Psalmlied und Kriegslied: Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“

Martin Luther

Ein feste Burg ist unser Gott

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht't
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn
das Reich muß uns doch bleiben

Ein feste Burg als volkstümliches Lied

Wie populär das Kirchenlied, das in allen evangelischen Gesangbüchern vertreten ist, bald nach seine Entstehung wurde, zeigt sich auch darin, dass die Anfangsverse der Strophen eins, drei und vier seit dem 16. Jahrhundert sprichwörtlich geworden sind und es seit Anfang des 19. Jahrhunderts Eingang in zahlreiche säkulare Liederbücher gefunden hat. Zunächst wurde es 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim aufgenommen. Auch die Titel mancher Liederbücher weisen darauf hin, dass der Choral als Volkslied angesehen wurde: Von Die Volkslieder der Deutschen (1834, herausgegeben vom Liederforscher Friedrich Karl von Erlach [1769–1852]) und dem Liederbuch des deutschen Volkes (1883), über Wandervogels Singebuch (1915) bis hin zu den Liedsammlungen zeitgenössischer Liedforscher wie Ernst Klusen, Heinz Rölleke und Theo Mang.

Entstehung

Der Text des 4-strophigen Lieds stammt von Martin Luther. Während sich Liedforscher, Musikhistoriker und Kirchengeschichtler über das Entstehungsjahr 1527 einig sind, ist der Anlass für Luthers Dichtung umstritten. Der Musikhistoriker Michael Fischer führt die Entstehung des „Kampfliedes“ auf die drohende osmanische Invasion zurück. Luther, so hingegen die Auffassung des Liedforschers Theo Mang, habe den Choral „unter dem Eindruck der nahenden Pest“ als „Trost- und Bußlied“ und zugleich als „Trutz- und Triumphlied der evangelischen Kirche“ gegen die Altgläubigen, die sich der Reformation verweigerten, verfasst (S. 1066) –  ein Aspekt, den 1955  auch der Linguist und Ethnologe Wolfgang Steinitz mit der Titulierung „das religiöse Kampflied der Reformation“ (S. 173) gesehen hatte. Bereits 1834 hatte Heinrich Heine den Choral als „Hymne der Reformation“ bezeichnet.

Auch die Melodie wird auf Martin Luther, der ja auch die Laute zu spielen wusste, zurückgeführt. Bereits 1528 erschien das Lied im Wittenberger Gesangbuch (vgl. Rölleke, S. 51). Da dieses Gesangbuch verschollen ist, wird als erste überlieferte Quelle die Augsburger Form und Ordnung geistlicher Gesang und Psalmen von 1529 angegeben (Wikipedia, Ein feste Burg).

Ein feste Burg ist unser Gott im Gesangbuch 1533 von Joseph Klug (epd-Bild)

Interpretation

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seingleichen.

Das Lied beginnt mit einer Feststellung – „Ein feste Burg ist unser Gott“ -, die für gläubige Christen eine unumstößliche Wahrheit enthält. Luther hat seinen Text an Psalm 46 angelehnt, in dem es heißt: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke“ (Vers 2) und der durch Vers 8 die Gewissheit verschafft: „Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz“ (vgl. auch Psalm 91 Vers 2 „meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“). Eine Burg ist zu Zeiten Luthers eine relativ sichere Aufenthaltsstätte und ein Zufluchtsort für die in der Nähe Wohnenden. Mit „guter Wehr und Waffen“ ist das Abwehren potentieller Feinde gemeint. Insofern ist die Absicht Luthers eindeutig auf Verteidigung und nicht auf Angriff gerichtet. Dabei ging es Luther nicht um Kanonen und Festungsanlagen, sondern um die Abwehr der Versuchungen und Bedrängnisse, denen die Menschen ausgesetzt sind. Doch so mächtig und listig „der altböse Feind“, der Teufel, auch sein mag, Gott ist , wie es in Psalm 46, Vers 2 heißt, „eine Hilfe in den großen Nöten“; bei Luther: „er hilft uns frei aus aller Not“.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heisst Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.

Bei aller Zuversicht, die in der ersten Strophe zum Ausdruck kommt, zeigt Martin Luther in der zweiten Strophe, wie sehr wir im Kampf mit dem Bösen „gar bald verloren“ wären, wenn uns nicht Jesus Christus, „der rechte Mann“ beistehen würde. Die Gleichsetzung von Jesus und dem „Herr Zebaoth“ (alttestamentliche Bezeichnung Gottes, dem „Herrn der Heerscharen“) bezieht sich auf die christliche Dreifaltigkeitslehre, nach der Christen an Gott, „den Vater, Sohn und Heiligen Geist“ glauben. Zugleich bekennen sie übereinstimmend mit der Einleitung im Nizänischen Glaubensbekenntnisses (entstanden 325 in Nicäa, ergänzt 381 in Konstantinopel): „Wir glauben an den einen Gott “ im Sinne des Lutherschen Chorals „…und ist kein andrer Gott“. Eine Formel, die auch andere Religionen verwendet wird. So heißt es z.B. im muslimischen Glaubensbekenntnis (arab. schahada) „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt“ und deren strikte Befolgung bzw. Nichteinhaltung zu sogenannten Glaubenskriegen geführt hat und noch heute führt.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht’t
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Doch was ein rechter Christ ist, der fürchtet denTeufel nicht, „wie saur er sich stellt“, d.h. wie drohend er auch auftritt (Rölleke, S. 51), ein „Wörtlein“ weist die Anfeindungen zurück. Ob das „Wörtlein“ in dem Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, eines Gebets oder eines Bibelspruches besteht, sagt der Lutherische Liedtext nicht. Jesus selbst hat den Versuchungen des Teufels (vgl. Matthäus 4, Vers 1 bis 11) mit den Worten „Hebe dich weg von mir, Satan!“ (Vers 10) widerstanden.

Inschrift an der 1515 erbauten Georgenkirche in Eisenach (Bild: Neptuul)

Mit dem Begriff „Fürst dieser Welt“ greift Luther Jesu Worte auf, nach denen der Teufel ausgestoßen und gerichtet wird (vgl. Johannes 12, Vers 31 und 16, Vers 11). Ein Fürst steht bei all seiner Macht im Fürstentum auch zu Zeiten Luthers unter der Macht eines Königs. So wird es verständlich, dass Luther in seiner bildhaften Sprache bei der Übersetzung und in diesem Lied den bedeutenden Unterschied des Umfangs und der Stärke der Macht darzustellen weiß. In der Bibel wird Gott mehrfach als König tituliert (s. von 2. Mose 15, Vers 18 bis Petrus 2, Vers 17) und sogar als „König aller Könige“ (1. Timotheus 6, Vers 15). Auch in Joachim Neanders (1650-1680) bekanntem Choral Lobe den Herren (Interpretation) wird Gott als König bezeichnet, als der  „mächtige König der Ehren“.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn
das Reich muss uns doch bleiben

Das (christliche) Wort ist mächtig, so heißt es in der vierten Strophe, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen (das mittelhochdeutsche „Dank“ bedeutet Gedanken, so Rölleke, S. 51), sofern wir den Herrn „auf dem Plan“ haben, wir fest an ihn und seine „Gaben“ glauben. Selbst wenn uns großes Unheil widerfährt, wir alles („Gut, Ehr, Kind und Weib“) verlieren, den Christen ist gewiss, dass das ewige Leben („das Reich“) bleibt. Ähnlich kennen wir diese Gewissheit von Hiob, der alles verloren hat und dennoch bekennt: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob  1, Vers 11).

Rezeption als Kampflied

Obwohl Luther kein politisches Lied dichten wollte, worauf auch der Bezug auf den Bußpsalm 46 deutet, enthält das geistliche Psalmlied Aussagen, die es verständlich machen, dass es auch zu einem soldatischen Kampflied werden konnte. Einige Passagen der ersten Strophe lassen sich kriegerisch auslegen: vor dem Krieg, um den Wehrwillen zu stärken, im Krieg, um den Soldaten Mut zu machen und nach dem (gewonnenen) Krieg als Dankchoral, ähnlich wie Nun danket alle Gott  missbraucht wurde.

Als Mutmachlied wurde Ein feste Burg bereits in den diversen Bauernaufständen (1624 bis 1626) eingesetzt. Nachweislich haben aufständische Bauern sogar noch nach den 1625 verlorenen Schlachten bei Mühlhausen, bei Würzburg und bei Memmingen in der Gmundener Schlacht am 15.11.1626 Ein feste Burg ist unser Gott gesungen (vgl. Der Große Steinitz, S. 30).  So ist die Friedrich Engels Bezeichnung des Lieds als „Marseillaise der Bauernkriege“ historisch durchaus zutreffend.

Aus dem Dreißigjährigen Krieg wird eine Legende berichtet, nach der die Soldaten von König Gustav Adolf „mit dem Lied auf den Lippen gegen die Truppen der Altgläubigen ausgerückt sind und nach einem Sieg Gustav Adolf ausgerufen habe: ‚Das Feld muss er behalten!’“ (Burkhard Weitz).

Für das Singen des Liedes von den preußischen Soldaten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763, von einigen Historikern als ein Weltkrieg angesehen), habe ich ebenso wenig Quellen gefunden wie auch für seinen Einsatz 1813 im Befreiungskrieg gegen das napoleonische Heer. Doch bereits vor der Leipziger Völkerschlacht 1813 dichtete Ernst Moritz Arndt „Ein feste Burg ist unser Gott / Auf, Brüder, zu den Waffen! / Auf, kämpft zu Ende aller Noth / Glück, Ruh der Welt zu schaffen.“ (nach Thomas Greif). Arndt war es auch, der den Begriff Erbfeind 1813 auf Frankreich bezog.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 trug das Lied zur Zuversicht der preußischen Soldaten bei, über die Franzosen zu siegen (ähnlich wie das Lied Die Wacht am Rhein, Interpretation). Leicht ließ sich der „Erbfeind“ Frankreich als „altböser Feind“ bezeichnen, der „grausam gerüstet“ ist. Und nach dem Sieg über die Franzosen sangen preußische Gruppen in Paris den Choral Nun danket alle Gott.

Zwar hatte Friedrich Engels 1884 über Ein feste Burg ist unser Gott geschrieben: „und so siegbewusst Text und Melodie des Liedes sind, so wenig  kann und braucht man es nicht in diesem Sinn zu fassen“ (Steinitz, S. 173). Dessen ungeachtet wurde, zeitlich fast parallel mit der Aufnahme des Psalmlieds in weltliche Liederbücher (s.o.), Ein feste Burg Ende des 19. Jahrhunderts in etliche Liedersammlungen für Soldaten aufgenommen, z.B. 1892 in den Liederschatz für das deutsche Heer und 1897 in das Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg ist das Psalmlied politisch verwendet worden. So sangen es 1817 auf dem Wartburgfest die Studenten, die gegen reaktionäre Politik, gegen die Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit eigener Verfassung am Fuß der Lutherburg protestierten. Ebenso wurde der Choral 1868 bei der Errichtung des Lutherdenkmals in Worms und bei der Reichsgründung 1871 intoniert (vgl. Thomas Greif).

Zahlreiche Liederbücher, die im Ersten Weltkrieg mit dem Lied herauskamen, wie z.B. Singbüchlein für Soldaten – Heer und Flotte,  Kriegsliederbuch für das deutsche Heer (beide 1914)  und Gloria Victoria – Vaterlands-, Kriegs-, Soldaten- Heimatlieder, Choräle und Dankgebete und Das deutsche Soldatenlied (beide 1915) machten es den Soldaten leicht, den „altbösen Feind“, der in „grausamer Rüstung“ daherkommt auf die Ententemächte zu übertragen.

In ihren Kriegspredigten beriefen sich Theologen, die der Ideologie des Nationalprotestantismus nahestanden, auch auf Martin Luther. So 1915 der Professor für praktische Theologie Eduard Simons: „Dass Luther bei uns ist, das haben wir gleich von Anfang des Krieges gemerkt, da sein Schutz- und Trutzlied zum Kriegslied wurde“ (nach Pressel, S. 84). Auch der damalige Oberpfarrer und spätere Bischof Otto Dibelius meinte, dass „Luther den Bann gebrochen hat für den Bund von Christentum und Volkstum“ und fuhr noch 1918 fort: „Um Luther schart sich seitdem alles, was deutsch fühlt im Kampf gegen welsche Gewalt“ (nach Pressel, S. 80). Und,  um den nachlassenden Wehrwillen zu stärken, dramatisierte der Prediger Droß, „ dass im Weltkrieg das ganze Erbe Luthers und der deutschen Reformation auf dem Spiel steht“ (Pressel, S. 82). Doch trotz aller anfänglichen Zuversicht – „Gott hilft uns frei [d.h. ohne Auflagen] aus aller Not“ – mussten 1918 Siegesgesänge im Gegensatz zu 1871 ausbleiben.

Feldpostkarte, 1915 (Histor. Bildpostkarten Uni Osnabrück, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht)

Luther und Bismarck als „Deutsche Eichen“ Stahlstich Feldpostkarte 1917 (Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz)

Weimarer Republik und NS-Zeit

In der Weimarer Republik wurde Ein feste Burg ist unser Gott von den Nationalisten vereinnahmt. Der antidemokratische Stahlhelm Bund, der nationales Pflichtbewusstsein propagandierende Kyffhäuser Bund, der national gesinnte Reichsverband des Jungsturms, die rassistische Deutsch-völkische Freiheitsbewegung und der antisemitische Jungdeutsche Orden nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Später instrumentalisierten es die Nationalsozialisten auch gegen (vermeintlich) innere Feinde.

Das begann 1933 mit dem die SA Liederbuch und setzte sich fort im Hitler-Liederbuch der nationalen Revolution (1934; Auflage 465.000-500.000). An die Stelle des Reiches Gottes setzen die Nazis „Das Dritte Reich“. Dagegen prostierten „die Schwestern und Brüder einer ‚Bekennenden Kirche‘: ‚Das Reich muss uns doch bleiben‘ stand provokativ in fetter Schrift unter einem Flugblatt, November 1933, das scharf gegen die berüchtigte Deutsche Christen Kundgebung im Berliner Sportpalast Stellung bezog“ (Reinhart Staats).

Mit Ausnahme der männlichen Hitlerjugend gab es kaum eine NS-Organisation, die das „Kampflied“ nicht in ihre Liederbücher aufnahm, wie z.B. der Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und der Deutsche Arbeitsdienst. Da meinten NS-nahe Christen nicht nachstehen zu können und brachten eigene Liederbücher mit Ein feste Burg ist unser Gott heraus, u.a. das Liederbuch der Deutschen Christen für die deutsche Jugend in Kirche, Schule, Haus und Christliche Kampflieder der Deutschen. Und zur mentalen Einstimmung auf den geplanten Krieg wurde das Lied bereits 1936 in etliche Liederbücher wie Soldaten siegen und Soldaten, Kameraden aufgenommen. Seit 1939 folgten zahlreiche Ausgaben wie das Liederbuch der Wehrmacht, Das Deutsche Marineliederbuch u.a.

Missbraucht wurde das Lied auch in dem von Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilm Der große König. Nach den im Siebenjährigen Krieg (s. o.) verloren gegangenen Schlachten und der Zerschlagung des preußischen Heeres wurde durch das Beharren des Königs Friedrich II. auf Kämpfen bis zum Sieg und der Wiederaufrüstung letztlich 1763 der Krieg in der Entscheidungsschlacht von Torgau gewonnen. Die deutsche Bevölkerung, deren Skepsis auf einen Endsieg nach  anfangs erfolgreichen „Blitzkriegen“ zugenommen hatte, sollte mit Hilfe sogenannter Durchhaltefilme psychologisch aufgerüstet werden: „Das Reich muss uns doch bleiben“ mit Hitler als Führer, als „rechter Mann“, den „Gott hat fest erkoren“ (vgl. Burkhard Weitz).

Von den Nationalsozialisten geduldet wurde die Herausgabe von Gesangbüchern und geistlichen Liederbüchern mit dem Lutherlied, z.B. Das Liederbuch der evangelischen Jugend (5. Auflage 1938) und Lieder der Jugend der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1935), das einzige mir bekannte Liederbuch von katholischer Seite mit dem Choral.

Weitere Rezeption

Von 1948 (Der helle Ton) über auflagenstarke Taschenbücher der Verlage Reclam, Moewig und Weltbild bis 2016 (Du meine Seele singe – geistliche Volkslieder) wird der Choral nicht nur in Deutschland (einschließlich der DDR) in weitere zahlreiche Gebrauchsliederbücher (u. a. von Pfadfindern und Freimaurern) und Schulbücher aufgenommen, sondern auch in Österreich und in der Schweiz. Ebenfalls bekannt ist das Lied in vielen englischsprachigen Ländern (A Mighty Fortress Is Our God) und in ganz Skandinavien. In Dänemark und Norwegen gehört es zu den drei meistgesungenen Kirchenliedern (vgl. Hanson/Seelander). Auch evangelische Gemeinden in anderen Ländern wie z.B. Korea und Tanzania, kennen Ein feste Burg ist unser Gott.

In Deutschland wird es nicht nur als Kirchenlied, sondern erneut als Volkslied und als Soldatenlied angesehen, wie es z.B. die Titel der Liedersammlungen Das große Buch der Volkslieder (1993) oder Volks- und Soldatenleder aus sechs Jahrhunderten (2002), das  Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten (1957), aber auch in Österreich Das Österreichische Soldatenliedbuch (1962) zeigen.

Darüber, wie weit verbreitet Ein feste Burg ist, gibt auch der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig Aufschluss, der 185 Notenausgaben, überwiegend Chorpartituren, und 110 Buchtitel aufweist. Darüber hinaus hat das DMA fast 120 Tonträger mit Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach, Georg Philip Telemann, Dietrich Buxtehude und Franz Liszt sowie zeitgenössischer Komponisten in seinem Bestand -und außerdem drei Hörbücher, davon eine CD von 2015 mit der Bach’schen Reformkantate und Meditationen von Margot Käßmann. Der berühmte schwedische Posaunist Nils Landgren hat sogar eine jazzige Version von Ein feste Burg aufgenommen.

Anhaltspunkte für die Popularität eines Liedes geben außer der sprichwörtlichen Verwendung einzelner Verse (s. o. Einführung) und der Anzahl der Liederbücher und Tonträger auch die Benutzung des Incipits (die Überschrift oder der erste Vers der ersten Strophe) und die Varianten und Parodien, die das Lied im Laufe seiner Geschichte erfahren hat.

Mir ist kein Lied bekannt, dessen Incipit die außerordentlich hohe Verwendung in 110 Buchtiteln erreicht hat. Allein von 1947 bis 2017 wurden rund 40 Druckwerke aufgelegt, darunter die meisten christliche Bücher von evangelischen Verlagen, aber auch Ausstellungskataloge, Geschichts- und andere Fachbücher.

Ein feste Burg ist unser Gott“ am Turm der Schlosskirche Wittenberg (1890) (Bild Michael Sander, Ausschnitt Rabanus Flavus)

Eine erste bekannt gewordene Variante (zu den Varianten und Parodien vgl. Martin Fischer) des Liedes mit dem Titel Christus der Schutz unserer Kirche stammt 1774 von dem Dichter und evangelischem Geistlichen Johann Adolph Schlegel mit der ersten Strophe:

Ein starker Schutz ist unser Gott!
Auf ihn steht unser Hoffen
Er hilft uns treu aus aller Noth
So viel uns der betroffen
Satan, unser Feind
Der mit Ernst‘ es meint,
Rüstet sich mit List
Trutzt, dass er mächtig ist
Ihm gleicht kein Feind auf Erden.

Als Revolutionslied 1848 dichtete der Schriftsteller Julius Lasker Ein feste Burg ist Mannesmuth. Die erste Strophe lautet:

Ein‘ feste Burg ist Mannesmuth
Für Freiheit, Wahrheit, Tugend
Dran setzen freudig Gut und Blut
Das Alter wie die Jugend
Wir schwören All‘ den Eid
In Lieb‘ und Einigkeit
Heilig, heilig sei,
Ja heilig uns die Drei:
Die Freiheit, Wahrheit, Tugend!

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sang die sozialdemokratische Arbeiterbewegung Ein feste Burg ist unser Bund des Dichters und Mitbegründers des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) Jakob Audorf, von dem auch die „Arbeiter-Marseillaise“ (1864) stammt. Das „Bundeslied“ beginnt mit:

Eine feste Burg ist unser Bund,
Durch eig’ne Kraft geschaffen;
Er wurzelt fest auf Felsengrund,
Im Sturm ein sich’rer Hafen
Ob auch die Woge braust
D’drob keinem von uns graust:
Hoch, hoch das Schlachtpanier!
Darunter kämpfen wir
Für uns’re Menschenrechte.

Fast 70 Jahre später hat Bertolt Brecht eine Parodie auf Hitler geschrieben: Ein‘ große Hilf war uns sein Maul, und 1977 reagierte Erich Fried auf den Tod von Ulrike Meinhof mit seiner Parodie Ein feste Burg ist unser Stammheim. Zu Zeiten der Anti-Atomkraft-Bewegung entstand der Protestsong Ein feste Burg das Wendland ist.

Ein feste Burg das Wendland ist,
voll Polizei in Waffen
Allgegenwart und Spitzellist
sind ihr Gewalt und Waffen.
Der altböse Feind
mit ERNST* ers jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
im Land ist nicht seinsgleichen

[* Ernst Albrecht, von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen, befürwortete die Endlagerung von Uranabfällen in Gorleben.]

Noch heute wird das „typischste bekannteste evangelische Kirchenlied“ (Rölleke, S. 51) nicht nur an Invocavit, dem 1. Sonntag der Passionszeit, sondern auch an kirchlichen Feiertagen und auf evangelischen Treffen wie dem Kirchentag gesungen. In Kirchen wird das Lied häufig als Orgelimprovisation gespielt, und in Konzerthallen kann man es in zahlreichen musikalischen Werken von Bach (BWV 80, um 1730) bis Zsolt Gárdonyi (Toccata, 2017) als Zitat hören. Zahlreiche Orgelwerke von Michael Prätorius (Fantasie über Ein feste Burg, 1609) und Bach (Choralbearbeitung, 1709, über Händel (Occasional Oratio, 1746) und Wagner (Kaisermarsch, 1871) bis zur Reformationskantate (2017) von Michael Zeller haben als Grundlage Ein feste Burg ist unser Gott.

Georg Nagel, Hamburg

Literatur:

Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, Köln 1993 und Gütersloh o. Jg.

Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2 Bände, Frankfurt/Main, 2. Auflage 1981.

Theo Mang, Sunhilt Mang: Der Liederquell, Über 750 Volkslieder aus Vergangenheit und Gegenwart, Ursprünge und Singweisen, Wilhelmshaven 2015.

Michael Fischer: Ein feste Burg ist unser Gott (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon (online).

Wolfgang Steinitz: Der große Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 1719.

Burkhard Weitz: Geschichte des Liedes – Kampflied der Deutschen oder Protest gegen Gewalt? Widersprüchliche Interpretationen von Martin Luthers Choral, in: Chrismon, 2.11.2016 (online).

Wilhelm Pressel: Die Kriegspredigt 1914- 1918 in der evangelischen Kirche, Göttingen, 1967.

Reinhart Staats: Gott dem Herrn Dank sagen – Festschrift für Gerhard Heintze, Zur politischen Wirkung von Luthers Lied „Ein feste Burg“ in: Kirche von unten, 18.11. 2002 (online).

Thomas Greif: „Ein feste Burg …“ Wie Luthers Kampflied zur Kriegsfanfare wurde, welt digital 31.10.2014 (online).

K.J. Hansson und Sven-Åke Selander: Die Lieder Martin Luthers im Leben der skandinavischen Völker (online).

 

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Von Weihnachten zum Julfest und zurück. Drei Versionen des Sterndreherlieds „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

Paul Hermann

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Dieses Lied entstand 1940, einige Jahre nachdem die Nationalsozialisten versuchten, die Tradition der altgermanischen Sonnenwendfeier als Julfest aufzuwerten und das christliche Weihnachtsfest zu verdrängen. Übereinstimmend mit der Nazi-Ideologie hatte bereits 1936 der Dichter vieler, auch nazistischer, Lieder, darunter Es zittern die morschen Knochen, Hans Baumann (1914-1988), das aus dem Jahr 1923 von Pfadfindern stammende Lied Hohe Tannen weisen die Sterne (Interpretation) umgedichtet zu Hohe Nacht der klaren Sterne, ein Lied das Stille Nacht, heilige Nacht ersetzen sollte. Aus dem Rübezahllied wurde ganz im Sinne der herrschenden Ideologie ein Loblied auf den Mutterkult (vgl. die Wikipedia-Artikel zu Mutterkreuz und Julfest). Dem heidnischen Julfest gemäß hat der heute unbekannte Musiker und Komponist Paul Hermann (1904-1970) dem aus dem Kanton Aargau stammenden ursprünglichen Text jeden christlichen Bezug genommen. Die Ethnologin und Volksliedforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) nennt die Umdichtung in Es ist eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud ein „Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher“ (Das Buch der Weihnachtslieder, 1982, S. 222f.).

Im Folgenden wird das schweizerische Original vorgestellt:

 

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ
Der für uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein
O du armes, o du armes,
o du armes Jesulein.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie und führte sie
Führte sie bis gen Bethlehem.

Über einem Stalle,
da hielt der Stern stille
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten* vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.

* knieten

Dieses christliche Lied wurde 1902 handschriftlich aufgezeichnet, in Druck erschien es zum ersten Mal 1906 (vgl. Waltraud Linder-Beroud: Historisch kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs, November 2005/Januar 2007). Mit leichten Text- und Melodievariationen wurde das Lied um 1900 auch im Kanton Luzern gesungen.

Gemäß dem Volksliedsammler und Mitbegründer des Schweizerischen Volksliederarchivs Alfred Leonz Gassmann (1876-1962) zogen in beiden Kantonen am Dreikönigstag jeweils drei Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in den Dörfern von Haus zu Haus, um dieses Lied und/oder Weihnachtslieder zu singen (vgl. Sammlung Gassmann, Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, 1906, nach Linder-Beroud). Die Sänger waren mit Kronen oder Turbanen versehen und in wallende Gewänder gekleidet. Ein „König“ trug einen Stab mit einem selbst gebastelten Stern vorweg, den er während des Umhergehens drehte. Daher wird Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Gnad auch als Sterndreherlied bezeichnet.

Der Stern erinnert an die Heiligen Drei Könige, denen er den Weg zum Stall in Bethlehem zeigte (vgl. das Evangelium des Matthäus Kapitel 2, Verse 7 und 9-10). In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Kapitel 2, Vers 1–20) ist jedoch von einem Besuch der Könige im Stall keine Rede, wohl aber von Hirten, die nach der Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel nach Bethlehem aufbrachen und „das Kind in der Krippe liegen“ sahen (Lukas 2, 16). Während Matthäus (2, 1 f.) von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, werden im Alten Testament in der „Ankündigung des Friedefürsten“ (Psalm 72) drei Könige erwähnt, die ihn anbeten und Gaben zuführen werden (Verse 10 und 11). Beschrieben werden die Geschenke in Jesaja 60, 6: Gold und Weihrauch, in Matthäus 2, 11 kommt noch Myrrhe dazu. Die im Lied erwähnten „Ochs und Eselein“ habe ich selbst mit Hilfe einer Konkordanz in der gesamten Bibel nicht gefunden. Der Dichter der zweiten Strophe hat wohl zu Recht gemeint: Wo ein Stall mit einer (Futter-)Krippe ist, da sind auch Tiere.

Doch weiter zu unseren Sternsingern. Nach dem Singen der Lieder erhielten die Sänger ein paar Batzen oder Rappen (damalige Währung in der Schweiz) und/oder Süßigkeiten, die Älteren oft selbst gemachten Most. Danach wurde folgender Spruch aufgesagt: „Wir kommen hier an. Das wünschen wir euch an Ein guetes glücksäligs, gesund und auch fröhlichs, ein guetes neues Jahr, Das wünschen wir euch an.“

Noch heute wird in Deutschland in vorwiegend katholischen Gegenden der Sternsingerbrauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter „Sternsinger“ oder „Sterndreher“). Bemerkenswert ist, dass überwiegend die weltliche Version Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud gesungen wird. Nach einer Meldung des Bayerischen Rundfunks TV werden vom 1. bis 6. Januar 2018 bundesweit 300.000 Sternsinger aus allen katholischen Bistümern Geld für Hilfsprojekte in Ländern der Dritten Welt sammeln.

Eine christliche Fassung ist erst wieder seit 1957 bekannt geworden. Der deutsche Chorleiter und Tonsetzer Gottfried Wolters (1910–1989) wollte das Lied in seine Weihnachtsliedersammlung aufnehmen, nahm dann aber wegen der Entchristlichung des Liedes Abstand davon. Schließlich fügte seine Frau Maria Wolters der ersten Strophe des  Aargauer Sterndreherlieds acht neue Strophen an. Bei ihrem Text orientierte sich Maria Wolters an der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, manchmal sogar wörtlich (vgl. z. B. Strophe 4 und 5 mit Lukas 2, 1 und 7):

1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es bringt uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2. Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel
zur Jungfrau hin nach Nazareth.
„Sei gegrüßt, du Jungfrau rein,
den aus dir, denn aus dir,
will der Herr geboren sein.“

3. Maria hörte des Höchsten Begehren,
sich neigend sie zum Engel sprach:
„Sie, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh, mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt!“

4. Und es erging ein Gebot des Kaisers,
dass alle Welt geschätzet wird.
Josef und Maria voll Gnad
zogen hin, zogen hin,
zogen hin zur Davidstadt.

5. Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt, kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

6. In der Krippe muss er liegen,
Und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
Liegst du, liegst du,
Liegst du, armes Jesulein.

7. Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde,
ein Engel dort erschienen ist:
„Fürcht euch nicht, ihr Hirtenleut!
Fried und Freud, Fried und Freud,
Fried und Freud verkündt ich heut!

8. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
der euer Herr und Retter ist.
Dieses Zeichen merkt euch gut:
Gottes Kind, Gottes Kind,
Gottes Kind in der kalten Krippe ruht!“

9. Sie liefen eilend und suchten und fanden,
was auf dem Felde verkündet ward.
Unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

10. Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold,
brachten sie, brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Während das christliche Sterndreherlied von den Heiligen Drei Königen weder im katholischen Gesangbuch Gotteslob noch im evangelischen Einheitsgesangbuch (EG) zu finden ist, fand der Text von Maria Wolters 1993/94 Aufnahme in die Ausgaben für die ev. Landeskirchen Niedersachsen/Bremen, Rheinland-Westfalen/Lippe und für die Reformierte Kirche.

Auch in weltliche Liederbücher wurde das Dreikönigslied selten  aufgenommen; dagegen weisen zahlreiche Gebrauchsliederbücher die weltliche Version auf. Von rund 150 mir zugänglichen Liederbüchern enthalten mehr als ¾ Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud. Einzelne Liederbücher mit dem Lied wurden herausgegeben von Nachfolgeorganisationen der Wandervögel, von der Turner-, Wald- und Naturfreundejugend, von den Pfadfindern und sogar vom Deutschen Fußballbund. Dass es nicht nur in diesen Kreisen gesungen wird, sondern in der Version von 1940 auch von Sternsingern vorgetragen wird, kann man einigen Videos bei Youtube entnehmen.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, befinden sich fast 400 Nachweise des Liedes, rund 120 auf Tonträgern und fast 180 als Notenausgaben. Überwiegend interpretieren Chöre, darunter die Kinderchöre Tölzer Sängerknaben und der Bielefelder Kinderchor sowie SängerInnen die weltliche Version. Von Solisten gesungen wird das Lied z. B. nicht nur von Karel Gott und Frank Schöbel, sondern auch vom Bariton Hermann Prey und den Folksingern Sigrun Kiesewetter und Pete Seeger.

Georg Nagel, Hamburg

Ein wenig bekanntes Weihnachtslied aus Luthers Feder: „Christum wir sollen loben schon“

Martin Luther

Christum wir sollen loben schon

Der hymnus. A solis ortu.
Christum wir sollen loben schon /
der reynen magd Marien son.
So weit die liebe sonne leucht /
vnnd an aller welt ende reicht.

Der selig schepffer aller ding /
zoch an eins knechtes leib gering /
das er das fleisch durch fleisch erworb /
vnd seyn geschepff nicht als verdorb.

Die götlich gnad von hymel groß /
sych yn die keusche mutter goß /
Eyn medlin trug einn heymlich pfand /
das der natur war vnbekand.

Das zuchtig haus des hertzen tzart /
gar baldt eyn Tempel Gottis wart /
die kein man ruret noch erkand /
von gots wort sye man schwanger fand.

Die edle mutter hat geborn /
den Gabriel verhyeß zuuorn /
den sanct Johans mit spryngen zeygt /
da er noch lag ynn mutter leyb.

Er lag ym hew mit armut groß /
die krippen hart yhn nicht verdroß.
Es ward eyn kleyne milch seyn speyß /
der nie keyn voglin hungern ließ.

Des hymels Chor sich frewen drob /
vnd die engel syngen Got lob /
den armen hyrten wird vermeld /
der hirt vnd schepffer aller welt.

Lob ehr vnnd danck sey dir gesagt /
Christ geborn von reyner magd.
Mit vater vnd dem heylgen geist /
von nu an byß ynn ewigkeit.

Denkt man an Martin Luthers Weihnachtslieder, fällt einem wohl vor allem das heute sehr beliebte Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ähnlich wie Ein feste Burg ist unser Gott gilt es als eines der Standartwerke des Reformators, das zu dieser Jahreszeit in Kirchen und Häusern in ganz Deutschland und darüber hinaus gesungen wird.

Das hier vorgestellte Lied, Christum wie sollen loben schon, ist ein weiteres Weihnachtslied aus Luthers Feder. Es basiert auf dem Lateinischen Gedicht A solis ortus cardine von Caelius Sedulius (gestorben ca. 450), welches im Mittelalter vertont wurde. Luther erwähnt diese Vorlage explizit in seiner Übersetzung. Er übernahm von dem altkirchlichen Original nur fünf Strophen in freier Übersetzung, nämlich die, die sich auf die Geburt Jesu bezogen. So zentrierte er das Lied wesentlich stärker auf Weihnachten. Die Vorlage beschreibt das ganze Leben Christi und nicht nur dessen Geburt. Sie verwendet die rhetorische Form eines Abecedarius, was bedeutet, dass jede Strophe mit einem Buchstaben des Alphabets beginnt. Luther hingegen übersetzte den lateinischen Text in Reimform.

Inhaltlich werden in Luthers Übersetzung einige theologische Aspekte des Luthertums angeschnitten. Beispielsweise wird in der dritten Strophe auf „die göttliche gnad vom hymel“ verwiesen, was auch in Luthers Grundsatz sola gratia zum Ausdruck kam. Als Luther das Lied 1524 übersetzte, hatte sich noch keine vollständige lutherische Konfessionskultur gebildet. So wird auch noch auf „Sanct Johans“ verwiesen und das Lied ist stark auf Maria als Mutter Gottes zentriert; der Heiligenkult und die Marienverehrung sind beides Aspekte, die man heutzutage wohl eher mit dem Katholizismus verbinden würde. Überraschend ist dies allerdings nicht, weil sich erst im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts langsam eine konfessionelle Kultur herausbildete, die sich bei Lutheranern, Katholiken und Reformierten unterschied.

Stilistisch zeichnet sich Luther, der ein sehr feines Gefühl für Sprache besaß, auch als guter Übersetzer und Dichter aus. Die Reimform („schon…son“, „ding…gering“) hat das Lied einprägsam gemacht und die bereits bekannte Melodie für viele eingänglich. Gleichzeitig ist die Übersetzung in die Umgangssprache ein Indiz für die Wichtigkeit des Deutschen im Luthertum. Die Übersetzung der Bibel und die Durchführung von Kirchenritualen, beispielsweise Taufe und Kommunion, in der Umgangssprache waren Kernforderungen Luthers.

Daneben greift Luther in seiner Übersetzung auch beliebte religiöse Topoi auf, die natürlich oft im lateinischen Original bereits vorhanden sind und somit nicht unbedingt explizit lutherisch. Die weitstrahlende Sonne in der ersten Strophe zum Beispiel entwickelte sich zu einem wichtigen Symbol des Luthertums, wobei spätere Generationen von Theologen oft Luther selbst oder die Universität von Wittenberg als die hellstrahlende Sonne bezeichneten. Entgegensetzt war dem dann die Finsternis der katholischen Kirche.

Ein solches Lied konnte in vielen Situationen auch eine didaktische Funktion erfüllen. Die Nacherzählung von Aspekten der biblischen Weihnachtgeschichte, beispielsweise der unbefleckten Empfängnis („die keusche mutter“, „von gots wort sye man schwanger fand“, „reyne magd“), die Ankündigung durch die Engel („den Gabriel verhyeß zuuorn“) oder die Himmlischen Heerscharen („die engel syngen Got lob“) waren wichtige Aspekte des christlichen Selbstverständnisses, die natürlich auch in Predigten und Katechesen aufgenommen werden konnten. So wurde der lutherischen Theologie auch in solchen Liedern Gehör verschafft. Wie üblich verwies das Lied in der letzten Strophe auf die Dreifaltigkeit und die Ewigkeit des göttlichen Reiches und damit letztendlich auch die göttliche Omnipotenz. Dies war offensichtlich für Luther wichtig, denn die letzte Strophe hat im lateinischen Original kein direktes Äquivalent.

Doch, und um zum Anfang zurückzukehren, das Lied, welches heute nur noch in einigen regionalen evangelischen Gesangbüchern abgedruckt ist, zeigt auch, wie einfach es ist, die heutige Form des Luthertums auf das sechzehnte Jahrhundert zu projizieren. Denn während heute Vom Himmel hoch, da komm ich her als das lutherische Weihnachtslied par excellence gesehen wird, waren die Dinge im sechzehnten Jahrhundert nicht so eindeutig. Christum wir sollen loben schon fand sich in einem der frühesten lutherischen Liederbücher, dem Erfurter Enchiridion (1524) und erfreute sich großer Beliebtheit. Das Lied war so beliebt, dass es sogar in katholischen Gesangbüchern des sechzehnten Jahrhunderts abgedruckt wurde. Heute allerdings ist es nur noch Kennerinnen und Kennern bekannt. Es ist irreführend anzunehmen, dass, nur weil Elemente der lutherischen Konfessionskultur wie das Lied vom Himmel hoch, da komm ich her heute so beliebt sind, dies bereits im sechzehnten Jahrhundert der Fall war.

Die Tendenz, die Vergangenheit durch eine teleologische Brille zu sehen, hat sich auch in der Lutherdekade, welche nun mit einer durchwachsenen Bilanz zu Ende gegangen ist (vgl. faz.net), gezeigt. So spielte das Jahr 1517 und der Thesenanschlag in der lutherischen Memorialkultur des sechzehnten Jahrhunderts lange nicht die Rolle, die diesem Ereignis in den Jubiläen, die seitdem gefeiert wurden, zugeschrieben wurde. Die Konstruktion des Thesenschlages als Schlüsselereignis der Reformation geht vielmehr auf spätere Autoren zurück, die die Reformation als Ereignisgeschichte anhand von einigen wichtigen performativen Akten erzählten: dem Thesenanschlag, dem öffentlichen Verbrennen der Bannandrohungsbulle in Wittenberg, dem heroischen Luther auf dem Reichstag von Augsburg und noch einigen weiteren, ähnlichen Ereignissen.

Schlussendlich lässt sich nur dafür plädieren, dass jede Zeit in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden muss und die eigenen Annahmen immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Ein angenehmes Nebenprodukt eines solchen Ansatzes ist es, dass man einem bisher unbekannte Schätze entdecken kann wie das schöne Weihnachtslied Christum wir sollen loben schon.

Martin Christ, Tübingen

„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Zum berühmten Choral Joachim Neanders

Joachim Neander

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren,
lob ihn, o Seele,
vereint mit den himmlischen Chören.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren,
der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen
sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren,
der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen,
dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

4. Lobe den Herren,
der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel
mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

5. Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Lob ihn mit allen,
die seine Verheißung bekamen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiss es ja nicht.
Lob ihn in Ewigkeit. Amen.

     [Ökumenische Fassung]

Mit Ein feste Burg ist unser Gott und Großer Gott, wir loben dich gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren – von einigen christlichen Weihnachtsliedern abgesehen – zu den bekanntesten Kirchenliedern. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ist ein Lied, das viele Christen ein Leben lang begleitet. Es wird häufig bei Taufen, Kommunionen bzw. Konfirmationen, Trauungen und bei Begräbnissen gesungen. An kirchlichen Feiertagen  und in sonntäglichen Gottesdiensten gehört dieser Choral zum festen Repertoire.

Entstehungsgeschichte und Rezeption

Den Text hat der Bremer evangelische Hilfsprediger Joachim Neander (1650-1680), orientiert an Psalm 113, kurz vor seinem Tod verfasst. Laut dem Volksliedforscher Michael Fischer des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg geht die Melodie auf das seit 1665 aus dem Gesangbuch von Stralsund bekannte Kirchenlied Hast du denn, Jesu, dein Angesicht zurück (Historisch kritisches Liederlexikon, 2005). Diese Melodie und deren Text finden sich noch heute im Bach Werkverzeichnis Nr. 57.8. Nach einer anderen Quelle kannte der Bremer Bürger Neander die Melodie aus dem Ander Theil des Erneuerten Gesangbuch, Bremen, 1665.

Erstmals mit dieser Melodie und seinem Text hat Neander das Lied in dem von ihm 1680 herausgegebenen Erbauungsbüchlein Glaub- und Liebesübung veröffentlicht. „Durch zahlreiche Nachdrucke der Glaub- und Liebesübung – in Dutzenden von Auflagen – wurde das Lied bald in ganz Deutschland bekannt. Daraufhin gelangten auch andere von Neander geschaffene Lieder zunächst in reformierte, dann in pietistische und lutherische Gesangbücher“ (Michael Fischer), so z.B. 1717 in das Hanauische Gesangbuch.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gehört Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren „zum evangelischen Kernbestand der Loblieder“ (so Michael Fischer). In den USA wurde „Lobe den Herren“ in das in St. Louis 1880 herausgegebene Liederbuch für Sonntagsschulen der deutschen evangelischen Synode von Nord Amerika aufgenommen. 1894 tauchte es erstmals in Helvetica – Liederbuch für Schweizer Schulen auf. Nachdem es in Deutschland in zahlreichen Gesangbüchern der einzelnen Landeskirchen erschienen war, z.B. im Gesangbuch für das Großherzogtum Hessen (1881), fand es Aufnahme in zahlreiche Schulbücher und Chorbücher und vereinzelt auch in andere Gebrauchsliederbücher, so z.B. in Das deutsche Lied, (1911), das der Ullstein Verlag zugleich in Berlin und Wien herausbrachte.

Im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (s. auch unten) wurde das Lied so populär, dass man es durchaus als Volkslied bezeichnen kann. Darauf deuten auch die Titel von zahlreichen Liederbüchern, in denen es enthalten ist, hin, wie z.B. Niedersächsisches Volksliederbuch (1914) und Was singet und klinget – Lieder der Jugend (1926) oder Hanseatisches Liederbuch – Hoch- und plattdeutsche Lieder für gesellige Kreise (1927) und Wohlauf, ihr Wandersleut (1931). Sogar der Schweizer Pfadfinderbund nahm das Lied in sein Liederbuch Der grüne Heinrich auf (1933).

In der Zeit des Nationalsozialismus ist Lobe den Herren nur in einem Liederbuch einer NS-Organisation, nämlich der NS-Frauenschaft, (Wach auf mein Herz und singe) und in wenigen Gebrauchsliederbüchern zu finden, wie z.B.  Klingend Erbe (1935), das allerdings auch einige NS-nahe Lieder enthält.

Auffällig ist die Beziehung mancher Kirchenlieder zu Krieg und Militär. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde in ganz Deutschland Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ebenso gesungen wie Luthers Schutz- und Trutzlied Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen und Nun danket alle Gott.

Eines der ersten Liederbücher mit dem Lobchoral war das 1897 herausgegebene Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften. Im Ersten Weltkrieg folgten weitere Liederbücher speziell für Soldaten, z.B. das Singbüchlein  für Soldaten – Heer und Flotte, Der Landser – Sachsens Soldatenlieder und in Österreich Hoch Deutschland! Heil Österreich! Noch vor dem Zweiten Weltkrieg fand das Lied nicht nur Eingang in etliche Chor- und andere Gebrauchsliederbücher, sondern auch in das Deutsche Soldaten Liederbuch (2. Aufl. 1937) und in das Schweizer Soldatenliederbuch (1942).

Bald nach der Gründung der Bundeswehr im November 1955 brachten das evangelische und das katholische Militärbischofsamt Gesangbücher für Soldaten heraus: das Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten erschien 1957, das Gesang- und Gebetbuch für die katholischen Soldaten 1989 in der 29. Auflage.

Nachdem Neanders Choral Bestandteil vieler sogenannter Feldgottesdienste war, ist es noch heute bei manchen militärischen Feierlichkeiten, vorwiegend dargeboten von einem Musikkorps, zu hören.

Auch nach 1945 gab es diverse Gesangbücher der einzelnen Landeskirchen, bis es schließlich zwischen 1993 und 1996 zur Einführung des evangelischen Einheitsgesangbuchs (EG) kam. Seitdem ist die Originalfassung unter der Nummer 317 vertreten und die ökumenische Version unter der Nummer 316. In das katholische Gesangbuch Gotteslob (GL) ist seit 1975 die seit 1973 gültige ökumenische Fassung unter der Nummer 392 aufgenommen worden (zu den Änderungen s. Liedbetrachtung).

Bis 1973 wiesen alle Gesangbücher, wie auch die Gebrauchsliederbücher, die Originalfassung von Neander auf, allerdings häufig ohne die fünfte Strophe:

Lobe den Herren,
was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat,
lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es nicht.
Lobende, schließet mit Amen.

Seit 1949 erschienen zahlreiche Gebrauchsliederbücher, die bereits aus ihren Titeln erkennen ließen, dass Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren weiterhin auch als Volkslied angesehen wird. Exemplarisch seien genannt Klingende Welt – Lieder der Jugend (1949) und Deutsche Weisen – Beliebte Volkslieder (1958) sowie Die Fanfare – Volks- und Soldatenlieder (1961) und Deutsche Volkslieder – 168 Volkslieder und volkstümliche Lieder (1990).

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig ist Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren mit fast 200 Musiknoten und 109 Schellackplatten, LPs und CDs vertreten. Überwiegend wird das Lied von weltlichen und kirchlichen Chören bzw. Kantoreien gesungen. Von den solistischen Aufnahmen sind die des Tenors Peter Schreier und des Baritons Dietrich Fischer-Dieskau hervorzuheben. Rund die Hälfte der Tonträger bezieht sich auf die 1725 von Bach komponierte Kantate (BWV 137), aufgenommen mit Dirigenten wie John Eliot Gardiner und Nikolaus Hanoncourt und Chören wie der Monteverdi Chor und die Tölzer Sängerknaben.

Nebenbei zu erwähnen ist, dass aufgrund der außerordentlichen Popularität Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren parodiert (s. unten) und von zwei Jazzcombos verjazzt worden ist.

Liedbetrachtung

Im Folgenden beziehe ich mich auf die oben ausgewiesene ökumenische Fassung des Chorals im Einheitsgesangbuch Nr. 316.

Ähnlich den Lobpsalmen 104 und 146, in denen es im ersten Vers heißt: „Lobe den Herr, meine Seele […]“ fordert auch der an Psalm 113 orientierte Liedtext von 1665 in der ersten Strophe auf, den Herrn zu loben: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, / meine geliebete Seele, das ist mein Begehren“. Warum eine Kommission des Ökumenischen Rats den dritten und vierten Vers zugunsten „lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören“ geändert hat, erschließt sich mir nicht.  Anzunehmen ist, dass „geliebete“ sprachlich als nicht zeitgemäß angesehen wurde.

Beim zweiten Teil der ersten Strophe hat sich Neander nicht von Psalm 103 inspirieren lassen, wohl aber von Vers 2 des 33. Psalms: „Danket dem Herren mit Harfen und lobsinget ihm auf dem Psalter [einer Art Zither] von zehn Saiten“.

Obwohl Neander als Kind und auch noch später die Folgen des 1648 beendeten Dreißigjährigen Krieges erlebt hat, lobt er aus tiefem Glauben „den Herren, der alles so herrlich regieret.“ So wie seine Eltern – bildlich gesprochen – auf den „Fittichen eines Adlers“ den Krieg überlebt haben, ist er gewiss, dass Gott auch ihn im Leben behüten wird. Und er wendet sich an die Christen und fragt, ob nicht auch sie erlebt haben, wie gut „der König der Ehren“ es mit ihnen meint. Der Herr hat ihnen Gesundheit verliehen bzw. – das wird nicht ausdrücklich gesagt – lässt sie nach einer Krankheit gesunden.

Neander hat es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt; er hat nie so viel verdient, dass er eine Familie gründen konnte. Als eifriger Pietist, zu dem er nach Besuch eines Gottesdienstes von Theodor Undereyk, eines Buß – und Bekehrungspredigers, geworden war, studierte er das Hauptwerk des Begründers des Pietismus Philipp Jacob Spener (1635-1705) Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche, in dem Spener ein umfassendes Reformprogramm der lutherischen Kirche vorschlägt. Wie sein Mentor Spener hat Neander die Institution der etablierten evangelischen Kirche kritisiert und ihr Missstände und den Gläubigern mangelnde Bibelkenntnis vorgeworfen. Die Folge war, dass Neander in ganz Deutschland keine Pfarrstelle bekam und seine letzte Lebenszeit als Hilfsprediger in seiner Heimatstadt Bremen fristen musste. Doch trotz aller Widrigkeiten hat er nie seinen Glauben verloren, sondern noch vor seinem Tod in seinem Lied ‚den Herrn gelobt‘ und andere Gläubige darauf aufmerksam gemacht, dass auch sie der „gnädige Gott“ vor Not bewahrt oder ihnen aus vielen Nöten geholfen hat.

Vielen Sängern des Liedes war es – wie auch mir lange Zeit – unklar, was mit „deinem Stand“ im zweiten Vers der vierten Strophe gemeint sein könnte. Laut Duden war ein Stand eine Schicht in einer hierarchischen Gesellschaft; noch heute spricht man von Mittelstand oder Berufsstand. Aber wieso sollte Gott nur den Stand segnen, dem ich oder mein Gegenüber angehören? Um diese Missverständlichkeit aufzuheben, wurde der Vers geändert. Seit 1973 heißt es nun in der ökumenischen Version: „der sichtbar dein Leben gesegnet“. Schon das ist ein Grund, den Herrn zu loben, wie auch die Liebe Gottes, die uns „der Allmächtige“ zuteil werden lässt.

In der fünften und letzten Strophe des Originals heißt es im dritten und vierten Vers „Alles, was Odem hat, / lobe mit Abrahams Samen“. Während der dritte Vers aus sprachlichen Gründen geändert wurde, ist der vierte Vers vom Ökumenischen Rat 1973 umformuliert worden, weil der Hinweis auf „Abrahams Samen“ als anstößig empfunden wurde, da er „auf die Christen als die neuen Kinder Israels anspielt“ (Michael Fischer, Liederlexikon) und damit die Juden als zweitrangig ansieht (vgl. Johannes 8, Verse 33 – 37).

Nun heißt es „Lob ihn mit allen, / die seine Verheißung bekamen“. Um Gottes Segen zu erhalten, mahnt Neander hier indirekt die Gläubigen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wie sehr es darauf ankommt, ist den weiteren Versen des 103. Psalm zu entnehmen. In Vers 11 heißt es „hoch ist seine Gnade, über denen, die ihn fürchten“ und in Vers 13 „erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“.

Die folgende Parodie von Bertolt Brecht ist etwa 1925 entstanden; veröffentlicht wurde der Große Dankchoral 1927 zum ersten Mal im Gedichtsband Bertolt Brechts Hauspostille. Es ist das Schlussgedicht der zweiten Lektion, die Brecht mit dem Begriff „Exerzitien“ überschrieben hat (vorwiegend in der katholischen Kirche praktizierte Übungen zur Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Lebens). Dass Brecht „Exerzitien“ ironisch gemeint hat, geht auch aus den Versen des Dankchorals hervor. In dem Gedicht stellt Brecht „die göttliche Fürsorge in Abrede“ und „räumt den Himmel leer“, so der Brecht-Forscher Jürgen Hillesheim.

Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
Schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.

Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet wie ihr
Lebet das Gras und das Tier
Und es muss auch mit euch sterben.

Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
Lobet den Baum, der es fraß
Aber auch lobet den Himmel.

Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und dass er nicht
Weiß euren Nam‘ noch Gesicht
Niemand weiß, dass ihr noch da seid.

Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommt nicht auf euch an
Und ihr könnt unbesorgt sterben.

Abschließend meine ich, dass es vorwiegend Pietisten und tief im Glauben verwurzelte Christen sind, die die noch heute die Worte von Neanders Loblied wörtlich nehmen und Gott im Sinne des Liedes loben. Dennoch ist es bei allen Christen außerordentlich beliebt, was sich m.E. auf die eingängige und gut singbare Melodie zurückführen lässt. Dazu sagte der Musikpädagoge und renommierte Komponist vieler Lieder der Jugendbewegung Robert Götz (1892-1978) in einem Interview mit dem Volksliedforscher Ernst Klusen 1975: „Die Hauptsache ist immer das Lied, die Melodie“. Auch der Dirigent John Eliot Gardiner meint, dass nicht nur der Text, sondern auch die Melodie des Chorals in allen Sätzen gegenwärtig ist.

Georg Nagel, Hamburg

Ein „Fingerzeig, dass die Liebe bleibt“ – Schalom Ben-Chorins „Das Zeichen“ („Freunde, dass der Mandelzweig“)

Schalom Ben-Chorin 

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
Dass die Liebe bleibt?
 
Dass das Leben weiter ging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

Der Religionsphilosoph und Schriftsteller Schalom Ben-Chorin ist Schöpfer des Gedichts, dem er den Titel Das Zeichen gab. Er schrieb es 1942 im Alter von 29 Jahren. 1981 vertonte der Pastor und spätere Studienleiter der Evangelischen Bildungstätte Loccum Friedrich Wilhelm (Fritz) Baltruweit das Gedicht. Es ist das bekannteste von mehreren 100 Liedern dieses christlichen Liedermachers. Gesungen wird es in evangelischen Gedenk-Gottesdiensten und auf Kirchentagen.

Ben-Chorin, 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren und in einem assimiliert-jüdischen Elternhaus aufgewachsen, war bereits vor seiner Emigration als Autor von Lyrik und Essays bekannt. Nachdem er mehreren Verhaftungen und tätlichen Angriffen auf der Straße ausgesetzt war und als Jude noch vor Abschluss seines Studiums der Germanistik, vergleichenden Religionswissenschaft und christlichen Theologie die Universität verlassen musste, floh er 1935 aus dem von den Nationalsozialisten regierten Deutschland nach Palästina. In Jerusalem, wo er zunächst als Journalist und Schriftsteller arbeitete, nannte er sich Schalom Ben-Chorin, das heißt „Friede, Sohn der Freiheit“.

1942, als sich die Auseinandersetzungen der Palästinenser und Juden mit dem Mandatsträger England verschärften und die Meldungen über die grausame Verfolgung der Juden in Europa durch die Nationalsozialisten zunahmen, entstand Ben-Chorins Gedicht Das Zeichen. Er selbst schreibt zur Entstehung:

Wenn ich an kalten Februartagen auf dem Balkon vor meinem Arbeitszimmer trat, fiel mein Blick immer wieder auf diesen Mandelbaum, der bereits weiß-rosa Blütenblätter zeigte, wenn alle anderen Bäume ringsum noch winterlich kahl blieben … Wenn ich aber sehr verzagt und hoffnungslos dem kommenden Tag entgegenblickte, haben mich der Mandelbaum und seine geflüsterte Botschaft gestärkt. In den düstersten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der beispiellosen Verfolgungen hat sich mir dieses Erlebnis zu einem Lied verdichtet. (zitiert nach Frank Mischnik)

Während der Schnee noch auf den Bergen liegt, ist der blühende Mandelbaum in Israel schon immer ein Frühlingsbote. In diesen „kleinen und fast unscheinbaren Zeichen und Vorgängen in der Natur“ entdeckt Ben-Chorin „die unbändige Kraft des Lebens“ (Rudolf Hagmann).

Und er erinnert sich an eine Stelle in der Bibel zur Berufung des Propheten Jeremia:

Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Ich sehe einen erwachenden Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus. (Jeremia 1, Vers 11).

„Mandelzweig“ (schaked) und „wachen“ (schoked) klingen auf Hebräisch fast gleich. Der Mandelbaum als Zeichen, dass Gott über seine Schöpfung wacht. (vgl. Margret Johannsen).

Diesen Trost nimmt der gläubige Ben-Chorin auf; die im Frühling erwachende Blüte ist für ihn ein Zeichen, „dass die Liebe bleibt“. Und so setzt er sich auch später nach der Gründung des Staates Israel für die Rechte der Araber in seinem Land ein und wirbt für ein Israel als Heimat zweier Völker: Araber und Juden.

Und angesichts des Holocausts und des Blutvergießens im Krieg mahnt er, das Leben, auch wenn die Menschlichkeit „in der trübsten Zeit“ zu kurz kommt, „nicht gering zu achten“. Wenn auch die Welt vergeht und „Tausende“ – wie wir heute wissen sechs Millionen Juden und weltweit mehr als 50 Millionen tote Soldaten und Zivilpersonen – sterben, so soll man die Hoffnung nicht aufgeben, denn es wird wieder bessere Zeiten geben, die Liebe und das Leben werden bleiben.

Dieser Gedanke erinnert an Luther, der 1529 die „Marseillaiser Hymne der Reformation“ (Heine), Ein feste Burg ist unser Gott, schrieb mit der zweiten Strophe:

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.

Ben-Chorin ist im Sinne von Psalm 46, Vers 2 – Gott ist unsere Zuversicht und Stärke – zuversichtlich, dass, wie ein Mandelzweig immer wieder Blüten treibt, letztlich auch das Leben siegen wird.

Von vor mehr als 400 Jahren ist von Martin Luther der Ausspruch überliefert „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“. Bei Luther steht der Baum für das Leben und für die Hoffnung. Mit dem Pflanzen des Apfelbaums wollte der unbeugsame Luther allen Wirren seiner Zeit zum Trotz ein Zeichen des Hoffens auf eine bessere Welt setzen. Im Gegensatz zu Ben-Chorin, der sich für die Versöhnung von Palästinensern und Juden einsetzte, hat Luther allerdings keine Brücke zu den Juden seiner Zeit geschlagen.

Das Lied Freunde, dass der Mandelzweig wurde zunächst von Baltruweit selbst mit seiner Studiogruppe auf evangelischen Kirchentagen vorgestellt und bald darauf in das Evangelische Gesangbuch (Nr. 655) und auch in das Mennonitische Gesangbuch (Nr. 483) aufgenommen.

In weltlichen Liederbüchern ist es nicht vertreten, wohl aber auf einigen Tonträgern. Im Vergleich mit dem berühmten von Martin Georg Schneider verfassten Kirchenschlager Danke für diesen guten Morgen  (700.000 verkaufte Singles) ist Freunde, dass der Mandelzweig ein eher besinnliches Lied, das seit seiner Entstehung auf allen Kirchentagen von zehntausenden  Teilnehmern gesungen oder auch, wie von einem Ökomenischen Kirchentag berichtet wird, mitgesummt wurde.

Ben-Chorin kam 1956 zu Vorträgen und Gastvorlesungen erstmals wieder nach Deutschland. 1958 gründete er in Jerusalem die erste reformierte Gemeinde und Synagoge (Har El) und somit die israelische Reformbewegung. Auf dem evangelischen Kirchentag 1961 war er mit dem Theologen Heinz Gollwitzer Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“. 1975 lehrte er als Gastprofessor an der Universität Tübingen, 1980 an der Universität München, dann an einer theologischen Hochschule in Jerusalem.

Nach einem umfangreichen schriftstellerischen Werk, das Lyrik, Prosa und Essays zu theologischen Fragen im Judentum und Christentum umfasste – in Deutschland vielen bekannt durch sein Buch „Bruder Jesus“ – starb der angesehene Theologe, einer der wichtigsten Wegbereiter für den christlich-jüdischen Dialog und für die Verständigung zwischen Israelis und Deutschen, nach einem erfüllten Leben im Alter von 86 Jahren in Jerusalem.

Jahre zuvor hatte er die Freude, auf einem Kirchentag sein Hoffnungslied von Tausenden gesungen zu hören. Freunde dass der Mandelzweig erklang auch bei der Trauerfeier für „Friede, Sohn der Freiheit“ in Jerusalem.

Für Elke

Georg Nagel, Hamburg

Körperlichkeit und Konsumgenuss in Adaptionen von Luthers „Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort“

Luthers Version [gesamter Text und Interpretation hier]:
 
Erhol uns Here by dunem Wordt,
unde stüre des Pawest und Türcken mordt
De Ihesum Christum dynen Son
Störtzen wollen van dynem thron.

[...]

Evangelisches Gesangbuch:

Erhalt uns Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron

[...]

Adaption 1:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Nach gutem Wein uns allzeit Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Adaption 2:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Sechs Maß die löschen einem den Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Das 1541 von Luther veröffentlichte Lied Erhalt uns Herr, bei deinem Wort, welches in seiner Originalfassung an anderer Stelle in diesem Blog diskutiert wird, hat eine vielschichtige Geschichte. Seine Rezeption im sechzehnten Jahrhundert und darüber hinaus zeigt wie ein Lied immer wieder re-kontextualisiert wurde. Die Aggressivität des Liedes („stüre des Pawest und Türcken mordt“) führte dazu, dass es sowohl von Lutheranern als auch von Katholiken textlich stark variiert wurde. So schrieb beispielsweise der katholische Bautzner Domdekan Johann Leisentrit das Lied in seinem Gesangbuch Geystliche Lieder und Psalmen als „Bey Deiner Kirch, Erhalt uns Herr“ um und ersetzte Angriffe gegen Papst und Türken mit Formulierungen wie „Ein Lied gegen Ketzer und Türck“. Auch im modernen evangelischen Gesangbuch wurden eben jene Zeilen durch das neutralere „und steure deiner Feinde Mord“ ersetzt.

Die hier diskutierten Varianten scheinen zunächst weniger auf theologische Fragestellungen abzuzielen als andere Adaptionen. Sie entstammen dem Buch des Pfarrers und Liederdichters Peter Busch (1682-1744) Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey deinem Wort aus dem Jahr 1735. Im zehnten Kapitel „Von allerhand Parodien auf dieses Lied“ befinden sich auch die oben zitierten Varianten. Dazu wird beschrieben: „Was einige Päbstliche Lehrer für saubere Parodien gemacht, haben sie zu unterschiedenen mahlen, wiewohl zu ihrer eigenen Schande publiciret“, veröffentlicht wurde die erste Version von einem „Kind der Finsternis“ im Jahre 1656. Die zweite Version, welche lediglich den Weingenuss mit dem Bierkonsum vertauscht, stammt von dem Jesuiten Conrad Andreae, auch Vetter genannt, und wird nicht näher datiert. Obwohl die zwei Varianten des Liedes also von Busch auf das siebzehnte Jahrhundert datiert werden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass Varianten wie die obenstehenden schon früher kursierten (laut Wikipedia 1586). Volkstümliche, oft auch vulgäre, Varianten von Kirchenliedern gab es schließlich bereits im Mittelalter.

Die vielleicht interessanteste Beschreibung in dem ungefähr zwei Seiten langen Eintrag zu diesen beiden Varianten des Lutherliedes ist es wert, in ganzer Länge zitiert zu werden. Sie behandelt die Anschuldigungen der Katholiken, die die Jesuiten und andere zur Umdichtung des Liedes bewogen haben:

Weil die Lutherische-Handwercks-Pursche vielfältig vermercket, was ihr lieber Luther für ein guter Collatur-Gesell, ein so feister Doctor, ein so dürftiger Prophet, und dass man mit Essen und Trinken eben so wohl ja besser als mit dem päpstlichen Fasten und Beten könne gen himmel kommen haben sie traun diese evangelische freyheit bald ergriffen […]

Mit dieser Einschätzung des Luthertums als einer Religion der Fleischlichkeit berichtet Busch von einer Eigenschaft lutherischer Theologie, die auch Historikerinnen und Historiker spätestens seit Judith Butlers Betonung der Wichtigkeit des Körpers beschäftigt.

So hat Lyndal Roper in einem Aufsatz gezeigt, wie sehr sich die Körperlichkeit Luthers auch auf seine Theologie auswirkte (siehe Bibliographie). Während die Katholiken (zumindest theoretisch) das Fasten als heilsbringend empfanden, sah Luther Speis und Trank, ebenso wie Sex, als Geschenke Gottes. Dementsprechend galt es diese zu genießen und nicht zu verteufeln. Vergleicht man die berühmten Darstellungen Lucas Cranachs von Martin Luther vor und nach seiner Abkehr vom Katholizismus ist der Kontrast stark sichtbar: als asketischer Mönch und danach als „feister“ Doktor. Martin Luther war nicht nur charakterlich eine Größe, sondern auch rein körperlich mehr als stattlich.

Auf dieser Betonung der Körperlichkeit fußte die Kritik der Katholiken, aber auch anderer religiöser Strömungen, dass das Luthertum zu sittlichem Verfall führe. Der Görlitzer Chronist Johannes Hass beispielsweise schreibt, dass ehemals rechtgläubige Katholiken durch Luthers Lehren „vom Teufel und vom Fleisch gestochen“ wurden, weil Luther die „fleyschliche Freyheit“ propagierte. Neben Essen und Trinken, das im vorliegenden Text thematisiert wird, sahen die Katholiken den moralischen Verfall auch in sexueller Hinsicht: Nonnen, Mönche und Priester konnten nun in neu gefundenen Ehen ihre Sexualität offener ausleben als zuvor. Möglicherweise könnte der Verweis auf die Wurst in der ersten Zeile der hier besprochenen Adaption auch eine sexuelle Anspielung sein. „Ey pfhue Dich“ kommentiert der katholische Chronist Hass diese lutherisch-moralischen Versäumnisse. Verschwiegen wird dabei, dass auch vielen Mönchen Fettleibigkeit und Wolllust vorgeworfen wurde. Das altbekannte Klischee des geilen Mönches mit der Wampe, das sich bis heute hartnäckig hält, wurde nun auf Martin Luther und die Lutheraner umgemünzt.

Doch kehren wir zu dem vorliegenden Text und dem darin beschriebenen Konsum zurück. Als Kritik an dem lutherischen Kampflied Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort ist der von Katholiken umgedichtete Text durchaus effektiv. Er kritisiert gleichzeitig die Körperlichkeit der lutherischen Theologie und ist durch seine einfache Form und humoristische Auslegung sehr eingänglich. Wahrscheinlich war das Zielpublikum für solch eine Umdichtung, ähnlich wie dies bei Flugschriften der Fall war, breit gefächert: Handwerker in den Gassen, Frauen im häuslichen Raum und Kinder beim Spielen konnten den Text verstehen und somit auch singen. Das Lied ist ebenfalls als Trinklied in einem der vielen früh-neuzeitlichen Gasthäuser denkbar. Es wäre aber zu simplifizierend zu attestieren, dass solche Adaptionen nur von den „einfachen Leuten“ gesungen worden seien. Es ist durchaus auch möglich, dass beispielsweise die städtischen Eliten und nicht nur „die einfachen Leute“ das Lied sangen. Schließlich besuchten auch Bürgermeister und Ratsmänner Wirtshäuser. Es ist sogar denkbar, dass es von Katholiken, die in lutherische Gottesdienste gehen mussten, gesungen wurde, während der Rest der lutherischen Gemeinde die Originalversion sang. Da Erhalt und Herr, bey Deinem Wort ein häufig nachgedrucktes, rezipiertes und somit wohl auch gesungenes Lied war, war die Melodie sicherlich vielerorts bekannt. Auch dies machte eine katholische Kritik des Luthertums auf diese Art und Weise so attraktiv.

Die Umdichtung von „Wort“ zu „Wurst“ im ersten Vers ist ein schönes Sprachspiel, das einmal mehr eine Verbindung zwischen humoristischer Alltagskultur und theologischen Auseinandersetzungen herstellt. Durch einen kleinen phonetischen Unterschied wird das Lutherlied bereits ad absurdum geführt. Gleichzeitig kann der Vers auch als eine Anspielung auf das Froschauer Wurstessen verstanden werden. Ähnlich historisch verklärt wie Luthers Thesenanschlag ist dieser Konsum von Würsten während der Fastenzeit in Zürich im Jahr 1522 (siehe dazu auch Huldrich Zwinglis Predigt Von Erkiesen und Fryheit der Spysen). Dieser öffentliche Bruch mit der katholischen Kirche durch den Konsum eines Lebensmittels wird in dem Lied thematisiert und, so Busch, signalisierte den Zeitgenossen, dass vieles beim evangelischen Glauben sich um Freiheiten des Fleisches drehte.

Die Verbindungen zwischen Theologie und Esskultur werden ebenfalls im nächsten Vers von Version eins des Liedes thematisiert: „Nach gutem Wein uns allzeit Durst“ ist auch eine Anspielung auf die lutherische Praxis des Laienkelchs. In der katholischen Kirche war es Geistlichen vorbehalten, das gewandelte Blut Christi während des Abendmahls zu trinken. Im Luthertum hingegen durften auch Laien an diesem wichtigen kirchlichen Ritual teilnehmen. Diese als Kommunion in beiderlei Gestalt oder communion sub utraque bekannte Form des Abendmahls war besonders in der Frühen Neuzeit ein wichtiges Zeichen der religiösen Zugehörigkeit. Besonders die Betonung, dass es das Sprecher-Ich, das in dieser Lesart einen Lutheraner darstellen soll, „allzeit“ nach Wein gelüstet, führt die Theologie der Kommunion in beiderlei Gestalt ad absurdum, weil nun nicht mehr das Gedenken an den Tod Christi im Vordergrund steht, sondern stattdessen nur noch der Konsum des Weins und der damit einhergehende Rausch.

In Variante zwei des Liedes wird auf ähnliche Art und Weise der Exzess thematisiert: Nicht weniger als „sechs Maß“ Bier löschen den Durst. Hier ist die Verbindung zur Theologie etwas schwieriger, ist Bier doch kein Getränk, das in Gottesdiensten konsumiert wird. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die katholischen Dichter des Liedes auf die ebenfalls katholischen Mönche anspielen wollten, die traditionell mit Bierbrauen in Verbindung gebracht werden. Stattdessen ist eine andere Lesart möglich: Der Bierkonsum kann als Zeichen der „einfachen Leute“ verstanden werden, die „Lutherische[n]-Handwercks-Pursche[n]“ in Buschs Erklärung. In dieser Lesart würde der exzessive Weinkonsum der Oberschicht vorbehalten sein und die sechs Maß Bier dem Karsthans. Das Lied suggeriert damit auch eine Wirtshausatmosphäre in lutherischen Sakralräumen des sechzehnten Jahrhunderts. Dass Luther in den frühen Jahren seiner Auseinandersetzung mit dem Katholizismus auch besonders die „einfachen Leute“ angesprochen hat, stützt diese Interpretation. Viele Bauern beriefen sich beispielsweise 1525 im so genannten „Bauernkrieg“ auf Luther und seine Lehre, auch wenn sich dieser später stark von den „einfachen Leuten“ distanzierte.

Ob nun das Sprecher-Ich Wein oder Bier konsumiert, das Resultat bleibt das gleiche. Fressen und Saufen endet in Lethargie. Selbst in der Übertreibung und Kritik des übermäßigen Konsums kommt der Dichter des Liedes jedoch nicht umhin zu attestieren, dass der Konsument von rauen Mengen Wein oder Bier „guths muths“ ist – jedoch tut er „nichts guts“. Auf Grund der Verbindung von theologischen Elementen mit einer Beschreibung von Konsum operiert die Adaption des Liedes auf zwei Ebenen, die allerdings stärker, als es zunächst scheint, miteinander verbunden sind. Der „feiste“ Doktor hat, so das Lied, in seinem religiösen und persönlichen Leben vorgelebt, dass man Speis und Trank nicht verachten solle. Die Adaption des Lutherliedes zeigt, wie früh-neuzeitliche Akteure gekonnt scheinbar simple Inhalte mit anspruchsvollen Themen verknüpften. So war es möglich, Nicht-Theologen, beispielweise „einfache Leute“, anzusprechen und diese gleichzeitig Kritik an komplexen, religiösen Sachverhalten üben zu lassen. Hierbei waren diese Sängerinnen und Sänger im Wirtshaus natürlich nicht nur passive Rezipienten des Liedes. So veränderten und persiflierten auch illiterate Männer und Frauen Volkslieder.

Die adaptierten Texte verbinden eine Vielzahl von Elementen miteinander. Die Wurst kann sowohl als sexuelles als auch als theologisches Symbol fungieren. Der Alkoholexzess greift eine Thematik auf, die bereits im Mittelalter vorhanden ist, aber bis heute diskutiert wird. Der Verweis auf Bier und Wein suggeriert eine gemütliche Wirtshausatmosphäre, während der ursprüngliche Kontext des Liedes ein kirchlicher ist. Diese Verquickung von Profanem und Kirchlichem, high culture und Alltagskultur, mittelalterlichen Motiven und neuzeitlichen Thematiken macht die Frühe Neuzeit zu solch einer spannenden Periode.

Martin Christ, Oxford

 

Bibliographie:

Erika Heitmeyer: Das Gesangbuch von Johann Leisentrit 1567. Adaption als Merkmal von Struktur und Genese früher deutscher Gesangbuchlieder. St. Otilien 1988.

Lyndal Roper: ‘Martin Luther’s Body: The ‘Stout Doctor’ and his biographers’. In: American Historical Review, April 2010, S. 350-84.

Huldrich Zwingli: Von Erkiesen und Fryheit der Spysen : Von Ergernus und Verböserung : Ob man Gwalt hab die Spysen zuo etlichen Zyten verbieten. Zürich 1522. Faksimile in der Zentralbibliothek Zürich.

Johannes Hass u. E. E. Struve (Hg.): Goerlitzer Rathsannalen. Görlitz, 1870.

Peter Busch: Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey Deinem Wort. Wolfenbüttel 1735.

Frohe Fracht aus Straßburg: Daniel Sudermanns Weihnachtslied „Es kommt ein Schiff geladen“ (1626)

Daniel Sudermann

Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff, geladen 
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig's Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein’ teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig’ Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß’ Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh’n,
ewig’s Leben zu erben,
wie an ihm ist gescheh’n.

     [Text nach lieder-archiv.de.]

Es kommt ein Schiff geladen ist ein in Deutschland weithin bekanntes Advents- und Weihnachtslied. Seine Ursprünge reichen, was den Text betrifft, bis ins späte Mittelalter zurück, die Melodie ist seit der frühen Neuzeit belegt. Während seiner langen und komplizierten, fachwissenschaftlich allerdings recht intensiv erforschten Überlieferungsgeschichte in katholischen bzw. evangelischen Liedersammlungen wurden Text und Melodie mehrfach verändert, wofür zumeist theologische bzw. (religions-)politische Gründe ausschlaggebend waren. Die Textfassung des uns bekannten Liedes geht auf eine Bearbeitung älterer, handschriftlich überlieferter Quellen durch Daniel Sudermann zurück, die dieser in seinem Gesangsbuch Etliche Hohe geistliche Gesänge (Straßburg 1626) zu Druck gebracht hat; nachfolgend Sudermanns Text, dem ein Motto vorangestellt ist, das die Textquelle dem Mystiker Johannes Tauler zuweist. Diese Zuordnung konnte meines Wissens bislang nicht bewiesen werden; allerdings ist die Quelle bekannt, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts datiert und höchstwahrscheinlich aus dem Besitz eines Straßburger Dominikanerinnenklosters stammt. Heute liegt diese Handschrift – wie zwei jüngere aus der gleichen Epoche – in der Staatsbibliothek Berlin (vgl. Burghart Wachinger in der 2. Aufl. des Verfasserlexikons, Band 2, 1980, Sp. 625-628).

Ein vuraltes Gesang /
So vnter des Herren Tauleri Schrifften funden /
etwas verständlicher gemacht: Im Thon /
Es wolt ein Jäger Jagen wol in deß Himmels Thron.

1.
Es kompt ein Schiff geladen
bis an sein höchste bort,
Es trägt Gottes Sohn vollr gnaden,
deß Vatters ewigs wort.

2.
Das Schiff geht still im triebe,
es tregt ein thewre Last;
Der Segel ist die Liebe,
der heylig Geist der Maßt.

3.
Der Ancker hafft auf Erden,
vnd das Schiff ist am Land:
Gotts Wort thut vns Fleisch werden,
der Sohn ist vns gesandt.

4.
Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
Gibt sich für vns verlohren:
gelobet muß es sein.

5.
Und wer diß Kind mit freuden
küssen, vmbfangen will,
Der muß vor mit jhm leiden
groß pein vnd marter vil,

6.
Darnach mit jhm auch sterben
vnd geistlich aufferstehen,
Ewigs leben zuerben,
wie an jhm ist geschehen.

[Daniel Sudermann: Etliche Hohe geistliche Gesänge. Straßburg 1626, 8. Blatt F. Zit. nach: Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts. Bd. 2. Leipzig 1867, S. 303 (Nr. 459). Zitiert nach liederlexikon.de.]

Sudermann (1650-1631) ist eine interessante, zwischen den Konfessionen stehende und wirkende Gelehrtenpersönlichkeit des Reformationszeitalters bzw. Frühbarock, die man gemeinhin dem ,mystischen Spiritualismus‘ zurechnet (vgl. den einschlägigen Artikel von Thomas Gandlau im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, Band 11, 1996, Sp. 166-169). Geboren und katholisch getauft in Lüttich, erfuhr der Sohn eines Malers und Goldschmieds in Aachen eine calvinistische Ausbildung. Die ersten Jahre seines Erwachsenenlebens arbeitete er als ,Hofmeister‘ (d.h. Erzieher) an diversen Adelshöfen in West- und Süddeutschland sowie in den Niederlanden. 1580 erlangte Sudermann eine kirchliche Anstellung in Lüttich, wenig später bei den evangelischen Domherren in Straßburg, wo er seine Erziehertätigkeit fortsetzen konnte. Nun blieb ihm neben dem Hauptberuf Muße für gelehrte und schriftstellerische Tätigkeiten.

Er sammelte, studierte und publizierte diverse religiöse Schriften wie Predigten, Gebetsliteratur und reformatorische Traktate, wobei seine besondere Zuneigung spiritualistischen Schriften galt. Nachdem er 1594 endlich die lange ersehnte Vikarsstelle besetzen durfte, bekannte er sich offen zur häretischen Lehre Kaspar Schwenckfelds (1490-1561), die in zentralen Punkten von Luthers Dogmen abweicht und starke mystische Züge aufweist. Im Spiritualismus scheint Sudermann eine Möglichkeit gesehen zu haben, die konfessionelle Spaltung des Christentums zu überwinden. Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens investierte er zu einem Teil in den Aufbau einer großen theologischen und literarischen Handschriftensammlung, der die moderne Forschung die Überlieferung vieler wertvoller spätmittelalterlicher Texte verdankt, zum anderen in die literarische Produktion, d.h. ins Dichten von Kirchenliedern, Bearbeiten und Publizieren überlieferter religiöser Schriften und in die Abfassung eigenständiger theologischer Abhandlungen.

Sudermanns Bearbeitung unseres Kirchenlieds gebührt nicht der Ruhm des ersten Drucks, denn bereits 1608 findet sich im – von einer Laien-Bruderschaft edierten – sog. Andernacher Gesangbuch eine Textvariante, die im Gegensatz zur Sudermannschen Fassung freilich eine katholische, ja ausgesprochen gegenreformatorische Handschrift aufweist, erkennbar an Versen, die Maria huldigen bzw. das „Schiff“ des Eingangsverses allegorisch auf die schwangere Gottesmutter beziehen (Abdruck dieser Textes bei Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder. 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder, 7. Aufl. 1992, S. 273 f.). Noch im 19. und 20. Jahrhundert werden sich Liedvarianten in evangelischen und katholischen Gesangbüchern durch die Existenz bzw. das Fehlen marianischer Passagen unterscheiden. Dem Weihnachtslied im Andernacher Gesangbuch ist eine lateinische Paraphrase beigegeben, die theologisch weitergehende Implikationen enthält und zudem den Gedanken nahelegt, dass das Lied auch im Lateinunterricht eingesetzt wurde.

Während wir heute – weitgehend – Sudermanns Text singen, folgen wir gleichzeitig der im Andernacher Gesangbuch angegebenen Melodie, die nach Christa Reichs einschlägiger Untersuchung (2002) „mit musikalischen Mitteln die himmlische und irdische Sphäre zu verbinden scheint. Jedenfalls ist sie kontrastierend angelegt: Auf dorisch folgt F-Dur, auf ein Dreier-Metrum ein Vierer-Metrum und schließlich auf einen eher tiefen Tonraum ein hoher.“ (Zitat nach Michael Fischers kompetenter Zusammenfassung der Forschungssitualtion im Historisch-kritischen Liederlexikon, 2005, S. 10.)

Im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert scheint dieses Weihnachtslied weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein, jedenfalls liegen uns keine Belege für neue interessante Bearbeitungen oder sonstige Rezeptionsdokumente vor. Über die Gründe kann man eigentlich nur spekulieren: Entsprach es stilistisch nicht mehr dem Geschmack der Aufklärung? Sind die mystischen Allegorien unverständlich geworden? Oder sind entsprechende Belege nur verloren gegangen? Wie auch immer diese Rezeptionspause zu erklären sein mag – in den 1840er Jahren wurde Es kommt ein Schiff geladen von Germanisten und Hymnologen (d.h. Kirchenlied-Forschern) wiederentdeckt und schließlich 1854 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wissenschaftlich ediert. Damit waren die entscheidenden Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung, ja Popularisierung des Liedes gegeben, deren einzelne Stationen Michael Fischer (s.o.) benennt. Bei der Rezeption in der ersten Hälfte des 20. Jhs. trat der – ohnehin nicht mehr leicht verständliche religiöse Sinn – nicht selten hinter reformpädagogische, ästhetische bzw. ideologische (national-politische) Zwecksetzungen zurück. Bei letzteren spielte die Herkunft des Liedes aus dem Elsass eine nicht unwichtige Rolle. Nach dem zweiten Weltkrieg tauchte Es kommt ein Schiff geladen vergleichsweise rasch in evangelischen Gesangsbüchern auf, deutlich später (Gotteslob, 1975) dann auch im katholischen Gottesdienst, wobei der evangelischen Fassung Sudermanns noch eine Marienlob-Strophe hinzugefügt wurde, obwohl diese nicht besonders gut zum Duktus des restlichen Textes passt.

Neben dem Abdruck des Liedes in zahlreichen Sammlungen von Weihnachtsliedern bzw. kirchlichen Gesangbüchern sprechen auch andere Dokumente für seine weite Verbreitung: Predigten, die daran anknüpfen und kreative Vergleiche anstellen (z.B. zum Lied der Seeräuber-Jenny von Brecht!), Parodien, Prüfungsaufgaben im Deutschunterricht, musikalische Bearbeitungen, journalistische Überlegungen zur Ladung des Schiffes (Opium fürs Volk?) usw. Die Fülle dieser Belege zur Popularität des Liedes mag angesichts seiner semantischen ,Sperrigkeit‘ für moderne Rezipienten ohne theologische oder kirchenhistorische Spezialbildung einigermaßen erstaunen. Vielleicht findet sich eine gewisse Erklärung für diese Diskrepanz in meinen eigenen Erfahrungen: Diesen zufolge wurden in evangelischen Advents-Gottesdiensten der 1960er Jahren stets nur die ersten drei Strophen gesungen, die durchaus im Wortsinne verstanden werden können, ohne dass man sich zwingend auf theologische Subtilitäten einlassen müsste, wie z.B. die Frage, ob die Schiffs-Allegorie nun auf die schwangere Gottesmutter, die Kirche oder die menschliche Seele hin auszulegen sei. (Für alle diese Annahmen könnten aus Bibel und Väterliteratur stützende Argumente angeführt werden.) Ferner war mir Es kommt ein Schiff geladen seinerzeit vor anderen Weihnachtsliedern auch deshalb lieb, weil es mit seinem getragenen Tempo und nur einem einzigen „b“ meinen bescheidenen Fertigkeiten auf der Blockflöte vergleichsweise wenig Widerstand entgegensetzte…

Damit komme ich abschließend noch kurz auf die Aussage unseres Liedes zu sprechen: Bereits im Schluss-Vers der dritten Strophe expliziert Sudermann den Sinn seiner Schiffsmetaphorik – es geht, wie man es sich wahrscheinlich auch schon gedacht hat, um die Ankunft des Heilands unter den Menschen. Die vierte Strophe referiert schlaglichtartig die bekannte Weihnachtsgeschichte und preist im Vorgriff das künftige Erlösungswerk des Christkinds. Die letzten beiden Strophen dürften moderne Zeitgenossen einigermaßen irritieren, wenn nicht gar durch die Prophezeiung von „Pein und Marter“ verstören, da diese kaum ahnen können, dass hier vom sog. mystischen Kuss die Rede ist, der Mensch und Gott vereint und den symbolischen Tod des mystischen Adepten erfordert, bevor dieser an sein seliges Ziel gelangen kann. Ein ausführlicheres Referat über zentrale Theoreme der Dominikanischen respektive Rheinischen Mystik von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse bis auf die sog. oberrheinischen ,Gottesfreunde‘ und Schwenckfeldianer kann im Rahmen dieses Beitrags nicht erfolgen; somit müssen wir uns hier wohl oder übel damit zufrieden geben, dieses Weihnachtslied, dessen Melodie uns vielleicht dennoch oder sogar deswegen erfreut, nur oberflächlich verstanden zu haben.

Hans-Peter Ecker, Bamberg