Warum der Regenbogen ins Stadion gehört. Zu „Der Tag wird kommen“ von Marcus Wiebusch

Marcus Wiebusch

Der Tag wird kommen

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben
Durch die Decke schweben, mit 'nem Toast den hochleben lassen
Auf den ersten, der's packt, den Mutigsten von allen
Der erste, der's schafft
Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern
Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still
Ein Tag, als hätte man gewonnen
Dieser Tag wird kommen

Dieser Tag wird kommen, jeder Fortschritt wurde immer erkämpft
Ganz egal, wie lang' es dauert, was der Bauer nicht kennt
nicht weiß, wird immer erstmal abgelehnt
Und auf den Barrikaden die Gedanken und Ideen,
dass das Nötige möglich ist, wie Freiheit und Gleichheit,
Dass nichts wirklich unmöglich und in Stein gemeißelt ist
Bis einer vortritt „Schluss jetzt mit Feigheit“
Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit
Wir den aufrechten Gang haben, nicht mehr in Höhlen wohnen
Nicht mehr die Keulen schwingen, Leute umbringen
Nicht umherstreifen in kleinen Herden
Weil Menschen nicht ewig homophobe Vollidioten bleiben werden

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

A-Jugend Leistungsklasse Wilhelmsburg-Süd
Ein verschworener Haufen und einer machte den Unterschied
Mit so viel mehr Talent und mit mehr Willen als alle
"Oh, das wird mal ein Profi", stolz wussten wir das alle
U17, U19, Hamburger Auswahl
Bei fast jedem Heimspiel mehrere Scouts da
Nur 'ne Frage der Zeit, bis das Angebot kam
1. Liga, drei Jahre und ein Traum wurde wahr
Und am Abend des Deals, als wir es krachen lassen wollten
Er sich uns anvertraute und sich nichts ändern sollte
Denn die einen ahnten es, den anderen war es längst klar
Manche wussten es schon, es war uns allen egal
Es war uns vollkommen egal ob er straight oder schwul war
Wir spielten zusammen seit der F-Jugend Fußball
Eine Gang, ein Team, ein "You'll never walk alone"
So wurde es beigebracht, so wird es jetzt gemacht, mein Sohn
Dann besoffene Tränen und die große Erleichterung
Oh, dieser Tag kommt aus genau dem gleichen Grund
Weil wir Menschen nicht danach bewerten, wen sie lieben
Ihr Sex ihre Sache ist und sie es nicht verdienen
Von den Dümmsten der Dummen beurteilt zu werden
Von den Dümmsten der Dummen beurteilt zu werden
Um von ihnen dann verurteilt zu werden

Und er nahm seinen Traum, zog in die fremde Stadt
Und wir behielten sein Geheimnis, blieben zurück und in Kontakt

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

Nicht den Anschein erwecken in der großen Maskerade
Agenturen stellen die Freundin und besorgen die Fassade
Die gestellten Urlaubsfotos und den öffentlichen Auftritt
Warten, bis die ganze Scheiße auffliegt
Nicht den Anschein erwecken, auf dem Feld härter spielen
Zehn gelbe, zwei rote Karten und die auch verdienen

"Du kennst mich, ich war nie ein unfairer Spieler
Und jetzt gelt' ich als Treter der Liga
Du weißt nicht, wie das ist, wenn man immer eine Maske trägt
Immer aufpassen muss, wer man ist, wie man lebt
Permanent, eigentlich die ganze Zeit Angst
Und du spielst in dem Mist dann so gut wie du kannst
Und der sehnliche Wunsch und die Frage, wie es wäre
Hier ein anderer zu sein, jetzt mit dieser Karriere
Wenn ich es ändern könnte, dieses traurige Leben
Für mein Fühlen nie entschieden und so ist es eben“

"Wir waren zusammen in Stadien, vor ca. 20 Jahren
Als sie farbige Spieler mit Bananen beworfen haben
Dann die Affenlaute, bei jeder Ballberührung
Diese Zeiten vorbei und keine glückliche Fügung
Sondern Fortschritt, Veränderung, wir sind auf dem Weg
Außenminister, Popstars, Rugby-Spieler zeigen, dass es geht
Früher undenkbar, heute normal, ich wette 90% ist es egal
Und dann erinner' dich an die Erleichterung als es raus war
Wie dein Herz zersprang, als die Wörter rauskamen
Die finden das zwei Wochen spannend und der Spuk ist verschwunden
Und du hättest deinen Frieden gefunden"

„Kein Verein will den Rummel, kein Team den Alarm
Und der Vertrag, den ich hab', geht so schnell wie er kam
Dass kann keiner absehen, wenn der Sturm losbricht
Und der Sturm wird kommen, ob man will oder nicht
Du bist dann der Erste, der Homo, der Freak
Es gibt dann keinen, der in dir nur noch den Fußballer sieht
Aber ja, es wird besser und der Tag ist in Sicht
Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht"

„Es ist deine Entscheidung, ganz egal wer was sagt“
Beim Abschied geflüstert „With hope in your heart“
Noch Einigkeit erzielt, dass der Tag kommen wird
Und das nächste Heimspiel wohl gewonnen wird
Auf dem Nachhauseweg, dieser eine Gedanke
Und fasst schon ein Lächeln
All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater
All ihr Forums-Vollschreiber, all ihr Schreibtischtäter
All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen
All ihr Bibel-Zitierer mit euer'm Hass im Herzen
All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner
All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer
Kommt zusammen und bildet eine Front
Und dann seht zu was kommt

Und der Tag wird kommen an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

Dieser Tag wird kommen
Dieser Tag wird kommen

     [Marcus Wiebusch: Konfetti. ‎Grand Hotel Van Cleef 2014.]

Für die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen die englische werden in den professionellen Kommentaren verschiedene Ursachen diskutiert: die zu lange Amtszeit des Trainers, eine zu defensive Taktik, zu späte Einwechslungen; in den Leserkommentaren darunter erfreute sich eine weitere Erklärung großer Beliebtheit: Es war die Regenbogenarmbinde Manuel Neuers! Diese These mutet nicht nur deshalb seltsam an, weil der englische Kapitän Harry Kane ebenfalls eine solche trug; sie impliziert außerdem, dass Fußballer sich nicht mit Unwichtigem (Menschenrechte) vom Wichtigen (Fußball) ablenken lassen sollten.

Doch dass diejenigen, die im Stadion Regenbogenfarben tragen, auf dem Platz oder auf den Rängen, die Politik in den Fußball brächten, ist falsch. Denn sie war schon vorher dort, getarnt als angeblich „normale“ Fankultur. Wenn in politischen Debatten von Normalität geredet wird, wird damit die eigene Position für sakrosankt erklärt und wird alles vom „gesunden Empfinden“ Abweichende als abnormal denunziert. Indem so politische Gegenpositionen zu sittlichen Defiziten erklärt werden, wird nicht nur der politische Gegner auch menschlich abgewertet, sondern zugleich auch die eigene Haltung aus dem Bereich des Politischen und damit Verhandelbaren herausgenommen. Zu beobachten ist dieses Muster etwa auch bei vielen „unpolitischen“ Skinhead-Bands, die darauf insistieren, dass etwa die Ablehnung von Migranten oder die ausgestellte Abscheu vor Homosexuellen unpolitisch seien, gleichsam ein natürlicher Reflex; politisch und damit die Szene spaltend seien hingegen diejenigen, die dies als Rassismus und Homophobie kritisierten.

Ganz ähnlich verläuft die Argumentation bei manchen Fußballfans. Nicht diejenigen, die dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten beleidigen oder Spieler der gegnerischen Mannschaft, um sie herabzuwürdigen, als schwul bezeichnen, sind politisch, sondern diejenigen, die dagegen protestieren. Politik ist aber bereits mit jedem Affenlaut, jedem „XY ist homosexuell, homosexuell, homosexuell“-Sprechchor, mit jedem Absingen des U-Bahn-Lieds („Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir, von [Heimatstadt der Gegenmannschaft] bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir!“) im Stadion. Es geht denjenigen, die im Namen der Einheit der Fangemeinschaft gegen antirassistische und antihomophobe Faninitiativen angehen, keineswegs um den Erhalt eines politikfreien Raums, sondern um die Aufrechterhaltung ihrer eigenen politischen Lufthoheit.

Nun könnte man als Gegenstrategie dafür plädieren, entsprechendes Verhalten einfach zu ignorieren in der Hoffnung, die Provokationen würden damit ihren Reiz verlieren. Jedoch hat „Ignorier sie einfach“ schon auf dem Schulhof meistens nicht funktioniert. Und außerdem geht es denjenigen, die Rassismus und Homosexuellenfeindlichkeit als normale Teile einer rauen, „männlichen“ Fankultur begriffen wissen wollen, ja nicht primär um Provokation, sondern um die Etablierung bzw. demonstrative Aufrechterhaltung ihrer Auffassung von Normalität, weshalb der ausbleibende Widerspruch als stumme Zustimmung verstanden werden dürfte – auch z.B. von Jugendlichen, die in die Fanszenen hineinwachsen und sich an den Älteren orientieren. Doch auch über diesen immer noch recht überschaubaren Personenkreis hinaus hat die Frage, wie man mit zur Schau gestelltem Rassismus und Homosexuellenfeindlichkeit in Fußballstadien umgeht, Bedeutung, wird Fußball, zumal der von Nationalmannschaften, doch oft in Bezug zur Gesellschaft gesetzt: Man denke nur an die „deutschen Tugenden“ früher Nationalmannschaftsjahrgänge oder die Interpretation späterer, ethnisch vielfältiger Nationalmannschaften als Vorbilder gelungener Integration – worin vermutlich der Hauptgrund dafür zu sehen ist, dass gerade sich so bezeichnende „Patrioten“ in Kommentarspalten der deutschen Nationalmannschaft mit solchem Ingrimm begegnen.

Zu all diesen mittelbaren Folgen kommt hinzu, dass Homophobie in Fußballstadien ganz unmittelbar diejenigen trifft, wegen derer man in ein Fußballstadion geht: die Spieler, speziell wenn sie, was statistisch gesehen in jedem Spiel auf einen Spieler zutreffen müsste, nicht heterosexuell sind. Und davon handelt das Lied von Marcus Wiebusch, der sich schon mit …but alive, Rantanplan und Kettcar immer auch an politischen Debatten beteiligt hat.

Das Lied setzt ein mit dem Refrain, in dem antizipiert wird, dass es eines nicht mehr allzu fernen Tages Anlass zum Feiern geben wird – das erste Outing eines aktiven und erfolgreichen Profifußballers in der jüngeren Vergangenheit (Justin Fashanu unternahm diesen Schritt, nachdem seine Karriere de facto beendet und seine Homosexualität bereits gegen seinen Willen bekannt gemacht worden war). Dieses Ereignis wird vom Sprecher-Ich mit großer Bedeutung aufgeladen: „Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern / Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still / Ein Tag, als hätte man gewonnen“ – es geht hier also um nicht weniger als um den Triumph liberaler humanistischer Werte. Das Wir, das diesen Moment zumindest kurz als Sieg empfindet – im Irrealis „als hätte man gewonnen“ klingt bereits die Skespis über dessen Dauerhaftigkeit an – kann als die Fußballclique, von der in den nachfolgenden Strophen die Rede ist, verstanden werden, aber auch als Gemeinschaft derjenigen, die diese Werte teilen – so können sich auch Rezipierende des Lieds mitgemeint fühlen bzw. laut oder leise mitsingend zum Teil dieses Wir werden.

Die folgende erste Strophe steht noch ganz in der Tradition des politischen Lieds, das mit Argumenten überzeugen und mit Pathos mitreißen will: Der Kampf um die Akzeptanz von Homosexualität (auch) im Fußball wird in die Reihe großer sozialer Bewegungen (im Video konkretisiert bezogen u.a. auf Sufragetten und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung), ja sogar der Menschheitsentwicklung seit der Steinzeit, gestellt.

Die zweite Strophe wechselt ins Narrative: Erzählt wird die alte Geschichte von den elf Freunden – mit der neuen Wendung, dass das tradierte Ethos der verschworenen Gemeinschaft angewendet wird auf die Frage nach der sexuellen Präferenz („So wurde es beigebracht, so wird es jetzt gemacht, mein Sohn“): Das Outing des begabtesten Spielers, der eine Profikarriere vor sich hat, verläuft bestmöglich, nämlich unspektakulär: „Es war uns vollkommen egal ob er straight oder schwul war“. Er hat ein unterstützendes Umfeld – bessere Voraussetzungen also als viele.

Dennoch wagt er das öffentliche Outing als Profi nicht und beginnt ein professionell inszeniertes Scheinleben mit einer angeblichen Freundin; das Doppelleben hat nicht nur negative psychische Folgen für ihn, sondern wirkt sich auch auf sein Spiel aus, insofern er versucht, besonders mann-männlich aufzutreten und mehr foult, als er es bisher getan hat – was wiederum sein öffentliches Bild negativ beeinflusst.

Über diese Situation spricht er mit einem oder mehreren seiner alten Freunde. Sein Gegenüber versucht ihn unter Verweis auf die Erfolge im Kampf gegen offenen Rassismus in Fußballstadien sowie mit weiteren Argumenten zu ermuntern, sich zu outen. Damit steuert die Geschichte auf ihren Höhepunkt zu – man erwartet, dass der Protagonist der im Refrain besungene erste offen homosexuelle Fußballprofi wird, dass es eine „Gemeinsam sind wir stark“-Geschichte mit Happy End wird. Stattdessen bekräftigt er zwar, dass die allgemeine Situation bald das Outing eines Fußballprofis zulassen werde, konstatiert aber angesichts der immer noch erwartbaren Belastung durch die mediale Aufmerksamkeit, dass er selbst diesen Schritt nicht gehen wird. Sein zugleich hoffnungsvolles und resigniertes „Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht“, hervorgehoben durch das vorübergehende Aussetzen der instrumentellen Begleitung, bildet den emotionalen Höhepunkt des Lieds – aber noch nicht den Endpunkt der erzählten Geschichte.

Denn das Lied endet nicht mit dem Eingeständnis, dass die eigene Kraft nicht ausreicht, diesen Kampf für alle Nachfolgenden, die es ungleich leichter haben werden, zu führen, sondern mit der Reaktion des solidarischen Gegenübers: Dieses nimmt den homosexuellen Profi nicht in die Pflicht, sich für die gemeinsame politische Sache zu opfern, sondern praktiziert stattdessen die zutiefst humane Haltung, die überhaupt erst die Grundlage dafür ist, als Heterosexuelller für die Akzeptanz Homosexueller zu kämpfen: Er stellt das Individuum und dessen Recht auf persönliches Glück über die politische Agenda. Und wenn es seinem Freund zum Schluss mit „With hope in your heart“ einen Vers aus You’ll never walk alone zuflüstert, so nimmt das nicht nur das Pathos der verschworenen Gemeinschaft, in deren Kontext das Lied in der zweiten Strophe zitiert wurde, auf, evoziert nicht nur Szenen von singenden Fans in Anfield und anderswo, sondern ruft auch eine intertextuelle Folie auf: You’ll never walk alone, in der Coverversion von Gary & the Pacemakers zur Stadionhymne des FC Liverpool geworden, wurde für das 1945 uraufgeführte Musical Carousel (von Benjamin Glazer, Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II nach einen Stück von Ferenc Molnár) geschrieben, worin es einer armen jungen schwangeren Frau, die ihren kriminellen Mann durch Suizid verloren hat, Mut machen soll. Zwar sind verschiedene Diskriminierungen nicht in eins zu setzen, aber die Situation einer alleinerziehenden Mutter mit dieser Vorgeschichte in den 1940er Jahren dürfte ebenfalls keine erfreuliche Perspektive gewesen sein. In der Parallelisierung dieses Schicksals mit dem des homosexuellen Profis wird zugleich die eingangs allgemein geschilderte mögliche progressive Entwicklung von gesellschaftlichen Verhältnissen aufgenommen: Wie heute der Status als Alleinerziehende gemeinhin nicht mehr als Makel angesehen wird, so steht zu hoffen, dass dies bald auch für Homosexuelle (im Fußball und anderswo) gelten wird. So werden die Themen Fußballfankultur und gesellschaftlicher Fortschritt mit diesem Liedzitat noch einmal zusammengeführt.

Nicht zuletzt kann der Bezug zu You’ll never walk alone auch autoreflexiv auf die mögliche Funktion von Liedern als Ermutigung gelesen werden, als Bestätigung nicht allein zu sein. Und genau darauf zielte ja auch die Regenbogenarmbinde. Und sollte Manuel Neuers und Harry Kanes Geste auch nur einem einzigen homosexuellen Jugendlichen, der die Übertragung des Spiels gesehen hat, dieses Gefühl gegeben haben und ihn dadurch möglicherweise vom Suizid (das Suizidrisiko für homosexuelle Jugendliche liegt ca. vier mal höher als für gleichaltrige Heterosexuelle) abgehalten haben, so wäre das allemal die Niederlage gegen England wert gewesen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Auszuloten, was erlaubt und was verboten“ – Zur Meinungs- und Kunstfreiheit in Danger Dans Klavierstück „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Danger Dan

Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spannen
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig' mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei'm
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befreien
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahlen
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär‘ die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär‘ nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzählen
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß'
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet haben
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach' ich es mir dann wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

     [Danger Dan: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Antilopen Geldwäsche 2021.]

Mit seinem Klavierlied Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt reiht Danger Dan sich in die immer wieder erstarkende Diskussion über die Grenzen der Meinungs- und Kunstfreiheit ein und erinnert dabei an einen anderen berühmt gewordenen Fall: Im März 2016 trug der Moderator Jan Böhmermann in seiner Fernsehsendung NEO Magazin Royale ein satirisches Gedicht mit dem Titel Schmähgedicht vor, womit er einen Skandal entfachte, der als „Causa Böhmermann“ und „Erdogate“ nicht nur medial hohe Wellen schlug, sondern gar eine diplomatische Staatskrise mit der Türkei auslöste, deren Staatspräsident das Gedicht Böhmermanns gewidmet war.

Parallelen zu Böhmermanns Schmähgedicht lassen sich in Danger Dans Klavierlied Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt durchaus erkennen, wenngleich eine Eskalation wie in der Böhmermann-Affäre bisher ausblieb. Ähnlich dem Vorgehen des Fernsehmoderators, der während des Vortrags seines Gedichts immer wieder schelmisch betonte, das, was er vortrage, dürfe man keinesfalls öffentlich sagen, verwendet Danger Dan zu Beginn seines Liedtextes bewusst den Konjunktiv: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied“ und später dann: „Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv“. Nicht nur führt er mit seinen folgenden ebenfalls konjunktivisch formulierten Passagen die Meinungsfreiheit ad absurdum, indem er Behauptungen auf eine Weise äußert, die suggerieren soll, er würde sie gar nicht wirklich so meinen, obwohl er sie ja doch kundtut, auch greift er damit die Rhetorik derer auf, die er mit Elsässer, Kubitschek, Gauland und Jebsen exemplarisch anspricht: Die Grenzen des Sagbaren werden gerade von Führungsfiguren der Neuen Rechten oft besonders weit ausgelegt und provokante Aussagen werden von ihnen so formuliert, dass sie sich vermeintlich noch innerhalb der Ränder der Meinungsfreiheit bewegen.

In seinem, wie er es nennt, musikalischen Experiment bleibt Danger Dan auch zunächst verhaftet im Konjunktiv, wenngleich er am Ende der zweiten Strophe zu dem – natürlich rein spekulativen – Aufruf, „die Welt von den Faschisten zu befreien“, auf musikalischer Ebene entschiedenere Töne anstimmt, gefolgt von einer Anspielung auf Kurt Tucholskys Rosen auf den Weg gestreut, einem Gedicht, in dem der Journalist und Schriftsteller Tucholsky den Umgang mit Faschisten satirisch kommentiert. Danger Dan sorgt mit den bis hierhin nur vage beschriebenen Äußerungen für einen Moment der Irritation, scheut er doch mit seiner Band Antilopen Gang keinesfalls klare Statements. So besingt das Trio etwa im Song Beate Zschäpe hört U2 folgende Textzeile: „All die Pseudo-Gesellschaftskritiker / Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer / Nichts als Hetzer in deutscher Tradition / Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um“. Diese Passage bewegte Ken Jebsen zu einem Antrag auf einstweilige Verfügung, die jedoch vor dem Landgericht Köln abgewiesen wurde mit dem Verweis auf die Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre. Jebsen musste seinen Antrag nicht nur zurücknehmen, sondern auch für die Gerichts- und die Anwaltskosten der Antilopen Gang aufkommen, was Danger Dan in seinem Solostück aufgreift und mit den Worten kommentiert: „So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an“. Die Berufung auf die Kunstfreiheit ist sodann Kernelement des Refrains. „Juristisch“, behauptet der Musiker, „wär‘ die Grauzone erreicht“, doch sollte es je zu einem gerichtlichen Verfahren kommen, könne er es sich leicht machen, denn: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“.

Das Hauptstück des Songs offenbart sich schließlich in der letzten Strophe, in der Danger Dan die Intention seines Musikstücks preisgibt: Ein Experiment zu wagen, das die Grenzen der Meinungs- und Kunstfreiheit hinterfragen soll. Und so ist der Konjunktiv ab hier passé; stattdessen spricht Danger Dan nun offen an, was er von den im vorherigen Verlauf des Liedtextes angesprochenen Vertretern der rechten Szene hält: „Jürgen Elsässer ist Antisemit / Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘ / An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist / Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist“. Damit aber nicht genug, bezieht der Sänger nun auch Staat, Polizeiapparat und Verfassungsschutz in seine Kritik ein, wobei er Letzterem vorwirft, den NSU mit aufgebaut zu haben, und der Polizei unterstellt, nicht nur von Nazis durchsetzt zu sein, sondern auch den 2005 in seiner Zelle verbrannten Flüchtling Oury Jalloh ermordet zu haben. Musikalisch werden diese Aussagen durch ein eindringliches Crescendo getragen, auf der Bildebene unterstützt durch eine Kameraführung, die das Gesicht des Sängers im Close-Up zeigt, während dieser seine Worte mit ernster Miene an die ZuhörerInnen richtet, ehe er in der abschließenden Zeile die Militanz – passenderweise ist dies auch das letzte Wort der Strophe – als das letzte Mittel gegen Gewalt bezeichnet.

Es ist vor allem der Verweis auf militante Gegenwehr in Kombination mit dem Filmbild des Musikvideos, in dem Danger Dan eine Kalaschnikow in die Höhe hält, der Kritik aufkommen ließ, verherrliche er damit, so der Vorwurf, schließlich Gewalt, die er zuvor noch angeprangert habe. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt der Sänger, er stehe in dieser Szene des Musikvideos auf einer Theaterbühne und das Gesehene sei daher wie ein Theaterstück zu interpretieren, wobei er klarstellt: „Dass ich natürlich nicht der Meinung bin, man sollte mit Kalaschnikows auf irgendwen schießen.“ Inhaltlich, so betont es der Künstler im Verlauf des Interviews, stehe er aber zu dem, was er besingt: „Wenn ich sage, dass das Letzte aller Mittel dann halt doch die Militanz ist, dann meine ich das auch so. Damit möchte ich jetzt nicht zu Gewalt aufrufen. Ich glaube aber auch nicht, dass man dann jetzt einen wütenden Nazi-Mob, der vor einer Geflüchtetenunterkunft steht, mit Lichterketten davon abhalten kann, da rein zugehen oder Leute zu attackieren.“

Besonders in Bezug auf die zuvor angesprochene Theaterbühne lohnt ein genauerer Blick auf das Musikvideo: Der Künstler steht zwar auf einer Bühne, doch wer sein Publikum ist, wird nicht ersichtlich. Vielmehr richtet er seine Worte an die ZuschauerInnen des Musikvideos, indem er während seines Gesangstücks immer wieder den Blick der Kamera sucht. Dabei symbolisiert die Farbgebung des Videos die Entwicklung des musikalischen Textes: Die zuvor farblich entsättigten Filmbilder weichen ab dem Augenblick einer stärkeren Kolorierung, als der Sänger in der letzten Strophe auch verbal „Farbe bekennt“ und seine zuvor im Konjunktiv formulierten Sätze an dieser Stelle als klare Aussagen besingt. Auch die Darstellung des Künstlers betont den inhaltlichen Wechsel zwischen den ersten Textzeilen und der letzten Strophe. So tritt Danger Dan, der sich zuvor noch hinter seinem Klavier „versteckt“ hat, als Künstler vor sein Instrument, sodass die Kamera ihn als Person gänzlich einfangen kann, mehr noch, er tritt auf die Bühne, in Richtung des unsichtbaren Publikums, während das Scheinwerferlicht ihn fokussiert und ihm damit alle Aufmerksamkeit zukommen lässt. Hat er zuvor noch am Klavier gesessen, steht Danger Dan zu Beginn der letzten Strophe im doppelten Wortsinn zu seiner Meinung.

Inszeniert als Theaterstück werden Danger Dans musikalische Aussagen gegen Ende des Videos mit dem Wurf diverser Lebensmittel quittiert – ein durchaus ironischer Moment, in dem der Künstler klarstellt: Wer mit seinen Worten und Handlungen provoziert, der darf sich über harsche Reaktionen nicht wundern. So lässt der Sänger es im Video stoisch über sich ergehen, mit Tomaten, Eiern und Torten beworfen zu werden, während er textlich betont: „Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der, alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Selbst dann also, so suggeriert das Video, wenn sich die Aussagen juristisch gesehen im Rahmen der Meinungsfreiheit befinden, wenngleich sie deren Grenzen ausloten, ist die Gegenwehr zu akzeptieren – auch wenn sie im Falle des Musikvideos gewiss sehr rabiat erscheint. Implizit bezieht sich der Künstler auch an dieser Stelle auf Vertreter der rechten Szene, die selbst gerne provokant auftreten, sich Kritikern und anderen Meinungen aber verwehren.

Dass nicht zu erkennen ist, wer die Lebensmittel wirft, darf als Anspielung auf die anonyme Kritik verstanden werden, die besonders online zunimmt und die gerade durch die vermeintliche Anonymität des Internets nicht selten unangemessen ausfällt und von konstruktiver Kritik deutlich abweicht. Die Theaterbühne wiederum unterstreicht, dass gerade diejenigen, die – metaphorisch gesprochen – in der Öffentlichkeit eine Bühne betreten und von dieser ihre Parolen verkünden, bewusst Reaktionen des Publikums evozieren. Die Stilisierung zum Opfer, wie Figuren der Neuen Rechten sie gerne für sich beanspruchen, wird hierdurch entlarvt. Auch Danger Dans Musiktext ist als Reaktion auf Worte und Taten derer zu verstehen, die er verbal angreift. Zugleich nimmt das Musikvideo mit dem Wurf der Lebensmittel die Kritik derjenigen vorweg, die den Aussagen des Künstlers nicht zustimmen, und suggeriert: Wie die Lebensmittel, mit denen Danger Dan beworfen wird, prallen Gegenreaktionen auf seine Äußerungen an ihm ab, mehr noch, er tritt ihnen bewusst entgegen. Und so bleibt der Sänger bis zum Schluss auf der Bühne und blickt zum Abschluss des Videos, wenn auch mit beschmiertem Gesicht, noch immer entschlossen in die Kamera und damit seinem Publikum und der Kritik direkt in die Augen.

Catalina Vrabie, Nürnberg

Spott- und Kampflied des Vormärz: „Die freie Republik (In dem Kerker saßen zu Frankfurt an dem Main)“

Anonym

Die freie Republik

1. In dem Kerker saßen
Zu Frankfurt an dem Main
Schon seit vielen Jahren
sechs Studenten ein
Die für die Freiheit fochten
Und für das Bürgerglück
Und für die Menschenrechte
Der freien Republik.

2. Und der Kerkermeister
Sprach es täglich aus:
"Sie, Herr Bürgermeister
Es reißt mir keiner aus!"
Aber doch sind sie verschwunden
Abends aus dem Turm
Um die 12. Stunde
Bei dem großen Sturm

3. Und am nächsten Morgen
Hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
Der Soldatenschwarm
Sie suchten auf und nieder
Sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
Und fanden sie nicht mehr.

4. Doch sie kamen wieder
Mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
Jetzt geht´s fürs Vaterland
Jetzt geht´s für Menschenrechte
Und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik!

5. Wenn euch die Leute fragen:
"Wo ist Absalom?"
So dürft ihr wohl sagen:
"Oh, er hänget schon!
Er hängt an keinem Galgen,
Erhängt an keinem Strick,
Sondern an dem Glauben
An die Freie Republik.

I. Herkunft und Vorgeschichte

Wer den Liedtext verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich stammt er aus studentischen Kreisen. Im April 1833 hatte eine Gruppe von Studenten die beiden Frankfurter Wachen überfallen, um dort gefangen gehaltene republikanisch gesinnte Kommilitonen zu befreien und einen allgemeinen Aufstand ins Rollen zu bringen. Da der Plan verraten worden war, scheiterte der Versuch. Aufgrund des alarmierten Militärs wurden etwa 20 Studenten festgenommen und inhaftiert. Erst im Oktober 1836 wurden die Urteile gesprochen: 10 wurden zu lebenslänglicher, einer zu einer 15-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt; andere erhielten geringere Strafen, zwei wurden freigesprochen.

Im Januar 1837 gelang es sechs Studenten (nach einer anderen Version: 12) mit Hilfe eines Gefängniswärters zu fliehen (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 89 f.). Vermutlich noch im selben Jahr entstand das Spottlied, dessen fünfte Strophe gemäß dem Volksliedforscher und Gründer des Deutschen Volkliedarchivs, Freiburg, John Meier, aus dem Lied der Verfolgten stammt. Dieses Lied auf die Melodie Hat man brav gestritten auf dem müden Pferd aus dem Theaterstück von Ludwig Sauerwein Der alte Feldherr, uraufgeführt 1825, war als Flüchtlingslied der politischen Flüchtlinge, darunter Studenten der verbotenen Burschenschaften, in den 1830ern und 40ern weit verbreitet.

 Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833
Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833

Nachdem auf dem von rund 30.000 Menschen (nach anderen Quellen: 25.000) besuchten Hambacher Fest Freiheitsrechte und Volkssouveränität gefordert wurden, bot die Ermordung des konservativen Dichters Kotzebue durch einen Burschenschafter den Fürsten den Anlass dazu, verstärkt Repressionen auszuüben. Dazu gehörten die (erneute) Einführung der Pressezensur (s. Karlsbader Beschlüsse von 1817) und ein Versammlungsverbot für Burschenschaften und Turnvereine. Zu den politisch Verfolgten gehörten auch liberale Professoren („Demagogenverfolgung“) und viele Studenten.

In dieser Zeit des Vormärz, d.h. der Zeit bis zur Märzrevolution 1848, entstanden viele republikanische Lieder, wie z.B. 1830 Fürsten zum Land hinaus, nun kommt der Völkerschmaus!, 1844 Georg Weerths Hungerlied (Verehrter Herr und König, / weißt du die schlimme Geschicht? / Am Montag aßen wir wenig, / und am Dienstag aßen wir nicht“) oder ebenfalls 1844 Heinrich Heines Die schlesischen Weber (Im düstern Auge keine Thräne / Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“) und das Bürgerlied (Ob wir rote, gelbe Kragen, Helme oder Hüte tragen – Interpretation hier). In diese Zeit fällt auch die Entstehung unseres Liedes.

II. Liedbetrachtung

Während in unserem Lied von sechs Studenten gesprochen wird, die für Freiheit und Menschenrechte kämpften, haben in anderen Versionen Studenten auf der Straße von der Freiheit nur gesungen: „Sie saßen dort gefangen / wohl sechs Wochen lang, / weil sie von Freiheit sangen / durch die Stadt entlang“. Diese 1854 aufgezeichnete Fassung (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 80 f.) nahm es mit den historisch belegten Ereignissen nicht so genau. Statt vielen Jahren Kerker – tatsächlich waren es fast fünf Jahre (s. Abschnitt Herkunft und Vorgeschichte) – ist hier von sechs Wochen Rede. Sollte der Verfasser des Flugblatts gedanklich berücksichtigt haben, dass nach seiner Auffassung die Studenten „nur“ gesungen haben?

In der zweiten Strophe macht man sich lustig über den Kerkermeister, der dem Bürgermeister wohl versichern musste, dass keiner mehr ausreißt, zumal einige Jahre vorher bereits ein Student und etwas später ein weiterer aus dem Gefängnis fliehen konnte. Unseren sechs Studenten kam nicht nur ein Gefängniswärter zur Hilfe; die Flucht wurde auch begünstigt durch „den großen Sturm“, der die Entdeckung und den Alarm erst am anderen Morgen zuließ.

Man kann sich gut vorstellen, wie gern die Studenten, die dieses Lied aus Flugblättern oder dank mündlicher Überlieferung kannten, auch die dritte Strophe gesungen haben, die sich über den „auf und nieder“ und „hin und her“ suchenden „Soldatenschwarm“ lustig macht.

Historisch nicht verbürgt ist, dass die Studenten bewaffnet zurückkehrten, wie es in der vierten Strophe heißt. Noch einmal wird wiederholt, worum es den Rebellierenden geht, nämlich den Forderungen des Hambacher Festes von 1832 nach Menschenrechten und Volkssouveränität Nachdruck zu verleihen. Die Aussage „Jetzt geht’s fürs Vaterland“ bezog sich auf eine ebenfalls 1832 erhobenen Forderung nach nationaler Einheit der rund 300 deutschen Staaten im sog. Deutschen Bund. Mut und Hoffnung drücken sich in den letzten beiden Versen aus: Hoffnung auf eine freie Republik und Mut, dass sie sich trotz der Repressionen der Fürsten nicht länger mehr als Knechte fühlen müssen.  

Die letzte Strophe greift die Flucht Absaloms, eines Sohns des Königs David auf,  der sich gegen diesen erhoben hatte (vgl.  2. Samuel, Kapitel 13-18). Dass Absalom auf seiner Flucht mit einem Maultier an den Zweigen einer Eiche hängen blieb (2. Sam., 18, Vers 9) und von seinen Häschern getötet wird, verschweigt unser Lied. Stattdessen hängt Absalom exemplarisch für die geflohenen Studenten an „seinem Traume der freien Republik“. Auch in späteren sog. Heckerliedern (s. Steinitz, Bd. II, S. 96 ff. und 102 ff.) wird berichtet, dass Friedrich Hecker (1811-1881) an seinem Träum der freien Republik hängt. Hecker, Rechtsanwalt, Abgeordneter und radikaldemokratischer Revolutionär, musste als einer der Anführer des Badischen Aufstands nach dessen Scheitern nach Basel fliehen und später in die USA emigrieren.  

So wie einige unterschiedliche Versionen des Heckerliedes vorliegen, so auch von der „Freien Republik“, was unter anderem der vorwiegend mündlichen Überlieferung zuzuschreiben ist. Steinitz weist zum Teil unter Berufung auf John Meier (Volksliedstudien, 1927, S. 217 ff.) 12 Varianten aus (Steinitz Bd. II, S. 79 ff.).

Im Historisch-kritischen Liederlexikon (HKL) des Deutsche Volksliedarchivs (seit 2014 integriert in das Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg) findet man im Artikel In dem Kerker saßen eine Version I als SPD-Kontrafaktur von 1890. Hier die erste Strophe: „Seid gegrüßt Genossen! / Kehret froh zurück, / muthig und entschlossen / trotzend dem Geschick. / Wir sind doch die Alten; / frisch zum Kampf bereit. / Treu zur Fahne halten / der Gerechtigkeit“.

Mit einer ähnlichen Melodie und einer leicht variierten Einleitung wurde nach dem Ruhrkampf 1920 ein Lied von Spartakisten gesungen mit folgendem Beginn: „Es saßen sechs Kommunisten zu Essen in der Stadt / Sie saßen dort gefangen, / weil sie Freiheitslieder sangen“ (HKL, Version J).

Aus jüngster Zeit stammt eine Fassung, die ich bei YouTube fand: „In England sitzt im Kerker / Julian Assange / auf Fairness hat er leider / gar keine Chance“ (Freiheit für Julian Assange).

So lebt der Freiheitsgedanke des Lieds, auch dank der eingängigen Melodie, bis in unsere Zeit weiter.

III. Rezeption, Verbreitung

Im Gegensatz zu Die Gedanken sind frei (Interpretation hier), das bereits 1832 auf dem Hambacher Fest gesungen wurde, taucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Die freie Republik in keiner der einschlägigen Liedersammlungen wie Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851), Erich Böhmes Deutscher Liederhort (Neuauflage 1856) oder Hoffmann von Fallerslebens Unsere Volkslieder (1869) auf – ein Schicksal, das das Lied mit dem Bürgerlied (Interpretation hier) oder Trotz alledem („Ob Armut euer Los“ bzw. „Es war ‘ne heiße Märzenszeit“ – Interpretation hier) teilt.

Die Repressionsmaßnahmen der Fürsten nach 1817 hinterließen ihre Wirkung. Hoffmann von Fallersleben beispielsweise verlor nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes Unpolitische Lieder (1840) seine preußische Staatsbürgerschaft und seine Professur in Breslau. Jahrzehntelang musste er ein Wanderleben führen; im Vielvölkerstaat Deutschland wurde er 39mal ausgewiesen.

Bis 1923 war In dem Kerker saßen nur in handschriftlichen Liederbüchern und Flugblättern zu finden (vgl. die auf John Meier, Volksstudien 1917 zurückgehenden Ausführungen bei Steinitz, Band II, S. 80). Allerdings fand das Lied eine weite Verbreitung in studentischen und Arbeiterkreisen wie auch in republikanisch gesinnten Bürgerchören.

Nach den mir zugänglichen Online-Liederarchiven und Privatbibliotheken taucht Die freie Republik gedruckt zum ersten Mal 1923 auf, und zwar im Liederbuch für deutsche Turner.

Es dauerte über 30 Jahre bis das Lied in einem Heft der Reihe Lieder der Revolution von 1848 in der DDR erschien, dem 1964 das Liederbuch der FDJ Leben, kämpfen, singen folgte.

In der Bundesrepublik wurde es erstmalig 1977 in der Liederkiste des Vereins Student für Europa und Berlin veröffentlicht. 1978 folgten im Rahmen des Folkrevivals einige Liederbücher verschiedener Pfadfinderbünde und auch das Taschenbuch des Musikwissenschaftlers und Volksliedforschers Ernst Klusen Volkslieder aus 500 Jahren.

Warum Klusen das Lied – wie auch das Bürgerlied in sein zweibändiges Werk Deutsche Lieder nicht aufgenommen hat, ist für mich nicht nachzuvollziehen. Auch andere Volksliedforscher wie z.B. Heinz Rölleke oder Theo Mang haben beide Lieder ebenfalls nicht in ihre Liedsammlungen aufgenommen. Bemerkenswert finde ich das Ignorieren der Freien Republik in den Bänden Historische Lieder aus acht Jahrhunderten der Landeszentralen für politische Bildung Baden-Württemberg, Hamburg (beide 1989) und Schleswig-Holstein (2009).

Betrachtet man die Anzahl der Liederbücher mit der Freien Republik, so wurde das Lied 1980 hauptsächlich durch Ausgaben von Pfadfinderliedern bekannt. Auch das in der Folkszene bekannte Duo Zupfgeigenhansel (Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, Es wollt ein Bauer früh aufstehn, 1980) sowie Oss und Hein Kröher (Das sind unsere Lieder, 1988) haben mit ihren Büchern und Konzerten die Verbreitung gefördert, ebenso wie die im Vergleich zu den Pfadfinderliederbüchern relativ hohen Auflagen der Büchergilde Gutenberg mit Lieder der Arbeiterbewegung (1981) und des Verlags Weltbild mit Das Volksliederbuch (1995).

Nach wie vor gepflegt wird Die freie Republik in Pfadfinderkreisen; in den Jahren 1995 bis 2014 sind allein acht Liederbücher mit dem Lied erschienen, darunter das wegen seiner Anmerkungen zur Geschichte der Lieder erwähnenswerte Codex Patomomomensis (Zauberverlag, 2. Auflage 2018).

Während der Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, keinen Tonträger mit dem Lied ausweist, finden sich bei YouTube über 30 Videos, darunter von Hannes Wader, Peter Rohland und der Leipziger Folksession Band.

Georg Nagel

Verwendete Quellen:

Deutscher Bundestag – Deutsche Einheits- und Freiheitsbewegung (1800 – 1848)

Artikel von Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon (Hrsg. vom Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg)

Wolfgang Steinitz: Der Große Steinitz – Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 4. Auflage 1980.

Thomas Friz, Erich Schmeckenbecher: Es wollt ein Bauer früh aufstehen – 222 (historisch-politische) Lieder, Dortmund, 2. Auflage 1980.

www.deutscheslied.com

Abstraktion als Kunstprinzip: „Hoffnung“ von Tocotronic als poetologischer Kommentar zur Corona-Pandemie

Tocotronic

Hoffnung

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und verkündet: 
Bleibt nicht stumm 

Ein kleines Stück 
Lyrics and Music 
Gegen die 
Vereinzelung 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Eine Aktion 
In jedem Klang 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Auf einen neuen 
Zusammenhang 

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und es fliegt 
Durchs Treppenhaus 

Ich hab den Boden 
Schwarz gestrichen 
Wie komm ich aus 
Der Ecke raus? 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Transformation 
Aus jedem Klang 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Auf einen 
Neuanfang 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei der Gefahr 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Dann hätte ich 
Umsonst gelebt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei all der Angst 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Unsonst gelebt 

Wenn Künstlerinnen und Künstler unmittelbar auf politische und gesellschaftliche Ereignisse regaieren, birgt das i.d.R. zwei Gefahren: Sie können wie jede Person, die sich politisch äußert, falsch liegen, was sich schon zeitnah zeigen kann. Das mussten Frei.Wild erfahren, die – als Südtiroler früh von den Auswirkunden der Corona-Pandemie betroffen – bereits Anfang März mit Corona Weltuntergang ein Lied veröffentlichten, das zwar keinewsegs, wie ihnen vom rbb unterstellt, verschwörungstheoretisch grundiert war, aber die Dimension der Bedrohung falsch einschätzte und die ihnen im Lichte dieser Fehleinschätzung übertrieben erscheinende gesellschaftliche und mediale Reaktion auf das Auftreten des Virus kritisierte, auch in Relation zur Ignoranz gegenüber anderen humanitären Katastrophen wie der Situation von Geflüchteten; als sich Ende März zeigte, wie ernst die Situation war, korrigierte sich die Band mit Corona Weltuntergang v2, worin sie einräumte, das Virus unterschätzt zu haben. Das zweite Risiko von Songs mit tagespolitischem Bezug besteht darin, dass das behandelte Thema schnell wieder von der Agenda verschwindet und der Song danach höchstens noch als historisches Dokument taugt. Dieses Schicksal steht voraussichtlich Bernice Ehrlichs zuletzt an dieser Stelle besprochenem Corona-Song bevor.

Ungeachtet der eventuellen Kurzlebigkeit tagespolitischer Lieder können diese natürlich nichtsdestotrotz diverse positive Forgen für ihre Interpretinnen und Interpreten haben: Beginnend bei der evtl. durch die Brisanz des Themas beförderten hohen Aufmerksamkeit (beide Frei.Wild-Videos zusammen kommen auf gut 7 Millionen Aufrufe, Ehrlichs Song kam schnell über eine Million, was sämtliche ihrer anderen Videos bei weitem übertrifft) können politische Positionierungen auch zum Image beitragen – Frei.Wild stärken ihr Image, keine Kontroverse zu scheuen, und Ehrlich wirkt dem oft mit dem Genre Schlager verbundenen Attribut ’seicht‘ entgegen. Der Preis dafür ist aber eben, dass es derart explizit anlassbezogene Lieder nur selten auf Best-of-Alben schaffen werden.

Tocotronic haben es hingegen immer vermieden, in ihren Lieder ausdrücklich politisch zu werden, auch wenn sie mit Auftritten bei einschlägigen Solidaritätsveranstaltungen ihre Verwurzelung in der linken Szene immer wieder gezeigt haben. Und wo ihnen eine Positionierung auf der Bühne doch geboten erschien wie beim Einsatz gegen Rassismus, haben sie den Umweg des Covers gewählt und eine Version von Racist Friend, im Original von The Special AKA, gespielt. Diesem ästhetischen Grundsatz sind sie auch in ihrem Lied Hoffnung, dass sie anlässlich des Lockdowns in vielen Ländern Anfang April diesen Jahres veröffentlich haben, treu geblieben. Geschrieben wurde der Song bereits vor ca. einem Jahr, also noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie (vgl. das Interview mit Dirk von Lowtzow auf br.de), zu der ein Bezug über das Video hergestellt wird, in dem ehemals vielbesuchte Plätze fast menschenleer gezeigt werden.

Der Liedtext selbst hingegen reflektiert die Bedeutung von Musik in Situationen der Einsamkeit allgemein. Damit ist der Text übertragbar auf alle Formen der „Vereinzelung“ – das typische Heranwachsendengfühl, von seiner Umwelt nicht verstanden zu werden, ebenso wie das lokale Alleinsein mit einer von der Norm abweichenden sexuellen Identität, mit im persönlichen Umfeld ungewöhnlichem ästhetischen Vorlieben etc. Speziell Vokalmusik kann in diesen Situationen Hoffnung geben und das Gefühl der Einsamkeit mindern, weil, unabhängig von der zeitlichen und räumlichen Distanz zwischen hörender und singender Person, eine Form der Intimität, der Sich-verstanden-Fühlens entstehen kann. Schritt für Schritt ins Paradies von Ton Steine Scherben beginnt mit den Versen „Du hörst mich singen, / aber du kennst mich nicht / Du weißt nicht, für wen ich singe, / aber ich sing für dich“. Damit beschreibt Scherben-Texter Rio Reiser die Kommunikationssituation zwischen Sänger und Rezipierendem: Wer ein Lied im Radio oder von einem Tonträger hört, kann scheinbar direkt vom Sänger (z.B. mit „du“) angesprochen werden, auch wenn die beiden sich persönlich nicht kennen und der Sänger nicht weiß, wer wann wo seinen Lied hört. Dabei spielen die potentiell emotional ansprechende Musik und die sprachliche Kommunikation („Lyrics and Music“) zusammen.

Dieses Sich-individuell-angesprochen-Fühlen kann aber nur den ersten Schritt zum Weg aus der Vereinzelung darstellen: Folgen können Aktion und Transfornation sowie die Herstellung neuer Zusammenhänge – mit diesen sehr weit interpretierbaren Begriffen wir das Abstraktionsniveau hoch gehalten. Und auch wenn es zunächst paradox klingen mag, ist gerade diese Abstraktion die Voraussetzung dafür, dass die Rezipierenden in ihren je unterschiedlichen, individuellen Lebenssituationen das Lied für sich konkretisieren und auf sich beziehen können. Wer auch immer dieses Lied wann auch immer hört, kann sich in seiner ganz persönlichen Vereinzelung angesprochen un zu einem Umgang damit ermutigt fühlen, der ihn aus der Einsamkeit herausführt.

So versteht auch das Sprecher- bzw. Sänger-Ich seine Rolle: „Wenn ich dich nicht / Bei mir wüsste / Hätte ich / Unsonst gelebt“ kann nicht nur auf eine konkrete, ihm bekannte Person bezogen werden, sondern auch in dem Sinne interpretiert werden, dass er seine Rolle als Sänger verfehlen würde, wenn es ihm nicht gelänge, die beschriebene Nähe zu den Rezipierenden herzustellen – und damit vielleicht auch selbst aus seiner Ecke im Zimmer mit dem schwarz gestrichenen Boden herauszukommen. So kann das Lied im besten Fall allen damit Befassten vermitteln, was Julia Lorenz dazu in der taz formulierte: „Trost durch Empathie“.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Musik: Rudi Goguel)

Wir sind die Moorsoldaten

1. Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

4. Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

5. Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.

Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis

Herkunft und Geschichte

Das Lied der Moorsoldaten ist heute eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal gesungen wurde das Moorsoldatenlied am 27. August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Unter der Bewachung von SS-Männern (1934 von SA-Männern abgelöst) mussten die politischen Strafgefangenen für die Moorkultivierung zwangsweise arbeiten: Torfabbau, Entwässerung, Straßen- und Wegebau. Die Häftlinge waren ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet.

Nach einer „Nacht der langen Latten“, bei der zahlreiche Gefangene verletzt wurden, beschloss die Häftlingsleitung mit Wolfgang Langhoff, dem späteren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, eine Kulturveranstaltung mit dem Namen „Zirkus Konzentrazani“ durchzuführen. Einige Tage nach der Planung kam der Bergarbeiter Johann Esser mit einem Gedicht mit sechs Versen zu Langhoff, der die manchmal holprigen Reime überarbeitete und den Refrain verfasste.

Auf die Umfrage, wer hierzu eine Melodie komponieren könnte, meldete sich Rudi Goguel, ehemals kaufmännischer Angestellter und Musikstudent, mit der Ansage, er brauche einige Tage Ruhe. Danach wurde Goguel ins Krankenrevier geschmuggelt und verfasste dort einen vierstimmigen Männerchorsatz. Mit dem Börgermoorlied komponierte Goguel die erste und einzige Melodie in seinem Leben. 1974 erklärte er gegenüber dem DDR-Rundfunk, dass “beabsichtigt war, durch die Aufführung mit Clownsauftritten und Musik den Mitgefangenen Mut zuzusprechen und unsere Moral gegenüber der SS öffentlich zu demonstrieren“.

Langhoff, Esser und Goguel waren überzeugte Kommunisten; sie gehörten zu einer Reihe politischer Gefangener aus dem Rhein-Ruhrgebiet, die bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in das zunächst als Schutzhaftlager bezeichnete Lager verschleppt wurden.

Aus dem Lagerchor stellte Goguel ein Quartett zusammen, jede Stimme wurde vierfach besetzt. Heimlich geübt wurde in einem Waschraum in einer abgelegenen Baracke.

Der „Zirkus Konzentrazani“ fand am August 1933 vor rund 900 Gefangenen im Beisein der Aufseher und Wächter statt. Nach den Darbietungen von Clownssketchen u. a. wurde zum Schluss der Veranstaltung das Lied uraufgeführt. Goguel beschreibt das so: „Die 16 Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitervereins (die als Kommunisten verhaftet worden waren), marschierten in ihren grünen Polizeiunformen (übernommen von der früheren Sicherheitspolizei, dann die damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit abgebrochenem Spatenstiel als Taktstock“.

„Bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast Tausend Gefangenen den Refrain mitzusingen“, erinnert sich Regisseur und Texter Langhoff. “Selbst die Wachmänner konnten sich dem Sog des Liedes nicht entziehen: Bei der letzten Strophe sangen alle mit auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, … offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten“, so Langhoff.

„Bei den Worten ‘Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‘ stießen die 26 Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuz wirkten“ (Rudi Goguel, Es war ein langer Weg, Düsseldorf, 1947).

Zwei Tage nach der Veranstaltung durfte das Lied nicht mehr gesungen werden, „doch sollen sich sogar SS-Leute dem Verbot widersetzt haben“ (Langhoff), indem einzelne SS-Mitglieder den  Häftlingen befahlen, vor allem auf dem Marsch zu den Arbeitsstätten das Lied zu singen.

Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 Emslandlagerla­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Esterwegen auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren. Nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer im Lager und während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt. Die standesamtlich registrierte Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 237.

Ende April 1945 wurden die Häftlinge von britischen Truppen befreit. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 aus politischen, sozialen, rassistischen oder religiösen Gründen Inhaftierten und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um. Wieviel davon an unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben und wie viele gezielt ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt. (vgl. NDR, 24.08.2018).

Ihr Schicksal sowie die Geschichte des Moorsoldatenlieds dokumentiert heute eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Esterwegen. Die Gedenkstätte wurde 2011 – 66 Jahre nach der Befreiung – eröffnet.

Foto: L. Willms  

Liedbetrachtung

Hört man die ersten drei gleichlautenden Töne (in e-Moll: e, e, e) der im 4/4-Takt geschriebenen Originalmelodie von Goguel, kann man sich vorstellen, dass sie bewusst monoton gehalten sind, um das schwere Los der Häftlinge im Marschschritt der Moorsoldaten zu versinnbildlichen. Sie treffen die Stimmung besser als der von Hans Eisler 1935 abgeänderte Auftakt e-moll: e, h, e.

Auch die zweite Zeile („Vogelsang…“) beginnt im Original monoton: g, g, g, während sie bei Eisler mit g, d, g etwas beschwingter klingt. Dazu heißt es in einem Artikel zu Das Moorsoldatenlied:  „Die zweite Zeile steht – einem vorübergehenden Hoffnungsstrahl gleich – im parallelen Dur, kehrt aber in der zweiten Zeilenhälfte wieder zum Moll zurück“ und weiter: „Der Refrain beginnt mit einem nach oben gerichteten Sextsprung, dem einzigen größeren Intervall im ganzen Lied. Aus ihm entspricht ein gewisser Stolz. So klingt der Anfang des Refrains wie ein Bekenntnis. Das Lied schließt, wie es begonnen hat mit einem düsteren Moll“ (Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel). Die heute auch im Ausland bekanntere Fassung der Melodie ist die von Hanns Eisler bearbeitete Version.

In den ersten beiden Strophen wird die Umgebung des Lagers geschildert: Im Moor und auf der Heide singen keine Vögel, und (vereinzelte) Bäume – hier Eichen – gedeihen nicht; sie sind „kahl und krumm“. Im Lager kann normalerweise keine Freude aufkommen. Das Lager ist von Stacheldraht umgeben (vgl. zweite Strophe) und streng bewacht, so dass Fluchtversuche aussichtslos sind (vgl. Strophe fünf).

Zeichnung des Häftlings Hanns Kralik (aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Sieben Tage in der Woche ziehen die Häftlinge in Kolonnen, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zur Arbeit. Bei jedem Wetter, auch wenn mittags die Sonne über den schattenlosen Mooren brennt, müssen sie unter strenger Bewachung von morgens bis abends arbeiten: Gräben ziehen, dass Moor entwässern und Torf stechen. Die Sehnsucht nach der Heimat, als Sinnbild der Freiheit, wird im vierten Vers wiederholt. Damit verbunden ist der Wunsch, daheim bei der Familie (und nicht explizit im Text: bei Freunden oder der Freundin) zu sein.

Der Text schildert die Härte des Lageralltags, verzichtet aber auf direkte Anklagen oder revolutionäres Vokabular. „Zeilen wie ‚ewig kann’s nicht Winter sein‘ oder ‚einmal werden wir froh sagen: Heimat, du bist wieder mein‘ sind für die Häftlinge allerdings leicht zu entschlüsseln – als Aufruf, den Widerstand nicht aufzugeben“ (Wolfgang Langhoff, 1935).

„Das Lied sollte Hoffnung geben und drückt eine Freiheitssehnsucht aus. Das Stück lehnt sich auf gegen Unterdrückung und menschenunwürdige Verhältnisse. In den letzten Zeilen klingt es nach Aufbruch: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, heißt es in einem Brief eines Börgermoorer Häftlings vom 30. August 1933, also drei Tage nach der Uraufführung des Liedes, an seine Frau: „Sonntag war hier großer Zirkus.“ (zitiert nach Fietje Ausländer: 75 Jahre Lied der Moorsoldaten).

Anhang: Kurze Biographien der Verfasser des Liedes:

Die drei Verfasser der Widerstandshymne hielten durch und überlebten den NS-Terror:

Johann Esser (1896–1971) arbeitete als Bergmann. 1924 bis 1933 war er Mitglied der KPD. Nachdem er sich 1931 an einem „wilden“ Streik be­tei­ligt ha­tte, wur­de mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Gleich nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen und kam in sog. Schutzhaft. 1934 aus dem KZ entlassen, dann aber in den Folgejahren mehrfach von den Nazis verhaftet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Bergmann und Gewerkschafter in Moers. Er löste sich vom Stalinismus des Kommunismus und verfasste bis zu seinem Tod Gedichte für verschiedene Zeitungen.

Wolfgang Langhoff (1901–1966) war 1928 bis 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde Anfang 1933 in „Schutzhaft“ genommen und in das Lager Börgermoor gebracht. 1934 aus dem KZ entlassen, konnte er in die in die Schweiz fliehen, wo er am Schauspielhaus Zürich als Regisseur und Schauspieler arbeitete. Bereits 1935 verfasste er den Tatsachenbericht, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager schildert: Die Moorsoldaten. 13 Monate KZ (Zürich). Er kehrte 1945 nach Deutschland zurück und wurde Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (1946–1963). 1966 starb er an Krebs in Ost-Berlin.

Rudi Goguel (1908–1976) ging nach seiner Entlassung 1934 in den Untergrund, wurde erneut verhaftet und zu zehn Jahren „Strafhaft“ verurteilt. 1944 kam er zunächst in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Im Mai 1945 überlebte er den Untergang der „Cap Arcona“, bei der mehr als 7.000 Menschen, hauptsächlich evakuierte KZ-Häftlinge, ums Leben kamen. Nach dem Krieg lebte zunächst in Süddeutschland, 1952 erhielt er eine Anstellung beim Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ, Ost-Berlin). Von 1959 bis 1968 war er Abteilungsleiter an der Humboldt-Universität Berlin für die „Geschichte der imperialistischen Ostforschung“. Über seine Erlebnisse an Bord der Cap Arcona berichtet er 1973 im Sammelband Juden unterm Hakenkreuz. Goguel starb 1976 in Ost-Berlin.

Rezeption und Verbreitung

Über in andere KZs verlegte oder entlassene Häftlinge und herausgeschmuggelte Aufzeichnungen gelangte das Lied auch an andere Gefangene und oppositionelle Kreise und wurde dadurch über die Grenzen des Emslands hinaus bekannt. „Außerhalb der KZ wurde es von der kommunistischen Agitprop-Truppe ‚Rotes Sprachrohr’ gesungen und am 8.3.1935 in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) im 4-stimmigen Originalchorsatz veröffentlicht“ (Hinze, S. 223).

1935 bearbeitete Hanns Eisler die Melodie für Ernst Busch, der das Lied während seiner Emigrationszeit verbreitete. Er sang es im Radio Moskau und nahm es 1937 in Barcelona auf Schallplatte auf. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurde es zum ersten Mal in den von Ernst Busch herausgegebenen Canciones de las Brigadas Internationales (5. Aufl., Barcelona 1938) veröffentlicht.

1942 wurde es in das geheime handschriftliche Lagerliederbuch des KZs Sachsenhausen aufgenommen und in Frankreich als Lied der Resistance, Chant de Marais, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer, bekannt. In der englischen Fassung The Peat Bog Soldiers sang es Pete Seeger 1943.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Moorsoldatenlied nicht vergessen. Bis 1955 erschienen nach den mir vorliegenden Unterlagen sechs Liederbücher in der SBZ bzw. DDR. Noch im Jahr 1945 wurde es in das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen. 1947 brachte die DDR eine Single mit dem Titel Die Moorsoldaten heraus mit der Anmerkung: „Verfasser und Komponist unbekannt“.

In der BRD tauchte „Wohin auch das Auge blicket“ zum ersten Mal erst 1952 im Liederbuch der Gewerkschaftsjugend Unsere Lieder auf.

Während das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne wurde – in der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Liedgut – dauerte es in der BRD bis in die 1970er Jahre, bevor das Lied eine begrenzte Verbreitung fand. Bekannt wurde es vor allem durch die Interpretation von Hannes Wader. Pfadfinder verschiedener Bünde und andere politisch links orientierte Künstler, wie Hein und Oss Kröher und das Folkduo Zupfgeigenhansel mit Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, nahmen es in ihr Repertoire auf.

Vor allem bei vielen Studenten wurde das Lied populär, nachdem der Verein Student für Europa, Student für Berlin das Liederbuch herausbrachte, das 1978 bereits in der 6. Auflage erschien. Daraufhin wurde das Lied auch vereinzelt in Liederbücher von Schulen aufgenommen.

In Baden-Württemberg wurde 1980 das Schulbuch „Banjo“ für den Gebrauch an den Haupt- und Realschulen vom Kultusminister des Landes Baden-Württemberg nicht zugelassen. Das Buch, so hieß es, könne wegen der Auswahl der Lieder nicht toleriert werden. Es handelte sich um das italienische Widerstandslied Bella Ciao, um Die Moorsoldaten und das Atomkraftwerksgegnerlied, eine Variante von Herrn Pastor sin Kauh (Interpretation hier). Die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Instituts für musikalische Völkerkunde (heute Institut für europäische Musikethnologie der Uni Köln) Gisela Propst-Effah schreibt: „Einer der Autoren von ‚Banjo‘ teilte mir mit, dass auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen die Zulassung des Buches wegen der Liedauswahl zunächst gescheitert und nur über persönliche Kontakte erreicht worden sei“.

In 15 Jahren von 1980 an erschienen laut Online-Archiven und Privatbibliotheken 22 Liederbücher mit dem KZ-Lied, davon 10 in der DDR. Von 2000 bis 2013 wurden in der BRD 20 Liederbücher, davon 11 von verschiedenen Pfadfinderbünden, herausgegeben.

In der DDR kam 1985 das Liederbuch der FDJ Leben – Kämpfen – Singen in der 17. Auflage heraus, und in Österreich folgte 1990 „ein demokratisches Liederbuch für Soldaten“ Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Die Popularität des Liedes kann man auch an den zahlreichen moderne Versionen ablesen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball und der Rockband Reservoir Dogs. Eine der jüngsten Versionen spielte 2012 die Deutschpunk-Band Die Toten Hosen ein. Deren Sänger Campino bezeichnet das Lied als „Hymne gegen die Unterdrückung und für das Durchhalten in brutalen Zeiten“.

Andere Interpretationen in Englisch The Peat Bog Soldiers mit der Melodie von Rudi Goguel gibt es von Paul Robeson, Pete Seeger, und The Dubliners. Der kanadische Folksänger Perry Friedmann und Joan Baez sangen das Lied auch auf Deutsch.

Das Widerstandslied ist in 15 Sprachen, auch ins Jiddische, übersetzt worden.

„Wohin auch das Auge blicket“ ist bis heute nicht vergessen worden wie auch die annähernd 300 Videos bei YouTube zeigen und das Vortragen des Liedes bei Feiern des Tages der Befreiung am 8. Mai 1945 und zum Abschluss einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 vom RIAS-Kammerchor aus Berlin.

„Das Moorsoldatenlied soll nicht nur an diejenigen erinnern, die Gegner des Nationalsozialismus waren und von ihm verfolgt wurden, es gehört zu den international weit verbreiteten Liedern, die auch dort die Erinnerung wachhalten an den schlimmsten Abschnitt deutscher Geschichte“. (Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel).

Zeichnungen des Häftlings Hanns Kralik. (linke Seite: Foto von Frank Vincentz; rechte Seite: aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete und weiterführende Literatur

Ausländer, Fietje / Brandt, Susanne / Fackler, Guido: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Ed. by Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg.

Fack­ler, Gui­do: Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141–198.

Goguel, Rudi: Es war ein langer Weg – Ein Erlebnisbericht, Düsseldorf 1947.

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