Das Politische ist privat. Zu „Westerwelle“ von Funny van Dannen

Funny van Dannen

Westerwelle 

Ich fand mich immer ziemlich sympathisch, trotz einiger seltsamer Macken
Aber seit gestern gibt es etwas, daran habe ich echt zu knacken
Es war nur ein Traum, doch was heißt das schon, das macht es ja nur noch schlimmer
Ich habe scheinbar Neigungen, davon hatte ich keinen Schimmer
Dabei war ich mir so sicher, ich hätte auf alles geachtet
Aber gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet
Ja gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet

Jetzt frage ich mich natürlich, bin ich schwul oder liberal
Oder bisexuell oder alles zusammen oder ist mir schon alles egal
So etwas passiert nicht einfach so, das ist nicht nur Fantasie
Nein damit ist nicht zu spaßen, das ist Tiefenpsychologie
Ich weiß, dass auch ihr enttäuscht seid und dass ihr mich zutiefst verachtet
Denn gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet
Ja gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet

Ich weiß nicht, wie es dazu kam, alles wirkte unglaublich vertraut
Vielleicht habe ich in den letzten Jahren zu oft in die Glotze geschaut
Wir haben uns prima verstanden, wir haben auch sehr viel gelacht
Und ich schäme mich, aber es ist die Wahrheit, ich hab ihm auch noch Frühstück gemacht
Jetzt wisst ihr es, ich bin ganz anders, als ihr wahrscheinlich dachtet
Denn gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet
Ja gestern Nacht hat Guido Westerwelle bei mir übernachtet

Jetzt bin ich natürlich auf alles gefasst, ich weiß jetzt, ich bin ein Ferkel
Ich muss mit dem Schlimmsten rechnen; eine Nacht mit Angela Merkel
Obwohl, man soll ja fair sein, eine Steigerung gibt es noch:
auf dem '58er Jahrgangstreffen, einen Tango mit Roland Koch.

     [Funny van Dannen: Herzscheiße. Trikont 2003.]

„Das Private ist politisch“ lautete der zentrale Satz der ‚Politik der ersten Person‘, wie sie in der Frauenbewegung der 1970er  Jahre vertreten wurde. Dieser Satz beinhaltet die Forderung, gerade auch im Zwischengeschlechtlichen auf politisch erhobenen Forderungen zu insistieren. In Funny van Dannens Lied erlebt das Sprecher-Ich zu seinem Leidwesen eine Umkehrung dieser Grenzaufhebung: Das Politische erweist sich plötzlich als privat, ja intim, indem ein Akteur des Politikbetriebs in seinen Träumen auftaucht – und zwar nicht als Figur der Politik, sondern als liebenswerte Person.

Ein solches Erlebnis mag irritierend sein, aber warum stürzt es das Sprecher-Ich gleich in eine Identitätskrise? Zunächst einmal wäre hier sein offenbar an der (Freud’schen) Traumdeutung orientierte Traumverständnis zu nennen. Träume sind demnach nicht „nur Phantasie“ (die zudem aus psychoanalytischer Sicht nicht minder aufschlussreich wäre), sondern tiefenpsychologisch aufschlussreich: „Ich habe scheinbar Neigungen, davon hatte ich keinen Schimmer“ („scheinbar“ wird hier wohl umgangssprachlich im Sinne von „anscheinend“ gebraucht und impliziert somit nicht, dass sich der Verdacht als unbegründet erweisen werde). Auch dass die Erklärung, Westerwelle könne aufgrund seiner hohen massenmedialen Präsenz seinen Weg in den Traum als ‚Tagesrest‘ gefunden haben („Vielleicht habe ich in den letzten Jahren zu oft in die Glotze geschaut“), das Sprecher-Ich nicht beruhigt, ist vor dem Hintergrund der Traumdeutung nachvollziehbar, denn ein solcher findet nur dann Eingang in den Traum, wenn er mit einem unbewussten, verdrängten Wunsch verknüpft ist. Genau diesen versucht das Sprecher-Ich zu ergründen.

Dabei zieht es als Möglichkeiten die zwei in der Öffentlichkeit präsentesten Attribute Westerwelles in Erwägung: Seine Homosexualität und seine Parteizugehörigkeit. Die Aussicht, mit Positionen der FDP zu sympathisieren, beunruhigt das Sprecher-Ich dabei ebenso wie die, homo- oder bisexuelle Neigungen zu haben. Der Sprecher scheint sich also analog zur ‚sexuellen Identität‘ eine ‚politische Identität‘ zuzuschreiben, die er bis zu seinem Traum als stabil betrachtet und offenbar sogar bewusst vor sie eventuell verändernden Einflüssen geschützt hat („Dabei war ich mir so sicher, ich hätte auf alles geachtet“).

Im weiteren Verlauf des Textes legt er sich dann offenbar darauf fest, dass Westerwelle nicht aufgrund seiner Homosexualität sondern seiner politischen Positionen eine Rolle in seinem Traum gespielt hat: Denn er fürchtet nicht Träume mit weiteren prominenten Homosexuellen, sondern mit weiteren Politikern – dass es sich dabei um Konservative handelt, ermöglicht es, die politische Identität des Sprecher-Ichs näher zu bestimmen: Dass ihm der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch als Klimax des Schreckens erscheinen, deutet darauf hin, dass er sich selbst und seine Peer-Group, von der er Verachtung für seinen Traum erwartet, politisch eher links verortet.

Neben ihrer politischen Positionierung besteht eine weitere Gemeinsamkeit der Genannten in ihrer hohen medialen Präsenz. Guido Westerwelle hatte mit dem „Projekt 18“ (u.a. mit einer gelben „18“ auf den Schuhsohlen) sowie dem „Guidomobil“ den Wahlkampf der FDP geführt und die Popper-Ästhetik der 1980er Jahre rekultiviert. Angela Merkel stand als Oppositionsführerin im medialen Fokus, wobei ihre – damals noch nicht von Udo Walz hergestellte – Frisur Anlass zu diversen, selten lustigen Scherzen sowie zu einem BILD-Aufruf, eine neue Frisur für sie zu wählen, bot. Roland Koch schließlich profilierte sich mit Aktionen wie der Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft als Rechtsaußen der CDU.

Das Sprecher-Ich treibt nach seinem Westerwelle-Traum nun vordergründig die Angst um, dass mit der medialen Präsenz ein Gewöhnungseffekt eingesetzt habe und aus der sachlichen eine politische und emotionale Vertrautheit geworden sei. Betrachtet man diese Angst nun wiederum, wie für den Traum vom Sprecher-Ich selbst vorgeschlagen, psychoanalytisch, so lässt sich vermuten, dass es nicht lediglich um eine Verunsicherung ob der eigenen politischen Präferenzen geht. Wovor der Sprecher tatsächlich Angst hat, darüber gibt der fiktive Anlass des Tangos mit Roland Koch Aufschluss: Das Ich ist Jahrgang 1958, also zum Veröffentlichungszeitpunkt des Liedes 45 Jahre alt und somit im besten Midlife-Crisis-Alter. Vor diesem Hintergrund wird die zunächst verwunderliche Intensität der Irritation, die sein Traum auslöst, verständlich. Denn politisch linke Auffassungen implizieren meistens ein Aufbegehren gegen bestehende Verhältnisse und weisen damit eine Nähe zu einer emotionalen Verfasstheit auf, die in der Adoleszenz und Postadoleszenz verbreitet ist. Somit kann das Aufgeben entsprechender Positionen zugunsten solcher, die die bestehenden Verhältnisse affirmieren, assoziiert werden mit dem Älterwerden – und damit, aus noch an Idealen der Jugend orientierter Perspektive, mit einem Identitätsverlust durch Sich-Einfügen („Irgendwann werde ich mich intergrieren“ lautet in eben diesem Sinne der Kehrreim eines späteren Lieds von Funny van Dannen, in dessen Strophen jeweils verbreitete Verhaltensweisen und Einstellungen aufgezählt werden, von denen das Sprecher-Ich annimmt, es werde sie zu einem späteren Zeitpunkt übernehmen). So erweisen sich Politisches und Privates tatsächlich als untrennbar, wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als es die Politik der ersten Person gefordert hatte: Nicht das Private wird als Kampfplatz des Politischen begriffen, sondern die politischen Auffassungen als Ausdruck der individuellen Lebenssituation.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Ode an den Schlager. Zu „Nana Mouskouri“ von Funny van Dannen

Funny van Dannen

Nana Mouskouri

Es ist heute nicht leicht, durch das Leben zu geh'n
Überall scheint das Glück schon zerbrochen
Es gibt viele, die werden hart und brutal
Wie zum Beispiel mein alter Freund Jochen
Er ist mittendrin im Immobiliengeschäft
Und er sagt, dass er schnell ist und gut
Und er sagt:"Für Gefühle hab ich keine Zeit."
Doch ich sage: "Du lügst, tut mir leid."

Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich hab' dich gesehen, mein Freund
Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich war auch da und du hast geweint

Es ist heute nicht leicht, durch das Leben zu geh'n
Viele lernen Karate und Judo
Das ist nicht verkehrt in der Zeit der Gewalt
Gestern traf ich meinen Vetter Udo
Er ist Fußballprofi, er kennt alle Tricks
Und ich weiß, dass er schnell ist und gut
Und er sagt:"Für Gefühle hab ich keine Zeit."
Doch ich sage: "Du lügst, tut mir leid."

Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich hab' dich gesehen mein Freund
Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich war auch da und du hast geweint

Auch Angelika traf ich, es war letzte Nacht
Sie sah gut aus, verdammt elegant
Sie war in Begleitung, ein reizender Kerl
Sie staunte, dass ich immer noch singe
Und sie sagte, dass ihr die Musik nichts mehr gibt
Jetzt zählen für sie andere Dinge
Doch auch sie war im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich sah sie am Bühnenrand stehen
Obwohl ich an dem Abend eine dunkle Brille trug
Hab ich sie ganz genau gesehen

Gib es zu, gib es zu, gib es zu, gib es zu
Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich hab' dich gesehen, mein Freund
Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert
Ich war auch da und du hast geweint

     [Funny van Dannen: Clubsongs. Trikont 1995.]

Das, was man nach Luhmann „Selbstreferenzialität der Medien“ nennen mag, begegnet uns ständig: Journalisten kritisieren journalistische Arbeitsweisen, Autoren schreiben Satiren auf den Literaturbetrieb, Filmemacher drehen Remakes ihre Lieblingsfilme, Schauspieler interviewen sich auf der Bühne gegenseitig zu ihren größten Erfolgen, Moderatoren „crosspromoten“ beieinander ihre jeweiligen Talkshows etc. Das langweilt oft. Mitunter kann es aber auch interessant werden, zum Beispiel wenn der Liedermacher Funny van Dannen auf seinem Debütalbum Clubsongs (1995) ein nach Schlagerstar Nana Mouskouri benanntes Lied singt. Erzählt wird darin von zweimal drei Begegnungen: In den Strophen sind es die alltäglichen Aufeinandertreffen mit „Jochen“, „Udo“ und „Angelika“; drei Menschen unserer Gesellschaft, die das Sprecher-Ich laut Refrain zuvor schon in einer ganz anderen Situation gesehen hatte, nämlich bei einem Konzert eben jener Sängerin.

Im Alltag stellt man fest, es sei „heute nicht leicht durch das Leben zu gehen“. Dieser Grundtenor bestimmt die skizzierten Smalltalks. Man trifft sich, man tauscht Oberflächlichkeiten aus und findet Gemeinplätze über die Härten des Lebens: „überall scheint das Glück schon zerbrochen“. In der heutigen „Zeit der Gewalt“ sei es wirklich „nicht leicht durch das Leben zu gehen“. Man werde „hart und brutal“ in einem sozialen Klima, in dem man bestenfalls „schnell ist und gut“. Jochen ist im Immobiliengeschäft, Udo ist ein Fussballprofi. Da geht es um dreckige Machenschaften und um Erfolg, den man in Geld misst. Hauptsache ist, man „kennt alle Tricks“. Das ist die kalte Leistungsgesellschaft, in der jeder schauen muss, wo er bleibt, in der es vermeintlich jedem an Zeit fehlt, zumindest an Zeit „für Gefühle“.

Als Gegenwelt zu diesem erbarmungslosen Alltag wird ein musikalischer Abend inszeniert. Auf all das, was über das besagt harte Leben vorgebracht wird, antwortet das Sprecher-Ich mit einem Verweis auf Nana Mouskouris Konzert. Zwar behauptet Angelika, dass ihr „die Musik nichts mehr gibt“, doch war auch sie dort und hat – ebenso wie die beiden Männer Jochen und Udo – vor Rührung geweint. In einem sozialen Umfeld, in dem es erstaunt, wenn jemand noch musiziert, verheimlicht man solche Gefühlsausbrüche natürlich. Selbst das Sprecher-Ich, das, weil es eben singt, doch eigentlich die Rolle des hoffnungslosen Romantikers ausfüllt, trug am besungenen Abend „eine dunkle Brille“. Sein Aufruf, offen dazu zu stehen, mag entsprechend auch ein wenig Selbstbefreiung sein: Geben wir es alle miteinander zu. „Ich habe dich gesehen, mein Freund“ klingt einerseits wie „Sie wurden überführt, Sie Schlawiner“; „mein Freund“ kann man aber durchaus auch wörtlicher verstanden werden – ein bisschen so, als ob der Zauber der Musik alle Menschen Brüder werden lässt.

Nana Mouskouri ist nicht irgendeine Sängerin: Die „ewiggleiche Griechin“ (Rainer Moritz: Und das Meer singt ein Lied. Hamburg: mare 2004, S. 25) steht für Jahrzehnte voller eingängig vertonter Emotionen. In Deutschland berühmt wurde sie durch Weiße Rosen aus Athen (1961), ein Lied über Heimweh, Meer und zärtliche Erinnerung. Ihre unzähligen Folgehits hießen dann etwa Was in Athen geschah… (klingt wie ein Märchen) (1962), Sieben schwarze Rosen (1975), Liebe lebt (1981) und Aber die Liebe bleibt (Only Love) (1987); ihre Alben trugen u. a. die beinahe programmatischen Titel Die Welt ist voll Licht (1976), Glück ist wie ein Schmetterling (1978), Vergiß die Freude nicht (1984)oder eben auch Konzert der Gefühle (1988). Diese „Schmalz-Drosel“ (so bezeichnet im Spiegel 1997 in einem sehr lesenswerten Artikel über Funny van Dannen) verkaufte weltweit viele Millionen Platten, sie gilt folglich als kommerziell zweiterfolgreichste Musikerin nach Madonna (vgl. etwa Welt online). Doch anders als die „Queen of Pop“ war die „Schlagerkönigin“ nie gestylte Modepuppe, anders als die kühl wirkende Diva sprach Mouskouri ihr breites Publikum beständig mit warmherzigem Schlager an.

Was Schlagermusik ausmacht, wurde und wird verschiedentlich definiert. Vielen Beschreibung gemeinsam ist jedoch, dass der Schlagerbegriff nicht mehr nur auf den kommerziellen Erfolg des Musikstückes bezogen wird, sondern auf meist „deutschsprachige und leicht eingängige Unterhaltungsmusik“ (Oliver Bekermann: „Wunder gibt es immer wieder“. Eine Untersuchung zur gegenseitigen Abhängigkeit von Alltagskommunikation und Deutschem Schlager. Norderstedt: Books on Demand 2007, S. 15), die „die Menschen erfreuen und normalerweise wenig problembehaftete Inhalte transportieren soll“ (ebd.). Es geht es um Texte, „die sehr stark die Gefühlsebene der Rezipienten ansprechen, wie das Glücks- oder Harmonieverlangen“ (ebd.); um Musik, die eine Hörer „mitten in seinen Gefühlskern trifft“ (ebd.). Der „Warencharakter als Produkt für einen saisonalen Markt“ (André Port le Roi: Schlager lügen nicht. Essen: Klartext 1998, S. 9) rückt bei Funny van Dannens Nana Mouskouri eindeutig in den Hintergrund, nicht jedoch der Aspekt, dass Schlager peinlich ist. Einerseits wird der Eskapismus mittels Musik gefeiert, andererseits eben diese Peinlichkeit hochgenommen.

Der Spiegel schrieb einmal, van Dannen „verspottet auf liebevolle Weise“ (Der Spiegel). Tatsächlich kann hier kaum mehr zwischen zärtlicher Ironie und bedächtigem Pathos unterschieden werden. Hans-Peter Ecker schrieb neulich über den Trost, den van Dannens Lieder spenden können. Das deckt sich mit dem durch den Künstler einmal artikulierten und in Nana Mouskouri verhandelten Anspruch, Kunst solle „den Menschen neue Energien geben“ (ebd.) – es entspricht letztlich auch der Wirkung dieses Liedes. Es erscheint mitunter wirklich „nicht leicht durch das Leben zu gehen“, ein bisschen Besserung verschafft uns vielleicht die Musik, sei es seichte Schlagermusik oder eben die hintersinnige von Funny van Dannen.

Martin Kraus, Bamberg

Gleiche Unterhosen sind in der Liebe nicht alles: „Tarzan ist tot“ von Funny van Dannen

Funny van Dannen

Tarzan ist tot

Tarzan ist tot, Jesus fragt Jane:
„Tarzan ist tot, willst Du mit mir gehen?“
Jane sagt: „Na ja, das musst Du verstehen,
du bist nicht wie er.“ Aber Jesus liebt Jane.

Jesus liebt Jane, Jesus liebt Jane,
aber Jane will nicht mit ihm gehen.
Ich liebe Dich, und das ist kein Problem,
denn Du liebst mich, aber Jesus liebt Jane.

Jesus sagt: „Ich kann über Wasser gehen.“
„Na ja“, sagt Jane, „das will ich sehen.“
Er geht übers Wasser, er glaubt sich am Ziel.
Da sagt Jane: „Fang mir ein Krokodil!“

Jesus hat Angst, sein Penis wird klein.
Er schaut sich um und fragt: „Muss das sein?“
„Wenn Du mich liebtest“, sagt Jane vorwurfsvoll,
„dann hättest Du jetzt nicht den Lendenschurz voll.“

Jesus sagt: „Komm, was bedeutet das schon?
Immer nur kämpfen ist zu monoton.
Warum denn unschuldige Tiere quälen?
Ich kann Dir ein schönes Gleichnis erzählen.“

„Aehh, Geschichten!“ ruft Jane, „Da schlaf ich gleich ein.
Ein bisschen Action muss schon sein.
Hol was zu essen! Schieß ein paar Giraffen!“
Jesus sagt „Nein, ich hasse Waffen!“

Jane sagt: „Du siehst, es hat keinen Zweck.
Du bist ein Feigling. Los, geh weg!“
Jesus weint, er ruft seine Kumpane.
Jane ruft Cheetah und greift die Liane.

Tarzan und Jesus gehör’n zu den Großen.
Sie hatten die gleichen Unterhosen.
Im Grunde waren sie freundlich und friedlich,
aber sonst waren sie unterschiedlich.

Tarzan ist tot, Jesus fragt Jane:
„Tarzan ist tot, willst Du mit mir gehen?“
Jane sagt: „Na ja, das musst Du verstehen,
Du bist nicht wie er.“ Aber Jesus liebt Jane.

Jesus liebt Jane, Jesus liebt Jane,
aber sie will nicht mit ihm gehen.
Ich liebe Dich, und das ist kein Problem,
denn Du liebst mich. Aber Jesus liebt Jane.

     [Funny van Dannen: Basics. Trikont 1996. Text mit kleinen
     Eingriffen in die Zeichensetzung und Groß-/Kleinschreibung
     nach http://www.funny-van-dannen.de/tabs/basics/16_tarz.pdf.]

Was mir Funny van Dannen (eigentlich Franz-Josef Hagmanns-Dajka, deutscher Liedermacher niederländischer Herkunft, geb. 1958 in Tüddern) so sympathisch macht, ist weniger eine faszinierende Gesangsstimme noch ein virtuoses Gitarrenspiel. Genau genommen verfügt er weder über dieses noch jenes Talent. In ähnlicher Weise könnte man nun systematisch noch weitere Faktoren ausschließen, womit Musikstars ihre Fans gemeinhin für sich einzunehmen pflegen: geschmeidige Bewegungen, hässliche Tatoos, mörderische Frisuren, attraktive Backgroundsängerinnen oder was auch immer sonst. Am Ende ist klar: Es muss an seinen Texten liegen, präziser: an deren freundlicher Zuwendung zu den Menschen auf der Schattenseite des Lebens, zu den vielen kleinen (fallweise durchaus auch einmal großen) Leuten, die einfach nur Pech haben, zu den Loosern eben. Wenn ich beispielsweise nach langer Wanderung mein Ziel im Zustand des Ruhetages vorfinde, tröstet mich Funny mit Versen, deren Evidenz sich jedem sofort erschließt: „Schade, Scheiße, und vielleicht fatal / Schade, Scheiße – aber normal!“ (Zu finden unter Schade – Scheiße auf der CD Groooveman. Trikont 2002.)

Die universale Anwendbarkeit dieses Mantras, das die Parias der Fortuna umgehend resozialisiert, alle narzisstisch Gekränkten sofort wieder mit dem Universum versöhnt, deutet darauf hin, dass Funny ein großer Philosoph ist. Wer sich zu einem tieferen Verständnis des Schade, Scheiße-Prinzips durchgearbeitet hat, kann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht mehr ernsthaft hadern, dass sie schon seit gefühlten Äonen keinen Titel mehr gewonnen hat. Ein Xavier Naidoo könnte sich, Funnys Kernsatz beherzigend, einfach achselzuckend damit abfinden, dass ihm nur unsäglich verkitschte Texte aus der Feder fließen, Angela Merkel dürfte besser mit der Euro-Krise klarkommen und Karl Theodor etc. von und zu Guttenberg mit dem jähen Ende seiner politischen Karriere.

Der Geist des Schade-Scheiße-Weltgesetzes durchströmt schon vor seiner Ausbuchstabierung im Jahre 2002 frühere Songs dieses Liedermachers, u.a. Tarzan ist tot, worum es im Folgenden vorrangig gehen soll. Tarzan ist tot erzählt von einer unglücklichen Liebe. Funny präsentiert uns die bekannte klassische Dreieckskonstellation tragischer Beziehungskisten, allerdings mit einer interessanten Variante, scheint hier durch den Tod eines der Protagonisten doch ein Happy End für den bislang zu kurz Gekommenen unversehens vorstellbar – zumindest diesem selber. Er fühlt sich dem verstorbenen Rivalen adäquat, teilt er doch dessen modischen Geschmack und verfügt auch sonst über beachtliche Fähigkeiten. Z.B. beherrscht er die Künste, übers Wasser zu wandeln und schöne Gleichnisse zu erzählen.

Was ihn in seiner Selbstwahrnehmung zum erotischen Nachfolger des Verstorbenen zu qualifizieren scheint, genügt unglücklicherweise der begehrten Frau nicht. Sie scheint immer noch auf jene Qualitäten ihres Ex-Lovers fixiert zu sein, die der neue Bewerber weder erfüllen kann noch will: So steht Jane beispielsweise auf „Action“ und Machismo. Offensichtlich ist sie auch keine Vegetarierin. Schade, Scheiße. Damit konnte Jesus nicht rechnen, zumal er ansonsten bei Frauen eher gut ankam, wie wir aus kulturhistorischen Quellen wissen.

Interessant ist bei diesem Song des weiteren die abgeklärte Haltung der Erzählinstanz, die wir der Einfachheit halber hinfort „Funny“ nennen wollen. Funny ist – genreuntypisch – emotional nicht engagiert, da er selber in einer glücklichen Beziehung aufgehoben ist: „ Ich liebe Dich, und das ist kein Problem, / denn Du liebst mich.“ Selbst über einen ausgeglichenen Seelenhaushalt verfügend, kann er sich folglich neutral, quasi mit ,interesselosem Wohlgefallen’ einer tragischen Erfahrung vieler Menschen zuwenden, die hier gleichnishaft (!) in der Konstellation Tarzan-Jane-Jesus vorgestellt und erörtert wird. Funny würdigt beide männlichen Protagonisten in ihrer jeweiligen Eigenart („Tarzan und Jesus gehören zu den Großen.“) und denkt auch nicht im Traum daran, Janes Entscheidung zu kritisieren. Wenn sie Jesus erklärt „Du bist nicht wie er“, stimmt er ihr im Prinzip zu: „Im Grunde waren sie [Tarzan und Jesus] freundlich und friedlich, / aber sonst waren sie unterschiedlich.“ Ein großes „Aber“ bleibt allerdings stehen, als ,Riss durch die Welt’ und ist nicht wegzudiskutieren; der letzte Satz des Liedes lautet folgerichtig „Aber Jesus liebt Jane.“

Dass bei der Hörerschaft dennoch keine allzu schlechten Gefühle zurückbleiben, liegt einerseits daran, dass diese einmal mehr auf das mächtige Trostprinzip des „Schade, Scheiße, und vielleicht fatal / Schade, Scheiße – aber normal!“ zurückgreifen kann; und außerdem hat Funny sie wissen lassen, dass Jesus zu seinen Kumpeln und Jane zu Cheetah (Kind-Ersatz?) und Liane (Phallus-Ersatz?) regredieren wird. So lässt es sich auf alle Fälle weiterleben. Vielleicht nicht einmal schlecht.

Hans-Peter Ecker (Bamberg)