Ein „Fingerzeig, dass die Liebe bleibt“ – Schalom Ben-Chorins „Das Zeichen“ („Freunde, dass der Mandelzweig“)

Schalom Ben-Chorin 

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
Dass die Liebe bleibt?
 
Dass das Leben weiter ging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

Der Religionsphilosoph und Schriftsteller Schalom Ben-Chorin ist Schöpfer des Gedichts, dem er den Titel Das Zeichen gab. Er schrieb es 1942 im Alter von 29 Jahren. 1981 vertonte der Pastor und spätere Studienleiter der Evangelischen Bildungstätte Loccum Friedrich Wilhelm (Fritz) Baltruweit das Gedicht. Es ist das bekannteste von mehreren 100 Liedern dieses christlichen Liedermachers. Gesungen wird es in evangelischen Gedenk-Gottesdiensten und auf Kirchentagen.

Ben-Chorin, 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren und in einem assimiliert-jüdischen Elternhaus aufgewachsen, war bereits vor seiner Emigration als Autor von Lyrik und Essays bekannt. Nachdem er mehreren Verhaftungen und tätlichen Angriffen auf der Straße ausgesetzt war und als Jude noch vor Abschluss seines Studiums der Germanistik, vergleichenden Religionswissenschaft und christlichen Theologie die Universität verlassen musste, floh er 1935 aus dem von den Nationalsozialisten regierten Deutschland nach Palästina. In Jerusalem, wo er zunächst als Journalist und Schriftsteller arbeitete, nannte er sich Schalom Ben-Chorin, das heißt „Friede, Sohn der Freiheit“.

1942, als sich die Auseinandersetzungen der Palästinenser und Juden mit dem Mandatsträger England verschärften und die Meldungen über die grausame Verfolgung der Juden in Europa durch die Nationalsozialisten zunahmen, entstand Ben-Chorins Gedicht Das Zeichen. Er selbst schreibt zur Entstehung:

Wenn ich an kalten Februartagen auf dem Balkon vor meinem Arbeitszimmer trat, fiel mein Blick immer wieder auf diesen Mandelbaum, der bereits weiß-rosa Blütenblätter zeigte, wenn alle anderen Bäume ringsum noch winterlich kahl blieben … Wenn ich aber sehr verzagt und hoffnungslos dem kommenden Tag entgegenblickte, haben mich der Mandelbaum und seine geflüsterte Botschaft gestärkt. In den düstersten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der beispiellosen Verfolgungen hat sich mir dieses Erlebnis zu einem Lied verdichtet. (zitiert nach Frank Mischnik)

Während der Schnee noch auf den Bergen liegt, ist der blühende Mandelbaum in Israel schon immer ein Frühlingsbote. In diesen „kleinen und fast unscheinbaren Zeichen und Vorgängen in der Natur“ entdeckt Ben-Chorin „die unbändige Kraft des Lebens“ (Rudolf Hagmann).

Und er erinnert sich an eine Stelle in der Bibel zur Berufung des Propheten Jeremia:

Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Ich sehe einen erwachenden Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus. (Jeremia 1, Vers 11).

„Mandelzweig“ (schaked) und „wachen“ (schoked) klingen auf Hebräisch fast gleich. Der Mandelbaum als Zeichen, dass Gott über seine Schöpfung wacht. (vgl. Margret Johannsen).

Diesen Trost nimmt der gläubige Ben-Chorin auf; die im Frühling erwachende Blüte ist für ihn ein Zeichen, „dass die Liebe bleibt“. Und so setzt er sich auch später nach der Gründung des Staates Israel für die Rechte der Araber in seinem Land ein und wirbt für ein Israel als Heimat zweier Völker: Araber und Juden.

Und angesichts des Holocausts und des Blutvergießens im Krieg mahnt er, das Leben, auch wenn die Menschlichkeit „in der trübsten Zeit“ zu kurz kommt, „nicht gering zu achten“. Wenn auch die Welt vergeht und „Tausende“ – wie wir heute wissen sechs Millionen Juden und weltweit mehr als 50 Millionen tote Soldaten und Zivilpersonen – sterben, so soll man die Hoffnung nicht aufgeben, denn es wird wieder bessere Zeiten geben, die Liebe und das Leben werden bleiben.

Dieser Gedanke erinnert an Luther, der 1529 die „Marseillaiser Hymne der Reformation“ (Heine), Ein feste Burg ist unser Gott, schrieb mit der zweiten Strophe:

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.

Ben-Chorin ist im Sinne von Psalm 46, Vers 2 – Gott ist unsere Zuversicht und Stärke – zuversichtlich, dass, wie ein Mandelzweig immer wieder Blüten treibt, letztlich auch das Leben siegen wird.

Von vor mehr als 400 Jahren ist von Martin Luther der Ausspruch überliefert „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“. Bei Luther steht der Baum für das Leben und für die Hoffnung. Mit dem Pflanzen des Apfelbaums wollte der unbeugsame Luther allen Wirren seiner Zeit zum Trotz ein Zeichen des Hoffens auf eine bessere Welt setzen. Im Gegensatz zu Ben-Chorin, der sich für die Versöhnung von Palästinensern und Juden einsetzte, hat Luther allerdings keine Brücke zu den Juden seiner Zeit geschlagen.

Das Lied Freunde, dass der Mandelzweig wurde zunächst von Baltruweit selbst mit seiner Studiogruppe auf evangelischen Kirchentagen vorgestellt und bald darauf in das Evangelische Gesangbuch (Nr. 655) und auch in das Mennonitische Gesangbuch (Nr. 483) aufgenommen.

In weltlichen Liederbüchern ist es nicht vertreten, wohl aber auf einigen Tonträgern. Im Vergleich mit dem berühmten von Martin Georg Schneider verfassten Kirchenschlager Danke für diesen guten Morgen  (700.000 verkaufte Singles) ist Freunde, dass der Mandelzweig ein eher besinnliches Lied, das seit seiner Entstehung auf allen Kirchentagen von zehntausenden  Teilnehmern gesungen oder auch, wie von einem Ökomenischen Kirchentag berichtet wird, mitgesummt wurde.

Ben-Chorin kam 1956 zu Vorträgen und Gastvorlesungen erstmals wieder nach Deutschland. 1958 gründete er in Jerusalem die erste reformierte Gemeinde und Synagoge (Har El) und somit die israelische Reformbewegung. Auf dem evangelischen Kirchentag 1961 war er mit dem Theologen Heinz Gollwitzer Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“. 1975 lehrte er als Gastprofessor an der Universität Tübingen, 1980 an der Universität München, dann an einer theologischen Hochschule in Jerusalem.

Nach einem umfangreichen schriftstellerischen Werk, das Lyrik, Prosa und Essays zu theologischen Fragen im Judentum und Christentum umfasste – in Deutschland vielen bekannt durch sein Buch „Bruder Jesus“ – starb der angesehene Theologe, einer der wichtigsten Wegbereiter für den christlich-jüdischen Dialog und für die Verständigung zwischen Israelis und Deutschen, nach einem erfüllten Leben im Alter von 86 Jahren in Jerusalem.

Jahre zuvor hatte er die Freude, auf einem Kirchentag sein Hoffnungslied von Tausenden gesungen zu hören. Freunde dass der Mandelzweig erklang auch bei der Trauerfeier für „Friede, Sohn der Freiheit“ in Jerusalem.

Für Elke

Georg Nagel, Hamburg

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Körperlichkeit und Konsumgenuss in Adaptionen von Luthers „Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort“

Luthers Version [gesamter Text und Interpretation hier]:
 
Erhol uns Here by dunem Wordt,
unde stüre des Pawest und Türcken mordt
De Ihesum Christum dynen Son
Störtzen wollen van dynem thron.

[...]

Evangelisches Gesangbuch:

Erhalt uns Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron

[...]

Adaption 1:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Nach gutem Wein uns allzeit Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Adaption 2:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Sechs Maß die löschen einem den Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Das 1541 von Luther veröffentlichte Lied Erhalt uns Herr, bei deinem Wort, welches in seiner Originalfassung an anderer Stelle in diesem Blog diskutiert wird, hat eine vielschichtige Geschichte. Seine Rezeption im sechzehnten Jahrhundert und darüber hinaus zeigt wie ein Lied immer wieder re-kontextualisiert wurde. Die Aggressivität des Liedes („stüre des Pawest und Türcken mordt“) führte dazu, dass es sowohl von Lutheranern als auch von Katholiken textlich stark variiert wurde. So schrieb beispielsweise der katholische Bautzner Domdekan Johann Leisentrit das Lied in seinem Gesangbuch Geystliche Lieder und Psalmen als „Bey Deiner Kirch, Erhalt uns Herr“ um und ersetzte Angriffe gegen Papst und Türken mit Formulierungen wie „Ein Lied gegen Ketzer und Türck“. Auch im modernen evangelischen Gesangbuch wurden eben jene Zeilen durch das neutralere „und steure deiner Feinde Mord“ ersetzt.

Die hier diskutierten Varianten scheinen zunächst weniger auf theologische Fragestellungen abzuzielen als andere Adaptionen. Sie entstammen dem Buch des Pfarrers und Liederdichters Peter Busch (1682-1744) Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey deinem Wort aus dem Jahr 1735. Im zehnten Kapitel „Von allerhand Parodien auf dieses Lied“ befinden sich auch die oben zitierten Varianten. Dazu wird beschrieben: „Was einige Päbstliche Lehrer für saubere Parodien gemacht, haben sie zu unterschiedenen mahlen, wiewohl zu ihrer eigenen Schande publiciret“, veröffentlicht wurde die erste Version von einem „Kind der Finsternis“ im Jahre 1656. Die zweite Version, welche lediglich den Weingenuss mit dem Bierkonsum vertauscht, stammt von dem Jesuiten Conrad Andreae, auch Vetter genannt, und wird nicht näher datiert. Obwohl die zwei Varianten des Liedes also von Busch auf das siebzehnte Jahrhundert datiert werden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass Varianten wie die obenstehenden schon früher kursierten (laut Wikipedia 1586). Volkstümliche, oft auch vulgäre, Varianten von Kirchenliedern gab es schließlich bereits im Mittelalter.

Die vielleicht interessanteste Beschreibung in dem ungefähr zwei Seiten langen Eintrag zu diesen beiden Varianten des Lutherliedes ist es wert, in ganzer Länge zitiert zu werden. Sie behandelt die Anschuldigungen der Katholiken, die die Jesuiten und andere zur Umdichtung des Liedes bewogen haben:

Weil die Lutherische-Handwercks-Pursche vielfältig vermercket, was ihr lieber Luther für ein guter Collatur-Gesell, ein so feister Doctor, ein so dürftiger Prophet, und dass man mit Essen und Trinken eben so wohl ja besser als mit dem päpstlichen Fasten und Beten könne gen himmel kommen haben sie traun diese evangelische freyheit bald ergriffen […]

Mit dieser Einschätzung des Luthertums als einer Religion der Fleischlichkeit berichtet Busch von einer Eigenschaft lutherischer Theologie, die auch Historikerinnen und Historiker spätestens seit Judith Butlers Betonung der Wichtigkeit des Körpers beschäftigt.

So hat Lyndal Roper in einem Aufsatz gezeigt, wie sehr sich die Körperlichkeit Luthers auch auf seine Theologie auswirkte (siehe Bibliographie). Während die Katholiken (zumindest theoretisch) das Fasten als heilsbringend empfanden, sah Luther Speis und Trank, ebenso wie Sex, als Geschenke Gottes. Dementsprechend galt es diese zu genießen und nicht zu verteufeln. Vergleicht man die berühmten Darstellungen Lucas Cranachs von Martin Luther vor und nach seiner Abkehr vom Katholizismus ist der Kontrast stark sichtbar: als asketischer Mönch und danach als „feister“ Doktor. Martin Luther war nicht nur charakterlich eine Größe, sondern auch rein körperlich mehr als stattlich.

Auf dieser Betonung der Körperlichkeit fußte die Kritik der Katholiken, aber auch anderer religiöser Strömungen, dass das Luthertum zu sittlichem Verfall führe. Der Görlitzer Chronist Johannes Hass beispielsweise schreibt, dass ehemals rechtgläubige Katholiken durch Luthers Lehren „vom Teufel und vom Fleisch gestochen“ wurden, weil Luther die „fleyschliche Freyheit“ propagierte. Neben Essen und Trinken, das im vorliegenden Text thematisiert wird, sahen die Katholiken den moralischen Verfall auch in sexueller Hinsicht: Nonnen, Mönche und Priester konnten nun in neu gefundenen Ehen ihre Sexualität offener ausleben als zuvor. Möglicherweise könnte der Verweis auf die Wurst in der ersten Zeile der hier besprochenen Adaption auch eine sexuelle Anspielung sein. „Ey pfhue Dich“ kommentiert der katholische Chronist Hass diese lutherisch-moralischen Versäumnisse. Verschwiegen wird dabei, dass auch vielen Mönchen Fettleibigkeit und Wolllust vorgeworfen wurde. Das altbekannte Klischee des geilen Mönches mit der Wampe, das sich bis heute hartnäckig hält, wurde nun auf Martin Luther und die Lutheraner umgemünzt.

Doch kehren wir zu dem vorliegenden Text und dem darin beschriebenen Konsum zurück. Als Kritik an dem lutherischen Kampflied Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort ist der von Katholiken umgedichtete Text durchaus effektiv. Er kritisiert gleichzeitig die Körperlichkeit der lutherischen Theologie und ist durch seine einfache Form und humoristische Auslegung sehr eingänglich. Wahrscheinlich war das Zielpublikum für solch eine Umdichtung, ähnlich wie dies bei Flugschriften der Fall war, breit gefächert: Handwerker in den Gassen, Frauen im häuslichen Raum und Kinder beim Spielen konnten den Text verstehen und somit auch singen. Das Lied ist ebenfalls als Trinklied in einem der vielen früh-neuzeitlichen Gasthäuser denkbar. Es wäre aber zu simplifizierend zu attestieren, dass solche Adaptionen nur von den „einfachen Leuten“ gesungen worden seien. Es ist durchaus auch möglich, dass beispielsweise die städtischen Eliten und nicht nur „die einfachen Leute“ das Lied sangen. Schließlich besuchten auch Bürgermeister und Ratsmänner Wirtshäuser. Es ist sogar denkbar, dass es von Katholiken, die in lutherische Gottesdienste gehen mussten, gesungen wurde, während der Rest der lutherischen Gemeinde die Originalversion sang. Da Erhalt und Herr, bey Deinem Wort ein häufig nachgedrucktes, rezipiertes und somit wohl auch gesungenes Lied war, war die Melodie sicherlich vielerorts bekannt. Auch dies machte eine katholische Kritik des Luthertums auf diese Art und Weise so attraktiv.

Die Umdichtung von „Wort“ zu „Wurst“ im ersten Vers ist ein schönes Sprachspiel, das einmal mehr eine Verbindung zwischen humoristischer Alltagskultur und theologischen Auseinandersetzungen herstellt. Durch einen kleinen phonetischen Unterschied wird das Lutherlied bereits ad absurdum geführt. Gleichzeitig kann der Vers auch als eine Anspielung auf das Froschauer Wurstessen verstanden werden. Ähnlich historisch verklärt wie Luthers Thesenanschlag ist dieser Konsum von Würsten während der Fastenzeit in Zürich im Jahr 1522 (siehe dazu auch Huldrich Zwinglis Predigt Von Erkiesen und Fryheit der Spysen). Dieser öffentliche Bruch mit der katholischen Kirche durch den Konsum eines Lebensmittels wird in dem Lied thematisiert und, so Busch, signalisierte den Zeitgenossen, dass vieles beim evangelischen Glauben sich um Freiheiten des Fleisches drehte.

Die Verbindungen zwischen Theologie und Esskultur werden ebenfalls im nächsten Vers von Version eins des Liedes thematisiert: „Nach gutem Wein uns allzeit Durst“ ist auch eine Anspielung auf die lutherische Praxis des Laienkelchs. In der katholischen Kirche war es Geistlichen vorbehalten, das gewandelte Blut Christi während des Abendmahls zu trinken. Im Luthertum hingegen durften auch Laien an diesem wichtigen kirchlichen Ritual teilnehmen. Diese als Kommunion in beiderlei Gestalt oder communion sub utraque bekannte Form des Abendmahls war besonders in der Frühen Neuzeit ein wichtiges Zeichen der religiösen Zugehörigkeit. Besonders die Betonung, dass es das Sprecher-Ich, das in dieser Lesart einen Lutheraner darstellen soll, „allzeit“ nach Wein gelüstet, führt die Theologie der Kommunion in beiderlei Gestalt ad absurdum, weil nun nicht mehr das Gedenken an den Tod Christi im Vordergrund steht, sondern stattdessen nur noch der Konsum des Weins und der damit einhergehende Rausch.

In Variante zwei des Liedes wird auf ähnliche Art und Weise der Exzess thematisiert: Nicht weniger als „sechs Maß“ Bier löschen den Durst. Hier ist die Verbindung zur Theologie etwas schwieriger, ist Bier doch kein Getränk, das in Gottesdiensten konsumiert wird. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die katholischen Dichter des Liedes auf die ebenfalls katholischen Mönche anspielen wollten, die traditionell mit Bierbrauen in Verbindung gebracht werden. Stattdessen ist eine andere Lesart möglich: Der Bierkonsum kann als Zeichen der „einfachen Leute“ verstanden werden, die „Lutherische[n]-Handwercks-Pursche[n]“ in Buschs Erklärung. In dieser Lesart würde der exzessive Weinkonsum der Oberschicht vorbehalten sein und die sechs Maß Bier dem Karsthans. Das Lied suggeriert damit auch eine Wirtshausatmosphäre in lutherischen Sakralräumen des sechzehnten Jahrhunderts. Dass Luther in den frühen Jahren seiner Auseinandersetzung mit dem Katholizismus auch besonders die „einfachen Leute“ angesprochen hat, stützt diese Interpretation. Viele Bauern beriefen sich beispielsweise 1525 im so genannten „Bauernkrieg“ auf Luther und seine Lehre, auch wenn sich dieser später stark von den „einfachen Leuten“ distanzierte.

Ob nun das Sprecher-Ich Wein oder Bier konsumiert, das Resultat bleibt das gleiche. Fressen und Saufen endet in Lethargie. Selbst in der Übertreibung und Kritik des übermäßigen Konsums kommt der Dichter des Liedes jedoch nicht umhin zu attestieren, dass der Konsument von rauen Mengen Wein oder Bier „guths muths“ ist – jedoch tut er „nichts guts“. Auf Grund der Verbindung von theologischen Elementen mit einer Beschreibung von Konsum operiert die Adaption des Liedes auf zwei Ebenen, die allerdings stärker, als es zunächst scheint, miteinander verbunden sind. Der „feiste“ Doktor hat, so das Lied, in seinem religiösen und persönlichen Leben vorgelebt, dass man Speis und Trank nicht verachten solle. Die Adaption des Lutherliedes zeigt, wie früh-neuzeitliche Akteure gekonnt scheinbar simple Inhalte mit anspruchsvollen Themen verknüpften. So war es möglich, Nicht-Theologen, beispielweise „einfache Leute“, anzusprechen und diese gleichzeitig Kritik an komplexen, religiösen Sachverhalten üben zu lassen. Hierbei waren diese Sängerinnen und Sänger im Wirtshaus natürlich nicht nur passive Rezipienten des Liedes. So veränderten und persiflierten auch illiterate Männer und Frauen Volkslieder.

Die adaptierten Texte verbinden eine Vielzahl von Elementen miteinander. Die Wurst kann sowohl als sexuelles als auch als theologisches Symbol fungieren. Der Alkoholexzess greift eine Thematik auf, die bereits im Mittelalter vorhanden ist, aber bis heute diskutiert wird. Der Verweis auf Bier und Wein suggeriert eine gemütliche Wirtshausatmosphäre, während der ursprüngliche Kontext des Liedes ein kirchlicher ist. Diese Verquickung von Profanem und Kirchlichem, high culture und Alltagskultur, mittelalterlichen Motiven und neuzeitlichen Thematiken macht die Frühe Neuzeit zu solch einer spannenden Periode.

Martin Christ, Oxford

 

Bibliographie:

Erika Heitmeyer: Das Gesangbuch von Johann Leisentrit 1567. Adaption als Merkmal von Struktur und Genese früher deutscher Gesangbuchlieder. St. Otilien 1988.

Lyndal Roper: ‘Martin Luther’s Body: The ‘Stout Doctor’ and his biographers’. In: American Historical Review, April 2010, S. 350-84.

Huldrich Zwingli: Von Erkiesen und Fryheit der Spysen : Von Ergernus und Verböserung : Ob man Gwalt hab die Spysen zuo etlichen Zyten verbieten. Zürich 1522. Faksimile in der Zentralbibliothek Zürich.

Johannes Hass u. E. E. Struve (Hg.): Goerlitzer Rathsannalen. Görlitz, 1870.

Peter Busch: Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey Deinem Wort. Wolfenbüttel 1735.

Frohe Fracht aus Straßburg: Daniel Sudermanns Weihnachtslied „Es kommt ein Schiff geladen“ (1626)

Daniel Sudermann

Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff, geladen 
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig's Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein’ teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig’ Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß’ Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh’n,
ewig’s Leben zu erben,
wie an ihm ist gescheh’n.

     [Text nach lieder-archiv.de.]

Es kommt ein Schiff geladen ist ein in Deutschland weithin bekanntes Advents- und Weihnachtslied. Seine Ursprünge reichen, was den Text betrifft, bis ins späte Mittelalter zurück, die Melodie ist seit der frühen Neuzeit belegt. Während seiner langen und komplizierten, fachwissenschaftlich allerdings recht intensiv erforschten Überlieferungsgeschichte in katholischen bzw. evangelischen Liedersammlungen wurden Text und Melodie mehrfach verändert, wofür zumeist theologische bzw. (religions-)politische Gründe ausschlaggebend waren. Die Textfassung des uns bekannten Liedes geht auf eine Bearbeitung älterer, handschriftlich überlieferter Quellen durch Daniel Sudermann zurück, die dieser in seinem Gesangsbuch Etliche Hohe geistliche Gesänge (Straßburg 1626) zu Druck gebracht hat; nachfolgend Sudermanns Text, dem ein Motto vorangestellt ist, das die Textquelle dem Mystiker Johannes Tauler zuweist. Diese Zuordnung konnte meines Wissens bislang nicht bewiesen werden; allerdings ist die Quelle bekannt, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts datiert und höchstwahrscheinlich aus dem Besitz eines Straßburger Dominikanerinnenklosters stammt. Heute liegt diese Handschrift – wie zwei jüngere aus der gleichen Epoche – in der Staatsbibliothek Berlin (vgl. Burghart Wachinger in der 2. Aufl. des Verfasserlexikons, Band 2, 1980, Sp. 625-628).

Ein vuraltes Gesang /
So vnter des Herren Tauleri Schrifften funden /
etwas verständlicher gemacht: Im Thon /
Es wolt ein Jäger Jagen wol in deß Himmels Thron.

1.
Es kompt ein Schiff geladen
bis an sein höchste bort,
Es trägt Gottes Sohn vollr gnaden,
deß Vatters ewigs wort.

2.
Das Schiff geht still im triebe,
es tregt ein thewre Last;
Der Segel ist die Liebe,
der heylig Geist der Maßt.

3.
Der Ancker hafft auf Erden,
vnd das Schiff ist am Land:
Gotts Wort thut vns Fleisch werden,
der Sohn ist vns gesandt.

4.
Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
Gibt sich für vns verlohren:
gelobet muß es sein.

5.
Und wer diß Kind mit freuden
küssen, vmbfangen will,
Der muß vor mit jhm leiden
groß pein vnd marter vil,

6.
Darnach mit jhm auch sterben
vnd geistlich aufferstehen,
Ewigs leben zuerben,
wie an jhm ist geschehen.

[Daniel Sudermann: Etliche Hohe geistliche Gesänge. Straßburg 1626, 8. Blatt F. Zit. nach: Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts. Bd. 2. Leipzig 1867, S. 303 (Nr. 459). Zitiert nach liederlexikon.de.]

Sudermann (1650-1631) ist eine interessante, zwischen den Konfessionen stehende und wirkende Gelehrtenpersönlichkeit des Reformationszeitalters bzw. Frühbarock, die man gemeinhin dem ,mystischen Spiritualismus‘ zurechnet (vgl. den einschlägigen Artikel von Thomas Gandlau im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, Band 11, 1996, Sp. 166-169). Geboren und katholisch getauft in Lüttich, erfuhr der Sohn eines Malers und Goldschmieds in Aachen eine calvinistische Ausbildung. Die ersten Jahre seines Erwachsenenlebens arbeitete er als ,Hofmeister‘ (d.h. Erzieher) an diversen Adelshöfen in West- und Süddeutschland sowie in den Niederlanden. 1580 erlangte Sudermann eine kirchliche Anstellung in Lüttich, wenig später bei den evangelischen Domherren in Straßburg, wo er seine Erziehertätigkeit fortsetzen konnte. Nun blieb ihm neben dem Hauptberuf Muße für gelehrte und schriftstellerische Tätigkeiten.

Er sammelte, studierte und publizierte diverse religiöse Schriften wie Predigten, Gebetsliteratur und reformatorische Traktate, wobei seine besondere Zuneigung spiritualistischen Schriften galt. Nachdem er 1594 endlich die lange ersehnte Vikarsstelle besetzen durfte, bekannte er sich offen zur häretischen Lehre Kaspar Schwenckfelds (1490-1561), die in zentralen Punkten von Luthers Dogmen abweicht und starke mystische Züge aufweist. Im Spiritualismus scheint Sudermann eine Möglichkeit gesehen zu haben, die konfessionelle Spaltung des Christentums zu überwinden. Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens investierte er zu einem Teil in den Aufbau einer großen theologischen und literarischen Handschriftensammlung, der die moderne Forschung die Überlieferung vieler wertvoller spätmittelalterlicher Texte verdankt, zum anderen in die literarische Produktion, d.h. ins Dichten von Kirchenliedern, Bearbeiten und Publizieren überlieferter religiöser Schriften und in die Abfassung eigenständiger theologischer Abhandlungen.

Sudermanns Bearbeitung unseres Kirchenlieds gebührt nicht der Ruhm des ersten Drucks, denn bereits 1608 findet sich im – von einer Laien-Bruderschaft edierten – sog. Andernacher Gesangbuch eine Textvariante, die im Gegensatz zur Sudermannschen Fassung freilich eine katholische, ja ausgesprochen gegenreformatorische Handschrift aufweist, erkennbar an Versen, die Maria huldigen bzw. das „Schiff“ des Eingangsverses allegorisch auf die schwangere Gottesmutter beziehen (Abdruck dieser Textes bei Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder. 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder, 7. Aufl. 1992, S. 273 f.). Noch im 19. und 20. Jahrhundert werden sich Liedvarianten in evangelischen und katholischen Gesangbüchern durch die Existenz bzw. das Fehlen marianischer Passagen unterscheiden. Dem Weihnachtslied im Andernacher Gesangbuch ist eine lateinische Paraphrase beigegeben, die theologisch weitergehende Implikationen enthält und zudem den Gedanken nahelegt, dass das Lied auch im Lateinunterricht eingesetzt wurde.

Während wir heute – weitgehend – Sudermanns Text singen, folgen wir gleichzeitig der im Andernacher Gesangbuch angegebenen Melodie, die nach Christa Reichs einschlägiger Untersuchung (2002) „mit musikalischen Mitteln die himmlische und irdische Sphäre zu verbinden scheint. Jedenfalls ist sie kontrastierend angelegt: Auf dorisch folgt F-Dur, auf ein Dreier-Metrum ein Vierer-Metrum und schließlich auf einen eher tiefen Tonraum ein hoher.“ (Zitat nach Michael Fischers kompetenter Zusammenfassung der Forschungssitualtion im Historisch-kritischen Liederlexikon, 2005, S. 10.)

Im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert scheint dieses Weihnachtslied weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein, jedenfalls liegen uns keine Belege für neue interessante Bearbeitungen oder sonstige Rezeptionsdokumente vor. Über die Gründe kann man eigentlich nur spekulieren: Entsprach es stilistisch nicht mehr dem Geschmack der Aufklärung? Sind die mystischen Allegorien unverständlich geworden? Oder sind entsprechende Belege nur verloren gegangen? Wie auch immer diese Rezeptionspause zu erklären sein mag – in den 1840er Jahren wurde Es kommt ein Schiff geladen von Germanisten und Hymnologen (d.h. Kirchenlied-Forschern) wiederentdeckt und schließlich 1854 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wissenschaftlich ediert. Damit waren die entscheidenden Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung, ja Popularisierung des Liedes gegeben, deren einzelne Stationen Michael Fischer (s.o.) benennt. Bei der Rezeption in der ersten Hälfte des 20. Jhs. trat der – ohnehin nicht mehr leicht verständliche religiöse Sinn – nicht selten hinter reformpädagogische, ästhetische bzw. ideologische (national-politische) Zwecksetzungen zurück. Bei letzteren spielte die Herkunft des Liedes aus dem Elsass eine nicht unwichtige Rolle. Nach dem zweiten Weltkrieg tauchte Es kommt ein Schiff geladen vergleichsweise rasch in evangelischen Gesangsbüchern auf, deutlich später (Gotteslob, 1975) dann auch im katholischen Gottesdienst, wobei der evangelischen Fassung Sudermanns noch eine Marienlob-Strophe hinzugefügt wurde, obwohl diese nicht besonders gut zum Duktus des restlichen Textes passt.

Neben dem Abdruck des Liedes in zahlreichen Sammlungen von Weihnachtsliedern bzw. kirchlichen Gesangbüchern sprechen auch andere Dokumente für seine weite Verbreitung: Predigten, die daran anknüpfen und kreative Vergleiche anstellen (z.B. zum Lied der Seeräuber-Jenny von Brecht!), Parodien, Prüfungsaufgaben im Deutschunterricht, musikalische Bearbeitungen, journalistische Überlegungen zur Ladung des Schiffes (Opium fürs Volk?) usw. Die Fülle dieser Belege zur Popularität des Liedes mag angesichts seiner semantischen ,Sperrigkeit‘ für moderne Rezipienten ohne theologische oder kirchenhistorische Spezialbildung einigermaßen erstaunen. Vielleicht findet sich eine gewisse Erklärung für diese Diskrepanz in meinen eigenen Erfahrungen: Diesen zufolge wurden in evangelischen Advents-Gottesdiensten der 1960er Jahren stets nur die ersten drei Strophen gesungen, die durchaus im Wortsinne verstanden werden können, ohne dass man sich zwingend auf theologische Subtilitäten einlassen müsste, wie z.B. die Frage, ob die Schiffs-Allegorie nun auf die schwangere Gottesmutter, die Kirche oder die menschliche Seele hin auszulegen sei. (Für alle diese Annahmen könnten aus Bibel und Väterliteratur stützende Argumente angeführt werden.) Ferner war mir Es kommt ein Schiff geladen seinerzeit vor anderen Weihnachtsliedern auch deshalb lieb, weil es mit seinem getragenen Tempo und nur einem einzigen „b“ meinen bescheidenen Fertigkeiten auf der Blockflöte vergleichsweise wenig Widerstand entgegensetzte…

Damit komme ich abschließend noch kurz auf die Aussage unseres Liedes zu sprechen: Bereits im Schluss-Vers der dritten Strophe expliziert Sudermann den Sinn seiner Schiffsmetaphorik – es geht, wie man es sich wahrscheinlich auch schon gedacht hat, um die Ankunft des Heilands unter den Menschen. Die vierte Strophe referiert schlaglichtartig die bekannte Weihnachtsgeschichte und preist im Vorgriff das künftige Erlösungswerk des Christkinds. Die letzten beiden Strophen dürften moderne Zeitgenossen einigermaßen irritieren, wenn nicht gar durch die Prophezeiung von „Pein und Marter“ verstören, da diese kaum ahnen können, dass hier vom sog. mystischen Kuss die Rede ist, der Mensch und Gott vereint und den symbolischen Tod des mystischen Adepten erfordert, bevor dieser an sein seliges Ziel gelangen kann. Ein ausführlicheres Referat über zentrale Theoreme der Dominikanischen respektive Rheinischen Mystik von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse bis auf die sog. oberrheinischen ,Gottesfreunde‘ und Schwenckfeldianer kann im Rahmen dieses Beitrags nicht erfolgen; somit müssen wir uns hier wohl oder übel damit zufrieden geben, dieses Weihnachtslied, dessen Melodie uns vielleicht dennoch oder sogar deswegen erfreut, nur oberflächlich verstanden zu haben.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Ein Land soll erwachen. „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ – Johann Walters Lied immer noch aktuell?

Johann Walter

Wach auf, wach auf, du deutsches Land

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,
bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen!
 
2. Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt
mit seinem Wort der Gnaden.
Ein großes Licht dir auch beschert
und hat dich lassen laden
zu seinem Reich, welchs ewig ist,
dazu du denn geladen bist,
will heilen deinen Schaden.

3. Gott hat dir Christum, seinen Sohn,
die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium
aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann,
der für der Welt Sünd gnug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.
 
4. Du lagst zuvor im Finstern gar
mit Blindheit hart gekränket.
Bei dir kein Licht der Wahrheit war.
Dein Herz war gar gelenket
zur Lüge und Abgötterei,
falsch Gottesdienst und Heuchelei
ins Teufels Reich versenket.
 
5. Du hast zuvor den Antichrist,
sein Teufels Lehr gehöret.
Und seine Lügen, Stank und Mist
als göttlich Ding geehret.
Du gabst ihm noch als deinem Herrn
dein Leib und Gut auch willig gern,
der keins dich nicht beschweret.
 
6. Von solcher Lügen falschem Schein
hat Gott dein Herz getrennet.
Durch Luther, den Propheten dein,
ganz Deutschland solchs bekennet.
Hat dich gezogen gnädiglich
zu seinem Reich gar väterlich.
wohl dem, der's recht erkennet.

7. Für solche Gnad und Güte groß
sollst du Gott billig danken.
Nicht laufen aus sei'm Gnaden Schoß
von seinem Wort nicht wanken!
Dich halten wie sein Wort dich lehrt.
Dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.
 
8. Du solltest bringen gute Frucht,
so du rechtgläubig wärest.
In Lieb und Treu, in Scham und Zucht,
wie du solch's selbst begehrest.
In Gottes Furcht dich halten fein
und suchen Gottes Ehr allein,
dass du niemand beschwerest.
 
9. Ob du solchs tust, das ist am Tag,
darf nicht erweiset werden.
Es zeugt jetzt die gemeine Klag',
dass ärger nie auf Erden,
auch weil die Welt gestanden ist,
noch nie gewest solch Tück' und List,
in Worten und Gebärden.
 
10. Es ist nicht auszusprechen mehr
die Bosheit, Sünd und Schande,
die grausam Gottes Läst'rung schwer,
so jetzt in deutschem Lande.
Solch Sünde ist so hoch gebracht,
dass auch dafür der Himmel kracht,
erschüttert seine Bande.
 
11. Gott hat sein Wort gegeben drum,
dass wir uns zu ihm wenden.
So kehrt Deutschland das Blättlein um,
tut seinen Namen schänden.
Ist ärger worden denn zuvor,
all Sünde schwebt jetzt hoch empor.
Drum wird Gott Strafen senden!
 
12. Der Wucher, Geiz, Betrügerei
wird jetzt als Kunst gelobet,
Ehebruch, Unzucht und Völlerei,
wird auch noch wohl begabet.
Falsch Tück und List, Verräterei,
Untreu, Falschheit , groß Büberei
ihr viel jetzt hoch erhebet.
 
13. Die Jugend wird gezogen jetzt
in Mutwill frech gewähnet,
dass sie in Schalkheit so verschmitzt,
was ehrlich ist, verhöhnet.
Ihr Kleidung muss fein bübisch sein.
Das Weibsvolk gibt sehr bösen Schein,
Mit Zierlichkeit beschönet.
 
14. Wer jetzt nicht Pluderhosen hat,
die schier zur Erde hangen
mit Zotten wie des Teufels Wat,
der kann nicht höflich prangen.
Es ist solchs so ein schnöde Tracht,
der Teufel hat's gewiss erdacht,
wird selbst sein also gangen.
 
15. Denn welcher Christ solch Kleid anblickt,
der wird vor Trauer klagen.
Sein Herz vor Gottes Zorn erschrickt.
Wird bei ihm selbst oft sagen:
Ach Gott, Deutschland, das dringet dich!
Das du musst straffen härtiglich
mit schweren großen Plagen.
 
16. All Ständ' sind jetzt so gar verderbt.
Will niemand sich erkennen
mit gutem Schein, doch so gefärbt,
tun all sich Christen nennen.
Und wird der göttlich Name teu'r
zur Sünd' gebraucht so ungeheu'r,
Deutschland wird sich abrennen.
 
17. Was vormals Unrecht, Sünd' und Schand',
das tut man jetzt gut preisen.
Was vormals Blei und Zinn genannt,
das heißt man jetzt hart Eisen.
All Ding' han sich so gar verkehrt.
Unrecht hat sich sehr hoch gemehrt.
Solch's tut die Tat erweisen.

18. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt,
will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt,
man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’,
die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.
 
19. Dieweil denn Deutschland gar nicht will
an Gottes Wort sich kehren
und häuft der Sünden täglich viel,
es lässt ihm niemand wehren,
so wird auch Gott ein scharfe Rut,
viel Strafen senden wie ein Flut
und Deutschland mores lehren.
 
20. Wer Augen hätt' und sehen könnt,
der würde freilich spüren
an Himmel, Erde, Luft und Wind
die Gottesstrafe rühren.
Viel Zeichen lässt geschehen Gott.
Fürwahr er was im Sinne hat:
Will uns zur Busse führen.
 
21. Martinus Luther, Gottes Mann,
hat Deutschland oft vermahnet.
Es sollt von Sünden abelan,
ein große Straf ihm ahnet.
Gott würd an Deutschland strafen hart
den Undank an seim Gnadenwort
keins Undanks Gott sich schonet.
 
22. Wach auf, Deutschland, ’s ist hohe Zeit,
du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse leit,
ob sich’s gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt 
und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilt’s, ob sie dein fehlet.

23. Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür;
Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.
 
24. Das helfe Gott uns allen gleich,
dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich,
dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’
und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.
 
25. O Gott gib, dass der Name dein
durch falsche Lehr nicht g'schändet!
Von deinem Wort und Lehre rein
nicht werden abgewendet.
Dein Wille dämpf all' Menschen Tand,
so von der Wahrheit abgewandt,
durch Teufels List verblendet.
 
26. Amen spricht, der dies Lied gemacht.
Gott tröste, die Not leiden,
und stürze bald der Lügen Pracht,
so Wahrheit stets tut neiden,
und mach zuschand, was Unrecht ist.
Stärk unsern Glauben, Jesu Christ,
wenn wir von hinnen scheiden.

Bußlieder liegen seit Jahren nicht mehr unbedingt im „mainstream“ der Kirchen, dennoch wurde das Lied vor 20 Jahren in das damals neue Evangelische Gesangbuch (EG) aufgenommen. Das dritte Reich hatte es auf die erste Strophe verkürzt und so als ein religiöses „Deutschland erwache“ mißbraucht. Und heute stößt es auf Zurückhaltung, weil die Gemeinde hellhörig geworden ist, wenn von einem besonderen Auftrag die Rede ist, den Gott Deutschland gegeben habe – vielen fällt bei solchen Worten eben nicht die Reformation ein, sondern die rechtsradikale Parole vom „Stolz darauf, Deutscher zu sein“. Ein Text aus der Reformationszeit, nicht als Gesangbuchlied geschrieben, für 370 Jahre vergessen, heute im EG auf ein Viertel seines Textes zusammengestrichen – Worum geht es in diesem ersten Beitrag zum bevorstehenden Reformationsjubiläum?

Heute würde er eine halbseitige Anzeige in den großen Tageszeitungen schalten oder seinen Aufruf ins Internet setzen. Als der ehemals kurfürstlich sächsische Hofkapellmeister Johann Walter seine Landsleute 1561 aufrütteln wollte, konnte er seinen Appell nur als Einzeldruck über den Buchhandel verbreiten: Ein newes Christlichs Lied / Dadurch Deudschland zur Busse vermandt. 1554 hatte Walter sein Amt aufgegeben und sich wieder in Torgau niedergelassen, wo er 1520 als Kantor der Lateinschule und Leiter der Stadtkantorei seine berufliche Laufbahn begonnen hatte. Von hier aus war er damals oft für mehrere Wochen nach Wittenberg gereist, um Luther in kirchenmusikalischen Angelegenheiten zu beraten. Aber die theologischen Auseinandersetzungen, die in Dresden letztlich den „Vorruhestand“ des erst 58jährigen ausgelöst hatten, gingen in Torgau weiter. Auf neue Spannungen mit den Pfarrern und eine Abmahnung durch den Rat der Stadt reagierte er mit einem Bußlied von 26 Strophen, dem heute unsere Aufmerksam gilt:

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land! Du hast genug geschlafen[1].
Bedenk, was Gott an dich gewandt, wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt, und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen. (EG 145,1)

Worum ging es?

Das Augsburger Interim von 1548 hatte zwar die zentralen lutherischen Glaubenssätze sola fide und sola scriptura bestätigt, aber es hatte Angelegenheiten der Liturgik und der Zeremonien als „Mitteldinge“, Adiaphora bezeichnet, für die es keine aus der Schrift abzuleitenden verbindliche Regelungen zu geben brauche. Diese Übereinkunft wurde für Sachsen im Leipziger Interim zwar ein wenig abgemildert, aber für strenge Lutheraner blieben viele nun wieder zulässige alte liturgische Formen und Feiertagsregelungen eine ernste Belastung ihres Glaubens. Walter hatte seinen Kantorendienst in Gottesdiensten zu verrichten, deren Prediger das Interim befürworteten. Sie waren in seinen Augen der Ketzerei verdächtig. Er selbst, seine Familie, aber auch die in seinem Haushalt lebenden Chorknaben gingen daher drei Jahre lang nicht zum Abendmahl.

Ich stehe heute mit großem Respekt vor der Konsequenz seines Handelns, aber auch recht verständnislos vor seinen Gewissensnöten. Ich kann sie, im In- und Ausland an Oekumene gewöhnt, nicht nachvollziehen, zumal der Streit in Dresden letztlich nur noch um den sog. papistischen Chorrock ging. Chorhemd und Stola waren für Walter aber Symbole für theologische Grundsatzfragen geworden: durch das Interim sah er die ganze Reformation bedroht.

Er hat sehr darunter gelitten, daß Kinder ungetauft bleiben oder Erwachsene in der Pest von 1552 ohne den Trost des Abendmahls sterben sollten, nur weil sie glaubten, das Sakrament nicht von einem Pfarrer entgegennehmen zu dürfen, der das Interim anerkannte. Über den Abendmahlsbesuch seiner Chorbuben war es in Dresden zum Streit gekommen, um das Abendmahl wurde auch in Torgau weiter gestritten, vor allem, als man dort eine Frau ohne Predigt und Chorgesang beerdigt hatte, die das letzte Abendmahl verweigert hatte, weil sie es nicht von einem „interimistischen“ Pfarrer entgegennehmen wollte. Aus dieser Situation heraus ist unser Lied geschrieben. Wenn wir es heute im Gesangbuch lesen, merken wir ihm das nicht mehr an. Walters Bußruf war ungehört verhallt, er hatte für seine Bedenken keine Mehrheit gefunden. Bis zum 20. Jahrhundert geriet das Lied in Vergessenheit.

Die ersten drei Strophen (das EG verwendet nur 1 und 3) sprechen Deutschland direkt an und rufen ihm in Erinnerung, was ihm geschenkt ist: Gottes Wort und sein Sohn.

2. Gott hat dir Christus, seinen Sohn, die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann, der für der Welt Sünd g‘nug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.

Strophen 4 bis 6 der Originalfassung beschreiben die Glaubenssituation in Deutschland vor der Reformation. Ich zitiere exemplarisch die Strophen 5 und 6. Sie standen damals auf dem Flugblatt, wurden aber nie in ein Gesangbuch übernommen.

(5) Du hast zuvor den Antichrist, sein’s Teufels Lehr gehöret,
und seine Lügen, Stank und Mist als Göttlich Ding geehret.
Du gabst ihm noch, als deinem Herrn dein Leib und Gut auch willig gern
Der keins dich nicht beschweret.

(6)Von solcher Lügen falschem Schein hat Gott dein Herz getrennet
Durch Luther, den Propheten dein. Ganz Deutschland solchs bekennet.
Hat dich gezogen gnädiglich zu seinem Reich, gar väterlich.
Wohl dem, ders recht erkennet.

Im Originaltext folgen nun als 7 und 8 die beiden Strophen, die das EG als 3 und 4 abdruckt:

3. Für solche Gnad und Güte groß sollst du dem Herren danken,
nicht laufen aus seim Gnadenschoß, von seinem Wort nicht wanken,
dich halten, wie sein Wort dich lehrt, dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.

4. Du solltest bringen gute Frucht, so du recht gläubig wärest,
in Lieb und Treu, in Buß und Zucht, wie du solchs selbst begehrest,
in Gottes Furcht dich halten fein und suchest Gottes Ehr allein,
daß du niemand beschwerest.

Im ursprünglichen Lied soll das Land also dafür danken, daß Gott Martin Luther geschickt hat. Dieser Gedanke wurde später bis 1917 in den Liedern zum Reformationsgedächtnis breit ausgeführt. Ohne die originalen Strophen 4-6 schließt heute der Text im EG aber direkt an die Strophe 3 (EG 2) an und das Lied ruft dazu auf, Gott dafür zu danken, daß er uns seinen Sohn geschenkt hat. Diese Fassung umgeht jeden Personenkult und ist theologisch richtig – auch wenn Walter es ursprünglich anders gemeint hatte. Er zog die Parallele zwischen Christus und Luther nämlich sehr bewusst und er stellte gezielt die Römische Kirche mit dem Antichrist gleich. So könnten wir heute nicht mehr singen, aber Toleranz stand damals noch nicht auf der theologischen Agenda. Bei keiner der streitenden Parteien. Nun folgen im Original zehn Strophen (9-18), die Walters Sorge über die Zustände seiner Zeit in Worte fassen. Nie sei es in der Welt und besonders in Deutschland sündiger zugegangen:

(12) Der Wucher, Geiz, Betrügerei wird jetzt als Kunst gelobet;
Ehebruch, Unzucht und Völlerei wird auch noch wohl begabet
(belohnt).
Falsch Tück und List, Verräterei, Untreu, Falschheit, groß Büberei
Nun frech das Haupt erhebet.

Nie sei die Jugend mehr in Mutwillen und Frechheit großgezogen worden, als jetzt, man gewöhne sie geradezu daran, gute Sitten zu verhöhnen, schreibt er. Besonders die Kleidermode der Zeit erregt seinen Zorn:

(14) Wer jetzt nicht Pluderhosen hat, die schier zur Erde hangen,
mit Zotteln, wie des Teufels Wat (Gewand), der kann nicht vornehm prangen.
Es ist solchs eine schnöde Tracht, der Teufel hat‘s gewiß erdacht.
Wird selbst sein also gangen.

Gottes Strafe kommt unweigerlich auf Deutschland, das geradezu in einer verkehrten Welt lebt, weil die Deutschen den Namen Gottes mißbrauchen, wenn sie trotz ihrer Schuld „all sich Christen nennen“ (16).

(17) Was vormals Unrecht, Sünd und Schand, das tut man jetzt gut preisen.
Was vormals Blei und Zinn genannt, das heißt man jetzt gut Eisen.
All Ding habn sich so gar verkehrt, Unrecht hat sich sehr hoch gemehrt,
solchs tut die Tat erweisen.

Von dieser Aufzählung bietet das EG nur noch Strophe 18, die das Sündenregister abschließt:

5. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’, die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

Die Strophen 19 bis 23 ziehen Bilanz: Weil man sich nicht zu Gottes Wort kehrt, wird Gott seine Strafen senden „und Deutschland Mores lehren“ (19). Luther habe immer wieder dazu aufgefordert, aber man wolle sich ja nicht ändern. Jetzt sei die Strafe unvermeidlich. Die Strafen, deren „Zeichen“ man zu sehen glaubte, waren Krieg und Seuchen und vor allem Hungersnöte, die sich seit dem frühen 16. Jahrhundert, ausgelöst durch extreme Wettersituationen auffallend häuften. Niemand ahnte damals, dass die sogenannte „Kleine Eiszeit“ begonnen hatte, die etwa 200 Jahre dauern sollte und noch in den Liedern Paul Gerhardts eine Rolle spielt.

Das Lied endet mit fünf Strophen, von denen wir im EG die Str. 23 und 24 nachlesen können.

6. Gott warnet täglich für und für, das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür; Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit, weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.

7. Das helfe Gott uns allen gleich, dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich, dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’ und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.

Sie mahnen zur Buße, fordern Umkehr und bitten um Gottes Hilfe dazu. Erinnern wir uns der Situation, in der Johann Walter dies Lied geschrieben hat, so fällt auf, daß vom Streit um die Adiaphora bisher eigentlich noch gar nicht so richtig die Rede war. Erst die beiden letzten Strophen des Liedes sprechen das Thema der „falschen Lehre“ an:

(25) O Gott gib, daß der Name dein durch falsch Lehr nicht gschändet.
Von deinem Wort und Lehre rein wir nicht werdn abgewendet.
Dein Wille dämpf allr Menschen Tand, die von der Wahrheit abgewandt
durch Teufels List verblendet.

(26) Amen spricht, der dies Lied gemacht. Gott tröste, die Not leiden.
Und stürze bald der Lügen Pracht, die stets der Wahrheit neiden.
Und mach zu Schand, was Unrecht ist. Stärk unsern Glauben, Jesus Christ,
wenn wir von hinnen scheiden.

Dieser Schluss schlägt den Bogen zurück zum Anfang des Liedes: der Aufruf an Deutschland endet mit der Bitte um Gottes Hilfe für die, die sich den Zielen des Verfassers anschließen. Eigentlich haben wir es also mit zwei Liedern zu tun. Strophen 1-8 und 22-26 handeln von den geistlichen Anliegen, die Walter bekümmert haben: seine Enttäuschung darüber, daß sich die in seinen Augen ketzerischen Auffassungen wieder durchsetzen; seine Sorge, dass Luthers Vermächtnis in Vergessenheit geraten könne; und seine Hoffnung daß sich seine Landsleute bußfertig zum rechten Glauben wenden könnten. Die Strophen 9-21 schieben ein zweites Lied dazwischen, das den tiefen Pessimismus des alten, erzkonservativen Mannes ausdrückt, der um sich nur noch Sünde und Verderbnis, und falsche gesellschaftliche Entwicklungen sieht.

Walters Lied im Gesangbuch

Das älteste Gesangbuch, in dem ich Walters Lied, damals gekürzt auf fünf Strophen, bisher gefunden habe, ist das Buch unserer bayerischen Landeskirche von 1928 (Nr. 502). Der Text war neu entdeckt worden, als man nach dem ersten Weltkrieg neue Lieder zum Thema Vaterland und Obrigkeit suchte. Er wurde seitdem mit zehn unterschiedlichen Strophenzusammenstellungen in fast alle neu entstehenden Gesangbücher aufgenommen: in viele Regionalanhänge des Deutschen Evangelischen Gesangbuches (DEG), die Jugendliederbücher Ein neues Lied und Der helle Ton und in die Soldatengesangbücher der Weimarer Zeit, aber auch in die Liederbücher der „Deutschen Christen“ (DC). Im Kirchenkampf stand es in den Christlichen Kampfliedern der Deutschen – sodass nun beide Seiten, DC und bekennende Kirche Walters Aufruf für sich reklamierten.

Und heute?

Die Herausgeber des EKG hatten das Lied übernommen, und dies erneut in der Gruppe „Volk und Vaterland“. Erst das heutige EG ordnet es seinem ursprünglichen Charakter entsprechend unter „Bußtag“ ein. Mit der Strophenfolge Str. 1, 3, 7, 8, 18, 23 und 24 ist so eine elfte Variante des Liedes entstanden.

Die Zeiten, in denen der Kaiser in einem Interim ein Machtwort in Glaubensdingen sprechen konnte, sind vorbei. Die Demokratie, von Luther nicht für möglich gehalten, hat sich bewährt. Unser freiheitliches System macht es sich verfassungsgemäß selbst schwer, seine Bürger durch Gesetzgebung und Rechtsprechung in Gewissensnöte zu bringen. Die Kirche steht dem Staat gegenüber, nicht unter, aber erst recht nicht mehr über ihm. Sie ist eine der vielen Gruppen, die Einfluß nehmen, bevor der Staat nach eigenem Recht entscheidet. So durfte die weltliche Obrigkeit beispielsweise den arbeitsfreien Tag am Buß- und Bettag wieder abschaffen, den sie selbst einmal eingeführt hatte, aber sie hätte nicht das Recht, Gottesdienste an diesem Tag zu untersagen. Ebenso kann der Staat Verhaltensweisen erlauben, die Christen ablehnen. Aber er kann die Christen nicht zwingen, gegen ihr Gewissen alles zu tun, was er erlaubt. Walters Lied trifft heute also auf völlig veränderte politische und kirchliche aber auch gesellschaftliche Verhältnisse. Dennoch bleibt es aktuell. Aus mehreren Gründen.

Der eine Grund: Weil die Menschen sich nicht grundsätzlich geändert haben: Woche für Woche lassen sich aus den Meldungen der Medien genug Beispiele dafür bringen dass beispielsweise die Feststellungen der als EG 145,5 abgedruckte alten Strophe 18 zeitlos sind. Die Menschen sind nicht besser geworden, nur ihre Verfahren wurden anders. Und Johann Walter würde heute vermutlich Missstände im Denken und Handeln seiner Mitchristen anprangern, die es zu seiner Zeit noch gar nicht gab. Die Themen auch der inner- und zwischenkirchlichen Diskussion haben sich verändert, der Ernst der Überzeugungen nicht. Hier hat die Aufklärungsepoche, gegen deren ersten Regungen sich Walter unwissentlich sträubte, viel im Denken Europas verändert.

Der andere Grund: Das Lied bleibt auch deshalb aktuell, weil auch Gott sich nicht geändert hat. Die EG-Strophe 6 gilt noch immer. Gott hat sein Geschenk nicht zurückgefordert und seine Hand bleibt für jeden ausgestreckt. Und sie ist groß genug für ein ganzes Land. Das Land sollte erwachen, so wollte es Johann Walter. Sein Ziel war die Vollendung der Reformation, die gemeinsame Umkehr aller Deutschen zu Gottes Willen. Würde er heute so ein Pamphlet schreiben, müssten Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit als neue Formen des politischen und religiösen Fanatismus darin vorkommen.

Es würde schlimm, wenn in den gesellschaftlichen, politischen und theologischen Auseinandersetzungen unserer Zeit eine Gruppe das Lied gegen die andere singen würde, wenn die streitenden sich gegenseitig zur Buße riefen, da man sich selbst der Gnade sicher weiß. Aber etwas anderes läßt sich tun. Zahl und Inhalt der entsprechenden Lieder in den Gesangbüchern der letzten 80 Jahre zeigen: Seit Christen ihre Obrigkeit wählen können, haben sie zunehmend aufgehört für sie zu beten. Das ist ein auffallendes, aber kein zufälliges Zusammentreffen. Wo früher fünf bis zehn Lieder in einem Gesangbuch standen, finden wir heute noch wenige Strophen, die der Aufforderung von 1. Timotheus 2 folgen. Nehmen wir den Aufruf zur Umkehr ernst, tun wir etwas, was wir zu tun verlernt haben: Beten wir für die Regierenden – ob sie es hören wollen oder nicht. Gott hört es. Und bitten wir für uns selbst um Toleranz, denn Intoleranz ist heute bedrohlicher als es jemals die Farbe der Chorröcke war.

Andreas Wittenberg, Bamberg

(Erweiterte und aktualisierte Neufassung einer Liedbetrachtung aus Confessio Augustana III/2000)

[1] Das EG bietet in den Strophen 1 und 5 die Textvarianten „unser Land“ und „O Land“ an.

Ins Meer der Liebe versenken. Zu Gerhard Tersteegens „Ich bete an die Macht der Liebe“

Gerhard Tersteegen

Ich bete an die Macht der Liebe

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart.
Ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch auch ich* geliebet ward.
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.**

* Original: „ich Wurm“.
** Original: „ersenken“.

Wenn in einigen Jahren unser Bundespräsident, die Kanzlerin oder die Verteidigungsministerin feierlich durch die Bundeswehr verabschiedet werden, dann wird er wieder ausbrechen, der Streit um den großen Zapfenstreich und die Liedstrophe Ich bete an die Macht der Liebe, die zu diesem Zeremoniell gehört. Dann greifen die Journalisten wieder in ihre Tatstaturen und holen aus dem Internet, was ihre Vorgänger in ihren Zettelkästen fanden: die Legenden und Histörchen über die Geschichte dieser Veranstaltung, die seit über 100 Jahren eine Generation von der anderen abschreibt. Dabei geht es vor allem um zwei Fragen: Wie ist das heute gebräuchliche Zeremoniell entstanden, und wie kommt die Liedstrophe eines niederrheinischen Pietisten „unter die Soldaten“?

Ein Beispiel aus meinem „Zettelkasten“:

Nach der Schlacht bei Großbeeren im August 1813 unternahm der preußische König Friedrich Wilhelm III. zusammen mit dem russischen Kaiser Alexander I. eine Truppenbesichtigung. Am Abend kamen die beiden Monarchen in die Nähe eines russischen Lagers. Wie es im russischen Heere üblich war, sangen die Soldaten nach dem Zapfenstreich ein geistliches Lied. Friedrich Wilhelm III. stand gerade dabei, als die russischen Soldaten das Lied von Bortnianski Ich bete an die Macht der Liebe sangen und war so ergriffen von dem religiösen Schauspiel und von der Melodie, dass er diese Form des Zapfenstreichs auch für seine Truppen befahl (P. Panoff: Militärmusik in Geschichte und Gegenwart. Berlin 1938, S. 128.)

An dieser Geschichte stimmt nur wenig:

  • Es war nicht die Schlacht von Groß-Beeren südlich Berlin am 23. August 1813, denn der Befehl des Königs wurde bereits am 10. August 1813 erlassen.
  • Es war auch nicht die Schlacht von Groß-Goerschen südlich Leipzig am 2. Mai 1813, obwohl auch dies seit 1882 ein Autor vom anderen abschreibt. Am Abend nach dieser Schlacht zogen sich die gegen Napoleon verbündeten Heere nach Schlesien zurück. Der Zar und der König trafen sich nicht auf dem Schlachtfeld sondern in Groitsch und stritten sich höchst unmajestätisch darüber, ob sie über die Elbe ausweichen oder am kommenden Tag die Schlacht wieder aufnehmen sollten.
  • Es war aber tatsächlich eine Truppenbesichtigung. Die allerdings fand bei Landeshut in Schlesien statt, an dem Tag, an dem der Waffenstillstand von Poischwitz endete und der Herbstfeldzug gegen Napoleon begann. Dort steht heute noch eine Gedenksäule, die an diese Feldparade erinnert. An diesem Abend des 10. Augusts 1813 erließ der König den Befehl, der heute als Grundlage des Großen Zapfenstreiches gilt.
  • Bei den Kosaken war es nicht ungewöhnlich, das Abendgebet zu singen. Aber sie sangen nicht die Weise, die heute beim deutschen Militärzeremoniell gespielt wird. Die wurde nämlich wohl erst 1822 komponiert – Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) komponierte die Melodie 1822 zu dem von Michail Matwejewitsch Cheraskow (1733–1807) verfassten, später als Freimaurerlied bekannt gewordenen Text Kol’ slaven naš Gospod’ v Sione („Wie gepriesen ist unser Herr in Zion“) (Angabe 1822 nach Wikipedia; die Angaben in den deutschen Gesangbüchern schwanken zwischen 1820 und 1825.)
  • Die russischen Soldaten sangen 1813 auch nicht Ich bete an die Macht der Liebe von Gerhard Tersteegen (1697–1769). Dieser Text war 1813 in Russland noch unbekannt. Er wurde erst 1820 durch Johannes Evangelista Gossner, Prediger an der katholischen Malteser-Kirche in Petersburg, und seine Sammlung auserlesener Lieder von der erlösenden Liebe in Russland verbreitet, und der Petersburger Organist Johann Heinrich Tscherlitzky gab 1825 in Leipzig ein Choralbuch heraus, in dem er zum ersten Mal Tersteegens Lied mit Bortianskis Weise zusammenbrachte.

Wie kam das Lied dann in den Zapfenstreich?

Auch wenn einige Autoren in meinem Zettelkasten das so darstellen, der König hatte nicht „diese Form des Zapfenstreiches“ befohlen. Er ordnete viel mehr an, dass

  • in Garnison die Kasernenwache nach dem Zapfenstreich-Signal heraustreten und bei abgenommenem Helm ein „stilles Gebet, etwa ein Vater-Unser lang verrichten“ solle. (Daher stammt übrigens der Ausdruck „Stilles Gebet bis Fuffzehn“, der alten Soldaten heute noch vertraut ist.)
  • Im Feldlager sollten die Soldaten nach dem Zapfenstreich-Signal zur Vollzähligkeitskontrolle antreten und anschließend während ein „kurzes Abendlied“ geblasen wurde, wie die Wache die Kopfbedeckung abnehmen und dann zur Nachtruhe in die Zelte gehen.

Damit führte der König das in der Preußischen Armee früher gebräuchliche Abendgebet wieder ein, das unter dem Einfluss der Aufklärung mit den ab 1788 herausgegebenen neuen Reglements abgeschafft worden war. Dabei wurde aber sicherlich nicht Ich bete an die Macht der Liebe gesungen. Dies ist eigentlich die vierte Strophe des Liedes Für dich sei ganz mein Herz und Leben. Gossner hatte diese Strophe an die Spitze von Tersteegens Lied gesetzt, wo sie noch heute steht (Das Lied steht weder im Gotteslob noch im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches [EG], aber in den Regionalteilen einiger EG-Ausgaben), aber diese Fassung wurde erst 1825 auch in Deutschland bekannt. Die Preußischen Militärgesangbücher nahmen den Text erst nach der Reichsgründung auf.

Der Befehl des Königs zum Abendgebet wurde während der Feldzüge gegen Napoleon nachweislich befolgt. Bis nach dem Ersten Weltkrieg stand das Abendgebet auch noch in den Vorschriften. Das Zapfenstreich-Signal war in vielen Kasernen der Bundeswehr noch in den frühen 60er Jahren zu hören.

Vom Zapfenstreich zum „Großen Zapfenstreich“

Die preußische Armee hat 1814 nach der Einnahme von Paris einen besonders feierlichen Zapfenstreich zelebriert und dazu Signale aller Truppengattungen zusammengefasst. Dieses Zeremoniell wurde für repräsentative Anlässe weiter ausgebaut und um mehrere Musikstücke erweitert. Später ließ man auch Truppe dazu aufmarschieren, die beim „Gebet“ den Helm abnahm. Dabei ist nicht feststellbar, wann die Weise Bortnianskis zum ersten Mal als „Gebet“ gespielt wurde. Eine Möglichkeit wäre die Truppenparade von Kalisch, mit der 1835 gemeinsame deutsch-russische Manöver beendet wurden.

Noch wahrscheinlicher ist ihre Aufführung bei dem Zapfenstreich, der damals noch „russischer“ Zapfenstreich hieß, anlässlich des Staatsbesuches von Zar Nikolaus I. 1838 in Berlin, wo das Stück eines russischen Komponisten an exponierter Stelle sicher eine passende ehrende Geste war. Dieses Musikstück war mittlerweile in der deutschen Literatur als Melodie für Tersteegens Lied eingeführt und bekannt und wurde nach dessen Incipit benannt.

Unter dem preußischen Musikinspizienten Wilhelm Friedrich Wieprecht wurde 1865 zum ersten Mal der Begriff „Großer Zapfenstreich“ für die von ihm verbindlich zusammengestellte Partitur verwendet, die sich zu einem beliebten patriotischen Konzertstück weiterentwickelte. Erst unter Wieprechts Nachfolgern Rossberg und Hackenberger wurde der Zapfenstreich zu einem exklusiv staatlichen, ja dem protokollarischen Ehrenzeremoniell, das es heute ist.

Den Text können bei einer Zapfenstreich-Aufführung im 21. Jahrhundert wohl die wenigsten der angetretenen Soldaten und nur noch wenige ältere unter den Zuhörern mitdenken. Es ist ein Text der frommen Hingabe an Gott, dessen Denk- und Ausdrucksweise uns heute sehr fremd geworden ist. Mehr als die Anfangszeile kennt kaum ein Teilnehmer.

Zum Lied werden zwar Gebetsgesten ausgeführt (die Zuschauer erheben sich, die Soldaten nehmen den Helm ab) aber die Gebetsform hat keine funktionale, sondern nur noch symbolische Bedeutung. Aber: Wer will, darf beten und sich gedanklich in „das Meer der Liebe“ Gottes versenken. Wer das nicht will, möge sich von der romantisch-süßen Melodie anrühren lassen und an ihre Herkunft denken: Sie wird gespielt, weil sie aus Russland kam.

Nicht Tersteegens Text hat Bortnianskis Melodie in das militärische Zeremoniell des deutschen Protokolls eingeführt, sondern Bortnianskis Komposition hat Terstegens Text eine Verbreitung gebracht, an die der fromme Bandwirker aus Moers nie gedacht hatte.

Andreas Wittenberg

 

Dieser Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels Helm ab zum Gebet im Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, 26. Band 1982, S. 157–174. Eine Kurzfassung mit einer Auflistung aller bis heute unbeantworteten offenen Fragen findet sich in der Zeitschrift für Heereskunde Heft 362/363 (1992).

Barocke Frömmigkeit und Rhetorik. Zu Paul Gerhardts „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (1653)

Paul Gerhardt

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.
 
2. Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.
 
3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.
 
4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.
 
5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

6. Die unverdroßne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

7. Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

9. Ach, denk ich, bist du hier so schön
und läßt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden;
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden!

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdroßnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen?

11. O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
So wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

13. Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen.

 Geh aus mein Herz und suche Freud wurde in den letzten Jahren mehrfach zum beliebtesten deutschen Kirchenlied gewählt, aber es wird, weil es mit 15 Strophen gar so lang ist, meist nur gekürzt gesungen. Eine Fassung mit 4 Strophen (1-3, 8) stand in Des Knaben Wunderhorn. Das Lied galt damals also als Volkslied. Bisher sind 40 verschiedene Melodien nachgewiesen.

Es ist ein Sommerlied, das 1653 in PPM5 veröffentlicht wurde. Betrachten wir zunächst Inhalt und Aufbau. Das Lied ist in Jamben und im Reimschema AABCCB geschrieben. Es besteht aus drei Teilen unterschiedlicher Länge, die sich darin unterscheiden, zu wem das „Singende Ich“ spricht:

In Teil A (Str. 1-7) redet es das eigene Herz an und fordert es auf: Geh aus, suche Freude, schau dich um und sieh. Und was soll das Herz sehen? Die Gaben Gottes in den Schönheiten der Schöpfung an einem Sommertag. Die beschreibt Gerhardt nun in den einzelnen Strophen. In Str. 2 die Flora, in Str. 3-4 die Fauna, in Str. 5 die Landschaft und in Str. 6-7 die Nahrung, die in der Natur heranwächst. Sie wird mit Wein und Brot angesprochen, sodass die Hinweise auf das Abendmahlssakrament unübersehbar sind.

 Str. 8 ist die exakte Mitte des Liedes. Jetzt spricht das „Singende Ich“ bis Str. 10 zu sich selbst. Seine Augen haben Gottes Gaben gesehen, nun betrachtet, interpretiert und bewertet das Herz das Gesehene. Das große Tun des großen Gottes läßt ihm keine Ruhe, es muß einfach mitsingen, wenn alles um es singt. Aber so schön das alles ist, was es um sich sieht und hört, vergleicht es es mit dem Paradies, weiß es, in Christi Garten wird es noch schöner sein.

Der dritte Teil des Liedes beginnt Str. 11 mit dem Ausruf „O wär ich da!“ und nun spricht das Ich zu Gott in Form eines Gebets. Und ein Gebet besteht traditionell aus den Elementen Lob, Dank und Bitte. Mit ihnen endet das Lied.

Was fällt noch auf? Eine starke Symbolik! Jeder der drei Teile nennt einmal das Herz, den Sitz der Seele, des Gefühls und des Gewissens. Jeder der drei Teile nennt den Garten, der in der christlichen Allegorik eine besondere Rolle spielt. Im Paradiesgarten geschah der Sündenfall, im Garten Gethsemane entschied sich Jesus dafür, für die Erlösung der Menschheit den Tod auf sich zu nehmen. Und im Gräbergarten geschah in der Osternacht die Auferstehung, die der Menschheit den Weg in das ewige Paradies geöffnet hat. Und mit den Augen des Herzens gesehen haben der Garten der Natur und der Garten des Paradieses eines gemeinsam: Sie grünen (2,3 und 15,3) und sie sind schön. Das ist das dritte Schlüsselwort, das in jedem der drei Teile auftaucht. Und ein Herz, aus dem drei grünende Zweige wachsen, ist das Symbol auf dem Siegelring Gerhardts!

Paul Gerhardt hat in diesem Lied tief in die Vorratskiste barocker Rhetorik gegriffen. Einiges davon wollen wir betrachten. Es beginnt mit einem Feuerwerk an Alliterationen und Assonanzen und dem spielerischen Wechsel zwischen A und I in Str. 5. Eine besondere kennzeichnende Eigenheit des Dichters ist die Vorliebe für Zwillingsformen. In unserem Lied gibt es nur eine einzige Strophe ohne eine solche. Alle anderen Strophen weisen zumindest ein solches Paar auf. Das signalisiert Fülle, Vielfalt, Schönheit und Überfluss, genau das, was der Dichter als Gottes Gaben und Gottes Tun zeigen will. Und was ist mit Strophe 9, wo eine solche Zwillingsform fehlt? Dort baut er ein überraschendes Gegensatzpaar ein. Nachdem er bis hierher die Schönheit und Fülle der sommerlichen Natur beschrieben hat, bezeichnet er diese plötzlich als arm. Das hebt die Schönheit des reichen Himmelszelts noch mehr hervor.

Ich möchte Sie noch auf eine dritte Besonderheit der Dichtung Paul Gerhardts hinweisen. Er beherrschte die Techniken, die ein Dichter der Barockzeit kennen musste. Er war zum Beispiel ein Meister des versteckten Akrostichon, und hat in vielen seiner Lieder Jahreszahlen, Namen und Titel versteckt. So etwas ist in personenbezogenen Gelegenheitsliedern zu Hochzeiten, Taufen, Jubiläen oder Beerdigungen die Regel. Und durch Absuchen des Freundeskreises des Dichters ist es gelungen, die meisten dieser versteckten Hinweise zu entschlüsseln.

In Geh aus mein Herz und suche Freud hat der Dichter wie in nahezu alle anderen seiner Kirchenlieder traditionelle Abkürzungen aus der Frömmigkeitsgeschichte eingebaut, aber auch höchst persönliche Angaben versteckt. In der Schule haben wir gehört, dass Johann Sebastian Bach, wenn er zu komponieren begann, auf das erste Notenblatt die Buchstaben SDG schrieb: Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre. Gerhardt hat diese Buchstaben am Ende des Liedes im Beginn des Dankgebetes eingebaut: „Sommer deiner Gnad“ heißt es da in 13,4. Und in 14,4 ist vom Gloria als Ruhm und in 15,4 als Ehre Gottes die Rede.

Ein persönliches Akrostichon verweist in Str. 14 und 15 auf den Verfasser. Es sind jeweils am Zeilenbeginn die Buchstaben VIUPEM. Diese Buchstaben geben den offiziellen lateinischen Titel Gerhardts wieder: Vicinarum Inspector Et Praepositus Ecclesiae Mittenwaldensis, er war nämlich als Propst der Kirchengemeinde Mittenwald mit der Kirchen- und Schulaufsicht über die umliegenden Gemeinden beauftragt. Dass diese Zeilenanfänge so zusammentreffen, ist kein Zufall sondern findet sich in mehreren Liedern ebenso wie die Buchstabenfolge SSS der Strophe 6, mit der er Lieder zu „signieren“ pflegte, bevor er zum Pfarrer ordiniert war: Sanctae Scripturae Studiosus.

Ein drittes Beispiel für Gerhardts Beherrschung barocker Sprachspieltechniken: Str. 15 spricht dreimal in der Ich-Form. Aber wer ist das Ich? Genau in dieser Strophe verraten „Paradeis“ und „grünen“ das Akronym PG. Und wenn wir noch genauer hinsehen, nennen die drei ersten Zeilen als Akrostichon den Namen des Singenden Ich: Paulus G.

Andreas Wittennberg, Bamberg

Tauf- und Schlaflied. Wilhelm Heys „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“

-
Wilhelm Hey

Weißt du, wieviel Sternlein stehen

Weißt du wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Weißt du wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut?
Wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
daß sie all’ ins Leben kamen,
daß sie nun so fröhlich sind,
daß sie nun so fröhlich sind.

Weißt du, wieviel Kinder frühe
stehn aus ihrem Bettlein auf,
Dass sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen,
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

 

„Text: Wilhelm Hey 1837“ vermerkt das Evangelische Gesangbuch zum Lied 511. Aber wer war das?

Wilhelm Hey (1789-1854) war zunächst Hauslehrer und Internatserzieher, wurde dann Gemeindepfarrer in Töttelstedt bei Erfurt und später Hofprediger in Gotha und Superintendent (wir würden heute Dekan sagen) in Ichtershausen bei Arnstadt. Er war im 19. Jahrhundert einer „der wichtigsten Schriftsteller der Kinderliteratur“. Seine „einfachen, kindgemäß gereimten Fabeln und Lehrgedichte“ wurden „ein Welterfolg“ (Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch, Bd. 2, S. 152). Vöglein im hohen Baum, Wie fröhlich bin ich aufgewacht und Alle Jahre wieder kommt das Christuskind kennen viele von uns heute noch.

Damals allerdings wurden die 1833 und 1837 erschienenen beiden Bände mit Kinderfabeln nicht unter Heys Namen bekannt, sondern als „Specktersche Fabeln“ mit dem Namen des Illustrators Speckter verbunden. Sie wurden, durch das verlegerische Geschick von Friedrich Perthes, d a s „deutsche Bilderbuch des 19. Jahrhunderts schlechthin“ (Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Band 3 Heft 9 S. 53).

Dort also, im zweiten Band von 1837, wurde das Lied zu ersten Mal gedruckt, fast wörtlich in der Fassung, die wir heute im Gesangbuch haben. Es hieß noch „Sterne“, nicht „Sternlein“, die „Sonnenglut“ in Strophe 2 war noch nicht „heiß“ sondern „hell“ und in Strophe 3 stand „ihren Bettlein“, wo heute der Singular ihrem steht.

So wenige Änderungen bei einem Lied, das fast 200 Jahre alt ist, sind selten. Das liegt daran, dass Hey sein Lied für ein Buch geschrieben hat, das Kinder verstehen und dessen Texte sie sich einprägen sollten. Er schrieb also einfach, klar und ungekünstelt.

„Melodie: Volkslied um 1818“ sagt das Gesangbuch. Die neuere Forschung hat aller-dings herausgefunden, dass diese Angabe korrigiert werden muss, weil die Weise be-reits 1809, nicht erst 1818 für das Soldatenlied O du, Deutschland, ich muß marschieren belegt ist. Auf diese Melodie entstand dann 1823 das Liebeslied So viel Stern am Himmel stehen, das Hey zu seiner Dichtung angeregt haben könnte. Der verliebte Sänger führt darin nämlich aus, wie oft er seine Liebste grüßt und er zählt dabei „Sterne“, „Schäflein“ und „Vöglein“ auf.

Aber was macht der Autor aus dieser Anregung? Beim genauen Hinsehen erkennen wir, dass sein Lied voll kluger und vertrauensvoller Frömmigkeit steckt und in enger Anlehnung an die Bibel geschrieben ist.
Alle drei Strophen beginnen mit der Frage „Weißt du?“

1. Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
daß ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Aber diese Frage nach der Anzahl der Sterne und Wolken, in Str. 2 der Mücken und Fische und in Str. 3 der Kinder wird gar nicht beantwortet. Sie braucht auch nicht beantwortet zu werden, denn es ist eine rhetorische Frage. Der Hinweis auf den Sternenhimmel soll Unendlichkeit und Unzählbarkeit ausdrücken und an Gottes Allmacht erinnern. Nur Gott weiß, welche Menge er wirklich meint. Er verspricht Abraham so viele Nachkommen, wie er Sterne am Himmel sieht (1. Mose 15,5; 22,17) und er gibt sie ihm auch (5. Mos 1,10). Im zweiten Teil fährt dann jede Strophe mit „Gott der Herr“ fort.

2. Weißt du, wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut,
wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
daß sie all ins Leben kamen,
daß sie nun so fröhlich sind,
daß sie nun so fröhlich sind.

Nur Gott kann diese unvorstellbare Zahl erfassen und nur er kennt auch die Namen der Lebewesen, die er geschaffen hat (Hiob 38,37, Psalm 147,7; Jes. 40, 26). In jedem Taufgottesdienst stellen unsere Pfarrer immer wieder neu die Unverwechselbarkeit des Menschen heraus, die mit diesem „Namen kennen“ verbunden ist. Der Name macht uns einmalig, er identifiziert uns und es ist etwas Beglückendes, wenn wir wissen dürfen, dass Gott uns bei dem Namen kennt (Jes. 43,1), den wir in der Taufe empfangen haben.

Als ich bei der Wiedervereinigung Deutschlands in die ehem. DDR versetzt wurde, habe ich als erstes für alle meine Mitarbeiter das Tragen von Namensschildern befohlen. Das war bis dahin dort wegen der übertriebenen Geheimhaltung unvorstellbar gewesen, die es verbot, dass einer den anderen kannte. Vor allem aber sollte dort der „sozialistische Mensch“ ein funktionierendes Rädchen sein, kein Individuum mit eigenem Willen und Vorstellungen. Genau das gegenteilige Signal wollte ich mit den Namensschildern setzen: Wir wollten die Mitarbeiter mit Namen nennen können, um dadurch zu erkennen geben, dass wir den Menschen als etwas Einmaliges respektieren. Es sollte aber auch erkennbar werden, dass unsere Mitarbeiter von nun an verantwortlich für das sind, was sie tun, und sich nicht hinter dem „Kollektiv“ verstecken können. Genau das ist es, was Gott uns sein lässt: ein eigenständiger Mensch, der einen freien Willen besitzt und den er in seiner Besonderheit aus Milliarden anderer Lebewesen herauskennt und zur Verantwortung ruft, dem er aber vor allem seine Liebe zusagt. Und mit dieser Zusage schließt das Lied:

3. Weißt du, wieviel Kinder frühe
stehn aus ihrem Bettlein auf,
daß sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

Dass Gott an seiner Schöpfung seine Lust, sein Wohlgefallen hat, steht schon im Schöpfungsbericht. Und dass Jesus die Kinder besonders liebt und jedes von ihnen lieb hat, wird in jedem Taufgottesdienst vorgelesen und mit diesem Lied gesungen. Und das ist gut so. Man kann es auch als Erwachsener nicht oft genug hören.

Andreas Wittenberg, Bamberg