Flucht auf die Enterprise, Teil I: Zu „Scotty“ von Dritte Wahl

 

Dritte Wahl

Scotty

Ich hab das irdische Geschehen
Mir nun schon länger angesehen
Und manchmal wünschte ich mir schon
Es gäbe noch 'ne andere Option
'nen andern Ort, wo man nicht alles selbst zerstört
Wo all der Reichtum nicht nur wenigen gehört
Wo man das Leben noch als wertvoll anerkennt
Wenn ich selbst wählen könnte, dies wär der Moment

Beam mich hoch, Scotty
Ich hab genug gesehen
Wir düsen besser weiter quer durchs All
Beam mich hoch, Scotty
Komm lass uns weiterziehen
Mit Warpgeschwindigkeit
Durch Raum und durch die Zeit geht das Signal

Es gibt hier Wasser, Luft und Licht
Zu kalt zum Leben ist es nicht
Doch macht der Mensch im Übermut
Hier alles nach und nach kaputt
Ich glaub auch wirklich der Trikorder ist defekt
Wann habt ihr den denn wohl zum letzten Mal gecheckt?
Der zeigt, dass er, wenn man hier den Planeten scannt,
eine intelligente Lebensform erkennt.

Beam mich hoch, Scotty [...]

Fertig zum Beamen
Na dann los, Scotty
Dann beamen Sie mal den Besuch an Board
Energie 

Die Menschen hauen hier einfach alles kurz und klein
Wenn ich mich umschau, fällt mir nichts mehr dazu ein
Ich bleib jetzt einfach stehen und rühr mich nicht vom Fleck
Ein letzter Funkspruch und dann bin ich endlich weg

Beam mich hoch Scotty [...]

     [Dritte Wahl: 10. Dritte Wahl Records 2017.]

Das Phantasieren und Ausmalen von anderen, besseren Welten lässt sich in vielen Liedtexten finden. Vom Schlager, in dem gerne weiße Strände und schöne Berge besungen werden, bis hin zu Popliedern, die sich mit einer nie erreichbaren potentiellen Partnerin beschäftigen, spielen solche Traumwelten in allen Genres eine wichtige Rolle. Abhängig vom konkreten Liedtext gibt es dabei selbstverständlich Unterschiede zwischen noch plausiblen Tagträumereien und phantastischen Gedanken, wobei diese beiden Kategorien auch, wie im hier vorgestellten Text, verschwimmen können. Besonders verständlich ist das Erschaffen solcher Wunschszenarien in einer Welt, in der zunehmend vormals feststehende Kategorien wie wahr und falsch ins Wanken geraten. Auch die großen Umbrüche und Probleme unserer Zeit verleiten zu einem Rückzug in solche Phantasien.

Gleich zwei Künstler haben sich dabei in jüngerer Zeit an den Ingenieur der USS Enterprise, Montgomery „Scotty“ Scott, gewandt um diesen zu bitten, sie „nach oben“ zu beamen. Die beiden Liedtexte, Scotty der Punkband Dritte Wahl und Scotty beam mich hoch des Rappers Marteria, sollen hier vergleichend betrachtet werden. Den Anfang macht das gesellschaftskritische Scotty.

Der Inhalt des Textes ist schnell erzählt: das Sprecher-Ich wendet sich frustriert von den Menschen ab und will nun lieber auf der Enterprise weiterziehen, schnell, weit weg von der Erde. Dabei vollzieht sich innerhalb des Textes ein Bruch zwischen den ersten beiden Strophen und den darauf folgenden Textteilen. In den ersten beiden Strophen befindet sich das Sprecher-Ich auf einer realen Erde. Somit benutzt es den Konjunktiv, wenn es darauf verweist, dass es sich „wünschte“, es „gäbe“ eine andere Option. Diese Option wird zunächst noch nicht konkretisiert.

In der zweiten Strophe wird dieser phantastische Ort dann ausgemalt. In den ersten beiden Zeilen beschreibt das Sprecher-Ich, was an diesem phantastischen Ort nicht passieren soll, nämlich Zerstörung, vermutlich von Ressourcen und Umwelt, und eine ungleichmäßige Aufteilung des Geldes. Die darauf folgende Zeile unterstreicht dann, dass es sich um einen Platz handeln soll, wo „das Leben noch als wertvoll“ anerkannt wird. Implizit wird also ausgedrückt, dass auf der Erde die Ressourcen und Umwelt zerstört wurden, der Reichtum ungleichmäßig verteilt ist und das Leben nicht (mehr) als wertvoll betrachtet wird. Nochmals wird aber deutlich, dass es sich hierbei um eine hypothetische Wunschvorstellung handelt, denn die Sprechinstanz betont, dass sie zu dieser neuen Welt ginge, wenn Sie könnte. Hier kann sie dies aber noch nicht.

Schlagartig ändert sich die Situation mit dem Refrain, in dem es nicht mehr um hypothetische Szenarien im Konjunktiv geht, sondern der kultige Imperativ „Beam mich hoch, Scotty“ verwendet wird (übrigens genau so bei Star Trek nie gesagt, vgl. Wikipedia). Von diesem Zeitpunkt an verwendet das Sprecher-Ich keinen Konjunktiv mehr und gibt sich ganz seiner Vorstellung hin, auf der Enterprise von der Erde abzuhauen. Das wird auch dadurch nochmal unterstrichen, dass sich das Sprecher-Ich bereits als Teil der Crew der Enterprise versteht und ausführt, „weiter“ durchs All fliegen zu wollen, dies also wohl zuvor schon einmal getan hat. Nun lautet die Devise nur noch: schnell weg. Mit Warpgeschwindigkeit, nicht nur durch den Weltraum, sondern gleich auch noch durch die Zeit, soll das Raumschiff „düsen“. Für die Erde und die Menschen, die nicht mit auf die Enterprise kommen, scheint es ohnehin zu spät zu sein.

Der sprachliche Wechsel vom Konjunktiv der ersten beiden Strophen zum Indikativ kann auch als ein psychologischer Bruch in der Gedankenwelt des Sprecher-Ichs verstanden werden. Während es in den ersten beiden Strophen noch wahrnimmt, dass Star Trek Fiktion ist, wird diese Aufteilung aus Gründen der Überforderung am Zustand der Welt schließlich zerstört und das Sprecher-Ich kann sich nur noch in seine eigene, bessere Welt zurückziehen. Fiktion und Wahrheit vermischen sich somit, weil das Sprecher-Ich an der Welt kaputt geht.

Diese Durchmischung wird dann in den weiteren Strophen nochmals verdeutlicht. Die Beschreibung, dass es auf der Erde „Wasser, Luft und Licht“ sowie eine angenehme Temperatur gibt, kann auch als Verweis auf die Abenteuer der Enterprise verstanden werden. Denn Kirk, Spock und Co geraten oft auf Planeten, die diese Charakteristiken eben nicht haben. In der für das Sprecher-Ich realen Welt der Enterprise hat die Erde also großes Potential, wäre da nicht die Zerstörungswut der Menschen.

In der Gedankenwelt des Sprecher-Ichs kommen nun auch weitere Elemente aus dem Star Trek Universum zur Verwendung. Als Erklärungsmuster dafür, dass der Mensch auf eine kurzsichtige Art und Weise die Erde zerstört, werden nicht etwa sozio-politische oder wirtschaftliche Gründe angeführt, sondern, dass der Trikorder defekt sein muss und die Intelligenz der Menschheit falsch angezeigt hat. Trikorder, die bei Star Trek diverse Funktionen des Analysierens und Messens erfüllen, sind ein realer Bestandteil der inzwischen in die Phantasie abgeglittenen Welt des Sprecher-Ichs.

Passend kommt dann zum Ende des Liedes hin auch ein Einspieler aus Star Trek („Fertig zum Beamen…“), der in der hier vorgeschlagenen Lesart auch als eine Art innerer Dialog verstanden werden kann, der nun im Kopf des Sprecher-Ichs vor sich geht und zeigt, dass es sich so sehr in das Star Trek-Universum eingegliedert hat, dass es die Stimmen der Protagonisten aus Star Trek hört.

Der psychologische Eskapismus des Sprecher-Ichs hat schließlich auch physische Auswirkungen. Das Sprecher-Ich macht sich in der letzten Strophe noch ein letztes Mal bewusst, dass die Menschen alles kurz und klein hauen; eine Eskalation zur ersten Strophe, in der noch alles „nach und nach“ kaputt gemacht wurde. Zuerst versagt dem Sprecher-Ich die Stimme und es verliert mit dieser Ausdrucksmöglichkeit auch eine zentrale Möglichkeit, an der Situation noch etwas zu ändern („Wenn ich mich umschau, fällt mir nichts mehr dazu ein“). Und schließlich kommt es dazu, dass sich das Sprecher-Ich gar nicht mehr bewegen kann oder will („Ich bleib jetzt einfach stehen und rühr mich nicht mehr vom Fleck“). Auf diese Weise an die kaputte Welt gefesselt, bleibt wiederum nur eine Option: die erneute und endgültige Flucht auf die imaginäre Enterprise.

Die hier vorgeschlagene Leseart des Textes von Dritte Wahl ist eine durchaus pessimistische. Sie schlägt vor, dass das Sprecher-Ich an der Welt zu Grunde geht und schließlich nicht mehr Realität und Phantasie unterscheiden kann. Letztlich entscheidet es sich dann für eine Phantasiewelt, in der ein Trikorder genauso realistisch ist wie die Zerstörung der Welt. Vielleicht ist diese Flucht in eine andere Realität tatsächlich die einzige Möglichkeit, mit der Verrücktheit der Welt umzugehen.

Ohnehin ist natürlich fraglich, ob die Menschen, die sinnlos die Erde zerstören, nicht verrückter sind als das insgesamt sympathische Sprecher-Ich auf seiner Enterprise. Wie schon Professor Dumbledore Harry Potter sagte, bedeutet die Tatsache, dass sich etwas nur im Kopf abspielt, noch lange nicht, dass es nicht real ist: „Of course it is happening inside your head […] but why on earth should that mean that it is not real?“.

Martin Christ, Erfurt

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„Der Mensch kann manche Sachen…“ – Zu Dieter Süverkrüps Übersetzung von „La Lega“, gesungen von Zupfgeigenhansel

Zupfgeigenhansel (Text: Dieter Süverkrüp)

Miteinander

1. Der Mensch kann manche Sachen   
ganz für sich selber machen
laut lachen oder singen, 
kreuzweis' im Tanze springen.
Doch bringt das nicht die reine   
Erfüllung so alleine,
es wird gleich amüsanter,   
betreibt man's miteinander.

Oli, oli, ola, 
wir sind miteinander da,
zusammen und gemeinsam, 
nicht einsam und alleinsam.
Oli, oli, ola, 
miteinander geht es ja,
wenn wir zusammen kommen, 
komm' wir der Sache nah.

2. Zu manchen Tätigkeiten,   
bedarf es eines Zweiten,
so etwa zum Begleiten,   
zum Tratschen und zum Streiten.
Auch das zusammen Singen,   
soll zweisam besser klingen.
Erst recht in Liebesdingen   
läßt sich zu zweit mehr bringen.

Oli, oli, ola, [...]

3. Sodann das Fußballspielen   
geht immer nur mit vielen,
wie auch das Volksfest feiern   
und das nicht nur in Bayern.
Auch Demonstrationen,   
wenn sie den Aufwand lohnen,
erfordern eine Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

4. Im wesentlichen Falle,   
da brauchen wir uns alle
auf diesem Erdenballe,   
damit er nicht zerknalle.
Schiebt alle Streitigkeiten   
für eine Weil' beiseiten,  
und laßt uns drüber streiten   
dereinst in Friedenszeiten.

Oli, oli, ola, [...]

5. Befällt uns das Verzagen   
so müssen wir's verjagen,
vielleicht zusammen singen,   
ein Faß zu Ende bringen.
Laßt uns zusammen juchzen   
und wenn es sein muß schluchzen.
Der Mensch braucht jede Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

     [Zupfgeigenhansel: Miteinander. Musikant 1982.]

Der Textdichter Süverkrüp

Der Text ist die recht freie Übersetzung von Dieter Süverkrüp eines italienischen Gewerkschaftslieds. Der 1934 geborene Liedermacher, Musiker, Grafiker und Maler Süverkrüp war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt. Seine musikalisch besonders kreative Phase und sein starkes politisches Engagement lagen bereits hinter ihm. War er in den sechziger Jahren erfolgreich als Jazzgitarrist mit den Düsseldorfer Feetwarmers – in den Pausen der Konzerte spielt er auch mal Bach -, so füllte der Singer Songwriter in den siebziger Jahren mühelos die großen Auditorien der Unis (Audimax) und sang bei Ostermärschen, Betriebsbesetzungen und Festivals bis Anfang der achtziger Jahre.

Nach den Erfolgen seiner Interpretationen französischer Revolutionslieder wie Ah, ca ira (Ah, das geht ran, die Aristokraten an die Laterne) oder La Caramagnole (Madame Veto) (Übersetzung Gerd Semmer), der Lieder gegen die Atombewaffnung, z. B. Strontium 90 oder Unser Marsch ist eine gute Sache, (Text und Melodie: Hannes Stütz) wurde er in allen Schichten der deutschen Bevölkerung mit seinem sozialkritischen Kinderlied Der Baggerführer Willibald bekannt. Weniger bekannt wurden seine antikapitalistischen Parodien wie Wilde Nacht, streikende Nacht oder Leise pieselt das Reh und sein Vietnam-Zyklus. Süverkrüps Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten fand Beifall über enge parteipolitische Grenzen hinaus. Er erhielt Preise für seine „widerborstigen Lieder“ (so ein Albumtitel) sowohl in der Bundesrepublik (Deutscher Kleinkunstpreis und Preis der Deutschen Schallplattenkritik) als auch in der DDR (Heinrich-Heine-Preis).

Als studierter Grafiker und Maler widmet sich Süverkrüp nach seinen „Liederjahren“ seinen anderen Talenten (vgl. das mit einigen seiner Liedtexte und Grafiken versehene von Udo Achten herausgegebene Buch Süverkrüps Liederjahre 1963 – 1985 ff, Essen 2002). Zahlreiche Zeichnungen, Radierungen, Kupferstiche und Ölbilder zeugen bis heute davon.

Offen bleibt, wann und wo Süverkrüp das italienische Lied Sebben che siamo donne mit dem Titel La Lega kennengelernt hat. Die im folgenden notierte deutsche Fassung basiert auf einer wörtlichen Übersetzung, die ich als Versuch in eine annähernd singbare Version übertragen habe.

Vergleich La LegaMiteinander 

 

La Lega 

1. Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli , per amor die nostrr figli
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli in lega ci mettiamo.

O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e moi altri lavoratori
O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori  vogliamo la libertà.

2. E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone, crumiri col padrone
E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone son tutti d'ammazzar.

O li o li o la [...]

3. Sebben‘ che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
E ben ci difendiamo.

O li o li o la [...]

4. E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia abasiate la superbia
E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia e aprite il portofoglio.

O li o li o la e la lega la crescerà
E noialtri lavoratori e noialtri lavoratori
O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e noialtri lavoratori

O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri socialisti e noi altri socialisti
O li o li o la e la lega la crescerà
E no ialtri socialisti vogliamo la libertà .


[Übersetzung]

1. Und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
dank der Liebe unsrer Kinder, dank der die Liebe unsrer Kinder,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste.
mit der Liebe unsrer Kinder, geh'n wir in die Gewerkschaft.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, wir streben nach der Freiheit.

2. Die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft,
Streikbrecher und Gutsherren, Streikbrecher und Gutsherren,
die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft
Streikbrecher und Gutsherren sind alle totzuschlagen.

Oli-oli-ola, [...]

3. Und sind wir auch nur  Frauen, wir haben keine Ängste,
wir haben Argumente und zwar richtig treffende,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
wir haben gute Argumente, wissen uns zu verteidigen.

Oli-oli-ola, [...]

4. Und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
schlagt nieder euren Hochmut, schlagt nieder euren Hochmut
und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
vergeßt bloß euren Hochmut und öffnet die Schatullen.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, wir wollen gut bezahlt werden.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten und wir, wir Sozialisten
oli-oli-ola die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten, wir streben nach der Freiheit.

Das Lied La Lega (die Liga, hier: die Gewerkschaft) entstand in den Jahren 1890 bis 1900. Wer den Text verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich ist er während der Arbeit auf den Reisfeldern in der Poebene von mehreren Frauen gedichtet worden. Die Melodie setzt sich aus Teilen verschiedener italienischer Volkslieder zusammen, die nicht näher zu bestimmen sind.

Während es im Original die schwer arbeitenden Frauen sind, die Reis anbauend oder pflückend, ihre Situation besingen, geht es in der freien Übersetzung von Süverkrüp um Menschen allgemein.

In der ersten Strophe des italienischen Liedes machen sich die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern selbst Mut – „wir haben keine Angst“ – Mut, den sie auch der Liebe ihrer Kinder verdanken. Aber sie sind sich klar darüber, dass sie, um ihre soziale Lage zu verbessern, eine Gewerkschaft brauchen, und sie wollen in die Gewerkschaft eintreten (um 1900 wurden in Italien die ersten Gewerkschaften gegründet).

Dagegen beschreibt Süverkrüp zunächst, was ein Mensch „für sich selber machen“ kann, und zählt exemplarisch auf: lachen, singen tanzen. Zugleich weist er darauf hin, dass es viel mehr Freude macht, diese „Sachen“ gemeinsam zu machen. Diese Aussage wird im Refrain bekräftigt: Nach der reinen Beschreibung gemeinsamer Tätigkeiten der Strophen eins bis drei bezieht sich der Dichter ein: „wenn wir gemeinsam kommen, komm‘ wir der Sache nah“.

Im Refrain des Originals sind die Frauen zuversichtlich, dass die Gewerkschaft wachsen und damit stärker werden wird. Das erinnert an das seit mehr als 100 Jahren gewerkschaftliche Motto Gemeinsam sind wir stark oder an den Spontispruch aus den 1970er Jahren Allein machen sie dich ein.

Zugleich streben die Frauen nach der Freiheit, nach der Befreiung von der Fronarbeit auf den Reisfeldern. Aber, so singen die Frauen bedauernd, die Befreiung kommt nicht, wenn es keine Gewerkschaft gibt. Die Frauen sind so enttäuscht, als andere Arbeiter ihren (gerade begonnenen) Streik brechen, dass sie wünschen, dass die Streikbrecher totgeschlagen werden sollten, ebenso wie die ausbeuterischen Großgrundbesitzer.

Süverkrüp setzt der zweiten Strophe seine anfangs unpolitische Beschreibung der Tätigkeiten, die man besser zu zweit ausübt, fort: ‚begleiten, tratschen, streiten, singen‘ – nicht zuletzt gilt das auch „in Liebesdingen“. In der dritten Strophe erweitert Süverkrüp die Zweisamkeit. Es leuchtet ein, dass das Fußballspielen vieler Menschen bedarf, ebenso wie Demonstrationen mit nur einer Handvoll Leute keinen Eindruck auf die Adressaten machen.

Um ihre Furcht zu vertreiben, wiederholen die italienischen Frauen mehrmals, dass sie keine Ängste haben. Schließlich haben sie gute Argumente und wissen sich zu verteidigen, d.h. ihre Forderungen gut zu begründen. Dann werden die Arbeiterinnen offensiv: sie fordern die hohen Herren auf, ihren Hochmut und ihre Überheblichkeit abzulegen und ihre Schatullen zu öffnen und angemessene Löhne zu zahlen (Strophen 4 und 5).

In der vierten Strophe der Version Süverkrüps erkennen wir den politischen Liedermacher. Zwar wird der ‚wesentliche Fall, in dem der Erdball zerknallt‘ nicht konkretisiert, aber wir können uns leicht vorstellen, was gemeint ist, nämlich ein Weltkrieg mit dem Einsatz von Atomwaffen. Und um es nicht zum overkill kommen zu lassen, fordert Süverkrüp uns, v.a. diejenigen, die sich für Frieden einsetzen, auf, alle (politischen) Differenzen so lange ruhen („für eine Weil‘ beiseiten“) zu lassen, bis das wichtige gemeinsame Ziel erreicht ist und „Friedenszeiten“ eingekehrt sind.

Und während in der italienischen Fassung die Frauen nach wir vor auf eine starke Gewerkschaft hoffen, betonen sie, dass sie als Sozialistinnen – in anderen Fassungen als Kommunistinnen – die Befreiung von der Fronarbeit und damit bessere Arbeitsbedingungen fordern.

In der fünften Strophe sieht Süverkrüp, wobei er sich als Person erneut einbezieht, durchaus die Möglichkeit, dass die Forderung nach friedlichem Zusammenleben nicht in jedem Fall Gehör finden wird. Daher macht er uns Mut, eventuell durch gemeinsames Singen (auf Demonstrationen und Kundgebungen) unsere Kleinmütigkeit „zu verjagen“, auch indem wir gemeinsam Freude erleben und Leiden durchleben. Und wir sollten uns klarmachen, dass wir das nicht alleine schaffen, sondern nur gemeinsam, wie Süverkrüp es ausdrückt „Der Mensch braucht jede Menge / an menschlichem Gedränge“.

So ist aus der anfänglichen nett daher kommenden Aufzählung spielerischer und sportlicher Betätigungen der deutschen Version doch noch ein politisches Lied geworden.

Rezeption

Wie die italienische Musikgruppe Bella Ciao auf ihrem Konzert beim Internationalen Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) 2018 erzählte, war das Gewerkschaftslied La Lega jahrzehntelang in Vergessenheit geraten. Erst 1964 auf dem Festival dei Due Mondi in Spoleto, einer Kleinstadt in Perugia (Umbrien) wurden Lieder wie La Lega und auch das Partisanenlied Bella Ciao wiederentdeckt (vgl. www.iedm.it/) „Die Uraufführung dieses Meilensteins der italienischen Musikgeschichte“, die wegen der alten Arbeiter- und Partisanenlieder „nicht ohne wüste Polemiken“ (www.cultureworks.at stattfand, war ein Auslöser zum Folk-Revival in Italien.

Das erste mir bekannte Liederbuch mit La Lega stammt aus dem Jahr 1975: Canzoni italiane di protesta 1794-1974. Weltweit bekannt wurde dieses „erste Lied des proletarischen Kampfes von Frauen“ (Nanni Svampa, La mia morosa cara, Milano, 1978) 1976 durch den Film 1900 (Novecento) von Bernado Bertolucci. Im Film wird die Lebensgeschichte zweier Männer zwischen 1900 und 1945 erzählt, der Söhne eines Landarbeiters und eines Gutsherren. Deren ambivalente Freundschaft wird geschildert vor dem Hintergrund des aufkommenden Faschismus und  der kommunistischen Gegenbewegung. Das Lied ist zu hören, als die Bauern unter der Leitung von Anna, einer Landarbeiterin, anfangen, gegen die Vertreibung der Bauern, die ihre Schulden an die wohlhabenden Gutsbesitzer nicht bezahlen können, zu demonstrieren.

1982, im selben Jahr, in dem Süverkrüp das italienische Lied frei ins Deutsche übertragen hatte, nahm es das Folkduo Zupfgeigenhansel in sein Repertoire auf. Mit großem Erfolg trugen sie es auf ihren Tourneen durch Deutschland vor, wobei der Refrain von vielen Konzertbesuchern mitgesungen wurde. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, in dem ich von Süverkrüp keinen Tonträger mit Der Mensch kann manche Sachen gefunden habe, sind zwei LPs (1982 und 1984) und eine CD (2004) mit dem Titel Miteinander vorhanden, gesungen und gespielt von Zupfgeigenhansel, gelistet. Miteinander fand nur in wenige deutsche Liederbücher Eingang , z.B. in Wir lieben das Leben der Naturfreunde (1987), in das Bundesliederbuch des Deutschen Pfadfinderbundes Mosaik (2001) und in Feuerfunken – Greifenlieder, 2015 herausgegeben von einem lokalen Wandervogelverein.

In Italien ist La Lega inzwischen fast so populär wie das Partisanenlied Bella Ciao. In Italien und in einigen anderen Ländern wird „Sebben che siamo donne“ am 8. März, dem Internationalen Frauentag, in der jeweiligen Landessprache oder in der Originalfassung  gesungen.

Hier zum gemeinsamen Singen die Noten mit der ersten Strophe der Süverkrüp-Version:

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag:

Laut Auskunft von Dieter Süverkrüp hat er um 1980 eine deutsche Übersetzung von La Lega in der Liedermacher-Szene kennengelernt. Vom Singer/Songwriter Lerryn (= Dieter Dehm, bekanntestes Lied 1000 und eine Nacht, 1984) angeregt, hat Süverkrüp dann 1982 seine Fassung des italienischen Gewerkschaftslieds getextet. Wie Süverkrüp bei einem Auftritt in Italien von einem Lehrer erfahren hat, wurde „Oli, oli, ola“ in den Bergen gerufen ähnlich wie der Almschroa, der Juchzer des Jodelns, z.B. in den Alpenländern den Hirten und Sammlern als Verständigungsruf diente.

Das etwas andere Pferdemädchen. Zum Kampf der Geschlechter in Jennifer Rostocks „Hengstin“ (2016)

Jennifer Rostock

Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und Gold
Hast du das Silber gewählt? Hast du das selber gewollt?
Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst?
Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst
Du hast gelernt, dass man besser keine Regeln bricht
Dass man sich besser nicht im Gefecht die Nägel bricht
Tiefe Stimmen erheben sich, gegen dich, knebeln dich
Doch wer nichts zu sagen wagt, der spürt auch seine Knebel nicht
Du fragst, was Sache ist? Reden wir Tacheles!
Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist
Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät
Denn ein Weg entsteht erst wenn man ihn geht
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin,
Ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin
Trau keinem System, trau nicht irgendwem
Lass dich nicht von Zucker und Peitsche zähmen
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin
Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Ich bin ’ne Hengstin
Ich bin ’ne Hengstin

Festival Mainstage – alles voller VIPs
Plattenfirma, Chefetage – alles voller VIPs
Very Important Penises – wo sind die Ladys im Business?
Wo man auch nur hin tritt – überall ’n Schlips
Es ist seit Hunderten von Jahren dieselbe Leier
Das selbe Lied zu dem die Chauvis gerne feiern
Sie besaufen sich am Testosteron bis sie reihern
Ich seh’ so viele Männer und so wenig Eier
Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist
Man muss nicht alles schwarz anmalen, um zu erkennen, was Sache ist
Wir leben in ’nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist
Doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät [...]

     [Jennifer Rostock: Genau in diesem Ton. Four Music 2016. 
     (Songwriter: Alexander Knolle / Jennifer Bender / Jennifer Weist / 
     Johannes Walter Mueller / Raphael Schalz; Songtext von Hengstin 
     © Sony/ATV Music Publishing LLC, BMG Rights Management US, LLC)]

#MeToo und #TimesUpNow, Harvey Weinstein oder Dieter Wedel: Seit Ende 2017 hat die Sexismus-Debatte, auch und gerade durch die Enthüllungen im Weinstein-Skandal, im öffentlichen Bewusstsein wieder Fahrt aufgenommen, wobei die mediale Berichterstattung zu diesem Themenkomplex in den folgenden Ausführungen schon allein ob der schieren Menge an Material dazu nicht weiter betrachtet werden soll.

Was an dieser Stelle vielmehr interessiert: Bereits ein Jahr zuvor hatte die deutschsprachige Band Jennifer Rostock das Thema Sexismus zur Agenda ihres Songs Hengstin gemacht. Die Band, 2007 gegründet, tätig in Berlin, zeichnet sich durch eine Musik-Mischung aus Alternative-Rock, Elektro, Pop und Punk aus, getragen von der markanten Stimme sowie dem exaltierten Auftreten der Frontfrau Jennifer Weist (geb. 1986), selbsternannte „Empfangsdame bei JR“. Nach einem Auftritt beim Bundesvision Song Contest 2008 auf der Bühne der nationalen Musikszene erschienen, können Jennifer Rostock mittlerweile auf elf Jahre Bandgeschichte zurückblicken; ein Live- und sechs Studio-Alben liegen hinter der fünfköpfigen Formation, zuletzt erschien 2017 die selbstironisch betitelte Platte Worst of Jennifer Rostock. Im Zuge der Veröffentlichung des Songs Die guten alten Zeiten kündigte die Band an, nach einer Dekade Band-Dasein und einer Best-Of-Tour im Frühjahr 2018 eine längere Pause einzulegen.

Keineswegs schrecken Jennifer Rostock vor kommerziellen Aspekten der Musik-Branche zurück, wie die Single Es tut wieder weh (2009) beweist, die für den Film The Twilight Saga: New Moon (2009, USA, Regie: Chris Weitz) produziert wurde, oder Jennifer Weists Auftritt in der Promi-Version der TV-Sendung Das perfekte Dinner im Jahr 2010. Zugleich beweisen Jennifer Rostock, dass sich Popmusik mit Botschaft und erfolgreiche Plattenverkäufe nicht ausschließen müssen. So lässt sich beinahe schon von einem beständigen politischen Einsatz der Band sprechen; die Zeitung Die Welt will Jennifer Rostock gar in einer Reihe mit Wolf Biermann und Franz Josef Degenhardt sehen und bezeichnet die Frontfrau als „die linke Helene Fischer“. Weist selbst äußert sich ebenfalls beständig zu politischen Themen, verortet sich als „politisch gesehen klar links“. Dies bleibt nicht immer unkritisiert, wird mitunter gar als „Protestgehabe“ verurteilt. Thematisch greifen Jennifer Rostock beispielsweise Homophobie auf, wenn sie im Song Ein Schmerz und eine Kehle (2013) vom Album Schlaflos Intoleranz ebenso anprangern wie Rassismus in Wir sind alle nicht von hier (2014). Im Vorfeld der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2016 veröffentlichte die Band einen improvisiert wirkenden Anti-AfD-Song Wähl die AfD (Interpretation hier), der naturgemäß kontrovers diskutiert wurde.

Bei Hengstin nun handelt es sich um die Single des fünften Studio-Albums von Jennifer Rostock, Genau in diesem Ton (2016), die am meisten Aufmerksamkeit von Seiten der Presse und des Publikums erfuhr und von Jennifer Rostock in einem Facebook-Post als „außergewöhnlichste[r] Track auf dem Album“ bezeichnet wurde, der entsprechend auch „ein besonderes Video“ verdient habe; er hat es im Übrigen bereits zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht.

Musikalisch geben sich Jennifer Rostock mit „Hengstin“ experimentierfreudig: Der Song ist mit Elementen aus Hip-Hop und Trap angereichert; die Strophen fungieren als Rap-Teile – ironische Aneignung der zumeist männlich dominierten Hip-Hop-Beats –, der Refrain ist mit Gesang unterlegt.

Überhaupt: Der Song wird verstanden als Plädoyer für Feminismus, schlichtweg ein „Feminismus-Mahnmal“. Mit Jennifer Weist als der Stimme für moderne Emanzipation und Selbstbestimmtheit widmet sich Hengstin der Trias aus Feminismus, Gleichberechtigung von Frauen und Sexismus. Der Song ist folglich auf die Frontfrau Weist auch und gerade in ihrer Weiblichkeit zugeschnitten, dominiert sie doch das dazugehörige Musikvideo optisch gänzlich (ohnehin ist sie Verfahren der Selbstinszenierung gegenüber sehr aufgeschlossen, wie ein Blick auf ihre Facebook– und Instagram-Profile verraten).

Mit und in Hengstin setzen sich Jennifer Rostock also für die Rechte der Frau ein, ‚wettern‘ gegen Sexismus und Alphamännchen und sparen auch nicht mit Kritik an der Männerdominanz im Musikbusiness (aktuelle Diskussionen um die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern im Filmgeschäft wirken da nicht fern). Zur Unterstützung sind im Video zwischendurch Filmaufnahmen von anderen beruflich erfolgreichen Frauen zu sehen, so unter anderem von Ex-Schwimmerin Britta Steffen, der Hip-Hop-Produzentin Melbeatz, der körperbehinderten Leichtathletin Vanessa Low, der Profi-Skateboarderin Kim Wiebelt oder dem Transgender-Model Pari Roehi; nicht unkritisch zu betrachtende Role Models also, denn sie alle sind in gewisser Weise Personen des öffentlichen Interesses. Was ist, so ließe sich latent ketzerisch, wenngleich freilich mit Blick auf die genannten Berufe stereotypisiert fragen, mit der unbekannten Hausfrau, der namenlosen Krankenschwester, der unentdeckten Grundschullehrerin?

Wie dem auch sei: Hengstin löste kontroverse Debatten aus. Das Video wird schon einmal als „großartig verstörend“ bezeichnet, während das Lied selbst an anderer Stelle wenig schmeichelhaft als „dieser eine okaye Song“ des gesamten Albums tituliert wird. Das Musikvideo jedenfalls kann bei YouTube mittlerweile auf die stattliche Zahl von ca. 6.700.000 Aufrufen (Stand März 2018) zurückblicken. Ohnehin lohnt sich zunächst einmal der Blick auf den visuellen Anteil der „Hengstin“, denn das Musikvideo wird von einem großen Maß an Körperlichkeit getragen: In eine rosafarbene Glitzer-Bomberjacke gekleidet und mit überdimensioniert wirkenden Creolen versehen, in die die Inschrift „Hengstin“ integriert ist, adressiert Frontfrau Weist den Zuschauer direkt und spielt, in ihrer Rolle als Frau, bereits so mit gängigen Weiblichkeitsklischees:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

In der Folge provoziert Weist im Video bewusst mit ihren deutlich zur Schau gestellten Intimzonen, so etwa mit Aufnahmen aus der Froschperspektive auf ihren vollständig nackten Körper:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Interessanterweise lassen sich die deutlich hervortretenden Tattoos als Weists zweite Haut interpretieren, mithin also als doch wieder verhüllende Kleidung. Auf der Bildebene finden sich eine Reihe weiterer Zitate, etwa in Form der um Weist herum gruppierten Tänzer, mittels derer Boyband-Klischees aufgerufen werden, zumal wenn die Bilder durch Aufnahmen der während des Drehs am Set zum Bild-Check genutzten Screens medial gebrochen werden:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Sicherlich: Mit Blick auf den Konnex aus Sex, Gender und Sexual Desire sowie auf die geschlechtliche Performanz nach Judith Butler ist bei der Bildebene von Hengstin von einem dezidierten Ausstellen des weiblichen Körpers im Sinne einer feministischen Botschaft zu sprechen. Doch mag eine derartig laszive Selbstinszenierung dem Verständnis des traditionellen Feminismus zuwiderlaufen, oder, wie es die Website Plattentest in ihrer Kritik zum Album Genau in diesem Ton formuliert: „Auf einem Beat, der wie von der Resterampe der Orsons klingt, richtet sich die ‚Hengstin‘ morphologisch fatalerweise nach etwas per se Männlichem aus und wirft selbst mit faulen Eiern auf die vorgelebten Emanzipationsideale.“

Um dies eingehender zu erörtern, ist die Analyse des Textes selbst vonnöten: Die Lyrics sind geprägt von einer ganzen Reihe anzitierter Phraseologismen, etwa dem von den Waffen einer Frau oder von Frauen als dem vermeintlich schwachen Geschlecht, allesamt im Dienste der Chauvinismus-Kritik eingesetzt. So spricht das Textsubjekt in Strophe eins von den Rollenerwartungen, die an eine Frau herangetragen werden und die diese in ihrer Entfaltung einschränken. Der von Frauen zu tragende Gold- und Silberschmuck wird hierbei als expressis verbis mit Gefangenen-Ketten enggeführt. Zugleich wird auch die Gefallsucht der Frau an dieser Stelle kritisch reflektiert. Strophe zwei bringt die von Frauen erwartete Rollenkonformität neuerlich zur Sprache, greift überdies die männliche Diskursdominanz an und ruft zu widerständigem Verhalten auf, denn, ganz im Foucault’schen Sinne, gesellschaftliche Realität entsteht im Diskurs. In Strophe drei, eingeleitet mit einer rhetorischen Frage, thematisiert das sich deutlich als weiblich verortende Ich die Selbstbestimmtheit der Frau, auch und gerade mit Blick auf den weiblichen Körper. Im sich anschließenden Refrain erfolgt dann die imperativisch formulierte Aufforderung zu individueller Befreiung und Selbstermächtigung, und, so ließe sich abstrahieren, gesellschaftlicher Veränderung, gar Gesellschaftstransformation. Eine Absage an Gruppenzwang wird hier ebenso formuliert, wie das Nomen des Song-Titels in Variationen dargeboten wird: „Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin / Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin“.

An dieser Stelle lohnt sich ein eingehenderer Blick auf eben dieses Substantiv „Hengstin“: Infolge seiner Deklination erweist es sich als semantischer Oxymoron, denn das Nomen Hengst steht eindeutig für das männliche Pferd, zu finden auch in Komposita wie Zuchthengst oder Deckhengst. Im Song Jennifer Rostocks, der eigentlich Kritik an einer Männergesellschaft übt, wird das Substantiv jedoch durch die Anfügung des für das weibliche Geschlecht stehenden Wortbildungspartikels „-in“ im Zuge dieser Feminisierung positiv konnotiert; die mit dem Substantiv „Hengst“ metaphorisch verbundenen Attribute wie Stärke und Dominanz und im eigentlichen Wortsinne auch die sexuelle Potenz werden auf das weibliche Geschlecht übertragen. Auch Weist selbst bindet das Substantiv „Hengstin“ an den physischen Aspekt der Körperlichkeit zurück, wenn sie sagt: „Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Jemand, der sein Leben in die Hand nimmt, macht, was er möchte und sich darin nicht von anderen beirren lässt. Eine Hengstin ist eine Frau, die ihren Körper liebt, die auch kein Problem damit hat, ihren Körper zu zeigen und einfach nichts darauf gibt, was andere Leute sagen.“ Zum Schluss des Videos ist Weist scheinbar tatsächlich zur Hengstin transformiert, und zwar in Form eines Zentaurs, hier als Mischung aus Pferd und Frau:

(Screenshot aus dem Video zu „Hengstin“, © Jennifer Rostock)

Doch noch einmal zurück zum Songtext: In Strophe vier erfolgt ein direkter Angriff auf das Musikbusiness, das vom Festivalzirkus über die Bühnen bis hin zu den Plattenfirmen und sonstigen Entscheidungspositionen von Männern dominiert wird. In Strophe fünf, die mit einem Verweis auf die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau eingeleitet wird, wird der Chauvinismus-Angriff des Songs nun direkt ausgesprochen. Strophe sechs schließlich wendet sich der gesellschaftlichen Gegenwart zu, in der aufgrund patriarchaler Gesellschafstrukturen und systematischer Ungleichheit immer noch eine Benachteiligung der Frau zu verzeichnen sei, siehe beispielsweise die viel zitierte Gender Pay Gap.

Hengstin artikuliert sich folglich nicht nur auf der Textebene als feministisch, der Song wird von Weist im metatextuellen Diskurs auch dezidiert als solcher ausgestellt: Hengstin sei ein Aufruf dafür, als Frau „selbstbewusst und eigenständig zu sein, keinem Hengst hinterher zu rennen, sondern selber Hengstin zu sein“, insbesondere in einer Zeit, in der Frauen „nach wie vor weniger Karrierechancen [haben], [sie] verdienen in gleichen Jobs weniger als Männer und haben mit krasseren Vorurteilen zu kämpfen“, so Weist in einem Facebook-Post.

Bei aller Interpretationsmöglichkeit als „Zeichen für mehr Gleichberechtigung“ sei dennoch die Frage erlaubt, ob Hengstin nicht auch unter dem Label „Sex oder zumindest Sexism Sells“ anzusiedeln ist. Dies ist als die sowohl den Lyrics als auch dem dazugehörigen Musikvideo zugrundeliegende Frage zu werten. Zugleich handelt es sich dabei um den alten Widerspruch zwischen ‚korrektem‘ Feminismus und vom männlichen Blick dominierter Nacktheit; dies wird als Grundproblem jeder feministischen Strömung wohl letztlich ungelöst bleiben.

Was Jennifer Rostock mit Hengstin in jedem Fall erreicht haben – und dies ist für deutsche Popmusik doch eher selten –, ist eine breite, kontroverse Rezeption ihres Songs respektive ihres Videos, das zu medialer Berichterstattung und Debatten vor allem aufgrund der Nacktheit Weists angeregt hat. Positive Resonanz auf Hengstin findet sich dabei neben Fokussierungen auf den eben durchaus politischen Gehalt des Songs, der wiederum – im politischen Debatten Erfahrene können darüber selbstverständlich nur müde lächeln – natürlich auch Kritik hervorrief.

Die breite Rezeption von Jennifer Rostocks Hengstin, etwa als Adaption Hengstin-Unicorn-Remake von sookee und Schrottgrenze aus dem Jahr 2018, wird auf die Spitze getrieben vom Diss-Track Stute (2016) von Bass Sultan Hengzt. Dieser ist naturgemäß das genaue Gegenteil von „Hengstin“, nämlich die obszöne Männerphantasie eines Textsubjekts, das sich sexuelle Handlungen mit Jennifer Weist wünscht, was an dieser Stelle ob seiner Primitivität nicht wiedergegeben werden soll. Jennifer Rostock jedenfalls antworteten auf Bass Sultan Hengzts Diss-Song mit einer zu diesem Anlass aktualisierten Version des Songs Neider machen Leute, in dem sich die Band selbstironisch gibt („Wenn die Alte mit den Tattoos ihre Brüste zeigt, / braucht ihre klickgeile Band wohl wieder Aufmerksamkeit.“), medienreflexiv textet („Willkommen im Internet, das ist der Ort, an dem man aufschreit, laut schreit, austeilt – selber aber taub bleibt. / Wo man dem andern noch den Weg mit der Faust zeigt. / Das Dorf, durch das man jeden Tag ’ne neue Sau treibt.“) und Bass Sultan Hengzt direkt adressiert: „Deutschrapfans ziehen den Schwanz ein, ganz klein! / Frauen, die was zu sagen haben, jagen ihnen Angst ein. / Keine Punchline, nur sexistisches Geballer. / Was’n eierloser Disstrack, Bass Sultan Wallach!“. War es dieses improvisierte Protest-Gegenprotest-Lied, das Bass Sultan Hengzt zu einer ‚Entschuldigung‘ trieb – ebenfalls in Form eines Songs, nämlich Donald Trump mit Zeilen wie „Jenni Weist ist am Heulen und ich grab sie by the Pussy / Ach Jennifer, es waren alles unkleine Sprüche / Ich träume einfach nur von einem Bums in deiner Küche“ – oder doch eher der mediale Druck, lässt sich diesbezüglich augenzwinkernd fragen, oder, um es mit den süffisanten Worten eines Musikjournalisten zu formulieren: „Damit hat Hengzt in nur einem Song einen glorreichen, moralischen Aufstieg vom lyrischen Vergewaltiger zum gewöhnlichen Sexisten vollzogen.“

Es sei daher noch einmal prononciert formuliert: Verhandelt wird in Hengstin selbst, aber im Grunde auch in allen Debatten zu Song und/oder Musikvideo die alte Frage, ob frau sich im Namen des Feminismus ausziehen darf, denn, so lautet eben jene Frage: „Kann man tatsächlich splitternackt ein Zeichen gegen Sexismus setzen?“ (wie dies beispielsweise auch Femen bei ihren politisch motivierten Oben-ohne-Aktionen tun). Nun, Hengstin polarisiert in jedem Fall, wie dies Feminismus- und Sexismus-Debatten ohnehin immer schon tun. Was für einen Feminismus Jennifer Rostock nun gesellschaftlich genau praktiziert wissen wollen, das bleibt mithin opak. Insofern reiht sich Hengstin nahtlos in die komplexe Geschichte des Feminismus ein.

Corina Erk, Bamberg

Weicher Kern, Harte Schale, Teil V. Hoffen auf eine bessere Welt. Zu Sidos „Zu wahr“

 

Sido

Zu wahr

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Dass die Welt ok ist, so wie sie geworden ist?
Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?
Wenn vor deinem Auge dein Zuhause einfach wegschwimmt?
Wenn man vor lauter Hunger lang schon nicht mehr Hunger sagt
Kein Tropfen Wasser und kein Schatten hat bei 100 Grad
Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat
Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat
Oder Flüchtlinge, die Kurs nehmen auf Garten Eden
Aber nie mehr in ihrem Leben einen Hafen sehen
Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt
Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent
Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch
Immer wenn ich diese Bilder sehe, raste ich aus
Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich
Alle kehren's unter'n Teppich, doch ich trau mich
Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht
Es ist traurig, traurig aber wahr
Du da, alles läuft aus dem Ruder
Wir wollen immer mehr, doch da ist nirgendwo ein Ufer
Das ist alles leider zu wahr
Es ist zu wahr, zu wahr um schön zu sein

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Wenn man sich heute nicht mal sicher ist, was morgen ist
Wenn alle ihre Augen schließen und lieber alleine bleiben
Während sie auf Kinder schießen, nur weil sie mit Steinen schmeißen?
So viele Menschen, dass das Wasser nicht reicht
Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice
Die meisten treffen sich zur Weihnacht auf nen Abend zu viert
Während der Obdachlose leider auf der Straße erfriert
Mir stockt der Atem, wenn ich sehen muss, dass sie Menschen verkaufen
Auf Minen treten, statt problemlos über Grenzen zu laufen
Wenn die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen
Um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen
Vorurteile, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass
Ist schon erstaunlich, was die Dummheit aus dem Menschen macht
Ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich […]

Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen
Wer kann das schon? Ich hoffe nur das der Song dich ein bisschen zum Nachdenken bringt
Ich weiß, es ist nicht immer einfach ein guter Mensch zu sein. 
Aber es kommt auf den Versuch an.
Lass es uns versuchen!

     [Sido: IV. Urban 2015.]

Ein Rapper will die Welt verbessern

An einem Lied, das konkret auf Missstände wie Kinderarbeit und Umweltverschmutzung aufmerksam macht, gibt es sicher in erster Linie inhaltlich wenig zu kritisieren. Ein solches ist Sidos Zu wahr, das in dieser Serie besprochen wird, weil es zwar nicht den Titel ‚zu wahr um schön zu sein‘ hat, diese Zeile aber im Liedtext genutzt wird und „zu wahr“ somit lediglich eine Abkürzung des für diese Serie herangezogenen ‚zu wahr um schön zu sein‘ darstellt. Der Berliner Rapper vollbringt darin einen Rundumschlag gegen die Übel dieser Welt. Er kritisiert die Wasserarmut, dass Menschen verhungern müssen oder Flüchtlinge sterben. Genauso werden Umweltverschmutzung („Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch“) und die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern („Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“) thematisiert. Daran, dass Sido diese Probleme so klar thematisiert, ist sicher nichts auszusetzen. Wie wir in Sondaschules Text gesehen haben (siehe Teil III), kann so eine Liste an Missständen auch ironisch gebrochen werden, wobei Sidos klare Stellungnahme den Vorteil hat, dass keine Ambiguitäten bleiben.

Vor dem ersten Teil dieser Auflistung an Problemen wendet sich das Sprecher-Ich direkt an die Rezipienten („Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist / Dass die Welt ok ist so wie sie geworden ist? / Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?“). In erster Linie ist der Text deshalb ein Aufruf, etwas an der Welt zu verändern (siehe zu dieser Thematik auch wieder Teil III). Das direkte Ansprechen des Publikums wird im Text immer wieder angewandt, im Refrain („Du da, alles läuft aus dem Ruder“) und besonders am Ende der Strophen: „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen? Wo ist die Hoffnung hin?“ Nun, so schwer ist Sidos message sicher nicht nachzuvollziehen. Theoretisch ist eine Abkehr von „Vorurteilen, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass“ nicht schwer zu verstehen.

Die konkreteren Ausführungen sind dabei mal mehr und mal weniger gelungen. Dass beispielsweise religiöser Fanatismus thematisiert wird („Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat / Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat“), dabei aber keine Klischees von radikalem Islamismus aufgerufen werden und sich das Sprecher-Ich stattdessen gegen Fanatismus im Allgemeinen wendet, ist für das Lied, das sich gegen Intoleranz wendet, sicher stimmig. Ähnlich stimmig ist die Kritik an Arbeitsbedingungen bei der Produktion billiger Kleidungsstücke ( „Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“), weil dieser sich auch an Hörer von Sidos Lied wendet und gleichzeitig einen ganz konkreten Weg aufzeigt, etwas für eine bessere Behandlung von andere zu tun, nämlich keine Billigkleidung zu kaufen.

Ein Beispiel für problematischere Verse ist: „So viele Menschen dass das Wasser nicht reicht / Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice“. Selbstverständlich war die Ice Bucket Challenge ein umstrittener Trend, doch die meisten Teilnehmer hatten sicher gute Absichten, und das eingeworbene Geld floss einem guten Zweck zu (siehe Wikipedia). Auch wenn die Verse sprachlich sinnvoll sind, weil sie das Verschwenden eines Eimers Wasser mit dem Verdursten von Menschen entgegenstellen, ist es schwierig nachzuvollziehen, warum eine Spendenaktion für einen guten Zweck mit erschossenen Kindern und erfrierenden Obdachlosen auf eine Ebene gestellt wird. Ähnlich problematisch ist die Rede davon, dass „die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen/ um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen“. Besonders im aktuellen politischen Klima, in dem vom amerikanischen Präsidenten bis zur AfD gegen die Presse in ihrer gesamtheit gewettert wird, sind die Zeilen problematisch. Vermutlich zielt Sidos Kritik auf das rechte Spektrum der Medienlandschaft, das Ängste, beispielsweise gegen Flüchtlinge, schürt. Doch bedient er sich dabei einer ähnlichen Rhetorik (besonders „unterwerfen“) wie die, die er kritisieren will, was die Zeilen problematisch macht.

Aber das für mich größte Problem im Text ist, dass das Sprecher-Ich sich als Aufklärer mit überlegener Einsicht geriert. Der Vers „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören aber kannst du mich verstehen?“ suggeriert, dass das Sprecher-Ich selber ‚es‘, also vermutlich die Missstände und Probleme dieser Welt, versteht. Noch deutlicher wird dies im Refrain: „Alle kehren’s unter’n Teppich, doch ich trau mich / Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht“. Davon abgesehen, dass das nicht stimmt, weil es zumindest im Internet inzwischen zu jedem gesellschaftlichen und sozialem Missstand Materialen gibt, klingen solche Zeilen doch sehr stark nach Selbstbeweihräucherung (zu dieser Thematik, siehe auch meine Interpretation zu Sidos Augen auf).

Doch Sido scheint selbst zu wissen, dass er es mit seiner positiven Selbsteinschätzung etwas übertrieben hat, und gibt  im Outro zu „Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen“. Doch auch diese selbstkritische Einschätzung kann er so stehen lassen und muss nachschieben „Wer kann das schon?“ (ganz anders als die Sprechinstanz in Teil II dieser Reihe). Aber Sido verbindet seine Selbstbewertung mit der Hoffnung, dass man noch etwas verändern kann. So konterkariert der Text auch den überheblichen Ton Sidos etwas, indem er dazu aufruft, gemeinsam etwas an der Welt, die „zu wahr um schön zu sein“ ist, zu ändern: „Lass es uns versuchen!“ Auch wenn Sido inhaltlich nicht immer ins Schwarze trifft und seine Selbstüberschätzung etwas viel wird, hat der Text durch seine Hoffnung auf eine bessere Welt besonders in der jetzigen Zeit durchaus Relevanz.

Epilog

Abschließend lassen sich einige Zusammenfassungen zu der untersuchten Reihe  von Liedern, die die Wendung „zu wahr um schön zu sein“ ganz oder teilweise im Titel tragen, machen: fünf unterschiedliche Künstler aus diversen Genres haben ihre ganz eigene Interpretation von „zu schön um wahr zu sein“ gefunden. Namentlich: melancholisch-depressiv (Hämatom), selbstkritisch reflektiert (Onkel Tom), nachdenklich (Dritte Wahl), ironisch verwirrt (Sondaschule) und selbstbewusst-hoffnungsvoll (Sido). Somit ist ein breites Spektrum an Emotionen abgedeckt, die auch von Resignation (Hämatom) und Unsicherheit (Onkel Tom) bis hin zu einem hoffnungsvollen Aufruf etwas zu ändern reichen (Sido).

Es gibt aber auch auffallende Parallelen. Mit der überraschenden Ausnahme Onkel Toms, der die Formulierung Zeilen auf das Sprecher-Ich selbst bezieht, wird ‚die Welt‘ als zu wahr um schön zu sein angesehen. Vier der fünf Lieder ist deshalb auch gemein, dass soziale oder politische Missstände thematisiert werden. Die genaue Ausführung variiert dabei freilich, in Hämatoms Lied führt die Erkenntnis beispielsweise zu einer sehr düsteren Stimmung, während sie bei Sido ins Hoffen auf eine bessere Welt mündet. Ähnlich variabel ist, ob die Texte im Allgemeinen verharren (wie bei Hämatom und Onkel Tom) oder genauere Details angeben, wer die Welt unschön macht (wie bei Dritte Wahl das Streben nach Reichtum oder bei Sondaschule die Umweltverschmutzung).

Kaum ein Lied enthält konkrete Hinweise, wie man die hässliche Welt verändern kann. Am ehesten tut dies Sido noch, wenn er z.B. den Kauf von billigen Kleidungsstücken verurteilt. In der Tat lässt sich in einer gespaltenen Welt, in der eines der wichtigsten Länder der Welt von einem Donald Trump regiert wird und in der die UNO vor einer Hungersnot, die 20 Millionen Menschen betrifft, warnt (vgl. zeit.de), der Feststellung , dass die Welt tatsächlich zu wahr um schön zu sein ist, wenig entgegenhalten. Doch, und hier wird der Text Onkel Toms wieder wichtig, sollte dies auch zur Selbstreflexion führen. Und die Unsicherheiten, die dadurch entstehen, teilen wir alle. Im Zweifel würde ich deshalb für Sidos „Lass es uns versuchen!“ gegenüber Hämatoms „Allein, allein“ plädieren.

Martin Christ, Oxford

Ein Klassiker des Antikriegslieds. Hannes Waders „Es ist an der Zeit“

Hannes Wader

Es ist an der Zeit

1. Weit in der Champagne im Mittsommergrün
Dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht
Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat,
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt
Und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.

2. Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih'n
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein
Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

3. Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß
Oder hat ein Geschoss dir die Glieder zerfetzt?
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt?
Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt?
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

4. Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör' meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh'n, dass bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch längst finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

     [Hannes Wader:Es ist an der Zeit. Aris 1980.]

Orientiert am Text des vom schottisch-australischen Singer-Songwriter Eric Bogle (geb. 1944) komponierten Liedes No Man’s Land, schrieb  Hannes Wader (geb. 1942) das Lied Es ist an der Zeit. Bogle hatte 1976 eine Tournee durch in Frankreich unternommen. Tief bewegt nach einem Besuch der Soldatenfriedhöfe in Nordfrankreich und Flandern, verfasste er das auch unter The Green Fields of France bekannt gewordene Lied:

Wann Wader das Lied kennengelernt hat, ist nicht bekannt. Beim Verfassen seines Liedesim Jahr 1980 wird er unter dem Eindruck des im Dezember 1979 vom Bundestag beschlossenen Nato-Doppelbeschlusses gestanden haben, der erlaubte, mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen und Marschflugkörper in der BRD zu stationieren, wobei der Bundestag auf die Einflussnahme vor deren Einsatz verzichtete.

Angesichts der Proteste, der sich ausbreitenden Bürgerinitiativen und der sich daraus neu formierenden Friedensbewegung mit ihren massenhaft besuchten Demonstrationen, Sitzblockaden und Menschenketten stieß Waders Antikriegslied auf ein gewaltiges Echo. Während der Demonstrationen wurde es vom Lautsprecherwagen übertragen und bei Kundgebungen häufig von Musikgruppen gespielt und gesungen. Ich erinnere mich daran, dass wir bei unseren Beratungsstunden für potentielle Kriegsdienstverweigerer in der Evangelischen Studentengemeinde Hamburg zu Beginn immer Es ist an der Zeit abspielten und manche Besucher einige Verse leise mitsangen. Wie populär Waders Antikriegslied war und noch immer ist, zeigen die von 1981 bis 2014 herausgebrachten LPs und CDs, die Interpretationen anderer Liedermacher, u.a. von Reinhard Mey und die zahlreichen Konzerte Waders, u a. mit Konstantin Wecker, auf denen das Lied gesungen wurde.

Wie Bogles Text beginnt auch die erste Strophe von Wader mit einer fast idyllisch anmutenden Beschreibung eines Soldatenfriedhofs. Schrecken und Leid sind unter den Mohnblumen und den sich wiegenden Gräsern nur noch zu ahnen. Im Gegensatz zu Bogle, der den Soldaten, den er besingt, beim Namen nennt – Willie McBride -, übernimmt Wader nur das Todesjahr und das Alter des jungen Mannes. Das anonyme Kreuz, von dem Wader spricht, macht noch deutlicher, dass dieser Soldat stellvertretend für alle Soldaten steht.

Und er spricht den toten Soldaten an und klagt an: „uch dich haben sie schon genauso belogen, / So wie sie es mit uns heute immer noch tun“. Im Ersten Weltkrieg meldete sich ein großer Teil der jungen Männer freiwillig zum Kriegsdienst, weil sie an den versprochenen schnellen Sieg glaubten, das Wort von Kaiser Wilhelm II. noch in den Ohren: „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein!“ (zur Erinnerung: Der Kaiser unterschrieb die Kriegserklärung gegen Frankreich am 3. August 1914 – Weihnachten 1914 waren fast 300.000 deutsche Soldaten tot; vgl. auch die Interpretation zu Liederjahns Ein kleiner Frieden mitten im Krieg).

Denkt man an die von Bismarck zugespitzte Emser Depesche (Juli 1870), die als Herausforderung Frankreich zur Kriegserklärung veranlasste, an den inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz und Hitlers Rede am 1. September 1939 („Seit 5.Uhr 45 wird zurückgeschossen!“), an den „Tonkin-Zwischenfall“ (1. August 1964), der den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg rechtfertigen sollte, an die Unwahrheiten im Zusammenhang mit den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks, die die Bombardierung Bagdads und (ab März 2003) die Invasion durch die USA und Großbritannien auslösten, so scheinen Lügen, Provokationen und Manipulationen zum Krieg dazuzugehören – „wie sie es mit uns heute immer noch tun“.

Jahre zuvor hatte Bogle in No Man’s Land gefragt, ob alle toten Soldaten gewusst hätten, wofür sie gestorben sind und ob sie alles geglaubt hätten, was ihnen erzählt wurde: „Do all those who lie here know why they died? / Did you really believe them when they told you ‚The Cause‘? / Did you really believe that this war would end wars?“ Bei Wader wird aus der Anklage Trauer: „Und du hast ihnen alles gegeben: / Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.“

Mitfühlend fragt Wader in der zweiten Strophe, ob der junge Soldat je ein Mädchen geliebt hat, um dann zu vermuten, dass das sicherlich nicht der Fall gewesen sei, da nur dort, wo es „Frieden gibt“, „Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih’n“ können. An die Verrohung durch den Krieg denkend (vgl. 3. Strophe, 2. Vers), fragt Wader, ob der Soldat eine Vergewaltigung – wie häufig in eroberten Gebieten vorgekommen – begangen hat. Doch er hält unserem unbekannten Soldaten zugute, dass der zwar entschlossen dazu war, dann aber sich geschämt und nicht vergewaltigt hat.

Auch andere LiedermacherInnen haben sich mit dem Krieg auseinander gesetzt, wie z.B. die kanadische Komponistin und Musikerin Buffy Sainte-Marie (geb. 1941). Wie sehr es auf das Tun oder Nichttun eines Soldaten ankommt, stellt sie in ihrem 1964 erschienenen Lied Universal Soldier dar (fälschlicherweise häufig dem schottischen Liedermacher Donovan zugeschrieben):

But without him, how would Hitler have condemned them at Dachau?
Without him Caesar would have stood alone,
He’s the one who gives his body as a weapon of the war,
And without him all this killing can’t go on.

He’s the Universal Soldier and he really is to blame,
His orders come from far away no more,
They come from here and there and you and me,
And brothers, can’t you see,
This is not the way we put the end to war.

Das Mitte der 1960er Jahren entstandene Lied ist als indirekte Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung verstanden worden und nicht nur in pazifistischen Kreisen erfolgreich gewesen.

In einem weiteren inneren Dialog fragt Wader, ob der tote Soldat den Begründungen für den Krieg geglaubt hat und ob er seinen wirklichen Feind (die Regierung, die ihn in den Krieg schickte) nicht erkannt hat. Reinhard Mey (geb. 1942) gibt dagegen in seinem 1994 verfassten Lied Frieden eine deutliche Antwort darauf und beschreibt zugleich den ‚wirklichen Feind‘:

Wenn die Kriegsherrn im Nadelstreifen,
Die wahren Schuldigen geächtet sind,
Wenn Soldaten endlich begreifen,
Daß sie potentielle Tote sind.
Wenn von Politikerversprechen
Sich nur dieses erfüllt von all’n,
Wird eine bessere Zeit anbrechen,
Denn: »Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfall’n!

In der dritten Strophe hofft Wader, dass unserem Soldaten ein „sauberer Schuß“ traf, d.h. dass er gleich tot war und nicht lange leiden musste. Wader benennt die Gräuel und das Leid, denen die Soldaten im Krieg  ausgesetzt sind, wenn eine Granate „die Glieder zerfetzt“ und dann nur noch einzelne Gliedmaßen begraben werden, die Schwerverwundeten auf „ihren Beinstümpfen weiter gerannt“ sind und im Todeskampf nach ihrer Mutter geschrien haben.

Auch Mey beschreibt in der ersten Strophe seines Liedes Frieden das Elend und die Sinnlosigkeit eines Krieges:

Dein Bild in den Spätnachrichten,
Wimmernder, sterbender Soldat.
Eine Zahl in den Kriegsberichten,
Ein Rädchen im Kriegsapparat,
Für einen Schachzug zerschossen
Und für ein Planquadrat im Sand,
Für einen Wahn hast du dein Blut vergossen
Und immer für irgendein gottverdammtes Vaterland!

Der US-amerikanische Lyriker und Liedermacher Bob Dylan (geb. 1941) stellt in seinem 1962 geschriebenen Hit Blowin‘ in the Wind zwar kritische Fragen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly/ Before they are forever banned?“  (1. Strophe), „Yes, and how many ears must one man have / Before he can hear people cry?“, „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows / That too many people have died?“ (3. und letzte Strophe). Doch seine Antwort bleibt vage: „The answer, my friend, is blowin‘ in the wind / The answer is blowin‘ in the wind.“

Dagegen wusste der 1921 geborenen Schriftsteller Wolfgang Borchert (u.a. Autor des Heimkehrerdramas Draußen vor der Tür) kurz vor seinem Tod im November 1947 in seinem Manifest in Form eines Gedichtes Dann gibt es nur eins! die Antwort:

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Missisippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

Auch der Schriftsteller, Schauspieler, Trompeter und Chansonnier Boris Vian (1920 bis 1959) wusste 1954 eine Antwort auf die Frage, wie Kriege zu verhindern seien. Angesichts des Algerienkriegs und des Kolonialkriegs in Indochina ruft er in seinem Chanson Le déserteur (Monsieur le Président) zur Desertion und Befehlsverweigerung auf:

Ich will nicht provozier’n,
wenn ich ganz offen sage:
Der Krieg kommt nicht in Frage,
ich werde desertier’n! [4. Strophe]

Verweigert den Befehl,
kämpft nicht in ihren Kriegen,
glaubt niemals ihren Lügen,
der Frieden wär’ ihr Ziel! [10. Strophe]

Fragt Reinhard Mey 1980 „Wann ist Frieden, wann ist endlich Frieden?“ und antwortet, wenn Frieden ist, „ist das Elend vorbei und das Ende der Barbarei“ gekommen, hat Wolf Biermann auf seine Frage Wann ist endlich Frieden in dieser irren Zeit? (1980) nur eine pessimistische Antwort:

Die Welt ist so zerrissen
Und ist im Grund so klein
Wir werden sterben müssen
Dann kann wohl Friede sein.

Wader dagegen fordert, „für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein“ und warnt davor, noch einmal auf Lügen hereinzufallen, da „sonst bald niemand mehr lebt, der die Milliarden von Toten begraben“ könnte (ausgelöst durch den „overkill“ der in einem Weltkrieg eingesetzten Atombomben). Und hoffnungsvoll schließt er mit den Worten: „Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“

Georg Nagel, Hamburg

Weicher Kern, harte Schale, Teil IV. Gemäßigter Punk in Dritte Wahls „Zu wahr um schön zu sein“

Dritte Wahl

Zu wahr um schön zu sein 

Ich sitz' am Fenster müde von der langen Reise,
draußen ziehen Landschaften vorbei.
Mit vollem Tempo rollt der Zug über die Gleise,
ich fühl mich eingesperrt und irgendwie auch frei.
 
Und die Dämmerung lässt diesen Tag zu Ende gehen,
die grellen Lichter fangen mit der Arbeit an
da wo das Gold und das Gift so dicht beisammen stehen,
dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann.
 
Ich denk, was könnte diese Welt doch für ein Ort sein?
Ein Paradies auf schneller Fahrt durch Zeit und Raum.
Würde hier Miteinander mehr als nur ein Wort sein
und wäre Gleichheit etwas mehr als nur ein Traum.
 
Doch während sich einige hier Prunk und Luxus geben,
ganz ohne Maß und völlig zu bis oben hin,
können die anderen sich noch so sehr bewegen,
was sie auch tun, die Luft bleibt unten immer dünn.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage,
uns von diesen alten Zwängen zu befreien.
Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein,
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?
 
Man sollte meinen, Wut und Zorn wär'n schier unendlich,
an so ein Unrecht da gewöhnen wir uns nie.
Die Apathie hier ist doch völlig unverständlich,
oder wollen im Grunde alle sein wie die?
 
Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen,
wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt,
dort wo sie schwärmen von den guten alten Zeiten
und man die schlechten Dinge gerne mal verdrängt.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage […]

     [Dritte Wahl. Geblitzdingst. Dritte Wahl Records 2015.]

Leise ins Paradies    

Der Text der Rostocker Punkrocker Dritte Wahl beginnt, wie dies in vielen literarischen Erzeugnissen der Fall ist, auf einer Reise des Protagonisten. Dieser (weil das Lied von einem Mann gesungen wird, nehmen wir an, dass auch der Protagonist männlich ist) sitzt in einem Zug, spätabends und denkt beim Anblick der vorbeirauschen Landschaft an die Probleme der Welt. Diesen entfliehend, träumt er von einer utopischen Welt, einem „Paradies“, das auf Gleichheit und Miteinander beruht. Schnell wird der Reisende aber von der Realität eingeholt und kritisiert in guter Punk-Manier die Reichen und deren luxuriösen Lebensstil. Im Refrain wird dann an eine imaginierte Gemeinschaft appelliert, etwas zu ändern, damit die Phantasie Realität wird und nicht viel zu schön wahr zu sein bleibt. In den letzten beiden Strophen wird dann dieser Wunsch nach Veränderung aufgegriffen indem Apathie und Verdrängung kritisiert werden. Passend zum schlaftrunkenen Reisenden ist der erste Teil des Liedes auch musikalisch ruhiger und langsamer gehalten, als der zweite Teil, in dem sich dder Sprecher in Rage geredet hat.

Im Fall von Dritte Wahl steht die Zeile „zu schön um wahr zu sein“ symptomatisch für eine gemäßigte Interpretation klassischer Punk-Topoi. Sie wird deshalb als Frage an die Rezipienten gestellt: „Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage / viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?“ Davor wird im Refrain, ganz leise, die Hoffnung geäußert, dass Veränderungen möglich seien: „Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage, / uns von diesen alten Zwängen zu befreien“. Doch, ganz untypisch für Punkrock, für den rotzig-selbstbewusste Texte durchaus üblich sind, wird hier durch die Verwendung eines „vielleicht“ deutlich, dass sich nicht einmal der Sprecher selbst sicher ist, ob Veränderungen möglich (oder wünschenswert) sind.

Passenderweise bemüht der Protagonist dann auch abstraktere Sprachbilder, die man vielleicht ebenfalls nicht in klassischen Punkliedern erwarten würde, beispielsweise die Personifikation der Lichter, die „mit der Arbeit“ anfangen oder die Beschreibung einer utpischen Welt als „ein Paradies auf schneller Fahrt durch Raum und Zeit“. Denkt man zum Vergleich an die Ursprünge des Punks mit Liedern wie London’s Burning oder Anarchy in the U.K. wirken solche Zeilen gänzlich atypisch.

Doch bei Dritte Wahl führt der Wunsch nach einer neuen Weltordnung noch zu ganz anderen, ebenso überraschenden Erkenntnissen: Der Alkoholkonsum der Menschen wird kritisiert. Für eine Punkrockband vermeintlich unvorstellbar! („Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen / wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt“). Die betäubende Wirkung des Alkohols und das Schwärmen von alten Zeiten wird nicht als ein positives Beisammensein mit Freunden bei einem Bier gesehen, sondern als Flucht vor der Realität (zur Kneipe als Erinnerungsort, siehe auch Denise Dumschat-Rehfeldts Interpretation zu Eins kann uns keiner nehmen von Revolverheld). Es scheint als würde der müde Reisende im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft auch den stereotypischen Lebensstil eines Punks hinterfragen und vermutlich damit auch sein eigenes Leben.

Enttäuscht von der Welt kritisiert der Sprecher die Apathie und das Unrecht, das ihm in den Sinn zu kommen scheint. Und hier bleibt er sich, folgt man der Lesart, dass es sich bei ihr um einen moderaten Punk handelt, trotz allen Einschränkungen treu. Der Grund für die Probleme der Welt liegen im Luxus und der Prunksucht der wenigen, die diese auf Kosten derer, die sich ‚unten‘ befinden, ausleben. Somit wird das Gold der Wenigen zum Gift für die Vielen und die maßlose Verschwendung von denen, die ‚oben‘ sind, zeigt die bestehende Ungleichheit. Das, so scheint es, führt zu den im Refrain angesprochenen „Zwängen“, die es zu durchbrechen gilt.

An dem Punkt, wo der Sprecher über diese Ungleichheiten nachzudenken beginnt, gibt es auch die am deutlichsten ausgeprägten sozialkritischen Einschätzungen, die sich gegen Apathie und Unrecht wenden. Verbunden wird dies mit einer, und auch dies kann wieder als typisch für den Punk gelten, Schwarz/weiß-Sicht von ‚wir gegen die‘. So fragt die vorletzte Strophe ob „im Grunde alle sein wollen, wie die“  (Hervorhebung M.C.) Mit emotionalen Worten wie Wut und Zorn kommt diese Strophe auch der ansonsten so typischen, Anti-establishment-Attitüde des Punkrock am nächsten. Schließlich folgt die bereits besprochene Strophe, die sich gegen den Alkoholkonsum in der Kneipe ausspricht. Doch wo man dann eine klare Aufforderung an die Kneipengänger erwarten würde, auf die Straße zu gehen und etwas zu verändern, folgt lediglich wieder der betont unsichere Refrain.

Es scheint, der Sprecher ist sich selber nicht sicher, wohin er gehört, fühlt er sich doch „eingesperrt und irgendwie auch frei“, kritisiert Apathie und soziale Ungerechtigkeit, greift aber auf keine Topoi zu einem Umsturz der Weltordnung zurück auf und hat zwar mit den Reichen klare Feindbilder identifiziert, ist sich aber nicht sicher, ob sich die vorgefundene Ungleichheit überhaupt ändern lässt. Wie auch bei Onkel Tom (siehe Teil II) verweist deshalb die Zeile „zu wahr um schön zu sein“ zum Teil auch auf die Unsicherheit des Sprechers. Unser Zugreisender glaubt wohl selbst, dass sein Wunsch nach einer anderen Welt nur ein Traum bleiben wird.

Martin Christ, Oxford

Arbeiterkampflied und Gewerkschaftshymne: Hermann Scherchens „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“

Hermann Scherchen

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit,
Brüder zum Licht empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen
endlos aus Nächtigem quillt,
bis eurer Sehnsucht Verlangen
Himmel und Nacht überschwillt!

Brüder, in eins nun die Hände,
Brüder, das Sterben verlacht!
Ewig, der Sklav'rei ein Ende,
heilig die letzte Schlacht!

Entstehung

Das Lied für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität war neben der Internationalen und Wann wir schreiten Seit an Seit (Interpretation hier) eines der bedeutendsten Kampflieder sozialistischer und kommunistischer Organisationen. Heute wird Brüder, zur Sonne, zur Freiheit häufig zum Abschluss von Parteitagen der Sozialdemokratischen Partei und Gewerkschaftskongressen gesungen.

Der deutsche Dirigent und Leiter eines Arbeiterchores Hermann Scherchen (1891-1966) dichtete den Text 1918, orientiert am russischen Revolutionslied Tapfer, Genossen im Gleichschritt. Die Melodie und den Text hatte Scherchen zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Lettland kennengelernt, wo er als Dirigent des Rigaer Staatsorchesters tätig war und als Zivilist 1914 in einem russischen Lager interniert wurde.

Das Lied geht auf ein altes Studentenlied zurück, auf dessen Melodie der Revolutionär, Poet und Leiter der Moskauer Arbeiter Union Leonid Petrowitsch Radin (1860-1900) im Moskauer Gefängnis Taganka den russischen Text mit sieben Strophen verfasste: Smelo, towarischtschi, w nogu. Erstmals gesungen wurde dieses Lied 1897 von politischen Gefangenen auf dem Marsch durch Moskau in die sibirische Verbannung. Seit der russischen Revolution von 1905 und besonders in der Oktoberrevolution 1917 wurde es in Russland zur Hymne.

In Deutschland war 1920 der rechtsgerichtete Kapp-Putsch auch durch einen Generalstreik der Arbeiterschaft gescheitert, als Brüder, zur Sonne, zur Freiheit zum ersten Mal im September 1920 in Berlin von einem Arbeiterchor unter der Leitung von Hermann Scherchen in der Öffentlichkeit gesungen wurde.

Abb. aus: Inge Lammel: Arbeitermusikkultur in Deutschland 1844–1945. Bilder und Dokumente. Leipzig 1984.

Interpretation

Wie Fanfarenstöße klingen die ersten beiden Zeilen, in denen Scherchen neoromantische Metaphern verwendet, wie sie auch in Liedern der Jugendbewegung auftauchen (vgl. Walter Gättkes Text „Und wenn wir marschieren, / dann leuchtet ein Licht, / das Dunkel und Wolken strahlend durchbricht“ oder „uns geht die Sonne nicht unter“ aus: Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht). Sonne und Licht werden hier als Symbole für eine bessere Welt, für Fortschritt und Entwicklung benutzt (vgl. „Der Erde Glück, der Sonne Pracht, / des Geistes Licht, des Wissens Macht / dem ganzen Volke sei’s gegeben“ aus dem 1891 von Max Kegel gedichteten Sozialistenmarsch). Sonne und Licht werden das dunkle Vergangene, nämlich „Hunger, Elend, tiefe Not (zweiter Vers aus Ludwig Renns Es wird die neue Welt geboren) überwinden. Eine Zuversicht, die sich auch im Hermann Claudius Lied Wann wir schreiten Seiten an Seit findet („fühlen wir, es muß gelingen: / Mit uns zieht die neue Zeit“) und die, bezogen auf den im November 1918 erkämpften Achtstunden-Tag als Etappensieg, zur Gewissheit wird.

Das Lied spricht in allen drei Strophen die Hörer und Singenden direkt an. „Brüder“ steht hier stellvertretend für alle Menschen (vgl. „Alle Menschen werden Brüder“ und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). Es ist ein Appell, aktiv zu werden, mit der Verheißung auf eine bessere Zukunft.

Doch allein der Sonne und dem Licht will man den Umschwung nicht überlassen. Man weiß, es bedarf des Klassenbewusstseins von Millionen von Mitkämpfern, das derart entwickelt sein muss (s. zweite Strophe), dass die Arbeiterklasse bereit ist, mit allen Mitteln – auch mit Gewalt – für die Befreiung der fremdbestimmten Arbeit („es gilt die Arbeit zu befreien“, Sozialistenmarsch) zu kämpfen. Und hieß es schon fast 30 Jahre früher Auf, Sozialisten schließt die Reihen und in der zweiten Strophe „Vernehmt den Weckruf! Schließt Euch an! / Aus Qual und Leid euch zu erheben“, so werden hier die „Brüder“ aufgefordert, sich im Kampf gegen die „Sklaverei“ zu vereinigen und in der als heilig genannten letzten Schlacht notfalls zum Sterben bereit zu sein. Bereits die Internationale hatte in der freien Übersetzung (1910) von Emil Luckardt (1880-1914) „zum letzten Gefecht“ aufgerufen.

Rezeptionsgeschichte

Brüder, zur Sonne wurde und wird noch heute von Arbeiterchören und auf Parteitagen und anderen Treffen von Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftlern, aber auch von NS-Anhängern bzw. Neo-Nazis gesungen. Eine weite Verbreitung erlangte es durch die Veröffentlichung 1920 in Kampflieder, hg. von der Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands (Verlag Junge Garde, 3. Auflage 40.-60. Tausend; Quelle: Arbeiterlied Archiv, Akademie der Künste, Berlin) und in der 2. Auflage von Kampfgesang – Proletarische Freiheitslieder (Verlag der K.A.P.D). Aufgrund der großen Nachfrage von Chören brachte Scherchen das Kampflied 1921 im Selbstverlag als Partitur heraus.

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit wurde derart populär, dass bald zahlreiche Übersetzungen in europäische Sprachen folgten, nämlich ins Englische, Dänische, Norwegische und u.a. auch ins Kroatische und Estnische.

Abb. links: hdg.de, Lebendiges Museum online

 

Abb. rechts: Klaus Staeck: Plakat „Zum Lichte empor“, 1977 (Klaus Staeck: Plakate. Göttingen, Steidl 1988)

 

 

 

 

Wohl um sich von der SPD und dem ihr nahestehenden Deutschen Arbeitersängerbund auch im Lied abzugrenzen, wurden von kommunistischer Seite zwei Strophen hinzugedichtet (Text nach volksliederarchiv.de ):

Brechet das Joch der Tyrannen
die euch so grausam gequält
Schwenket die blutigroten Fahnen
über die Arbeiterwelt.

Brüder ergreift die Gewehre
auf zur entscheidenden Schlacht
Dem Sozialismus* die Ehre
Ihm sei in Zukunft die Macht.**

* auch: „dem Kommunismus die Ehre“

oder laut Deutschem Volksliederarchiv als weitere Variante: ** „Sowjet-Russland die Ehre / Den Kommunisten die Macht“

In den wirren Zeiten des Beginns der Weimarer Republik (Kapp-Putsch, Aufstand im Ruhrgebiet und Generalstreik) hatten im März 1921 kommunistische und linksradikale Kräfte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg sowie im Mansfelder Land eine bewaffnete Arbeiterrevolte („Märzaktion“) initiiert. Dieser Mitteldeutsche Aufstand wurde noch im selben Monat von Regierungstruppen niedergeschlagen. Doch aus kommunistischer Sicht war die Notwendigkeit der Bewaffnung der Arbeiterklasse weiterhin gegeben. Und so entstanden in Mitteldeutschland martialische Verse, die erstmalig 1921 in der 3. Auflage von Kampflieder (40.-60. Tausend) veröffentlicht wurden: Brüder, ergreift die Gewehre (Text nach volksliederarchiv.de ).

1. Brüder, ergreift die Gewehre,
Auf zu  entscheidenden Schlacht.
Sollten denn unsere Heere
Fürchten das Trugbild der Macht.

2. Die wir dem Elend entstammen,
Brüder aus Armut und Qual,
Brennen im Kampfe zusammen,
Werden geschliffener Stahl.

3. Uns aus dem Elend zu lösen,
Ballt die bewaffnete Faust,
Die auf die zitternden Größen
Wie ein Blitz niedersaust.

4. Ihnen war Macht und war Ehre.
Wir sind vor Hunger verreckt.
Ladet die blanken Gewehre,
Das Bajonett aufgesteckt.

5. Auf, und verjagt die Tyrannen,
Dass ihre Herrschaft zerfällt
Schmückt mit den blutroten Fahnen
Unsere Arbeiterwelt.

Ebenfalls in dieser Auflage erschien von einem unbekannten Dichter als weitere Variante von Brüder, zur Sonne, zur Freiheit das „Kampflied des jüdischen Proletariats“ Brüder, wir stehen geschlossen (Text nach volksliederarchiv.de ):

 

1. Brüder, wir stehen geschlossen,
auf Leben und Tod wie ein Mann:
Wir stehen im Kampf als Genossen,
die Fahne, die rote, voran!

2. Trifft dich ein Schuß mein Getreuer,
ein Schuß von dem Feinde, dem Hund,
Ich trag dich heraus aus dem Feuer
und heil dir mit Küssen die Wund’.

3. Bist du gefallen, ein Toter,
die Augen, die lieben, in Nacht,
bedeckt dich die Fahne, die rote,
ich folg dir in blutiger Schlacht.

Die Übersetzung Brüder, ergreift die Gewehre, die das Arbeiterlied Archiv der Akademie der Künste, Berlin, dem Schriftsteller Max Barthel (1893-1975) zuschreibt, lehnt sich enger an das russische Vorbild Smelo, towarischtschi, w nogu an als die freie Übersetzung von Hermann Scherchen. Barthel war derzeit KPD-Mitglied, trat 1923 in die SPD und wurde nach 1933 Mitarbeiter des Völkischen Beobachters.

Ebenso wie die Nationalsozialisten das sozialdemokratische Lied Wenn wir schreiten Seit an Seit (Interpretation hier) übernommen haben, so wurde auch Brüder, zur Sonne zur Freiheit von den Nazis gesungen, manchmal mit einer zusätzlichen vierten Strophe. Völlig im NS-Sinne wurde das Lied erst 1927 von einem nicht genannten Texter mit einem Treubekenntnis zu Hitler umgedichtet.

1. Brüder in Zechen und Gruben
Brüder ihr hinter dem Pflug,
Aus den Fabriken und Stuben,
Folgt uns’res Banners Zug.

2. Einst kommt der Tag der Rache,
Einmal, da werden wir frei;
Schaffendes Deutschland, erwache,
Brich deine Kette entzwei.

3. Börsengauner und Schieber
Knechten das Vaterland;
Wir wollen ehrlich verdienen,
leißig mit schaffender Hand.

4. Dann laßt das Banner fliegen,
Daß unsre Feinde es sehn,
Immer werden wir siegen,
Wenn wir zusammenstehn.

5. Hitler ist unser Führer,
Ihn lohnt nicht goldner Sold,
Der von den jüdischen Thronen
Vor seine Füße rollt.

6. Hitler treu ergeben,
Treu bis in den Tod.
Hitler wird uns führen
Einst aus dieser Not.

(Text aus: ingeb.org)

In einigen Fassungen von Brüder in Zechen und Gruben ist die 3. Strophe „Börsengauner […]“ weggefallen und eine neue  Strophe eingefügt worden:

Ladet die blanken Gewehre,
ladet mit Pulver und Blei!
Schießt auf die Vaterlandsverräter,
nieder mit der Judentyrannei!

Während Brüder in Zechen und Gruben vorwiegend von der SS gesungen und von Musikkorps diverser SS-Standarten intoniert wurde, sangen hauptsächlich Mitglieder der SA Brüder, formiert die Kolonnen.

1. Brüder formiert die Kolonnen
Hört der Tausende Schrei
Deutschland mein Deutschland wir kommen
Deutschland wir stürmen dich frei.

2. Hört ihr die Toten uns mahnen
Schaffendes Deutschland in Not
Stürmend entrollt unsere Fahnen
blutrot und schwarz wie der Tod.

3. Brüder wir machen ein Ende
Reißet von Ketten Euch los
Deutschland, Großdeutschland wir kommen
schaffen dich einig und groß.

4. Brüder formiert die Kolonnen
Setzet ein Ende der Not
Deutschland, mein Deutschland wir kommen
bringen dir Freiheit und Brot.

(Text aus volksliederarchiv.de )

1933-1945

Den beiden nationalsozialistischen Versionen war nur ein begrenzter Erfolg beschieden. Von 1933 bis 1941 enthielten die mir in Online-Archiven zugänglichen NS-Liederbücher überwiegend stattdessen Brüder, zur Sonne, zur Freiheit mit den drei Originalstrophen, z. B. 1933 das SA-Liederbuch und Deutsche Kampf- und Volkslieder der NSDAP von 1941, um nur zwei zu nennen. Auch die vom NS-Lehrerbund herausgegebenen Schulbücher erhielten wie weitere zahlreiche Liederbücher nur die drei ursprünglichen Strophen. Nur vereinzelt erschienen Liederbücher wie Uns geht die Sonne nicht unter (HJ 1934) oder Sturm- und Kampflieder für Front und Heimat (NSDAP 1941) mit der abgewandelten (s. o.) vierten Strophe „Brechet das Joch der Tyrannen, / die euch so grausam gequält. / Schwenkt die Hakenkreuzfahne / über dem Arbeiterstaat“ (in der kommunistischen Version „Schwenket die blutroten Fahnen / über die Arbeiterwelt“, s.o.). Deutschland voran (o.J., vor dem 1. März 1935, Wiedereingliederung des Saarlands in das Deutsche Reich) wies zusätzlich eine fünfte Strophe aus: „Brüder, bald schlägt sie, die Stunde, / Brüder, wir – ihr – all von der Saar: / Bald heilt auf ewig die Wunde, / deutsch bleibt die Saar immerdar!“

Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) erhielt Brüder, zur Sonne, zur Freiheit große Resonanz. Sowohl das Liederbuch Kampflieder – Spanisches Liederbuch (Madrid, 2. Auflage 1937) als auch die Canciones de las Brigadas (Barcelona. 5. Auflage 1938) enthielten das Lied in verschiedenen Übersetzungen (Quelle: Arbeiterlieder Archiv, Akademie der Künste, Berlin).

Nach 1945

Gleich nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs brachte die FDJ das Liederbuch der deutschen Jugend mit den drei Strophen von Brüder, zur Sonne, zur Freiheit heraus, noch im selben Jahr folgte in Westdeutschland das Naturfreunde-Liederbuch. Bis 1989 weisen das Schendel-Archiv (deutscheslied.com) und das Deutsche Musikarchiv, Leipzig (DMA), rund 100 Liederbücher und Partituren mit dem Lied aus. Von den Partituren entfallen rund ¾ auf die DDR, von den Liederbüchern ungefähr die Hälfte. Von den knapp 50 im DMA-Katalog aufgeführten Tonträgern wurden etwa ¾ in der DDR herausgegeben. Unter den Liederbüchern waren auch einige, denen eine vierte Strophe angehängt wurde („Brechet das Joch der Tyrannen“ s.o.), wie 1957 in der DDR Schreiten wir in Reih und Glied – Liederbuch der Kampftruppen oder das 1988 in der 18. Auflage erschienene Leben, Singen, Kämpfen der FDJ und in der BRD Es wollt ein Bauer früh aufstehn der Gruppe Zupfgeigenhansel (1979) oder Das sind unsere Lieder von Hein und Oss Kröher (1988). Im DMA-Katalog ist nur eine Schallplatte (LP) des Erich Weinert Ensembles mit der kommunistischen Version Brüder, ergreift die Gewehre zu finden, dagegen mehr als 30 andere Tonträger mit Brüder, zur Sonne, zur Freiheit; zum Vergleich: BRD: 1945 bis 1989 zwölf Tonträger.

Zu erwähnen ist noch, dass Brüder zur Sonne am 17. Juni 1953 in zahlreichen Orten in der DDR auf den Demonstrationen gesungen wurde, so beispielsweise in Berlin, Merseburg, Rathenow und Schmölln. Genauso wurde es mehrfach bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig gesungen (Quelle: Historisch kritisches Liederlexikon).

Abb: Freimut Wössner. In: die tageszeitung, 27. 9.1989

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis heute ist das Lied in sozialdemokratischen und Gewerkschaftskreisen beliebt geblieben. Auch nach 1990 sind einige Liederbücher mit dem Kampflied erschienen, von denen ich nur die zweibändige Sammlung des Liederforschers Kurt Klusen Deutsche Lieder und Unser dickes Liederbuch der St. Georg Pfadfinderschaft hervorheben will. Auf den wenigen CDs, die der Katalog des DMA nach 1989 ausweist, wird das Lied vorwiegend von Chören gesungen. Die Interpretationen von Hannes Wader und Hein und Oss Kröher stammen aus früheren Jahren. Erst vor einigen Jahren, nämlich 2013, erschien im B.T.M. Verlag, Berlin, die CD Soldaten singen: Kampflieder der NVA und der Deutschen Volkspolizei; Originalaufnahmen von 1957-1988 und im selben Jahr wurde das Lied in das Liederbuch des Freien Begegnungsschachts (Vereinigung reisender und ehemaliger Wandergesellen) aufgenommen.

Nachzutragen ist noch der Versuch, des Songschreibers und Musikers Peter Kühn, die „Schwestern“ einzubeziehen. Nicht bekannt ist, ob sich Kühn dabei am Brief des Paulus an Galater, 5, Vers 13: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen“ orientiert hat.

Brüder und Schwestern, die Freiheit
die Freiheit des Marktes ist groß
sind wir ins Ausland gegangen
sind wir die Finanzämter los

Seht nur die vielen Millionen
um die wir die Völker geprellt
wir pfeifen auf Staaten und Steuern
wir sind die Herren der Welt.

(Text aus liedermacher-peter-kuehn.eu/).

Passend dazu zu eine Karikatur von Tom Körner:

Abb: Tom. In: die tageszeitung, 5. Mai 1993.

Erwähnenswert finde ich noch eine Parodie aus dem Jahr 1979 des Musikkabaretts Die 3 Tornados Brüder im Wartburg zur Freiheit (Text: Arnulf Rating, Günther Thews, Hans-Jochen Krank):

Wartburg (M)arschlied

Brüder, im Wartburg zur Freiheit,
Schwestern, im Sputnik empor.
Hell aus dem Intershopladen
Leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen
aus den Betrieben quillt:
geschunden, kaputt und geschlagen,
aber das Plansoll erfüllt.

Arbeiter, Bauern und Meister,
Enkel von Marx und Lenin,
ihr seid historisch schon weiter
dankt der Parteidisziplin.

Brüder, im Wartburg zur Freiheit,
Schwestern, im Sputnik empor.
Deutschland, dein Sozialismus
bringt wahre Wunder hervor,
bringt Pepsi-Cola hervor.

Georg Nagel, Hamburg