„Will dich lieben und verdammen“ – Die Ambivalenz der deutschen Nationalidentität in Rammsteins „Deutschland“

Rammstein

Deutschland

Du (du hast, du hast, du hast, du hast)
Hast viel geweint (geweint, geweint, geweint, geweint)
Im Geist getrennt (getrennt, getrennt, getrennt, getrennt)
Im Herz vereint (vereint, vereint, vereint, vereint)
Wir (wir sind, wir sind, wir sind, wir sind)
Sind schon sehr lang zusammen (ihr seid, ihr seid, ihr seid, ihr seid)
Dein Atem kalt (so kalt, so kalt, so kalt, so kalt)
Das Herz in Flammen (so heiß, so heiß, so heiß, so heiß)

Du (du kannst, du kannst, du kannst, du kannst)
Ich (ich weiß, ich weiß, ich weiß, ich weiß)
Wir (wir sind, wir sind, wir sind, wir sind)
Ihr (ihr bleibt, ihr bleibt, ihr bleibt, ihr bleibt)

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – dein Atem kalt
So jung – und doch so alt
Deutschland!

Ich (du hast, du hast, du hast, du hast)
Ich will dich nie verlassen (du weinst, du weinst, du weinst, du weinst)
Man kann dich lieben (du liebst, du liebst, du liebst, du liebst)
Und will dich hassen (du hasst, du hasst, du hasst, du hasst)

Überheblich, überlegen
Übernehmen, übergeben
Überraschen, überfallen
Deutschland, Deutschland über allen

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – dein Atem kalt
So jung – und doch so alt

Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Deutschland!

Du
Ich
Wir
Ihr

Übermächtig, überflüssig (Du)
Übermenschen, überdrüssig (Ich)
Wer hoch steigt, der wird tief fallen (Wir)
Deutschland, Deutschland über allen(Ihr)

Deutschland – dein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – mein Atem kalt
So jung – und doch so alt

Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben

Deutschland!

     [Rammstein: Rammstein. Universal 2019.]

Zehn Jahre nach ihrem letzten Album Liebe ist für alle da (2009) kehrten Rammstein mit der Singleauskopplung Deutschland aus ihrem siebten Studioalbum zurück auf die Bühne der Öffentlichkeit. Besondere Resonanz kam hierbei einem 35 Sekunden andauernden Video-Teaser zu, in welchem Mitglieder der Band als Gefangene in einem Konzentrationslager gezeigt werden, die auf ihre Hinrichtung warten. Allein dieser kurze Ausschnitt rief heftige Reaktionen im Internet wie in sämtlichen Leit-Printmedien hervor, wobei neben Journalisten auch Politiker Kritik an der präsentierten Ästhetik wie auch an der Tatsache, dass dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichtsschreibung zur Erzeugung von Provokation und Aufmerksamkeit genutzt würde, äußerten. Allerdings ist die Band für ihren Duktus bekannt, mit Provokationen und Tabus kreativ und ironisch umzugehen, um auf etwaige sozio-kulturelle Phänomene und potentielle Fehlentwicklungen hinzuweisen. Zudem scheint es nicht zielführend, ausschließlich das Video fokussierend zu betrachten, während die musikalische Untermalung und der Text des Lieds nur partikular berücksichtigt wird. Im Folgenden sollen daher die Musik und der Liedtext dahingehend untersucht werden, wie das Verhältnis zu Deutschland gezeichnet wird, welches geprägt ist durch den Nexus vom problematischen Verhältnis zur deutschen Geschichte und einer darauf basierenden deutschen Identität. Eine separate Analyse des Videos erscheint in der kommenden Woche auf diesem Blog.

Musik

Das Lied beginnt mit einer kantig klingenden Synthesizer-Spur, die durch die Verwendung eines Arpeggiators erzeugt wird, der das Spielen einer festen Notenfolge in einem vorprogrammierten Stufenrhythmus ermöglicht. Notenfolge und Rhythmus erinnern dabei stark an Rammsteins Asche zu Asche (1995), wobei hier ein schnelleres Tempo vorliegt. Ob des Tempos, des verzerrten und im oberen Frequenzbereich angesiedelten und damit akustisch besonders eindringlichen Klangcharakters und der treibenden Rhythmik erinnert diese Tonspur an die Stilrichtung des Industrial, einem Genre, das zu den musikalischen Einflüssen Rammsteils zählt und das als exemplarisch für die Evokation von sowohl Unbehagen als auch Aggressionen angesehen werden kann; diese beiden Gefühlsregungen determinieren den auditiv-emotionalen Grundtenor des Intros und üben dadurch – wie später noch verdeutlicht wird – auch einen zentralen Einfluss auf die Stimmung des Liedes aus. Nach vier Takten setzten additional zur stringenten Synthesizer-Linie, die als ein akustisch-strukturelles Konstitutiv der Gesamtkomposition zu identifizieren ist, die für Rammstein charakteristischen, stark verzerrten E-Gitarren ein, die – tief gestimmt und im Stereopanorama weit außen lokalisiert – das Lied hinsichtlich des Klangspektrums öffnen und den zentrierten Synthesizer flankieren. Die druckvolle Wucht der offenen Akkorde wird durch das ebenfalls hier einsetzende und supportiv agierende Schlagzeugspiel potenziert. Hierdurch wird eine gewaltige Klangkulisse generiert, die bereits an dieser Stelle zwei Aspekte deutlich werden lässt: Einerseits rufen schon die ersten Takte des Liedes den Eindruck starker Pathetik hervor; andererseits offenbart sich die klimaktische Instrumentalstruktur des Intros und – um an dieser Stelle vorzugreifen – auch des ganzen Liedes. Beide Aspekte kulminieren nach der vierttaktigen Dopplung der Synthesizer-Spur durch eine verzerrte Gitarre in der instrumentalen Darbietung des Refrains. Dieser ist ebenfalls geprägt durch sowohl die stringente Synthesizer-Linie als auch die verzerrten und durchdringende Akkorde spielenden Gitarren, welche auf der einen Seite nun melodischer harmonieren, was die bereits erwähnte Pathetik durch die hierdurch additional suggerierte hymnische Wirkung, die dazu ferner durch das Einsetzen weiter Flächenklänge forciert wird, intensiviert. Simultan expliziert der weiter gespielte Synthesizer im Konnex mit dem nun einen schnellen und treibenden Rhythmus vorgebenden Schlagzeug die bereits diagnostizierten diametral-antithetischen Impressionen des Unbehagens und der Aggression, welche gegenteilig zur potentiell rein positiv konnotierten Pathetik stehen. So wird die kompositions-konstitutive Ambivalenz (mit negativer Tendenz) des Liedes bereits an dieser Stelle und mit Blick auf die instrumentale Realisierung indiziert.

Die erste Strophe, die unmittelbar nach dem kraftvollen Refrain einsetzt, stellt einen erneuten Abfall des musikalischen Spannungsbogens dar. Sowohl die Gitarre als auch der Synthesizer verbleiben stumm, das instrumentale Gerüst schaffen das Schlagzeug, wobei nur die Bassdrum gespielt wird, und der Bass. Auch hier werden Erinnerungen an ein anderes Lied der Band geweckt: Du Hast (1997). Durch die zurückhaltende instrumentale Untermalung wird dem Gesang und dem Background-Gesang viel Raum gelassen, wobei ferner das erste Wort der Gesangsspur eine Reminiszenz an eines der wohl bekanntesten Lieder Rammsteins darstellt: Nicht nur wird mit „Du“ (V. 1) dasselbe Wort geäußert, auch die Intonation des Sängers Till Lindemann wirkt kongruent. Abgesehen davon ist auch der Gesang typisch für Rammstein: Die tiefe, grollende Stimme und die stark affektierte Art der Darbietung, die besonders durch das bekannte, rollende ‚R‘ bestimmt ist, evozieren bewusst Analogien zum Habitus Adolf Hitlers, was imprimis in Bezug auf das vorliegende Lied sowohl besonders problematisch als auch immens wirkungsmächtig scheint. Im Vergleich zur Hauptgesangsspur wirkt der Hintergrundgesang einmal mehr konträr, zumindest auf den ersten Blick. Durch die höhere Stimmlage und sanftere tonale Realisierung scheint zunächst ein Gegenentwurf zur Hauptstimme und deren Aussagen etabliert zu werden. Daneben kann er jedoch auch als eine Stimme aus dem Off, ‚von Oben‘ oder vox ex machina verstanden werden, die den Aussagen des Sprecher-Ichs in Form des Gesangs zustimmt, diese durch den Echo-Effekt wiederholt und damit bestärkt. Im zweiten Teil der ersten Strophe setzen synthetisch erzeugte Streicher ein, die sphärisch im Hintergrund wabern, beide Gesangsspuren auf sehr subtile Art und Weise unterstützen und zur erneuten Steigerung der Spannung dienen. Diese wird im Vor-Refrain weiter verdichtet durch das Spielen eines stark gefilterten Klaviers, das durch den verwendeten Hall psychoakustisch distanziert-subversiv wirkt und dennoch die Anspannung fördert, die sich schließlich nach einem Trommelwirbel im Refrain aufbäumt und entlädt.

Der Refrain stellt die lauteste und brachialste Stelle in Deutschland dar: Die bereits genannten, offen gespielten und ausklingenden Akkorde der verzerrten Gitarren und auch der repetitive und energetische Synthesizer setzen wieder ein. Der ebenfalls zuvor konturierte hymnisch-lobende Charakter des Refrains wird nun — alle zuvor implizierte Ambivalenz ignorierend — durch den Gesang weiter verstärkt: Die zelebrierende gesangliche Darbietung Lindemanns, der Hintergrundgesang, der an den Chor einer Marschkapelle erinnert, der laut „Deutschland“ skandiert, das Schlagzeug, dessen Rhythmus in dieser Konstellation ebenfalls deutliche Analogien zum perkussiven Supportiv eines Marsches indiziert, sowie die repetitive Synthesizerlinie erwecken die Impression einer national(sozial)istischen Lobeshymne. Die im Zuge dessen effizierten Emotionen der Aggression aber auch der Euphorie werden im Nach-Refrain kontiniuiert, in welchem einmal mehr die Synthesizerspur von einer Gitarre gedoppelt wird und der in die zweite Strophe mündet.

In dieser wird sowohl das druckvoll-treibende Schlagzeug als auch die im Vor-Refrain eingesetzte Klavierstimme beibehalten — nach dem ersten Höhepunkt in Form des Refrains steigt der (An)Spannungsverlauf hier also auf einem höheren Niveau ein. Anders gedeutet, in Bezug auf die (scheinbare) Grundthematik, reflektiert die instrumentale Struktur das Aufbauen auf bisherigen Errungenschaften – in diesem Falle – Deutschlands. In der darauf folgenden Bridge festigt sich aufgrund des marschartigen Schlagzeugs, der gedämpften und stakkatohaft gespielten Gitarren und des im Habitus des Stolzes präsentierten Gesangs die Analogie zwischen Deutschland und einem stark national(sozial)istisch imprägnierten, hymnischen (und propagandistischen) Loblied, was später noch hinsichtlich des Textes näher thematisiert werden soll. Die sphärische Klavierstimme wirkt ob dieser instrumentellen Umgebung paradox-unpassend und fokussiert dadurch die eben dargelegte Wirkung weiter statt sie möglicherweise zu entschärfen. Hierauf folgt wieder der Refrain in doppelter und bekannter Ausführung, woran sich ebenfalls der bereits besprochene Post-Chorus knüpft.

Auf diesen provokant-enthusiasmierenden Abschnitt folgt ein mit weniger Instrumenten arrangiertes und ruhigeres, zweitaktiges Zwischenspiel. Der erste Abschnitt wird einmal mehr durch die Synthesizerspur bestimmt, die jeweils auf der ersten Zählzeit des Taktes von einer Bassdrum und Ein-Wort-Einwürfen des mehrstimmigen Chores ergänzt wird. Im zweiten Teil steigt das Schlagzeug dann mit Bassdrum-Schlägen auf jeder Zählzeit ein, sinister klingende Flächensounds und der Hauptgesang treten dazu und der Spannungsbogen intensiviert sich ein letztes Mal, um schließlich im Refrain final zu kulminieren. Hierbei erfüllt das Zwischenspiel zwei Funktionen: Intermedial betrachtet tritt das Lied in den Hintergrund und schafft Raum für das Video, mit dem das Lied eng verknüpft ist. Liedimmanent demonstriert es zum letzten Male die dramaturgische Komposition des Lieds, da das Zwischenspiel als retardierendes Moment verstanden werden kann, welches – die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm symbolisierend – den absoluten Höhepunkt des Liedes einleitet und die Entladung der angestaunten Empfindungen im hymnischen Chorus hinauszögert und damit steigert. In Hinsicht auf die Instrumentierung, den Gesang und die damit erweckten Emotionen und Regungen greift der letzte Doppel-Refrain und der folgende Post-Chorus die Charakteristika der Vorgänger auf. Zudem wird die bereits proklamierte, hymnisch-lobpreisende und euphorische Wirkung durch das Einsetzen einer hohen, pathetischen und mit Legatotechnik singenden Frauenstimme augmentiert, die aufgrund der Abmischung über dem Restarrangement zu thronen scheint und angesichts der gesanglichen Präsentation einmal mehr als Marker der Ambivalenz verstanden werden kann: Zum einen könnte der Gesang als exaltierter und beglückter Siegesschrei verstanden werden; zum anderen könnte er auch einem Wehklagen gleichen, das als emotionales Ventil für die Aggressivität und das Leid, was durch die Musik evoziert werden kann, angesehen werden könnte. Das unmittelbar anschließende Outro besteht aus der zum brachialen Refrain konträren, stark mit Hall belegten Klavierspur aus dem ersten Pre-Chorus. So offeriert Deutschland einen versöhnlichen Abschluss und indiziert ein letztes Mal seine inhärente Ambivalenz, die sich nicht nur im Kontext der Musik, sondern auch im Text manifestiert und die aufmerksam und gewissenhaft zu betrachten und zu hinterfragen ist. An dieser Stelle ist zusammenfassend festzuhalten, dass Deutschland sich bereits musikalisch durch die klimaktische Struktur, das einerseits martialisch-aggressive und andererseits subtile Arrangement, die Anlehnung an sowohl treibende Marschmusik als auch die pathetisch-hymnischen und damit stellenweise übertrieben-lächerliche Charakterzüge als ‚typisches‘ Rammstein-Lied präsentiert. Nicht zuletzt ist auch die enge Interdependenz zwischen der Musik und dem Text charakteristisch für Rammstein; letzterer soll nun im Folgenden analysiert werden.

Text

Die bereits in der musikalischen Darbietung indizierte Ambivalenz, welche zudem auch im Video omnipräsent, dabei jedoch primär pejorativ konnotiert ist, manifestiert sich ebenfalls im Text. Daneben ist zu Beginn dieses Abschnitts gleich darauf hinzuweisen, dass sich der Text vornehmlich am negativ-pessimistischen Tenor des Videos orientiert.

Die erste Strophe des Liedes beginnt mit dem eindringlich vorgetragenen, als direkte Anrede intendierten Personalpronomen „Du“ (V. 1). Wie weiter oben bereits dargelegt, erinnert sowohl der Text als auch die Darbietung stark an Rammsteins Du Hast. Isoliert betrachtet, wirft diese Art der unmittelbaren Anrede die Frage auf, welches metaphorische, symbolische oder figural-persönliche Du hiermit angesprochen wird. Der zweite Vers komplettiert den Satz mit der Perfektkonstruktion „hast viel geweint“ (V. 2), wodurch die zuvor noch imaginierte, beinahe anklagend wirkende Anrede zu einer Feststellung erweitert wird. Angesichts des Liedtitels ist davon auszugehen, dass mit dem Du Deutschland, das deutsche Volk und/oder das deutsche ‚Wesen‘ adressiert wird, welches in der jeweiligen Epoche die deutsche Identität reflektiert(e) und bestimmt(e). Das viele Weinen Deutschlands und seiner Bewohner resultierte aus der – im Video fulminant inszenierten – jahrtausende langen Geschichte Deutschlands, welche von grausamer Gewalt bestimmt war, sowohl für diejenigen Länder und Menschen, welche in Konflikte mit dem Deutschland der jeweiligen Epochen kamen, als auch häufig für die Deutschen selbst. Zugleich verweist das Hilfsverb „hast“, welches vom Backgroundgesang mehrfach wiederholt wird, als Homophon von „hasst“ auf einen Urquell der historischen Gewalt – den Hass auf Fremdes und Andersartiges aller Art.

Darauf folgt eine weitere Attestierung, nämlich dass Deutschland lange „im Geist getrennt“ (V. 3) gewesen sei. Dieser Vers weist auf eines der Zentraltraumata der deutschen Geschichte und Identität hin, welches über Jahrhunderte und viele Bestrebungen und Prozesse hinweg – zumindest formal – überwunden wurde: Die Trennung Deutschlands in multiple Bereiche, ein über lange Zeit fehlendes nationales Einheitsbewusstsein und der Wunsch nach eben einem solchen. Von den fragmentierten Königreichen des Mittelalters, über die kleinteiligen Fürstentümer in der Neuzeit und die vier Besatzungszonen als Folge des Zweiten Weltkriegs bis zur Teilung in DDR und BRD während des Kalten Krieges – die längste Zeit seiner Geschichte war Deutschland in mannigfaltiger Form getrennt und ungeeint. Die Trennung im Geiste verweist auf das historische Vorhandensein unterschiedlicher Strategien, Intentionen der Macht- und Führungspolitik, gesellschaftlicher Modelle und Ziele, Staatssysteme und Ideologien, welche zu einer Vielzahl mentaler Distinktionen führten. Besonders relevant ist hier die Betrachtung des gegenwärtigen Status Quo, da Deutschland mit dem Ende der DDR und deren Eingliederung in die BRD die Trennung formal überwunden hat, jedoch in den Köpfen der Bewohner – besonders in Bezug auf die West-Ost-Differenz – allem Anschein nach noch getrennte Tendenzen vorliegen, was beispielsweise an den vorherrschenden politischen Schwerpunkten flagrant wird. Für Rammstein ändern mental-geistige Unterschiede, die von der „Gründung“ Deutschlands bis heute existent sind, nichts an der Tatsache, dass sich das deutsche Wesen und seine Repräsentanten nach nichts mehr sehnten, als „im Herz vereint“ (V. 4) zu sein (verdeutlicht durch den wiederholenden und damit das Wort „vereint“ betonenden Backgroundgesang), wo seit jeher ein gemeinsames Deutschland seinen Platz hat, was nunmehr auch völkerrechtlich erreicht wurde.

Dann wechselt das verwendete Personalpronomen vom exklusiven „Du“ zum inklusiven „Wir“ (V. 5), wodurch Lindemann sich das erste Mal in Relation zu Deutschland setzt und das gemeinsame Verhältnis reflektiert. Zudem könnte er hier auch wieder als pars pro toto für das deutsche Volk agieren, dessen Verhältnis zum Land ventiliert. „Wir“, also Deutschland und die lebenden Inkarnation dessen Wesens und Identität, „sind schon sehr lang zusammen“ (V. 6), haben also eine langandauernde, vielfältige und oft tragisch abgelaufene Geschichte; allerdings wurden sämtliche Konflikte und Strapazen überstanden, was in einer starken Verbundenheit und einem mächtigen Halt resultierte, durch den Deutschland heute große Stabilität erreichen konnte. Das hier auf das Pronomen „wir“ folgende Echo „ihr seid“ (ebd.) könnte als Betrachtung und Anerkennung von außen gelesen werden, die versichernd den Zusammenhalt zwischen Land, Identität und Menschen honoriert.

Das nächste Satzpaar weist eine antithetische Struktur auf. Einerseits wird Deutschlands Atem als „kalt“ (V. 7) identifiziert. Dies könnte auf das bekannte Bild vom kalten Atem des Todes verweisen. Nicht nur waren Deutschland und Deutsche im Laufe der Geschichte für viel Leid und Tod verantwortlich, hervorzuheben ist hierbei auch die erschreckende emotionale Kälte, die beim Begehen derlei von Untaten an den Tag gelegt wurde. Als eindringlichstes Exempel sei hier die systematische Planung und Durchführung des Mordes an den Juden im Dritten Reich angeführt. Diametral gegenüber steht das „Herz“, das dabei „in Flammen“ (V. 8) steht. Intertextuell ist hier auf eine Parallele zu Rammsteins Mein Herz brennt (2001) hinzuweisen. In Korrelation zum kalten Atem könnte das in Flammen stehende Herz so gedeutet werden, dass viele der Untaten, die im Laufe der Geschichte von Deutschland ausgehend begangen wurden, vom Wunsch nach einem geeinten Land und einer gemeinsamen Identität befeuert wurden. Zum anderen kann die brennende Liebe der Einwohner zum Land selbst auch negativ als blinder Nationalismus gedeutet werden, welcher ebenfalls viele Opfer forderte. Zudem kann das schmerzhaft-brennende Herz auch lodernde Schuldgefühle ob der unzähligen Schandtaten im Namen Deutschlands darstellen. Textlich belässt es die Hauptstimme im Pre-Chorus beim Singen der in der ersten Strophe vorgekommenen Personalpronomina: „Du“ (V. 9) adressiert wieder Deutschland und seine Identität; die Backgroundzeile „du kannst“ (ebd.) bleibt dabei sehr vage und kann in zwei Tendenzen gedeutet werden: Zum einen wird – mit Rückblick auf die Gewalttaten der Vergangenheit – darauf hingewiesen, dass Deutschland die Fähigkeit hat, immensen Schaden in globalem Ausmaß zu erzeugen. Zum anderen vermag es Deutschland ob seiner Ressourcen und Einstellung ebenfalls, Gutes zu schaffen (als Beispiel sei hier die humanitäre Vorbildfunktion im Kontext der „Flüchtlingskrise“ genannt). Deutschland, seine Identität und Einwohner haben das Potential, alles zu erreichen, jedoch muss diese Macht für das richtige Ziel genutzt werden. „Ich“ respektive „ich weiß“ (V. 10) zeigt, dass das Sprecher-Ich um diese Macht und Fähigkeit und damit auch die Pflicht zur korrekten Verwendung beider Aspekte weiß. Darauf verschmelzen das Ich und das Du wieder zu einer Einheit (vgl. V. 11). Das Pronomen „Ihr“ und das folgende Echo „ihr seid“ (V. 12) grenzt sich von eben dieser Einheit ab. Erneut als Blick auf Deutschland aus externer Perspektive lesbar, könnten hiermit Beobachtungen Deutschlands, seines Potential und seiner Position aus nicht positiver oder gar feindlicher Perspektive gemeint sein, welche von Neid und Angst um die Rolle des geeinten Deutschlands geprägt sind.

Der hymnische Refrain beginnt mit dem beherzten und brutal wirkenden Ausruf „Deutschland“ (V. 13). Dies Exclamatio erinnert an eine wütend-vorwurfsvolle Anrede, die häufig den Beginn eines lautstarken Disputes einleitet und in Folge derer die Gründe für den potentiellen Streit oder Vorwürfe vorgebracht werden; dies scheint auch hier der Fall. Erneut ist von einem in Flammen stehenden Herzen die Rede, wobei es sich nicht mehr um das Deutschlands handelt, sondern um das des Sprecher-Ichs („Mein Herz in Flammen“; V. 13). Hier kann sich eine stark ambivalente Deutung an der oben erfolgten orientieren, obgleich sie hier als eindeutiger bezeichnet werden kann. Die Interpretation als Metapher der starken Liebe lässt sich auch hier anwenden. Jedoch ist hier unbedingt der bereits angedeutete Aspekt des mit der Liebe einhergehenden Schmerzes zu inkludieren; das Sprecher-Ich leidet also an der Liebe zu Deutschland. Dies demonstriert seinen omnipräsenten Identitätskonflikts , der hier zuerst deutlich sichtbar und dessen Lösung von einem Bedürfnis zur Auseinandersetzung mit dieser Liebe angetrieben wird. Dieses unbestimmte, zerrissene und quälende Verhältnis festigt sich im darauffolgenden Vers, in dem es „will dich lieben und verdammen“ (V. 14) heißt. Diese antithetische Konstruktion ist ein klarer Indikator für die Zerrissenheit des Sprecher-Ichs, das sich – im Spiegel der gegenwärtigen Erinnerungskultur ob der Schande und Schuld – nicht entscheiden kann, welche Emotionen es seiner Heimat Deutschland gegenüber zeigen soll; der dezidierte Wunsch nach der Demonstration einer der beiden diametralen Gefühlstendenzen steht für das ambivalente Verhältnis des Sprecher-Ichs zu Deutschland und seiner Geschichte, was in der heutigen Zeit als zentrales Konstitutiv der deutschen Identität gelten kann. Als Grund für den potentiellen Hass gegenüber Deutschland wird erneut der kalte Atem als Sinnbild für das Leid angeführt (vgl. V. 15), für das Deutschland in seiner Geschichte so oft verantwortlich war. Der nächste Vers weist eine paradoxe Semantik auf, die auf den ersten Blick verwirren mag: „So jung, und doch so alt“ (V. 16). Diese Paradoxie ist allerdings angemessen und zutreffend, spiegelt sie doch die fragmentierte und temporal konfuse Entwicklung des Landes mit vielen Zäsuren, die einen kohärenten Entwicklungsstrang verhinderten. Die erste Szene des Videos rekurriert entsprechend auf das mythisch-symbolisch Gründungsdatum der deutschen Identität um 16 n. Chr. Betrachtet man die Etablierung einer Identität und nicht ein juristisches Dokument als zentral für die Bildung einer Nation, so existiert Deutschland seit über 2000 Jahren. Im Laufe dieser langen Historie mit all ihren gewalttätigen Auswüchsen ist zu erhoffen, dass Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, um diese in der Gegenwart und Zukunft zu vermeiden. Da heutzutage häufiger vor der Gefahr eines gesellschaftlichen Rückfalls besonders in die Zeit des Dritten Reiches gewarnt wird, kann der Verweis auf Deutschlands Alter als ein Appell an eben jene historische Erfahrung verstanden werden, um diese Phase nicht erneut durchleben zu müssen. „So jung“ (ebd.) wiederum verweist auf die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland in ihrer heutigen, wiedervereinigten Form erst seit dem Jahr 1990 existiert und damit ein enorm junges Land darstellt, obwohl der Geist Deutschlands eben schon deutlich länger existiert. Auch das letzte Wort des Refrains, „Deutschland!“ (V. 17) ist als appellative Anrede zu verstehen.

Die zweite Strophe gleicht der ersten strukturell. Wieder wird mit einem Personalpronomen begonnen, dieses Mal mit „Ich“ (V. 18). Wie schon in der ersten Strophe singt der Backgroundgesang hier die Wörter „du hast“ (ebd.), wobei darin nun eindeutig das Homophon „hasst“ zu lesen ist, da in der zweiten Strophe das ambivalente Verhältnis des Sprecher-Ichs zu Deutschland mit Liebe auf der einen und Hass der anderen Seite unmissverständlich evident wird. Denn obwohl Emotionen der Ablehnung beim Sprecher-Ich existent sind, hält es Deutschland die Treue: „ich will dich nie verlassen“ (V. 19). Trotz all der Untaten Deutschlands und der globalen Schäden, die im engsten und weitesten Sinne durch es verursacht wurden und stellenweise noch werden möchte das Sprecher-Ich seinem Heimatland nicht den Rücken zu kehren. Diese Hin- und Hergerissenheit zeigt sich auch im Satz „du weinst“ (ebd.), der wiederholt gesungen wird und als emotionales Ventil des Konflikts verstanden werden kann, der im Sprecher-Ich tobt. Dieser Konflikt der ambivalenten inneren Zerrissenheit kulminiert in den Versen 20 und 21: „Man kann dich lieben“ (V. 20), „und will dich hassen“ (V. 21). Der erste Bestandteil kommuniziert, dass – konträr zu vielen abzulehnenden und zu verurteilenden Aspekten bezüglich Deutschlands und seiner Geschichte – auch diverse positive Aspekte zu attestieren sind, die es möglich machen können, Deutschland zu mögen oder sogar zu lieben: Beispiele hierfür wären diverse Erfindungen, die, aus Deutschland kommend, der Welt Fortschritt und Verbesserungen brachten: der Buchdruck, das Dynamo, medizinische Forschung wie die Bakteriologie, die radiologische Bildgebung und die Chemotherapie, die Straßenbahn und das im Video dargestellte Automobil. Dazu ist auch die historische Relevanz Deutschlands als Kulturnation hervorzuheben, die Künstler von Weltrang wie Albrecht Dürer, Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann oder Gerhard Richter hervorbrachte. Zudem verfügt das heutige Deutschland ebenfalls über Eigenschaften und Instanzen, die Zuneigung von Bürgerseite hervorrufen können: Insbesondere – vor allem nach den Schrecken des Dritten Reiches – sind hier der ausgezeichnet funktionierende Rechtsstaat und die weltweit anerkannten Sozialsysteme hervorzuheben, die Deutschland zu einem der lebenswertesten Länder machen. Diese Exempel, die verdeutlichen, dass die deutsche Geschichte nicht exklusiv eine schandhafte und das Land zu verdammen ist, offerieren dem Sprecher-Ich und damit dem deutschen Volk die Möglichkeit, Deutschland zu mögen, man „kann“ es lieben – die Verwendung des modalen Hilfsverb räumt die Möglichkeit dazu ein. Demgegenüber steht jedoch der Hass, den das Sprecher-Ich Deutschland entgegenbringt – einerseits wohl primär aufgrund der Ereignisse, welche auch im Video dargestellt werden, andererseits könnte hier auch auf die eben aufgeführten Dinge Bezug genommen werden, welche zunächst positiv anzusehen sind, die aber im Laufe der Historie ebenfalls zu Schlechtem missbraucht wurden: Beispielsweise wurden diverse technische und auch wissenschaftlich-medizinische Innovationen für militärische Zwecke genutzt. Besondere Emphase ist hier auf die Verwendung eines weiteren Modalverbs zu legen: wollen; man will Deutschland „hassen“ (V. 21). Wollen impliziert den Wunsch, den Willen und die Absicht, etwas zu tun, in diesem Fall, Deutschland zu hassen. Hier sind zwei Lesarten zu offerieren: Zum einen spielt Rammstein hier auf die in nationalistischen Kreisen häufig angeprangerten Selbsthass der Deutschen an, der – Verschwörungstheorietendenzen folgend im politisch-gesellschaftlichen Diskurs erzeugt und verbreitet – dafür sorgt, Patriotismus (in diesem Fall eher gefährdenden Nationalismus) zu unterbinden. Diese Radikalität ist angesichts der klaren Distanzierung Rammsteins von derartigem Gedankengut jedoch abzulehnen; eher wird hier eine subtile Aufforderung artikuliert, den starken Hass auf Deutschland, der häufig von militant-linksextremistischen Gruppen proklamiert wird, zu reflektieren und auch positiv-optimistische Tendenzen zu erlauben. Zum anderen wird hier auf die mögliche Entscheidung verwiesen, Deutschland, abgesehen von all seinen positiven Aspekten und Faktoren, aufgrund seiner Geschichte und mannigfaltiger negativer Aspekte und Tendenzen bewusst zu hassen. Die Verwendung beider Modalverben demonstriert einmal mehr das ambivalente, zerrissene und gebrochene Verhältnis zwischen Deutschland, seiner Geschichte und seinen Bürgern. Es existiert kein objektiver Zwang, es zu lieben noch es zu hassen. Jede Einzelperson muss sich bewusst mit diesem Konflikt auseinandersetzen und ihn individuell lösen, wobei sowohl die Argumente für eine potentielle Liebe als auch für einen potentiellen Hass abzuwägen sind.

Darauf folgt der textlich wohl umstrittenste Abschnitt des Liedes, die Bridge. Konstitutiv ist die über sechs Wörter gereihte Alliteration mit dem Affix „über-“ (V. 22-24). Inhaltlich wird eine Kurzzusammenfassung über die negativen Eigenschaften und Handlungen Deutschlands gegeben, die als Grund für den oben indizierten Wunsch, Deutschland zu hassen, angesehen werden können. „Überheblich“ und „überlegen“ (V. 22) sind hier als semantische Einheit zu betrachten. Die beiden Termini können als stellvertretend für die Wahrnehmung Deutschlands, einerseits aus der Innen- und andererseits aus der Außenperspektive, in der Vergangenheit und der Gegenwart gelesen werden. Das Gefühl von deutscher Überlegenheit kulminiert prägnant in der Parole „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“, welche originär in Emanuel Geibels Gedicht Deutschlands Beruf (1861) erschien. In diesem votiert er für die Einheit Deutschlands und fordert die noch vorhanden Einzelstaaten zur Einigung unter einem Herrscher, Wilhelm I. auf, was schließlich 1871 mit der Reichsgründung geschah. Unter dem „deutschen Wesen“ ist hier das geeinte Staatswesen zu verstehen, von dem eine Welle der Einigung und des Friedens über Europa ausgehen sollte. Kaiser Wilhelm II. nutzte die selbe Parole im Kontext einer Rede 1907 jedoch dazu, die weltweite Machakkumulation Deutschlands zu legitimieren, da nur so die Heilung der „kranken“ Länder durch die (politische) Macht, Überlegenheit und Genesungswirkung Deutschlands erreicht werden könne. Auch die Nationalsozialisten führten die vermeintliche Überlegenheit des Deutschen als Grund für ihre Feldzüge an, um den Deutschen den Raum und Einfluss zu verschaffen, der ihnen aufgrund ihrer Überlegenheit zusteht. Die Überheblichkeit wiederum ist eine Eigenschaft, welche Deutschland heutzutage primär von anderen Staaten attestiert wird. Dies speist sich vor allem durch die hervorgehobene, machtvolle und federführende Position, die Deutschland im Rahmen der gesamteuropäischen Politik einnimmt, beispielsweise im Umgang mit der Griechenlandkrise.

Die Wörter „übernehmen“ und „übergeben“ (V. 23) erlauben ebenfalls multiple Deutungen. „Übernehmen“ gestattet drei gleichermaßen nachvollziehbare Lesarten: Erstens verweist es auf die imperialistischen Aktivitäten Deutschlands im Kaiserreich an, beispielsweise die Kolonialisierungsbestrebungen in Afrika, um Deutschland seinen ihm zustehenden „Platz an der Sonne“ zu sichern. Zweitens kann auch ein eindeutiger Konnex zur Zeit des Dritten Reiches und der Ost- und Westerweiterung (beispielsweise um das Sudetenland und Elsass-Lothringen), um durch gewaltsame Übernahme den Einfluss- und Machtbereich Deutschlands zu potenzieren, gezogen werden. Die dritte mögliche Lesart zielt auf eine andere Bedeutungsebene des Verbs „übernehmen“ ab: die Überanstrengung und das daraus resultierende Scheitern. Auch hierfür lassen sich in der jüngeren deutschen Geschichte mindestens zwei Exempel finden: Einerseits führte die Kolonialisierung, die immensen Aufwand auf vielerlei Ebenen mit sich zog, zur außenpolitischen Isolierung Deutschlands und letztlich zum Ersten Weltkrieg. Andererseits ist auch der Zwei-Fronten Krieg mit Russland im Osten und den restlichen Alliierten im Westen sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg als nicht zu bewältigende Anstrengung zu sehen; beide Male resultierte das Sich-Übernehmen in humanitären und staatspolitischen Katastrophen. Auch gegenwärtig grassiert die Sorge davor, sich im Zuge der global-geopolitischen Problemherde (wie beispielsweise der Flüchtlingskrise) zu übernehmen, was erneut katastrophale Folgen haben könnte.  „Übergeben“ (ebd.) wiederum kann als direkte Folge der gescheiterten Aspirationen gelesen werden, in deren Folge eroberte Gebiete wie eben Elsass-Lothringen oder Ostpreußen an andere Staaten übergeben werden mussten. Zudem sind auch beide Wörter gemeinsam mit Bezug auf das Dritte Reich zu deuten. Von Historikern wird mittlerweile vermehrt von der Machtübergabe an Adolf Hitler durch seine Ernennung zum Reichskanzler im Jahr 1933 gesprochen. Gleichermaßen wurde eben diese Machtübergabe durch die gewaltsamen Versuche der Übernahme der selbigen forciert und herbeigeführt.

Das darauf folgende Begriffspaar „überraschen“ und „überfallen“ (V. 24) ist ebenfalls einmal mehr ambivalent zu deuten. Auf der einen Seite kann „überraschen“ (ebd.) ein Verweis darauf sein, dass es überraschend anmuten mag, dass Deutschland – im Licht seiner Geschichte – heutzutage einen derart humanen, solidarischen und pflichtbewussten Umgang auf der weltpolitischen Bühne pflegt. Auf der anderen kann das Wort in Kombination mit dem folgenden „überfallen“ (ebd.) verstanden werden, was wohl auf den überfallartigen und dadurch überraschenden Blitzkrieg-Feldzug gegen Polen im September 1939 anspielt, womit Zuge Deutschland – trotz des geschlossenen Nicht-Angriffspaktes – den Zweiten Weltkrieg verschuldete. Der folgende Vers „Deutschland, Deutschland über allen“ (V. 25) löste viel Unmut und Kritik aus, da er offensichtlich an den ersten Vers der  ersten Strophe des Lieds der Deutschen angelehnt ist, welche im Dritten Reich als Hymne fungierte und häufig im nationalistisch-rechtsextremen Milieu gesungen wird, worauf auch Lindemanns Artikulation rekurriert, ebenso wie die Visualisierung im Video mit der skandalisierten KZ-Szene. Ursprünglich als Proklamation des Strebens nach einem geeinten Nationalstaat als wichtigstes Ziel gedacht, wurde die Zeile von den Nationalsozialisten missbraucht, um ihre Kriegsvorhaben zu legitimieren. Auch hier scheinen drei Deutungshypothesen nachvollziehbar. Obwohl dieser Satz eindeutig auf Deutschlands expansive und radikal-nationalistische Vergangenheit Bezug nimmt, so ist der Vorwurf, dass Deutschland sein Wohl über das anderer stellt, auch gegenwärtig noch immer präsent. Durch seine Waffenexport- und vor allem Wirtschaftspolitik schadet Deutschland – ob direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst – im globalen Wettbewerb anderen Ländern und Menschen, womit es sich wieder „über allen“ einordnet und positioniert. Daneben weist dieser Vers einen doppelten Appellcharakter auf: Zum einen wird eine provokante Methode verwendet, um auf wiederkehrende und neuradikale rechtsextreme Strömungen aufmerksam zu machen. Viele gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängte Bürger sehnen sich nach einer nationalistisch geprägten und diktatorischen Ordnung und folgen daher politischen Gruppen, welche als Megafone (oder Rattenfänger, um kurz Bezug auf das Video zu nehmen) dieser Idee und Ideale gelten, blind und unreflektiert. Rammstein ruft dadurch einmal mehr dazu auf, diese Tendenzen scharf zu beobachten und einzugreifen, um eine Renaissance dieser überwundenen und schrecklichen Phase der deutschen Geschichte zu verhindern. Zum anderen kann es angesichts der Auflistung und der – auch im Video präsentierten – Fokussierung auf die negativen Aspekte der deutschen Geschichte und der daraus resultierenden Schuld auch als Aufforderung dazu verstanden werden, die deutsche Identität nicht ausschließlich auf die Vergangenheit auszurichten, was ein spezifisch deutsches Phänomen zu sein scheint. Die Idee und Identität Deutschlands steht damit „über allen“ historischen Geschehnissen und muss diese wirksam verarbeiten, nicht aber verdrängen, um in der Gegenwart und Zukunft erfolgreich, vereint und versöhnlich zu sein. Diesen Identitätskonflikt gilt es reflektiert zu lösen.

Der zweite Refrain zeigt sich in seinem ersten Teil identisch zum vorherigen. Im zusätzlichen zweiten Teil wird die von Deutschland ausgehende Liebe thematisiert, die für das Sprecher-Ich „Fluch und Segen“ (V. 26-27) zugleich darstellt, also erneut ein ambivalentes Konstrukt ist. Die Liebe Deutschlands seinen Bürgern gegenüber kann in vielerlei Hinsicht als ein Segen gewertet werden. Deutschland ist ein hochentwickeltes, gerechtes und sicheres Land, in dem das Gros der Bürger alle Möglichkeiten der freien Lebensentfaltung hat, sicher vor den meisten Gefahren ist und in Unglücksfällen vom Staat und der inhärenten Solidargemeinschaft aufgefangen und unterstützt wird, wodurch Deutschen in Deutschland ein hohes Lebensniveau gesichert ist. Auch im Ausland kann die deutsche Staatsbürgerschaft in Problemfällen ein Segen sein, da Deutschland auch auf diplomatischer Ebene für seine Bürger sorgt und sich einsetzt. Jedoch kann sich die Liebe Deutschlands zu seinem Volk auch als Fluch manifestieren. Dieser Fluch betraf oder betrifft zunächst nur andere Länder und Menschen, welche aufgrund der Liebe Deutschlands zu Schaden kommen; als Beispiel seien hier wieder die Kolonien oder Gebiete in Osteuropa genannt, welche von Deutschland einverleibt wurden, um so dem eigenen Volk mehr Wohlstand und Lebensraum zu ermöglichen. Auch Deutschlands Verhalten in der europäischen Fiskalpolitik nützt in erster Linie der deutschen Wirtschaft, wobei jedoch anderen Staaten wie Spanien oder Griechenland geschadet wird, sie also vom Fluch betroffen sind. Der letzte Vers des Refrains stellt zugleich auch den letzten des gesamten Liedes dar, weshalb er erst am Schluss betrachtet werden soll. Darauf folgt erneut die Anführung der Personalpronomina, zunächst ohne weitere Annotationen. Hierdurch werden neben Deutschland („du“; V.31) und dem Sprecher-Ich („ich“; V. 32) das gesamtdeutsche Volk („wir“; V. 33) und etwaige Außenstehende („ihr“; V. 34) adressiert. Angesichts der im Vorfeld dargestellten Fehler und daraus resultierenden Folgen für Deutschland, Europa und die ganze Welt, werden hiermit alle Beteiligten zur Vorsicht ermahnt; jeder steht in der Verantwortung, aus der Geschichte zu lernen und daran zu arbeiten, um mögliche Wiederholungen – besonders angesichts der angespannten globalpolitischen Situation – um jeden Preis zu verhüten.

Dann werden die Pronomina wiederholt, rücken jedoch in den Hintergrund. Im Fokus steht erneut eine Alliterationsreihe mit dem Präfix „über-“ (V. 35-38). In diesem Abschnitt sind die unterschiedlichen Termini als Gegensatzpaare arrangiert. „Übermächtig“ (V. 35) bezieht sich auf die Sonder- und Vormachtsstellung, die Deutschland besonders in Europa aber auch in der Welt immer wieder einnahm und auch gegenwärtig wieder einnimmt. Die gewaltsame Nutzung dieser Position führte letztlich auch zur Desaster des Zweiten Weltkriegs. Auch nach dem Krieg und vor allem im Zuge der deutschen Wiedervereinigung existierte unter den Führungspersonen der Alliierten die Sorge und Furcht vor einem wiedererstarkten Deutschland, das im europäischen Gefüge erneut zu mächtig und dadurch wieder gefährlich werden könnte. Diese Sorge erwies sich teilweise als berechtigt, wenn auch nicht auf militärisch-expansiver Ebene: Beispielsweise nahm Deutschland im Kontext der Griechenlandkrise zu eigenen Gunsten entscheidenden Einfluss auf die gesamteuropäische Politik. Auch hinsichtlich der Flüchtlingsthematik werfen andere europäische Staaten Deutschland einen zu großen Einfluss vor und wehren sich gegen selbigen. Die unmittelbar darauf folgende Artikulation des Adjektivs „überflüssig“ (ebd.) evoziert zwei Deutungsmöglichkeiten. Einerseits sei hier auf die linksextremistisch imprägnierte und von vielen Zeitungen unreflektiert wiedergegebene Deutung angeführt, welche in diesem Wort die Überflüssigkeit Deutschlands lesen, was eine Ablehnung und Abschaffung Deutschlands impliziert. Wahrscheinlicher ist hier jedoch die Ansicht der Wertung nationalistischer Allmachtsphantasien als überflüssig. In unserer globalisierten und vernetzten Welt können einzelne, pseudo-autarke und isolierte Staaten nicht mehr bestehen; zwar gibt es hervorgehobene Machtzentren, zu denen auch Deutschland gehört, allerdings kann auf politischer, wirtschaftlicher und technologischer Ebene kein Staat mehr einzeln florieren, die Akkumulation umfassender und alleiniger Macht ist unmöglich, nahezu alle Staaten stehen in einem interdependenten Verhältnis. Das artikulierte Wort „Übermenschen“ (V. 36) verweist eindeutig auf Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra (1884), worin er diesen Idealtypus des Menschen entwirft, welcher die Fesseln der Menschheit und der Moral durchbricht, damit sein eigener Herr wird und die Menschheit als Gattung auf die nächste Entwicklungsebene eleviert. Einzelne Aspekte dieser Theorie wurden von den Nationalsozialisten missbraucht, um ihre Ideologie der ‚überlegenen deutschen Herrenrasse‘, die über andere herrschen muss, zu legitimieren. Der kriegerischen Durchsetzung dieser verblendeten, inhumanen, nationalistischsten und rassistischen Ideologie fielen Millionen Menschen zum Opfer, was eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte darstellt. Dieser ideologischen Programmatik, welche auch in den letzten Jahren vereinzelt Zuspruch findet, ist das Sprecher-Ich „überdrüssig“ (ebd.); seiner Ansicht nach hat diese Art des Denkens im heutigen Deutschland keinen Platz und muss exkludiert und bekämpft werden. Darauf folgt „Wer hoch steigt, der wird tief fallen“ gefolgt vom Personalpronomen „wir“ (V. 37). Hier wird das deutsche Volk und Deutschland in seiner Gesamtheit angesprochen. Das aufgeführte Sprichwort stellt ein perfekt passendes Destillat im Blick auf die deutsche Geschichte dar: Von den Kreuzzügen über das Heilige Römische Reich, die technischen Erfindungen (versinnbildlicht durch den Zeppelinabsturz), den Kolonialismus bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg – der inhärente Übermut, der Missbrauch von Macht und die römisch imprägnierte Neigung zu unbändigem Kampf, Siegeswillen und Größenwahn führte in der deutschen Historie immer zu schrecklichen Resultaten für alle Beteiligten. Wir, d.h. das heutige Deutschland und seine Bürger, haben den Auftrag, in der Zukunft diese Exzesse zu verhindern, um einen weiteren vermeintlichen Aufstieg und daraus folgenden Fall, der womöglich Deutschlands finaler sein würde, zu vermeiden. Der wiederholte Vers „Deutschland, Deutschland über allen“ (V. 38) kann wie oben gedeutet werden. Zusätzlich offenbart er jedoch Optimismus, denn das heutige Deutschland verfügt über die Kraft und Reflexionsfähigkeit, um sich über das Geschehene zu erheben, um eine bessere Zukunft zu erreichen.

Der letzte Refrain zeigt sich in seinem ersten Bestandteil erneut identisch mit den beiden vorherigen, wobei auf zwei kleine, jedoch wirksame Unterschiede hinzuweisen ist. Die Rollen zwischen dem Du und dem Ich sind hier vertauscht: Nun lodert Deutschlands Herz („Deutschland, dein Herz in Flammen“; V. 39) und der Atem des Sprecher-Ichs ist eisig („Mein Atem kalt“; V. 41). Darauf folgt dann das bereits angedeutete, finale Schlusswort des Liedes: „Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“ (V. 45-46). in diesem Satz kulminiert die in Musik, Video und Text demonstrierte Ambivalenz. Angesichts der zahllosen Schandtaten, die Deutschland im Verlauf seiner Historie zurecht zugeschrieben wurden und werden, angesichts aller indifferenten bis negativen Emotionen gegenüber Deutschland ist es dem Sprecher-Ich nicht möglich, dem Land gegenüber seine vollständige Liebe zu äußern, zu zerrissen ist das deutsche Wesen, zu ambivalent die deutsche Identität. Diese schmerzhafte Zerrissenheit zeigt sich visuell am weinenden Till Lindemann, der sichtlich mit seinen Emotionen seinem Heimatland gegenüber ringt. Allerdings wird – insbesondere durch das Video – auch angedeutet, dass die Liebe zum eigenen Land, Patriotismus nicht Nationalismus, vielleicht in Zukunft möglich sein konnte, wenn es Deutschland und seinen Bürgern gelingt, aus der partiell horrenden Vergangenheit die korrekten Folgerungen, Schlüsse und Handlungsanweisungen zu ziehen und sich dabei ein Verhältnis zur Vergangenheit etabliert, welches auf verantwortungsvoller Erinnerung beruht, ohne sich rein von der Vergangenheit lenken und lähmen zu lassen oder sie zu verleugnen. So demonstriert das resignativ wirkende Ende des Textes sowohl unter Berücksichtigung des Subtextes und des Videos als auch der expliziten wie impliziten Ambivalenz auch Optimismus die Zukunft der deutschen Identität betreffend.

Abschließend ist festzuhalten, dass Rammstein mit dem Gesamtkunstwerk Deutschland weder eine objektive Reflexion noch eine subjektiv geprägte Bewertung der langen und gewalttätigen deutschen Geschichte offerieren. Das Lied porträtiert die inhärente Ambivalenz des deutschen Nationalbewusstseins und der deutschen Identität. Diese Ambivalenz reflektiert sich nicht nur in der musikalischen Untermalung und im superfiziell rein negativ konnotierten Video, sondern insbesondere im Text. Ihren Ursprung trägt diese Zwiespältigkeit im paradox wirkenden Verhältnis zur eigenen Geschichte, deren Wahrnehmung und Aufarbeitung: Einerseits resultiert die oft ablehnende Haltung zum eigenen Land aus den negativ behafteten Phasen der deutschen Geschichte, welche primär im Video dargestellt sind. Andererseits wird der gegenwärtige innergesellschaftliche Konflikt im Umgang mit der Geschichte und den daraus abgeleiteten Anforderungen bezüglich Schuld und Verpflichtungen kommentiert, indem der zeitgenössische Identitätsdisput und die für diesen verantwortlichen Geschehnisse synchronisiert werden. Jedoch beziehen sich Rammstein nicht nur auf bereits Vergangenes; es wird auch auf aktuelle Tendenzen der Rolle Deutschlands und der darauf basierenden, jedoch stellenweise auch zu Rückfällen tendierenden, Nationalität verwiesen. An dieser Stelle nutzt Rammstein die Aufmerksamkeit und Marktmacht der Populärmusik, um zum einen eine Art moderne Erinnerungskultur zu offerieren, die auch nachkommende Generationen erreicht, und zum anderen, um durch einen impliziten Appell dazu aufzurufen, die Historie zwar zu bedenken, diese jedoch zu reflektieren, um eine neue Art der Nationalidentität und des Verhältnisses zu Deutschland zu schaffen, die nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt, sondern diese reflektiert und aus den begangenen Fehlern lernt, um selbige nicht zu wiederholen. Deutschland und seine Bürger haben die Pflicht, Schlüsse aus der Geschichte zu ziehen und in Auseinandersetzung mit ihr den gegenwärtigen Identitätsdisput zu lösen, was zu einem neuen Wesen führen soll, das alle Aspekte zu einem gesunden Maß integriert, was zu einem besseren Deutschland für alle führen soll. So besteht am Ende neben Pessimismus Resignation auch ein sublim vermittelter Zukunftsoptimismus, den Rammstein in Deutschland artikuliert, womit sich das Lied und auch das Video als deutlich vielschichtiger erweist, als es mancherorts in der Presse dargestellt wurde.

Katina Raschke und Jan Hurta, Bamberg

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Weicher Kern, harte Schale, Teil I. Ganz schön depri. Zu Hämatom: „Zu wahr um schön zu sein“

Hämatom

Zu wahr um schön zu sein

Grauer Asphalt
Leblos und kalt
Die Stadt peitscht ihre Geiseln durch den Tag
Staub im Genick
Verlorner Blick
Gewinner, wer noch was zu wagen hat
Wo sind die Träume hin
Die uns mal wichtig war'n
Asche kann nun mal kein Feuer schür'n
Zu satt um aufzustehen
Zu stolz voran zu gehen
Gefangene der Freiheit unter sich

An jeder Tür der gleiche Name
In jedem Fenster ein Gesicht
Blatt um Blatt fällt von der Wand
Kein neues Land in Sicht
Die Sucht spiegelt verbrannte Augen
Wut und Schmerz
Die schwarzen Segel am Horizont
Zeigen höllenwärts

Es ist zu wahr
Um schön zu sein
Der Himmel weint
Tränen aus Stein
Wir stehen hier
Allein, allein
Es ist zu wahr
Zu wahr um schön zu sein

Rien ne va plus
Alles auf nichts
Unsere Schatten sind die Peiniger des Lichts
Der Glaube hallt
Verstaubt und alt
Wie ein Hilfeschrei aus längst vergang'ner Zeit

Zum Abgrund und zurück
Hoffnung beißt auf Granit
Ein Kompass der uns nur nach unten führt
Vergilbt und abgeschminkt
Das Leben häutet sich
Schickt gegen uns Soldaten in den Krieg

An jeder Tür der gleiche Name […]

Es ist zu wahr […]
Zu wahr um schön zu sein.
Es ist zu wahr, zu wahr um schön zu sein

     [Hämatom: Wir sind Gott. Rookies & Kings 2016.]

Prolog

Manche Textzeilen erfreuen sich bei Lieddichtern besonderer Beliebtheit. In dieser Serie werden fünf Lieder vorgestellt, welche sich ihren Titel teilen, nämlich Zu wahr um schön zu sein. Diese Inversion des Sprichwortes ‚zu schön um wahr zu sein‘ stellt freilich die Bedeutung der Sentenz auf den Kopf. Wo im Original ein Zustand herrscht, der so schön ist, dass es kaum zu fassen ist, wird in der Inversion eine ‚un-schöne‘ Realität suggeriert. Alle fünf Texte – so viel sei vorweg gesagt – haben gemein, dass sie eine nachdenkliche, in manchen Fällen sogar melancholische Seite von Künstlern zeigen, die aus ‚harten‘ Musikrichtungen (Rock, Punk, Rap) kommen. Dass jeder vorgestellte Künstler die Zeile ‚zu schön um wahr zu sein‘ anders interpretiert, wird nicht verwundern; dass es aber gelegentlich diametral entgegengesetzte Einschätzungen gibt und die Zeile auf völlig unterschiedliche Kontexte angewandt wird, vielleicht schon.

Wie viele Klischees passen in ein Lied?

Wie bereits erwähnt, wurden die in dieser Serie besprochenen Lieder nicht aus sprachlichen oder inhaltlichen Gründen ausgewählt, sondern eben weil sie einen Titel teilen. Dass die Auswahl deshalb qualitativ durchwachsen ist, ist vor diesem Hintergrund wohl zu erwarten. Besonders deutlich wird dies beim Text der Neue-Deutsche-Härte Band Hämatom. Ganz und gar nicht hart geben sich diese im hier besprochenen Lied.

Die Verse „Es ist zu wahr / um schön zu sein“ beziehen sich hier vor allem auf abstrakte Sachverhalte, die nicht näher mit Bedeutung belegt werden. Der inhaltliche Dreh- und Angelpunkt ist die Isolation des Sprecher-Ichs („Allein, allein“). Daneben gibt das Lied nur wenige Anhaltspunkte, was genau „zu wahr um schön zu sein“ ist. Die wiedergegebenen Fetzen aus der Gedankenwelt eines Deprimierten reichen von Desillusionierung („Wo sind die Träume hin / Die uns mal wichtig war’n“), über fehlgeleiteten Stolz („Zu stolz voran zu gehen“) bis hin zu „Wut und Schmerz“.

Die Ausführungen des Sprecher-Ichs sind so drastisch, dass sie schon pathologische Züge annehmen, so ist vom „Abgrund“ und einem „Hilfeschrei“ die Rede. Dass Vereinsamung und Depression ernst genommen werden müssen, ist selbstverständlich. Der Liedtext ist allerdings so voll mit schiefen Metaphern und pathetischen Klischees, dass es schwer fällt diesen ernst zu nehmen. In einer großzügigen Lesart könnte man argumentieren, dass das Sprecher-Ich so verunsichert ist, dass es alle möglichen Klischees abgrast im vergeblichen Versuch sich auf irgendeine Weise auszudrücken.

Es scheint mir aber wahrscheinlicher, dass der Verfasser des Textes zu verkrampft versucht seinen Versen durch scheinbar bedeutungsschwere Ausdrücke Tiefgang zu verleihen. Benutzt wird dafür eine Aneinanderreihung klischierter Metaphern, die sich sämtlicher einschlägiger Bildfelder bedienen: Schatten und Licht („Unsere Schatten sind die Peiniger des Lichts“), Farblosigkeit („grauer Asphalt“, ‚schwarze Segel‘), „Asche“, Anonymität („an jeder Tür der gleiche Name“) und noch einige weitere. Gelegentlich wird auch eine religiöse Ebene aufgerufen („der Glaube hallt / verstaubt und alt“, „Hölle“). Durch diese Vielzahl an diffusen Metaphern fehlt dem Text jegliche Kohärenz und liest er sich wie eine Aneinanderreihung von Klischees, ohne Fokus oder Narrativ.

Manche Elemente des Textes ergeben, zumindest für mich, kaum einen Sinn. Beispielhaft sei hier die Refrainzeile: „Blatt um Blatt fällt von der Wand“ genannt. Auch nach eingehender Betrachtung von zahlreichen Wänden, habe ich an diesen keine Blätter entdeckt. Sind hier Blätter eines Kalenders gemeint? Oder handelt es sich um Blätter eines Baumes? Dann würde die Wand allerdings keinen Sinn ergeben. Eventuell entgeht mir hier auch eine offensichtliche Bedeutung der Zeile, doch ist meine Ratlosigkeit hier ohnehin nur symptomatisch für ein Emnpfinden, das auch andere Verse auslösen: Was hat es beispielsweise mit dem Truismus „Asche kann nun mal kein Feuer schür’n“ auf sich? Oder warum ist der Sprecher „allein“, wenn es im vorangehenden Vers heißt „Wir stehen hier“ und er somit per Definition nicht allein ist, sondern sich in einer Gruppe aufhält? Und warum um alles in der Welt „häutet“ sich das Leben?

Geradezu komisch wird es dann, wenn der Himmel Tränen aus Stein weint. Stellt man sich Steine, die vom Himmel regnen vor, wünscht man nur, dass sich die Leute rechtzeitig mit Helmen eingedeckt haben. Selbstverständlich sind solche Zeilen metaphorisch zu verstehen und nicht wörtlich, aber Steine vom Himmel erscheinen mir als Metapher doch sehr schief. Auch die auf Granit beißende Hoffnung scheint etwas seltsam (Guten Appetit!). Schade, dass so ein ernstes Thema wie Isolation und Depression in eine schwer verständliche, gelegentlich sogar komische Richtung gezogen wird und das, wobei Hämatom durchaus einige ansprechende Liedtexte verfasst haben. Im Sinne des englischen Sprichwortes ‚Don’t flog a dead horse‘ möchte ich nun aber nicht noch weiter auf den sprachlichen Unzulänglichkeiten des Textes herumreiten.

Martin Christ, Oxford

Liedtexte dürfen weh tun. Wie das Verwaltungsgericht Köln die Interpretation gerettet hat – Rammstein: „Ich tu dir weh“

Rammstein

Ich tu dir weh

Nur für mich bist du am Leben
Ich steck dir Orden ins Gesicht
Du bist mir ganz und gar ergeben
Du liebst mich denn ich lieb dich nicht

Du blutest für mein Seelenheil
So ein kleiner Schnitt und du wirst geil
Der Körper schon total entstellt
Egal erlaubt ist was gefällt

Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit

Bei dir hab ich die Wahl der Qual
Stacheldraht im Harnkanal
Leg dein Fleisch in Salz und Eiter
Erst stirbst du doch dann lebst du weiter

Bisse Tritte harte Schläge
Nageln Zangen stumpfe Säge
Wünsch dir was ich sag nicht nein
Und führ dir Nagetiere ein

Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit

Du bist das Schiff ich der Kapitän
Wohin soll denn die Reise gehen
Ich seh im Spiegel dein Gesicht
Du liebst mich denn ich lieb dich nicht

Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit

     [Rammstein: Liebe ist für alle da. Universal 2009.]

„Was verboten ist, macht uns gerade scharf“ konstatierte Wolf Biermann in seinem gleichnamigen Lied und lieferte damit eine eingängige Formulierung für ein bekanntes Phänomen – schon das Blaubart-Märchen setzt den besonderen Reiz des Verbotenen als psychische Gesetzmäßigkeit voraus. Bezogen auf wegen ihrer Texte zensierte Popmusik bedeutet dies, dass sich insbesondere jugendliche Hörer bemühen dürften, sich das ihnen vorenthalten werden Sollende zu beschaffen – was durch das Internet und insbesondere durch Videoplattformen wie Youtube, die zwar auf als anstößig eingestufte Bilder mit Sperrung von Videos reagieren, gegen textliche Normverstöße aller Art in der Regel aber nichts unternehmen, auch ohne größeren Aufwand möglich ist. Der unmittelbare jugendschützerische Nutzen der Indizierung von Tonträgern steht damit mehr in Frage denn je. Das bedeutet jedoch nicht, dass Indizierungen den betroffenen Bands nicht schadeten oder ihnen gar nutzten, wie zuweilen angeführt wird. Zwar gibt es Fälle, in denen eine Indizierung zur Legendenbildung beigetragen hat (in Deutschland trifft dies insbesondere für Die Ärzte und Die böhsen Onkelz zu), jedoch bedeutet eine Indizierung zunächst einmal finanzielle Einbußen für eine Band, da der Vertrieb eines oder mehrerer Tonträger massiv eingeschränkt wird. Und an diesem Punkt setzt eine mittelbare Wirkung ein, die mit Blick auf die Kunstfreiheit und das grundgesetzliche Verbot einer Vorzensur sehr problematisch erscheint: Um Einbußen zu vermeiden, könnten Bands Texte, die eventuell bei Gremiumsmitgliedern der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien Bedenken hervorrufen könnten, von vornherein nicht veröffentlichen oder ändern.

Schon aufgrund solcher grundsätzlichen Überlegungen erscheint es erfreulich, dass das Verwaltungsgericht Köln am 25. Oktober der Klage gegen die 2009 auf Antrag des Familienministeriums erfolgte Indizierung des Rammstein-Albums „Liebe ist für alle da“ stattgegeben hat. Betrachtet man die damalige Indizierungsbegründung genauer, so wird deutlich, welche weitreichenden Folgen für die zukünftige Indizierungspraxis und damit indirekt auch dafür, was in Deutschland gesungen wird, es gehabt hätte, wenn diese Indizierung Bestand gehabt hätte. Das Gremium der BpjM führt zum Text des Lieds Ich tu dir weh, der ein wesentlicher Grund für die Indizierung war, Folgendes aus:

Nach Auffassung des Gremiums dominieren im Lied jedoch die befürwortenden Aussagen wie „Egal erlaubt ist was gefällt“ und „Ich tu dir weh. Tut mir nicht leid“ (letztere Zeile wird zweimal wiederholt), so dass etwaig kritisch gemeinte Einschübe nicht zu einer Relativierung der benannten Textpassagen führen. (Entscheidung Nr. 5682 vom 5.11.2009, S. 18)

Dieser Abschnitt der Indizierungsbegründung erweckt den Eindruck, als sei es selbstverständlich, abzuwägen, welche Aussagen dominierten. Macht man sich die Alternative klar, wird jedoch deutlich, dass es hier um die Verweigerung einer Interpretation zugunsten eines quantifizierenden Verfahrens geht. Es wird gar nicht erst versucht, die einzelnen vom Sprecher-Ich getätigte Aussagen in Relation zueinander zu setzen und so zu einer in sich schlüssigen Lesart des Textes zu kommen. Stattdessen werden Verse addiert, in denen, isoliert betrachtet, Bedenkliches formuliert wird, und werden als relativierend wertbare davon dividiert – ist das Ergebnis > 1, gilt der Text als bedenklich. Dass dabei offenbar sogar Wiederholungen mitgezählt werden sollen, verdeutlicht, dass das implizierte Bild des Textrezipienten das eines Menschen ist, der einerseits nicht genau auf den Text hört (und diesen auch nicht im ausdrücklich mitindizierten Booklet nachliest), sich andererseits aber von en passant Aufgeschnapptem in seinen Haltungen und Handlungen beeinflussen lässt. Die Vorstellung des insbesondere jugendlichen Rockrezipienten als Opfer ihn ohne sein Wissen manipulierender diabolischer Mächte hat eine lange Tradition, eine ihrer bizarrsten Ausprägungen stellte die Suche nach auf Rockplatten verborgenen Botschaften dar, die angeblich hörbar wurden, wenn man die Platten rückwärts abspielte. Dass den jugendlichen Rezipienten selbst relativ simple hermeneutische Fähigkeiten selbst beim Erschließen des Literalsinns abgesprochen werden, wird im weiteren Verlauf der Begründung sogar expliziert:

Die Zeile „Ich seh im Spiegel dein Gesicht“, aus der sich nach Angaben des Verfahrensbevollmächtigten ergibt, dass der Sänger in Wirklichkeit von der Selbstverletzung einer schizophrenen Persönlichkeit spricht und nicht von der Verletzung einer anderen Person, ist nach Ansicht des Gremiums von Jugendlichen so nicht zu dekodieren. Gerade weil auch diese Textpassage die Anrede einer zweiten Person beinhaltet („dein Gesicht“), wird die Gewalt nach Meinung der Beisitzerinnen und Beisitzer von der weit überwiegenden Anzahl der jugendlichen Hörerinnen und Hörer als auf eine andere Person gerichtet wahrgenommen, zumal es sich nicht ausschließt, in einem Spiegel neben dem eigenen Gesicht auch das einer weiteren Person zu sehen, sofern sich diese in der Nähe befindet. (ebd.)

Auch wenn die Beobachtung, dass mehrere Personen vor einem Spiegel stehen und dann in diesem auch sichtbar sein können, physikalisch nicht zu beanstanden ist, so stellt sie doch eine Zusatzannahme dar, die es bei Interpretationen eher zu vermeiden gilt. Und die von der BpjM implizit vorgeschlagene Textänderung zu „Ich seh im Spiegel mein Gesicht“ hätte den Text komplett seiner Pointe beraubt, indem dann ja tatsächlich kein Hinweis darauf, dass es sich um ein und die selbe Person handeln könnte, vorhanden wäre. Zudem wird gar nicht erst darauf eingegangen, dass sich einige vorangegangene Verse zwar problemlos in eine Schizophrenielesart integrieren lassen, in eine von zwei Figuren ausgehende aber nur schwer: „Nur durch mich bist du am Leben“ müsste dann wörtlich genommen als Hinweis auf Elternschaft verstanden, könnte aber auch noch allgemein als Beschreibung totaler Verfügungsgewalt gelesen werden. Doch spätestens bei „Erst stirbst du doch dann lebst du weiter“ wird die Generierung einer realistischen Lesart schwierig.

Wäre der hier praktizierte Umgang mit Liedtexten unbeanstandet geblieben, so hätten sich zukünftige indizierungswillige Gremien nicht einmal mehr darum bemühen müssen, eine in sich schlüssige indizierungswürdige Lesart zu konstruieren (das Gebot der kunstfreundlichen Auslegung von Gesetzen und der gesetzesfreunlichen Auslegung der Kunst, das eigentlich einen noch weiterreichenden Schutz garantiert, gilt ohnehin nicht, wenn es um Belange des Jugendschutzes geht). Auch wenn das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln allgemeiner argumentiert, so könnte es doch dazu beitragen, dass bei zukünftigen Indizierungsentscheidungen eine intensivere Auseinandersetzung mit den beanstandeten Texten stattfindet. Denn unabhängig davon, wie man die oben diskutierte Wirksamkeit von Indizierungen beurteilt und wie man politisch das Verhältnis von Jugendschutz und Kunstfreiheit gestaltet, – eine Spruchpraxis, in der nicht eine konkrete, aus dem Text konstruierte Aussage zu einem Thema, sondern allein dessen Beschreibung als Indizierungsgrund ausricht, würde Tabus in den Rang schutzwürdiger Rechtsgüter erheben und damit Rockmusik, zu deren ästhetischen Strategien die Grenzüberschreitung schon traditionell gehört, als Medium jugendlicher Selbstverständigung in Frage stellen.

Martin Rehfeldt