Zwischen Resignation und Anklage: Das Aushebungslied „Wo soll ich mich hinwenden“

Wo soll ich mich hinwenden (Aushebungslied)

1) Wo soll ich mich hinwenden bei der betrübten Zeit*
   An allen Orten und Enden ist nichts als Krieg** und Streit
   Rekruten fanget man, so viel man haben kann;
   Soldat muss alles werden, sei einer Knecht oder Mann,
   Soldat muss alles werden, es sei Knecht oder Mann.

*  in einer anderen Version: in dieser schlechten Zeit.
** auch: Hass oder Kampf

2) Mit List hat man mich g’fangen, als ich im Bette schlief.
   Strickreuter* kam gegangen**, ganz leise auf mich griff:
   „Ei Bruder, bist du da? Von Herzen bin ich froh!
   Steh nur auf, Soldat mußt werden, das ist nun einmal so!“

*  berittener Soldat,
** auch: Da kam der Hauptmann gegangen

3) So bin ich nun gefangen, mit Eisen angelegt;
   Als wär‘ ich durchgegangen, so hat man mich belegt.
   Ach Gott, verleih‘ Geduld, ich bitt‘ um deine Huld!
   Mein Schicksal will ich tragen, vielleicht hab‘ ich’s verschuld’t.

4) Der König hat’s beschlossen, zu streiten für sein Land;
   viel‘ Kinder* werden erschossen durch der Feindlichen Hand.
   Das ist des Krieges Lauf: Rekruten hebt man auf,
   viel‘ tausend Kinder müssen ihr Leben geben drauf.

*  auch: Krieger

5) Dem König muß ich dienen, solang ich’s Leben hab‘;
   werd‘ ich einmal erschossen, wirft man den Leib ins Grab,
   allwo in einer Schicht – Ach Gott, erbarme dich! –
   viel‘ Kamerad‘* begraben; vielleicht betrifft’s auch mich.

*  auch: Brüder

6) Man hört Kanonen knallen, daß es die Luft erschallt;
   Viel tausend Brüder fallen, verlieren ihr‘ Gestalt,
   seufzen in ihrem Blut, das stromweis fließen tut,
   müssen den Geist aufgeben; o du unschuldig’s Blut!

7) „Ade, mein Vater und Mutter!“ „Ade, mein lieber Sohn;
   mußt dich zur Reis‘ begeben auf eine Festung zu,
   s’regiert jetzt in der Welt die Falschheit und das Geld;
   der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld.“

     [Aus dem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn der Folkgruppe 
     Zupfgeigenhansel, 1978.]

Zupfgeigenhansel hat dem im Großen Steinitz abgedruckten 12-strophigen Lied die Strophen 1 bis 6 entnommen und ihre 7. Strophe aus den ursprünglichen Strophen 7 und 8 kombiniert (s. auch Nachtrag Strophe 7 bis 12). Nicht bekannt ist, im welchen Jahr der Text der 12 Strophen entstanden ist. Für seine Entstehung geben manche Liederbücher an „aus dem 18.Jahrhundert“ bzw. „aus dem letzten Drittel des 18.Jahrhunderts“.

Ob die Melodie mit dem Schlemmerlied (auch Das tumbe Brüderlein) Wo soll ich mich hinkehren, ich tumbes Brüderlein übereinstimmt, ist umstritten. Dieses Lied wurde gemäß dem Lied- und Erzählforscher Heinz Rölleke „in manchen Umdichtungen geistlicher und politischer Art […] und erstmals in den ‚Bergreihen‘ 1535 und auch in Georg Forsters ‚Frische Teutsche Liedlein‘ I, Nürnberg 1540, überliefert“ (Das Große Buch der Volkslieder, Köln 1939, S. 94). Die dort abgedruckten Noten weisen nur eine geringe Ähnlichkeit mit der Melodie von Wo soll ich mich hinwenden auf. Dagegen ist die Verwandtschaft mit dem im Zupfgeigenhansl (hier 20. Auflage von 1921, S. 265) abgedruckten Schlemmlied offensichtlich, und auch im einigen Liederbüchern heißt es „Melodie Tumbes Brüderlein“ (z.B. 1912 in Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige und 1914 in Deutsche Soldatenlieder).

Interpretation

Das Lied handelt von einem offensichtlich jungen Mann, der als Soldat zwangsrekrutiert wird und sich Gedanken macht, wie es nun mit ihm weitergehen werden wird. Er ist sich klar darüber, dass im Krieg viele Soldaten sterben müssen. Er verabschiedet sich von seinen Eltern und verspricht seiner Liebsten, sie zu heiraten, falls er (heil) zurückkommt.

Im Einzelnen: Zu der Zeit, als das Lied im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand, war der Siebenjährige Krieg (1756–1763) gerade erst zu Ende gegangen. Preußen litt schwer an den Kriegsfolgen, es herrschte Hungersnot (die erst Jahre später mit Hilfe der aus Amerika eingeführten Kartoffel überwunden werden konnte).

Es ist nachzuvollziehen, dass das Sprecher-Ich in der ersten Strophe fragt, wo es sich angesichts des überall herrschenden Hasses (Kampfes, Krieges) und Streits hinwenden soll, um dem Soldatwerden zu entgehen. Eine gesetzliche Kriegsdienstverweigerung gab es nicht, und der Weg an die Küste, um per Schiff auszuwandern, barg die Gefahr, unterwegs geschnappt und rekrutiert zu werden. So ist anzunehmen, dass der junge Mann sich versteckt und gehofft hat, dass man ihn so schnell nicht finden würde. Er weiß, wie die Monarchen ihre Soldaten rekrutieren lassen: Wer sich nicht freiwillig meldet oder als Söldner anheuern lässt, der wird zwangsrekrutiert: „Rekruten fanget man“, denn „Soldat muß alles werden, es sei Knecht oder Mann“. Und ein neuer, der Österreichische Erbfolgekrieg 1778–1789, (Preußen gegen Österreich, das sich Bayern einverleiben will) steht bevor.

So ist er eines Nachts, als er (fest) schlief, auch tatsächlich von einem Hauptmann ausgehoben worden (vgl. Untertitel „Aushebungslied“), der ihn mit „Ei Bruder“ kumpelhaft begrüßt, „von Herzen froh“ ist, ihn endlich zu fassen und ihm lapidar erklärt: „Soldat mußt du nun werden, das ist nun einmal so!“

Resignierend bedauert der Sprecher in der 3. Strophe, dass er gefangen und in Ketten gelegt wurde. Er hat sich ohne Gegenwehr und Fluchtversuch gefangen nehmen lassen und beklagt sich darüber, dass man ihn wie einen Verbrecher gefesselt hat. Äußerlich hat er sich damit abgefunden, doch er bittet Gott um Geduld, damit er keinen Befreiungsversuch unternehmen möge, womöglich, falls der Versuch scheitern sollte, mit schlimmen Folgen. Auch bittet er Gott um Huld, dass der ihm als Soldat wohlgesonnen sein möge. Denn er befürchtet (5. Strophe), dem König so lange dienen zu müssen, wie er am Leben bleibt. Er fürchtet den Tod und in einem Massengrab („allwo in einer Schicht“) begraben zu werden wie (voraussichtlich) „viel‘ Kamerad‘“.

Während das Sprecher-Ich in den Strophen 2, 3 und 5 von sich und seinen Befürchtungen erzählt hat, sinniert es in der 4. und 6. Strophe allgemein über den Krieg. Die Menschen sind nicht gefragt worden, ob sie Krieg führen wollen; der König beschließt und seine Untertanen müssen gehorchen (hier eventuell ein Untertan des preußischen Königs Friedrich II.). Und es sieht so aus, als wenn der Dichter bereits Soldat gewesen wäre und seine Erfahrungen gemacht hat: vom Ausheben, der Zwangsrekrutierung der Männer, bis zum Sterben vieler tausend (Landes-)Kinder (in einer anderen Version: Brüder). Seine Kameraden (hier Brüder genannt) haben wie er die Kanonen nicht nur knallen hören, sondern auch erlebt, was sie anrichten können: vom Wunden schlagen bis hin zum massenhaften Töten. Bereits 1733 hatte König Friedrich-Wilhelm I. („Soldatenkönig“) das „Kantonsytem“ in Preußen eingeführt, danach wurde Preußen in sogenannte “Enrolierungskantone“ eingeteilt, aus denen die Rekruten regimentsweise ausgehoben wurden.

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Werbung von Rekruten für die Befreiungskriege

In einer anderen Version ist es der Kaiser, der beschlossen hat, in fremdes Land zu ziehen. Das deutet darauf hin, dass der junge Mann ein Untertan des österreichischen Kaisers war. Doch da das Lied in vielen Teilen Deutschlands verbreitet war (in den Liederbüchern werden verschiedene Regionen genannt: Franken, Hessen, Lothringen, Tirol, Sudetenland, Altmark u.a.), ist es woanders der König oder der Fürst. Wenn es in den Krieg ging, im Kabinett die Kriegsziele behandelt wurden (sogenannte Kabinettskriege, wie sie vielfach im 18. Jahrhundert üblich waren), dann wurden überall Männer rekrutiert. Die Monarchen, gedanklich noch im Absolutismus befangen, sahen die Untertanen als persönliches Eigentum an, die auch als Siedler oder Soldaten an andere Herrscher oder Staaten verkauft werden konnten.

In der „Kaiserstrophe“ beklagt der Dichter, dass viele Tausend ihr Leben lassen müssen und es Unschuldige trifft (ähnlich wie in der o.a. 6. Strophe), während die Regenten bei gewonnenen Kriegen zu Ruhm und Ehre kommen und vor allem zu neuen Ländern (vgl. Friedrich II., „der Große“, nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg: Schlesien und nach dem Siebenjährigen Krieg: Sachsen): „Das ist der Kriege Lauf, Regenten steigen auf / vieltausend von uns müssen ihr Leben geben drauf.“

Hier ist ähnlich wie bei den Strophen 8 bis 12 (s. Nachtrag) zu erkennen, dass das Lied mehrere Verfasser hatte und auf den Fliegenden Blättern in verschiedenen Versionen existierte bis schließlich 1855 alle Strophen vom Liedersammler Ditfurth zusammengefasst wurden (s. Rezeption).

Mit einem „Ade“ verabschiedet sich der junge Mann in der 7. Strophe von seinen Eltern, die ihm ebenfalls ein ‚Geh mit Gott‘ wünschen („Ade, mein lieber Sohn“). Auch die Eltern haben sich damit abgefunden, dass ihr Sohn Soldat werden muss. Sie meinen, dass in der Welt nur „die Falschheit und das Geld“ regiert und aus Erfahrung wissen sie, dass (nur) der Reiche sich helfen kann (sprich: sich dem Wehrdienst entziehen kann), wogegen der Arme ins Feld muss. Und heute noch werden entgegen dem UN-Fakultativprotokoll vom 12. Februar 2002 zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten massenhaft sogar Kinder (gemäß UN-Kinderrechtskonvention Jugendliche unter 18 Jahren) in Myanmar, Syrien, Kolumbien oder Somalia, Uganda, Kongo und anderen afrikanischen Staaten oder vom „Islamischen Staat“ (IS) zum Kriegsdienst gepresst.

Vor 1814 (Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen) konnten sich Söhne adeliger Eltern, sofern sie nicht Offiziere werden wollten, ebenso freikaufen wie reiche Bauern sich oder ihre Söhne. Derartiges Freikaufen war in vielen Ländern gängige Praxis. Noch fast hundert Jahre später, nämlich im spanischen Marokkokrieg 1909, konnten sich Reiche mit 6.000 Reales „einen Vertreter beschaffen, was jenseits der Möglichkeiten der Arbeiter lag(Wikipedia). Nicht freikaufen dagegen konnten sich die Männer aus Polen, Belgien, Luxemburg und anderen Staaten, die entgegen Artikel 45 der Haager Landkriegsordnung im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zum Wehrdienst oder zum Dienst in der Waffen-SS (NS-Erlass vom 22. Aug. 1942) gezwungen wurden. Und noch heute besteht in der Türkei die Möglichkeit des Freikaufs vom Wehrdienst für die im Ausland lebenden Türken, dabei ist nach dem Aktionsplan der 64. Regierung im Dezember 2015 der Betrag des Freikaufs von 6.000 auf 1.000 € gesenkt worden (vgl. deutsch-türkisches journal online, 10.12.2015).

Rezeption

Das Lied wurde nach seiner Entstehung im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und etwa bis 1830 mithilfe Fliegender Blätter verbreitet. Häufig waren dem ursprünglichen Lied mit sieben oder acht Strophen die Strophen neun bis zwölf (s. Nachtrag) hinzugefügt worden, vermutlich um die Zensoren bereits mit dem Hinweis „Abschiedslied“ von der der Brisanz der Strophen eins bis acht abzulenken. Häufig fehlten die Zeilen „‘s regiert in der Welt die Falschheit und das Geld; / der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ aus Vorsichtsgründen „offenbar vom Verleger weggelassen oder von den Zensoren gestrichen“ (Steinitz, S. 338). Doch in den Befreiungskriegen, als Tausende sich freiwillig meldeten, verlor das Lied seine Aktualität; dazu beigetragen hat sicherlich auch die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht 1814, obwohl noch bis 1830 Fliegende Blätter mit dem Lied in diversen Versionen erschienen sind (Steinitz berichtet von 19 Fassungen, die er im Freiburger Deutschen Liederarchiv vorfand, S. 337). 1812 erschien ein Fliegendes Blatt mit einer Umdichtung: Im ersten Vers lautet nun die 2. Zeile „An allen Orten und Ländern führt Napoleon Kampf und Streit“; im 4. Vers heißt es „Napoleon hat beschlossen, zu kriegen in Russland“ und weiter „Und viele deutschen Brüder müssen geben ihr Leben drauf.“

Bis 1855 sind keine Veröffentlichungen in Liederbüchern bekannt. 1855 brachte der Dichter und Liedersammler F. W. von Ditfurth (1821-1880) die Fränkischen Volkslieder, Teil II: Die weltlichen Lieder mit 12 Strophen des Liedes heraus. Seit dieser Veröffentlichung ist das Lied im Vergleich zu anderen Volksliedern, aber auch im Verhältnis zu anderen Soldatenliedern, nur in wenigen Liederbüchern erschienen. Bis zum Jahr 1907 (Historische Volkslieder und Zeitgedichte vom 16 bis 19. Jahrhundert mit 7 Strophen) ist vor der Jahrhundertwende hauptsächlich die bedeutende Liedersammlung Deutscher Liederhort III von Erk/Böhmer (1894) mit 12 Strophen zu erwähnen.

Mit Ausnahme von Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige (1912) ist das Aushebungslied in keinem Liederbuch der Wandervogelbewegung enthalten. Dagegen taucht es 1914 und 1915, allerdings nur mit 5 bzw. 3 Strophen in Soldatenliederbüchern auf, und zwar 1914 in Deutsche Soldatenlieder, ohne die Strophe mit der Zeile „der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ und 1915 in Das deutsche Soldatenlied. Im Krieg ist das Lied „kaum noch gesungen worden“ (Wilhelm Schumacher, Leben und Seele unseres Soldatenliedes im Weltkrieg, 1928, S. 231).

Ein Lied mit der Anfangszeile „Wo soll ich mich hinwenden in der betrübten Zeit“ passte den Nationalsozialisten nicht in ihre „Zeit der nationalen Erhebung“ bzw. „Erneuerung“. So nimmt es nicht Wunder, dass es in kein einziges NS-Liederbuch aufgenommen wurde. Laut Schendel-Archiv (deutscheslied.com) ist es in der Zeit bis 1945 nur in Volkslieder des rumänischen Banats (1935) und in Deutsches Lied der Sudetendeutschen (1938) vertreten.

In den meisten der wenigen nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbücher mit dem Lied sind nur die Strophen 1, 2 und die obige 7. Strophe enthalten. Die erste Ausgabe nach 1945 ist 1957 die Liedersammlung Ludolf Parisius und seine altmärkischen Volkslieder (um 1850), neu herausgegeben von der Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann. 1965 folgte eine Neuauflage des Ditfurth-Buches von 1872, Deutsche Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 18. Jahrhunderts, und danach 1972 Lieder gegen den Tritt. Politische Lieder aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von der Publizistin Annemarie Stern. Anhänger der Folkmusik kennen das Lied seit 1975 durch Hannes Waders Album Volkssänger (und bis 2000 durch fünf weitere Alben mit dem Lied, jeweils nur mit 3 Strophen, s. Video), durch Hein und Oss Kröher (Doppel-LP Auf der großen Straße, 1977 mit dem Titel Der Arme muß ins Feld) und/oder durch Live-Auftritte von Wader, den Gebrüdern Kröher, der Gruppe Zupfgeigenhansel oder auch aus ihrem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn 1978 (7 Strophen).

Im Liederbuch mit der höchsten Auflage, Die Mundorgel, (bis 2013 10 Millionen Druck- und 4 Millionen Notenauflage) ist es ebenso wenig enthalten wie in den bedeutenden Liedsammlungen der Liederforscher Ernst Klusen, Heinz Rölleke oder Brederich/Röhrich/Suppan wie in den auflagestarken Liederbüchern Das Volksliederbuch (Weltbildverlag), Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann, 1993) oder im Insel Taschenbuch Alte und neue Lieder mit ihren Weisen (4. Auflage 1979) und in anderen Lieder-Taschenbüchern der Verlage Reclam, Fischer, Heyne oder Moewig. Dagegen taucht es jedoch seit 1977 in der weitverbreiteten Liederkiste mit 12 Strophen auf, sowie 1981 in der Sammlung Lieder der Arbeiterbewegung der Büchergilde Gutenberg.

In den meisten Liederbüchern der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung ist Wo soll ich mich hinwenden nicht zu finden mit Ausnahme des Liederbuchs der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1985) und des Liederbocks (Verband Christlicher Pfadfinder, 1990).

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag

Die folgenden Strophen stammen ursprünglich aus den Fränkischen Liedern von Ditfurth  (s. o.). Sowohl der Große Steinitz (S. 336 f.) als auch die Liederkiste haben sie übernommen. Während die 8. Strophe in den ersten zwei Zeilen eine Variante der 7. ist (ähnlich auch Strophe 11 und 12), weisen die Zeilen 5 bis 8 eine Brisanz auf, die die Zensoren aktiv werden ließ. Betrachtet man die Verse 9 bis 12, wird verständlich, warum das Lied auch als Abschiedslied bezeichnet wurde und sie als später hinzugefügt angesehen werden.

7) „Adje nun, Vater und Mutter. Adje, mein lieber Freund!
Muß mich zur Reis‘ begeben, zur Residenz noch heut‘.
Der Himmel schütze euch! Wenn ich im Felde bleib‘
betet für meine Seele, daß sie komm‘ ins Himmmelreich!“

8) „Ach Vater, Schwester, Bruder, stellt euer Weinen ein!
Es kann nichts anders helfen, Soldat muss ich jetzt sein.
’s regieret in der Welt, die Falschheit und das Geld;
Der Reiche kann sich helfen, der Arme muss ins Feld“.

9) Der Vater weint um seinen Sohn, die Mutter um ihr Kind;
das Weib bedauert ihren Mann, weil sie geschieden sind;
Die Schwester um den Bruder, die Kinder um den Vater;
das ist ein Lamentieren, daß man nicht hören kann.

10) „Mein Schätzchen steht von weiten, schaut mich ganz traurig an;
ich sag es allen Leuten, was sie mit Gut’s getan.
Ob ich gleich fortmarschier‘, bleibt doch mein Herz bei dir
und bis zum Tod ergeben, gib mir das dein‘ dafür!“

11) „Noch ein Kuss wirst geben zum Zeugnis meiner Treu;
Ich geb‘ dir zwei dagegen und liebe dich aufs Neu.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich einst wiederkomme, gewiss ich heirat‘ dich!“

12) „Man hört die Vöglein singen, die liebliche Musik;
Ich wünsch‘ vor allen Dingen ein angenehmes Glück.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich zu Hause komme, gewiss heirat‘ ich dich!“

Die vielen Facetten der Wurst. Zu Herbert Grönemeyers „Currywurst“

Herbert Grönemeyer (Text: Horst-Herbert Krause, Diether Krebs)

Currywurst 

gehse inne stadt
wat macht dich da satt
'ne currywurst

kommse vonne schicht
wat schönret gibt et nich
als wie currywurst

mit pommes dabei
ach, dann geben se gleich zwei-
mal currywurst

bisse richtig down
brauchse wat zu kaun
'ne currywurst

willi, komm geh mit
ich krieg appetit
auf currywurst

ich brauch wat in bauch
für mein schwager hier auch
noch ne currywurst

willi, is dat schön,
wie wir zwei hier stehn
mit currywurst

willi, wat is mit dir
trinkse noch n' bier
zur currywurst
 
ker, scharf is die wurst
mensch dat gibt'n durst,
die currywurst

bisse dann richtig blau
wird dir ganz schön flau
von currywurst

rutscht dat ding dir aus
gehse dann nach haus
voll currywurst

aufm hemd auffer jacke
ker wat ist dat ne k.... 
alles voll currywurst

komm willi
bitte, bitte, komm geh mit nach hause
hörma ich kriegse wenn ich so nach hause komm
willi, willi, bitte, du bisn kerl nach mein geschmack
willi, willi komm geh mit, bitte willi

     [Herbert Grönemeyer: Currywurst. Intercord 1982.]

Was wäre Deutschland ohne seine Würste? Ob Weißwurst, Thüringer oder Bockwurst, fast jede Region Deutschlands hat eine wurstige Spezialität anzubieten. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Currywurst ein, die (laut Wikipedia gilt dies als erwiesen) im Berlin der Nachkriegsjahre erfunden und dort zum ersten Mal verköstigt wurde. Wie an andere Stelle bereits angeführt, kann die Wurst eine Vielzahl von Assoziationen hervorrufen. Herbert Grönemeyers Beitrag zum Kanon der Wurstlieder folgt einem Arbeiter, der nach seiner Schicht zusammen mit seinem Schwager, Willi, an den Currywurststand kommt, wo sich die beiden Männer Bier und Currywurst gönnen. „Currywurst“ kann auf diversen Ebenen verstanden werden, von denen hier drei herausgegriffen werden sollen.

Die Currywurst als bodenständiges „Arbeiteressen“

Die Currywurst, direkt an der Imbissbude verzehrt, wird bei Grönemeyer als bodenständiges, ehrliches Essen dargestellt, das seine Attraktivität auch durch seine Einfachheit erhält. Kulinarisch sind die Bestandteile überschaubar und sind ein Kontrast zum „Schicki-Micki“-Essen im Restaurant. Das Fehlen von Stühlen, richtigem Besteck (schließlich gibt es zur Currywurst nur den traditionellen Piekser) und sonstigen Annehmlichkeiten wird dabei nicht als negativ wahrgenommen, sondern ist, ganz im Gegenteil, symptomatisch für das Solide an der Wurst: „willi, is dat schön, / wie wir zwei hier stehn / mit currywurst“. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass in Grönemeyers Lied der Verzehr nach „der schicht“ erfolgt, was nahelegt, dass der Sprecher einem bodenständigen, nicht-intellektuellen Beruf nachgeht. Diese nicht-intellektuelle Berufswahl schlägt sich auch in fragwürdiger Grammatik nieder („wat schönret gibt et nich / als wie currywurst“).

Als Weiterführung des Topos des Arbeiteressens wird die Currywurst natürlich mit einem ebenfalls bodenständigen Getränk, Bier, in Verbindung gebracht. Dabei führt die Schärfe der Wurst zu Durst, wobei das zu dessen Löschung getrunkene Bier es einem wiederum „flau“ im Magen werden lässt, was zu mehr Appetit führt, usw. Ein recht angenehmer Teufelskreis. Traditionell gibt es neben dem Bier und der Wurst auch noch Pommes. So ist die Currywurst also eine vollwertige Mahlzeit, inklusive Gemüseanteil.

Die Currywurst als Regionalspezialität

Grönemeyers Lied, das in der Umgangssprache des Ruhrpotts gehalten ist, verdeutlicht die regionale Identität, die mit der Currywurst verbunden ist. Nicht ganz passend scheint hier der Anglizismus „down“, welcher nicht unbedingt nach Ruhrpott klingt. Auch das Siezen des Wurstbudenbesitzers („ach, dann geben se zwei“ und nicht „ach, dann gib uns zwei“) scheint nicht ganz stimmig. Grönemeyer ist natürlich ein besonders geeigneter Vertreter der Currywurst-Fraktion, hat er doch eine stark ausgeprägte Verbindung zu seiner Bochumer Heimat im Speziellen und dem Ruhrgebiet im allgemeinen. Sowohl in Berlin als auch im Ruhrpott wird die Currywurst als Lokalspezialität an jeder Straßenecke angeboten. Wegen dieser starken lokalen Verwurzelung ist es auch nicht verwunderlich, dass gerne Streit entbrennt, wo es denn nun die beste Currywurst gibt, ob diese mit oder ohne Pelle zu essen ist und wie scharf die Wurst zu sein hat. Grönemeyers Schichtarbeiter hat dabei offensichtlich eine eher schärfere Variante gewählt und kommentiert: „scharf ist die wurst“. Da hilft dann nur das oben bereits erwähnte Bier.

Kurz sei hier noch erwähnt, dass die Binnendifferenzierung zwischen den Eingangs erwähnten Würsten bzw. regionalen Spezialitäten im Ausland kaum rezipiert wird. Hier wird Deutschland als Ganzes mit der Currywurst in Verbindung gebracht, während beispielsweise schwäbische Mauldäschle oder norddeutscher Labskaus kaum bekannt sind. Umso wichtiger, dass der Currywurst durch Grönemeyer ein musikalisches Denkmal gesetzt wurde. Willi und seinen Schwager interessiert das natürlich herzlich wenig, solange die Currywurst gut schmeckt.

Die Currywurst als Essen für „echte Männer“

Die Currywurst kann auch als Zeichen für Männlichkeit verstanden werden. Abgesehen von der offensichtlichen Symbolik der Wurst als Phallus, handelt es sich bei den Konsumenten der Wurst in Grönemeyers Lied auch um zwei Männer. Doch diese verspeisen nicht nur die Currywurst mit ihrem (ebenfalls als „männlichem“ Getränk konnotierten) Bier, sondern als sich der Sprecher das Hemd versaut, bittet er Schwager Willi, ihn nach Hause zu begleiten. Der Alkoholkonsum als Erklärung für die Currywurst auf der Jacke ist, so erwartet es der Wurstesser, seiner Frau als Entschuldigung nicht genügend. Der Sprecher bittet seinen Schwager deshalb um Schützenhilfe, damit er von seiner Frau nicht zur Schnecke gemacht wird.

Hier sind zwei Lesarten möglich: einerseits eine gendernormative, in der zwei Kumpels zusammenhalten müssen um sich gegen eine übereifrige Hausfrau zu wehren. Bier und Currywurst sind hier Symbole für die Männlichkeit und bleibt nur den zwei Männern vorbehalten. Dazu passt auch, dass Currywurst und Bier mit anderen traditionell männlich konstruierten Aktivitäten, beispielsweise Fußball, zusammenhängen (siehe zum Alkoholgenuss auch hier). Man könnte aber auch, gendersubversiv, argumentieren, dass die zwei Männer an der Bude eine eher lächerliche Figur abgeben: angetrunken, beckleckert und tollpatschig und sie somit nicht dem traditionellen Rollenbild des „harten Kerls“ entsprechen. Der Sprecherwhat regelrecht Angst vor der Frau und bittet Schwager Willi innständig um Hilfe („komm willi, / bitte, bitte, komm geh mit nach hause“). In dieser Lesart nimmt die Frau die Rolle der Starken ein. Weil Grönemeyer in anderen Liedern (besonders in Männer), die Konsturktion von Maskulinität hinterfragt, erscheint diese zweite Lesart als wahrscheinlicher.

So oder so erscheinen die beiden Männer nicht als maskulin-aggresiv, sondern eher als kumpelhaft-entspannt. Der Sprecher scheint seinen Schwager bereits zu Beginn freundlich einzuladen, wenn er sagt „ach, dann geben se gleich zwei- / mal currywurst“. Da will man an die Theke treten uns sagen „machs‘ de drei draus!“.

Martin Christ, Oxford

Das Österreich-Lied von Josef Petrak – Ein musikalischer Identitätsdiskurs in der Zweiten Republik in Österreich. Oder: Warum die Sonne eben nicht auf alle gleich scheint.

Josef Petrak

Das Österreich-Lied

Der Vogel singt frei in der Luft sein Lied, 
die Blume ganz zwanglos zum Himmel erblüht;
es hat jedes Wesen und jedes Geschlecht,
in Freiheit zu leben das Recht!
Doch wenn es im Herzen auch manchesmal sticht – 
wir bleiben gemütlich, das ändert sich nicht...
Wir kämpfen mit Blumen, Musik und Humor –
einen Kampf, den noch niemand verlor ...! 

Die Sonne scheint auf alle gleich, 
warum nicht auch auf Österreich.
Warum sollen wir im Schatten stehn, 
wir wollen den Glanz der Freiheit sehn. 
Die Sonne scheint den kleinen Mann, 
genauso wie den Großen an.
Ein Stück vom Herz der Welt ist Österreich, 
drum macht uns frei und macht uns gleich;
Ein Stück vom Herz der Welt ist Österreich, 
drum macht uns frei und gleich.

Ein Land, das ist klein und das and’re groß, 
der Unterschied liegt in Quadratmetern bloß! 
Egal, ob nun groß, oder klein so ein Land: 
Ein Mensch stets zum anderen fand! 
Wir geben es zu, unser Land ist ganz klein – 
es hat nur viel Herz und den herrlichsten Wein...
Doch das gibt uns Hoffnung, gibt Mut und gibt Kraft – 
ist auch noch die Freiheit in Haft!

Die Sonne scheint auf alle gleich, [...]

Wie gut wir uns hier alle heut’ versteh’n – 
warum sollte das bei den Völkern nicht geh’n? 
Die einen zieh’n her und die anderen hin – 
was hat denn das für einen Sinn?
Warum streitet man so herum in der Welt, 
um Macht und um Einfluß und schließlich um Geld?!
Es fehlt gar nicht viel – na so gebt Euch den Ruck – 
und sagt: Jetzt ist’s endlich genug...!

Die Sonne scheint auf alle gleich, [...]

     [Josef Petrak, Josef Fiedler, Österreichlied für den Film „1. April 2000“. 
     Archiv des Wiener Volksliedwerkes, WVw 03079: Josef Fiedler, Josef Petrak, 
     Die Sonne scheint auf alle gleich, 1952. Für das Zurverfügungstellen des 
     Notenmaterials möchte ich mich herzlich bedanken. Anm.: Laut Notentext heißt
     es in Vers 3 „Geschlecht“, im Film wird „Geschöpf“ gesungen.]

Anlässlich der Bundespräsidentenwahl kam Österreich in den vergangenen Monaten internationales Medieninteresse zu, dass beinahe historische Dimension hatte. Diese Dimension internationaler Zurkenntnisnahme der österreichischen Innenpolitik wurde 1952 im Sciencefiction- und Propagandafilm 1. April 2000 inszeniert: Aus dem Jahr 1952 wird ein Blick in die Zukunft, nämlich auf den 1. April 2000 geworfen. Österreich sei, so die Perspektive des Films, noch immer nicht „frei“ – sprich unbesetzt – und habe noch immer keinen Staatsvertrag. Am 1. April 2000 tritt ein neuer Ministerpräsident sein Amt an. Als erste Amtshandlung erklärt dieser Österreich für „frei und unabhängig“. Noch ehe die vier im Jeep noch zu Muß i denn zum Städtele hinaus verabschiedet werden können, lässt sich die Dimension dieses internationalen Skandals erahnen: Zu Schuberts Symphonie in h-Moll (die Unvollendete) macht sich die „Weltschutzkommission“ mit ihrem „Raketengeschwader“ auf den Weg nach Wien.

Entstehungskontext

Eingebettet in die Diskurse (Opfermythos, Wiederaufbau) der unmittelbaren Nachkriegszeit, plante die Österreichische Regierung einen, wie es wörtlich in der Ausschreibung hieß, „Propagandafilm“ herzustellen. Zu Beginn des Jahres 1949 wurde sodann ein Wettbewerb ausgeschrieben, der „[…] insbesondere im Ausland ‚Österreichs landschaftliche Schönheiten, Kulturdenkmäler, geistige, wissenschaftliche und künstlerische Leistungen, Wirtschaft, Sport und Technik, Verkehrseinrichtungen, Volkssitten, die Ergebnisse des Wiederaufbaus usw., zeigen sollte.“ (zitiert nach Arbeiterzeitung Wien 16.01.1949, zitiert in Beate Hochholdinger-Reiterer: Politik getarnt als Aprilscherz. Zur Rezeption des Österreich-Films 1. April 2000. In: Ernst Kieninger, Nikola Langreiter, Armin Loacker u. Klara Löffler [Hg.]: 1. April 2000. Eine Gemeinschaftsproduktion Filmarchiv Austria und Institut für Europäische Ethnologie – Universität Wien. Wien, 2000: 73-113, hier S. 73.)

Obwohl es zahlreiche Alternativen gegeben hätte, entschied sich die Regierung Wolfgang Liebeneiner mit der Regie zu beauftragen. Liebeneiner war im nationalsozialistischen Regime ab 1942 UfA-Produktionsleiter wie auch Ratsmitglied der Reichstheaterkammer. Die Produktionsleitung oblag Karl Ehrlich, Hauptrollen spielten Josef Meinrat, Liebeneiners Frau Hilde Krahl u.a..

Uraufgeführt wurde der utopische und gleichermaßen dystopische Film am 19. November 1952 im Apollo-Kino in Wien. (Zu unterschiedlichen Aspekten des Films siehe den Sammelband von Ernst Kieninger u.a, insb. Andrea Urisold: „Die Sonne scheint für alle gleich…“ Notizen zu meinem Lieblingsfilm, ebd., S. 311-326.) Anlässlich des Herannahens des titelgebenden Datums im Jahr 2000 re-produzierte „Der österreichische Film“ ihn als den 23. Film in der Reihe auf DVD neu. (vgl. www.derstandard.at)

Das Lied als filmisches „Auftragswerk“

Um Österreich vor der Verurteilung durch ein Tribunal zu bewahren, lädt der Ministerpräsident, gespielt von Josef Meinrad, Herrn Winzig, den Hans Moser verkörperte, und seinen Librettisten, Herrn Schnapper, vor: „Ich brauche von Ihnen ein Kampflied mit dem Refrain ‚gleiches Recht für jedermann‘ – oder so ähnlich“. Skeptisch fragt der Librettist nach, ob er tatsächlich gleiches Recht für jedermann meine oder nicht etwa für Österreich. Der Ministerpräsident erwidert darauf, dass Österreich ja nur das wolle, was jeder hätte. Auf die Frage Hans Mosers, wie viele „Viertel“ sie denn nehmen dürften, einigt man sich auf jene Zahl an Viertel, die sich zum marschieren anbiete – nämlich vier. Darüber hinaus noch vorkommen sollten in dem Lied „die großen Vier und der kleine Mann – also alles das, was sich in letzter Zeit in uns Österreichern angesammelt hat!“. Dieses Addendum zu dem Auftrag löst bei den Beauftragten Skepsis aus und die Unterhaltung endet mit Hans Mosers fragender Feststellung, nicht zu wissen, ob er sich das trauen dürfe. Auf dem Weg ins „Musikzimmer“ betonen der Musiker und der Librettist sehr vorsichtig sein zu müssen und beginnen zu komponieren. Im Film kommt ein zweistrophiges Lied im Vier-Vierteltakt, das sich sämtlicher Opfernarrative und Schuldumkehrstrategien Österreichs nicht gekonnter bedienen könnte, heraus.

Den Text des Liedes für die Filmproduktion schrieb Josef Petrak und die Musik dazu komponierte Josef Fiedler. Der Originaltext sah eigentlich drei Strophen mit Wiederholung des Refrains nach jeder Strophe vor (Im Vorspann zum Film werden als Urheber die genannten Personen angegeben. Original vorhanden im Archiv des Wiener Volksliedwerkes, WVw 03079: Josef Fiedler, Josef Petrak: Die Sonne scheint auf alle gleich, 1952.).

Die Inszenierung der Re-Austrofizierung – als unpolitisches Gegenbild zum ‚nationalsozialistischen Deutschen‘ – wird im Film an drei unterschiedlichen Stellen eingespielt: Zum einen zeitnah nach der Auftragserteilung bei der Präsentation vor dem Ministerpräsidenten (1). Ein zweites Mal im Rahmen einer Großdemonstration, bei der ganz Österreichs zusammen für seine „Unschuld“ eintritt (2), und ein drittes Mal in anderer Intonation, gesungen von den Wiener Sängerknaben, bei der Praterparade (3) (im Film bei 1h12min, 1h16min und 1h28min.).

1) Die österreichische Regierung forderte die gesamte Bevölkerung zu einer Demonstration – gewissermaßen einem umgekehrten Generalstreik – auf. Dafür soll das Auftragswerk als „einende Hymne“ dienen. Am Vorabend des Streikes wartet die Regierung schon ungeduldig auf das Ergebnis, das dem Ministerpräsidenten in Auszügen im Musikzimmer mit Hans Mosers Worten: „Der Text ist von uns beiden [von ihm und dem Librettisten], die Musik von mir“ präsentiert wird. Es wird der Refrain vorgetragen.

2) Im Zuge der Großdemonstration, die stark einer Prozession gleicht, singt „ganz Österreich“ die erste Strophe des Liedes mit zweimaliger Wiederholung des Refrains. Bei dieser „Leistungsschau der Provinzialität“ wechselt das Lied zwischen Hintergrundmusik, die einen Schwenk durch alle Bundesländer unterspielt, und Vordergrundmusik, die in den Volksschulen – den Erziehungsstätten zur ‚neuen österreichischen Identität‘ – gesungen und gelernt wird.

3) Schließlich trällern auch die Wiener Sängerknaben nochmals den Refrain im Rahmen einer Parade im Wiener Prater, bei der der Film versucht, wie Michael Palm treffend konstatiert, die österreichische Nation aus dem Geist der Operette zu stiften (vgl. Michael Palm: Die Geburt der Nation aus dem Geiste der Operette. Musikalische Rhetorik am 1. April 2000. In: Kieninger u.a., S. 133-148.).

Außerhalb des filmischen Kontexts wurde das Lied nicht nachweislich rezipiert.

Die Sonne scheint auf alle gleich …

Die landschaftliche Verklärung und der Versuch, österreichische Identität über Landschaft zu konstruieren, ist paradigmatisch für die Nachkriegszeit (vgl. Dieter A. Binder: Wie aus der „Ostmark“ die „Heimat“ wurde. Epochenverschleppende Versatzstücke der Heimatmacher. In: Hannes Stekl, Christine Gruber, Hans-Peter Hye und Peter Urbanitsch (Hg.): Österreich – was sonst? Wien 2015, S. 57-82.). Diese Strategien und Praktiken spiegeln sich im Lied wider: Die unbelastete Sonne, die auf alle gleich scheine, und das triviale Vorhandensein Österreichs auf der Landkarte rücken Österreich in ein harmloses Licht. Eine „Kulturnation“ die nur mit „Humor, Musik und Blumen“ kämpfe.

Dass die Sonne eben doch auf alle gleich schien und die Unterzeichnung des Staatsvertrag bereits 1955 stattfand und sich nicht bis in das Jahr 2000 zog, wissen wir heute. Jüngste Debatten um die Bundespräsidentenwahl in Österreich (jedoch auch trans- und internationale Debatten) erwecken den Eindruck, das Gefühl, die Sonne scheine nicht auf alle gleich zu evozieren, um den Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung zu inszenieren. Die Agitation des Liedes der 1950er Jahre scheint dabei auch heute noch den Opfernarrativen und dem Zeitgeist zu entsprechen. Der Diskurs im Lied sah jedoch damals noch „Freiheit“ als „gleichmachend“ und inszenierte in dieser Weise den Opfermythos Österreichs, der in der Schlussszene des Films im Fund der der Moskauer Deklaration im Staatsarchiv gipfelt. Diese Szene und eine weitere sind die einzigen Szenen, die einen – mehr als indirekten – Hinweis auf den Nationalsozialismus liefern. Dieser implizite Verweis bleibt jedoch ohne eine Verbindung zum Status quo, dessen Anprangern letztlich im Lied Ausdruck findet. Das anklagende Hinterfragen, warum nicht auch auf Österreich die Sonne scheine, ist der Ausdruck des unreflektierten Unrechtempfindens 1952. Die mitschwingende Aufforderung, die Sonne solle auf alle gleich scheinen, wird als wiederkehrender Slogan (um nicht von Kampfansage zu sprechen) benutzt, der dieses empfundene Unrecht beseitigen soll.

Susanne Korbel, Graz und Budapest

„Ich denke, was ich will“. Zu „Die Gedanken sind frei“

Anonym 

Die Gedanken sind frei

1. Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliegen vorbei
wie  nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

2. Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still'
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei. 

3. Und sperrt man mich ein
in finstere Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

4. Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

5. Ich liebe den Wein
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei!

Einleitung

Am geschichtsträchtigen 9. November 1948 stimmten 300.000 Berliner vor der Reichstagsruine nach der berühmten Rede des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter („Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt!“) spontan Die Gedanken sind frei an, 100 Jahre nach der missglückten 1848er Revolution und rund 150 Jahre nach der Entstehung des Freiheitsliedes. Ein Lied, das von den deutschen Burschenschaftern bereits 1832 auf dem Hambacher Fest gegen die Karlsbader  Beschlüsse (§ 1 „[…] dürfen Schriften, die in der Form täglicher Blätter oder heftweise erscheinen […] in keinem deutschen Bundesstaate ohne Vorwissen und vorgängige Genehmhaltung der Landesbehörden zum Druck befördert werden“) und die sich anschließende „Demagogenverfolgung“ gesungen wurde und das Sophie Scholl 1942 vor den Ulmer Gefängnismauern ihrem einsitzenden Vater auf der Blockflöte vorspielte. Ein Lied, das der Leiter des Dresdner Kreuzchores aus dem Programm strich, um eine Konzertreise durch China nicht zu gefährden (vgl. dpa 30.10.2013, s. auch dazu die Stellungnahme des Deutschen Musikrates). Da stimmt es hoffnungsfroh, dass das Lied über Deutschland hinaus die „Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmheit“ ausdrückt und noch im Januar 2015 auf Anregung des französischen Kabarettisten und Chansoniers Roger Siffer von 300 elsässischen Künstlern als Reaktion auf den Überfall auf Charlie Hebdo und die Ermordung von Redakteuren in 11 Sprachen über France 3 Alsace  verbreitet wurde (s. Video oben).

Entstehung

Die Grundidee stammt  bereits aus der Antike: „Liberae sunt […] nostrae cogitationes“ (Frei sind unsere Gedanken), so der Philosoph Cicero in der Verteidigungsschrift Pro Milone, 52 v.Chr. (zitiert nach Büchmann, S. 379), die im 6. Jahrhundert als Rechtsgrundsatz in die Digesten des römischen Rechts aufgenommen wurde. Um 1200 sang Minnesänger Walther von der Vogelweide in der Neuen Hohen Minne „Joch sint iedoch gedanke frî“ (Sind doch Gedanken frei) und der „fahrende Kleriker ohne Weihen (Vagant)“ Bernhard  Freidank (auch Vrigedanc, vgl. Wikipedia) dichtete 1229:

diu bant mac nieman vinden,
diu mîne gedanke binden.
man vâhet wîp unde man,
gedanke niemen gevâhen kan

[Das Band kann niemand finden,
das meine Gedanken bindet.
Man fängt Weib und Mann,
Gedanken niemand fangen kann.]

Daran anknüpfend meint Martin Luther rund 200 Jahre später in seiner Schrift: Von weltlicher Oberigkeit, wie man ihr Gehorsam schuldig sei: „Gedanken sind zollfrei!“ (zitiert nach Büchmann, S. 379). Und Shakespeare lässt 1611 in seinem Schauspiel Der Sturm den Zauberer Stephano in der 2. Szene des dritten Aktes sagen: „Thought is free“. Diese Auffassung setzt sich bis in die späten Jahre des Absolutismus fort. Beeinflusst von den geistigen und sozialen Reformbewegungen in West- und Mitteleuropa lässt Friedrich Schiller 1787, also noch vor der Französischen Revolution, in seinem Schauspiel Don Carlos den Marquis von Posa vom absolutistisch regierenden König Philipp von Spanien fordern: „Sire, geben sie Gedankenfreiheit!“.

So war der geistige Boden für die Entstehung des Liedes vorbereitet. Um 1780/90 tauchen die ersten Flugblätter mit dem Text auf, und eine Berner Melodie kommt um 1800 dazu. Genauer ist die Entstehung nicht zu datieren, auch Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. Als Vorläufer ist das in der Schweiz und Teilen Süddeutschlands verbreitete sechs Strophen umfassende Lied Beleget den Fuß / mit Banden und Ketten anzusehen, als Fliegendes Blatt in Arnims Sammlung Sieben sehr schöne Neue Lieder gedruckt um 1800 (so der Volksliedforscher Wolfgang Steinitz in: Der Große Steinitz, 1979, Band II, S. 164). Dieses Lied beginnt mit der Eingangsstrophe: „Beleget den Fuß / mit Banden und Ketten, / daß von Verdruß / er sich nicht kann retten. / So wirken die Sinnen, / die dennoch durchdringen, / es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei“ und endet mit der 5. „Wird gleich dem Gesicht / das Sehen versaget, / so werd ich doch nicht / von Sorgen geplaget. / Ich kann ja gedenken, / Was soll ich mich kränken? / Es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei“.

Zunächst wurde das Lied Die Gedanken sind frei vor allem in der Nordschweiz und im Elsässischen gesungen. Nach der Aufnahme 1808 unter dem Titel Lied des Verfolgten im Turm in die von  Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebene Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn wurde es in überschaubaren Kreisen bekannt. In Band 3 wurden die vier Strophen leicht geändert und jeweils ein Vers, den ein Mädchen, die Freundin des Gefangenen singt, eingefügt. 1820 wurde das Lied erstmalig in ein  Volksliederbuch aufgenommen.

Die Forderungen nach einer Verfassung, verbunden mit Demonstrationen in Braunschweig, Göttingen, Sachsen und Kurhessen und die darauf folgende Aufhebung der Presse- und Versammlungsfreiheit 1830, das Verbot der liberalen Bücher des Jungen Deutschland (u.a. von Börne und Heine) 1832, die Entlassung der „Göttinger Sieben“ (die gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes öffentlich protestiert hatten) trugen dazu bei, Die Gedanken sind frei zu einem Protestlied zu machen. Besonders nachdem die deutschen Burschenschafter, aus allen deutschen Landen kommend, auf dem Hambacher Fest  (s.o.) Die Gedanken sind frei gesungen hatten, verbreitete sich das Freiheitslied über ganz Deutschland.

Die Gedanken sind frei_I

Zeitgenössische Karikatur gegen die Karlsbader Beschlüsse und die „Demagogenverfolgung“

Auffällig ist, dass aus dieser Zeit bis 1842 keine weiteren Veröffentlichungen in Liederbüchern bekannt sind. Steinitz nimmt an, „daß das Lied im Vormärz auf der Liste der von der Zensur verbotenen Lieder stand“ (Der Große Steinitz, II, S. 165). Im Laufe der Jahre wurde das Lied um die 5. Strophe erweitert; seitdem erschien es mit der neuen Anfangsstrophe „Ich liebe den Wein, / mein Mädchen vor allen“. Steinitz hält es für möglich, dass „dieser neue Anfang eventuell auf das Bemühen von Druckereien Fliegender Blätter zurückgeht, das Lied zensurfähig zu machen (wofür eine harmlose Anfangsstrophe wichtig war)“.

Interpretation                

Während andere Lieder des Vormärz mit einer Beschreibung („In dem Kerker saßen“ – Die freie Republik, 1837) oder einem einleitenden Nebensatz („Ob wir rote, gelbe Kragen“ – Bürgerlied, 1845) beginnen und die Liedaussage in den folgenden Versen entwickelt wird, zeigt unser Lied gleich im ersten Vers, worauf es dem Verfasser ankommt: „Die Gedanken sind frei“. In den weiteren Versen wird diese Grundidee bekräftigt, um schließlich im Refrain bestätigt zu werden. Die Behauptung wird durch die anschließende rhetorische Frage unterstützt: „wer kann sie erraten“. Die Antwort gibt bereits Fridank – „gedanke niemen gevage kann“, so wenig wie man „nächtliche Schatten“ einfangen kann. Und erneut erfolgt eine Bestätigung: „kein Mensch kann sie wissen“, und „kein [noch so treffsicherer] Jäger erschießen“.

Geradezu trotzig fährt die zweite Strophe fort: „Ich denke, was ich will“. Will das Sprecher-Ich sich hier Mut machen, hegt es Zweifel am freien Willen? Spätestens seit dem nationalsozialistischen Regime ist klar, wie durch Propaganda, Massensuggestion und Manipulation das Denken (und Fühlen) beeinflusst werden kann. Und auch die Experimente von Milgram haben gezeigt, dass selbst Menschen ohne psychopathologischen Züge durch den Druck von Autoritäten und die äußeren Umstände zu Handlungen neigen, die sie bis dahin nicht für möglich gehalten hatten.

In der zweiten Strophe heißt es weiter: „und was mich beglücket“. Soll das heißen, dass das Sprecher-Ich sich nicht um das politische Geschehen kümmert und sich angesichts der damaligen Repression und Zensur seine Gedanken lieber nicht laut äußert: „doch alles in der Still und wie es sich schicket“? Ein Menschen, der sich so verhält, wird von  Hoffmann von Fallersleben in einem Gedicht von 1837 wie folgt beschrieben: „Der deutsche Philister, das bleibet der Mann, / auf den die Regierung vertrauen noch kann, / der passet zu ihren Beglückungsideen, / der läßt mit sich alles gutwillig geschehen“ Solange „Wunsch und Begehren“ in „der Still“ bleiben, kann dem Sprecher-Ich nicht an dem Ort landen, vor dem er sich in der dritten Strophe fürchtet: dem „finsteren Kerker“. Doch er macht sich erneut Mut: Festnahme und Einsperren sind „rein / vergebliche Werke“, da, wie er hofft, seine Gedanken auch außerhalb der Mauern weiterwirken: „Die Gedanken sind frei“.

Und hat er vorhin noch gemeint, nur an das zu denken, was ihn „beglücket“ (zweite Strophe), so gesteht er sich jetzt ein, dass ihn (manchmal) die „Grillen geplagt“ (trübselige Gedanken) haben. Doch jetzt will er „auf immer den Sorgen entsagen“. Das, was man bei den schweigenden Gegnern des Nationalsozialismus als ‚innere Emigration‘ bezeichnet hat, könnte auch hier zutreffen: „Man kann ja im Herzen / stets lachen und scherzen.“ Oder wie Hoffmann von Fallersleben spöttisch beschreibt: „bei einem Glase Bier [wird] politisiert“ und „da wird dann viel erzählt, […] gar viel und mancherlei erzählt, / gestritten und gelacht / und mancher Witz gemacht“ (Bei einer Pfeif‘ Tabak, 1844).

Um die damaligen Zensoren zu täuschen, die häufig nur die erste Strophe oder den Beginn eines Flugblattes lasen, wurde (s.o. die Vermutung von Steinitz) die ‚Wein und Mädchen-Strophe‘ vorangestellt, die später nach Aufhebung der Zensur zur 5. Strophe wurde. Wenn es in der letzten  Zeile heißt „die Gedanken sind frei“, so könnte man meinen, die freien Gedanken bezögen sich auf das Mädchen. Der unbekannte Verfasser dieses Verses hat aber durchaus zu differenzieren gewusst: Er hat nicht geschrieben, dass er sein Mädchen „vor allem“ liebt, also mehr als die (geforderte) Gedankenfreiheit, sondern „vor allen„. Von allen anderen Mädchen „tut sie ihm am besten gefallen“. Und für den Zensor nicht erkennbar ist die Gewissheit, mit der Idee der Gedankenfreiheit „nicht alleine“ zu sein, da ja betont wird, dass das Glas Wein in Gesellschaft seines Mädchens getrunken wird.

Rezeption bis 1933

Der Veröffentlichung in Schlesische Volkslieder und ihre Melodien (herausgegeben 1842 von A. H. Hoffmann von Fallersleben und E. Richter) folgten viele Liederbücher, die ebenfalls 5 Strophen enthielten. Und geht man von den Herausgebern und der Anzahl der Bücher in dieser Periode aus, so wurde das Lied bald  in allen Bevölkerungskreisen, vor allem auch gern von Männerchören, gesungen. Exemplarisch sollen hier Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851) und Erk-Böhmes Deutsches Liederbuch III (1894) genannt werden. Auch in Österreich und in der Schweiz war das Lied populär – Das Rütli – Ein Liederbuch für Männergesang erreichte 1878 die 15. Auflage und erschien bereits zehn Jahre später in der 33. Auflage.

In Deutschland griff Anfang des 19. Jahrhunderts die Jugendbewegung das Lied auf, wie die zahlreichen Editionen zeigen, z. B. der Zupfgeigenhansl (1908, 1928 bereits 800.000 Exemplare), Wandervogels Singebuch (1912 und 1915), Was die Wandervögel singen (1918, 2. Auflage) u.v.m. Bis 1933 erschienen weitere Liederbücher, herausgegeben von Turn- und  Wandervereinigungen und von gewerkschaftlichen, studentischen und völkischen Kreisen. Auch in andere Gebrauchsliederbücher und Schulbücher wurde das Lied aufgenommen, z. B. Was singet und klinget – Lieder der Jugend (9. Auflage 1926) und Das Deutsche Lied, 1. Teil – Eine stufenmäßige Sammlung von Liedern für den Schulgebrauch (7. Auflage 1929).

Rezeption 1933 bis 1945

Bedenkt man, dass bereits das Singen der dritten Strophe des Fahrtenliedes Wenn die bunten Fahnen wehen („Hei, die wilden Wandervögel“) im NS-Regime mit Strafe bedroht war (vgl. meine Interpretation unter Rezeption, 1. Absatz), dann ist es für mich erstaunlich, Die Gedanken sind frei in NS-Liederbüchern und vom NS-Lehrerbund herausgegebenen Schulbüchern zu finden, so z. B. in den HJ-Liederbüchern Blut und Ehre, Uns geht die Sonne nicht unter, Die Fahne hoch – Lieder der Jungen und Unser Lied – Liederbuch für die höhere Schule oder Klingendes Deutschland – Musikbuch für die Mittelschule. Geht man von den Liederbüchern (z.B. Singend wollen wir marschieren und Weckruf (RAD), Morgen marschieren wir, Im gleichen Schritt und Tritt) aus, so wurde die Gedankenfreiheit auch im Arbeitsdienst und in der Deutschen Wehrmacht besungen. Ich meine, spätestens nach der Aktion Sophie Scholls vor dem Ulmer Gefängnis (s. Einleitung) 1938 hätte die NS-Führung die Brisanz des Textes erkennen müssen.

Lag es an den gehorsamen  Befehlsempfängern, die selbst nicht nachdenken wollten bzw. konnten? Lag es an den bürokratisch orientierten Juristen, die zwar im Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen vom 20. Dezember 1934, dem sog. Heimtückegesetz, herabsetzende Bemerkungen über Staat, Partei und leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP unter Gefängnisstrafe gestellt hatten, aber nicht laut geäußerte Meinungen für nicht strafbewehrt hielten? Als nach dem 1. September 1939 die Strafen erhöht wurden (Zuchthaus oder KZ) dehnten die Richter die strafbaren Sachverhalte über den Gesetzestext hinaus, so dass bereits der Besitz von nicht genehmen Büchern oder mimische Äußerungen bestraft wurden (vgl. Zehn kleine Meckerlein, v.a. 2. Strophe und Artikeltext dazu).

Da das Lied von der Gedankenfreiheit in zahlreiche NS-Liederbücher aufgenommen wurde – fast ausschließlich ohne die Wein und Mädchen lobende 5. und häufig auch ohne die 3. Strophe –  konnte es problemlos in evangelischen und katholischen Jugend-Liederbüchern (z.B. Ein neues Lied) ebenso wie bis zum endgültigen Verbot der bündischen Jugend 1935 in deren Liedersammlungen z.B. Strampedemi oder St. Georg – Lieder deutscher Jugend auftauchen. Auch andere nicht dem NS-Regime nahestehende  Liederbücher konnten mit dem Lied erscheinen, z. B. Ein aufrecht Fähnlein (Walther Hensel), Singende Jugend oder das Liederbuch für den deutschen Wanderer.

Einen besonderen Sinn ergab es, Die Gedanken sind frei in das vor der Wachmannschaft geheim gehaltene, handschriftliche Lagerliederbuch des „Konzentrationslagers“ Sachsenhausen aufzunehmen.

Rezeption ab 1945

Ich fahr in die Welt und Wir Falken singen waren die ersten Liederbücher mit den ‚freien Gedanken‘, die bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg herauskamen. Betrachtet man die Anzahl der weiteren Veröffentlichungen mit dem Lied bis 1955 (mehr als 50 Liederbücher), so scheint nach der Repression während des NS-Regimes geradezu ein Hunger nach dem Freiheitslied bestanden zu haben (vgl. dessen spontanes Singen am 9. 11. 1948, s. Einleitung). Nicht nur in zehn Schulbüchern tauchte es in dieser Dekade auf – verständlicherweise ohne die 5. Strophe -, auch im Liederbuch des Deutschen Fußballbundes und  – passend zum Motto ‚Frisch, fromm, fröhlich, frei‘ – im Deutschen Turner-Liederbuch und in Skilieder des Harzer Skiverbandes, um nur einige Kuriosa zu nennen. Auch in der damaligen SBZ und späteren DDR erschienen Liederbücher mit dem Lied in vier Strophen, z. B. Unser Lied unser Leben (1947, Verlag Dietz Nachf.). In die späteren Liedersammlungen z.B. der FDJ (Leben, kämpfen, singen, 1964, 10. Auflage) wurde das Lied ebenso aufgenommen wie in Schulbücher, z. B. 1969 in das Liederbuch für 5. bis 10 Klassen Singt nun im Chor.

Wie beliebt das Lied Die Gedanken sind frei war und bis in die Gegenwart ist, zeigen weiter die zahlreichen Publikationen. Das Hubertus Schendel Archiv (www.deutscheslied.com) weist allein rund 400 Liederbücher, das Deutsche Musikinstitut (DMA), Leipzig, fast 200 Tonträger mit dem Lied auf. Hier soll nur eine kleine Auswahl der Interpreten genannt werden: Freddy Quinn (4 LPs bzw. CDs) Milva (6 Tonträger) sowie die Opernsänger Herrmann Prey, Günther Emmerlich und Günter Wewel. Über 260 Partituren im DMA zeigen die Beliebtheit auch bei Chören,  exemplarisch genannt seien hier die Fischer Chöre, der Chor der Bundeswehr und die Regensburger Dompatzen. Und natürlich wurde das Lied auch von den politisch engagierten Liedermachern Hein und Oss Kröher und Hannes Wader in ihr Repertoire aufgenommen (zu Konstantin Wecker s. Nachtrag).

Wie populär ein Lied ist, kann sich auch darin zeigen, dass häufig die erste Zeile (sog. Incipit) als Aufmacher bzw. Titel einer Veröffentlichung dient. So weist die Deutsche Nationalbibliothek von 1954 bis 2015 nahezu 40 entsprechende Titel aus – von Romanen, Lyrik- und Aphorismen-Anthologien bis hin zu philosophischen und christlichen Betrachtungen, von neurowissenschaftlichen bis zu historischen Abhandlungen. Von den bekannteren Werken sind Klaus Staecks Die Gedanken sind frei  (Buchausgabe mit ausgewählten Plakaten, 3. Auflage 1983) und Tomi Ungerers Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsass 1931-45 (1994) zu nennen.

Im September 2011 wurde Die Gedanken sind frei von den Hörern, Zuschauern und Onlinenutzern des MDR als das schönste deutsche Volkslied gekürt.

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag

Die Gedanken sind frei_II

Karikatur: Gerhard Seyfried

Zweifel daran, dass die Gedanken frei sind, haben sowohl Paul Rötting (in „Zeit der Leser“-Redaktion, 14. August 2013) also auch Konstantin Wecker (2015 auf der CD Ohne Warum) geäußert:

Konstantin Wecker

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten?
Sie fliehenvorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Die Gedanken sind frei,
so heißt es schon lange,
trotz Knechtschaft und Tyrannei.
Wir waren nicht bange,
und konnten im Herzen
stets lachen und scherzen
und dachten dabei:
die Gedanken sind frei.

Die Gedanken sind frei,
doch jetzt hab ich Bedenken.
Es gibt da so mancherlei,
damit kann man sie lenken.
Es gibt da so Maschen,
da kann man sie waschen,
und schon eins, zwei, drei
sind sie nicht mehr ganz so frei.

Die Gedanken sind frei,
so frei wie die Presse.
Und denkst du, dass es anders sei,
dann gibt’s auf die Fresse.
Sie wollen dich lenken,
dein Wissen und Denken,
und vielleicht schon im nächsten Mai
kommt die Gedankenpolizei.
Und vielleicht schon im nächsten Mai
kommt die Gedankenpolizei.

Denn ob CIA oder NSA,
sie liegen auf der Lauer.
If you don´t go the right way,
ja da werden sie sauer.
Sie bringen sie zum Schwanken,
deine eigenen Gedanken,
und du glaubst so nebenbei,
die Gedanken wären frei.

Die Gedanken sind frei,
solang sie nicht stören,
doch auf Verderb und Gedeih
weißt du, wem sie gehören.
Monsanto und Banken
und den Öllieferanten,
den Algorithmen von Google,
besser gib dir die Kugel,
dann ist alles vorbei –
die Gedanken waren frei.

Paul Rötting

Update eines inkompatibel gewordenen Volkslieds  – Die Gedanken waren frei

Die Gedanken waren frei,
Man weiß jetzt, was wir denken.
Wir sind nur zu bereit,
Sie glatt zu verschenken.
Sie rasen in Massen
Durch gläserne Trassen,
Gefiltert und sortiert –
Und Obama spioniert!

Die Gedanken waren frei,
Man kann sie berechnen
Und speichert weit und breit,
Was wir so besprechen.
Wir liefern an Facebook
Alltäglichen Humbug,
Intimes und noch mehr –
Und dann wundern wir uns sehr!

Die Gedanken waren frei,
Es droht ein Debakel:
Die Gedankenpolizei
War Orwells Orakel.
Und meine Gedanken
Erkennen die Schranken
Und bleiben dabei:
Wir waren einmal frei!

Aktueller Kommentar von 1980: Fehlfarben: „Gott sei Dank nicht in England“

 

Fehlfarben

Gott sei Dank nicht in England

Wo ist die Grenze, wie weit wirst du gehn
Verschweige die Wahrheit, du willst sie nicht sehen
Richtig ist nur, was du erzählst
Benutze einzig, was dir gefällt

Schneid dir die Haare, bevor du verpennst
Wechsle die Freunde wie andere das Hemd
Bau dir ein Bild, so wie es dir passt
Sonst ist an der Spitze für dich kein Platz

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt
Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol
Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein
Das ist das Ende, du bleibst allein

Bild dir ein, du bist Lotse und hältst das Steuer
Mitten im Ozean spielst du mit dem Feuer
Sprichst andere Sprachen im eigenen Land
Zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt [...]

     [Fehlfarben: Monarchie und Alltag. Electrola 1980.]

Dieses Lied wurde nicht in den vergangenen Tagen gegen Boris Johnson geschrieben, sondern entstand 1980. Nichtsdestotrotz passt Gott sei Dank nicht in England Vers für Vers zur aktuellen Debatte: Vom instrumentellen und sehr flexiblen Umgang der Brexit-Befürworter mit der Wahrheit und Boris Johnsons scheinbar unfrisierten Haaren sowie seiner ehemaligen Mitgliedschaft in einem elitären, für Saufgelage berüchtigten Studentenclub, über sein ehemals zumindest vermeintlich freundschaftlichiches Verhältnis zu David Cameron und die ihm nachgesagte Ambition, dessen Nachfolger zu werden, bis zu den Themen Grenzen und Isolation.

„Und was sagt uns das? Weiß ich nicht.“ Das sang eine andere große deutschsprachige Band (mit englischsprachigen Anfängen), Element of Crime. Ihr Lied geht übrigens weiter mit „Alles ist besser ohne dich.“ Aber das klingt dort aus dem Mund des Sprecher-Ichs, der seine Ex-Freundin ansingt, wenig überzeugend. Als Beleg für prophetische Qualitäten von Popsongs taugt Gott sei Dank nicht in England jedenfalls nichts, denn der Text ließ sich im damaligen Kontext relativ eindeutig als szeneinternes Statement gegen diejenigen (Post-)Punks verstehen, die lediglich musikalische und modische Trends aus Großbritannien übernahmen. Die Fehlfarben um Sänger und Texter Peter Hein versuchten sich demgegenüber an einer deutschen Umsetzung der Punkidee und veröffentlichten 1980 mit Monarchie und Alltag eines der für die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik wohl einflussreichsten Alben.

Daran anzuknüpfen erscheint jetzt, da sich die führende europäische Pop-Nation vom Festland abwendet und vielleicht schon bald komplizierte Einreiseformalitäten Tourneen britischer Bands erschweren und Zölle den Import britischer Tonträger verteuern werden, besonders sinnvoll. Ein Ansatz dafür könnte ja die Verwendung mehrdeutiger Metaphern sein, die die Relektüre des hier vorgestellten Liedes erst ermöglicht hat. Als Inspiration kann man ja neben der frühen Neuen deutschen Welle auch englischen Pop dieser Zeit hören. Oder Björk natürlich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Einmal Dieb, immer Dieb: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ von Ernst Anschütz (1824)

Ernst Anschütz

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
gib sie wieder her,
gib sie wieder her,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.

Seine große, lange Flinte
schießt auf dich den Schrot,
schießt auf dich den Schrot,
dass dich färbt die rote Tinte
und dann bist du tot.

Liebes Füchslein, lass dir raten,
sei doch nur kein Dieb,
sei doch nur kein Dieb,
nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
mit der Maus vorlieb.

     [Text nach Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. Mainz 1999, 
     S. 108.]

Wie in so manchem Kinderlied älterer Bauart und ländlicher Herkunft (vgl. Alle meine Entchen) geht es mal wieder ums liebe Essen, hier speziell im Modus des Futterneids. Eine Gans ist weg und schon ist der Schuldige ausgemacht: Reinecke Fuchs! Im Lied wird mit keinem Wort angedeutet, dass man ihn in flagranti ertappt hätte (dafür ist er ja auch zu gerissen!), kein Zeuge hat am vermeintlichen Tatort seine Lunte gesichtet, geschweige denn sein Kennzeichen notiert. Nicht einmal einen genetischen Fingerabdruck scheint es zu geben – aber für die Sprechinstanz ist dennoch sofort ausgemacht, dass nur der berüchtigte Rotrock vom Stamme der Hundeartigen (Canidae) als Täter in Frage kommt. Obwohl sich die gegebene Indizienlage denkbar bescheiden ausnimmt, droht der Kläger dem Fuchs mit dem allmächtigen Sheriff des Märchenwalds, dem Jäger, der bekanntlich schon mit härteren Brocken – ich erinnere nur an Rotkäppchens Isegrim – kurzen Prozess gemacht hat.

Bei einem ordentlichen Gerichtsverfahren hätte ich als Reinekes Verteidiger zunächst einmal eingewandt, dass ja noch gar nicht ausgemacht ist, dass der abgängigen Gans etwas Schlimmes zugestoßen ist. Man wisse ja, wie neugierig diese großen Entenvögel, zumal im Teenie-Alter, zu sein pflegen: „Gänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein …“. Ein paar Tage später finden sich die naseweisen Ausreißer dann regelmäßig wieder bei Muttern ein: „… aber Mama weinte sehr, weil sie hat kein Gänschen mehr, da besinnt sich das Kind, eilt nach Haus geschwind.“ Vermutlich würde der Staatsanwalt darauf dem Gericht als Beweisstück ein Exemplar der Mittelbayerischen Zeitung vom 11. Juni 2009 präsentieren, worin von einem rheinland-pfälzischen Fuchs berichtet wird, der im Dorf Föhren über einige Wochen hinweg über 120 Schuhe geklaut hat; da sehe man es: Füchse sind chronische Diebe und wer vor den Schuhen seiner Nachbarn nicht zurückschreckt, habe sicher auch keine Hemmungen vor arglosen Gänsen! Nicht von ungefähr habe die christliche Ikonographie die Sünde über Jahrhunderte hinweg als Fuchs personifiziert …

Die Verteidigung empörte sich daraufhin medienwirksam, ließe beiläufig Reizwörter wie „Generalverdacht“, „Pauschalisierung“ oder „Rassismus“ fallen, um zu guter Letzt als Trumpf-As einen Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 29. Dezember 2009 aus dem Ärmel zu ziehen, der vom friedlich-multikulturellen Zusammenleben von Füchsen und Brandgänsen berichtet, und zwar ausgerechnet in Malepartus (Fuchs-Kessel), also quasi im Herzen der Finsternis. Wobei wir unser besonderes Augenmerk auch noch auf den Aspekt legen sollten, dass Brandgänse (Tadorna tadorna) als Halbgänse eine ziemlich kleine, für Füchse eigentlich mundgerecht proportionierte Gänsespezies darstellen. Spätestens hier dürfte die Anklage in sich zusammenbrechen.

Ich vermute, dass die Sprechinstanz unseres Liedes einen solchen – oder ähnlichen – Verlauf eines ordentlichen Prozesses antizipiert hat, weshalb sie sich in der zweiten Strophe statt aufs Argumentieren gleich aufs Drohen verlegt und dem auserkorenen Übeltäter einen Lynchakt mit blutigen, pardon! tintenroten Farben ausmalt. In Kommentaren zum Lied fand ich die Meinung, dass vom Autor die rote Tinte ins Spiel gebracht wird, um die Grausamkeit der Szene für zarte Kinderseelen abzumildern. Das glaube ich nun mitnichten, sondern gehe vom genauen Gegenteil aus. Bauernkindern des frühen 19. Jahrhunderts dürfte Tierblut eine vertraute Flüssigkeit gewesen sein, die mit so angenehmen Vorstellungen wie Schlachtfesten, Blutwürsten, rotem Pressack und ähnlichen Köstlichkeiten verbunden war. Zu roter Tinte sind ihnen dagegen vermutlich öffentliche Demütigungen, Prügelorgien und andere traumatische Erfahrungen eingefallen.

Die Sache mit der roten Tinte bestätigt m. E. auch die Autorschaft von Ernst Anschütz (1780-1861), der das Lied vom Gänseklau erstmals in seinem Musikalischen Schulgesangbuch (1. Heft, Leipzig 1824, S. 38; Angabe nach Weber-Kellermann 1997, S. 108) veröffentlicht hat. Anschütz, übrigens auch Verfasser des beliebten Weihnachtsliedes O Tannenbaum, war hauptberuflich Lehrer und wusste damit sicher bestens über die Möglichkeiten psychologischer Kriegsführung vermittels roter Tinte Bescheid. Mit dieser Anmerkung will ich aber nicht das herausragende musikalische Talent des Verfassers schmälern, der mehrere Instrumente spielte, ein glänzender Organist war und auch die Kunst des Töne-Setzens beherrschte. Die Melodie von Fuchs, du hast die Gans gestohlen stammt dessen ungeachtet nicht von ihm, sondern gilt als volkstümlich und wurde schon für ein Vorgängerlied (Wer die Gans gestohlen hat) verwendet.

Gerade noch in Lynch-Stimmung, rudert die Sprechinstanz in der dritten Strophe mit voller Kraft zurück. Anstatt dem schlimmer Gewalttaten Verdächtigten mit phallischen Flinten, Schrot und pädagogischen Schreckensinsignien zu drohen, bietet sie dem – unversehens verniedlichten – „Füchslein“ einen Handel an: Es solle vom Gänsebraten Abstand nehmen und sich stattdessen von Mäusen ernähren. Ohne Futterkonkurrenz ließe es sich miteinander aushalten. Ich denke, dass sich Reinecke darauf einlassen wird, entsprechen wehrhafte Gänse seinem Beuteschema doch weit weniger als Mäuse. Dass er damit dem Menschen noch sog. ,Schädlinge‘ vom Leib hält, wird er als Teil des Deals billigend in Kauf nehmen. Moderne Füchse, die sich für ein urbanes Leben entschieden haben, bevorzugen übrigens Müll, was aber auch in Ordnung geht, oder?

Hans-Peter Ecker (Bamberg)

Hooliganhymnen. „Fußball und Gewalt“ von den Böhsen Onkelz (1984) und „Auswärts sind wir asozial“ von Killermichel (2016)

Böhse Onkelz

Fußball und Gewalt

Samstag Mittag, Stadionzeit,
Schnaps und Bier, wir machen uns bereit,
Linie 13 total überfüllt,
im Stadioneingang wird nach Waffen gefilzt.

Wir steh'n in uns'rem Block
und singen uns're Lieder.
Wir schwör'n auf uns're Farben
und machen alles nieder.

Fußball und Gewalt,
blutige Schlachten im Wald,
Fußball und Gewalt.

Das Spiel ist aus, wir steh'n am Bierstand.
Das Stadion ist in unserer Hand.
Wir warten auf unsere Gegner.
Siege feiern können wir später.

Wir steh'n in uns'rem Block [...]

Fußball und Gewalt, [...]

     [Böhse Onkelz: Der nette Mann. Rock-o-Rama 1984.]

Killermichel

Auswärts sind wir asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Mit dem Sonderzug nach Bayern
oder mit 'nem Bus nach Prag:
Auswärts wird gefeiert 
mit viel Alkohol am Start.
Also macht euch auf die Reise,
heute hol'n wir uns den Sieg.
Wir sind laut, ihr so leise,
und wir singen dieses Lied:

Denn auswärts sind wir asozial.
Auswärts sind wir hart.
Auswärts sind wir asozial,
denn wir saufen schon auf der Fahrt.
Auswärts sind wir asozial.
Auswärts sind wir hart.
Auswärts sind wir asozial,
denn wir saufen schon auf der Fahrt.

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Und ihr denkt, wir sind die Schlimmsten,
ja ich glaub' da habt ihr Recht!
Niemals nüchtern, immer asozial
zieh'n wir auswärts ins Gefecht.
Steht eure Stadt in Flammen,
waren wir wahrscheinlich da.
Kehrt   die Scherben schnell zusammen
und macht's gut bis nächstes Jahr!

Denn auswärts sind wir asozial. [...]

Alkohol und schöne Frauen, 
Currywurst und Dosenbier, 
Fiesta de la noche, 
im nächsten Jahr sind wir wieder hier.  

Denn auswärts sind wir asozial. [...]

     [Killermichel: Auswärts sind wir asozial. 2016.]

Wenn Hooligans wie nun wieder in Marseille, Nizza und Lille Massenschlägereien herbeiführen, wird von Sportjournalisten regelmäßig betont, bei den Randalierern handle es sich keinesfalls um Fußballfans. Diese Aussage ist aus Sicht einer Branche strategisch sinnvoll, die ihre Aufgabe zunehmend darin sieht, das von ihnen präsentierte Produkt Fußball in Kooperation mit dem Veranstalter (die UEFA hat mittels Bildregie bei der Übertragung des Spiels England–Russland konsequent vermieden, dass die der Blocksturm russischer Hooligans nach Spielende überhaupt zu sehen war, wogegen ARD und ZDF immerhin protestiert haben) möglichst effektiv zu vermarkten, aber deshalb ist sie noch lange nicht zutreffend. Auch wenn Etymologie Argumentation nicht ersetzen kann, sollte es doch misstrauisch stimmen, dass Fans, obwohl das Wort von „fanatic“ abgeleitet ist, gerade dann keine solchen mehr sein sollen, wenn sie sich als besonders fanatisch erweisen.

Von Hooliganismus spricht man in der Regel nur, wenn die Merkmale Fußball und Gewalt beide gleichermaßen als notwendige Bedingungen vorliegen. Um der Verbindung dieser beiden Aspekte nachzugehen, soll nun eines der älteren Kult-Lieder der Hooligan-Szene, Fußball und Gewalt von den Böhsen Onkelz, sowie mit Auswärts sind wir asozial von Killermichel ein thematisch verwandtes aktuelles Lied, das aus dem Ballermann-Umfeld stammt und also eher den ‚normalen‘ Fan ansprechen soll, analysiert werden. In beiden Liedern wird gleich in der ersten Strophe deutlich, dass ein zusätzliches Element, das für die Verbindung von Fußball und Gewalt konstitutiv zu sein scheint, der Alkoholkonsum darstellt. Sowohl bei Heimspielen, wie sie in Fußball in Gewalt besungen werden, als auch bei Auswärtsspielen wird schon bei der Anfahrt getrunken. Dies wird bei den Böhsen Onkelz ausdrücklich als Vorbereitung auf das Geplante aufgefasst („Schnaps und Bier, wir machen uns bereit“), bei Killermichel sogar als Grund für das spätere gewalttätige Verhalten angeführt („Auswärts sind wir hart, / denn wir saufen schon auf der Fahrt.“ [Hervorh. durch d. Verf.]).

Bemerkenswert ist ferner, dass sich Auswärts sind wir asozial, obwohl weder von Protagonisten der Hooliganszene verfasst und vorgetragen noch auf diese als Hauptzielgruppe zugeschnitten, hinsichtlich der Kriegsrhetorik kaum von genuinen Hooliganlied der Böhsen Onkelz unterscheidet. Dort werden „blutige Schlachten“ geschlagen, hier zieht man „ins Gefecht“. Dort macht man „alles [bzw. „alle“ im zweiten Refrain] platt“, hier wird die gegnerische „Stadt in Flammen“ gesetzt. In einem anderen Fußballied der Böhsen Onkelz von derselben indizierten Platte (Der nette Mann), Frankreich ‘84, wird der Besuch der Europameisterschaft (auch politisch provozierend) als „Frankreichüberfall“ apostrophiert. Der Krieg als Metapher für das eigene Tun, bei dem realiter zwar nicht ganze Städte in Flammen gesetzt, aber durchaus Innenstädte verwüstet werden (das Zusammenkehren der Scherben geworfener Flaschen fiel auch am vergangenen Wochenende wieder an), steht in einer Reihe von Übertragungen, die jeweils mit Eskalation einhergehen: Da wäre zunächst die Identifikation mit der eigenen Mannschaft, die auch in der gängigen Rede von den Fans als ‚zwölfter Mann‘ zum Ausdruck kommt. Doch zeigt sich bei Hooligans diese Identifikation – dies bildet die zweite Übertragung – eben nicht nur durch den Support während des Spiels („Wir steh’n in uns’rem Block / und singen uns’re Lieder“, „wir sind laut, ihr so leise“), sondern wird der Wettkampf auch unmittelbar danach in der ‚dritten Halbzeit‘ (in einem anderen beliebten Hooliganlied, Paul der Hooligan von den Broilers, wird die Titelfigur als „Held der dritten Halbzeit“ besungen) fortgesetzt: „Wir warten auf unsere Gegner. / Siege feiern können wir später.“ Die Hooligans agieren also aus ihrer Sicht selbst als Sportler, die für ihren Verein antreten.

Sogenannte ‚Ackermatches‘, bei denen sich verfeindete Hooligangruppen an einem neutralen und abgeschiedenen Ort zum Kampf verabreden, um der polizeilichen Überwachung zu entgehen, die als „blutige Schlachten im Wald“ besungen werden, bilden aus Hooligansicht nur eine Notlösung, das in den Strophen von Fußball und Gewalt geschilderte Ideal bleibt die enge zeitliche und räumliche Verbindung von beobachtetem Fußball und selbst als ‚Sport‘ betriebener Gewalt.

Hooliganismus stellt ein Phänomen dar, das fast ausschließlich im Kontext von Fußball zu beobachten ist. Neben der mittlerweile globalen Beliebtheit dieses Sports dürfte eine weitere Ursache dafür darin liegen, dass das Moment des Kriegerischen auch auf dem Spielfeld eine große Rolle spielt: Zwei Mannschaften, bestehend aus Männern (Hooliganismus findet meines Wissens nach nicht im Umfeld von Frauenfußballspielen statt), treten gegeneinander an, wobei sie das gegnerische Tor angreifen und das eigene verteidigen. Neben dieser abstrakten Ähnlichkeit, die sich auch im Sprechen über Fußball niederschlägt, findet Gewalt – anders als bei körperfernen Sportarten wie z.B. Volleyball – auch durchaus innerhalb des Spiels statt – vom noch regelkonformen Körpereinsatz („internationale Härte“) über das Foul bis zur Tätlichkeit und den ihr oft vorausgehenden archaisch anmutenden Ritualen der gegenseitigen Provokation (Kopf an Kopf-Stehen). Neben filigranen Ballkünstlern wie Maradona und Messi sind auch immer wieder besonders körperlich agierende Verteidiger (als jüngstes Beispiel Robert Huth von Leicester City) zu Fan-Idolen geworden. Und einige der zentralen Bildikonen des Fußballs bilden Gewaltakte oder deren Folgen ab: Ewald Lienens von Norbert Siegmann aufgeschlitzter Oberschenkel, Vinnie Jones‘ Griff ins Gemächt von Paul Gascoigne und vor allem natürlich Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi, der mittlerweile von Abdel Abdessemed als Bronzestatue nachempfunden wurde. Dass sich Fußball als Inszenierung kriegerischer Auseinandersetzungen auffassen lässt, hat nicht zuletzt die Eröffnung des Champions-League-Finales 2013 in Wembley gezeigt, bei der beide Mannschaften von kämpfenden Rittergruppen dargestellt wurden. Im Idealfall kann das Spielen oder Zuschauen dabei als Surrogat für ernste Gewalt dienen. Und auch die Geschichte des Fußballspiels selbst von seinen regelarmen und extrem brutalen Vorläufern bis zur Gegenwart lässt sich als Zivilisationsprozess beschreiben – Spieler wie Uli Borowka würden heute regelmäßig kaum mehr als zehn Minuten auf dem Platz verbringen.

Das Gegenstück zur Vorstellung, die Rezeption inszenierter Gewalt könne die Ausübung realer ersetzen, bildet die, dass die Rezeption von Gewalthandlungen zur Nachahmung führt. Nun sind in der Medienwirkungsforschung deterministische Rezeptionsmodelle, die danach fragen, was Medien mit Menschen machen, mittlerweile abgelöst worden von stärker handlungsorientierten, die stattdessen untersuchen, was Menschen mit Medien machen. Und in diesem Sinne finden sich unter Fußballfans zweifellos Beispiele für beide Theorien: Für viele bildet der Besuch eines Fußballspiels ein Ventil, um aufgestaute Aggressionen in einer nicht sozial schädlichen Weise abzureagieren. Doch manche, wie die in den beiden Liedern beschriebenen Protagonisten, nutzen Fußball eben auch als Mittel, um sich in Stimmung zu bringen für ausgeübte Gewalt. Die kognitive Dissonanz, die diese Tatsache bei Menschen, die selbst Fußball mögen, aber Gewalt ablehnen, auslöst, muss man aushalten bzw. durch Erklärungen abbauen. Aber wie mit der eingangs zitierten Jounralistenformel, dass Hooligans keine Fans seien, schlicht zu leugnen, dass ein Zusammenhang zwischen Fußball und Gewalt existiert, ist nicht nur sachlich falsch, sondern verhindert auch ein Verständnis des Phänomens Hooliganismus. Und ein solches geht jedem erfolgversprechenden Umgang damit voraus: Nach den Hochzeiten des Hooliganismus in den 1980er Jahren waren es u.a. Fanprojekte, die dazu geführt haben, dass der Hooliganismus ein derartiges Randphänomen geworden ist, dass uns heute Bilder wie die aus Nizza, Marseille und Lille überhaupt überraschen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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