Selbstüberschätzung und Selbstironie. „Laufen“ von Ina Müller

Ina Müller

Laufen

Jeden Nachmittag um vier senken sich meine Rollos
Meine Nachbarn spekulier'n, was ist bei der Müller los?
Die Scheiben sind beschlagen, meine Kleidung ist durchnässt
Während ein durchtrainierter Mann mein'n Hauseingang verlässt

Es ist nicht, wonach es aussieht, leider nicht das, was ihr denkt
Es wurd zwar viel gestöhnt und sich ausgiebig verrenkt
Es ist auch nicht erotisch, aber trotzdem was Privates
Früher ham wa durchgemacht, heut machen wir Pilates

Früher wollt ich schneller sein, höher, weiter, besser
Heute ist mein Ziel nur noch fast so hoch wie gestern
Man sagt, du kannst das schaffen, aber ohne Fleiß kein Preis
Ich bin nicht mehr hier für Preise, ich kämpf nur noch gegen den Verschleiß

Ich hab irgendwann geplant, mal 'n Marathon zu laufen
Heut bin ich kurz davor, mir 'n Treppenlift zu kaufen
Ich war vier mal Nordic-Walken, aber dabei fiel mir ein
Ich bin zwar alt, doch so alt auch nicht, also ließ ich's wieder sein

Bin zum Yoga-Kurs gegang'n, wenn auch nicht aus freien Stücken
Meine Lieblingsposition: "Alte Frau auf Rücken"
Ich wollt jeden Morgen schwimm'n, jeden Morgen, merkste selber
Fühle mich wie neugebor'n, nur gut 50 Jahre älter

Früher wollt ich schneller sein, höher, weiter, besser
Heute ist mein Ziel nur noch fast so hoch wie gestern
Man sagt, du kannst das schaffen, aber ohne Fleiß kein Preis
Ich bin nicht mehr hier für Preise, ich kämpf nur noch gegen den Verschleiß

Und du läufst, und du läufst, und du läufst
Durch den Park deine tägliche Strecke
Und ich lauf, und ich lauf, und ich lauf
Zum Kiosk bei mir an der Ecke
Und wenn wir uns treffen, werd ich dir sagen
"Es läuft und jeder hat sein'n Sixpack zu tragen"

Oh, ich kann nicht mehr 

     [Ina Müller: 55. Columbia 2020.]

Im November 2020 veröffentlichte das norddeutsche Multitalent Ina Müller ihr Album 55, benannt nach der Anzahl ihrer Lebensjahre bei Erscheinen. Zu den dominierenden Themen der Sammlung zählen Schwächen und Laster – dem Rauchen ist ein Lied gewidmet, ebenso dem Zucker, der Wie Heroin wirkt. Wer gern einmal zu viele Kalorien zu sich nimmt, kann diese theoretisch durch Sport abbauen, doch praktisch ist das gar nicht so einfach. Dies erklärt uns die Sängerin in einem Stück mit dem Titel Laufen.

„Was ist bei der Müller los?“, heißt es im zweiten Vers. Wir können daher davon ausgehen, dass das Geschilderte zumindest teilweise autobiographisch ist. Und, was ist nun los? Die beiden ersten Strophen führen die Zuhörerschaft (ebenso wie die Nachbarn) zunächst auf eine falsche Fährte. Hinter geschlossenen Rollos praktiziert das lyrische Ich mit einem durchtrainierten Mann unter Gestöhne etwas Schweißtreibendes, das lässt natürlich sexuelle Assoziationen aufkommen. Dass diese Vermutung nicht stimmt, wird in der zweiten Strophe durch dreimalige Wiederholung der Negationspartikel „nicht“ klargemacht: Die Lösung des Rätsels heißt Pilates. Der reiche Reim mit Alliteration „Privates / Pilates“ ist besonders raffiniert.

Gleichzeitig wird im letzten Vers der zweiten Strophe die Gegenüberstellung „früher / heute“ eingeführt, die der Refrain wörtlich wieder aufnimmt und die dritte Strophe leicht abwandelt („irgendwann / heute“). Das lyrische Ich ist nicht mehr jung, beim Yoga fühlt es sich als „Alte Frau“ und generell „wie neugebor’n, nur gut 50 Jahre älter“. Andererseits heißt es: „Ich bin zwar alt, doch so alt auch nicht“, daher ist Nordic Walking nicht das Richtige.

Widersprüche und Extreme sind ständige Begleiter „der Müller“, die verschiedene Sportarten ausprobiert. Nachdem sie ihren Plan aufgegeben hat, einen Marathon zu laufen, denkt sie gleich an einen Treppenlift (als würden ihre Beine den Dienst ganz und gar versagen), und das Projekt „Schwimmen“ betrachtet sie als gescheitert, da sie es nicht schafft, dies jeden Morgen zu tun. Hier wird ein Problem angesprochen, das häufig auftritt: Menschen möchten ihr Leben ändern, gesünder leben, und nehmen sich zu viel auf einmal vor. Da sie ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen, resignieren sie und leben vielleicht noch ungesünder als vorher.

Zu Beginn des Liedes präsentiert sich das lyrische Ich hochmotiviert. Offenbar klappt es momentan mit dem täglichen Sportprogramm, jeden Nachmittag zur gleichen Zeit kommt der fesche Personal Trainer vorbei. Diese Phase scheint jedoch nicht lange anzuhalten. Im Refrain werden sowohl das olympische Motto „citius, altius, fortius“ (wörtlich „schneller, höher, stärker“) in seiner deutschen Abwandlung „schneller, höher, weiter“ als auch das bekannte Sprichwort „ohne Fleiß kein Preis“ zitiert und zwar als Maximen, an die sich die Sprecherin inzwischen nicht mehr hält. „Schneller, höher, weiter, besser“ galt früher, heute wird das Ziel immer niedriger angesetzt. An Preise ist auch nicht mehr zu denken, Sport wird nur noch getrieben, um den körperlichen Verfall oder „Verschleiß“ aufzuhalten. Auf der sprachlichen Ebene fallen im Refrain die Einschränkungen „nur noch“ (wird zweimal gebraucht) und „nicht mehr“ auf. Die Formulierung „gegen den Verschleiß kämpfen“ klingt sehr pessimistisch und gar nicht nach einer Person, die in der Lage ist, sich täglich „ausgiebig zu verrenken“ (zweite Strophe).

Die fünfte und letzte Strophe nach dem zweiten Refrain ist anders aufgebaut als die vorherigen. Statt mit vier haben wir es hier mit sechs Versen zu tun, diese sind kürzer als in den ersten vier Strophen und weisen außerdem ein anderes Reimschema auf. An die Stelle von aabb tritt xaxabb – das x steht für Verse, die sich zwar nicht reimen, aber durch eine Form des gleichen Verbs am Ende verbunden sind, nämlich „läufst/lauf“. Es findet erneut eine Gegenüberstellung statt, jetzt nicht mehr zwischen früher und heute, sondern zwischen ich und du.

Das lyrische Ich spricht plötzlich jemanden an und zwar eine Person, die eisern jeden Tag ihre Laufstrecke durch den Park absolviert. Auch die Sprecherin selbst läuft, doch bei ihr sieht es trotz parallelem Aufbau der Verse mit dreimaliger Wiederholung des Verbs anders aus, sie schafft es gerade einmal zum Kiosk an der nächsten Ecke. Das Wort „Laufen“, das dem Lied seinen Titel gibt, hat im Deutschen sowohl die Bedeutung „gehen“ als auch „rennen, joggen“ – die angesprochene Person ist schnell unterwegs, das lyrische Ich gemächlich. Im letzten Vers wird die Konjugation im Präsens fortgesetzt und eine dritte Bedeutung des gleichen Verbs kommt hinzu. Das nullwertige „(es) läuft“ bedeutet so viel wie „es ist alles in Ordnung, es geht voran“ und wurde durch die Serie Stromberg zum geflügelten Wort. Die Aussage „jeder hat sein Sixpack zu tragen“ wandelt die Redewendung ab, nach der jeder sein Päckchen zu tragen, also seine eigenen Sorgen hat, und spielt außerdem wieder mit zwei Bedeutungen des gleichen Worts: Ein Sixpack kann eine Sechserpackung von Getränkedosen oder Flaschen oder aber einen durchtrainierten Bauch bezeichnen, bei dem sich die Muskeln abzeichnen.

Es klingt, als habe die Sprecherin völlig resigniert – sportliche Leistungen sollen andere vollbringen, sie selbst bewegt sich praktisch gar nicht mehr und leert stattdessen ihre Sixpacks. Was mag in den Flaschen oder Dosen enthalten sein? Cola? Bier? Etwas der Gesundheit Förderliches ist es sicherlich nicht. Der aus dem Anfang des Liedes sprechende Ehrgeiz, er ist dahin. Es reicht nur noch für den gequälten Nachsatz: „Oh, ich kann nicht mehr“.

Wäre das lyrische Ich eine gute Freundin, könnte man ihr raten, sich eine Sportart zu suchen, die sie wirklich anspricht („nicht aus freien Stücken“), bei der sie sich nicht lächerlich fühlt („Ich bin zwar alt, doch so alt auch nicht“), und sich nicht zu viel vorzunehmen („Ich wollt jeden Morgen schwimm’n“), um ihre Pläne auch wirklich umsetzen zu können. Einer mehr oder weniger fiktiven Person in einem Liedtext können wir nichts raten, doch wir können uns über ihre Zweideutigkeiten und Wortspiele amüsieren. Neben Eichhörnchentag, das Vergesslichkeit thematisiert, ist Laufen das lustigste Lied auf Ina Müllers aktuellem Album.

Irina Brüning, Hamburg

Eingeschränkt systemrelevant. Warum Funny van Dannens „Künstler sind nicht überflüssig“ das Lied der Stunde ist.

Funny van Dannen 

Künstler sind nicht überflüssig 

Künstler sind nicht überflüssig 
Aber Bäcker sind viel wichtiger
Sie backen das Brot schön knusprig 
Und sie stehen schon ganz früh auf.
Ohne sie wär das Frühstück eine Katastrophe
Wir müßten die Marmelade mit dem Löffel essen
Und die Wurst pur.

Künstler sind nicht überflüssig, 
Doch Fleischer sind viel wichtiger
Sie hacken das Fleisch in Stücke, 
Und sie schneiden es zurecht
Sie machen feine Koteletts, 
Und viele schicke Filets
Ohne sie müßten wir selber, 
Blutige Schürzen tragen
So eine Schweinerei

Künstler sind nicht überflüssig, 
Doch Soldaten sind viel wichtiger
Sie beschützen unser Land, 
Wenn Feinde es bedrohen
Sie fahren U-Boot und Panzer, 
Und Sie zerstören Nachschubbasen
Stellt euch einmal vor wir müßten 
Selber Menschen töten
So ein Wahnsinn

Künstler sind nicht überflüssig,
Doch Unternehmer sind viel wichtiger
Sie schaffen Arbeitsplätze, 
Und tragen die Verantwortung
Für viele Existenzen, 
Und wenn etwas schiefläuft
Stehen sie auf der Straße 
Mit der nackten Hand im Wind
Das ist bitter, das ist so bitter

Künstler sind nicht überflüssig, 
Weil sie was zu sagen haben
Und uns den Alltag vergessen lassen, 
Ich finde, daß sie prima
In unsere Gesellschaft passen

     [Funny van Dannen: Basics. Trikont 1996.]

Der Begriff „systemrelevant“, ursprünglich v.a. auf Großbanken bezogen, die volkswirtschaftlich als „too big to fail“ angesehen wurden, hatte bereits eine sukzessive Ausweitung erfahren (vgl. Wikipedia), als er im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie noch einmal massiv ausgedehnt wurde: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rechnet zu den kritischen Infrastrukturen, die als systemrelevvant gelten, „Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien und Kultur“ (www.bbk.bund.de). Nun ist eine solche Ausweitung natürlich für alle Personen, die in den eingeschlossenen Branchen tätig sind, erfreulich, etwa wenn es darum geht, welche Betriebe im Lockdown weiterarbeiten dürfen oder wer seine Kinder in die Notgruppen von Betreuungseinrichtungen schicken kann; da aber jede Definition darüber funktioniert, dass sie nicht nur ein-, sondern auch ausschließt, wird das Gefühl der Benachteiligung bei denjenigen, deren Tätigkeiten nicht als systemrelevant eingestuft werden, umso größer, je mehr andere in die Gruppe der Systemrelevanten aufgenommen werden. Versteht man den Begriff ferner nicht rein denotativ, sondern interpretiert ein Konnotat, mithin eine Wertung, mit hinein, so wird aus der Benachteiligung eine Kränkung. Diese fällt umso heftiger aus, je relevanter die zurückgesetzte Person sich und ihr Tun selbst einschätzt und je mehr sie darin bislang auch von ihrem Umfeld und von gesellschaftlichen Instanzen bestärkt worden ist.

Künstler werden in der Bundesrepublik Deutschland in einem im internationalen Vergleich außergewöhnlichen Umfang gefördert: Das reicht von Preisen, Stipendien etc. bis zu öffentlich finanzierten Positionen, z.B. an Stadttheatern, Staatsorchestern oder Kunstakademien. Vor diesem Hintergrun nimmt es kaum Wunder, dass sich Künstler nun nicht nur teilweise in ihrer finanziellen Existenz bedroht sehen, sondern es darüber hinaus auch als Kränkung empfinden, dass ihnen nun Friseure und Schuhgeschäfte, bislang vor allem als beliebter Gegenstand meist schlechter Witze medial präsent, vorgezogen werden.

Da hülfe es, einem Kollegen zuzuhören – der Singer-Songwriter, Autor und Maler Funny van Dannen hat bereits 1996 sehr einleuchtend zum Ausdruck gebracht, welche Bedeutung Künstlern in der Gesellschaft zukommt: Sie sind – das Positive vorweg – nicht überflüssig. Immerhin, das ist ja schon einmal was. Allerdings folgt die narzisstische Kränkung gleich auf dem Fuße, gilt die von Brecht formulierte Erkenntnis „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ doch auch abgewandelt für die Kunst: Vor die Wahl gestellt, ob man eher auf Brot und Brötchen oder auf neue künstlerische Hervorbringungen verzichten würde, fiele den meisten die Wahl wohl leicht, wie das in der ersten Strophe durchgeführte Gedankenexperiment zwar humoristisch aber dadurch keineswegs nicht ernst gemeint illustriert.

Für die in der zweiten Strophe genannten Fleischprodukte gilt dies hingegen schon eingeschränkter, denn nicht nur – man verzeihe das Wortspiel – eingefleischte Vegetarier, sondern auch viele Gelegenheitscarnivoren könnten sicher auf Fleisch verzichten, um im Gegenzug z.B. neue Folgen ihrer Lieblingsserie sehen zu können. Aber der Fokus wird in dieser Strophe ohnehin interessanterweise weg vom Konsum hin zur Produktion verschoben: Die Angesprochenen werden nicht analog zur ersten Strophe aufgefordert, sich ein Leben ohne Grillgut vorzustellen, sondern sich in die Rolle des Fleischers hineinzuimaginieren – „eine Schweinerei“, wie der Sprecher bilanzierend kalauert. Hier klingt einerseits die moralische Zweifelhaftigkeit des Tötens von Lebewesen zum Verzehr an, andererseits auch die Auslagerung dieser physisch wie psychich belastenden Arbeit – über die Zustände in Schlachthöfen sind im Zuge der Berichterstattung über die dortigen Coronaausbrüche mittlerweise auch diejenigen informiert, die davor die Frage, wo das Fleisch war, bevor es ins Regal kam, erfolgreich ausgeblendet hatten.

Noch deutlicher wird die Kritik am vorgestellten Berufsstand in der dritten Strophe: Werden zunächst noch die gängigen Begründungen für die Notwendigkeit einer Armee referiert und Tätigkeiten von Soldaten verschiedener Waffengattungen aufgezählt, so wird das die Strophe beschließende Gedankenexperiment („Stellt euch einmal vor, wir müßten / Selber Menschen töten“) eindeutig pazifistisch kommentiert: „So ein Wahnsinn“

In diesem Kontext erscheint auch die folgende Strophe, in der, wieder unter Rückgriff auf gängige Phrasen, die Rolle von Unternehmern gepriesen wird, ironisch – erst recht, wenn behauptet wird, dass sie im Falle deiner Unternehmenspleite „mit der nackten Hand im Wind“ stünden – denn der mit seinem Privatvermögen haftende Kaufmann, der aus Scham über den Bankrott den Freitod wählt, ist längst zur historischen Figur geworden, erlauben doch moderne Unternehmensformen, einen Haftungsdurchgriff aufs Privatvermögen zu verhindern.

Wenn es dann in der fünften Strophe endlich hauptamtlich um die titelgebendeKünstler geht, ist also tatsächlich ein weit differenziertzeres Bild der Gesellschaft und der darin vertretenen mehr oder weniger notwendigen Berufe gezeichnet worden, als das Sprecher-Ich vorgeblich behauptet, wenn es alle aufgezählten Berufe als „viel wichtiger“ als den des Künstlers einführt. Denn, was die gelenkte Sympathieverteilung angeht, balgt sich der Künstler wohl mit dem Fleischer um Platz zwei hinter dem unangefochten sympathischen Becker, der selbst früh aufsteht, um uns unser Langschläferfrühstück mit frischen Brötchen zu ermöglichen. Die Berufe des Soldaten und Unternehmers hingegen werden deutlich kritischer gesehen. Zudem wird in der kurzen Schlusstrophe auch die gesellschaftliche Funktion von Künstlern genannt und zwar aller Künstler – man beachte die Wahl der Konjunktion „weil“ statt des ebenfalls möglichen, einschränkenden „wenn“ -: Sie haben etwas zu sagen und lassen den Alltag vergessen – das kann man entweder im Sinne des klassischen „docere et delectare“ zusammendenken oder aber als zwei entgegengesetzte Spielarten: engagierte vs. eskapistische Kunst. So oder so – Künstler haben ihren, wenn auch nicht herausgehobenen, Platz in der Gesellschaft.

Soweit zur expliziten Aussage des Textes; Kunst, die autoreflexiv Kunst thematisiert, lenkt aber unweigerlich auch den Blick auf ihre ästhetischen Strategien. Und hier ist der reimfreie und nah an alltagssprachlicher Rede gehaltene Text raffinierter als es auf den ersten Blick scheint. Denn er spielt seine zum Strophenanfang jeweils wiederholte Kernaussage „Künstler sind nicht überflüssig“ in allen Stufen der Ernsthaftigkeit vom eigentlichen Sprechen bis zur offenen rhetorischen Ironie durch, wie oben gezeigt. So eröffnet der Text einen Diskussionsraum über die Bedeutung von Künstlern, ohne sich selbst ganz eindeutig zu positionieren – denn weder singt er das Loblied des Intellektuellen als geistiger Führungsfigur noch wertet er Kunst gegenüber allen übrigen Berufen ab. Diese Ambivalenz entspricht bezogen auf den Gesamttext eher dem romantischen Ironieverständnis, eine Sache und ihr Gegenteil zugleich auszudrücken, als der rhetorischen Schulhofironie vieler der „#allesdichtmachen“-Beiträge, in denen genau das Gegenteil von dem gesagt wird, was eigentlich gemeint ist. Insofern ist den Protagonistinnen und Protagonisten dieser so vieldiskutierten Aktion vielleicht weniger vorzuhalten, dass sie sich kritisch zu Wort gemeldet haben – denn das müssen Künstler selbstverständlich tun dürfen -, sondern, dass sie es so wenig künstlerisch getan haben, dass sie eben den Nachweis der Besonderheit ihres Berufsstands schuldig geblieben sind. Denn eine Kunst, die formal und inhaltlich nichts anders macht als Journalismus und politische Debatte, ist tatsächlich nicht systemrelevant.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Echse an Krautrock: „Der Elektrolurch“ von Guru Guru (1973)

Guru Guru

Der Elektrolurch

Gestatten, hier spricht der Elektrolurch.
Ich wohne in der Lüsterklemme neben dem Hauptzähler.
Ich sorge für Euren Saft!
Volt, Watt, Ampere, Ohm ...
Ohne mich gibt's keinen Strom!

Was bedeutet eigentlich der Name GURU GURU?
- Der Name GURU GURU ist zum Beispiel prähistorisch;
Er soll, kann und zeigt aber nichts.

Wieso macht Ihr eigentlich Musik?
- Ebbes besseres als de Dod kenne ma allemo finne!

Was war für Dich ein besonders wichtiges Ereignis?
- Der erste Bohnenkaffee nach dem Krieg!

Was macht Ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?

     [Guru Guru: Guru Guru. Brain 1973.]

Das Menu auf der heutigen Tageskarte ist nichts für schwache Mägen. Es stammt aus den frühen 1970er Jahren und seine Hauptzutat ist Krautrock; d.h. es stammt aus (west-)germanischen Gefilden und wurde von Küchenmeistern mit Vorliebe für elektronisches Equipment und experimentierende bzw. improvisierende Herstellungsverfahren zubereitet.  Der Begriff war zunächst eine humoristisch, vielleicht auch etwas despektierlich gemeinte Fremdzuschreibung englischer Rundfunkmoderatoren, wurde dann aber auch in Deutschland, oft selbstironisch, aufgegriffen. Laut Handbuch der populären Musik bezog sich besagte Ironie meist auf den „Hang zu philosophischem Tiefgang“, dem viele Vertreter des Krautrock nachhingen, obwohl sie durchaus unterschiedliche Stile der Rockmusik pflegten. Zu den allgemein anerkannten Spitzenköchen der frühen Krautrock-Ära, denen wir hier Guru Guru einmal zurechnen wollen, gehörten – in alphabetischer Reihenfolge ohne Anspruch auf Gerechtigkeit oder gar Vollständigkeit – u.a. Amon Düül, Ash Ra Tempel, Can, Hoelderlin, Popul Vuh und Tangerine Dream. Wenn jemand in den Namen der Bands (bzw. ihrer Stücke, vgl. etwa LSD-Marsch von Guru Guru) Hinweise darauf zu sehen glaubt, dass der eine oder andere Koch seiner Kreativität mit exotischen Gewürzen nachgeholfen haben könnte, würde ich dem jetzt nicht ungestüm widersprechen …

Zur Gründung von Guru Guru, ihrer musikalischen Herkunft aus dem Free Jazz und Entwicklung, den wechselnden Besetzungen sowie ihren Konzerten und produzierten Alben kann man einiges bei Wikipedia erfahren; darüber hinaus betreibt die Gruppe eine Internetseite. Das entlastet uns hier für die Arbeit am Text, der auch unsere volle Konzentration erfordert … 

Die geneigte Hörerschaft muss sich bei der ausgewählten Aufnahme etwas länger in Geduld üben, bevor eine menschliche Stimme zu vernehmen ist. Man darf sich also ein Weilchen auf einem schönen Klangteppich mit allerlei rhythmischen und elektronischen Effekten räkeln, sollte aber bei exakt 5 Minuten und 18 Sekunden wieder hellwach sein – dann ergreift nämlich der Elektrolurch ohne Vorwarnung persönlich das Wort. Seine Stimme entspricht unserer ,eigentlich‘ (dazu unten mehr) noch gar nicht vorhandenen Vorstellung eines Elektrolurchs ziemlich exakt, da sie ,irgendwie elektronisch‘ klingt, wozu u.a. ein kräftiger Hall beiträgt. Der Lurch verrät uns Wohnort und Beruf, lässt aber ansonsten viele Fragen offen. Ob das Internet Abhilfe schaffen kann?  

Die einschlägige Wissenschaft, die Lurche bzw. Amphibien als Landwirbeltiere, die sich nur im Wasser fortpflanzen können, definiert, hilft uns leider nicht wirklich weiter, da sie weder unter den Frosch- noch Schwanzlurchen einen Elektrolurch zu nennen weiß, und unter den Schleichenlurchen schon gar nicht, was wir uns aber sowieso gedacht haben, weil der Elektrolurch immer recht laut aufzutreten pflegt. Auch die allgemeine Neigung der Amphibien zum flüssigen Element würde sich mit der sprichwörtlichen Affinität unseres Lurchs zur Elektrizität nur schlecht vertragen. Vergessen wir also die Zoologie und suchen unser Heil in der Begriffsgeschichte!

Wörterbücher führen ,Elektrolurch‘ zuvorderst als scherzhafte Bezeichnung für Elektriker auf. Da diese Handwerker zwar durchaus mit Lüsterklemmen umzugehen gewohnt sind, aber nicht darin wohnen, dürfen wir nach messerscharfer Logik davon ausgehen, dass unser Titeltier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Elektrofacharbeiter ist, jedenfalls keiner im branchenüblichen Sinne. Die Sprachnudel (ein Wörterbuch der Jetztsprache) belehrt uns, dass man in hippen Kreisen unter ,Elektrolurchen‘ gewisse Sexspielzeuge versteht, die unter der Bezeichnung ,Vibrator‘ (von lat. ,vibrare‘ =  zittern, beben, schwingen) in der breiten Bevölkerung bekannter sind und – nach einer wissenschaftlichen Studie der Kronen Zeitung von 2006 – in jedem zweiten US-amerikanischen bzw. taiwanesischen, jedem dritten österreichischen und fünften deutschen Werkzeugkasten zur Grundausstattung gehören. Wenn ich das Technische für einen Augenblick einmal zugunsten des Ästhetischen beiseite rücke, empfinde ich den Ausdruck ,Elektrolurch‘ unzweifelhaft netter, um nicht zu sagen poetischer, als Synonyme wie ,Bohrmaschine‘ oder ,Brummgurke‘. Schon deshalb verdient er unsere Sympathie. Außerdem begeistert der quasi ins Auge springende semantische Bezug des Titels zur offenen Frage am Schluss: „Was macht ihr eigentlich einmal, wenn ihr älter seid?“ (Als Interpret literarischer Texte freut man sich ja immer wie ein Schnitzel, wenn irgendwo Strukturen von Kreisschlüssigkeit aufzufinden sind.)

Allerdings gebietet es die hermeneutische Redlichkeit, auch nach Argumenten gegen eine gerade favorisierte Deutung  Ausschau zu halten und diese gegebenenfalls offenzulegen, auch wenn man sich auf diese Weise gewissermaßen selber ins Bein schießt. Insofern muss ich notgedrungen einräumen, dass auch die eben angedeutete – in mehrfacher Hinsicht – ,schöne‘ Interpretation des Elektrolurchs einmal mehr an der Lüsterklemme scheitert, die sich abermals als verteufelte Crux erweist, würde in eine solche doch nicht einmal der klitzekleinste  elektrische Freund hineinpassen. Schade, Fahrradkette, Künstlerpech!

Wenn Wikipedia und Wörterbücher versagen, bleibt dem Interpreten nur noch die eigene kreative Phantasie bzw. Gabe divinatorischer Imagination (Schleiermacher). Manchmal hilft auch der pure Zufall. So habe ich mich glücklicherweise erst kürzlich für einen anderen Artikel (Peter Blaikners Kinder-Musical Das Hausgeisterhaus) eingehend mit Geistern befassen müssen, und zwar allen möglichen Arten wie Haus-, Natur-  und Flaschengeistern, aber auch Voodoo-Tanten. So weiß ich aus sicheren Quellen, dass Geister alle möglichen und unmöglichen Räume bewohnen können, Lüsterklemmen sind da überhaupt kein Problem! Insofern würde ich bis zum Beweis des Gegenteils unseren Lurch für einen Elektrogeist halten, der als Gestaltwandler alle möglichen leitenden Materialien durchdringen, ja durchfließen kann, wodurch er – gemäß eigener, nun absolut plausibel erscheinender Aussage nach – „Volt, Watt, Amper, Ohm“ erzeugt, also jenen ganz besonderen „Saft“, ohne den kein vernünftiger Krautrocker auskommen könnte. Ab und an mag er sich dann vielleicht in Form eines winzigen Axolotls, für ein Nickerchen in die Lüsterklemme neben dem Hauptzähler zurückziehen … Die Nähe zum Hauptzähler stellt sicher, dass er weiterhin den ganzen Laden im Blick hat oder sich das wenigstens einreden kann.

Als Gestaltwandler ist es dem Elektrolurch natürlich auch ein Leichtes, sich zu menschlicher Größe aufzublähen und ein weiteres Bandmitglied von Guru Guru zu mimen, wie viele dokumentarische Fotografien belegen, z.B.:  

Bildquelle: http://mani-neumeier.de/

Nachdem sich der Elektrolurch in den Eingangszeilen selbst vorgestellt hat, besteht der Rest des Textes aus drei Frage-Antwort-Sequenzen und einer unbeantworteten Schlussfrage. Den Fragepart scheint dem Klang der Stimme nach jeweils der Elektrolurch übernommen zu haben, die Antworten kommen vermutlich von unterschiedlichen Mitgliedern der Band Guru Guru. Jedenfalls klingt die erste Antwort vergleichsweise intellektuell, bei der zweiten fällt eine deutliche dialektale Einfärbung auf und die dritte wirkt auf mich so ehrlich wie schlicht. Die Fragen der Elektroechse ähneln journalistischen Standardfragen, wie wir sie von tausend Interviews her kennen, speziell wenn eloquente Künstler oder Profisportler genötigt werden, sich und ihr Tun zu erklären. Ob der Lurch mit seinen Fragen nun die Absicht verfolgt, derartige Interviews zu imitieren, Guru Guru dem Publikum vorzustellen oder selber besser kennenzulernen, kann ich nicht entscheiden.

Allerdings provozieren die Antworten einen gewissen Argwohn, dass es den Beteiligten mehr drum gehen könnte, jemanden zu veralbern, als hilfreiche Informationen zu generieren. Wer aber könnte besagter „jemand“ sein? Allzu verbissene Fans? Kulturjournalisten? Andere Krautrock-Bands mit dem oben erwähnten Hang zu ,philosophischem Tiefgang‘? Ich weiß es nicht. Aber man darf sicherlich auch mit der Möglichkeit rechnen, dass es den Guru Gurus ganz einfach nur Spaß macht, auf der Bühne herumzualbern. Vergessen wir nicht, dass der Zeitgeist der frühen 1970er Jahre sogenannten ,Blödelbarden‘ wie Insterburg & Co., Ulrich Roski oder Schobert und Black Rückenwind verschaffte und einem Otto Waalkes den Start einer steilen Karriere erleichterte. Kalauernde Krautrock-Bands hätten sich übrigens bequem auf britische Vorbilder mit einem ausgeprägtem Sinn für dadaistischen Ulk berufen können (vgl. etwa die Bonzo Dog Doo-Dah Band). Im Übrigen war und ist das Herumalbern erwachsener Menschen in der Öffentlichkeit alles andere als unpolitisches Kasperltheater: es zersetzt auf eine besonders raffinierte, weil kaum angreifbare bzw. zu unterdrückende Art und Weise etablierte Hierarchien und Autoritäten.

Drei der vier Fragen des Elektrolurchs enthalten das Wort „eigentlich“. Verwenden Politiker, Journalistinnen oder auch Studierende diese Partikel, dann tun sie so, als ginge es ihnen um etwas ganz Zentrales, Wesentliches, aber tatsächlich täuschen sie diese Wichtigkeit in den allermeisten Fällen nur vor und verraten stattdessen ihre mangelnde Professionalität. Das gleiche Phänomen haben wir hier: Die Fragen des Elektrolurchs geben sich bedeutsam, sind aber in Wirklichkeit beliebig und absolut konventionell. Dessen ungeachtet überraschen uns die Antworten durchaus, indem sie aus den üblichen Frage-Antwort-Spielchen herausfallen und gerade durch ihre Banalität die dumpfen Bestätigungsrituale einschlägiger Interviews verspotten. Die erste Antwort beginnt pseudointellektuell, wobei das eingestreute „zum Beispiel“ aber schon den folgenden Unsinn signalisiert, bevor die nachgeschobene Erklärung, dass der Name ,Guru Guru‘ keinerlei Funktion habe, die Absurdität der Situation expliziert. Die zweite Antwort, ein auf Südhessisch artikuliertes Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten, ist situativ ebenfalls eigentlich absurd, wirkt als Veralberung der Fragestellung aber ausgesprochen listig. Und die Antwort auf die Frage nach dem ,besonders wichtigen Ereignis‘ würde auch einem Helge Schneider jederzeit zur Ehre gereichen …

Die letzte Frage empfinde ich als ,genial‘. Sie ist einerseits, oberflächlich betrachtet, genauso beliebig und konventionell wie die vorher gestellten, ernst genommen hinterfragt sie aber ALLES – das Spektakel des Elektrolurch-Bühnenauftritts, das Herumgealbere des vorgängigen Textes, die ausgelassene Stimmung des Publikums, die ,unerhörte Leichtigkeit des Seins‘ einer optimistischen Epoche … Vermutlich ,verdankt‘ sich diese Einschätzung dem historischen Abstand, der mich heute von den/meinen frühen siebziger Jahren trennt, die sich für mich inzwischen zu weitgehend ,goldenen‘ Erinnerungen verklärt haben. Absolut richtig, dass diese Frage im Song nicht mehr beantwortet wird!

Aus heutiger Sicht wäre die Antwort natürlich so einfach wie banal und einmal mehr absurd:

Dasselbe wie immer!

Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und der Elektrolurch vermutlich auch …

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Literatur:

Viele einschlägige und nicht einschlägige Wikipedia-Artikel.

Hans-Peter Ecker: Der Zwerg reinigt die Kittel. Das Alberne als ästhetische Kategorie. In: Literatur und Ästhetik. Texte von und für Heinz Gockel. Hrsg. von Julia Schöll. Würzburg 2008, S. 67-74.

MundMische. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache.

Sprachnudel.  Wörterbuch der Jetztsprache.

Peter Wicke u.a.: Handbuch der populären Musik. Mainz 2007.

Prophetische Landeshymne: Rainald Grebes „Thüringen“

Rainald Grebe

Thüringen

Zwischen Dänemark und Prag,
liegt ein Land, das ich sehr mag.
Zwischen Belgien und Budapest,
liegt 

Thüringen
Das Land ohne Prominente,
haja, gut, Heike Drechsler,
aber die könnte auch aus Weißrußland sein.

Thüringen, Thüringen, Thüringen,
ist eines von den schwierigen
Bundesländern.
Denn es kennt keiner außerhalb von Thüringen.

Im Thüringer Wald, 
da essen sie noch Hunde
nach altem Rezept, 
zur winterkalten Stunde.
Denn der Weg zum nächsten Konsum ist so weit,
zur Winterszeit, zur Winterszeit

Thüringen, Thüringen, Thüringen,
"Das grüne Herz Deutschlands",
Seit wann sind Herzen grün?
Grün vor Neid
aufgrund von Bedeutungslosigkeit.
Grün vor Hoffnung, dass es lange Zeit so bleibt.

Thüringen
Das Land ohne Prominente,
naja, gut, Dagmar Schipanski,
aber die könnte auch in Sofia Professorin für Hammerwurf sein.

Thüringen,
Männer in roten Wandersocken haben hier Lieder gesungen
Thüringen,
Heike Drechsler ist hier so oft über sieben Meter gesprungen.
Thüringen,Thüringen
Goethe ist extra aus dem Westen hergezogen.
Thüringen,
David Bowie ist auch schon einmal drübergeflogen.

Doch warum reduziert man unsere Größe,
auf Würste und Klöße?
Weil die Mamis hier so spitze sind
Weil die Mamis hier so spitze sind
wenn die einmal Kartoffeln reiben,
Möchte man gleich unterm Rock und für immer da bleiben.
Und die Männer wollen im Stillen,
Nur raus in den Garten und Grillen.

     [Rainald Grebe: Das Abschiedskonzert. Sony 2005.]

Dass Thüringen ein schwieriges Bundesland ist – wer wollte dem derzeit widersprechen? Aber was meint das Sprecher-Ich hier genau mit ’schwierig‘? Macht das Bundesland anderen (z.B. Bundesparteivorsitzenden) Schwierigkeiten? Ist es schwierig im Sinne von entbehrungsreich, dort zu leben? Die unmittelbar folgende Zeile eröffnet noch eine dritte Lesart: „Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen.“ – Ist es also für Nicht-Thüringer aufgrund eines Informationsdefizits besonders schwierig, Thüringen bzw. das Verhalten seiner Bevölkerung zu verstehen?

Der Mangel des Sprecher-Ichs an Wissen über Thüringen wird bereits bei den grotesk vagen geographischen Angaben „Zwischen Dänemark und Prag“ und „Zwischen Belgien und Budapest“ deutlich – hier spricht nicht der Sänger Rainald Grebe, der zwar in Westdeutschland geboren ist, aber in Jena am Theatherhaus gearbeitet hat und Thüringen entsprechend kennt; vielmehr inszeniert er hier komisch überzeichnet einen ignoranten westdeutschen Blick auf das Bundesland (wie auch in seinen Hymnen auf die übrigen „schwierigen“ neuen Bundesländer: Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, und Doreen aus Mecklenburg).

Bereits die erste Charakterisierung des Lands, das das Sprecher-Ich angeblich „sehr mag“, erfolgt über ein behauptetes Defizit: das Fehlen von prominenten Personen, die aus diesem Bundesland stammen. Dabei widerspricht das Sprecher-Ich sich an beiden Stellen, an denen es diese These vorbringt, gleich selbst, indem es prominente Thüringerinnen nennt, die ihm dann doch einfallen. Und zwar durchaus sogenannte A-Prominente: Heike Drechsler zählt mit olympische Medallien in drei verschiedenen Disziplinen, darunter zwei Goldmedallien im Weitsprung, sowie Welt- und Europameistertiteln zu den prominentesten Leichtathletinnen Deutschlands. Besonders ist ferner, dass Sie sowohl für die DDR als auch nach der Wiedervereinigung für die BRD olympische Medallien gewann und in beiden Staaten „Sportlerin des Jahres“ wurde (1986 und 2000) (vgl. Wikipedia). Diese Erfolge wurden zwar durch das Bekanntwerden des detailliert dokumentierten Dopings Drechslers in der DDR getrübt; dass das Sprecher-Ich im Lied Drechslers Bedeutung jedoch mit dem Hinweis wegwischt, sie könne ebensogut aus Weißrussland stammen, ist mehr als ein Verweis auf das (nicht nur) in den Staaten östlich des Eisernen Vorhangs Pakts staatlich organisierte Doping und damit eine punktuellen Gemeinsamkeit in typischen Sportlerbiografien aus totalitären Systemen zu verstehen. Die Abwertung ist umfassender, sie stellt Drechslers Rolle als gesamtdeutscher Sportstar aus den neuen Bundesländern in Frage und identifiziert sie ausschließlich mit dem politischen System, in dem sie sozialisiert worden ist. Übertragen auf alle Thüringer (oder Ostdeutsche) hieße dies, dass diese anderen Osteuropäern, mit denen sie die Erfahrung des Lebens im sozialistischen Totalitarismus teilen, näher stehen als z. B. Bayern, die nur wenige Kilometer entfernt aufgewachsen sind.

Wenn dann auch noch Dagmar Schipanski, die rennomierte Professorin für Festkörperelektronik und ehemalige Rektorin der TU Ilmenau, Vorsitzende des Wissenschaftsrates der BRD, Vorsitzende des Ausschusses für Kulturfragen im Bundesrat, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und 1999 Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, die nun rein gar nichts mit Sport zu tun hatte, mit dem Hinweis, sie könne „auch in Sofia Professorin für Hammerwurf sein“ abgewertet wird, wird endgültig klar, dass es dem Sprecher-Ich nicht um eine Kritik speziell am Sport- und Dopingsystem des sozialistischen Osteuropas geht.

Auch der weitere Text insistiert vor allem auf der Zugehörigkeit Thüringens zur DDR: Das Hinterwäldlerklischee (Hunde „nach altem Rezept“ zubereiten) wird über die Nennung des weit entfernten „Konsum“ ebenso mit der DDR in Bezug gesetzt wie der historisch gesehen wohl bekannteste Prominente des Landes, der gebürtige Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe, über den es geographisch zutreffend, historisch jedoch irreführend heißt, er sei „extra aus dem Westen hergezogen“ – DDR-und Nachwende-Zeit werden hier sogar auf die noch weiter zurückliegende Vergangenheit projiziert.

Flankiert wird diese Festlegung der Regionalidentität auf das sozialistisch-totalitäre Erbe von Verweisen auf die angebliche Provinzialität und Bedeutungslosigkeit des besungenen Bundeslands: David Bowie, der phasenweise in Berlin gelebt und gearbeitet hat, habe Thüringen lediglich überflogen – die Bezeichnung „fly over states“ für das amerikanische Kernland zwischen Ost- und Westküste drückt dieselbe Geringschätzung aus. Die  Metaphorik des Touristikslogans „Das grüne Herz Deutschlands“, der für die dichte Bewaldung Thüringens werben soll, wird zunächst wörtlich genommen („Seit wann sind Herzen grün?“) und dann farbsymbolisch (Neid, Hoffnung) gegen den Strich interpretiert – einerseits dahingehend, dass das Bewusstsein der eigenen Bedeutungslosigkeit Neid auf bedeutsamere Bundesländer erzeuge, andererseits dahingehend, dass die Hoffnung bestehe, weiterhin unbeachtet zu bleiben. Dieser scheinbare Widerspruch erscheint bei genauerer Betrachtung psychologisch gar nicht so unvereinbar: Denn jemanden um etwas, das man nicht hat, zu beneiden ist durchaus auch dann möglich, wenn man tatsächlich Angst davor hätte, in der Position des anderen zu sein – man kann ein Model um sein Aussehen beneiden und zugleich bei der Vorstellung erschauern, sich voyeuristisch beobachten zu lassen. Ebenso können Provinzbewohner einerseits ihre Provinzialität als Defizit an Weltläufigkeit empfinden und sich andererseits in der Provinz geborgen fühlen. Dieser Aspekt des Aufgehobenseins im  Provinziellen wird im letzten Versblock deutlich: Hinter den bekannten kulinarischen Spezialitäten stehen gegendert identitätsstiftende soziale Praktiken: Die Mütter vermitteln Geborgenheit im Häuslichen, wohingegen die Männer im – frelich bereits kultivierten und wenig feindlichen – Draußen ihrerseits Essen zubereiten – Fleisch natürlich, soviel Jäger muss bleiben.

Was sagt uns das alles nun? Zunächst, dass Rainald Grebe ein genauer Beobachter ist – sowohl des Beobachtungsobjekts Thüringens und seiner Bewohner als auch der (westlichen, urbanen) Beobachter desselben. Was er hier inszeniert, ist die Konstruktion einer trotzigen Regionalidentität zwischen dem abwertenden Othering von außen (bzw. drüben), eigenen Minderwertigkeitsgefühlen und im familiären Umfeld wurzelner Zugehörigkeit, derer man sich in Alltagsritualen vergewissert. Leistet das auch einen Beitrag zur Erklärung regional abweichenden Wahlverhaltens? Zur Beantwortung dieser Frage bedürfte es einer anderen Datengrundlage als eines Songtextes. Denn aus der Interpretation kultureller Artefakte können wohl Hypothesen über gesellschaftliche Verhältnisse gewonnen werden; ihre Überprüfung muss aber immer an der Realität stattfinden. Also auf ins grüne Herz Deutschlands!

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Herrn Pastor sin Kauh (Sing man tau)“ – „Kennt ji all dat nige Leed?“. Entstehung und Rezeption des zweitbekanntesten plattdeutschen Lieds

Herrn Pastor sin Kauh (Sing man tau)

1.Kennt ji all dat nige Leed,
nige Leed, nige Leed,
wat dat ganze Dörp all weet,
von Herrn Pastor sien Kauh?

[Refrain:]
Sing man tau, sing man tau
von Herrn Pastor sien Kauh, jau, jau.
Sing man tau, sing man tau
von Herrn Pastor sien Kauh!

2.Ostern weer se dick un drall,
Pingsten leegt se dod in’n Stall

3.As se weer in Stücke sneeden
Het dat ganze Dörp wat kreegen

4.Un de Küster ga‘ nich eitel
kräg en nijen Tabaksbeutel

5.Un de Köster Dümelang
Kreeg den Stert as Klockenstrang

6.Unser Schornsteinfeger swaard,
bekam de Lunge und det Haart

7.Un de ole Inglisch-Miss
Kreeg een nieget Teihngebiss

8.Und de Jungfer Edeltraud,
kreeg ne nieje Jungfernhaut

9.Un de ole Stadtkapell,
Kreeg en nieget Trummelfell

10.Un uns niege Füerwehr,
Kreeg en Pott voll Wagensmeer

11.Un de Schriever Negenkloog,
kreeg en nieget Anschrievbook

12.Un de ole Smittgesell,
kreeg en nieget Schörtenfell

13.Dat rechte Oog, ik hebb´t vergeten,
dat hebbt, ik gleuw, de Swien opfreten

14.Un de Moler Seidelbast,
kreeg ´n niegen Molerquast

15.De Schoster keem un hool de Huut,
mook sick Poor niege Stebels ut

16.De hinkend' Snieder mit de Krück,
kreech 'n drööget Achterstück

17.Sleswig-Holsteen, meerumslungen,
hannelt nu mit Ossentungen,

18.De Mekelborger leit nich slapen,
se sett den Kopp in´t Lanneswappen

19.Bi de Schlacht vun Waterloo,
fing Napoleon sick ‘nen Floh

20.Bi dat Prügeln van Sedan,
harr Napoleon Steeweln an

21.För de armen Doudengräwer
bleef rein nix tou groben över

22.De Seele steeg den Himmel tou,
denn't wehr jo von'n Pastorenkou

23.Un tolest dat allerbest, allerbest, allerbest,
de Kau, dat is 'n Ossen weest,
uns Herrn Pastor sien Kau.

24.Dei dat Leid nich singen kann,
de fang dat nu to flötjen an
von Herrn Pastor sin Kauh.

Herrn Pastor sien Kauh ist ein niederdeutscher Rundgesang, bei dem ein Solist eine Strophe vorgibt und der eingängige Refrain von allen mitgesungen wird. Bei den Gesängen auf Dorf- und anderen öffentlichen Festen, bei Geburts- und Namenstagen und in der Kneipe kommen manchmal, wenn die Stimmung steigt und ähnlich wie bei den bayerischen Schnaderhüpferln improvisiert wird, neue Strophen hinzu. Die oben wiedergegebenen 24 setzen sich aus den Strophen zusammen, die ich am häufigsten in den Liederbüchern und Sammlungen gefunden habe und aus mir besonders originell erscheinenden. Das Plattdeutsche habe ich so übernommen, wie es in den verschieden Regionen Nord- und Westdeutschlands niedergeschrieben wurde.

Entstehung

Pastor sin Kauh, je nach Sprachregion auch „siene Koh“ oder „sine Kau“, ist ein niederdeutsches Spottlied, dessen Verfasser und Komponist unbekannt sind. Viele Liederbücher datieren die Entstehung um 1850 oder 1880. Nicht nachzuvollziehen ist, aus welchem Grund der renommierte Volksliedforscher Ernst Klusen der Meinung ist, der Text sei um 1900 und die Melodie 1912 entstanden (Klusen, Deutsche Lieder, Zweiter Band, 2. Aufl. 1981, S. 850).  Denn eine erste schriftliche Erwähnung findet das Lied bereits mit einigen Strophen in dem Roman von Frank Giese Frans Essink – sin Leben un Lieben as olt Münstersches Kind (Braunschweig, 3. Auflage 1870 – Diesen Hinweis verdanke ich dem Heimatforscher Frank Schmitz). Franz Magnus Böhme, der den Deutschen Liederhort von Ludwig Erk fortgeführt hat, veröffentlichte im 1893 erschienenen Band III das Lied unter dem Titel „Des Pastors Kuh“ mit sieben Strophen mit der Anmerkung „Kreis Iserlohn 1880“ (Westfalen).

Es gibt noch weitere Hinweise darauf, dass etliche Strophen in Westfalen entstanden sind. In einer Version im Volksliederarchiv heißt es unter „Pastors Kuh, 1880“ in der Eingangsstrophe: „Lot us singe dat nigge Lied / nigge Lied, nigge Lied / dat in Beckum is passiert / van Pastauer sine Kuh.“

Eine andere Strophe (Quelle: Martin Stricker.de/plattdeutsch) – 36. von 44 Strophen – in regional-westfälischem Platt lautet: „Aup’m Wäih von Dülm‘ nach Amp’m, Dülm‘ /  nach Amp’m, Dülm‘ nach Amp’m,/ si-e(ch)t man noch’n Haup’n damp’n, / von Pastoorn sien Kau!“ (‚Auf dem Weg von Dülmen nach Ampten [bei Soest, Westfalen] / sieht man noch einen Haufen dampfen von Pastor „seine“ Kuh‘).

In  vielen Liederbüchern wird Herrn Pastor seine Koh es als norddeutsches Lied mit der Herkunft Schleswig-Holstein und/oder Mecklenburg-Vorpommern angegeben, aufgrund der westfälischen Strophen ist es m. E. mit den Volksliedforschern und -sammlern Theo und Sunhilt Mang zu Recht als niederdeutsches Lied zu bezeichnen (vgl. Der Liederquell, 2015, S. 544).

Im Gegensatz zu den westfälischen Orten Iserlohn, Beckum, Dülmen und Ampten beharren die Bürger der im südöstlichen Emsland gelegenen Einheitsgemeinde Emsbüren (in der Nähe von Nordhorn und Bentheim) darauf, dass das Lied in ihrer Gemeinde entstanden sei. Um ihren Anspruch als Entstehungsort zu unterstreichen, haben sie dem Lied 2004 eine von dem Steinfurter Künstler Leo Janischowski geschaffene Bronzeskulptur mit einem Pastoren, der eine Kuh am Strick zieht, gewidmet.

Foto: Thomas Pusch, Wikipedia

Überliefert wird dazu folgende, angeblich wahre, Geschichte: Als eines Tages die Kuh des Pastors Deitering nicht mehr fressen wollte, wurden der Tierarzt Kobes und der Schlachter Herm Dirk gerufen. Diese beiden, als Schlitzohren bekannt, einigten sich schnell und bescheinigten, dass die Kuh notgeschlachtet werden müsse. Nach einer andern Version überzeugten der Organist Herm Dirk und zwei Freunde den Pastor davon, dass dessen Kuh krank sei und deshalb vom Hausschlachter Kobes notgeschlachtet werden müsse. Pastor Deitering stimmte zu und wünschte, dass das Fleisch unter die Armen des Dorfes verteilt werden sollte. Kobes und Herm Dirk hatten inzwischen ihren Verwandten und Freunden Bescheid gesagt, und so wurde die Kuh eifrig aufgeteilt; die Armen gingen leer aus. Als das bekannt wurde, schrieben einige Dorfbewohner ein paar Verse, in denen sie den Skandal anprangerten, wobei sie sich nicht scheuten, einige Namen, eindeutige Berufe (Küster, Schuster u. ä.) und Einrichtungen (Feuerwehr, Stadtkapelle) zu nennen. Nachdem Zettel mit den Versen über Nacht an die Rathaustür, die Mühle und an die Brücke und andere Stellen angeheftet worden waren, machten die Reime schnell die Runde. Die nicht am „Organisieren“ beteiligten Dorfbewohner hatten ihren Spaß. Bald entstand eine Melodie, und das Lied wurde eifrig auch in Nachbardörfern gesungen. In dem 22 Strophen umfassenden Emsbürener Lied werden die Herren Kobes und Herm Dirk im dritten Vers erwähnt: „Herm Dirk, de tröck se up de Däl (zieht sie in die Diele), / Kobes snet se mit ‘n Meß inne Käl  (schneidet sie mit dem Messer in die Kehle)“

Soweit eine Emsbürener Überlieferung. Eine weitere Fassung – nach Frank Schmitz, Das plattdeutsche Lied „van Herrn Pastor seine Koh“. Ist es tatsächlich in Emsbüren entstanden? Eine Spurensuche (Lingen, Ems 2007) – findet sich im Jahrbuch 1957 des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim. In dem Artikel Van Herrn Pastor seine Koh erzählt Ludwig Sager von der erkrankten Kuh des Pastors Deitering, der sich einen Rat von seinem Freund Wilhelm Schümer, einem Bauern, der selbst viel Vieh hielt, holen wollte. Auf Vorschlag von Schümer wurde die Kuh geschlachtet. Nach Aussagen des Schüttorfer Heimatforschers Dr. Ludwig Edel geschah das am Zweiten Weihnachtstag 1846; in „feucht-fröhlicher Runde wurde dann das Lied Van Pastor siene Koh gedichtet“. Für diese Version spricht, dass Dr. Edel als Urenkel des um 1846 in Emsbüren gelebt habenden Wilhelm Schümer diese Geschichte unmittelbar aus der Familie Schümer kennt, in der sie noch heute erzählt wird. Über Wilhelm Schümer gibt es in der Emsbürener Version des Liedes folgenden Text (19. Strophe): „Schömer Wilm kam mit de Kor (Karre) anjag’n / He konn nix as de Knoken (Knochen) lad’n / Van ‘n  Pastor sine Koh.“

Vorstellbar ist, dass sich ähnliche Vorfälle auch in anderen Dörfern und Regionen abgespielt haben, zumal die geringen Einkünfte der einfachen Pastoren (Pfarrer) nicht gesichert waren. Bis zur Einführung der Kirchensteuer (den Anfang machte das  Großherzogtum Hessen-Darmstadt 1875 mit einem Gesetz „das Besteuerungsrecht der Kirchen und Religionsgemeinschaften betreffend“) und der damit verbundenen verbesserten Bezahlung war es in ländlichen Gebieten und Kleinstädten üblich, dass Pastoren sich eine Kuh (vgl. auch den Volksmund: „A Kuh deckt de Armut zu“) und manchmal auch Hühner hielten oder ihr Schwein bei einem Bauern im Schweinestall hatten. So ist es kein Wunder, dass das Lied auch in anderen Orten auf ein großes Echo stieß und sich schnell verbreitete. In Westfalen, ganz Niedersachsen und vor allem in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kamen neue Strophen hinzu.

Eine touristische Attraktion in Schwerin ist der 1979 von dem Bildhauer Stefan Harota geschaffene Brunnen Pastor sin Kauh mit dem Bronzerelief der Verteilungsgeschichte:

Foto: DorisAntony, Wikipedia

Anmerkungen zum Liedtext

Das Lied erzählt die Geschichte der Kuh eines Pastors, die Pfingsten notgeschlachtet wird, weil sie angeblich krank ist. Laut Liedtext wird sie aufgeteilt, und das ganze Dorf hat etwas abgekriegt (Strophe 3). Die folgenden Verse erzählen etwas anderes. Fleisch, Kuhhaut, Innereien und Schwanz gehen quasi unter der Hand an ausgewählte Leute, an die Feuerwehr und die Stadtkapelle. Der Überlieferung ist zu entnehmen (s.o. Entstehung), dass Organist und Schlachter gegen den Wunsch des Pastors, die Kuh an die Armen zu verteilen, ihre Freunde vorzeitig über die Schlachtung informiert haben. Die Einzelteile der Kuh werden kurzerhand an ausgewählte Dorfbewohner verteilt; die Armen gehen leer aus. (vgl. Strophe 21). Einige Dorfbewohner, die das Ganze beobachtet haben, prangern das Geschehen an. Dabei scheuen sie sich nicht, Namen oder Berufe, nach denen die Raffgierigen zu identifizieren sind, zu nennen.

Ausgerechnet der Küster erhält gleich zwei, wenn auch bescheidene, Anteile: Tabaksbeutel und Glockenstrang. Mit der Lunge und dem Herzen schneiden Schornsteinfeger und Schmiedegeselle mit einer aus der Kuhhaut gegerbten Lederschürze besser ab. Auch der Schuster, der sich aus einem Teil der Kuhhaut neue Stiefel anfertigt, kann zufrieden sein, weniger dagegen der Schneider, der ein zähes („trockenes“) Stück Hinterschinken bekommt.

Scherzhaft dürften die Strophen 7 und 8 gemeint sein. Wie und woher die Englischlehrerin ein neues Gebiss und die namentlich benannte junge Frau eine neue Jungfernhaut erhalten, bleibt für mich im Dunkeln, ebenso woher der Maler einen neuen Malerpinsel herhaben soll, da doch der Kuhschwanz bereits als Glockenstrang an den Küster gegangen ist. Dass man bei der Verteilung der Kuh an den gleich nach der Kirche wichtigsten dörflichen Institutionen Feuerwehr und Stadtkapelle nicht vorbeigehen kann, ist nachzuvollziehen: einen Topf Wagenschmiere bzw. ein neues Trommelfell können sie immer gebrauchen. Und dass die Dorfpoeten beim Dichten ihren Spaß gehabt haben, merkt man nicht nur der 8., sondern auch der 13. Strophe an.

Die Strophen 17 bis 20 haben mit der ungerechten Verteilung nichts zu tun. Den Anfang der Schleswig-Holstein Hymne aufgreifend, macht sich das Lied lustig über die Schleswig-Holsteiner, indem behauptet wird (vielleicht eine Anspielung auf die 23. Strophe), dass sie mit Ochsenzungen handeln. Das aber lässt die Mecklenburger nicht schlafen, auch sie beanspruchen einen Teil der Kuh und nehmen (18. Strophe) wenigstens einen Kuhkopf in ihr Landeswappen auf (historisch gesehen ist das Landeswappen mit einem Stierkopf älter als das Lied).

Einen Ausflug in die Weltgeschichte unternehmen die Strophen 19 und 20, indem sie an Spottverse über Napoleon wie z.B. „Mein Hut, der hat drei Ecke, / Drei Ecke hat mein Hut / Napoleon soll verrecke / Mit seiner blech’ne Schnut“ anknüpfen. In der 21. Strophe stehen die Totengräber stellvertretend für die Armen des Dorfes, die von der Kuh nichts abgekommen haben.

Dann aber ist die Kuh verteilt, und als „Pastorenkuh“ kommt sie natürlich in den Himmel. Damit könnte die Geschichte enden. Jedoch gibt es noch zwei weitere Strophen, die als Schluss in Betracht kommen. Nach dem Motto ‚Das Beste kommt zuletzt‘ stellt sich heraus, dass sich alles sich um eine männliche Kuh, einen Ochsen, dreht (vgl. auch Strophe 17 „Ossentungen“). Man sollte meinen, das täte der Verteilungsgeschichte keinen Abbruch, bedenkt man jedoch, dass so ein armer Pastor die Milch einer Kuh für seine Ernährung dringend benötigte (s. o.), spricht einiges dafür, dass es sich nur um einen Spaß handeln kann. Die Aufforderung zu flöten, statt zu singen (24. Strophe), eignet sich ebenfalls als Schlussvers. Wenn den Vorsängern nichts mehr einfällt, wird der Rundgesang beendet, indem alle Anwesenden noch einmal die Melodie pfeifen.

 Rezeption

Geht man von der Anzahl der mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern aus, steht Pastor sin Kauh auf dem zweiten Rang (161) der bekannten niederdeutschen Lieder nach Dat du min Leevsten büst (Interpretation hier) mit 212 Exemplaren.

Nach seiner Nennung im bereits erwähnten Roman Frans Essink und dem Standardwerk von Erk-Böhme (1893) taucht das Lied erst wieder 1912 im Niedersachsen Liederbuch auf. Während das bekannteste Liederbuch der Wandervogel-Bewegung, Der Zupfgeigenhansel, bis zur 150. Auflage 1927Pastor sin Kauh nicht in sein Repertoire aufgenommen hat, war es den Wandervögeln durch Die Wandervogel-Lieder (1914) mit 13 Strophen und das Wandervogel-Liederbuch (seit 1915, 5. Auflage, 85. – 98.Tsd, 1920) mit 12 Strophen durchaus geläufig. Bis 1933 ist das Lied in weiteren 20 Liederbüchern enthalten, darunter 1926 in der 12. Auflage mit 56.- 60. Tsd. im Hamburger Jugendliederbuch.

In die Liederbücher der Hitlerjugend oder anderen NS-Organisationen fand es keinen Eingang, wohl aber mit 14 Strophen in Lied über Deutschland (Voggenreiter, 4. Aufl. 1936) und in Unser ist das Land – Ein Liederbuch des deutschen Dorfes (Kallmeyer, 1937) sogar mit 34 Strophen. Bemerkenswert, dass „Sing man tau von Herrn Pastor sin Kauh“ mit jeweils identischen 14 Strophen 1939 in Morgen marschieren wir – Liederbuch deutscher Soldaten und 1956 im Liederbuch für Soldaten zu finden ist.

… nach 1945

Kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs erschien das das Lied in dem Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in der Sowjetischen Besatzungszone (Der Buchtitel ist eine Anlehnung an den am 8. August 1945 gegründeten „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“). 1947 folgte in den westlichen Besatzungszonen („Trizonesien“) Der Liederfreund – Eine Sammlung der schönsten Volkslieder. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik folgten zahlreiche Liederbücher (mir bekannte über 100) mit „Herrn Pastor sine Kauh“. Wegen der hohen Auflagen sollen hier nur Die Mundorgel (lt. Wikipedia bis 2013 11 Mio Auflage Textausgabe, Notenausgabe 3 Mio), Leben, kämpfen, singen – Liederbuch der deutschen Jugend (herausgegeben 1964 von der Freien Deutschen Jugend, FDJ) und das Heyne Taschenbuch Die schönsten deutschen Volkslieder (1977) erwähnt werden. Und natürlich ist es in den Sammlungen der Liederforscher wie z.B. Ernst Klusens Deutsche Lieder (1981) oder Theo und Sunhilt Mangs Der Liederquell (2008 und 2015) und in vielen plattdeutschen Liederbüchern enthalten. Geht man von weiteren Liederbüchern aus, wird Kennt ji all dat nije Leed von Turnern, Kolping- und Wander-Gesellen, von Pfadfindern, jungen Gewerkschaftlern, von Seeleuten und Soldaten, kurz in vielen Kreisen der Bevölkerung gesungen, allerdings überwiegend in Nord- und Westdeutschland.

Obwohl das Scherzlied weit verbreitet ist, sind im Deutschen Musikarchiv, Leipzig, nur eine Single von 1975 und eine LP aus dem jahr 1982 sowie drei Chorpartituren zu finden. Bei Youtube hingegen ist Herrn Pastor siene Kauh mit fast 40 Videos vertreten.

Nachzutragen ist noch, dass zu den 600 Strophen (vgl. Ernst Klusen, Band II, S. 850), die der Volkskundler Karl Wehrhan in seiner literaturwissenschaftlichen Untersuchung Das Niederdeutsche Volkslied van Herrn Pastor seine Koh (1922) zusammengetragen hat, inzwischen viele Verse hinzu gekommen sind, vor allem nachdem laut Frank Schmitz (s.o.) am 23. Juni 2007 rund 990 Emsbürener 505 neue Strophen bei einem Wettsingen vorgetragen haben.

Bei einem Bevölkerungsanteil von über 80 % Katholiken in Emsbüren verwundert es nicht, dass auch einige dieser Strophen eine kirchliche Grundlage haben, hier in hochdeutsch z. B. „Auch der Papst merkt es allmählich / wir sprechen die Kuh jetzt selig.“, „Der Vatikan hat’s plötzlich eilig / erst sprechen wir den Paster heilig.“, „Außerdem wollen sich Katholen / die Knochen als Reliquien holen.“ (Verse nach: Jochen Wiegandt, Singen Sie hamburgisch? 2013, S. 124).

Weitere Strophen, in plattdeutsch und hochdeutsch, findet man unter www.martin-stricker.de. Wie populär das Lied war und noch immer ist, zeigen auch die sechs von 1974 bis 2012 herausgekommenen Monographien, die das Incipit im Titel führen.

Georg Nagel, Hamburg