Wer keine Krone mehr hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Zu „Wem hamse de Krone jeklaut?“

Im Video gesungen von Liederjan.

Anonym

Wem hamse de Krone jeklaut?

Wem hamse de Krone jeklaut?
Wem hamse de Krone jeklaut?
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!
Ja, ja
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!

Wer hat ihm die Krone jeklaut?
Wer hat ihm die Krone jeklaut?
Der Ebert, der Helle
Der Sattlerjeselle
Der hat ihm die Krone jeklaut!
Ja, ja
Der Ebert, der Helle
Der Sattlerjeselle
Der hat ihm die Krone jeklaut!

Was macht denn jetzt Wilhelm und Sohn?
Was macht denn jetzt Wilhelm und Sohn?
Der Wilhelm und Sohn
Die jehn jetz als Clown
Weil se nischt mehr verdien' uff'm Thron!
Ja, ja 
Der Wilhelm und Sohn
Die jehn jetz als Clown
Weil se nischt mehr verdien' uff'm Thron!

Wem hamse de Krone jeklaut?
Wem hamse de Krone jeklaut?
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!
Ja, ja
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!

Nachdem am 9. November 1918 Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktreten musste, entstand noch im gleichen Monat das Spottlied Wem hamse de Krone jeklaut. Von wem der Text stammt, ist unbekannt; die Melodie ist die eines Egerländer Bauernwalzers. Ob Wilhelm II. das Spottlied gehört hat, ist nicht überliefert. Sein Großvater, Kaiser Wilhelm I. (1781-1888), dagegen wurde, besonders am seinem Geburtstag mit dem Kinderlied Der Kaiser ist ein lieber Mann geehrt (vgl. Eckard John im Historisch-kritischen Liederlexikon):

Der Kaiser ist ein lieber Mann und wohnet in Berlin,
und wär es nicht so weit von hier, so lief ich heut noch hin
und was ich bei dem Kaiser wollt, ich reicht ihm meine Hand
und reicht die schönsten Blumen ihm, die ich im Garten fand
und sagte dann: „Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir“,
und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.

Auch das Lied Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben bezog sich nicht auf Wilhelm II., sondern auf seinen allgemein beliebten Großvater. Um erst gar keine Verwechslung aufkommen zu lassen, heißt es in diesem Lied dann auch „aber den mit’m Bart, aber den mit’m Bart“. Es entstand 1900, nachdem ein Strafexpeditionkorps unter deutschem Oberbefehl den Aufstand in China blutig niedergeschlagen hatte – ganz im Sinne der Aufforderung von Kaiser Wilhelm II.: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, ist Euch verfallen!“ (sog. Hunnenrede, Tonaufnahme hier) .

In unserem Lied wird die einleitende Frage „Wem hamse de Krone jeklaut“ gleich beantwortet: „dem Wilhelm, dem Doofen“. Zur Erinnerung: Nachdem Österreich-Ungarn und das hochgerüstete Deutschland das Attentat von Sarajewo (Erschießung des Erzherzogs Franz Ferdinand und dessen Frau am 28. Juni 1914) zum Anlass genommen hatten, den später als Ersten Weltkrieg bezeichneten Krieg zu beginnen, hatte man das Volk auf einen kurzen siegreichen Krieg eingestimmt und die Soldaten glauben lassen, „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein“ (s. auch Interpretation zu Liederjans Ein kleiner Frieden mitten im Krieg). Zwischenzeitlich waren mehr als vier Jahre vergangen, die Soldaten waren kriegsmüde, und der Krieg war verloren. Das Volk fühlte sich von den Versprechungen des Kaisers betrogen, so kam es, dass Wilhelm II. im Lied auch noch als „Oberjanove“ bezeichnet wurde.

Als Folge des sinnlosen Befehls vom 24. Oktober 1918 zum Auslaufen der Flotte gegen Großbritannien meuterten die Matrosen in Kiel, Wilhelmshaven (30. Oktober) und in anderen Nordseehäfen. In der folgenden „Novemberrevolution“ bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte, wurden am 7. und 8. November in München und Braunschweig Republiken ausgerufen und der bayerische König Ludwig III. verzichtete auf seinen Thron. Auch in den übrigen deutschen Staaten dankten in den nächsten Tagen alle Monarchen ab, nur Wilhelm II. weigerte sich, zurückzutreten. Selbst als der Kaiser das Ergebnis einer Befragung von 39 Kommandeuren erfuhr, demzufolge die Frontsoldaten nicht mehr bereit waren, seinen Befehlen zu folgen, zögerte er mit seinem Rücktritt. Als zusätzlich ein Garderegiment den Gehorsam verweigerte, bat ihn die Reichsregierung in einem Telegramm aus Berlin ins belgische Spa, wo sich der Kaiser inzwischen aufhielt, dringend um seine Abdankung. Wilhelm II. zögerte weiterhin und überlegte, bestenfalls als Deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als König von Preußen.

In den Morgenstunden des 9. November 1918 war dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert (1871-1925) bekannt geworden, dass der Marxist und Antimilitarist Karl Liebknecht (1871-1919) an diesem Tag die „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausrufen wollte. Weil Ebert eine sozialistische Revolution mit den aus seiner Sicht verbundenen Unruhen fürchtete, schlug er am Mittag dem Kanzler Max von Baden (1867-1921) vor, das Amt des Reichsverwesers zu übernehmen und forderte für sich das Amt des Reichskanzlers. Ein ultimativer Rücktritt Kaiser Wilhelm II. kam für Ebert, der anfangs ohnehin eine konstitutionelle Monarchie favourisierte, zunächst nicht in Betracht.

Als sich in deutschen Städten immer mehr Arbeiter- und Soldatenräte bildeten, handelte Max von Baden in Berlin ohne eine Entscheidung aus Spa abzuwarten und gab am Mittag dieses Tages folgende Erklärung heraus: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen u. der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind“. Nach Bekanntwerden dieser Erklärung floh Wilhelm II. aus dem besetzten Belgien ins niederländische Exil. Seine Abdankungsurkunde unterzeichnete er erst am 28. November in Amerongen. Seit 1920 lebte er mit seiner Familie bis zu seinem Tod im Jahr 1941 in Doorn. Mit der Verkündigung der Abdankung erklärte Max von Baden seinen Rücktritt als Reichskanzler und die Übergabe der Geschäfte an Friedrich Ebert.

Inzwischen hatte auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann von dem geplanten Ausrufen der sozialistischen Republik durch Liebknecht erfahren. Um den später sich Spartakisten nennenden Revolutionären zuvorzukommen, rief er kurzentschlossen – gegen den Willen Eberts – vor einer demonstrierenden Menschenmenge von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus und erklärte das Ende des Kaiserreichs mit den Worten:

Arbeiter und Soldaten! Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden. Die neue Regierung darf nicht gestört werden in ihrer Arbeit für den Frieden und der Sorge um Arbeit und Brot…

Arbeiter und Soldaten, seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst: Unerhörtes ist geschehen. Große und unübersehbare Arbeit steht uns bevor. Alles für das Volk, alles durch das Volk! Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst! Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!

Ebert soll entsetzt gewesen sein und erregt Scheidemann zugerufen haben: „Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was aus Deutschland wird, ob Republik oder was sonst, entscheidet eine Konstituante“ (Landeszentrale politische Bildung Baden-Württemberg).

Mit einer Frage beginnt auch die zweite Strophe: „Wer hat ihm de Krone jeklaut?“ Und sie gibt auch gleich die Antwort: „Der Ebert, der Helle, / der Sattlerjeselle, / der hat ihm de Krone jeklaut“. Dieser Irrtum erscheint verständlich. Ebert war seit 1913 als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei bekannter als Scheidemann und zudem hatte er nach der Novemberrevolution die Regierung gebildet noch bevor er am 11. Februar 1919 von der in Weimar tagenden Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt wurde.

Nachdem (endlich) Wilhelm II. auch tatsächlich abgedankt hatte, macht man sich in der dritten Strophe Gedanken darüber, wovon die kaiserliche Familie in Holland lebe. Die Antwort lautet „Wilhelm und Sohn [Kronprinz Wilhelm Friedrich], / die gehen jetzt als Clown [berlinerisch gesprochen]“. Im ebenfalls 1918/1819 entstandenen Spottlied O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in’n Sack gehaun glaubt man, „Auguste [die ehemalige Kaiserin], die muss hamstern gehn / und Wilhelm muß die Orgel drehn“ (vgl. die zahlreichen Varianten in Der große Steinitz. Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, 1979, S. 576 f.). In Wirklichkeit ließ Wilhelm es sich mit seiner großen Familie erst auf Schloss Amerongen und ab 1920 im von ihm gekauften und nach Renovierung bezogenen Schloss Huis Doorn gut gehen. „Das nötige Kleingeld […] kam aus Deutschland. Die demokratische Republik hatte das ursprünglich beschlagnahmte Vermögen des Ex-Monarchen teilweise freigegeben“ (Marc von Lüpke-Schwarz: Wilhelm II im Exil. In: dw.com). „Ein neues Torgebäude entstand. Auch der Wirtschaftstrakt wurde erweitert, um den Inhalt von insgesamt 59 Güterwaggons mit Möbeln, Kunstwerken, Kleidern und Waffen aufzunehmen, die die deutsche Regierung dem ehemaligen Staatsoberhaupt bewilligt hatte“ (Berthold Seewald: Kaiser Wilhelms Exil-Sitz soll geschlossen werden. In: welt.de). Wilhelm II. hatte es nun wirklich nicht nötig, für den Unterhalt zu arbeiten. Das häufig auf Fotos gezeigte Holzhacken im angrenzenden Wald diente nur der körperlichen Ertüchtigung des ehemaligen Kaisers.

Im Vergleich zu dem relativ harmlosen Wem hamse de Krone jeklaut, musste das abgedankte österreichische Kaiserpaar Karl und Zita von Habsburg-Lothringen ganz andere Spottgstanzln erdulden. Ein Text lautete: „Was macht denn da Karl in da Schweiz? / De Zita, de Hur / führt er an da Schnur / und er is da Peitscherlbua“.

Rezeption

Wem hamse de Krone jeklaut hat trotz seiner damaligen Popularität jahrzehntelang keinen Eingang in ein Liederbuch gefunden. Erst 1978 nahm die Folkgruppe Zupfgeigenhansel das Lied in ihre Sammlung Es wollt ein Bauer früh aufstehn – 222 Volkslieder auf.

Im selben Jahr erschien auch die LP Mädchen, Meister, Mönche der Gruppe Liederjan mit dem Lied, 1979 folgte die LP Liederbuch Liederjan. Zusätzlich zu diesen Veröffentlichungen ist im Deutschen Musikarchiv Leipzig, an das Musikverleger und Tonträgerhersteller zwei Pflichtexemplare jeder ihrer Veröffentlichungen zur Archivierung und Nutzung zu überlassen haben, nur noch die 1988 in Berlin Ost herausgegebene LP Berliner Lieder von damals und heute vorhanden.

Die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg weist 1989 das Lied unter der Rubrik „Das wilhelminische Reich“ in ihrer Sammlung Historische Lieder aus acht Jahrhunderten aus.

Während der bedeutende Liedforscher Wolfgang Steinitz das Spottlied O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in’n Sack gehaun in sein Standardwerk Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten aufgenommen hat, fehlt – für mich erstaunlicherweise  – auch dort Wem hamse de Krone jeklaut.

Georg Nagel, Hamburg

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Weicher Kern, harte Schale, Teil III. Augenzwinkernde Kritik am Zustand der Welt in „Zu wahr um schön zu sein“ von Sondaschule

Sondaschule

Zu wahr um schön zu sein

Wieder geht ein Tag zu Ende
Wieder mal ein Attentat
In China bluten Kinderhände
Im Irak ein neues Massengrab
Mieses Wetter, schlechte Zeiten
Ständig böse Neuigkeiten
Ein fernes Land wird überschwemmt
Das Meer verseucht, der Dschungel brennt

Auch wenn dir nichts passieren kann
Denke doch immer stets daran

Diese Welt ist echt gefährlich
Nirgends kannst du sicher sein
Also schließ dich besser ein
Denn jetzt sein wir doch mal ehrlich
Viel zu vieles auf der Welt
Ist viel zu wahr um schön zu sein

Wieder mal wird hier geschossen
Da verschwinden kleine Mädchen
Ein Land regiert von Drogenbossen
Die Polizei hält Mittagsschläfchen
Dicke Frau springt aus dem Fenster
Und landet auf erstaunten Rentnern
Im Kinderheim tickt eine Bombe
Dein Eckzahn braucht ne neue Plombe

Überall finstere Gesellen
Also trag besser einen Helm

Diese Welt ist echt gefährlich [...]

Dreckig und gemein

Diese Welt ist echt gefährlich [...]

Ja, die Welt ist echt gefährlich [...]

     [Sondaschule: Lost Tapes Volume 1. 2015.]

Was wollt ihr denn?

Gelegentlich gibt es Liedtexte, die in ihrer Formulierung so ambivalent sind, dass mehrere, diametral entgegengesetzte Interpretationen möglich sind. Ein solcher Fall ist das hier vorgestellte Lied der Ska-Punk-Band Sondaschule. Es kann sowohl als Aufruf zum Aktionismus verstanden werden als auch als Kritik an Weltenverbesserern.

Lesart 1: Etwas zu verändern lohnt sich…

Die Sprechinstanz im Lied beschreibt eine Welt voller Kummer und Leid. Von Attentaten über Kinderarbeit bis hin zu Naturkatastrophen wird dabei in den Strophen eine Vielzahl an Missständen thematisiert und kritisiert. Die geographische Spannbreite reicht dabei von Irak nach China und vom Dschungel bis zum Meer. Eine recht düstere Darstellung der Welt. In der hier zunächst präsentierten Lesart werden diese echten Probleme humoristisch gebrochen („Dicke Frau springt aus dem Fenster / Und landet auf erstaunten Rentnern […] Dein Eckzahn braucht ne neue Plombe“) um dadurch zu unterstreichen, dass es in einem ‚westlichen Land‘ nur kleine Problemchen gibt, die im Vergleich mit echten Problemen andernorts geradezu lächerlich sind. Verstärkt wird dies noch durch den Einschub eines echten Problemes („Im Kinderheim tickt eine Bombe“) zwischen der dicken Dame, die aus dem Fenster springt und den Zahnschmerzen. Diese ‚first world problems‘ wirken deshalb in der Aufzählung bewusst völlig deplatziert. In diesem Sinne ist auch die Feststellung, dass dem Zuhörer ’nichts passieren kann‘ als das Attestieren eines hohen Lebensstandards zu verstehen.

Im Refrain wird dann eine mögliche Lösung für die Übel dieser Welt geliefert: den Kopf in den Sand zu stecken. Man solle sich am besten einschließen, weil aufgrund der in den Strophen thematisierten Missstände die Welt zu „gefährlich“ und hässlich sei, eben „zu wahr um schön zu sein“. Sondaschule wenden damit die titelgebende Zeile, wie dies in den meisten hier besprochenen Texten der Fall ist, auf die Welt als Ganzes an. Doch der Refrain stellt eine Karikatur dieser Lösung dar, denn er macht sich über die Leute lustig, die vor „finsteren Gesellen“ fliehen und sich mit einem Helm in ihrem Bunker einschließen. Außerdem kann man ohnehin „nirgends sicher sein“ und somit ist auch die Flucht vor der gefährlichen Welt letzten Endes sinnlos.

In dieser ersten Lesart wird somit implizit dazu aufgerufen etwas an den Problemen dieser Welt zu ändern. Tatsächliche Probleme (die Plombe ist schließlich lächerlich verglichen mit den anderen aufgelisteten Missständen) gibt es in dieser Welt zu genüge und sich zu verstecken nützt ohnehin nichts, weswegen man sie auch direkt adressieren kann. Der verschanzte Mensch, der sich vor der Welt fürchtet, ist geradezu lächerlich und sollte lieber etwas an der Welt verändern. Oder?

Lesart 2:… vielleicht aber auch nicht  

Eine völlig entgegengesetzte Lesart ist aber ebenfalls möglich. Durch die Inklusion der komischen Pseudo-Probleme („mieses Wetter“, „Dicke Frau springt aus dem Fenster / Und landet auf erstaunten Rentnern […] Dein Eckzahn braucht ne neue Plombe“) wird nicht etwa wie in der obigen Interpretation die Lächerlichkeit westlicher Probleme vorgeführt, sondern vielmehr wird der ganze Katalog der Missstände ins Lächerliche gezogen. Sprachlich werden dabei ernsthafte Probleme verniedlicht, die Nachlässigkeit der Polizei kommt beispielsweise daher, dass diese ein „Mittagsschläfchen“ hält. Ein putziges Bild der Ordnungshüter beim Nickerchen. Probleme, so diese Lesart, gibt es so viele, dass es sich ohnehin nicht lohnt ihnen ernsthaft zu begegnen. Zu versuchen, eine Massenerschießung im Irak zu verhindern, ist genauso lächerlich wie zu versuchen, das Wetter zu ändern.

Doch sogar wenn man die Probleme ernst nähme, wäre dies noch lange keine Lösung. Die Missstände sind so zahlreich, dass es völlig unmöglich wäre, diese zu ändern, besonders als einzelne Person. Die Probleme dieser Welt sind so vielschichtig, dass man darüber nur noch lachen kann: Naturkatastrophen, Umweltverschmutzung, Krieg, Drogen, Entführungen, Bomben… und dann tun auch noch die Zähne weh. Ehrlich gesagt ist die Welt eben gefährlich und „zu wahr um schön zu sein“. Widerstand zwecklos.

Im Refrain wird dann dazu geraten, sich abzuschotten, damit die Welt ganz ohne das eigene Mitwirken vor sich hin siechen kann. Wenn man sich dazu dann metaphorisch einschließen und einen Helm tragen muss, dann ist das durchaus gerechtfertigt. In der Welt voller Übel könnte ja sonst was passieren. Wer weiß, vielleicht regnet es ja Steine vom Himmel? Da wäre so ein Helm dann durchaus geschickt. Dass auch in dieser Lesart die Empfehlung, einen Helm zu tragen, die Komik verstärken soll, ist natürlich klar, aber versteht man den Rückzug bei der überwältigenden Anzahl an Problemen als eine tatsächlich vorgeschlagene Lösung, ist er eine Metapher für den Schutz vor der Außenwelt. Doch vielleicht ist die Isolation auch gar nicht so unbequem, wie der Ausruf „Dreckig und gemein“ ausdrückt.

Warum lässt der Liedtext derart entgegengesetzte Interpretationen zu? Im besten Fall soll er so zum Nachdenken anregen, im schlechtesten ist er nicht vollständig durchdacht. Denn beide Interpretationen haben natürlich auch ihre Probleme: In der ersten Lesart scheint es nicht schlüssig, ernste Probleme zu verniedlichen („Polizei hält Mittagsschläfchen“), und auch die musikalische Untermalung mit einem flotten, poppigen Sound wirkt für ein Lied, das auf tatsächliche Missstände aufmerksam machen will, nicht stimmig. In der zweiten Lesart ist unklar, warum, wenn eine Abkehr von der Welt tatsächlich empfohlen wird, diese durch den Verweis auf den Helm lächerlich gemacht wird; und kann es tatsächlich sein, dass man erst einen Katalog an Problemen besingt, nur um diese dann zu ignorieren? Im Text wird somit nicht immer klar, wann Ironie angewandt wird und wann Probleme ernsthaft thematisiert werden sollen. Zumindest mich lässt der Text deshalb auch etwas verwirrt zurück. Aber das tut die Weltlage ja zuweilen auch.

Martin Christ, Oxford

Anarchie in der Backstube. Zu Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“

Eine Pdf-Datei mit dem Text lässt sich hier auf der Homepage von Rolf Zuckowski aufrufen, der Abdruck an anderer Stelle wird dort untersagt.

Neulich beim Adventssingen im Kindergarten wurde wieder einmal deutlich, dass Rolf Zuckowskis In der Weihnachtsbäckerei zurecht der Status eines ‚neuen Volksliedes‘ zuerkannt werden kann – so klassifiziert es jedenfalls der Wikipedia-Artikel, den es sogar eigens zu dem Lied gibt. Bei Schneeflöckchen, Weißröckchen, Lasst uns froh und munter sein und anderen bekannten Weihnachtsliedern sangen die Kinder schon auch eifrig mit, aber bei der Weihnachtsbäckerei war der Enthusiasmus wie schon im Vorjahr am größten und die Lautstärke am höchsten. Zudem fiel die allgemeine Textsicherheit hier besonders auf. Worin liegt der spezielle Reiz dieses Liedes?

Dass der Text durchgehend in Paarreimen verfasst ist, macht ihn schon einmal leicht einprägsam. Die ebenso eingängige wie schmissige Refrainmelodie lässt sich prima im Chor schmettern. Dabei kann man inmitten der fünf- und siebensilbigen Zeilen die – semantisch passend – längere, nämlich neunsilbige Zeile „eine riesengroße Kleckerei“ ausgiebig zelebrieren.

Der melodische und rhythmische Wechsel zu den Strophen ist so deutlich wie wirkungsvoll. Hier werden jeweils einzelne Arbeitsschritte des Plätzchenbackens besungen, angefangen bei der Rezeptsuche und dem Vorheizen des Ofens, über die Zusammenstellung und das Verrühren der Zutaten bis zum Kneten, Ausstechen und Backen. Die Strophen sind teilweise dialogisch und pointiert gestaltet, was durch die Stufung der Zeilenlänge mit zweimal acht, dann einmal fünf und schließlich zwei Silben unterstützt wird. Auf diese Weise kommt die Komik des Liedes besser zur Geltung – gerade im Zusammenhang mit den im Text belassenen Leerstellen oder den wenig explizierten Inhalten: So ist das Rezept nicht auffindbar, denn es gilt, „frei nach Schnauze [zu] backen“; das Ei kommt nicht vorbei, sondern es ist mit ihm „vorbei“, es geht also wohl einfach zu Bruch oder klatscht daneben; und die Finger sind offenbar schmutzig und nicht „rein“, was nicht einfach durch ein ‚Nein‘ als sich reimende Antwort auf die betreffende Frage deutlich wird, sondern aus der rüden Beschimpfung „Du Schwein!“ zu erschließen ist. Auch den Schlussgag hebt der Strophenbau günstig hervor, wenn die Plätzchen zu allem Überfluss am Ende misslingen:

Sind die Plätzchen, die wir stechen,
erstmal auf den Ofenblechen,
warten wir gespannt –
verbrannt.

Das Lied präsentiert das vorweihnachtliche Plätzchenbacken also als Klamauk voller Pannen und als wonnevolles Scheitern. Der Weg ist das Ziel, und vergnügliches Chaos wird einem guten Ergebnis vorgezogen. Die (kleinen) Bäcker sind frei von jeglicher Leistungsanforderung. Das Backen ist hier entlastenderweise keine Arbeit, sondern ein Spiel.

Nicht zu unterschätzen in ihrer Attraktivität für Kinder sind sicherlich die Übertretungen, die auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene begangen werden. Im Refrain ist gleich frech von „so manche[m] Knilch“ die Rede, was durch die Verwendung von „Schwein“  als Schimpfwort noch überboten wird. Identifiziert man sich mit der hier besungenen Art des Backens, mutiert man freilich selbst zu so einem ungehobelten Typ, der wenig filigran vorgeht („Kleckerei“), schnell auf Rezepte pfeift („frei nach Schnauze“), es auf allerlei süße Sachen abgesehen hat („Leckerei“; „Schokolade, / Zucker, Honig und Sukkade [d. i. Zitronat, Anm. DD-R] / […] Zimt“), vom Teig nascht und am Ende noch nicht einmal ordentliche Plätzchen zustande bringt, weil das für ihn auch gar nicht die Hauptsache ist. Kleckern, nicht klotzen!

Rolf Zuckowski datiert die Entstehung des Liedes auf die Weihnachtszeit 1986. Die Veröffentlichung erfolgte 1987 auf dem Album Winterkinder. Bei seinem letzten großen Showauftritt im Fernsehen 2012 stand In der Weihnachtsbäckerei selbstverständlich im Mittelpunkt. Im Zuge der Recherche bin ich schnell auf diverse Cover-Versionen gestoßen, vor allem auf solche, in denen  das Lied schlagerhaft zugerichtet wird. Albernheit und Schlager (zumindest in der seit einigen Jahrzehnten dominierenden Spielart) vertragen sich nicht. In Michelles braver Hausfrauen-Variation (2002) beispielsweise wird „Du Schwein!“ durch „Na fein.“ ersetzt. Vielleicht fürchteten die Verantwortlichen, dass die Kinder dem Zielpublikum andernfalls allzu aufmüpfig erschienen wären. Wolfgang „Wolle“ Petrys leicht rockig instrumentierte Interpretation (Album: Freude 2. Na Klar/Sony Music 2000) betont demgegenüber gerade den Effekt der verbalen Übertretung, allerdings indem der kunstvollere Reim „Leckerei“/„Kleckerei“ der Modifikation „Eine riesengroße Schweinerei“ geopfert wird. In Helene Fischers Version soll das Lied durch eine aufwendigere Instrumentierung und im Bemühen um kunstvolleren Gesang offenbar eine ästhetische Aufwertung erfahren, die allerdings zu dem kindlich-anarchischen Inhalt nicht recht passen mag und den fröhlichen (ohnehin eigentlich harmlosen) Ungehorsam unter Preisgabe jeglichen Witzes erledigt. Aus den Backstubenrebellen werden auf diese Weise putzig-ungeschickte liebe Kinderlein – zumal in der Aufführung in der Wiener Hofburg mit dem Royal Philharmonic Orchestra (sic!) (erfrischend einseitig die Besprechung des gesamten Schwulst- und Pathos-triefenden Konzerts auf laut.de).

Weitere Beispiele aus der Schlagerhölle erübrigen sich (es gäbe noch mehr!). Am besten sollten Erwachsene wohl die Finger von dem Lied lassen – und es auch nicht mit Kindern für erwachsenes (insbesondere betagteres) Fernsehshow-Publikum inszenieren (auch hierfür finden sich viele Exempel). Immerhin reizte Otto Waalkes unlängst in einer Videoversion für die Sendung mit der Maus das anarchische Potenzial des Liedes, etwa durch Textvariationen wie „Irgendwas mit Schokolade, / Leberwurst, Senf und Pomade“.

Eine wesentlich stärkere Bearbeitung erfuhr das Lied 2009 in einer Parodie für die im NDR ausgestrahlte Sketch-Comedy-Sendung Dennis und Jesko von Dennis Kaupp und Jesko Friedrich. Aus Rolf Zuckowski wird bei dieser dialogisch angelegten Version ein gewisser „Ralf Grabowski“, der kläglich daran scheitert, stereotyp dargestellte schwer erziehbare, betreuungs- und therapiebedürftige Jugendliche zu kindlich-heiterer Weihnachtsbäckerei zu ermuntern. Die Schmunzelfröhlichkeit, die dem Lied wohl vor allem aus den oben angedeuteten Aufführungsroutinen im Fernsehen und Schlagerkontext anhaftet, prallt hier an der harten Realität von jungen Menschen ab, die schon mit ganz anderen Verfehlungen und Problemen als Kinderulk in der Backstube aufgefallen sind und dem ganzen vorweihnachtlichen Treiben keinerlei Zauber oder Spaß abgewinnen können.

In der Weihnachtsbäckerei
gibt es manche Leckerei.
Wer zusammen backt,
der ist beknackt,
denn Kekse gibt‘s doch abgepackt

In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Während ich hier Plätzchen backe,
klau’n wir Geld aus deiner Jacke.
Wo ist denn mein Scheck?
Der ist weg.

Ja was wollt ihr denn mit dem Geld, Kinder? Vielleicht …

… ein Geschenk für Oma kaufen?
Nein wir gehen zum Komasaufen.
Wo ist denn der Tim?
Hier drin!

Der hier guckt ja gar nicht heiter.
Das ist mein Sozialarbeiter.
Da ist doch was faul.
Halt’s Maul!

Greif mal zu und zwar recht tüchtig.
Nein, ich bin doch magersüchtig.
Willst du wirklich nicht?
Aber ich!

In der Weihnachtsbäckerei
gibt’s so manche Schlägerei.
Ob Schlag, ob Tritt,
alle machen mit
und die Polizei ist auch dabei.
In der Weihnachtsbäckerei,
in der Weihnachtsbäckerei.

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

 

Die Furcht vor der Andersartigkeit. Zu Knorkators „Dämon“

Knorkator

Dämon

Ein Dämon streift im Wald umher
Zwei Rüssel hat er im Gesicht
Sein Atem stinkt nach faulem Fleisch
Und seine Wunden heilen nicht

Ein Dämon streift im Wald umher
Durchkämmt den Hügel und die Schlucht
Sein Maul ist hässlich schwarz und tief
Und selbst der Wolf ergreift die Flucht

Er schaut dich an  (Er schaut dich an)
Du senkst den Blich (du senkst den Blick)
Er beugt sich vor (er beugt sich vor)
Du weichst zurück (du weichst zurück)

Ein Dämon streift im Wald umher
In seinem Magen liegt ein Stein
Ihm läuft der Speichel aus dem Maul 
Und rinnt hinab an seinem Bein

Ein Dämon streift im Wald umher
Der Boden zittert wenn er schreit
Ein jedes Tier von Angst erfüllt
Und nichts mehr regt sich weit und breit

Er schaut dich an [...] 

Die Haut ist blass (Die Haut ist blass)
Die Augen leer (Die Augen leer)
Doch er hält durch (Doch er hält durch)
Und streift umher (Und streift umher) 

Ahh, ahh, ahh

Ein Dämon streift im Wald umher
Schiebt seinen Fuß durch welkes Laub
Lässt eine Schleimspur hinter sich
Sie trocknet aus und wird zu Staub 

Er schaut dich an [...]

Er streift umher

     [Knorkator: Ich bin der Boss. Tubareckorz 2016.]

Die meisten Dämonen teilen sich einige wesentliche Attribute: ein erschreckendes, möglicherweise hässliches oder unnatürliches Äußeres, eine flexible Form, die es ihnen in vielen Fällen ermöglicht Besitz von anderen Wesen zu ergreifen, und eine Verbindung zum Satanischen. Auch der in Knorkators Lied besungene Dämon scheint ein unnatürliches Mischwesen zu sein. Da hören die Parallelen zu einem ‚klassischen Dämon‘ aber auch schon auf.

Das Aussehen des Dämons ist andersartig, aber nicht auf eine furchteinflößende Art und Weise. Ist Knorkator also ihre Darstellung schlicht misslungen? Nein, dazu sind die Brüche zu traditionellen Darstellungen eines Dämons zu offensichtlich. Man muss sich das beschriebene Wesen nur bildlich vorstellen: Zwei Rüssel und ein Maul aus dem Speichel fließt, dazu ein großer schwarzer, hässlicher Mund. Andersartig ist dies sicherlich, aber furchteinflößend nicht. Außerdem hat der Dämon eine sehr konkrete Form, nichts von der Fähigkeit sich aufzulösen oder von anderen Besitz zu ergreifen. In mancherlei Hinsicht erinnert dieser Dämon so an den britischen Kinderbuchklassiker The Gruffalo.

Knorkator gehen dabei aber noch weiter, denn an manchen Stellen erregt der Dämon sogar Mitleid, beispielsweise wenn beschrieben wird, dass seine Wunde nicht heilen, er einen Stein im Magen hat und sein Atem nach faulem Fleisch riecht. Diese drei Eigenschaften hören sich eher nach medizinischen Problemen als nach höllischen Attributen an. Wieder wird dem Zuhörer dadurch die Körperlichkeit des Dämons ins Gedächtnis gerufen, was auch dazu führt, dass der dämonische Protagonist verletzlich gemacht wird. Doch der Dämon wird dadurch sogar als lächerlich dargestellt. Wer würde sich schon überlegen, was im Magen eines wirklich Angst erregenden Dämons zu finden ist? Der Speichel des Dämons, der ihm vom Mund aus das Bein herunterläuft trägt zu diesem Eindruck der dysfunktionalen Körperlichkeit noch bei. An diesem Dämon ist nichts Furchteinflößendes zu finden.

Dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn Knorkator besingen, wie der Dämon alleine durch Wald, Hügel und Schlucht streift. Das Verb suggeriert, dass der Dämon ohne genaueres Ziel durch die Landschaft läuft. Der einfache Beat, die repetitive musikalische Untermalung und wiederholte Verwendung der Zeile „Ein Dämon streift im Wald umher“ verstärken diesen rastlosen Eindruck. Später wird das „streifen“ noch weiter qualifiziert, nun „schiebt“ der Dämon „seinen Fuß durch welkes Laub“. Die Beschreibung dieser Fortbewegung lässt ahnen, dass der Dämon keineswegs angsteinflößend und majestätisch durch den Wald stolziert, stattdessen schlurft er durch welkes Laub, was hier auch als Metapher für den Gefühlszustand des Dämons verstanden werden kann.

Die Tiere haben Angst und „Selbst der Wolf ergreift die Flucht“, womit der Dämon auch von seinen animalischen Genossen im Stich gelassen wird. Wohin soll sich der Dämon also wenden? Im Gegensatz zu seinen Artgenossen kann er nicht einfach zurück in die Hölle, und auch die Tiere fliehen vor seiner Andersartigkeit. Dies ist also kein Dämon, vor dem man sich fürchten müsste. Vielmehr handelt es sich hier um einen einsamen Dämonen. So können die leeren Augen und die blasse Haut auch als Ausdruck der Einsamkeit des Dämons verstanden werden. Der Schrei, welcher den Boden zum Zittern bringt, ist in dieser Lesart ein Zeichen der Frustration und nicht ein Versuch, den Waldbewohnern Angst einzuflößen.

Schließlich trifft der Dämon dann doch noch auf einen Besucher, nämlich den Zuhörer. Doch als der Dämon diesen anschaut, senkt der Zuhörer den Blick. Dann beugt sich der Dämon vor, aber auch diese Wortwahl deutet auf keine Aggressivität von Seiten des Dämons, sondern vielmehr auf Neugier. Doch der Zuhörer weicht instinktiv zurück. Der Dämon greift den Zuhörer nicht etwa an und so entsteht eine Situation in der der Dämon mit seinen zwei Rüsseln, triefendem Speichel und stinkendem Atem dem Zuhörer gegenüber steht, dieser aber, fast reflexartig, zurückweicht. Der Dämon streift so weiter durch den Wald, und nicht einmal seine Schleimspur bleibt, denn (chemisch wohl unerklärlich) verwandelt sich diese in die Vergänglichste aller Materialformen: Staub. Nur so kann auch die Zeile im Refrain „Doch er hält durch“ verstanden werden, denn ein unbeschwerter Dämon, der Spaß daran hat, Mensch und Tier zu verängstigen, müsste nicht „durchhalten“. Ein Dämon, der auf Grund seiner Andersartigkeit ausgeschlossen wird, hingegen schon.

Auf einer abstrakteren Ebene kann diese Darstellung von Andersartigkeit auch als ein gesellschaftlicher Kommentar verstanden werden. Wegen der äußerlichen Andersartigkeit wird der Dämon ausgegrenzt und nicht etwa, weil er jemanden angreift. Vielmehr erschrecken sich Tiere und der Zuhörer vor dem Wesen, weil es anders ist als sie, und vermutlich auch, weil das Klischee des Dämons eben das eines teuflischen Wesens ist. Somit kann der Liedtext auch als Aufruf verstanden werden, nicht vor Andersartigkeit zurückzuschrecken. So ist vielleicht auch zu erklären, dass der an den Zuhörer gewandte Refrain keinen klaren Abschluss findet: der Dämon beugt sich vor, der Zuhörer weicht zurück, und dann beginnt die nächste Strophe. Dies kann als ein bewusst offenes Ende der Auseinandersetzung mit Andersartigkeit verstanden werden. Ob die Andersartigkeit akzeptiert wird, oder der Zuhörer sich davon abwendet, wird ihm selbst überlassen.

Martin Christ, Oxford

Die vielen Facetten der Wurst. Zu Herbert Grönemeyers „Currywurst“

Herbert Grönemeyer (Text: Horst-Herbert Krause, Diether Krebs)

Currywurst 

gehse inne stadt
wat macht dich da satt
'ne currywurst

kommse vonne schicht
wat schönret gibt et nich
als wie currywurst

mit pommes dabei
ach, dann geben se gleich zwei-
mal currywurst

bisse richtig down
brauchse wat zu kaun
'ne currywurst

willi, komm geh mit
ich krieg appetit
auf currywurst

ich brauch wat in bauch
für mein schwager hier auch
noch ne currywurst

willi, is dat schön,
wie wir zwei hier stehn
mit currywurst

willi, wat is mit dir
trinkse noch n' bier
zur currywurst
 
ker, scharf is die wurst
mensch dat gibt'n durst,
die currywurst

bisse dann richtig blau
wird dir ganz schön flau
von currywurst

rutscht dat ding dir aus
gehse dann nach haus
voll currywurst

aufm hemd auffer jacke
ker wat ist dat ne k.... 
alles voll currywurst

komm willi
bitte, bitte, komm geh mit nach hause
hörma ich kriegse wenn ich so nach hause komm
willi, willi, bitte, du bisn kerl nach mein geschmack
willi, willi komm geh mit, bitte willi

     [Herbert Grönemeyer: Currywurst. Intercord 1982.]

Was wäre Deutschland ohne seine Würste? Ob Weißwurst, Thüringer oder Bockwurst, fast jede Region Deutschlands hat eine wurstige Spezialität anzubieten. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Currywurst ein, die (laut Wikipedia gilt dies als erwiesen) im Berlin der Nachkriegsjahre erfunden und dort zum ersten Mal verköstigt wurde. Wie an andere Stelle bereits angeführt, kann die Wurst eine Vielzahl von Assoziationen hervorrufen. Herbert Grönemeyers Beitrag zum Kanon der Wurstlieder folgt einem Arbeiter, der nach seiner Schicht zusammen mit seinem Schwager, Willi, an den Currywurststand kommt, wo sich die beiden Männer Bier und Currywurst gönnen. „Currywurst“ kann auf diversen Ebenen verstanden werden, von denen hier drei herausgegriffen werden sollen.

Die Currywurst als bodenständiges „Arbeiteressen“

Die Currywurst, direkt an der Imbissbude verzehrt, wird bei Grönemeyer als bodenständiges, ehrliches Essen dargestellt, das seine Attraktivität auch durch seine Einfachheit erhält. Kulinarisch sind die Bestandteile überschaubar und sind ein Kontrast zum „Schicki-Micki“-Essen im Restaurant. Das Fehlen von Stühlen, richtigem Besteck (schließlich gibt es zur Currywurst nur den traditionellen Piekser) und sonstigen Annehmlichkeiten wird dabei nicht als negativ wahrgenommen, sondern ist, ganz im Gegenteil, symptomatisch für das Solide an der Wurst: „willi, is dat schön, / wie wir zwei hier stehn / mit currywurst“. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass in Grönemeyers Lied der Verzehr nach „der schicht“ erfolgt, was nahelegt, dass der Sprecher einem bodenständigen, nicht-intellektuellen Beruf nachgeht. Diese nicht-intellektuelle Berufswahl schlägt sich auch in fragwürdiger Grammatik nieder („wat schönret gibt et nich / als wie currywurst“).

Als Weiterführung des Topos des Arbeiteressens wird die Currywurst natürlich mit einem ebenfalls bodenständigen Getränk, Bier, in Verbindung gebracht. Dabei führt die Schärfe der Wurst zu Durst, wobei das zu dessen Löschung getrunkene Bier es einem wiederum „flau“ im Magen werden lässt, was zu mehr Appetit führt, usw. Ein recht angenehmer Teufelskreis. Traditionell gibt es neben dem Bier und der Wurst auch noch Pommes. So ist die Currywurst also eine vollwertige Mahlzeit, inklusive Gemüseanteil.

Die Currywurst als Regionalspezialität

Grönemeyers Lied, das in der Umgangssprache des Ruhrpotts gehalten ist, verdeutlicht die regionale Identität, die mit der Currywurst verbunden ist. Nicht ganz passend scheint hier der Anglizismus „down“, welcher nicht unbedingt nach Ruhrpott klingt. Auch das Siezen des Wurstbudenbesitzers („ach, dann geben se zwei“ und nicht „ach, dann gib uns zwei“) scheint nicht ganz stimmig. Grönemeyer ist natürlich ein besonders geeigneter Vertreter der Currywurst-Fraktion, hat er doch eine stark ausgeprägte Verbindung zu seiner Bochumer Heimat im Speziellen und dem Ruhrgebiet im allgemeinen. Sowohl in Berlin als auch im Ruhrpott wird die Currywurst als Lokalspezialität an jeder Straßenecke angeboten. Wegen dieser starken lokalen Verwurzelung ist es auch nicht verwunderlich, dass gerne Streit entbrennt, wo es denn nun die beste Currywurst gibt, ob diese mit oder ohne Pelle zu essen ist und wie scharf die Wurst zu sein hat. Grönemeyers Schichtarbeiter hat dabei offensichtlich eine eher schärfere Variante gewählt und kommentiert: „scharf ist die wurst“. Da hilft dann nur das oben bereits erwähnte Bier.

Kurz sei hier noch erwähnt, dass die Binnendifferenzierung zwischen den Eingangs erwähnten Würsten bzw. regionalen Spezialitäten im Ausland kaum rezipiert wird. Hier wird Deutschland als Ganzes mit der Currywurst in Verbindung gebracht, während beispielsweise schwäbische Mauldäschle oder norddeutscher Labskaus kaum bekannt sind. Umso wichtiger, dass der Currywurst durch Grönemeyer ein musikalisches Denkmal gesetzt wurde. Willi und seinen Schwager interessiert das natürlich herzlich wenig, solange die Currywurst gut schmeckt.

Die Currywurst als Essen für „echte Männer“

Die Currywurst kann auch als Zeichen für Männlichkeit verstanden werden. Abgesehen von der offensichtlichen Symbolik der Wurst als Phallus, handelt es sich bei den Konsumenten der Wurst in Grönemeyers Lied auch um zwei Männer. Doch diese verspeisen nicht nur die Currywurst mit ihrem (ebenfalls als „männlichem“ Getränk konnotierten) Bier, sondern als sich der Sprecher das Hemd versaut, bittet er Schwager Willi, ihn nach Hause zu begleiten. Der Alkoholkonsum als Erklärung für die Currywurst auf der Jacke ist, so erwartet es der Wurstesser, seiner Frau als Entschuldigung nicht genügend. Der Sprecher bittet seinen Schwager deshalb um Schützenhilfe, damit er von seiner Frau nicht zur Schnecke gemacht wird.

Hier sind zwei Lesarten möglich: einerseits eine gendernormative, in der zwei Kumpels zusammenhalten müssen um sich gegen eine übereifrige Hausfrau zu wehren. Bier und Currywurst sind hier Symbole für die Männlichkeit und bleibt nur den zwei Männern vorbehalten. Dazu passt auch, dass Currywurst und Bier mit anderen traditionell männlich konstruierten Aktivitäten, beispielsweise Fußball, zusammenhängen (siehe zum Alkoholgenuss auch hier). Man könnte aber auch, gendersubversiv, argumentieren, dass die zwei Männer an der Bude eine eher lächerliche Figur abgeben: angetrunken, beckleckert und tollpatschig und sie somit nicht dem traditionellen Rollenbild des „harten Kerls“ entsprechen. Der Sprecherwhat regelrecht Angst vor der Frau und bittet Schwager Willi innständig um Hilfe („komm willi, / bitte, bitte, komm geh mit nach hause“). In dieser Lesart nimmt die Frau die Rolle der Starken ein. Weil Grönemeyer in anderen Liedern (besonders in Männer), die Konsturktion von Maskulinität hinterfragt, erscheint diese zweite Lesart als wahrscheinlicher.

So oder so erscheinen die beiden Männer nicht als maskulin-aggresiv, sondern eher als kumpelhaft-entspannt. Der Sprecher scheint seinen Schwager bereits zu Beginn freundlich einzuladen, wenn er sagt „ach, dann geben se gleich zwei- / mal currywurst“. Da will man an die Theke treten uns sagen „machs‘ de drei draus!“.

Martin Christ, Oxford

You can take a man out of the middle class, but you can’t take the middle class out of a man. Strukturelle Persistenz von Bürgerlichkeit in Knasterbarts „Gossenabitur“

Knasterbart

Gossenabitur

Mutter hat mir mal gesagt, ich soll was Bess’res werden,
nicht so’n Gossenlümmel ohne Geld,
würde ich nichts lernen, würde ich mich nur gefährden
und hätte meine Armut vorbestellt.
Ich soll fleißig beten, zum Schulmeister geh‘n
und ein braver Bänkeldrücker sein,
ich soll in Ärsche kriechen und um Vergebung fleh’n,
[sonst] fäng’ ich mir vom Leben eine ein.

Da schraub ich mir doch lieber den Schnaps in die Figur
und lerne für mein Gossenabitur.

Vater hat mich stets ermahnt, ne Arbeit zu ergreifen,
als emsig-fleiß’ger Medizinstudent,
dazu würd‘ ich mich eignen, selbst mir Pillen zu verschreiben,
ich wär‘ zu allen Zeiten sehr solvent.
Kein Weib täte sich zieren beim Massagen rezeptieren,
sie würden gern zum Onkel Doktor gehen.
Doch will ich mich nicht länger in Phantasien verlieren,
hier in der Gosse ist es auch ganz schön.

Da schraub ich mir doch lieber den Schnaps in die Figur [...]

Und damit keiner sagen kann, wir ham den Dreh nicht raus, 
stellen wir uns ein Armutszeugnis aus:

Im Schnorren bin ich ausreichend, im Läuse Knacken schlecht,
begabt bin ich in Straßenhehlerei,
ungenügend hab ich nur im Straf- und Steuerrecht,
dafür in Kneipenschlägerei ‘ne Zwei.
In Stammtischpolitik bin ich der Jahrgangsbeste wohl,
hab eine Drei in die Polente schmieren,
außerdem besitze ich das Einsermonopol
in heimlich an den Tresen urinieren.
Kneipenkunde kann ich gut, ich kann mich nicht beschweren
den Leistungskurs im Saufen hab ich gern:
Da habe ich ‘ne glatte Zwei im Bierkrug Ausleeren,
im Branntwein Schlucken eine Eins mit Stern.
Mein Lieblingsfach ist pöbeln und Zecheprellerei
und Gossenpoesie am Pintentresen,
und in Liebeskunde, ich sag das mal so frei,
da wär ich gern befriedigend gewesen.
Arbeits- und Sozialverhalten – ja was soll ich sagen?
Ja braucht man das denn wirklich für im Leben?
In unserm Armutszeugnis steht, sollt‘ jemand danach fragen:
Sie haben sich stets Mühe gegeben.

Da schraub ich mir doch lieber den Schnaps in die Figur [...]

Da schraubt er sich doch lieber den Schnaps in die Figur
und lernt für sein Gossenabitur.

Da schraub ich mir doch lieber den Schnaps in die Figur [...]

     [Knasterbart: Branntwein für alle! Fuego 2014.]

An US-amerikanischen Universitäten wird in letzter Zeit u.a. über die Problematik „kulturell aneignender“ Halloween-Kostüme diskutiert (vgl. zeit.de, taz.de). Gemeint ist, dass Angehörige der privilegierten (weißen, christlichen) Mehrheit Kleidung oder Insignien unterprivilegierter Minderheiten (z.B. Indianerschmuck oder Sombreros) aus rein dekorativen Gründen oder zur  Belustigung tragen. Überträgt man diese Denkfigur auf die Inszenierung der Band Knasterbart, so könnte man die teilweise an Zombie-Make-up heranreichende Ausstellung von Armutsfolgen zur Unterhaltung durchaus kritisch sehen. Dagegen spräche grundsätzlich auch nicht der Unernst der Angelegenheit, der bei Halloween-Kostümen ja durchaus auch gegeben ist – die Bandmitglieder, u.a. Musiker von Versengold und Mr. Hurley & Die Pulveraffen, die vornehmlich im Rahmen des Mittelalterlich Phantasie Spectaculum auftreten, eines Festivals, das schon ausweislich seines Titels jeden Authentizitätsanspruch zurückweist, verkörpern offensichtlich überzeichnete Gestalten aus einer vergangenen Epoche: Ihre Künstlernamen lauten (teilweis an ihre Instrumente angelehnt und jeweils mit dem ‚Familiennamen‘ Knasterbart) Hotze, Fummelfips, Fidolin, Hackepeter, Klappstuhl, Knüppelkalle und Schramme (vgl. Homepage der Band). Jedoch geht es bei den erwähnten Debatten immer auch darum, dass sich Angehörige der dargestellten Gruppe angegriffen fühlen – und wer sollte sich als Nachfahre der im Video u.a. durch die Bandmitglieder, deren Kostüme irgendwo zwischen Mittelaltermarkt und Les Miserables-Musical angesiedelt sind, Dargestellten begreifen?

Die kontroverse Denkfigur der illegitimen kulturellen Aneignung ist für die Interpretation des hier vorgestellten „Gossenhauers“ (Kalauer der Band selbst) aber auf anderer Ebene heuristisch nützlich. Denn sie lenkt den Blick auf die Frage, wie wer hier wen sieht. Die beiden Sprecher kommen anscheinend aus bescheidenen – offenbar hat einer Umgang mit „Gossenlümmel[n] ohne Geld“, deren schlechten Einfluss die Mutter fürchtet -, aber (klein-)bürgerlichen Verhältnissen: Beide auftretenden Elternteile raten zum Aufstieg durch Bildung, andernfalls, so die Mutter, drohe der soziale Abstieg. Diesem Schreckensszenario gegenüber steht die Aufstiegsphantasie des Vaters, ganz klassisch in Form der Qualifikation für den Arztberuf, dessen Ergreifen den Eintritt in eine höhere soziale Schicht darstellt. Die Sprecher haben sich jedoch gegen diesen Weg und die damit verbundenen Entsagungen („ein braver Bänkeldrücker sein“) und Erniedrigungen („in Ärsche kriechen und um Vergebung flehn“) entschieden und ganz bewusst die ihnen als Folge mangelnden Fleißes angekündigten Gosse als neues Umfeld gewählt.

So weit, so gängig als Rebellion gegen die Werte der Eltern. Interessant wird aber die Sicht der Sprecher auf ihre neue Umgebung. Sie erscheint ihnen als Umkehrung des bürgerlichen Wertekanons: Verhaltensweisen, die in der bürgerlichen Gesellschaft  entweder strafrechtlich verfolgt (Hehlerei, Körperverletzung, Bestechung, Betrug) oder zumindest sozial geächtet (exzessives Trinken, Urinieren in dafür nicht vorgesehenen Räumen) werden, werden hier goutiert, bürgerliche Kerntugenden hingegen für irrelevant erachtet: Unter „Arbeitsverhalten“ fallen Kompetenzen wie „Lern- und Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Ausdauer und Belastbarkeit, Selbstständigkeit“, zum „Sozialverhalten“ gezählt werden „Verantwortungsbereitschaft, Kooperations- und Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Toleranz“ (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg). Und all das soll man nun – neben korrekter Grammatik – nicht „wirklich für im Leben“ benötigen? Eine konsequentere Abkehr vom bürgerlichen Milieu, dem die Sprecher enstammen, scheint auf den ersten Blick kaum möglich.

Betrachtet man aber nicht nur den Inhalt, sondern auch dessen sprachliche Präsentation, wird schnell deutlich, wie sehr die beiden noch in den im Laufe ihrer Erziehung erlernten Mustern denken. Denn wie heteronormative Menschen, denen es ein Bedürfnis ist, andere zu der von ihnen selbst präferierten Form der zwischengeschlechtlichen Sexualität zu zwingen, oft von der Vorstellung besessen sind, Homosexuelle müssten strukturell wie sie selbst denken und folglich eine ‚Verschwulung‘ der Welt herbeiführen wollen, so können sich die Sprecher, die eine leistungsfixierte Erziehung durchlaufen haben, den Gegenentwurf dazu auch nur wiederum als eine Art Schule vorstellen, in der Leistungen abgefordert werden – nur eben auf anderen Feldern. Das wird bereits in den beiden Neologismen des Refrains deutlich: Mit dem ‚Gossenabitur‘ wird ein Pendant zur allgemeinen Hochschulreife etabliert, die für bürgerliche Eltern nach dem Übertritt ins Gymnasium das zweite große Etappenziel im Bildungsplan für ihre Kinder darstellt – bis heute, wie etwa die erbitterten und letzlich erfolgreichen Proteste gegen die Hamburger Schulreform gezeigt haben. Und in der neu erfundenen idiomatischen Wendung ’sich Schnaps in die Figur schrauben‘ klingt mit ’schrauben‘ das Moment der Anstrengung an und wird mit ‚Figur‘ jenes Wort für den eigenen Körper gewählt, das dessen äußere Wirkung auf Andere betont – diese Wortwahl ist umso erstaunlicher, als es ja beim Schnaps Trinken vermeintlich um die im Körperinneren stattfindenden Prozese geht.

Dort, wo die Sprecher ihre Absage an die bürgerlichen leistungsorientierten Werte ihrer Eltern formulieren möchten, greifen sie also auf Vokabular aus den Wortfeldern eben dieser Werte zurück. Auch die Ausstellung des eigenen Armutszeugnisses, bei der eine abwertende idiomatische Metapher wörtlich genonnem und ins (vermeintlich) Positive gewendet wird, erfolgt aus einem sehr bürgerlichen Grund: „damit keiner sagen kann, wir ham den Dreh nicht raus“ – es geht den Sprechern um Anerkennung der eigenen Fähigkeiten. Eine solche Reproduktion der Strukturen einer Gesellschaft, zu der man sich in Opposition sieht, lässt sich etwa auch im Gangsta-Rap finden, z.B. wenn 50 Cent ein Album Get Rich or Die Tryin‘ betitelt und damit die Ideologie des American dream auf den Punkt bringt.

Nun könnte man das alles auch noch als bewusste Pervertierung des Vokabulars bürgerlicher Ideologie und damit als Akt sprachlicher Subversion deuten. Jedoch sprechen für die hier favourisierte Lesart, dass den Sprechern die geistige Emanzipation aus ihren Elternhäusern doch nicht gelungen ist, noch andere Textdetails: Zum einen wäre das Bedauern des Sprechers der zweiten Strophe, nicht über die finanziellen, pharmazeutischen und erotischen Resourcen eines Arztes zu verfügen, zu nennen. Das Ziel väterlichen Plans wird hier also gar nicht verworfen, lediglich der aufwendige Weg dorthin gescheut. Schließlich muss der Sprecher sich selbst zur Ordnung rufen und zur beschwichtigenden Autosuggestion greifen: „Doch will ich mich nicht länger in Phantasien verlieren, / hier in der Gosse ist es auch ganz schön.“ Ein weiterer Aspekt, der nicht recht in die vermeintliche Idealisierung des Gossenlebens passen will, ist das – speziell in der gesanglichen und mimischen Darbietung deutliche – Eingeständnis überschaubarer sexueller Fähigkeiten, womit die verbreitete Vorstellung, dass in leistungsfernen Milieus Sexualität freier und befriedigender ausgelebt würde (ein Umkehrschluss aus der Freudschen Sublimierungsvorstellung, derzufolge Triebverzicht überhaupt erst besondere Leistungen ermöglicht), zumindest relativiert wird.

Die beiden Bildungsabsteiger scheinen also, so klingt zwischen den Zeilen dieser fröhlichen Unterschichtenhymne an, ihr Glück doch nicht im Rinnstein gefunden zu haben. Und so kann man aus dem Lied auch die Empfelhlung an die aktuell ihre Abiturprüfungen Ablegenden herauslesen, einen Mittelweg zu wählen: Erst das Abitur machen – und danach den Schnaps in die Figur schrauben.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Ungeschick und Untenrum. Zu Mike Krügers Schelmerei „Der Nippel“

Mike Krüger

Der Nippel

Ich konnte gerade lesen,
da kam ich auch schon drauf:
Fast alles ist heut eingepackt,
man kriegt es sehr schlecht auf.
Jetzt steh’ ich hier am Würstchenstand
und schwitze, weil ich kämpf’
mit einer kleinen Tube, drin ist Senf!
Und drauf steht:

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n
und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n,
da erscheint sofort ein Pfeil,
und da drücken Sie dann drauf,
und schon geht die Tube auf!

Aber erst den Nippel durch die Lasche zieh’n […]

An ’ner Autobahnraststätte
da hatt’ ich großen Durst.
Es gab nur Automaten,
doch das war mir ganz wurst.
Ich drückte auf zwei Knöpfe,
da war ich auch schon naß,
halb voll Cola und halb voll Bier vom Faß.
Kam ’ne rote Lampe raus
und auf der stand:

Mensch, Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n […]
und schon kommt da unten Kaffee raus!

Ich mußte mal ins Krankenhaus,
mein Blinddarm war defekt.
Die Narkose hat nicht so gewirkt,
da hab’ ich mich erschreckt.
„Mann, wie kriegen wir denn Sie bloß auf?“,
hat der Chefarzt mich gefragt.
„Nichts einfacher als das“, hab’ ich gesagt:

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
Mal sehn’, da geht der Bauch schon auf!

Ich hatte mal ’ne Freundin,
ich bin auch nur ein Mann.
Doch leider trug sie ’nen BH,
man kam da sehr schlecht ran.
„Mann, Mädel, wie geht denn das?
Ich komm da nicht mehr mit!“
Sie sagte: „Komm mein Jung,
ich geb’ dir mal ’nen Tip:

Du musst doch nur die Nippel durch die Lasche zieh’n
Und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n
Da erscheint dann auch ein Pfeil
Und da drückst du ganz leicht drauf
Und schon geht die Sache auf!“

Ich flog mal so im Flugzeug, da fiel der Motor aus.
Zum Glück trug ich ’nen Fallschirm und kam auch ganz gut raus.
Draußen wollte ich ihn öffnen,
hatt’ die Schnur schon in der Hand,
voll Entsetzen las ich,
was darauf stand:

Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
Ich wollt’ es gerade tun, da schlug ich auf!

Daß ich das nicht überlebt hab,
wird jeder wohl versteh’n.
Jetzt steh ich hier vorm Himmelstor,
kann keinen Menschen sehen. 
„Kommt, laßt mich rein, ihr Engels!“,
schrie ich und tobte wild.
Da sah ich an der Tür das goldne Schild.
Drauf stand:

Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
und schon ist die Himmelspforte auf!

     [Mike Krüger: Der Nippel. EMI 1980.]

1. Zu Risiken und Nebenwirkungen

Bei Recherchen, zumal im Internet, kommen einem schnell Sachen unter, die man eigentlich gar nicht gesucht hat und im Nachhinein vielleicht auch besser gar nicht gefunden hätte . Wenn es um Lieder geht, drohen bei der Suche nach allerlei aus dem Umfeld eines Untersuchungsgegenstands schlimme Ohrwürmer. Fatal gerät die Angelegenheit, wenn es sich von Anfang an schon um ein Lied handelt, das sich einst erbarmungslos im musikalischen Gedächtnis eingenistet hat, um von dort aus immer wieder nervtötend im Kopf los zu dudeln. Zu derlei Machwerken fallen einem ohnehin meist schnell ähnliche Quälsongs ein, und die Youtube-Vorschlagsleiste tut bei der Recherche ihr Übriges. Am Ende sieht man sich mit einem ganzen Ohrgewürm konfrontiert, das wie ein schlimmer Tinnitus durch die Hörbahnen wimmelt. So geschehen – dies sei hier zur Warnung vorausgeschickt – bei meiner Recherche rund um Mike Krügers Der Nippel.

Mit diesem witzigen und schon im Titel anzüglichen Lied über die Kompliziertheit von Verpackungen jedweder Art erreichte der 1951 in Ulm geborene Krüger 1980 sowohl in den deutschen als auch in den österreichischen Single-Charts Platz 1 (vgl. www.offiziellecharts.de und Wikipedia). Wahrscheinlich konnte niemand, der in den 80er Jahren bundesdeutsche Musikradio- und/oder Fernsehsender empfangen hat, diesem Lied entkommen. Viele hatten einfach Spaß damit, so zum Beispiel (zumindest zu Teilen) die siegreiche EM-Nationalmannschaft von 1980 auf dem Rückflug von Italien (vgl. o. A. 1980 u. Jürgens 2012). Der Refrain wird sogar in einem Informatik-Fachaufsatz zur „Didaktik und Methodik der fehlerpräventiven Programmentwicklung“ unter der Kapitelüberschrift „Ausblick“ zitiert (vgl. Eggers 1984, S. 23).

Freilich fand aber nicht jeder Gefallen an Krügers Lied. Im Spiegel war ausgehend vom krügerschen Exempel fatalistisch gar von einer unaufhaltsamen „Nippelierung des musikalischen Unterhaltungswesens der Bundesrepublik“ die Rede, quasi von einem um sich greifenden Prinzip der aus Blödelei und Untenrum erzeugten, alles und jeden mitreißenden Stimmung. So treffe die „Schilderung von Ungeschicklichkeiten und kleinen Alltags-Desastern“ im Nippel-Song ganz einfach „zwei Seelen in der Brust des Deutschen: das katastrophengeplagte HB-Männchen und den Schweinigel.“ (o. A. 1980). Nicht einmal der Spiegel-Artikel selbst konnte sich der Macht der Anzüglichkeit entziehen, wenn es hieß: „Sein Nippel ist in aller Munde“. Gut drei Jahre später wurde im Spiegel gegen die Schleichwerbung in ARD- und ZDF-Shows für den Kinofilm Die Supernasen – mit den Hauptdarstellern Thomas Gottschalk und Mike Krüger, die auch das Drehbuch geschrieben hatten – und natürlich gegen den Film selbst („Mummenschanz auf Grundschul-Niveau“) geätzt. Dabei erfuhr Krüger en passant die sarkastische Würdigung als „Schöpfer der Nationalhymnen Mein Gott, Walther und Der Nippel“ (o. A. 1983). Diese beiden Lieder erhielten hier die Relevanz von Prototypen jenes „neudeutschen Frohsinns“ (ebd.), den die Unterhaltungsindustrie zum im Spiegel geäußerten Verdruss derer, die das gar nicht witzig finden konnten, verbreitete.

Dass einen der Humor, den die hier geschmähte Unterhaltungsbranche pflegte, verdrießen konnte, leuchtet mir durchaus ein – zumal nach meinen Erkundungstouren durch zahlreiche Musikvideos, Filmtrailer, Chartarchive, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Bücher sowie Homepages von Musikern und Komikern, die ich bei der Beschäftigung mit Krügers Der Nippel unternommen habe. Insgesamt war das nicht uninteressant. Bisweilen überkam mich nahezu Nostalgie, weil ich viele Lieder vom Schlage Der Nippel seit meiner Kindheit kenne, denn Mike Krüger und Co. waren in der DDR, in der ich geboren bin, keine Unbekannten (vgl. z. B. Reder 2009 u. Krüger/Hoheneder 2015, S. 202-208). Außerdem nötigte mir die Konsequenz, mit der Mike Krüger über sein musikalisches Oeuvre hinweg an dieser bestimmten Form von Humor festhält, einen gewissen Respekt ab, und hatten die gelegentlichen Country-Anklänge ihren Reiz, insbesondere in zugleich lustigen und trist-melancholischen Liedern wie etwa Mama ist im Himmel bei John Wayne oder der Bearbeitung des Johnny Cash-Songs A Boy Named Sue (geschrieben von Shel Silverstein) – Ein Junge namens Susi (das verdient eine eigene Untersuchung, zumal es mit dem Country auf Deutsch eine eher schwierige Sache ist, vgl. Posener 2010). Allerdings überfiel mich beim Querhören desöfteren auch arge Fremdscham, zum Beispiel beim Lied Der Gnubbel. Perplex war ich, als ich auf der Startseite des Webauftritts von Mike Krügers Management las: „Mike Krüger – Mythos, Ikone, Sexsymbol“. Am Schluss blieb ein ambivalenter Eindruck aus interessantem Wiederhören, mal mehr, mal weniger unterhaltsamen Funden und Genervtsein.

2. Untersuchung

Wegen seines großen Erfolgs beim Publikum und seiner Hartnäckigkeit, den es als Ohrwurm hat, will ich Mike Krügers erfolgreichstem Lied Der Nippel analytisch zu Leibe rücken. Wie funktioniert es und was kann man interpretatorisch mit ihm anstellen?

Uraufgeführt wurde es vor 1500 Friseuren in der Darmstädter Stadthalle, im Saalbau in Witten entstand die Live-Aufnahme für die spätere Single Der Nippel und das gleichnamige Album. Ursprünglich hatte Krüger keine Single-Auskoppelung geplant, denn er wollte sein Album verkauft wissen. Die Plattenfirma witterte aber ein sehr gutes Geschäft, zumal nachdem Hans Werner Olms unter dem Pseudonym „Balduin Ebenholz“ veröffentlichte Lizenzsingle vom Nippel gute Verkaufszahlen erreicht hatte. So erschien schließlich auch eine Nippel-Single von Krüger selbst, die schnell auf Platz 1 der Verkaufscharts stieg. (vgl. Krüger/Hoheneder 2015, S.122-123 u. 128 f.)

Sehr vielen Plattenkäufern gefiel also das Lied, in dem ein Ich – genauer ein Mann – das sein Leben leitmotivisch durchziehende Problem kompliziert zu öffnender Verpackungen erzählend mit sich von Episode zu Episode verschlimmernden Auswirkungen bearbeitet. Eine solche episodische Struktur mit Steigerung bis zum desaströsem Ereignis findet man beispielsweise auch in Krügers erstem großen Hit Mein Gott, Walther (1975) oder in dem schon erwähnten Gnubbel (1981), außerdem in Jürgen von der Lippes Nummer-1-Hit Guten Morgen, liebe Sorgen (1987). In letzterem wird die Reihe aus Ungeschicklichkeiten und kleineren wie größeren Katastrophen auf einen Tag komprimiert – angefangen beim fehlenden Papier zum morgendlichen Toilettenbesuch, weiter mit einer kalten Dusche wegen eines defekten Rohrs, einem Sturz mit Steißprellung auf glatten Fliesen, nach Schweiß schmeckendem Kaffee, der geklauten Zeitung, der mit Auto, Hund und Pornosammlung abgehauenen Frau, schließlich dem Suff und der betrunkenen Autofahrt mit tödlichem Unfall, nach dem es (immerhin) ein Erwachen als Engel gibt.

Aber zurück zum Nippel: Schlaues Kerlchen, das der Typ in Krügers Lied schon immer war, hat er bereits als ABC-Schütze erkannt, dass man heutzutage alles Verpackte nur „sehr schlecht“ aufkriegt. Exemplarisch erzählt er sogleich von seinem (scheinbar gegenwärtigen – „Jetzt“) Kampf mit einer Senftube, auf der eine Anleitung für den kniffligen Öffnungsvorgang zu lesen ist. Hier schwitzt er nur und bekommt das Ding nicht geöffnet. In der nächsten Situation, von der er erzählt, gelingt es ihm zwar, etwas aus einem Automaten herauszubekommen, allerdings völlig unkontrolliert und mit dem Ergebnis einer Cola- und Bierdusche. Nach dieser Slapstick-haften Szene erfährt die Drastik des Problems eine absurde Steigerung: Dem Mann soll der Blinddarm entfernt werden, jedoch wirkt die Narkose nicht richtig. Daraufhin ruft der Chefarzt fragend aus „Mann, wie kriegen wir denn Sie bloß auf!“, womit er wohl meinen dürfte, dass es unmöglich, weil unzumutbar, ist, bei unzureichender Betäubung den Schnitt zur Öffnung des Körpers zu setzen und überhaupt die Operation weiter durchzuführen. Der Mann allerdings bezieht die Äußerung auf sein ‚Lebensthema‘ und erklärt dem Operateur die Öffnungstechnik, die er selbst zwar ausweislich seiner Erzählungen praktisch nicht beherrscht, als theoretisches Wissen aber mittlerweile verinnerlicht hat.

In der folgenden Szene fehlt dieses Wissen dann wieder, denn hier geht es schließlich weniger um Verstand als um Geschicklichkeit: Der Mann erzählt in Ansätzen vom Sex mit seiner Freundin, die er ‚mal hatte‘, weil er eben „auch nur ein Mann“ und somit in seinem Weltbild ‚natürlicherweise‘ heterosexuell und triebbeherrscht sei. Die Sache droht einmal mehr an einer schwierigen Verpackung – dem BH, an dem sich die anzügliche Komponente des Liedes nun festmachen lässt – und an der mangelnden Handfertigkeit des Tollpatsches zu scheitern. Glücklicherweise kennt sich die resolut auftretende Frau aber aus und kann ihn in der sattsam bekannten Technik unterweisen. Der Mann rückt dadurch eher in eine Schüler- oder Sohn-Rolle („Komm mein Jung, / ich geb’ dir mal ’nen Tip: […]“) und erscheint nicht als Partner auf Augenhöhe oder gar in dominanter Position.

Auf die Erzählungen von den Pannen in Alltagssituationen, der medizinischen Malaise und dem verpackungsbedingt gehemmten Vorspiel folgt schließlich die Episode vom finalen Scheitern, müsste der Mann nach Verlassen eines abstürzenden Flugzeugs doch den rettenden Fallschirm öffnen, wofür er freilich mit Nippel, Lasche usf. umgehen können müsste. Aber er bringt es wieder nicht und schlägt auf. Mit zugleich entschuldigendem wie schulterzuckendem Gestus – das „wird jeder wohl versteh’n“ – teilt er mit, dass der Absturz für ihn tödlich geendet hat.

Sein Problem bleibt ihm aber über den Tod hinaus erhalten, denn das Himmelstor tut sich ihm nicht einfach so auf. Keine Menschen und keine Engel sind zu sehen. In Mike Krügers Lied Mein Gott, Walther, in dem es ebenfalls um einen wenig geschickten Unglücksraben geht, von dem das Pech auch nach dem Tod nicht abfällt, ist die Situation vor dem Himmelstor etwas anders gestaltet:

[…]

Ja das Leben verlangte Walther schon ’ne Menge ab.
Und sein Pech verfolgte ihn sogar bis ins Grab.
Denn sein Sarg glitt den Trägern aus den Händen, auf den Boden knallt’ er.
Der Pfarrer rief entsetzt:
Mein Gott, Walther.

Nun steht Walther ganz allein vorm Himmelstor
und kommt sich eigentlich ziemlich einsam vor.
Petrus sieht durch das Guckloch, drauf verliert den Halt er,
zum lieben Gott ruft er nach hinten:
Da draußen, da steht Walther.

Auch Walther findet sich allein an der himmlischen Pforte wieder. Allerdings spielen Gott und Petrus an dieser Stelle eine Rolle in der Geschichte, nur für Walther nicht wahrnehmbar. Ob der entsetzte Petrus dem trotteligen Walther Einlass gewährt oder nicht, wird nicht mehr erzählt. Der Liedtext endet mit Petrus’ gerufener Mitteilung an Gott „Da draußen, da steht Walther.“ Dabei wird der als running gag wiederkehrende und zum Mitsingen animierende Seufzer „Mein Gott, Walther.“ variiert; der Ausruf „Mein Gott“ nähme sich wohl unziemlich aus gegenüber Gott persönlich, zumal in einer Äußerung des Petrus. Durch den Bruch mit der Erwartung einer neuerlichen Wiederholung von „Mein Gott, Walther.“ entsteht Komik (wobei es vielleicht aber doch noch komischer gewesen wäre, wenn Petrus vor lauter Schreck in eben diesem Wortlaut aufgejault hätte).

Aber zurück zum Nippel-Lied: Hier wird nichts von himmlischem Personal erwähnt. Die Öffnung des Tores obliegt hier nicht, wie im Volksglauben als Ableitung von Matthäus 16,19 verbreitet, dem ‚Pförtner‘ Petrus, sondern der ‚Schlüssel‘ zum Himmelreich liegt einmal mehr in den für den Mann zu komplizierten Handgriffen, auf die eine pompös gestaltete Bedienungsanleitung an der Himmelspforte zum Leidwesen des Pechvogels hinweist. Angesichts dieser Hürde bleibt ihm wohl die Einkehr ins Himmelreich verwehrt, denn es ist ihm bis hierhin nicht gelungen, sein Handicap bei Verpackungen zu überwinden, also sieht es auch nach seinem Tod nicht gut für ihn aus. Warum sollte es, nachdem er schon mit Senftuben, Getränkeautomaten, BHs und Fallschirmen nicht fertig wurde, bei so etwas Großem wie dem Übertritt ins himmlische Jenseits anders für ihn laufen? Er ist ja ohnehin schon seit dem Erstlesealter von der Einsicht durchdrungen, das so ziemlich alles eingepackt und schwer zu öffnen ist. Dieses früh erworbene, für ihn unumstößliche Dogma bestimmt sein Leben, sein In-der-Welt-Sein, und lässt ihn wieder und wieder die gleiche Erfahrung machen, so dass sich seine Überzeugung immer mehr verfestigt.

Treiben wir das interpretatorische Spiel noch ein bisschen weiter: Stellt man die Fähigkeit des Lesens in einen Zusammenhang damit, dass etwas Eingepacktes schwer zu öffnen ist, so kann man das Problem abstrahieren auf die Schwierigkeit des Verstehens (von Texten) bzw. der Erschließung von Sinn überhaupt. So betrachtet hat das Ich in diesem Lied keinen rechten Zugang zum Inhalt, zur Bedeutung, zum ‚Eigentlichen‘ im Leben, zumal bei einem letzten Ding wie dem, was auch immer nach dem Tod zu erwarten ist. Als Leseanfänger hat es begriffen, dass es mit dem Öffnen von Dingen – abstrahiert: mit dem Verstehen – keine einfache Sache ist und sich vieles seinem Erkenntnisvermögen entzieht, die Welt und das Leben kompliziert und unbeherrschbar sind und ihm verschlossen bleiben. An dieser frühen Metaerkenntnis hält das Ich fest. Es kämpft und schwitzt zwar durchaus mal oder schreit und tobt schließlich sogar wild, aber es hat zu wenig Glauben daran, Verpacktes öffnen zu können, oder denkt sich, dass es einfacher funktionieren müsste. Vielleicht hat es als Kind schlicht das falsche Buch (und nicht DAS Buch) gelesen. Es klappt ja nicht einmal mit der korrekten Pluralbildung von ‚Engel‘. „Kommt, lasst mich rein, ihr Engels!“ zu rufen genügt jedenfalls nicht, um die Schwelle zum Himmlischen übertreten zu können. Diese harte Nuss wird Krügers Geschöpf wie so manch andere zuvor wohl auch nicht knacken.

Wie der literarische Schelm – dies sei dann auch der letzte hermeneutische Veredlungsversuch – gelangt es zwar in jungen Jahren zu einer für sein Weltverhältnis wichtigen, quasi initiatorischen Erkenntnis: „Fast alles ist heut eingepackt, / man kriegt es sehr schlecht auf“, was eine leichte Anmutung in Richtung einer Gesellschaftskritik („heut“) hat, womit insbesondere frühneuzeitliche Schelmenerzählungen üblicherweise verbunden waren. Zudem passt auch die erzählerische Konstruktion zum pikarischen Muster: Ein erzählendes Ich blickt (sieht man von der temporalen Konfusion aufgrund des zeitlichen Deiktikons „jetzt“ in der ersten Strophe ab) episodisch auf sein Leben zurück. Der gewitzte Schelm nutzt allerdings traditionell seine – auch gewichtigeren – Einsichten, um sich durchs Leben zu schlagen, das es nicht unbedingt gut mit ihm meint (zum Motiv des Schelms sowie zu den damit typischerweise verbundenen narrativen Elementen und Strukturen vgl. beispielsweise Rötzer 2009, insbesondere S. 112–122). Der Protagonist von Krügers Lied vermag allerdings keinen Vorteil aus seiner Einsicht zu ziehen, er ist in der Praxis nicht lernfähig und kapituliert vor dem Verpackungsproblem. Er schlägt auch keinen bekenntnishaften Ton in Bezug auf seine Schwäche und Unfähigkeit an; ein ‚klassischer‘ Schelm bekennt hingegen seine Laster und Schandtaten. Der von Nippel und Lasche Geplagte weiß auch bis zum Schluss nicht mit Verschlossenem umzugehen – sei es mit einer Senftube oder mit einem der großen Rätsel der Existenz; eine irgendwie geartete Läuterung, gar verbunden mit einer eschatologischen Übersteigerung bis zur Orientierung auf den heilsgeschichtlichen Plan, bleibt also aus. Krügers Antiheld ist eben kein cleverer Schelm, mit dem man die vermaledeite Einrichtung von Welt, Gesellschaft und Leben durchschaut und belächelt, sondern er ist bloß ein ungeschickter Depp, über den man unverzagt lachen kann. Dagegen ist aber eigentlich auch nichts einzuwenden.

3. Anhang

Der Vollständigkeit halber sollen an dieser Stelle noch zwei Liednachfahren, die Mike Krüger zu seinem Nippel erschuf, nicht unerwähnt bleiben. So findet sich in dem von Howard Carpendale bevorworteten krügerschen Golf Lexikon, dessen Ulks einige Schmerzfreiheit in Sachen Humor verlangen, die Variation Sie müssen nur den Putter aus der Tasche ziehen, in der der Ausgangstext gut erkennbar durchscheint:

Putten – ein Lied: zwo, drei, vier – Sie müssen nur den Putter aus der Tasche ziehen

Ich hatte kaum Platzreife,
da kam ich auch schon drauf,
nichts ist dann so einfach,
wie man anfangs glaubt.
Jetzt steh ich auf dem Green
und kenn mich nicht mehr aus,
weil es mir vor Löchern schrecklich graust:

Ich müßte nur den Putter aus der Tasche zieh’n
und mit dem leichten Eisen an den Ball rangeh’n.
In der Ferne ist ein Loch,
und da müßte ich dann rein,
und schon ist der Putter kurz und klein.

Ich mußte in den Bunker,
mein Sandwedge war defekt,
der Abschlag ging daneben,
da hab ich mich erschreckt.
„Mann, wie komm ich wieder raus?“,
hab ich den Caddy gefragt.
„Nichts einfacher als das“, hat er gesagt:

Sie müssen nur den Putter aus der Tasche zieh’n
und mit dem leichten Eisen an den Ball rangeh’n.
In der Ferne ist ein Loch,
und da müssen Sie dann rein,
und schon ist der Putter kurz und klein.

[Musik u. Text: Mike Krüger, Klavier-Bearbeitung: Olaf Weitzl. Aus: Mike Krügers Golf Lexikon [1988], S. 94 f.]

Eine weitere textliche Umarbeitung des Nippel nahm Mike Krüger für eine Kaffeewerbung vor. Das Problem hier – Wie bekommt man guten Kaffee? – lässt sich werbewirksam einfach lösen, und zwar von jedem, sofern er eine Kaffeemühle und ganze Bohnen der beworbenen Kaffeemarke hat.

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn

Frau Müller trinkt gern Kaffee und ihr Mann wollt sie erfreun,
er fängt gleich an die Bohne in die Kanne einzustreun.
Dann gießt er noch heiß’ Wasser drauf und gibt es seiner Frau,
Frau Müller sagt: „Das schmeckt ja ganz schön mau.

Du mußt doch erst die Bohne durch die Mühle drehn
und gleich danach Eduscho-Kaffee frisch aufbrühn.
Ein röstfrischer Kaffee, das ist ein echtes Plus:
die ganze Bohne, der ganze Genuß.“

Auch Müllers Sekretärin weiß, was ihr Chef gern trinkt,
doch Müller tobt, wenn sie im Streß mal Pulverwasser bringt.
Sie hechtet gleich ans Telefon und ruft Frau Müller an,
Frau Müller sagt, ich hab da einen Plan:

Du mußt doch erst die Bohne durch die Mühle drehn […]

Herr Müller machte Urlaub in Süd-Bulgarias
es gab viel Wein und Brause, nur Kaffee war nicht da.
Er schreckte von der Liege hoch und rief ganz aufgeräumt:
„Hey Leute, ich hab da was geträumt:

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn […]“

Herr Müller fragt den Becker: „Gibt’s zum Kuchen auch Kaffee?“
Der Becker, der meint gutgelaunt: „Eduscho, klar, ok!“
Herr Müller sagt zum Becker: „Das find ich wundervoll.
Eduschos ganze Bohne, die schmeckt toll.

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn […]“

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

Literaturangaben: