Zeitloses Lied aus dem Mittelalter: „All mein Gedanken die ich hab“

Anonym (Bearbeitung: Annette von Droste-Hülshoff)

All mein Gedanken die ich hab

All mein Gedanken die ich hab die sind bei dir,
Du auserwählter einzig Trost bleib stets bei mir.
Du der du sollt an mich gedencken.
Hätt ich aller Wunsch gewalt
von dir wollt ich nit wenken.

Du Auserwählter einzig Trost gedenke dran:
Leib und Gut, das sollst du ganz zu eigen han.
Dein dein dein will ich beleiben,
du gäbst mir Freud und hohen Mut
und kömst mir Leid vertreiben.

Dem allein und niemals mehr das wiß führwahr,
tätst du desgleich in Treu zu mir des war ich froh.
Du du du sollt von mir nit setzen,
du gabst mir Freud und hohen Mut
und auch Leibs Ergötzen.

Die allerliebst und minniglich die ist so zart,
ihres gleich in allen Reich findt man nit hart.
Bei bei bei ihr ist kein Verlangen,
da ich nun von ihr scheiden sollt,
da hätt sie mich umfangen.

Die werde Rein die ward sehr weyn da das geschah,
du bist mein und ich bin dein  sie traurig sprach.
Wenn wenn wenn ich von dir soll weichen,
ich nie erkannt noch nimmer mehr
erkenn ich deines gleichen.

     [Annette von Droste-Hülshoff: Lieder und Gesänge. Hg. v. Karl Gustav Fellerer. 
     Münster: Verlag Aschendorff 1954, S. 24–26.]

Entstehung

Von wem der Text und die Melodie stammen, ist bis heute unbekannt geblieben. Die Melodie ähnelt dem seit dem 13. Jahrhunderten bekannten Tanzlied Ich spring an diesem Ringe (vgl. Nicole Dantrimont in der Sendung SWR, Volkslieder vom 3.6.2011). Überliefert ist das aus dem 13. Jahrhundert stammende Minnelied aus dem Lochamer Liederbuch von 1460 mit dem Titel All mein gedencken, dy ich hab, dy sind pey dir. Diese in mittelhochdeutsch handgeschriebene Liedersammlung – als Hauptschreiber wird Pater Jodokus von Linxheim genannt – wurde etwa Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt; von den 50 Liedern wurde das Liebeslied erstmals gedruckt 1867 in den Jahrbüchern für musikalische Wissenschaft (2. Band) veröffentlicht. Danach ist es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur in wenigen Liederbüchern zu finden, wie z.B. 1886 in Hundert deutsche Volkslieder, herausgegeben von Max Friedländer oder 1894 in Band III von Erk-Böhmes Deutscher Liederhort. Ebenfalls im Jahr 1894 griff Johannes Brahms das Lied für seine Volksliedbearbeitungen auf.

Interpretation

In den ersten vier Strophen nimmt ein Mann Abschied von seiner Liebsten, indem er ihr seine Liebe auf vielerlei Arten versichert. Auch in der Ferne wird er immer an sie denken und er wünscht sich, dass das auch bei ihr so sein möge. Wäre er unabhängig und frei, sagt er ihr, „wollt er von ihr nicht wenken“, das heißt fortgehen. Warum der Mann sie verlassen muss, erfahren wir nicht. Da es seit dem 12. Jahrhundert Zünfte gab, nehme ich an, dass es sich hier um einen Handwerksgesellen handelt, der auf Wanderschaft gehen muss, bevor er Meister werden kann (vgl. Es, es, es und es [Interpretation hier] oder Am Brunnen vor dem Tore).

Was die Liebste ihm bedeutet, drückt der Mann in den weiteren Strophen aus. Die Liebste ist ihm wie ein einziger, alleiniger Trost, indem sie ihm Freude macht und Mut zuspricht, um das Leid der Trennung durch die Wanderjahre zu überstehen. Er versichert ihr, sein Leib und sein (Hab und) Gut gehören ihr für immer.

Er betont („das wiß fürwahr“), dass er ihr (wo er auch sein mag) immer treu bleiben wird und wäre froh, wenn auch sie ihm treu bliebe. Wie bereits in den vorigen Strophen redet er seine Liebste direkt an; durch die dreifache Betonung „du, du, du“ bzw. „dein, dein, dein“ und hier noch einmal „du, du, du“ bringt er seine Wünsche (bzw. in der zweiten Strophe seine Versicherung „dein will ich bleiben“) eindringlich zum Ausdruck. Und erneut meint er, dass sie ihm Freude bereitet, guten Mut gibt und ihn bei allem Leid ergötzen kann.

Während der Mann seine Liebste in den ersten drei Strophen direkt anspricht, beschreibt er in der ersten Zeile der vierten Strophe seine Allerliebste und Liebenswerte als „so zart“, wie man sie im ganzen Reich (gemeint ist das damalige Kaiserreich unter Albrecht II.) kaum finden könne. Und schließlich, als er von ihr gehen muss, umarmt sie ihn, ohne zu verlangen, dass er bleibt, denn sie ist sich ja aufgrund seiner Beteuerungen gewiss, dass er wiederkommen wird.

Die letzte Strophe beginnt mit der Beschreibung, dass die Liebste geweint hat, als er Abschied nehmen musste. Dann versichert die junge Frau ihrem Liebsten, dass sie ihm gehört und sie sich sicher sei, dass er der ihre ist. „Dû bist mîn, ich bin dîn: des solt dû gewis sîn“ ist eine Liebeserklärung, wie sie bereits Ende des 12. Jahrhundert als Schluss eines Liebesbriefes einer Frau in der Tegernseer Pergamenthandschrift zu finden ist (laut Rölleke „eine alte Verlobungsformel“). Die junge Frau hat noch nie daran gedacht und kann sich auch in Zukunft nicht vorstellen, dass sie sich je von ihm trennen wird. Noch nie, so sagt sie ihrem Liebsten, habe sie jemanden gekannt, der ihm gleichkommt und sie glaubt nicht, dass sich dies in Zukunft ändern wird.

Rezeption

Nachdem All mein Gedanken durch die Wandervogelbewegung wiederentdeckt wurde, nahm die Beliebtheit des Liedes zu, vor allem durch die Veröffentlichungen in Der Zupfgeigenhansel (1908, Druckauflage 1928: 800.000) und die Aufnahme in zahlreiche Schulbücher. Geht man von der Anzahl der von 1900 bis 1933 veröffentlichten Liederbücher und Partituren mit dem Lied aus (rund 100 gemäß Archiv Schendel und privater Sammlung), so wurde es in allen Kreisen der Bevölkerung gesungen.

Da es im Gegensatz zu anderen Liedern wie z.B. Tochter Zion, freue dich (vgl. dazu Deutschlandradio Kultur, 14.12.3014) oder Jenseits des Tales (Interpretation hier) (seit 1938) in der Zeit des Nazi-Regimes nicht verboten war, auch nicht als anstößig empfunden wurde und zudem politisch unverfänglich war, fand es Eingang in viele Schulbücher und Liederbücher der nationalsozialistischen Bewegung. (1933 bis 1945 rund 70 Liederbücher). So war es in Liederbüchern der Hitlerjugend, des Reichsarbeitsdienstes und im SS-Liederbuch (9 Auflagen), einigen Wehrmachtsliederbüchern und auch dem SA-Liederbuch zu finden.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs setzte geradezu ein Boom ein: Bis 2014 wurden rund 150 Liederbücher, mehr als 150 Tonträger und über 200 Partituren mit dem Lied veröffentlicht (Schendel Archiv und Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig, DMA). Auch bekannte Tenöre und Baritone wie René Kollo, Rudolf Schock, Hermann Prey und Peter Schreier interpretierten das Lied, auf einigen Aufnahmen in der Bearbeitung von Johannes Brahms. Von den zahlreichen Chören, die sich des Liedes annahmen, seien hier nur die Wiener Sängerknaben, die Regensburger Domspatzen und der Dresdner Kreuzchor erwähnt. 1982, 2005 und 2008 diente das Lied als Titel der CDs All mein Gedanken, die ich hab – Deutsche Lieder des 15. und 16. Jahrhunderts, […] – Deutsche Volkslieder aus sechs Jahrhunderten , […] – Deutsche Volkslieder aus sechs Jahrhunderten und […] – Die schönsten deutschen Volkslieder  (laut DMA-Katalog). Das bis heute beliebt gebliebene Liebes- und Abschiedslied ist auch in Österreich und in der Schweiz populär.

Georg Nagel, Hamburg

Albtraum-Schlaflied: „Maikäfer, flieg!“

Anonym 

Maikäfer, flieg!

Maikäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrannt.

Der Verfasser des Liedes ist bis heute unbekannt geblieben, und woher die Volksweise stammt, ist umstritten. In den mir zugänglichen Liederbüchern (Archiv Hubertus Schendel, und private Sammlungen) wird am häufigsten Pommern, bald danach Thüringen genannt. Dass auch Schleswig Holstein, Niedersachsen, die Eifel, das Vogtland und Südtirol erwähnt werden, deutet daraufhin, wie weit das Lied verbreitet war.

Ob mit „Pommerland“ tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, bleibt ebenfalls umstritten. Einige Forscher stellen einen Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg her, andere weisen darauf hin, dass bereits zu der Zeit Flugblätter mit Liedern kursierten, jedoch keine einzige Flugschrift mit dem Maikäfer-Lied bekannt sei. Außerdem seien Liedtexte mit dem Begriff „Pommerland“ erst rund 150 Jahre später bekannt geworden. Nachzuvollziehen ist der Hinweis des Historikers Hans Medick (geb. 1939) auf die Entstehung des „Pommerland-Verses“ im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem Pommern nach Eintritt Schwedens in die antipreußische Koalition neben Sachsen am stärksten von den Kriegshandlungen und -folgen betroffen war.

Einig sind sich die Volksliedforscher darin, dass Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), der fast 50 Texte von Johann Gottfried Herder vertonte, 1781 die heute bekannte Melodie nach einer alten Volksweise komponiert hat. Reichardt verwendete die Maikäfer-Melodie auch für die Vertonung des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf. Dieses nach einer Volksweise geschaffene Wiegenlied ist seit 1605 bekannt; auch die folgende Parodie hat das gleiche Versmaß wie das Maikäfer-Lied:

Bet, Kinder, bet,
morgen kommt der Schwed’,
morgen kommt der Ochsenstern,
der wird die Kinder beten lern [lehren].
Bet, Kinder, bet.

Dieses Lied, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte, stammt ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Wort „Ochsenstern“ bezieht sich auf Axel Oxenstierna, den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, der als Oberkommandierender der schwedischen Truppen hier als Schreckensfigur für die Kinder fungiert. So könnte das Maikäfer-Lied eine Umdichtung des „Ochsenstern-Liedes“ sein. Mündlich überliefert taucht Maikäfer, flieg gedruckt zum ersten Mal 1800 auf, und zwar in Otmars (= Johann Karl Christoph Nachtigal, 1753 – 1819, deutscher Theologe, Schriftsteller und Erzählforscher) Volcks-Sagen. Einige Jahre später wurde das Lied unter dem Titel Maykäfer-Lied in den ersten Band der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn in der folgenden Version aufgenommen:

Maykäfer, flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

Der Lied und Erzählforscher Heinz Rölleke meint, „Pulverland“ sei eine ironische Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“. In den Folgejahren tauchte das Lied in weiteren Fassungen auf, so heißt es einmal „Engelland ist abgebrannt“. Der Vers „deine Mutter ist in Engelland“ soll sich laut dem Volkskundler Wilhelm Mannhardt nicht auf England, sondern auf das „Land der Engel“, also den Himmel, beziehen. Aus der Zeit des Vormärz und der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert.

Der Maiakäfer fliegt,
Der Hecker ist em Kriag,
Der Hecker ist em Oberland,
Der Hecker ist em Unterland

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg
Der Struve ist im Oberland
Macht die Republik bekannt.

Der Advokat Friedrich Hecker (1811 – 1881), Anhänger der Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), rief 1848 in Konstanz die Republik aus, musste jedoch nach verlustreichen Kämpfen der Freischärler gegen die Badenser großherzoglichen Truppen untertauchen und floh in die USA. Sein Mitstreiter, der Rechtsanwalt Gustav Struve (1805-1870) setzte sich ebenfalls nach Amerika ab. Beide kämpften dort im Sezessionskrieg (1861-1864) für die Abschaffung der Sklaverei.

Der Maikäfer ist ein Frühlingsbote; man freut sich, „wenn alles schön grünet und blüht“ (2. Strophe des Liedes Im Märzen der Bauer). Wie wir früher als Kinder einen Maikäfer anhauchten, damit er losfliegen möge, so kann man sich hier ein Kind vorstellen, das sich damit tröstet, dass der Maikäfer fliegt, um seine verschollenen Eltern zu suchen und sie zurückzubringen. Der Vater ist wahrscheinlich zwangsrekrutiert worden, um im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) auf Seiten der Preußen gegen Schweden zu kämpfen. Die Mutter musste im Tross mitziehen oder ist von den Feinden verschleppt worden. So ist das Kind allein geblieben und haust in Ruinen („Pommerland ist abgebrannt“) mit anderen Kindern zusammen oder lebt bei seiner Großmutter in einer übrig gebliebenen Hütte so gut es geht, nachdem Soldaten das Land geplündert und gebrandschatzt haben.

Ungewiss bleibt, ob der kleine Sänger oder die kleine Sängerin bereits ein Waisenkind ist oder ob der Vater oder die Mutter oder beide jemals zurückkommen werden. Das Kind hofft, dass der Maikäfer als der gute Bote (vgl. Wenn ich ein Vöglein wär oder Kommt ein Vogel geflogen) den Eltern den Weg nach Hause zeigt. Es kann aber auch sein, dass das Kind das Lied nur für sich selbst singt, um die erlebten Zerstörungen und den vermeintlichen Verlust der Eltern zu verarbeiten. Ob es ein Bewältigungslied oder ein Lied der Hoffnung ist, bleibt offen.

Rezeption

Wie populär ein Lied ist, zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Liederbücher, Partituren oder Tonträgern mit dem Lied, sondern auch in der Verwendung des Incipits. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) finden sich 62 Bücher mit dem Titel Maikäfer flieg, davon fast die Hälfte der in verschiedenen Verlagen erschienenen Ausgaben von 1973 bis 2016 von Christine Nöstlinger mit dem Untertitel: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“. Dieses autobiographische Jugendbuch mit einer Auflage von mehreren 100.000 Exemplaren ist auch in Englisch, Französisch, Russisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch und Norwegisch erschienen.

Zwei Ausstellungen und die Kataloge dazu wurden mit Maikäfer flieg betitelt (Ruhrmuseum Essen, Kindheitserinnerungen, 2001 sowie Städtische Galerie und Kunstverein GRAZ Regensburg, 2004). Außerdem weist die DNB sieben Bilderbücher und sechs Erinnerungsbücher mit dem Titel aus, manche davon mit mehreren Ausgaben. Erwähnt werden sollen hier nur die Erinnerungen von Werburg Doerr mit dem Untertitel „Eine Kindheit jenseits der Oder“ mit hohen Auflagen in einem Verlag des Bertelsmann-Konzerns (2011), einer Taschenbuchausgabe bei Piper (2005) und einer ebenfalls auflagenstarken Edition des Weltbild Verlags (2004), nachdem das Buch von Hoffmann und Campe bereits 2003 verlegt worden war, und Peter Heinls Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit (1994).

Zusätzlich zu den 41 Partituren mit dem Titel Maikäfer flieg, die der Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA) Leipzig enthält, weist das DMA über 40 Tonträgern aus, die das Maikäfer-Lied enthalten. Nicht nur viele Kinderchöre, wie die Regensburger Domspatzen oder der NDR-Knabenchor singen das Lied, auch Heinz Rudolf Kunze interpretiert seine Kontrakaftur des Maikäfers auf mehreren CDs. Die Gruppe Die Grenzgänger, die u. a. politische Volkslieder im weiteren Sinne interpretiert, hat für ihre CD Maikäfer flieg – Verschollene Lieder 1914-1918 2014 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.

Der Vollständigkeit halber sei hier die österreichische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christine Nöstlinger aufgeführt, die im Jahr 2016 erfolgte (Trailer hier).

Obwohl noch 1999 nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts zwei von drei Deutschen (rund 65 %) das Maikäferlied kannte, hat die Popularität des Liedes in den letzten Jahren nachgelassen.

Georg Nagel, Hamburg

„Gar lustig ist die Jägerei“ – Der „Jäger aus Kurpfalz“ als erotisches Lied

Anonym (evtl. Martinianus Klein)

Ein Jäger aus Kurpfalz

1) Ein Jäger aus Kurpfalz,
der reitet durch den grünen Wald.
Er schießt das Wild alsbald,
gleich wie es ihm gefällt.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid,
allhier auf grüner Heid.

2) Bursch, sattel mir mein Pferd
und leg darauf mein´n Mantelsack.
So reit ich weit umher
als Jäger aus Kurpfalz.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

3) Hubertus auf der Jagd,
der schoß ein’n Hirsch und einen Has’.
Er traf ein Mägdlein an
und das war achtzehn Jahr.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

4) Jetzt reit ich nimmer heim
bis daß der Kuckuck kuckuck schreit.
Er schreit die ganze Nacht,
allhier auf grüner Heid.

Ju, ja, ju, ja, gar lustig ist die Jägerei [...]

Entstehung

In nur fünf der über 400 ausgewerteten Liederbücher (Online-Archiv Hubertus Schendel und eigene Sammlung) wird ein Urheber des Liedes genannt. Der Karmeliterpater Martinianus Klein, Hauslehrer der 14 Kinder des churpfälzischen Jägers und Försters (und späteren Eisenhüttenbesitzers) Friedrich Wilhelm Utsch (1732-1795), soll zu Ehren seines Dienstherrn und Freundes um 1770 den Text verfasst und die Melodie komponiert haben. Ob Utsch der personifizierte Jäger aus Kurpfalz war, wie manche Heimatforscher annehmen, oder Johann Adam Melsheimer, der laut Sterberegister der  Gemeinde Argenthal (im Hunsrück bei Rheinböllen, dem Geburtsort Melsheimers) „Churpfälzischer reitender Förster im Soonwald“ war, ist bis heute bei den Lokalhistorikern umstritten. Während 1914 Kaiser Wilhelm II. ein Denkmal in Gedenken an F.W. Utsch (gegenüber dem Forstamt Soonwald, Nähe Bad Sobernheim) eingeweiht hat, musste sich die Gemeinde Argenthal mit einem Gedenkstein zugunsten J. A. Melsheimers (1683-1757) begnügen.

 

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Denkmal für F. W. Utsch                                                          Gedenkstein für J.A. Melsheimer

Von einigen Heimatforschern abgesehen schreiben Volksliedforscher (u.a. Ernst Klusen und Heinz Rölleke) das Lied unbekannten Verfassern zu. In den Liederbüchern werden jeweils andere Regionen der Entstehung des Liedes angegeben: noch vor der Pfalz am häufigsten Hessen, aber auch Schwaben, Elsass oder Franken. Die Zeit der Entstehung datieren sowohl die Volksliedforscher als auch die Liederbücher „18. Jahrhundert“, einige auch „um 1800“.

In mehr als 300 von über 400 Liederbüchern wird das Jägerlied nur mit drei Strophen ausgewiesen. Einigen Herausgebern war die Erwähnung eines 18jährigen Mägdleins in einem Jagdlied wohl zu heikel; daher wiesen sie als dritte Strophe lieber die „Kuckucksstrophe“ aus, obwohl (zunächst) nicht klar wird, wieso ein Kuckuck hier „die ganze Nacht ruft“. Aber auch mit der „Hubertusstrophe“ statt der „Kuckucksstrophe“ bleibt es bei den dreistrophigen Fassungen der Fantasie des Lesers überlassen, ob und wie es weitergehen könnte. Auch der Ausweis der obigen ersten vier Strophen hilft nicht weiter.

Aufschluss dagegen gibt die fünf Verse umfassende Version, die vor 1800 laut Historisch-kritischem Liederlexikon (HKL) des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg auf diversen Flugblättern verbreitet war. Dort gab es eine vierte Strophe, die, nach der obigen dritten Strophe eingefügt, vermuten lässt, dass es sich um ein erotisches Lied handelt:

Wohl zwischen seine Bein,
da muss der Hirsch geschossen sein,
geschossen muss er sein,
auf eins und zwei und drei.

Jagdinteressierte und Laien meinen, dass es nicht gerade waidmännisch sei, einen Hirschen zwischen seine Läufe zu schießen und ihn dadurch (zunächst) nur zu verwunden. Gemeint ist allerdings nicht, den Hirsch zwischen seine Vorderläufe zu schießen, sondern seitwärts zwischen Vorder- und Hinterläufe zu treffen und ihn mit einem Blattschuss zu erlegen.

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Illustration aus dem Liederbuch Musik und Jägerei (Dank an Hubertus Schendel)

In der Sendung Volkslieder des SWR 2 wurde ausgesprochen, worum es ging: „Die Jagd war (im 18. Jahrhundert) zugleich die Gelegenheit, sich sexuell zu vergnügen“ (Nicole Dantrimont am 2.9.2001). Und damit erschließt sich auch der Zusammenhang mit der „Kuckuckstrophe“. Wenn sich der Jäger die ganze Nacht vergnügt hat („der Kuckuck schreit die ganze Nacht“), ist es wahrscheinlich, dass die junge Frau schwanger geworden ist und ein „Kuckuckskind“ zur Welt bringen wird. Diese Anzüglichkeit ist sicherlich der Grund dafür, dass „das Lied um 1800 von der Zensur erfasst und z.B. in die Kursächsische Liedverbotsliste 1802 aufgenommen“ wurde („Volkslieder“ –  Gemeinschaftsprojekt von SWR 2, dem Carus-Verlag  und Zeit Online). Daraufhin nahm der Dichter Leo von Seckendorf (1775-1809) das Lied ohne die „Beinschuss-Strophe“ in seinen Musenalmanach für das Jahr 1808 auf, zum ersten Mal mit der heute noch geläufigen Melodie. Von wem die Melodie stammt, ist ebenso unbekannt geblieben wie der oder die Verfasser des Textes.

Bei den Volksliedforschern des 19. und 20. Jahrhunderts ist strittig, ob das Lied bereits Anfang oder Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden ist. Nach neuerer Forschung von Tobias Widmair (Historisch-kritischem Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg) „findet sich die erste tatsächlich datierbare Spur des Liedes 1794“.

Interpretation

Betrachtet man nur die ersten beiden und die vierte Strophe, verwundert es nicht, dass der Jäger aus Kurpfalz als Kinderlied angesehen wird und in vielen Kinderliederbüchern, von Deutsche Schulgesänge für Mädchen (1884) und Des Knaben Liederschatz (1887 ) bis zu Der Liederquell (1999) und auch so auf Tonträgern (z. B. Lieder fürs Kinderherz, 1976 oder Ich geh mit meiner Laterne, 2009) vertreten ist.

In der ersten Strophe wird die Freude des Jägers an der Jagd ausgedrückt, wie in manchen anderen Liedern, z.B. Auf, auf zum fröhlichen Jagen (Interpretation hier), „Im Wald und auf der Heide, / da find ich meine Freude“ oder „Was kann schöner sein als Jagen und ein rechter Weidmann sein“?

Unser Waidmann muss von höherem Stand sein: er befiehlt seinem oder einem Burschen das Pferd zu satteln und den Mantelsack auf das Pferd zu legen, also eine runde sackartige Tasche mit Kleidung und/oder eine Decke hinter den Sattel zu schnallen. So ausgerüstet, lässt es sich weit umher reiten und wie wir der „Kuckucksstrophe“ entnehmen können, auch übernachten und dabei den Kuckuck schreien hören.

Die ersten Verse der zweiten Strophe spielen an auf die Hubertuslegende, nach der ein Hirsch mit einem weißen (oder leuchtenden) Kreuz zwischen dem Geweih einen Jäger zum Christentum  bekehrte (nach anderer Lesart: von seiner Jagdlust kurierte). Dieser heilige Hubertus wird seit dem Mittelalter als Schutzpatron der Jagd angesehen; außerdem ist er Patron der Natur und Umwelt, der Waldarbeiter, der Schützen und Schützenbruderschaften.

Ist in manchen dreistrophigen Fassungen mit der „Hubertusstrophe“ von einem 18jährigen Mägdelein die Rede, so war das allein für viele Herausgeber kein Grund, das Lied nicht in Kinder- und Schulbücher aufzunehmen. Erst mit der zusätzlichen „Kuckucksstrophe“ und einiger Fantasie wird das Jägerlied zu einem erotischen Lied.

Auch in andern Jägerliedern fällt auf, welche Affinität zwischen Jäger und Mädchen Ende des 18. Jahrhunderts (wenn nicht einige Jahrzehnte darüber hinaus) bestanden hat. In dem bekannten Lied Der Jäger in dem grünen Wald heißt es in der vierten Strophe: „Und als ich in den  Wald reinkam, / traf ich ein schönes Mägdlein an“. Immerhin ist hier nicht ein „Kuckuckskind“ das Ergebnis der sexuellen Begegnung, denn  in der fünften Strophe sagt der Jäger: „Bleib du bei mir als Jägerin“ und bekräftigt den Antrag mit „bleibe du bei mir als meine Braut“. Die obige Aussage des SWR 2, derzufolge im 18. Jahrhundert „die Jagd […] zugleich die Gelegenheit [war], sich sexuell zu vergnügen“, wird im Lied Es blies ein Jäger wohl in sein Horn erneut bestätigt. Wird in der dritten Strophe beschrieben, dass der Jäger mit einem Netz auf Niederwild geht („Er zog sein Netz wohl über den Strauch, / da sprang ein schwarzbraunes Mädchen heraus“), so konkretisieren die achte und neunte Strophe „er warf ihr’s Netz wohl um den Fuß, / auf dass die Jungfrau fallen muss“ und „Er warf ihr’s Netz wohl  übern Arm, / da war sie gefangen, dass Gott erbarm“, um dann in der 10. und letzten Strophe zur Sache zu kommen: „Er warf ihr’s Netz wohl um den Leib, / da ward sie bald des Jägers Weib“. Ähnlich heißt es in dem bekannten Lied Hört ihr nicht den Jäger blasen etwas allgemein „der Jäger mit dem grünen Hut, / der die Mädchen lieben tut“.

Vermutlich im 19. Jahrhundert sind zu dem Jäger aus Kurpfalz die folgenden Strophen sechs bis neun hinzugekommen:

6) Der Jäger sah zwei Leut
und sagt zu ihnen: Guten Tag,
wo wollt ihr hin ihr Leut?
Wir wollen nach Kurpfalz.

7) Ich will euch auf der Reis
begleiten, wenn es euch gefällt.
Wißt ihr wohl, wer ich bin:
der Jäger aus Kurpfalz

8) Nun wärn wir in Kurpfalz,
wer aber gibt uns Mittagsbrot,
wer schenkt die Gläser voll:
der Jäger aus Kurpfalz.

9) Nun weiß ich weiter nichts,
was noch geschah, denkt selber nach,
stoßt an: Es lebe hoch:
der Jäger aus Kurpfalz.

Der Jäger aus Kurpfalz ist so weit geritten, dass er die Landesgrenze hinter sich gelassen hat. Als er zwei Leuten (vermutlich Reitern) begegnet, die offensichtlich nicht den rechten Weg wissen, fragt er sie, wohin es gehen soll. Auf ihre Antwort „nach Kurpfalz“, bietet er ihnen an, sie zu begleiten. Als Jäger aus Kurpfalz weiß er, wie sie dahin kommen können. Und bald ist das nicht näher beschriebene Ziel, die Kurpfalz, erreicht. Rein rhetorisch fragt er, wer ihnen Essen und Trinken geben soll, um gleich selbst darauf zu antworten: er, der Jäger aus Kurpfalz. Wie es weiter gegangen ist, erfahren wir nicht. Das Sprecher-Ich weiß es nicht und fordert uns auf, selber darüber nachzudenken. Eventuell ist das ein Hinweis, die dritte, vierte und fünfte Strophe nach eigenem Gutdünken zu interpretieren.

Im Vergleich zu den ersten fünf Strophen wirken die Strophen sechs bis neun belanglos, ihnen fehlt die Pfiffigkeit. So erstaunt es nicht, dass diese Strophen nur in vier von über 400 Liederbüchern zu finden sind, z. B. 1918 in Spielmanns Goldgrube und 1937 in Musik und Jägerei der Deutschen Jägerschaft.

Rezeption

Zusätzlich zu den oben erwähnten Kinderliederbüchern mit drei Strophen sind im 19. Jahrhundert zahlreiche Liederbücher mit fünf Strophen erschienen. Wie beliebt das Lied war, zeigt sich auch darin, dass es in auflagestarken Liedersammlungen vertreten war, wie z.B. im von Erk und Greef herausgegebenen Singvöglein (1883, 5 Heft, 59. Auflage) und in Schauenburgs Allgemeinem Deutschen Commersbuch (1888; 1933: 101.000 bis 110.000. Auflage).

Mit Ausnahme von Wandervogels Liederbuch (1905, fünf Strophen) und des Zupfgeigenhansls (10. Auflage 1913, vier Strophen) weisen die Mehrheit der Liedersammlungen der Jugendbewegungen und der bis 1933 erschienenen Liederbücher nur drei Strophen auf. Das gilt sowohl für studentische und bündische als auch für konfessionelle und schulische Liederbücher.

Ab 1933 enthalten die zahlreichen Liederbücher für die Schulen und für die Hitlerjugend ebenfalls nur drei Strophen: Dagegen weisen die für Erwachsene gedachten vier Strophen auf, z.B. das Liederbuch für die NS-Frauenschaften (1934) und Singend wollen wir marschieren (Reichsarbeitsdienst, 1933). Eine Ausnahme bildet das von der Deutschen Jägerschaft 1937 herausgegebene Werk  Musik und Jägerei mit den erwähnten neun Strophen. Die Wehrmachtsführung brachte mit dem Einverständnis der Reichsführung Liederbücher mit den oben aufgeführten fünf Strophen heraus, z. B. das Deutsche Soldaten-Liederbuch (1937) oder das Liederbuch der Wehrmacht (1939). Bei den Soldaten war das Lied nicht nur beliebt, weil sich nach dem 4/4-Takt gut marschieren ließ, sondern weil es ihnen auchb wegen der Zweideutigkeit gut gefiel.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von politisch orientierten Kreisen die ersten Liederbücher mit dem Jägerlied herausgegeben, z. B. Das Volksliederbuch für die demokratische Erneuerung Deutschlands (1945) oder das Liederbuch für die schaffende Jugend (1946). Schulbücher wie Musik in der Grundschule (Bd. 2 und 3, 1947) und konfessionelle Liedersammlungen wie Der helle Ton (ev., 1948) und Jungen singt (kath., 1952, 6. Auflage 1956) schließen sich an. Danach taucht das Lied in zahlreichen Schul- und Jugendliederbüchern auf und auch 1956 im Liederbuch für Soldaten (1956) und dem des Deutschen Fußballbundes.

Von den anschließend bis 2016 edierten Liedersammlungen sind vor allem zu nennen die Neuauflagen von Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851/1982), Erk/Böhmes Deutscher Liederhort III (1884/1988) und Ditfurths Fränkische Volkslieder, Teil 2, Weltliche Lieder (1855/1999). Wie man der Aufnahme in die weitverbreiteten Lieder-Taschenbücher (Reclam, Schneider, Knaur,  Fischer und gleich zweimal Heyne) entnehmen kann, ist der Jäger aus Kurpfalz nach wie vor in weiten Kreisen beliebt. Auch in der Schweiz und in Österreich ist das Lied gut bekannt.

Gemäß dem Deutschen Musikarchiv Leipzig, das fast 300 Tonträger mit dem Lied archiviert hat, stammen die meisten Aufnahmen von Kinderchören wie den Wiener Sängerknaben und den Regensburger Domspatzen oder von Männer- und gemischten Chören wie den Thomaner Chor, dem Montanara und dem Botho Lucas Chor oder den Fischer Chören, um nur die bekanntesten zu nennen. Geht man von der Anzahl der Tonträger mit Blasmusik aus, dann ist der Jäger aus Kurpfalz als Marsch ganz besonders beliebt bei den Musikkorps der Bundeswehr  (z. B. beim Stabs-, Gebirgs-, Heeresmusikkorps), den Bückeburger Jägern und anderen Blasorchestern. Interpretiert haben das Lied auch berühmte Sänger wie die Tenöre Rudolf Schock und Peter Schreier sowie die Baritone Günther Wewel und Hermann Prey. Während Plattentitel wie Auf der Pirsch oder Heimatklänge zum Lied passend sind, wundert man sich über das Lied enthaltende Alben wie Hoch die Tassen oder Party Sound.

Incipit und Parodien

Die Popularität eines Liedes kann sich auch darin zeigen, dass der Titel oder der erste Vers (das Incipit) außerhalb des musikalischen Zusammenhangs verwendet werden, so als Buchtitel, z.B. Ein Jäger aus Kurpfalz – ein geschichtliches Zeitbild und Ein Jäger aus Kurpfalz – ein Künstlerbilderbuch oder zur Benennung eines Heimatkalenders. Aber auch der Schützenverein von Argenthal (s. oben zu Melsheimer) und ein Hundezwinger sind nach dem Jäger aus Kurpfalz benannt. Und wer möchte, kann auf dem Wanderweg „Jäger von Kurpfalz“ im Soonwald bei Sobernheim (Hunsrück) – acht Kilometer vom Utsch-Denkmal (s.o.) zur tausendjährigen Willigiskapelle – über das Lied und seine Geschichte sinnieren.

Ein anderer Gradmesser für Beliebtheit ist, ob und wie oft ein Lied umgedichtet und parodiert worden ist. Von den zahlreichen Liedern, die die Melodie des kurpfälzischen Jägers verwenden, ist die politische Parodie von Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) aus dem jahr 1844 am bekanntesten:.

Das erwachte Bewusstsein

Bei einer Pfeif‘ Tabak,
bei einer guten Pfeif‘ Tabak
und einem Glase Bier
politisieren wir.

Juja ! Juja !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Da wird dann viel erzählt,
gar viel und mancherlei erzählt,
gestritten und gelacht
und manch ein er Witz gemacht.

Haha ! Haha !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Dann stoßen wir auch an,
auch auf die deutsche Freiheit an:
Und unsre Polizei
sitzt fröhlich mit dabei.

Und wenn die Stunde schlägt,
und wenn die Feierstunde schlägt,
löscht man die Lichter aus.
Und wir, wir gehen nach Haus.

Gut Nacht ! Gut Nacht !
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Von den vielen weiteren Umdichtungen soll hier nur noch eine weitere historisch interessante Parodie aus der Zeit der Okkupation nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt werden:

Der Jäger aus Kurpfalz,
der reitet fluchend durch den Wald,
denn rings französisch schallt’s:
„Der Jäger aus Kurpfalz!“

Der Jäger aus Kurpfalz
wünscht, wenn er einen Yankee sieht,
die Pest ihm an den Hals,
die Pest ihm an den Hals!

Der Jäger aus Kurpfalz,
er wünscht dem langen Englishman
zum Frühtrunk Glaubersalz,
zum Frühtrunk Glaubersalz.

Der Jäger aus Kurpfalz,
der flucht: „Schert fix zum Henker euch!
Den Segen auf die Walz,
den gibt euch die Kurpfalz!“

Eine drastische Parodie Der Bulle aus Kurpfalz (LP 2 Stunden Krach) von 1980 der anarchistischen Kabarettgruppe 3 Tornados wurde 1981 gerichtlich verboten.

Zu erwähnen ist noch: Bei der Verabschiedung des Bundeskanzlers Helmut Kohl 1998 wurde von einer Militärblaskapelle Ein Jäger aus Kurpfalz gespielt.

Georg Nagel, Hamburg

„Wir lachen der Feinde und aller Gefahren“. Zu „Wir lieben die Stürme“

Anonym

Wir lieben die Stürme

1)Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde rauhes Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gezogen,
und dennoch sank uns're Fahne nicht.
Heijo, heijo, heijo, heijo, heijoho, heijo, heijoho, heijo!

2) Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wogen,
jetzt strafft der Wind uns're Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben die Fahne sich wenden,
die blutrote Fahne, ihr Seeleut‘, habt Acht.

3) Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
wir jagen sei weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck, und wir kämpfen wie Löwen,
hei, unser der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!

4) Ja, wir sind Piraten und fahren zu Meere,
wir fürchten nicht Tod und den Teufel dazu,
wir lachen der Feinde und aller Gefahren,
am Grunde des Meeres erst finden wir Ruh.

Entstehung

Entstanden ist das Lied in Kreisen der Pfadfinder; der Verfasser ist unbekannt. Die Melodie stammt gemäß dem Germanisten, Erzähl- und Liedforscher Heinz Rölleke (geb. 1936) aus der Jugendbewegung (vgl. Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 370). Wie zuvor Fritz Sotke (1902 – 1970), der als Herausgeber von Unser Lied fälschlicherweise als Verfasser des Liedes Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht angesehen wird (vgl. Interpretation), wird in manchen Liederbüchern der Musikpädagoge und Lehrer Wilhelm Volk (1909-1994) für den Urheber des Liedes gehalten. Wilhelm Volk hat das Lied in Lieder des Bundes (hg. vom Bund Deutscher Pfadfinder) zusammen mit anderen Liedern erstmals 1933 veröffentlicht.

Wir lieben die Stürme gehört zu der Reihe der jugendbewegten Sturmlieder wie auch Wenn die bunten Fahnen wehen (vgl. Interpretation), wie in der zweiten Strophe deutlich wird: „Blasen die Stürme, / brausen die Wellen, / singen wir mit dem Sturm unser Lied“). Auch Wir wollen zu Land ausfahrender mit dem Vers „Woll’n lauschen, woher der Sturmwind braust“ in der ersten Strophe (vgl. Interpretation) oder das bereits erwähnte Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht gehören dazu.

Interpretation

Die Freude der bündischen Jugendlichen, sich den Elementen, hier dem Sturm, den ‚eiskalten Winden‘ und dem Meer (dem Wasser), auszusetzen und ihnen zu widerstehen, wird deutlich. In ihrer Fantasie sind die unbekannten Verfasser in ihrem Segelschiff über viele Meere gefahren, sie sind stolz darauf, trotz ‚brausender Wogen‘ und Stürme nicht gekentert zu sein, poetisch benannt: „und dennoch sank uns’re Fahne nicht“. Und dem Sturm setzen sie, ähnlich wie in manchen Shanties einen im Chor gesungenen Refrain entgegen: „Heijo, heijo, heijo, heijo, heijoho, heijo, heijoho, heijo! (vgl. „to my hoodah, hoodah, ho“ aus: Ick heff mol een Hamburger Veermaster sehn).

In der zweiten Strophe wird klar: Hier handelt es sich nicht um ein Frachtschiff, geschweige denn um eine Yacht bei einem Segeltörn zum Vergnügen, sondern um ein Piratenschiff. Die Seeleute sind stolz darauf, wie ihr Schiff durch die „schäumenden Wogen“ gleitet und sie sind froh, eine steife Brise (seemännische Untertreibung für starken Wind) erwischt zu haben, die die Segel strafft und nicht wie in einer Flaute oder bei Schwachwind flattern lässt. Und in diesem Wohlgefühl warnen sie andere Seefahrer: Sie sollen den Hinweis auf ihre „blutrote Fahne erkennen und sich in Acht nehmen. Normalerweise ist eine Piratenflagge schwarz, meistens mit einem weißen Totenkopf. Wahrscheinlich haben hier die Verfasser aus dramaturgischen Gründen die Farbe Rot gewählt, die auf bevorstehende Kämpfe hinweist, bei denen Blut fließen wird.

Damit sich ein Frachter, von dem sie sich Beute versprechen, nicht in die Obhut eines Hafens flüchten kann, treiben unsere Piraten ihn „mit fliegenden Segeln / […] weit auf das endlose Meer“. Dort sind die Piraten sicher, dass dem von ihnen angegriffenen Schiff so schnell niemand zu Hilfe kommen kann. Nah genug gekommen, werden die Enterhaken geworfen, übergesetzt und dann auf dem fremden Deck „wie Löwen“ bis zum Sieg gekämpft, selbst wenn der Gegner zahlreich, unter Umständen sogar von der Anzahl her überlegen ist. Wie früher in der Schlacht bei Creazzo 1513, als der Landsknechtführer Georg von Frundsberg mit seinen perfekt gedrillten Landsknechten einen mehrfach zahlenmäßig überlegenen Gegner schlug, gilt dessen Devise auch hier: „Viel Feind, viel Ehr!“ (Offensichtlich hatten die bündischen Gymnasiasten im Geschichtsunterricht gut aufgepasst.)

Sie sind nun mal Piraten und fürchten weder ‚Tod noch Teufel‘. Sie machen sich selbst Mut, indem sie über den Feind und die drohende Gefahr lachen. Zugleich hoffen sie, dass sie noch lange leben werden, aber sie sind sich bewusst, dass auch sie der Tod ereilen kann und sie dann ‚auf dem Grund des Meeres Ruhe finden‘.

Rezeption

Nachdem – noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten – der Deutsche Pfadfinderbund Wir lieben die Stürme veröffentlicht hatte, übernahmen die Nazis das Lied. Die mitreißende Melodie und der vitalisierende Text passten in ihre ‚Zeit des Aufbruchs‘. Mit der ‚blutroten Fahne‘ konnten sie sich identifizieren (vgl. Unsre Fahne flattert uns voran) und die Devise ‚Viel Feind, viel Ehr‘ wurde von den HJ-Führern schon den Pimpfen und Hitlerjungen nahegebracht.

Zwar war das Lied im ersten vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach herausgegebenen Hitlerjungen-Liederbuch Blut und Ehre (1933) nicht enthalten, aber 1934 wurde es in das am meisten verbreitete Liederbuch der Hitlerjugend (bis 1940 2,5 Millionen Auflage) Uns geht die Sonne nicht unter… aufgenommen. Der Titel entstammt dem Refrain des Liedes Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht, das wie viele andere Lieder der Jugendbewegung, z.B. Aus grauer Städte Mauern (Interpretation),  Im Frühtau zu Berge (Interpretation), Wir sind jung, die Welt ist offen oder Wir wollen zu Land ausfahren (Interpretation), von der HJ und anderen NS-Organisationen übernommen wurde. Und da es sich auf dem zugrunde liegenden 4/4-Takt gut marschieren ließ, folgten ab 1939 mehrere Liederbücher für Soldaten mit dem Lied, z. B. Der Führer hat gerufen – Unser Kriegsliederbuch und Morgen marschieren wir.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg galt das Lied als NS-belastet, aber seitdem es 1952 als Seemannslied wiederentdeckt wurde (vgl. Knurrhahn – Seemannslieder und Shanties und Die Seemannslust, 1954), setzte geradezu ein Run auf Wir lieben die Stürme ein: Die Sportjugend, die Christliche Pfadfinderschaft, die Turner- wie auch die Waldjugend nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Da wollte der Deutsche Fußballbund nicht abseits stehen, und auch die konfessionellen Kreise liebten die Stürme, sogar die sonst so in sich gekehrten Schülerbibelkreise. Die größte Verbreitung erfuhren die Stürme seit 1953 durch Die Mundorgel (Textauflage bis 2013: 11 Millionen) mit den vier bekannten Strophen. Dagegen enthielten die ab 1956 hinzu gekommenen Liederbücher der Bundeswehr, wie die Mehrheit der Liedersammlungen, nur die ersten drei Strophen, vermutlich weil in der vierten Strophe vom Tod und vom Sterben die Rede ist.

Nachdem Heino 1965 die erste seiner 15 Schallplatten und CDs (bis 2013) mit dem Lied eingesungen hatte, wuchs die Popularität weiter an. Es erschienen auflagestarke Taschenbücher der Verlage Heyne, Schneider, Moewig, Insel und Reclam; auch namhafte Liederforscher wie Ernst Klusen und Heinz Rölleke nahmen das Lied mit jeweils vier Strophen in ihre Liedersammlungen auf. Die Nachfolgeorganisationen der Wandervögel und der bündischen Jugend scheuten sich ebenfalls nicht, alle vier Strophen des Liedes zu veröffentlichen.

Das Lied ist bis heute beliebt und bekannt geblieben. Dazu beigetragen haben auch die Interpretationen von Freddy Quinn, Hermann Prey, Achim Reichel und von zahlreichen Chören z.B. von Shanty-, Marine- und Polizeichören bis zum Montanarachor und den Alsterspatzen. Noch 2013 erschien eine jazzige Version der Combo Jazz Hoch Drei. Und wie bei beliebten Liedern so üblich, gibt es auch eine parodistische Strophe, die in Schülerkreisen gern gesungen wurde:

Wir lieben die Schule, die brausenden Lehrer,
des eiskalten Rektors graues Gesicht.
Wir sind schon so oft von der Schule geflogen,
und dennoch wankt uns’re Frechheit nicht.

Eine verachtenswerte Umdichtung wurde auf einer Veranstaltung von Pegida Nürnberg vorgetragen (die erste Strophe ist mit dem Original identisch):

2) Wir kommen von Süden und woll’n in die Mitte
Europas, wo Frauen und Geldscheine blühn.
Wir haben Macheten und heilige Bücher,
damit bringen wir Europa zum glühn.

3) Wir gehen in die Boote und lassen uns treiben
vor Libyens Küste, da wartet das Glück,
da warten die Retter, die schützen die Grenzen,
doch niemanden schicken die Retter zurück.

4) Auf unseren Booten ist mancher nicht gläubig,
denn nicht eine Sure kommt aus seinem Mund.
Für Christen und Heiden, da endet die Reise
mit offener Kehle am Meeresgrund.

5) So mancher von uns hat noch viele Geschwister,
die warten nur auf unser Rettungssignal.
Dann werden sie kommen, dann werden wir stärker.
Was wird aus Europa? Das ist uns egal!

6) So hört unsre Botschaft, ihr Frauen und Männer,
wir bringen euch Reichtum besonderer Art.
Wir zeigen euch bald die Gesetze des Dschungels
und wie man im Dschungel mit Wonne sich paart.

7) Denn ihr seid die Knechte und wir sind die Herren
der neuen Bevölkerungsmischungskultur.
Ihr werdet uns weichen, wir werden euch scheuchen
und darauf, da schwören wir jeden Schwur.

Getextet und gesungen wurde das Lied von Ernst Cran, einem ehemaligen evangelischen Pfarrer. Cran, der auch manchmal im schwarz-rot-goldenen T-Shirt auftritt, hält bei Pegida-Veranstaltungen im süddeutschen Raum Reden, in denen er Flüchtlinge ähnlich wie im Lied diskriminiert. Einem Video des Bayerischen Rundfunks ist zu entnehmen, dass Angehörige eines Verstorbenen, vor denen er eine Trauerrede gehalten hatte, völlig fassungslos waren, als sie von seinen Reden bei Pegida-Veranstaltungen hörten. Darauf hingewiesen, zeigte er sich unbeeindruckt: „Da muss ich natürlich intellektuell in einem Rahmen bleiben, der verstehbar ist, und ich muss sprachlich in einer Weise reden“, die dem Anlass entspreche. Mit der Überzeugung als Theologe, als geistig denkender Mensch äußere ich mich auch zu politischen Gegebenheiten“. „Ich schäme mich nicht für das, was ich sage, in keinster Weise“. Wie Ernst Cran die Texte seiner Lieder und Reden mit seinem Selbstbild „als empfindsamer, fühlender, denkender, gottesrufender Mensch“, so seine Worte in einer Nachtcafé-Sendung des SWR, vereinbaren kann, bleibt ein Rätsel.

Georg Nagel, Hamburg

„Ich denke, was ich will“. Zu „Die Gedanken sind frei“

Anonym 

Die Gedanken sind frei

1. Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliegen vorbei
wie  nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

2. Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still'
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei. 

3. Und sperrt man mich ein
in finstere Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

4. Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

5. Ich liebe den Wein
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei!

Einleitung

Am geschichtsträchtigen 9. November 1948 stimmten 300.000 Berliner vor der Reichstagsruine nach der berühmten Rede des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter („Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt!“) spontan Die Gedanken sind frei an, 100 Jahre nach der missglückten 1848er Revolution und rund 150 Jahre nach der Entstehung des Freiheitsliedes. Ein Lied, das von den deutschen Burschenschaftern bereits 1832 auf dem Hambacher Fest gegen die Karlsbader  Beschlüsse (§ 1 „[…] dürfen Schriften, die in der Form täglicher Blätter oder heftweise erscheinen […] in keinem deutschen Bundesstaate ohne Vorwissen und vorgängige Genehmhaltung der Landesbehörden zum Druck befördert werden“) und die sich anschließende „Demagogenverfolgung“ gesungen wurde und das Sophie Scholl 1942 vor den Ulmer Gefängnismauern ihrem einsitzenden Vater auf der Blockflöte vorspielte. Ein Lied, das der Leiter des Dresdner Kreuzchores aus dem Programm strich, um eine Konzertreise durch China nicht zu gefährden (vgl. dpa 30.10.2013, s. auch dazu die Stellungnahme des Deutschen Musikrates). Da stimmt es hoffnungsfroh, dass das Lied über Deutschland hinaus die „Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmheit“ ausdrückt und noch im Januar 2015 auf Anregung des französischen Kabarettisten und Chansoniers Roger Siffer von 300 elsässischen Künstlern als Reaktion auf den Überfall auf Charlie Hebdo und die Ermordung von Redakteuren in 11 Sprachen über France 3 Alsace  verbreitet wurde (s. Video oben).

Entstehung

Die Grundidee stammt  bereits aus der Antike: „Liberae sunt […] nostrae cogitationes“ (Frei sind unsere Gedanken), so der Philosoph Cicero in der Verteidigungsschrift Pro Milone, 52 v.Chr. (zitiert nach Büchmann, S. 379), die im 6. Jahrhundert als Rechtsgrundsatz in die Digesten des römischen Rechts aufgenommen wurde. Um 1200 sang Minnesänger Walther von der Vogelweide in der Neuen Hohen Minne „Joch sint iedoch gedanke frî“ (Sind doch Gedanken frei) und der „fahrende Kleriker ohne Weihen (Vagant)“ Bernhard  Freidank (auch Vrigedanc, vgl. Wikipedia) dichtete 1229:

diu bant mac nieman vinden,
diu mîne gedanke binden.
man vâhet wîp unde man,
gedanke niemen gevâhen kan

[Das Band kann niemand finden,
das meine Gedanken bindet.
Man fängt Weib und Mann,
Gedanken niemand fangen kann.]

Daran anknüpfend meint Martin Luther rund 200 Jahre später in seiner Schrift: Von weltlicher Oberigkeit, wie man ihr Gehorsam schuldig sei: „Gedanken sind zollfrei!“ (zitiert nach Büchmann, S. 379). Und Shakespeare lässt 1611 in seinem Schauspiel Der Sturm den Zauberer Stephano in der 2. Szene des dritten Aktes sagen: „Thought is free“. Diese Auffassung setzt sich bis in die späten Jahre des Absolutismus fort. Beeinflusst von den geistigen und sozialen Reformbewegungen in West- und Mitteleuropa lässt Friedrich Schiller 1787, also noch vor der Französischen Revolution, in seinem Schauspiel Don Carlos den Marquis von Posa vom absolutistisch regierenden König Philipp von Spanien fordern: „Sire, geben sie Gedankenfreiheit!“.

So war der geistige Boden für die Entstehung des Liedes vorbereitet. Um 1780/90 tauchen die ersten Flugblätter mit dem Text auf, und eine Berner Melodie kommt um 1800 dazu. Genauer ist die Entstehung nicht zu datieren, auch Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. Als Vorläufer ist das in der Schweiz und Teilen Süddeutschlands verbreitete sechs Strophen umfassende Lied Beleget den Fuß / mit Banden und Ketten anzusehen, als Fliegendes Blatt in Arnims Sammlung Sieben sehr schöne Neue Lieder gedruckt um 1800 (so der Volksliedforscher Wolfgang Steinitz in: Der Große Steinitz, 1979, Band II, S. 164). Dieses Lied beginnt mit der Eingangsstrophe: „Beleget den Fuß / mit Banden und Ketten, / daß von Verdruß / er sich nicht kann retten. / So wirken die Sinnen, / die dennoch durchdringen, / es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei“ und endet mit der 5. „Wird gleich dem Gesicht / das Sehen versaget, / so werd ich doch nicht / von Sorgen geplaget. / Ich kann ja gedenken, / Was soll ich mich kränken? / Es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei“.

Zunächst wurde das Lied Die Gedanken sind frei vor allem in der Nordschweiz und im Elsässischen gesungen. Nach der Aufnahme 1808 unter dem Titel Lied des Verfolgten im Turm in die von  Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebene Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn wurde es in überschaubaren Kreisen bekannt. In Band 3 wurden die vier Strophen leicht geändert und jeweils ein Vers, den ein Mädchen, die Freundin des Gefangenen singt, eingefügt. 1820 wurde das Lied erstmalig in ein  Volksliederbuch aufgenommen.

Die Forderungen nach einer Verfassung, verbunden mit Demonstrationen in Braunschweig, Göttingen, Sachsen und Kurhessen und die darauf folgende Aufhebung der Presse- und Versammlungsfreiheit 1830, das Verbot der liberalen Bücher des Jungen Deutschland (u.a. von Börne und Heine) 1832, die Entlassung der „Göttinger Sieben“ (die gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes öffentlich protestiert hatten) trugen dazu bei, Die Gedanken sind frei zu einem Protestlied zu machen. Besonders nachdem die deutschen Burschenschafter, aus allen deutschen Landen kommend, auf dem Hambacher Fest  (s.o.) Die Gedanken sind frei gesungen hatten, verbreitete sich das Freiheitslied über ganz Deutschland.

Die Gedanken sind frei_I

Zeitgenössische Karikatur gegen die Karlsbader Beschlüsse und die „Demagogenverfolgung“

Auffällig ist, dass aus dieser Zeit bis 1842 keine weiteren Veröffentlichungen in Liederbüchern bekannt sind. Steinitz nimmt an, „daß das Lied im Vormärz auf der Liste der von der Zensur verbotenen Lieder stand“ (Der Große Steinitz, II, S. 165). Im Laufe der Jahre wurde das Lied um die 5. Strophe erweitert; seitdem erschien es mit der neuen Anfangsstrophe „Ich liebe den Wein, / mein Mädchen vor allen“. Steinitz hält es für möglich, dass „dieser neue Anfang eventuell auf das Bemühen von Druckereien Fliegender Blätter zurückgeht, das Lied zensurfähig zu machen (wofür eine harmlose Anfangsstrophe wichtig war)“.

Interpretation                

Während andere Lieder des Vormärz mit einer Beschreibung („In dem Kerker saßen“ – Die freie Republik, 1837) oder einem einleitenden Nebensatz („Ob wir rote, gelbe Kragen“ – Bürgerlied, 1845) beginnen und die Liedaussage in den folgenden Versen entwickelt wird, zeigt unser Lied gleich im ersten Vers, worauf es dem Verfasser ankommt: „Die Gedanken sind frei“. In den weiteren Versen wird diese Grundidee bekräftigt, um schließlich im Refrain bestätigt zu werden. Die Behauptung wird durch die anschließende rhetorische Frage unterstützt: „wer kann sie erraten“. Die Antwort gibt bereits Fridank – „gedanke niemen gevage kann“, so wenig wie man „nächtliche Schatten“ einfangen kann. Und erneut erfolgt eine Bestätigung: „kein Mensch kann sie wissen“, und „kein [noch so treffsicherer] Jäger erschießen“.

Geradezu trotzig fährt die zweite Strophe fort: „Ich denke, was ich will“. Will das Sprecher-Ich sich hier Mut machen, hegt es Zweifel am freien Willen? Spätestens seit dem nationalsozialistischen Regime ist klar, wie durch Propaganda, Massensuggestion und Manipulation das Denken (und Fühlen) beeinflusst werden kann. Und auch die Experimente von Milgram haben gezeigt, dass selbst Menschen ohne psychopathologischen Züge durch den Druck von Autoritäten und die äußeren Umstände zu Handlungen neigen, die sie bis dahin nicht für möglich gehalten hatten.

In der zweiten Strophe heißt es weiter: „und was mich beglücket“. Soll das heißen, dass das Sprecher-Ich sich nicht um das politische Geschehen kümmert und sich angesichts der damaligen Repression und Zensur seine Gedanken lieber nicht laut äußert: „doch alles in der Still und wie es sich schicket“? Ein Menschen, der sich so verhält, wird von  Hoffmann von Fallersleben in einem Gedicht von 1837 wie folgt beschrieben: „Der deutsche Philister, das bleibet der Mann, / auf den die Regierung vertrauen noch kann, / der passet zu ihren Beglückungsideen, / der läßt mit sich alles gutwillig geschehen“ Solange „Wunsch und Begehren“ in „der Still“ bleiben, kann dem Sprecher-Ich nicht an dem Ort landen, vor dem er sich in der dritten Strophe fürchtet: dem „finsteren Kerker“. Doch er macht sich erneut Mut: Festnahme und Einsperren sind „rein / vergebliche Werke“, da, wie er hofft, seine Gedanken auch außerhalb der Mauern weiterwirken: „Die Gedanken sind frei“.

Und hat er vorhin noch gemeint, nur an das zu denken, was ihn „beglücket“ (zweite Strophe), so gesteht er sich jetzt ein, dass ihn (manchmal) die „Grillen geplagt“ (trübselige Gedanken) haben. Doch jetzt will er „auf immer den Sorgen entsagen“. Das, was man bei den schweigenden Gegnern des Nationalsozialismus als ‚innere Emigration‘ bezeichnet hat, könnte auch hier zutreffen: „Man kann ja im Herzen / stets lachen und scherzen.“ Oder wie Hoffmann von Fallersleben spöttisch beschreibt: „bei einem Glase Bier [wird] politisiert“ und „da wird dann viel erzählt, […] gar viel und mancherlei erzählt, / gestritten und gelacht / und mancher Witz gemacht“ (Bei einer Pfeif‘ Tabak, 1844).

Um die damaligen Zensoren zu täuschen, die häufig nur die erste Strophe oder den Beginn eines Flugblattes lasen, wurde (s.o. die Vermutung von Steinitz) die ‚Wein und Mädchen-Strophe‘ vorangestellt, die später nach Aufhebung der Zensur zur 5. Strophe wurde. Wenn es in der letzten  Zeile heißt „die Gedanken sind frei“, so könnte man meinen, die freien Gedanken bezögen sich auf das Mädchen. Der unbekannte Verfasser dieses Verses hat aber durchaus zu differenzieren gewusst: Er hat nicht geschrieben, dass er sein Mädchen „vor allem“ liebt, also mehr als die (geforderte) Gedankenfreiheit, sondern „vor allen„. Von allen anderen Mädchen „tut sie ihm am besten gefallen“. Und für den Zensor nicht erkennbar ist die Gewissheit, mit der Idee der Gedankenfreiheit „nicht alleine“ zu sein, da ja betont wird, dass das Glas Wein in Gesellschaft seines Mädchens getrunken wird.

Rezeption bis 1933

Der Veröffentlichung in Schlesische Volkslieder und ihre Melodien (herausgegeben 1842 von A. H. Hoffmann von Fallersleben und E. Richter) folgten viele Liederbücher, die ebenfalls 5 Strophen enthielten. Und geht man von den Herausgebern und der Anzahl der Bücher in dieser Periode aus, so wurde das Lied bald  in allen Bevölkerungskreisen, vor allem auch gern von Männerchören, gesungen. Exemplarisch sollen hier Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851) und Erk-Böhmes Deutsches Liederbuch III (1894) genannt werden. Auch in Österreich und in der Schweiz war das Lied populär – Das Rütli – Ein Liederbuch für Männergesang erreichte 1878 die 15. Auflage und erschien bereits zehn Jahre später in der 33. Auflage.

In Deutschland griff Anfang des 19. Jahrhunderts die Jugendbewegung das Lied auf, wie die zahlreichen Editionen zeigen, z. B. der Zupfgeigenhansl (1908, 1928 bereits 800.000 Exemplare), Wandervogels Singebuch (1912 und 1915), Was die Wandervögel singen (1918, 2. Auflage) u.v.m. Bis 1933 erschienen weitere Liederbücher, herausgegeben von Turn- und  Wandervereinigungen und von gewerkschaftlichen, studentischen und völkischen Kreisen. Auch in andere Gebrauchsliederbücher und Schulbücher wurde das Lied aufgenommen, z. B. Was singet und klinget – Lieder der Jugend (9. Auflage 1926) und Das Deutsche Lied, 1. Teil – Eine stufenmäßige Sammlung von Liedern für den Schulgebrauch (7. Auflage 1929).

Rezeption 1933 bis 1945

Bedenkt man, dass bereits das Singen der dritten Strophe des Fahrtenliedes Wenn die bunten Fahnen wehen („Hei, die wilden Wandervögel“) im NS-Regime mit Strafe bedroht war (vgl. meine Interpretation unter Rezeption, 1. Absatz), dann ist es für mich erstaunlich, Die Gedanken sind frei in NS-Liederbüchern und vom NS-Lehrerbund herausgegebenen Schulbüchern zu finden, so z. B. in den HJ-Liederbüchern Blut und Ehre, Uns geht die Sonne nicht unter, Die Fahne hoch – Lieder der Jungen und Unser Lied – Liederbuch für die höhere Schule oder Klingendes Deutschland – Musikbuch für die Mittelschule. Geht man von den Liederbüchern (z.B. Singend wollen wir marschieren und Weckruf (RAD), Morgen marschieren wir, Im gleichen Schritt und Tritt) aus, so wurde die Gedankenfreiheit auch im Arbeitsdienst und in der Deutschen Wehrmacht besungen. Ich meine, spätestens nach der Aktion Sophie Scholls vor dem Ulmer Gefängnis (s. Einleitung) 1938 hätte die NS-Führung die Brisanz des Textes erkennen müssen.

Lag es an den gehorsamen  Befehlsempfängern, die selbst nicht nachdenken wollten bzw. konnten? Lag es an den bürokratisch orientierten Juristen, die zwar im Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen vom 20. Dezember 1934, dem sog. Heimtückegesetz, herabsetzende Bemerkungen über Staat, Partei und leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP unter Gefängnisstrafe gestellt hatten, aber nicht laut geäußerte Meinungen für nicht strafbewehrt hielten? Als nach dem 1. September 1939 die Strafen erhöht wurden (Zuchthaus oder KZ) dehnten die Richter die strafbaren Sachverhalte über den Gesetzestext hinaus, so dass bereits der Besitz von nicht genehmen Büchern oder mimische Äußerungen bestraft wurden (vgl. Zehn kleine Meckerlein, v.a. 2. Strophe und Artikeltext dazu).

Da das Lied von der Gedankenfreiheit in zahlreiche NS-Liederbücher aufgenommen wurde – fast ausschließlich ohne die Wein und Mädchen lobende 5. und häufig auch ohne die 3. Strophe –  konnte es problemlos in evangelischen und katholischen Jugend-Liederbüchern (z.B. Ein neues Lied) ebenso wie bis zum endgültigen Verbot der bündischen Jugend 1935 in deren Liedersammlungen z.B. Strampedemi oder St. Georg – Lieder deutscher Jugend auftauchen. Auch andere nicht dem NS-Regime nahestehende  Liederbücher konnten mit dem Lied erscheinen, z. B. Ein aufrecht Fähnlein (Walther Hensel), Singende Jugend oder das Liederbuch für den deutschen Wanderer.

Einen besonderen Sinn ergab es, Die Gedanken sind frei in das vor der Wachmannschaft geheim gehaltene, handschriftliche Lagerliederbuch des „Konzentrationslagers“ Sachsenhausen aufzunehmen.

Rezeption ab 1945

Ich fahr in die Welt und Wir Falken singen waren die ersten Liederbücher mit den ‚freien Gedanken‘, die bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg herauskamen. Betrachtet man die Anzahl der weiteren Veröffentlichungen mit dem Lied bis 1955 (mehr als 50 Liederbücher), so scheint nach der Repression während des NS-Regimes geradezu ein Hunger nach dem Freiheitslied bestanden zu haben (vgl. dessen spontanes Singen am 9. 11. 1948, s. Einleitung). Nicht nur in zehn Schulbüchern tauchte es in dieser Dekade auf – verständlicherweise ohne die 5. Strophe -, auch im Liederbuch des Deutschen Fußballbundes und  – passend zum Motto ‚Frisch, fromm, fröhlich, frei‘ – im Deutschen Turner-Liederbuch und in Skilieder des Harzer Skiverbandes, um nur einige Kuriosa zu nennen. Auch in der damaligen SBZ und späteren DDR erschienen Liederbücher mit dem Lied in vier Strophen, z. B. Unser Lied unser Leben (1947, Verlag Dietz Nachf.). In die späteren Liedersammlungen z.B. der FDJ (Leben, kämpfen, singen, 1964, 10. Auflage) wurde das Lied ebenso aufgenommen wie in Schulbücher, z. B. 1969 in das Liederbuch für 5. bis 10 Klassen Singt nun im Chor.

Wie beliebt das Lied Die Gedanken sind frei war und bis in die Gegenwart ist, zeigen weiter die zahlreichen Publikationen. Das Hubertus Schendel Archiv (www.deutscheslied.com) weist allein rund 400 Liederbücher, das Deutsche Musikinstitut (DMA), Leipzig, fast 200 Tonträger mit dem Lied auf. Hier soll nur eine kleine Auswahl der Interpreten genannt werden: Freddy Quinn (4 LPs bzw. CDs) Milva (6 Tonträger) sowie die Opernsänger Herrmann Prey, Günther Emmerlich und Günter Wewel. Über 260 Partituren im DMA zeigen die Beliebtheit auch bei Chören,  exemplarisch genannt seien hier die Fischer Chöre, der Chor der Bundeswehr und die Regensburger Dompatzen. Und natürlich wurde das Lied auch von den politisch engagierten Liedermachern Hein und Oss Kröher und Hannes Wader in ihr Repertoire aufgenommen (zu Konstantin Wecker s. Nachtrag).

Wie populär ein Lied ist, kann sich auch darin zeigen, dass häufig die erste Zeile (sog. Incipit) als Aufmacher bzw. Titel einer Veröffentlichung dient. So weist die Deutsche Nationalbibliothek von 1954 bis 2015 nahezu 40 entsprechende Titel aus – von Romanen, Lyrik- und Aphorismen-Anthologien bis hin zu philosophischen und christlichen Betrachtungen, von neurowissenschaftlichen bis zu historischen Abhandlungen. Von den bekannteren Werken sind Klaus Staecks Die Gedanken sind frei  (Buchausgabe mit ausgewählten Plakaten, 3. Auflage 1983) und Tomi Ungerers Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsass 1931-45 (1994) zu nennen.

Im September 2011 wurde Die Gedanken sind frei von den Hörern, Zuschauern und Onlinenutzern des MDR als das schönste deutsche Volkslied gekürt.

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag

Die Gedanken sind frei_II

Karikatur: Gerhard Seyfried

Zweifel daran, dass die Gedanken frei sind, haben sowohl Paul Rötting (in „Zeit der Leser“-Redaktion, 14. August 2013) also auch Konstantin Wecker (2015 auf der CD Ohne Warum) geäußert:

Konstantin Wecker

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten?
Sie fliehenvorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Die Gedanken sind frei,
so heißt es schon lange,
trotz Knechtschaft und Tyrannei.
Wir waren nicht bange,
und konnten im Herzen
stets lachen und scherzen
und dachten dabei:
die Gedanken sind frei.

Die Gedanken sind frei,
doch jetzt hab ich Bedenken.
Es gibt da so mancherlei,
damit kann man sie lenken.
Es gibt da so Maschen,
da kann man sie waschen,
und schon eins, zwei, drei
sind sie nicht mehr ganz so frei.

Die Gedanken sind frei,
so frei wie die Presse.
Und denkst du, dass es anders sei,
dann gibt’s auf die Fresse.
Sie wollen dich lenken,
dein Wissen und Denken,
und vielleicht schon im nächsten Mai
kommt die Gedankenpolizei.
Und vielleicht schon im nächsten Mai
kommt die Gedankenpolizei.

Denn ob CIA oder NSA,
sie liegen auf der Lauer.
If you don´t go the right way,
ja da werden sie sauer.
Sie bringen sie zum Schwanken,
deine eigenen Gedanken,
und du glaubst so nebenbei,
die Gedanken wären frei.

Die Gedanken sind frei,
solang sie nicht stören,
doch auf Verderb und Gedeih
weißt du, wem sie gehören.
Monsanto und Banken
und den Öllieferanten,
den Algorithmen von Google,
besser gib dir die Kugel,
dann ist alles vorbei –
die Gedanken waren frei.

Paul Rötting

Update eines inkompatibel gewordenen Volkslieds  – Die Gedanken waren frei

Die Gedanken waren frei,
Man weiß jetzt, was wir denken.
Wir sind nur zu bereit,
Sie glatt zu verschenken.
Sie rasen in Massen
Durch gläserne Trassen,
Gefiltert und sortiert –
Und Obama spioniert!

Die Gedanken waren frei,
Man kann sie berechnen
Und speichert weit und breit,
Was wir so besprechen.
Wir liefern an Facebook
Alltäglichen Humbug,
Intimes und noch mehr –
Und dann wundern wir uns sehr!

Die Gedanken waren frei,
Es droht ein Debakel:
Die Gedankenpolizei
War Orwells Orakel.
Und meine Gedanken
Erkennen die Schranken
Und bleiben dabei:
Wir waren einmal frei!

„Wo is denn des Gerchla?“ Fränkisches Kirchweih- und Tanzlied

Wo is denn des Gerchla?

1.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham,
der is aff der Kärwa, frißt die ganz´n Brotwärscht zamm.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla kummt.
Kummt er net am Montoch, kummt er halt am Dienstoch.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla kummt.

2.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham ,
der höck in am Wertshaus, säfft sich immer wieder zamm.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham,
der höck in am Wertshaus, säfft sich immer wieder zamm.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala kummt.
Hulst di net am Montag, ganz bestimmt am Dienstag.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.

3.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is vei schon däham,
der is in der Kammer, list den fregt‘n Bess‘n zamm.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is fei schon däham,
der is in der Kammer, list den Bess‘n zamm.
Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst net ham gehst, Gergla.
Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst da net ham gehst.
Ja so san die Weiber, Gerchla, tu net greina,
Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, bis zur nächsten Kerwaszeit,
Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, dann is grod wie heut.

     [Rohtext: dancilla.com; statt „Wou“ schreibe ich allerdings „Wo“, 
     „dahäm“ ersetze ich durch „däham“, „Gergla“ durch das im Fränkischen
     gebräuchlichere „Gerchla“, „Besse’n“ durch das sinnvollere „Bess’n“,
     „vei“ durch „fei“ sowie – im dritten Abschnitt „zam“ durch „zamm“.]

„Gerchla“ ist eine Namensableitung vom heiligen Drachentöter Georg, den man anderswo auch als Schorsch, Görch, Joris, Jorge, Jurek, Jiri oder auch Omar kennt. Als einer der vierzehn Nothelfer (Namensfest am 23. April) ist er u. a. für Pferde, Wandersleute und Gefangene zuständig. Offensichtlich auch für Dorffeste und Volkstänze, wie unser Kerwalied vom ebendort regelmäßig versumpften Protagonisten ausführt. Neben besagtem „Gerchla“ spielen in unserem Lied zwei weitere Figuren eine Rolle: das „Bärbala“, mit dem das „Gerchla“ höchstwahrscheinlich ehelich verbandelt ist, sowie die Sprechinstanz, die man sich als Einzelsänger(in) oder, eigentlich besser, als Chor vorstellen sollte, der die Dorfgemeinschaft repräsentiert. Diese Sprechinstanz agiert perspektivisch, kommunikativ und auch moralisch auf eine erstaunliche, fast zynische Weise flexibel: Manchmal scheint sie die Fragen zu stellen, die dem Bärbala oder dem Gerchla durch den Kopf gehen, dann hat sie die passenden Antworten darauf gleich parat; später räsoniert sie auch über den Lauf der menschlichen Dinge, warnt und tröstet. Grundsätzlich muss man wohl auch damit rechnen, dass mit Hilfe dieses Liedes auch bestimmte Personen verspottet werden sollten. Im traditionellen Ablauf einer fränkischen Kerwa kam es neben gesungenen Liebeserklärungen der Burschen an ihre Freundinnen mit zunehmendem Alkoholkonsum regelmäßig auch zum Austrag von Rivalitäten, sei es durch Spottgesänge, sei es durch Handgreiflichkeiten (vgl. Georg Schwarz: Kirchweih [Kerwa]. Sitte und Brauchtum, Bayreuth 1985, bes. S. 22-26).

Die Gliederung des Liedes in drei Versgruppen ist für das fränkische Volkslied typisch. „Wo ist denn das Gerchla?“ scheint sich eingangs die Frau eines allzu lange ausbleibenden Mannes zu fragen. Die Sprechinstanz weiß Bescheid und informiert mit seiner Antwort nicht nur das Bärbala, sondern alle am Ehedrama Interessierten: Das Gerchla amüsiere sich auf der Kerwa – und zwar ziemlich intensiv, wie die deftige Wortwahl andeutet. Das Bärbala müsse in dieser Situation einfach Geduld an den Tag legen – komme sein Bratwurstfresser nicht am Montag nach Hause, dann eben am Dienstag. Die Wochentagsangaben setzen als Hintergrundwissen voraus, dass fränkische Kirchweih-Feste normalerweise Donnerstags beginnen und Montags enden (Kernzeit: Freitag- bis Montagabend). Eine einschlägige (südbayerische) Redewendung besagt allerdings: „A richtiger Kirta dauert bis zum Irda [Dienstag], wann sie’s duat schicka, aa bis zum Migga [Mittwoch].“ Also scheint das Gerchla auf eine ,richtige Kerwa‘ gezogen zu sein … armes Bärbala!

Aus der zweiten Strophe erfahren wir, dass das liebe Gerchla nicht nur zu fröhlichen Kirchweihzeiten über die Stränge schlägt, sondern offensichtlich unter die Kategorie ,Gewohnheitssäufer‘ fällt. Üblicherweise scheint ihn sein trautes Weib regelmäßig mit sanfter Gewalt aus den Fängen des Alkoholteufels befreien zu müssen. Jedenfalls redet die Sprechinstanz in dieser Strophe das Gerchla entsprechend an: „Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.“ Im Vergleich zur Eingangsstrophe bekommt das „wart ner“ einen drohenden Unterton; anscheinend pflegt das Bärbala ihre Abholaktionen mit einem gehörigen Donnerwetter zu verbinden.

In der dritten Strophe finden wir das Gerchla tatsächlich einmal in häuslichen Gefilden; aber inzwischen scheint dem Bärbala der Geduldsfaden gerissen zu sein – es hat sich auf und davon gemacht (vgl. hierzu auch Seiler & Speer: Ham kummst). Derweilen macht er sich, offensichtlich geknickt, im Hause einigermaßen nützlich; wenn mich mein in gut fünfzehn Bamberger Jahren angelerntes Fränkisch nicht völlig in die Irre führt, klaubt („list“) er die Reste eines ,verreckten‘, d.h. kaputten (Reisig-)Besens zusammen. Die Sprechinstanz bzw. der Chor liest dem Gerchla zunächst die Leviten – er habe sich sein Elend selber zuzuschreiben: „Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst da net ham gehst.“ Das klingt einigermaßen moralisch, doch schon im Folgesatz wechselt die Stimme, möglicherweise von heulenden Elend des Gerchla gerührt, quasi die Fronten und versucht es zu trösten, indem es seine missliche Situation auf die Empfindlichkeit ,der Weiber‘ zurückführt und seine Gedanken auf Erfreulicheres, nämlich die nächste Kerwa ausrichtet. Allerdings entpuppt sich der nachgeschobene Satz bei genauerer Überlegung als nur vordergründig tröstlich, in Wirklichkeit aber als zutiefst zynisch: „Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, dann is grod wie heut.“ Mit anderen Worten: Man traut Gerchla kein Entrinnen aus seiner Säuferkarriere zu, ganz gleich, ob das Bärbala dieses eine Mal noch zurückkommen wird oder nicht.

Nun wird diese – im Grunde tieftraurige – Geschichte, die sich der Realität so oder so ähnlich schon tausende Male zugetragen haben wird, als Stimmungslied bei Volksfesten vor gemischtem Publikum vorgetragen, dient auch als Tanzlied und scheint niemandem die gute Laune zu vermiesen (vgl. den Auftritt von Travelling Playmates & Kapelle Rohrfrei bei einem fränkischen Volksfest). Seltsam, oder? Anscheinend bewirkt der übliche Aufführungs-Kontext eine so konsequente Fiktionalisierung des im Lied erzählten Ehedramas, dass keiner der Rezipienten auf den Gedanken kommt, darin womöglich eine Prophezeiung des eigenen künftigen Schicksals zu sehen.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

PS:
Als Tanzlied ist das Gerchla ein sog. Marschwalzer. In einem Heft zum Thema Volkstänze, getanzt in Oberfranken (Schriften zur Heimatpflege in Oberfranken, Reihe II: Musik und Tanz, Nr. 1, Bayreuth, 2. Aufl. 1996, S. 21), habe ich nachfolgend sinngemäß referierte Tanzbeschreibung gefunden: Am Anfang stehen Tänzer und Partnerinnen mit Blick in Tanzrichtung auf der Kreisbahn nebeneinander, die Tänzerinnen außen, Innenhandfassung auf Schulterhöhe. Dann geht man 16 Takte lang, mit dem Außenfuß beginnend, in Tanzrichtung. Das Ganze wird wiederholt. Wieder 16 Takte lang werden wie folgt absolviert: Man löst die Fassung, die Männer bleiben im Kreis stehen und klatschen in die Hände, die Frauen machen kehrt und gehen gegen die Tanzrichtung. Danach bleiben die Tänzerinnen stehen und schnappen sich den nächsten Mann mit dem sie in gewöhnlicher Tanzhaltung 16 oder auch 32 Takte Walzer tanzen. Danach geht das Ganze wie am Anfang von vorne los. Im Prinzip bräuchte ich spätestens jetzt Unterstützung von Volkstanz-Experten, um die Frage zu erörtern, ob der Text unseres Liedes womöglich Hinweise auf die zu tanzenden Figuren liefert. Tatsächlich dürfen bei vielen Volkstanz-Liedern die darin erzählten Geschichten nicht wörtlich genommen, sondern müssen als Stenogramme von Bewegungsabläufen und Rhythmuswechseln decodiert werden, mit Hilfe derer sich die Tänzer rasch auf musikalische Überraschungen einstellen können. Bei Kerwa-Tänzen gibt es oft einen lustigen Wettstreit zwischen Musikanten und Tänzern, bei dem es jene darauf anlegen, diese – z.B. durch Taktwechsel – zu verwirren, wodurch unerfahrene oder auch ungeschickte Tänzer blamiert werden. Diese finden dann mitunter allerdings in den Texten der Kerwa-Lieder kleine Hilfestellungen. Für eine solche Interpretation fehlt mir dann aber ganz entschieden die notwendige Kompetenz. Und wenn schon Hilfe anrücken sollte, möge sie mir gleich auch noch Informationen über die Entstehung des Liedes – Jahr, Texter, Komponist – mitbringen, ich habe bei meinen Recherchen dazu nichts Klares gefunden; meine Zeitangabe im Titel beruht auf einer Erwähnung des Gergla im Anhang einer Dissertation von 1929 (Max Böhm: Volkslied, Volkstanz und Kinderlied in Mainfranken, Nürnberg: Franz Zorn, S. 247).

Die heimliche deutsche Hymne. Zu Ludwig Uhlands „Der gute Kamerad“

Ludwig Uhland

Der gute Kamerad

Ich hatt einen Kameraden,
Einen bessern find'st du nit
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt's mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär's ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew'gen Leben
Mein guter Kamerad!

Wie bei den meisten Volksliedern sind seine Urheber vergessen. Auch sein Titel ist eher unbekannt. Wer das Lied kennt, glaubt gern, es heiße: »Ich hatt einen Kameraden«, doch das ist nur sein erster Vers. Sein richtiger Titel lautet: Der gute Kamerad, und es wurde 1809 von Ludwig Uhland in Tübingen gedichtet, Friedrich Silcher gab ihm 1825, ebenfalls in Tübingen, die Melodie. Das Lied entfaltete eine beispiellose Wirkung. Es wurde nationales Trauerlied, ertönte an Kriegsgräbern und an den Gräbern von Zivilisten. Heute ist es nur noch am Volkstrauertag zu hören, zum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege sowie deutscher Gewaltherrschaft. Der Soziologe Norbert Elias entdeckte in ihm einen Widerhall kollektiver Todesphantasien. Bis in die Gegenwart hat das Lied sich im kulturellen Gedächtnis der Deutschen gehalten. Als Frontgespenst geistert der Gute Kamerad durch Heiner Müllers Werk, und selbst in Kassibern der »Roten-Armee-Fraktion« blitzen seine Worte auf.

Der Bundespräsident Richard von Weizsäcker traute dem Guten Kameraden nicht. Er ließ einen Mitarbeiter beim Volksliedarchiv in Freiburg anfragen, woher Text und Musik stammten und welche »Aufführungstradition« das Lied habe. Erwünscht war eine »zuverlässige Rudimentärunterrichtung«, wie es in dem Brief vom 7. September 1993 in schönstem Bundespräsidialdeutsch heißt. Welche Sorge den ersten Mann der Republik wegen des Lieds plagte, verraten Notizen eines Archivars unter dem Briefkopf: »Neue Wache in Berlin – Einigungsvertrag – Wehrmachtstradition«. Mit anderen Worten: Paßte das Lied noch in die politische Gedenkkultur des wiedervereinigten Deutschland?

Im Westen gehört es zum Zeremoniell des Volkstrauertags. »Es wird gebeten, nach der Totenehrung stehenzubleiben, bis das Lied verklungen ist«, lautete die Bitte auf den Einladungskarten zur zentralen Gedenkfeier im Bonner Bundestag. Bei Trauerfeiern der Bundeswehr intoniert ein Solobläser das Lied »nach Absenken des Sarges«. Im Osten war die Uhland-Silcher-Tradition abgebrochen. Andere Töne begleiteten dort die Gedenkfeiern von Partei und Armee: Chopins Trauermarsch oder die Arbeiterlieder Unsterbliche Opfer und Der kleine Trompeter. Geteiltes Land, geteilte Lieder. Nichts, was zusammenklingen könnte.

Die Antwort des Archivs an den Bundespräsidenten war tröstlich: Seit 1918, also auch in der Weimarer Demokratie, sei das Lied bei staatlichen Totenfeiern »aufgeführt« worden. Selbst so erhabene Konkurrenz wie Beethovens Eroica, Wagners Parsifal-Vorspiel und Chopins Marche funèbre hätten es nicht verdrängen können. »Im Alltagsleben des Durchschnittsmenschen gibt es einige musikalische Standardtypen«, schließt der Archivar, »dazu gehört ›Stille Nacht‹, Mendelssohns Hochzeitsmarsch und das Lied vom ›Guten Kameraden‹. Diese Standardtypen sind kaum durch etwas anderes zu ersetzen. Deshalb glaube ich nicht, daß es gelingen könnte, den ›Guten Kameraden‹ zu entthronen.«

Er thront auch weiterhin. Aber fast jedes Jahr, wenn Deutschland sich im November seiner Opfer erinnert, entbrennt irgendwo im Land neuer Streit um das Lied. Die Debatten verlaufen meist nach zwei Mustern: Zum einen ist es ein junger Bürgermeister, dem der Gute Kamerad unheimlich wird. Er untersagt, ihn am Volkstrauertag zu spielen. Als Grund nennt er die dritte Strophe, obwohl das Lied auch in seiner Gemeinde immer nur instrumental zu hören war. Die Strophe sei »kriegsverherrlichend« und habe in der Vergangenheit den Sinn gehabt, »zum Weiterkämpfen zu animieren«. Eine Leserbriefschlacht beginnt. Ehemalige Kriegsteilnehmer klagen über die Verletzung ihrer Gefühle. Einer von ihnen schert aus und erinnert daran, wie das Lied an den »Heldengedenktagen« des »Dritten Reichs« eingesetzt wurde, »um das Volk auf Hitlers Angriffskrieg einzustimmen«.

Nach dem zweiten Muster empören sich Friedensaktivisten über das Lied. Wenn es bei der Trauerfeier erklingt, wenden sie sich demonstrativ ab und fangen zu plaudern an. Gefühle sind verletzt, eine Leserbriefschlacht beginnt. Zum Gemeindefrieden trägt die Belehrung bei, das Lied sei längst »international«: Es finde sich in japanischen Liederbüchern, werde in der Fremdenlegion gesungen (J’avais un camarade), ja selbst in Holland habe der Soldatensong aus dem Fundus des ungeliebten Nachbarn einen Übersetzer gefunden (Ik had een wapenbroeder), und für den Fall, daß die Nationen absterben sollten, sei in der Weltsprache Ido mit einer globalisierten Fassung vorgesorgt: Me havis kamarado tu plu bonan trovas ne tamburo nin vokadis il apud me iradis sampaze quale me.

Am schwersten wiegt das Argument, daß Silchers Melodie von den Franzosen zum Nationalfeiertag am 14. Juli am Grabmal des unbekannten Soldaten gespielt werde. Zur Versöhnung der Bürgerschaft taugt ebenso der Hinweis, daß der Bundespräsident an der zentralen Gedenkfeier in Berlin teilnehme, obwohl dort der Gute Kamerad ertöne.

Es ist nicht schwer zu verstehen, daß vorwiegend Belege von außen in einem an seinen Traditionen irre gewordenen Land Entlastung bringen – mehr als das klügste Argument von innen. Darum muß sich der schon 1985 unterbreitete Vorschlag des Germanisten Peter Horst Neumann, der in Uhlands Lied ein unschuldiges Opfer deutscher Verhältnisse sieht, wie eine Donquichotterie ausnehmen. Neumann plädiert auf Freispruch: »Da die Vereinnahmung auf der rechten Seite geschah, könnte die Ehrenrettung nur von links her erfolgen. Die militaristische Aura wäre zerstoben, hätte Marlene Dietrich auch den ›Guten Kameraden‹ gesungen oder Ernst Busch zusammen mit dem Lied der Spanischen Brigaden oder Wolf Biermann zum Andenken an Robert Havemann.«

Auf unabsehbare Zeit wird das Lied ohne Worte die Begleitmusik staatlichen Gedenkens bleiben. Ärger entzündet sich daran vermutlich auch künftig vor allem auf lokaler Ebene. An der Staatsspitze scheint es unumstritten. Unten müssen Widersprüche im Gedächtnis offenbar weniger krampfhaft aufgehoben werden als oben, wo die Angst vor übler Außenwirkung oder dem endgültigen Verlust einheitsstiftender Symbole die Harmonie erzwingt. Das Lied soll ein Gemeinplatz der Erinnerung sein: Doch in Deutschland existieren zu viele, zu verschiedene Erinnerungen, als daß sie auf diesem Gemeinplatz zusammenfinden könnten. Ob das immer so war?

Uhland schrieb sein Lied während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Österreich hatte sich 1809 zuerst erhoben gegen den Imperator. Der junge Poet nahm am Leiden auf beiden Seiten Anteil: Er fühlte mit den Badenern, die unter französischem Befehl gegen die aufständischen Tiroler ziehen mußten, und er trauerte um seinen Förderer Leo von Seckendorf, der als österreichischer Hauptmann gefallen war. Uhland war aufgefordert worden, für ein Flugblatt »zum Besten der (badischen) Invaliden des Feldzugs« ein Kriegslied zu verfassen. Sein Beitrag kam jedoch zu spät, und so nahm sein Freund Justinus Kerner den Guten Kameraden zwei Jahre später in seinen Poetischen Almanach für das Jahr 1812 auf. Danach erschien er in allen eigenständigen Gedichtbänden Uhlands und 1848 im Deutschen Volksgesangbuch Hoffmanns von Fallersleben.

Doch in welcher Nachbarschaft das Lied auch stand, es blieb ein Solitär. Ihm fehlte der Völkerschlachtton, der national-heroische Doppelklang, der in den Kriegsliedern der Zeit dominierte: Arndts Was ist des Deutschen Vaterland?, Körners Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, Nonnes Flamme empor. Lieder (fast) dieses Schlags dichtete Uhland später auch selbst, und dabei mag er seinem Wunsch nach Parteinahme nachgegeben haben – anders als beim Guten Kameraden, bei dem er seinen Ehrgeiz darauf verwandte, den Volksliedton zu treffen, so wie die Sammlung Des Knaben Wunderhorn, für die Tübinger Romantiker eine Art Bibel, diesen Ton traf.

Obgleich Uhlands Gedicht schon vertont war, nahm Friedrich Silcher, der Tübinger Universitätsmusikdirektor, sich seiner nochmals an. Volkstümlich wurde romantische Poesie, wenn sie sich singen ließ. Doch keiner im 19. Jahrhundert setzte romantische Poesie so populär in Singbares um wie Silcher. Ein Leben lang jedoch mußte er gegen das Vorurteil angehen, daß er Uhlands Lied eine Melodie erfunden habe; gefunden hatte er ihm eine, und zwar in der Schweiz, wo ihm das Volkslied Ein schwarzbraunes Mädchen hat ein‘ Feldjäger lieb zu Ohren kam. Wahrheitsgemäß teilt er auf dem Notenblatt des Guten Kameraden mit: »Aus der Schweiz, in 4/4 Takt verändert, v. Silcher«. Trotzdem wurde er unverdrossen für den Schöpfer gehalten. Es kursierte sogar eine Sage, die glauben machen wollte, ein Herbststurm habe Silcher ein Blatt mit Uhlands Versen durchs Fenster seiner Tübinger Kammer zugeweht. Die Entstehung eines Lieds von derart mysteriösem Erfolg war ohne überirdische Hilfe offenbar nicht zu denken.

Man hat es in der Folge gedreht und gewendet, um ihm das Geheimnis seiner Wirkung zu entreißen. 1977 erschien eine Schrift des »Wiener Seminars für Melosophie«, die den »heilenden Kräften« in Silchers Vertonung nachlauscht. Ihr Autor, Victor Lazarski, glaubt, daß das Lied sich durch eine ihm selbst innewohnende Kraft aus »militärischer Enge« befreit und zum Abschiedslied der gesamten Menschheit gewandelt habe. Für Lazarski hat die »Seele« des Lieds ihren Sitz im zehnten Takt. Genau dort aber findet sich eine der wenigen Stellen, wo Silcher in die vorgefundene Melodie eingriff, indem er bei der unechten Wiederholung der jeweiligen Schlußzeile den harten Auftakt weicher gestaltete und so den Marsch ins Elegische umkippen ließ.

Was Lazarski beim genialischen Individuum fand, hatte zuvor Heyman Steinthal beim singenden Kollektiv ausgemacht. 1880 veröffentlichte er in der Zeitschrift für Völkerpsychologie einen Aufsatz, in dem er sich mit den »Umsingungen« von Uhlands Lied befaßt. Er zitiert eine Variante, die er von einem Dienstmädchen singen hörte:

Die Kugel kam geflogen
Gilt sie mir? Gilt sie dir?
Ihn hat sie weggerissen,
Er lag zu meinen Füßen
Als wär’s ein Stück von mir.

Für Steinthal hat der Volksmund hier verbessernd gewirkt und Klarheit geschaffen: »Nicht ›eine‹ Kugel, sondern die fatale kam geflogen. Er sieht sie kommen, und das ›Gilt sie mir? Dir?‹ schildert die Angst des Soldaten, die er aber um sich nicht mehr als um den Kameraden hat, was auch in dem Mangel des ›oder‹ liegt, welches trennen würde. Den Wandel des ›es‹ in ›sie‹ kann ich nur billigen, denn das ›es‹ der dritten Zeile ist ohne rechte Bedeutung. Eine Verbesserung wiederum ist ›er lag zu meinen Füßen‹, parallel zu ›er ging an meiner Seite‹.« Uhlands Fassung scheint ihm nur »volksmäßig«, erst durch die Veränderungen werde ein echtes Volkslied daraus. Voraussetzung sei nur, daß so ein Lied gefalle, dann werde es allmählich umgesungen. »Dies geht durch die Jahrhunderte und breitet sich aus wie die Sprache des Volkes und mit ihr.« Einspruch erhebt Steinthal im Namen des Volkes auch gegen die dritte Strophe. Er verwirft sowohl die »Sentimentalität« des Sterbenden, der dem Kameraden die Hand reichen will, wie auch die »Härte« des anderen, der die Hand nicht nimmt. Zudem mag er die Formulierung vom »ew’gen Leben« nicht, sie sei »abstract«. Aus all diesen Gründen werde die dritte Strophe denn auch nirgendwo gesungen. Doch die Stunde von Härte und Sentimentalität sollte noch kommen. Dem Guten Kameraden stand sein Aufstieg zu unüberbietbarer Beliebtheit noch bevor.

In ihrer Anthologie Lieder, die die Welt erschütterten, präsentiert Ruth Andreas-Friedrich Uhlands Lied bei den Liedern aus dem deutsch-französischen Krieg, wie übrigens auch das Deutschlandlied. War es 1870/71 noch eher ein ergreifendes Soldatenlied als ein »trotziger Kriegsgesang«, so sollte sich das im nächsten Krieg ändern. Eine Umfrage unter Soldaten des Ersten Weltkriegs, gemacht von Volkskundlern, ergab, daß das Lied an deutschen Fronten das meistgesungene war, und zwar wegen seiner »begeisternden Wirkung«. Dazu muß man wissen, daß es jetzt nur noch zum wenigsten aus Uhlands Text bestand, sondern aus einem Potpourri erzpatriotischer Kehrreime. Vorneweg wurden im Originalton jeweils nur die ersten drei Verse gesungen – und dann:

Gloria, Gloria, Gloria Viktoria!
Ja mit Herz und Hand
Fürs Vaterland, fürs Vaterland.
Die Vöglein im Walde,
die sangen all so wunderschön.
In der Heimat, in der Heimat,
da gibt’s ein Wiedersehn.

Noch im ersten Kriegsjahr brachten Uhland-Puristen ein Flugblatt heraus (»Der ›Gute Kamerad‹ in schlechter Verfassung«), in dem sie für derlei »Verhunzungen« das »Eindringen von Operettenschlagern« in die Alltagskultur verantwortlich machen. Doch den wahren Schuldigen entlarvte im August 1918 die »Turn-Zeitung«: Er heiße Wilhelm Lindemann, sei Kabarettist in Berlin und berühmt für die bösen Scherze, die er »zu Vortragszwecken« mit vaterländischem Liedgut treibe. Kein Wunder, daß der an das Lied geklebte Kehrreim so komisch klingt; gesungen wurde er aber im Ernst. Die Verteidiger des Kehrreims kamen der Sache näher. In ihren Streitschriften begrüßen sie das »Gloria« als Ventilation »unsagbarer Gefühle« zwischen Heimweh und Todesfurcht. Willkommen ist ihnen das Schlagwort-Gewitter des »Gloria« auch, weil es wie ein nationales Glaubensbekenntnis tönt. Der Gute Kamerad scheint heimgekehrt ins Kaiserreich, zum »Gemüt« hat er endlich »Gesinnung« erworben. Konnte man mehr recht behalten, als Heyman Steinthal, der das Schicksal des Volkslieds mit dem der Volkssprache verbunden sah? Die Phrase beherrschte die öffentliche Rede – im Sinn von Karl Kraus‘ Erkenntnis, daß das erste Opfer des Kriegs immer die Sprache sei – und folglich Uhlands Lied.

Die nationale Vereinnahmung erzeugte aber auch ihr Gegenstück: die (bewußte) Parodie. Als von 1916 an die Siegeszuversicht schwand, blühten an allen Fronten die Spottversionen. Sie richten sich oft gegen die miserable Versorgung (»Ich hatt einen Katzenbraten«) oder schwelgen – teils mit pazifistischem Unterton – im Überdruß:

Ich hatt einen Kameraden.
Einen schlechtern findst du nit.
Die Trommel schlagt zum Streite,
Er schleicht von meiner Seite
Und sagt: ›I tu nit mit‹.

Fortan wurde das Lied von allen Seiten beansprucht. Doch sein Sinnkern blieb unverletzt, mochten die Seiten noch so gegensätzlich sein. Den stärksten Beleg dafür bietet Wolfgang Langhoff in seinen Moorsoldaten, den Erinnerungen an seine KZ-Haft während der frühen Nazi-Zeit: Die SS hat einen Häftling erschossen. Die anderen überlegen, wie sie dagegen »protestieren« können. Als beim Appell der Befehl kommt: Singen!, stimmen sie den Guten Kameraden an. Die SS-Männer sind irritiert. Einer fragt die Häftlinge: Wieso dieses Lied? Sie sagen es ihm, und er »stiefelt nachdenklich auf seinen Platz zurück«.

Ob sich deutsche Landser im Zweiten Weltkrieg durch Uhlands Lied bei ihren Vorgesetzten ähnlichen Respekt verschafften, ist zweifelhaft, zumindest im folgenden Fall. Es scheint unglaublich, aber da getrauen sich ein paar Todgeweihte, in ihrer Frontkämpferzeitung Nr. 31, Dez. 42 diese Zeilen zu drucken:

Wir hab’n einen großen Führer
Einen größern findt ihr nicht.
Er führt durch blut’ge Kriege
Vier Jahr lang uns zum Siege,
Doch das Ende sehn wir nicht.
Gloria, Gloria, Gloria Viktoria!
Für das Hakenkreuz,
Mit dem Ritterkreuz
Gehn wir zu Grab.

Wie auch Ernst Buschs antifaschistische Neuschöpfung aus dem Spanischen Bürgerkrieg, gewidmet dem gefallenen Kommunisten Hans Beimler (»Eine Kugel kam geflogen / aus der ›Heimat‹ für ihn her«), belegt diese Variante den mythischen Charakter, den das Lied inzwischen angenommen hatte. Es ließ sich endlos aktualisieren, immerfort neuen Erfahrungen und Positionen angleichen, aber stets so, daß darunter der Urkamerad erkennbar blieb. Uhlands Lied wurde sozusagen ein Überschreib-Lied, eine Palimpsest-Hymne nach der Art der mittelalterlichen Schreibvorlagen, die abgekratzt und wieder beschrieben werden konnten, und zwar so, daß die ältere unter der jüngeren Schrift noch lesbar war. Warum aber entstand statt der zahllosen Überschreibungen kein neues Lied? Ein ganz persönliches, unverwechselbares? Fanden die Deutschen im Guten Kameraden zu allen Zeiten ihre heimliche Hymne? Vielleicht wurde für jene, die auf Uhlands Form zurückgriffen, die eigene Erfahrung gerade in dieser Form vertrauter, glaubwürdiger, teilbarer und mitteilbarer.

Eine weitere Antwort gibt in seinen Studien über die Deutschen Norbert Elias, der das Lied als Soldat im Ersten Weltkrieg kennenlernte. Die Deutschen hätten den Guten Kameraden stets so inbrünstig gesungen, weil er ihr »verdüstertes Selbstgefühl« ausdrückte. Daß ihre Lieblingslieder fast alle eine »starke Vorahnung des Todes« erfülle, sei historisch zu erklären: Vom 16. Jahrhundert an war Deutschland durch seine staatliche Schwäche viele Male Europas »Hauptkriegsschauplatz«. Vor allem der Dreißigjährige Krieg hinterließ traumatische Spuren im »Habitus der Deutschen«. Geblieben sei ihnen eine unauslöschliche Erinnerung an Zerstörung, Tod, Vergeblichkeit.

Elias weist so dem Guten Kameraden seine Bedeutung im größtmöglichen Zeitraum deutscher Geschichte zu. Doch ist dies unselige Kontinuum mittlerweile beendet? Was den Guten Kameraden betrifft, sieht es so aus. Zumindest, wenn man den Blick auf sein Erscheinungsbild in Heiner Müllers frühem Drama Die Schlacht lenkt. Darin gibt es eine Szene, in der deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs, vor Hunger dem Wahnsinn nahe, zu Silchers Klang und Uhlands Worten einen Kameraden verspeisen. Das ist die äußerste Katastrophe, die den Guten Kameraden ereilen kann. Im kannibalischen Irrsinn des totalen Kriegs findet die Tübinger Romantik ihr Ende.

Doch seine bisher letzte Wiederkehr fand in den Stammheimer Zellen der RAF statt, und sie ist keine Erfindung. Stefan Aust zitiert in seinem »Baader-Meinhof-Komplex« aus einem konfiszierten Kassiber Gudrun Ensslins, in dem inmitten kleingehackter RAF-Prosa der Vers steht: »Ich hatt einen Kameraden«. Er blitzt auf, als die Verfasserin sich wieder einmal zugunsten Baaders gegen die »Verräterin« Meinhof entscheidet. Der »Gute Kamerad« als Orientierungshelfer zwischen Freund und Feind: So kompliziert konnte im Volksbefreiungskrieg die Lage mitunter sein.

Kurt Oesterle, Tübungen

Der Artikel wurde zuerst im Schwäbischen Tagblatt, Tübingen, am 15. November 1997 abgedruckt; der Verfasser hat dafür den Theodor-Wolff-Preis des Verbandes der deutschen Zeitungsverleger erhalten.