Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen

Werner Bergengruen

Kaschubisches Weihnachtslied

1. Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
wärst auf Daunen weich gebettet worden.

2. Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
dich und deine Mutter zu verehren.

3. Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
blauen Mantel von kaschubischem Tuche,
pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.

4. Hätten dir den eig’nen Gurt gegeben,
rote Schuhchen für die kleinen Füße,
fest und blank mit Nägelchen beschlagen!
Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!

5. Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke [Buttersoße],

6.Gänsefleisch und Kuttelfleck, fette Wurst

und gold’nen Eierkuchen,
Krug um Krug das starke Bier aus Putzig!
Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!

7.Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
Sieh, wir wären alle fromm geworden,
alle Knie würden sich dir beugen,
alle Füße Himmelwege gehen.

8. Niemals würde eine Scheune brennen,
sonntags nie ein trunk’ner Schädel bluten, —
wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!

Zu den 18 mir bekannten Liedern über die bzw. zur Geburt Christi lernte ich erst kürzlich „Wärst du, Kindchen, doch im Kaschubenlande … geboren“ kennen dank Ingeborg Weber-Kellermanns Das Buch der Weihnachtslieder. Den Text mit dem Titel Das kaschubische Weihnachtslied hat der in Riga geborene Dichter und Schriftsteller Werner Bergengruen (1892-1964) 1927 verfasst. Erstmalig veröffentlicht wurde es 1938 in der Sammlung der Gedichte Bergengruens Die verborgene Frucht. Das Gedicht wurde mehrmals vertont, 1942 von Franz Motzer (s. o. Noten) und später von Karl Heinz Malzer (geb. 1942). Zudem gibt es eine Kantate von Hans Poser nach der Melodie von Franz Motzer (diesen Hinweis verdanke ich dem kaschubischen Heimatforscher Richard Glischinski).

Bergengruen hat sein berühmtestes Werk, den verschlüsselten zeitgenössischen Roman Der Großtyrann und das Gericht, 1935 fertiggestellt. Aufgrund der Parallelen zu einem diktatorischen System wurde Bergengruen 1936 aus der Reichsschriftumkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, zumal noch Rundfunk- und Auftrittsverbote folgten.

Entstehung

Zur Entstehung von Bergengruens Weihnachtsgedicht hat 1964 der Slawist und Kaschubologe Friedhelm Hinze in der Zeitschrift für Slawistik die Vermutung zurückgewiesen, Bergengruen habe das Gedicht „direkt aus dem Kaschubischen übertragen, da er einiger slawischer Sprachen sehr wohl mächtig war“. Hinze beruft sich auf einen Brief von Bergengruen an ihn und zitiert den Dichter. Danach entstand das Gedicht „auf Grund von Erzählungen einer kaschubischen Hausangestellten meiner Eltern, die damals in Danzig lebten“ (Dank an Richard Glischinski für die Übersendung eines Auszugs aus Hinzes Artikel Zur Quelle des Kaschubischen Weihnachtslieds von Werner Bergengruen).

Richard Glischinski hat das Original des Kaschubischen Weihnachtslieds online gestellt (vgl. http://www.glischinski.de/roots/Bergengruen.htm ). Er hat es entdeckt in dem 1911 veröffentlichten Buch des kaschubischen Schriftstellers und Lehrers Ernst Seefried-Gulgowski (1874 – 1925) Von einem unbekannten Volke in Deutschland – Ein Beitrag zur Volks- und Landeskunde der Kaschubei.

1. Sei uns gegrüßet geliebter Jesu, unser von Ewigkeit ersehnter Herr.
Aus Kaschubien zum Stalle eilen hurtig wir alle
und bis zur Erde neigen die Stirne – und bis zur Erde neigen die Stirne.

2. Warum so arm liegst du in der Krippe und nicht im Bettchen, wie es dir zukommt.
Im Stalle geboren, in der Krippe gebettet.
Warum mit Ochsen und nicht mit Herren – warum mit Ochsen und nicht mit Herren.

3. Wärst in Kaschubien du uns geboren, wärest auf Heu von uns nicht gebettet.
Hättest ein Strohsäckchen, darüber ein Bettchen,
und viele Kissen gefüllt mit Daunen – und viele Kissen gefüllt mit Daunen.

4. Und auch dein Kleidchen wär nicht so einfach. Aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen.
Aus blauem Tuche ein Röckchen und ein grünes Warb-Jöppchen [Trachtenjäckchen],
dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben – dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben

5.Wärst in Kaschubien du uns geboren, brauchtest dann niemals Hungersnot leiden.
Zu jeder Tageszeit hättest Gebratenes,
zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen – zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen.|

6. Zu Mittag hätt’st du Buchweizengrütze, mit gelber Butter reichlich begossen.
Saftiges Gänsefleisch, mit Speck Kartoffelmus,
und Fleck (Kutteln, in Streifen geschnittener Magen) mit  Ingwer nicht zu vergessen – und Fleck mit Ingwer nicht zu vergessen.

7. Und Wurst mit Rührei gar fett gebraten, darnach der Liebling würd’ wohl geraten.
Zum Trinken gäb man dir Tuchler- oder Berent-Bier.
Könntest dann schwelgen in den Genüssen – könntest dann schwelgen in den Genüssen.

8. Zum Abendbrot hätt’st du schmackhafte Flinzen [Pfannkuchen] und zarte Würstchen mitsamt Pieroggen [Teigtaschen], Wruken [Steckrüben] mit Hammelfleisch, Erbsen mit Speck gekocht,
und fette Vöglein knusprig gebraten – und fette Vöglein knusprig gebraten.

9. Bei uns gibts Wildbret, Jesu, in Menge.
Wäre allzeit für dich wohl bereitet, ganz junge Rebhühnchen und andre Vögelchen,
auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen – auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen.

10. Dort hast du allzeit Mangel gelitten, hier hätt’st du alles im Überfluß.
Beim Trinken und Essen, Beim Spielen, Erzählen,
wäre beim Amtmann dein Platz am Tische – wäre beim Amtmann dein Platz am Tische.

11. Doch dir genügt schon der gute Wille, unsere Wünsche nimmst du als Gaben.
Die Herzen zum Opfer bringen wir dem Schöpfer.

12. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind.

Den Gedanken, dass Jesus Christus ein besseres Los verdient habe, als auf Heu und Stroh zu liegen, hat bereits der bedeutendste Kirchenlieddichter und Theologe Paul Gerhardt (1607-1676) rund 250 Jahre vor dem kaschubischen Weihnachtslied gehegt. Davon zeugen die Strophen sechs und sieben seines Liedes Ich steh an deiner Krippen hier:

6. O daß doch so ein lieber Stern
Soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn
Gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,Dies Kindlein drauf zu legen !

7. Nehm weg das Stroh, nehm weg das Heu!
Ich will mir Blumen holen,
Daß meines Heilands Lager sei
Auf lieblichen Violen;
Mit Rosen, Nelken, Rosmarin
Aus schönen Gärten will ich ihn
Von oben her bestreuen.

Während Glischinski – aus meiner Sicht wohlwollend – meint, „Der hier genannte Text [gemeint ist das Kaschubische Weihnachtslied] zeigt interessante Bezüge zum späteren Gedicht von Werner Bergengruen“, meine ich: Hier hat sich der 37jährige Dichter mit fremden Federn geschmückt. Die Strophen eins bis sechs entsprechen bis auf kleinere Abweichungen der zweiten bis neunten des Originals. Selbst die siebente Strophe Bergengruens ist noch von der elften Strophe des Originals inspiriert.

Anzuerkennen ist, dass Bergengruen den Titel Kaschubisches Weihnachtslied übernommen hat; für Liedforscher und andere Interessierte gibt er damit einen deutlichen Hinweis auf das Original-Krippenlied. Dabei hätte er es doch ganz einfach gehabt, sein Gedicht z.B. „Masurisches Weihnachtslied“ zu nennen und im Text statt Kaschubenlande Masurenlande zu schreiben, zumal ihm als gebürtigem Letten das ostpreußische Masuren mindestens räumlich näher lag, als die Kaschubei. Und da die Masuren ebenfalls als gastfreundlich galten und ihre Feste, genau wie die Kaschuben, mit üppigem Essen und reichlichem Trinken feierten, wäre die Übernahme des Originals kaum aufgefallen.

Das ‚Kaschubenland‘ ist die Kaschubei (polnisch kaszuby)genannte Region westlich und südwestlich von Danzig. Heute sprechen rund 150.000 Menschen als eine von Polen anerkannte eigenständige ethnische Minderheit kaschubisch. An der Universität in Danzig besteht ein Lehrstuhl für diese westslawische Sprache (vgl. www.westpreussisches-landesmuseum.de). Aufnahme in die Weltliteratur fand die Kaschubei durch Günter Grass‘ Werk Die Blechtrommel. Wie die Mutter des Blechtrommlers Oskar war auch die Mutter von Grass Kaschubin.

Die kaschubischen Weihnachtslieder – andere Krippenlieder

Während bereits in der ersten Originalstrophe Jesus Christus gehuldigt wird, greift Bergengruen gleich zu Beginn die dritte Strophe des Originals auf und fragt sich, was passiert wäre, wenn Jesus nicht in Bethlehem, sondern im Kaschubenlande geboren worden wäre. Angesichts seiner „christlich-humanistischen Einstellung“ (www.hdg.de) finde ich es bemerkenswert, dass die Sprechinstanz bei Bergengruen nicht, wie in den meisten Krippenliedern üblich, die Geburt Jesu lobt, Jesus willkommen heißt und oder anbetet(vgl. Strophen 3 und 4 bzw. 5 von Vom Himmel hoch, da komm ich her, oder 4. Strophe von Nun singet und seid froh oder Ich steh an deiner Krippen hier).

Beim Vergleich des Originals und Bergengruens Version mit anderen Krippenliedern fallen auch die Unterschiede von Obdach, Kleidung und Nahrung auf. Während Bergengruen nichts über die Unterkunft und die Anwesenheit von Tieren sagt, nimmt das Originallied wie die Mehrheit der Krippenlieder Bezug auf die Weihnachtsgeschichte bei Lukas: „Und sie [Maria] gebar ihren ersten Sohn […] und legte ihn in eine Krippe“. (Lukas, Kapitel 2, Vers 7). Die Krippe als Futtertrog aus Flechtwerk weist auf einen Viehstall hin; von Ochsen, wie im Originallied, ist bei Lukas ebenso wenig die Rede wie von einem Esel oder von Schafen. Die Verfasser der Krippenlieder haben „Ochs, Esel und Schafe“ hinzu gedichtet, wie z. B. in O, Jesulein zart (2. Strophe) oder Martin Luthers „Rind und Esel“ in Vom Himmel hoch, da komm ich her (9. Strophe) und in Was soll das bedeuten (3. Strophe).

Auch darauf, dass Joseph und Maria besonders arm gewesen wären (vgl. Original 2. Strophe oder Ihr Kinderlein kommet:Ach, hier in der Krippe schon Armut und Not“, 5. Strophe, 3. Vers), gibt es bei Lukas keinen Hinweis; lapidar heißt es „denn sie hatten sonst keinen Platz in der Herberge gefunden“. Was kein Wunder ist, hatte doch Kaiser Augustus eine Volkszählung veranlasst, nach der jeder in seiner Heimatstadt erfasst werden sollte (vgl. Lukas 2,2). Und so machten sich viele in Bethlehem geborene Menschen auf, so wie Joseph, um sich in ihrer Geburtsstadt Bethlehem registrieren zu lassen.

Während bei Lukas (2, 7) darüber berichtet wird, dass Jesus von Maria „in Windeln gewickelt“ wurde, machen einige Hirtenlieder andere Aussagen: Jesus liegt „elend nackt und bloß in einem Krippelein“ (Lobt Gott, ihr Christen allzugleich, 2. Strophe) oder „das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost“ (Was soll das bedeuten, 5. Strophe). Im Vergleich dazu würde Jesus im kaschubischen Land nicht frieren, er hätte ein „Bettchen und viele Kissen gefüllt mit Daunen“. Bergengruen greift diesen Gedanken auf: Jesus wäre „auf Daunen weich gebettet […], das Bettchen stünde warm am Ofen“.

Die Bekleidung im Original, bestehend „aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen“, einem „Röckchen aus blauem Tuche“, „einem grünen Warb-Jöppchen“ (Trachtenjäckchen) und einen „Netzgurt“ (einen geflochtenen Gürtel), variiert Bergengruen: Jesus müsste eine ‚Schaffellmütze tragen, einen blauen pelzgefütterten Mantel und rote mit Nägelchen beschlagenen Schuhe‘.

Nur in einem der mir bekannten 18 Krippenlieder habe ich einen Hinweis auf die Ernährung Jesu gefunden. Die 4. Strophe von Ihr Kinderlein kommet lautet:

Manch Hirtenkind trägt wohl mit freudigem Sinn
Milch, Butter und Honig nach Betlehem hin;
ein Körblein voll Früchte, das purpurrot glänzt,
ein schneeweißes Lämmchen mit Blumen bekränzt.

Dagegen zählt das Original des kaschubischen Lieds in fünf von insgesamt elf Strophen Mahlzeiten und Getränke in Hülle und Fülle auf, während Bergengruen sich auf zwei Strophen beschränkt, ohne dabei freilich an kindliche Ess- und Trinkbedürfnisse zu denken. Es waren wohl eher die Vorstellungen der Erwachsenen, wenigstens einmal im Jahr in Saus und Braus zu leben. Wenn man bedenkt, dass um 1900, der wahrscheinlichen Entstehung des Originallieds, abgesehen von einigen Handwerkern die Mehrheit der Kaschuben als Landarbeiter* bei den häufig deutschen Großgrundbesitzern malochen und ihr ganzes Leben in Armut verbringen musste, werden die heimlichen Wünsche verständlich.

Und so gibt es nicht nur „Arme-Leute-Essen“ wie Buchweizen- bzw. Gerstengrütze oder Kutteln (auch Kuttelfleck, in Streifen geschnittener Magen, Pansen) und Wruken (Steckrüben), sondern es werden auch – sonst den Familien der Gutsbesitzer vorbehalten – Wildbret, Rebhühnchen, Täubchen und Krammetvögel (Wacholderdrossel) und ähnliche Genüsse aufgefahren.

Von Milch oder Wasser als Getränken für das Krippenkind erzählen weder Lukas noch ein einziges mir bekanntes Krippenlied. Nur im originalkaschubischen Weihnachtslied und bei Bergengruen wird von Getränken gesprochen. Allerdings, wieder wie bei den Essensmahlzeiten, nicht gerade kind-, geschweige denn kleinkindgerecht.

Dass die Bewohner der sogenannten „Kalten Heimat“ (Ost- und Westpreußen und Kaschubei), gern dem Alkohol zugesprochen haben, ist bekannt. Übertrieben jedoch dürfte jedoch sein, dass es bereits zum Frühstück „ein Gläschen Wodki“ gegeben haben soll. Und jeden Abend Bier zutrinken, war auch nur den Betuchten möglich.

In seiner letzten Strophe greift Bergengruen die bei Festen üblichen Gelage der männlichen Landbevölkerung auf, indem er auf die manchmal in Schlägereien bis hin zum Scheuneanstecken ausartenden Alkoholexzesse erinnert. Nach all den fiktiven Gaben, die ja indirekt eine Würdigung des Christuskindes darstellen, passt die achte Strophe nicht so recht zu den vorhergehenden. Hier wird Bergengruens Text realistisch, um in der letzten Zeile jedoch darauf hinzuweisen, dass Derartiges nicht vorgekommen wäre, wenn das „Kindchen im Kaschubenlande geboren“ worden wäre.

Die 10. Strophe des Originals vergleicht die Geburt in Bethlehem mit einer fiktiven Geburt im Kaschubenlande. Während Jesus in Bethlehem „allzeit Mangel gelitten“ hat, hätte er hier alles im Überfluss. Hinzu käme, dass Jesus einen Platz am Tische des Amtmanns, einem Vertreter der Obrigkeit, eingenommen hätte mit allem was dazu gehörte: „Trinken und Essen, Spielen, Erzählen“.

Nach der Aufzählung der leiblichen Genüsse ist sich der kaschubische Dichter darüber im Klaren, dass es die erwähnten Annehmlichkeiten – warmes Bett, Kleidung und Nahrungsmittel – es nur in der Vorstellung der armen Leute gibt. Doch als Christen sind sie sich sicher, dass Jesus „schon der gute Wille genügen“ würde und, wie es metaphorisch weiter in der 11. Strophe heißt: „Die Herzen bringen wir dem Schöpfer zum Opfer“. Auch Bergengruen ist gegen Schluss „seines“ Gedichts darauf gekommen, die Geburt Jesu zu würdigen: „Und wie wir das Herz dir schenken wollten“ (7. Strophe).

Das Original schließt mit einem Gebet, das der Dichter für die Mehrheit der Kaschuben spricht: „Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind“.

Rezeption

Das Originallied und Bergengruens vertontes Gedicht sind weitgehend unbekannt geblieben. Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist in seinem Katalog nicht einen einzigen Tonträger aus und auch die Anzahl von lediglich vier Partituren ist im Vergleich zu anderen Krippenliedern außerordentlich gering. Im Online-Liederbuch-Archiv www.deutschelieder.com sind nur neun Liederbücher bzw. -hefte zu finden, darunter aus dem Jahr 2002 Unterm Siebenstern – Deutsche Lieder aus sieben Großlandschaften Osteuropas. Auch die beiden Videos bei Youtube deuten darauf hin, dass diese Kaschubischen Weihnachtslieder nicht gerade populär sind. Und anders als die Volkskundlerin und Liederforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (s.o.) haben weder die Liedforscher Ernst Mang oder Heinz Rölleke noch der Nestor der Volksliedforschung Ernst Klusen das Weihnachtslied von Bergengruen in ihre umfangreichen Liedersammlungen aufgenommen.

Georg Nagel, Hamburg

Psalmlied und Kriegslied: Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“

Martin Luther

Ein feste Burg ist unser Gott

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht't
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn
das Reich muß uns doch bleiben

Ein feste Burg als volkstümliches Lied

Wie populär das Kirchenlied, das in allen evangelischen Gesangbüchern vertreten ist, bald nach seine Entstehung wurde, zeigt sich auch darin, dass die Anfangsverse der Strophen eins, drei und vier seit dem 16. Jahrhundert sprichwörtlich geworden sind und es seit Anfang des 19. Jahrhunderts Eingang in zahlreiche säkulare Liederbücher gefunden hat. Zunächst wurde es 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim aufgenommen. Auch die Titel mancher Liederbücher weisen darauf hin, dass der Choral als Volkslied angesehen wurde: Von Die Volkslieder der Deutschen (1834, herausgegeben vom Liederforscher Friedrich Karl von Erlach [1769–1852]) und dem Liederbuch des deutschen Volkes (1883), über Wandervogels Singebuch (1915) bis hin zu den Liedsammlungen zeitgenössischer Liedforscher wie Ernst Klusen, Heinz Rölleke und Theo Mang.

Entstehung

Der Text des 4-strophigen Lieds stammt von Martin Luther. Während sich Liedforscher, Musikhistoriker und Kirchengeschichtler über das Entstehungsjahr 1527 einig sind, ist der Anlass für Luthers Dichtung umstritten. Der Musikhistoriker Michael Fischer führt die Entstehung des „Kampfliedes“ auf die drohende osmanische Invasion zurück. Luther, so hingegen die Auffassung des Liedforschers Theo Mang, habe den Choral „unter dem Eindruck der nahenden Pest“ als „Trost- und Bußlied“ und zugleich als „Trutz- und Triumphlied der evangelischen Kirche“ gegen die Altgläubigen, die sich der Reformation verweigerten, verfasst (S. 1066) –  ein Aspekt, den 1955  auch der Linguist und Ethnologe Wolfgang Steinitz mit der Titulierung „das religiöse Kampflied der Reformation“ (S. 173) gesehen hatte. Bereits 1834 hatte Heinrich Heine den Choral als „Hymne der Reformation“ bezeichnet.

Auch die Melodie wird auf Martin Luther, der ja auch die Laute zu spielen wusste, zurückgeführt. Bereits 1528 erschien das Lied im Wittenberger Gesangbuch (vgl. Rölleke, S. 51). Da dieses Gesangbuch verschollen ist, wird als erste überlieferte Quelle die Augsburger Form und Ordnung geistlicher Gesang und Psalmen von 1529 angegeben (Wikipedia, Ein feste Burg).

Ein feste Burg ist unser Gott im Gesangbuch 1533 von Joseph Klug (epd-Bild)

Interpretation

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seingleichen.

Das Lied beginnt mit einer Feststellung – „Ein feste Burg ist unser Gott“ -, die für gläubige Christen eine unumstößliche Wahrheit enthält. Luther hat seinen Text an Psalm 46 angelehnt, in dem es heißt: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke“ (Vers 2) und der durch Vers 8 die Gewissheit verschafft: „Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz“ (vgl. auch Psalm 91 Vers 2 „meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“). Eine Burg ist zu Zeiten Luthers eine relativ sichere Aufenthaltsstätte und ein Zufluchtsort für die in der Nähe Wohnenden. Mit „guter Wehr und Waffen“ ist das Abwehren potentieller Feinde gemeint. Insofern ist die Absicht Luthers eindeutig auf Verteidigung und nicht auf Angriff gerichtet. Dabei ging es Luther nicht um Kanonen und Festungsanlagen, sondern um die Abwehr der Versuchungen und Bedrängnisse, denen die Menschen ausgesetzt sind. Doch so mächtig und listig „der altböse Feind“, der Teufel, auch sein mag, Gott ist , wie es in Psalm 46, Vers 2 heißt, „eine Hilfe in den großen Nöten“; bei Luther: „er hilft uns frei aus aller Not“.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heisst Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.

Bei aller Zuversicht, die in der ersten Strophe zum Ausdruck kommt, zeigt Martin Luther in der zweiten Strophe, wie sehr wir im Kampf mit dem Bösen „gar bald verloren“ wären, wenn uns nicht Jesus Christus, „der rechte Mann“ beistehen würde. Die Gleichsetzung von Jesus und dem „Herr Zebaoth“ (alttestamentliche Bezeichnung Gottes, dem „Herrn der Heerscharen“) bezieht sich auf die christliche Dreifaltigkeitslehre, nach der Christen an Gott, „den Vater, Sohn und Heiligen Geist“ glauben. Zugleich bekennen sie übereinstimmend mit der Einleitung im Nizänischen Glaubensbekenntnisses (entstanden 325 in Nicäa, ergänzt 381 in Konstantinopel): „Wir glauben an den einen Gott “ im Sinne des Lutherschen Chorals „…und ist kein andrer Gott“. Eine Formel, die auch andere Religionen verwendet wird. So heißt es z.B. im muslimischen Glaubensbekenntnis (arab. schahada) „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt“ und deren strikte Befolgung bzw. Nichteinhaltung zu sogenannten Glaubenskriegen geführt hat und noch heute führt.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht’t
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Doch was ein rechter Christ ist, der fürchtet denTeufel nicht, „wie saur er sich stellt“, d.h. wie drohend er auch auftritt (Rölleke, S. 51), ein „Wörtlein“ weist die Anfeindungen zurück. Ob das „Wörtlein“ in dem Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, eines Gebets oder eines Bibelspruches besteht, sagt der Lutherische Liedtext nicht. Jesus selbst hat den Versuchungen des Teufels (vgl. Matthäus 4, Vers 1 bis 11) mit den Worten „Hebe dich weg von mir, Satan!“ (Vers 10) widerstanden.

Inschrift an der 1515 erbauten Georgenkirche in Eisenach (Bild: Neptuul)

Mit dem Begriff „Fürst dieser Welt“ greift Luther Jesu Worte auf, nach denen der Teufel ausgestoßen und gerichtet wird (vgl. Johannes 12, Vers 31 und 16, Vers 11). Ein Fürst steht bei all seiner Macht im Fürstentum auch zu Zeiten Luthers unter der Macht eines Königs. So wird es verständlich, dass Luther in seiner bildhaften Sprache bei der Übersetzung und in diesem Lied den bedeutenden Unterschied des Umfangs und der Stärke der Macht darzustellen weiß. In der Bibel wird Gott mehrfach als König tituliert (s. von 2. Mose 15, Vers 18 bis Petrus 2, Vers 17) und sogar als „König aller Könige“ (1. Timotheus 6, Vers 15). Auch in Joachim Neanders (1650-1680) bekanntem Choral Lobe den Herren (Interpretation) wird Gott als König bezeichnet, als der  „mächtige König der Ehren“.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn
das Reich muss uns doch bleiben

Das (christliche) Wort ist mächtig, so heißt es in der vierten Strophe, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen (das mittelhochdeutsche „Dank“ bedeutet Gedanken, so Rölleke, S. 51), sofern wir den Herrn „auf dem Plan“ haben, wir fest an ihn und seine „Gaben“ glauben. Selbst wenn uns großes Unheil widerfährt, wir alles („Gut, Ehr, Kind und Weib“) verlieren, den Christen ist gewiss, dass das ewige Leben („das Reich“) bleibt. Ähnlich kennen wir diese Gewissheit von Hiob, der alles verloren hat und dennoch bekennt: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob  1, Vers 11).

Rezeption als Kampflied

Obwohl Luther kein politisches Lied dichten wollte, worauf auch der Bezug auf den Bußpsalm 46 deutet, enthält das geistliche Psalmlied Aussagen, die es verständlich machen, dass es auch zu einem soldatischen Kampflied werden konnte. Einige Passagen der ersten Strophe lassen sich kriegerisch auslegen: vor dem Krieg, um den Wehrwillen zu stärken, im Krieg, um den Soldaten Mut zu machen und nach dem (gewonnenen) Krieg als Dankchoral, ähnlich wie Nun danket alle Gott  missbraucht wurde.

Als Mutmachlied wurde Ein feste Burg bereits in den diversen Bauernaufständen (1624 bis 1626) eingesetzt. Nachweislich haben aufständische Bauern sogar noch nach den 1625 verlorenen Schlachten bei Mühlhausen, bei Würzburg und bei Memmingen in der Gmundener Schlacht am 15.11.1626 Ein feste Burg ist unser Gott gesungen (vgl. Der Große Steinitz, S. 30).  So ist die Friedrich Engels Bezeichnung des Lieds als „Marseillaise der Bauernkriege“ historisch durchaus zutreffend.

Aus dem Dreißigjährigen Krieg wird eine Legende berichtet, nach der die Soldaten von König Gustav Adolf „mit dem Lied auf den Lippen gegen die Truppen der Altgläubigen ausgerückt sind und nach einem Sieg Gustav Adolf ausgerufen habe: ‚Das Feld muss er behalten!’“ (Burkhard Weitz).

Für das Singen des Liedes von den preußischen Soldaten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763, von einigen Historikern als ein Weltkrieg angesehen), habe ich ebenso wenig Quellen gefunden wie auch für seinen Einsatz 1813 im Befreiungskrieg gegen das napoleonische Heer. Doch bereits vor der Leipziger Völkerschlacht 1813 dichtete Ernst Moritz Arndt „Ein feste Burg ist unser Gott / Auf, Brüder, zu den Waffen! / Auf, kämpft zu Ende aller Noth / Glück, Ruh der Welt zu schaffen.“ (nach Thomas Greif). Arndt war es auch, der den Begriff Erbfeind 1813 auf Frankreich bezog.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 trug das Lied zur Zuversicht der preußischen Soldaten bei, über die Franzosen zu siegen (ähnlich wie das Lied Die Wacht am Rhein, Interpretation). Leicht ließ sich der „Erbfeind“ Frankreich als „altböser Feind“ bezeichnen, der „grausam gerüstet“ ist. Und nach dem Sieg über die Franzosen sangen preußische Gruppen in Paris den Choral Nun danket alle Gott.

Zwar hatte Friedrich Engels 1884 über Ein feste Burg ist unser Gott geschrieben: „und so siegbewusst Text und Melodie des Liedes sind, so wenig  kann und braucht man es nicht in diesem Sinn zu fassen“ (Steinitz, S. 173). Dessen ungeachtet wurde, zeitlich fast parallel mit der Aufnahme des Psalmlieds in weltliche Liederbücher (s.o.), Ein feste Burg Ende des 19. Jahrhunderts in etliche Liedersammlungen für Soldaten aufgenommen, z.B. 1892 in den Liederschatz für das deutsche Heer und 1897 in das Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg ist das Psalmlied politisch verwendet worden. So sangen es 1817 auf dem Wartburgfest die Studenten, die gegen reaktionäre Politik, gegen die Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit eigener Verfassung am Fuß der Lutherburg protestierten. Ebenso wurde der Choral 1868 bei der Errichtung des Lutherdenkmals in Worms und bei der Reichsgründung 1871 intoniert (vgl. Thomas Greif).

Zahlreiche Liederbücher, die im Ersten Weltkrieg mit dem Lied herauskamen, wie z.B. Singbüchlein für Soldaten – Heer und Flotte,  Kriegsliederbuch für das deutsche Heer (beide 1914)  und Gloria Victoria – Vaterlands-, Kriegs-, Soldaten- Heimatlieder, Choräle und Dankgebete und Das deutsche Soldatenlied (beide 1915) machten es den Soldaten leicht, den „altbösen Feind“, der in „grausamer Rüstung“ daherkommt auf die Ententemächte zu übertragen.

In ihren Kriegspredigten beriefen sich Theologen, die der Ideologie des Nationalprotestantismus nahestanden, auch auf Martin Luther. So 1915 der Professor für praktische Theologie Eduard Simons: „Dass Luther bei uns ist, das haben wir gleich von Anfang des Krieges gemerkt, da sein Schutz- und Trutzlied zum Kriegslied wurde“ (nach Pressel, S. 84). Auch der damalige Oberpfarrer und spätere Bischof Otto Dibelius meinte, dass „Luther den Bann gebrochen hat für den Bund von Christentum und Volkstum“ und fuhr noch 1918 fort: „Um Luther schart sich seitdem alles, was deutsch fühlt im Kampf gegen welsche Gewalt“ (nach Pressel, S. 80). Und,  um den nachlassenden Wehrwillen zu stärken, dramatisierte der Prediger Droß, „ dass im Weltkrieg das ganze Erbe Luthers und der deutschen Reformation auf dem Spiel steht“ (Pressel, S. 82). Doch trotz aller anfänglichen Zuversicht – „Gott hilft uns frei [d.h. ohne Auflagen] aus aller Not“ – mussten 1918 Siegesgesänge im Gegensatz zu 1871 ausbleiben.

Feldpostkarte, 1915 (Histor. Bildpostkarten Uni Osnabrück, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht)

Luther und Bismarck als „Deutsche Eichen“ Stahlstich Feldpostkarte 1917 (Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz)

Weimarer Republik und NS-Zeit

In der Weimarer Republik wurde Ein feste Burg ist unser Gott von den Nationalisten vereinnahmt. Der antidemokratische Stahlhelm Bund, der nationales Pflichtbewusstsein propagandierende Kyffhäuser Bund, der national gesinnte Reichsverband des Jungsturms, die rassistische Deutsch-völkische Freiheitsbewegung und der antisemitische Jungdeutsche Orden nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Später instrumentalisierten es die Nationalsozialisten auch gegen (vermeintlich) innere Feinde.

Das begann 1933 mit dem die SA Liederbuch und setzte sich fort im Hitler-Liederbuch der nationalen Revolution (1934; Auflage 465.000-500.000). An die Stelle des Reiches Gottes setzen die Nazis „Das Dritte Reich“. Dagegen prostierten „die Schwestern und Brüder einer ‚Bekennenden Kirche‘: ‚Das Reich muss uns doch bleiben‘ stand provokativ in fetter Schrift unter einem Flugblatt, November 1933, das scharf gegen die berüchtigte Deutsche Christen Kundgebung im Berliner Sportpalast Stellung bezog“ (Reinhart Staats).

Mit Ausnahme der männlichen Hitlerjugend gab es kaum eine NS-Organisation, die das „Kampflied“ nicht in ihre Liederbücher aufnahm, wie z.B. der Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und der Deutsche Arbeitsdienst. Da meinten NS-nahe Christen nicht nachstehen zu können und brachten eigene Liederbücher mit Ein feste Burg ist unser Gott heraus, u.a. das Liederbuch der Deutschen Christen für die deutsche Jugend in Kirche, Schule, Haus und Christliche Kampflieder der Deutschen. Und zur mentalen Einstimmung auf den geplanten Krieg wurde das Lied bereits 1936 in etliche Liederbücher wie Soldaten siegen und Soldaten, Kameraden aufgenommen. Seit 1939 folgten zahlreiche Ausgaben wie das Liederbuch der Wehrmacht, Das Deutsche Marineliederbuch u.a.

Missbraucht wurde das Lied auch in dem von Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilm Der große König. Nach den im Siebenjährigen Krieg (s. o.) verloren gegangenen Schlachten und der Zerschlagung des preußischen Heeres wurde durch das Beharren des Königs Friedrich II. auf Kämpfen bis zum Sieg und der Wiederaufrüstung letztlich 1763 der Krieg in der Entscheidungsschlacht von Torgau gewonnen. Die deutsche Bevölkerung, deren Skepsis auf einen Endsieg nach  anfangs erfolgreichen „Blitzkriegen“ zugenommen hatte, sollte mit Hilfe sogenannter Durchhaltefilme psychologisch aufgerüstet werden: „Das Reich muss uns doch bleiben“ mit Hitler als Führer, als „rechter Mann“, den „Gott hat fest erkoren“ (vgl. Burkhard Weitz).

Von den Nationalsozialisten geduldet wurde die Herausgabe von Gesangbüchern und geistlichen Liederbüchern mit dem Lutherlied, z.B. Das Liederbuch der evangelischen Jugend (5. Auflage 1938) und Lieder der Jugend der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1935), das einzige mir bekannte Liederbuch von katholischer Seite mit dem Choral.

Weitere Rezeption

Von 1948 (Der helle Ton) über auflagenstarke Taschenbücher der Verlage Reclam, Moewig und Weltbild bis 2016 (Du meine Seele singe – geistliche Volkslieder) wird der Choral nicht nur in Deutschland (einschließlich der DDR) in weitere zahlreiche Gebrauchsliederbücher (u. a. von Pfadfindern und Freimaurern) und Schulbücher aufgenommen, sondern auch in Österreich und in der Schweiz. Ebenfalls bekannt ist das Lied in vielen englischsprachigen Ländern (A Mighty Fortress Is Our God) und in ganz Skandinavien. In Dänemark und Norwegen gehört es zu den drei meistgesungenen Kirchenliedern (vgl. Hanson/Seelander). Auch evangelische Gemeinden in anderen Ländern wie z.B. Korea und Tanzania, kennen Ein feste Burg ist unser Gott.

In Deutschland wird es nicht nur als Kirchenlied, sondern erneut als Volkslied und als Soldatenlied angesehen, wie es z.B. die Titel der Liedersammlungen Das große Buch der Volkslieder (1993) oder Volks- und Soldatenleder aus sechs Jahrhunderten (2002), das  Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten (1957), aber auch in Österreich Das Österreichische Soldatenliedbuch (1962) zeigen.

Darüber, wie weit verbreitet Ein feste Burg ist, gibt auch der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig Aufschluss, der 185 Notenausgaben, überwiegend Chorpartituren, und 110 Buchtitel aufweist. Darüber hinaus hat das DMA fast 120 Tonträger mit Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach, Georg Philip Telemann, Dietrich Buxtehude und Franz Liszt sowie zeitgenössischer Komponisten in seinem Bestand -und außerdem drei Hörbücher, davon eine CD von 2015 mit der Bach’schen Reformkantate und Meditationen von Margot Käßmann. Der berühmte schwedische Posaunist Nils Landgren hat sogar eine jazzige Version von Ein feste Burg aufgenommen.

Anhaltspunkte für die Popularität eines Liedes geben außer der sprichwörtlichen Verwendung einzelner Verse (s. o. Einführung) und der Anzahl der Liederbücher und Tonträger auch die Benutzung des Incipits (die Überschrift oder der erste Vers der ersten Strophe) und die Varianten und Parodien, die das Lied im Laufe seiner Geschichte erfahren hat.

Mir ist kein Lied bekannt, dessen Incipit die außerordentlich hohe Verwendung in 110 Buchtiteln erreicht hat. Allein von 1947 bis 2017 wurden rund 40 Druckwerke aufgelegt, darunter die meisten christliche Bücher von evangelischen Verlagen, aber auch Ausstellungskataloge, Geschichts- und andere Fachbücher.

Ein feste Burg ist unser Gott“ am Turm der Schlosskirche Wittenberg (1890) (Bild Michael Sander, Ausschnitt Rabanus Flavus)

Eine erste bekannt gewordene Variante (zu den Varianten und Parodien vgl. Martin Fischer) des Liedes mit dem Titel Christus der Schutz unserer Kirche stammt 1774 von dem Dichter und evangelischem Geistlichen Johann Adolph Schlegel mit der ersten Strophe:

Ein starker Schutz ist unser Gott!
Auf ihn steht unser Hoffen
Er hilft uns treu aus aller Noth
So viel uns der betroffen
Satan, unser Feind
Der mit Ernst‘ es meint,
Rüstet sich mit List
Trutzt, dass er mächtig ist
Ihm gleicht kein Feind auf Erden.

Als Revolutionslied 1848 dichtete der Schriftsteller Julius Lasker Ein feste Burg ist Mannesmuth. Die erste Strophe lautet:

Ein‘ feste Burg ist Mannesmuth
Für Freiheit, Wahrheit, Tugend
Dran setzen freudig Gut und Blut
Das Alter wie die Jugend
Wir schwören All‘ den Eid
In Lieb‘ und Einigkeit
Heilig, heilig sei,
Ja heilig uns die Drei:
Die Freiheit, Wahrheit, Tugend!

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sang die sozialdemokratische Arbeiterbewegung Ein feste Burg ist unser Bund des Dichters und Mitbegründers des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) Jakob Audorf, von dem auch die „Arbeiter-Marseillaise“ (1864) stammt. Das „Bundeslied“ beginnt mit:

Eine feste Burg ist unser Bund,
Durch eig’ne Kraft geschaffen;
Er wurzelt fest auf Felsengrund,
Im Sturm ein sich’rer Hafen
Ob auch die Woge braust
D’drob keinem von uns graust:
Hoch, hoch das Schlachtpanier!
Darunter kämpfen wir
Für uns’re Menschenrechte.

Fast 70 Jahre später hat Bertolt Brecht eine Parodie auf Hitler geschrieben: Ein‘ große Hilf war uns sein Maul, und 1977 reagierte Erich Fried auf den Tod von Ulrike Meinhof mit seiner Parodie Ein feste Burg ist unser Stammheim. Zu Zeiten der Anti-Atomkraft-Bewegung entstand der Protestsong Ein feste Burg das Wendland ist.

Ein feste Burg das Wendland ist,
voll Polizei in Waffen
Allgegenwart und Spitzellist
sind ihr Gewalt und Waffen.
Der altböse Feind
mit ERNST* ers jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
im Land ist nicht seinsgleichen

[* Ernst Albrecht, von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen, befürwortete die Endlagerung von Uranabfällen in Gorleben.]

Noch heute wird das „typischste bekannteste evangelische Kirchenlied“ (Rölleke, S. 51) nicht nur an Invocavit, dem 1. Sonntag der Passionszeit, sondern auch an kirchlichen Feiertagen und auf evangelischen Treffen wie dem Kirchentag gesungen. In Kirchen wird das Lied häufig als Orgelimprovisation gespielt, und in Konzerthallen kann man es in zahlreichen musikalischen Werken von Bach (BWV 80, um 1730) bis Zsolt Gárdonyi (Toccata, 2017) als Zitat hören. Zahlreiche Orgelwerke von Michael Prätorius (Fantasie über Ein feste Burg, 1609) und Bach (Choralbearbeitung, 1709, über Händel (Occasional Oratio, 1746) und Wagner (Kaisermarsch, 1871) bis zur Reformationskantate (2017) von Michael Zeller haben als Grundlage Ein feste Burg ist unser Gott.

Georg Nagel, Hamburg

Literatur:

Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, Köln 1993 und Gütersloh o. Jg.

Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2 Bände, Frankfurt/Main, 2. Auflage 1981.

Theo Mang, Sunhilt Mang: Der Liederquell, Über 750 Volkslieder aus Vergangenheit und Gegenwart, Ursprünge und Singweisen, Wilhelmshaven 2015.

Michael Fischer: Ein feste Burg ist unser Gott (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon (online).

Wolfgang Steinitz: Der große Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 1719.

Burkhard Weitz: Geschichte des Liedes – Kampflied der Deutschen oder Protest gegen Gewalt? Widersprüchliche Interpretationen von Martin Luthers Choral, in: Chrismon, 2.11.2016 (online).

Wilhelm Pressel: Die Kriegspredigt 1914- 1918 in der evangelischen Kirche, Göttingen, 1967.

Reinhart Staats: Gott dem Herrn Dank sagen – Festschrift für Gerhard Heintze, Zur politischen Wirkung von Luthers Lied „Ein feste Burg“ in: Kirche von unten, 18.11. 2002 (online).

Thomas Greif: „Ein feste Burg …“ Wie Luthers Kampflied zur Kriegsfanfare wurde, welt digital 31.10.2014 (online).

K.J. Hansson und Sven-Åke Selander: Die Lieder Martin Luthers im Leben der skandinavischen Völker (online).

 

Von Weihnachten zum Julfest und zurück. Drei Versionen des Sterndreherlieds „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

Paul Hermann

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Dieses Lied entstand 1940, einige Jahre nachdem die Nationalsozialisten versuchten, die Tradition der altgermanischen Sonnenwendfeier als Julfest aufzuwerten und das christliche Weihnachtsfest zu verdrängen. Übereinstimmend mit der Nazi-Ideologie hatte bereits 1936 der Dichter vieler, auch nazistischer, Lieder, darunter Es zittern die morschen Knochen, Hans Baumann (1914-1988), das aus dem Jahr 1923 von Pfadfindern stammende Lied Hohe Tannen weisen die Sterne (Interpretation) umgedichtet zu Hohe Nacht der klaren Sterne, ein Lied das Stille Nacht, heilige Nacht ersetzen sollte. Aus dem Rübezahllied wurde ganz im Sinne der herrschenden Ideologie ein Loblied auf den Mutterkult (vgl. die Wikipedia-Artikel zu Mutterkreuz und Julfest). Dem heidnischen Julfest gemäß hat der heute unbekannte Musiker und Komponist Paul Hermann (1904-1970) dem aus dem Kanton Aargau stammenden ursprünglichen Text jeden christlichen Bezug genommen. Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt die Umdichtung in Es ist eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222f.).

Im Folgenden wird das schweizerische Original vorgestellt:

 

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ
Der für uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein
O du armes, o du armes,
o du armes Jesulein.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie und führte sie
Führte sie bis gen Bethlehem.

Über einem Stalle,
da hielt der Stern stille
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten* vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.

* knieten

Dieses christliche Lied wurde 1902 handschriftlich aufgezeichnet, in Druck erschien es zum ersten Mal 1906 (vgl. Waltraud Linder-Beroud: Historisch kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs, November 2005/Januar 2007). Mit leichten Text- und Melodievariationen wurde das Lied um 1900 auch im Kanton Luzern gesungen.

Gemäß dem Volksliedsammler und Mitbegründer des Schweizerischen Volksliederarchivs Alfred Leonz Gassmann (1876-1962) zogen in beiden Kantonen am Dreikönigstag jeweils drei Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in den Dörfern von Haus zu Haus, um dieses Lied und/oder Weihnachtslieder zu singen (vgl. Sammlung Gassmann, Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, 1906, nach Linder-Beroud). Die Sänger waren mit Kronen oder Turbanen versehen und in wallende Gewänder gekleidet. Ein „König“ trug einen Stab mit einem selbst gebastelten Stern vorweg, den er während des Umhergehens drehte. Daher wird Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Gnad auch als Sterndreherlied bezeichnet.

Der Stern erinnert an die Heiligen Drei Könige, denen er den Weg zum Stall in Bethlehem zeigte (vgl. das Evangelium des Matthäus Kapitel 2, Verse 7 und 9-10). In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Kapitel 2, Vers 1–20) ist jedoch von einem Besuch der Könige im Stall keine Rede, wohl aber von Hirten, die nach der Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel nach Bethlehem aufbrachen und „das Kind in der Krippe liegen“ sahen (Lukas 2, 16). Während Matthäus (2, 1 f.) von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, werden im Alten Testament in der „Ankündigung des Friedefürsten“ (Psalm 72) drei Könige erwähnt, die ihn anbeten und Gaben zuführen werden (Verse 10 und 11). Beschrieben werden die Geschenke in Jesaja 60, 6: Gold und Weihrauch, in Matthäus 2, 11 kommt noch Myrrhe dazu. Die im Lied erwähnten „Ochs und Eselein“ habe ich selbst mit Hilfe einer Konkordanz in der gesamten Bibel nicht gefunden. Der Dichter der zweiten Strophe hat wohl zu Recht gemeint: Wo ein Stall mit einer (Futter-)Krippe ist, da sind auch Tiere.

Doch weiter zu unseren Sternsingern. Nach dem Singen der Lieder erhielten die Sänger ein paar Batzen oder Rappen (damalige Währung in der Schweiz) und/oder Süßigkeiten, die Älteren oft selbst gemachten Most. Danach wurde folgender Spruch aufgesagt: „Wir kommen hier an. Das wünschen wir euch an Ein guetes glücksäligs, gesund und auch fröhlichs, ein guetes neues Jahr, Das wünschen wir euch an.“

Noch heute wird in Deutschland in vorwiegend katholischen Gegenden der Sternsingerbrauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter „Sternsinger“ oder „Sterndreher“). Bemerkenswert ist, dass überwiegend die weltliche Version Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud gesungen wird. Nach einer Meldung des Bayerischen Rundfunks TV werden vom 1. bis 6. Januar 2018 bundesweit 300.000 Sternsinger aus allen katholischen Bistümern Geld für Hilfsprojekte in Ländern der Dritten Welt sammeln.

Eine christliche Fassung ist erst wieder seit 1957 bekannt geworden. Der deutsche Chorleiter und Tonsetzer Gottfried Wolters (1910–1989) wollte das Lied in seine Weihnachtsliedersammlung aufnehmen, nahm dann aber wegen der Entchristlichung des Liedes Abstand davon. Schließlich fügte seine Frau Maria Wolters der ersten Strophe des  Aargauer Sterndreherlieds acht neue Strophen an. Bei ihrem Text orientierte sich Maria Wolters an der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, manchmal sogar wörtlich (vgl. z. B. Strophe 4 und 5 mit Lukas 2, 1 und 7):

1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es bringt uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2. Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel
zur Jungfrau hin nach Nazareth.
„Sei gegrüßt, du Jungfrau rein,
den aus dir, denn aus dir,
will der Herr geboren sein.“

3. Maria hörte des Höchsten Begehren,
sich neigend sie zum Engel sprach:
„Sie, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh, mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt!“

4. Und es erging ein Gebot des Kaisers,
dass alle Welt geschätzet wird.
Josef und Maria voll Gnad
zogen hin, zogen hin,
zogen hin zur Davidstadt.

5. Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt, kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

6. In der Krippe muss er liegen,
Und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
Liegst du, liegst du,
Liegst du, armes Jesulein.

7. Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde,
ein Engel dort erschienen ist:
„Fürcht euch nicht, ihr Hirtenleut!
Fried und Freud, Fried und Freud,
Fried und Freud verkündt ich heut!

8. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
der euer Herr und Retter ist.
Dieses Zeichen merkt euch gut:
Gottes Kind, Gottes Kind,
Gottes Kind in der kalten Krippe ruht!“

9. Sie liefen eilend und suchten und fanden,
was auf dem Felde verkündet ward.
Unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

10. Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold,
brachten sie, brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Während das christliche Sterndreherlied von den Heiligen Drei Königen weder im katholischen Gesangbuch Gotteslob noch im evangelischen Einheitsgesangbuch (EG) zu finden ist, fand der Text von Maria Wolters 1993/94 Aufnahme in die Ausgaben für die ev. Landeskirchen Niedersachsen/Bremen, Rheinland-Westfalen/Lippe und für die Reformierte Kirche.

Auch in weltliche Liederbücher wurde das Dreikönigslied selten  aufgenommen; dagegen weisen zahlreiche Gebrauchsliederbücher die weltliche Version auf. Von rund 150 mir zugänglichen Liederbüchern enthalten mehr als ¾ Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud. Einzelne Liederbücher mit dem Lied wurden herausgegeben von Nachfolgeorganisationen der Wandervögel, von der Turner-, Wald- und Naturfreundejugend, von den Pfadfindern und sogar vom Deutschen Fußballbund. Dass es nicht nur in diesen Kreisen gesungen wird, sondern in der Version von 1940 auch von Sternsingern vorgetragen wird, kann man einigen Videos bei Youtube entnehmen.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, befinden sich fast 400 Nachweise des Liedes, rund 120 auf Tonträgern und fast 180 als Notenausgaben. Überwiegend interpretieren Chöre, darunter die Kinderchöre Tölzer Sängerknaben und der Bielefelder Kinderchor sowie SängerInnen die weltliche Version. Von Solisten gesungen wird das Lied z. B. nicht nur von Karel Gott und Frank Schöbel, sondern auch vom Bariton Hermann Prey und den Folksingern Sigrun Kiesewetter und Pete Seeger.

Georg Nagel, Hamburg

Ein wenig bekanntes Weihnachtslied aus Luthers Feder: „Christum wir sollen loben schon“

Martin Luther

Christum wir sollen loben schon

Der hymnus. A solis ortu.
Christum wir sollen loben schon /
der reynen magd Marien son.
So weit die liebe sonne leucht /
vnnd an aller welt ende reicht.

Der selig schepffer aller ding /
zoch an eins knechtes leib gering /
das er das fleisch durch fleisch erworb /
vnd seyn geschepff nicht als verdorb.

Die götlich gnad von hymel groß /
sych yn die keusche mutter goß /
Eyn medlin trug einn heymlich pfand /
das der natur war vnbekand.

Das zuchtig haus des hertzen tzart /
gar baldt eyn Tempel Gottis wart /
die kein man ruret noch erkand /
von gots wort sye man schwanger fand.

Die edle mutter hat geborn /
den Gabriel verhyeß zuuorn /
den sanct Johans mit spryngen zeygt /
da er noch lag ynn mutter leyb.

Er lag ym hew mit armut groß /
die krippen hart yhn nicht verdroß.
Es ward eyn kleyne milch seyn speyß /
der nie keyn voglin hungern ließ.

Des hymels Chor sich frewen drob /
vnd die engel syngen Got lob /
den armen hyrten wird vermeld /
der hirt vnd schepffer aller welt.

Lob ehr vnnd danck sey dir gesagt /
Christ geborn von reyner magd.
Mit vater vnd dem heylgen geist /
von nu an byß ynn ewigkeit.

Denkt man an Martin Luthers Weihnachtslieder, fällt einem wohl vor allem das heute sehr beliebte Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ähnlich wie Ein feste Burg ist unser Gott gilt es als eines der Standartwerke des Reformators, das zu dieser Jahreszeit in Kirchen und Häusern in ganz Deutschland und darüber hinaus gesungen wird.

Das hier vorgestellte Lied, Christum wie sollen loben schon, ist ein weiteres Weihnachtslied aus Luthers Feder. Es basiert auf dem Lateinischen Gedicht A solis ortus cardine von Caelius Sedulius (gestorben ca. 450), welches im Mittelalter vertont wurde. Luther erwähnt diese Vorlage explizit in seiner Übersetzung. Er übernahm von dem altkirchlichen Original nur fünf Strophen in freier Übersetzung, nämlich die, die sich auf die Geburt Jesu bezogen. So zentrierte er das Lied wesentlich stärker auf Weihnachten. Die Vorlage beschreibt das ganze Leben Christi und nicht nur dessen Geburt. Sie verwendet die rhetorische Form eines Abecedarius, was bedeutet, dass jede Strophe mit einem Buchstaben des Alphabets beginnt. Luther hingegen übersetzte den lateinischen Text in Reimform.

Inhaltlich werden in Luthers Übersetzung einige theologische Aspekte des Luthertums angeschnitten. Beispielsweise wird in der dritten Strophe auf „die göttliche gnad vom hymel“ verwiesen, was auch in Luthers Grundsatz sola gratia zum Ausdruck kam. Als Luther das Lied 1524 übersetzte, hatte sich noch keine vollständige lutherische Konfessionskultur gebildet. So wird auch noch auf „Sanct Johans“ verwiesen und das Lied ist stark auf Maria als Mutter Gottes zentriert; der Heiligenkult und die Marienverehrung sind beides Aspekte, die man heutzutage wohl eher mit dem Katholizismus verbinden würde. Überraschend ist dies allerdings nicht, weil sich erst im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts langsam eine konfessionelle Kultur herausbildete, die sich bei Lutheranern, Katholiken und Reformierten unterschied.

Stilistisch zeichnet sich Luther, der ein sehr feines Gefühl für Sprache besaß, auch als guter Übersetzer und Dichter aus. Die Reimform („schon…son“, „ding…gering“) hat das Lied einprägsam gemacht und die bereits bekannte Melodie für viele eingänglich. Gleichzeitig ist die Übersetzung in die Umgangssprache ein Indiz für die Wichtigkeit des Deutschen im Luthertum. Die Übersetzung der Bibel und die Durchführung von Kirchenritualen, beispielsweise Taufe und Kommunion, in der Umgangssprache waren Kernforderungen Luthers.

Daneben greift Luther in seiner Übersetzung auch beliebte religiöse Topoi auf, die natürlich oft im lateinischen Original bereits vorhanden sind und somit nicht unbedingt explizit lutherisch. Die weitstrahlende Sonne in der ersten Strophe zum Beispiel entwickelte sich zu einem wichtigen Symbol des Luthertums, wobei spätere Generationen von Theologen oft Luther selbst oder die Universität von Wittenberg als die hellstrahlende Sonne bezeichneten. Entgegensetzt war dem dann die Finsternis der katholischen Kirche.

Ein solches Lied konnte in vielen Situationen auch eine didaktische Funktion erfüllen. Die Nacherzählung von Aspekten der biblischen Weihnachtgeschichte, beispielsweise der unbefleckten Empfängnis („die keusche mutter“, „von gots wort sye man schwanger fand“, „reyne magd“), die Ankündigung durch die Engel („den Gabriel verhyeß zuuorn“) oder die Himmlischen Heerscharen („die engel syngen Got lob“) waren wichtige Aspekte des christlichen Selbstverständnisses, die natürlich auch in Predigten und Katechesen aufgenommen werden konnten. So wurde der lutherischen Theologie auch in solchen Liedern Gehör verschafft. Wie üblich verwies das Lied in der letzten Strophe auf die Dreifaltigkeit und die Ewigkeit des göttlichen Reiches und damit letztendlich auch die göttliche Omnipotenz. Dies war offensichtlich für Luther wichtig, denn die letzte Strophe hat im lateinischen Original kein direktes Äquivalent.

Doch, und um zum Anfang zurückzukehren, das Lied, welches heute nur noch in einigen regionalen evangelischen Gesangbüchern abgedruckt ist, zeigt auch, wie einfach es ist, die heutige Form des Luthertums auf das sechzehnte Jahrhundert zu projizieren. Denn während heute Vom Himmel hoch, da komm ich her als das lutherische Weihnachtslied par excellence gesehen wird, waren die Dinge im sechzehnten Jahrhundert nicht so eindeutig. Christum wir sollen loben schon fand sich in einem der frühesten lutherischen Liederbücher, dem Erfurter Enchiridion (1524) und erfreute sich großer Beliebtheit. Das Lied war so beliebt, dass es sogar in katholischen Gesangbüchern des sechzehnten Jahrhunderts abgedruckt wurde. Heute allerdings ist es nur noch Kennerinnen und Kennern bekannt. Es ist irreführend anzunehmen, dass, nur weil Elemente der lutherischen Konfessionskultur wie das Lied vom Himmel hoch, da komm ich her heute so beliebt sind, dies bereits im sechzehnten Jahrhundert der Fall war.

Die Tendenz, die Vergangenheit durch eine teleologische Brille zu sehen, hat sich auch in der Lutherdekade, welche nun mit einer durchwachsenen Bilanz zu Ende gegangen ist (vgl. faz.net), gezeigt. So spielte das Jahr 1517 und der Thesenanschlag in der lutherischen Memorialkultur des sechzehnten Jahrhunderts lange nicht die Rolle, die diesem Ereignis in den Jubiläen, die seitdem gefeiert wurden, zugeschrieben wurde. Die Konstruktion des Thesenschlages als Schlüsselereignis der Reformation geht vielmehr auf spätere Autoren zurück, die die Reformation als Ereignisgeschichte anhand von einigen wichtigen performativen Akten erzählten: dem Thesenanschlag, dem öffentlichen Verbrennen der Bannandrohungsbulle in Wittenberg, dem heroischen Luther auf dem Reichstag von Augsburg und noch einigen weiteren, ähnlichen Ereignissen.

Schlussendlich lässt sich nur dafür plädieren, dass jede Zeit in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden muss und die eigenen Annahmen immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Ein angenehmes Nebenprodukt eines solchen Ansatzes ist es, dass man einem bisher unbekannte Schätze entdecken kann wie das schöne Weihnachtslied Christum wir sollen loben schon.

Martin Christ, Tübingen

„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Zum berühmten Choral Joachim Neanders

Joachim Neander

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren,
lob ihn, o Seele,
vereint mit den himmlischen Chören.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren,
der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen
sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren,
der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen,
dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

4. Lobe den Herren,
der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel
mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

5. Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Lob ihn mit allen,
die seine Verheißung bekamen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiss es ja nicht.
Lob ihn in Ewigkeit. Amen.

     [Ökumenische Fassung]

Mit Ein feste Burg ist unser Gott und Großer Gott, wir loben dich gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren – von einigen christlichen Weihnachtsliedern abgesehen – zu den bekanntesten Kirchenliedern. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ist ein Lied, das viele Christen ein Leben lang begleitet. Es wird häufig bei Taufen, Kommunionen bzw. Konfirmationen, Trauungen und bei Begräbnissen gesungen. An kirchlichen Feiertagen  und in sonntäglichen Gottesdiensten gehört dieser Choral zum festen Repertoire.

Entstehungsgeschichte und Rezeption

Den Text hat der Bremer evangelische Hilfsprediger Joachim Neander (1650-1680), orientiert an Psalm 113, kurz vor seinem Tod verfasst. Laut dem Volksliedforscher Michael Fischer des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg geht die Melodie auf das seit 1665 aus dem Gesangbuch von Stralsund bekannte Kirchenlied Hast du denn, Jesu, dein Angesicht zurück (Historisch kritisches Liederlexikon, 2005). Diese Melodie und deren Text finden sich noch heute im Bach Werkverzeichnis Nr. 57.8. Nach einer anderen Quelle kannte der Bremer Bürger Neander die Melodie aus dem Ander Theil des Erneuerten Gesangbuch, Bremen, 1665.

Erstmals mit dieser Melodie und seinem Text hat Neander das Lied in dem von ihm 1680 herausgegebenen Erbauungsbüchlein Glaub- und Liebesübung veröffentlicht. „Durch zahlreiche Nachdrucke der Glaub- und Liebesübung – in Dutzenden von Auflagen – wurde das Lied bald in ganz Deutschland bekannt. Daraufhin gelangten auch andere von Neander geschaffene Lieder zunächst in reformierte, dann in pietistische und lutherische Gesangbücher“ (Michael Fischer), so z.B. 1717 in das Hanauische Gesangbuch.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren „zum evangelischen Kernbestand der Loblieder“ (so Michael Fischer). In den USA wurde „Lobe den Herren“ in das in St. Louis 1880 herausgegebene Liederbuch für Sonntagsschulen der deutschen evangelischen Synode von Nord Amerika aufgenommen. 1894 tauchte es erstmals in Helvetica – Liederbuch für Schweizer Schulen auf. Nachdem es in Deutschland in zahlreichen Gesangbüchern der einzelnen Landeskirchen erschienen war, z.B. im Gesangbuch für das Großherzogtum Hessen (1881), fand es Aufnahme in zahlreiche Schulbücher und Chorbücher und vereinzelt auch in andere Gebrauchsliederbücher, so z.B. in Das deutsche Lied, (1911), das der Ullstein Verlag zugleich in Berlin und Wien herausbrachte.

Im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (s. auch unten) wurde das Lied so populär, dass man es durchaus als Volkslied bezeichnen kann. Darauf deuten auch die Titel von zahlreichen Liederbüchern, in denen es enthalten ist, hin, wie z.B. Niedersächsisches Volksliederbuch (1914) und Was singet und klinget – Lieder der Jugend (1926) oder Hanseatisches Liederbuch – Hoch- und plattdeutsche Lieder für gesellige Kreise (1927) und Wohlauf, ihr Wandersleut (1931). Sogar der Schweizer Pfadfinderbund nahm das Lied in sein Liederbuch Der grüne Heinrich auf (1933).

In der Zeit des Nationalsozialismus ist Lobe den Herren nur in einem Liederbuch einer NS-Organisation, nämlich der NS-Frauenschaft, (Wach auf mein Herz und singe) und in wenigen Gebrauchsliederbüchern zu finden, wie z.B.  Klingend Erbe (1935), das allerdings auch einige NS-nahe Lieder enthält.

Auffällig ist die Beziehung mancher Kirchenlieder zu Krieg und Militär. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde in ganz Deutschland Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ebenso gesungen wie Luthers Schutz- und Trutzlied Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen und Nun danket alle Gott.

Eines der ersten Liederbücher mit dem Lobchoral war das 1897 herausgegebene Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften. Im Ersten Weltkrieg folgten weitere Liederbücher speziell für Soldaten, z.B. das Singbüchlein  für Soldaten – Heer und Flotte, Der Landser – Sachsens Soldatenlieder und in Österreich Hoch Deutschland! Heil Österreich! Noch vor dem Zweiten Weltkrieg fand das Lied nicht nur Eingang in etliche Chor- und andere Gebrauchsliederbücher, sondern auch in das Deutsche Soldaten Liederbuch (2. Aufl. 1937) und in das Schweizer Soldatenliederbuch (1942).

Bald nach der Gründung der Bundeswehr im November 1955 brachten das evangelische und das katholische Militärbischofsamt Gesangbücher für Soldaten heraus: das Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten erschien 1957, das Gesang- und Gebetbuch für die katholischen Soldaten 1989 in der 29. Auflage.

Nachdem Neanders Choral Bestandteil vieler sogenannter Feldgottesdienste war, ist es noch heute bei manchen militärischen Feierlichkeiten, vorwiegend dargeboten von einem Musikkorps, zu hören.

Auch nach 1945 gab es diverse Gesangbücher der einzelnen Landeskirchen, bis es schließlich zwischen 1993 und 1996 zur Einführung des evangelischen Einheitsgesangbuchs (EG) kam. Seitdem ist die Originalfassung unter der Nummer 317 vertreten und die ökumenische Version unter der Nummer 316. In das katholische Gesangbuch Gotteslob (GL) ist seit 1975 die seit 1973 gültige ökumenische Fassung unter der Nummer 392 aufgenommen worden (zu den Änderungen s. Liedbetrachtung).

Bis 1973 wiesen alle Gesangbücher, wie auch die Gebrauchsliederbücher, die Originalfassung von Neander auf, allerdings häufig ohne die fünfte Strophe:

Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat,
lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es nicht.
Lobende, schließet mit Amen.

Seit 1949 erschienen zahlreiche Gebrauchsliederbücher, die bereits aus ihren Titeln erkennen ließen, dass Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren weiterhin auch als Volkslied angesehen wird. Exemplarisch seien genannt Klingende Welt – Lieder der Jugend (1949) und Deutsche Weisen – Beliebte Volkslieder (1958) sowie Die Fanfare – Volks- und Soldatenlieder (1961) und Deutsche Volkslieder – 168 Volkslieder und volkstümliche Lieder (1990).

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig ist Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren mit fast 200 Musiknoten und 109 Schellackplatten, LPs und CDs vertreten. Überwiegend wird das Lied von weltlichen und kirchlichen Chören bzw. Kantoreien gesungen. Von den solistischen Aufnahmen sind die des Tenors Peter Schreier und des Baritons Dietrich Fischer-Dieskau hervorzuheben. Rund die Hälfte der Tonträger bezieht sich auf die 1725 von Bach komponierte Kantate (BWV 137), aufgenommen mit Dirigenten wie John Eliot Gardiner und Nikolaus Hanoncourt und Chören wie der Monteverdi Chor und die Tölzer Sängerknaben.

Nebenbei zu erwähnen ist, dass aufgrund der außerordentlichen Popularität Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren parodiert (s. unten) und von zwei Jazzcombos verjazzt worden ist.

Liedbetrachtung

Im Folgenden beziehe ich mich auf die oben ausgewiesene ökumenische Fassung des Chorals im Einheitsgesangbuch Nr. 316.

Ähnlich den Lobpsalmen 104 und 146, in denen es im ersten Vers heißt: „Lobe den Herr, meine Seele […]“ fordert auch der an Psalm 113 orientierte Liedtext von 1665 in der ersten Strophe auf, den Herrn zu loben: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, / meine geliebete Seele, das ist mein Begehren“. Warum eine Kommission des Ökumenischen Rats den dritten und vierten Vers zugunsten „lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören“ geändert hat, erschließt sich mir nicht.  Anzunehmen ist, dass „geliebete“ sprachlich als nicht zeitgemäß angesehen wurde.

Beim zweiten Teil der ersten Strophe hat sich Neander nicht von Psalm 103 inspirieren lassen, wohl aber von Vers 2 des 33. Psalms: „Danket dem Herren mit Harfen und lobsinget ihm auf dem Psalter [einer Art Zither] von zehn Saiten“.

Obwohl Neander als Kind und auch noch später die Folgen des 1648 beendeten Dreißigjährigen Krieges erlebt hat, lobt er aus tiefem Glauben „den Herren, der alles so herrlich regieret.“ So wie seine Eltern – bildlich gesprochen – auf den „Fittichen eines Adlers“ den Krieg überlebt haben, ist er gewiss, dass Gott auch ihn im Leben behüten wird. Und er wendet sich an die Christen und fragt, ob nicht auch sie erlebt haben, wie gut „der König der Ehren“ es mit ihnen meint. Der Herr hat ihnen Gesundheit verliehen bzw. – das wird nicht ausdrücklich gesagt – lässt sie nach einer Krankheit gesunden.

Neander hat es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt; er hat nie so viel verdient, dass er eine Familie gründen konnte. Als eifriger Pietist, zu dem er nach Besuch eines Gottesdienstes von Theodor Undereyk, eines Buß – und Bekehrungspredigers, geworden war, studierte er das Hauptwerk des Begründers des Pietismus Philipp Jacob Spener (1635-1705) Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche, in dem Spener ein umfassendes Reformprogramm der lutherischen Kirche vorschlägt. Wie sein Mentor Spener hat Neander die Institution der etablierten evangelischen Kirche kritisiert und ihr Missstände und den Gläubigern mangelnde Bibelkenntnis vorgeworfen. Die Folge war, dass Neander in ganz Deutschland keine Pfarrstelle bekam und seine letzte Lebenszeit als Hilfsprediger in seiner Heimatstadt Bremen fristen musste. Doch trotz aller Widrigkeiten hat er nie seinen Glauben verloren, sondern noch vor seinem Tod in seinem Lied ‚den Herrn gelobt‘ und andere Gläubige darauf aufmerksam gemacht, dass auch sie der „gnädige Gott“ vor Not bewahrt oder ihnen aus vielen Nöten geholfen hat.

Vielen Sängern des Liedes war es – wie auch mir lange Zeit – unklar, was mit „deinem Stand“ im zweiten Vers der vierten Strophe gemeint sein könnte. Laut Duden war ein Stand eine Schicht in einer hierarchischen Gesellschaft; noch heute spricht man von Mittelstand oder Berufsstand. Aber wieso sollte Gott nur den Stand segnen, dem ich oder mein Gegenüber angehören? Um diese Missverständlichkeit aufzuheben, wurde der Vers geändert. Seit 1973 heißt es nun in der ökumenischen Version: „der sichtbar dein Leben gesegnet“. Schon das ist ein Grund, den Herrn zu loben, wie auch die Liebe Gottes, die uns „der Allmächtige“ zuteil werden lässt.

In der fünften und letzten Strophe des Originals heißt es im dritten und vierten Vers „Alles, was Odem hat, / lobe mit Abrahams Samen“. Während der dritte Vers aus sprachlichen Gründen geändert wurde, ist der vierte Vers vom Ökumenischen Rat 1973 umformuliert worden, weil der Hinweis auf „Abrahams Samen“ als anstößig empfunden wurde, da er „auf die Christen als die neuen Kinder Israels anspielt“ (Michael Fischer, Liederlexikon) und damit die Juden als zweitrangig ansieht (vgl. Johannes 8, Verse 33 – 37).

Nun heißt es „Lob ihn mit allen, / die seine Verheißung bekamen“. Um Gottes Segen zu erhalten, mahnt Neander hier indirekt die Gläubigen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wie sehr es darauf ankommt, ist den weiteren Versen des 103. Psalm zu entnehmen. In Vers 11 heißt es „hoch ist seine Gnade, über denen, die ihn fürchten“ und in Vers 13 „erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“.

Die folgende Parodie von Bertolt Brecht ist etwa 1925 entstanden; veröffentlicht wurde der Große Dankchoral 1927 zum ersten Mal im Gedichtsband Bertolt Brechts Hauspostille. Es ist das Schlussgedicht der zweiten Lektion, die Brecht mit dem Begriff „Exerzitien“ überschrieben hat (vorwiegend in der katholischen Kirche praktizierte Übungen zur Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Lebens). Dass Brecht „Exerzitien“ ironisch gemeint hat, geht auch aus den Versen des Dankchorals hervor. In dem Gedicht stellt Brecht „die göttliche Fürsorge in Abrede“ und „räumt den Himmel leer“, so der Brecht-Forscher Jürgen Hillesheim.

Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
Schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.

Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet wie ihr
Lebet das Gras und das Tier
Und es muss auch mit euch sterben.

Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
Lobet den Baum, der es fraß
Aber auch lobet den Himmel.

Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und dass er nicht
Weiß euren Nam‘ noch Gesicht
Niemand weiß, dass ihr noch da seid.

Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommt nicht auf euch an
Und ihr könnt unbesorgt sterben.

Abschließend meine ich, dass es vorwiegend Pietisten und tief im Glauben verwurzelte Christen sind, die die noch heute die Worte von Neanders Loblied wörtlich nehmen und Gott im Sinne des Liedes loben. Dennoch ist es bei allen Christen außerordentlich beliebt, was sich m.E. auf die eingängige und gut singbare Melodie zurückführen lässt. Dazu sagte der Musikpädagoge und renommierte Komponist vieler Lieder der Jugendbewegung Robert Götz (1892-1978) in einem Interview mit dem Volksliedforscher Ernst Klusen 1975: „Die Hauptsache ist immer das Lied, die Melodie“. Auch der Dirigent John Eliot Gardiner meint, dass nicht nur der Text, sondern auch die Melodie des Chorals in allen Sätzen gegenwärtig ist.

Georg Nagel, Hamburg