Erotische Zeitreisephantasie mit Happy End: Peter Cornelius‘ „Du entschuldige, i kenn di“

Peter Cornelius

Du entschuldige, i kenn di

Wann i oft a bissl ins Narrnkastl schau'
Dann siech i a Madl mit Aug'n so blau
A Blau, des loßt si' mit gor nix anderm vergleich'n
Sie wor in der Schul' der erklärte Schwarm
Von mir und von oll meine Freund', doch dann
Am letzten Schultag da stellte das Leben seine Weich'n
Wir hab'n uns sofort aus die Aug'n verlor'n
I hab mi oft g'fragt: Wos is aus ihr wor'n?
Die Wege, die wir beide 'gangen sand, war'n net die gleichen
Und vorgestern sitz i in mein'm Lokal
I schau in zwa Aug'n und waß auf amol
Es is dieses Blau, des laßt si mit gor nix vergleich'n

Du entschuldige, i kenn di
Bist du net die Klane
Die i scho als Bua gern g'habt hab'
Die mit dreizehn scho kokett war
Mehr als was erlaubt war
Und die enge Jeans ang'habt hat
I hab Nächte lang net g'schlaf'n
Nur weil du im Schulhof
Amoil mit die Aug'n zwinkert hast
Komm wir streichen fufzehn Johr'
Hol'n jetzt olles noch
Als ob dazwischen afach nix wor

Sie schaut mi a holbe Minuten lang an
Sie schaut, daß i gor nix mehr sog'n kann
I sitz wie gelähmt gegenüber, und konn's gor net foss'n
I hör' ka Musik mehr und wort' nur drauf
Daß sie endlich sagt: "Du jetzt woch i auf
Der Peter, der zehn Häuser weiterg'wohnt hot in der Goss'n"
Sie zwinkert ma zua wie vor fufzehn Johr
Sie sagt "Na wie geht's da, mei Peterl, ja klor
Du hast a schon sehr lang nix mehr von dir hör'n loss'n"
I nick' nur, ja sehr lang, ja vuil zu lang
Sie mant: "Komm, probier'n mer's halt jetzt miteinand'!"
Und später sog i lachend no' amoil zu ihr auf der Straß'n:

Du entschuldige i kenn di [...]

Du entschuldige i kenn di [...]

     [Peter Corbelius: Zwei. Phillips 1980.]

Gut 30 Jahre, nachdem das Lied 1980 erschienen ist, sehen wir im obigen Video einen gealterten Peter Cornelius vor einem ebenfalls gereiften Publikum, das nicht nur eindrucksvoll textsicher, sondern auch sichtbar beseelt mitsingt – und zwar geschlechtsübergreifend. Das hat zum einen sicher damit zu tun, dass, als das Lied ein Hit war, die Mehrheit des Publikums gerade in ihrer musikalischen Prägephase war und sich, ebenso wie bei anderen 1980er-Liedern, nostalgisch an diese Zeit zurückerinnert. Doch es dürfte auch mit dem Text zu tun haben – einer der Top-Kommentare zum Video Youtube lautet: „..wer hat sie nicht gehabt, DIE eine Schulhofliebe ? Da werden Erinnerungen wach ! [sic]“

Hört oder liest man den Text genauer, dann stellt man fest, dass Du entschuldige, i kenn di eines der wohl wahrhaftigsten deutschsprachigen Lieder über die männliche Pubertät und ihre Langzeitfolgen ist. Die temporäre Tragik dieser Phase gründet in der Ungleichzeitigkeit von körperlicher und psychosozialer Entwicklung: Während der Geschlechtstrieb mit Macht erwacht, fungiert gleichzeitig noch die peer group als zentrale soziale Bezugsgröße – kurzum: Man wünscht sich eine Freundin, wüßte außerhalb des Betts aber nicht, was man mit ihr anfangen sollte. In Du entschuldige, i kenn di kommt dies darin zum Ausdruck, dass die Wahl der Angeschmachteten eben nicht etwas Hochintimes und Individuelles ist, sondern gemeinsam in der Clique verhandelt wird:  „Sie wor in der Schul‘ der erklärte Schwarm / Von mir und von oll meine Freund'“. Zum Schwarm erklärt wird sie aber wohl nur innerhalb der Gemeinschaft der Schwärmenden, ihr gegenüber bringt das Ich mutmaßlich kein Wort heraus – was möglicherweise auch besser so ist, denn gleichaltrige Mädchen, die Jungen bezüglich der Pubertät i.d.R. um ca. zwei Jahre voraus sind, interessieren sich ohnehin oft nicht für die noch kindlich wirkenden Gleichaltigen, sondern für einige Jahre ältere Jungen – das Sprecher-Ich in einer anderen großen Pubertätshymne, Zu spät von Die Ärzte, wirft seiner Ex-Freundin entsprechend vor „Du liebst ihn nur, weil er ein Auto hat / und nicht wie ich ein klappriges Damenrad“.

Dass die Angeschwärmte, im Gegensatz zum erlebenden pubertären Ich, durchaus schon aus ihrer Kinderrolle herausgefunden hat und sich ihrer Wirkung bewusst ist, zeigt sich in ihrer Kleidung und ihrem Auftreten, das den – von Erwachsenen für Jugendliche gesetzten – damaligen Sittlichkeitsstandards zuwiderläuft. Ob sie dem Ich seinerzeit tatsächlich einmal gezielt zugeblinzelt hat oder ob er dieses Blinzeln nur auf sich bezogen hat, lässt der Text offen: „Nur weil du im Schulhof / Amoil mit die Aug’n zwinkert hast“, auch wenn das erwachsene Sprecher-Ich dies später glaubt („Sie zwinkert ma zua wie vor fufzehn Johr“). Jedenfalls scheint das Ich es auch in der verbleibenden Schulzeit nicht über sich gebracht zu haben, sie anzusprechen, eine Art Living next door to Alice im Zeitraffer der Adoleszenz. Und genauso schicksalhaft nimmt es das Ich auch fünfzehn Jahre später noch wahr, wenn es formuliert: „Am letzten Schultag da stellte das Leben seine Weich’n“ und damit pathetisch das weder ungewöhnliche noch unerwartete Ereignis beschreibt, dass sich Mitschülerinnen und Mitschüler nach dem Abschluss mit Blick auf die Berufswahl unterschiedliche orientieren, was oft auch mit Ortswechseln einhergeht.

Damit sind wir beim Thema der Langzeitfolgen und dem erzählenden, erwachsenen Ich angekommen: Die unerklärte und unerwiderte erste große Verliebtheit ist nicht in einem Reifungsprozess und im Lichte späterer Liebeserfahrungen zur mild belächelten Anekdote verblasst, sondern in ihrer ganzen damaligen Intensität gleichsam konserviert worden. Die österreichische Wendung ‚ins Narrenkastl schaun‘ bringt dies zum Ausdruck, indem sie den „verträumte[n] Blick, den sich nur noch ein […] in Liebestorheit Versponnener“ erlaubt (thumulla.com), bezeichnet. Die von Bernhard Brink gesungene, gänzlich verzichtbare hochdeutsche Fassung lautet hier nicht bloß simplifizierend, sondern verfälschend „Wenn ich so in die Vergangenheit schau“, womit eine Abgeschlossenheit suggeriert wird, die für das von seiner Schulhofliebe tagträumende Ich ja gerade nicht gegeben ist.

Der große Lyriker Helmut Krausser hat das Verhältnis von adoleszentem und erwachsenem Lieben einmal in die Worte gefasst „man liebt erwachsen tiefer / intensiver jedoch nie.“ (Helmut Krausser: [ich hab sie, als ich fünfzehn war,]. In: Auf weißen Wüsten: Die besten Gedichte. München: Luchterhand 2009, S. 40). So verhält es sich auch beim Sprecher-Ich von Du entschuldige, i kenn di. Aus der Konservierung seiner Gefühle als Heranwachsender lässt sich sein Verhalten, als er seine damalige Liebe nun unerwartet wiedersieht, erklären: Er interessiert sich nicht dafür, was aus ihr als erwachsene Frau geworden ist, sondern sieht in ihr nach wie vor die kokette Dreizehnjährige – sich selbst hingegen nimmt er als gestandenen Mann wahr, wie die unterschiedlichen Zeitforme zeigen:  „Bist du net die Klane / Die i scho als Bua gern g’habt hab‘„. Diese vermeitliche Überlegenheit an Lebenserfarung ist es wohl auch, die ihm das Selbstbewusstsein gibt, sie heute tatsächlich anzusprechen – und dies zudem ohne Umwege. Dabei kommt auch in seinem abschließenden Angebot an sie, eine Liebesbeziehung mit ihm einzugehen, zum Ausdruck, dass sie für ihn noch immer die Damalige ist und dass es ihm gar nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass sie sich ja zwischenzeitlich ebenfalls entwickelt haben könnte: „Komm wir streichen fufzehn Johr‘ / Hol’n jetzt olles noch / Als ob dazwischen afach nix wor“.

In ihrer Reaktion geht die so Angesprochene dann auch genau auf diese Ebene ein – zunächst nonverbal. 30 Sekunden Schweigen genügen, um das in 15 Jahren vermeintlich erworbene Selbstbewusstsein des Sprecher-Ichs zum Einsturz zu bringen und ihn auch im Verhalten wieder zu dem zu werden zu lassen, was er emotional ihr gegenüber geblieben ist: der schüchterne Heranwachsende, dem im Angesicht seiner großen Liebe die Worte fehlen. Doch es kommt – zunächt – noch schlimmer für ihn: Denn als Grund für ihr Schweigen erweist sich nicht etwa ihre Wiedersehensfreude,  sondern vielmehr der Umstand, dass sie ihn zunächst nicht erkannt hat. Sein Anblick hat sich ihr – für nicht Involvierte wenig überraschend – also keineswegs so eingebrannt, sie der ihre ihm. Und als ob das noch nicht genug der Selbstwertreduktion wäre, wechselt sie dann auch noch in der direkten Ansprache in die kindliche Koseform seines Namens „Peterl“ und manifestiert so endgültig, dass sie in ihm noch immer den linkischen Jungen von damals sieht. (Die Vornamensgleichheit mit dem Sänger spielt hier mit dem möglichen biographischen Charakter des Erzählten.) Als finale Desillusionierung zerstört sie schließlich beiläufig seine schicksalhafte Überhöhung der Tatsache, dass sie sich erst nach 15 Jahren wieder treffen, indem sie darauf hinweist, dass ja die Möglichkeit bestanden habe, auch schon früher Kontakt aufzunehmen: „Du hast a schon sehr lang nix mehr von dir hör’n loss’n“.

Bedürfte es einer Illustration des Rates, vorsichtig mit dem zu sein, was man sich wünsche – die Situation, in der sich Peter nun befindet, taugte dazu. Denn hatte er sich nicht gewünscht, dass die von ihm Umworbene so tue, als hätten die vergangenen fünfzehn Jahre nicht stattgefunden? Genau das tut sie. Doch markiert dieser Tiefpunkt nicht das Ende der – wenn man bis hierhin überhaupt davon sprechen konnte – gemeinsamen Geschichte der beiden. Denn die niederschmetternde Kette von Desillusionierungen mündet nicht in eine Abfuhr; vielmehr stimmt die Angesprochene dem Vorschlag, eine Beziehung einzugehen, zu. Allerdings gewissermaßen zu ihren Bedingungen: Sie weigert sich, seine romantisch-pathetische Geschichte zu übernehmen, in der sich das vom Schicksal getrennte aber für einander bestimmte Paar nach langer Zeit endlich wiederfindet. An deren Stelle setzt sie eine recht pragmatische und zukunftsorientierte Sicht: Ihr „Komm, probier’n mer’s halt jetzt miteinand‘!“ stellt klar, dass ihr Zusammentreffen nicht das Ende einer langen Suche markiert, sondern einen Anfang – mit offenem Ausgang. So entlastet sie die beginnende Beziehung vom romantischen Ballast der vom Sprecher-Ich konstruierten Vorgeschichte, derzufolge sie zwingend für ihn bestimmt gewesen wäre. Statt ihre Rolle als Figur in seiner Geschichte zu akzeptieren, reklamiert sie selbstbewusst für sich, zu entscheiden, ob und unter welchen Vorzeichen es zu einer Beziehung kommt. Aus dieser Position der Stärke kann sie dann auch die Entscheidung treffen, auf die er gehofft hat.

Im Lichte ihrer Reaktion gibt Peter schließlich seine pathetische Position auf und schließt sich ihrer pragmatischen an, indem er sich selbst ironisierend zitiert (womit innerfiktional auch der von der Gattung Songtext gebotene Schlussrefrain legitimiert wird). Er hat sich von seiner fixen, aus der Pubertät konservierten Idee der vorherbestimmten großen Liebe gelöst und nimmt seine neue Partnerin nun als die erwachsene Frau wahr, die sie geworden ist. Seine Reifung stellt eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Beziehung dar. Dass das Sprecher-Ich diese mit einer für ein männlich perspektiviertes Liebeslied ungewöhnlich starken und zugleich nicht bedrohlichen weiblichen Protagonistin eingeht, könnte ein Grund dafür sein, dass sich das Lied ausweislich des Videos auch unter Frauen großer Beliebtheit erfreut.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Vom autobiographischen Gedicht zum Volkslied: Joseph von Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“

Joseph von Eichendorff

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad;
mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu gebrochen:
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
weit in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei stiller Nacht.

Hör' ich das Mühl'rad gehen,
ich weiß nicht, was ich will -
ich möcht' am liebsten sterben,
dann wär's auf einmal still.

Herkunft und Entstehung

Joseph von Eichendorff (1788-1857) hat den Text 1809/10 gedichtet. Anlass für das Verfassen des Gedichts war eine unglückliche Liebe Eichendorffs. Nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher 1908 wurde offenbar, dass Eichendorff als Student in Heidelberg 1807/08 eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen in Rohrbach (bei Heidelberg) hatte, deren Namen er im Tagebuch mit „K.“ abkürzte. Als das Tagebuch in Rohrbach bekannt wurde, meinten die Rohrbacher im Zusammenhang mit dem Text „In einem kühlen Grunde, / da geht ein Mühlenrad“, es könne sich nur um eine schöne Müllerstochter aus ihrem Ort handeln.

Zu Eichendorffs Zeit vor 200 Jahren besaß Rohrbach in einem zur Rheinebene abfallenden Seitental zwar fünf Wassermühlen, aber der Weg, der durch dieses Tal führte, hieß ganz unromantisch Bierhelder Weg, und der Grund wurde von den Bewohnern schlicht Mühlental genannt. Als Rohrbach im Jahre 1927 zu Heidelberg eingemeindet wurde, nutzte man die Chance zur Umbenennung dieses Weges in den touristenanziehenden „Kühlen Grund“.

Es dauerte noch etliche Jahre bis das „K.“ in Eichendorffs Tagebuch entschlüsselt wurde. Endgültige Klarheit schuf erst der Pfarrer Karl Otto Frey in einem Forschungsbericht (1938). Es war Katharina (Käthchen) Förster, die Tochter des Küfermeisters Johann Georg Förster, also keine Müllerstochter. Jedoch gab es eine Verbindung zu einer Wassermühle, da Käthchens Onkel Johann Jakob Förster Eigentümer der „Förstermühle“ war.

Eichendorffs Tagebuch bricht im April 1808 plötzlich ab. Es wird vermutet, dass er in seinem Gedicht Das zerbrochenen Ringlein seinen Schmerz über ein treuloses Mädchen von der Seele geschrieben hat.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedichtes 1813 in dem von Justinus Kerner und Ludwig Uhland herausgegebenen Almanach Deutscher Dichterwald mit der schlichten Überschrift „Lied“ und unterzeichnet mit „Florens“, dem Namen, den Eichendorff im Heidelberger Kreis (einer Gruppierung innerhalb der deutschen Romantik) erhalten hatte.

Der damaligen Theologiestudent und spätere Pfarrer Friedrich Glück (1793 – 1840) komponierte 1814 die Melodie zu dem Gedicht für sein Gesangsquartett.

Populär wurde das Lied vor allem in den Gesangvereinen, nachdem Friedrich Silcher dazu einen Männerchorsatz 1825 veröffentlicht hatte. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Kühle Grund auch ein beliebtes Motiv auf Liedpostkarten.

Liedbetrachtung

Anregungen zu dem Gedicht hat Eichendorff aus älteren Volksliedern gewonnen, z.B. aus den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Liedern Da droben auf jenem Bergenicht zu verwechseln mit Goethes gleichnamigen Gedicht -, (vgl. in dessen Strophe fünf „da treibet das Wasser ein Rad“ und sechs „das Mühlrad ist zerbrochen“) sowie Da drunten in jenem Tale, (vgl. dessen in Strophe einsda treibet das Wasser ein Rad“ und Strophe zwei „das Mühlrad ist zersprungen“).

Für Liedforscher deutet sich schon in den ersten Zeilen ein trauriges Ereignis an, da im 18. Jahrhundert die Mühle als Schauplatz einer unglücklichen Liebe galt und das zerbrochene Ringlein als Treuebruch (vgl. Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 204; Thomas Mang: Der Liederquell, 2015, S. 311).

Die Folgezeilen bestätigen das: Das vom lyrischen Ich als Liebchen bezeichnete Mädchen ist verschwunden. Obwohl das ihrem Liebsten einst gegebene Treueversprechen mit der Übergabe eines Ringes besiegelt hat, hat sie es gebrochen. Die Metapher, „das Ringlein sprang entzwei“ drückt die Endgültigkeit der Trennung aus.

So wie der Ring entzwei sprang, so ist auch das Herz des Liebsten gebrochen. Er mag nicht länger am Ort seiner Liebe verweilen, sondern möchte am liebsten weit in die Welt hinaus reisen. Seine Vorstellung, als Spielmann singend von Haus zu Haus ziehen, dürfte als eine Überkompensation seiner Niedergeschlagenheit anzusehen sein.

Aus dem erlitten Schmerz heraus erklärlich ist auch sein Wunsch in den Krieg zu ziehen, sich kämpfend zu beweisen, um dann abends endlich zur Ruhe zu kommen und am Lagerfeuer zu liegen.

Zwischen Spielmann und Kämpfer hin und her gerissen, gesteht er sich ein, weder ein noch aus zu wissen. Ihm kommt der Gedanken, am liebsten sterben zu wollen. Aber noch dreht sich das Mühlrad, und so besteht die Hoffnung, dass seine Todessehnsucht nur vorübergehend war.

In einer Variante der letzten Strophe (aus Volkslieder von der Mosel und Saar nach L. Röhrich und R.W. Brednich: Deutsche Volkslieder. Texte und Melodien, 1967, Band II, S. 434) heißt es:

Hör‘ ich ein Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was es will:
Am liebsten möchte‘ ich sterben!
Dann stand‘s auf einmal still.

Hier wird deutlich, dass einst ein stehendes Mühlrad symbolisch für Herzstillstand und Tod steht (vgl. oben Rölleke und Mang).

Angeregt durch Eichendorffs In einem kühlen Grunde hat Justinus Kerner (1786-1862) sein Gedicht Dort unten in der Mühle 1830 verfasst und die Melodie von Friedrich Glück (s. o.) übernommen. In der sechsten und letzten Strophe seines Liedes greift Kerner das Bild des stehenden Mühlrads auf:

Vier Bretter sah ich fallen,
mir ward’s ums Herze schwer;
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
da ging das Rad nicht mehr.

Rezeption

In einem kühlen Grunde ist seit 1825 (s.o.) bis heute ein außerordentlich beliebtes Lied, vor allem bei Männerchören, geblieben. Darauf deuten die zahlreichen mir online und in Privatbibliotheken zur Verfügung stehenden Liederbücher (rund 500) hin.

Im 19. Jahrhundert trugen vor allem das Sammelwerk von Kretschmer und Zuccalmaglio Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (1840), Hoffmanns von Fallersleben Deutsches Volksgesangbuch (1848) und Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch von 1858 (1914 101. bis 110. Auflage) zur Popularität des Liedes bei sowie Ludwig Erks Volkslieder-Album (1872).

Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Liederbücher für Studenten und Wandervögel. 1914 war Das zerbrochene Ringlein sogar im Kriegsliederbuch für das Deutsche Heer vertreten. 1933 erlebte das Liederbuch für Schule und Haus Kling Klang Gloria mit dem Lied seine 24. Auflage, und Das zerbrochene Ringlein fand Eingang in diverse NS- Liederbücher, darunter solche für den Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und das Chorliederbuch für die deutsche Wehrmacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige Liederbücher ohne die martialische 4. Strophe, so z. B. 1946 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone das Liederbuch für die deutsche Jugend (FDJ) und das vom Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebene Liederbuch für unsere schaffende Jugend (1948).

Bemerkenswert finde ich, dass 1953 der Deutsche Fußballbund das romantische Lied in sein Liederbuch des DFB aufnahm, ebenso wie ein Jahr später der deutsche Turnerbund in sein Liederbuch des DTB. Gleich in zwei Versionen ist es in der zweibändigen Sammlung der Volksliedforscher L. Röhrich und R.W. Brednich Deutsche Volkslieder (1967) vertreten. Wie populär Eichendorffs In einem kühlen Grunde auch in den 1970er Jahren war, zeigt sich daran, dass es Eingang fand im weit verbreiteten Sammelband Volkslieder aus fünfhundert Jahren von Ernst Klusen (1978, 2. Auflage 1981 51. bis 100. Tausend) und in den in relativ hohen Auflagen erschienenen Taschenbüchern des Heyne Verlags Der Deutsche Liederschatz (1975) und Der Deutsche Balladenschatz (1975, 3. Auflage 1976). Aufgrund der Verkaufserfolge zogen die Verlage Schneider mit Lieder unserer Zeit (1982) und Weltbild mit Deutscher Liederschatz (1988) und 1998 mit Das Volksliederbuch nach.

Wie beliebt das Lied heute noch ist, kann man an den 11 Liederbüchern mit ihm sehen, die in der Zeit von 2002 bis 2015 erschienen sind. Wie gern es gesungen wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig mit 62 Partituren für Männerchöre. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den 123 Tonträgern mit dem Lied im Katalog fast ausschließlich um Schellackplatten handelt, könnte man davon auszugehen, dass Das zerbrochene Ringlein heutzutage weniger angehört als gesungen wird.

Jedoch sprechen die Videos bei YouTube eine andere Sprache: Von den Comedian Harmonists und zahlreichen Chören, darunter dem Dresdner Kreuzchor (s.o.), abgesehen, haben die Tenöre Richard Tauber und Fritz Wunderlich, die Baritone Hermann Prey, Thomas Quasthoff und Max Raabe sowie die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, alle das Lied interpretiert. Auch Freddy Quinn und Hannes Wader und sogar die Chansonette Mireille Mathieu haben es sich nicht nehmen lassen, auf ihre Art In einem kühlen Grunde zu singen.

Georg Nagel, Hamburg

Abstraktion als Kunstprinzip: „Hoffnung“ von Tocotronic als poetologischer Kommentar zur Corona-Pandemie

Tocotronic

Hoffnung

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und verkündet: 
Bleibt nicht stumm 

Ein kleines Stück 
Lyrics and Music 
Gegen die 
Vereinzelung 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Eine Aktion 
In jedem Klang 

In jedem Ton 
Liegt eine Hoffnung 
Auf einen neuen 
Zusammenhang 

Hier ist ein Lied 
Das uns verbindet 
Und es fliegt 
Durchs Treppenhaus 

Ich hab den Boden 
Schwarz gestrichen 
Wie komm ich aus 
Der Ecke raus? 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Transformation 
Aus jedem Klang 

Aus jedem Ton 
Spricht eine Hoffnung 
Auf einen 
Neuanfang 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei der Gefahr 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Dann hätte ich 
Umsonst gelebt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Bei all der Angst 
Die mich umgibt 

Und wenn ich dann 
Schweigen müsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Umsonst gelebt 

Wenn ich dich nicht 
Bei mir wüsste 
Hätte ich 
Unsonst gelebt 

Wenn Künstlerinnen und Künstler unmittelbar auf politische und gesellschaftliche Ereignisse regaieren, birgt das i.d.R. zwei Gefahren: Sie können wie jede Person, die sich politisch äußert, falsch liegen, was sich schon zeitnah zeigen kann. Das mussten Frei.Wild erfahren, die – als Südtiroler früh von den Auswirkunden der Corona-Pandemie betroffen – bereits Anfang März mit Corona Weltuntergang ein Lied veröffentlichten, das zwar keinewsegs, wie ihnen vom rbb unterstellt, verschwörungstheoretisch grundiert war, aber die Dimension der Bedrohung falsch einschätzte und die ihnen im Lichte dieser Fehleinschätzung übertrieben erscheinende gesellschaftliche und mediale Reaktion auf das Auftreten des Virus kritisierte, auch in Relation zur Ignoranz gegenüber anderen humanitären Katastrophen wie der Situation von Geflüchteten; als sich Ende März zeigte, wie ernst die Situation war, korrigierte sich die Band mit Corona Weltuntergang v2, worin sie einräumte, das Virus unterschätzt zu haben. Das zweite Risiko von Songs mit tagespolitischem Bezug besteht darin, dass das behandelte Thema schnell wieder von der Agenda verschwindet und der Song danach höchstens noch als historisches Dokument taugt. Dieses Schicksal steht voraussichtlich Bernice Ehrlichs zuletzt an dieser Stelle besprochenem Corona-Song bevor.

Ungeachtet der eventuellen Kurzlebigkeit tagespolitischer Lieder können diese natürlich nichtsdestotrotz diverse positive Forgen für ihre Interpretinnen und Interpreten haben: Beginnend bei der evtl. durch die Brisanz des Themas beförderten hohen Aufmerksamkeit (beide Frei.Wild-Videos zusammen kommen auf gut 7 Millionen Aufrufe, Ehrlichs Song kam schnell über eine Million, was sämtliche ihrer anderen Videos bei weitem übertrifft) können politische Positionierungen auch zum Image beitragen – Frei.Wild stärken ihr Image, keine Kontroverse zu scheuen, und Ehrlich wirkt dem oft mit dem Genre Schlager verbundenen Attribut ’seicht‘ entgegen. Der Preis dafür ist aber eben, dass es derart explizit anlassbezogene Lieder nur selten auf Best-of-Alben schaffen werden.

Tocotronic haben es hingegen immer vermieden, in ihren Lieder ausdrücklich politisch zu werden, auch wenn sie mit Auftritten bei einschlägigen Solidaritätsveranstaltungen ihre Verwurzelung in der linken Szene immer wieder gezeigt haben. Und wo ihnen eine Positionierung auf der Bühne doch geboten erschien wie beim Einsatz gegen Rassismus, haben sie den Umweg des Covers gewählt und eine Version von Racist Friend, im Original von The Special AKA, gespielt. Diesem ästhetischen Grundsatz sind sie auch in ihrem Lied Hoffnung, dass sie anlässlich des Lockdowns in vielen Ländern Anfang April diesen Jahres veröffentlich haben, treu geblieben. Geschrieben wurde der Song bereits vor ca. einem Jahr, also noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie (vgl. das Interview mit Dirk von Lowtzow auf br.de), zu der ein Bezug über das Video hergestellt wird, in dem ehemals vielbesuchte Plätze fast menschenleer gezeigt werden.

Der Liedtext selbst hingegen reflektiert die Bedeutung von Musik in Situationen der Einsamkeit allgemein. Damit ist der Text übertragbar auf alle Formen der „Vereinzelung“ – das typische Heranwachsendengfühl, von seiner Umwelt nicht verstanden zu werden, ebenso wie das lokale Alleinsein mit einer von der Norm abweichenden sexuellen Identität, mit im persönlichen Umfeld ungewöhnlichem ästhetischen Vorlieben etc. Speziell Vokalmusik kann in diesen Situationen Hoffnung geben und das Gefühl der Einsamkeit mindern, weil, unabhängig von der zeitlichen und räumlichen Distanz zwischen hörender und singender Person, eine Form der Intimität, der Sich-verstanden-Fühlens entstehen kann. Schritt für Schritt ins Paradies von Ton Steine Scherben beginnt mit den Versen „Du hörst mich singen, / aber du kennst mich nicht / Du weißt nicht, für wen ich singe, / aber ich sing für dich“. Damit beschreibt Scherben-Texter Rio Reiser die Kommunikationssituation zwischen Sänger und Rezipierendem: Wer ein Lied im Radio oder von einem Tonträger hört, kann scheinbar direkt vom Sänger (z.B. mit „du“) angesprochen werden, auch wenn die beiden sich persönlich nicht kennen und der Sänger nicht weiß, wer wann wo seinen Lied hört. Dabei spielen die potentiell emotional ansprechende Musik und die sprachliche Kommunikation („Lyrics and Music“) zusammen.

Dieses Sich-individuell-angesprochen-Fühlen kann aber nur den ersten Schritt zum Weg aus der Vereinzelung darstellen: Folgen können Aktion und Transfornation sowie die Herstellung neuer Zusammenhänge – mit diesen sehr weit interpretierbaren Begriffen wir das Abstraktionsniveau hoch gehalten. Und auch wenn es zunächst paradox klingen mag, ist gerade diese Abstraktion die Voraussetzung dafür, dass die Rezipierenden in ihren je unterschiedlichen, individuellen Lebenssituationen das Lied für sich konkretisieren und auf sich beziehen können. Wer auch immer dieses Lied wann auch immer hört, kann sich in seiner ganz persönlichen Vereinzelung angesprochen un zu einem Umgang damit ermutigt fühlen, der ihn aus der Einsamkeit herausführt.

So versteht auch das Sprecher- bzw. Sänger-Ich seine Rolle: „Wenn ich dich nicht / Bei mir wüsste / Hätte ich / Unsonst gelebt“ kann nicht nur auf eine konkrete, ihm bekannte Person bezogen werden, sondern auch in dem Sinne interpretiert werden, dass er seine Rolle als Sänger verfehlen würde, wenn es ihm nicht gelänge, die beschriebene Nähe zu den Rezipierenden herzustellen – und damit vielleicht auch selbst aus seiner Ecke im Zimmer mit dem schwarz gestrichenen Boden herauszukommen. So kann das Lied im besten Fall allen damit Befassten vermitteln, was Julia Lorenz dazu in der taz formulierte: „Trost durch Empathie“.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Vernunftgebet – Bernice Ehrlichs Corona-Version von Leonard Cohens „Hallelujah“

Bernice Ehrlich

Halleluja – Corona-Version

Hört gut zu, es ist nun Zeit,
dass jeder von uns zuhause bleibt,
auch wenn wir uns so sehr nach Nähe sehnen.
Coronavirus ist kein Fake,
der uns zum Spaß zuhause hält,
es ist ernst, es geht um uns und unser Leben
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Wenn jeder von uns zuhause bleibt,
sich ganz allein die Zeit vertreibt,
dann können wir die Krankheit auch besiegen.
Es geht um dich, um mich, um uns,
um jeden, den man schützen muss.
Auch wenn die Zeiten schwer sind, bleib zuhause.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Egal wie gut es dir auch geht,
du weißt nicht, ob du’s in dir trägst,
drum sei nicht dumm, wir dürfen nichts riskieren.
Sei ein Held und gib nicht auf,
sonst hört die Krankheit nie mehr auf,
das darf nicht sein, das darf niemals passieren.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Eines Tages wird’s vorüber geh‘n
und uns wird’s wieder besser geh‘n.
Bis dahin müssen wir zusammenhalten.
Und wenn wir uns dann wiederseh‘n,
wird alles gleich nochmal so schön.
Einer für alle und alle für einen!
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Von den rund 20 Videos bei Youtube mit Corona Songs hat mir Hört gut zu, es ist nun Zeit textlich und melodisch am besten gefallen. Den Text dichtete die im Rheinland geborene Sängerin Bernice Ehrlich kurze Zeit nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie im März 2020. Die Melodie stammt aus dem Jahr 1984 vom kanadischen Singer-Songwriter Leonard Cohen. Hallelujah, so der Titel des Originals, wurde erst langsam populär. Inzwischen gibt es über 100 Cover-Versionen, u.a. von Bob Dylan (1988) und John Cale (1991). Cohens Hallelujah wurde 2007 von der britischen Zeitschrift Q als bester Song aller Zeiten genannt.

Die ausgebildete Sopranistin Bernice Ehrlich ist eine vielseitige Künstlerin. Ihre Karriere begann als Opernsängerin, wurde fortgesetzt als Musical-Darstellerin und seit 2017 zusätzlich als Popsängerin mit Coverversionen von Helene Fischer, Andrea Berg, Celine Dion, Whitney Houston u.v.a. Seit 2018 kamen von ihr die Singles Einfach unbeschreiblich, 2019 Nie wieder missen und aktuell 2020 Weil ich dich liebe heraus. Auch international ist die Sängerin unterwegs. Sie sang unter anderem am Teatro Sociale in Cittadella (Italien), dem Goethe-Institut in Paris und im Atlantis The Palm Hotel in Dubai. Als Freiberuflerin hat sie ihren Unterhalt durch Auftritte bei Operetten- und Musicalgalas und auch auf Geburtstags-, Hochzeits- und Betriebsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen verdienst. Zur Zeit geht sie, da fast alle Auftritte wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden, einer Bürotätigkeit nach.

Liedbetrachtung

Wie der Corona-Song entstand, beschreibt Bernice Ehrlich in einem Interview im März 2020: „Dieses Lied [gemeint ist Cohens Hallelujah] hab ich seit Jahren in meinem Programm, aber vorige Woche hatte ich beim Zähneputzen die Idee zu einem aktuellen Text. Und da ich an dem Tag mit meinem Pianisten Klaus Klaas zur Probe verabredet war, bin ich gleich in dessen Studio nach Duisburg gefahren, um gemeinsam die neue Version aufzunehmen“.

Das Lied beginnt mit der Aufforderung, gut zuzuhören. Weiß man anfangs noch nicht warum, folgt gleich die Erklärung, „es ist nun Zeit“, zu Hause zu bleiben. Die Begründung ist nicht weit: Der Coronavirus ist da, er ist ernst zu nehmen, er bedroht unser Leben. Mögen wir uns noch so sehr Nähe sehnen, wir müssen uns immer bewusst sein: der Virus ist lebensgefährlich. Das Robert Koch Institut hat am 14.8.2020 9.225 Todesfälle registriert.

Eine Quarantäne ist eine Möglichkeit, eine Ansteckung zu verhindern. Wir aber wissen, es ist nicht realistisch, dass prophylaktisch „jeder von uns zu Hause bleibt“, man denke nur an das Krankenhauspersonal, an die Ordnungs- und Sicherheitskräfte, die Serviceleute im Lebensmittelladen usw. Aber es kommt nicht darauf an, die Forderung wörtlich umzusetzen. Der Text will uns vor allem darauf hinweisen, dass wir nichts riskieren, nicht leichtsinnig werden sollen, vorsichtig sein müssen, selbst wenn es uns gut geht und wir keine Symptome spüren. Und bei nachgewiesenen Corona-Infektionen und bei vorhandenen Symptomen sind die Quarantänetage ohnehin hilfreich, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern.

Die von Virologen und Politikern vorgeschlagenen Maßnahmen werden im Lied im Einzelnen nicht erwähnt, aber wir alle kennen sie (Atemmaske, Hygieneregeln und Abstandhalten, einprägsam durch die A H A- Formel). Im Folgenden weist der Text eindringlich darauf hin, es geht es nicht nur darum, dass ich mich schütze, sondern dass jeder von uns verantwortlich ist, durch sein Verhalten auch andere zu schützen. Wenn wir das konsequent tun, dann besteht die Chance, die Krankheit einzudämmen und später mit Hilfe von Impfungen sogar ganz zu überwinden. Voller Hoffnung endet das Lied: Dann „wird’s uns allen besser geh‘n“, und das Leben wird „gleich nochmal so schön“. Doch bis dahin müssen wir solidarisch sein und uns und andere schützen: „Einer für alle und alle für einen!

Auffallend ist die Übernahme des Refrains von Cohens Hallelujah Song. Die vierfache Wiederholung des Halleluja nach jeder Strophe soll, ähnlich wie in manchen geistlichen Liedern (z.B. Gelobt sei Gott im höchsten Thron oder Luthers Christ lag in Todesbanden – Interpretation hier) die Aussage des Textes bekräftigen.

Verbreitung des Liedes

Zum ersten Mal hörte ich die Corona-Version mit der Melodie von Cohens Hallelujah Anfang April in einer Straße in Hamburg Eimsbüttel. Ein Gitarrist sang und spielte Lieder von einem Balkon, auf der Straße sangen einige Nachbarn mit. Ich erfuhr, dass die Evangelische Kirche in Deutschland nach italienischem Vorbild bundesweit zum Balkonsingen aufgerufen hatte. Von wem der Text stammte, wusste niemand. Inzwischen ist die Verfasserin bekannt: Bernice Ehrlich. Wie ich von ihr hörte, hatte ihr Video mit der Corona Version bei Youtube bereits in fünf Tagen rund 1 Millionen Aufrufe, bevor sie das Video zurückziehen musste, weil ihr die Verwertung der Melodie nicht gestattet wurde. Seit einigen Zeit findet man ein anderes Video mit ihr (s. o.), eingestellt von einem Portugiesen, mit deutschen und portugiesischen Untertiteln mit rund 225.000 Aufrufen (14.8.20).

Bald nach der ersten Veröffentlichung bei Youtube brachte der Berliner Kurier am 21.3.2020 als erste Zeitung einen Artikel mit der Überschrjft „Dieser neue Corona Song berührt jeden zu Tränen“. Es folgten Rezensionen und Berichte in Zeitungen und im Internet bundesweit, vom Kölner Stadtanzeiger bis sanktludwig.de (Berlin-Wilmersdorf), darüber hinaus auch in Österreich.

In Melle setzte sich ein Mann in den Firmenwagen und spielte über Lautsprecher Ehrlichs Corona-Lied, indem er an manchen Abenden durch die Straßen einer Siedlung der Stadt fuhr. In Ludwigshafen erstellte die Stadtverwaltung ein Video, auf dem der Oberbürgermeister „eine emotionale Botschaft“ singt. Die Freiwillige Feuerwehr Wiener Neustadt hat – mit Genehmigung von Bernice Ehrlich – den Song in ein Video verpackt, dass „unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger zum zu Hause bleiben aufrufen soll“.

Bernice Ehrlich und ihrem Video sind bei Youtube viele Millionen Aufrufe zu wünschen.

Georg Nagel, Hamburg

Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Musik: Rudi Goguel)

Wir sind die Moorsoldaten

1. Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

4. Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

5. Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.

Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis

Herkunft und Geschichte

Das Lied der Moorsoldaten ist heute eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal gesungen wurde das Moorsoldatenlied am 27. August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Unter der Bewachung von SS-Männern (1934 von SA-Männern abgelöst) mussten die politischen Strafgefangenen für die Moorkultivierung zwangsweise arbeiten: Torfabbau, Entwässerung, Straßen- und Wegebau. Die Häftlinge waren ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet.

Nach einer „Nacht der langen Latten“, bei der zahlreiche Gefangene verletzt wurden, beschloss die Häftlingsleitung mit Wolfgang Langhoff, dem späteren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, eine Kulturveranstaltung mit dem Namen „Zirkus Konzentrazani“ durchzuführen. Einige Tage nach der Planung kam der Bergarbeiter Johann Esser mit einem Gedicht mit sechs Versen zu Langhoff, der die manchmal holprigen Reime überarbeitete und den Refrain verfasste.

Auf die Umfrage, wer hierzu eine Melodie komponieren könnte, meldete sich Rudi Goguel, ehemals kaufmännischer Angestellter und Musikstudent, mit der Ansage, er brauche einige Tage Ruhe. Danach wurde Goguel ins Krankenrevier geschmuggelt und verfasste dort einen vierstimmigen Männerchorsatz. Mit dem Börgermoorlied komponierte Goguel die erste und einzige Melodie in seinem Leben. 1974 erklärte er gegenüber dem DDR-Rundfunk, dass “beabsichtigt war, durch die Aufführung mit Clownsauftritten und Musik den Mitgefangenen Mut zuzusprechen und unsere Moral gegenüber der SS öffentlich zu demonstrieren“.

Langhoff, Esser und Goguel waren überzeugte Kommunisten; sie gehörten zu einer Reihe politischer Gefangener aus dem Rhein-Ruhrgebiet, die bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in das zunächst als Schutzhaftlager bezeichnete Lager verschleppt wurden.

Aus dem Lagerchor stellte Goguel ein Quartett zusammen, jede Stimme wurde vierfach besetzt. Heimlich geübt wurde in einem Waschraum in einer abgelegenen Baracke.

Der „Zirkus Konzentrazani“ fand am August 1933 vor rund 900 Gefangenen im Beisein der Aufseher und Wächter statt. Nach den Darbietungen von Clownssketchen u. a. wurde zum Schluss der Veranstaltung das Lied uraufgeführt. Goguel beschreibt das so: „Die 16 Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitervereins (die als Kommunisten verhaftet worden waren), marschierten in ihren grünen Polizeiunformen (übernommen von der früheren Sicherheitspolizei, dann die damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit abgebrochenem Spatenstiel als Taktstock“.

„Bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast Tausend Gefangenen den Refrain mitzusingen“, erinnert sich Regisseur und Texter Langhoff. “Selbst die Wachmänner konnten sich dem Sog des Liedes nicht entziehen: Bei der letzten Strophe sangen alle mit auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, … offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten“, so Langhoff.

„Bei den Worten ‘Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‘ stießen die 26 Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuz wirkten“ (Rudi Goguel, Es war ein langer Weg, Düsseldorf, 1947).

Zwei Tage nach der Veranstaltung durfte das Lied nicht mehr gesungen werden, „doch sollen sich sogar SS-Leute dem Verbot widersetzt haben“ (Langhoff), indem einzelne SS-Mitglieder den  Häftlingen befahlen, vor allem auf dem Marsch zu den Arbeitsstätten das Lied zu singen.

Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 Emslandlagerla­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Esterwegen auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren. Nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer im Lager und während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt. Die standesamtlich registrierte Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 237.

Ende April 1945 wurden die Häftlinge von britischen Truppen befreit. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 aus politischen, sozialen, rassistischen oder religiösen Gründen Inhaftierten und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um. Wieviel davon an unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben und wie viele gezielt ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt. (vgl. NDR, 24.08.2018).

Ihr Schicksal sowie die Geschichte des Moorsoldatenlieds dokumentiert heute eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Esterwegen. Die Gedenkstätte wurde 2011 – 66 Jahre nach der Befreiung – eröffnet.

Foto: L. Willms  

Liedbetrachtung

Hört man die ersten drei gleichlautenden Töne (in e-Moll: e, e, e) der im 4/4-Takt geschriebenen Originalmelodie von Goguel, kann man sich vorstellen, dass sie bewusst monoton gehalten sind, um das schwere Los der Häftlinge im Marschschritt der Moorsoldaten zu versinnbildlichen. Sie treffen die Stimmung besser als der von Hans Eisler 1935 abgeänderte Auftakt e-moll: e, h, e.

Auch die zweite Zeile („Vogelsang…“) beginnt im Original monoton: g, g, g, während sie bei Eisler mit g, d, g etwas beschwingter klingt. Dazu heißt es in einem Artikel zu Das Moorsoldatenlied:  „Die zweite Zeile steht – einem vorübergehenden Hoffnungsstrahl gleich – im parallelen Dur, kehrt aber in der zweiten Zeilenhälfte wieder zum Moll zurück“ und weiter: „Der Refrain beginnt mit einem nach oben gerichteten Sextsprung, dem einzigen größeren Intervall im ganzen Lied. Aus ihm entspricht ein gewisser Stolz. So klingt der Anfang des Refrains wie ein Bekenntnis. Das Lied schließt, wie es begonnen hat mit einem düsteren Moll“ (Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel). Die heute auch im Ausland bekanntere Fassung der Melodie ist die von Hanns Eisler bearbeitete Version.

In den ersten beiden Strophen wird die Umgebung des Lagers geschildert: Im Moor und auf der Heide singen keine Vögel, und (vereinzelte) Bäume – hier Eichen – gedeihen nicht; sie sind „kahl und krumm“. Im Lager kann normalerweise keine Freude aufkommen. Das Lager ist von Stacheldraht umgeben (vgl. zweite Strophe) und streng bewacht, so dass Fluchtversuche aussichtslos sind (vgl. Strophe fünf).

Zeichnung des Häftlings Hanns Kralik (aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Sieben Tage in der Woche ziehen die Häftlinge in Kolonnen, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zur Arbeit. Bei jedem Wetter, auch wenn mittags die Sonne über den schattenlosen Mooren brennt, müssen sie unter strenger Bewachung von morgens bis abends arbeiten: Gräben ziehen, dass Moor entwässern und Torf stechen. Die Sehnsucht nach der Heimat, als Sinnbild der Freiheit, wird im vierten Vers wiederholt. Damit verbunden ist der Wunsch, daheim bei der Familie (und nicht explizit im Text: bei Freunden oder der Freundin) zu sein.

Der Text schildert die Härte des Lageralltags, verzichtet aber auf direkte Anklagen oder revolutionäres Vokabular. „Zeilen wie ‚ewig kann’s nicht Winter sein‘ oder ‚einmal werden wir froh sagen: Heimat, du bist wieder mein‘ sind für die Häftlinge allerdings leicht zu entschlüsseln – als Aufruf, den Widerstand nicht aufzugeben“ (Wolfgang Langhoff, 1935).

„Das Lied sollte Hoffnung geben und drückt eine Freiheitssehnsucht aus. Das Stück lehnt sich auf gegen Unterdrückung und menschenunwürdige Verhältnisse. In den letzten Zeilen klingt es nach Aufbruch: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, heißt es in einem Brief eines Börgermoorer Häftlings vom 30. August 1933, also drei Tage nach der Uraufführung des Liedes, an seine Frau: „Sonntag war hier großer Zirkus.“ (zitiert nach Fietje Ausländer: 75 Jahre Lied der Moorsoldaten).

Anhang: Kurze Biographien der Verfasser des Liedes:

Die drei Verfasser der Widerstandshymne hielten durch und überlebten den NS-Terror:

Johann Esser (1896–1971) arbeitete als Bergmann. 1924 bis 1933 war er Mitglied der KPD. Nachdem er sich 1931 an einem „wilden“ Streik be­tei­ligt ha­tte, wur­de mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Gleich nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen und kam in sog. Schutzhaft. 1934 aus dem KZ entlassen, dann aber in den Folgejahren mehrfach von den Nazis verhaftet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Bergmann und Gewerkschafter in Moers. Er löste sich vom Stalinismus des Kommunismus und verfasste bis zu seinem Tod Gedichte für verschiedene Zeitungen.

Wolfgang Langhoff (1901–1966) war 1928 bis 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde Anfang 1933 in „Schutzhaft“ genommen und in das Lager Börgermoor gebracht. 1934 aus dem KZ entlassen, konnte er in die in die Schweiz fliehen, wo er am Schauspielhaus Zürich als Regisseur und Schauspieler arbeitete. Bereits 1935 verfasste er den Tatsachenbericht, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager schildert: Die Moorsoldaten. 13 Monate KZ (Zürich). Er kehrte 1945 nach Deutschland zurück und wurde Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (1946–1963). 1966 starb er an Krebs in Ost-Berlin.

Rudi Goguel (1908–1976) ging nach seiner Entlassung 1934 in den Untergrund, wurde erneut verhaftet und zu zehn Jahren „Strafhaft“ verurteilt. 1944 kam er zunächst in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Im Mai 1945 überlebte er den Untergang der „Cap Arcona“, bei der mehr als 7.000 Menschen, hauptsächlich evakuierte KZ-Häftlinge, ums Leben kamen. Nach dem Krieg lebte zunächst in Süddeutschland, 1952 erhielt er eine Anstellung beim Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ, Ost-Berlin). Von 1959 bis 1968 war er Abteilungsleiter an der Humboldt-Universität Berlin für die „Geschichte der imperialistischen Ostforschung“. Über seine Erlebnisse an Bord der Cap Arcona berichtet er 1973 im Sammelband Juden unterm Hakenkreuz. Goguel starb 1976 in Ost-Berlin.

Rezeption und Verbreitung

Über in andere KZs verlegte oder entlassene Häftlinge und herausgeschmuggelte Aufzeichnungen gelangte das Lied auch an andere Gefangene und oppositionelle Kreise und wurde dadurch über die Grenzen des Emslands hinaus bekannt. „Außerhalb der KZ wurde es von der kommunistischen Agitprop-Truppe ‚Rotes Sprachrohr’ gesungen und am 8.3.1935 in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) im 4-stimmigen Originalchorsatz veröffentlicht“ (Hinze, S. 223).

1935 bearbeitete Hanns Eisler die Melodie für Ernst Busch, der das Lied während seiner Emigrationszeit verbreitete. Er sang es im Radio Moskau und nahm es 1937 in Barcelona auf Schallplatte auf. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurde es zum ersten Mal in den von Ernst Busch herausgegebenen Canciones de las Brigadas Internationales (5. Aufl., Barcelona 1938) veröffentlicht.

1942 wurde es in das geheime handschriftliche Lagerliederbuch des KZs Sachsenhausen aufgenommen und in Frankreich als Lied der Resistance, Chant de Marais, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer, bekannt. In der englischen Fassung The Peat Bog Soldiers sang es Pete Seeger 1943.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Moorsoldatenlied nicht vergessen. Bis 1955 erschienen nach den mir vorliegenden Unterlagen sechs Liederbücher in der SBZ bzw. DDR. Noch im Jahr 1945 wurde es in das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen. 1947 brachte die DDR eine Single mit dem Titel Die Moorsoldaten heraus mit der Anmerkung: „Verfasser und Komponist unbekannt“.

In der BRD tauchte „Wohin auch das Auge blicket“ zum ersten Mal erst 1952 im Liederbuch der Gewerkschaftsjugend Unsere Lieder auf.

Während das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne wurde – in der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Liedgut – dauerte es in der BRD bis in die 1970er Jahre, bevor das Lied eine begrenzte Verbreitung fand. Bekannt wurde es vor allem durch die Interpretation von Hannes Wader. Pfadfinder verschiedener Bünde und andere politisch links orientierte Künstler, wie Hein und Oss Kröher und das Folkduo Zupfgeigenhansel mit Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, nahmen es in ihr Repertoire auf.

Vor allem bei vielen Studenten wurde das Lied populär, nachdem der Verein Student für Europa, Student für Berlin das Liederbuch herausbrachte, das 1978 bereits in der 6. Auflage erschien. Daraufhin wurde das Lied auch vereinzelt in Liederbücher von Schulen aufgenommen.

In Baden-Württemberg wurde 1980 das Schulbuch „Banjo“ für den Gebrauch an den Haupt- und Realschulen vom Kultusminister des Landes Baden-Württemberg nicht zugelassen. Das Buch, so hieß es, könne wegen der Auswahl der Lieder nicht toleriert werden. Es handelte sich um das italienische Widerstandslied Bella Ciao, um Die Moorsoldaten und das Atomkraftwerksgegnerlied, eine Variante von Herrn Pastor sin Kauh (Interpretation hier). Die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Instituts für musikalische Völkerkunde (heute Institut für europäische Musikethnologie der Uni Köln) Gisela Propst-Effah schreibt: „Einer der Autoren von ‚Banjo‘ teilte mir mit, dass auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen die Zulassung des Buches wegen der Liedauswahl zunächst gescheitert und nur über persönliche Kontakte erreicht worden sei“.

In 15 Jahren von 1980 an erschienen laut Online-Archiven und Privatbibliotheken 22 Liederbücher mit dem KZ-Lied, davon 10 in der DDR. Von 2000 bis 2013 wurden in der BRD 20 Liederbücher, davon 11 von verschiedenen Pfadfinderbünden, herausgegeben.

In der DDR kam 1985 das Liederbuch der FDJ Leben – Kämpfen – Singen in der 17. Auflage heraus, und in Österreich folgte 1990 „ein demokratisches Liederbuch für Soldaten“ Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Die Popularität des Liedes kann man auch an den zahlreichen moderne Versionen ablesen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball und der Rockband Reservoir Dogs. Eine der jüngsten Versionen spielte 2012 die Deutschpunk-Band Die Toten Hosen ein. Deren Sänger Campino bezeichnet das Lied als „Hymne gegen die Unterdrückung und für das Durchhalten in brutalen Zeiten“.

Andere Interpretationen in Englisch The Peat Bog Soldiers mit der Melodie von Rudi Goguel gibt es von Paul Robeson, Pete Seeger, und The Dubliners. Der kanadische Folksänger Perry Friedmann und Joan Baez sangen das Lied auch auf Deutsch.

Das Widerstandslied ist in 15 Sprachen, auch ins Jiddische, übersetzt worden.

„Wohin auch das Auge blicket“ ist bis heute nicht vergessen worden wie auch die annähernd 300 Videos bei YouTube zeigen und das Vortragen des Liedes bei Feiern des Tages der Befreiung am 8. Mai 1945 und zum Abschluss einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 vom RIAS-Kammerchor aus Berlin.

„Das Moorsoldatenlied soll nicht nur an diejenigen erinnern, die Gegner des Nationalsozialismus waren und von ihm verfolgt wurden, es gehört zu den international weit verbreiteten Liedern, die auch dort die Erinnerung wachhalten an den schlimmsten Abschnitt deutscher Geschichte“. (Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel).

Zeichnungen des Häftlings Hanns Kralik. (linke Seite: Foto von Frank Vincentz; rechte Seite: aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete und weiterführende Literatur

Ausländer, Fietje / Brandt, Susanne / Fackler, Guido: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Ed. by Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg.

Fack­ler, Gui­do: Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141–198.

Goguel, Rudi: Es war ein langer Weg – Ein Erlebnisbericht, Düsseldorf 1947.

Lang­hoff, Wolf­gang: Die Moor­sol­da­ten. 13 Mo­na­te ­Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­po­li­ti­scher Tat­sa­chen­be­richt, Zü­rich 1935 [zahl­rei­che Li­zenz­aus­ga­ben bis heu­te].

Lang­hoff, Wolf­gang, Scha­b­rod, Karl: Wir sind die Moor­sol­da­ten, in: Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt, Ber­lin 1983, S. 138-163.

Hinze, Werner, Das Moorsoldatenlied. In: Historisch-politische Lieder aus acht Jahrhunderten, Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2009, S. 222–225.

Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Wolfgang Hubrich, Helga Kutz-Bauer, Rüdiger Wenzel). Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 1989, S. 108–109.

Probst-Effah, Gisela, Das Moorsoldatenlied – Zur Geschichte eines Liedes von säkularer Bedeutung, in: Stambolis/Reulecke ((Hg.) Goodbye Memories – Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 155 – 173.