügt nach Haus.

3. Dann stell ich den Teller auf,
Niklaus legt gewiss was drauf.

4. Steht der Teller auf dem Tisch,
Sing ich nochmals froh und frisch:

5. Wenn ich schlaf, dann träume ich:
Jetzt bringt Niklaus was für mich.

6. Wenn ich aufgestanden bin,
Lauf ich schnell zum Teller hin.

7. Niklaus ist ein guter Mann,
Dem man nicht g'nug danken kann

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Sofern in Liederbüchern Näheres zu dem Lied angegeben ist, heißt es meistens: „Text und Melodie aus dem 19. Jahrhundert“. Einige Angaben lauten „Volksweise aus dem Rheinland oder Hunsrück“ oder „zugeschrieben Josef Annegarn“. Annegarn (1794-1843) war Priester, Schriftsteller und Professor der Theologie.

Die Frage, ob das folgende Nikolauslied mit derselben Melodie bekannter ist als Laßt uns froh und munter sein, dürfte je nach Region unterschiedlich beantwortet werden. Geht man jedoch von der Anzahl der Liederbücher und Tonträger aus, ist Niklaus, komm in unser Haus weit weniger populär (s. Abschnitt Rezeption).

Anonym

Niklaus, komm in unser Haus

Niklaus, komm in unser Haus,
pack die großen Taschen aus,

Lustig, lustig trallerallala!
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

Stell das Pferdchen unter den Tisch,
dass es Heu und Hafer frisst.

Heu und Hafer frisst es nicht,
Zuckerplätzchen kriegt es nicht.

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Auch bei diesem Lied ist nicht bekannt, von wem Text und Melodie stammen. Als Zeitraum der Entstehung des Liedes wird von den Volksliedforschern Ernst Klusen (Deutsche Lieder, 1981) und Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) übereinstimmend das 19. Jahrhundert genannt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Niklaus, komm in unser Haus als spätere Version den Refrain „Lustig, lustig trallerallala“ aus Laßt uns froh und munter sein übernommen hat.

Vergleich der beiden Lieder

Laßt uns froh und munter sein und Niklaus, komm in unser Haus enthalten in der ersten Strophe eine Aufforderung. Während sich Laßt uns froh und munter sein an die Sänger richtet, die Vorfreude auf den nahenden Niklausabend zu zeigen, drückt Niklaus, komm in unser Haus den Wunsch der Kinder aus, dass der Nikolaus zu ihnen kommen und – ganz direkt und ohne Umschweife – „die großen Taschen auspacken“ möge.

In den Strophen zwei und vier von Laßt uns froh und munter sein wird noch einmal die Freude ausgedrückt: Man zieht vergnügt nach Haus (wenn die Schule aus ist) und „singt froh und frisch“, wenn der Teller für die Gaben auf dem Tisch steht, denn das Sprecher-Ich ist gewiss, „Niklaus legt gewiss was drauf“.

Im Niklaus, komm in unser Haus wird darauf angespielt, dass der Nikolaus in einem  Pferdeschlitten fährt (in vielen Geschichten auch vom Himmel geflogen oder durch den Schornstein kommt). Vom Schlitten ist hier zwar nicht direkt die Rede, wohl aber vom Pferdchen, dass Nikolaus in der warmen Wohnung abstellen darf (damit es nicht draußen in der Kälte warten muss) und das Heu und Hafer zu fressen erhalten kann. So mitfühlend dies ist, so wird doch gleich der Zeigefinger erhoben, als das kleine Pferd das Fressen verweigert: „Zuckerplätzchen kriegt es nicht“. Ähnlich wie es in der Schwarzen Pädagogik formuliert würde: „Wenn du das nicht aufisst, bekommst du auch keinen Nachtisch“!

Der Nikolausabend beschäftigt in Laßt uns froh und munter sein das singende Kind so sehr, dass es sogar vom Nikolaus träumt. Es ist gewiss  – und sicherlich ist es bisher nicht enttäuscht worden – dass der Nikolaus ihm auch in diesem Jahr etwas bringen wird. Und am  folgenden Tag, kaum aufgestanden, läuft es schnell gucken, ob und womit der Teller gefüllt ist. Mit den Gaben zufrieden, wird der Nikolaus gelobt und überschwänglich ein indirekter Dank ausgesprochen.

Bei meinen Kindern erinnere ich mich, wie sehr sie sich auf den Nikolaus bzw. dessen Gaben gefreut haben, wenn sie mit strahlenden Gesichtern den in beiden Liedern vorhandenen Refrain: „Lustig, lustig trallallala …“ geschmettert haben.

Brauchtum und Kommerzialisierung

Nikolaus, verehrt sowohl in der römischen als auch in der griechischen Kirche als Heiliger, ist als Gabenspender auch in evangelischen und in nichtchristlichen Kreisen bekannt. Am 6. Dezember bringt er den Kindern Süßigkeiten und andere kleine Geschenke. Die Gaben können auf zweierlei Arten zu den Kindern kommen. Entweder stellen sie am 5. Dezember einen Stiefel oder Schuh vor die Wohnungs- oder Schlafzimmertür (in einigen Regionen sind es Strümpfe, die an die Türklinke oder ans Fenster gehängt werden) oder der Nikolaus kommt am 6. Dezember selbst, angetan mit rotem Mantel, Bischofsmütze (manchmal tut‘s auch eine Pudelmütze), Stiefeln und vor allem mit einem gutgefüllten Sack über dem Rücken. Der Vater, ein Verwandter oder auch ein vom „Nikolausdienst“ gegen Entgelt engagierter Mann, der den Nikolaus spielt, lässt sich häufig ein Nikolauslied vorsingen oder ein Gedicht aufsagen, bevor er dann einem Kind die Standardfrage stellt: „Bist du auch artig gewesen?“ – Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Kind nicht mit „Ja“ geantwortet hat. Und danach werden aus dem Sack die Gaben übergeben.

Ausgangspunkt dieses Brauchtums ist der heilige Nikolaus, der seit dem 6. Jahrhundert in Legenden auftaucht. In dem uns bekannten Nikolaus sind zwei Personen verschmolzen. Einmal der Bischof Nikolaus von Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei, der im dritten Jahrhundert (nach anderen Quellen im 4.) lebte, und das andere Mal der gleichnamige Nikolaus von Sion, einem Ort in der Nähe von Myra, aus dem sechsten Jahrhundert (vgl. NDR Kultur vom 5.12. 2016). Diesem Nikolaus, von dem wir heute aufgrund historisch-kritischer Forschungsergebnisse wissen, dass er fiktiv ist, werden zahlreiche Wunder zugeschrieben. Er soll z.B. einen Sturm besänftigt und mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben. Eine Geschichte erzählt davon, wie er einem verarmten Vater von drei Töchtern hilft: Der verarmte Vater steht aus Verzweiflung kurz davor, seine Töchter in die Prostitution zu schicken, als Nikolaus hilft, indem er heimlich in der Nacht Goldstücke durch das Fenster wirft. Nach einer „bereinigten“ Variante schenkte er einem armen Vater von drei Mädchen im heiratsfähigen Alter die Mitgift, damit sie ehrbar verheiratet werden konnten. Ferner soll er armen Familien mit Kindern heimlich Geld durch den Kamin geworfen haben, das dann in die daran aufgehängten Strümpfe fiel. Vor allem diese Legenden begründen den Mythos des barmherzigen Helfers und Beschützers, der unerkannt in der Nacht mit seinen Gaben Gutes tut.

Als Freund und Beschützer der Kinder wird der Heilige Nikolaus sowohl in Europa als auch in Asien und Amerika verehrt. Gemäß Wikipedia ist er  ist der Schutzpatron von Berufen wie Seefahrer, Binnenschiffer, Kaufmann, Rechtsanwalt, Apotheker, Metzger und Bäcker, von Getreidehändlern, Dreschern, Pfandleihern, Juristen, Schneidern, Küfern, Fuhrleuten und Salzsiedern. Nikolaus ist auch der Patron der Schüler und Studenten, Pilger und Reisenden, Liebenden und Gebärenden, der Alten, Ministranten und Kinder, aber auch von Dieben, Gefängniswärtern, Prostituierten und Gefangenen.

Der Kirchturm von St. Niklaus im Schweizer Kanton Wallis wird im Advent als Nikolausfigur dekoriert. Gemäß Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde handelt es sich dabei um die weltweit größte Nikolaus-Figur.

Das Brauchtum, dass Nikolaus den Kindern Gaben bringt, ist in einer Schrift des evangelischen Theologen Kirchmeyer seit dem Jahr 1555 belegt. Damals gab es Nüsse und Dörrobst (vgl. den alten Spruch: Sankt Nikolaus, leg mir ein, / was dein guter Will‘ mag sein. / Äpfel, Nuss und Mandelkerne / essen kleine Kinder gerne) und nützliche Dinge für den täglichen Gebrauch.

Im Mittelalter war es der Brauch, dass Klosterschüler am 5. Dezember einen „Kinderbischof“ wählten. Wie ein Bischof gekleidet, besuchte er am folgenden Tag die Klosterschule, ermahnte manche Schüler und belohnte andere mit Süßigkeiten. In einigen Gegenden mussten die Erwachsenen dem Kinderbischof gegenüber Rechenschaft ablegen, speziell über ihr Verhalten zu den Kindern. Daraus entwickelte sich umgekehrt unser noch heute bekannter Nikolausbrauch.

Da der katholische Ursprung des Gedenkens an den Bischof von Myra nicht in die reformatorischen Vorstellungen passte, schaffte Luther diesen Brauch ab. Stattdessen versuchte er, das Beschenken durch das Christkind am 25. Dezember zu beleben. Seitdem wurde die Bescherung auf Weihnachten verlegt, eine Sitte, die auch von den Katholiken übernommen wurde und in den meisten Ländern der Welt gepflegt wird.

Die reformierten Niederländer haben sich diesem Brauch widersetzt und lassen noch heute die Geschenke nicht zu Weihnachten, sondern von ihrem „Sinterklaas“ am 6. Dezember bringen. Auf diesen „Sinterklaas“ mit weißem Bart und rotem Gewand, der den Kindern am Heiligen Abend die Geschenke überreicht, geht der der Weihnachtsmann zurück.

Holländische Auswanderer brachten diese Tradition nach Nordamerika mit. Ab dem 19. Jahrhundert wird die Nikolausgestalt immer mehr verweltlicht; in den USA wurde aus dem „Sinterklaas“ der „Saint Claus“, der die Geschenke bringt. Eine Kommerzialisierung des Nikolausbruchs  begann Anfang des 20. Jahrhunderts, als 1915 das heute gewohnte Bild des beleibten, freundlichen Nikolaus von der US-amerikanischen Mineralwasserfirma White Rock zu Werbezwecken erfunden wurde. Bald verwendete die Firma Coca Cola Saint Claus als Figur in ihren Hausfarben rot-weiß für Anzeigen. Ab 1931 ließ Coca Cola den Nikolaus als gemütlichen alten Mann als Gestalt auf ihre Lieferwagen aufmalen ließ. Anschließend setzte eine weltweite Verbreitung dieser Aufmachung des Nikolaus ein.

Im süddeutschen Raum jedoch kennt man den Heiligen Nikolaus bis heute im traditionellen Bischofsgewand mit Stab und Mitra, der hohen Bischofsmütze. Im Norden dagegen hat sich die Vorstellung vom Nikolaus als gemütlichem alten Mann mit weißem Rauschebart und dickem roten Mantel durchgesetzt.

Rezeption

Nikolaus, komm in unser Haus ist in den bedeutenden Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts wie  Die Deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (drei Bände 1838-1845), herausgegeben von Ludwig Erk und Wilhelm Irmer, Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851) und im von Franz Magnus Böhme umgearbeiteten und ergänzten Deutschen Liederhort (1893/94, ursprünglich Ludwig Erk 1856) nicht enthalten. Für mich erstaunlich ist, dass dieser Text auch weder in einer Auflage von Karl Simrocks Das deutsche Kinderbuch (1842, 3. Auflage 1879) noch in der dreibändigen Ausgabe (1838-1845) Deutsches Kinderlied und Kinderspiel von Franz Magnus Böhme zu finden ist. Demnach ist es bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts mündlich überliefert worden.

Auch Laßt uns froh und munter sein ist in den von den mir online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern im 19. Jahrhundert nur in zwei Veröffentlichungen vertreten, nämlich 1885 im katholischen Liederheft Lieder für die Lambertusfeier zu Münster und 1897 in Deutsches Kinderlied und Kinderspiel.

Im 20. Jahrhundert ist Nikolaus, komm in unser Haus erstmalig 1938 im Liederbuch Sonnenlauf in Lied und Spruch um die Gezeiten des Jahres zu finden; danach allerdings nur in knapp 20 weiteren mir bekannten Liederbüchern. Mit einigen Varianten ist es im Katalog des Deutschen Musikarchivs (Stand 11/2017) auf neun Tonträgern vertreten.

Dagegen wurde Laßt uns froh und munter sein bereits seit 1905 (Macht das Tor auf) in zahlreiche Liederbücher aufgenommen, bis heute in weit über 100.

Im Vergleich zu Nikolaus, komm in unser Haus hat mich die außerordentlich große Anzahl der Tonträger (337) und der Musiknoten (705) mit Laßt uns froh und munter sein überrascht. Von den Fischer-Chören und dem Botho Lucas Chor bis hin zu den Wiener Sängerknaben und dem Nymphenburger Kinderchor, um nur die bekanntesten zu nennen, haben vor allem Chöre zur Adventszeit sich diesen Lieds angenommen. Auch zahlreiche bekannte Schlagersänger wie Heintje und Heino, Karel Gott („die goldne Stimme Prags“) und Peter Alexander, Vico Torriani und Hansi Hinterseer sowie Nena und Roger Whittaker haben Laßt uns froh und munter sein interpretiert. Abbi Hübners Old Merry Tale Jazzband hat sogar eine Version im Dixieland-Stil aufgenommen.

In Kindergärten und in vielen Familien werden ab erstem Adventssonntag, spätestens am 5. Dezember Nikolauslieder gesungen „Bald ist Niklausabend da!“ bzw. am 6. Dezember „Heut ist Niklausabend da!

 

Zu erwähnen ist noch, dass der Nikolaus eine Adresse hat, an die Kinder schreiben können, wenn sie einen Gruß vom Nikolaus haben möchten:

An den Nikolaus
66351 St. Nikolaus

Die Zahl der kleinen Briefschreiber beträgt mehrere 10.000.

Georg Nagel, Hamburg

Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“

Anonym

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann,
hatt' Kleider nicht, hatt' Lumpen an.
"O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!"

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Roß stand still beim armen Mann,
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt'
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
Sankt Martin aber ritt in Eil'
hinweg mit seinem Mantelteil.

Heilige, lange zentraler Bestandteil des Volksglaubens als in allen erdenklichen Notsituationen anzurufende Schutzpatrone, haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv an Popularität verloren. Das mag zum einen daran liegen, dass das Gefühl, allen möglichen Gefahren vom Sturm auf See bis zum Blitzschlag hilflos ausgeliefert zu sein und also des übernatürlichen Beistands permanent zu bedürfen, in aufgeklärten und hochtechnisierten wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften nachgelassen hat. Zum anderen könnte gerade ein wichtiger Faktor, der ehemals für die immense Beliebtheit von Heiligen mitverantwortlich war, dazu beigetragen haben, dass die meisten von ihnen mittlerweile aus dem allgemeinen Bewusstsein verschunden sind: ihre meistens grausamen und oft bizarren Todesumstände. In Zeiten, in denen Sakralkunst wo nicht gar die einzige, so doch eine zentrale Kunstform darstellte, boten gerade die Märtyrerlegenden der frühen christlichen Heiligen (von den besonders im deutschsprachigen Raum beliebten vierzehn Notehlfern ist nur ein einziger nicht als Märtyter gestorben) Stoff für drastische Darstellungen, die, speziell bei Märtyrerinnen, auch Nacktheit zuließen, – heute würde man von Splatter oder zuweilen gar von Torture Porn sprechen.

Der von Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian mit seinem oft zwischen Schmerz und Verzückung oszillierenden Gesichtsausdruck stellt hier eine der bekanntesten, aber auch eine der noch harmlosesten Varianten dar.  Der heilige Dionysius von Paris beispielsweise soll nach seiner Enthauptung seinen abgeschlagenen Kopf genommen und in einer nahen Quelle gewaschen haben, um danach zu einem sechs Kilometer entfernten Ort zu gehen, wo er begraben werden wollte – in künstlerischen Darstellungen trägt er dabei zuweilen seinen Kopf in den Händen, obwohl der ihm gleichzeitig noch auf den Schultern sitzt. Und die Symbole der ‚heiligen drei Madl“, bekannt aus dem Merkvers „Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl“, deuten ebenfalls auf grotesk-grausame Märtyrien hin: Margaretha von Antiochia musste sich nicht nur im Gefängnis eines Drachens – des (Lind-)’Wurms‘ – erwehren, sondern wurde zudem ohne Ergebnis mit Fackeln versengt und in Öl gebraten, bevor sie schließlich enthauptet wurde; Barbara von Nikomedien wurde von ihrem Vater zunächst in einemm Turm inhaftiert, dann auf Geheiß des römischen Statthalters gefoltert, dass ihr die Haut in Fetzen vom Körper hing, und, als ihre Wunden von Christus geheilt worden waren, mit Keulen geschlagen, bevor ihr die Brüste abgetrennt, sie mit Fackeln gequält und sie schließlich von ihrem eigenen Vater enthauptet wurde; Katharina von Alexandrien schließlich sollte nach zwölftägiger Geißelung durch mehrere Räder, an denen Sägen und Nägel angebracht waren, getötet werden, was jedoch ein Engel verhinderte, woraufhin auch sie enthauptet wurde; aus ihren Wunden soll statt Blut Milch geflossen sein.

Man kann sich gut vorstellen, dass diese Legenden nicht nur auf Erwachsene, sondern gerade auch auf Kinder eine große Faszination ausgeübt haben dürften. Gerade im frühen Kinderalter, in dem erste religiöse Vorstellungen typischerweise vermittelt werden, dürfte man heute im Sinne einer Bewahrpädagogik aber derartige Überlieferungen aussparen. Und so hat auch die Popularität von Heiligen massiv abgenommen. Der heilige Florian von Lorch ist zwar, meistens dargestellt als überdimensionierte Figur in römischer Legionärsrüstung, die mit einem Eimer ein brennendes Haus löscht, als Wandmalerei noch an vielen Feuerwachen zu sehen; seine Legende besteht aber auch wieder vornehmlich aus seinem Märtyrium, bei dem er, nachdem ihm die Schulterblätter mit geschärften Eisen gebrochen worden waren, ertränkt wurde – daher ursprünglich der Wasserkübel als Symbol. Neben der drastischen Grausamkeit, die man Kindern heute nicht mehr zumuten möchte, erscheint auch der religionsdidaktische Gehalt der meisten Heiligenlegenden wenig zeitgemäß: Stets geht es darum, um des Glaubens willen den schlimmsten irdischen Qualen zu widerstehen.

Hier bildet  der heilige Martin von Tours in doppelter Hinsicht eine Ausnahme: Zum einen erlitt er keinen Märtyrertod, sondern wurde erst nach der konstantinischen Wende geboren und lebte ein langes Leben, in dessen Verlauf er zum Bischof aufstieg. Zum anderen illustriert die Episode der Legende, die für die Ikonographie bis heute prägend ist, eine andere christliche Tugend als die der unbedingten Beständigkeit im Glauben: die Nächstenliebe. Beides prädestiniert Martin zum idealen Heiligen bereits für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter – nicht zuletzt deshalb, weil er den Mantel eben nur teilt und nicht ganz weggibt.

Das bekannte Volkslied über ihn, das fester Bestandteil des Liederrepertoirs  bei Laternenumzügen am Martinstag ist, umfasste im Liederschatz für katholische Vereinigungen aller Art 1904 noch 20 Strophen (siehe Lieder-Archiv), jedoch kann die ausschließliche Kanonisierung der ersten vier als Ausdruck ästhetischer Kompetenz der vielen aktiven Rezipientinnen und Rezipienten gesehen werden. Denn aus der ausufernden Schilderung der spirituellen Erlebnisse und des kirchlichen Wirkens des Heiligen ist so ein relativ kurzer, einprägsamer erzählender Liedtext geworden, der zudem mit einer schönen inhaltlichen wie sprachlichen Schlusspointe versehen ist.

Die erste Strophe hebt anschaulich die Qualitäten des Legionärsmatels hervor und stellt so sicher, dass dessen spätere Teilung auch angemessen gewürdigt wird. Die zweite Strophe erweckt Mitleid mit dem Armen und führt dessen existentiell bedrohliche Situation in seiner wörtlichen Rede drastisch vor Augen. In der dritten Strophe wird deutlich, dass Martin aus einer tief empfundenen Regung und einer festen Überzeugung heraus handelt, da er nicht zögert, wie sowohl das Bild des angehaltenen Pferdes als auch das schöne Wort „unverweilt“ hervorheben. Die vierte Strophe schließlich bricht die feierliche Stimmung, die noch durch die Melodie verstärkt wird, indem sie eben nicht, wie man nach den ersten zwei Versen erwartet, mit dem Dank des armen Mannes und der Lobpreisung des Heiligen schließt, sondern damit, dass Sankt Martin schnell davonreitet – ob aus Bescheidenheit, weil er sich nicht für etwas danken lassen will, das für ihn selbstvesrtändlich ist, oder, weil der nunmehr nur noch halbe Mantel ihn eben nicht mehr so behaglich wärmt wie in der ersten Strophe und er schnell an sein Ziel gelangen möchte, bleibt offen. Beide Interpretationen bringen einem den Heiligen jedoch näher: Die erste macht ihn zusätzlich sympathisch, die zweite vergegenwärtigt, dass es sich um einen Menschen mit ganz banalen körperlichen Empfindungen gehandelt hat.

Auf sprachlicher Ebene wird das Pathos durch das Augenblickskompositum „Mantelteil“ gebrochen, das eine komische Wirkung entfaltet. Dieses komische Element baut eine bei Kindergartenkindern sehr beliebte mündlich tradierte Umdichtung aus:

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat,
sein Ross steht still am Colaautomat,
Sankt Martin wirft ne Münze ein
und trinkt die Cola ganz allein.

Diese Version frönt zum einen der (nicht nur) kindlichen Freude am Unsinn: Der Ritt durch Pommes und Salat mutet surreal an, und ist zudem, ebenso wie der Halt am Colaautomat, grob ahistorisch. Zum anderen konterkariert sie aber auch den offenkundig sehr wohl wahrgenommenen pädagogischen Impetus – Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt -, indem betont wird, dass Sankt Martin die Cola „ganz allein“ trinkt und also eben nicht teilt. Aber solange ein Lied parodiert wird, wird es noch ernst genommen. Insofern muss einem um die Bekanntheit und Beliebtheit des heiligen Martin nicht bange sein. Und eine Ikone der Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe ist wohl durchaus auch zeitgemäß.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

Albtraum-Schlaflied: „Maikäfer, flieg!“

Anonym 

Maikäfer, flieg!

Maikäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrannt.

Der Verfasser des Liedes ist bis heute unbekannt geblieben, und woher die Volksweise stammt, ist umstritten. In den mir zugänglichen Liederbüchern (Archiv Hubertus Schendel, und private Sammlungen) wird am häufigsten Pommern, bald danach Thüringen genannt. Dass auch Schleswig Holstein, Niedersachsen, die Eifel, das Vogtland und Südtirol erwähnt werden, deutet daraufhin, wie weit das Lied verbreitet war.

Ob mit „Pommerland“ tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, bleibt ebenfalls umstritten. Einige Forscher stellen einen Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg her, andere weisen darauf hin, dass bereits zu der Zeit Flugblätter mit Liedern kursierten, jedoch keine einzige Flugschrift mit dem Maikäfer-Lied bekannt sei. Außerdem seien Liedtexte mit dem Begriff „Pommerland“ erst rund 150 Jahre später bekannt geworden. Nachzuvollziehen ist der Hinweis des Historikers Hans Medick (geb. 1939) auf die Entstehung des „Pommerland-Verses“ im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem Pommern nach Eintritt Schwedens in die antipreußische Koalition neben Sachsen am stärksten von den Kriegshandlungen und -folgen betroffen war.

Einig sind sich die Volksliedforscher darin, dass Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), der fast 50 Texte von Johann Gottfried Herder vertonte, 1781 die heute bekannte Melodie nach einer alten Volksweise komponiert hat. Reichardt verwendete die Maikäfer-Melodie auch für die Vertonung des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf. Dieses nach einer Volksweise geschaffene Wiegenlied ist seit 1605 bekannt; auch die folgende Parodie hat das gleiche Versmaß wie das Maikäfer-Lied:

Bet, Kinder, bet,
morgen kommt der Schwed’,
morgen kommt der Ochsenstern,
der wird die Kinder beten lern [lehren].
Bet, Kinder, bet.

Dieses Lied, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte, stammt ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Wort „Ochsenstern“ bezieht sich auf Axel Oxenstierna, den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, der als Oberkommandierender der schwedischen Truppen hier als Schreckensfigur für die Kinder fungiert. So könnte das Maikäfer-Lied eine Umdichtung des „Ochsenstern-Liedes“ sein. Mündlich überliefert taucht Maikäfer, flieg gedruckt zum ersten Mal 1800 auf, und zwar in Otmars (= Johann Karl Christoph Nachtigal, 1753 – 1819, deutscher Theologe, Schriftsteller und Erzählforscher) Volcks-Sagen. Einige Jahre später wurde das Lied unter dem Titel Maykäfer-Lied in den ersten Band der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn in der folgenden Version aufgenommen:

Maykäfer, flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

Der Lied und Erzählforscher Heinz Rölleke meint, „Pulverland“ sei eine ironische Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“. In den Folgejahren tauchte das Lied in weiteren Fassungen auf, so heißt es einmal „Engelland ist abgebrannt“. Der Vers „deine Mutter ist in Engelland“ soll sich laut dem Volkskundler Wilhelm Mannhardt nicht auf England, sondern auf das „Land der Engel“, also den Himmel, beziehen. Aus der Zeit des Vormärz und der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert.

Der Maiakäfer fliegt,
Der Hecker ist em Kriag,
Der Hecker ist em Oberland,
Der Hecker ist em Unterland

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg
Der Struve ist im Oberland
Macht die Republik bekannt.

Der Advokat Friedrich Hecker (1811 – 1881), Anhänger der Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), rief 1848 in Konstanz die Republik aus, musste jedoch nach verlustreichen Kämpfen der Freischärler gegen die Badenser großherzoglichen Truppen untertauchen und floh in die USA. Sein Mitstreiter, der Rechtsanwalt Gustav Struve (1805-1870) setzte sich ebenfalls nach Amerika ab. Beide kämpften dort im Sezessionskrieg (1861-1864) für die Abschaffung der Sklaverei.

Der Maikäfer ist ein Frühlingsbote; man freut sich, „wenn alles schön grünet und blüht“ (2. Strophe des Liedes Im Märzen der Bauer). Wie wir früher als Kinder einen Maikäfer anhauchten, damit er losfliegen möge, so kann man sich hier ein Kind vorstellen, das sich damit tröstet, dass der Maikäfer fliegt, um seine verschollenen Eltern zu suchen und sie zurückzubringen. Der Vater ist wahrscheinlich zwangsrekrutiert worden, um im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) auf Seiten der Preußen gegen Schweden zu kämpfen. Die Mutter musste im Tross mitziehen oder ist von den Feinden verschleppt worden. So ist das Kind allein geblieben und haust in Ruinen („Pommerland ist abgebrannt“) mit anderen Kindern zusammen oder lebt bei seiner Großmutter in einer übrig gebliebenen Hütte so gut es geht, nachdem Soldaten das Land geplündert und gebrandschatzt haben.

Ungewiss bleibt, ob der kleine Sänger oder die kleine Sängerin bereits ein Waisenkind ist oder ob der Vater oder die Mutter oder beide jemals zurückkommen werden. Das Kind hofft, dass der Maikäfer als der gute Bote (vgl. Wenn ich ein Vöglein wär oder Kommt ein Vogel geflogen) den Eltern den Weg nach Hause zeigt. Es kann aber auch sein, dass das Kind das Lied nur für sich selbst singt, um die erlebten Zerstörungen und den vermeintlichen Verlust der Eltern zu verarbeiten. Ob es ein Bewältigungslied oder ein Lied der Hoffnung ist, bleibt offen.

Rezeption

Wie populär ein Lied ist, zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Liederbücher, Partituren oder Tonträgern mit dem Lied, sondern auch in der Verwendung des Incipits. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) finden sich 62 Bücher mit dem Titel Maikäfer flieg, davon fast die Hälfte der in verschiedenen Verlagen erschienenen Ausgaben von 1973 bis 2016 von Christine Nöstlinger mit dem Untertitel: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“. Dieses autobiographische Jugendbuch mit einer Auflage von mehreren 100.000 Exemplaren ist auch in Englisch, Französisch, Russisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch und Norwegisch erschienen.

Zwei Ausstellungen und die Kataloge dazu wurden mit Maikäfer flieg betitelt (Ruhrmuseum Essen, Kindheitserinnerungen, 2001 sowie Städtische Galerie und Kunstverein GRAZ Regensburg, 2004). Außerdem weist die DNB sieben Bilderbücher und sechs Erinnerungsbücher mit dem Titel aus, manche davon mit mehreren Ausgaben. Erwähnt werden sollen hier nur die Erinnerungen von Werburg Doerr mit dem Untertitel „Eine Kindheit jenseits der Oder“ mit hohen Auflagen in einem Verlag des Bertelsmann-Konzerns (2011), einer Taschenbuchausgabe bei Piper (2005) und einer ebenfalls auflagenstarken Edition des Weltbild Verlags (2004), nachdem das Buch von Hoffmann und Campe bereits 2003 verlegt worden war, und Peter Heinls Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit (1994).

Zusätzlich zu den 41 Partituren mit dem Titel Maikäfer flieg, die der Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA) Leipzig enthält, weist das DMA über 40 Tonträgern aus, die das Maikäfer-Lied enthalten. Nicht nur viele Kinderchöre, wie die Regensburger Domspatzen oder der NDR-Knabenchor singen das Lied, auch Heinz Rudolf Kunze interpretiert seine Kontrakaftur des Maikäfers auf mehreren CDs. Die Gruppe Die Grenzgänger, die u. a. politische Volkslieder im weiteren Sinne interpretiert, hat für ihre CD Maikäfer flieg – Verschollene Lieder 1914-1918 2014 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.

Der Vollständigkeit halber sei hier die österreichische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christine Nöstlinger aufgeführt, die im Jahr 2016 erfolgte (Trailer hier).

Obwohl noch 1999 nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts zwei von drei Deutschen (rund 65 %) das Maikäferlied kannte, hat die Popularität des Liedes in den letzten Jahren nachgelassen.

Georg Nagel, Hamburg