Leckeres vom Piraten: „Schrumpfkopf im Rumtopf“ von Mr. Hurley & Die Pulveraffen (2015)

Mr. Hurley & Die Pulveraffen

Schrumpfkopf im Rumtopf

Der Captain gibt Befehle, der Bootsmann treibt uns an, 
Der Schreiner macht das Holzbein, der Doktor bringt es an. 
Und so tut jeder seinen Teil, doch einer fehlt da noch: 
Was wär eine Piratenmannschaft ohne ihren Koch?
Und unser Smut heißt Fischkopp, ein legendärer Mann, 
Der richtig klasse saufen, dafür gar nicht kochen kann. 
Es riecht aus der Kombüse, so als mische er da Gift. 
Selbst die Ratten verlassen das stinkende Schiff!

Es gibt nur: Mottengift im Trockenfisch, 
Froschkot im Stockbrot, 
Nagetier im Lagerbier 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Die Ratte wird geröstet, die Katze wird püriert 
Und samt Salatbeilage bis zur Perfektion frittiert. 
Ich guck in meinen Eintopf und der Eintopf guckt zurück – 
Ich ekel mich, doch Fischkopp mahnt: Das Auge isst man mit!
Dein Körper wird geschunden und du wirst schlecht bezahlt. 
Das ist ein echter Knochenjob als einfacher Pirat, 
Und wenn du nach getaner Arbeit einen heben willst, 
Gibt's vom Fuß gekratzten Pilz im gut gezapften Pils.

Und dazu Mottengift im Trockenfisch [...] 

Und dann noch: Sacklaus im Labskaus, 
Ledergarn im Lebertran, 
Störlaich im Dörrfleisch, 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Gar schrecklich war das Sakrileg in jener finstren Nacht. 
Er schändete all das, was für uns heilig und sakral. 
Er schlich sich in den Laderaum, hat teuflisch noch gelacht (hahahahaha) 
Und schmiss in unser Schnappesfass nen fetten Räucheraal.

Schnappes mit'm Aal drin, das ist ja wohl Wahnsinn! 
Delirium, Delarium, das schmeckt ja nach Aquarium! 
Hopp, hopp, hopp, Aal in Kopp! 
Und wenn du'n Kater hast, Zeit für ... Aal.

Es gibt nur Mottengift im Trockenfisch [...]

Und dann noch: Sacklaus im Labskaus [...]

Und dazu: Stiefelfett im Zwiebelmett! 
Musketenschrot im Käsebrot! 
Läusedreck im Mäusespeck!
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Achselschweiß im Wassereis! 
Tote Ärsche im Club Mate!
Maden im Fladen! 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Hey!

     [Mr. Hurley & Die Pulveraffen: Timezone 2015.]

Nachdem ich gerade meine Besprechung von Willi Ostermanns ,Krätzchenlied‘ De Wienanz han ‘nen Has em Pott zu Ende und meine Magensäfte gewissermaßen in Wallung gebracht habe, frage ich mich, ob das kulinarische Thema unter karnevalistischen und poetischen Gesichtspunkten womöglich noch mehr hergeben könnte. Mr. Hurley und seine Pulveraffen geben darauf eine entschiedene Antwort: Es kann!

Vielleicht sollte man einer Würdigung dieses Songs vorausschicken, dass seine Zugehörigkeit zum karnevalistischen Genre eine komplizierte und nicht von vornherein intendierte ist. Bei Mr. Hurley & Die Pulveraffen handelt es sich laut deren eigener Homepage um eine Piratenband aus der ,Osnabrückischen Karibik‘, die – mit Gitarre, Akkordeon, Flöten, Trommeln und drei Gesangsstimmen bewaffnet – musikalisch irgendwo zwischen Walt Disney und Motörhead herumschippert. Sie präsentiert – piratisch kostümiert – auf Folklore- und Mittelalterfesten, notfalls auch in Wacken humorvolle deutschsprachige Eigenkompositionen, die von traditionellen Seefahrerliedern inspiriert sind. Das Ganze wird bündig unter ,Grog’n Roll‘ zusammengefasst.

Alles zusammen stellt sich für mir hinreichend närrisch dar, um ihr Kombüsenlied Schrumpfkopf im Rumtopf, das sich auf dem dritten Album der Band, betitelt Voodoo (2015), findet, in enger räumlicher Nähe zu Größen des rheinischen Karnevals zu besprechen. Bei diesem Entschluss hat das Wissen um eine gewisse Unschärfe der Textsorte ,Karnevalslied‘ Pate gestanden: Nicht wenige ,echte‘, d.h. speziell für karnevalistische Auftritte geschaffene Lieder wurden mit der Zeit so populär, dass sie ihren Funktions- und Einsatzbereich gewaltig ausdehnten (vgl. Ernst Negers Humba-Tätärä, Walter Rothenburgs So ein Tag usw.). Umgekehrt gab es allgemeine Spaß-, Party- und Gaudilieder, die erst im Laufe der Zeit von Jecken entdeckt und vereinnahmt wurden. Dem hier vorgestellten, rezeptionsgeschichtlich ja noch taufrischen Appetithappen aus der Piraten-Kombüse traue ich eine solche Karriere durchaus zu. Wenn wir durch die hier erfolgende karnevalistische Adelung des Songs die Ausdehnung des rheinisch-süddeutschen Narrenwesens in die nördlichen und östlichen Landstriche unserer Republik vorantreiben sollten, würden wir das billigend in Kauf nehmen.

Zum Lied selber will und kann ich nicht allzu viel sagen; eine Nation, die sich tagtäglich ununterbrochen von Kochsendungen berieseln lässt, die mit Spitzenköchen wie Alfons Schuhbeck, Alexander Herrmann, Johann Lafer oder Jamie Oliver – auf Augenhöhe! – Raffinessen wie die angemessene Dosierung von Maracuja-Powder auf dem Frühstücksei, die optimale Niedertemperatur der Eisbombe ,Fürst Pückler‘ oder die potenzsteigernde Wirkung einer Karpfenfütterung mit Süßholz-Pellets diskutiert, ist wahrlich nicht darauf angewiesen, von mir auf die genialen Kreationen von Smutje Fischkopp hingewiesen zu werden. Mit Heinrich von Kleist kann man da nur ausrufen: Das reimt sich (und wie!!!), und wer recht von Herzen Feinschmecker sein will, wird schon das eine oder andere für sich lecker finden.

Jetzt sage ich nur noch: Nachkochen!

Hans-Peter Ecker, Bamberg

P.S. In Wien bezeichnet man bekanntlich Silberzwiebeln als „Augen“; aber ich mache mir eigentlich keine Sorgen, dass in unserem Lied der Eintopf nicht mit richtigen Augen zurückguckt.

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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