„Immer mitten in die Fresse rein“. Zur Frage der Gewaltverherrlichung in „Ein Song namens Schunder“ von Die Ärzte und „Rache muss sein“ von Frei.Wild

Die Ärzte

Ein Song namens Schunder

Du hast mich so oft angespuckt, geschlagen und getreten.
Das war nicht sehr nett von dir, ich hatte nie darum gebeten.
Deine Freunde haben applaudiert, sie fanden es ganz toll,
wenn du mich vermöbelt hast. Doch jetzt ist das Maß voll.

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erklärt?
Oder hast du da auch, wie so oft, einfach nicht genau zugehört?
Jetzt stehst du vor mir, und wir sind ganz allein.
Keiner kann dir helfen, keiner steht dir bei.
Ich schlage nur noch auf dich ein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Ich bin nicht stark und ich bin kein Held, doch was zu viel ist, ist zuviel.
Für deine Aggressionen war ich immer das Ventil.
Deine Kumpels waren immer dabei, doch jetzt wendet sich das Blatt,
auch wenn ich morgen besser umzieh', irgendwo in eine andere Stadt
(irgendwo in eine andere Stadt).

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erzählt?
Oder hast du da auch, wie so oft, im Unterricht gefehlt?
Jetzt liegst du vor mir, und wir sind ganz allein,
und ich schlage weiter auf dich ein.
Das tut gut. Das mußte einfach mal sein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Immer mitten in die Fresse!
Mitten in die Fresse!

     [Die Ärzte: Ein Song namens Schunder. Metronome 1995.]

Frei.Wild

Rache muss sein 

Eins, zwei,
eins, zwei, drei, vier

Ich seh in deine Augen
Ich seh in dein Gesicht
Seh deine freche Fresse, oho
Ich erkenne dich

Hast auf mich geschlagen
Warst einer dieser Drei
Doch in fünf Minuten
Sind´s ja eh nur noch zwei
(Sind´s ja eh nur noch zwei, Jaaaah)

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid mein Freundchen
Aber Rache muss sein, die muss sein

Jetzt liegst du am Boden
Liegst in deinem Blut
Das Blut auf meinen Fäusten
Ich find das steht mir gut

Wirst es jetzt wohl merken
Zu dritt auf einen geht man nicht
Ich fang an zu lachen, (jahaha)
Seh dein entstelltes Gesicht
(Seh dein entstelltes Gesicht, Jaaaah)

Denn heut verhaute ich dich
Schlug dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbelte ich dich
Zähne sind gefallen durch mich

Und ich trat dir in deine Rippen
Schlug mit dem Ellbogen auf dich ein
Hab’s gerne gemacht mein Freundchen
Denn Rache muss sein, die muss sein

Ja!

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid du Arschloch
Aber Rache muss sein, die muss sein
Rache muss sein!
     [Frei.Wild: Eines Tages. Asphalt Records 2002.
     Zitiert nach dem Offiziellen Songtextarchiv von Frei.Wild.]

Habemus avuculos! Die Ausladung vom Musikpreis ECHO war die Krönungsmesse von Frei.Wild als Nachfolger der Böhsen Onkelz. Seit der Auflösung dieser Band und dem Nachtatverhalten von deren Sänger Kevin Russel, der nach einem unter Drogeneinfluss von ihm verursachten Autounfall Fahrerflucht beging, zunächst seine Beteiligung leugnete und später versuchte, unter Hinweis auf seinen Gesundheitszustand seine Haftstrafe nicht antreten zu müssen, fehlten den „Nichten und Neffen“ der Band geistige Führer. Da Rebellion einen integralen Bestandteil des Mythos Rock’n’Roll bildet, ist es verständlich, dass auch junge Menschen, deren Wertesystem weitgehend deckungsgleich mit dem ihrer Eltern und Großeltern ist, sich unverstanden fühlen möchten. Ein gegenwärtig naheliegender Weg, auf dem dieses Gefühl hergestellt werden kann, ist ein Bekenntnis zu Frei.Wild.

Dem arbeitet die Band durchaus zu. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Selbstpositionierung zwischen Nazis und linken Nazigegnern bildete eine Demonstration von Frei.Wild mit Fans gegen eine NPD-Mahnwache für die Band. Dabei waren auf Transparenten Slogans wie „Diktatur und Anarchie zwingen Menschen in die Knie“ zu lesen. Eine solche Abgrenzung gegen jede Form des Extremismus, die ansonsten vor allem bei konservativen Bürgermeistern von Orten, in denen rechtsradikal motivierte Gewaltverbrechen verübt werden, beliebt ist, hatten auch bereits die Böhsen Onkelz kultiviert (etwa in Ohne mich, in dem die Antifa als „Nicht besser als Faschisten“ bezeichnet wird). Auch Frei.Wilds Ablehnung eines Streitgesprächs mit ihrem wohl prominentesten Kritiker Thomas Kuban unter dem Hinweis darauf, dass dieser (aus Furcht vor Vergeltung, weil er jahrelang in der rechten Szene recherchiert hatte) sein Gesicht nicht öffentlich zeige, passt zur Strategie, auf die erhobenen Vorwürfe nicht im Detail einzugehen. Die Band belässt es vielmehr bei Erklärungen, die denjenigen, die ihr wohlgesonnen sind, ausreichend erscheinen, mit denen ihre Kritiker aber kaum zufrieden sein dürften. So wird die Kontroverse um die politischen Aussagen von Frei.Wild aufrechterhalten, die massive Solidarisierungseffekte bei den eigenen Anhängern generiert, die wiederum u. a. zu Shitstorms auf den (vermeintlichen) Seiten von Kritikern führen. (Angesichts dieser Phänomene möchte ich den Diskutanten in der Kommentarspalte unter meinem letzten Frei.Wild-Artikel  für die respektvolle und konstruktive Debatte danken.)

Neben dem Hinweis auf die besondere Lage in Südtirol, auf die sich die Texte der Band beziehen (vgl. hierzu den Beitrag zu Wahre Werte), ist ein zentraler Topos der Frei.Wild-Rechtfertigung die Behauptung, es werde im Umgang mit der Band mit zweierlei Maß gemessen (was sich unlängst auch der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein, der freimütig seine geringe Kenntnis der Materie einräumt, zu eigen gemacht hat). Ein Beispiel dafür liefert ein (mutmaßlicher) Fan der Band als Kommentar zu einer Frei.Wild-kritischen Materialsammlung, in der sich auch der nicht direkt politische Text Rache muss sein findet:

Ach wenn die Songtexte von Frei.Wild ja „ach so Böse“ sind was ist dann zum bsp. mit dem Text von der Gruppe „Die Ärzte“:
„Jetzt stehst du vor mir
Und wir sind ganz allein
Keiner kann dir helfen
Keiner steht dir bei
Ich schlag‘ nur noch auf dich ein
Immer mitten in die Fresse rein
Immer mitten in die Fresse rein“

Natürlich werdet ihr das ja wieder durch irgendeine Interpretation umdrehen usw. weil ihr ja eh nix anderes könnt … sowas finde ich sowas von Armseelig … [Kommentar auf antifameran.blogspot.de, Rechtschreibung im Original]

Zunächst einmal wird hier natürlich genau die Technik angewandt, die Fans den Kritikern der Band vorwerfen: Es wird eine Textstelle ohne den Textzusammenhang zitiert. Doch selbst wenn man diesen mit einbezieht (s. o.), so erscheinen die Texte zunächst tatsächlich vergleichbar.

Die Texte

Der Plot beider Liedtexte besteht darin, dass ein Gewaltopfer sich seinerseits gewaltsam an demjenigen rächt, der es in der Vergangenheit misshandelt hat, und dass es diese Rache genießt. Damit enden jedoch die Gemeinsamkeiten. Denn während man bei Rache muss sein über die erste Tat nur erfährt, dass die Angreifer, deren einer das aktuelle Opfer des Sprecher-Ichs ist, zu dritt waren, ist das zum Täter werdende Opfer im Ärzte-Song  über einen längeren Zeitraum hinweg misshandelt und gedemütigt worden. Zudem unterscheiden sich die Milieus, in denen die Handlung angesiedelt ist: Während es sich bei Frei.Wild um eine wohl zufällige Straßen- oder Kneipenschlägerei (bei bekannten Tätern wäre die Aussage, einen der drei erkannt zu haben, sinnlos) zu handeln scheint, liegt beim Schunder-Song ein Konflikt unter Schülern nahe, worauf neben dem gesamten Szenario des körperlichen Mobbings auch der Hinweis auf die Fehlzeiten des einstigen Täters im Unterricht hindeuten.

Einen weiteren markanten Unterschied stellt die Gewaltintensität dar. Zwar ist es sicher auch kein schönes Erlebnis immer wieder „mitten in die Fresse rein“ geschlagen zu werden, jedoch geht das Sprecher-Ich bei Die Ärzte davon aus, dass sein Opfer schon am nächsten Tag wieder in der Lage sein dürfte, mit Unterstützung seiner Freunde den Spieß umzudrehen („auch wenn ich morgen besser umzieh, / irgendwo in eine andere Stadt“). Bei Frei.Wild hingegen werden dem Opfer nicht nur Zähne ausgeschlagen und das Gesicht entstellt, sondern handelt das Sprecher-Ich sogar mit Tötungsvorsatz („Doch in fünf Minuten / Sind’s ja eh nur noch zwei.“). Damit einhergehend hat der Protagonist des Ärzte-Songs seine Situation wohl mittelfristig verschlechtert. Der Rächer bei Frei.Wild jedoch bejaht seine Tat ausdrücklich auch noch nach ihrer Durchführung, wie der im Präteritum gehaltene vorletzte Refrain zeigt.

In beiden Texten wird die individuelle Tat zudem mit einem überindividuellen Prinzip erklärt. Im Schunder-Song handelt es sich um den psychologischen Kausalzusammenhang „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Das Sprecher-Ich selbst folgt diesem Prinzip keineswegs aus Überzeugung oder freiem Entschluss, sondern erkennt es nur als Grundlage seines eigenen Handelns. Der auch titelgebende Grundsatz in Rache muss sein hingegen ist ein moralischer, dem das Sprecher-Ich ganz bewusst zur Geltung verhilft. Entsprechend lässt sich „Es tut mir leid mein Freundchen“ auch kaum ernst nehmen und wird  im vorletzten Refrain auch durch „Hab’s gerne gemacht mein Freundchen“ konterkariert. Der Schwerpunkt der Schilderung liegt im Schunder-Song auf der Vorgeschichte, in Rache muss sein auf der detailliert beschriebenen Gewalt des Sprecher-Ichs.

Stilistisch setzt der Ärzte-Song gleich mit einem Gag ein: Die euphemistische Bezeichnung der Misshandlungen als „nicht sehr nett“ erfolgt unter dem Hinweis darauf, dass der Misshandelte „nie darum gebeten habe“ – was wohl außerhalb von SM-Rollenspielen (vgl. dazu Sweet, Sweet Gwendoline) ohnehin eher selten der Anlass für Gewaltakte ist.  Der Frei.Wild-Text erzeugt mit seiner ungelenk wirkenden Mischung aus defekter Grammatik („Hast auf mich geschlagen“ statt „mich geschlagen“ oder „auf mich eingeschlagen“) und eigenwilligen Pseudoarchaismen („Zähne werden fallen durch mich“) den Eindruck der Authentizität, da hier offenbar jemand ungeachtet seiner überschaubaren rhetorischen Fähigkeiten versucht, im Medium der Sprache etwas auszudrücken.

Paratexte: Titel, Cover, Video, Musik, Bandname

Der bloße Inhalt eines Liedtextes lässt sich jedoch nicht direkt seinen Interpreten als  pragmatische Aussage zuschreiben, handelt es sich doch, nicht anders als bei Gedichten, um literarische Texte. Ob sie eine Referenzialisierbarkeit nahe legen, muss jeweils diskutiert werden. Dabei sollten neben dem gesungenen Text selbst auch ihn umgebende und kommentierende Elemente wie sein Titel, ggf. das Cover der Veröffentlichung, das zugehörige Video, die Band sowie nicht zuletzt die Musik in die Analyse einbezogen werden.

Der Ärzte-Song weist, zumal in der Single-Version, einen rätselhaften Titel auf, der auch durch den Hinweis, dass er sich auf das Crewmitglied Erik Schunder beziehe, kaum nachvollziehbarer wird. Damit steht von vornherein eine unernste Lesart zur Disposition. Einen ähnlichen Effekt dürfte das Single-Cover haben, das einen im Stil eines Karatekämpfers gekleideten Jungen zeigt, der wurfbereit zwei Torten auf den Händen hält. Das Musikvideo schließlich ruft mit der Inszenierung der Band als Showband samt Tänzerinnen die Tradition der Revue auf, in der statt Authentizität gerade der Rollenwechsel (den die Band als Punkband hier selbst durchspielt) kultiviert wird (man denke etwa an Travestien). Musikalisch wird das Lied als glatt produzierter Punk mit Ska-Refrain vorgetragen, wobei insbesondere die durch den Bläsersatz vermittelte Fröhlichkeit den Inhalt konterkariert, zugleich aber die euphorische Stimmung des Sprecher-Ichs abbildet. Bezieht man schließlich die Band selbst noch mit ein, so ist von Bedeutung, dass es sich bei Die Ärzte (die ihren Bandnamen angeblich gewählt haben, weil er mit Ä beginnen sollte und sie „Die Ätztussis“ verworfen haben) von Beginn an um eine postmoderne Punkband gehandelt hat, die keinen einheitlichen Stil spielt, sondern die sowohl musikalisch mit verschiedenen Stilen parodistisch experimentiert (Kinderlied, Country, Pop, Rock, Punk etc.) als auch in ihren Texten regelmäßig das Stilmittel der Rollenrede nutzt (so etwa im bis heute indizierten Geschwisterliebe). Außerdem weisen bereits die Künstlernamen der beiden Hauptsongschreiber und Sänger – Farin Urlaub und Bela B – darauf hin, dass das Vorgetragene hier keineswegs den Vortragenden als eigentliche Rede zugerechnet werden kann.

Diametral anders verhält es sich bei Frei.Wild: Im Titel des Songs wird das moralische Prinzip, dem das Sprecher-Ich innerfiktional folgt, genannt und somit tendenziell affirmiert. Denn der Titel eines Liedes gehört, weil er nicht gesungen wird, prinzipiell nicht zur Rede des Sprecher-Ichs. Das aus der Froschperspektive aufgenommene Albumcover (der Song wurde nicht als Single ausgekoppelt) zeigt die Band in Freizeitkleidung und ernster Pose. Der Proberaumcharme der eher rumpligen, unterproduzierten Musik wird durch das in der Aufnahme enthaltene Einzählen noch verstärkt; die durch den typischen Oi-Punk mit verhaltenem Tempo und rauhem Gesang erzeugte Atmosphäre ist aggressiv. Der Bandname soll die Mitglieder als frei und wild charakterisieren. Und auch sonst inszeniert sich die Band, wie im Genre Deutschrock üblich, als authentisch.

Fazit

Bei nahezu identischem Plot erweisen sich die beiden Songtexte mit Blick auf die Bewertung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung bei einer näheren Betrachtung als unterschiedlich. Ein Song namens Schunder schildert einen Gewaltausbruch, der zwar psychologisch verständlich ist, die Lage des Sprecher-Ichs aber verschlechtert. In Rache muss sein hingegen bejaht der Protagonist seine wesentlich massivere Gewalt auch noch nach der Tat, überhöht sie moralisch und ist seinen Gegner eventuell ein für alle Mal los.

Nun muss natürlich in jeder Kunstform die Schilderung aller möglichen Wertesysteme und Verhaltensmuster zulässig sein, auch und vielleicht gerade von solchen, die die Rezipienten ablehnen. Für eine Beurteilung ist es deshalb entscheidend, ob das fiktional Geschilderte als realweltliches Verhalten bejaht wird. Angesichts der unterschiedlichen Inszenierungen der Bands – Die Ärzte als ironische Meta-Rockband, Frei.Wild als authentische Jungs, die zusammen Spaß haben und darüber singen, was sie bewegt – ist eine gewaltaffirmierende Rezeption eher beim Frei.Wild-Song zu erwarten.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Reimportierter Nationalismus. Warum gerade Frei.Wild aus Tirol erfolgreich die Rückbesinnung auf nationale „Wahre Werte“ fordern können

Frei.Wild
 

Wahre Werte

Lichter und Schatten
Undefinierbar, woher sie kommen
Formen und Spalten
Die dein Ich-Gefühl zurückerstatten
Geräusche und Winde
Die dich umgeben und unheimlich wirken
Höhen und Tiefen
Laden ein zum Genießen

Da, wo wir leben, da wo wir stehen
Ist unser Erbe, liegt unser Segen
Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache
Für uns Minderheiten eine Herzenssache
Das, was ich meine, und jetzt werft ruhig Steine
Wir sind von keinem Menschen die Feinde
Wir sind verpflichtet, dies zu bewahren
Unser Tirol gibt's seit 1200 Jahren

Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen
Wenn ihr euch ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen
Du kannst dich nicht drücken, auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später darauf bauen
Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk

Dialekte und Umgangssprache
Hielten so lange, so viele Jahre
Bräuche, Geschichten, Kunst und Sagen
Sehe schon die Nachtwelt klagen und fragen
Warum habt ihr das verkommen lassen
Die Wurzeln des Landes, wie kann man die hassen?
Nur um es manchen recht zu machen,
Die nur danach trachten, sich selbst zu verachten.

Nicht von gestern, Realisten
Wir hassen Faschisten, Nationalsoziallisten
Unsere Heimat hat darunter gelitten
Unser Land war begehrt, umkämpft und umstritten
Patriotismus heißt Heimatliebe
Respekt vor dem Land und Verachtung der Kriege
Wir stehen hier, mit unseren Namen
Wir werden unsere Wurzeln immer bewahren

     [Frei.Wild: Gegengift. Rookies & Kings 2010.]

„Wer ohne primäre Not Identität verlangt, stiftet oder verehrt, ist ein Faschist. Da, wo Identitäten ohne primäre Not angehäuft werden, hat jemand etwas vor. Und zwar nichts Gutes.“ (Diedrich Diederichsen: Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock’n’Roll. 1990-1993. Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1993,  S. 268) Diese Einschätzung von Diedrich Diederichsen ist zwar nicht unbedingt Allgemeingut, aber wenn es um die politische Beurteilung von Bands ging, wurde sie, zumindest bezogen auf nationale oder ethnische Identität, bis vor einigen Jahren von vielen geteilt – die auch nach der Abwendung der Böhsen Onkelz von der neonazistischen Skinheadszene lange aufrecht erhaltene Ächtung der Band durch große Multimediaketten und Musiksender ist das vielleicht bekannteste Beispiel dafür. Bedeutsam ist bei Diederichsens Äußerung vor allem die zweimal genannte Einschränkung „ohne primäre Not“. In der Konsequenz hieß das: Politisch unterdrücken oder marginalisierten Völkern und Ethnien gestand man die unkritische Bezugnahme auf eine nationale Identität zu, denjenigen, die die Mehrheit bildeten und die Herrschaftseliten stellten, hingegen nicht. Entsprechend betrachten es die linksradikalen Freunde des Sprecher-Ichs in Freundin von Aeronauten auch nicht als Widerspruch, die Faschisten schlagen zu wollen und zugleich Musik aus dem Baskenland zu hören.

Bezeichnenderweise kam einer der ersten erfolgreichen Versuche, sich innerhalb der Popmusik affirmativ auf Deutschland zu beziehen, aus dem Rap: Fler übernahm als ethnischer Deutscher den Minderheitennationalismus von Rappern mit Migrationshintergrund. Auf seinem Album Fremd im eigenen Land, dessen Titel ein berühmtes antirassistisches Stück der multiethnischen Gruppe Advanced Chemistry deutschnational rekontextualisiert, findet sich das programmatische Lied Ich bin Deutscha. Es beginnt mit den Zeilen:

Ich bin Deutscha, du hast keine Identität
Du bist ein Niemand, okay Junge, ich zeig dir, wie es geht
Ich bin Deutscha, auch wenn es niemand versteht
Ich bin stolz auf was ich bin, denn ich hab Identität
Ich bin Deutscha, ich bin Berliner hoch zehn
und meine Ausländerjungs sagen, ich hab Identität
Ich bin Deutscha, auch wenn es niemand versteht
Ich bin Deutscha, denn ich hab Identität

[…]

     [Fler: Fremd im eigenen Land. Aggro Berlin 2008.]

Das Sprecher-Ich sichert sich hier gleich mehrfach gegen den drohenden Vorwurf des Rechtsradikalismus ab: Die Mitteilung, dass seine „Ausländerjungs“ seine „Identität“ wahrnehmen, kommuniziert zum einen, dass es ausländische Freunde hat; zum anderen wird eine des Deutschnationalismus unverdächtige Instanz bemüht, um sein Gefühl zu objektivieren: Nationale Identität erscheint hier nicht nur als Gefühl, sondern als von anderen wahrgenommene Entität. Und indem das Sprecher-Ich sich als „Berliner hoch zehn“ bezeichnet, stuft es den allgemein als harmlos angesehenen Lokalpatriotismus als für seine Identität deutlich wichtiger ein (dem steht allerdings performativ die häufigere Nennung der deutschen Identität entgegen, wobei allerdings die Schreibung „Deutscha“ wiederum dem Berliner Idiom nachempfunden ist).

Frei.Wild hingegen sind hinsichtlich der aggressiven Artikulation von Nationalgefühlen in der privilegierten Situation, keine Deutschen (und auch keine Österreicher oder Schweizer) zu sein, sondern deutschsprachige italienische Staatsbürger aus Südtirol. Der Status als Minorität wird im Text auch eigens betont, interessanterweise ist dabei von „Minderheiten“ im Plural die Rede, womit eine Parallele zur Situation anderer Minderheiten in anderen Staaten gezogen wird.

Dennoch ist auch in Wahre Werte ist das Sprecher-Ich zusätzlich um Abgrenzung vom Rechtsradikalismus bemüht, es differenziert zwischen den bejahten, ja eingeforderten Gefühlen „Heimatliebe“ bzw. „Patriotismus“ einerseits und abgelehntem „Nationalismus“ andererseits. Im übrigen Liedtext (wie etwa auch in anderen, z.B. Südtirol) wird diese postulierte Differenzierung aber nicht umgesetzt: Es wird ausdrücklich ein nicht nur kultureller, sondern auch völkischer Heimatbegriff verwendet („Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache“), und in dieser Hinsicht Andersdenkenden wird das gute alte „Geht doch rüber“-Argument entgegengeschleudert, eine kritische Haltung gegenüber dem Konzept nationaler Identität wird, ganz wie in Texten rechtsradikaler Bands, mit Hass auf die Heimat identifiziert. Hinzu kommt, dass die Bedürfnisse des Individuums hinter den Erhalt eines synchron wie diachron gedachten Volkskollektivs zurückgestellt werden: Der Einzelne ist seinen Nachfahren verpflichtet, das kulturelle Erbe seiner Vorfahren zu tradieren – militärisch zugespitzt kommt eine solche Haltung etwa in der berüchtigten, dem Soldatenlied von Heinrich Lersch entlehnten Inschrift des Kriegerdenkmals am Hamburger Dammtor „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen“ zum Ausdruck, gegen die sich das berühmte Slime-Lied Deutschland richtete, in dem die Inschrift umgekehrt wird zu „Deutschland muß sterben, damit wir leben können.“

Die explizite Ablehnung von Faschismus und Nationalsozialismus erfolgt in Wahre Werte dann auch nicht mit ideologischen Begründungen, sondern unter Verweis auf die Geschichte Südtirols, wobei „Faschisten“ in diesem Kontext (wie auch im Vorspann des Videos) die italienischen Faschisten, also die kulturell und ethnisch fremde ‚Besatzungsmacht‘ bezeichnet, und Nationalsozialisten die Deutschen, die Südtirol von 1943 bis 1945 besetzt hatten. Dass Kriege schließlich ganz allgemein abgelehnt werden und dies als Ausdruck von Patriotismus verstanden wird, ist durchaus kompatibel mit dem in der ‚Neuen Rechten‘ propagierten Konzept des „Ethnopluralismus“, also einer (friedlichen) Koexistenz ethnisch und kulturell jeweils homogener Staaten.

Eine bundesdeutsche Band, die in ihren Texten so massiv rechte Ideologeme integrierte, hätte umfangreichen Widerstand, nicht nur seitens antifaschistisch engagierter Gruppen, sondern wohl auch aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft zu gewärtigen, zumal wenn Bandmitglieder, wie im Fall von Frei.Wild der Sänger, früher in einer Neonaziband (Kaiserjäger) aktiv gewesen wären. Bei Frei.Wild hingegen lässt sich das eingangs referierte Argument, dass es marginalisierten Bevölkerungsgruppen zusteht, sich im Zuge von Emanzipationsbestrebungen positiv auf eine nationale Identität zu beziehen, entschuldigend ins Feld führen.

Dieser Exkulpationsmechanismus dürfte auch ein Grund dafür sein, dass es Frei.Wild gelungen ist, den Platz der in ihrer Vergangenheit skandalumwitterten, aber letztlich erfolgreichen Band von der Straße einzunehmen (Der Titel ihrer aktuellen DVD lautet Durch Straßen, durch Dreck – in’s Händemeer), der mit der Auflösung der Böhsen Onkelz, mit denen der Sänger von Frei.Wild auch die Naziskin-Vergangeheit teilt, frei geworden war. Der Erfolg von Frei.Wild in Deutschland lässt sich als Reimport von Nationalismus beschreiben: Die Band wurde nach eigenen Angaben massiv von den Böhsen Onkelz beeinflusst und entspricht ihnen musikalisch wie biographisch, es handelt sich also, um im Bild zu bleiben, um das gleiche Produkt; dadurch, dass es aus dem Ausland eingeführt wird, hat es aber gegenüber inländischen Konkurrenzprodukten einen wettbewerbsentscheidenden Vorteil.

Frei.Wild werden aber von ihren deutschen Fans keineswegs ausschließlich als südtiroler Band, deren Texte nur vor einem spezifischen, in Deutschland nicht gegebenen Hintergrund verstanden werden können, wahrgenommen; vielmehr kommt es zu einer identifikatorischen Rezeption der Texte, wie sie gerade unter Fans des als ehrlich und authentisch geltenden Genres „Deutschrock“ verbreitet ist (was sich in entsprechenden Foren nachlesen lässt). Werden nationalistische Identitätskonzepte auch von denjenigen übernommen, die sich nicht in einer Minderheitenposition befinden, sondern die Mehrheit stellen, greift Diederichsens Einschränkung jedoch nicht mehr und liegt entsprechend die Befürchtung nahe, dass zumindest einige Frei.Wild-Fans nichts Gutes vorhaben.

Nun begibt man sich in fragwürdige Gesellschaft, wenn man eine Band für die Rezeption ihrer Lieder verantwortlich macht – man denke etwa an die Vorwürfe gegenüber Marilyn Manson nach dem School Shooting an der Columbine High School von Littleton. Deshalb ist es in solchen Debatten unumgänglich, genau zu analysieren, inwiefern eine bestimmte Lesart der Texte und die von Rezipienten realweltlich daraus gezogenen Konsequenzen erwartbar waren oder nicht. Eine rein vom Text her argumentierende literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen legitimer Interpretation und Lektüre gegen den Strich erscheint hier jedoch wenig zielführend, da bei Frei.Wild, ebenso wie ehemals bei den Böhsen Onkelz, der Vorwurf der Camouflage im Raum steht, demzufolge die Bands sich nur aus taktischen Gründen vom Rechtsradikalismus distanzierten, dem rechtsradikalen Teil der Fans aber signalisierten, insgeheim doch die Alten geblieben zu sein. Zudem hat sich in der Debatte um diverse „Deutschrock“-Bands der Begriff „Grauzone“ etabliert, der Bands zugerechnet werden, die zwar nicht selbst explizit rechtsradikal auftreten, allerdings „rechtsoffen“ agierten, indem sie bewusst Anschlussmöglichkeiten für rechtsradikale Fans böten.

Bei Frei.Wild bestünde eine solche Anschlussmöglichkeit darin, die Affirmation des südtiroler Minoritätsnationalismus auf den deutschen Majoritätsnationalismus zu übertragen. Begünstigt wird dies nicht nur dadurch, dass Wahre Werte und andere Texte der Band allgemein gehaltene nationalistische Formulierungen beinhalten, die auch von deutschen Fans identifikatorisch mitgesungen werden können, und dass Frei.Wild selbst immer wieder auf eine deutsche nationale Identität Bezug nehmen (etwa, wenn der Sänger im Video zu Land der Vollidioten ein Plakat mit der Aufschrift „Deutsch sein = Nazi sein“, unterschrieben mit „Die Vollidioten“, verbrennt, oder wenn die Band anlässlich der vergangenen Fußballweltmeisterschaft mit Dieses Jahr holen wir uns den Pokal ein Lied veröffentlicht, das zur Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft aufruft), sondern vor allem dadurch, dass Frei.Wild nicht im südtiroler Dialekt, dessen Erhalt in Wahre Werte gefordert wird, sondern auf hochdeutsch singen. Mit dieser Entscheidung adressieren sie ihre Texte auch an ein Publikum, das keiner Minderheit angehört. Insofern muss es sich die Band gefallen lassen, dass ihr deutschnationalistische „Missverständisse“ ihrer Texte zugerechnet werden.

Martin Rehfeldt, Bamberg