Spott- und Kampflied des Vormärz: „Die freie Republik (In dem Kerker saßen zu Frankfurt an dem Main)“

Anonym

Die freie Republik

1. In dem Kerker saßen
Zu Frankfurt an dem Main
Schon seit vielen Jahren
sechs Studenten ein
Die für die Freiheit fochten
Und für das Bürgerglück
Und für die Menschenrechte
Der freien Republik.

2. Und der Kerkermeister
Sprach es täglich aus:
"Sie, Herr Bürgermeister
Es reißt mir keiner aus!"
Aber doch sind sie verschwunden
Abends aus dem Turm
Um die 12. Stunde
Bei dem großen Sturm

3. Und am nächsten Morgen
Hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
Der Soldatenschwarm
Sie suchten auf und nieder
Sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
Und fanden sie nicht mehr.

4. Doch sie kamen wieder
Mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
Jetzt geht´s fürs Vaterland
Jetzt geht´s für Menschenrechte
Und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik!

5. Wenn euch die Leute fragen:
"Wo ist Absalom?"
So dürft ihr wohl sagen:
"Oh, er hänget schon!
Er hängt an keinem Galgen,
Erhängt an keinem Strick,
Sondern an dem Glauben
An die Freie Republik.

I. Herkunft und Vorgeschichte

Wer den Liedtext verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich stammt er aus studentischen Kreisen. Im April 1833 hatte eine Gruppe von Studenten die beiden Frankfurter Wachen überfallen, um dort gefangen gehaltene republikanisch gesinnte Kommilitonen zu befreien und einen allgemeinen Aufstand ins Rollen zu bringen. Da der Plan verraten worden war, scheiterte der Versuch. Aufgrund des alarmierten Militärs wurden etwa 20 Studenten festgenommen und inhaftiert. Erst im Oktober 1836 wurden die Urteile gesprochen: 10 wurden zu lebenslänglicher, einer zu einer 15-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt; andere erhielten geringere Strafen, zwei wurden freigesprochen.

Im Januar 1837 gelang es sechs Studenten (nach einer anderen Version: 12) mit Hilfe eines Gefängniswärters zu fliehen (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 89 f.). Vermutlich noch im selben Jahr entstand das Spottlied, dessen fünfte Strophe gemäß dem Volksliedforscher und Gründer des Deutschen Volkliedarchivs, Freiburg, John Meier, aus dem Lied der Verfolgten stammt. Dieses Lied auf die Melodie Hat man brav gestritten auf dem müden Pferd aus dem Theaterstück von Ludwig Sauerwein Der alte Feldherr, uraufgeführt 1825, war als Flüchtlingslied der politischen Flüchtlinge, darunter Studenten der verbotenen Burschenschaften, in den 1830ern und 40ern weit verbreitet.

 Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833
Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833

Nachdem auf dem von rund 30.000 Menschen (nach anderen Quellen: 25.000) besuchten Hambacher Fest Freiheitsrechte und Volkssouveränität gefordert wurden, bot die Ermordung des konservativen Dichters Kotzebue durch einen Burschenschafter den Fürsten den Anlass dazu, verstärkt Repressionen auszuüben. Dazu gehörten die (erneute) Einführung der Pressezensur (s. Karlsbader Beschlüsse von 1817) und ein Versammlungsverbot für Burschenschaften und Turnvereine. Zu den politisch Verfolgten gehörten auch liberale Professoren („Demagogenverfolgung“) und viele Studenten.

In dieser Zeit des Vormärz, d.h. der Zeit bis zur Märzrevolution 1848, entstanden viele republikanische Lieder, wie z.B. 1830 Fürsten zum Land hinaus, nun kommt der Völkerschmaus!, 1844 Georg Weerths Hungerlied (Verehrter Herr und König, / weißt du die schlimme Geschicht? / Am Montag aßen wir wenig, / und am Dienstag aßen wir nicht“) oder ebenfalls 1844 Heinrich Heines Die schlesischen Weber (Im düstern Auge keine Thräne / Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“) und das Bürgerlied (Ob wir rote, gelbe Kragen, Helme oder Hüte tragen – Interpretation hier). In diese Zeit fällt auch die Entstehung unseres Liedes.

II. Liedbetrachtung

Während in unserem Lied von sechs Studenten gesprochen wird, die für Freiheit und Menschenrechte kämpften, haben in anderen Versionen Studenten auf der Straße von der Freiheit nur gesungen: „Sie saßen dort gefangen / wohl sechs Wochen lang, / weil sie von Freiheit sangen / durch die Stadt entlang“. Diese 1854 aufgezeichnete Fassung (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 80 f.) nahm es mit den historisch belegten Ereignissen nicht so genau. Statt vielen Jahren Kerker – tatsächlich waren es fast fünf Jahre (s. Abschnitt Herkunft und Vorgeschichte) – ist hier von sechs Wochen Rede. Sollte der Verfasser des Flugblatts gedanklich berücksichtigt haben, dass nach seiner Auffassung die Studenten „nur“ gesungen haben?

In der zweiten Strophe macht man sich lustig über den Kerkermeister, der dem Bürgermeister wohl versichern musste, dass keiner mehr ausreißt, zumal einige Jahre vorher bereits ein Student und etwas später ein weiterer aus dem Gefängnis fliehen konnte. Unseren sechs Studenten kam nicht nur ein Gefängniswärter zur Hilfe; die Flucht wurde auch begünstigt durch „den großen Sturm“, der die Entdeckung und den Alarm erst am anderen Morgen zuließ.

Man kann sich gut vorstellen, wie gern die Studenten, die dieses Lied aus Flugblättern oder dank mündlicher Überlieferung kannten, auch die dritte Strophe gesungen haben, die sich über den „auf und nieder“ und „hin und her“ suchenden „Soldatenschwarm“ lustig macht.

Historisch nicht verbürgt ist, dass die Studenten bewaffnet zurückkehrten, wie es in der vierten Strophe heißt. Noch einmal wird wiederholt, worum es den Rebellierenden geht, nämlich den Forderungen des Hambacher Festes von 1832 nach Menschenrechten und Volkssouveränität Nachdruck zu verleihen. Die Aussage „Jetzt geht’s fürs Vaterland“ bezog sich auf eine ebenfalls 1832 erhobenen Forderung nach nationaler Einheit der rund 300 deutschen Staaten im sog. Deutschen Bund. Mut und Hoffnung drücken sich in den letzten beiden Versen aus: Hoffnung auf eine freie Republik und Mut, dass sie sich trotz der Repressionen der Fürsten nicht länger mehr als Knechte fühlen müssen.  

Die letzte Strophe greift die Flucht Absaloms, eines Sohns des Königs David auf,  der sich gegen diesen erhoben hatte (vgl.  2. Samuel, Kapitel 13-18). Dass Absalom auf seiner Flucht mit einem Maultier an den Zweigen einer Eiche hängen blieb (2. Sam., 18, Vers 9) und von seinen Häschern getötet wird, verschweigt unser Lied. Stattdessen hängt Absalom exemplarisch für die geflohenen Studenten an „seinem Traume der freien Republik“. Auch in späteren sog. Heckerliedern (s. Steinitz, Bd. II, S. 96 ff. und 102 ff.) wird berichtet, dass Friedrich Hecker (1811-1881) an seinem Träum der freien Republik hängt. Hecker, Rechtsanwalt, Abgeordneter und radikaldemokratischer Revolutionär, musste als einer der Anführer des Badischen Aufstands nach dessen Scheitern nach Basel fliehen und später in die USA emigrieren.  

So wie einige unterschiedliche Versionen des Heckerliedes vorliegen, so auch von der „Freien Republik“, was unter anderem der vorwiegend mündlichen Überlieferung zuzuschreiben ist. Steinitz weist zum Teil unter Berufung auf John Meier (Volksliedstudien, 1927, S. 217 ff.) 12 Varianten aus (Steinitz Bd. II, S. 79 ff.).

Im Historisch-kritischen Liederlexikon (HKL) des Deutsche Volksliedarchivs (seit 2014 integriert in das Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg) findet man im Artikel In dem Kerker saßen eine Version I als SPD-Kontrafaktur von 1890. Hier die erste Strophe: „Seid gegrüßt Genossen! / Kehret froh zurück, / muthig und entschlossen / trotzend dem Geschick. / Wir sind doch die Alten; / frisch zum Kampf bereit. / Treu zur Fahne halten / der Gerechtigkeit“.

Mit einer ähnlichen Melodie und einer leicht variierten Einleitung wurde nach dem Ruhrkampf 1920 ein Lied von Spartakisten gesungen mit folgendem Beginn: „Es saßen sechs Kommunisten zu Essen in der Stadt / Sie saßen dort gefangen, / weil sie Freiheitslieder sangen“ (HKL, Version J).

Aus jüngster Zeit stammt eine Fassung, die ich bei YouTube fand: „In England sitzt im Kerker / Julian Assange / auf Fairness hat er leider / gar keine Chance“ (Freiheit für Julian Assange).

So lebt der Freiheitsgedanke des Lieds, auch dank der eingängigen Melodie, bis in unsere Zeit weiter.

III. Rezeption, Verbreitung

Im Gegensatz zu Die Gedanken sind frei (Interpretation hier), das bereits 1832 auf dem Hambacher Fest gesungen wurde, taucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Die freie Republik in keiner der einschlägigen Liedersammlungen wie Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851), Erich Böhmes Deutscher Liederhort (Neuauflage 1856) oder Hoffmann von Fallerslebens Unsere Volkslieder (1869) auf – ein Schicksal, das das Lied mit dem Bürgerlied (Interpretation hier) oder Trotz alledem („Ob Armut euer Los“ bzw. „Es war ‘ne heiße Märzenszeit“ – Interpretation hier) teilt.

Die Repressionsmaßnahmen der Fürsten nach 1817 hinterließen ihre Wirkung. Hoffmann von Fallersleben beispielsweise verlor nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes Unpolitische Lieder (1840) seine preußische Staatsbürgerschaft und seine Professur in Breslau. Jahrzehntelang musste er ein Wanderleben führen; im Vielvölkerstaat Deutschland wurde er 39mal ausgewiesen.

Bis 1923 war In dem Kerker saßen nur in handschriftlichen Liederbüchern und Flugblättern zu finden (vgl. die auf John Meier, Volksstudien 1917 zurückgehenden Ausführungen bei Steinitz, Band II, S. 80). Allerdings fand das Lied eine weite Verbreitung in studentischen und Arbeiterkreisen wie auch in republikanisch gesinnten Bürgerchören.

Nach den mir zugänglichen Online-Liederarchiven und Privatbibliotheken taucht Die freie Republik gedruckt zum ersten Mal 1923 auf, und zwar im Liederbuch für deutsche Turner.

Es dauerte über 30 Jahre bis das Lied in einem Heft der Reihe Lieder der Revolution von 1848 in der DDR erschien, dem 1964 das Liederbuch der FDJ Leben, kämpfen, singen folgte.

In der Bundesrepublik wurde es erstmalig 1977 in der Liederkiste des Vereins Student für Europa und Berlin veröffentlicht. 1978 folgten im Rahmen des Folkrevivals einige Liederbücher verschiedener Pfadfinderbünde und auch das Taschenbuch des Musikwissenschaftlers und Volksliedforschers Ernst Klusen Volkslieder aus 500 Jahren.

Warum Klusen das Lied – wie auch das Bürgerlied in sein zweibändiges Werk Deutsche Lieder nicht aufgenommen hat, ist für mich nicht nachzuvollziehen. Auch andere Volksliedforscher wie z.B. Heinz Rölleke oder Theo Mang haben beide Lieder ebenfalls nicht in ihre Liedsammlungen aufgenommen. Bemerkenswert finde ich das Ignorieren der Freien Republik in den Bänden Historische Lieder aus acht Jahrhunderten der Landeszentralen für politische Bildung Baden-Württemberg, Hamburg (beide 1989) und Schleswig-Holstein (2009).

Betrachtet man die Anzahl der Liederbücher mit der Freien Republik, so wurde das Lied 1980 hauptsächlich durch Ausgaben von Pfadfinderliedern bekannt. Auch das in der Folkszene bekannte Duo Zupfgeigenhansel (Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, Es wollt ein Bauer früh aufstehn, 1980) sowie Oss und Hein Kröher (Das sind unsere Lieder, 1988) haben mit ihren Büchern und Konzerten die Verbreitung gefördert, ebenso wie die im Vergleich zu den Pfadfinderliederbüchern relativ hohen Auflagen der Büchergilde Gutenberg mit Lieder der Arbeiterbewegung (1981) und des Verlags Weltbild mit Das Volksliederbuch (1995).

Nach wie vor gepflegt wird Die freie Republik in Pfadfinderkreisen; in den Jahren 1995 bis 2014 sind allein acht Liederbücher mit dem Lied erschienen, darunter das wegen seiner Anmerkungen zur Geschichte der Lieder erwähnenswerte Codex Patomomomensis (Zauberverlag, 2. Auflage 2018).

Während der Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, keinen Tonträger mit dem Lied ausweist, finden sich bei YouTube über 30 Videos, darunter von Hannes Wader, Peter Rohland und der Leipziger Folksession Band.

Georg Nagel

Verwendete Quellen:

Deutscher Bundestag – Deutsche Einheits- und Freiheitsbewegung (1800 – 1848)

Artikel von Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon (Hrsg. vom Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg)

Wolfgang Steinitz: Der Große Steinitz – Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 4. Auflage 1980.

Thomas Friz, Erich Schmeckenbecher: Es wollt ein Bauer früh aufstehen – 222 (historisch-politische) Lieder, Dortmund, 2. Auflage 1980.

www.deutscheslied.com

Frohe Weihnachten. „Was soll das bedeuten? (Es taget ja schon.)“

aus: Erk/Böhme, Deutscher Liederhort, Band 3, 1894, S. 653

1. Was soll das bedeuten? Es taget ja schon.
Ich weiß wohl, es geht erst um Mitternacht rum.
Schaut nur daher, schaut nur daher,
wie glänzen die Sternlein je länger, je mehr.

2. Treibt zusammen, treibt zusammen die Schäflein fürbaß.
Treibt zusammen, treibt zusammen, dort zeig ich euch was.
Dort in dem Stall, dort in dem Stall
werdet Wunderding sehen, treibt zusammen einmal.

3. Ich hab nur ein wenig von weitem geguckt,
da hat mir mein Herz schon vor Freuden gehupft:
Ein schönes Kind, ein schönes Kind
liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind.

4. Ein herziger Vater, der steht auch dabei,
eine wunderschöne Jungfrau kniet auch auf dem Heu,
Um und um singt's, um und um klingt's,
man sieht ja kein Lichtlein, so um und um brinnt's.

5. Das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost.
Ich dacht mir: Wer hat es denn also verstoßt,
daß man auch heut, daß man auch heut
ihm sonst keine andere Herberg anbeut?

6. So gehet und nehmet ein Lämmlein vom Gras,
und bringet dem schönen Christkindlein etwas.
Geht nur fein sacht, geht nur fein sacht,
auf daß ihr dem Kindlein kein Unruh nicht macht.

Herkunft und Vorgeschichte

Gemäß dem Volksliedforscher Theo Mang wurde Was soll das bedeuten zuerst durch ein Flugblatt von 1715 überliefert (Der Liederquell, 2015, S. 1020). Die Angabe bei Wikipedia „Frühe Flugblattdrucke des Textes sind vor allem aus Österreich in mundartlicher Fassung überliefert und gehen bis ins Jahr 1656 zurück“ ist zweifelhaft, da in der zitierten Quelle (Friedrich Erk und Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band III, 1894) dieser Hinweis bei dem Lied fehlt (vgl. S. 653).

Zum ersten Mal in einem Liederbuch gedruckt wurde das Lied 1842 in dem Werk Schlesische Volkslieder mit ihren Melodien, gesammelt und herausgegeben von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter mit dem Hinweis „aus Oppeln und der Grafsch. Glaz“ (S. 333).

Die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) hält es für wahrscheinlich, dass das Lied zu einem Hirtenspiel gehört hat. Ähnlich der Volksliedforscher Theo Mang (geb. 1940), der annimmt „nach Text und beschwingter Melodie“ sei das „Lied als Teil eines Krippenspiels des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts“ anzusehen.

Liedbetrachtung

Was soll da bedeuten gehört zum Genre der Hirtenlieder wie z. B. Inmitten in der Nacht, als die Hirten erwacht, Auf, auf ihr Hirten von dem Schlaf (Spätmittelalter) und das wohl bekannteste Kommet, ihr Hirten (Text: Carl Riedel, 1827-1888). In Hirtenliedern wird die Geburt Jesu Christi angekündigt und/oder das Jesuskind in der Krippe verehrt. Sie entstanden besonders zahlreich zur Weihnachtsfeier im katholischen Süddeutschland, in Schlesien und Österreich. Gedichtet wurden sie nicht von den Hirten, sondern in Anlehnung an die Weihnachtsgeschichte in Lukas, Kapitel 2 von katholischen Geistlichen und bibelkundigen Volksdichtern.

Heißt es bei Lukas, 2, Vers 9 „und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“, so glänzen in der 1. Strophe „die Sternlein je länger, je lieber“. Wer die Hirten auffordert, die Schafe zusammenzutreiben, wird im Lied nicht näher beschrieben, doch sicherlich ist es ein Engel, der ihnen verkündet, ein „Wunderding“ (vgl. Lukas 2, 10 und 11) zu sehen.

Unser Lied erzählt nicht, dass die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu gehen (Lukas 2, 15), sondern stellt uns gleich vor vollendete Tatsachen:  „Ein schönes Kind liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind“. Während in Lukas 2, 16 die Eltern namentlich erwähnt werden: Maria und Joseph, wird im Lied der Vater als herzig und die Jungfrau (vgl. Lukas 1, 27, vgl. 2. Korinther 11, 2) als wunderschön beschrieben.

In dem Stall ist es kalt, und wie wir es von Krippenspielen oder kleinen Krippen kennen, ist nur Heu und Stroh vorhanden, so dass – wie es gleich die Hirten wahrnehmen – das „Kindlein“ vor Kälte zittert (vgl. dazu Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen – zweite und dritte Strophe). Sie fragen sich, wieso es keine bessere Herberge gegeben hat. Wir wissen heute, dass aufgrund der vom Kaiser Augustus veranlassten Volkszählung (Lukas 2) alle Herbergen in Bethlehem ausgebucht waren und Maria und Joseph deshalb mit dem Stall vorlieb nehmen mussten. Die Hirten nahmen ein Lamm und übergaben es mit anderen Geschenken („bringet dem schönen Christkindlein etwas“) den Eltern. Ob sie es zum Wärmen des Jesuskindes in die Krippe legten oder das Tier erst töteten und das abgezogene Fell als Zudecke benutzten, erfahren wir nicht.

Rezeption

Nachdem Was soll das bedeuten 1913 in zwei Liederbüchern der Wandervögel aufgenommen worden war, erlangte es eine gewissen Beliebtheit in den 1920er Jahren; ohne die sechste Strophe und manchmal nur mit vier Strophen war es auch in einigen Schulbüchern vertreten.

In der Zeit von 1933 bis 1945 taucht es nach den mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern nur in wenigen NS-Veröffentlichungen auf, z.B. in Lieder des Volkes (Verlag Erben und Aussaat, 6. Auflage 196) und im Lied der Arbeitsmaiden (Reichsarbeitsdienst, 1938). Die Mehrheit der Publikationen mit unserem Lied konnte jedoch ohne NS-Lieder erscheinen.

Vom Hirtenbüchel auf die Weihnachtszeit (Bärenreiter 1946) über etliche Schulbücher in den 1950er Jahren und die weit verbreitete Bertelsmann-Ausgabe Macht hoch die Tür bis Unsere Weihnachtslieder zur Gitarre allein (Schott‘ Söhne 1958) trugen fast 40 Liederbücher zur Beliebtheit dieses Hirtenliedes bei. Erwähnenswert der 5. Auflage wegen ist das Liederbuch für (katholische) Frauen (1963). Auch in der DDR erschienen in dieser Zeit drei Liederbücher mit dem Lied.

Misst man die Verbreitung des Liedes an der Anzahl der Liederbücher, so nimmt seit 1960 bis 1989 die Popularität kontinuierlich ab, obwohl einige Veröffentlichungen hohe Auflagen haben: 1984 Die schönsten Weihnachtslieder (Bild und Funk) und 1988 Deutscher Liederschatz, Band 3 (Weltbild Verlag). Die Volksliedforscher Ernst Klusen und Heinz Rölleke haben das Lied nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen, wohl aber der Liedersammler Theo Mang (Der Lieder Quell, 1967, Neuausgabe 2015) und die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in ihr Standardwerk Das Buch der Weihnachtslieder (1982).

Während es in den 1990er Jahren in keinem Liederbuch auftauchte, nahmen seit 2000 einige Liederbücher das Lied in ihr Repertoire auf, z. B. 2014 die Volkslieder und Weihnachtsliederfibel. Lübecker Kinder singen und 2018 Du meine Seele singe. Advents- und Weihnachtslieder. In etlichen von katholischen Institutionen herausgegebenen Liederbüchern ist das Lied vertreten. Im Gegensatz dazu ist es weder im Evangelischen Gesangbuch noch in anderen evangelisch orientierten Publikationen zu finden; Gedichte und Reime zur Weihnachtszeit (1980) auf evangelischer Seite bildet eine Ausnahme.

Noch heutzutage wird das Lied vorwiegend im süddeutschen Raum in Krippenspielen gesungen, manchmal auch mit verteilten Rollen.

Georg Nagel, Hamburg

Ode an den Augenblick: „Freu dich über jede Stunde“

Anonym

Freu dich über jede Stunde

Freu dich über jede Stunde,
die du lebst auf dieser Welt!
Freu dich, dass die Sonne aufgeht
und auch, dass der Regen fällt!
Du kannst atmen, du kannst fühlen,
du kannst auf neuen Wegen geh'n!
Freu dich, dass dich and're brauchen
und dir in die Augen seh'n!

Freue dich an jedem Morgen,
dass ein neuer Tag beginnt!
Freu dich an den Frühlingsblumen
und am kalten Winterwind!
Du kannst hoffen, du kannst kämpfen,
kannst dem Bösen widersteh'n.
Freu dich, dass die dunklen Wolken
irgendwann vorübergeh'n!

Freue dich an jedem Abend,
dass du ein Zuhause hast!
Freu dich an den schönen Stunden,
und vergiss die laute Hast!
Du kannst lieben, du kannst träumen
und jemand kann dich gut versteh'n!
Freu dich über jede Stunde,
denn das Leben ist so schön! 

Zu Zeiten der Corona-Krise können wir uns ein wenig damit trösten, dass auch die Pandemien der Pest (1348-1352), der Spanischen Grippe (1918 und 1919) und der Asiatischen Grippe (1957) vorübergegangen sind. Christen finden vielleicht in der Bibel Trost: „Ein jegliches hat seine Zeit…geboren werden und sterben…weinen und lachen, klagen und tanzen“ (Prediger Salomo, Kapitel 3, Verse 1, 2 und 4). Muslime können die Pandemie als Kismet begreifen. Und in Pete Seegers weltberühmten Song Turn, turn, turn heißt es: „To everything there is a season…  And a time for every purpose under Heaven“ (Alles hat seine Jahreszeit… und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit). Gewiss ist es nicht leicht, eine Krankheit oder die Bedrohung durch das Corona-Virus so einfach mit dieser Hoffnung hinzunehmen, aber unsere Stimmung kann auch das Hören oder Singen des obigen Lieds aufhellen.

Zu singen ist der Text nach der Melodie von Freude, schöner Götterfunken aus der der Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven. Der ursprüngliche Text von Friedrich Schiller ist als (Ode) An die Freude bekannt. Nicht bekannt ist der Dichter bzw. die Dichterin von Freu dich über jede Stunde. Laut Dagmar Amslinger, Geschäftsführerin des in Würzburg etablierten Bundesverbands für die Rehabilitation der Aphasiker (Aphasie: eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Hirnverletzung) dichtete den Text eine Aphasikerin aus Thüringen; wie sie heißt, ist nicht bekannt.

Ich habe es vor einigen Monaten im Gute Laune Chor in der Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel gesungen. Zur Aufmunterung in Zeiten der Corona-Krise wurde es auch von Balkonen und vor dem Verbot von Versammlungen auch in den Straßen einiger Städte, z. B. in Berlin Steglitz und in Hamburg jeden Sonntag in der Eichenstraße, der Telemannstraße und Am Weiher gesungen.

Es finden sich im Internet noch weitere Strophen:

Freu dich über deine Lieben,
die mit dir des Weges geh’n!
Freu dich über ihr Bemühen
und ihr gütiges Versteh’n!
Du darfst weinen, du darfst lachen,
du darfst ganz du selber sein.
Freu dich über jeden Menschen!
Lass ihn dein Gefährte sein!

Freu dich über schwere Stunden,
die du gut gemeistert hast!
Freu dich über Gottes Güte,
die dir half bei jeder Last!
Auf sie darfst du glaubend hoffen,
täglich neu, zu jeder Zeit,
bis der Herr dich wird geleiten
zur glücksel'gen Herrlichkeit. 

Georg Nagel, Hamburg

Erotische Zeitreisephantasie mit Happy End: Peter Cornelius‘ „Du entschuldige, i kenn di“

Peter Cornelius

Du entschuldige, i kenn di

Wann i oft a bissl ins Narrnkastl schau'
Dann siech i a Madl mit Aug'n so blau
A Blau, des loßt si' mit gor nix anderm vergleich'n
Sie wor in der Schul' der erklärte Schwarm
Von mir und von oll meine Freund', doch dann
Am letzten Schultag da stellte das Leben seine Weich'n
Wir hab'n uns sofort aus die Aug'n verlor'n
I hab mi oft g'fragt: Wos is aus ihr wor'n?
Die Wege, die wir beide 'gangen sand, war'n net die gleichen
Und vorgestern sitz i in mein'm Lokal
I schau in zwa Aug'n und waß auf amol
Es is dieses Blau, des laßt si mit gor nix vergleich'n

Du entschuldige, i kenn di
Bist du net die Klane
Die i scho als Bua gern g'habt hab'
Die mit dreizehn scho kokett war
Mehr als was erlaubt war
Und die enge Jeans ang'habt hat
I hab Nächte lang net g'schlaf'n
Nur weil du im Schulhof
Amoil mit die Aug'n zwinkert hast
Komm wir streichen fufzehn Johr'
Hol'n jetzt olles noch
Als ob dazwischen afach nix wor

Sie schaut mi a holbe Minuten lang an
Sie schaut, daß i gor nix mehr sog'n kann
I sitz wie gelähmt gegenüber, und konn's gor net foss'n
I hör' ka Musik mehr und wort' nur drauf
Daß sie endlich sagt: "Du jetzt woch i auf
Der Peter, der zehn Häuser weiterg'wohnt hot in der Goss'n"
Sie zwinkert ma zua wie vor fufzehn Johr
Sie sagt "Na wie geht's da, mei Peterl, ja klor
Du hast a schon sehr lang nix mehr von dir hör'n loss'n"
I nick' nur, ja sehr lang, ja vuil zu lang
Sie mant: "Komm, probier'n mer's halt jetzt miteinand'!"
Und später sog i lachend no' amoil zu ihr auf der Straß'n:

Du entschuldige i kenn di [...]

Du entschuldige i kenn di [...]

     [Peter Corbelius: Zwei. Phillips 1980.]

Gut 30 Jahre, nachdem das Lied 1980 erschienen ist, sehen wir im obigen Video einen gealterten Peter Cornelius vor einem ebenfalls gereiften Publikum, das nicht nur eindrucksvoll textsicher, sondern auch sichtbar beseelt mitsingt – und zwar geschlechtsübergreifend. Das hat zum einen sicher damit zu tun, dass, als das Lied ein Hit war, die Mehrheit des Publikums gerade in ihrer musikalischen Prägephase war und sich, ebenso wie bei anderen 1980er-Liedern, nostalgisch an diese Zeit zurückerinnert. Doch es dürfte auch mit dem Text zu tun haben – einer der Top-Kommentare zum Video Youtube lautet: „..wer hat sie nicht gehabt, DIE eine Schulhofliebe ? Da werden Erinnerungen wach ! [sic]“

Hört oder liest man den Text genauer, dann stellt man fest, dass Du entschuldige, i kenn di eines der wohl wahrhaftigsten deutschsprachigen Lieder über die männliche Pubertät und ihre Langzeitfolgen ist. Die temporäre Tragik dieser Phase gründet in der Ungleichzeitigkeit von körperlicher und psychosozialer Entwicklung: Während der Geschlechtstrieb mit Macht erwacht, fungiert gleichzeitig noch die peer group als zentrale soziale Bezugsgröße – kurzum: Man wünscht sich eine Freundin, wüßte außerhalb des Betts aber nicht, was man mit ihr anfangen sollte. In Du entschuldige, i kenn di kommt dies darin zum Ausdruck, dass die Wahl der Angeschmachteten eben nicht etwas Hochintimes und Individuelles ist, sondern gemeinsam in der Clique verhandelt wird:  „Sie wor in der Schul‘ der erklärte Schwarm / Von mir und von oll meine Freund'“. Zum Schwarm erklärt wird sie aber wohl nur innerhalb der Gemeinschaft der Schwärmenden, ihr gegenüber bringt das Ich mutmaßlich kein Wort heraus – was möglicherweise auch besser so ist, denn gleichaltrige Mädchen, die Jungen bezüglich der Pubertät i.d.R. um ca. zwei Jahre voraus sind, interessieren sich ohnehin oft nicht für die noch kindlich wirkenden Gleichaltigen, sondern für einige Jahre ältere Jungen – das Sprecher-Ich in einer anderen großen Pubertätshymne, Zu spät von Die Ärzte, wirft seiner Ex-Freundin entsprechend vor „Du liebst ihn nur, weil er ein Auto hat / und nicht wie ich ein klappriges Damenrad“.

Dass die Angeschwärmte, im Gegensatz zum erlebenden pubertären Ich, durchaus schon aus ihrer Kinderrolle herausgefunden hat und sich ihrer Wirkung bewusst ist, zeigt sich in ihrer Kleidung und ihrem Auftreten, das den – von Erwachsenen für Jugendliche gesetzten – damaligen Sittlichkeitsstandards zuwiderläuft. Ob sie dem Ich seinerzeit tatsächlich einmal gezielt zugeblinzelt hat oder ob er dieses Blinzeln nur auf sich bezogen hat, lässt der Text offen: „Nur weil du im Schulhof / Amoil mit die Aug’n zwinkert hast“, auch wenn das erwachsene Sprecher-Ich dies später glaubt („Sie zwinkert ma zua wie vor fufzehn Johr“). Jedenfalls scheint das Ich es auch in der verbleibenden Schulzeit nicht über sich gebracht zu haben, sie anzusprechen, eine Art Living next door to Alice im Zeitraffer der Adoleszenz. Und genauso schicksalhaft nimmt es das Ich auch fünfzehn Jahre später noch wahr, wenn es formuliert: „Am letzten Schultag da stellte das Leben seine Weich’n“ und damit pathetisch das weder ungewöhnliche noch unerwartete Ereignis beschreibt, dass sich Mitschülerinnen und Mitschüler nach dem Abschluss mit Blick auf die Berufswahl unterschiedliche orientieren, was oft auch mit Ortswechseln einhergeht.

Damit sind wir beim Thema der Langzeitfolgen und dem erzählenden, erwachsenen Ich angekommen: Die unerklärte und unerwiderte erste große Verliebtheit ist nicht in einem Reifungsprozess und im Lichte späterer Liebeserfahrungen zur mild belächelten Anekdote verblasst, sondern in ihrer ganzen damaligen Intensität gleichsam konserviert worden. Die österreichische Wendung ‚ins Narrenkastl schaun‘ bringt dies zum Ausdruck, indem sie den „verträumte[n] Blick, den sich nur noch ein […] in Liebestorheit Versponnener“ erlaubt (thumulla.com), bezeichnet. Die von Bernhard Brink gesungene, gänzlich verzichtbare hochdeutsche Fassung lautet hier nicht bloß simplifizierend, sondern verfälschend „Wenn ich so in die Vergangenheit schau“, womit eine Abgeschlossenheit suggeriert wird, die für das von seiner Schulhofliebe tagträumende Ich ja gerade nicht gegeben ist.

Der große Lyriker Helmut Krausser hat das Verhältnis von adoleszentem und erwachsenem Lieben einmal in die Worte gefasst „man liebt erwachsen tiefer / intensiver jedoch nie.“ (Helmut Krausser: [ich hab sie, als ich fünfzehn war,]. In: Auf weißen Wüsten: Die besten Gedichte. München: Luchterhand 2009, S. 40). So verhält es sich auch beim Sprecher-Ich von Du entschuldige, i kenn di. Aus der Konservierung seiner Gefühle als Heranwachsender lässt sich sein Verhalten, als er seine damalige Liebe nun unerwartet wiedersieht, erklären: Er interessiert sich nicht dafür, was aus ihr als erwachsene Frau geworden ist, sondern sieht in ihr nach wie vor die kokette Dreizehnjährige – sich selbst hingegen nimmt er als gestandenen Mann wahr, wie die unterschiedlichen Zeitforme zeigen:  „Bist du net die Klane / Die i scho als Bua gern g’habt hab‘„. Diese vermeitliche Überlegenheit an Lebenserfarung ist es wohl auch, die ihm das Selbstbewusstsein gibt, sie heute tatsächlich anzusprechen – und dies zudem ohne Umwege. Dabei kommt auch in seinem abschließenden Angebot an sie, eine Liebesbeziehung mit ihm einzugehen, zum Ausdruck, dass sie für ihn noch immer die Damalige ist und dass es ihm gar nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass sie sich ja zwischenzeitlich ebenfalls entwickelt haben könnte: „Komm wir streichen fufzehn Johr‘ / Hol’n jetzt olles noch / Als ob dazwischen afach nix wor“.

In ihrer Reaktion geht die so Angesprochene dann auch genau auf diese Ebene ein – zunächst nonverbal. 30 Sekunden Schweigen genügen, um das in 15 Jahren vermeintlich erworbene Selbstbewusstsein des Sprecher-Ichs zum Einsturz zu bringen und ihn auch im Verhalten wieder zu dem zu werden zu lassen, was er emotional ihr gegenüber geblieben ist: der schüchterne Heranwachsende, dem im Angesicht seiner großen Liebe die Worte fehlen. Doch es kommt – zunächt – noch schlimmer für ihn: Denn als Grund für ihr Schweigen erweist sich nicht etwa ihre Wiedersehensfreude,  sondern vielmehr der Umstand, dass sie ihn zunächst nicht erkannt hat. Sein Anblick hat sich ihr – für nicht Involvierte wenig überraschend – also keineswegs so eingebrannt, sie der ihre ihm. Und als ob das noch nicht genug der Selbstwertreduktion wäre, wechselt sie dann auch noch in der direkten Ansprache in die kindliche Koseform seines Namens „Peterl“ und manifestiert so endgültig, dass sie in ihm noch immer den linkischen Jungen von damals sieht. (Die Vornamensgleichheit mit dem Sänger spielt hier mit dem möglichen biographischen Charakter des Erzählten.) Als finale Desillusionierung zerstört sie schließlich beiläufig seine schicksalhafte Überhöhung der Tatsache, dass sie sich erst nach 15 Jahren wieder treffen, indem sie darauf hinweist, dass ja die Möglichkeit bestanden habe, auch schon früher Kontakt aufzunehmen: „Du hast a schon sehr lang nix mehr von dir hör’n loss’n“.

Bedürfte es einer Illustration des Rates, vorsichtig mit dem zu sein, was man sich wünsche – die Situation, in der sich Peter nun befindet, taugte dazu. Denn hatte er sich nicht gewünscht, dass die von ihm Umworbene so tue, als hätten die vergangenen fünfzehn Jahre nicht stattgefunden? Genau das tut sie. Doch markiert dieser Tiefpunkt nicht das Ende der – wenn man bis hierhin überhaupt davon sprechen konnte – gemeinsamen Geschichte der beiden. Denn die niederschmetternde Kette von Desillusionierungen mündet nicht in eine Abfuhr; vielmehr stimmt die Angesprochene dem Vorschlag, eine Beziehung einzugehen, zu. Allerdings gewissermaßen zu ihren Bedingungen: Sie weigert sich, seine romantisch-pathetische Geschichte zu übernehmen, in der sich das vom Schicksal getrennte aber für einander bestimmte Paar nach langer Zeit endlich wiederfindet. An deren Stelle setzt sie eine recht pragmatische und zukunftsorientierte Sicht: Ihr „Komm, probier’n mer’s halt jetzt miteinand‘!“ stellt klar, dass ihr Zusammentreffen nicht das Ende einer langen Suche markiert, sondern einen Anfang – mit offenem Ausgang. So entlastet sie die beginnende Beziehung vom romantischen Ballast der vom Sprecher-Ich konstruierten Vorgeschichte, derzufolge sie zwingend für ihn bestimmt gewesen wäre. Statt ihre Rolle als Figur in seiner Geschichte zu akzeptieren, reklamiert sie selbstbewusst für sich, zu entscheiden, ob und unter welchen Vorzeichen es zu einer Beziehung kommt. Aus dieser Position der Stärke kann sie dann auch die Entscheidung treffen, auf die er gehofft hat.

Im Lichte ihrer Reaktion gibt Peter schließlich seine pathetische Position auf und schließt sich ihrer pragmatischen an, indem er sich selbst ironisierend zitiert (womit innerfiktional auch der von der Gattung Songtext gebotene Schlussrefrain legitimiert wird). Er hat sich von seiner fixen, aus der Pubertät konservierten Idee der vorherbestimmten großen Liebe gelöst und nimmt seine neue Partnerin nun als die erwachsene Frau wahr, die sie geworden ist. Seine Reifung stellt eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Beziehung dar. Dass das Sprecher-Ich diese mit einer für ein männlich perspektiviertes Liebeslied ungewöhnlich starken und zugleich nicht bedrohlichen weiblichen Protagonistin eingeht, könnte ein Grund dafür sein, dass sich das Lied ausweislich des Videos auch unter Frauen großer Beliebtheit erfreut.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Vom autobiographischen Gedicht zum Volkslied: Joseph von Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“

Joseph von Eichendorff

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad;
mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu gebrochen:
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
weit in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei stiller Nacht.

Hör' ich das Mühl'rad gehen,
ich weiß nicht, was ich will -
ich möcht' am liebsten sterben,
dann wär's auf einmal still.

Herkunft und Entstehung

Joseph von Eichendorff (1788-1857) hat den Text 1809/10 gedichtet. Anlass für das Verfassen des Gedichts war eine unglückliche Liebe Eichendorffs. Nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher 1908 wurde offenbar, dass Eichendorff als Student in Heidelberg 1807/08 eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen in Rohrbach (bei Heidelberg) hatte, deren Namen er im Tagebuch mit „K.“ abkürzte. Als das Tagebuch in Rohrbach bekannt wurde, meinten die Rohrbacher im Zusammenhang mit dem Text „In einem kühlen Grunde, / da geht ein Mühlenrad“, es könne sich nur um eine schöne Müllerstochter aus ihrem Ort handeln.

Zu Eichendorffs Zeit vor 200 Jahren besaß Rohrbach in einem zur Rheinebene abfallenden Seitental zwar fünf Wassermühlen, aber der Weg, der durch dieses Tal führte, hieß ganz unromantisch Bierhelder Weg, und der Grund wurde von den Bewohnern schlicht Mühlental genannt. Als Rohrbach im Jahre 1927 zu Heidelberg eingemeindet wurde, nutzte man die Chance zur Umbenennung dieses Weges in den touristenanziehenden „Kühlen Grund“.

Es dauerte noch etliche Jahre bis das „K.“ in Eichendorffs Tagebuch entschlüsselt wurde. Endgültige Klarheit schuf erst der Pfarrer Karl Otto Frey in einem Forschungsbericht (1938). Es war Katharina (Käthchen) Förster, die Tochter des Küfermeisters Johann Georg Förster, also keine Müllerstochter. Jedoch gab es eine Verbindung zu einer Wassermühle, da Käthchens Onkel Johann Jakob Förster Eigentümer der „Förstermühle“ war.

Eichendorffs Tagebuch bricht im April 1808 plötzlich ab. Es wird vermutet, dass er in seinem Gedicht Das zerbrochenen Ringlein seinen Schmerz über ein treuloses Mädchen von der Seele geschrieben hat.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedichtes 1813 in dem von Justinus Kerner und Ludwig Uhland herausgegebenen Almanach Deutscher Dichterwald mit der schlichten Überschrift „Lied“ und unterzeichnet mit „Florens“, dem Namen, den Eichendorff im Heidelberger Kreis (einer Gruppierung innerhalb der deutschen Romantik) erhalten hatte.

Der damaligen Theologiestudent und spätere Pfarrer Friedrich Glück (1793 – 1840) komponierte 1814 die Melodie zu dem Gedicht für sein Gesangsquartett.

Populär wurde das Lied vor allem in den Gesangvereinen, nachdem Friedrich Silcher dazu einen Männerchorsatz 1825 veröffentlicht hatte. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Kühle Grund auch ein beliebtes Motiv auf Liedpostkarten.

Liedbetrachtung

Anregungen zu dem Gedicht hat Eichendorff aus älteren Volksliedern gewonnen, z.B. aus den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Liedern Da droben auf jenem Bergenicht zu verwechseln mit Goethes gleichnamigen Gedicht -, (vgl. in dessen Strophe fünf „da treibet das Wasser ein Rad“ und sechs „das Mühlrad ist zerbrochen“) sowie Da drunten in jenem Tale, (vgl. dessen in Strophe einsda treibet das Wasser ein Rad“ und Strophe zwei „das Mühlrad ist zersprungen“).

Für Liedforscher deutet sich schon in den ersten Zeilen ein trauriges Ereignis an, da im 18. Jahrhundert die Mühle als Schauplatz einer unglücklichen Liebe galt und das zerbrochene Ringlein als Treuebruch (vgl. Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 204; Thomas Mang: Der Liederquell, 2015, S. 311).

Die Folgezeilen bestätigen das: Das vom lyrischen Ich als Liebchen bezeichnete Mädchen ist verschwunden. Obwohl das ihrem Liebsten einst gegebene Treueversprechen mit der Übergabe eines Ringes besiegelt hat, hat sie es gebrochen. Die Metapher, „das Ringlein sprang entzwei“ drückt die Endgültigkeit der Trennung aus.

So wie der Ring entzwei sprang, so ist auch das Herz des Liebsten gebrochen. Er mag nicht länger am Ort seiner Liebe verweilen, sondern möchte am liebsten weit in die Welt hinaus reisen. Seine Vorstellung, als Spielmann singend von Haus zu Haus ziehen, dürfte als eine Überkompensation seiner Niedergeschlagenheit anzusehen sein.

Aus dem erlitten Schmerz heraus erklärlich ist auch sein Wunsch in den Krieg zu ziehen, sich kämpfend zu beweisen, um dann abends endlich zur Ruhe zu kommen und am Lagerfeuer zu liegen.

Zwischen Spielmann und Kämpfer hin und her gerissen, gesteht er sich ein, weder ein noch aus zu wissen. Ihm kommt der Gedanken, am liebsten sterben zu wollen. Aber noch dreht sich das Mühlrad, und so besteht die Hoffnung, dass seine Todessehnsucht nur vorübergehend war.

In einer Variante der letzten Strophe (aus Volkslieder von der Mosel und Saar nach L. Röhrich und R.W. Brednich: Deutsche Volkslieder. Texte und Melodien, 1967, Band II, S. 434) heißt es:

Hör‘ ich ein Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was es will:
Am liebsten möchte‘ ich sterben!
Dann stand‘s auf einmal still.

Hier wird deutlich, dass einst ein stehendes Mühlrad symbolisch für Herzstillstand und Tod steht (vgl. oben Rölleke und Mang).

Angeregt durch Eichendorffs In einem kühlen Grunde hat Justinus Kerner (1786-1862) sein Gedicht Dort unten in der Mühle 1830 verfasst und die Melodie von Friedrich Glück (s. o.) übernommen. In der sechsten und letzten Strophe seines Liedes greift Kerner das Bild des stehenden Mühlrads auf:

Vier Bretter sah ich fallen,
mir ward’s ums Herze schwer;
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
da ging das Rad nicht mehr.

Rezeption

In einem kühlen Grunde ist seit 1825 (s.o.) bis heute ein außerordentlich beliebtes Lied, vor allem bei Männerchören, geblieben. Darauf deuten die zahlreichen mir online und in Privatbibliotheken zur Verfügung stehenden Liederbücher (rund 500) hin.

Im 19. Jahrhundert trugen vor allem das Sammelwerk von Kretschmer und Zuccalmaglio Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (1840), Hoffmanns von Fallersleben Deutsches Volksgesangbuch (1848) und Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch von 1858 (1914 101. bis 110. Auflage) zur Popularität des Liedes bei sowie Ludwig Erks Volkslieder-Album (1872).

Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Liederbücher für Studenten und Wandervögel. 1914 war Das zerbrochene Ringlein sogar im Kriegsliederbuch für das Deutsche Heer vertreten. 1933 erlebte das Liederbuch für Schule und Haus Kling Klang Gloria mit dem Lied seine 24. Auflage, und Das zerbrochene Ringlein fand Eingang in diverse NS- Liederbücher, darunter solche für den Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und das Chorliederbuch für die deutsche Wehrmacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige Liederbücher ohne die martialische 4. Strophe, so z. B. 1946 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone das Liederbuch für die deutsche Jugend (FDJ) und das vom Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebene Liederbuch für unsere schaffende Jugend (1948).

Bemerkenswert finde ich, dass 1953 der Deutsche Fußballbund das romantische Lied in sein Liederbuch des DFB aufnahm, ebenso wie ein Jahr später der deutsche Turnerbund in sein Liederbuch des DTB. Gleich in zwei Versionen ist es in der zweibändigen Sammlung der Volksliedforscher L. Röhrich und R.W. Brednich Deutsche Volkslieder (1967) vertreten. Wie populär Eichendorffs In einem kühlen Grunde auch in den 1970er Jahren war, zeigt sich daran, dass es Eingang fand im weit verbreiteten Sammelband Volkslieder aus fünfhundert Jahren von Ernst Klusen (1978, 2. Auflage 1981 51. bis 100. Tausend) und in den in relativ hohen Auflagen erschienenen Taschenbüchern des Heyne Verlags Der Deutsche Liederschatz (1975) und Der Deutsche Balladenschatz (1975, 3. Auflage 1976). Aufgrund der Verkaufserfolge zogen die Verlage Schneider mit Lieder unserer Zeit (1982) und Weltbild mit Deutscher Liederschatz (1988) und 1998 mit Das Volksliederbuch nach.

Wie beliebt das Lied heute noch ist, kann man an den 11 Liederbüchern mit ihm sehen, die in der Zeit von 2002 bis 2015 erschienen sind. Wie gern es gesungen wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig mit 62 Partituren für Männerchöre. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den 123 Tonträgern mit dem Lied im Katalog fast ausschließlich um Schellackplatten handelt, könnte man davon auszugehen, dass Das zerbrochene Ringlein heutzutage weniger angehört als gesungen wird.

Jedoch sprechen die Videos bei YouTube eine andere Sprache: Von den Comedian Harmonists und zahlreichen Chören, darunter dem Dresdner Kreuzchor (s.o.), abgesehen, haben die Tenöre Richard Tauber und Fritz Wunderlich, die Baritone Hermann Prey, Thomas Quasthoff und Max Raabe sowie die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, alle das Lied interpretiert. Auch Freddy Quinn und Hannes Wader und sogar die Chansonette Mireille Mathieu haben es sich nicht nehmen lassen, auf ihre Art In einem kühlen Grunde zu singen.

Georg Nagel, Hamburg