Voll Romantisch? Zu Revolverhelds „Ich lass für dich das Licht an“

Revolverheld

Ich lass für dich das Licht an 

Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen
Der Himmel wird schon morgenrot
Doch du willst noch nicht schlafen
Ich hole uns die alten Räder 
Und wir fahren zum Hafen

Ich lass' für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn' für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag
Ich lass' für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da

Ich würde meine Lieblingsplatten
Sofort für dich verbrennen
Und wenn es für dich wichtig ist
Bis nach Barcelona trampen
Die Morgenluft ist viel zu kalt
Und ich werde langsam heiser
Ich seh' nur dich im Tunnelblick
Und die Stadt wird langsam leiser

Ich lass' für dich das Licht an [...]

Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen

     [Revolverheld: Immer in Bewegung. Columbia 2013.]



Befragt man das Internet nach beliebten deutschsprachigen Liebesliedern, so ist fast immer Revolverhelds Ich lass für Dich das Licht an vertreten. Von den „80 schönsten deutschen Liebesliedern“ (musikradar.de) bis hin zu „20 Deutsche[n] Lieder[n] für den Eröffnungstanz und die Trauung“ – dort sogar auch Platz 1 – taucht das Lied auf. Und glaubt man den unter dem Musikvideo versammelten Kommentaren, befindet sich das Lied auf diesen Listen zu Recht. Dort wird von emotionalen Reaktionen („Bin ich die einzige die geweint hat?“), über Heiratsanträge („Zu dem Song hatte ich meiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht……..und sie hat JA  gesagt“) bis hin zu Sehnsuchtsphantasien („Und wer fragt sich da nicht ‚warum passiert mir sowas nicht‘ Wunderschön! Tränen in den Augen!“) berichtet.

Also alles klar: ein schönes Liebeslied, das Hörern die Tränen in die Augen treibt und sie zu Heiratsanträgen motiviert, oder? Gerade weil sich das Lied so großer Beliebtheit erfreut, soll hier eine kritischere Lesart vorgeschlagen werden, die die im Text dargestellte Vorstellung von Romantik kritisch hinterfragt. Die Interpretation rückt dafür die besungene, weibliche Protagonistin in den Vordergrund.

Der Inhalt des Textes ist schnell umrissen: Die Sprechinstanz des Liedes beschreibt, was sie für eine andere Person getan hat bzw. tun würde. Besonders wichtig ist ein Szenario, in dem die beiden Personen nachts nach Hause laufen. Das Geschlecht von Sprechinstanz und besungener Person wird nie explizit erwähnt, aber die Beschreibung ist so konventionell gender-normiert, dass sich vermuten lässt, dass es sich um eine männliche Sprechinstanz handelt, die eine weibliche Person besingt. Unterstützt wird diese Vermutung durch das Musikvideo, in dem ein Mann seiner Freundin einen Heiratsantrag macht.

Geht man also davon aus, dass die besungene Person eine Frau ist, ergeben sich mit dem Text einige Probleme. Denn, stark überspitzt ausgedrückt, wird hier eine gefühlsduselige und schwächliche Frau dargestellt und damit einhergehend eine ganz klassische Rollenvorteilung des Manns als Beschützer und Problemlöser rezipiert. Einige Beispiele: Der Frau ist kalt und so muss der Mann als wärmender Beschützer eintreten oder die Frau schaut die „schlimmsten Schnulzen“, der hypermaskuline Mann dann wohl die Actionfilme. Diese Beschützerthematik kommt auch in der titelgebenden Zeile  „Ich lass‘ für dich das Licht an, obwohl’s mir zu hell ist“ zum Ausdruck. Will die Frau, dass man das Licht anlässt, weil sie sich fürchtet?

Doch darüber hinaus ist die Struktur des Textes aus zwei Gründen sehr problematisch: Erstens zählt der männliche Sprecher all die Opfer auf, die er bringen muss um so seine Liebe zu beweisen. Dass in jeder zwischenmenschlichen Beziehung beide Seiten Kompromisse eingehen müssen um ein Gelingen zu gewährleisten, ist klar. Doch dadurch, dass hier der Mann so explizit all die Dinge aufzählt, die er tut um der Frau entgegenzukommen, entwickelt sich ein seltsames Machtgefälle: Der Mann bringt diese Opfer, aus Großzügigkeit der Frau gegenüber. Dadurch gibt es auch eine klare Wertung: Schnulzen sind „schlimm“ und die besungene Frau ist nicht laut sondern „zu laut“.

Gerade die Tatsache, dass die Frau „zu laut“ ist, ist interessant, weil sie mit einem beliebten misogynen Topos spielt. Sind Frauen nicht gefällig, werden sie als hysterisch bezeichnet, und das Ideal der zurückhaltenden Dame wird weiterhin gepflegt (siehe z.B. pinkstinks.de). In der hier vorgeschlagenen Lesart schwingen diese Konnotationen der kreischenden, hysterischen Frau in dieser Zeile mit. Der Mann hingegen, ganz klassisch und heteronormativ gedacht, ist eine Art Gegenpol, der die problematischen Aspekte der Frau – hier durch seine Stille – ausgleicht.

Der Mann fühlt sich als Märtyrer für die Liebe in seiner Haut sehr wohl. So ausgeprägt ist diese Tendenz, dass er nicht nur aufzählt, was er schon getan hat, sondern auch was er tun würde (seine Platten verbrennen und nach Barcelona trampen). Wie sehr das Lied auf die Sprechinstanz fokussiert ist, wird auch in der wiederholten Verwendung der ersten Person Singular deutlich. Im Refrain geht es dreimal um „Ich“.

Dies führt auch zum zweiten Problem: der Tatsache, dass wir diese Geschichte lediglich aus der Sicht des Mannes hören. Vielleicht hat die Frau gute Gründe mit Licht schlafen zu wollen? Vielleicht würde sie den Mann als zu still bezeichnen? So oder so bekommt die Hörerin oder der Hörer eine sehr einseitige Sicht, die dadurch, dass der Mann seine Opfer aufzählt, klar den Mann als den stärkeren, letztlich auch besseren Teil der Beziehung darstellt. Natürlich gibt es viele gelungene Liebeslieder, in denen nur die Sicht einer der beiden beteiligten Personen thematisiert wird. Aber der Fokus auf den Mann in Kombination mit der wertenden Darstellung der Frau macht diese Darstellungsart in diesem Fall problematisch.

Unterstützt wird diese Lesart auch durch das pappsüße Musikvideo. Glaubt man der Erklärung im Video, dass es sich um eine authentische Situation handelt, so spielt die Band das Lied für einen Freund, der seiner Freundin nun einen Heiratsantrag machen will. Bezeichnend sind dabei zwei Dinge: zum ersten, dass der Freundin vorher nicht gesagt wird, was passieren wird, und ihr somit Informationen vorenthalten werden, die ihr die Möglichkeit gäben zu widersprechen. Was der Freundin hingegen gesagt wird ist, dass sie sich „schick machen“ solle. Zum zweiten die Tatsache, dass selbstverständlich der Mann den Antrag macht. Klassisch ergreift er die Initiative und bleibt dem im Lied ebenfalls dargestellten traditionellen Rollenverständnis völlig treu. Am Ende ist der Mann das bestimmende und ausschlaggebende Element.

Geht so romantisch?

Martin Christ, Tübingen

 

 

 

Advertisements

Eine Seefahrt war gar nicht immer lustig. Zu „Eine Seefahrt, die ist lustig“

Anonym 

Eine Seefahrt, die ist lustig

1. Eine Seefahrt die ist lustig
Eine Seefahrt, die ist schön
Denn da kann man fremde Länder
Und noch manches andre sehn.

[Refrain:]
Hol-la-hi, hol-la-ho
Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho.

2. Unser Kapitän, der Dicke,
Kaum drei Käse ist er groß,
auf der Brücke eine Schnauze,
Wie’ne Ankerklüse groß.

3. In der Rechten einen Whiskey,
In der Linken einen Köm,
Und die spiegelblanke Glatze,
Das ist unser Kapitän.

4. In der einen Hand die Kanne,
In der andern Hand den Twist,
Und dazu die große Schnauze,
Fertig ist der Maschinist.

5. Und der erste Maschinist,
Ist Chinese, und kein Christ,
und der erste Offizier,
Der trägt Wäsche aus Papier.

6. Und man hat sich dann gewaschen
Und man denkt, nun bist du rein;
Kommt so’n Bootsmannsmaat der Wache:
"Wasch dich noch einmal du Schwein!"

7. In des Bunkers tiefsten Gründen,
Zwischen Kohlen ganz versteckt,
Pennt der allerfaulste Stoker,
Bis der Obermaat ihn weckt.

8. "Komm mal rauf, mein Herzensjunge,
Komm mal rauf, du altes Schwein,
Nicht mal Kohlen kannst du trimmen
Und ein Heizer willst du sein?"

9. Und er haut ihm vor'n Dassel,
Daß er in die Kohlen fällt
Und die heilgen zwölf Apostel
Für 'ne Räuberbande hält.

10. Und im Heizraum bei einer Hitze
Von fast über fünfzig Grad
Muß der Stoker feste schwitzen
Und im Luftschacht sitzt der Maat.

11. Und der Koch in der Kombüse,
Diese vollgefressene Sau,
Mit de Beene ins Gemüse,
Mit de Arme im Kakau.

12. Und der Koch in der Kombüse,
Diese zentnerschwere Sau,
Kocht uns alle Tage Pampe,
Uschi, Uschi mit Wauwau.

13. Mit der Fleischbank schwer beladen
Schwankt der Seemann über Deck;
Doch das Fleisch ist voller Maden,
Läuft ihm schon von selber weg.

14. Und die silberweißen Möwen,
Die erfüllen ihren Zweck
Und sie scheißen, scheißen, scheißen
Auf das frischgewaschne Deck.

15. In der Heimat angekommen,
Fängt ein neues Leben an,
Eine Frau wird sich genommen,
Kinder bringt der Weihnachtsmann.

Die Melodie stammt von einem alten Seemannslied, entstanden vermutlich um die Jahrhundertwende 1900, das auch die Grundlage für den Text bildet. Auf Grund der eingängigen Melodie fügten Seeleute und andere Texter, die am Lied Gefallen gefunden hatten, immer wieder neue Strophen hinzu. Die meisten Liederbücher enthalten eine Fassung mit vier Strophen (s. www.lieder-archiv.de); hier sollen die 14-strophige Version und zusätzlich eine Ergänzungsstrophe dargestellt werden.

Interpretation

Die Eingangsstrophe zeigt, dass eine derartige Seefahrt nicht für jeden Reisenden angenehm ist. Der erste Vers beginnt mit denselben Worten wie die 4-strophige Fassung, aber dann heißt es ganz realistisch, wie der Verfasser es einige Male auf Fahrten nach Helgoland erlebt hat:

1. Eine Seefahrt , die ist lustig,
eine Seefahrt , die ist schön,
ja, da kann man manche Leute
an der Reling spucken seh’n.

Hol-la-hi, hol-la-ho
Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho.

[Der Refrain wird bei den nächsten Strophen weggelassen.]

In den folgenden Strophen werden die Mitglieder der Schiffsbesatzung beschrieben, und zwar aus Sicht der Crew.

Zunächst der Käpitän:

2. Unser Kapitän, der Dicke,
Kaum drei Käse ist er groß,
auf der Brücke eine Schnauze,
Wie ’ne Ankerklüse groß.

Dass auf der Brücke der Käpitän, so klein er körperlich auch sein mag, das Sagen hat, ist selbstverständlich. Hier wird der Käpt’n scherzhaft beschrieben, mit einer ‚Schnauze so groß „wie ’ne Ankerklüse“‘ (Eine Klüse ist eine verstärkte Öffnung in der Bordwand , durch die die Ankerkette, Leinen und Trossen durchgeführt werden). Auch die dritte Strophe beschreibt den Käpt’n ganz anders als in der 4-strophigen Version: Von Rum ist keine Rede, aber von Whiskey und Köm (Kümmelschnaps):

3. In der Rechten einen Whiskey,
In der Linken einen Köm,
Und die spiegelblanke Glatze,
Das ist unser Kapitän.

Nicht ganz der Hierarchie an Bord entsprechend werden hier dem Maschinisten gleich zwei Strophen gewidmet. Immer beschäftigt, hat er in der einen Hand die Ölkanne, in der anderen einen Putzlumpen zum Aufsaugen und Eindämmen von Leckagen bei Maschinen, den „Twist“.

4. In der einen Hand die Kanne,
In der andern Hand den Twist,
Und dazu die große Schnauze,
Fertig ist der Maschinist.

In der nächsten Strophe ist der Maschinist ein Chinese, der es sogar zum ersten Verantwortlichen für die Bedienung und Wartung des Schiffsmotors gebracht hat. So wie noch heute für viele sog. niedrige Arbeiten an Bord Thais oder Malaien angeheuert werden, waren es zur Zeit der Dampfschifffahrt häufig Chinesen (vgl. auch den Bau der Pacific-Eisenbahn in den USA mit den Erd- und Gleisarbeitern). Immerhin wird auch noch kurz der erste Offizier erwähnt, dem man spaßeshalber andichtet, dass er Unterwäsche aus Papier trägt.

5. Und der erste Maschinist,
Ist Chinese, und kein Christ,
und der erste Offizier,
Der trägt Wäsche aus Papier.

Auf den Schiffen wurde großer Wert auf Reinlichkeit gelegt, verständlich wenn man bedenkt, wie eng es in der häufig im Innern des Schiffes (was bedeutet ohne Luk zur frischen Luft) gelegenen Mannschaftskabine war und wie leicht die Männer bei ihrer schweren Arbeit ins Schwitzen kamen. So ist dann in der nächsten Strophe auch die Rede von einem Seemann, der vom Bootsmannsmaat (vergleichbar mit einem Unteroffizier des Heeres oder der Luftwaffe) rau angefahren wird:

6. Und man hat sich dann gewaschen
Und man denkt, nun bist du rein;
Kommt so’n Bootsmannsmaat der Wache:
„Wasch dich noch einmal du Schwein!“

Eine der körperlich am anstrengendsten und unangenehmsten Arbeiten war zur Zeit der Dampfschifffahrt das Heizen des Kessels, mit dessen Dampf die Motoren angetrieben wurden. Daher verwundert es nicht, dass der der „Stoker“, ein Gehilfe des Heizers, gleich mit vier Strophen besungen wird. Herumsitzen, Herumstehen, geschweige denn Schlafen außerhalb der Schlafenszeit war an Bord streng verpönt. Und obwohl sich der Stoker schon zwischen den Kohlen versteckt hat, hat ihn doch der Obermaat (Bootsmannanwärter) entdeckt:

7. In des Bunkers tiefsten Gründen,
Zwischen Kohlen ganz versteckt,
Pennt der allerfaulste Stoker,
Bis der Obermaat ihn weckt.

Und schon holt der Heizer sich einen Rüffel, indem er zunächst ironisch als „Herzensjunge“, dann aber drastisch als „Schwein“ tituliert wird. Zusätzlich wird ihm der Vorwurf gemacht, dass er nicht mal die Kohlen trimmen kann. Das Trimmen der Kohle war wichtig für die Sicherheit des Schiffes. Trimmen bedeutete, von den Kohlehaufen die Kohle so abzuschaufeln, dass weder lawinenartig große Kohlenmengen von der Spitze herabrutschen konnten noch durch ein Verrutschen der Kohleladung insgesamt es zu einer Schieflage des Schiffes kommen durfte.

8. „Komm mal rauf, mein Herzensjunge,
Komm mal rauf, du altes Schwein,
Nicht mal Kohlen kannst du trimmen
Und ein Heizer willst du sein?“

Einen vor den Dassel kriegen, heißt laut Duden eigentlich einen schweren Schicksalsschlag erleiden. Hier bedeutet es, einen Hieb auf den  Kopf kriegen.

9. Und er haut ihm vor’n Dassel,
Daß er in die Kohlen fällt
Und die heilgen zwölf Apostel
Für ’ne Räuberbande hält.

Die 10. Strophe erkennt an, welch schwierige, schweißtreibende Arbeit so ein Heizer zu verrichten hatte. Und von dem bisschen Luft, das normalerweise durch den Luftschacht in den Heizraum kommt, ist er auch noch abgeschnitten, weil im Luftschacht (wahrscheinlich aus Schikane) der Maat sitzt.

10. Und im Heizraum bei einer Hitze
Von fast über fünfzig Grad
Muß der Stoker feste schwitzen
Und im Luftschacht sitzt der Maat.

Ein grundsätzliches Problem an Bord war angesichts der wochenlangen Fahrten nach Übersee die Verpflegung. Zum Vitaminmangel, der in früheren Zeiten zum Skorbut führte, kam noch, dass häufig die Verpflegung knapp wurde. Manche Köche versuchten, dann mit Mehlspeisen und oder „Wassersuppe“ der Crew wenigstens etwas Warmes zu bieten, aber man kann sich vorstellen, dass die Unzufriedenheit, je länger die Fahrt dauerte, zunahm, zumal Koch und Offiziere fast immer die wohlschmeckenden Mahlzeiten erhielten. Und so macht sich die Mannschaft Luft und nennt den Koch eine „vollgefressene Sau“ (weil man die strengen Sanktionen kannte, wurden die Offiziere nicht angegangen) und dichtet noch Einiges an, auch, dass er Uschi, den Bordhund, zur Essenszubereitung verwendet hat.

11. Und der Koch in der Kombüse,
Diese vollgefressene Sau,
Mit de Beene ins Gemüse,
Mit de Arme im Kakau.

12. Und der Koch in der Kombüse,
Diese zentnerschwere Sau,
Kocht uns alle Tage Pampe,
Uschi, Uschi mit Wauwau.

Aber nicht immer wurde das Fleisch erst während der langen Reise schlecht. Manchmal war es bereits „voller Maden“, bevor es an Bord kam. Auch an der Verpflegung wurde gespart.

13. Mit der Fleischbank schwer beladen
Schwankt der Seemann über Deck;
Doch das Fleisch ist voller Maden,
Läuft ihm schon von selber weg.

Die 14. und 15. Strophe passen m. E. nicht zur Beschreibung von Kapitän und Mannschaft. Warum die Möwen ihren Zweck erfüllen, wenn sie auf das frischgewaschenen Deck „scheissen“, erschließt sich mir nicht.

14. Und die silberweißen Möwen,
Die erfüllen ihren Zweck
Und sie scheissen, scheissen, scheissen
Auf das frischgewaschne Deck.

Und in der 15. Strophe hat sich eine Landratte in Person eines Schlagertexters in die Sehnsucht eines jungen Seebären eingefühlt, der ohne eine Braut zu haben jahrelang zur See gefahren ist. Auf diese Weise hat er dem doch manchmal recht harschen Text einen versöhnlichen Abschluss gegeben.

15. In der Heimat angekommen,
Fängt ein neues Leben an,
Eine Frau wird sich genommen,
Kinder bringt der Weihnachtsmann.

Rezeption

Obwohl das Lied eifrig gesungen wurde und von Seeleuten und anderen Verfassern immer neue Texte hinzugefügt wurden, erschien es erst 1934 in dem Liederbuch Der Kilometerstein – Klotzlieder mit neun Strophen; die 5. Auflage 1937 enthielt dann t 14 Strophen, die in hoher Auflage erschienene Feldpostausgabe wies ebenfalls 14 Strophen auf.

Bereits 1934/35 sang die jugendliche Isa Vermehren, begleitet von ihrem Schifferklavier (Akkordeon) Seemannslieder in dem von Werner Finck geleiteten Berliner Kabarett „Die Katakombe“. Ihren größten Erfolg hatte sie mit ihrer parodistischen Version von Eine Seefahrt, die ist lustig, indem sie indirekt Nazi-Größen karikierte. Ihren Vers

Unser Erster auf der Brücke
ist ein Kerl Dreikäsehoch,
aber eine Schnauze hat er,
wie ’ne Ankerklüse hoch

verstand das Publikum als Anspielung auf den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. 1935 wurde „Die Katakombe“ auf Betreiben von Goebbels von der Geheimen Staatspolizei geschlossen. Finck kam in ein Konzentrationslager, wurde aber auf Veranlassung von Göring, der damit Goebbels treffen wollte, nach kurzer Zeit wieder entlassen. Die von Telefunken verlegte Schallplatte Eine Seefahrt, die ist lustig mit Isa Vermehren wurde ein Kassenschlager. Vermehren wurde Schauspielerin und später Nonne. Auf Grund der Beliebtheit des Liedes diente Eine Seefahrt, die ist lustig auch als Titel eines 1955 produzierten Films mit Ida Wüst und Fritz Henckels. Mit dem Inhalt der Strophen hat der Film nichts zu tun; den Produzenten ging es wohl nur um einen zugkräftigen Titel.

Eine andere antifaschistische Parodie würde 1941 von der Hamburger Swing-Jugend gesunden (Quelle: Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg, 1989):

Eine Seefahrt, die ist lustig
Eine Seefahrt, die ist schön
Und fährst du mit KDF1
Kannst du die Nazis kotzen sehn.

Und der Kaptain an der Reling
Sieht ein Boot und denkt: So’n Mist
Muß ich nun etwa Sieg Heil schrein
Weil der Butt ein Heilbutt ist?

Und der Koch in der Kombüse
Diese dicke fette Sau
Zieht den Göring2 durchs Gemüse
Und den Ley3 durch den Kakao.

Und der Moses hoch im Mastkorb
Pfeift den allerletzten Hot
Und dann schwingt er seinen Lümmel
Und er schifft auf die HJ.

Und wenn dann die „Wilhelm Gustloff“4
Durch die Nordseewellen stampft
wird an Bord so viel gelogen
Daß die braune Kacke dampft.

Eine Seefahrt, die ist lustig
Eine Seefahrt, die ist nett
Und wer heut dies Lied gesungen
Der sitzt morgen im KZ.

Doch die braune Mörderbande
Einmal wird sie untergehn
Und dann singen die Matrosen
Nun ist Seefahrt wirklich schön.

1. Kraft durch Freude, (KdF), war die NS-Gemeinschaft für Freizeitgestaltung, größter Reiseveranstalter, vorwoegend Land ausflüge und Seereisen

2. Hermann Göring war Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe

3. Robert Ley war Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF)

4. eines der vier KdF-eignen Schiffe

Bei den Naziorganisationen war das Schifferlied nicht besonders populär. Von der fränkischen und württembergischen Hitlerjugend abgesehen erschien Eine Seefahrt in keinem Nazi-Liederbuch. Auch von Nicht-Nazi-Verlagen wurde es nur selten verlegt.

In Österreich dagegen wurde die 1944 herausgegebene Liedersammlung Lach’n oder rer’n recht bekannt (rer’n von rean = weinen).

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis 1949, bis als Taschenbuch Die Drehorgel – Ein Liederbuch für fröhliche Kreise herauskam; danach brachten kleinere und größere Verlage Liedersammlungen mit dem Lied heraus. Von denen mit höheren Auflagen sollen hier nur das Taschenbuch des Franz Schneider Verlags Spaß- und Quatschlieder (1981) und Deutscher Liederschatz“ (1988) des Weltbild Verlags erwähnt werden.

Bemerkenswert ist die Anzahl der Partituren für Männer- (vorwiegend Shantychöre) und Kinderchöre, für Klavier und speziell für Akkordeon, wie sie Online-Archive und vor allem das Deutsche Musikarchiv Leipzig (DMA) ausweisen. Mit knapp 50 Tonträgern steht Eine Seefahrt, die ist lustig von den im DMA-Katalog aufgeführten Scherzliedern nach Auf der schwäbschen Eisebahne und Mein Hut, der hat drei Ecken in seiner Beliebtheit auf dem dritten Rang.

Georg Nagel, Hamburg

Klaustrophobie in der Kleinstadt: Zu Electric Guitar von Tocotronic

Tocotronic

Electric Guitar 

In meinem Zimmer
Unter dem Garten
Fühl ich mich sicher
Ich kann‘s euch verraten
Ich schnalle dich um
Nehme dich in die Hände
Und schicke den Sound
Zwischen die Wände

Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Teenage Riot im Reihenhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Am frühen Morgen
In die Garage
Die Dose Haarspray
In meiner Tasche
Auf dem Fahrrad zum Postamt
Vorbei an Plakaten
Ich schicke Briefe
Und kann’s kaum erwarten

Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus
Manic Depression im Elternhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Die Treppe runter zur Hintertür raus
Ich halte das alles hier nicht mehr aus
Ein Tagtraum im Regen und Apfelkorn
An der Bushaltestelle lungern wir rum
Wir erfinden uns selbst als Anarchisten
Als unscharfe Bilder auf Fahndungslisten
Erkunden uns selbst und wollen es wissen
Ich will es jetzt wissen

Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Sex and Drugs im Reihenhaus
Ich gebe dir alles, mein Rock’n‘Roll-Star
Electric Guitar
Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Manic Depression im Elternhaus
Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar
Electric Guitar

     [Tocotronic: Die Unendlichkeit. Vertigo 2018.]

Es ist Nacht. Mondlicht schimmert durch die Äste. Grillen zirpen. Ein Käuzchen ruft. Sonst ist es still.

Dann setzt die Musik ein. Ein Zimmer ist zu sehen, Plakate an der Wand, schummriges Licht, eine Gitarre. In der Garage ein Motorrad. Die Fahrerin nimmt den Helm ab, streicht sich die Haare aus dem Gesicht, offenbart einen mürrischen Blick. In der Küche ein Mann am Herd, er brät Spiegeleier, stellt Getränke auf den Tisch. Das Mädchen läuft die Treppe hoch, macht die Tür hinter sich zu, atmet tief durch. Ein Schrei aus der Küche, sie versteckt etwas im Schrank.

Daheim im elterlichen Reihenhaus ist das Abendessen fertig.

Mit dieser Szenerie beginnt das Video zu Electric Guitar von Tocotronic, dem dritten Kapitel der Videoreihe zum Album Die Unendlichkeit (2018). Es folgt auf das Video des ersten Kapitels Hey Du und das des zweiten Die Unendlichkeit und bildet mit diesen eine Art Miniserie. Visuell wie lyrisch steht Electric Guitar nicht für sich alleine, sondern bildet einen Puzzleteil eines Lebenszyklus – dem von Sänger und Texter Dirk von Lowtzow. Die zwölf Lieder des zwölften Albums beruhen auf biographischen Notizen, angefangen bei den Kindheitserinnerungen (Tapfer und grausam) und der Jugend (Hey du, Electric Guitar), gefolgt von Aufbruch und Bandgründung (1993), dem Tod eines Freundes (Unwiederbringlich), einem Umzug und einer neuen Liebe (Ausgerechnet du hast mich gerettet), bis in die Zukunft (Mein Morgen) und schließlich in die Unendlichkeit.

Zurück zu den Anfängen

„Ich hatte den Wunsch, im Songschreiben wieder persönlicher zu werden und weniger abstrakt und theorielastig“, erklärt Dirk Von Lowtzow im Interview. Diese Konzeption steht in Abgrenzung zu den letzten Alben der Band, die häufig dem sogenannten Diskurspop zugeordnet und von der Kritik auch schon mal als „Pop für das Universitäts-Seminar“ bezeichnet wurden. Die Liedtexte auf Die Unendlichkeit hingegen sind weniger geprägt von akademischem Schriftgut: „Ich wollte mich mit einfachen Worten, ohne Umwege und ungepanzert mitteilen“, so Dirk von Lowtzow.

Neu ist das nicht: „Die Lieblingsband der deutschen Feuilletons“ (Die Zeit), findet vielmehr zurück zu ihren ersten Alben, die von Prägnanz und Schlichtheit geprägt waren und deren eingängige, elegische Parolen das Publikum direkt ansprachen (vgl. die Besprechungen auf diesem Blog zu Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein und Über Sex kann man nur auf Englisch singen). Was ein Rezensent der Süddeutschen Zeitung über die Alben der 1990er-Jahre schreibt – diese hätten „ein großes Identifikationsangebot an die durch Überbehütung durchschnittlich verlorene junge deutsche Mittelschichtsseele“ geboten –, trifft auch auf Electric Guitar zu.

Begrenzte Freiheit

In Electric Guitar geht es um die Enge im Elternhaus. „Seine Freiburg Diaries finden im neuen Song wieder zu konkreteren Formen“, schreibt ein Kritiker auf laut.de und bezieht sich damit auf Dirk von Lowtzows Herkunft. In dem Lied tauchen Konstanten der Adoleszenz auf, die nicht nur den Bandmitgliedern bekannt sein dürften: Haarspray, Pickel, Apfelkorn, an der Bushaltestelle lungern und natürlich die Electric Guitar. „Mit der Gitarre konnte ich Krach machen, und das gab mir Selbstsicherheit und das Gefühl von Freiheit. Und das fiel genau in die Zeit von erwachender Sexualität“, berichtet der Sänger im Interview über seine Pubertät.

Denn die Freiheit im elterlichen Reihenhaus ist begrenzt: Steht das Abendessen auf dem Tisch, hat man zu erscheinen. Und dabei nicht nur physisch anwesend zu sein. Besucher anderen Geschlechts sind nicht gestattet. Hört der Vater verdächtige Geräusche im Jugendzimmer, steht er in der Tür. Das Video führt den Songtext hier noch weiter. „Man möchte in diesem Video dauernd auf Pause drücken, um sich die liebevoll detailliert ausgestattete Wohn-Höhle oder auch Hölle des Jugendzimmers ganz genau anzuschauen“, schreibt ein Kritiker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Ist es leicht, jung zu sein?

„Ist es leicht, jung zu sein?“ steht auf einem Plakat im Jugendzimmer. Es ließe sich entgegnen: Es ist auch nicht leicht, älter zu werden. Tocotronic bestehen seit 25 Jahren, die Bandmitglieder sind weit jenseits ihrer Zwanziger, gehen auf die 50 zu. Zwar geht es damals wie heute in ihren Liedern um die Reibung mit der Welt und den Menschen, die dort wohnen. Doch die juvenile Auflehnung ist dem „milden Rückblick des gereiften Erwachsenen auf die eigene Jugend“ gewichen (Die Zeit).

Das Video zu Electric Guitar verdeutlicht dies: Das Zusammenleben mit einem Teenager strapaziert die Nerven des Vaters. Seine Versuche, mit dem aggressiven, ablehnenden Verhalten seiner Tochter umzugehen, sie zu kontrollieren, scheitern und demonstrieren nur seine Hilflosigkeit. Erschöpft schläft er im Wohnzimmersessel ein – das Fernsehprogramm, eine Unterwasserwelt mit Fischen, scheint beruhigend gewirkt zu haben.

Im Reihenhaus wirkt alles, mit Ausnahme des Smartphones – herrlich anzuschauen der Disput am Küchentisch – aus der Zeit gefallen: der beleuchtete Globus im Jugendzimmer, die Spitzengardinen, die Flasche Maggi auf dem Küchentisch. Schließlich behandelt Electric Guitar ein zeitloses Phänomen:

Was Weezer 1994 in In the garage besangen, ist heute nicht weniger aktuell: „In the garage / I feel safe / No one cares about my ways.“ Aus der amerikanischen Garage wird bei Tocotronic ein deutsches Souterrain, das dem unsicheren Teenager als Zufluchtsort dient:

In meinem Zimmer
Unter dem Garten
Fühl ich mich sicher
Ich kann‘s euch verraten

Auch bei Weezer gibt es eine „electric guitar“ und „posters on the wall“. Und auch Sonic Youth besangen schon 1988 einen Teenage Riot.

Die Gitarre als Geliebte

Insbesondere die Electric Guitar ist mit Sehnsucht aufgeladen; der Text schildert ein intensives haptisches wie sinnliches Erleben und liest sich durchaus doppeldeutig:

Ich schnalle dich um
Nehme dich in die Hände
Und schicke den Sound
Zwischen die Wände

Neben der Möglichkeit, mit der Electric Guitar einen mehr oder weniger musikalischen, auf jeden Fall geräuschvollen Teenage Riot anzuzetteln, der garantiert auch die stumpf starrende Nachbarschaft aufschreckt (vgl. das Video zu Hey Du), versinnbildlicht sie ein Bedürfnis nach Liebe: Die Gitarre stelle „aufgrund ihrer Form seit jeher ein Symbol für den weiblichen Körper“ dar (n-tv).

Noch expliziter werden die folgenden Zeilen, aus denen trotzige Entschlossenheit spricht:

Erkunden uns selbst und wollen es wissen
Ich will es jetzt wissen

Du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus
Sex and Drugs im Reihenhaus
Ich gebe dir alles, mein Rock’n‘Roll-Star
Electric Guitar

Doch das sexuelle Erwachen ist nur ein Teil des Erwachsenwerdens. „In Electric Guitar geht es um so eine Art musikalische Individualisierung oder Selbstwerdung durch Popmusik“, so Dirk von Lowtzow im Interview. Das Lied handele von einem „Gefühl, das jeder jugendliche Gitarren-Fan kennt: In den sechs Saiten und ihrer über Jahrzehnte aufgebauten Aura endlich die Entsprechung eines Selbst zu finden, das man cool finden kann“, schreibt ein Rezensent in der Spex.

Besungen wird eine intensive Beziehung, die sich durch Absolutheit auszeichnet:

Ich gebe dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar
Ich erzähle dir alles und alles ist wahr
Electric Guitar

Der Kontrast zu der im Video aufgezeigten Beziehung des Teenagers zum Vater könnte nicht größer sein: Kommunikation findet nicht statt, man geht sich aus dem Weg.

Ausbruch aus der Provinz

Kontakt zur Außenwelt, zu Gleichgesinnten muss hergestellt werden. Ein klassisches Kommunikationsmittel verspricht Linderung – vor der Erfindung des Smartphones und der Verfügbarkeit des Internets im Jugendzimmer – und weckt Sehnsucht:

Ich schicke Briefe
Und kann’s kaum erwarten

Im Video findet die Teenager-Figur, gespielt von der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, zudem einen Gefährten – ganz analog – im Wald. Halb ohnmächtig sitzt dort ein junger Mann, „dessen Erscheinung zwischen Jesus, Maria und Marilyn Manson changiert“ (FAZ), an einen Baum gelehnt. Sie nimmt ihn bei sich auf, nachdem die beiden bereits in den ersten beiden Videos gemeinsam zu sehen waren: In Hey Du (Kapitel 1) läuft dieser geheimnisvolle junge Mann, ein noch größerer Außenseiter, durch eine Siedlung, verfolgt von den Blicken sämtlicher Einwohner, am Ende trifft er auf eine Motorradfahrerin. In Die Unendlichkeit (Kapitel 2) stehen die beiden Rücken an Rücken, Hand in Hand im Nebel.

Besonders Hey Du unterstreicht noch einmal den Charakter der Kleinstadt als „Diaspora“, als „Schwarzwaldhölle“ – wie es wiederum in 1993 heißt und was man als Hommage an Thomas Bernhard, der einst Freiburg und den Schwarzwald beleidigte, lesen kann. Hier fühlt sich der Jugendliche zunehmend fremd, bis die Verzweiflung so groß ist, dass der Ausbruch geprobt wird:

Die Treppe runter zur Hintertür raus
Ich halte das alles hier nicht mehr aus

Doch weiter als zum Postamt und zur Bushaltestelle geht es nicht. Möglich ist nur die Flucht in einen Tagtraum und in die Phantasie, beflügelt von Plakaten:

Wir erfinden uns selbst als Anarchisten
Als unscharfe Bilder auf Fahndungslisten

Diese versprechen fernab der Provinz Abenteuer und lassen an RAF-Fahndungslisten denken. Welch ein Gegensatz zur braven, bürgerlichen Ordnung und Ruhe im Reihenhaus!

Isabel Stanoschek, Bamberg

Schneelieder: „Leise rieselt der Schnee“ (Eduard Ebel) und „Schneeflöckchen, Weißröckchen“

   
's Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s'Christkind kommt bald!

     [Scan aus Wiki Commons; die hier zusätzlich aufgeführte Strophe wird in
     vielen Online-Veröffentlichungen als dritte Strophe ausgewiesen.]

Geht man von den im Deutschen Musikarchiv Leipzig vorhandenen Tonträgern aus, so gehört Leise rieselt der Schnee mit fast 1.000 Schallplatten und CDs nach Stille Nacht, heilige Nacht (über 2.000) und Es ist ein Ros entsprungen (rund 1.100) zu den beliebtesten Weihnachtsliedern. Die Strophen eins bis drei des manchmal auch als Winterlied bezeichneten Liedes dichtete 1895 der Dichter und evangelische Pfarrer Eduard Ebel (1839–1905). Neben zahlreichen „Kaiserliedern“, Bismarck- und Sedangedichten wurde es im gleichen Jahr als „Kinderlied“ unter  dem Titel Weihnachtsgruß in Ebels Gesammelten Gedichten veröffentlicht. Nicht bekannt ist, von wem die später hinzugefügte Strophe „s‘ Kindlein, göttlich und arm […]“ stammt.

Ob Ebel auch die Melodie komponiert hat, ist strittig; Der Liedforscher Theo Mang (Liederquell, 2015, S. 990) versieht seinen Hinweis auf die Komposition durch Ebel mit einem Fragezeichen. Die Urheberschaft Ebels an der Melodie allerdings deswegen zu bezweifeln, dass „Ebels eigene Veröffentlichung nur den Text“ enthält, wie Wikipedia ausführt,  ist problematisch, da auch kein anderer Text in den Gesammelten Werken mit Noten versehen ist. Wahrscheinlich hat Ebel den Text auf eine alte Volksweise – einige Liederbücher verweisen auf Westpreußen –  gedichtet.

Schneeflöckchen, Weißröckchen

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit.

Komm setz dich ans Fenster,
du lieblicher Stern
malst Blumen und Blätter,
wir haben dich gern.

Schneeflöckchen, du deckst uns
die Blümelein zu,
dann schlafen sie sicher
in himmlischer Ruh’.

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
komm zu uns ins Tal.
Dann bau’n wir den Schneemann
und werfen den Ball.

Während Leise rieselt der Schnee ein Adventslied ist, das auch den Weihnachtsliedern zugerechnet werden darf, ist Schneeflöckchen, Weißröckchen ein reines Winterlied. Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. In manchen Liederbüchern findet sich die Angabe „Von deutschen Kolonisten aus Russland überliefert“, in anderen wird der Text auf die Kindergärtnerin und spätere Lehrerin Hedwig Haberkorn (1837–1901) zurückgeführt. In Haberkorns 1869 erschienenen Buch Tante Hedwigs Geschichten für kleine Kinder kommt in der Geschichte von der Schneewolke unter dem Titel Schneeflöckchen vom Himmel eine Urfassung des Liedes vor (vgl. Wikipedia).

Die uns heute bekannte Melodie eines unbekannten Verfassers findet sich erst seit 1940 in den Liederbüchern (Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 707). Vorher ist es nach alten Volksweisen oder einigen neueren Kompositionen gesungen worden, die sich allerdings nicht durchsetzen konnten.

Interpretationen

Im Lied Leise rieselt der Schnee wird eine Idylle beschrieben, wie wir sie heutzutage kaum noch kennen. Wenn es denn einmal schneit, ist es häufig ein Schneeregen, und die Seen frieren seit Jahren sehr selten zu. Dass unsere verbliebenen, noch nicht von Umweltschäden betroffenen Wälder weihnachtlich glänzen, mag nur ein hoffnungsloser Romantiker behaupten. In der Zeit um 1900 mag die Idylle noch zugetroffen haben, und so konnte beim ersten Schneefall der gläubige Dichter uns auffordern, uns auf die baldige Ankunft des Christkinds zu freuen. Heute würde sich Pfarrer Ebel wahrscheinlich im Grab umdrehen, könnte er sein Lied in vielen Kaufhäusern als Berieselung zum Kaufanreiz hören.

Sicherlich wird vielen von uns am Heiligen Abend warm ums Herz, wenn wir nach der Hektik der Geschenkeinkäufe und der betrieblichen (Vor-)Weihnachtsfeier langsam zur Ruhe gekommen sind. Und wenn dann noch am Weihnachtsbaum „die Lichtlein brennen“, mag auch mancher die Sorgen vergessen, sofern er oder eine ihm nahestehende Person nicht schwerkrank oder arbeitslos ist.

’s Kindlein, göttlich und arm,
Macht die Herzen so warm,
Strahle, du Stern überm Wald,
Freue dich, s’Christkind kommt bald!

Diese später hinzugekommene Strophe betont noch einmal, dass die Geburt des  Christkinds die Herzen erwärmt (indem mit der Ankunft des Gottessohns die Gläubigen durch Jesus von den Sünden erlöst werden). Der „Stern, der überm Wald strahlen“ soll, erinnert an den Stern, der den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Krippe im Stall von Bethlehem zeigt (vgl. Matthäus 2, 10).

Im Folgenden soll nun auf die dritte, von Ebel letzte vorgesehene Strophe eingegangen werden. Wie in dem letzten Vers jeder Strophe („Freue Dich, Christkind kommt bald“) wird in dieser gesamten Strophe „Bald ist heilige Nacht […]“ noch einmal ganz deutlich, dass es sich nicht um ein Weihnachtslied, sondern um ein Adventslied handelt.

Chor der Engel. Gemälde aus der Benediktinerabtei St. Hildegard, Rüdesheim

Von einem „Chor der Engel“ ist  – soweit mir bekannt –  in der Bibel keine Rede, wohl aber im Anhang „Geistliche Lieder“ der evangelischen Gesangbücher. Pfarrer Ebel dürfte durch die Lieder Herbei o ihr Gläubigen mit der dritten Strophe „Kommt, singet dem Herrn, o singt ihr Engelchöre […]“ und Vom Himmel hoch mit der ersten Strophe „Vom Himmel hoch, o Englein kommt […]  kommt singt und klingt, pfeift und trombt […]“ zu den Versen in seiner dritten Strophe inspiriert worden sein.

In dem Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen sehnen sich die Kinder nach dem Winter – „wann kommst du geschneit?“ In vielen Liedern wird der Winter besungen, mal wird über ihn geklagt, wie in Lied O, wie ist es kalt geworden – wie „traurig öd und leer“ es im Winter ist, wenn „rauhe Winde von Norden wehn’n“ -, mal ist man froh, dass „der Winter [endlich] vergangen ist“, die ersten „Blümlein prangen“ und der „Maien Schein“ zu sehen ist (Der Winter ist vergangen wird häufig Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben).

Im hier besprochenen Lied in „kindertümlicher Sprache“ (Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, 1982) wünschen sich die Kinder aber, dass Reif und Schnee „[Eis-] Blumen und -blätter“ ans Fenster malen. Sie haben den Winter gern und sind sich gewiss, der Winter schadet „den Blümelein“ nicht, der Schnee deckt sie – wie die Kleingärtner im Winter ihre Beete gegen Frost und Kälte schützen – nur zu, damit sie „in himmlischer Ruh“ schlafen können (vgl. den Vers in Stille Nacht, heilige Nacht von 1818 des Hilfspriesters Joseph Mohr und Zuccalmaglios Die Blümelein, sie schlafen aus dem Jahr 1840).

In der letzten Strophe wird erneut der Wunsch geäußert, dass es bald schneien möge, damit die Kinder sich einen Schneemann bauen und eine Schneeballschlacht schlagen können.

Weißröckchen ist übrigens ein schlesisches Synonym für Schneeflocke. (vgl. focus.de)

Rezeption

Seit der Erstveröffentlichung 1895 ist Leise rieselt der Schnee bis heute in Schul-,  Kinder- und spezielle Weihnachtsliederbücher aufgenommen worden, zuletzt 2014 in die Lübecker Weihnachtsliederfibel. Was die Anzahl der mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher betrifft, steht es in der Rangfolge im Vergleich zu anderen Advents-, Weihnachts- bzw. Winterliedern allerdings weit unten, ebenso wie das Kinderlied Schneeflöckchen, Weißröckchen, das ich im Liederbuch für Volksschulen, 1. Heft, herausgegeben 1915 gefunden habe. Wahrscheinlich sind beide Lieder derartig bekannt, dass sie in viele Liederbücher gar nicht erst aufgenommen wurden. Für diese Annahme spricht: Auch in bedeutenden neueren Liedersammlungen deutscher Volksliedforscher wie Ernst Klusens Deutsche Lieder (zwei Bände, 1981 Auflage 50.–100. Tsd.) und Heinz Röllekes Das große Buch der Volkslieder  (1991, Lizenzausgabe Bertelsmann)  sind beide Lieder nicht vertreten.

Die große Popularität eines Liedes zeigt sich aber darin, wie viele Schallplatten und CDs mit dem Lied erschienen sind (s. o. Einleitung) und welche Künstler das Lied interpretieren. Unter den zahlreichen Interpreten auf Schallplatten und CDs befinden sich sowohl renommierte Sänger wie der Bariton Hermann Prey, die Chansonette Mireille Mathieu, der Schauspieler und Sänger Peter Alexander als auch viele Schlagersänger, z. B.  Tony Marshall, Frank Schöbel, Unheilig, Heintje und – natürlich – Heino. Auch viele Chöre, vor allem Kinderchöre, haben beide  Lieder in ihr Repertoire aufgenommen, z. B. die Wiener Sängerknaben, die  Schaumburger Märchensänger und der Tölzer Knabenchor. Wie populär das „Weihnachtskinderlied“ (Ingeborg Weber-Kellermann) Leise rieselt der Schnee bzw. das Winterlied Schneeflöckchen, Weißröckchen heute noch sind, zeigen auch die annähernd 100 Videos bei Youtube, auf denen neben anderen Weihnachts- bzw. Kinderliedern auch diese beiden Lieder zu finden sind.

Populäre Lieder fordern häufig Parodien heraus. So soll es sogar in der ehemaligen DDR für Leise rieselt der Schnee eine parodistische Fassung gegeben haben, die mir jedoch nicht bekannt ist. Nachstehend wird in Auszügen eine antikapitalistische und zugleich kriegskritische Version des Liedermachers, Kabarettisten und Grafikers Dieter Süverkrüp vorgestellt:

1. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee,
sitzt bei der Lampe noch spät,
blättert im Aktienpaket.

2. Ordnend Scheinchen auf Schein
fällt Erinnerung ihm ein.
„Kriegsweihnacht vierzig war still,
dennoch ein starkes Gefühl!“

[…]

10. Leise schnieselt der Re-
aktionär seinen Tee.
Horcht nur, wie lieblich es knallt!
Fürchtet euch, Kriegskind kommt bald!

[Aus: Süverkrüps Liederjahre 1963–1985 ff , 2002, S. 147. Alle 10 Strophen s. auch  hier .

Auch die deutsche Rockband Torfrock hat an dem Reim der ersten beiden Verse von Leise rieselt der Schnee Gefallen gefunden, satirisch weitergedichtet und mit einigen Zeilen aus bekannten Weihnachtsliedern und -gedichten ergänzt; hier ein Auszug:

Leise pieselt das Reh
Gelbe Spuren in den Schnee
Und die viele kleinen Engels*,
Und die vielen kleinen Engels
tun sich Rum in ihren Tee.

[…]

Lieber guter Weihnachtsmann
Kleb den Bart Dir wieder an
Und nun beschenk mich nich zu knapp
sonst reiß ich ihn Dir nochmal ab.

Lieber guter Weihnachtsmann
schau mich nicht so böse an.
Steck die Rute wieder ein
Sonst gibt das ein mit’m Putenbein

Leise pieselt das Reh! […]

*norddeutsch mundartliche Pluralbildung

Etwa 1980 sangen meine Kinder folgende Strophe, deren Inhalt, wie man sich denken kann, nicht ihrer schulischen und familiären Realität entsprach:

Leise rieselt die Vier
auf das Zeugnispapier.
Horcht nur, wie lieblich es schallt,
wenn mir mein Vater ’n paar knallt!

Für Schneeflöckchen, Weißröckchen habe ich keine Parodie gefunden.

Georg Nagel, Hamburg

Rückzug statt Revolte: „Columbo“ von Wanda (2017)

Wanda

Columbo

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z'haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Und der Regen fällt draußen vor dem Fenster
Und wir schlafen ein
Und am Ende wird's in Ordnung sein
Draußen vor dem Fenster
Ich schaue in das Fenster rein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum

Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

     [Wanda: Niente. Vertigo 2017.]

„Es ist lyrische Monotonie. Wir kennen die Texte, die sich mehr wie wahlloses Gebrabbel eines beschwipsten Hobby-Philosophen im Weinheurigen anhören, als tiefgründige Phrasen, die Interpretation zulassen. Ein beschränktes Vokabular. Seit Jahren sudern sie über dieselben Probleme. Aber ja, das ist Wanda. Es wäre auch ein Stück Selbstverrat, das aufzugeben. Manchmal muss man sich selbst ein Messer in den Rücken rammen, um zu sterben — und dann neu aufzuerstehen. Hatte Falco recht? Muss ich denn sterben, um zu leben?“ (Quelle: kultort.at)

Nicht zuletzt, um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, folgt hier der Versuch einer Interpretation:

Columbo hat es nach Österreich verschlagen. Statt der Skyline von Los Angeles ist die Donau zu sehen, dahinter die Hochhäuser Wiens. Davor zwei Männer, einer von ihnen trägt eine Lederjacke, auf der in großen Lettern „Columbo“ prangt. Der andere gebückt, im Trenchcoat. Sein Begleiter zündet ihm eine Zigarre an. Mit diesen Bildern beginnt das Video der österreichischen Band Wanda zu ihrem im Spätsommer 2017 veröffentlichten Lied „Columbo“. Die verwendeten Symbole könnten kaum eindeutiger sein, Zweifel an der Verortung ihres Kommissars lassen die fünf jungen Wiener nicht aufkommen. Beide sind sie leicht zerfleddert, teilen den Hang zum Nikotin: Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda und der Doppelgänger Columbos.

Instant Amore oder Fischvergiftung?

Columbo ist erschienen auf dem dritten Studioalbum Niente. Ihr Debütalbum Amore (2014) hatte die Band auf einen Schlag berühmt gemacht – ein kommerzieller Erfolg, von der Kritik überwiegend positiv, vom Publikum meist euphorisch aufgenommen. Das keine zwölf Monate später erschienene zweite Album Bussi (2015) verkaufte sich zwar auch sehr gut, bescherte Wanda jedoch eine mediale Kontroverse und den Vorwurf, sexistisch zu sein: Im Videoclip zu Bussi Baby taucht Sänger Marco Wanda in einem Ozean zwischen riesenhaften Frauenbeinen ab. Zuvor sieht man, wie sich Ronja von Rönne auf einem Bett räkelt – die Bloggerin, die mit dem Artikel Warum mich der Feminismus anekelt bekannt geworden war.

Allen, die sich davon in ihrer Begeisterung nicht stören lassen wollten, bescheinigte der Wiener Journalist Wolfgang Zechner eine „Fischvergiftung namens Wanda“. In seiner im Rolling Stone erschienenen Schmähkritik unterstellt er, Rezensenten wie jene der Süddeutschen Zeitung, die über „das grandiose Comeback des Austropop“ sinnierten, müssten von „einer unerklärlichen austrophilen Geisteskrankheit befallen“ sein: „Die so aufgegeilten Pop-Kritiker benehmen sich dabei wie eine mit Kleinem Feigling abgefüllte Urlauberinnengruppe aus Castrop-Rauxel, die in irgendeiner gottverlassenen, österreichischen Apres-Ski-Hölle von einer Meute grindiger Skilehrer eingekocht wird“. Was Zechner zu Columbo gesagt hätte, ist leider nicht bekannt: „Denn bevor ich mir eine dritte Wanda-Platte anhöre, entferne ich mir lieber alle Zehennägel eigenhändig mit einem Tortenheber“.

Dem stehen die zahlreichen zustimmenden Kommentare entgegen, die sich – nicht nur – unter dem Video zu Columbo finden: „Das Lied verursacht in mir ein Gefühl des Glücks!“, „Die ‚Ösis‘ machen jetzt den Sound!“ oder „Columbo ist instant amore“.

Den lässigen, leicht rotzigen Habitus hat die Band seit ihrem ersten Hit Bologna (2014) beibehalten, das Image der charmanten Verwahrlosung weiter gepflegt (vgl. die Besprechung auf diesem Blog). Die typischen nach außen sichtbaren Kennzeichen sind geblieben: abgeschrammelte Lederjacke, darunter wallendes Brusthaar, ganz viel Amore, Bier, Wein oder Schnaps stets in Reichweite und natürlich Zigaretten. Das kommt gut an. „Weiß jemand welche Zigarettenmarke Marco bzw. die anderen Bandmitglieder raucht/rauchen?“, hat jemand unter das Video geschrieben – und zwanzig verschiedene Antworten erhalten (Stand: 14.01.2018). „Parisienne“, „Chesterfield“, „Camel Blue“ – „Die rauchen alles was man überhaupt nur irgendwie rauchen kann“.

Binge Watching gegen die Wirklichkeit

Also alles beim Alten?

Nein, Wanda seien erwachsen geworden, lautet die Einschätzung im Deutschlandfunk. Die Amore habe ihren Charakter verändert; sie sei „nicht mehr der promiskuitive Cunnilingus, sondern ein versöhnlicher Kuss auf die Wange.“ Die Wandamania – von einem „mörderischen Tourplan“ hatte der Musikexpress berichtet – hat Spuren bei der Band hinterlassen, die Hysterie ist Erschöpfung gewichen: „Auf Niente sind die Zwischentöne drauf, die nie erzählt wurden, die Einsamkeit, das Gefühl, dass wir vier Jahre wie eine Partyflasche herumgereicht wurden. Jeder hat uns leer gesoffen, und jetzt ist wenig Wasser im Brunnen übrig“, erklärt Marco Wanda auf news.at. Tatsächlich ist die Musik ruhiger, die Texte wirken weniger provokant: Die Sehsucht nach der Cousine („Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, / obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht“) und die Abenteuer der Tante („Tante Ceccarelli hat / in Bologna Amore gemacht“) sind dem gemütlichen Dasein daheim vor dem Fernseher gewichen:

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z’haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Ein Rückzug ins Private – „wie im Traum“:

 Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Die Schwarze Jalousie bleibt unten und schützt vor der Außenwelt.

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Alles Unerwünschte bleibt draußen, übrig bleiben nur der Blick aufeinander und auf den Bildschirm. So weit, so idyllisch, doch der Schein trügt:

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch

Wanda machen schließlich „Rock‘n Roll mit Welteroberungsanspruch“, wie Sänger Marco Wanda nicht müde wird zu erklären, und keinen Schlager. Dazu gehört auch der eine oder andere markige Spruch, zumindest aber dürfte die Band mit ihren Texten das Lebensgefühl eines großen Teils ihrer Zuhörerschaft treffen: Angesichts politisch turbulenter Zeiten die Welt da draußen für ein Wochenende im Pyjama daheim beim Binge Watching der aktuellen Lieblingsserie vergessen. Doch noch nicht einmal die privaten Konflikte lassen sich auf diese Weise dauerhaft aussperren. Die Angst ist zurück, der Traum ist vorbei.

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Columbo, der erfahrene Ermittler, löst seine Kriminalfälle, aber dem Pärchen vor dem Fernseher kann er nicht helfen.

Engel in Lederjacke

Das Video zu Columbo wurde im steirischen Eisenerzer Bergbaugebiet gedreht. Die zerklüftete Landschaft dient als Kulisse für die Liebesdramen mehrerer Pärchen. Erst sieht man verliebte Blicke, vorsichtige Annäherungen und zarte Berührungen. Dann verzweifeltes Weinen, traurige Gesichter, Regen fällt, die Pärchen laufen voneinander weg. Am Boden die Männer in Kreideumrissen, wie an einem Tatort. „Amore, Amore“ hallt es im Hintergrund. Und „Amore“ steht auch in Großbuchstaben auf einem Hügel – dann folgt die Sprengung.

Über dem Elend auf Erden fliegt Marco Wanda, einem Amor gleich, mit zerzausten Engelsflügeln am Rücken. Die Lederjacke hat er dafür freilich nicht abgenommen. Eine Anspielung auf Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin (1987)? Darin trifft Columbo-Darsteller Peter Falk an einer Imbissbude Engel Damiel. Und in dem Gedicht Lied vom Kindsein, das Peter Handke für den Film schrieb, wird die Kindheit als utopischer Idealzustand des Menschen geschildert.

Gegen Ende des Videos ist der Engel gefallen, mitten unter die tanzenden Pärchen auf einem Schiff. Es dauert nicht lange und der Columbo-Doppelgänger kommt auf ihn zu, schmiegt sich an ihn.

Im Interview geben sich die Bandmitglieder als große Fans des tollpatschig-smarten Inspektors zu erkennen. Columbo sei „ur-wienerisch, weil er gewaltlos und immer mit seinem Schmäh durchkommt“, zieht Marco Wanda im Interview mit TV-Media die Parallele zu seiner Heimatstadt. Die erste Folge der mit Pausen zwischen den Jahren 1968 und 2003 produzierten Serie habe er als Kind gesehen. Tatsächlich vergeht noch heute kaum ein Tag, an dem Columbo nicht im Fernsehen läuft: in Deutschland auf ZDF neo, in Österreich auf ORF 2. Seine Lieblingsfolge, so Marco Wanda, sei – wenig überraschend – Columbo in der Lederjacke. Das Motiv des Albums, Erinnerungen an die Kindheit, findet sich also auch in Columbo wieder – neben den äußeren Erkennungsmerkmalen des Inspektors, wie dem Peugeot 403 Cabrio und dem Basset. Fehlt nur noch das gekochte Ei.

Musik für postfaktische Zeiten?

Thematisch fügt sich Columbo gut in den Reigen der übrigen Lieder auf dem Album Niente ein. Melancholie und Rückschau dominieren. „Immer leichter wird es schwer / Und alles wirft mich aus der Bahn“, klagt Marco Wanda gleich im Eröffnungsstück Weiter, weiter. „Alles hier erinnert / Aber nix davon bleibt“, heißt es in Wenn du schläfst. Die „traurig schöne Kindheit in 0043“ wird in dem Lied besungen, das als Titel die Vorwahl Österreichs trägt, während im dazugehörigen Video die Bandmitglieder mit einem alten Mercedes durch die dämmrige Landschaft fahren, sich müde die Augen reiben und mit Dinosaurierfiguren im Wald kuscheln. Eine Flucht in Erinnerungen an längst vergangene Kindheitstage? Ein bisschen Wärme gegen die Kälte der Gegenwart und des Erwachsenseins?

„Alles, was ich brauche, ist ein einiges Mal / Ohne Förmlichkeit / (…) Ohne Sachlichkeit“, heißt es über und in Das Ende der Kindheit.

Von dort sei es dann auch nicht mehr weit zum „neuen, fragilen Wahrheitsbegriff in postfaktischen Zeiten“, mit dem eine Rezensentin in der Süddeutsche Zeitung die Musik von Wanda verbunden sieht. Schließlich, schreibt sie, seien deren Lieder unpolitisch, enthielten keine „Botschaften, Aussagen oder gar Meinungen“. Statt der häufig schnöden Gegenwart ginge es bei Wanda um größere Fragen, „das, was Menschen immer beschäftigen wird. Was wir denken, fühlen, wollen im großen Strom zwischen Liebe und Tod.“

„Muss ich denn sterben, um zu leben?“

Hört man sich die Lieder auf Niente an, ist man geneigt, mit Ja zu antworten. „Es ist nihilistisch angehaucht“, lautet die wenig überraschende Erklärung Marco Wandas zu dem italienischen Titel des Werks, der übersetzt „Nichts“ heißt. Die Stücke lassen eine Verletzlichkeit erkennen, Nachdenklichkeit, Traumzustände, Schwermut, Vergänglichkeit, Abschied. In einer Intensität, die über die bislang von Wanda gekannte Wiener Verfallsmystik hinaus geht. Zusätzlich betont von akustischen Gitarren, Klavier und Streichern. Die Band propagierte stets einen „Lebensstil der Selbstverschwendung“. Das kann man wiederum politisch oder zumindest gesellschaftskritisch finden: gegen den neoliberalen Zeitgeist, seinen Jugend- und Gesundheitswahn. Statt permanenter Selbstoptimierung hemmungsloser Rausch und die Hingabe an den Augenblick.

Mehr als auf den vorigen Alben hängen die Lieder miteinander zusammen. So findet Columbo in Lieb sein eine Art Fortschreibung, wenn es heißt:

Unglaublich gern sind wir hier
Unheimlich schwer tu ich mir
Samstag, Sonntag und auch
Keine Hände auf deinem Bauch
Alles einfach unendlich leer
Lieb sein ist schwer
Lieb sein ist anstrengend
Lieb sein tut weh

Das Wochenende dauert an, über den Bildschirm flimmert noch immer Columbo, doch auch die Konflikte sind noch da und auch die nackten Bäuche, auf denen statt der Hände die Angst ruht.

Der letzte Song auf Niente trägt den Titel Ich sterbe. Zumindest so viel ist gewiss.

Isabel Stanoschek, Bamberg

 

Von Weihnachten zum Julfest und zurück. Drei Versionen des Sterndreherlieds „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

Paul Hermann

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Dieses Lied entstand 1940, einige Jahre nachdem die Nationalsozialisten versuchten, die Tradition der altgermanischen Sonnenwendfeier als Julfest aufzuwerten und das christliche Weihnachtsfest zu verdrängen. Übereinstimmend mit der Nazi-Ideologie hatte bereits 1936 der Dichter vieler, auch nazistischer, Lieder, darunter Es zittern die morschen Knochen, Hans Baumann (1914-1988), das aus dem Jahr 1923 von Pfadfindern stammende Lied Hohe Tannen weisen die Sterne (Interpretation) umgedichtet zu Hohe Nacht der klaren Sterne, ein Lied das Stille Nacht, heilige Nacht ersetzen sollte. Aus dem Rübezahllied wurde ganz im Sinne der herrschenden Ideologie ein Loblied auf den Mutterkult (vgl. die Wikipedia-Artikel zu Mutterkreuz und Julfest). Dem heidnischen Julfest gemäß hat der heute unbekannte Musiker und Komponist Paul Hermann (1904-1970) dem aus dem Kanton Aargau stammenden ursprünglichen Text jeden christlichen Bezug genommen. Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt die Umdichtung in Es ist eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222f.).

Im Folgenden wird das schweizerische Original vorgestellt:

 

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ
Der für uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein
O du armes, o du armes,
o du armes Jesulein.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie und führte sie
Führte sie bis gen Bethlehem.

Über einem Stalle,
da hielt der Stern stille
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten* vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.

* knieten

Dieses christliche Lied wurde 1902 handschriftlich aufgezeichnet, in Druck erschien es zum ersten Mal 1906 (vgl. Waltraud Linder-Beroud: Historisch kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs, November 2005/Januar 2007). Mit leichten Text- und Melodievariationen wurde das Lied um 1900 auch im Kanton Luzern gesungen.

Gemäß dem Volksliedsammler und Mitbegründer des Schweizerischen Volksliederarchivs Alfred Leonz Gassmann (1876-1962) zogen in beiden Kantonen am Dreikönigstag jeweils drei Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in den Dörfern von Haus zu Haus, um dieses Lied und/oder Weihnachtslieder zu singen (vgl. Sammlung Gassmann, Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, 1906, nach Linder-Beroud). Die Sänger waren mit Kronen oder Turbanen versehen und in wallende Gewänder gekleidet. Ein „König“ trug einen Stab mit einem selbst gebastelten Stern vorweg, den er während des Umhergehens drehte. Daher wird Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Gnad auch als Sterndreherlied bezeichnet.

Der Stern erinnert an die Heiligen Drei Könige, denen er den Weg zum Stall in Bethlehem zeigte (vgl. das Evangelium des Matthäus Kapitel 2, Verse 7 und 9-10). In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Kapitel 2, Vers 1–20) ist jedoch von einem Besuch der Könige im Stall keine Rede, wohl aber von Hirten, die nach der Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel nach Bethlehem aufbrachen und „das Kind in der Krippe liegen“ sahen (Lukas 2, 16). Während Matthäus (2, 1 f.) von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, werden im Alten Testament in der „Ankündigung des Friedefürsten“ (Psalm 72) drei Könige erwähnt, die ihn anbeten und Gaben zuführen werden (Verse 10 und 11). Beschrieben werden die Geschenke in Jesaja 60, 6: Gold und Weihrauch, in Matthäus 2, 11 kommt noch Myrrhe dazu. Die im Lied erwähnten „Ochs und Eselein“ habe ich selbst mit Hilfe einer Konkordanz in der gesamten Bibel nicht gefunden. Der Dichter der zweiten Strophe hat wohl zu Recht gemeint: Wo ein Stall mit einer (Futter-)Krippe ist, da sind auch Tiere.

Doch weiter zu unseren Sternsingern. Nach dem Singen der Lieder erhielten die Sänger ein paar Batzen oder Rappen (damalige Währung in der Schweiz) und/oder Süßigkeiten, die Älteren oft selbst gemachten Most. Danach wurde folgender Spruch aufgesagt: „Wir kommen hier an. Das wünschen wir euch an Ein guetes glücksäligs, gesund und auch fröhlichs, ein guetes neues Jahr, Das wünschen wir euch an.“

Noch heute wird in Deutschland in vorwiegend katholischen Gegenden der Sternsingerbrauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter „Sternsinger“ oder „Sterndreher“). Bemerkenswert ist, dass überwiegend die weltliche Version Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud gesungen wird. Nach einer Meldung des Bayerischen Rundfunks TV werden vom 1. bis 6. Januar 2018 bundesweit 300.000 Sternsinger aus allen katholischen Bistümern Geld für Hilfsprojekte in Ländern der Dritten Welt sammeln.

Eine christliche Fassung ist erst wieder seit 1957 bekannt geworden. Der deutsche Chorleiter und Tonsetzer Gottfried Wolters (1910–1989) wollte das Lied in seine Weihnachtsliedersammlung aufnehmen, nahm dann aber wegen der Entchristlichung des Liedes Abstand davon. Schließlich fügte seine Frau Maria Wolters der ersten Strophe des  Aargauer Sterndreherlieds acht neue Strophen an. Bei ihrem Text orientierte sich Maria Wolters an der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, manchmal sogar wörtlich (vgl. z. B. Strophe 4 und 5 mit Lukas 2, 1 und 7):

1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es bringt uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2. Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel
zur Jungfrau hin nach Nazareth.
„Sei gegrüßt, du Jungfrau rein,
den aus dir, denn aus dir,
will der Herr geboren sein.“

3. Maria hörte des Höchsten Begehren,
sich neigend sie zum Engel sprach:
„Sie, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh, mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt!“

4. Und es erging ein Gebot des Kaisers,
dass alle Welt geschätzet wird.
Josef und Maria voll Gnad
zogen hin, zogen hin,
zogen hin zur Davidstadt.

5. Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt, kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

6. In der Krippe muss er liegen,
Und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
Liegst du, liegst du,
Liegst du, armes Jesulein.

7. Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde,
ein Engel dort erschienen ist:
„Fürcht euch nicht, ihr Hirtenleut!
Fried und Freud, Fried und Freud,
Fried und Freud verkündt ich heut!

8. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
der euer Herr und Retter ist.
Dieses Zeichen merkt euch gut:
Gottes Kind, Gottes Kind,
Gottes Kind in der kalten Krippe ruht!“

9. Sie liefen eilend und suchten und fanden,
was auf dem Felde verkündet ward.
Unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

10. Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold,
brachten sie, brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Während das christliche Sterndreherlied von den Heiligen Drei Königen weder im katholischen Gesangbuch Gotteslob noch im evangelischen Einheitsgesangbuch (EG) zu finden ist, fand der Text von Maria Wolters 1993/94 Aufnahme in die Ausgaben für die ev. Landeskirchen Niedersachsen/Bremen, Rheinland-Westfalen/Lippe und für die Reformierte Kirche.

Auch in weltliche Liederbücher wurde das Dreikönigslied selten  aufgenommen; dagegen weisen zahlreiche Gebrauchsliederbücher die weltliche Version auf. Von rund 150 mir zugänglichen Liederbüchern enthalten mehr als ¾ Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud. Einzelne Liederbücher mit dem Lied wurden herausgegeben von Nachfolgeorganisationen der Wandervögel, von der Turner-, Wald- und Naturfreundejugend, von den Pfadfindern und sogar vom Deutschen Fußballbund. Dass es nicht nur in diesen Kreisen gesungen wird, sondern in der Version von 1940 auch von Sternsingern vorgetragen wird, kann man einigen Videos bei Youtube entnehmen.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, befinden sich fast 400 Nachweise des Liedes, rund 120 auf Tonträgern und fast 180 als Notenausgaben. Überwiegend interpretieren Chöre, darunter die Kinderchöre Tölzer Sängerknaben und der Bielefelder Kinderchor sowie SängerInnen die weltliche Version. Von Solisten gesungen wird das Lied z. B. nicht nur von Karel Gott und Frank Schöbel, sondern auch vom Bariton Hermann Prey und den Folksingern Sigrun Kiesewetter und Pete Seeger.

Georg Nagel, Hamburg

Ein wenig bekanntes Weihnachtslied aus Luthers Feder: „Christum wir sollen loben schon“

Martin Luther

Christum wir sollen loben schon

Der hymnus. A solis ortu.
Christum wir sollen loben schon /
der reynen magd Marien son.
So weit die liebe sonne leucht /
vnnd an aller welt ende reicht.

Der selig schepffer aller ding /
zoch an eins knechtes leib gering /
das er das fleisch durch fleisch erworb /
vnd seyn geschepff nicht als verdorb.

Die götlich gnad von hymel groß /
sych yn die keusche mutter goß /
Eyn medlin trug einn heymlich pfand /
das der natur war vnbekand.

Das zuchtig haus des hertzen tzart /
gar baldt eyn Tempel Gottis wart /
die kein man ruret noch erkand /
von gots wort sye man schwanger fand.

Die edle mutter hat geborn /
den Gabriel verhyeß zuuorn /
den sanct Johans mit spryngen zeygt /
da er noch lag ynn mutter leyb.

Er lag ym hew mit armut groß /
die krippen hart yhn nicht verdroß.
Es ward eyn kleyne milch seyn speyß /
der nie keyn voglin hungern ließ.

Des hymels Chor sich frewen drob /
vnd die engel syngen Got lob /
den armen hyrten wird vermeld /
der hirt vnd schepffer aller welt.

Lob ehr vnnd danck sey dir gesagt /
Christ geborn von reyner magd.
Mit vater vnd dem heylgen geist /
von nu an byß ynn ewigkeit.

Denkt man an Martin Luthers Weihnachtslieder, fällt einem wohl vor allem das heute sehr beliebte Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ähnlich wie Ein feste Burg ist unser Gott gilt es als eines der Standartwerke des Reformators, das zu dieser Jahreszeit in Kirchen und Häusern in ganz Deutschland und darüber hinaus gesungen wird.

Das hier vorgestellte Lied, Christum wie sollen loben schon, ist ein weiteres Weihnachtslied aus Luthers Feder. Es basiert auf dem Lateinischen Gedicht A solis ortus cardine von Caelius Sedulius (gestorben ca. 450), welches im Mittelalter vertont wurde. Luther erwähnt diese Vorlage explizit in seiner Übersetzung. Er übernahm von dem altkirchlichen Original nur fünf Strophen in freier Übersetzung, nämlich die, die sich auf die Geburt Jesu bezogen. So zentrierte er das Lied wesentlich stärker auf Weihnachten. Die Vorlage beschreibt das ganze Leben Christi und nicht nur dessen Geburt. Sie verwendet die rhetorische Form eines Abecedarius, was bedeutet, dass jede Strophe mit einem Buchstaben des Alphabets beginnt. Luther hingegen übersetzte den lateinischen Text in Reimform.

Inhaltlich werden in Luthers Übersetzung einige theologische Aspekte des Luthertums angeschnitten. Beispielsweise wird in der dritten Strophe auf „die göttliche gnad vom hymel“ verwiesen, was auch in Luthers Grundsatz sola gratia zum Ausdruck kam. Als Luther das Lied 1524 übersetzte, hatte sich noch keine vollständige lutherische Konfessionskultur gebildet. So wird auch noch auf „Sanct Johans“ verwiesen und das Lied ist stark auf Maria als Mutter Gottes zentriert; der Heiligenkult und die Marienverehrung sind beides Aspekte, die man heutzutage wohl eher mit dem Katholizismus verbinden würde. Überraschend ist dies allerdings nicht, weil sich erst im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts langsam eine konfessionelle Kultur herausbildete, die sich bei Lutheranern, Katholiken und Reformierten unterschied.

Stilistisch zeichnet sich Luther, der ein sehr feines Gefühl für Sprache besaß, auch als guter Übersetzer und Dichter aus. Die Reimform („schon…son“, „ding…gering“) hat das Lied einprägsam gemacht und die bereits bekannte Melodie für viele eingänglich. Gleichzeitig ist die Übersetzung in die Umgangssprache ein Indiz für die Wichtigkeit des Deutschen im Luthertum. Die Übersetzung der Bibel und die Durchführung von Kirchenritualen, beispielsweise Taufe und Kommunion, in der Umgangssprache waren Kernforderungen Luthers.

Daneben greift Luther in seiner Übersetzung auch beliebte religiöse Topoi auf, die natürlich oft im lateinischen Original bereits vorhanden sind und somit nicht unbedingt explizit lutherisch. Die weitstrahlende Sonne in der ersten Strophe zum Beispiel entwickelte sich zu einem wichtigen Symbol des Luthertums, wobei spätere Generationen von Theologen oft Luther selbst oder die Universität von Wittenberg als die hellstrahlende Sonne bezeichneten. Entgegensetzt war dem dann die Finsternis der katholischen Kirche.

Ein solches Lied konnte in vielen Situationen auch eine didaktische Funktion erfüllen. Die Nacherzählung von Aspekten der biblischen Weihnachtgeschichte, beispielsweise der unbefleckten Empfängnis („die keusche mutter“, „von gots wort sye man schwanger fand“, „reyne magd“), die Ankündigung durch die Engel („den Gabriel verhyeß zuuorn“) oder die Himmlischen Heerscharen („die engel syngen Got lob“) waren wichtige Aspekte des christlichen Selbstverständnisses, die natürlich auch in Predigten und Katechesen aufgenommen werden konnten. So wurde der lutherischen Theologie auch in solchen Liedern Gehör verschafft. Wie üblich verwies das Lied in der letzten Strophe auf die Dreifaltigkeit und die Ewigkeit des göttlichen Reiches und damit letztendlich auch die göttliche Omnipotenz. Dies war offensichtlich für Luther wichtig, denn die letzte Strophe hat im lateinischen Original kein direktes Äquivalent.

Doch, und um zum Anfang zurückzukehren, das Lied, welches heute nur noch in einigen regionalen evangelischen Gesangbüchern abgedruckt ist, zeigt auch, wie einfach es ist, die heutige Form des Luthertums auf das sechzehnte Jahrhundert zu projizieren. Denn während heute Vom Himmel hoch, da komm ich her als das lutherische Weihnachtslied par excellence gesehen wird, waren die Dinge im sechzehnten Jahrhundert nicht so eindeutig. Christum wir sollen loben schon fand sich in einem der frühesten lutherischen Liederbücher, dem Erfurter Enchiridion (1524) und erfreute sich großer Beliebtheit. Das Lied war so beliebt, dass es sogar in katholischen Gesangbüchern des sechzehnten Jahrhunderts abgedruckt wurde. Heute allerdings ist es nur noch Kennerinnen und Kennern bekannt. Es ist irreführend anzunehmen, dass, nur weil Elemente der lutherischen Konfessionskultur wie das Lied vom Himmel hoch, da komm ich her heute so beliebt sind, dies bereits im sechzehnten Jahrhundert der Fall war.

Die Tendenz, die Vergangenheit durch eine teleologische Brille zu sehen, hat sich auch in der Lutherdekade, welche nun mit einer durchwachsenen Bilanz zu Ende gegangen ist (vgl. faz.net), gezeigt. So spielte das Jahr 1517 und der Thesenanschlag in der lutherischen Memorialkultur des sechzehnten Jahrhunderts lange nicht die Rolle, die diesem Ereignis in den Jubiläen, die seitdem gefeiert wurden, zugeschrieben wurde. Die Konstruktion des Thesenschlages als Schlüsselereignis der Reformation geht vielmehr auf spätere Autoren zurück, die die Reformation als Ereignisgeschichte anhand von einigen wichtigen performativen Akten erzählten: dem Thesenanschlag, dem öffentlichen Verbrennen der Bannandrohungsbulle in Wittenberg, dem heroischen Luther auf dem Reichstag von Augsburg und noch einigen weiteren, ähnlichen Ereignissen.

Schlussendlich lässt sich nur dafür plädieren, dass jede Zeit in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden muss und die eigenen Annahmen immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Ein angenehmes Nebenprodukt eines solchen Ansatzes ist es, dass man einem bisher unbekannte Schätze entdecken kann wie das schöne Weihnachtslied Christum wir sollen loben schon.

Martin Christ, Tübingen