Himmelblau durchs Leben: „Azzurro“ (deutscher Text von Kurt Feltz) von Vico Torriani und Peter Rubin (1968)

Für M.H.

 

Vico Torriani/Peter Rubin (Text: Kurt Feltz)

Azzurro

Wär's doch das ganze Jahr lang Sommer 
Mit blauem Himmel und Sonnenschein, 
Braucht' ich mich doch nicht so zu plagen, 
Dann hätt' ich Freizeit, bei dir zu sein! 
Ya, dann könnt' ich in aller Ruhe 
Und voll Erwartung auf dich mich freu'n.

Azzurro, so ist der Himmel für Verliebte, 
Denn azzurro heißt blau. 
Azzurro, so ist die Welt für mich, 
Wenn tief ich in die Augen dir schau. 
Ich merke es immer schlimmer, wie es ist, 
Wenn Du mal nicht bei mir bist. 
Azzurro, so ist mein Leben, 
Weil ich azzurro bin, wenn du mich küßt.

Wär' doch das Geld ein bißchen mehr wert, 
Dann schenkte ich dir einen Bungalow, 
Käm' ich dann schneller ganz nach oben, 
Wär' ich Direktor und du wärst froh. 
Ja, das sind leider alles Träume, 
Wenn du bei mir bleibst, dann geht's auch so.

Azzurro, so ist der Himmel für Verliebte [...]

Ich träum' so oft von langen Ferien 
Mit weiten Reisen irgendwo hin. 
Dann trage ich nur einen Koffer 
Mit zwei Pyjamas und D-Mark drin. 
Doch bis das wahr ist, will ich froh sein, 
Wenn ich das Glück hab und bei dir bin.

Azzurro, so ist der Himmel für Verliebte [...]

     [Vicco Torriani: Azzurro. Philips 1968.]

Die deutsche Italiensehnsucht treibt mitunter seltsame Blüten, wie sich auch an diversen Exemplaren unseres populären Liedgutes nachweisen lässt. Das oben vorgestellte und nachfolgend zu kommentierende Beispiel für entsprechende Hervorbringungen ist die deutsche Cover-Version eines italienischen Popsongs aus den späten 1960er Jahren, dessen Urheberschaft Paolo Conte und Michele Virano (Komposition) bzw. Vito Pallavicini (Text) beanspruchen dürfen. Zu seinem überragenden kommerziellen Erfolg im Jahre 1968 verhalf dem Titel die Interpretation Adriano Celentanos. Der einschlägige Wiki-Artikel weiß, dass „Azzurro“ nach Celentano noch von etlichen anderen Rampengrößen (Mina, Gianni Morandi, Fiorello, Bruno Grassini), ja selbst von der italienischen Fußball-Nationalmannschaft, der Squadra Azzurra, (Spitzname nach den Trikots: Gli Azzurri), vorgetragen wurde. Paolo Conte, nicht nur Komponist, sondern quasi ein Allroundkünstler, also auch Musiker und Sänger, veröffentlichte erst 1985 eine eigene Version.

In den 1960er Jahren war die europäische Schlagerindustrie so eng vernetzt, dass die großen Hits eines bestimmten Sprachraums ziemlich schnell übersetzt bzw. gecovert und exportiert wurden. So kann es nicht verwundern, dass die Melodie von Celentanos italienischem Kassenschlager schon bald über deutsche Wellen tanzte, unterlegt mit vertrauter Sprache. Vico Torriani (1968) und Peter Rubin (1968), später auch Peter Alexander (1988; allerdings mit neuem deutschen Text) und andere mehr wagten sich an die mitunter reichlich sperrigen Verse („ich merke es immer schlimmer, wie es ist“) der deutschen Coverversion heran, die sich inhaltlich vom Original deutlich absetzt, eigentlich nur das Schlüsselwort „Azzurro“ übernimmt.

Gegenüber der italienischen Textversion Pallavicinis, in der sich die ,love story‘ zwischen Sprecher und geliebter Frau offensichtlich suboptimal entwickelt – ihr Flieger hebt ab, während er unglücklich zurückbleibt –, scheint das Liebesidyll im deutschen Lied nicht ernsthaft gefährdet. Zwar ist die Geliebte nicht immer präsent, auch fliegen die Wünsche des Sängers mitunter in irreale Gefilde, indem sie seine finanziellen Verhältnisse oder die meterologischen Gegebenheiten eines europäischen Jahres überfordern („Wär’s doch das ganze Jahr lang Sommer“), doch kriegt er sich stets schnell wieder ein und besinnt sich auf die basics seines Glücks: „Azzurro, so ist mein Leben, / Weil ich azzurro bin, wenn du mich küßt.“ Somit bleibt hier „Azzurro“ die heitere Symbolfarbe eines ,Himmels der Verliebten‘, während „Azzurro“ im italienischen Original mit Stimmungswerten korrespondiert, die in angelsächsichen Sprachen als blue mood bezeichnet werden.

Dass Kurt Feltz, ein alter Hase im Schlagergeschäft, im Sinne des ökonomischen Erfolgs seiner Produktion sicher gut beraten war, den melancholischen Inhalt des Italo-Hits mächtig aufzuhellen, ergibt sich m.E. fast zwingend aus dem deutschen Italien- bzw. Italiener-Stereotyp: Der Italiener ist zwar ein wenig laut und vielleicht auch ein Schlitzohr, aber dessen ungeachtet – wenn es nicht gerade um Fußball geht – sympathisch, attraktiv, ein großer Lebenskünstler und immer gut drauf, schon wegen des penetrant guten Wetters seiner heimatlichen Gefilde. Wohin sollten wir noch in Urlaub fahren, wenn wir anfangen würden, an solchen Gewissheiten zu zweifeln? Nein, Azzuro in der deutschen Version legt es nicht darauf an, unser Italiener-Bild zu revidieren.

„Azzurro“ – Italienischer Liedtext und deutsche Übersetzung

 

Cerco l’estate tutto l’anno
e all’improvviso eccola qua.
Lei è partita per le spiagge
e sono solo quassù in città,
sento fischiare sopra i tetti
un aeroplano che se ne va.

Azzurro,
il pomeriggio è troppo azzurro
e lungo per me.
Mi accorgo
di non avere più risorse,
senza di te,
e allora
io quasi quasi prendo il treno
e vengo, vengo da te,
ma il treno dei desideri
nei miei pensieri all’incontrario va.

Sembra quand’ero all’oratorio,
con tanto sole, tanti anni fa.
Quelle domeniche da solo
in un cortile, a passeggiar…
ora mi annoio più di allora,
neanche un prete per chiacchierar…

Azzurro […]

Cerco un po‘ d’Africa in giardino,
tra l’oleandro e il baobab,
come facevo da bambino,
ma qui c’è gente, non si può più,
stanno innaffiando le tue rose,
non c’è il leone, chissà dov’è…

Azzurro […]

 

Ich suche den Sommer, das ganze Jahr
Und auf einmal ist er da.
Sie ist zum Strand gegangen,
und ich bin nun alleine hier unten in der Stadt,
ich höre pfeifen oben auf den Dächern
ein Flugzeug, das sie wegbringt.

Blau,
der Nachmittag ist zu blau
und zu lang für mich.
Ich bemerke,
dass ich nicht mehr viele Reserven habe,
ohne dich,
und also
nehme ich fast den Zug
und komme, komme zu dir,
aber der Zug der Wünsche
fährt in die entgegengesetzte Richtung.

Es scheint als wär Sonntagsschule,
mit viel Sonne, die ganzen ganze Jahre.
Diese Sonntage so allein
In einem Hof, spazieren gehen….
Eine Stunde langweile ich mich, mehr als sonst,
nicht einmal ein Pastor zum Schwatzen …

Blau […]

Ich suche etwas Afrika in meinem Garten,
zwischen Oleander und Affenbrotbaum,
wie ich es als Kind tat.
Es gibt Leute, man kann nicht mehr,
es vertrocknen deine Rosen,
die Katze ist nicht mehr hier, wer weiß, wohin….

Blau […]

Im deutschen Lied verdienen die Wunschträume des Protagonisten nähere Beachtung, repräsentieren sie doch ziemlich treffend eine historische Stufe durchschnittsdeutscher Glücks- und Statusphantasien. In der ersten Strophe wünscht sich der Sprecher einerseits einen immerwährenden Sommer, andererseits viel mehr Zeit für das traute Beisammensein. Aus heutiger Perspektive kann dazu angemerkt werden, dass Überlegungen zum Klimawandel und global voranschreitender Desertifikation das Vergnügen der Deutschen an heißen Sommern im Jahr 1968 offensichtlich noch nicht überschatteten. Die Sehnsucht nach mehr Freizeit verweist auf die damals noch weit verbreitete 40-Stunden Woche (1967 in der bundesdeutschen Metallindustrie eingeführt) und die knapperen Urlaubsregelungen jener Jahre.

In der zweiten Strophe malt sich der verliebte Sprecher aus, wie er die Angebetete mit einem Bungalow beeindrucken könnte. Diese eingeschossige, häufig mit einem Flachdach ausgestattete und im Winkel angelegte Hausform war in den 1960er Jahren der letzte Schrei. Nicht von ungefähr designte damals Stararchitekt Sep Ruf den deutschen Bundeskanzlern ein entsprechendes Domizil. Meines Wissens wurde der todschicke Bonner Kanzlerbungalow seinerzeit erstmals von Ludwig Erhard, dem ‚Vater des deutschen Wirtschaftswunders‘, bezogen. Keine Frage, mit solch einem geilen Flach-Nest hätte sich 1968 gewaltig bei den Frauen punkten lassen!

Aller guten Dinge sind drei, und so schießt auch in unserem Song die dritte Wunschphantasie den Vogel ab. Über die gute alte D-Mark und die Fernreise muss ich kein Wort verlieren, da kann sich jeder Zeitgenosse bestens hineindenken. Aber bei den „zwei Pyjamas“ läuten die Alarmglocken: Dieser Schwerenöter! Da behauptet er permanent, schon beim Küssen „azzurro“ zu werden – und dann das! Wer verschwurbelt von Schlafanzügen spricht, denkt doch in Wirklichkeit an Betten, oder? Und vom Bett ist es wahrlich nur noch ein Katzensprung zu den vielen peinlichen und schmutzigen Dingen, die dort, wie man aus der Bravo oder von Oswalt Kolle (Das Wunder der Liebe, 1968) weiß, zu Hause sind. Insofern hat leider auch dieser Schlager teil an der hinlänglich bekannten Erosion deutscher Sittlichkeit durch ausländische Einflüsse. Außerdem belegt er die These Rainald Grebes, dass die 68er an allem schuld sind.

Ich habe oben schon kurz darauf hingewiesen, dass die deutsche Azzurro-Version Logik und Grammatik gelegentlich ein wenig strapaziert. So wunderte ich mich auch nicht wirklich, bei meinen Recherchen zum „Sitz im Leben“ dieses Liedes in Erfahrung gebracht zu haben (Dank an R. St. für den Hinweis!), dass es von Strafverfolgungsbehörden und italienischen Verbrecherorganisationen mittels Dauerbeschallung ab und an als Verhörmethode bzw. zur Erpressung von Tatgeständnissen benutzt wurde (wird?). Hierbei referiere ich speziell auf die deutsche Krimiserie Adelheid und ihre Mörder (von 1992-2006 im Auftrag des NDR produziert), worin Hauptkommissar Ewald Strobel gelegentlich die sog. ,Azzurro-Folter‘ anzuwenden pflegte (vgl. www.mord-zwo.de).

Andererseits ist mir aber auch der Fall eines außerordentlich intelligenten Kollegen bekannt, dem Azzurro in früher Kindheit wie ein Meteor in die Frontallappen fuhr, so dass er von jenem Moment an wusste, dass er zum Romanisten geboren war. Insofern wäre ohne Peter Rubins tiefe Blicke in azurblaue Augen besagter akademischen Spezies eines ihrer hervorragendsten Talente entgangen… So muss hier unentschieden bleiben, ob Azzurro die Menschheit vorangebracht hat oder eher weniger.

Nachtrag: Selbstverständlich habe ich auch den physikalischen, farbpsychologischen und kulturhistorischen Verhältnissen des vom Pigment Azurit bestimmten hell- bis mittelblauen Farbtons (lat. azzurum, frz. azur, vgl. etwa Côte d’Azur) nachgefragt, mit dem sich die Sprecherinstanz unseres Liedes so stark identifiziert. Allerdings steht zu fürchten, dass es den Schlagerinteressierten nicht wirklich weiterbringt, wenn er erfährt, dass Azurblau im RAL-Farbsystem die Nummer 5009 trägt, sein ursprüngliches Pigment Azurit Cu3(CO3)2(OH)2 – obwohl leicht giftig – schon im alten Ägypten in kosmetischer Funktion Verwendung fand, im 17. Jh. versuchsweise durch das billigere, aber noch giftigere Bremer Blau Cu(OH)2 ersetzt wurde und als Mischung der blauen Grundfarben Violett- und Cyanblau zu betrachten ist, wobei sein spezieller Farbreiz dadurch zustande kommt, dass hier Licht mit einer spektralen Verteilung ins menschliche Auge gelangt, bei der Wellenlängen um 491 nm vorherrschen.

Blau ist mit Abstand die Lieblingsfarbe der Deutschen (vgl. Heute blau und morgen blau, und übermorgen wieder), 38% unserer Landsleute bekennen sich zu ihr. Leider konnte ich nicht ermitteln, ob dieser Wert bei Männern höher liegt als bei Frauen. Herbert Grönemeyers Song Männer könnte eine solche Hypothese nahelegen. Blau steht für den Montag und die Phantasie – schließlich lügt man sich und anderen gerne das Blaue vom Himmel. Spätestens seit der Romantik verkörpert diese Farbe Ferne und Sehnsucht, auch positive Emotionen und Eigenschaften wie Sympathie, Freundschaft, Treue, Vertrauen oder Zuverlässigkeit. Auf der anderen Seite ist Blau aber auch das Kälteste, was unser Malkasten hergibt, und symbolisiert damit Härte, Gefühlsmangel, Distanz und Stolz. Insofern gilt es unter Innenarchitekten und Feng Shui Beratern mehrheitlich nicht als erste Wahl zur Dekoration von Liebesgefühlen.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Loblied auf Bergische Frauen: Bill Ramseys „Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe)“ (1961)

Bill Ramsey (Text: Hans Bradtke)

Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe)

Kennt ihr die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
von der ganz Marokko spricht?
Die kleine süße Biene mit der Tüllgardine
vor dem Babydollgesicht?
Suleika, Suleika heißt die kleine Maus,
heißt die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
und genauso sieht sie aus.

Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient,
da staunt ein jeder, der sie kennt!
Und mancher Wüstensohn hat sie schon als Fata Morgana gesehn.
Ja, sogar mir, sogar mir blieb bei ihr das Herz fast stehn.

Denn diese Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
sah mich ohne Pause an.
Die kleine süße Biene mit der Tüllgardine,
die man nicht durchschauen kann.
Suleika, Suleika tanzte auf mich los.
Ja, die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
setzte sich auf meinen Schoß.

Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient,
da staunt ein jeder, der sie kennt!
Und mancher Wüstensohn hat sie schon als Fata Morgana gesehn.
Mir aber war im Moment noch nicht klar, was da geschehn.

Denn diese Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
rückte näher peu a peu.
Dann hob die süße Biene ihre Tüllgardine
vor mir plötzlich in die Höh'.
"Elfriede, Elfriede!" rief ich durch den Saal,
denn die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
kannte ich aus Wuppertal!

     [Bill Ramsey: Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe). Polydor 1961.]

Für Bruni

Zu den sympathischen Zügen des deutschen Schlagers zählt seine prinzipielle Fähigkeit und hin und wieder auch tatsächlich nachgewiesene Bereitschaft, sich selber – d.h. seine Themen, Illusionen und Rezeptionsroutinen – auf die Schippe zu nehmen. In dieses illustre Subgenre selbstironischer Schlager ordne ich auch Bill Ramseys 1961 eingesungenen Hit Zuckerpuppe ein. Texter des Titels ist Hans Bradtke (Pack‘ die Badehose ein, Kalkutta liegt am Ganges, Pigalle usw.), als Produzent fungierte Kurt Feltz und die Komposition stammt von Heinz Gietz (1924-1980), der nach dem 2. Weltkrieg vor allem für den Hessischen Rundfunk und deutsche Bigbands als Arrangeur arbeitete, aber auch selber komponierte und gelegentlich sogar Texte schrieb. Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre gab es eine kurze, aber intensive Zeit gemeinsamer Produktionstätigkeit mit Kurt Feltz, wobei Gietz eher für die Musik zuständig war, Feltz meist für die Texte, sofern dafür nicht Bradtke einsprang. Ramseys Zuckerpuppe war das letzte Produkt dieser Zusammenarbeit (vgl. Wikipedia).

Mit Ramsey (geb. 1931 in Cincinnati, Ohio) war Heinz Gietz eng verbunden, hatte er dem ehemaligen amerikanischen Soldaten doch den Weg ins deutsche Film- und Schlagergeschäft (1955) geebnet. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass Ramsey schon als Truppen-Betreuer der amerikanischen Streitkräfte über professionelle Erfahrungen im Unterhaltungsgeschäft, speziell als Jazz-Sänger, verfügte. In Deutschland schaffte er seinen endgültigen Durchbruch 1959 mit Souvenirs, der Coverversion eines amerikanischen Songs von Cy Coben. Ramsey verlegte sich in den frühen 1960er Jahren auf humoristische Filmrollen und einschlägige Schlager (Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, 1962). Später widmete er sich wieder stärker Jazz- und Blues-Titeln, nahm aber auch Kinderlieder, Operettenarien und Musical-Songs auf. Im Frühjahr 1961 hatte das Quartett Ramsey/ Bradtke/ Gietz/ Feltz schon einmal mit Pigalle die Spitze der deutschen Hitparade für drei Wochen erobert, mit der Zuckerpuppe legte man nun nach: Wieder geht die Reise ins Rotlichtmilieu, das für die prüde deutsche Nachkriegsgesellschaft einen beachtlichen Attraktionswert gehabt haben muss. Wie schon bei Pigalle macht die humoristische Behandlung den Gegenstand für ein breites Publikum konsumierbar.

Das Geschehen ist leicht nacherzählt: Die Sprecherinstanz, der Ramsey einen starken amerikanischen Akzent und ein reges Minenspiel (dem zeitgenössischen Publikum von zahlreichen Film-, Fernseh- und Konzertauftritten bestens bekannt) verleiht, folgt den ,Lockungen des Orients‘ als hätte er noch nichts von Saids Kritik am westlichen Kulturimperialismus, von ,Orientalism‘, Dekonstruktion und political correctness im Postkolonialismus gehört- (Hoppla, hat er vermutlich tatsächlich nicht! Edward Saids diskursbegründender Megaseller sollte im englischen Original ja erst 17 Jahre später auf den Markt kommen, in der deutschen Übersetzung 1979.) So darf sich also im Schlager aus der bundesrepublikanischen Frühzeit ein Ramsey bzw. sein fiktionales Alter Ego noch ohne öffentliche Empörung auszulösen in eine hübsche Bauchtänzerin ,vergucken‘ und sich dabei ohne den geringsten Anflug eines schlechten Gewissens im siebten Himmel fühlen – oder sogar im achten, als diese „süße Biene“ auch noch auf ihn ,lostanzt‘, d.h. etwas inszeniert, was man dank Tina Turner heute als ,private dancing‘ bezeichnen würde, was aber damals erotisch so avanciert gewesen sein muss, dass es noch gar keinen richtigen Namen dafür gab.

Die letzte Strophe endet für die Sprecherinstanz, aber auch für das Publikum mit einer gewaltigen Überraschung. Wie es sich für einen ordentlichen Schleier- respektive Tüllgardinen-Tanz schickt, wird am Ende das Inkognito gelüftet. „Suleika“, die „Zuckerpuppe“, entpuppt sich – als ziemlich bodenständige „Elfriede“ aus dem Bergischen Land, aus „Wuppertal“. Offen bleibt, ob aus Barmen oder Elberfeld. Selbst Edward Said müsste an dieser Form von Orientalismus- bzw. Exotismus-Kritik seine Freude gehabt haben! (Stelle ich mir wenigstens vor.) Unser Schlager entlarvt bzw. ,entzaubert‘ die dekadenten Phantasien eines Kulturimperialisten als eben solche aufs Anschaulichste.

Oder passiert am Ende etwas ganz anderes? Versuchen wir doch einmal, uns vorzustellen, wie das seinerzeitige Publikum den Moment der Anagnorisis in diesem Schlager aufgefasst haben mag. Ich halte dafür, dass im Lachen über die Pointe eine ordentliche Portion Schadenfreude mitgeschwungen hat, dass man die Entwicklung der Dinge durchaus als Strafe für die Sprecherinstanz verstanden hat. Als Strafe für den ,unmoralischen‘ Besuch eines verruchten Etablissements, für ,schmutzige‘ Phantasien von orientalischen Zuckerpuppen, für die Hybris, etwas erleben zu dürfen, was normalen Männern – selbst Vorder- und Hinterorientalen! – allenfalls in Form einer Fata Morgana begegnet, oder einfach als ,gerechten Ausgleich‘ dafür, dass es ihr zu gut gegangen war. Da wird jemand auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – schließlich ist noch kein Baum in den Himmel gewachsen! Vielleicht war besagtes Vergnügen noch zusätzlich durch den Umstand befeuert, dass die Verwandlung Suleikas in Elfriede einen US-Boy getroffen hat, also einen, der damals mit Dollars nur so um sich schmeißen und Nachtlokale besuchen konnten, was dem ,normalen‘ Nachkriegsdeutschen in der Regel nicht vergönnt gewesen ist und entsprechende Neidgefühle provoziert haben könnte.

Gegen diese Deutung plädiere ich hier allerdings dafür, den eigentlich offenen Ausgang der Geschichte anzuerkennen und diesen als Chance für eine bessere gemeinsame Zukunft der Protagonisten zu begreifen. Die Sprecherinstanz hat aus seiner Erfahrung mit der Bauchtanztruppe (vielleicht? / hoffentlich!) gelernt, seine alte Bekannte aus Wuppertal, die nette Elfriede, die ihm ja offensichtlich herzlich zugeneigt ist, mit anderen Augen anzusehen, nämlich zu erkennen, dass sie eigentlich ja doch eine ausgesprochen „süße Biene“ ist und jederzeit als eine „Suleika“ durchgehen könnte. Dass eine Frau nicht aus Marokko kommen und auch keinen exotischen Namen mit erotischen Konnotationen haben muss, um einen Mann glücklich zu machen. Sollte der von Bill Ramsey verkörperte Galan das begriffen haben, wäre er von seinen exotistischen Phantasien geheilt und könnte mit Elfriede einen soliden deutsch-amerikanischen Hausstand begründen. Abstrakter formuliert dürfte man demnach die Zuckerpuppe als Exempel auf die Volksweisheit „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ betrachten. Das wäre dann natürlich wieder ein bisschen spießig, passte darin aber doch ganz gut zum Generaltrend des deutschen Schlagers der frühen sechziger Jahre.

Nachzutragen bleibt weiter Löbliches: Der lustige Song hat eine flotte Rhythmik, dazu eine Melodie mit Ohrwurmqualität, ist – im zeitlichen Kontext – erfrischend jazzig arrangiert (oft übernahm Ramsey selbst den Klavierpart), bestens tanzbar und im Übrigen multifunktional einsetzbar. So war beispielsweise der Auftritt der (von Corinna Duhr dargestellten) Bundeskanzlerin im Nockherberg-Singspiel zur Zuckerpuppen-Vorlage sicher ein Höhepunkt in der Geschichte dieses bajuvarischen Kabarett-Spektakels. Auch hat der Text formal einiges zu bieten, u.a. semantisch überraschende Reime, intelligente Variationen von Binnen- und Endreimen, schöne Parallelismen in der Makrostruktur sowie ein komisches Wechselspiel von Begriffen aus gegensätzlichen Sinnsphären – exotistischen Reizwörtern einerseits, Elementen bzw. Formulierungen eines spießigen Nachkriegs-Biedermeiers andererseits. Eine professionelle Arbeit von allen Beteiligten!

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Dumm gelaufen. “Bella Bimba” von Kurt Feltz/Bibi Johns (1953)

Bibi Johns (Text: Kurt Feltz)

Bella Bimba

In Spanien werd‘ ich Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
in Spanien werd‘ ich Bella Bimba, Bella Bimba genannt.
In Spanien werd‘ ich Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
in Spanien werd‘ ich Bella Bimba, Bella Bimba genannt.

Als er mich sah, kam er ganz nah
und er hat tief mir ins Auge geblickt.
Dann hat auch schon ein Postillion
mit Blumen mich entzückt.

Die Blumen sind für Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
die Blumen sind für Bella Bimba, Bella Bimba geschickt.
Die Blumen sind für Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
die Blumen sind für Bella Bimba, Bella Bimba geschickt.

Nach kurzer Zeit war‘s dann so weit,
dass er den goldenen Ring mir, Bella Bimba, Bella Bimba, gemacht.
Die Hochzeit ist für Bello Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
die Hochzeit ist für Bella Bimba, Bella Bimba gemacht.

Ohne ein Wort ging er dann fort,
ließ mich alleine am Wegesrand stehn.
Leichtsinn‘ger Wicht, merkst du denn nicht,
daß andre nach mir sehn?

Du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba ist schön.
Du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba ist schön.
Du weißt doch deine Bella Bimba, Bella Bimba ist schön.

     [Bibi Johns: Bella Bimba. Electrola 1953.]

Rund ein Jahrzehnt bevor es Mode wurde, dass Sängerinnen aus Skandinavien wie Gitte Hænning, Siw Malmkvist, Wencke Myhre oder Dorthe (Kollo, geb. Larsen) die deutschen Schlager-Hitparaden stürmten, startete die Schwedin Gun Birgit Johnson hierzulande als Bibi Johns eine Karriere im Unterhaltungsgeschäft. Ihren ersten Auftritt in Deutschland hatte die Johns schon 1951 beim Unterhaltungsorchester des SDR, ihre erste deutschsprachige Single folgte dann im Oktober 1953: Bella Bimba.

Texter des Schlagers war niemand geringeres als Kurt Feltz, die „graue Eminenz“ der Musikindustrie im Nachkriegsdeutschland. Feltz (1910-82) war als Texter für populäre Sänger und Operetten-Librettist schon in der Vorkriegszeit eine feste Größe im Geschäft gewesen und besetzte nach 1948 als Leiter der Hauptabteilung Musikalische Unterhaltung des NWDR eine Schlüsselstellung, die es ihm nicht nur erlaubte, sein eigenes Tantiemen-Einkommen zu pflegen, sondern auch lukrative Beziehungen zu anderen Musikverlegern, Fernsehmoderatoren, Komponisten und Interpreten zu etablieren. Das Ausmaß der Feltzschen Aktivitäten, die in einer heiklen Grauzone zwischen Korruption und Kreativität angesiedelt waren, macht vielleicht am besten das folgende Zitat deutlich: „Im Dezember 1950 schied Feltz beim NWDR [nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Kritik an seiner Geschäftsführung] bereits wieder aus, blieb jedoch dem Sender als freier Mitarbeiter verbunden. Dem SPIEGEL zufolge wiesen Statistiken aus, dass Kurt Feltz im Jahre 1950 beim NWDR Köln in mindestens 1.796 Sendungen mit seinen Schlagern zum Zuge kam, also im Durchschnitt fünfmal pro Tag. Die von Feltz oder seinen Mitarbeitern mit Feltz-Bändern belieferten übrigen Rundfunkstationen trugen mit weiteren 4.391 Sendungen dazu bei, Feltz‘ Spitzenstellung unter den Textautoren zu bekräftigen.“ (Wikipedia) Einen noch ausführlicheren Einblick in diese Vorgänge gibt Peter Wicke in Von Mozart zu Madonna. Eine Kulturgeschichte der Popmusik (Leipzig 1998, S. 231-236.)

Das soeben Gesagte vermittelt den starken Eindruck, dass Bibi Johns 1953 mit einem Titel von Kurt Feltz sicher nicht schlecht beraten war, wenn es darum ging, eine Schlagerkarriere in Deutschland zu beginnen. Umgekehrt ist Bella Bimba für die Feltzschen Produktionen jener Zeit ein durchaus typischer Titel. Viele seiner damaligen Schlager beziehen sich auf ein ,südländisches‘ Ambiente (bevorzugt in Italien angesiedelt, aber auch in Dalmatien, Brasilien, Kuba usw.), in das seine deutschen Hörer mit ihren Sehnsüchten und Träumen eintauchen konnten. Nicht selten produzierte er dabei auch Coverversionen einschlägiger Originaltitel. Diese Methode hatte er übrigens schon in den Kriegsjahren erfolgreich praktiziert. Bella Bimba liegt ein populäres italienisches Volks- bzw. Kinderlied zugrunde: Ma come bali bene bela bimba, mit dem man im Kindergarten spielerisch Tanzbewegungen zum ¾-Takt einüben kann. In der deutschen Übersetzung heißt es „Komm, tanz doch mit mir, Bella Bimba [= schöne Kleine]“. Zu diesem Lied gibt es mehrere alternative Texte, die tendenziell die „Schöne Kleine“ als junge Frau interpretieren, sie umwerben, wobei der Werber von dem stolzen Mädchen jedoch einen Korb erhält.

Aus diesem Material strickt Feltz eine Geschichte, bei der das „schöne Kind“ zunächst umworben wird, sodann einen Verehrer erhört und heiratet, schließlich aber von diesem verlassen wird, worauf sie in gewisser Weise die Welt nicht mehr versteht. So beruft sie sich, gekränkt und verlassen, in den Schlußstrophen trotzig auf ihre (vorgeblich?) vielfach bestätigte Anziehungskraft, den Mythos der „Bella Bimba“:

Leichtsinn‘ger Wicht, merkst du denn nicht,
daß andre nach mir sehn?

Du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba, Bella Bimba,
du weißt doch, deine Bella Bimba, Bella Bimba ist schön.

Dieser Appell wirkt allerdings einigermaßen hilflos, und als Hörer hat man das beinahe sichere Gefühl, dass er beim durchgegangen Liebhaber keine Revision seiner Entscheidung bewirken wird. Zu eitel und zu Ich-bezogen tritt diese Frau in dem gesamten Lied auf, als dass wir sie für eine gute Ehepartnerin halten könnten. In ihrer Fixierung auf die Bella-Bimba-Komplimente, die sie einst erhalten hat, erscheint sie narzisstisch und selbstverliebt. Das Lied lässt offen, wie viel Zeit zwischen Werbung und Trennung vergangen ist; vielleicht hat die Sprecherinstanz gar nicht gemerkt, dass inzwischen ihre Reize verblasst sind? Und dann irritiert uns natürlich der Umstand, dass sie die Huldigungen, die ihr angeblich von vielen Verehrern dargebracht wurden, ausgerechnet in „Spanien“ verortet. Der italienische Zungenschlag von ,Bella Bimba‘ ist auch für Menschen, die des Italienischen nicht mächtig sind, offensichtlich. Damit ergibt sich der Verdacht, dass die Sprecherin womöglich dabei ist, uns (und vielleicht sogar sich selbst!) einen mächtigen Bären aufzubinden. Womöglich hat sie die Bella Bimba nur einmal im Kindergarten geben dürfen und dabei einen solchen Gefallen an dieser Star-Rolle gefunden, dass sie das Geschehen in späterem Alter in ein beliebiges südliches Traumland verlegte, um ihr soziales Umfeld zu beeindrucken? Falls es so gewesen sein sollte, muss man sich nicht verwundern, dass der Schwindel im Alltag einer Beziehung mit den bekannten Konsequenzen aufgeflogen ist.

Selbstverständlich wirkt der Schlager, so verstanden, auf ein heutiges Publikum ziemlich spießig und moralinsauer. Die Geschichte wäre ein Exempel für die Kalender-Weisheit ,Hochmut kommt vor dem Fall‘, sie predigte Bescheidenheit und den Wert innerer Vorzüge wider die altchristliche Todsünde der Hoffart. Männliche wie weibliche graue Mäuslein werden vor ihren Radioapparaten gerne vernommen haben, wie bitter das gerechte Schicksal eine stolze Hübsche (vgl. Bibi Johns als Interpretin!) abgestraft hat. Weniger neidische und schadenfrohe Gemüter könnten den Schlager auch sentimental aufgenommen haben: ,Hach, die vom Schicksal bevorzugten, die Superschönen haben’s auch nicht leicht!‘ Das versöhnt doch einigermaßen mit der Ungerechtigkeit der Welt und der begrenzten eigenen Ausstattung mit Glückskapital im Sinne von Pierre Bourdieu. In beiden Rezeptionsvarianten läge Kurt Feltz‘ Kreation voll im Trend der Zeit.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Ahnherr aller Torwarthelden: „Der Theodor im Fußballtor“ von Kurt Feltz

 

Kurt Feltz

Der Theodor im Fußballtor

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor.
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der Held, der hält!

Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

„Hallo, Hallo, Sie hören jetzt die letzten 5 Minuten der interessanten Übertragung des
internationalen Fußballwettspiels: Schienbein 04 gegen Miniskuskickers.
Das Spiel steht 45 zu … Ja, das weiß man noch …, nein, das weiß man leider noch nicht,
denn alle 2 Minuten fielen hier 3 Tore, sämtliche 32 Karten befinden sich auf dem
Spielfeld verteilt, der … die 22 Spieler befinden sich noch in … Pardon, eben hat der
Mittelstürmer von Miniskus den Ball nach rechts gegeben, nein, Verzeihung, das war der
Schuh vom Schiedsrichter, aber ein anderer Stürmer trägt etwas nach vorne. Was trägt
denn der nach vorne? Aaah ja, den Ball natürlich, den Ball und alle anderen ihm nach,
sie setzen ihm nach, sie rennen ihm nach, sie laufen ihm nach, man könnte sogar sagen,
sie segeln ihm nach, denn der Zustand des Spielfeldes ist geradezu katastrophal,
sämtliche Spieler stehen bis zu den Knöcheln im Wasser, vom Ball ist leider weit und
breit nichts zu sehen, aber jetzt, aber jetzt, der halbrechte Verteidiger von
Schienbein 04, nimmt dem voreiligen Stürmer von Miniskus in die Krawatte, er setzt ihm
einen doppelten Meldor [eigentlich eine Abart der Hunderasse des Irish Setters, hier
als Ringergriff gemeint], drückt ihm die Brücke ein und auch eine Brücke, eine Brücke,
Akrobat schön, und beide versinken im Morast, das Spiel aber geht weiter, der Sturm
rast, ja, es rast der Sturm und will sein Opfer haben und hilflos steht der arme
Tormann von Schienbein 04 dem Ansturm gegenüber, nur noch 5 Meter, nein 4, nein 3 1/2
trennen die Hyänen des Spielfeldes von dem armen Tormann, da in letzter Minute, in
letzter Sekunde reißt Theo, der Tormann, geistesgegenwärtig die obere Latte vom Tor und
schlägt damit den Angriff zurück, gerettet“.

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor!
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der hält, der hält!

Und Schuss hinein, aber nein, aber nein, aber nein
der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält:
Ja, unser Theodor, der Held, der hält.

Lied und Reportage stammen aus dem Jahr 1948. Vom „Stürmer“ hatte das Volk die Nase voll, und so geriet der Torwart in den Brennpunkt des Geschehens. Ein Torwart greift nicht an, er ist der wichtigste Defensivspieler. Das Volksempfinden nimmt hier das Jahr 1956 vorweg: Aus dem Kriegsministerium wurde das Ministerium für Verteidigung. Und so wie ein Torwart seinen Strafraum sauber hält, so sollte die neu geschaffene Bundeswehr nur die Heimat verteidigen.

1948: Deutschland war aufgeteilt in vier Besatzungszonen; Adenauer wurde zum Präsidenten des aus den Ministerpräsidenten der elf Länder der Westzonen bestehenden Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz der späteren Bundesrepublik ausarbeitete. Westberlin wurde mit der Luftbrücke durch die „Rosinenbomber“ der US-Amerikaner versorgt. Der Zweite Weltkrieg lag drei Jahre zurück, aber die Folgen waren noch zu spüren, u. a. daran, dass die Deutschen nicht zu den Olympischen Spielen in Sankt Moritz und London eingeladen wurden. Doch war das Brot auch knapp, Spiele mussten her. Und so entstanden viele Sportvereine; vor allem wurden viele Fußballvereine neu- oder wiedergegründet. Passend zur geplanten 1. deutschen Fußballmeisterschaft 1948 textete Kurt Feltz das Fußballlied Der Theodor im Fußballtor, das zunächst über das Radio und durch die von seinem Schulfreund Ralph Maria Siegel im selben Jahr herausgegebene Akkordeon-Partitur schnell bekannt wurde.

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Nicht überliefert ist, ob es bei den nach dem K.o.-System ausgetragenen Ausscheidungsspielen oder beim rein westdeutschen Endspiel gesungen wurde. Noch vor Beginn des Wettbewerbs zogen nach der Währungsreform (Einführung der DM) in den drei westlichen Besatzungszonen die Vereine der sowjetischen Besatzungszone ihre Teilnahme zurück. So kam es, dass sich im Endspiel der FC Nürnberg und der 1. FC Köln gegenüberstanden. Die Franken gewannen das Spiel 2:1.

Adäquat zur Ernährungslage und zur politischen Situation entstanden 1948 auch die Schlager Ich hab‘ so Sehnsucht nach Würstchen mit Salat, gesungen von Bully Buhlan, und Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, ein Lied, das nicht nur zum Karneval gesungen wurde.

Kurt Feltz (1910-1982), der Texter des Theodor, wurde in den späteren Jahren berühmt als Verfasser zahlreicher Schlager (rund 3.500 Liedtexte), von denen 20 die Nr. 1 der Hitlisten in den Jahren 1955 bis 1982 einnahmen. Bereits 1952 und 1953 hatte Feltz große Erfolge zu verzeichnen mit Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein und Man müßte noch mal zwanzig sein.

Der Komponist des Fußballlieds, Werner Bochmann (1900-1993), mit Filmmusiken für rund 120 deutsche und internationale Filme, darunter Heimat, deine Sterne, Quax, der Bruchpilot und Die Feuerzangenbowle, erhielt 1967 für sein Lebenswerk den Bundesfilmpreis in Gold.

War dem Theodor, zuerst von der Schauspielerin Margot Hielscher gesungen, zunächst ein überschaubarer Erfolg beschieden, so wurde das Lied langsam populär, seitdem der Burgschauspieler Theo Lingen es auf der gleichnamigen Schellackplatte interpretierte und näselnd eine rasante Reportage zu einem Fußballspiel zwischen den Mannschaften Schienbein 04 und Meniskusmuskel ablieferte. Geradezu Kult wurden Gesang und Reportage nach der Kinopremiere des gleichnamigen deutsch-österreichischen Films vom 29. August 1950.

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Wie das Lied bediente auch dieses Lustspiel mit den bereits vor oder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekannten und beliebten Stars wie Lucie Englisch, Hans Moser, Gustav Knuth, Josef Meinrad oder Beppo Brem den Wunsch der Überlebenden nach Spaß und Spiel.

Bereits im August 1948 war in der SBZ bei AMIGA eine gleichnamige Platte erschienen, gesungen von Ilja Glusgal, der von Kurt Henkels Tanzorchester Sender Leipzig begleitet wurde. Ilja Glusgal, der einige Jahre nach 1945 als der beste Schlagzeuger in Deutschland galt, war als Sänger bereits 1940 von Michael Jary (Schlager- und Filmkomponist und Orchesterleiter) entdeckt worden. Glusgals berühmtester, auch in Westdeutschland populärer Schlager, war das ebenfalls von Kurt Feltz getextete Lied Maria aus Bahia.

Ebenfalls 1948 erfolgte in Österreich eine Pressung des Theodor auf Austrophon mit den Austrophon-Solisten unter Leitung von Bruno Uher. Auch in der Schweiz und sogar in Australien kamen Platten mit den Titeln Teddy Holds the Soccer Goal bzw. Theodor the Goalkeeper heraus.
Eine eindeutig am Theodor orientierte Version spielen und singen Die 3 Travellers (bekannt geworden durch ihre Erfolgsschlager: Hallo, kleines Fräulein, Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin) in Form einer Fußballreportage: „Hallo, hallo, hier Fußballplatz, / wir schalten uns jetzt ein …“

Wie bekannt unser Theodor im Fußballtor nach wie vor ist, zeigen einige Fußballfreunde in Weingarten. Anlässlich der Stadtmeisterschaft der Amateurvereine dichteten sie nach dem Sieg (2:1) der Stadtwerke Weingarten gegen den GHV (Gewerbe und Handelsverein):

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der GHV auch rennt, wie die Stadt auch macht,
dreimal hat‘ s gekracht…

2009 verjazzte die Old Merry Tale Jazzband den Theodor auf ihrem Album Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Und im April 2010 wurde in Wuppertal eine Revue aufgeführt mit dem Titel Der Theodor im Fußballtor – Lieder und Schlager aus den 50er Jahren.

Dagegen wird die folgende Strophe wahrscheinlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen:

Du bist kein Übermensch,
du bist kein Untermensch,
du bist ein Sportsmann
und du hast deinen Sportverein.
Ob der nun vorne liegt,
ob der nun hinten liegt,
du wirst als Sportsmann,
bei jedem Spiel zugegen sein.

Georg Nagel, Hamburg