Saisonale Vorfreudelieder religiösen Ursprungs: „Laßt uns froh und munter sein“ und „Niklaus, komm in unser Haus“

Anonym

Laßt uns froh und munter sein (Nikolauslied)

1. Laßt uns froh und munter sein
Und uns recht von Herzen freu'n!

Lustig, lustig, traleralera,
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

2. Bald ist uns're Schule aus,
Dann zieh'n wir vergnügt nach Haus.

3. Dann stell ich den Teller auf,
Niklaus legt gewiss was drauf.

4. Steht der Teller auf dem Tisch,
Sing ich nochmals froh und frisch:

5. Wenn ich schlaf, dann träume ich:
Jetzt bringt Niklaus was für mich.

6. Wenn ich aufgestanden bin,
Lauf ich schnell zum Teller hin.

7. Niklaus ist ein guter Mann,
Dem man nicht g'nug danken kann

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Sofern in Liederbüchern Näheres zu dem Lied angegeben ist, heißt es meistens: „Text und Melodie aus dem 19. Jahrhundert“. Einige Angaben lauten „Volksweise aus dem Rheinland oder Hunsrück“ oder „zugeschrieben Josef Annegarn“. Annegarn (1794-1843) war Priester, Schriftsteller und Professor der Theologie.

Die Frage, ob das folgende Nikolauslied mit derselben Melodie bekannter ist als Laßt uns froh und munter sein, dürfte je nach Region unterschiedlich beantwortet werden. Geht man jedoch von der Anzahl der Liederbücher und Tonträger aus, ist Niklaus, komm in unser Haus weit weniger populär (s. Abschnitt Rezeption).

Anonym

Niklaus, komm in unser Haus

Niklaus, komm in unser Haus,
pack die großen Taschen aus,

Lustig, lustig trallerallala!
|: Bald* ist Niklausabend da! :|

Stell das Pferdchen unter den Tisch,
dass es Heu und Hafer frisst.

Heu und Hafer frisst es nicht,
Zuckerplätzchen kriegt es nicht.

* oder am 6. Dezember: "Heut ist Niklausabend da!"

Auch bei diesem Lied ist nicht bekannt, von wem Text und Melodie stammen. Als Zeitraum der Entstehung des Liedes wird von den Volksliedforschern Ernst Klusen (Deutsche Lieder, 1981) und Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) übereinstimmend das 19. Jahrhundert genannt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Niklaus, komm in unser Haus als spätere Version den Refrain „Lustig, lustig trallerallala“ aus Laßt uns froh und munter sein übernommen hat.

Vergleich der beiden Lieder

Laßt uns froh und munter sein und Niklaus, komm in unser Haus enthalten in der ersten Strophe eine Aufforderung. Während sich Laßt uns froh und munter sein an die Sänger richtet, die Vorfreude auf den nahenden Niklausabend zu zeigen, drückt Niklaus, komm in unser Haus den Wunsch der Kinder aus, dass der Nikolaus zu ihnen kommen und – ganz direkt und ohne Umschweife – „die großen Taschen auspacken“ möge.

In den Strophen zwei und vier von Laßt uns froh und munter sein wird noch einmal die Freude ausgedrückt: Man zieht vergnügt nach Haus (wenn die Schule aus ist) und „singt froh und frisch“, wenn der Teller für die Gaben auf dem Tisch steht, denn das Sprecher-Ich ist gewiss, „Niklaus legt gewiss was drauf“.

Im Niklaus, komm in unser Haus wird darauf angespielt, dass der Nikolaus in einem  Pferdeschlitten fährt (in vielen Geschichten auch vom Himmel geflogen oder durch den Schornstein kommt). Vom Schlitten ist hier zwar nicht direkt die Rede, wohl aber vom Pferdchen, dass Nikolaus in der warmen Wohnung abstellen darf (damit es nicht draußen in der Kälte warten muss) und das Heu und Hafer zu fressen erhalten kann. So mitfühlend dies ist, so wird doch gleich der Zeigefinger erhoben, als das kleine Pferd das Fressen verweigert: „Zuckerplätzchen kriegt es nicht“. Ähnlich wie es in der Schwarzen Pädagogik formuliert würde: „Wenn du das nicht aufisst, bekommst du auch keinen Nachtisch“!

Der Nikolausabend beschäftigt in Laßt uns froh und munter sein das singende Kind so sehr, dass es sogar vom Nikolaus träumt. Es ist gewiss  – und sicherlich ist es bisher nicht enttäuscht worden – dass der Nikolaus ihm auch in diesem Jahr etwas bringen wird. Und am  folgenden Tag, kaum aufgestanden, läuft es schnell gucken, ob und womit der Teller gefüllt ist. Mit den Gaben zufrieden, wird der Nikolaus gelobt und überschwänglich ein indirekter Dank ausgesprochen.

Bei meinen Kindern erinnere ich mich, wie sehr sie sich auf den Nikolaus bzw. dessen Gaben gefreut haben, wenn sie mit strahlenden Gesichtern den in beiden Liedern vorhandenen Refrain: „Lustig, lustig trallallala …“ geschmettert haben.

Brauchtum und Kommerzialisierung

Nikolaus, verehrt sowohl in der römischen als auch in der griechischen Kirche als Heiliger, ist als Gabenspender auch in evangelischen und in nichtchristlichen Kreisen bekannt. Am 6. Dezember bringt er den Kindern Süßigkeiten und andere kleine Geschenke. Die Gaben können auf zweierlei Arten zu den Kindern kommen. Entweder stellen sie am 5. Dezember einen Stiefel oder Schuh vor die Wohnungs- oder Schlafzimmertür (in einigen Regionen sind es Strümpfe, die an die Türklinke oder ans Fenster gehängt werden) oder der Nikolaus kommt am 6. Dezember selbst, angetan mit rotem Mantel, Bischofsmütze (manchmal tut‘s auch eine Pudelmütze), Stiefeln und vor allem mit einem gutgefüllten Sack über dem Rücken. Der Vater, ein Verwandter oder auch ein vom „Nikolausdienst“ gegen Entgelt engagierter Mann, der den Nikolaus spielt, lässt sich häufig ein Nikolauslied vorsingen oder ein Gedicht aufsagen, bevor er dann einem Kind die Standardfrage stellt: „Bist du auch artig gewesen?“ – Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Kind nicht mit „Ja“ geantwortet hat. Und danach werden aus dem Sack die Gaben übergeben.

Ausgangspunkt dieses Brauchtums ist der heilige Nikolaus, der seit dem 6. Jahrhundert in Legenden auftaucht. In dem uns bekannten Nikolaus sind zwei Personen verschmolzen. Einmal der Bischof Nikolaus von Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei, der im dritten Jahrhundert (nach anderen Quellen im 4.) lebte, und das andere Mal der gleichnamige Nikolaus von Sion, einem Ort in der Nähe von Myra, aus dem sechsten Jahrhundert (vgl. NDR Kultur vom 5.12. 2016). Diesem Nikolaus, von dem wir heute aufgrund historisch-kritischer Forschungsergebnisse wissen, dass er fiktiv ist, werden zahlreiche Wunder zugeschrieben. Er soll z.B. einen Sturm besänftigt und mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben. Eine Geschichte erzählt davon, wie er einem verarmten Vater von drei Töchtern hilft: Der verarmte Vater steht aus Verzweiflung kurz davor, seine Töchter in die Prostitution zu schicken, als Nikolaus hilft, indem er heimlich in der Nacht Goldstücke durch das Fenster wirft. Nach einer „bereinigten“ Variante schenkte er einem armen Vater von drei Mädchen im heiratsfähigen Alter die Mitgift, damit sie ehrbar verheiratet werden konnten. Ferner soll er armen Familien mit Kindern heimlich Geld durch den Kamin geworfen haben, das dann in die daran aufgehängten Strümpfe fiel. Vor allem diese Legenden begründen den Mythos des barmherzigen Helfers und Beschützers, der unerkannt in der Nacht mit seinen Gaben Gutes tut.

Als Freund und Beschützer der Kinder wird der Heilige Nikolaus sowohl in Europa als auch in Asien und Amerika verehrt. Gemäß Wikipedia ist er  ist der Schutzpatron von Berufen wie Seefahrer, Binnenschiffer, Kaufmann, Rechtsanwalt, Apotheker, Metzger und Bäcker, von Getreidehändlern, Dreschern, Pfandleihern, Juristen, Schneidern, Küfern, Fuhrleuten und Salzsiedern. Nikolaus ist auch der Patron der Schüler und Studenten, Pilger und Reisenden, Liebenden und Gebärenden, der Alten, Ministranten und Kinder, aber auch von Dieben, Gefängniswärtern, Prostituierten und Gefangenen.

Der Kirchturm von St. Niklaus im Schweizer Kanton Wallis wird im Advent als Nikolausfigur dekoriert. Gemäß Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde handelt es sich dabei um die weltweit größte Nikolaus-Figur.

Das Brauchtum, dass Nikolaus den Kindern Gaben bringt, ist in einer Schrift des evangelischen Theologen Kirchmeyer seit dem Jahr 1555 belegt. Damals gab es Nüsse und Dörrobst (vgl. den alten Spruch: Sankt Nikolaus, leg mir ein, / was dein guter Will‘ mag sein. / Äpfel, Nuss und Mandelkerne / essen kleine Kinder gerne) und nützliche Dinge für den täglichen Gebrauch.

Im Mittelalter war es der Brauch, dass Klosterschüler am 5. Dezember einen „Kinderbischof“ wählten. Wie ein Bischof gekleidet, besuchte er am folgenden Tag die Klosterschule, ermahnte manche Schüler und belohnte andere mit Süßigkeiten. In einigen Gegenden mussten die Erwachsenen dem Kinderbischof gegenüber Rechenschaft ablegen, speziell über ihr Verhalten zu den Kindern. Daraus entwickelte sich umgekehrt unser noch heute bekannter Nikolausbrauch.

Da der katholische Ursprung des Gedenkens an den Bischof von Myra nicht in die reformatorischen Vorstellungen passte, schaffte Luther diesen Brauch ab. Stattdessen versuchte er, das Beschenken durch das Christkind am 25. Dezember zu beleben. Seitdem wurde die Bescherung auf Weihnachten verlegt, eine Sitte, die auch von den Katholiken übernommen wurde und in den meisten Ländern der Welt gepflegt wird.

Die reformierten Niederländer haben sich diesem Brauch widersetzt und lassen noch heute die Geschenke nicht zu Weihnachten, sondern von ihrem „Sinterklaas“ am 6. Dezember bringen. Auf diesen „Sinterklaas“ mit weißem Bart und rotem Gewand, der den Kindern am Heiligen Abend die Geschenke überreicht, geht der der Weihnachtsmann zurück.

Holländische Auswanderer brachten diese Tradition nach Nordamerika mit. Ab dem 19. Jahrhundert wird die Nikolausgestalt immer mehr verweltlicht; in den USA wurde aus dem „Sinterklaas“ der „Saint Claus“, der die Geschenke bringt. Eine Kommerzialisierung des Nikolausbruchs  begann Anfang des 20. Jahrhunderts, als 1915 das heute gewohnte Bild des beleibten, freundlichen Nikolaus von der US-amerikanischen Mineralwasserfirma White Rock zu Werbezwecken erfunden wurde. Bald verwendete die Firma Coca Cola Saint Claus als Figur in ihren Hausfarben rot-weiß für Anzeigen. Ab 1931 ließ Coca Cola den Nikolaus als gemütlichen alten Mann als Gestalt auf ihre Lieferwagen aufmalen ließ. Anschließend setzte eine weltweite Verbreitung dieser Aufmachung des Nikolaus ein.

Im süddeutschen Raum jedoch kennt man den Heiligen Nikolaus bis heute im traditionellen Bischofsgewand mit Stab und Mitra, der hohen Bischofsmütze. Im Norden dagegen hat sich die Vorstellung vom Nikolaus als gemütlichem alten Mann mit weißem Rauschebart und dickem roten Mantel durchgesetzt.

Rezeption

Nikolaus, komm in unser Haus ist in den bedeutenden Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts wie  Die Deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (drei Bände 1838-1845), herausgegeben von Ludwig Erk und Wilhelm Irmer, Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851) und im von Franz Magnus Böhme umgearbeiteten und ergänzten Deutschen Liederhort (1893/94, ursprünglich Ludwig Erk 1856) nicht enthalten. Für mich erstaunlich ist, dass dieser Text auch weder in einer Auflage von Karl Simrocks Das deutsche Kinderbuch (1842, 3. Auflage 1879) noch in der dreibändigen Ausgabe (1838-1845) Deutsches Kinderlied und Kinderspiel von Franz Magnus Böhme zu finden ist. Demnach ist es bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts mündlich überliefert worden.

Auch Laßt uns froh und munter sein ist in den von den mir online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern im 19. Jahrhundert nur in zwei Veröffentlichungen vertreten, nämlich 1885 im katholischen Liederheft Lieder für die Lambertusfeier zu Münster und 1897 in Deutsches Kinderlied und Kinderspiel.

Im 20. Jahrhundert ist Nikolaus, komm in unser Haus erstmalig 1938 im Liederbuch Sonnenlauf in Lied und Spruch um die Gezeiten des Jahres zu finden; danach allerdings nur in knapp 20 weiteren mir bekannten Liederbüchern. Mit einigen Varianten ist es im Katalog des Deutschen Musikarchivs (Stand 11/2017) auf neun Tonträgern vertreten.

Dagegen wurde Laßt uns froh und munter sein bereits seit 1905 (Macht das Tor auf) in zahlreiche Liederbücher aufgenommen, bis heute in weit über 100.

Im Vergleich zu Nikolaus, komm in unser Haus hat mich die außerordentlich große Anzahl der Tonträger (337) und der Musiknoten (705) mit Laßt uns froh und munter sein überrascht. Von den Fischer-Chören und dem Botho Lucas Chor bis hin zu den Wiener Sängerknaben und dem Nymphenburger Kinderchor, um nur die bekanntesten zu nennen, haben vor allem Chöre zur Adventszeit sich diesen Lieds angenommen. Auch zahlreiche bekannte Schlagersänger wie Heintje und Heino, Karel Gott („die goldne Stimme Prags“) und Peter Alexander, Vico Torriani und Hansi Hinterseer sowie Nena und Roger Whittaker haben Laßt uns froh und munter sein interpretiert. Abbi Hübners Old Merry Tale Jazzband hat sogar eine Version im Dixieland-Stil aufgenommen.

In Kindergärten und in vielen Familien werden ab erstem Adventssonntag, spätestens am 5. Dezember Nikolauslieder gesungen „Bald ist Niklausabend da!“ bzw. am 6. Dezember „Heut ist Niklausabend da!

 

Zu erwähnen ist noch, dass der Nikolaus eine Adresse hat, an die Kinder schreiben können, wenn sie einen Gruß vom Nikolaus haben möchten:

An den Nikolaus
66351 St. Nikolaus

Die Zahl der kleinen Briefschreiber beträgt mehrere 10.000.

Georg Nagel, Hamburg

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Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“

Anonym

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann,
hatt' Kleider nicht, hatt' Lumpen an.
"O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!"

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Roß stand still beim armen Mann,
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt'
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
Sankt Martin aber ritt in Eil'
hinweg mit seinem Mantelteil.

Heilige, lange zentraler Bestandteil des Volksglaubens als in allen erdenklichen Notsituationen anzurufende Schutzpatrone, haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv an Popularität verloren. Das mag zum einen daran liegen, dass das Gefühl, allen möglichen Gefahren vom Sturm auf See bis zum Blitzschlag hilflos ausgeliefert zu sein und also des übernatürlichen Beistands permanent zu bedürfen, in aufgeklärten und hochtechnisierten wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften nachgelassen hat. Zum anderen könnte gerade ein wichtiger Faktor, der ehemals für die immense Beliebtheit von Heiligen mitverantwortlich war, dazu beigetragen haben, dass die meisten von ihnen mittlerweile aus dem allgemeinen Bewusstsein verschunden sind: ihre meistens grausamen und oft bizarren Todesumstände. In Zeiten, in denen Sakralkunst wo nicht gar die einzige, so doch eine zentrale Kunstform darstellte, boten gerade die Märtyrerlegenden der frühen christlichen Heiligen (von den besonders im deutschsprachigen Raum beliebten vierzehn Notehlfern ist nur ein einziger nicht als Märtyter gestorben) Stoff für drastische Darstellungen, die, speziell bei Märtyrerinnen, auch Nacktheit zuließen, – heute würde man von Splatter oder zuweilen gar von Torture Porn sprechen.

Der von Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian mit seinem oft zwischen Schmerz und Verzückung oszillierenden Gesichtsausdruck stellt hier eine der bekanntesten, aber auch eine der noch harmlosesten Varianten dar.  Der heilige Dionysius von Paris beispielsweise soll nach seiner Enthauptung seinen abgeschlagenen Kopf genommen und in einer nahen Quelle gewaschen haben, um danach zu einem sechs Kilometer entfernten Ort zu gehen, wo er begraben werden wollte – in künstlerischen Darstellungen trägt er dabei zuweilen seinen Kopf in den Händen, obwohl der ihm gleichzeitig noch auf den Schultern sitzt. Und die Symbole der ‚heiligen drei Madl“, bekannt aus dem Merkvers „Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl“, deuten ebenfalls auf grotesk-grausame Märtyrien hin: Margaretha von Antiochia musste sich nicht nur im Gefängnis eines Drachens – des (Lind-)’Wurms‘ – erwehren, sondern wurde zudem ohne Ergebnis mit Fackeln versengt und in Öl gebraten, bevor sie schließlich enthauptet wurde; Barbara von Nikomedien wurde von ihrem Vater zunächst in einemm Turm inhaftiert, dann auf Geheiß des römischen Statthalters gefoltert, dass ihr die Haut in Fetzen vom Körper hing, und, als ihre Wunden von Christus geheilt worden waren, mit Keulen geschlagen, bevor ihr die Brüste abgetrennt, sie mit Fackeln gequält und sie schließlich von ihrem eigenen Vater enthauptet wurde; Katharina von Alexandrien schließlich sollte nach zwölftägiger Geißelung durch mehrere Räder, an denen Sägen und Nägel angebracht waren, getötet werden, was jedoch ein Engel verhinderte, woraufhin auch sie enthauptet wurde; aus ihren Wunden soll statt Blut Milch geflossen sein.

Man kann sich gut vorstellen, dass diese Legenden nicht nur auf Erwachsene, sondern gerade auch auf Kinder eine große Faszination ausgeübt haben dürften. Gerade im frühen Kinderalter, in dem erste religiöse Vorstellungen typischerweise vermittelt werden, dürfte man heute im Sinne einer Bewahrpädagogik aber derartige Überlieferungen aussparen. Und so hat auch die Popularität von Heiligen massiv abgenommen. Der heilige Florian von Lorch ist zwar, meistens dargestellt als überdimensionierte Figur in römischer Legionärsrüstung, die mit einem Eimer ein brennendes Haus löscht, als Wandmalerei noch an vielen Feuerwachen zu sehen; seine Legende besteht aber auch wieder vornehmlich aus seinem Märtyrium, bei dem er, nachdem ihm die Schulterblätter mit geschärften Eisen gebrochen worden waren, ertränkt wurde – daher ursprünglich der Wasserkübel als Symbol. Neben der drastischen Grausamkeit, die man Kindern heute nicht mehr zumuten möchte, erscheint auch der religionsdidaktische Gehalt der meisten Heiligenlegenden wenig zeitgemäß: Stets geht es darum, um des Glaubens willen den schlimmsten irdischen Qualen zu widerstehen.

Hier bildet  der heilige Martin von Tours in doppelter Hinsicht eine Ausnahme: Zum einen erlitt er keinen Märtyrertod, sondern wurde erst nach der konstantinischen Wende geboren und lebte ein langes Leben, in dessen Verlauf er zum Bischof aufstieg. Zum anderen illustriert die Episode der Legende, die für die Ikonographie bis heute prägend ist, eine andere christliche Tugend als die der unbedingten Beständigkeit im Glauben: die Nächstenliebe. Beides prädestiniert Martin zum idealen Heiligen bereits für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter – nicht zuletzt deshalb, weil er den Mantel eben nur teilt und nicht ganz weggibt.

Das bekannte Volkslied über ihn, das fester Bestandteil des Liederrepertoirs  bei Laternenumzügen am Martinstag ist, umfasste im Liederschatz für katholische Vereinigungen aller Art 1904 noch 20 Strophen (siehe Lieder-Archiv), jedoch kann die ausschließliche Kanonisierung der ersten vier als Ausdruck ästhetischer Kompetenz der vielen aktiven Rezipientinnen und Rezipienten gesehen werden. Denn aus der ausufernden Schilderung der spirituellen Erlebnisse und des kirchlichen Wirkens des Heiligen ist so ein relativ kurzer, einprägsamer erzählender Liedtext geworden, der zudem mit einer schönen inhaltlichen wie sprachlichen Schlusspointe versehen ist.

Die erste Strophe hebt anschaulich die Qualitäten des Legionärsmatels hervor und stellt so sicher, dass dessen spätere Teilung auch angemessen gewürdigt wird. Die zweite Strophe erweckt Mitleid mit dem Armen und führt dessen existentiell bedrohliche Situation in seiner wörtlichen Rede drastisch vor Augen. In der dritten Strophe wird deutlich, dass Martin aus einer tief empfundenen Regung und einer festen Überzeugung heraus handelt, da er nicht zögert, wie sowohl das Bild des angehaltenen Pferdes als auch das schöne Wort „unverweilt“ hervorheben. Die vierte Strophe schließlich bricht die feierliche Stimmung, die noch durch die Melodie verstärkt wird, indem sie eben nicht, wie man nach den ersten zwei Versen erwartet, mit dem Dank des armen Mannes und der Lobpreisung des Heiligen schließt, sondern damit, dass Sankt Martin schnell davonreitet – ob aus Bescheidenheit, weil er sich nicht für etwas danken lassen will, das für ihn selbstvesrtändlich ist, oder, weil der nunmehr nur noch halbe Mantel ihn eben nicht mehr so behaglich wärmt wie in der ersten Strophe und er schnell an sein Ziel gelangen möchte, bleibt offen. Beide Interpretationen bringen einem den Heiligen jedoch näher: Die erste macht ihn zusätzlich sympathisch, die zweite vergegenwärtigt, dass es sich um einen Menschen mit ganz banalen körperlichen Empfindungen gehandelt hat.

Auf sprachlicher Ebene wird das Pathos durch das Augenblickskompositum „Mantelteil“ gebrochen, das eine komische Wirkung entfaltet. Dieses komische Element baut eine bei Kindergartenkindern sehr beliebte mündlich tradierte Umdichtung aus:

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat,
sein Ross steht still am Colaautomat,
Sankt Martin wirft ne Münze ein
und trinkt die Cola ganz allein.

Diese Version frönt zum einen der (nicht nur) kindlichen Freude am Unsinn: Der Ritt durch Pommes und Salat mutet surreal an, und ist zudem, ebenso wie der Halt am Colaautomat, grob ahistorisch. Zum anderen konterkariert sie aber auch den offenkundig sehr wohl wahrgenommenen pädagogischen Impetus – Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt -, indem betont wird, dass Sankt Martin die Cola „ganz allein“ trinkt und also eben nicht teilt. Aber solange ein Lied parodiert wird, wird es noch ernst genommen. Insofern muss einem um die Bekanntheit und Beliebtheit des heiligen Martin nicht bange sein. Und eine Ikone der Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe ist wohl durchaus auch zeitgemäß.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Zum berühmten Choral Joachim Neanders

Joachim Neander

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren,
lob ihn, o Seele,
vereint mit den himmlischen Chören.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren,
der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen
sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren,
der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen,
dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

4. Lobe den Herren,
der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel
mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

5. Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Lob ihn mit allen,
die seine Verheißung bekamen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiss es ja nicht.
Lob ihn in Ewigkeit. Amen.

     [Ökumenische Fassung]

Mit Ein feste Burg ist unser Gott und Großer Gott, wir loben dich gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren – von einigen christlichen Weihnachtsliedern abgesehen – zu den bekanntesten Kirchenliedern. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ist ein Lied, das viele Christen ein Leben lang begleitet. Es wird häufig bei Taufen, Kommunionen bzw. Konfirmationen, Trauungen und bei Begräbnissen gesungen. An kirchlichen Feiertagen  und in sonntäglichen Gottesdiensten gehört dieser Choral zum festen Repertoire.

Entstehungsgeschichte und Rezeption

Den Text hat der Bremer evangelische Hilfsprediger Joachim Neander (1650-1680), orientiert an Psalm 113, kurz vor seinem Tod verfasst. Laut dem Volksliedforscher Michael Fischer des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg geht die Melodie auf das seit 1665 aus dem Gesangbuch von Stralsund bekannte Kirchenlied Hast du denn, Jesu, dein Angesicht zurück (Historisch kritisches Liederlexikon, 2005). Diese Melodie und deren Text finden sich noch heute im Bach Werkverzeichnis Nr. 57.8. Nach einer anderen Quelle kannte der Bremer Bürger Neander die Melodie aus dem Ander Theil des Erneuerten Gesangbuch, Bremen, 1665.

Erstmals mit dieser Melodie und seinem Text hat Neander das Lied in dem von ihm 1680 herausgegebenen Erbauungsbüchlein Glaub- und Liebesübung veröffentlicht. „Durch zahlreiche Nachdrucke der Glaub- und Liebesübung – in Dutzenden von Auflagen – wurde das Lied bald in ganz Deutschland bekannt. Daraufhin gelangten auch andere von Neander geschaffene Lieder zunächst in reformierte, dann in pietistische und lutherische Gesangbücher“ (Michael Fischer), so z.B. 1717 in das Hanauische Gesangbuch.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren „zum evangelischen Kernbestand der Loblieder“ (so Michael Fischer). In den USA wurde „Lobe den Herren“ in das in St. Louis 1880 herausgegebene Liederbuch für Sonntagsschulen der deutschen evangelischen Synode von Nord Amerika aufgenommen. 1894 tauchte es erstmals in Helvetica – Liederbuch für Schweizer Schulen auf. Nachdem es in Deutschland in zahlreichen Gesangbüchern der einzelnen Landeskirchen erschienen war, z.B. im Gesangbuch für das Großherzogtum Hessen (1881), fand es Aufnahme in zahlreiche Schulbücher und Chorbücher und vereinzelt auch in andere Gebrauchsliederbücher, so z.B. in Das deutsche Lied, (1911), das der Ullstein Verlag zugleich in Berlin und Wien herausbrachte.

Im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (s. auch unten) wurde das Lied so populär, dass man es durchaus als Volkslied bezeichnen kann. Darauf deuten auch die Titel von zahlreichen Liederbüchern, in denen es enthalten ist, hin, wie z.B. Niedersächsisches Volksliederbuch (1914) und Was singet und klinget – Lieder der Jugend (1926) oder Hanseatisches Liederbuch – Hoch- und plattdeutsche Lieder für gesellige Kreise (1927) und Wohlauf, ihr Wandersleut (1931). Sogar der Schweizer Pfadfinderbund nahm das Lied in sein Liederbuch Der grüne Heinrich auf (1933).

In der Zeit des Nationalsozialismus ist Lobe den Herren nur in einem Liederbuch einer NS-Organisation, nämlich der NS-Frauenschaft, (Wach auf mein Herz und singe) und in wenigen Gebrauchsliederbüchern zu finden, wie z.B.  Klingend Erbe (1935), das allerdings auch einige NS-nahe Lieder enthält.

Auffällig ist die Beziehung mancher Kirchenlieder zu Krieg und Militär. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde in ganz Deutschland Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ebenso gesungen wie Luthers Schutz- und Trutzlied Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen und Nun danket alle Gott.

Eines der ersten Liederbücher mit dem Lobchoral war das 1897 herausgegebene Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften. Im Ersten Weltkrieg folgten weitere Liederbücher speziell für Soldaten, z.B. das Singbüchlein  für Soldaten – Heer und Flotte, Der Landser – Sachsens Soldatenlieder und in Österreich Hoch Deutschland! Heil Österreich! Noch vor dem Zweiten Weltkrieg fand das Lied nicht nur Eingang in etliche Chor- und andere Gebrauchsliederbücher, sondern auch in das Deutsche Soldaten Liederbuch (2. Aufl. 1937) und in das Schweizer Soldatenliederbuch (1942).

Bald nach der Gründung der Bundeswehr im November 1955 brachten das evangelische und das katholische Militärbischofsamt Gesangbücher für Soldaten heraus: das Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten erschien 1957, das Gesang- und Gebetbuch für die katholischen Soldaten 1989 in der 29. Auflage.

Nachdem Neanders Choral Bestandteil vieler sogenannter Feldgottesdienste war, ist es noch heute bei manchen militärischen Feierlichkeiten, vorwiegend dargeboten von einem Musikkorps, zu hören.

Auch nach 1945 gab es diverse Gesangbücher der einzelnen Landeskirchen, bis es schließlich zwischen 1993 und 1996 zur Einführung des evangelischen Einheitsgesangbuchs (EG) kam. Seitdem ist die Originalfassung unter der Nummer 317 vertreten und die ökumenische Version unter der Nummer 316. In das katholische Gesangbuch Gotteslob (GL) ist seit 1975 die seit 1973 gültige ökumenische Fassung unter der Nummer 392 aufgenommen worden (zu den Änderungen s. Liedbetrachtung).

Bis 1973 wiesen alle Gesangbücher, wie auch die Gebrauchsliederbücher, die Originalfassung von Neander auf, allerdings häufig ohne die fünfte Strophe:

Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat,
lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es nicht.
Lobende, schließet mit Amen.

Seit 1949 erschienen zahlreiche Gebrauchsliederbücher, die bereits aus ihren Titeln erkennen ließen, dass Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren weiterhin auch als Volkslied angesehen wird. Exemplarisch seien genannt Klingende Welt – Lieder der Jugend (1949) und Deutsche Weisen – Beliebte Volkslieder (1958) sowie Die Fanfare – Volks- und Soldatenlieder (1961) und Deutsche Volkslieder – 168 Volkslieder und volkstümliche Lieder (1990).

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig ist Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren mit fast 200 Musiknoten und 109 Schellackplatten, LPs und CDs vertreten. Überwiegend wird das Lied von weltlichen und kirchlichen Chören bzw. Kantoreien gesungen. Von den solistischen Aufnahmen sind die des Tenors Peter Schreier und des Baritons Dietrich Fischer-Dieskau hervorzuheben. Rund die Hälfte der Tonträger bezieht sich auf die 1725 von Bach komponierte Kantate (BWV 137), aufgenommen mit Dirigenten wie John Eliot Gardiner und Nikolaus Hanoncourt und Chören wie der Monteverdi Chor und die Tölzer Sängerknaben.

Nebenbei zu erwähnen ist, dass aufgrund der außerordentlichen Popularität Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren parodiert (s. unten) und von zwei Jazzcombos verjazzt worden ist.

Liedbetrachtung

Im Folgenden beziehe ich mich auf die oben ausgewiesene ökumenische Fassung des Chorals im Einheitsgesangbuch Nr. 316.

Ähnlich den Lobpsalmen 104 und 146, in denen es im ersten Vers heißt: „Lobe den Herr, meine Seele […]“ fordert auch der an Psalm 113 orientierte Liedtext von 1665 in der ersten Strophe auf, den Herrn zu loben: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, / meine geliebete Seele, das ist mein Begehren“. Warum eine Kommission des Ökumenischen Rats den dritten und vierten Vers zugunsten „lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören“ geändert hat, erschließt sich mir nicht.  Anzunehmen ist, dass „geliebete“ sprachlich als nicht zeitgemäß angesehen wurde.

Beim zweiten Teil der ersten Strophe hat sich Neander nicht von Psalm 103 inspirieren lassen, wohl aber von Vers 2 des 33. Psalms: „Danket dem Herren mit Harfen und lobsinget ihm auf dem Psalter [einer Art Zither] von zehn Saiten“.

Obwohl Neander als Kind und auch noch später die Folgen des 1648 beendeten Dreißigjährigen Krieges erlebt hat, lobt er aus tiefem Glauben „den Herren, der alles so herrlich regieret.“ So wie seine Eltern – bildlich gesprochen – auf den „Fittichen eines Adlers“ den Krieg überlebt haben, ist er gewiss, dass Gott auch ihn im Leben behüten wird. Und er wendet sich an die Christen und fragt, ob nicht auch sie erlebt haben, wie gut „der König der Ehren“ es mit ihnen meint. Der Herr hat ihnen Gesundheit verliehen bzw. – das wird nicht ausdrücklich gesagt – lässt sie nach einer Krankheit gesunden.

Neander hat es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt; er hat nie so viel verdient, dass er eine Familie gründen konnte. Als eifriger Pietist, zu dem er nach Besuch eines Gottesdienstes von Theodor Undereyk, eines Buß – und Bekehrungspredigers, geworden war, studierte er das Hauptwerk des Begründers des Pietismus Philipp Jacob Spener (1635-1705) Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche, in dem Spener ein umfassendes Reformprogramm der lutherischen Kirche vorschlägt. Wie sein Mentor Spener hat Neander die Institution der etablierten evangelischen Kirche kritisiert und ihr Missstände und den Gläubigern mangelnde Bibelkenntnis vorgeworfen. Die Folge war, dass Neander in ganz Deutschland keine Pfarrstelle bekam und seine letzte Lebenszeit als Hilfsprediger in seiner Heimatstadt Bremen fristen musste. Doch trotz aller Widrigkeiten hat er nie seinen Glauben verloren, sondern noch vor seinem Tod in seinem Lied ‚den Herrn gelobt‘ und andere Gläubige darauf aufmerksam gemacht, dass auch sie der „gnädige Gott“ vor Not bewahrt oder ihnen aus vielen Nöten geholfen hat.

Vielen Sängern des Liedes war es – wie auch mir lange Zeit – unklar, was mit „deinem Stand“ im zweiten Vers der vierten Strophe gemeint sein könnte. Laut Duden war ein Stand eine Schicht in einer hierarchischen Gesellschaft; noch heute spricht man von Mittelstand oder Berufsstand. Aber wieso sollte Gott nur den Stand segnen, dem ich oder mein Gegenüber angehören? Um diese Missverständlichkeit aufzuheben, wurde der Vers geändert. Seit 1973 heißt es nun in der ökumenischen Version: „der sichtbar dein Leben gesegnet“. Schon das ist ein Grund, den Herrn zu loben, wie auch die Liebe Gottes, die uns „der Allmächtige“ zuteil werden lässt.

In der fünften und letzten Strophe des Originals heißt es im dritten und vierten Vers „Alles, was Odem hat, / lobe mit Abrahams Samen“. Während der dritte Vers aus sprachlichen Gründen geändert wurde, ist der vierte Vers vom Ökumenischen Rat 1973 umformuliert worden, weil der Hinweis auf „Abrahams Samen“ als anstößig empfunden wurde, da er „auf die Christen als die neuen Kinder Israels anspielt“ (Michael Fischer, Liederlexikon) und damit die Juden als zweitrangig ansieht (vgl. Johannes 8, Verse 33 – 37).

Nun heißt es „Lob ihn mit allen, / die seine Verheißung bekamen“. Um Gottes Segen zu erhalten, mahnt Neander hier indirekt die Gläubigen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wie sehr es darauf ankommt, ist den weiteren Versen des 103. Psalm zu entnehmen. In Vers 11 heißt es „hoch ist seine Gnade, über denen, die ihn fürchten“ und in Vers 13 „erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“.

Die folgende Parodie von Bertolt Brecht ist etwa 1925 entstanden; veröffentlicht wurde der Große Dankchoral 1927 zum ersten Mal im Gedichtsband Bertolt Brechts Hauspostille. Es ist das Schlussgedicht der zweiten Lektion, die Brecht mit dem Begriff „Exerzitien“ überschrieben hat (vorwiegend in der katholischen Kirche praktizierte Übungen zur Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Lebens). Dass Brecht „Exerzitien“ ironisch gemeint hat, geht auch aus den Versen des Dankchorals hervor. In dem Gedicht stellt Brecht „die göttliche Fürsorge in Abrede“ und „räumt den Himmel leer“, so der Brecht-Forscher Jürgen Hillesheim.

Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
Schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.

Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet wie ihr
Lebet das Gras und das Tier
Und es muss auch mit euch sterben.

Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
Lobet den Baum, der es fraß
Aber auch lobet den Himmel.

Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und dass er nicht
Weiß euren Nam‘ noch Gesicht
Niemand weiß, dass ihr noch da seid.

Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommt nicht auf euch an
Und ihr könnt unbesorgt sterben.

Abschließend meine ich, dass es vorwiegend Pietisten und tief im Glauben verwurzelte Christen sind, die die noch heute die Worte von Neanders Loblied wörtlich nehmen und Gott im Sinne des Liedes loben. Dennoch ist es bei allen Christen außerordentlich beliebt, was sich m.E. auf die eingängige und gut singbare Melodie zurückführen lässt. Dazu sagte der Musikpädagoge und renommierte Komponist vieler Lieder der Jugendbewegung Robert Götz (1892-1978) in einem Interview mit dem Volksliedforscher Ernst Klusen 1975: „Die Hauptsache ist immer das Lied, die Melodie“. Auch der Dirigent John Eliot Gardiner meint, dass nicht nur der Text, sondern auch die Melodie des Chorals in allen Sätzen gegenwärtig ist.

Georg Nagel, Hamburg

Der Ur-Rockschlager. Zu Peter Maffays „Es war Sommer“

Peter Maffay (Text: Gregor Rottschalk)

Und es war Sommer

Es war ein schöner Tag – der letzte im August.
Die Sonne brannte so, als hätte sie’s gewusst
Die Luft war flirrend heiß und um allein zu sein
sagte ich den andern, ich hab’ heut keine Zeit

Da traf ich sie und sah in ihre Augen
und irgendwie hatt’ ich das Gefühl
als winkte sie mir zu und schien zu sagen
Komm setz dich zu mir

Ich war 16 und sie 31
und über Liebe wußte ich nicht viel
sie wußte alles
und sie ließ mich spüren
ich war kein Kind mehr

Und es war Sommer
 
Sie gab sich so, als sei ich überhaupt nicht da
und um die Schultern trug sie nur ihr langes Haar
Ich war verlegen und ich wußte nicht wohin
mit meinem Blick, der wie gefesselt an ihr hing

"Ich kann verstehen", hörte ich sie sagen
"Nur weil du jung bist, tust du nicht, was du fühlst
Doch bleib bei mir bis die Sonne rot wird
Dann wirst du sehen"

Wir gingen beide hinunter an den Strand
und der Junge nahm schüchtern ihre Hand
doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn
Und es war Sommer

Es war Sommer. Es war Sommer
das erste Mal im Leben
Es war Sommer
das allererste Mal
und als Mann sah ich die Sonne aufgehn.
Und es war Sommer. Es war Sommer
das erste Mal im Leben 
Es war Sommer …

     [Peter Maffay: Und es war Sommer. Sony 1976.]

 

Bobby Goldsboro

Summer (The First Time)

It was a hot afternoon
The last day of June
And the sun was a demon
The clouds were afraid
One-ten in the shade
And the pavement was steaming

I told Billy Ray
In his red Chevrolet
I needed time for some thinking
I was just walking by
When I looked in her eye
And I swore, it was winking

She was 31 and I was 17
I knew nothing about love
She knew everything
But I sat down beside her
On her front porch swing
And wondered what the
Coming night would bring

The sun closed her eyes
As it climbed in the sky
And it started to swelter
The sweat trickled down the
Front of her gown
And I thought it would melt her

She threw back her hair
Like I wasn't there
And she sipped on a julep
Her shoulders were bare
And I tried not to stare
When I looked at her two lips

And when she looked at me
I heard her softly say
"I know you're young
You don't know what to do or say
But stay with me until
The sun has gone away
And I will chase the boy in you away"

And then she smiled
Then we talked for a while
Then we walked for a mile to the sea
We sat on the sand
And a boy took her hand
But I saw the sun rise as a man

Ten years have gone by
Since I looked in her eye
But the memory lingers
I go back in my mind
To the very first time
And feel the touch of her fingers

It was a hot afternoon
The last day of June
And the sun was a demon
The clouds were afraid
One-ten in the shade
And the pavement was steaming

     [Bobby Goldsboro: Summer (The First Time). United Artists 1973.]

Seit Peter Maffay auch außerhalb des Segments der klassischen Schlager-Hörer erfolgreich ist, wird die Frage gestellt, was so viele Menschen an ihm und seiner Musik mögen. Ebenso interessant erscheint aber auch die Frage, warum so viele Menschen Maffay, nein, nicht hassen, sondern lächerlich finden. Seine geringe Körpergröße und sein leicht parodierbarer Akzent begünstigen dabei sicher eine Vielzahl von Parodien (zu den berühmtesten gehört die von Jürgen von der Lippe, zu nennen wäre außerdem Anke Engelkes und Ingolf Lücks Wochenshow-Sketch, in dem Engelke als Moderatorin Ricky unablässig daran scheitert, Formulierungen, in denen es um Größe geht, zu vermeiden). Aber vielleicht gibt es darüber hinaus noch Gründe, die in der Ästhetik seines Schaffens liegen. Maffay ist der Godfather of Schlagerrock respektive Rockschlager, wie ihn heute Silbermond, Revolverheld u. v. a. erfolgreich spielen: Er begann seine Karriere als Schlagersänger (in diese Zeit fällt auch noch die Veröffentlichung von Und es war Sommer im Jahr 1976). 1979 erschien dann das Album Steppenwolf, benannt nach einer Rockband, die sich wiederum nach dem Roman von Hermann Hesse benannt hatte. Dass Steppenwolf ihren großen Hit Born to be wild bereits elf  Jahre vorher hatten, sagt ebenso viel über Maffays Verständnis von Rock wie seine Lederjacken, Cowboystiefel und Motorräder: Für ihn ist Rock kein moderner Mythos (Roland Barthes), zu dem konstitutiv Rebellion, Subversion und Normbruch gehören und dessen Protagonisten sich deshalb ständig neuer Mittel bedienen müssen – 1978 lösten sich die Sex Pistols als eine der prominentesten und modisch prägendsten Bands des Punk als damals neuester Manifestation des Mythos Rock’n’Roll bereits wieder auf und postulierte die Anarcho-Punkband Crass Punk Is Dead; ein Jahr später veröffentlichte Peter Maffay sein erstes Rock-Album, dessen Titeltrack sich am klassischen Rock’n’Roll der 1950er Jahre orientiert.

Maffay fasst Rock als einen Musikstil auf, der sich weniger durch eine Haltung, als durch Instrumentierung, Rhythmik und Akkordfolgen definiert, und verbindet damit einen bestimmten Retro-Kleidungsstil. Es ist ein im wörtlichen Sinne konservatives, bewahrendes Verständnis, demzufolge der (gute, alte, handgemachte) Rock’n’Roll weiter gepflegt werden muss, ebenso wie man das über Volkstänze oder Dialekte denken kann. Auf der anderen Seite führt eine Band wie Atari Teenage Riot schon qua Bandname die Rock’n’Roll-Tradition begriffen als Mythos fort, obwohl ihre Musik – wie ebenfalls schon der Bandname aussagt – ausschließlich elektronisch erzeugt wird. Und auch wenn im Bereich individueller Musikvorlieben viel möglich ist, dürfte die Schnittmenge von Atari Teenage Riot- und Maffay-Fans äußerst gering sein.

Doch warum wurde Maffay 1980 im Vorprogramm der Rolling Stones von deren Fans ausgebuht und mit Tomaten beworfen? Schließlich gehörten auch die Rolling Stones 1980 schon lange nicht mehr zur ästhetischen Speerspitze des Rock’n’Roll. Hier kommt ein weiteres zentrales Moment des modernen Mythos Rock’n’Roll ins Spiel: das der Authentizität. Im Film Walk the Line wird der Wandel des jungen Johnny Cash vom Musiker, der verbreitete Lieder nachspielt, zum Rocker im mythischen Sinne in einer Szene inszeniert: Der Mitarbeiter einer Plattenfirma, bei der Cash mit zwei Begleitmusikern uninspiriert ein Gospel vorspielt, unterbricht sie und nennt als Grund: „I don’t believe you.“ Anschließend fragt er Cash, ob das, was er da gespielt habe, auch das sei, was er als letztes spielen würde, wenn er von einem Lkw überfahren worden sei und nur noch Zeit für einen Song habe. Daraufhin spielt Cash den selbstkomponierten Folsom Prison Blues, womit seine Karriere beginnt. Zuvor hat der Zuschauer dessen Entstehung erfahren: Zwar war Cash nicht, wie später einige Fans glauben sollten, selbst im Gefängnis gewesen, hatte sich aber während seiner Stationierung als Soldat in Deutschland so gefühlt und in dieser Situation den Song geschrieben. Es geht beim Rock’n’Roll mithin nicht um eine referentielle Authentizität, sondern um eine emotionale. Und diese Authentizität nahmen die Stones-Fans bei Peter Maffay, der noch zwei Jahre zuvor Schlager im engeren Sinne gesungen hatte, 1980 anscheinend nicht an. Maffays Problem bestand darin, dass er mit dem Musikstil Rock’n’Roll und der dazugehörigen Kostümierung nebst Requisiten eben auch dessen mythischen Implikationen aufgerufen hatte. Auch noch drei Jahre später nahmen ihm nicht alle den Rocker ab: Bei seinem Auftritt im Rahmen der Proteste gegen die Stationierung von mit Nuklearsprengköpfen bestückten Raketen des Typs Pershing II in Neu-Ulm stand auf einem Plakat im Publikum: „Lieber Pershing II als Peter Maffay“.

Es war Sommer gehört zu den Stücken aus Maffays Zeit als reiner Schlagersänger, die er auch als ‚Rocker‘ weiterhin im Repertoire hat. Insofern erscheint es als geeignetes Beispiel dafür, das Hybridgenre des Rockschlagers zu diskutieren, zu dessen Gründungsvätern Maffay gehört, der damit eine Traditionslinie begründete, in die sich u. a. PUR und Silbermond stellen lassen. Einer der zentralen Unterschiede zwischen Schlagermusik und ‚authentischer‘ Rockmusik besteht darin, dass der Schlagersänger traditionell die Texte professioneller Textdichter singt, wohingegen Rocksänger häufig eigene Texte singen. Der Schlagersänger klassischen Zuschnitts ist in erster Linie Interpret, ihn zeichnen seine Stimme, sein Aussehen und seine Bührenperformance aus, weniger seine Biografie. Im Rock (begriffen als moderner Mythos) hingegen kann auch ein stimmlich sehr gewöhnungsbedüftiger Sänger wie Bob Dylan, der seine Songs selbst schreibt, zum Weltstar werden. Wie zentral die Kategorie der Authentizität bzw. street credibility nach wie vor ist, zeigen gerade die Versuche, neuen deutschen Sängern und Bands aus dem Segment des Rock- und Popschlagers, deren Texte vornehmlich von Profis, die für diverse Interpreten  schreiben, verfasst werden, das Image zu geben, es handle sich um Singer-Songwriter, die in ihren Liedern eigene Erlebnisse und Gedanken formulierten – vgl. dazu Jan Böhmermanns Ausführungen zu u.a. Max Giesinger.

Den Text von Es war Sommer hat nun nicht nur jemand anderes als der Sänger, nämlich der Radiomoderator und erfolgreiche Liedtexter (u. a. Marianne Rosenbergs Er gehört zu mir) Gregor Rottschalk alias Christian Heilburg verfasst, sondern dieser hat dazu auch noch auf einen bereits bestehenden Liedtext zurückgegriffen. Von Bedeutung ist hier, dass es sich um eine unmarkierte Übernahme bei gänzlich anderer Musik handelte, nicht um eine Coverversion, die häufig eine Hommage ans Original darstellt und eine Traditionslinie markiert. Dadurch, dass nicht nur der Text in seiner konkreten Gestalt von jemand anderem als dem Interpreten verfasst worden ist, sondern auch die Idee dazu, das geschilderte Szenario, nicht von ihm stammt, kann auch nicht mehr, wie häufig bei der Zusammenarbeit von professionellen Liedtextern mit Sängern, behauptet werden, dass der Textdichter nur als Ghostwriter firmiert habe, der den Gedanken des Sängers eine Form gegeben habe (bei den Böhsen Onkelz, einer Band, für deren Fans gerade ihre angebliche Authentizität von zentraler Bedeutung ist, fand diese Arbeitsteilung bandintern statt: Bassist Stephan Weidner textete u. a. Lieder über Drogensucht für den davon betroffenen Sänger Kevin Russell). Problematisch ist darüber hinaus, dass es sich um ein höchst intimes und individuelles Thema handelt, das weder eine verallgemeinernde noch eine metaphorische Lesart nahelegt. Wenn Johnny Cash sich in die Rolle eines Inhaftierten hineinimaginiert und dessen Gedanken und Gefühle beim Anblick vorbeifahrender Züge artikuliert, lässt sich dies ohne Weiteres einerseits als Kritik am Strafvollzug, andererseits als Sinnbild für Situationen, in denen sich jemand eingeengt fühlt und aus denen er keinen Ausweg sieht, interpretieren. Maffays Lied lässt sich aber weder sinnvoll sozialkritisch als Kritik am sexuellen Missbrauch männlicher Teenager durch Frauen in den Dreißigern lesen noch als Allegorie auf – ja auf was?

Was bleibt ist eine schwüle Sexphantasie, die zudem noch wesentlich züchtiger als im Original, das auch schon nicht gerade ein Kandidat für einen „Explicit Lyrics“-Aufkleber ist, gehalten ist – so fehlt etwa die Beschreibung der klassichen Verführungsposen, die die in derlei Dingen offenbar Erfahrene einnimmt und die ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nicht verfehlen:

She threw back her hair
Like I wasn’t there
And she sipped on a julep
Her shoulders were bare
And I tried not to stare
When I looked at her two lips

Bei Maffay heißt es hingegen, zwar teilweise direkt zitierend, aber stark verkürzt:

Sie gab sich so, als sei ich überhaupt nicht da
und um die Schultern trug sie nur ihr langes Haar
Ich war verlegen und ich wußte nicht wohin
mit meinem Blick, der wie gefesselt an ihr hing

Ausgesagt wird hier im Wesentlichen dasselbe, nur wird es eben im ersten Fall bildlich beschrieben, während es im zweiten eher abstrakt benannt wird. Dass Maffays Lied weitaus züchtiger gehalten ist als das Original, zeigt sich hier unter anderem darin, dass die Schultern der Frau zwar in beiden Texten nackt sind, diese Nacktheit im Original aber zu sehen ist und benannt wird, wohingegen die Schultern in Es war Sommer von den Haaren verdeckt werden. (Um dem alten Argument, es sei erotischer, wenn man nicht alles sehe, zu begegnen: Es geht hier nicht um alles, sondern um Schultern! Und wenn die schon bedeckt werden müssen, weil es sonst für den Rezipienten zu viel wird, ist das Genre erotisches Lied wohl nicht ganz das geeignete.) Eine fast schon ins Selbstironische changierende Formulierung ist in diesem Kontext „Doch bleib bei mir bis die Sonne rot wird“, da hier ’schamrot werden‘ assoziiert werden kann.

Ansonsten ist Gregor Rottschalks Fassung vor allem kürzer und auch allgemeiner gehalten – statt des namentlich genannten Freundes werden die nicht näher konkretisierten „andern“ zurückgelassen. Aus der persönlichen, ja intimen und detaillierten Erinnerung, die bei Goldsboro in den Schlussstrophen ja auch noch einmal reflektiert wird, ist eine lediglich grob skizzierte, exemplarische Geschichte geworden: die von der Emanzipation eines Heranwachsenden aus der bis dahin bestimmenden peer group und von seiner Initiation als Mann – die in beiden Texten wiederum fast wortgleich beschrieben wird, inklusive des Wechsels von der dritten zur ersten Person: „And a boy took her hand / But I saw the sun rise as a man“ –  „und der Junge nahm schüchtern ihre Hand / doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn“.

Man kann Rottschalk handwerklich kaum etwas vorwerfen: Er hat aus einem langen, persönlichen Singer-Songwiter-Text einen kurzen, stadiontauglichen Schlagertext gemacht, der so züchtig gehalten ist, dass er aufgrund seines Themas zwar einen kleinen Skandal auslöste und damit Aufmerksamkeit generierte, aber Maffays Wohnzimmertauglichkeit nicht nachhaltig beeinträchtigte. Die Glaubwürdigkeitsproblematik ergibt sich erst in der performativen Reklamation von Authentizität – einerseits durch die Rockerpose, andererseits durch Maffays stark emotionalen Gesang. Mit der Kombination aus einem schematischen, allgemein gehaltenen Text und performativ beanspruchter Individualität liefert Es war Sommer die Blaupause für die Lieder von Generationen nachfolgender Rockschlagersängerinnen und -sänger, die sich zwar wünschen, dass Worte ihre Sprache wären, aber sich doch nur Formulierungen bedienen, die genau so schon Zahllose vor ihnen genutzt haben.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Weicher Kern, Harte Schale, Teil V. Hoffen auf eine bessere Welt. Zu Sidos „Zu wahr“

 

Sido

Zu wahr

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Dass die Welt ok ist, so wie sie geworden ist?
Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?
Wenn vor deinem Auge dein Zuhause einfach wegschwimmt?
Wenn man vor lauter Hunger lang schon nicht mehr Hunger sagt
Kein Tropfen Wasser und kein Schatten hat bei 100 Grad
Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat
Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat
Oder Flüchtlinge, die Kurs nehmen auf Garten Eden
Aber nie mehr in ihrem Leben einen Hafen sehen
Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt
Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent
Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch
Immer wenn ich diese Bilder sehe, raste ich aus
Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich
Alle kehren's unter'n Teppich, doch ich trau mich
Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht
Es ist traurig, traurig aber wahr
Du da, alles läuft aus dem Ruder
Wir wollen immer mehr, doch da ist nirgendwo ein Ufer
Das ist alles leider zu wahr
Es ist zu wahr, zu wahr um schön zu sein

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Wenn man sich heute nicht mal sicher ist, was morgen ist
Wenn alle ihre Augen schließen und lieber alleine bleiben
Während sie auf Kinder schießen, nur weil sie mit Steinen schmeißen?
So viele Menschen, dass das Wasser nicht reicht
Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice
Die meisten treffen sich zur Weihnacht auf nen Abend zu viert
Während der Obdachlose leider auf der Straße erfriert
Mir stockt der Atem, wenn ich sehen muss, dass sie Menschen verkaufen
Auf Minen treten, statt problemlos über Grenzen zu laufen
Wenn die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen
Um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen
Vorurteile, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass
Ist schon erstaunlich, was die Dummheit aus dem Menschen macht
Ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich […]

Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen
Wer kann das schon? Ich hoffe nur das der Song dich ein bisschen zum Nachdenken bringt
Ich weiß, es ist nicht immer einfach ein guter Mensch zu sein. 
Aber es kommt auf den Versuch an.
Lass es uns versuchen!

     [Sido: IV. Urban 2015.]

Ein Rapper will die Welt verbessern

An einem Lied, das konkret auf Missstände wie Kinderarbeit und Umweltverschmutzung aufmerksam macht, gibt es sicher in erster Linie inhaltlich wenig zu kritisieren. Ein solches ist Sidos Zu wahr, das in dieser Serie besprochen wird, weil es zwar nicht den Titel ‚zu wahr um schön zu sein‘ hat, diese Zeile aber im Liedtext genutzt wird und „zu wahr“ somit lediglich eine Abkürzung des für diese Serie herangezogenen ‚zu wahr um schön zu sein‘ darstellt. Der Berliner Rapper vollbringt darin einen Rundumschlag gegen die Übel dieser Welt. Er kritisiert die Wasserarmut, dass Menschen verhungern müssen oder Flüchtlinge sterben. Genauso werden Umweltverschmutzung („Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch“) und die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern („Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“) thematisiert. Daran, dass Sido diese Probleme so klar thematisiert, ist sicher nichts auszusetzen. Wie wir in Sondaschules Text gesehen haben (siehe Teil III), kann so eine Liste an Missständen auch ironisch gebrochen werden, wobei Sidos klare Stellungnahme den Vorteil hat, dass keine Ambiguitäten bleiben.

Vor dem ersten Teil dieser Auflistung an Problemen wendet sich das Sprecher-Ich direkt an die Rezipienten („Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist / Dass die Welt ok ist so wie sie geworden ist? / Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?“). In erster Linie ist der Text deshalb ein Aufruf, etwas an der Welt zu verändern (siehe zu dieser Thematik auch wieder Teil III). Das direkte Ansprechen des Publikums wird im Text immer wieder angewandt, im Refrain („Du da, alles läuft aus dem Ruder“) und besonders am Ende der Strophen: „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen? Wo ist die Hoffnung hin?“ Nun, so schwer ist Sidos message sicher nicht nachzuvollziehen. Theoretisch ist eine Abkehr von „Vorurteilen, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass“ nicht schwer zu verstehen.

Die konkreteren Ausführungen sind dabei mal mehr und mal weniger gelungen. Dass beispielsweise religiöser Fanatismus thematisiert wird („Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat / Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat“), dabei aber keine Klischees von radikalem Islamismus aufgerufen werden und sich das Sprecher-Ich stattdessen gegen Fanatismus im Allgemeinen wendet, ist für das Lied, das sich gegen Intoleranz wendet, sicher stimmig. Ähnlich stimmig ist die Kritik an Arbeitsbedingungen bei der Produktion billiger Kleidungsstücke ( „Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“), weil dieser sich auch an Hörer von Sidos Lied wendet und gleichzeitig einen ganz konkreten Weg aufzeigt, etwas für eine bessere Behandlung von andere zu tun, nämlich keine Billigkleidung zu kaufen.

Ein Beispiel für problematischere Verse ist: „So viele Menschen dass das Wasser nicht reicht / Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice“. Selbstverständlich war die Ice Bucket Challenge ein umstrittener Trend, doch die meisten Teilnehmer hatten sicher gute Absichten, und das eingeworbene Geld floss einem guten Zweck zu (siehe Wikipedia). Auch wenn die Verse sprachlich sinnvoll sind, weil sie das Verschwenden eines Eimers Wasser mit dem Verdursten von Menschen entgegenstellen, ist es schwierig nachzuvollziehen, warum eine Spendenaktion für einen guten Zweck mit erschossenen Kindern und erfrierenden Obdachlosen auf eine Ebene gestellt wird. Ähnlich problematisch ist die Rede davon, dass „die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen/ um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen“. Besonders im aktuellen politischen Klima, in dem vom amerikanischen Präsidenten bis zur AfD gegen die Presse in ihrer gesamtheit gewettert wird, sind die Zeilen problematisch. Vermutlich zielt Sidos Kritik auf das rechte Spektrum der Medienlandschaft, das Ängste, beispielsweise gegen Flüchtlinge, schürt. Doch bedient er sich dabei einer ähnlichen Rhetorik (besonders „unterwerfen“) wie die, die er kritisieren will, was die Zeilen problematisch macht.

Aber das für mich größte Problem im Text ist, dass das Sprecher-Ich sich als Aufklärer mit überlegener Einsicht geriert. Der Vers „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören aber kannst du mich verstehen?“ suggeriert, dass das Sprecher-Ich selber ‚es‘, also vermutlich die Missstände und Probleme dieser Welt, versteht. Noch deutlicher wird dies im Refrain: „Alle kehren’s unter’n Teppich, doch ich trau mich / Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht“. Davon abgesehen, dass das nicht stimmt, weil es zumindest im Internet inzwischen zu jedem gesellschaftlichen und sozialem Missstand Materialen gibt, klingen solche Zeilen doch sehr stark nach Selbstbeweihräucherung (zu dieser Thematik, siehe auch meine Interpretation zu Sidos Augen auf).

Doch Sido scheint selbst zu wissen, dass er es mit seiner positiven Selbsteinschätzung etwas übertrieben hat, und gibt  im Outro zu „Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen“. Doch auch diese selbstkritische Einschätzung kann er so stehen lassen und muss nachschieben „Wer kann das schon?“ (ganz anders als die Sprechinstanz in Teil II dieser Reihe). Aber Sido verbindet seine Selbstbewertung mit der Hoffnung, dass man noch etwas verändern kann. So konterkariert der Text auch den überheblichen Ton Sidos etwas, indem er dazu aufruft, gemeinsam etwas an der Welt, die „zu wahr um schön zu sein“ ist, zu ändern: „Lass es uns versuchen!“ Auch wenn Sido inhaltlich nicht immer ins Schwarze trifft und seine Selbstüberschätzung etwas viel wird, hat der Text durch seine Hoffnung auf eine bessere Welt besonders in der jetzigen Zeit durchaus Relevanz.

Epilog

Abschließend lassen sich einige Zusammenfassungen zu der untersuchten Reihe  von Liedern, die die Wendung „zu wahr um schön zu sein“ ganz oder teilweise im Titel tragen, machen: fünf unterschiedliche Künstler aus diversen Genres haben ihre ganz eigene Interpretation von „zu schön um wahr zu sein“ gefunden. Namentlich: melancholisch-depressiv (Hämatom), selbstkritisch reflektiert (Onkel Tom), nachdenklich (Dritte Wahl), ironisch verwirrt (Sondaschule) und selbstbewusst-hoffnungsvoll (Sido). Somit ist ein breites Spektrum an Emotionen abgedeckt, die auch von Resignation (Hämatom) und Unsicherheit (Onkel Tom) bis hin zu einem hoffnungsvollen Aufruf etwas zu ändern reichen (Sido).

Es gibt aber auch auffallende Parallelen. Mit der überraschenden Ausnahme Onkel Toms, der die Formulierung Zeilen auf das Sprecher-Ich selbst bezieht, wird ‚die Welt‘ als zu wahr um schön zu sein angesehen. Vier der fünf Lieder ist deshalb auch gemein, dass soziale oder politische Missstände thematisiert werden. Die genaue Ausführung variiert dabei freilich, in Hämatoms Lied führt die Erkenntnis beispielsweise zu einer sehr düsteren Stimmung, während sie bei Sido ins Hoffen auf eine bessere Welt mündet. Ähnlich variabel ist, ob die Texte im Allgemeinen verharren (wie bei Hämatom und Onkel Tom) oder genauere Details angeben, wer die Welt unschön macht (wie bei Dritte Wahl das Streben nach Reichtum oder bei Sondaschule die Umweltverschmutzung).

Kaum ein Lied enthält konkrete Hinweise, wie man die hässliche Welt verändern kann. Am ehesten tut dies Sido noch, wenn er z.B. den Kauf von billigen Kleidungsstücken verurteilt. In der Tat lässt sich in einer gespaltenen Welt, in der eines der wichtigsten Länder der Welt von einem Donald Trump regiert wird und in der die UNO vor einer Hungersnot, die 20 Millionen Menschen betrifft, warnt (vgl. zeit.de), der Feststellung , dass die Welt tatsächlich zu wahr um schön zu sein ist, wenig entgegenhalten. Doch, und hier wird der Text Onkel Toms wieder wichtig, sollte dies auch zur Selbstreflexion führen. Und die Unsicherheiten, die dadurch entstehen, teilen wir alle. Im Zweifel würde ich deshalb für Sidos „Lass es uns versuchen!“ gegenüber Hämatoms „Allein, allein“ plädieren.

Martin Christ, Oxford

Ein Klassiker des Antikriegslieds. Hannes Waders „Es ist an der Zeit“

Hannes Wader

Es ist an der Zeit

1. Weit in der Champagne im Mittsommergrün
Dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht
Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat,
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt
Und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.

2. Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih'n
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein
Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

3. Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß
Oder hat ein Geschoss dir die Glieder zerfetzt?
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt?
Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt?
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

4. Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör' meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh'n, dass bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch längst finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen […]

     [Hannes Wader:Es ist an der Zeit. Aris 1980.]

Orientiert am Text des vom schottisch-australischen Singer-Songwriter Eric Bogle (geb. 1944) komponierten Liedes No Man’s Land, schrieb  Hannes Wader (geb. 1942) das Lied Es ist an der Zeit. Bogle hatte 1976 eine Tournee durch in Frankreich unternommen. Tief bewegt nach einem Besuch der Soldatenfriedhöfe in Nordfrankreich und Flandern, verfasste er das auch unter The Green Fields of France bekannt gewordene Lied:

Wann Wader das Lied kennengelernt hat, ist nicht bekannt. Beim Verfassen seines Liedesim Jahr 1980 wird er unter dem Eindruck des im Dezember 1979 vom Bundestag beschlossenen Nato-Doppelbeschlusses gestanden haben, der erlaubte, mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen und Marschflugkörper in der BRD zu stationieren, wobei der Bundestag auf die Einflussnahme vor deren Einsatz verzichtete.

Angesichts der Proteste, der sich ausbreitenden Bürgerinitiativen und der sich daraus neu formierenden Friedensbewegung mit ihren massenhaft besuchten Demonstrationen, Sitzblockaden und Menschenketten stieß Waders Antikriegslied auf ein gewaltiges Echo. Während der Demonstrationen wurde es vom Lautsprecherwagen übertragen und bei Kundgebungen häufig von Musikgruppen gespielt und gesungen. Ich erinnere mich daran, dass wir bei unseren Beratungsstunden für potentielle Kriegsdienstverweigerer in der Evangelischen Studentengemeinde Hamburg zu Beginn immer Es ist an der Zeit abspielten und manche Besucher einige Verse leise mitsangen. Wie populär Waders Antikriegslied war und noch immer ist, zeigen die von 1981 bis 2014 herausgebrachten LPs und CDs, die Interpretationen anderer Liedermacher, u.a. von Reinhard Mey und die zahlreichen Konzerte Waders, u a. mit Konstantin Wecker, auf denen das Lied gesungen wurde.

Wie Bogles Text beginnt auch die erste Strophe von Wader mit einer fast idyllisch anmutenden Beschreibung eines Soldatenfriedhofs. Schrecken und Leid sind unter den Mohnblumen und den sich wiegenden Gräsern nur noch zu ahnen. Im Gegensatz zu Bogle, der den Soldaten, den er besingt, beim Namen nennt – Willie McBride -, übernimmt Wader nur das Todesjahr und das Alter des jungen Mannes. Das anonyme Kreuz, von dem Wader spricht, macht noch deutlicher, dass dieser Soldat stellvertretend für alle Soldaten steht.

Und er spricht den toten Soldaten an und klagt an: „uch dich haben sie schon genauso belogen, / So wie sie es mit uns heute immer noch tun“. Im Ersten Weltkrieg meldete sich ein großer Teil der jungen Männer freiwillig zum Kriegsdienst, weil sie an den versprochenen schnellen Sieg glaubten, das Wort von Kaiser Wilhelm II. noch in den Ohren: „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein!“ (zur Erinnerung: Der Kaiser unterschrieb die Kriegserklärung gegen Frankreich am 3. August 1914 – Weihnachten 1914 waren fast 300.000 deutsche Soldaten tot; vgl. auch die Interpretation zu Liederjahns Ein kleiner Frieden mitten im Krieg).

Denkt man an die von Bismarck zugespitzte Emser Depesche (Juli 1870), die als Herausforderung Frankreich zur Kriegserklärung veranlasste, an den inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz und Hitlers Rede am 1. September 1939 („Seit 5.Uhr 45 wird zurückgeschossen!“), an den „Tonkin-Zwischenfall“ (1. August 1964), der den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg rechtfertigen sollte, an die Unwahrheiten im Zusammenhang mit den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks, die die Bombardierung Bagdads und (ab März 2003) die Invasion durch die USA und Großbritannien auslösten, so scheinen Lügen, Provokationen und Manipulationen zum Krieg dazuzugehören – „wie sie es mit uns heute immer noch tun“.

Jahre zuvor hatte Bogle in No Man’s Land gefragt, ob alle toten Soldaten gewusst hätten, wofür sie gestorben sind und ob sie alles geglaubt hätten, was ihnen erzählt wurde: „Do all those who lie here know why they died? / Did you really believe them when they told you ‚The Cause‘? / Did you really believe that this war would end wars?“ Bei Wader wird aus der Anklage Trauer: „Und du hast ihnen alles gegeben: / Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.“

Mitfühlend fragt Wader in der zweiten Strophe, ob der junge Soldat je ein Mädchen geliebt hat, um dann zu vermuten, dass das sicherlich nicht der Fall gewesen sei, da nur dort, wo es „Frieden gibt“, „Zärtlichkeit und Vertrauen gedeih’n“ können. An die Verrohung durch den Krieg denkend (vgl. 3. Strophe, 2. Vers), fragt Wader, ob der Soldat eine Vergewaltigung – wie häufig in eroberten Gebieten vorgekommen – begangen hat. Doch er hält unserem unbekannten Soldaten zugute, dass der zwar entschlossen dazu war, dann aber sich geschämt und nicht vergewaltigt hat.

Auch andere LiedermacherInnen haben sich mit dem Krieg auseinander gesetzt, wie z.B. die kanadische Komponistin und Musikerin Buffy Sainte-Marie (geb. 1941). Wie sehr es auf das Tun oder Nichttun eines Soldaten ankommt, stellt sie in ihrem 1964 erschienenen Lied Universal Soldier dar (fälschlicherweise häufig dem schottischen Liedermacher Donovan zugeschrieben):

But without him, how would Hitler have condemned them at Dachau?
Without him Caesar would have stood alone,
He’s the one who gives his body as a weapon of the war,
And without him all this killing can’t go on.

He’s the Universal Soldier and he really is to blame,
His orders come from far away no more,
They come from here and there and you and me,
And brothers, can’t you see,
This is not the way we put the end to war.

Das Mitte der 1960er Jahren entstandene Lied ist als indirekte Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung verstanden worden und nicht nur in pazifistischen Kreisen erfolgreich gewesen.

In einem weiteren inneren Dialog fragt Wader, ob der tote Soldat den Begründungen für den Krieg geglaubt hat und ob er seinen wirklichen Feind (die Regierung, die ihn in den Krieg schickte) nicht erkannt hat. Reinhard Mey (geb. 1942) gibt dagegen in seinem 1994 verfassten Lied Frieden eine deutliche Antwort darauf und beschreibt zugleich den ‚wirklichen Feind‘:

Wenn die Kriegsherrn im Nadelstreifen,
Die wahren Schuldigen geächtet sind,
Wenn Soldaten endlich begreifen,
Daß sie potentielle Tote sind.
Wenn von Politikerversprechen
Sich nur dieses erfüllt von all’n,
Wird eine bessere Zeit anbrechen,
Denn: »Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfall’n!

In der dritten Strophe hofft Wader, dass unserem Soldaten ein „sauberer Schuß“ traf, d.h. dass er gleich tot war und nicht lange leiden musste. Wader benennt die Gräuel und das Leid, denen die Soldaten im Krieg  ausgesetzt sind, wenn eine Granate „die Glieder zerfetzt“ und dann nur noch einzelne Gliedmaßen begraben werden, die Schwerverwundeten auf „ihren Beinstümpfen weiter gerannt“ sind und im Todeskampf nach ihrer Mutter geschrien haben.

Auch Mey beschreibt in der ersten Strophe seines Liedes Frieden das Elend und die Sinnlosigkeit eines Krieges:

Dein Bild in den Spätnachrichten,
Wimmernder, sterbender Soldat.
Eine Zahl in den Kriegsberichten,
Ein Rädchen im Kriegsapparat,
Für einen Schachzug zerschossen
Und für ein Planquadrat im Sand,
Für einen Wahn hast du dein Blut vergossen
Und immer für irgendein gottverdammtes Vaterland!

Der US-amerikanische Lyriker und Liedermacher Bob Dylan (geb. 1941) stellt in seinem 1962 geschriebenen Hit Blowin‘ in the Wind zwar kritische Fragen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly/ Before they are forever banned?“  (1. Strophe), „Yes, and how many ears must one man have / Before he can hear people cry?“, „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows / That too many people have died?“ (3. und letzte Strophe). Doch seine Antwort bleibt vage: „The answer, my friend, is blowin‘ in the wind / The answer is blowin‘ in the wind.“

Dagegen wusste der 1921 geborenen Schriftsteller Wolfgang Borchert (u.a. Autor des Heimkehrerdramas Draußen vor der Tür) kurz vor seinem Tod im November 1947 in seinem Manifest in Form eines Gedichtes Dann gibt es nur eins! die Antwort:

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Missisippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

Auch der Schriftsteller, Schauspieler, Trompeter und Chansonnier Boris Vian (1920 bis 1959) wusste 1954 eine Antwort auf die Frage, wie Kriege zu verhindern seien. Angesichts des Algerienkriegs und des Kolonialkriegs in Indochina ruft er in seinem Chanson Le déserteur (Monsieur le Président) zur Desertion und Befehlsverweigerung auf:

Ich will nicht provozier’n,
wenn ich ganz offen sage:
Der Krieg kommt nicht in Frage,
ich werde desertier’n! [4. Strophe]

Verweigert den Befehl,
kämpft nicht in ihren Kriegen,
glaubt niemals ihren Lügen,
der Frieden wär’ ihr Ziel! [10. Strophe]

Fragt Reinhard Mey 1980 „Wann ist Frieden, wann ist endlich Frieden?“ und antwortet, wenn Frieden ist, „ist das Elend vorbei und das Ende der Barbarei“ gekommen, hat Wolf Biermann auf seine Frage Wann ist endlich Frieden in dieser irren Zeit? (1980) nur eine pessimistische Antwort:

Die Welt ist so zerrissen
Und ist im Grund so klein
Wir werden sterben müssen
Dann kann wohl Friede sein.

Wader dagegen fordert, „für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein“ und warnt davor, noch einmal auf Lügen hereinzufallen, da „sonst bald niemand mehr lebt, der die Milliarden von Toten begraben“ könnte (ausgelöst durch den „overkill“ der in einem Weltkrieg eingesetzten Atombomben). Und hoffnungsvoll schließt er mit den Worten: „Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“

Georg Nagel, Hamburg

Weicher Kern, harte Schale, Teil IV. Gemäßigter Punk in Dritte Wahls „Zu wahr um schön zu sein“

Dritte Wahl

Zu wahr um schön zu sein 

Ich sitz' am Fenster müde von der langen Reise,
draußen ziehen Landschaften vorbei.
Mit vollem Tempo rollt der Zug über die Gleise,
ich fühl mich eingesperrt und irgendwie auch frei.
 
Und die Dämmerung lässt diesen Tag zu Ende gehen,
die grellen Lichter fangen mit der Arbeit an
da wo das Gold und das Gift so dicht beisammen stehen,
dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann.
 
Ich denk, was könnte diese Welt doch für ein Ort sein?
Ein Paradies auf schneller Fahrt durch Zeit und Raum.
Würde hier Miteinander mehr als nur ein Wort sein
und wäre Gleichheit etwas mehr als nur ein Traum.
 
Doch während sich einige hier Prunk und Luxus geben,
ganz ohne Maß und völlig zu bis oben hin,
können die anderen sich noch so sehr bewegen,
was sie auch tun, die Luft bleibt unten immer dünn.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage,
uns von diesen alten Zwängen zu befreien.
Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein,
viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?
 
Man sollte meinen, Wut und Zorn wär'n schier unendlich,
an so ein Unrecht da gewöhnen wir uns nie.
Die Apathie hier ist doch völlig unverständlich,
oder wollen im Grunde alle sein wie die?
 
Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen,
wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt,
dort wo sie schwärmen von den guten alten Zeiten
und man die schlechten Dinge gerne mal verdrängt.
 
Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage […]

     [Dritte Wahl. Geblitzdingst. Dritte Wahl Records 2015.]

Leise ins Paradies    

Der Text der Rostocker Punkrocker Dritte Wahl beginnt, wie dies in vielen literarischen Erzeugnissen der Fall ist, auf einer Reise des Protagonisten. Dieser (weil das Lied von einem Mann gesungen wird, nehmen wir an, dass auch der Protagonist männlich ist) sitzt in einem Zug, spätabends und denkt beim Anblick der vorbeirauschen Landschaft an die Probleme der Welt. Diesen entfliehend, träumt er von einer utopischen Welt, einem „Paradies“, das auf Gleichheit und Miteinander beruht. Schnell wird der Reisende aber von der Realität eingeholt und kritisiert in guter Punk-Manier die Reichen und deren luxuriösen Lebensstil. Im Refrain wird dann an eine imaginierte Gemeinschaft appelliert, etwas zu ändern, damit die Phantasie Realität wird und nicht viel zu schön wahr zu sein bleibt. In den letzten beiden Strophen wird dann dieser Wunsch nach Veränderung aufgegriffen indem Apathie und Verdrängung kritisiert werden. Passend zum schlaftrunkenen Reisenden ist der erste Teil des Liedes auch musikalisch ruhiger und langsamer gehalten, als der zweite Teil, in dem sich dder Sprecher in Rage geredet hat.

Im Fall von Dritte Wahl steht die Zeile „zu schön um wahr zu sein“ symptomatisch für eine gemäßigte Interpretation klassischer Punk-Topoi. Sie wird deshalb als Frage an die Rezipienten gestellt: „Oder ist die Welt für jetzt und alle Tage / viel zu wahr, viel zu wahr um schön zu sein?“ Davor wird im Refrain, ganz leise, die Hoffnung geäußert, dass Veränderungen möglich seien: „Und vielleicht wären wir zusammen in der Lage, / uns von diesen alten Zwängen zu befreien“. Doch, ganz untypisch für Punkrock, für den rotzig-selbstbewusste Texte durchaus üblich sind, wird hier durch die Verwendung eines „vielleicht“ deutlich, dass sich nicht einmal der Sprecher selbst sicher ist, ob Veränderungen möglich (oder wünschenswert) sind.

Passenderweise bemüht der Protagonist dann auch abstraktere Sprachbilder, die man vielleicht ebenfalls nicht in klassischen Punkliedern erwarten würde, beispielsweise die Personifikation der Lichter, die „mit der Arbeit“ anfangen oder die Beschreibung einer utpischen Welt als „ein Paradies auf schneller Fahrt durch Raum und Zeit“. Denkt man zum Vergleich an die Ursprünge des Punks mit Liedern wie London’s Burning oder Anarchy in the U.K. wirken solche Zeilen gänzlich atypisch.

Doch bei Dritte Wahl führt der Wunsch nach einer neuen Weltordnung noch zu ganz anderen, ebenso überraschenden Erkenntnissen: Der Alkoholkonsum der Menschen wird kritisiert. Für eine Punkrockband vermeintlich unvorstellbar! („Und in den Straßen füllen sich wieder mal die Kneipen / wo man die Sehnsüchte und Hoffnungen ertränkt“). Die betäubende Wirkung des Alkohols und das Schwärmen von alten Zeiten wird nicht als ein positives Beisammensein mit Freunden bei einem Bier gesehen, sondern als Flucht vor der Realität (zur Kneipe als Erinnerungsort, siehe auch Denise Dumschat-Rehfeldts Interpretation zu Eins kann uns keiner nehmen von Revolverheld). Es scheint als würde der müde Reisende im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft auch den stereotypischen Lebensstil eines Punks hinterfragen und vermutlich damit auch sein eigenes Leben.

Enttäuscht von der Welt kritisiert der Sprecher die Apathie und das Unrecht, das ihm in den Sinn zu kommen scheint. Und hier bleibt er sich, folgt man der Lesart, dass es sich bei ihr um einen moderaten Punk handelt, trotz allen Einschränkungen treu. Der Grund für die Probleme der Welt liegen im Luxus und der Prunksucht der wenigen, die diese auf Kosten derer, die sich ‚unten‘ befinden, ausleben. Somit wird das Gold der Wenigen zum Gift für die Vielen und die maßlose Verschwendung von denen, die ‚oben‘ sind, zeigt die bestehende Ungleichheit. Das, so scheint es, führt zu den im Refrain angesprochenen „Zwängen“, die es zu durchbrechen gilt.

An dem Punkt, wo der Sprecher über diese Ungleichheiten nachzudenken beginnt, gibt es auch die am deutlichsten ausgeprägten sozialkritischen Einschätzungen, die sich gegen Apathie und Unrecht wenden. Verbunden wird dies mit einer, und auch dies kann wieder als typisch für den Punk gelten, Schwarz/weiß-Sicht von ‚wir gegen die‘. So fragt die vorletzte Strophe ob „im Grunde alle sein wollen, wie die“  (Hervorhebung M.C.) Mit emotionalen Worten wie Wut und Zorn kommt diese Strophe auch der ansonsten so typischen, Anti-establishment-Attitüde des Punkrock am nächsten. Schließlich folgt die bereits besprochene Strophe, die sich gegen den Alkoholkonsum in der Kneipe ausspricht. Doch wo man dann eine klare Aufforderung an die Kneipengänger erwarten würde, auf die Straße zu gehen und etwas zu verändern, folgt lediglich wieder der betont unsichere Refrain.

Es scheint, der Sprecher ist sich selber nicht sicher, wohin er gehört, fühlt er sich doch „eingesperrt und irgendwie auch frei“, kritisiert Apathie und soziale Ungerechtigkeit, greift aber auf keine Topoi zu einem Umsturz der Weltordnung zurück auf und hat zwar mit den Reichen klare Feindbilder identifiziert, ist sich aber nicht sicher, ob sich die vorgefundene Ungleichheit überhaupt ändern lässt. Wie auch bei Onkel Tom (siehe Teil II) verweist deshalb die Zeile „zu wahr um schön zu sein“ zum Teil auch auf die Unsicherheit des Sprechers. Unser Zugreisender glaubt wohl selbst, dass sein Wunsch nach einer anderen Welt nur ein Traum bleiben wird.

Martin Christ, Oxford