Frohe Weihnachten. „Was soll das bedeuten? (Es taget ja schon.)“

aus: Erk/Böhme, Deutscher Liederhort, Band 3, 1894, S. 653

1. Was soll das bedeuten? Es taget ja schon.
Ich weiß wohl, es geht erst um Mitternacht rum.
Schaut nur daher, schaut nur daher,
wie glänzen die Sternlein je länger, je mehr.

2. Treibt zusammen, treibt zusammen die Schäflein fürbaß.
Treibt zusammen, treibt zusammen, dort zeig ich euch was.
Dort in dem Stall, dort in dem Stall
werdet Wunderding sehen, treibt zusammen einmal.

3. Ich hab nur ein wenig von weitem geguckt,
da hat mir mein Herz schon vor Freuden gehupft:
Ein schönes Kind, ein schönes Kind
liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind.

4. Ein herziger Vater, der steht auch dabei,
eine wunderschöne Jungfrau kniet auch auf dem Heu,
Um und um singt's, um und um klingt's,
man sieht ja kein Lichtlein, so um und um brinnt's.

5. Das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost.
Ich dacht mir: Wer hat es denn also verstoßt,
daß man auch heut, daß man auch heut
ihm sonst keine andere Herberg anbeut?

6. So gehet und nehmet ein Lämmlein vom Gras,
und bringet dem schönen Christkindlein etwas.
Geht nur fein sacht, geht nur fein sacht,
auf daß ihr dem Kindlein kein Unruh nicht macht.

Herkunft und Vorgeschichte

Gemäß dem Volksliedforscher Theo Mang wurde Was soll das bedeuten zuerst durch ein Flugblatt von 1715 überliefert (Der Liederquell, 2015, S. 1020). Die Angabe bei Wikipedia „Frühe Flugblattdrucke des Textes sind vor allem aus Österreich in mundartlicher Fassung überliefert und gehen bis ins Jahr 1656 zurück“ ist zweifelhaft, da in der zitierten Quelle (Friedrich Erk und Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band III, 1894) dieser Hinweis bei dem Lied fehlt (vgl. S. 653).

Zum ersten Mal in einem Liederbuch gedruckt wurde das Lied 1842 in dem Werk Schlesische Volkslieder mit ihren Melodien, gesammelt und herausgegeben von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter mit dem Hinweis „aus Oppeln und der Grafsch. Glaz“ (S. 333).

Die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) hält es für wahrscheinlich, dass das Lied zu einem Hirtenspiel gehört hat. Ähnlich der Volksliedforscher Theo Mang (geb. 1940), der annimmt „nach Text und beschwingter Melodie“ sei das „Lied als Teil eines Krippenspiels des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts“ anzusehen.

Liedbetrachtung

Was soll da bedeuten gehört zum Genre der Hirtenlieder wie z. B. Inmitten in der Nacht, als die Hirten erwacht, Auf, auf ihr Hirten von dem Schlaf (Spätmittelalter) und das wohl bekannteste Kommet, ihr Hirten (Text: Carl Riedel, 1827-1888). In Hirtenliedern wird die Geburt Jesu Christi angekündigt und/oder das Jesuskind in der Krippe verehrt. Sie entstanden besonders zahlreich zur Weihnachtsfeier im katholischen Süddeutschland, in Schlesien und Österreich. Gedichtet wurden sie nicht von den Hirten, sondern in Anlehnung an die Weihnachtsgeschichte in Lukas, Kapitel 2 von katholischen Geistlichen und bibelkundigen Volksdichtern.

Heißt es bei Lukas, 2, Vers 9 „und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“, so glänzen in der 1. Strophe „die Sternlein je länger, je lieber“. Wer die Hirten auffordert, die Schafe zusammenzutreiben, wird im Lied nicht näher beschrieben, doch sicherlich ist es ein Engel, der ihnen verkündet, ein „Wunderding“ (vgl. Lukas 2, 10 und 11) zu sehen.

Unser Lied erzählt nicht, dass die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu gehen (Lukas 2, 15), sondern stellt uns gleich vor vollendete Tatsachen:  „Ein schönes Kind liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind“. Während in Lukas 2, 16 die Eltern namentlich erwähnt werden: Maria und Joseph, wird im Lied der Vater als herzig und die Jungfrau (vgl. Lukas 1, 27, vgl. 2. Korinther 11, 2) als wunderschön beschrieben.

In dem Stall ist es kalt, und wie wir es von Krippenspielen oder kleinen Krippen kennen, ist nur Heu und Stroh vorhanden, so dass – wie es gleich die Hirten wahrnehmen – das „Kindlein“ vor Kälte zittert (vgl. dazu Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen – zweite und dritte Strophe). Sie fragen sich, wieso es keine bessere Herberge gegeben hat. Wir wissen heute, dass aufgrund der vom Kaiser Augustus veranlassten Volkszählung (Lukas 2) alle Herbergen in Bethlehem ausgebucht waren und Maria und Joseph deshalb mit dem Stall vorlieb nehmen mussten. Die Hirten nahmen ein Lamm und übergaben es mit anderen Geschenken („bringet dem schönen Christkindlein etwas“) den Eltern. Ob sie es zum Wärmen des Jesuskindes in die Krippe legten oder das Tier erst töteten und das abgezogene Fell als Zudecke benutzten, erfahren wir nicht.

Rezeption

Nachdem Was soll das bedeuten 1913 in zwei Liederbüchern der Wandervögel aufgenommen worden war, erlangte es eine gewissen Beliebtheit in den 1920er Jahren; ohne die sechste Strophe und manchmal nur mit vier Strophen war es auch in einigen Schulbüchern vertreten.

In der Zeit von 1933 bis 1945 taucht es nach den mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern nur in wenigen NS-Veröffentlichungen auf, z.B. in Lieder des Volkes (Verlag Erben und Aussaat, 6. Auflage 196) und im Lied der Arbeitsmaiden (Reichsarbeitsdienst, 1938). Die Mehrheit der Publikationen mit unserem Lied konnte jedoch ohne NS-Lieder erscheinen.

Vom Hirtenbüchel auf die Weihnachtszeit (Bärenreiter 1946) über etliche Schulbücher in den 1950er Jahren und die weit verbreitete Bertelsmann-Ausgabe Macht hoch die Tür bis Unsere Weihnachtslieder zur Gitarre allein (Schott‘ Söhne 1958) trugen fast 40 Liederbücher zur Beliebtheit dieses Hirtenliedes bei. Erwähnenswert der 5. Auflage wegen ist das Liederbuch für (katholische) Frauen (1963). Auch in der DDR erschienen in dieser Zeit drei Liederbücher mit dem Lied.

Misst man die Verbreitung des Liedes an der Anzahl der Liederbücher, so nimmt seit 1960 bis 1989 die Popularität kontinuierlich ab, obwohl einige Veröffentlichungen hohe Auflagen haben: 1984 Die schönsten Weihnachtslieder (Bild und Funk) und 1988 Deutscher Liederschatz, Band 3 (Weltbild Verlag). Die Volksliedforscher Ernst Klusen und Heinz Rölleke haben das Lied nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen, wohl aber der Liedersammler Theo Mang (Der Lieder Quell, 1967, Neuausgabe 2015) und die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in ihr Standardwerk Das Buch der Weihnachtslieder (1982).

Während es in den 1990er Jahren in keinem Liederbuch auftauchte, nahmen seit 2000 einige Liederbücher das Lied in ihr Repertoire auf, z. B. 2014 die Volkslieder und Weihnachtsliederfibel. Lübecker Kinder singen und 2018 Du meine Seele singe. Advents- und Weihnachtslieder. In etlichen von katholischen Institutionen herausgegebenen Liederbüchern ist das Lied vertreten. Im Gegensatz dazu ist es weder im Evangelischen Gesangbuch noch in anderen evangelisch orientierten Publikationen zu finden; Gedichte und Reime zur Weihnachtszeit (1980) auf evangelischer Seite bildet eine Ausnahme.

Noch heutzutage wird das Lied vorwiegend im süddeutschen Raum in Krippenspielen gesungen, manchmal auch mit verteilten Rollen.

Georg Nagel, Hamburg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

4 Responses to Frohe Weihnachten. „Was soll das bedeuten? (Es taget ja schon.)“

  1. Günter Nowak says:

    Ich lese Ihre Interpretationen mit Interesse und Gewinn.
    Meine bisherige mail-Anschrift habe ich gelöscht, bitte schicken Sie mir die Liedinterpretationen auf die mail gnowak@posteo.de
    Vielen Dank und gute schöne Festtage
    Günter Nowak

  2. Otto Holzapfel says:

    Was soll es bedeuten, es taget ja schon… auf Liedflugschrift des 18.Jh. – Was muss es bedeuten, es taget sich schon, ich weiß ja es fangt sich die Mitter-Nacht an… DVA = *Erk-Böhme Nr.1947, #Was soll das bedeuten? Es taget ja schon… 6 Str. (schlesisch und mährisch, Verweis u.a. auf Meinert, 1817). – Verweise auf Liedflugschriften aus Oberösterreich, Anfang des 18.Jh. (u.a. 1715). Vgl. Hans Commenda, in: Jahrbuch des Österreich. Volksliedwerkes 4 (1955), S.24, Nr.14 Was muaß es bedeuten, es taget ja schon… (datiert 1787), und K.M.Klier, „Innsbrucker Lied-Flugblätter des 17.Jahrhunderts“, ebenda S. 56-76, bes. S.61, Was muß es bedeuten… Innsbruck 1656 [bisher ältester Beleg; leider nur Liedanfang]; Was soll das bedeuten… *Wolters, Gottfried, Inmitten der Nacht. Die Weihnachtsgeschichte im Volkslied, Wolfenbüttel: Möseler, 1957, S.46 (Schlesien; nach: Hoffmann-Richter, Schlesien, Nr.280; vgl. Meinert Nr.275/276; Pailler Bd.1, Nr.175/176; Hartmann-Abele Nr.37, Mel. Nr.30); *Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, Mainz 1982, Nr.30; Meinert (1817/1987) Nr.134/5; *Mang, Der Liederquell (2015), S.1019 f. (mit weiteren Hinweisen).

    Belege aus mündl. Überl.: *NS (1985), *HE (1935), BA (1977), *ST (1870), BÖ (1918), SK (1930), kroatisch. – Weitere Abdrucke: *Hoffmann-Richter (Schlesien 1842) Nr.280 (hochdeutsch); Pailler, Weihnacht (1881/83) Nr.175 (11 Str., Mundart), Nr.346 (6 Str., hochdeutsch), Nr.347 (1 Str., Mundart); *A.Hartmann-H.Abele, Volksthümliche Weihnachtlieder, Leipzig 1884, Nr.55 (aus Traunstein in Oberbayern, stark mundartgefärbt); Aug.Hofer, Weihnachtslieder aus Niederösterreich, 1890, Nr.22 (stark mundartgefärbt); *Amft (Schlesien 1911) Nr.569; *Adolf König, Heimatlieder aus Nordböhmen, 1919, Nr.4 (hochdeutsch); *H.Wagner, Freuet euch in allen Landen, 1955, S.19; *H.Wolf, Unser fröhlicher Gesell, Wolfenbüttel o.J. [1956], S.312 (hochdeutsch, „aus Schlesien“); *Scheierling (1987) Nr.125 (5 Str., hochdeutsch). – Abgesehen von einer Sammlung Steirischer Krippenlieder, 1937 (Was muß es bedeuten…), beginnen die zahlreichen Abdrucke in den gängigen Gebr.liederbüchern (vorwiegend seit den 1950er Jahren) durchgehend mit „Was soll das bedeuten? Es taget ja schon…“

    = Otto Holzapfel, Liedverzeichnis (gedruckt 2006), online über Homepage des Volksmusikarchivs des Bezirks Oberbayern

  3. georg nagel says:

    Herr Prof. Holzapfel, ich danke Ihnen für die „literarischen“ Ergänzungen. Ich fand sie sehr interessant und hoffe, dass auch andere sie lesenswert finden.
    Leider war mir nicht bekannt, dass Ihr Liedverzeichnis online zugänglich ist.
    Allerdings war ich erstaunt, Lieder wie In dem Kerker saßen (Die freie Republik) oder Ob wir
    rote, gelbe Kragen (Bürgerlied) im Gegensatz zu Das was ne heiße Märzenszeit nicht zu finden.
    Ihr Liedverzeichnis mit seinen mehreren 10.000 Liedern (?) ist ein unschätzbares Nachschlagewerk, für mich ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk.
    Danke
    Georg Nagel..

    • Otto Holzapfel = über: Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern www.volksmusik-archiv.de says:

      Lieber Herr Nagel! Schauen Sie nach unter „Es saßen sechs Studenten…“ Auch die anderen Lieder werden Sie finden. MfG Otto Holzapfel. – Und der Eintrag vorher bleibt bei seinem Fehler?

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