Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Musik: Rudi Goguel)

Wir sind die Moorsoldaten

1. Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

4. Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

5. Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.

Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis

Herkunft und Geschichte

Das Lied der Moorsoldaten ist heute eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal gesungen wurde das Moorsoldatenlied am 27. August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Unter der Bewachung von SS-Männern (1934 von SA-Männern abgelöst) mussten die politischen Strafgefangenen für die Moorkultivierung zwangsweise arbeiten: Torfabbau, Entwässerung, Straßen- und Wegebau. Die Häftlinge waren ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet.

Nach einer „Nacht der langen Latten“, bei der zahlreiche Gefangene verletzt wurden, beschloss die Häftlingsleitung mit Wolfgang Langhoff, dem späteren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, eine Kulturveranstaltung mit dem Namen „Zirkus Konzentrazani“ durchzuführen. Einige Tage nach der Planung kam der Bergarbeiter Johann Esser mit einem Gedicht mit sechs Versen zu Langhoff, der die manchmal holprigen Reime überarbeitete und den Refrain verfasste.

Auf die Umfrage, wer hierzu eine Melodie komponieren könnte, meldete sich Rudi Goguel, ehemals kaufmännischer Angestellter und Musikstudent, mit der Ansage, er brauche einige Tage Ruhe. Danach wurde Goguel ins Krankenrevier geschmuggelt und verfasste dort einen vierstimmigen Männerchorsatz. Mit dem Börgermoorlied komponierte Goguel die erste und einzige Melodie in seinem Leben. 1974 erklärte er gegenüber dem DDR-Rundfunk, dass “beabsichtigt war, durch die Aufführung mit Clownsauftritten und Musik den Mitgefangenen Mut zuzusprechen und unsere Moral gegenüber der SS öffentlich zu demonstrieren“.

Langhoff, Esser und Goguel waren überzeugte Kommunisten; sie gehörten zu einer Reihe politischer Gefangener aus dem Rhein-Ruhrgebiet, die bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in das zunächst als Schutzhaftlager bezeichnete Lager verschleppt wurden.

Aus dem Lagerchor stellte Goguel ein Quartett zusammen, jede Stimme wurde vierfach besetzt. Heimlich geübt wurde in einem Waschraum in einer abgelegenen Baracke.

Der „Zirkus Konzentrazani“ fand am August 1933 vor rund 900 Gefangenen im Beisein der Aufseher und Wächter statt. Nach den Darbietungen von Clownssketchen u. a. wurde zum Schluss der Veranstaltung das Lied uraufgeführt. Goguel beschreibt das so: „Die 16 Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitervereins (die als Kommunisten verhaftet worden waren), marschierten in ihren grünen Polizeiunformen (übernommen von der früheren Sicherheitspolizei, dann die damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit abgebrochenem Spatenstiel als Taktstock“.

„Bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast Tausend Gefangenen den Refrain mitzusingen“, erinnert sich Regisseur und Texter Langhoff. “Selbst die Wachmänner konnten sich dem Sog des Liedes nicht entziehen: Bei der letzten Strophe sangen alle mit auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, … offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten“, so Langhoff.

„Bei den Worten ‘Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‘ stießen die 26 Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuz wirkten“ (Rudi Goguel, Es war ein langer Weg, Düsseldorf, 1947).

Zwei Tage nach der Veranstaltung durfte das Lied nicht mehr gesungen werden, „doch sollen sich sogar SS-Leute dem Verbot widersetzt haben“ (Langhoff), indem einzelne SS-Mitglieder den  Häftlingen befahlen, vor allem auf dem Marsch zu den Arbeitsstätten das Lied zu singen.

Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 Emslandlagerla­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Esterwegen auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren. Nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer im Lager und während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt. Die standesamtlich registrierte Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 237.

Ende April 1945 wurden die Häftlinge von britischen Truppen befreit. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 aus politischen, sozialen, rassistischen oder religiösen Gründen Inhaftierten und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um. Wieviel davon an unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben und wie viele gezielt ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt. (vgl. NDR, 24.08.2018).

Ihr Schicksal sowie die Geschichte des Moorsoldatenlieds dokumentiert heute eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Esterwegen. Die Gedenkstätte wurde 2011 – 66 Jahre nach der Befreiung – eröffnet.

Foto: L. Willms  

Liedbetrachtung

Hört man die ersten drei gleichlautenden Töne (in e-Moll: e, e, e) der im 4/4-Takt geschriebenen Originalmelodie von Goguel, kann man sich vorstellen, dass sie bewusst monoton gehalten sind, um das schwere Los der Häftlinge im Marschschritt der Moorsoldaten zu versinnbildlichen. Sie treffen die Stimmung besser als der von Hans Eisler 1935 abgeänderte Auftakt e-moll: e, h, e.

Auch die zweite Zeile („Vogelsang…“) beginnt im Original monoton: g, g, g, während sie bei Eisler mit g, d, g etwas beschwingter klingt. Dazu heißt es in einem Artikel zu Das Moorsoldatenlied:  „Die zweite Zeile steht – einem vorübergehenden Hoffnungsstrahl gleich – im parallelen Dur, kehrt aber in der zweiten Zeilenhälfte wieder zum Moll zurück“ und weiter: „Der Refrain beginnt mit einem nach oben gerichteten Sextsprung, dem einzigen größeren Intervall im ganzen Lied. Aus ihm entspricht ein gewisser Stolz. So klingt der Anfang des Refrains wie ein Bekenntnis. Das Lied schließt, wie es begonnen hat mit einem düsteren Moll“ (Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel). Die heute auch im Ausland bekanntere Fassung der Melodie ist die von Hanns Eisler bearbeitete Version.

In den ersten beiden Strophen wird die Umgebung des Lagers geschildert: Im Moor und auf der Heide singen keine Vögel, und (vereinzelte) Bäume – hier Eichen – gedeihen nicht; sie sind „kahl und krumm“. Im Lager kann normalerweise keine Freude aufkommen. Das Lager ist von Stacheldraht umgeben (vgl. zweite Strophe) und streng bewacht, so dass Fluchtversuche aussichtslos sind (vgl. Strophe fünf).

Zeichnung des Häftlings Hanns Kralik (aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Sieben Tage in der Woche ziehen die Häftlinge in Kolonnen, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zur Arbeit. Bei jedem Wetter, auch wenn mittags die Sonne über den schattenlosen Mooren brennt, müssen sie unter strenger Bewachung von morgens bis abends arbeiten: Gräben ziehen, dass Moor entwässern und Torf stechen. Die Sehnsucht nach der Heimat, als Sinnbild der Freiheit, wird im vierten Vers wiederholt. Damit verbunden ist der Wunsch, daheim bei der Familie (und nicht explizit im Text: bei Freunden oder der Freundin) zu sein.

Der Text schildert die Härte des Lageralltags, verzichtet aber auf direkte Anklagen oder revolutionäres Vokabular. „Zeilen wie ‚ewig kann’s nicht Winter sein‘ oder ‚einmal werden wir froh sagen: Heimat, du bist wieder mein‘ sind für die Häftlinge allerdings leicht zu entschlüsseln – als Aufruf, den Widerstand nicht aufzugeben“ (Wolfgang Langhoff, 1935).

„Das Lied sollte Hoffnung geben und drückt eine Freiheitssehnsucht aus. Das Stück lehnt sich auf gegen Unterdrückung und menschenunwürdige Verhältnisse. In den letzten Zeilen klingt es nach Aufbruch: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, heißt es in einem Brief eines Börgermoorer Häftlings vom 30. August 1933, also drei Tage nach der Uraufführung des Liedes, an seine Frau: „Sonntag war hier großer Zirkus.“ (zitiert nach Fietje Ausländer: 75 Jahre Lied der Moorsoldaten).

Anhang: Kurze Biographien der Verfasser des Liedes:

Die drei Verfasser der Widerstandshymne hielten durch und überlebten den NS-Terror:

Johann Esser (1896–1971) arbeitete als Bergmann. 1924 bis 1933 war er Mitglied der KPD. Nachdem er sich 1931 an einem „wilden“ Streik be­tei­ligt ha­tte, wur­de mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Gleich nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen und kam in sog. Schutzhaft. 1934 aus dem KZ entlassen, dann aber in den Folgejahren mehrfach von den Nazis verhaftet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Bergmann und Gewerkschafter in Moers. Er löste sich vom Stalinismus des Kommunismus und verfasste bis zu seinem Tod Gedichte für verschiedene Zeitungen.

Wolfgang Langhoff (1901–1966) war 1928 bis 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde Anfang 1933 in „Schutzhaft“ genommen und in das Lager Börgermoor gebracht. 1934 aus dem KZ entlassen, konnte er in die in die Schweiz fliehen, wo er am Schauspielhaus Zürich als Regisseur und Schauspieler arbeitete. Bereits 1935 verfasste er den Tatsachenbericht, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager schildert: Die Moorsoldaten. 13 Monate KZ (Zürich). Er kehrte 1945 nach Deutschland zurück und wurde Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (1946–1963). 1966 starb er an Krebs in Ost-Berlin.

Rudi Goguel (1908–1976) ging nach seiner Entlassung 1934 in den Untergrund, wurde erneut verhaftet und zu zehn Jahren „Strafhaft“ verurteilt. 1944 kam er zunächst in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Im Mai 1945 überlebte er den Untergang der „Cap Arcona“, bei der mehr als 7.000 Menschen, hauptsächlich evakuierte KZ-Häftlinge, ums Leben kamen. Nach dem Krieg lebte zunächst in Süddeutschland, 1952 erhielt er eine Anstellung beim Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ, Ost-Berlin). Von 1959 bis 1968 war er Abteilungsleiter an der Humboldt-Universität Berlin für die „Geschichte der imperialistischen Ostforschung“. Über seine Erlebnisse an Bord der Cap Arcona berichtet er 1973 im Sammelband Juden unterm Hakenkreuz. Goguel starb 1976 in Ost-Berlin.

Rezeption und Verbreitung

Über in andere KZs verlegte oder entlassene Häftlinge und herausgeschmuggelte Aufzeichnungen gelangte das Lied auch an andere Gefangene und oppositionelle Kreise und wurde dadurch über die Grenzen des Emslands hinaus bekannt. „Außerhalb der KZ wurde es von der kommunistischen Agitprop-Truppe ‚Rotes Sprachrohr’ gesungen und am 8.3.1935 in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) im 4-stimmigen Originalchorsatz veröffentlicht“ (Hinze, S. 223).

1935 bearbeitete Hanns Eisler die Melodie für Ernst Busch, der das Lied während seiner Emigrationszeit verbreitete. Er sang es im Radio Moskau und nahm es 1937 in Barcelona auf Schallplatte auf. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurde es zum ersten Mal in den von Ernst Busch herausgegebenen Canciones de las Brigadas Internationales (5. Aufl., Barcelona 1938) veröffentlicht.

1942 wurde es in das geheime handschriftliche Lagerliederbuch des KZs Sachsenhausen aufgenommen und in Frankreich als Lied der Resistance, Chant de Marais, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer, bekannt. In der englischen Fassung The Peat Bog Soldiers sang es Pete Seeger 1943.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Moorsoldatenlied nicht vergessen. Bis 1955 erschienen nach den mir vorliegenden Unterlagen sechs Liederbücher in der SBZ bzw. DDR. Noch im Jahr 1945 wurde es in das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen. 1947 brachte die DDR eine Single mit dem Titel Die Moorsoldaten heraus mit der Anmerkung: „Verfasser und Komponist unbekannt“.

In der BRD tauchte „Wohin auch das Auge blicket“ zum ersten Mal erst 1952 im Liederbuch der Gewerkschaftsjugend Unsere Lieder auf.

Während das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne wurde – in der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Liedgut – dauerte es in der BRD bis in die 1970er Jahre, bevor das Lied eine begrenzte Verbreitung fand. Bekannt wurde es vor allem durch die Interpretation von Hannes Wader. Pfadfinder verschiedener Bünde und andere politisch links orientierte Künstler, wie Hein und Oss Kröher und das Folkduo Zupfgeigenhansel mit Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, nahmen es in ihr Repertoire auf.

Vor allem bei vielen Studenten wurde das Lied populär, nachdem der Verein Student für Europa, Student für Berlin das Liederbuch herausbrachte, das 1978 bereits in der 6. Auflage erschien. Daraufhin wurde das Lied auch vereinzelt in Liederbücher von Schulen aufgenommen.

In Baden-Württemberg wurde 1980 das Schulbuch „Banjo“ für den Gebrauch an den Haupt- und Realschulen vom Kultusminister des Landes Baden-Württemberg nicht zugelassen. Das Buch, so hieß es, könne wegen der Auswahl der Lieder nicht toleriert werden. Es handelte sich um das italienische Widerstandslied Bella Ciao, um Die Moorsoldaten und das Atomkraftwerksgegnerlied, eine Variante von Herrn Pastor sin Kauh (Interpretation hier). Die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Instituts für musikalische Völkerkunde (heute Institut für europäische Musikethnologie der Uni Köln) Gisela Propst-Effah schreibt: „Einer der Autoren von ‚Banjo‘ teilte mir mit, dass auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen die Zulassung des Buches wegen der Liedauswahl zunächst gescheitert und nur über persönliche Kontakte erreicht worden sei“.

In 15 Jahren von 1980 an erschienen laut Online-Archiven und Privatbibliotheken 22 Liederbücher mit dem KZ-Lied, davon 10 in der DDR. Von 2000 bis 2013 wurden in der BRD 20 Liederbücher, davon 11 von verschiedenen Pfadfinderbünden, herausgegeben.

In der DDR kam 1985 das Liederbuch der FDJ Leben – Kämpfen – Singen in der 17. Auflage heraus, und in Österreich folgte 1990 „ein demokratisches Liederbuch für Soldaten“ Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Die Popularität des Liedes kann man auch an den zahlreichen moderne Versionen ablesen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball und der Rockband Reservoir Dogs. Eine der jüngsten Versionen spielte 2012 die Deutschpunk-Band Die Toten Hosen ein. Deren Sänger Campino bezeichnet das Lied als „Hymne gegen die Unterdrückung und für das Durchhalten in brutalen Zeiten“.

Andere Interpretationen in Englisch The Peat Bog Soldiers mit der Melodie von Rudi Goguel gibt es von Paul Robeson, Pete Seeger, und The Dubliners. Der kanadische Folksänger Perry Friedmann und Joan Baez sangen das Lied auch auf Deutsch.

Das Widerstandslied ist in 15 Sprachen, auch ins Jiddische, übersetzt worden.

„Wohin auch das Auge blicket“ ist bis heute nicht vergessen worden wie auch die annähernd 300 Videos bei YouTube zeigen und das Vortragen des Liedes bei Feiern des Tages der Befreiung am 8. Mai 1945 und zum Abschluss einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 vom RIAS-Kammerchor aus Berlin.

„Das Moorsoldatenlied soll nicht nur an diejenigen erinnern, die Gegner des Nationalsozialismus waren und von ihm verfolgt wurden, es gehört zu den international weit verbreiteten Liedern, die auch dort die Erinnerung wachhalten an den schlimmsten Abschnitt deutscher Geschichte“. (Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel).

Zeichnungen des Häftlings Hanns Kralik. (linke Seite: Foto von Frank Vincentz; rechte Seite: aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete und weiterführende Literatur

Ausländer, Fietje / Brandt, Susanne / Fackler, Guido: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Ed. by Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg.

Fack­ler, Gui­do: Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141–198.

Goguel, Rudi: Es war ein langer Weg – Ein Erlebnisbericht, Düsseldorf 1947.

Lang­hoff, Wolf­gang: Die Moor­sol­da­ten. 13 Mo­na­te ­Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­po­li­ti­scher Tat­sa­chen­be­richt, Zü­rich 1935 [zahl­rei­che Li­zenz­aus­ga­ben bis heu­te].

Lang­hoff, Wolf­gang, Scha­b­rod, Karl: Wir sind die Moor­sol­da­ten, in: Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt, Ber­lin 1983, S. 138-163.

Hinze, Werner, Das Moorsoldatenlied. In: Historisch-politische Lieder aus acht Jahrhunderten, Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2009, S. 222–225.

Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Wolfgang Hubrich, Helga Kutz-Bauer, Rüdiger Wenzel). Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 1989, S. 108–109.

Probst-Effah, Gisela, Das Moorsoldatenlied – Zur Geschichte eines Liedes von säkularer Bedeutung, in: Stambolis/Reulecke ((Hg.) Goodbye Memories – Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 155 – 173.

Lob der Faulheit. Zu Sportfreunde Stiller: „Wieder kein Hit“

Sportfreunde Stiller

Wieder kein Hit 

Ich hab' mich heut' erst nochmal umgedreht
Und mir 'ne feine Scheibe aufgelegt
Ich war Punk, Rapper und Kommunist
Wollt mal ausprobieren, wie das so ist

Ich war entzückt, verzaubert und berührt
Ich war betroffen, ich hab's gespürt
Hab' was gekauft, was ich nicht brauch'
Verschenken geht ja auch
Und alles, was ich dann noch tat, war keine Diät
Es wurde sehr spät
Kein Shades of Grey
But California, ey

Ich hab heut wieder keinen Hit geschrieben
Doch ich hab' damit mein' Frieden
Hab mal wieder nicht gemacht, was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte

Hab ihn gefragt, was das soll.
Hab ihr gesagt: „Du bist toll!“
Bin rausgefahren, hab angehalten,
Mich unterhalten mit Jungen und Alten
Bin mit schrillen Vögeln abgehoben
Hey ungelogen, 
ich schaute Moody und Runkle
Hörte Simon und Garfunkel
Kurz rief die Pflicht, 
doch ich hörte sie nicht

Ich hab' heut wieder keinen Hit geschrieben
Dafür schwob ich auf Wolke sieben
Hab' mal wieder nicht gemacht was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte

Soll ich dieben gehen, 
Melodien stehlen?
Für meinen Evergreen?
Ach was, ich leg' mich hin

Ich hab heut wieder keinen Hit geschrieben
Doch ich hab' damit meinen Frieden
Hab' mal wieder nicht gemacht was ich sollte
Sondern einfach nur, was ich wollte


     [Sportfreunde Stiller: New York, Rio, Rosenheim. Vertigo 2013.]

Einfach mal tun, was du willst. So oder so ähnlich ließe sich der hier vorgestellte Liedtext in einem Satz zusammenfassen. Das Sprecher-Ich erzählt von seinen Erlebnissen, während es das macht, was es will. Das resultiert letztlich in einem recht entspannt-unspektakulären Tag: Er beginnt mit dem Aufwachen, möglicherweise durch einen Wecker, doch anstatt aufzustehen, bleibt es einfach im Bett liegen, dreht sich nochmal um und legt eine Schallplatte auf.

Tagträumerisch stellt sie sich vor, Punk, Rapper oder Kommunist zu sein, wohl inspiriert durch die Musik, die die jeweiligen Assoziationen hervorruft. Vielleicht schwingt hier implizit eine Art kreativer Prozess mit, bei dem sich das Sprecher-Ich in andere Personen hineinversetzt und dadurch auch kreativ tätig ist. Doch vielleicht ist das schon einen Schritt zu weit gedacht, denn letztlich geht es in dem Text auch darum, dass eben nicht alles einen Zweck erfüllen muss und das Sprecher-Ich einfach in den Tag hineinträumt.

Dieser Gedanke wird noch fortgeführt, und wir bekommen einen kleinen Einblick in die Gefühlswelt des das Sprecher-Ichs, das „entzückt, verzaubert und berührt“ war, wohl nach wie vor von Musik, die es gerade hört. Die entspannte Situation und das Mantra des Textes, etwas zu tun, weil man Lust darauf hat, und nicht, weil man es muss, führt dann schließlich auch zum Kauf eines unnötigen Gegenstandes – verschenken kann man ihn ja immer noch später. Dieses Motiv wird dann auch auf den Konsum ausgedehnt, wenn das das Sprecher-Ich betont, dass es keine Diät macht, sondern im Umkehrschluss einfach das isst, worauf es Lust hat. Kapitalistischer Kaufrausch und Essen, wonach einem der Sinn steht.

Noch mehr als zur Zeit, in der der Text geschrieben wurde, steht der Text damit heute im Gegensatz zu Forderungen nach Konsumverzicht, klimagerechter oder veganer Ernährung, die unsere Zeit prägen und die letztlich auch als eine Art Pflicht an der Gesellschaft, der Umwelt oder dem Planeten verstanden werden. Gleichzeitig wird auch jeglichem Wunsch nach Selbstoptimierung, sei sie nun körperlich oder geistig, eine Absage erteilt. Umso deutlicher tritt hervor, dass das Sprecher-Ich das tut, wonach ihm der Sinn steht, unabhängig von allen anderen.

Was es mit den Zeilen „Kein Shades of Grey / But California, ey“ auf sich hat, erschließt sich mir nicht ganz. Meine Vermutung wäre, dass das Sprecher-Ich keine Lust hat auf die BDSM-Spiele á la Fifty Shades of Grey und die damit einhergehenden Machtdynanmiken, sondern sich die Serie Californication anschaut, die auch in der zweiten Strophe (Moody und Runkle) zitiert wird, sich auf das Sofa fläzt, statt sich groß für Sex zu interessieren. Aber vielleicht will eine Leserin oder ein Leser in den Kommentaren zu dieser Interpretation eine andere Alternative vorschlagen?

Das das Sprecher-Ich sollte, so macht die Strophe klar, eigentlich den bereits im Titel erwähnten Hit schreiben; also nicht nur irgendein Lied, sondern gleich einen erfolgreichen Song. Dass das Sprecher-Ich ein Lied komponieren soll, legt nahe, dass es sich hier um eine Art Alter Ego des Sängers von Sportfreunde Stiller, Peter Brugger, handelt. Eine nicht genauer identifizierte weitere Person oder Institution, vielleicht das Plattenlabel, will, dass der Hit produziert wird. Aber wer diesen Druck aufbaut oder warum der Hit geschrieben werden soll, wird gar nicht erst erwähnt. Letztlich ist es für den Text auch egal, denn geradezu lapidar und noch unterstrichen durch die entspannte und einfach gehaltene Musik konstatiert das Sprecher-Ich „Hab‘ mal wieder nicht gemacht, was ich sollte, / sondern einfach nur, was ich wollte“.

In der zweiten Strophe wird beschrieben, wie sich das das Sprecher-Ich schließlich doch noch aus dem Bett bewegt und wohl eine Art Spazierfahrt macht, ohne dabei ein genaues Ziel zu verfolgen. So kann es sich mit Leuten unterhalten, wobei die Beschreibung dieser Gesprächspartner als „Junge und Alte“ nahelegt, dass es ihm nicht wichtig ist, wer die Gesprächspartner sind, und es lediglich einen Plausch führen will. Dass das Sprecher-Ich dazu anhalten muss, spielt sowieso keine Rolle, weil ja genug Zeit vorhanden ist und der Hit auch noch ein anderes Mal oder auch gar nicht geschrieben werden kann. Szenen dieser Art sind auch im Musikvideo zu sehen, in dem die Band ins Grüne fährt und Szenen aus der WM 2014 nachspielt, Bier trinkt, dabei Musik spielt und vor sich hin musiziert.

Wieder zu Hause: Fernsehen, Musik hören und getrost die Arbeit ignorieren. Das Hören von Simon and Garfunkel übertönt sozusagen die Pflicht, die das Sprecher-Ich ebenfalls rufen hört. Es kann sich nicht mal dazu aufraffen eine Melodie zu stehlen, die kreative Arbeit also jemand anderem zu überlassen. Aber auch das ist kein Problem, denn dann geht es eben zurück ins Bett. Übrigens wird hier auch performativ dargestellt, dass das Sprecher-Ich macht, was es will, indem es einfach neue Wörter erfindet („Soll ich dieben gehen“), ein Charakteristikum, dass sich auch in der falschen Verbform „schwob‘“ statt ’schwebte‘ finden lässt.

Immer wieder betont das Sprecher-Ich, mit der „hit-losen“ Situation ihren Frieden gefunden zu haben. Kauft man ihm das ab? Schließlich wird immer wieder betont, wie entspannt es mit der Situation umgehen kann. Man könnte wohl auch argumentieren, dass das Sprecher-Ich eine Art Autosuggestion betreibt, indem es immer wieder betont, dass es völlig zufrieden ist, auch ohne Hit. Aber insgesamt, finde ich, scheint es plausibler, dass das Sprecher-Ich tatsächlich mit der Situation zufrieden ist und ohne einen Hit in seinem Repertoire ganz gut leben kann. Und weil es sympathisch darstellt, dass man am besten das machen soll, wonach einem der Sinn steht, ganz explizit auch faul sein und den Tag verschlafen, soll dies als Interpretation genügen – ich höre die Hängematte rufen…

Martin Christ, Erfurt

Vom barocken Pestlied zum Kinderlied. Die erstaunliche Karriere von ‚Wiens heimlicher Hymne‘ „O du lieber Augustin“

 

O du lieber Augustin

1.
O du lieber Augustin, 
Augustin, Augustin, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin. 
Geld ist weg, Mäd’l ist weg, 
alles weg, alles weg, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin.

2. 
O du lieber Augustin [...] 
Rock ist weg, Stock ist weg, 
Augustin liegt im Dreck, 
o du lieber Augustin,
alles ist hin.

3.
O du lieber Augustin [...]
Und selbst das reiche Wien, 
hin ist’s wie Augustin; 
weint mit mir im gleichen Sinn, 
alles ist hin.

4. 
O du lieber Augustin [...] 
Jeder Tag war ein Fest, 
und was jetzt? Pest, die Pest! 
Nur ein groß Leichenfest,
das ist der Rest.

5.
O du lieber Augustin [...] 
Augustin, Augustin, 
leg nur ins Grab dich hin! 
O du lieber Augustin,
alles ist hin.

Angesichts des Coronavirus fiel mir ein Lied ein, in dem die Pest eine Rolle spielt: Der liebe Augustin. Vermutlich kennen viele Leser nur die erste Strophe, eventuell auch noch die zweite. Beide Strophen sind als Kinderlied bis heute populär geblieben. Doch der „liebe Augustinerzählt, wie es ihm zur Zeit von Wiens letzter große Pestepidemie im Jahre 1679 ergangen ist.

Markus (auch Marx) Augustin (1643-1685), einen Sackpfeifer (Sackpfeife = einfacher Dudelsack) und Sänger hat es tatsächlich gegeben. Er zog um 1670 in Wien von Beisl (Kneipe) zu Beisl, um dort gegen Geld Bänkellieder zu singen. Er war stadtbekannt, und da er immer lustiger Dinge war, nannte man ihn bald den „lieben Augustin“. Selbst als im Jahr 1677 zunächst einige Vorstädte und 1679 ganz Wien von der Pest heimgesucht wurde, verlor er nicht seinen Frohsinn, auch nicht, als immer mehr Menschen auf der Straße tot umfielen.

Doch die Kneipen wurden immer leerer, viele Leute wagten es nicht auszugehen, und die Einnahmen des lieben Augustins wurden von Woche zu Woche geringer. Da erbarmten sich manche Wirtsleute und gaben mal einige Humpen Bier, mal einige Weinkannen Heurigen aus. Und der liebe Augustin, der dem Alkohol recht zugetan war, trank so manches Mal über seinen Durst. So passierte es eines Tages, dass er nur noch aus der Wirtshaustür heraustorkeln konnte und bald darauf, volltrunken wie er war, in eine Gosse fiel und dort einschlief.

Dort in der Gosse war er nicht der einzige Mensch. Jeden Tag lagen Hunderte von der Pest hingeraffte Menschen auf den Straßen; sie wurden von sogenannten Siechknechten aufgesammelt, mit großen Karren vor die Tore Wiens gefahren und in Massengräber geworfen. Und so erging es auch unserem Augustin. Wie ein Toter schlafend, von der Gosse verdreckt, glaubten die Siechknechte, einen Pesttoten vor sich zu haben. „Seine“ Pest­gru­be soll sich in der Nähe der Kirche St. Ulrich im 7. Bezirk be­funden haben, in der Nähe des Platzes, wo heute der Augustinbrunnen steht.

Als Augustin seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er entsetzt, inmitten all der Leichen zu liegen. Er fand seine Sackpfeife und versuchte aus dem Grab zu klettern, schaffte es aber nicht. Da fing er an nach Hilfe zu rufen und, als er kein Gehör fand, spielte er so laut er konnte auf seiner Sackpfeife. Schließlich wurde er gehört und aus dem Grab gezogen. Glücklicherweise hatte er sich nicht angesteckt, und er begann wieder seine Beisltouren zu drehen. Nach der Legende dichtete er bald darauf ein Lied über das, was ihm widerfahren war: „alles ist hin“.

So die Überlieferung, die so oder so ähnlich bereits fünf Jahre vor Ausbruch der Pest der wortgewaltige und populäre Prediger Abraham a Sancta Clara in Wien in einer Predigt verwandt hatte. Der Prediger kannte das Ereignis aus seiner schwäbischen Heimat und wollte diese Geschichte als Warnung vor der Pest und als abschreckendes Beispiel gegen übermäßiges Trinken verstanden wissen.

In Wien nachgewiesen worden sind Text und Melodie erstmals um 1800 – über 100 Jahre nach dem Tod des „lieben Augustins“ -, wobei Textdichter und Komponist bis heute unbekannt geblieben sind. Die Melodie lässt sich Ende des 18. Jahrhunderts als ein aus Böhmen oder Sachsen kommender Schlager nachweisen. Nach 1800,  so die Liedforscher, habe sich Der liebe Augustin über Sachsen in ganz Europa verbreitet.

Da das Lied zur „heimlichen Hymne Wiens“ geworden ist, hat die Stadt Wien Markus Augustin ein 1908 Denkmal gewidmet und einen Platz nach ihm benannt.

 

 

Relief am Haus mit dem Griechenbeisl (Foto: Zenit)

 

Augustin-Brunnen von Hans Scherpe (1908)

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Statue Au­gu­stins gestohlen. Kurz darauf wurde an ihre Stelle ein Schild mit der fol­gen­den Auf­schrift angebracht:

Der Schwarzen Pest bin ich entronnen,
die braune hat mich mitgenommen.

Liedbetrachtung

Der sicherlich aus Wien stammende unbekannte Textdichter versetzt sich in die Lage des auf wundersame Art von der Pest verschonten Augustins und erzählt, was Augustin alles verloren hat: Sein Geld, sein Mäd’l, sein Rock und sein Stock sind ihm abhandengekommen. Die Wiederholungen „alles ist hin“ deuten auf die triste Lage des Sackpfeifers. Es bleibt zu hoffen, dass er sein Instrument nicht auch noch verloren hat. Einige Schillinge wird er wohl noch vor seinem Tod mit 42 Jahren, sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Pest, eingenommen haben.

 „Alles ist hin“ trifft auch die reichen Leute in der vom „Schwarzen Tod“ befallenen Stadt zu. Nach den von ihm als festlich empfundenen Tagen trauert Augustin nun mit dem ganzen Wien. Ironisch nennt er die Auswirkungen der Pest „ein groß Leichenfest“. Und obwohl er sich auf dem Totenanger nicht angesteckt hat, ist  ihm doch bewusst, dass im Grab auch sein Leben zu Ende hätte gehen können. So traurig und ernst der Text ist, so wird er doch durch die beschwingte Melodie, nach der man sogar Walzer tanzen kann, konterkariert. Sie zeigt, dass ein jegliches seine Zeit hat, leben und sterben, tanzen und weinen (vgl. Abschnitt „Anmerkungen“ in der Interpretation zu Puhdys Wenn ein Mensch lebt).

Exkurs Epidemien

 Die bakterielle Infektionskrankheit Pest wird durch pestkranke Rattenflöhe (bei der Beulenpest) übertragen. Der “Schwarze Tod“, so genannt wegen der dunklen Beulen auf dem ganzen Körper, trat in Europa vom 14.-18 Jh. immer wieder epidemisch auf. Während der großen Pestepidemie 1348–52 (nach andere Quellen 1347–1351) starb ca. 1/3 (bis zu 25 Mio. Menschen) der Bevölkerung Europas.

Als die Pest noch einmal über Europa kam, traten in Wien die ersten Pestfälle im De­zem­ber 1678 in der damaligen Vorstadt Leopoldstadt auf. Die Seuche brei­te­te sich dann in ganz Wien schnell aus, wobei es vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten waren, die als erste er­krankten. Von Monat zu Monat stieg die Zahl der Todesfälle. Durch den „Schwarzen Tod“ kam 1679/80 ein Viertel der Bevölkerung um.

Ein zeitgenössischer Chronist berichtet von „3.000 und mehr inficirten Personen“ und darüber“, dass „vmb die gantze Stadt herumb fast alle Lust- vnnd Wein-Gärten, Gässen vnnd Straßen mit Toten- vvnd Kranken Leuten angefüllet,  ja sogar dass man nicht Leuth genug haben kunte, die Toten vnter die Erden zu bringen, vnnd daher es bisweilen geschahe, daß mit dem Tode allebreit Ringenden, auff Wägen vnter die Todten geleget vnnd mit einander in die hierzu gemachte Gruben geworffen worden“ (Johann Konstantin Feigius, Wunderbarer Adlers Schwung, Wien, 1694).

Wiens letzte Pestepidemie 1713 konnte wegen verbesserter Hygienemaßnahmen und mit Hilfe der Ausrottungskampagnen der Ratten in ganz Europa etwa ab 1740 eingedämmt werden. Ein Antibiotikum gegen die Pest wurde erst nach 1894 gefunden, nachdem der Schweizer Alexander Yersin den Pesterreger entdeckt hatte.

 

Michel Serre: Le chevalier Roze déblayant la Tourette au plus fort de la peste (1720)

 

Paul Fürst: Der Doctor Schnabel von Rom (1656)

Doch die Pest sollte nicht die letzte Pandemie bleiben. Durch die sich 1918 und 1919 in drei Wellen verbreitende sog. „Spanische Grippe“ fanden nach Schätzungen in Deutschland rund 40.000, global 25 Millionen bis etwa 50 Millionen Menschen den Tod.

Im Vergleich dazu gingen die „Asiatische Grippe“ von 1957 mit weltweit 1 bis 2 Millionen, davon in Deutschland geschätzten 30.000 Todesopfern und die Hongkong-Grippe 1967/68  mit rund 1 Million Toten (nach anderen Schätzungen 750.000 bis 2 Millionen) noch glimpflich aus.

Bei der derzeitigen durch den Coronavirus verursachten Pandemie bleibt zu hoffen, dass bald ein Impfstoff gegen Covid-19 entdeckt wird, so dass es nicht zu ähnlich hohen Todesraten kommt.

Rezeption

Das Lied bzw. die Figur des lieben Augustins ist seit seiner Entstehung (etwa um 1800) bis heute populär geblieben. Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) komponierte aus dem Lied ein Werk mit acht Variationen. Max Reger (1873–1916) griff die Melodie 1901 in der Sechsten Burleske (op. 58) auf und Arnold Schönberg (1874–1951) hat sie 1908 im 2. Satz seines Zweiten Streichquartetts (op. 10). verarbeitet. Leo Fall (1873–1925) knüpfte an die Berühmtheit des Augustins an und komponierte 1912 eine gleichnamige Operette, die inhaltlich ebenso wenig mit der Geschichte des Sackpfeifers zu tun hat wie der 1921 von Horst Wolfram Geißler (1893–1983) verfasste Roman mit dem Titel.

In Deutschland ist das Lied hauptsächlich als Kinderlied mit einer bzw. zwei Strophen beliebt, was die zahlreichen CDs und Videos (vgl. YouTube) und die 30 Partituren des Deutschen Musikarchivs, vorwiegend für Kinderchöre, belegen. In annähernd 100 Liederbüchern, die mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglich waren, habe ich den „lieben Augustin“ gefunden, häufig allerdings nur mit ein oder zwei Strophen.

In England ist das Lied bekannt als O my dear friend Augustin, und in den USA gibt es das Kinderlied „Ach, du lieber Augustin […] all is kaputt / money gone, honey gone / money gone, honey gone / my goose is cooked.“

In Österreich ist die Figur des lieben Augustins nach wie vor lebendig. Er gilt als „erster echter und legendärster Wienerliedsänger“ und „auch als Urvater der Mentalität des gemütlichen Wieners, der nicht untergeht“ (BR Klassik).

Georg Nagel, Hamburg

Quellen:

Johann Konstantin Feigius: Wunderbarer Adlers Schwung. Wien 1694.

Moritz Bermann: Die schönsten Sagen aus Österreich. Wien 1865.

Nanette Peithmann: Der Schwarze Tod – Die Pest wütet in Europa. In: Planet Wissen

Die Pest: Der schwarze Tod des Mittelalters. In: Geolino

www.sagen.at

timetravel-vienna.at

www.mein-oesterreich.info

www.augustin.ws

 

Prophetische Landeshymne: Rainald Grebes „Thüringen“

Rainald Grebe

Thüringen

Zwischen Dänemark und Prag,
liegt ein Land, das ich sehr mag.
Zwischen Belgien und Budapest,
liegt 

Thüringen
Das Land ohne Prominente,
haja, gut, Heike Drechsler,
aber die könnte auch aus Weißrußland sein.

Thüringen, Thüringen, Thüringen,
ist eines von den schwierigen
Bundesländern.
Denn es kennt keiner außerhalb von Thüringen.

Im Thüringer Wald, 
da essen sie noch Hunde
nach altem Rezept, 
zur winterkalten Stunde.
Denn der Weg zum nächsten Konsum ist so weit,
zur Winterszeit, zur Winterszeit

Thüringen, Thüringen, Thüringen,
"Das grüne Herz Deutschlands",
Seit wann sind Herzen grün?
Grün vor Neid
aufgrund von Bedeutungslosigkeit.
Grün vor Hoffnung, dass es lange Zeit so bleibt.

Thüringen
Das Land ohne Prominente,
naja, gut, Dagmar Schipanski,
aber die könnte auch in Sofia Professorin für Hammerwurf sein.

Thüringen,
Männer in roten Wandersocken haben hier Lieder gesungen
Thüringen,
Heike Drechsler ist hier so oft über sieben Meter gesprungen.
Thüringen,Thüringen
Goethe ist extra aus dem Westen hergezogen.
Thüringen,
David Bowie ist auch schon einmal drübergeflogen.

Doch warum reduziert man unsere Größe,
auf Würste und Klöße?
Weil die Mamis hier so spitze sind
Weil die Mamis hier so spitze sind
wenn die einmal Kartoffeln reiben,
Möchte man gleich unterm Rock und für immer da bleiben.
Und die Männer wollen im Stillen,
Nur raus in den Garten und Grillen.

     [Rainald Grebe: Das Abschiedskonzert. Sony 2005.]

Dass Thüringen ein schwieriges Bundesland ist – wer wollte dem derzeit widersprechen? Aber was meint das Sprecher-Ich hier genau mit ’schwierig‘? Macht das Bundesland anderen (z.B. Bundesparteivorsitzenden) Schwierigkeiten? Ist es schwierig im Sinne von entbehrungsreich, dort zu leben? Die unmittelbar folgende Zeile eröffnet noch eine dritte Lesart: „Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen.“ – Ist es also für Nicht-Thüringer aufgrund eines Informationsdefizits besonders schwierig, Thüringen bzw. das Verhalten seiner Bevölkerung zu verstehen?

Der Mangel des Sprecher-Ichs an Wissen über Thüringen wird bereits bei den grotesk vagen geographischen Angaben „Zwischen Dänemark und Prag“ und „Zwischen Belgien und Budapest“ deutlich – hier spricht nicht der Sänger Rainald Grebe, der zwar in Westdeutschland geboren ist, aber in Jena am Theatherhaus gearbeitet hat und Thüringen entsprechend kennt; vielmehr inszeniert er hier komisch überzeichnet einen ignoranten westdeutschen Blick auf das Bundesland (wie auch in seinen Hymnen auf die übrigen „schwierigen“ neuen Bundesländer: Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, und Doreen aus Mecklenburg).

Bereits die erste Charakterisierung des Lands, das das Sprecher-Ich angeblich „sehr mag“ erfolgt über ein behauptetes Defizit: das Fehlen von prominenten Personen, die aus diesem Budnesland stammen. Dabei widerspricht das Sprecher-Ich sich an beiden Stellen, an denen es diese These vorbringt, gleich selbst, indem es prominente Thüringerinnen nennt, die ihm dann doch einfallen. Und zwar durchaus sogenannte A-Prominente: Heike Drechsler zählt mit olympische Medallien in drei verschiedenen Disziplinen, darunter zwei Goldmedallien im Weitsprung, sowie Welt- und Europameistertiteln zu den prominentesten Leichtathletinnen Deutschlands. Besonders ist ferner, dass Sie sowohl für die DDR als auch nach der Wiedervereinigung für die BRD olympische Medallien gewann und in beiden Staaten „Sportlerin des Jahres“ wurde (1986 und 2000) (vgl. Wikipedia). Diese Erfolge wurden zwar durch das Bekanntwerden des detailliert dokumentierten Dopings Drechslers in der DDR getrübt; dass das Sprecher-Ich im Lied Drechslers Bedeutung jedoch mit dem Hinweis wegwischt, sie könne ebensogut aus Weißrussland stammen, ist mehr als ein Verweis auf das (nicht nur) in den Staaten östlich des Eisernen Vorhangs Pakts staatlich organisierte Doping und damit eine punktuellen Gemeinsamkeit in typischen Sportlerbiografien aus totalitären Systemen zu verstehen. Die Abwertung ist umfassender, sie stellt Drechslers Rolle als gesamtdeutscher Sportstar aus den neuen Bundesländern in Frage und identifiziert sie ausschließlich mit dem politischen System, in dem sie sozialisiert worden ist. Übertragen auf alle Thüringer (oder Ostdeutsche) hieße dies, dass diese anderen Osteuropäern, mit denen sie die Erfahrung des Lebens im sozialistischen Totalitarismus teilen, näher stehen als z. B. Bayern, die nur wenige Kilometer entfernt aufgewachsen sind.

Wenn dann auch noch Dagmar Schipanski, die rennomierte Professorin für Festkörperelektronik und ehemalige Rektorin der TU Ilmenau, Vorsitzende des Wissenschaftsrates der BRD, Vorsitzende des Ausschusses für Kulturfragen im Bundesrat, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und 1999 Kandidatin für das Amt des Bundespräsidentin, die nun rein gar nichts mit Sport zu tun hatte, mit dem Hinweis, sie könne „auch in Sofia Professorin für Hammerwurf sein“ abgewertet wird, wird endgültig klar, dass es dem Sprecher-Ich nicht um eine Kritik speziell am Sport- und Dopingsystem des sozialistischen Osteuropas geht.

Auch der weitere Text insistiert vor allem auf der Zugehörigkeit Thüringens zur DDR: Das Hinterwäldlerklischee (Hunde „nach altem Rezept“ zubereiten) wird über die Nennung des weit entfernten „Konsum“ ebenso mit der DDR in Bezug gesetzt wie der historisch gesehen wohl bekannteste Prominente des Landes, der gebürtige Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe, über den es geographisch zutreffend, historisch jedoch irreführend heißt, er sei „extra aus dem Westen hergezogen“ – DDR-und Nachwende-Zeit werden hier sogar auf die noch weiter zurückliegende Vergangenheit projiziert.

Flankiert wird diese Festlegung der Regionalidentität auf das sozialistisch-totalitäre Erbe von Verweisen auf die angebliche Provinzialität und Bedeutungslosigkeit des besungenen Bundeslands: David Bowie, der phasenweise in Berlin gelebt und gearbeitet hat, habe Thüringen lediglich überflogen – die Bezeichnung „fly over states“ für das amerikanische Kernland zwischen Ost- und Westküste drückt dieselbe Geringschätzung aus. Die  Metaphorik des Touristikslogans „Das grüne Herz Deutschlands“, der für die dichte Bewaldung Thüringens werben soll, wird zunächst wörtlich genommen („Seit wann sind Herzen grün?“) und dann farbsymbolisch (Neid, Hoffnung) gegen den Strich interpretiert – einerseits dahingehend, dass das Bewusstsein der eigenen Bedeutungslosigkeit Neid auf bedeutsamere Bundesländer erzeuge, andererseits dahingehend, dass die Hoffnung bestehe, weiterhin unbeachtet zu bleiben. Dieser scheinbare Widerspruch erscheint bei genauerer Betrachtung psychologisch gar nicht so unvereinbar: Denn jemanden um etwas, das man nicht hat, zu beneiden ist durchaus auch dann möglich, wenn man tatsächlich Angst davor hätte, in der Position des anderen zu sein – man kann ein Model um sein Aussehen beneiden und zugleich bei der Vorstellung erschauern, sich voyeuristisch beobachten zu lassen. Ebenso können Provinzbewohner einerseits ihre Provinzialität als Defizit an Weltläufigkeit empfinden und sich andererseits in der Provinz geborgen fühlen. Dieser Aspekt des Aufgehobenseins im  Provinziellen wird im letzten Versblock deutlich: Hinter den bekannten kulinarischen Spezialitäten stehen gegendert identitätsstiftende soziale Praktiken: Die Mütter vermitteln Geborgenheit im Häuslichen, wohingegen die Männer im – frelich bereits kultivierten und wenig feindlichen – Draußen ihrerseits Essen zubereiten – Fleisch natürlich, soviel Jäger muss bleiben.

Was sagt uns das alles nun? Zunächst, dass Rainald Grebe ein genauer Beobachter ist – sowohl des Beobachtungsobjekts Thüringens und seiner Bewohner als auch der (westlichen, urbanen) Beobachter desselben. Was er hier inszeniert, ist die Konstruktion einer trotzigen Regionalidentität zwischen dem abwertenden Othering von außen (bzw. drüben), eigenen Minderwertigkeitsgefühlen und im familiären Umfeld wurzelner Zugehörigkeit, derer man sich in Alltagsritualen vergewissert. Leistet das auch einen Beitrag zur Erklärung regional abweichenden Wahlverhaltens? Zur Beantwortung dieser Frage bedürfte es einer anderen Datengrundlage als eines Songtextes. Denn aus der Interpretation kultureller Artefakte können wohl Hypothesen über gesellschaftliche Verhältnisse gewonnen werden; ihre Überprüfung muss aber immer an der Realität stattfinden. Also auf ins grüne Herz Deutschlands!

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

Seemannsgarn. Zu Achim Reichels „Aloha heja he“

 

Achim Reichel

Aloha heja he 

Hab die ganze Welt gesehn'
von Singapur bis Aberdeen,
wenn du mich fragst, wo's am schönsten war,
sag ich: Sansibar
Es war 'ne harte Überfahrt,
zehn Wochen nur das Deck geschrubbt.
Hab' die Welt verflucht, in den Wind gespuckt
und salziges Wasser geschluckt.

Als wir den Anker warfen, war's himmlische Ruh'
und die Sonne stand senkrecht am Himmel.
Als ich über die Reling sah, da glaubte ich zu träumen:
Da waren tausend Boote und die hielten auf uns zu
In den Booten waren Männer und Frau'n,
ihre Leiber glänzten in der Sonne
und sie sangen ein Lied,
das kam mir seltsam bekannt vor,
aber so hatt' ich's noch nie gehört,
uuh, so hatt' ich's noch nie gehört:

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

Ihre Boote machten längsseits fest
und mit dem Wind wehte Gelächter herüber.
Sie nahmen ihre Blumenkränze ab
und warfen sie zu uns herüber,
he und schon war die Party im Gange.

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

Ich hab das Paradies geseh'n,
es war um 1910,
der Steuermann hatte Matrosen am Mast,
und den Zahlenmeister ham' die Gonokokken vernascht,
aber sonst war'n wir bei bester Gesundheit.

Aloha heja he aloha heja he aloha heja he
Aloha heja he aloha heja he aloha heja he

     [Achim Reichel: Aloha heja he. WEA 1991.]

Seit 2007 werden auf Youtube Videos mit Titeln wie „Reactions to Two girls one cup“ hochgeladen, die die Menschen bei der Erstrezeption eines Trailers des Koprohpahie-Porno Hungry Bitches zeigen (vgl. Wikipedia; erstes Video mit 14 Millionen Aufrufen hier, ein beispielhafter Zusammenschnitt hier). Das aufgrund der Notwendigkeit von Webcams und Videoplattformen noch recht junge „Reaction“-Genre könnte man erfolgversprechend erweitern um „Intersectional feminists reacting to Aloha heja he“ – die Reaktionen wären kaum weniger fassungslos als bei „Two girls one cup“. Denn ideologiekritisch betrachtet ist das, was in diesem Lied erzählt wird, ein rassistisch-sexistisch-exotistischer Alptraum.

Achim Reichel, als The Rattles-Sänger und später Vorreiter sowohl der elektronischen Musik (mit A.R. & Machines) als auch der neuen Volksmusik einer der interessantesten Musiker und Produzenten seiner Generation, nimmt hier eine der traditionsreichsten mann-männlichsten Sprechrollen ein: die des Seemanns, der alle sieben Weltmeere befahren hat. In der ersten Strophe belässt er es bei den gängigen Topoi vom rauhen Leben an Bord, bei dem das Deckschrubben (ähnlich wie das Waffenreinigen bei der Armee) u.a. dazu diente, die meist rein männliche Besatzung zu beschäftigen und so Langeweile mit Suff und Konflikten zu vermeiden; das Schlucken salzigen Wassers deutet hingehen auf Phasen mit rauher See oder Stürmen hin.

Im Kontrast zu den Härten des Alltags auf See steht in der zweiten Strophe die Idylle Sansibars mit nun nicht mehr feindlicher Natur und freundlichen Einheimischen – ein Szenario, das im Sprecher Assoziationan an den (religiösen) Himmel („himmlische Ruh'“) und einen Traum aufkommen lässt. So weit, so unspektakulär. Die erste Irritation kommt auf, wenn das Glänzen der „Leiber“ in der Sonne hervorgehoben wird – selbst wenn man vom objektivierenden Blick, der in „Leiber“ zum Ausdruck kommt, absieht: Denn das Bild (halb-)nackter Eingeborener passt so gar nicht zum muslimisch geprägten Sansibar (vgl. zur traditionellen Kleidung hier). Und wenn dann das Lied der Einheimischen mit der hawaiianischen Grußformel „Aloha“ beginnt, ist endgültig klar, dass dem Sprecher Eingeborene gleich Eingeborene sind, egal wie groß die georgaphische, ethnische und kulturelle Distanz ist. Und so ist es auch nur konsequent, wenn in der nächsten Strophe die ebenfalls mit Hawaii assoziierten Blumenkränze auftauchen (entsprechend kostümierte Tänzerinne begleiteten auch einen Auftritt Reichels im ZDF). Die folgende „Party“ beinhaltet natürlich auch sexuelle Ausschweifungen, was durch die Erwähnung der Gonokokkeninfektion in der Schlussstrophe noch verdeutlicht wird. Hier kommt die gängige exotistische Projektion zum Tragen, dass außerhalb Europas und Nordamerikas Sexualität freier gelebt werde (eine Annahme, der etwa auch auch die Kulturanthropologin Margaret Mead aufsaß, vgl. dazu Peter Sandmeyer: Samoa: Die Illusion von der Südsee-Idylle).

Ansonsten bietet die Schlusstrophe noch eine Datierung: Die Fahrt fand 1910, in der Spätphase der Hochseesegelschiffahrt, statt. Damit wirkt das entworfene Szenario noch unrealistischer: Denn Sansibar war seit dem 10. Jahrhundert arabisch geprägt, und seit Anfang des 16. Jahrhunderts nacheinander von Portugiesen, Arabern, Deutschen und Briten beherrscht, weshalb die Ankunft eines Schiffs mit Europäern Alltag und keineswegs ein soziales Großereignis gewesen sein dürfte.

Wie nun umgehen mit diesen Beobachtungen? Falsch wäre es sicherlich, in einem interpretatorischen Kurzschluss Achim Reichel zum Rassisten und Sexisten zu erklären. Denn ebenso, wie anlässlich den rechten Aggressionen anlässlich des Umweltsau-Lieds des WDR (vgl. Interpretation hier), die in Morddrohungen und Einschüchterungen gegen Beteiligte und Unbeteiligte mündeten, ist auch bei Aloha heja he daran festzuhalten, dass es sich bei Songtexten grundsätzlich um Rollenrede handelt. In diesem Fall ist die Sprecherrolle sogar sehr konkret ausgestaltet: Es erzählt ein (mutmaßlich alter) Seemann von seinen früheren nautischen und erotischen Abenteuern. Angesprochen wird ein nicht näher bestimmtes Du – ob es tatsächlich gefragt hat, wo es dem Weitgereiste am besten gefallen habe, oder ob dieser selbst dem Du die Frage nur in den Mund legt und gleich selbst beantwortet, bleibt offen, denn man hört ja nur den Seemann. Als Redesituation denkbar wäre ein Szenario, in dem dieser, z.B. ganz klassisch an der Bar, einen Fremden, der zufällig neben ihm sitzt, oder den Barkeeper als captured audience schlicht vollschwallt.

Hier wird auch der (frühere) Beruf des Erzählers bedeutsam: Denn Seeleuten wird traditionell unterstellt, bei den Schilderungen ihrer Erlebnisse durchaus kreativ mit der Wahrheit umzugehen (man denke an Käpt’n Blaubär), was sogar in einem eigenen Genrebegriff für derartige, meist mündlich vorgetragene Abenteuergeschichten mit nur losem Realitätsbezug seinen Niederschlag gefunden hat: Seemannsgarn. Dazu passt auch die Hyperbel, dass angeblich tausend Boote auf das Schiff zusteuerten. Rezipiert man den Text dergestalt als in sich widersprüchliche Geschichte eines unzuverlässigen Erzählers, so kann man die wilde Mischung von Klischees und die prahlerisch zur Schau gestellte Mann-Männlichkeit durchaus amüsiert goutieren – und das ist für die eigene Psychohygiene allemal gesünder, als sich darüber zu erregen.

Martin Rehfeldt, Bamberg