„Der Mensch kann manche Sachen…“ – Zu Dieter Süverkrüps Übersetzung von „La Lega“, gesungen von Zupfgeigenhansel

Zupfgeigenhansel (Text: Dieter Süverkrüp)

Miteinander

1. Der Mensch kann manche Sachen   
ganz für sich selber machen
laut lachen oder singen, 
kreuzweis' im Tanze springen.
Doch bringt das nicht die reine   
Erfüllung so alleine,
es wird gleich amüsanter,   
betreibt man's miteinander.

Oli, oli, ola, 
wir sind miteinander da,
zusammen und gemeinsam, 
nicht einsam und alleinsam.
Oli, oli, ola, 
miteinander geht es ja,
wenn wir zusammen kommen, 
komm' wir der Sache nah.

2. Zu manchen Tätigkeiten,   
bedarf es eines Zweiten,
so etwa zum Begleiten,   
zum Tratschen und zum Streiten.
Auch das zusammen Singen,   
soll zweisam besser klingen.
Erst recht in Liebesdingen   
läßt sich zu zweit mehr bringen.

Oli, oli, ola, [...]

3. Sodann das Fußballspielen   
geht immer nur mit vielen,
wie auch das Volksfest feiern   
und das nicht nur in Bayern.
Auch Demonstrationen,   
wenn sie den Aufwand lohnen,
erfordern eine Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

4. Im wesentlichen Falle,   
da brauchen wir uns alle
auf diesem Erdenballe,   
damit er nicht zerknalle.
Schiebt alle Streitigkeiten   
für eine Weil' beiseiten,  
und laßt uns drüber streiten   
dereinst in Friedenszeiten.

Oli, oli, ola, [...]

5. Befällt uns das Verzagen   
so müssen wir's verjagen,
vielleicht zusammen singen,   
ein Faß zu Ende bringen.
Laßt uns zusammen juchzen   
und wenn es sein muß schluchzen.
Der Mensch braucht jede Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

     [Zupfgeigenhansel: Miteinander. Musikant 1982.]

Der Textdichter Süverkrüp

Der Text ist die recht freie Übersetzung von Dieter Süverkrüp eines italienischen Gewerkschaftslieds. Der 1934 geborene Liedermacher, Musiker, Grafiker und Maler Süverkrüp war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt. Seine musikalisch besonders kreative Phase und sein starkes politisches Engagement lagen bereits hinter ihm. War er in den sechziger Jahren erfolgreich als Jazzgitarrist mit den Düsseldorfer Feetwarmers – in den Pausen der Konzerte spielt er auch mal Bach -, so füllte der Singer Songwriter in den siebziger Jahren mühelos die großen Auditorien der Unis (Audimax) und sang bei Ostermärschen, Betriebsbesetzungen und Festivals bis Anfang der achtziger Jahre.

Nach den Erfolgen seiner Interpretationen französischer Revolutionslieder wie Ah, ca ira (Ah, das geht ran, die Aristokraten an die Laterne) oder La Caramagnole (Madame Veto) (Übersetzung Gerd Semmer), der Lieder gegen die Atombewaffnung, z. B. Strontium 90 oder Unser Marsch ist eine gute Sache, (Text und Melodie: Hannes Stütz) wurde er in allen Schichten der deutschen Bevölkerung mit seinem sozialkritischen Kinderlied Der Baggerführer Willibald bekannt. Weniger bekannt wurden seine antikapitalistischen Parodien wie Wilde Nacht, streikende Nacht oder Leise pieselt das Reh und sein Vietnam-Zyklus. Süverkrüps Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten fand Beifall über enge parteipolitische Grenzen hinaus. Er erhielt Preise für seine „widerborstigen Lieder“ (so ein Albumtitel) sowohl in der Bundesrepublik (Deutscher Kleinkunstpreis und Preis der Deutschen Schallplattenkritik) als auch in der DDR (Heinrich-Heine-Preis).

Als studierter Grafiker und Maler widmet sich Süverkrüp nach seinen „Liederjahren“ seinen anderen Talenten (vgl. das mit einigen seiner Liedtexte und Grafiken versehene von Udo Achten herausgegebene Buch Süverkrüps Liederjahre 1963 – 1985 ff, Essen 2002). Zahlreiche Zeichnungen, Radierungen, Kupferstiche und Ölbilder zeugen bis heute davon.

Offen bleibt, wann und wo Süverkrüp das italienische Lied Sebben che siamo donne mit dem Titel La Lega kennengelernt hat. Die im folgenden notierte deutsche Fassung basiert auf einer wörtlichen Übersetzung, die ich als Versuch in eine annähernd singbare Version übertragen habe.

Vergleich La LegaMiteinander 

 

La Lega 

1. Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli , per amor die nostrr figli
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli in lega ci mettiamo.

O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e moi altri lavoratori
O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori  vogliamo la libertà.

2. E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone, crumiri col padrone
E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone son tutti d'ammazzar.

O li o li o la [...]

3. Sebben‘ che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
E ben ci difendiamo.

O li o li o la [...]

4. E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia abasiate la superbia
E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia e aprite il portofoglio.

O li o li o la e la lega la crescerà
E noialtri lavoratori e noialtri lavoratori
O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e noialtri lavoratori

O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri socialisti e noi altri socialisti
O li o li o la e la lega la crescerà
E no ialtri socialisti vogliamo la libertà .


[Übersetzung]

1. Und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
dank der Liebe unsrer Kinder, dank der die Liebe unsrer Kinder,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste.
mit der Liebe unsrer Kinder, geh'n wir in die Gewerkschaft.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, wir streben nach der Freiheit.

2. Die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft,
Streikbrecher und Gutsherren, Streikbrecher und Gutsherren,
die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft
Streikbrecher und Gutsherren sind alle totzuschlagen.

Oli-oli-ola, [...]

3. Und sind wir auch nur  Frauen, wir haben keine Ängste,
wir haben Argumente und zwar richtig treffende,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
wir haben gute Argumente, wissen uns zu verteidigen.

Oli-oli-ola, [...]

4. Und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
schlagt nieder euren Hochmut, schlagt nieder euren Hochmut
und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
vergeßt bloß euren Hochmut und öffnet die Schatullen.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, wir wollen gut bezahlt werden.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten und wir, wir Sozialisten
oli-oli-ola die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten, wir streben nach der Freiheit.

Das Lied La Lega (die Liga, hier: die Gewerkschaft) entstand in den Jahren 1890 bis 1900. Wer den Text verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich ist er während der Arbeit auf den Reisfeldern in der Poebene von mehreren Frauen gedichtet worden. Die Melodie setzt sich aus Teilen verschiedener italienischer Volkslieder zusammen, die nicht näher zu bestimmen sind.

Während es im Original die schwer arbeitenden Frauen sind, die Reis anbauend oder pflückend, ihre Situation besingen, geht es in der freien Übersetzung von Süverkrüp um Menschen allgemein.

In der ersten Strophe des italienischen Liedes machen sich die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern selbst Mut – „wir haben keine Angst“ – Mut, den sie auch der Liebe ihrer Kinder verdanken. Aber sie sind sich klar darüber, dass sie, um ihre soziale Lage zu verbessern, eine Gewerkschaft brauchen, und sie wollen in die Gewerkschaft eintreten (um 1900 wurden in Italien die ersten Gewerkschaften gegründet).

Dagegen beschreibt Süverkrüp zunächst, was ein Mensch „für sich selber machen“ kann, und zählt exemplarisch auf: lachen, singen tanzen. Zugleich weist er darauf hin, dass es viel mehr Freude macht, diese „Sachen“ gemeinsam zu machen. Diese Aussage wird im Refrain bekräftigt: Nach der reinen Beschreibung gemeinsamer Tätigkeiten der Strophen eins bis drei bezieht sich der Dichter ein: „wenn wir gemeinsam kommen, komm‘ wir der Sache nah“.

Im Refrain des Originals sind die Frauen zuversichtlich, dass die Gewerkschaft wachsen und damit stärker werden wird. Das erinnert an das seit mehr als 100 Jahren gewerkschaftliche Motto Gemeinsam sind wir stark oder an den Spontispruch aus den 1970er Jahren Allein machen sie dich ein.

Zugleich streben die Frauen nach der Freiheit, nach der Befreiung von der Fronarbeit auf den Reisfeldern. Aber, so singen die Frauen bedauernd, die Befreiung kommt nicht, wenn es keine Gewerkschaft gibt. Die Frauen sind so enttäuscht, als andere Arbeiter ihren (gerade begonnenen) Streik brechen, dass sie wünschen, dass die Streikbrecher totgeschlagen werden sollten, ebenso wie die ausbeuterischen Großgrundbesitzer.

Süverkrüp setzt der zweiten Strophe seine anfangs unpolitische Beschreibung der Tätigkeiten, die man besser zu zweit ausübt, fort: ‚begleiten, tratschen, streiten, singen‘ – nicht zuletzt gilt das auch „in Liebesdingen“. In der dritten Strophe erweitert Süverkrüp die Zweisamkeit. Es leuchtet ein, dass das Fußballspielen vieler Menschen bedarf, ebenso wie Demonstrationen mit nur einer Handvoll Leute keinen Eindruck auf die Adressaten machen.

Um ihre Furcht zu vertreiben, wiederholen die italienischen Frauen mehrmals, dass sie keine Ängste haben. Schließlich haben sie gute Argumente und wissen sich zu verteidigen, d.h. ihre Forderungen gut zu begründen. Dann werden die Arbeiterinnen offensiv: sie fordern die hohen Herren auf, ihren Hochmut und ihre Überheblichkeit abzulegen und ihre Schatullen zu öffnen und angemessene Löhne zu zahlen (Strophen 4 und 5).

In der vierten Strophe der Version Süverkrüps erkennen wir den politischen Liedermacher. Zwar wird der ‚wesentliche Fall, in dem der Erdball zerknallt‘ nicht konkretisiert, aber wir können uns leicht vorstellen, was gemeint ist, nämlich ein Weltkrieg mit dem Einsatz von Atomwaffen. Und um es nicht zum overkill kommen zu lassen, fordert Süverkrüp uns, v.a. diejenigen, die sich für Frieden einsetzen, auf, alle (politischen) Differenzen so lange ruhen („für eine Weil‘ beiseiten“) zu lassen, bis das wichtige gemeinsame Ziel erreicht ist und „Friedenszeiten“ eingekehrt sind.

Und während in der italienischen Fassung die Frauen nach wir vor auf eine starke Gewerkschaft hoffen, betonen sie, dass sie als Sozialistinnen – in anderen Fassungen als Kommunistinnen – die Befreiung von der Fronarbeit und damit bessere Arbeitsbedingungen fordern.

In der fünften Strophe sieht Süverkrüp, wobei er sich als Person erneut einbezieht, durchaus die Möglichkeit, dass die Forderung nach friedlichem Zusammenleben nicht in jedem Fall Gehör finden wird. Daher macht er uns Mut, eventuell durch gemeinsames Singen (auf Demonstrationen und Kundgebungen) unsere Kleinmütigkeit „zu verjagen“, auch indem wir gemeinsam Freude erleben und Leiden durchleben. Und wir sollten uns klarmachen, dass wir das nicht alleine schaffen, sondern nur gemeinsam, wie Süverkrüp es ausdrückt „Der Mensch braucht jede Menge / an menschlichem Gedränge“.

So ist aus der anfänglichen nett daher kommenden Aufzählung spielerischer und sportlicher Betätigungen der deutschen Version doch noch ein politisches Lied geworden.

Rezeption

Wie die italienische Musikgruppe Bella Ciao auf ihrem Konzert beim Internationalen Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) 2018 erzählte, war das Gewerkschaftslied La Lega jahrzehntelang in Vergessenheit geraten. Erst 1964 auf dem Festival dei Due Mondi in Spoleto, einer Kleinstadt in Perugia (Umbrien) wurden Lieder wie La Lega und auch das Partisanenlied Bella Ciao wiederentdeckt (vgl. www.iedm.it/) „Die Uraufführung dieses Meilensteins der italienischen Musikgeschichte“, die wegen der alten Arbeiter- und Partisanenlieder „nicht ohne wüste Polemiken“ (www.cultureworks.at stattfand, war ein Auslöser zum Folk-Revival in Italien.

Das erste mir bekannte Liederbuch mit La Lega stammt aus dem Jahr 1975: Canzoni italiane di protesta 1794-1974. Weltweit bekannt wurde dieses „erste Lied des proletarischen Kampfes von Frauen“ (Nanni Svampa, La mia morosa cara, Milano, 1978) 1976 durch den Film 1900 (Novecento) von Bernado Bertolucci. Im Film wird die Lebensgeschichte zweier Männer zwischen 1900 und 1945 erzählt, der Söhne eines Landarbeiters und eines Gutsherren. Deren ambivalente Freundschaft wird geschildert vor dem Hintergrund des aufkommenden Faschismus und  der kommunistischen Gegenbewegung. Das Lied ist zu hören, als die Bauern unter der Leitung von Anna, einer Landarbeiterin, anfangen, gegen die Vertreibung der Bauern, die ihre Schulden an die wohlhabenden Gutsbesitzer nicht bezahlen können, zu demonstrieren.

1982, im selben Jahr, in dem Süverkrüp das italienische Lied frei ins Deutsche übertragen hatte, nahm es das Folkduo Zupfgeigenhansel in sein Repertoire auf. Mit großem Erfolg trugen sie es auf ihren Tourneen durch Deutschland vor, wobei der Refrain von vielen Konzertbesuchern mitgesungen wurde. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, in dem ich von Süverkrüp keinen Tonträger mit Der Mensch kann manche Sachen gefunden habe, sind zwei LPs (1982 und 1984) und eine CD (2004) mit dem Titel Miteinander vorhanden, gesungen und gespielt von Zupfgeigenhansel, gelistet. Miteinander fand nur in wenige deutsche Liederbücher Eingang , z.B. in Wir lieben das Leben der Naturfreunde (1987), in das Bundesliederbuch des Deutschen Pfadfinderbundes Mosaik (2001) und in Feuerfunken – Greifenlieder, 2015 herausgegeben von einem lokalen Wandervogelverein.

In Italien ist La Lega inzwischen fast so populär wie das Partisanenlied Bella Ciao. In Italien und in einigen anderen Ländern wird „Sebben che siamo donne“ am 8. März, dem Internationalen Frauentag, in der jeweiligen Landessprache oder in der Originalfassung  gesungen.

Hier zum gemeinsamen Singen die Noten mit der ersten Strophe der Süverkrüp-Version:

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag:

Laut Auskunft von Dieter Süverkrüp hat er um 1980 eine deutsche Übersetzung von La Lega in der Liedermacher-Szene kennengelernt. Vom Singer/Songwriter Lerryn (= Dieter Dehm, bekanntestes Lied 1000 und eine Nacht, 1984) angeregt, hat Süverkrüp dann 1982 seine Fassung des italienischen Gewerkschaftslieds getextet. Wie Süverkrüp bei einem Auftritt in Italien von einem Lehrer erfahren hat, wurde „Oli, oli, ola“ in den Bergen gerufen ähnlich wie der Almschroa, der Juchzer des Jodelns, z.B. in den Alpenländern den Hirten und Sammlern als Verständigungsruf diente.

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Florales Abschiedslied: „Es dunkelt schon in der Heide“

Anonym 

Es dunkelt schon in der Heide

1. Es dunkelt schon in der Heide, 
nach Hause laßt uns geh'n;
wir haben das Korn geschnitten 
mit unserm blanken Schwert. 

2. Ich hörte die Sichel rauschen, 
ja rauschen durch das Korn. 
Ich hörte mein Feinslieb klagen, 
sie hätte ihr Lieb' verlor'n. 

3. Hast du dein Lieb' verloren, 
so hab ich noch das mein;
so wollen wir beide mit'nander 
uns winden ein Kränzelein. 

4. Ein Kränzelein von Rosen, 
ein Sträußelein von Klee, 
zu Frankfurt an der Brücke, 
da liegt ein tiefer Schnee. 

5. Der Schnee, der ist zerschmolzen, 
das Wasser läuft dahin, 
kommst mir aus meinem Auge, 
kommst mir aus meinem Sinn. 

6. In meines Vaters Garten, 
da steh'n zwei Bäumelein; 
das eine trägt Muskaten, 
das and're Braunnägelein. 

7. Muskaten, die sind süße, 
Braunnägelein sind schön;
wir beide uns müssen scheiden, 
ja scheiden, das tut weh.

Dieses bekannte und im Volk sehr beliebte Lied gibt es in vielen verschiedenen Fassungen. Strophen wurden (je nach Vorliebe der Singenden) dazugestellt – sogenannte Wanderstrophen – andere wiederum wurden vergessen oder absichtlich weggelassen. Motive, Wendungen und Metaphern zeigen eine Formelhaftigkeit, die typisch ist für das Volkslied. Vieles scheint auch unlogisch, mit dem Verstand nicht erklärbar, doch Gefühl und Gemüt werden um so stärker angesprochen, weil die Symbolhaftigkeit des Liedes eher durch die Seele als durch den Verstand erfasst wird.

Es gibt daher nicht nur eine mögliche Deutung und Interpretation eines Liedes, sondern ebenso viele, wie es Märchendeutungen gibt. Märchen und Lieder stammen in gleicher Weise aus tieferen Schichten der Seele und sprechen daher auch tiefere Schichten der Seele an. Hier also der Versuch einer Deutung des Liedes:

Es dunkelt schon in der Heide,
nach Hause laßt uns geh’n,
wir haben das Korn geschnitten

Bereits in der ersten Strophe fällt auf, dass „Heide“ und „Korn“ vom Verstand her nicht so recht zusammenpassen wollen. Von der Symbolik her jedoch sehr gut.

Betrachtet man Lieder, in denen die „Heide“ vorkommt – einschließlich der Kunstlieder von Walther von der Vogelweides Unter der Linden auf der Heiden bis hin zu Goethes Röslein auf der Heiden – so stellt sich die Heide als Ort dar, der außerhalb des vertrauten Bereiches, wild, jenseits des Sittlichen, als Ort der freien Liebe erscheint.

Das „Korn“ hat eine uralte erotische Vegetationssymbolik. In den Liedern ist Korn, Gerste, grasen gehen, in den Klee gehen, die Metapher für geschlechtliche Vereinigung.

wir haben das Korn geschnitten
mit unserm blanken Schwert

Das Schneiden mit dem Schwert hat etwas Gewaltsames – ein Bild für das Zerschneiden und Zerstören der Zuneigung und Liebe.

Ich hörte die Sichel rauschen

Hier gibt es eine Urfassung:

Ich hört ein sichelin rauschen
wol rauschen durch das korn,
ich hört ein fein magt klagen,
sie het ir lieb verlorn.

Die Eingangsformel der ersten Zeile kann kaum schlichter sein, aber sie trägt Bedeutung genug. So einfach sie sich gibt, so unüberhörbar tönt der Sichelklang. Die zweite Zeile „wol rauschen durch das korn“ nimmt den Klang auf und führt das begonnene Bild zu Ende: Die Sichel fährt durch reife Frucht. Ein verwandtes Bild haben wir in dem alten Lied Es ist ein Schnitter heißt der Tod – Liebe und Tod als zusammengehörendes Gegensatzpaar.

ich hört ein fein magt klagen

Die Klage des Mädchens geschieht unter dem Rauschen der Sichel; wer wollte eins vom anderen trennen? So übergangslos, wie die formelhaft ähnlichen Sätze aufeinanderfolgen, so eins ist beides: Klage und Sichelklang.

Die erste Strophe scheint als selbständiges Lied bestanden zu haben, und Strophe 2 und 3 sind, wie der Liedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme meinte, ein altes Tanzlied: Es gibt das flüchtige Gespräch zweier Mädchen wieder, von denen die eine einen Geliebten verloren, die andere ihn gefunden hat. Ludwig Uhland hat die drei Strophen zusammengestellt, weil er die thematische Verwandtschaft spürte, und wir nehmen diese Vereinigung gerne hin.

Manches Lied, das uns als eine glückliche Einheit anmutet, ist mehr oder minder zufällig aus verschiedenen Teilen zusammengewachsen. Motive, Wendungen, Strophen gleichen Tons und gleicher Stimmung können im Reich des Volksliedes sehr wohl zu neuer Einheit zusammenfinden.

„La rauschen, lieb, la rauschen,
ich acht nit wie es ge:
Ich hab mir ein bulen erworben
in feiel und grünen kle.“

„Hast du ein bulen erworben
im veiel und grünen kle,
so ste ich hie alleine,
tut meinem herzen we.“

Wehmut der verlorenen Liebe hat die eine befallen, als sie die Sichel durch das Korn rauschen hörte. Doch die andere achtet nicht darauf, obwohl sie weiß, dass Sichelklang und Ende, Liebe, Kummer und Tod so sehr verwandt sind – „ich acht nit wie es ge.“

Das Lied konzentriert, indem es die Mädchen in sparsamsten Worten Freude und Klage aussprechen lässt, es bleibt im Typischen und berührt so menschliches Fühlen in seiner Allgemeinheit.

„Hast du ein bulen erworben
im veiel und grünen kle,“

Es fehlen nicht die Veilchen und der grüne Klee. Blumen überhaupt sind Lieblinge des Volksliedes, überall sprießen sie empor, Röslein auf der Heide und Blümlein blaue

Die Veilchen und der grüne Klee zeigen den Frühling an, wie er zur Liebe gehört, und führen nun im Ganzen der drei Strophen ein heimliches Widerspiel zum herbstlichen Klang der Sichel. Über dem Ganzen liegt wie ein Schein der Gegensatz zwischen Herbst und Frühling – zwischen Tod und Liebe. Soweit zu den Strophen des alten Liedes vom „Sichleinrauschen“. Nun zurück zum Lied, welches wir vor uns haben:

Hast du dein Lieb verloren,
so hab ich noch das mein:
So wollen wir beide mitnander
uns winden ein Kränzelein.

Ein Kränzelein von Rosen,
ein Sträußelein von Klee

Kranz, Jungfernkranz und Brautkrone, sie weisen symbolisch auf etwas Geschlossenes, noch vollständig Vorhandenes und Unverletztes, auf die bräutliche Unschuld hin. Der Blumenkranz oder auch Rosenkranz ist Sinnbild der jungfräulichen Blüte, das blumenlose Sträußelein von Klee hingegen ist Zeichen der verlorenen Jungfernschaft.

Zu Frankfurt auf der Brücke,
da liegt ein tiefer Schnee.

Die Brücke war früher der Ort der Brautübergabe. Wenn tiefer Schnee liegt, ist die Brücke nicht mehr begehbar. In unzähligen Liedern erscheint der Schnee als Trennungsmotiv. Siehe auch Und in dem Schneegebirge oder Es ist ein Schnee gefallen…

Der Schnee, der ist zerschmolzen,
das Wasser läuft dahin.

Das Wasser – ein Symbol des Eros – läuft davon, die Liebe zerrinnt, ist unwiederbringlich dahin. So z.B. auch im jiddischen Lied Ale vasserlech flisn avek, die gribelech blaybn leydig – All die Wasser fließen dahin, die Gräben sind ausgetrocknet (aus Cesar Bresgen: Europäische Liebeslieder).

Kommst mir aus meinem Auge,
kommst mir aus meinem Sinn.

Die Trennung, die so schmerzlich ist, findet Linderung im Vergessen.

In meines Vaters Garten,
da stehn zwei Bäumelein,
das eine, das trägt Muskaten,
das andre Braunnägelein.

Muskaten, die sind süße,
Braunnägelein sind schön;
wir beide müssen uns scheiden,
ja scheiden, das tut weh.

Seltsam, die beiden Wunderbäume, die Muskaten und Braunnägelein tragen. Muskaten und Braunnägelein sind eine Metapher für die sinnliche Liebe. Die beiden Gewürze mit ihrem starken Duft finden Verwendung als Aphrodisiakum im Liebeszauber. Bei „süßen“ Muskaten ist auch an Muskattrauben zu denken, während bei Braunnägelein wohl die Gewürznelken gemeint sind, deren Form einem Nagel gleicht. Interessant ist auch der Spruch aus dem Hohelohischen, nördlich der Rems:

Unter meim rote Rock
hab‘ i en braune Nägelesstock.
Is denn kei Bu so keck
un bricht mir des Nägele weg.

[aus dem Schwäbischen Wörterbuch]

„Muskaten, die sind süße, / Braunnäglein die sind räss“, wie es in einer anderen Fassung heißt. Räss – das bedeutet im süddeutschen Sprachgebrauch: herb, sauer, zusammenziehend. „Süß“ und „sauer“ als Gegensatzpaar – die Liebe ist sowohl als auch, sie kann Lust und Schmerz bedeuten. Auf süße Lieb’ folgt oft bitteres Leid, die Trennung der Liebenden.

Karin Kothe, Karlsruhe und Karl-Hans Frank

Zuerst erschienen in der Publikation Lied des Monats der Klingenden Brücke, Heft Nr. 29, November 2016.

 

Den Frühling begrüßen: „So treiben wir den Winter aus“

So treiben wir den Winter aus

So treiben wir den Winter aus
durch unsre Stadt zum Tor hinaus
und jagen ihn zuschanden,
hinweg aus unsern Landen.

Wir stürzen ihn von Berg zu Tal,
damit er sich zu Tode fall.
Wir jagen ihn über die Heiden,
daß er den Tod muss leiden.

Wir jagen den Winter vor die Tür,
den Sommer bringen wir herfür,
den Sommer und den Maien,
die Blümlein mancherleien.

 

Noch im 19. Jahrhundert wurde am dritten Sonntag in der Mitte der Fastenzeit (Mittfasten, im Kirchenjahr Laetare = Freue dich – auf die Auferstehung Jesu) in vielen Regionen Deutschlands der Frühlingsbeginn gefeiert. Heutzutage werden das Winteraustreiben und das Sommereinholen vorwiegend in Mitteldeutschlands und in Südwestdeutschland begangen. Und nach wie vor wird auf dem damit verbundenem Umzug und bei dem sich anschließenden Verbrennen oder Ertränken einer Strohpuppe das Lied So treiben wir den Winter aus gesungen.

Von wem der Text stammt, ist unbekannt; die Melodie geht auf eine alte Volksweise aus der Zeit vor 1540 zurück.

Die Melodie wurde auch für geistliche Umdichtungen benutzt (vgl. Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2. Auflage 1981, S. 822). Hier eine erste Strophe mit „reformatorischer Polemik“ (Theo Mang: Der Liederquell, 2015, S. 102), wobei mit dem Antichristen der Papst gemeint ist:

1. So treiben wir den Winter aus,
Durch unsre Stadt zum Tor hinaus,
Mit sein‘ Betrug und Listen,
Den rechten Antichristen.

Die hinzugefügte vierte Strophe weist auf einen der vier Grundsätze der Reformation hin: sola scriptura: Was die Gläubigen tun müssen, kann ihnen niemanden vorschreiben, es ist nur in der Bibel zu finden.

4. Die Blume sproßt aus göttlich Wort,
Und deutet auf viel schönern Ort,
Wer ist’s der das gelehret?
Gott ist’s, der hats bescheret.

[aus: Achim von Arnim, Clemens Brentano (Hg.): Des Knaben Wunderhorn, 1806, Band 1, S. 106.]

Nachdem Luther kurz vor seinem Tod 1545 eine letzte Schrift gegen die römische Kirche Wider das Bapsttum zu Rom vom Teufel gestifft verfasst hatte, sang einer seiner Mitstreiter, der Pfarrer Johannes Mathesius (1504-1565) die folgenden 1541 auf einem Flugblatt aus Wittenberg dokumentierten drastischen Strophen (hier Auszüge aus Erk/Böhme: Deutscher Liederhort, Band II,  S. 89):

1. Nun treiben wir den Papst heraus,
aus Christus Kirch und Gotteshaus.
Darin er mördlich hat regiert
und unzählich viel Seel’n verführt.

[…]

4. Der römisch Götz ist ausgethan,
Den rechten Papst wir nehmen an:
Das ist Gotts Sohn, der Fels und Christ,
Auf dem sein Kirch erbauet ist.

[…]

7. Er geht ein frischer Sommer herzu,
Verleih uns Christus Fried und Ruh!
Bescher uns, Herr, ein seligs Jahr
Vor’m Papst und Türken uns bewahr!

Dieses Lied erschien auch in gekürzter Form in einigen evangelischen Gesangbüchern, z.B. 1597 im Hofer Gesangbuch mit der Bemerkung „Am Sonntag Laetare, zum Tod austragen, und den Babst aus der Kirche zu jagen“ (zitiert nach Erk/Böhme, S. 89). In mehreren Liederbüchern wird darauf hingewiesen, dass Luther den Text verfasst habe. Der Volksliedforscher Heinz Rölleke hält ihn hingegen lediglich für eine Überarbeitung Luthers (vgl. Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 61). Einig sind sich die Volksliedforscher von Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme bis Ernst Klusen bis Heinz Rölleke darin, dass uns „die schöne Melodie“ durch das „reformatorische Kampflied“ (Mang, S. 102) erhalten geblieben ist.

Eine andere Umdichtung des Liedes ist Nun treiben wir den Tod hinaus. Obwohl der Brauch des Todaustreibens bereits seit 1439 bezeugt ist (vgl. Rölleke, S. 68), wurde dieses Lied erst etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt. Gesungen wurde es bei prozessionsartigen Umzügen an Mittfasten. Dazu wurde aus Pappe oder Stroh eine Puppe gebastelt, häufig in weiße Tücher gehüllt, durch die Straßen getragen und dabei Folgendes gesungen:

So treiben wir den Tod hinaus,
Den alten Weibern in das Haus,
Den Reichen in den Kasten
Heute ist Mitterfasten.

Nachdem „der Tod“ schließlich auf einem Platz verbrannt oder ins Wasser geworfen wurde, stimmten alle folgende Strophe an:

Den Tod haben wir ausgetrieben,
Den Sommer bring’n wir wieder,
Das Leben ist zu Haus geblieben
Drum singen wir fröhliche Lieder.

Oder statt der beiden letzten Verse auch:

Des Sommers und des Maien,
Des wollen wir uns erfreuen.

[Aus: Franz Magnus Böhme, Altdeutsches Liederbuch 1877, S. 608.]

So verquickten sich die Themen des Winteraustreibens und der reformatorischen Gedanken mit denen des Todaustreibens, bis der Text schließlich zu einem allgemein bekannten und beliebten Frühlingslied mit drei Strophen wurde (vgl. Rölleke, S. 68).

Foto: www.brauchwiki.de

An Mittfasten wurden auch andere Lieder gesungen, so z.B. das heute noch bekannte Lied Trarira, der Sommer, der ist da (auch Trariro, der Sommer der ist do; s. auch eine Variante von Hoffmann von Fallersleben, www.lieder-archiv.de). 1778 wurde es zum ersten Mal aufgezeichnet mit der Anmerkung: „In der Pfalz und in den umliegenden Gegenden gehen am Sonntag Lätare, welchen man den Sommersonntag nennt, die Kinder auf den Gassen herum mit hölzernen Stäben, an welchen eine mit Bändern geschmückte Brezel hängt, und singen den Sommer an, worüber sich jedermann freut“ (zitiert nach Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2. Band, S. 824). Die dritte Strophe lautet:

Trarira, der Sommer, der ist da!
Der Sommer hat gewonnen,
Der Winter hat ist zerronnen.
Ja, ja, ja, der Sommer der ist da!

Ob der etwa aus dem Jahr 1580 stammende Text mit der Melodie von 1646 (vgl. Klusen, S. 823) Heut ist ein freudenreicher Tag auf Mittfasten gesungen wurde, ist nicht überliefert. In der fünften  von 13 Strophen (s. www.lieder-archiv.de) wird der Winter direkt angesprochen:

Winter, wir haben dein genug,
nun heb dich aus dem Land mit Fug!
Alle ihr Herren mein, der Sommer ist fein.

In einer anderen Version heißt es:

O Winter, du darfst jetzt nicht viel sagn,
bald werd ich dich aus dem Sommerland jagn!
Ihr Herren mein, der Sommer ist fein

Während Trarira… in rund 200 und Trariro… in 80 mir online und privat zugänglichen Liederbüchern vertreten ist, habe ich Heut ist ein freudenreicher Tag nur in einem Schulliederbuch gefunden (Der Hamburger Musikant, Teil A vom 3. – 6. Schuljahr, 1952, S. 100). Nun (bzw. So) treiben wir den Winter aus ist in rund 250 Liederbücher aufgenommen worden. So treiben wir den Papst hinaus habe ich nur in älteren Liedersammlungen vor 1900 entdeckt.

Während das Datum des Mittfasten-Sonntags (Laetare) abhängig ist vom Ostersonntag, findet das Winteraustreiben in Nordfriesland jedes Jahr am 21. Februar statt. Beim sogenannten Biikebrennen (Biike = Bake, Feuerzeichen) wird ein riesiger aus Tannenbäumen und anderen Hölzern pyramidenhaft aufgeschichteter Haufen angezündet, was den Winter vertreiben soll.

Foto: Sönke Rahn.

Auf Sylt wird vorher eine Ansprache auf Friesisch gehalten, in vielen Dörfern hält häufig der Bürgermeister oder der Pastor eine Rede; manchmal sagen auch Kinder Gedichte in einem der nordfriesischen Dialekte auf.

In manchen Orten wird eine Strohpuppe verbrannt, Petermännchen genannt. Die bei Wikipedia (vgl. Stichwort Todaustragen, s. a. Biikebrennen)  angeführte Vermutung, dass diese Bezeichnung mit dem Vertreiben des Papstes (dem Petrus-Amt) zu tun habe, ist aus meiner Sicht abwegig. Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, als die heute üblichen großen Feuerstöße entstanden, war der reformatorische Eifer, den Papst auszutreiben, lange vorbei. Die einheitliche Festlegung des Biikebrennens am Abend des 21. Februars, die erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, könnte allerdings mit dem Vorabend des katholischen Festtags Kathedra Petri, kurz Petritag, zusammenhängen. Dieser Feiertag geht auf das 4. Jahrhundert zurück: Am 22. Februar fand die Berufung des Apostel Petrus zum Lehramt in der Kirche und damit die Übernahme des römischen Bischofsstuhls (Cathedra) statt.

Am 22. Februar endete die Winterpause für die mittelalterliche Schifffahrt, nachdem für die Hansestädte und die Küstenorte zwischen Martini (Martinstag, 11. November, Festtag des hl. Martin von Tours) und Petri Stuhlfeier die Schifffahrt geruht hatte. So wurden bereits vor der Reformation mit den Biikefeuern der Frühling und damit die Wiederaufnahme der Arbeit auf den Seeschiffen begrüßt.

Georg Nagel, Hamburg

 

Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“

Anonym

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann,
hatt' Kleider nicht, hatt' Lumpen an.
"O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!"

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Roß stand still beim armen Mann,
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt'
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
Sankt Martin aber ritt in Eil'
hinweg mit seinem Mantelteil.

Heilige, lange zentraler Bestandteil des Volksglaubens als in allen erdenklichen Notsituationen anzurufende Schutzpatrone, haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv an Popularität verloren. Das mag zum einen daran liegen, dass das Gefühl, allen möglichen Gefahren vom Sturm auf See bis zum Blitzschlag hilflos ausgeliefert zu sein und also des übernatürlichen Beistands permanent zu bedürfen, in aufgeklärten und hochtechnisierten wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften nachgelassen hat. Zum anderen könnte gerade ein wichtiger Faktor, der ehemals für die immense Beliebtheit von Heiligen mitverantwortlich war, dazu beigetragen haben, dass die meisten von ihnen mittlerweile aus dem allgemeinen Bewusstsein verschunden sind: ihre meistens grausamen und oft bizarren Todesumstände. In Zeiten, in denen Sakralkunst wo nicht gar die einzige, so doch eine zentrale Kunstform darstellte, boten gerade die Märtyrerlegenden der frühen christlichen Heiligen (von den besonders im deutschsprachigen Raum beliebten vierzehn Notehlfern ist nur ein einziger nicht als Märtyter gestorben) Stoff für drastische Darstellungen, die, speziell bei Märtyrerinnen, auch Nacktheit zuließen, – heute würde man von Splatter oder zuweilen gar von Torture Porn sprechen.

Der von Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian mit seinem oft zwischen Schmerz und Verzückung oszillierenden Gesichtsausdruck stellt hier eine der bekanntesten, aber auch eine der noch harmlosesten Varianten dar.  Der heilige Dionysius von Paris beispielsweise soll nach seiner Enthauptung seinen abgeschlagenen Kopf genommen und in einer nahen Quelle gewaschen haben, um danach zu einem sechs Kilometer entfernten Ort zu gehen, wo er begraben werden wollte – in künstlerischen Darstellungen trägt er dabei zuweilen seinen Kopf in den Händen, obwohl der ihm gleichzeitig noch auf den Schultern sitzt. Und die Symbole der ‚heiligen drei Madl“, bekannt aus dem Merkvers „Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl“, deuten ebenfalls auf grotesk-grausame Märtyrien hin: Margaretha von Antiochia musste sich nicht nur im Gefängnis eines Drachens – des (Lind-)’Wurms‘ – erwehren, sondern wurde zudem ohne Ergebnis mit Fackeln versengt und in Öl gebraten, bevor sie schließlich enthauptet wurde; Barbara von Nikomedien wurde von ihrem Vater zunächst in einemm Turm inhaftiert, dann auf Geheiß des römischen Statthalters gefoltert, dass ihr die Haut in Fetzen vom Körper hing, und, als ihre Wunden von Christus geheilt worden waren, mit Keulen geschlagen, bevor ihr die Brüste abgetrennt, sie mit Fackeln gequält und sie schließlich von ihrem eigenen Vater enthauptet wurde; Katharina von Alexandrien schließlich sollte nach zwölftägiger Geißelung durch mehrere Räder, an denen Sägen und Nägel angebracht waren, getötet werden, was jedoch ein Engel verhinderte, woraufhin auch sie enthauptet wurde; aus ihren Wunden soll statt Blut Milch geflossen sein.

Man kann sich gut vorstellen, dass diese Legenden nicht nur auf Erwachsene, sondern gerade auch auf Kinder eine große Faszination ausgeübt haben dürften. Gerade im frühen Kinderalter, in dem erste religiöse Vorstellungen typischerweise vermittelt werden, dürfte man heute im Sinne einer Bewahrpädagogik aber derartige Überlieferungen aussparen. Und so hat auch die Popularität von Heiligen massiv abgenommen. Der heilige Florian von Lorch ist zwar, meistens dargestellt als überdimensionierte Figur in römischer Legionärsrüstung, die mit einem Eimer ein brennendes Haus löscht, als Wandmalerei noch an vielen Feuerwachen zu sehen; seine Legende besteht aber auch wieder vornehmlich aus seinem Märtyrium, bei dem er, nachdem ihm die Schulterblätter mit geschärften Eisen gebrochen worden waren, ertränkt wurde – daher ursprünglich der Wasserkübel als Symbol. Neben der drastischen Grausamkeit, die man Kindern heute nicht mehr zumuten möchte, erscheint auch der religionsdidaktische Gehalt der meisten Heiligenlegenden wenig zeitgemäß: Stets geht es darum, um des Glaubens willen den schlimmsten irdischen Qualen zu widerstehen.

Hier bildet  der heilige Martin von Tours in doppelter Hinsicht eine Ausnahme: Zum einen erlitt er keinen Märtyrertod, sondern wurde erst nach der konstantinischen Wende geboren und lebte ein langes Leben, in dessen Verlauf er zum Bischof aufstieg. Zum anderen illustriert die Episode der Legende, die für die Ikonographie bis heute prägend ist, eine andere christliche Tugend als die der unbedingten Beständigkeit im Glauben: die Nächstenliebe. Beides prädestiniert Martin zum idealen Heiligen bereits für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter – nicht zuletzt deshalb, weil er den Mantel eben nur teilt und nicht ganz weggibt.

Das bekannte Volkslied über ihn, das fester Bestandteil des Liederrepertoirs  bei Laternenumzügen am Martinstag ist, umfasste im Liederschatz für katholische Vereinigungen aller Art 1904 noch 20 Strophen (siehe Lieder-Archiv), jedoch kann die ausschließliche Kanonisierung der ersten vier als Ausdruck ästhetischer Kompetenz der vielen aktiven Rezipientinnen und Rezipienten gesehen werden. Denn aus der ausufernden Schilderung der spirituellen Erlebnisse und des kirchlichen Wirkens des Heiligen ist so ein relativ kurzer, einprägsamer erzählender Liedtext geworden, der zudem mit einer schönen inhaltlichen wie sprachlichen Schlusspointe versehen ist.

Die erste Strophe hebt anschaulich die Qualitäten des Legionärsmatels hervor und stellt so sicher, dass dessen spätere Teilung auch angemessen gewürdigt wird. Die zweite Strophe erweckt Mitleid mit dem Armen und führt dessen existentiell bedrohliche Situation in seiner wörtlichen Rede drastisch vor Augen. In der dritten Strophe wird deutlich, dass Martin aus einer tief empfundenen Regung und einer festen Überzeugung heraus handelt, da er nicht zögert, wie sowohl das Bild des angehaltenen Pferdes als auch das schöne Wort „unverweilt“ hervorheben. Die vierte Strophe schließlich bricht die feierliche Stimmung, die noch durch die Melodie verstärkt wird, indem sie eben nicht, wie man nach den ersten zwei Versen erwartet, mit dem Dank des armen Mannes und der Lobpreisung des Heiligen schließt, sondern damit, dass Sankt Martin schnell davonreitet – ob aus Bescheidenheit, weil er sich nicht für etwas danken lassen will, das für ihn selbstvesrtändlich ist, oder, weil der nunmehr nur noch halbe Mantel ihn eben nicht mehr so behaglich wärmt wie in der ersten Strophe und er schnell an sein Ziel gelangen möchte, bleibt offen. Beide Interpretationen bringen einem den Heiligen jedoch näher: Die erste macht ihn zusätzlich sympathisch, die zweite vergegenwärtigt, dass es sich um einen Menschen mit ganz banalen körperlichen Empfindungen gehandelt hat.

Auf sprachlicher Ebene wird das Pathos durch das Augenblickskompositum „Mantelteil“ gebrochen, das eine komische Wirkung entfaltet. Dieses komische Element baut eine bei Kindergartenkindern sehr beliebte mündlich tradierte Umdichtung aus:

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat,
sein Ross steht still am Colaautomat,
Sankt Martin wirft ne Münze ein
und trinkt die Cola ganz allein.

Diese Version frönt zum einen der (nicht nur) kindlichen Freude am Unsinn: Der Ritt durch Pommes und Salat mutet surreal an, und ist zudem, ebenso wie der Halt am Colaautomat, grob ahistorisch. Zum anderen konterkariert sie aber auch den offenkundig sehr wohl wahrgenommenen pädagogischen Impetus – Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt -, indem betont wird, dass Sankt Martin die Cola „ganz allein“ trinkt und also eben nicht teilt. Aber solange ein Lied parodiert wird, wird es noch ernst genommen. Insofern muss einem um die Bekanntheit und Beliebtheit des heiligen Martin nicht bange sein. Und eine Ikone der Nächstenliebe ohne Selbstaufgabe ist wohl durchaus auch zeitgemäß.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

Wer keine Krone mehr hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Zu „Wem hamse de Krone jeklaut?“

Im Video gesungen von Liederjan.

Anonym

Wem hamse de Krone jeklaut?

Wem hamse de Krone jeklaut?
Wem hamse de Krone jeklaut?
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!
Ja, ja
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!

Wer hat ihm die Krone jeklaut?
Wer hat ihm die Krone jeklaut?
Der Ebert, der Helle
Der Sattlerjeselle
Der hat ihm die Krone jeklaut!
Ja, ja
Der Ebert, der Helle
Der Sattlerjeselle
Der hat ihm die Krone jeklaut!

Was macht denn jetzt Wilhelm und Sohn?
Was macht denn jetzt Wilhelm und Sohn?
Der Wilhelm und Sohn
Die jehn jetz als Clown
Weil se nischt mehr verdien' uff'm Thron!
Ja, ja 
Der Wilhelm und Sohn
Die jehn jetz als Clown
Weil se nischt mehr verdien' uff'm Thron!

Wem hamse de Krone jeklaut?
Wem hamse de Krone jeklaut?
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!
Ja, ja
Dem Wilhelm, dem Doofen
Dem Oberjanoven
Dem hamse de Krone jeklaut!

Nachdem am 9. November 1918 Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktreten musste, entstand noch im gleichen Monat das Spottlied Wem hamse de Krone jeklaut. Von wem der Text stammt, ist unbekannt; die Melodie ist die eines Egerländer Bauernwalzers. Ob Wilhelm II. das Spottlied gehört hat, ist nicht überliefert. Sein Großvater, Kaiser Wilhelm I. (1781-1888), dagegen wurde, besonders am seinem Geburtstag mit dem Kinderlied Der Kaiser ist ein lieber Mann geehrt (vgl. Eckard John im Historisch-kritischen Liederlexikon):

Der Kaiser ist ein lieber Mann und wohnet in Berlin,
und wär es nicht so weit von hier, so lief ich heut noch hin
und was ich bei dem Kaiser wollt, ich reicht ihm meine Hand
und reicht die schönsten Blumen ihm, die ich im Garten fand
und sagte dann: „Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir“,
und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.

Auch das Lied Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben bezog sich nicht auf Wilhelm II., sondern auf seinen allgemein beliebten Großvater. Um erst gar keine Verwechslung aufkommen zu lassen, heißt es in diesem Lied dann auch „aber den mit’m Bart, aber den mit’m Bart“. Es entstand 1900, nachdem ein Strafexpeditionkorps unter deutschem Oberbefehl den Aufstand in China blutig niedergeschlagen hatte – ganz im Sinne der Aufforderung von Kaiser Wilhelm II.: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, ist Euch verfallen!“ (sog. Hunnenrede, Tonaufnahme hier) .

In unserem Lied wird die einleitende Frage „Wem hamse de Krone jeklaut“ gleich beantwortet: „dem Wilhelm, dem Doofen“. Zur Erinnerung: Nachdem Österreich-Ungarn und das hochgerüstete Deutschland das Attentat von Sarajewo (Erschießung des Erzherzogs Franz Ferdinand und dessen Frau am 28. Juni 1914) zum Anlass genommen hatten, den später als Ersten Weltkrieg bezeichneten Krieg zu beginnen, hatte man das Volk auf einen kurzen siegreichen Krieg eingestimmt und die Soldaten glauben lassen, „Zu Weihnachten werdet ihr wieder zu Hause sein“ (s. auch Interpretation zu Liederjans Ein kleiner Frieden mitten im Krieg). Zwischenzeitlich waren mehr als vier Jahre vergangen, die Soldaten waren kriegsmüde, und der Krieg war verloren. Das Volk fühlte sich von den Versprechungen des Kaisers betrogen, so kam es, dass Wilhelm II. im Lied auch noch als „Oberjanove“ bezeichnet wurde.

Als Folge des sinnlosen Befehls vom 24. Oktober 1918 zum Auslaufen der Flotte gegen Großbritannien meuterten die Matrosen in Kiel, Wilhelmshaven (30. Oktober) und in anderen Nordseehäfen. In der folgenden „Novemberrevolution“ bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte, wurden am 7. und 8. November in München und Braunschweig Republiken ausgerufen und der bayerische König Ludwig III. verzichtete auf seinen Thron. Auch in den übrigen deutschen Staaten dankten in den nächsten Tagen alle Monarchen ab, nur Wilhelm II. weigerte sich, zurückzutreten. Selbst als der Kaiser das Ergebnis einer Befragung von 39 Kommandeuren erfuhr, demzufolge die Frontsoldaten nicht mehr bereit waren, seinen Befehlen zu folgen, zögerte er mit seinem Rücktritt. Als zusätzlich ein Garderegiment den Gehorsam verweigerte, bat ihn die Reichsregierung in einem Telegramm aus Berlin ins belgische Spa, wo sich der Kaiser inzwischen aufhielt, dringend um seine Abdankung. Wilhelm II. zögerte weiterhin und überlegte, bestenfalls als Deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als König von Preußen.

In den Morgenstunden des 9. November 1918 war dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert (1871-1925) bekannt geworden, dass der Marxist und Antimilitarist Karl Liebknecht (1871-1919) an diesem Tag die „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausrufen wollte. Weil Ebert eine sozialistische Revolution mit den aus seiner Sicht verbundenen Unruhen fürchtete, schlug er am Mittag dem Kanzler Max von Baden (1867-1921) vor, das Amt des Reichsverwesers zu übernehmen und forderte für sich das Amt des Reichskanzlers. Ein ultimativer Rücktritt Kaiser Wilhelm II. kam für Ebert, der anfangs ohnehin eine konstitutionelle Monarchie favourisierte, zunächst nicht in Betracht.

Als sich in deutschen Städten immer mehr Arbeiter- und Soldatenräte bildeten, handelte Max von Baden in Berlin ohne eine Entscheidung aus Spa abzuwarten und gab am Mittag dieses Tages folgende Erklärung heraus: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen u. der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind“. Nach Bekanntwerden dieser Erklärung floh Wilhelm II. aus dem besetzten Belgien ins niederländische Exil. Seine Abdankungsurkunde unterzeichnete er erst am 28. November in Amerongen. Seit 1920 lebte er mit seiner Familie bis zu seinem Tod im Jahr 1941 in Doorn. Mit der Verkündigung der Abdankung erklärte Max von Baden seinen Rücktritt als Reichskanzler und die Übergabe der Geschäfte an Friedrich Ebert.

Inzwischen hatte auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann von dem geplanten Ausrufen der sozialistischen Republik durch Liebknecht erfahren. Um den später sich Spartakisten nennenden Revolutionären zuvorzukommen, rief er kurzentschlossen – gegen den Willen Eberts – vor einer demonstrierenden Menschenmenge von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus und erklärte das Ende des Kaiserreichs mit den Worten:

Arbeiter und Soldaten! Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden. Die neue Regierung darf nicht gestört werden in ihrer Arbeit für den Frieden und der Sorge um Arbeit und Brot…

Arbeiter und Soldaten, seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst: Unerhörtes ist geschehen. Große und unübersehbare Arbeit steht uns bevor. Alles für das Volk, alles durch das Volk! Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst! Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!

Ebert soll entsetzt gewesen sein und erregt Scheidemann zugerufen haben: „Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was aus Deutschland wird, ob Republik oder was sonst, entscheidet eine Konstituante“ (Landeszentrale politische Bildung Baden-Württemberg).

Mit einer Frage beginnt auch die zweite Strophe: „Wer hat ihm de Krone jeklaut?“ Und sie gibt auch gleich die Antwort: „Der Ebert, der Helle, / der Sattlerjeselle, / der hat ihm de Krone jeklaut“. Dieser Irrtum erscheint verständlich. Ebert war seit 1913 als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei bekannter als Scheidemann und zudem hatte er nach der Novemberrevolution die Regierung gebildet noch bevor er am 11. Februar 1919 von der in Weimar tagenden Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt wurde.

Nachdem (endlich) Wilhelm II. auch tatsächlich abgedankt hatte, macht man sich in der dritten Strophe Gedanken darüber, wovon die kaiserliche Familie in Holland lebe. Die Antwort lautet „Wilhelm und Sohn [Kronprinz Wilhelm Friedrich], / die gehen jetzt als Clown [berlinerisch gesprochen]“. Im ebenfalls 1918/1819 entstandenen Spottlied O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in’n Sack gehaun glaubt man, „Auguste [die ehemalige Kaiserin], die muss hamstern gehn / und Wilhelm muß die Orgel drehn“ (vgl. die zahlreichen Varianten in Der große Steinitz. Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, 1979, S. 576 f.). In Wirklichkeit ließ Wilhelm es sich mit seiner großen Familie erst auf Schloss Amerongen und ab 1920 im von ihm gekauften und nach Renovierung bezogenen Schloss Huis Doorn gut gehen. „Das nötige Kleingeld […] kam aus Deutschland. Die demokratische Republik hatte das ursprünglich beschlagnahmte Vermögen des Ex-Monarchen teilweise freigegeben“ (Marc von Lüpke-Schwarz: Wilhelm II im Exil. In: dw.com). „Ein neues Torgebäude entstand. Auch der Wirtschaftstrakt wurde erweitert, um den Inhalt von insgesamt 59 Güterwaggons mit Möbeln, Kunstwerken, Kleidern und Waffen aufzunehmen, die die deutsche Regierung dem ehemaligen Staatsoberhaupt bewilligt hatte“ (Berthold Seewald: Kaiser Wilhelms Exil-Sitz soll geschlossen werden. In: welt.de). Wilhelm II. hatte es nun wirklich nicht nötig, für den Unterhalt zu arbeiten. Das häufig auf Fotos gezeigte Holzhacken im angrenzenden Wald diente nur der körperlichen Ertüchtigung des ehemaligen Kaisers.

Im Vergleich zu dem relativ harmlosen Wem hamse de Krone jeklaut, musste das abgedankte österreichische Kaiserpaar Karl und Zita von Habsburg-Lothringen ganz andere Spottgstanzln erdulden. Ein Text lautete: „Was macht denn da Karl in da Schweiz? / De Zita, de Hur / führt er an da Schnur / und er is da Peitscherlbua“.

Rezeption

Wem hamse de Krone jeklaut hat trotz seiner damaligen Popularität jahrzehntelang keinen Eingang in ein Liederbuch gefunden. Erst 1978 nahm die Folkgruppe Zupfgeigenhansel das Lied in ihre Sammlung Es wollt ein Bauer früh aufstehn – 222 Volkslieder auf.

Im selben Jahr erschien auch die LP Mädchen, Meister, Mönche der Gruppe Liederjan mit dem Lied, 1979 folgte die LP Liederbuch Liederjan. Zusätzlich zu diesen Veröffentlichungen ist im Deutschen Musikarchiv Leipzig, an das Musikverleger und Tonträgerhersteller zwei Pflichtexemplare jeder ihrer Veröffentlichungen zur Archivierung und Nutzung zu überlassen haben, nur noch die 1988 in Berlin Ost herausgegebene LP Berliner Lieder von damals und heute vorhanden.

Die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg weist 1989 das Lied unter der Rubrik „Das wilhelminische Reich“ in ihrer Sammlung Historische Lieder aus acht Jahrhunderten aus.

Während der bedeutende Liedforscher Wolfgang Steinitz das Spottlied O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in’n Sack gehaun in sein Standardwerk Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten aufgenommen hat, fehlt – für mich erstaunlicherweise  – auch dort Wem hamse de Krone jeklaut.

Georg Nagel, Hamburg

Zeitloses Lied aus dem Mittelalter: „All mein Gedanken die ich hab“

Anonym (Bearbeitung: Annette von Droste-Hülshoff)

All mein Gedanken die ich hab

All mein Gedanken die ich hab die sind bei dir,
Du auserwählter einzig Trost bleib stets bei mir.
Du der du sollt an mich gedencken.
Hätt ich aller Wunsch gewalt
von dir wollt ich nit wenken.

Du Auserwählter einzig Trost gedenke dran:
Leib und Gut, das sollst du ganz zu eigen han.
Dein dein dein will ich beleiben,
du gäbst mir Freud und hohen Mut
und kömst mir Leid vertreiben.

Dem allein und niemals mehr das wiß führwahr,
tätst du desgleich in Treu zu mir des war ich froh.
Du du du sollt von mir nit setzen,
du gabst mir Freud und hohen Mut
und auch Leibs Ergötzen.

Die allerliebst und minniglich die ist so zart,
ihres gleich in allen Reich findt man nit hart.
Bei bei bei ihr ist kein Verlangen,
da ich nun von ihr scheiden sollt,
da hätt sie mich umfangen.

Die werde Rein die ward sehr weyn da das geschah,
du bist mein und ich bin dein  sie traurig sprach.
Wenn wenn wenn ich von dir soll weichen,
ich nie erkannt noch nimmer mehr
erkenn ich deines gleichen.

     [Annette von Droste-Hülshoff: Lieder und Gesänge. Hg. v. Karl Gustav Fellerer. 
     Münster: Verlag Aschendorff 1954, S. 24–26.]

Entstehung

Von wem der Text und die Melodie stammen, ist bis heute unbekannt geblieben. Die Melodie ähnelt dem seit dem 13. Jahrhunderten bekannten Tanzlied Ich spring an diesem Ringe (vgl. Nicole Dantrimont in der Sendung SWR, Volkslieder vom 3.6.2011). Überliefert ist das aus dem 13. Jahrhundert stammende Minnelied aus dem Lochamer Liederbuch von 1460 mit dem Titel All mein gedencken, dy ich hab, dy sind pey dir. Diese in mittelhochdeutsch handgeschriebene Liedersammlung – als Hauptschreiber wird Pater Jodokus von Linxheim genannt – wurde etwa Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt; von den 50 Liedern wurde das Liebeslied erstmals gedruckt 1867 in den Jahrbüchern für musikalische Wissenschaft (2. Band) veröffentlicht. Danach ist es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur in wenigen Liederbüchern zu finden, wie z.B. 1886 in Hundert deutsche Volkslieder, herausgegeben von Max Friedländer oder 1894 in Band III von Erk-Böhmes Deutscher Liederhort. Ebenfalls im Jahr 1894 griff Johannes Brahms das Lied für seine Volksliedbearbeitungen auf.

Interpretation

In den ersten vier Strophen nimmt ein Mann Abschied von seiner Liebsten, indem er ihr seine Liebe auf vielerlei Arten versichert. Auch in der Ferne wird er immer an sie denken und er wünscht sich, dass das auch bei ihr so sein möge. Wäre er unabhängig und frei, sagt er ihr, „wollt er von ihr nicht wenken“, das heißt fortgehen. Warum der Mann sie verlassen muss, erfahren wir nicht. Da es seit dem 12. Jahrhundert Zünfte gab, nehme ich an, dass es sich hier um einen Handwerksgesellen handelt, der auf Wanderschaft gehen muss, bevor er Meister werden kann (vgl. Es, es, es und es [Interpretation hier] oder Am Brunnen vor dem Tore).

Was die Liebste ihm bedeutet, drückt der Mann in den weiteren Strophen aus. Die Liebste ist ihm wie ein einziger, alleiniger Trost, indem sie ihm Freude macht und Mut zuspricht, um das Leid der Trennung durch die Wanderjahre zu überstehen. Er versichert ihr, sein Leib und sein (Hab und) Gut gehören ihr für immer.

Er betont („das wiß fürwahr“), dass er ihr (wo er auch sein mag) immer treu bleiben wird und wäre froh, wenn auch sie ihm treu bliebe. Wie bereits in den vorigen Strophen redet er seine Liebste direkt an; durch die dreifache Betonung „du, du, du“ bzw. „dein, dein, dein“ und hier noch einmal „du, du, du“ bringt er seine Wünsche (bzw. in der zweiten Strophe seine Versicherung „dein will ich bleiben“) eindringlich zum Ausdruck. Und erneut meint er, dass sie ihm Freude bereitet, guten Mut gibt und ihn bei allem Leid ergötzen kann.

Während der Mann seine Liebste in den ersten drei Strophen direkt anspricht, beschreibt er in der ersten Zeile der vierten Strophe seine Allerliebste und Liebenswerte als „so zart“, wie man sie im ganzen Reich (gemeint ist das damalige Kaiserreich unter Albrecht II.) kaum finden könne. Und schließlich, als er von ihr gehen muss, umarmt sie ihn, ohne zu verlangen, dass er bleibt, denn sie ist sich ja aufgrund seiner Beteuerungen gewiss, dass er wiederkommen wird.

Die letzte Strophe beginnt mit der Beschreibung, dass die Liebste geweint hat, als er Abschied nehmen musste. Dann versichert die junge Frau ihrem Liebsten, dass sie ihm gehört und sie sich sicher sei, dass er der ihre ist. „Dû bist mîn, ich bin dîn: des solt dû gewis sîn“ ist eine Liebeserklärung, wie sie bereits Ende des 12. Jahrhundert als Schluss eines Liebesbriefes einer Frau in der Tegernseer Pergamenthandschrift zu finden ist (laut Rölleke „eine alte Verlobungsformel“). Die junge Frau hat noch nie daran gedacht und kann sich auch in Zukunft nicht vorstellen, dass sie sich je von ihm trennen wird. Noch nie, so sagt sie ihrem Liebsten, habe sie jemanden gekannt, der ihm gleichkommt und sie glaubt nicht, dass sich dies in Zukunft ändern wird.

Rezeption

Nachdem All mein Gedanken durch die Wandervogelbewegung wiederentdeckt wurde, nahm die Beliebtheit des Liedes zu, vor allem durch die Veröffentlichungen in Der Zupfgeigenhansel (1908, Druckauflage 1928: 800.000) und die Aufnahme in zahlreiche Schulbücher. Geht man von der Anzahl der von 1900 bis 1933 veröffentlichten Liederbücher und Partituren mit dem Lied aus (rund 100 gemäß Archiv Schendel und privater Sammlung), so wurde es in allen Kreisen der Bevölkerung gesungen.

Da es im Gegensatz zu anderen Liedern wie z.B. Tochter Zion, freue dich (vgl. dazu Deutschlandradio Kultur, 14.12.3014) oder Jenseits des Tales (Interpretation hier) (seit 1938) in der Zeit des Nazi-Regimes nicht verboten war, auch nicht als anstößig empfunden wurde und zudem politisch unverfänglich war, fand es Eingang in viele Schulbücher und Liederbücher der nationalsozialistischen Bewegung. (1933 bis 1945 rund 70 Liederbücher). So war es in Liederbüchern der Hitlerjugend, des Reichsarbeitsdienstes und im SS-Liederbuch (9 Auflagen), einigen Wehrmachtsliederbüchern und auch dem SA-Liederbuch zu finden.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs setzte geradezu ein Boom ein: Bis 2014 wurden rund 150 Liederbücher, mehr als 150 Tonträger und über 200 Partituren mit dem Lied veröffentlicht (Schendel Archiv und Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig, DMA). Auch bekannte Tenöre und Baritone wie René Kollo, Rudolf Schock, Hermann Prey und Peter Schreier interpretierten das Lied, auf einigen Aufnahmen in der Bearbeitung von Johannes Brahms. Von den zahlreichen Chören, die sich des Liedes annahmen, seien hier nur die Wiener Sängerknaben, die Regensburger Domspatzen und der Dresdner Kreuzchor erwähnt. 1982, 2005 und 2008 diente das Lied als Titel der CDs All mein Gedanken, die ich hab – Deutsche Lieder des 15. und 16. Jahrhunderts, […] – Deutsche Volkslieder aus sechs Jahrhunderten , […] – Deutsche Volkslieder aus sechs Jahrhunderten und […] – Die schönsten deutschen Volkslieder  (laut DMA-Katalog). Das bis heute beliebt gebliebene Liebes- und Abschiedslied ist auch in Österreich und in der Schweiz populär.

Georg Nagel, Hamburg

Albtraum-Schlaflied: „Maikäfer, flieg!“

Anonym 

Maikäfer, flieg!

Maikäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrannt.

Der Verfasser des Liedes ist bis heute unbekannt geblieben, und woher die Volksweise stammt, ist umstritten. In den mir zugänglichen Liederbüchern (Archiv Hubertus Schendel, und private Sammlungen) wird am häufigsten Pommern, bald danach Thüringen genannt. Dass auch Schleswig Holstein, Niedersachsen, die Eifel, das Vogtland und Südtirol erwähnt werden, deutet daraufhin, wie weit das Lied verbreitet war.

Ob mit „Pommerland“ tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, bleibt ebenfalls umstritten. Einige Forscher stellen einen Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg her, andere weisen darauf hin, dass bereits zu der Zeit Flugblätter mit Liedern kursierten, jedoch keine einzige Flugschrift mit dem Maikäfer-Lied bekannt sei. Außerdem seien Liedtexte mit dem Begriff „Pommerland“ erst rund 150 Jahre später bekannt geworden. Nachzuvollziehen ist der Hinweis des Historikers Hans Medick (geb. 1939) auf die Entstehung des „Pommerland-Verses“ im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem Pommern nach Eintritt Schwedens in die antipreußische Koalition neben Sachsen am stärksten von den Kriegshandlungen und -folgen betroffen war.

Einig sind sich die Volksliedforscher darin, dass Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), der fast 50 Texte von Johann Gottfried Herder vertonte, 1781 die heute bekannte Melodie nach einer alten Volksweise komponiert hat. Reichardt verwendete die Maikäfer-Melodie auch für die Vertonung des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf. Dieses nach einer Volksweise geschaffene Wiegenlied ist seit 1605 bekannt; auch die folgende Parodie hat das gleiche Versmaß wie das Maikäfer-Lied:

Bet, Kinder, bet,
morgen kommt der Schwed’,
morgen kommt der Ochsenstern,
der wird die Kinder beten lern [lehren].
Bet, Kinder, bet.

Dieses Lied, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte, stammt ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Wort „Ochsenstern“ bezieht sich auf Axel Oxenstierna, den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, der als Oberkommandierender der schwedischen Truppen hier als Schreckensfigur für die Kinder fungiert. So könnte das Maikäfer-Lied eine Umdichtung des „Ochsenstern-Liedes“ sein. Mündlich überliefert taucht Maikäfer, flieg gedruckt zum ersten Mal 1800 auf, und zwar in Otmars (= Johann Karl Christoph Nachtigal, 1753 – 1819, deutscher Theologe, Schriftsteller und Erzählforscher) Volcks-Sagen. Einige Jahre später wurde das Lied unter dem Titel Maykäfer-Lied in den ersten Band der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn in der folgenden Version aufgenommen:

Maykäfer, flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

Der Lied und Erzählforscher Heinz Rölleke meint, „Pulverland“ sei eine ironische Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“. In den Folgejahren tauchte das Lied in weiteren Fassungen auf, so heißt es einmal „Engelland ist abgebrannt“. Der Vers „deine Mutter ist in Engelland“ soll sich laut dem Volkskundler Wilhelm Mannhardt nicht auf England, sondern auf das „Land der Engel“, also den Himmel, beziehen. Aus der Zeit des Vormärz und der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert.

Der Maiakäfer fliegt,
Der Hecker ist em Kriag,
Der Hecker ist em Oberland,
Der Hecker ist em Unterland

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg
Der Struve ist im Oberland
Macht die Republik bekannt.

Der Advokat Friedrich Hecker (1811 – 1881), Anhänger der Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), rief 1848 in Konstanz die Republik aus, musste jedoch nach verlustreichen Kämpfen der Freischärler gegen die Badenser großherzoglichen Truppen untertauchen und floh in die USA. Sein Mitstreiter, der Rechtsanwalt Gustav Struve (1805-1870) setzte sich ebenfalls nach Amerika ab. Beide kämpften dort im Sezessionskrieg (1861-1864) für die Abschaffung der Sklaverei.

Der Maikäfer ist ein Frühlingsbote; man freut sich, „wenn alles schön grünet und blüht“ (2. Strophe des Liedes Im Märzen der Bauer). Wie wir früher als Kinder einen Maikäfer anhauchten, damit er losfliegen möge, so kann man sich hier ein Kind vorstellen, das sich damit tröstet, dass der Maikäfer fliegt, um seine verschollenen Eltern zu suchen und sie zurückzubringen. Der Vater ist wahrscheinlich zwangsrekrutiert worden, um im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) auf Seiten der Preußen gegen Schweden zu kämpfen. Die Mutter musste im Tross mitziehen oder ist von den Feinden verschleppt worden. So ist das Kind allein geblieben und haust in Ruinen („Pommerland ist abgebrannt“) mit anderen Kindern zusammen oder lebt bei seiner Großmutter in einer übrig gebliebenen Hütte so gut es geht, nachdem Soldaten das Land geplündert und gebrandschatzt haben.

Ungewiss bleibt, ob der kleine Sänger oder die kleine Sängerin bereits ein Waisenkind ist oder ob der Vater oder die Mutter oder beide jemals zurückkommen werden. Das Kind hofft, dass der Maikäfer als der gute Bote (vgl. Wenn ich ein Vöglein wär oder Kommt ein Vogel geflogen) den Eltern den Weg nach Hause zeigt. Es kann aber auch sein, dass das Kind das Lied nur für sich selbst singt, um die erlebten Zerstörungen und den vermeintlichen Verlust der Eltern zu verarbeiten. Ob es ein Bewältigungslied oder ein Lied der Hoffnung ist, bleibt offen.

Rezeption

Wie populär ein Lied ist, zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Liederbücher, Partituren oder Tonträgern mit dem Lied, sondern auch in der Verwendung des Incipits. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) finden sich 62 Bücher mit dem Titel Maikäfer flieg, davon fast die Hälfte der in verschiedenen Verlagen erschienenen Ausgaben von 1973 bis 2016 von Christine Nöstlinger mit dem Untertitel: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“. Dieses autobiographische Jugendbuch mit einer Auflage von mehreren 100.000 Exemplaren ist auch in Englisch, Französisch, Russisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch und Norwegisch erschienen.

Zwei Ausstellungen und die Kataloge dazu wurden mit Maikäfer flieg betitelt (Ruhrmuseum Essen, Kindheitserinnerungen, 2001 sowie Städtische Galerie und Kunstverein GRAZ Regensburg, 2004). Außerdem weist die DNB sieben Bilderbücher und sechs Erinnerungsbücher mit dem Titel aus, manche davon mit mehreren Ausgaben. Erwähnt werden sollen hier nur die Erinnerungen von Werburg Doerr mit dem Untertitel „Eine Kindheit jenseits der Oder“ mit hohen Auflagen in einem Verlag des Bertelsmann-Konzerns (2011), einer Taschenbuchausgabe bei Piper (2005) und einer ebenfalls auflagenstarken Edition des Weltbild Verlags (2004), nachdem das Buch von Hoffmann und Campe bereits 2003 verlegt worden war, und Peter Heinls Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit (1994).

Zusätzlich zu den 41 Partituren mit dem Titel Maikäfer flieg, die der Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA) Leipzig enthält, weist das DMA über 40 Tonträgern aus, die das Maikäfer-Lied enthalten. Nicht nur viele Kinderchöre, wie die Regensburger Domspatzen oder der NDR-Knabenchor singen das Lied, auch Heinz Rudolf Kunze interpretiert seine Kontrakaftur des Maikäfers auf mehreren CDs. Die Gruppe Die Grenzgänger, die u. a. politische Volkslieder im weiteren Sinne interpretiert, hat für ihre CD Maikäfer flieg – Verschollene Lieder 1914-1918 2014 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.

Der Vollständigkeit halber sei hier die österreichische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christine Nöstlinger aufgeführt, die im Jahr 2016 erfolgte (Trailer hier).

Obwohl noch 1999 nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts zwei von drei Deutschen (rund 65 %) das Maikäferlied kannte, hat die Popularität des Liedes in den letzten Jahren nachgelassen.

Georg Nagel, Hamburg