Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert: Martin Luthers „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“

Martin Luther
 
Mit Fried und Freud ich fahr dahin
 
1. Mit Fried und Freud ich fahr dahin
in Gotts Wille;
getrost ist mir mein Herz und Sinn,
sanft und stille,
wie Gott mir verheißen hat:
der Tod ist mein Schlaf worden.

2. Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn,
der treu Heiland,
den du mich, Herr, hast sehen lan
und g’macht bekannt,
dass er sei das Leben mein
und Heil in Not und Sterben.

3. Den hast du allen vorgestellt
mit groß’ Gnaden,
zu seinem Reich die ganze Welt
heißen laden
durch dein teuer heilsam Wort,
an allem Ort erschollen.

4. Er ist das Heil und selig Licht
für die Heiden,
zu ’rleuchten, die dich kennen nicht,
und zu weiden.
Er ist deins Volks Israel
Preis, Ehre, Freud und Wonne.
 
     [EG 519]

Die Titelzeile dieses Lutherlieds von 1524 handelt vom Sterben und will so gar keine Weihnachtsfreude ausstrahlen. Und es steht erst seit dem EKG, also dem Vorgänger unseres heutigen Gesangbuchs, auch in Bayern unter den Liedern zum Ende des Kirchenjahres und entspricht so unseren Vorstellungen von Liedern zum Toten- und Ewigkeitssonntag. Früher und vor allem zu Luthers Zeit stand es ganz woanders. Aber wo? Die beiden Bilder aus Gesangbüchern von 1533 und 1545 helfen Ihnen weiter:

Beschneidung_Klug_1533

Beschneidung_Babst_1545

Sie zeigen Jesus bei seinem ersten Besuch im Tempel und Marias „Reinigung“ nach der Geburt ihres ersten Kindes. Diese Anlässe des jüdischen Ritus haben die Christen noch zu Luthers Zeiten als Feiertage begangen und ihnen eine eigene Liedgruppe im Gesangbuch gegeben. Mit ihnen untrennbar verbunden ist eine ganz alte Hymne unserer Kirchen, das NUNC DIMITTIS. Der alte Simeon sprach dieses Dankgebet nach Luk 2, 29-32, als er erkannte, dass das Kind, das Maria und Joseph zur Beschneidung brachten, der verheißene Messias sei.

Und damit gibt es vier gute Gründe dafür, dass ich Ihnen dieses Lied nahelege. Es ist zunächst die direkte, reformatorische Übertragung eines Biblischen Textes, der die Weihnachtszeit beschließt, in ein Kirchenlied. Es erinnert uns sodann daran, dass Jesus Jude war, der die Rituale und Gebote seines Volkes einhielt. Und das ist ein Gedanke, den wir mit bedenken müssen, wenn in Deutschland über die „Körperverletzung“ durch die Beschneidung diskutiert wird. Es gibt drittens uns Bambergern die Möglichkeit, unseren Besuchern zu erklären, wer die beiden alten Leute in unserer Stephanskrippe sind (nämlich Simeon und Hanna) und was die beiden Tauben bei den Figuren bedeuten (Luk 2, 24). Den vierten, wichtigsten Grund finden Sie selbst heraus, wenn Sie Ihr Gesangbuch neben die Bibel legen und den Liedtext mit dem Gebet des Simeon vergleichen. Es ist alles da, was Lukas überliefert hat, aber Martin Luther hat dies Gebet in einer unglaublich gewaltigen Sprache erweitert und uns als Bekenntnislied in den Mund gelegt. Wir, Menschen des 21. Jahrhunderts, dürfen mit seinen Worten sagen: Der Tod wird mir nur ein Schlaf sein. Denn ich werde wieder aufwachen – und dann ist endlich alles gut. Und das alles, weil Jesus für uns Mensch geworden ist! Was für ein Weihnachtslied!

Andreas Wittenberg, Bamberg

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert: Martin Luthers Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“ (1524)

Martin Luther 

Nun komm, der Heiden Heiland

Nun komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

Er ging aus der Kammer sein,
dem königlichen Saal so rein,
Gott von Art und Mensch, ein Held;
sein’ Weg er zu laufen eilt.

Sein Lauf kam vom Vater her
und kehrt wieder zum Vater,
fuhr hinunter zu der Höll
und wieder zu Gottes Stuhl.

Dein Krippen glänzt hell und klar,
die Nacht gibt ein neu Licht dar.
Dunkel muss nicht kommen drein,
der Glaub bleib immer im Schein.

Lob sei Gott dem Vater g’tan;
Lob sei Gott seim ein’gen Sohn,
Lob sei Gott dem Heilgen Geist
immer und in Ewigkeit.
-

ältere Version:

Nu kom der Heyden heyland /
der yungfrawen kynd erkannd.
Das sych wunnder alle welt /
Gott solch gepurt yhm bestelt.

Nicht von Mans blut noch von fleisch /
allein von dem heyligen geyst /
Ist Gottes wort worden eyn mensch /
vnd bluet eyn frucht weibs fleisch.

Der yungfraw leib schwanger ward /
doch bleib keuscheyt reyn beward
Leucht erfar manch tugend schon /
Gott da war yn seynem thron.

Er gieng aus der kamer seyn /
dem könglichensaal so reyn.
Gott von art vnd menscheyn hellt /
seyn weg er zu lauffen eyllt.

Seyn laufft kam vom vatter her /
vnd keret wider zum vater.
Fur hynvndtern zu der hell /
vnd wider zu Gottes stuel.

Der du bist dem vater gleich /
fur hynnaus den syegym fleisch /
das dein ewig gotsgewalt /
ynnvnns das kranck fleysch enthallt.

Dein kryppen glentzt hell vnd klar /
die nacht gybt eyn new liecht dar /
tunckel muß nicht komen dreyn /
der glaub bleib ymer ym scheyn.

Lob sey Gottd em vatter thon /
Lob sey got seym eyngen son.
Lob sey got dem heyligen geyst /
ymer vnnd ynn ewigkeyt.

Will man Luthers Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland interpretieren, so muss man zunächst bis in das Jahr 386 zurückgehen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt nämlich schrieb der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) den lateinischen Hymnus Veni Redemptor Gentium, auf dem das Lied basiert.

Der Hymnus erfreute sich im deutschsprachigen Raum seit jeher großer Beliebtheit. Übersetzungen vor Luther stammen von Heinrich von Laufenberg (Kum Har, Erlöser Volkes Schar, 1418) oder von dem späteren Führer der „Radikalen Reformation“, Thomas Müntzer (O Herr, erloeser alles volcks, 1524).

Interessant ist Luthers Übersetzung auch, weil sie ein Schlaglicht auf seine Übersetzungspraxis wirft. Anders als in seinem berühmtem Fazit aus dem Jahr 1530 in seinem Sendbrief vom Dometschen, „man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen“, gefordert, hält er sich zu diesem Zeitpunkt (1524) noch sehr stark an den lateinischen Grundtext. Der Zwiespalt zwischen Umgangssprachlichkeit und Adhärenz zu lateinischen Urtexten wird aber bereits hier deutlich. In diesem Fall entschied sich Luther stärker auf eine Übersetzung nah am Original zu setzen. Er tat dies so sehr, dass drei seiner Strophen (zwei, drei und sechs) schwer verständlich wurden und dadurch nicht in alle modernen Fassungen übernommen wurden.

Luthers Entscheidung, so nah am Original zu arbeiten, muss in einen historischen Kontext gesetzt werden. Es ist nicht überliefert, wann genau Luther seine Übersetzung anfertigte, doch stammt sie vermutlich aus dem selben Jahr, in dem er Andreas Karlstadt und Müntzer für ihre radikalen Ansichten verurteilte (1524) und letzterer eine Übersetzung des selben Liedes anfertigte. Müntzers Übersetzung war wesentlich freier und umgangssprachlich geprägt. Ein Beispiel: Das Veni im ersten Vers der ersten Strophe des lateinischen Originals, welches Luther korrekt als kom(m) übersetzte, wird von Müntzer komplett ignoriert und der erste Vers lautet in seiner Übersetzung stattdessen O Herr, erloeser alles volcks. Ironischerweise übersetzte Müntzer in diesem Fall somit näher an der später von Luther formulierten Übersetzungstheorie.

Das Lied kann auch als frühes Bekenntnis zur protestantischen Traditionsbildung verstanden werden. Im Zuge der Reformation wurde den Lutheranern immer wieder vorgeworfen, dass ihre Lehren falsch oder häretisch seien, weil der Protestantismus keine Geschichte, keine Tradition aufweisen konnte. Der Rückgriff auf Kirchenväter wie Ambrosius und das Historisieren von Glaubensdoktrinen war eine Möglichkeit, dem Protestantismus eine Tradition zu geben.

Inhaltlich kann festgehalten werden, dass das Lied – typisch für ein Adventslied – mit dem Ausdruck des Wunsches nach dem baldigen Erscheinen des Erlösers beginnt. Das erste Wort des Liedes ist, im Lateinischen und im Deutschen, im Imperativ Präsens geschrieben (veni, kom[m]) und stellt daher auch den Bezug zur Gegenwart her. Christus wird aufgefordert, zu erscheinen. Solch ein erwartungsfroher Wunsch ist durchaus verständlich in religiös so chaotischen Zeiten. Ebenfalls erwähnenswert ist der starke Bezug auf die ganze Welt. Auch dies kann in einen historischen Kontext gesetzt werden: In der Frühphase der Reformation hofften viele der Reformatoren, auch Luther, dass Gott bald seine Zufriedenheit mit dem Luthertum und Ablehnung des Katholizismus zeigen würde. In diesem Lied wird deshalb auch ausgedrückt, dass Luther auf eine baldige Bekehrung der ganzen Welt, inklusive Katholiken und Juden, hoffte.

Zentraler Topos des Liedes ist die Menschwerdung Christi, die bereits in der ersten Strophe hervorgehoben wird (Gott solch Geburt ihm bestellt). Die paradoxe Natur dieser Menschwerdung wird noch deutlicher der zweiten Strophe und dritten Strophe thematisiert. Mit diesem Fokus auf die Trinität wird auch das theologische Konzept der Wesensgleichheit (Homousie) hervorgehoben. Die Rolle Marias wird ebenfalls betont und kann mit der großen Präsenz der Mutter Gottes, auch im evangelischen Glauben (vgl. z.B. Bridget Heal: The Cult of the Virgin Mary in Early Modern Germany: Protestant and Catholic Piety, 1500-1648. Cambridge: Cambridge University Press 2007), in Verbindung gebracht werden. Während viele andere Heilige vollständig von Luther abgelehnt wurden, spielte Maria, wenn auch in veränderter Form, weiterhin eine wichtige Rolle.

Die Menschwerdung als Weg wird in der vierten Strophe mit einem erneuten Verweis auf die menschlichen und göttlichen Eigenschaften Christi („Gott von Art und Mensch, ein Held“) thematisiert. Das Komma in diesem Vers ist nötig um Klarheit zu schaffen. Das Lateinische kann die Doppelnatur Christi präziser mit einem Wort (geminae) ausdrücken.

Die nächste Strophe ist sehr interessant, weil sie in nur vier Versen die Leidensgeschichte Christi wiedergibt. Jesus „fuhr hinunter zu der Höll / und wieder zur Gottes Stuhl“. In diesen zwei Zeilen wird die Leidensgeschichte und Wiederauferstehung thematisiert. Passend zu Luthers Vorstellung von Musik wird das Leiden auf ein Minimum reduziert und stattdessen postwendend die Auferstehung zelebriert (vgl. z.B. Albrecht Beutel [Hg.]: Luther Handbuch. Stuttgart: Mohr Siebeck 2010). Luthers nächste Strophe betont nochmals die Zweigestalt Jesu und verweist mit dem Vers „ynnvnns das kranck fleysch enthallt“ auf Christi Bereitschaft, unsere Sünden auf sich zu nehmen.

Schließlich behandelt die vorletzte Strophe die Großartigkeit Gottes. Die beliebte Metapher des Lichts, welches eine Vielzahl von meist positiven Eigenschaften symbolisierte, wird in den Mittelpunkt gestellt. Aus der Nacht kommt ein Licht, das für immer scheinen soll. Wieder ist hier das lutherische Verständnis der Kirchengeschichte wichtig: In Luthers (und später auch Melanchthons) Verständnis erfuhr die Kirche und Religion nach dem Ableben der großen Kirchenväter einen Verfall, verfiel in eine Dunkelheit, die bis in das frühe 16. Jahrhundert hinein anhielt. Nun ‚gibt die Nacht ein neues Licht dar‘, das Licht des Evangeliums. Die Verse „dunkel muss nicht kommen drein, / der Glaub bleib immer im Schein“ besagen auch, dass die Lutheraner sich, ihrer Religion bewusst, nicht vor den Katholiken fürchten müssen. Dass der Glaube „immer“ präsent war, drück auch aus, dass es stets einige wenige gab, die die Kirche reformieren wollten und das deshalb das Luthertum eine lange Geschichte besitzt.

Das Lied endet mit einem Lobpreis, welcher nicht im Original des Ambrosius vorhanden war, sondern im Mittelalter hinzugefügt wurde. Passend ist dieser besonders, weil er das zentrale Thema des Liedes – Gottes Wesen und Jesu paradoxes Erscheinen als Mensch und Gott – nochmals aufgreift. Das Lied fand weite Verbreitung und wurde u.a. von Johann Sebastian Bach in Chorälen benutzt. Es ist nachvollziehbar, warum Luther gerade dieses Lied so früh in seiner Laufbahn zum Übersetzen auswählte, spiegelt es doch viele Themen des frühen 16. Jahrhunderts und des aufkeimenden Luthertums wieder.

Martin Christ, Oxford

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“

Martin Luther

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron.

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ,
der du Herr aller Herren bist,
beschirm dein arme Christenheit,
dass sie dich lob in Ewigkeit.

Gott Heilger Geist, du Tröster wert,
gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd,
steh bei uns in der letzten Not,
g’leit uns ins Leben aus dem Tod.

Dieses Lied hat eine bewegte Geschichte. Es war seit seiner ersten Veröffentlichung umstritten und wurde ebenso überzeugt gesungen wie bekämpft, sein Text wurde 400 Jahre lang immer wieder gekürzt oder erweitert und die erste seiner drei Strophen wurde so häufig verändert, wie wir es von nur wenigen anderen Lutherliedern kennen.

Betrachten wir zunächst die heutige Fassung. Die drei Strophen sprechen die Dreifaltigkeit an, und schon Luthers Zeitgenossen erkannten, dass auch die Bitten systematisch angeordnet sind: Sie entsprechen den drei ersten Bitten des Vaterunsers. Die erste Strophe umschreibt also, an Gott den Vater gerichtet, die Bitte „Geheiligt werde dein Name“.

Die zweite Strophe wendet sich an Gott den Sohn und bittet, „Dein Reich komme“. Sie beschreibt, wie dieses Reich auf der Erde aussehen soll: Christus regiert als Herr aller Herren und schützt seine Kirche. Nur so kann sie überleben.

An den Heiligen Geist ist die dritte Bitte gerichtet: „Dein Wille geschehe“. Was der Wille Gottes ist, das konkretisiert die dritte Strophe. Einheit der Kirche und Einigkeit der Glaubenden: So, wie das Lied heute in den Gesangbüchern steht, erregt es keinen Anstoß. Das war einmal ganz anders. Luther hatte nämlich die zweite Zeile der ersten Strophe nicht so formuliert, wie wir sie heute kennen, sondern er hatte geschrieben: „und stewr des Babsts vnd Türcken mort.“ Und als Überschrift hatte er darüber gesetzt: „Ein kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi vnd seiner heiligen Kirchen, den Bapst vnd Türcken“. Das machte das Lied zu einem Kampflied der Lutheraner nicht nur gegen den Reichsfeind, die Türken, sondern auch gegen die Katholiken.

1541 hatte ein neuer Angriff der Türken auf Mitteleuropa begonnen. Das kaiserliche Heer wurde bei Ofen (heute Budapest) geschlagen, die kaiserliche Flotte bei Algier durch einen Sturm zerstört und im Sommer 1542 verbündete sich auch noch der französische König mit den Türken gegen den Kaiser und es verbreitete sich das Gerücht, dass der Papst sich diesem Bündnis anschließen wolle, um den Kaiser unter Druck zu setzen.

In dieser Lage wies Kurfürst Johann Friedrich Martin Luther an, die Gemeinden zum Gebet gegen die Türken anzuhalten, und Luther verfasste zwei neue Schriften zu diesem Thema und schrieb noch im selben Jahr dieses Lied. Schon in seiner Türkenschrift von 1529 hatte er Türken und Papst als gemeinsame Feinde des Reiches und des recht verstandenen Evangeliums bekämpft. Diesen Gedanken nahm er nun wieder auf.

Mit dem neuen Lied, das in zahlreichen Gemeinden künftig an jedem Sonntag nach der Predigt durch die Chorknaben (daher „kinderlied“) oder nach dem Gottesdienst durch die ganze Gemeinde gesungen wurde, kam die Formel von den Erzfeinden nun ‚in aller Mund‘. Das wiederum erregte den Groll der Katholiken und löste in ganz Deutschland katholische Umdichtungen gegen die ketzerischen Lutheraner, aber auch zahlreiche Verbote und Veränderungen aus.

Die freie Reichsstadt Nürnberg beispielsweise war evangelisch. Als nun ein Besuch des Kaisers bevorstand, der ja katholisch war, verbot der Rat der Stadt vorbeugend bis auf weiteres, ‚Erhalt uns Herr bei deinem Wort‘ in jedem Gottesdienst, also dreimal täglich zu singen, sondern genehmigte das Lied nur noch für die Frühgottesdienste. 1548 veranlasste er dann auch noch die Änderung der ersten Strophe. Seitdem lautete die Ärgernis erregende Zeile in Nürnberg und bald auch in vielen anderen evangelischen Gesangbüchern „vnd wehr des Sathans list und mord“.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in den deutschen Kirchen mehrere Dutzend unterschiedlicher Fassungen dieser umstrittenen Zeile. In Bayern ist die heutige Fassung des EG seit dem ersten Landesgesangbuch von 1814, also seit fast 200 Jahren im Gebrauch. Schließlich war der König katholisch!

Die Auseinandersetzungen darüber, ob man die Stelle überhaupt verändern dürfe, haben noch 1854 den ersten deutschen evangelischen Gesangbuchausschuss gespalten und hätten fast das erste evangelische Einheitsgesangbuch für Deutschland verhindert.

Unser Lied ist in vielen alten Gesangbüchern dem Reformationsfest zugeordnet. Dieser Tag wurde ja früher in vielen Teilen der evangelischen Kirche als trotziges „Wir haben recht-Fest“ begangen, zu dem die Erinnerung an die ursprünglich aggressive, antikatholische Fassung der ersten Strophe gut passte. Der geänderte Text der ersten und die Bitten der dritten Strophe machen es aber auch heute noch zu einem guten Griff für einen Reformationsgottesdienst – schon, um dafür zu danken, was der Herr aller Herren als Antwort auf die zweite Strophe unseres Liedes in unserem Denken in den vergangenen 470 Jahren geändert hat.

 Andreas Wittenberg, Bamberg

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Wir glauben all an einen Gott“

Martin Luther

Wir glauben all an einen Gott

1. Wir glauben all an einen Gott,
Schöpfer Himmels und der Erden,
der sich zum Vater geben hat,
dass wir seine Kinder werden.
Er will uns allzeit ernähren,
Leib und Seel auch wohl bewahren;
allem Unfall will er wehren,
kein Leid soll uns widerfahren.
Er sorget für uns, hüt’ und wacht;
es steht alles in seiner Macht.

2. Wir glauben auch an Jesus Christ,
seinen Sohn und unsern Herren,
der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren,
von Maria, der Jungfrauen,
ist ein wahrer Mensch geboren
durch den Heilgen Geist im Glauben;
für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.

3. Wir glauben an den Heilgen Geist,
Gott mit Vater und dem Sohne,
der aller Schwachen Tröster heißt
und mit Gaben zieret schöne,
die ganz Christenheit auf Erden
hält in einem Sinn gar eben;
hier all Sünd vergeben werden;
das Fleisch soll auch wieder leben.
Nach diesem Elend ist bereit’
uns ein Leben in Ewigkeit.   

Das deutsche Patrem lautet die Überschrift über unser Lied im sog. „Babstschen“ Gesangbuch von 1545. Die Lieder dieses Buches hat Luther noch selbst durchgesehen und geordnet. Aber was bedeutet dieser Titel eigentlich?

In der römischen Messe stimmte der Priester das Glaubensbekenntnis mit der Zeile Credo in unum deum an (Ich glaube an einen Gott), dann fuhr der Chor mit patrem omnipotentem (den allmächtigen Vater) fort. Dieses erste Wort gab dem Text seinen Namen.

Als Luther 1526 die „Deutsche Messe“ zusammenstellte, ersetzte er den Text des Chores durch ein Trinitatislied, das er 1524 geschrieben hatte und ließ es durch die Gemeinde singen: Wir glauben all an einen Gott. Heute sieht unsere Gottesdienstordnung ein gesprochenes Glaubensbekenntnis vor, bietet aber auch für besondere Gelegenheiten vier vertonte Textfassungen an, darunter unser Lutherlied (EG 183).

Es hat drei Strophen. Das entspricht den drei Personen des einigen Gottes und leuchtet uns deshalb ein. Die vorreformatorische Kirche hatte allerdings das Glaubensbekenntnis in 12 Artikel unterteilt. Die Erinnerung, dass es aus dem dreiteiligen Bekenntnis des Täuflings zu Vater, Sohn und Geist (Matth. 28, 19f) hervorgegangen ist, war damals in Vergessenheit geraten. Luther hat also die Dreiteilung wiederentdeckt.

Jede der drei Strophen beginnt mit „Wir glauben“, wobei eine Folge von fünf Tönen (ein sogenanntes „Melisma“) das „Wir“ besonders hervorhebt. Die erste Strophe beschreibt Gott, als den Schöpfer der Welt, als fürsorglichen Vater und allmächtigen Erhalter des Geschaffenen. So ausführlich wird dies weder im Nicänischen noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis dargestellt. Wie bei der Auslegung des ersten Artikels im kleinen Katechismus kommt es Luther offenbar darauf an, Abstraktes erfahrbar zu machen. Wir sollen hinter Versorgung und Schutz die Liebe des gütigen Gottes erleben.

Die zweite Strophe beschreibt Gott als den Erlöser in der Person Jesu Christi. Im Gegensatz zur ersten Strophe hat Luther hier die Darstellung der gesprochenen Glaubensbekenntnisse gekürzt. Geburt, Tod und Auferstehung des Erlösers werden mit wenigen Worten angesprochen, Pontius Pilatus, Grablegung, Himmelfahrt und die Ankündigung der Wiederkunft fehlen. Dafür nimmt er in der 8. Zeile etwas auf, was nicht im Apostolikum steht: Jesus Christus starb „für uns, die wir warn verloren“. D a s ist ihm wichtig, denn es unterstreicht erneut die Liebe Gottes, die er schon in der ersten Strophe besonders herausgehoben hat.

Sehen wir aber auch, was Luther n i c h t gestrichen hat: Die Geburt Jesu von „Maria der Jungfrauen“. Sie ist ihm wichtig, weil sie die Erniedrigung des Gottessohnes als wahrer Mensch erklärt. Verstehbar ist uns dieser Vorgang ohnehin nicht, man kann ihn nur „durch den Heilgen Geist im Glauben“ annehmen, so wie es Maria getan hat, die uns Luther ja immer wieder als Vorbild im Glauben vorstellt. Wenn Sie genau hinsehen, sind die vierte und sechste Zeile die einzigen im ganzen Lied, die sich nicht reimen sondern nur durch die Assonanz „Jungfrauen“ – „Glauben“ verbunden sind. Der Sprachkünstler Luther drückt also das Außergewöhnliche durch einen bewussten Verstoß gegen die Reimregeln aus.

Die dritte Strophe ist im Unterschied zu den anderen ganz im Präsens gehalten. Was hier beschrieben wird, ist nicht vor langer Zeit geschehen wie die Schöpfung und vor 2000 Jahren, wie Jesu erlösender Tod. Es geschieht jetzt. Täglich und überall. Die Strophe beschreibt Gott den Heiligen Geist: als „aller Blöden Tröster“ – so hieß es im Original, und meinte die Unverständigen, die sich selbst zur Verzweiflung treiben, weil sie Gottes Geheimnisse verstehen möchten und sich selbst erlösen wollen, anstatt sich auf seine Liebe und die Gaben des Geistes zu verlassen.

Und mit den drei wichtigsten Gaben des Geistes schließt Luther das Lied ab: Der Geist „hält die ganz Christenheit auf Erden“ vor Gott zusammen. Das ist die erste. Die andere: er stärkt uns im Glauben daran, dass „Hier all Sünd vergeben werden“. Und die dritte Gabe verweist in die Zukunft. Sie erinnert daran, dass das eigentliche Leben noch vor uns liegt, weil der Vater uns geschaffen und der Sohn uns erlöst hat: „Nach diesem Elend ist bereit’ / uns ein Leben in Ewigkeit.“ Wo das geglaubt wird, ist Kirche.

Ich habe eingangs auf das wir glauben hingewiesen, mit dem Luther zum Beginn jeder Strophe die Tonfolge c-g-f-g-d-e der alten Melodie unterlegt hat um das weltweite „wir“ der Christenheit zu betonen. Auf die Wiederholung dieser Tonfolge im zweiten Teil lässt er die Kernaussagen der drei Strophen singen: „Kein Leid soll uns widerfahren“ in der ersten, „für uns, die wir warn verloren“ in der zweiten und „das Fleisch soll auch wieder leben“ in der dritten. Das dürfen wir glauben, das bekennen wir und das kann jeder Christ mit uns singen.

Andreas Wittenberg, Bamberg

Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien im Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bamberg, St. Stephan, Mai-Juli 2012.

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Christ lag in Todesbanden“

Martin Luther

Christ lag in Todesbanden

Christ lag in Todesbanden,
für unsre Sünd gegeben,
der ist wieder erstanden
und hat uns bracht das Leben.
Des wir sollen fröhlich sein,
Gott loben und dankbar sein
und singen Halleluja, Halleluja.

Den Tod niemand zwingen konnt
bei allen Menschenkindern;
das macht alles unsre Sünd,
kein Unschuld war zu finden.
Davon kam der Tod so bald
und nahm über uns Gewalt;
hielt uns in seim Reich gefangen. Halleluja.

Jesus Christus, Gottes Sohn,
an unser Statt ist kommen
und hat die Sünd abgetan,
damit dem Tod genommen
all sein Recht und sein Gewalt,
da bleibt nichts denn Tods Gestalt,
den Stachel hat er verloren. Halleluja.

Es war ein wunderlich Krieg,
da Tod und Leben ´rungen;
das Leben behielt den Sieg,
es hat den Tod verschlungen.
Die Schrift hat verkündet das,
wie ein Tod den andern fraß,
ein Spott aus dem Tod ist worden.
Halleluja.

Hier ist das recht Osterlamm,
davon wir sollen leben,
das ist an des Kreuzes Stamm
in heißer Lieb gegeben.
Des Blut zeichnet unsre Tür,
das hält der Glaub dem Tod für,
der Würger kann uns nicht rühren.
Halleluja.

So feiern wir das hoh Fest
mit Herzensfreud und Wonne,
das uns der Herr scheinen lässt.
Er ist selber die Sonne,
der durch seiner Gnaden Glanz
erleucht´ unsre Herzen ganz;
der Sünden Nacht ist vergangen. Halleluja.

Wir essen und leben wohl,
zum süßen Brot geladen;
der alte Sau‘rteig nicht soll
sein bei dem Wort der Gnaden.
Christus will die Kost uns sein
und speisen die Seel allein;
der Glaub will kein´s andern leben.
Halleluja.

Für die Liedbetrachtung dieses Gemeindebriefes sollte ich mich zwischen einem Lutherlied zur Passionszeit und einem seiner Osterlieder entscheiden. Welcher von den beiden Terminen ist der Wichtigere? Luther hat mich aus der Zwickmühle geholt, er hat nie ein Passionslied geschrieben! Also sehen wir uns EG 101, Christ lag in Todesbanden, genauer an, auch, weil wir es in einer Weise singen können, die Luther selbst geschaffen hat.

Es ist eindeutig ein Osterlied. Schon in Strophe 1 ist der Tod des menschlichen Leibes Jesu bereits Vergangenheit. Der Sohn Gottes lebt wieder und – mehr noch – er zeigt mit seiner Auferstehung, dass auch wir, die wir dieses Lied singen, nach unserem Tode wieder leben werden. In den dann folgenden Strophen taucht das Wort „Tod“ nun immer öfter auf: zweimal in der zweiten und dritten, viermal in der vierten Strophe. Warum wohl?

Durch unsere Sünde (Strophe 2) kam der Tod „bald“, das alte Wort für „kühn, mächtig“. Aber dann greift der Sohn Gottes ein, und vom ewigen Tod bleibt nur noch die äußere Gestalt, der Knochenmann mit der Sense (Strophe 3). Deren Schneide aber ist stumpf, sie hat den Stachel verloren (1. Kor 15, 55) und kann uns das ewige Leben nicht mehr nehmen.

Mitte und dichterischer Höhepunkt des Liedes ist Strophe 4. Sie beschreibt den Kampf zwischen ewigem Tod und ewigem Leben in einem gewaltigen Bild: Zwei Mächte ringen miteinander und die eine frisst die andere auf. Im Traum des Pharao, den Joseph deuten sollte, haben die mageren Kühe die fetten gefressen. In unserem Lied sagt dieses Bild, dass der Tod Jesu auf Golgatha unseren ewigen Tod gefressen und damit vernichtet hat. Dies Ereignis wird in dem altkirchlichen Ostergesang, den Luther uns mit seinem Lied „verbessert und verdeutscht“ hat, mit „mirando“ bezeichnet. Er überträgt ihn in das im 16. Jahrhundert gebräuchliche „wunderlich“. Dessen Bedeutung hat sich seitdem zu „ausgefallen, verschroben“ geändert. Wir würden den Kampf heute „bewundernswert“ oder „nur durch Wunder erklärbar“ übertragen.

In der zweiten Hälfte des Liedes stellt uns Luther dann in die Tradition des Volkes Israel, das nach Strophe 5 in der Nacht, mit der der Auszug aus der Knechtschaft begann, das „Osterlamm“ schlachtete und mit seinem Blut die Türpfosten bestrich. Das wurde das Erkennungszeichen, das zeigte, dass hier die Erlösten lebten (2. Mose 12,7). Und so nennt der Reformator Jesus das „recht“ Osterlamm, das nun nicht nur den Israeliten in Ägypten das unbeschadete Überstehen des „Würgers“ ermöglicht, sondern die Erlösung für alle Welt zusagt. Und von nun an ist nicht mehr vom Tod die Rede.

Denn nun wird unser Lied zu einem fröhlichen Osterlied. Wir dürfen ein Fest feiern (Strophe 6). Jesus ist nicht nur das „recht Osterlamm“, er ist auch „selber die Sonne“, die am Ostermorgen für uns aufgeht und das Ende der Sündennacht anzeigt. Und noch einmal wird auf die jüdische Tradition verwiesen, wenn wir in Strophe 7 zum „rechten Osterfladen“ geladen werden, der heute zum „süßen Brot“ modernisiert ist, also zum Brot ohne Sauerteig, den Matzen, die wir im Abendmahl als Hostien zu uns nehmen.

Wir dürfen leben, weil Gott uns liebt, und wir dürfen feiern, weil Gott sich freut, wenn seine Menschen fröhlich sind. Auch das ist der Sinn von Ostern.

Andreas Wittenberg, Bamberg

Dieser Text erschien zuerst im Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bamberg, St. Stephan, Februar-April 2012.