Liebeswerben mit Winterdepression. Element of Crime: „Der weiße Hai“

Element of Crime

Der weiße Hai

Die Leute, die du liebst, sind alle auf Mallorca
und singen dort das Lied vom Schädelweh.
Tritt nicht auf das Laub, darunter wohnt das Grauen,
und das Gelbe daneben ist der Schnee.

Freu dich nicht zu früh auf den Sommer,
Weihnachten ist grade erst vorbei.
Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein,
und im Fernsehen läuft der weiße Hai.

Der See, an dem du stehst, kann sich nicht entscheiden,
ob er umkippen oder einfrieren soll.
Der Hund, mit dem du lebst, kann dich nicht mehr leiden,
und der Glascontainer ist schon wieder voll.

Freu dich nicht zu früh auf den Sommer,
Weihnachten ist grade erst vorbei.
In den Wäldern weinen noch die Bäume
und im Fernsehen läuft der weiße Hai

Hart verdientes Brot, härter die Erkenntnis
und am härtesten ein ganzer Tag mit dir.
Ruf mich einfach an, wenn du Inventur machst
und Hilfe brauchst von einem wie mir.

Freu dich nicht zu früh auf den Sommer,
Weihnachten ist grade erst vorbei
Im Einkaufszentrum gibt es heiße Ohren,
und im Fernsehen läuft der weiße Hai.

Das da kommt da hin, und das da kommt dahin,
und das da ist irgendwie dabei.
Und das da kommt dahin, und das da kommt dahin,
und am Ende zählen nur wir zwei.

Freu dich nicht zu früh auf den Sommer,
Weihnachten ist grade erst vorbei.
Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein,
und im Fernsehen läuft der weiße Hai.

     [Element of Crime: Immer da wo du bist, bin ich nie. Vertigo 2009.]

Das Sprecher-Ich in Living Next Door to Alice von New World (bekannter in der Version von Smokie) wartet bekanntlich 24 Jahre auf eine Gelegenheit, seiner Nachbarin, in die es verliebt ist, seine Gefühle zu offenbaren, bis diese eines Tages fortzieht, ohne dass es je zu einer Annäherung gekommen ist. Dieses Schicksal will das Sprecher-Ich in Der weiße Hai offenbar nicht teilen. Also wählt es einen günstigen Moment, um das Du, dem es näherkommen möchte, (im Folgenden wird, auch wenn der Liedtext keine Hinweise auf die Geschlechterverteilung gibt, davon ausgegangen, dass ein Mann hier eine Frau umwirbt) anzusprechen: Sie hat Bedarf an Gesellschaft bzw., den Absichten des Werbenden gegenüber weniger freundlich formuliert, ist ihm schutzlos ausgeliefert, denn ihre Lieben feiern sämtlich auf Mallorca, genauer: leiden dort unter den Folgen einer vorangegangenen (angesichts der Zeitangabe „Weihnachten ist gerade erst vorbei“ mutmaßlich Silvester-) Feier. Dieser Umstand deutet noch auf einen weiteren Aspekt hin, der die Situation für den Werbenden besonders günstig erscheinen lässt: Um die emotionale Verfassung der Umworbenen dürfte es nach einem allein verbrachten Jahreswechsel – selbst wenn es dazu nicht durch Verstimmungen mit den Lieben, sondern durch äußere Umstände wie Schichtpläne gekommen sein sollte, – nicht zum Besten stehen.

Dafür, dass sich an ihrer schlechten Stimmung nichts ändert, sorgt der Sprecher: Nachdem er ihr ihre temporäre Einsamkeit vor Augen geführt hat, arbeitet er systematisch mögliche Trostquellen ab, um sie auszuschließen: Die Natur zeigt sich nicht romantisch verschneit bzw. vereist, sondern aufgrund menschlicher Eingriffe abstoßend – der Schnee ist (urin-)gelb und der See durch Abwässer verseucht. Die Bäume, auf denen der Schnee schmilzt, „weinen“ und spiegeln damit die Stimmung der Betrachterin. Und die domestizierte Natur in Gestalt ihres Hundes – dessen Erwähnung als Lebensgefährte auf den Single-Status seiner Besitzerin schließen lässt – bietet, anders als in der Vergangenheit, ebenfalls keine emotionale Zuflucht.

Kulturelle Aktivitäten versprechen ebensowenig Aufheiterungserfolg: Die Feste (Weihnachten mit vorangehender Adventszeit und Silvester), die traditionell eine aufmunternde Funktion innerhalb der depressionsfördernden, von Kälte und langen Nächten geprägten Winterzeit erfüllen, sind vorbei inkl. der Möglichkeit, sozial akzeptiert öffentlich alkoholische Stimmungsaufheller zu sich zu nehmen – nur noch der Glühweingeruch hängt im Treppenhaus. An mediale Ablenkung ist auch nicht zu denken, wie der titelgebende Hinweis auf Der weiße Hai als Beispiel für das von Spielfilmwiederholungen geprägte Fernsehprogramm zu Jahresbeginn deutlich macht – hier droht buchstäblich das Grauen. Der Konsum scheidet, wenn auch aus ungewöhnlichen Gründen („Im Einkaufszentrum gibt es heiße Ohren“) ebenfalls aus. Selbst die Erledigung lange aufgeschobener Alltagsaufgaben, die ein vermeintlich einfach zu erzielendes Erfolgserlebnis verschaffen könnte, erweist sich als schwierig – der volle Glascontainer verweist dabei noch einmal auf die geselligen Silvesterfeiern der Anderen, deren Freunde und Familienmitglieder mit ihnen zusammen vor Ort, statt weit entfernt ohne sie gefeiert haben, und damit auf die Einsamkeit zum Jahreswechsel, die Ablenkung überhaupt erst so nötig gemacht hat.

Der Angesprochenen bleibt somit kein Ausweg aus der aufziehenden Winterdepression – außer, den Sprecher anzurufen. Seine Nummer hat sie offenbar, was auf eine gute, aber eben nicht allzu innige – schließlich gehört er nicht zu den offenbar zahlreichen Menschen, die sie liebt – Bekanntschaft schließen lässt. Dass er von sich als „einem wie mir“ spricht, könnte man dahingehend interpretieren, dass die Angesprochene sich normalerweise nicht mit jemandem mit seinem sozialen Status treffen, dass eine Verabredung mit ihm aus ihrer Sicht also ein ‚Downdating‘ darstellen würde. Vor diesem Hintergrund werden auch die beiden ersten Verse dieser Strophe („Hart verdientes Brot, härter die Erkenntnis / und am härtesten ein ganzer Tag mit dir.“) verständlich: Es war für den nicht gut verdienenden Sprecher nicht einfach zu akzeptieren, dass er kaum Chancen darauf hat, einen ganzen Tag (geschweige denn eine Nacht) mit seiner Bekannten zu verbringen.

Nun bietet er ihr, nachdem er ihr rhetorisch perfide ihre momentane Einsamkeit vergegenwärtigt hat, also an, ihr bei der „Inventur“ zu helfen. Natürlich kann man das wörtlich nehmen und sich die Angesprochene etwa als Ladeninhaberin vorstellen und sich anschließend ausmalen, wie beim Sortieren von Waren eine Hand wie zufällig die andere findet. Stimmiger – gerade aufgrund des offenbar hohen Status der Angesprochenen, der sich nicht recht mit einer eigenhändig durchgeführten Inventur verträgt – erscheint es aber, hier von einer metaphorischen Verwendung des Wortes auszugehen. ‚Inventur machen‘ hieße dann, den materiellen oder ideellen Status quo festzustellen – konkret also aufzuräumen oder über seine aktuelle Lebenssituation nachzudenken, vielleicht auch letzteres anlässlich von ersterem, z.B. beim Sortieren und Betrachten alter Fotos und Erinnerungsgegenstände (durchgespielt wird ein solches Szenario in Bring den Vorschlaghammer mit). In jedem Fall wäre dies eine intime Situation, in der sich die Angesprochene dem Sprecher öffnen würde. In der letzten Strophe wird dann der Verlauf der gemeinsamen Inventur beschrieben, wobei offen bleibt, ob es sich um eine Imagination des Sprechers handelt, oder ob die Situation tatsächlich stattfindet. Jedenfalls steht an deren Ende nicht nur eine aufgeräumte Wohnung und eine analysierte Lebenssituation, sondern auch eine neue Zukunftsperspektive mit dem Sprecher.

Man könnte diese rhetorisch raffinierte emotionale Manipulation eines geliebten Menschen durchaus als psychopathisch einstufen. Allerdings könnte man diesem Vorwurf dann als Entschuldigung einen Vers aus einem anderen Elemnt of Crime-Lied entgegenhalten: „Wer verliebt ist, hat keine Wahl.“

Martin Rehfeldt, Bamberg

Loblied auf die Soziophobie. „Lieblingsfarben und Tiere“ von Element of Crime

Element of Crime

Lieblingsfarben und Tiere

Schön, dass du anrufst, leider umsonst, dass mein Handy abgestellt ist,
hast du schon geschnallt, denn warum solltest du
sonst mein völlig sinnloses Festnetztelefon zum Klingeln bringen?
Mach's wie ich, leg dich hin und mach die Augen zu.

Denk an Lieblingsfarben und Tiere,
Dosenravioli und Buch
und einen Bildschirm mit Goldfisch,
das ist für heute genug.

Schön dass du persönlich an der Tür die Klingelleitung testest,
du hast Recht, da ist technisch nicht alles 1 a.
Im Schwachstromsignalübertragungsweg gibt es Durchleitungsprobleme,
doch wer wirklich zu mir will, kommt damit klar.

Er braucht nur Lieblingsfarben und Tiere […]

Meine Lieblingsfarbe ist eigentlich grün,
aber manchmal blau, und gestern war es rot,
das war auch ganz schön.

Die Emails und die Kurznachrichten kannst du zusammen mit
den Excel- und Word-Dokumenten dahin tun,
wo die Sonne auch an warmen Tagen niemals scheint und wo
auch schon die Meetings und die Skype-Kontakte ruh'n.

Denk an Lieblingsfarben und Tiere […]

     [Element of Crime: Lieblingsfarben und Tiere. Universal 2014.]

Im Deutschunterricht, irgendwann Mitte der 90er Jahre, mussten ich in Form einer Erörterung zu einem Zeitungsartikel Stellung nehmen, dessen Autor beklagte, dass wegen der Verfügbarkeit von Telefonen junge Menschen sich keine Briefe mehr schrieben und dabei eine wichtige eine Kulturtechnik verloren ginge: die Geheimsprache der abgerissenen Briefmarkenzacken. Angeblich sei nämlich zu seiner Jugendzeit ein Code verbreitet gewesen, der Kommunikation mittels der Entfernung bestimmter Zacken vom Rand der Briefmarke ermöglicht habe. Dieser Artikel hat in mir einen derartigen Widerwillen hervorgerufen, dass ich noch heute auf reflexhaftes Bashing neuer Kommunikationstechnologien (das Festnetztelefon war in der Neunzigern bekanntlich aber mal sowas von der heiße Scheiß) und Medien mit ebenwo reflexhafter Aversion reagiere. So habe ich Ina Müller meinen zuvor durchaus in Maßen vorhandenen Respekt abrupt entzogen, als ich das erste Mal Podkarsten hörte. Und Facebook von den Wise Guys, die sich schon mit Denglisch an alle Gegenwartsgegner herangewanzt hatten, hat mich in meiner schon vorher bestehenden Ablehnung nachdrücklich bestätigt.

Entsprechend irritiert war ich, als ich zum ersten Mal Lieblingsfarben und Tiere, die Vorabauskopplung aus dem angekündigten gleichnamigen Album von Element of Crime, hörte. Sollte Sven Regener, nachdem er acht deutschsprachige Alben ohne einen einzigen stilistischen oder thematischen Fehlgriff getextet hatte, sich nun in derart fragwürdige Gesellschaft begeben und die analoge Welt feiern, wo doch Tocotronic schon vor zwanzig Jahren festgestellt hatten, dass digital besser ist? Ich konnte es nicht recht glauben, war mir aber eingedenk seines berühmten Plädoyers gegen die unentgeltliche Verfügbarkeit von Musik im Internet auch nicht ganz sicher. So erwartete ich die Veröffentlichung des Albums mit einer Mischung aus Vorfreude und der Bangigkeit des Fans, der hofft, dass ihm die Band, die er affirmiert, auch weiterhin Anlass dazu bietet. Als ich dann das Lied in Ruhe hören und den Text in Booklet nachlesen konnte, stellte ich zu meiner Freude fest: Sven Regener bietet weiterhin Anlass dazu, ihn als Texter großartig zu finden. Denn die Ablehnung diverser, teilweise gar nicht mehr so neuer Kommunikationsformen in der dritten Strophe erfolgt durch ein Sprecher-Ich, das sich zuvor als soziophob präsentiert hat. Wir haben es also mit einer klar als solchen markierten Rollenrede zu tun, wodurch die Äußerungen des Sprecher-Ichs, abweichend von einer bei der Rezeption von Songtexten gängigen Konvention, nicht dem Texter als eigentliches Sprechen zugeschrieben werden können.

Wie schon in Finger weg von meiner Paranoia lässt Regener sich hier einen psychisch zumindest auffälligen Menschen durch seine Äußerungen selbst charakterisieren. Denn der übrige Text zeigt, dass er nicht nur bestimmte  Kommunikationsmittel  und -anlässe ablehnt, sondern Kommunikation als solche systematisch vermeidet: Er schaltet nicht nur sein Handy aus, was als Reaktion auf die Erwartung ständiger Erreichbarkeit ja durchaus zuweilen geraten wird, sondern nimmt den Hörer seines Festnetztelefons offenbar ebenfalls nicht ab. Seine an ein Du gerichteten Äußerungen sind demzufolge nicht Teil eines Gesprächs, sondern eine Form des Selbstgesprächs. Ob er das Du kennt und etwa über eine Nummernanzeige identifiziert, ob er nur vermutet, es zu kennen, oder ob er ganz allgemein den oder die Anrufer(in) anspricht, ist unklar. Zudem lebt das Sprecher-Ich in einer Wohnung, deren Klingel defekt ist. Ob es diesen Zustand bewusst herbeigeführt hat oder nur weiterbestehen lässt, bleibt offen. Spätestens wenn es jemanden anscheinend beim ergebnislosen Betätigen des Klingelknopfes beobachtet und ihm dabei – für diesen wohl unhörber – erklärt, für jemanden, der ernsthaft die Absicht hege, zu ihm zu gelangen, stelle die defekte Klingelanlage kein Problem dar, besteht Anlass, sich über seinen Geisteszustand Gedanken zu machen. Denn wie sollten Besucher zu ihm vordringen, wenn die Tür verschlossen ist und er auf andere Kommunikationsversuche nicht reagiert? Einbrechen? Nein! Natürlich mit Hilfe von „Lieblingsfarben und Tiere[n], / Dosenravioli und Buch / und eine[m] Bildschirm mit Goldfisch“. Wie auch sonst? Da hätte der begriffststutzige Besucher nun auch wirklich selbst drauf kommen können!

Bei der seltsamen Aufzählung dürfte es sich allerdings kaum um ein für jeden gleichermaßen nützliches Mittel zur kognitiven Bewältigung von Stresssituationen aller Art handeln, wie das Sprecher-Ich anzunehmen scheint, sondern um sein ganz individuelles Autosuggestionsarsenal. Bemerkenswert ist dabei, dass neben (eventuell in der Kindheit verzehrten) Dosenravioli als konkretem Gegenstand sowie nicht näher bestimmten Tieren an Abstraktes gedacht werden soll: eine Farbe sowie, durch die agrammatische Formulierung ohne Artikel hervorgehoben, „Buch“. Nicht an ein konkretes Buch und die darin ggf. erzählte Geschichte soll gedacht werden, sondern an das das Wort „Buch“, das dann möglicherweise beruhigende Assoziationen auslösen soll. Man könnte daraus schließen, dass das Sprecher-Ich früher durchaus gerne gelesen hat, dies mittlerweile aber nicht mehr tut. Dass schließlich nicht ein realer Goldfisch imaginiert werden soll, sondern ein Bildschirmschoner mit entsprechendem Motiv, ist insofern interessant, als dies vermuten lässt, dass das Sprecher-Ich Computern nicht schon immer feindlich gegenüber gestanden, sondern durchaus viel Zeit vor dem Bildschirm zugebracht hat, mitunter ohne dabei etwas zu tun. Und diese Phasen der Ruhe versucht es offenbar immer dann imaginativ wieder zu erleben, wenn soziale Kontakte drohen.

In den eingangs genannten Liedern von Ina Müller und den Wise Guys wird auf eine komplexer werdende soziale Welt mit Ablehnung reagiert. Solcher gesungener Kulturpessimismus bietet den Hörern Komplexitätsreduktion als Rezeptionsgratifikation an, indem er ihnen das Gefühl vermittelt, sich mit dem ganzen neumodischen Zeug gar nicht beschäftigen zu müssen, weil es Menschen ohnehin nur vereinsamen lasse. So wird bei Ina Müller und den Wise Guys mangelnde Medienkompetenz zum Ausweis hoher Sozialkompetenz umgedeutet. In Sven Regeners Text ist es hingegen gerade der Vereinsamte, der neue Medien offensiv ablehnt. Dennoch lässt sich Lieblingsfarben und Tiere nicht als bloße Umkehrung einer kulturpessimistischen Argumentation verstehen. Dafür wirkt der im Refrain vorgetragene Vorschlag des Sprecher-Ichs, gerade auch in der musikalischen Umsetzung, in seiner Skurillität zu verlockend und das Sprecher-Ich mit seinen umständlichen Formulierungen letzlich doch zu sympathisch. Deshalb interessiert man sich als Rezipient auch eher für die Frage, welche Geschichte zu der Soziophobie des Sprecher-Ichs, dessen Geschlecht man nicht erfährt, geführt hat. Ereignisse im Berufs- oder im Liebesleben? Eine Kindheit, in der Dosenravioli eine zentrale Rolle gespielt haben? Als derart in die fiktionale Welt hineinführender statt auf die reale verweisender, als Interpretationen und Spekulationen provozierender und damit Komplexität auffächernder Text erweist sich Lieblingsfarben und Tiere dann doch als Gegenteil der genannten musikalischen Statements zum aktuellen Mediennutzungsverhalten – nicht  kulturpolitisch, sondern ästhetisch.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Versuch einer Unterwerfung. Zu „Ofen aus Glas“ von Element of Crime

Element of Crime

Ofen aus Glas

Kauf dir ein Säckchen voll Blei,
Bind’s an mein Bein
Und wirf mich hinein
In den See deiner Wünsche
Und sieh zu, wie ich versink
Verbring dann den Tag
Mit dem Kämmen deiner Haare

Kauf dir ein Halsband aus Samt
Leg es mir um
Und führ mich herum
Im Gestrüpp deines Denkens
Und sieh zu, wie ich mich verhak
Verbring dann den Tag
Mit dem Feilen deiner Nägel

Kauf dir einen Ofen aus Glas
Heize ihn ein
Und leg mich hinein
In das Feuer deines Zornes
Und sieh zu, wie ich’s ertrag
Verbring dann den Tag
Mit dem Reiben deiner Augen
Doch warte nicht
Warte nicht zu lang

     [Element of Crime: Damals hinterm Mond. Polydor 1991.]

Der titelgebende Ofen erweist sich bei näherer Betrachtung als ambivalente Metapher: Auf der einen Seite erzeugt er Wärme und Behaglichkeit, auf der anderen kann das im Ofen entfachte Feuer auch gefährlich sein. Zudem besteht der besungene Ofen aus dem Material Glas, das zerbrechlich und transparent ist, man kann also in den Ofen hineinschauen. Das Lied handelt augenscheinlich von einer innigen und leidenschaftlichen Beziehung zweier Menschen. Ob es eine Beziehung zwischen Mann und Frau ist, bleibt der Interpretation des Rezipienten überlassen. Das Sprecher-Ich eröffnet seinem Gegenüber seine persönliche Leidenschaft – die Wortwahl lässt keinen Zweifel daran, dass es sich seinem Partner devot zu unterwerfen versucht. So wird das Gegenüber inständig dazu aufgefordert, seine Fantasien gemeinsam mit ihm auszuleben:

Kauf dir ein Säckchen voll Blei,
Bind’s an mein Bein
Und wirf mich hinein
In den See deiner Wünsche

Das Ich bietet sich seinem Partner an und bittet gleichzeitig darum, Einsicht in die Welt des Partners zu erhalten. In den letzten beiden Zeilen der dritten Strophe wird das Gegenüber davor gewarnt, zu lange zu zögern („Doch warte nicht / Warte nicht zu lang“), wobei den zuvor erhobenen Forderungen mithilfe zweier Kunstpausen in der Phrasierung nochmals Ausdruck verliehen wird. Hieran wird deutlich, dass die Verbindung zwischen den beiden Menschen scheitern könnte, sollte dem Verlangen des Sprecher-Ichs nicht nachgekommen werden.

Betrachtet man die musikalische Gestaltung des Liedes, so fällt zunächst auf, dass es  ohne Einleitung beginnt, der Gesang setzt sofort ein. In sehr ruhigem Tempo wird die gehauchte, aber dennoch sonore Gesangsstimme von verschiedenen Instrumenten begleitet. Die musikalischen Elemente lassen so eine sehr harmonische, fast traumähnliche Stimmung entstehen. Träumt das Sprecher-Ich von einem Zusammentreffen mit seinem Gegenüber, bei dem es seine Gefühle tatsächlich äußern kann? Im Gegensatz zu den meisten anderen Liedern von Element of Crime hat dieses Lied keinen Refrain, sondern besteht lediglich aus drei Strophen, in denen die Gefühlswelt des Ichs thematisiert wird. Wie oft bei Element of Crime zu beobachten, gelingt es Texter und Sänger Sven Regener auch hier, triviale Alltagssituationen in den Text des Liedes einzubauen und dadurch eine Wechselwirkung in dem Sinne zu erzeugen, dass die Gefühlswelt des Sprecher-Ichs in Bezug zu alltäglichen Tätigkeiten des Partners gesetzt wird: „Verbring dann den Tag / Mit dem Kämmen deiner Haare […] Mit dem Feilen deiner Nägel […] Mit dem Reiben deiner Augen“. Im Kontext des artikulierten Strebens nach Unterwerfung werden diese alltäglichen Situationen als Stimuli eingesetzt – einerseits, indem sie die Gleichgültigkeit des dominanten Partners gegenüber dem devoten als Teil des Spiels der Unterwerfung ausstellen, anderserseits, indem hier erotisch aufgeladenen Körperteile – Haare, Fingernägel, Augen – angesprochen werden.

Eine gewisse Portion Ironie lässt sich darüber hinaus in allen drei Strophen des Liedes erkennen. Ein ‚Säckchen Blei‘ am Bein, das sogenannte Fußblei, dient Tauchern dazu, unter Wasser tarieren zu können, schränkt das Sprecher-Ich also nicht in seiner Bewegungsfreiheit im ‚See der Wünsche‘ ein, sondern verschafft sie ihm erst. Und sich an einem „Halsband aus Samt“ umherführen zu lassen, ist bei weitem angenehmer als an Exemplaren aus strapazierfähigerem Material. Aber in der Liebe ist ja bekanntlich alles erlaubt und in der Fantasie auch.

In der dritten Strophe taucht schließlich der Titel des Liedes auf, der Ofen aus Glas. Ist dies ein ebenso ironisches Bild wie die in den beiden anderen Strophen? In diesem Ofen ist es nicht nur heiß, sondern das durchsichtige Glas lässt auch einen ungehinderten Blick auf die Geschehnisse innerhalb zu. Die Aufforderung des Sprecher-Ichs an seinen Partner ist eindeutig: Sieh ganz genau hin, ich offenbare dir meine Wünsche und mein Verlangen – und warte nicht zu lang, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen!

M. B. und H. H. P., Kassel

Tiefbaupsychosen oder: Auf der Suche nach dem Subtext. Annäherungen an „Finger weg von meiner Paranoia“ von Element of Crime

Das Video findet sich auch  hier.

Element of Crime

Finger weg von meiner Paranoia

Siehst du, wie die Brocken unserer Heimaterde dort
Wo die Straße eine Biege macht nach Ost
Schwalbengleich im Tiefflug links und rechts
Dem großen Loch entfliehen
Wer den deutschen Tiefbau kennt kann nicht die Frechheit übersehen
Mit der die Lüge sich hier eine Schneise fräst
Sag daß ich mich irre und ich weiß auf wessen Seite du jetzt stehst.

Finger weg von meiner Paranoia
die war mir immer lieb und teuer
Nie ließ sie mich so kalt im Stich wie du
Einer hält den Spaten und zwei schauen ihm beim Halten zu

Warum hält der Zeitungsmann die Finger so gekrümmt
wenn er mir die Zigarettenschachtel gibt
und wie viele seiner Witze macht er immer nur bei mir
Was weiß er, was ich nicht weiß, und was gibt man ihm dafür
Daß er mich pünktlich jeden Morgen deprimiert
Sag daß ich verrückt bin und ich schwör dir, du kriegst eine geschmiert

Finger weg von meiner Paranoia […]

Dem Postmann mach ich nicht mal mehr im Bademantel auf
seit ich weiß, dass er für alle spioniert
Die wissen wollen was mich in meinem Leben so verdammt zufrieden macht
Und jetzt versucht er’s auf die harte Tour und wirft die Briefe nur
Noch nachdem er sie gelesen hat ins Klo
Ich kann dir das beweisen, ich hab sie noch alle irgendwo

Finger weg von meiner Paranoia […]

Daß du von allen sowieso die Allerschlimmste bist,
Das weiß ich auch ohne dass du weinst
Deine Tränen sind noch einmal richtig Öl im Feuer meiner Wut
Wer immer dich geschickt hat – sag ihm, es ist nicht so klug,
Wenn sich ein Tiefbautrupp mit Arbeitseifer tarnt.
Sag, daß ich bekloppt in, aber sag nicht, ich hätt euch nicht gewarnt.

Finger weg von meiner Paranoia […]

     [Element of Crime. Mittelpunkt der Welt. Universal 2005.]

„Stasi!“ möchte man schreien, wenn man den Text zum ersten Mal vor sich hat. Tatsächlich lassen sich im Text sprachliche Bilder finden, die diesen Schluss zulassen. Sehr offensichtlich wird dies in der dritten Strophe, in der der Postbote fremde Briefe liest und sich damit, mag man dem folgen, als Stasispitzel outet. In dieses Bild passt die Tatsache, dass bis Brocken der Heimaterde (Bürger der DDR) dem großen Loch (DDR) entfliehen. Die sozialistische Planwirtschaft mit ihrer staatlich verordneten Beschäftigungsgarantie bekommt ebenso ihr Fett weg: „Einer hält den Spaten und zwei schauen ihm beim Halten zu.“ Es gibt Arbeit für alle, auch wenn eigentlich niemand wirklich arbeitet. Eine stimmige Deutung? Was veranlasst den Westberliner Sven Regener (auch wenn das Sprecher-Ich natürlich nicht der Autor und ein biographischer Bezug in der Interpretation heute ja ohnehin verpönt ist), im Jahr 2005 einen Text über die Stasivergangenheit zu veröffentlichen? Und ist nicht die Straße, die „eine Biege macht nach Ost“ sehr irreführend? Spielte das Lied wirklich auf eine wie auch immer geartete DDR-Vergangenheit an, wäre dann nicht eine Biege nach West (also aus dem Osten hinaus) folgerichtiger? So richtig überzeugt diese Interpretation also nicht.

Vielleicht möchte aber das Lied-Ich einfach nur eine psychische Normabweichung kultivieren. Auch in der Straßenbahn des Todes, auf demselben Album wie Finger weg von meiner Paranoia veröffentlicht, gibt es eine Passage, in der eine psychische Störung in den Bereich des Alltäglichen und scheinbar Normalen gerückt wird: „Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein.“ Das lyrische Ich ist sich seiner Normabweichung bewusst; die Beschreibung der Alltäglichkeit dieser Abweichung gleicht beinahe einer Huldigung. Um es mit Nirvana zu sagen: „Just because you’re paranoid don’t mean they’re not after you.” (Nirvana: Territorial Pissings. Auf: Nevermind. Geffen 1991).

Da hat sich nun aber tatsächlich die ganze Welt gegen das lyrische Ich verschworen. Briefträger, Zeitungsmänner, ja selbst scheinbar anständige und seriöse Arbeiter, die allerdings schlussendlich nur so tun als würden sie arbeiten, sie alle sind an dieser Verschwörung irgendwie beteiligt. Sogar die Frau/Freundin/Exfrau – so ganz genau lässt sich der Status anhand des Textes nicht klären – macht mit. Durch ihr Verhalten könnte sie der Auslöser der ganzen Misere gewesen sein. In gewisser Weise führt ihre Existenz uns auf jeden Fall zu einem weiteren Deutungsansatz:

Eine besondere Form der Paranoia bzw. einer paranoiden Persönlichkeitsstörung stellt die Eifersucht dar. Auch für diese Deutungsmöglichkeit findet Regener passende Beschreibungen. Die Frau ist die Allerschlimmste, sie hat das Lied-Ich kalt im Stich gelassen, der Postmann vernichtet (Liebes-)Briefe. Das große Loch der ersten Strophe ist dann die gescheiterte Beziehung und die gemeinsame Heimaterde, also die Partnerin oder die Liebe, entflieht als Brocken diesem großen ‚Loch der Beziehung‘. Das Sprecher-Ich vermutet die Existenz eines Nebenbuhlers, von dem sogar der Zeitungsmann schon erfahren hat. Es (das Ich) hält einen Spaten, um zumindest symbolisch noch weiter an der Beziehung arbeiten zu können. Leider schauen ihm sowohl seine (zukünftige?) Ex und deren Neuer dabei zu und machen sich möglicherweise sogar lustig über ihn. Die Tiefbaumetapher mag sich aber leider nicht so recht dieser Deutung fügen.

Ist die Tiefbaumetapher am Ende vielleicht gar keine Metapher? Regt sich hier womöglich jemand darüber auf, wie in Deutschland Straßen gebaut werden? Man kennt das ja: Kilometerlange Autobahnbaustellen, Maschinen stehen scheinbar willkürlich in der Landschaft herum und Arbeiter sind weit und breit nicht zu sehen. „Aber andererseits arbeitet ja gerade niemand. […] Das ist ja das Komische, […] daß hier dauernd diese Baumaschinen rumstehen, Bagger und der ganze Scheiß […] aber andererseits arbeitet ja mal wieder niemand“ (Sven Regener: Herr Lehmann. München: Goldmann 2003, S. 246). Handelt es sich hier tatsächlich um einen intertextuellen Bezug und in diesem Fall gar um einen Verweis auf das dichterische Gesamtkunstwerk Sven Regeners? Sicherlich. Hat dies Einfluss auf die Deutung dieses Textes? Entscheiden sie selbst. Natürlich ist es interessant, dass da ein Bild (nämlich der Stillstand von Tiefbaumaßnahmen im weitesten Sinne) in zwei verschiedenen Texten eines Autors behandelt wird und dass dies sogar in beiden Fällen in einem Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen steht (Karl, der beste Freund Frank Lehmanns, erkrankt an einer Depression). Hilft dies hier aber wirklich weiter? Welche Rolle spielen Post- und Zeitungsmann? Da diese beiden ihrer Arbeit offensichtlich mehr oder weniger ordnungsgemäß nachgehen, besteht kein Zusammenhang zwischen ihnen und dem nichtarbeitenden deutschen Tiefbau. Ein einheitliches und eindeutiges Bild ergibt sich also auch hier nicht.

Zur Erkenntnis führt nun leider nichts. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Text überhaupt so eindeutig sein muss (oder sein kann). In diesem Fall lautet die eindeutige Antwort: … Vielleicht. Vielleicht liegt der Reiz des Textes eben gerade in seiner Nichteindeutigkeit. Erfreuen wir uns einfach an Sven Regeners charmantem Witz und genießen wir seine teilweise grandiosen Textstellen. Distanzieren wir uns von zu konkreten und überladenen Deutungsversuchen und lassen wir den Autor zum Schluss ausnahmsweise noch einmal selbst und abschließend zu Wort kommen: „Da steckt mir zu viel Subtext drin“.

Daniel Lutz, Jana Wieczorek, Stefan Müller

Delmenhorst – Überall. Nirgendwo. Zu „Delmenhorst“ von Element of Crime

Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

Hinter Huchting ist ein Graben
Der ist weder breit noch tief
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich hab jetzt Sachen an, die du nicht magst 
Und die sind immer grün und blau 
Ob ich wirklich Sport betreibe 
Interessiert hier keine Sau

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich mach jetzt endlich alles öffentlich 
Und erzähle, was ich weiß 
Auf der Straße der Verdammten 
Die hier Bremer Straße heißt

Hinter Huchting ist ein Graben 
In den sich einer übergibt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will 
Und das ist immer Delmenhorst 
Erst wenn alles scheißegal ist 
Macht das Leben wieder Spaß

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

     [Element of Crime: Mittelpunkt der Welt. Universal 2005.]

Delmenhorst, das hinter Huchting im Norden Deutschlands liegt, ist ein überschaubarer Ort. Seinen Bewohnern hat er nichts weiter zu bieten als einen Getränkemarkt und einen Graben, der „weder breit noch tief“ ist. Ein wahres Paradies für alle Freunde von Stammtischparolen und Gartenzwergen. Durch die Aufzählung typischer Merkmale Delmenhorsts, die sich von jenen anderer gewöhnlicher Kleinstädte nicht zu unterscheiden scheinen, bietet Regener dem Zuhörer eine Identifikationsmöglichkeit. So kann „Delmenhorst“ metaphorisch für jeden beliebigen Zufluchtsort stehen. Indem Regener sowohl dem Getränkemarkt den Namen „Getränke Hoffmann“ gibt als auch dem Graben die banalen Eigenschaften „weder breit noch tief“ zuschreibt , entsteht bei den Hörern der Eindruck, sie seien schon einmal dort gewesen.

Das Sprecher-Ich flüchtet vor einer Person, die noch nie in Delmenhorst gewesen ist. Um welches Geschlecht es sich handelt, sei der Phantasie des Rezipienten überlassen. Fest steht jedoch, dass eine Flucht der einzige Trost für den Verlassenen zu sein scheint, denn dieser sieht darin die letzte Möglichkeit, Abstand zu gewinnen. Nur an einem Ort, an dem keine gemeinsamen Erinnerungen haften, ist die Verdrängung möglich. Da sich der Sprecher aber immer wieder im fiktiven Dialog mit seinem Gegenüber befindet, wird deutlich, dass es ihm nicht ganz gelingt, es zu vergessen. Die Einsicht einer gescheiterten Flucht lässt ihn schließlich resignieren. Sein einziger Lichtblick ist die Tatsache, dass es schön ist, wenn er den Schmerz nicht mehr fühlt.

Regener arbeitet kontinuierlich mit dem Stilmittel der Ironie und verdeutlicht damit den Zwiespalt, in dem das Sprecher-Ich gefangen ist. Einerseits genießt es die Freiheit das zu tun, wonach ihm ist, da sich niemand dafür zu interessieren scheint („Ob ich wirklich Sport betreibe / Interessiert hier keine Sau“). Anderseits lässt die ironische Wortwahl jedoch vermuten, dass die Aussagen des Sprechers stets an die vermisste Person gerichtet sind. So nutzt er in liebevoller Provokation das Sprichwort „grün und blau schmückt die Sau“ um zu verdeutlichen, dass er sich nun weder des Geschmackes der angesprochenen Person entsprechend kleiden noch verhalten muss. Die Ambivalenz seiner ausweglosen Situation wird deutlich, als er am Ende jeder Strophe betont, das angesprochene Du solle Bescheid sagen, wenn es ihn liebt. Diese Mischung aus dem verzweifelten Versuch, mit der Vergangenheit abzuschließen, und der gleichzeitigen Hoffnung auf ein Wiedersehen mündet immer wieder in der Resignation des Wartens. Diese wird dabei durch den monotonen Sound des Stückes unterstützt. Die musikalische Ausgestaltung ist reserviert, denn der Fokus des Songs liegt klar auf dem Text und Vortrag von Sven Regener. So lenken die ruhig gehaltenen, sich wiederholenden Gitarrenriffs das Augenmerk auf die rauchige Stimme des Frontmannes, der davon singt, warum das Leben erst wieder schön ist, wenn alles scheißegal ist.

Kontrastreich zeigt sich Regener hingegen in seiner Wortwahl. Es fällt auf, dass eine Zeile des sonst gleichbleibenden Refrains stets variiert. Der Zeile „Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief“ folgt im anschließenden Refrain an gleicher Stelle „Hinter Huchting ist ein Graben / Der in die Ochtum sich ergießt“. Regener wechselt hier von einer alltagssprachlichen Formulierung zu einer sehr gewählten Ausdrucksweise. Diese Widersprüchlichkeit spitzt sich im folgenden Refrain weiter zu, wenn es heißt „Hinter Huchting ist ein Graben / In den sich einer übergibt“, bevor er schließlich im letzten Refrain zur Ausgangszeile zurückkehrt. Überträgt man diese Spannungskurve auf die innere Verfassung des Sprecher-Ichs, bestätigt sich die Annahme eines sich fügenden Individuums, das letztendlich die Erkenntnis gewinnt, ihm sei nur dann geholfen, wenn es den Zustand der Gleichgültigkeit akzeptiert.

 Annika Nesheim, Franziska Caysa und Dominik Meyer, Kassel

Sven Regeners erfolgreiche Suche nach dem vollkommenen Liebeslied. Zu „Am Ende denk ich immer nur an dich“ von Element of Crime

Element of Crime

Am Ende denk ich immer nur an dich

Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter,
damit die sieht, wie hoch das Kind schon schaukeln kann.
Und es wirft die Beine vor und hoch zum Himmel,
bis ein Schuh davonfliegt, und der landet dann
auf einem Auto, das am Straßenrand geparkt ist,
auf dessen Windschutzscheibe „Schwein“ geschrieben steht
und das, metallic-braun und glatt wie deine Haare,
genau wie du sein wahres Alter nicht verrät.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Die deutsche Mutter stürzt nach vorn in heller Panik
und übersieht dabei ein Kindesbein im Sand
und schlägt lang hin, da lacht der Kindesbeinbesitzer,
der hat ein Erdbeereis in seiner rechten Hand,
das hängt bedenklich schräg nach vorn in seiner Waffel
und tropft sich selbst verschwendend auf die Haute Couture
am Leib des ganzen Stolzes seiner schönen Eltern
und wird zu Dreck dort, genau wie ich bei dir.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Warum blutet Mutter aus der Nase?
Warum ist ihr Kind so dumm wie klein?
Darf ein metallic-braunes Auto denn da parken?
Und warum kann ich ohne dich nicht glücklich sein?
Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen,
bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür
die böse Tat des Beine Stellens zu unterlassen?
Und darf ich irgendwann nochmal zurück zu dir?

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

     [Element of Crime: Immer da, wo du bist, bin ich nie. Universal 2009.]

Popsongtexte und Sonette haben mehr gemein, als man zunächst vermuten könnte: Beide Textsorten unterliegen relativ rigiden Regeln – zumindest wenn man vom prototypischen Text eines 2 bis 5-Minuten-Popsongs ausgeht, in dem drei, seltener vier gereimten Strophen à acht Versen jeweils ein Refrain folgt, der nach der letzten Strophe wiederholt wird. Natürlich kann diese Form in Details variiert werden, dem Refrain kann etwa eine Bridge vorgelagert sein oder die ersten zwei Strophen können ohne Refrain aufeinander folgen. Bezieht man diese Varianten ein, so dürfte dem genannten Schema das Gros aller Popsongtexte folgen (Raptexte bilden mit ihrer größeren Länge eine Ausnahme).

Eine weitere Gemeinsamkeit von Popsongtext und Sonett ist, dass sie mit dem Thema Liebe assoziiert werden. Zwar kann man über jedes Thema Sonette ebenso wie Popsongtexte schreiben, was ja auch umfassend getan worden ist; jedoch haben Lovesongs qua Verbreitung für den Popsong eine ähnlich prototypenbildende Wirkung gehabt wie Liebessonette für das Sonett. Eine Band kann so viele interessante Themen behandeln wie sie will – gemessen wird sie fast immer an ihren Liebesliedern, das gilt nicht nur für Mainstreammusiker, sondern ebenso für alternative Bands: The Sisters of Mercy hatten ihren größten Hit mit Temple of Love, The Cure mit Friday Im in Love, The Clash mit Should I Stay or Should I Go, Metallica mit Nothing Else Matters, Nick Cave and the Bad Seeds mit Where the Wild Roses Grow, Johnny Cashs erfolgreichstes Lied ist Ring of Fire, Neil Diamonds Solitary Man, Shinead O’Connors Nothing Compares to You – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Für den ästhetisch ambitionierten Popsongtextverfasser der Gegenwart heißt das ebenso wie für den regelpoetisch dichtenden poeta faber der Rennaissance und des Barock, dass er im Rahmen der gewählten Textsorte schon zigfach Gesagtes neu ausdrücken muss – wobei für den Verfasser eines Popliebesliedes noch erschwerend hinzu kommt, dass der Text als authentischer Ausdruck von Gefühlen erscheinen soll, dass also rhetorische Rafinesse, die in Barocksonetten oft gerade ausgestellt wird, dem Hörer nicht bewusst werden soll. Denn der Mythos Rock’n’Roll beinhaltet als zentrales Element Authentizität, ein Kriterium, dass vor der Etablierung des Geniekonzepts im Sturm und Drang noch keine wichtige Rolle für die Produktion und rezeption literarischer Texte gespielt hat.

Für den deutschsprachigen Songtexter stellt sich damit konkret die Frage: Wie komme ich an Matthias Reims Verdammt, ich lieb dich vorbei? Denn der Refrain dieses zwischen Schlager und Pop verortbaren Stücks formuliert scheinbar letztgültig, wovon ein Popsongtext handeln soll: Vom Konflikt zwischen den beiden großen Mythen des Rock, zwischen Liebe und Freiheitsdrang, zwischen Love Me, Tender und Born to be wild:

Verdammt, ich lieb dich.
Ich lieb dich nicht.
Verdammt, ich brauch dich.
Ich brauch dich nicht.
Verdammt, ich will dich.
Ich will dich nicht.
Ich will dich nicht verlieren.

Beim Versuch, diese Gefühle neu zu beschreiben, gilt es, nicht nur nach Synonymen zu suchen oder neue Variationen des ungebrochen beliebten Vergleichsschemas „Ich liebe/brauche dich wie…“ oder neue „Du bist mein…“-Metaphern zu finden. Vielmehr muss, und das ist die eigentliche Schwierigkeit, ein tragfähiges rhetorisches Muster gefunden werden, wie es der Refrain von Verdammt, ich lieb dich in der Umkehrung des „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“-Abzählverses auweist, die in der Pointe mündet, dass „will“ zunächst als Vollverb und dann als Modalverb gebraucht wird („Ich will dich nicht. / Ich will dich nicht verlieren.“).

Reims Text zeigt darüber hinaus auch ein weiteres Problem des Popliebesliedes: Neben dem kurzen und emotionalen Refrain müssen auch noch mehrere längere Strophen gefüllt werden, was häufig durch das Erzählen des Kennenlernens, Werbens, Zusammenlebens, der Trennungsgründe oder der Einsamkeit nach der Trennung geschieht. Da – anders als im häufig exotische Schauplätze nutzenden Schlager – die meisten dieser Geschichten in ähnlichen Milieus angesiedelt sind (dies entspricht der Authentizitätsforderung), besteht die Gefahr, Stereotypen zu reproduzieren („Sieben Bier, zuviel geraucht, / das ist es, was ein Mann so braucht.“).

Ein Meister darin, von den entlegensten Textideen ausgehend zur Liebeserklärung zu kommen, ist Sven Regener, der Sänger und Texter von Element of Crime. Seit nunmehr acht Alben veröffentlicht die Band vornehmlich Liebeslieder, ohne sich oder andere zu wiederholen. Ein besonders schönes Beispiel für die rhetorische Innovativität der formal und thematisch konventionellen Songs ist Am Ende denk ich immer nur an dich.

In den Strophen werden in Hypotaxenkaskaden verschiedene Alltagsszenarien, die von außen betrachtet nichts mit dem Sprecher-Ich und seiner Beziehung zur Angesungenen zu tun haben, entworfen, von denen ausgehend das Sprecher-Ich aber assoziativ doch immer wieder dorthin kommt. Der Refrain benennt dann das Muster, das den in den Strophen wiedergegebenen Gedankengängen zugrunde liegt: „Ganz egal, woran ich gerade denke, / am Ende denk ich immer nur an dich.“ Damit fallen Liebeserklärung und poetologische Reflexion in eins. Die rhetorische Leistungsfähigkeit dieses Schemas liegt darin, dass, je konstruierter der Weg von der Alltagsbeobachtung zur Liebe ist, desto deutlicher wird, wie stark die Gedanken des Sprecher-Ichs um die geliebte Person kreisen – so wird gerade die Artifizialität zum Ausweis der Authentizität.

In der dritten Stophe treten an die Stelle der Beschreibungen aus den ersten beiden Strophen Fragen, die sich aus dem Beschriebenen ergeben. Dabei wird en passant mit Bob Dylans Blowin‘ in the Wind der wohl lagerfeueraffinste Protestsong, also der Prototyp einer Songtradition, die gerade nicht das Private, sondern das Gesellschaftliche zum Thema hat, parodiert: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch Essen, / bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür / die böse Tat des Beine Stellens zu unterlassen?“ Dieser hier an einem eher abwegigen Beispiel konkretisierten Frage nach den Möglichkeiten, das Böse in der Welt zu überwinden, der Grundfrage des Protestsongs, folgt die Grundfrage des Liebeslieds als einzige wirklich wichtige: „Und darf ich irgendwann nochmal zurück zu dir?“ So stellt Am Ende denk ich immer nur an dich nicht nur ein Bekenntnis zur Liebe dar, sondern auch eines zum Liebeslied.

Martin Rehfeldt, Bamberg