Psalmlied und Kriegslied: Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“

Martin Luther

Ein feste Burg ist unser Gott

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht't
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn
das Reich muß uns doch bleiben

Ein feste Burg als volkstümliches Lied

Wie populär das Kirchenlied, das in allen evangelischen Gesangbüchern vertreten ist, bald nach seine Entstehung wurde, zeigt sich auch darin, dass die Anfangsverse der Strophen eins, drei und vier seit dem 16. Jahrhundert sprichwörtlich geworden sind und es seit Anfang des 19. Jahrhunderts Eingang in zahlreiche säkulare Liederbücher gefunden hat. Zunächst wurde es 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim aufgenommen. Auch die Titel mancher Liederbücher weisen darauf hin, dass der Choral als Volkslied angesehen wurde: Von Die Volkslieder der Deutschen (1834, herausgegeben vom Liederforscher Friedrich Karl von Erlach [1769–1852]) und dem Liederbuch des deutschen Volkes (1883), über Wandervogels Singebuch (1915) bis hin zu den Liedsammlungen zeitgenössischer Liedforscher wie Ernst Klusen, Heinz Rölleke und Theo Mang.

Entstehung

Der Text des 4-strophigen Lieds stammt von Martin Luther. Während sich Liedforscher, Musikhistoriker und Kirchengeschichtler über das Entstehungsjahr 1527 einig sind, ist der Anlass für Luthers Dichtung umstritten. Der Musikhistoriker Michael Fischer führt die Entstehung des „Kampfliedes“ auf die drohende osmanische Invasion zurück. Luther, so hingegen die Auffassung des Liedforschers Theo Mang, habe den Choral „unter dem Eindruck der nahenden Pest“ als „Trost- und Bußlied“ und zugleich als „Trutz- und Triumphlied der evangelischen Kirche“ gegen die Altgläubigen, die sich der Reformation verweigerten, verfasst (S. 1066) –  ein Aspekt, den 1955  auch der Linguist und Ethnologe Wolfgang Steinitz mit der Titulierung „das religiöse Kampflied der Reformation“ (S. 173) gesehen hatte. Bereits 1834 hatte Heinrich Heine den Choral als „Hymne der Reformation“ bezeichnet.

Auch die Melodie wird auf Martin Luther, der ja auch die Laute zu spielen wusste, zurückgeführt. Bereits 1528 erschien das Lied im Wittenberger Gesangbuch (vgl. Rölleke, S. 51). Da dieses Gesangbuch verschollen ist, wird als erste überlieferte Quelle die Augsburger Form und Ordnung geistlicher Gesang und Psalmen von 1529 angegeben (Wikipedia, Ein feste Burg).

Ein feste Burg ist unser Gott im Gesangbuch 1533 von Joseph Klug (epd-Bild)

Interpretation

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seingleichen.

Das Lied beginnt mit einer Feststellung – „Ein feste Burg ist unser Gott“ -, die für gläubige Christen eine unumstößliche Wahrheit enthält. Luther hat seinen Text an Psalm 46 angelehnt, in dem es heißt: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke“ (Vers 2) und der durch Vers 8 die Gewissheit verschafft: „Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz“ (vgl. auch Psalm 91 Vers 2 „meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“). Eine Burg ist zu Zeiten Luthers eine relativ sichere Aufenthaltsstätte und ein Zufluchtsort für die in der Nähe Wohnenden. Mit „guter Wehr und Waffen“ ist das Abwehren potentieller Feinde gemeint. Insofern ist die Absicht Luthers eindeutig auf Verteidigung und nicht auf Angriff gerichtet. Dabei ging es Luther nicht um Kanonen und Festungsanlagen, sondern um die Abwehr der Versuchungen und Bedrängnisse, denen die Menschen ausgesetzt sind. Doch so mächtig und listig „der altböse Feind“, der Teufel, auch sein mag, Gott ist , wie es in Psalm 46, Vers 2 heißt, „eine Hilfe in den großen Nöten“; bei Luther: „er hilft uns frei aus aller Not“.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heisst Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.

Bei aller Zuversicht, die in der ersten Strophe zum Ausdruck kommt, zeigt Martin Luther in der zweiten Strophe, wie sehr wir im Kampf mit dem Bösen „gar bald verloren“ wären, wenn uns nicht Jesus Christus, „der rechte Mann“ beistehen würde. Die Gleichsetzung von Jesus und dem „Herr Zebaoth“ (alttestamentliche Bezeichnung Gottes, dem „Herrn der Heerscharen“) bezieht sich auf die christliche Dreifaltigkeitslehre, nach der Christen an Gott, „den Vater, Sohn und Heiligen Geist“ glauben. Zugleich bekennen sie übereinstimmend mit der Einleitung im Nizänischen Glaubensbekenntnisses (entstanden 325 in Nicäa, ergänzt 381 in Konstantinopel): „Wir glauben an den einen Gott “ im Sinne des Lutherschen Chorals „…und ist kein andrer Gott“. Eine Formel, die auch andere Religionen verwendet wird. So heißt es z.B. im muslimischen Glaubensbekenntnis (arab. schahada) „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt“ und deren strikte Befolgung bzw. Nichteinhaltung zu sogenannten Glaubenskriegen geführt hat und noch heute führt.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht’t
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Doch was ein rechter Christ ist, der fürchtet denTeufel nicht, „wie saur er sich stellt“, d.h. wie drohend er auch auftritt (Rölleke, S. 51), ein „Wörtlein“ weist die Anfeindungen zurück. Ob das „Wörtlein“ in dem Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, eines Gebets oder eines Bibelspruches besteht, sagt der Lutherische Liedtext nicht. Jesus selbst hat den Versuchungen des Teufels (vgl. Matthäus 4, Vers 1 bis 11) mit den Worten „Hebe dich weg von mir, Satan!“ (Vers 10) widerstanden.

Inschrift an der 1515 erbauten Georgenkirche in Eisenach (Bild: Neptuul)

Mit dem Begriff „Fürst dieser Welt“ greift Luther Jesu Worte auf, nach denen der Teufel ausgestoßen und gerichtet wird (vgl. Johannes 12, Vers 31 und 16, Vers 11). Ein Fürst steht bei all seiner Macht im Fürstentum auch zu Zeiten Luthers unter der Macht eines Königs. So wird es verständlich, dass Luther in seiner bildhaften Sprache bei der Übersetzung und in diesem Lied den bedeutenden Unterschied des Umfangs und der Stärke der Macht darzustellen weiß. In der Bibel wird Gott mehrfach als König tituliert (s. von 2. Mose 15, Vers 18 bis Petrus 2, Vers 17) und sogar als „König aller Könige“ (1. Timotheus 6, Vers 15). Auch in Joachim Neanders (1650-1680) bekanntem Choral Lobe den Herren (Interpretation) wird Gott als König bezeichnet, als der  „mächtige König der Ehren“.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn
das Reich muss uns doch bleiben

Das (christliche) Wort ist mächtig, so heißt es in der vierten Strophe, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen (das mittelhochdeutsche „Dank“ bedeutet Gedanken, so Rölleke, S. 51), sofern wir den Herrn „auf dem Plan“ haben, wir fest an ihn und seine „Gaben“ glauben. Selbst wenn uns großes Unheil widerfährt, wir alles („Gut, Ehr, Kind und Weib“) verlieren, den Christen ist gewiss, dass das ewige Leben („das Reich“) bleibt. Ähnlich kennen wir diese Gewissheit von Hiob, der alles verloren hat und dennoch bekennt: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob  1, Vers 11).

Rezeption als Kampflied

Obwohl Luther kein politisches Lied dichten wollte, worauf auch der Bezug auf den Bußpsalm 46 deutet, enthält das geistliche Psalmlied Aussagen, die es verständlich machen, dass es auch zu einem soldatischen Kampflied werden konnte. Einige Passagen der ersten Strophe lassen sich kriegerisch auslegen: vor dem Krieg, um den Wehrwillen zu stärken, im Krieg, um den Soldaten Mut zu machen und nach dem (gewonnenen) Krieg als Dankchoral, ähnlich wie Nun danket alle Gott  missbraucht wurde.

Als Mutmachlied wurde Ein feste Burg bereits in den diversen Bauernaufständen (1624 bis 1626) eingesetzt. Nachweislich haben aufständische Bauern sogar noch nach den 1625 verlorenen Schlachten bei Mühlhausen, bei Würzburg und bei Memmingen in der Gmundener Schlacht am 15.11.1626 Ein feste Burg ist unser Gott gesungen (vgl. Der Große Steinitz, S. 30).  So ist die Friedrich Engels Bezeichnung des Lieds als „Marseillaise der Bauernkriege“ historisch durchaus zutreffend.

Aus dem Dreißigjährigen Krieg wird eine Legende berichtet, nach der die Soldaten von König Gustav Adolf „mit dem Lied auf den Lippen gegen die Truppen der Altgläubigen ausgerückt sind und nach einem Sieg Gustav Adolf ausgerufen habe: ‚Das Feld muss er behalten!’“ (Burkhard Weitz).

Für das Singen des Liedes von den preußischen Soldaten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763, von einigen Historikern als ein Weltkrieg angesehen), habe ich ebenso wenig Quellen gefunden wie auch für seinen Einsatz 1813 im Befreiungskrieg gegen das napoleonische Heer. Doch bereits vor der Leipziger Völkerschlacht 1813 dichtete Ernst Moritz Arndt „Ein feste Burg ist unser Gott / Auf, Brüder, zu den Waffen! / Auf, kämpft zu Ende aller Noth / Glück, Ruh der Welt zu schaffen.“ (nach Thomas Greif). Arndt war es auch, der den Begriff Erbfeind 1813 auf Frankreich bezog.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 trug das Lied zur Zuversicht der preußischen Soldaten bei, über die Franzosen zu siegen (ähnlich wie das Lied Die Wacht am Rhein, Interpretation). Leicht ließ sich der „Erbfeind“ Frankreich als „altböser Feind“ bezeichnen, der „grausam gerüstet“ ist. Und nach dem Sieg über die Franzosen sangen preußische Gruppen in Paris den Choral Nun danket alle Gott.

Zwar hatte Friedrich Engels 1884 über Ein feste Burg ist unser Gott geschrieben: „und so siegbewusst Text und Melodie des Liedes sind, so wenig  kann und braucht man es nicht in diesem Sinn zu fassen“ (Steinitz, S. 173). Dessen ungeachtet wurde, zeitlich fast parallel mit der Aufnahme des Psalmlieds in weltliche Liederbücher (s.o.), Ein feste Burg Ende des 19. Jahrhunderts in etliche Liedersammlungen für Soldaten aufgenommen, z.B. 1892 in den Liederschatz für das deutsche Heer und 1897 in das Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg ist das Psalmlied politisch verwendet worden. So sangen es 1817 auf dem Wartburgfest die Studenten, die gegen reaktionäre Politik, gegen die Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit eigener Verfassung am Fuß der Lutherburg protestierten. Ebenso wurde der Choral 1868 bei der Errichtung des Lutherdenkmals in Worms und bei der Reichsgründung 1871 intoniert (vgl. Thomas Greif).

Zahlreiche Liederbücher, die im Ersten Weltkrieg mit dem Lied herauskamen, wie z.B. Singbüchlein für Soldaten – Heer und Flotte,  Kriegsliederbuch für das deutsche Heer (beide 1914)  und Gloria Victoria – Vaterlands-, Kriegs-, Soldaten- Heimatlieder, Choräle und Dankgebete und Das deutsche Soldatenlied (beide 1915) machten es den Soldaten leicht, den „altbösen Feind“, der in „grausamer Rüstung“ daherkommt auf die Ententemächte zu übertragen.

In ihren Kriegspredigten beriefen sich Theologen, die der Ideologie des Nationalprotestantismus nahestanden, auch auf Martin Luther. So 1915 der Professor für praktische Theologie Eduard Simons: „Dass Luther bei uns ist, das haben wir gleich von Anfang des Krieges gemerkt, da sein Schutz- und Trutzlied zum Kriegslied wurde“ (nach Pressel, S. 84). Auch der damalige Oberpfarrer und spätere Bischof Otto Dibelius meinte, dass „Luther den Bann gebrochen hat für den Bund von Christentum und Volkstum“ und fuhr noch 1918 fort: „Um Luther schart sich seitdem alles, was deutsch fühlt im Kampf gegen welsche Gewalt“ (nach Pressel, S. 80). Und,  um den nachlassenden Wehrwillen zu stärken, dramatisierte der Prediger Droß, „ dass im Weltkrieg das ganze Erbe Luthers und der deutschen Reformation auf dem Spiel steht“ (Pressel, S. 82). Doch trotz aller anfänglichen Zuversicht – „Gott hilft uns frei [d.h. ohne Auflagen] aus aller Not“ – mussten 1918 Siegesgesänge im Gegensatz zu 1871 ausbleiben.

Feldpostkarte, 1915 (Histor. Bildpostkarten Uni Osnabrück, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht)

Luther und Bismarck als „Deutsche Eichen“ Stahlstich Feldpostkarte 1917 (Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz)

Weimarer Republik und NS-Zeit

In der Weimarer Republik wurde Ein feste Burg ist unser Gott von den Nationalisten vereinnahmt. Der antidemokratische Stahlhelm Bund, der nationales Pflichtbewusstsein propagandierende Kyffhäuser Bund, der national gesinnte Reichsverband des Jungsturms, die rassistische Deutsch-völkische Freiheitsbewegung und der antisemitische Jungdeutsche Orden nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Später instrumentalisierten es die Nationalsozialisten auch gegen (vermeintlich) innere Feinde.

Das begann 1933 mit dem die SA Liederbuch und setzte sich fort im Hitler-Liederbuch der nationalen Revolution (1934; Auflage 465.000-500.000). An die Stelle des Reiches Gottes setzen die Nazis „Das Dritte Reich“. Dagegen prostierten „die Schwestern und Brüder einer ‚Bekennenden Kirche‘: ‚Das Reich muss uns doch bleiben‘ stand provokativ in fetter Schrift unter einem Flugblatt, November 1933, das scharf gegen die berüchtigte Deutsche Christen Kundgebung im Berliner Sportpalast Stellung bezog“ (Reinhart Staats).

Mit Ausnahme der männlichen Hitlerjugend gab es kaum eine NS-Organisation, die das „Kampflied“ nicht in ihre Liederbücher aufnahm, wie z.B. der Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und der Deutsche Arbeitsdienst. Da meinten NS-nahe Christen nicht nachstehen zu können und brachten eigene Liederbücher mit Ein feste Burg ist unser Gott heraus, u.a. das Liederbuch der Deutschen Christen für die deutsche Jugend in Kirche, Schule, Haus und Christliche Kampflieder der Deutschen. Und zur mentalen Einstimmung auf den geplanten Krieg wurde das Lied bereits 1936 in etliche Liederbücher wie Soldaten siegen und Soldaten, Kameraden aufgenommen. Seit 1939 folgten zahlreiche Ausgaben wie das Liederbuch der Wehrmacht, Das Deutsche Marineliederbuch u.a.

Missbraucht wurde das Lied auch in dem von Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilm Der große König. Nach den im Siebenjährigen Krieg (s. o.) verloren gegangenen Schlachten und der Zerschlagung des preußischen Heeres wurde durch das Beharren des Königs Friedrich II. auf Kämpfen bis zum Sieg und der Wiederaufrüstung letztlich 1763 der Krieg in der Entscheidungsschlacht von Torgau gewonnen. Die deutsche Bevölkerung, deren Skepsis auf einen Endsieg nach  anfangs erfolgreichen „Blitzkriegen“ zugenommen hatte, sollte mit Hilfe sogenannter Durchhaltefilme psychologisch aufgerüstet werden: „Das Reich muss uns doch bleiben“ mit Hitler als Führer, als „rechter Mann“, den „Gott hat fest erkoren“ (vgl. Burkhard Weitz).

Von den Nationalsozialisten geduldet wurde die Herausgabe von Gesangbüchern und geistlichen Liederbüchern mit dem Lutherlied, z.B. Das Liederbuch der evangelischen Jugend (5. Auflage 1938) und Lieder der Jugend der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1935), das einzige mir bekannte Liederbuch von katholischer Seite mit dem Choral.

Weitere Rezeption

Von 1948 (Der helle Ton) über auflagenstarke Taschenbücher der Verlage Reclam, Moewig und Weltbild bis 2016 (Du meine Seele singe – geistliche Volkslieder) wird der Choral nicht nur in Deutschland (einschließlich der DDR) in weitere zahlreiche Gebrauchsliederbücher (u. a. von Pfadfindern und Freimaurern) und Schulbücher aufgenommen, sondern auch in Österreich und in der Schweiz. Ebenfalls bekannt ist das Lied in vielen englischsprachigen Ländern (A Mighty Fortress Is Our God) und in ganz Skandinavien. In Dänemark und Norwegen gehört es zu den drei meistgesungenen Kirchenliedern (vgl. Hanson/Seelander). Auch evangelische Gemeinden in anderen Ländern wie z.B. Korea und Tanzania, kennen Ein feste Burg ist unser Gott.

In Deutschland wird es nicht nur als Kirchenlied, sondern erneut als Volkslied und als Soldatenlied angesehen, wie es z.B. die Titel der Liedersammlungen Das große Buch der Volkslieder (1993) oder Volks- und Soldatenleder aus sechs Jahrhunderten (2002), das  Evangelische Gesang- und Gebetbuch für Soldaten (1957), aber auch in Österreich Das Österreichische Soldatenliedbuch (1962) zeigen.

Darüber, wie weit verbreitet Ein feste Burg ist, gibt auch der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig Aufschluss, der 185 Notenausgaben, überwiegend Chorpartituren, und 110 Buchtitel aufweist. Darüber hinaus hat das DMA fast 120 Tonträger mit Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach, Georg Philip Telemann, Dietrich Buxtehude und Franz Liszt sowie zeitgenössischer Komponisten in seinem Bestand -und außerdem drei Hörbücher, davon eine CD von 2015 mit der Bach’schen Reformkantate und Meditationen von Margot Käßmann. Der berühmte schwedische Posaunist Nils Landgren hat sogar eine jazzige Version von Ein feste Burg aufgenommen.

Anhaltspunkte für die Popularität eines Liedes geben außer der sprichwörtlichen Verwendung einzelner Verse (s. o. Einführung) und der Anzahl der Liederbücher und Tonträger auch die Benutzung des Incipits (die Überschrift oder der erste Vers der ersten Strophe) und die Varianten und Parodien, die das Lied im Laufe seiner Geschichte erfahren hat.

Mir ist kein Lied bekannt, dessen Incipit die außerordentlich hohe Verwendung in 110 Buchtiteln erreicht hat. Allein von 1947 bis 2017 wurden rund 40 Druckwerke aufgelegt, darunter die meisten christliche Bücher von evangelischen Verlagen, aber auch Ausstellungskataloge, Geschichts- und andere Fachbücher.

Ein feste Burg ist unser Gott“ am Turm der Schlosskirche Wittenberg (1890) (Bild Michael Sander, Ausschnitt Rabanus Flavus)

Eine erste bekannt gewordene Variante (zu den Varianten und Parodien vgl. Martin Fischer) des Liedes mit dem Titel Christus der Schutz unserer Kirche stammt 1774 von dem Dichter und evangelischem Geistlichen Johann Adolph Schlegel mit der ersten Strophe:

Ein starker Schutz ist unser Gott!
Auf ihn steht unser Hoffen
Er hilft uns treu aus aller Noth
So viel uns der betroffen
Satan, unser Feind
Der mit Ernst‘ es meint,
Rüstet sich mit List
Trutzt, dass er mächtig ist
Ihm gleicht kein Feind auf Erden.

Als Revolutionslied 1848 dichtete der Schriftsteller Julius Lasker Ein feste Burg ist Mannesmuth. Die erste Strophe lautet:

Ein‘ feste Burg ist Mannesmuth
Für Freiheit, Wahrheit, Tugend
Dran setzen freudig Gut und Blut
Das Alter wie die Jugend
Wir schwören All‘ den Eid
In Lieb‘ und Einigkeit
Heilig, heilig sei,
Ja heilig uns die Drei:
Die Freiheit, Wahrheit, Tugend!

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sang die sozialdemokratische Arbeiterbewegung Ein feste Burg ist unser Bund des Dichters und Mitbegründers des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) Jakob Audorf, von dem auch die „Arbeiter-Marseillaise“ (1864) stammt. Das „Bundeslied“ beginnt mit:

Eine feste Burg ist unser Bund,
Durch eig’ne Kraft geschaffen;
Er wurzelt fest auf Felsengrund,
Im Sturm ein sich’rer Hafen
Ob auch die Woge braust
D’drob keinem von uns graust:
Hoch, hoch das Schlachtpanier!
Darunter kämpfen wir
Für uns’re Menschenrechte.

Fast 70 Jahre später hat Bertolt Brecht eine Parodie auf Hitler geschrieben: Ein‘ große Hilf war uns sein Maul, und 1977 reagierte Erich Fried auf den Tod von Ulrike Meinhof mit seiner Parodie Ein feste Burg ist unser Stammheim. Zu Zeiten der Anti-Atomkraft-Bewegung entstand der Protestsong Ein feste Burg das Wendland ist.

Ein feste Burg das Wendland ist,
voll Polizei in Waffen
Allgegenwart und Spitzellist
sind ihr Gewalt und Waffen.
Der altböse Feind
mit ERNST* ers jetzt meint
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
im Land ist nicht seinsgleichen

[* Ernst Albrecht, von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen, befürwortete die Endlagerung von Uranabfällen in Gorleben.]

Noch heute wird das „typischste bekannteste evangelische Kirchenlied“ (Rölleke, S. 51) nicht nur an Invocavit, dem 1. Sonntag der Passionszeit, sondern auch an kirchlichen Feiertagen und auf evangelischen Treffen wie dem Kirchentag gesungen. In Kirchen wird das Lied häufig als Orgelimprovisation gespielt, und in Konzerthallen kann man es in zahlreichen musikalischen Werken von Bach (BWV 80, um 1730) bis Zsolt Gárdonyi (Toccata, 2017) als Zitat hören. Zahlreiche Orgelwerke von Michael Prätorius (Fantasie über Ein feste Burg, 1609) und Bach (Choralbearbeitung, 1709, über Händel (Occasional Oratio, 1746) und Wagner (Kaisermarsch, 1871) bis zur Reformationskantate (2017) von Michael Zeller haben als Grundlage Ein feste Burg ist unser Gott.

Georg Nagel, Hamburg

Literatur:

Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, Köln 1993 und Gütersloh o. Jg.

Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2 Bände, Frankfurt/Main, 2. Auflage 1981.

Theo Mang, Sunhilt Mang: Der Liederquell, Über 750 Volkslieder aus Vergangenheit und Gegenwart, Ursprünge und Singweisen, Wilhelmshaven 2015.

Michael Fischer: Ein feste Burg ist unser Gott (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon (online).

Wolfgang Steinitz: Der große Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 1719.

Burkhard Weitz: Geschichte des Liedes – Kampflied der Deutschen oder Protest gegen Gewalt? Widersprüchliche Interpretationen von Martin Luthers Choral, in: Chrismon, 2.11.2016 (online).

Wilhelm Pressel: Die Kriegspredigt 1914- 1918 in der evangelischen Kirche, Göttingen, 1967.

Reinhart Staats: Gott dem Herrn Dank sagen – Festschrift für Gerhard Heintze, Zur politischen Wirkung von Luthers Lied „Ein feste Burg“ in: Kirche von unten, 18.11. 2002 (online).

Thomas Greif: „Ein feste Burg …“ Wie Luthers Kampflied zur Kriegsfanfare wurde, welt digital 31.10.2014 (online).

K.J. Hansson und Sven-Åke Selander: Die Lieder Martin Luthers im Leben der skandinavischen Völker (online).

 

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Den Frühling begrüßen: „So treiben wir den Winter aus“

So treiben wir den Winter aus

So treiben wir den Winter aus
durch unsre Stadt zum Tor hinaus
und jagen ihn zuschanden,
hinweg aus unsern Landen.

Wir stürzen ihn von Berg zu Tal,
damit er sich zu Tode fall.
Wir jagen ihn über die Heiden,
daß er den Tod muss leiden.

Wir jagen den Winter vor die Tür,
den Sommer bringen wir herfür,
den Sommer und den Maien,
die Blümlein mancherleien.

 

Noch im 19. Jahrhundert wurde am dritten Sonntag in der Mitte der Fastenzeit (Mittfasten, im Kirchenjahr Laetare = Freue dich – auf die Auferstehung Jesu) in vielen Regionen Deutschlands der Frühlingsbeginn gefeiert. Heutzutage werden das Winteraustreiben und das Sommereinholen vorwiegend in Mitteldeutschlands und in Südwestdeutschland begangen. Und nach wie vor wird auf dem damit verbundenem Umzug und bei dem sich anschließenden Verbrennen oder Ertränken einer Strohpuppe das Lied So treiben wir den Winter aus gesungen.

Von wem der Text stammt, ist unbekannt; die Melodie geht auf eine alte Volksweise aus der Zeit vor 1540 zurück.

Die Melodie wurde auch für geistliche Umdichtungen benutzt (vgl. Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2. Auflage 1981, S. 822). Hier eine erste Strophe mit „reformatorischer Polemik“ (Theo Mang: Der Liederquell, 2015, S. 102), wobei mit dem Antichristen der Papst gemeint ist:

1. So treiben wir den Winter aus,
Durch unsre Stadt zum Tor hinaus,
Mit sein‘ Betrug und Listen,
Den rechten Antichristen.

Die hinzugefügte vierte Strophe weist auf einen der vier Grundsätze der Reformation hin: sola scriptura: Was die Gläubigen tun müssen, kann ihnen niemanden vorschreiben, es ist nur in der Bibel zu finden.

4. Die Blume sproßt aus göttlich Wort,
Und deutet auf viel schönern Ort,
Wer ist’s der das gelehret?
Gott ist’s, der hats bescheret.

[aus: Achim von Arnim, Clemens Brentano (Hg.): Des Knaben Wunderhorn, 1806, Band 1, S. 106.]

Nachdem Luther kurz vor seinem Tod 1545 eine letzte Schrift gegen die römische Kirche Wider das Bapsttum zu Rom vom Teufel gestifft verfasst hatte, sang einer seiner Mitstreiter, der Pfarrer Johannes Mathesius (1504-1565) die folgenden 1541 auf einem Flugblatt aus Wittenberg dokumentierten drastischen Strophen (hier Auszüge aus Erk/Böhme: Deutscher Liederhort, Band II,  S. 89):

1. Nun treiben wir den Papst heraus,
aus Christus Kirch und Gotteshaus.
Darin er mördlich hat regiert
und unzählich viel Seel’n verführt.

[…]

4. Der römisch Götz ist ausgethan,
Den rechten Papst wir nehmen an:
Das ist Gotts Sohn, der Fels und Christ,
Auf dem sein Kirch erbauet ist.

[…]

7. Er geht ein frischer Sommer herzu,
Verleih uns Christus Fried und Ruh!
Bescher uns, Herr, ein seligs Jahr
Vor’m Papst und Türken uns bewahr!

Dieses Lied erschien auch in gekürzter Form in einigen evangelischen Gesangbüchern, z.B. 1597 im Hofer Gesangbuch mit der Bemerkung „Am Sonntag Laetare, zum Tod austragen, und den Babst aus der Kirche zu jagen“ (zitiert nach Erk/Böhme, S. 89). In mehreren Liederbüchern wird darauf hingewiesen, dass Luther den Text verfasst habe. Der Volksliedforscher Heinz Rölleke hält ihn hingegen lediglich für eine Überarbeitung Luthers (vgl. Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 61). Einig sind sich die Volksliedforscher von Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme bis Ernst Klusen bis Heinz Rölleke darin, dass uns „die schöne Melodie“ durch das „reformatorische Kampflied“ (Mang, S. 102) erhalten geblieben ist.

Eine andere Umdichtung des Liedes ist Nun treiben wir den Tod hinaus. Obwohl der Brauch des Todaustreibens bereits seit 1439 bezeugt ist (vgl. Rölleke, S. 68), wurde dieses Lied erst etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt. Gesungen wurde es bei prozessionsartigen Umzügen an Mittfasten. Dazu wurde aus Pappe oder Stroh eine Puppe gebastelt, häufig in weiße Tücher gehüllt, durch die Straßen getragen und dabei Folgendes gesungen:

So treiben wir den Tod hinaus,
Den alten Weibern in das Haus,
Den Reichen in den Kasten
Heute ist Mitterfasten.

Nachdem „der Tod“ schließlich auf einem Platz verbrannt oder ins Wasser geworfen wurde, stimmten alle folgende Strophe an:

Den Tod haben wir ausgetrieben,
Den Sommer bring’n wir wieder,
Das Leben ist zu Haus geblieben
Drum singen wir fröhliche Lieder.

Oder statt der beiden letzten Verse auch:

Des Sommers und des Maien,
Des wollen wir uns erfreuen.

[Aus: Franz Magnus Böhme, Altdeutsches Liederbuch 1877, S. 608.]

So verquickten sich die Themen des Winteraustreibens und der reformatorischen Gedanken mit denen des Todaustreibens, bis der Text schließlich zu einem allgemein bekannten und beliebten Frühlingslied mit drei Strophen wurde (vgl. Rölleke, S. 68).

Foto: www.brauchwiki.de

An Mittfasten wurden auch andere Lieder gesungen, so z.B. das heute noch bekannte Lied Trarira, der Sommer, der ist da (auch Trariro, der Sommer der ist do; s. auch eine Variante von Hoffmann von Fallersleben, www.lieder-archiv.de). 1778 wurde es zum ersten Mal aufgezeichnet mit der Anmerkung: „In der Pfalz und in den umliegenden Gegenden gehen am Sonntag Lätare, welchen man den Sommersonntag nennt, die Kinder auf den Gassen herum mit hölzernen Stäben, an welchen eine mit Bändern geschmückte Brezel hängt, und singen den Sommer an, worüber sich jedermann freut“ (zitiert nach Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2. Band, S. 824). Die dritte Strophe lautet:

Trarira, der Sommer, der ist da!
Der Sommer hat gewonnen,
Der Winter hat ist zerronnen.
Ja, ja, ja, der Sommer der ist da!

Ob der etwa aus dem Jahr 1580 stammende Text mit der Melodie von 1646 (vgl. Klusen, S. 823) Heut ist ein freudenreicher Tag auf Mittfasten gesungen wurde, ist nicht überliefert. In der fünften  von 13 Strophen (s. www.lieder-archiv.de) wird der Winter direkt angesprochen:

Winter, wir haben dein genug,
nun heb dich aus dem Land mit Fug!
Alle ihr Herren mein, der Sommer ist fein.

In einer anderen Version heißt es:

O Winter, du darfst jetzt nicht viel sagn,
bald werd ich dich aus dem Sommerland jagn!
Ihr Herren mein, der Sommer ist fein

Während Trarira… in rund 200 und Trariro… in 80 mir online und privat zugänglichen Liederbüchern vertreten ist, habe ich Heut ist ein freudenreicher Tag nur in einem Schulliederbuch gefunden (Der Hamburger Musikant, Teil A vom 3. – 6. Schuljahr, 1952, S. 100). Nun (bzw. So) treiben wir den Winter aus ist in rund 250 Liederbücher aufgenommen worden. So treiben wir den Papst hinaus habe ich nur in älteren Liedersammlungen vor 1900 entdeckt.

Während das Datum des Mittfasten-Sonntags (Laetare) abhängig ist vom Ostersonntag, findet das Winteraustreiben in Nordfriesland jedes Jahr am 21. Februar statt. Beim sogenannten Biikebrennen (Biike = Bake, Feuerzeichen) wird ein riesiger aus Tannenbäumen und anderen Hölzern pyramidenhaft aufgeschichteter Haufen angezündet, was den Winter vertreiben soll.

Foto: Sönke Rahn.

Auf Sylt wird vorher eine Ansprache auf Friesisch gehalten, in vielen Dörfern hält häufig der Bürgermeister oder der Pastor eine Rede; manchmal sagen auch Kinder Gedichte in einem der nordfriesischen Dialekte auf.

In manchen Orten wird eine Strohpuppe verbrannt, Petermännchen genannt. Die bei Wikipedia (vgl. Stichwort Todaustragen, s. a. Biikebrennen)  angeführte Vermutung, dass diese Bezeichnung mit dem Vertreiben des Papstes (dem Petrus-Amt) zu tun habe, ist aus meiner Sicht abwegig. Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, als die heute üblichen großen Feuerstöße entstanden, war der reformatorische Eifer, den Papst auszutreiben, lange vorbei. Die einheitliche Festlegung des Biikebrennens am Abend des 21. Februars, die erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, könnte allerdings mit dem Vorabend des katholischen Festtags Kathedra Petri, kurz Petritag, zusammenhängen. Dieser Feiertag geht auf das 4. Jahrhundert zurück: Am 22. Februar fand die Berufung des Apostel Petrus zum Lehramt in der Kirche und damit die Übernahme des römischen Bischofsstuhls (Cathedra) statt.

Am 22. Februar endete die Winterpause für die mittelalterliche Schifffahrt, nachdem für die Hansestädte und die Küstenorte zwischen Martini (Martinstag, 11. November, Festtag des hl. Martin von Tours) und Petri Stuhlfeier die Schifffahrt geruht hatte. So wurden bereits vor der Reformation mit den Biikefeuern der Frühling und damit die Wiederaufnahme der Arbeit auf den Seeschiffen begrüßt.

Georg Nagel, Hamburg

 

Ein wenig bekanntes Weihnachtslied aus Luthers Feder: „Christum wir sollen loben schon“

Martin Luther

Christum wir sollen loben schon

Der hymnus. A solis ortu.
Christum wir sollen loben schon /
der reynen magd Marien son.
So weit die liebe sonne leucht /
vnnd an aller welt ende reicht.

Der selig schepffer aller ding /
zoch an eins knechtes leib gering /
das er das fleisch durch fleisch erworb /
vnd seyn geschepff nicht als verdorb.

Die götlich gnad von hymel groß /
sych yn die keusche mutter goß /
Eyn medlin trug einn heymlich pfand /
das der natur war vnbekand.

Das zuchtig haus des hertzen tzart /
gar baldt eyn Tempel Gottis wart /
die kein man ruret noch erkand /
von gots wort sye man schwanger fand.

Die edle mutter hat geborn /
den Gabriel verhyeß zuuorn /
den sanct Johans mit spryngen zeygt /
da er noch lag ynn mutter leyb.

Er lag ym hew mit armut groß /
die krippen hart yhn nicht verdroß.
Es ward eyn kleyne milch seyn speyß /
der nie keyn voglin hungern ließ.

Des hymels Chor sich frewen drob /
vnd die engel syngen Got lob /
den armen hyrten wird vermeld /
der hirt vnd schepffer aller welt.

Lob ehr vnnd danck sey dir gesagt /
Christ geborn von reyner magd.
Mit vater vnd dem heylgen geist /
von nu an byß ynn ewigkeit.

Denkt man an Martin Luthers Weihnachtslieder, fällt einem wohl vor allem das heute sehr beliebte Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ähnlich wie Ein feste Burg ist unser Gott gilt es als eines der Standartwerke des Reformators, das zu dieser Jahreszeit in Kirchen und Häusern in ganz Deutschland und darüber hinaus gesungen wird.

Das hier vorgestellte Lied, Christum wie sollen loben schon, ist ein weiteres Weihnachtslied aus Luthers Feder. Es basiert auf dem Lateinischen Gedicht A solis ortus cardine von Caelius Sedulius (gestorben ca. 450), welches im Mittelalter vertont wurde. Luther erwähnt diese Vorlage explizit in seiner Übersetzung. Er übernahm von dem altkirchlichen Original nur fünf Strophen in freier Übersetzung, nämlich die, die sich auf die Geburt Jesu bezogen. So zentrierte er das Lied wesentlich stärker auf Weihnachten. Die Vorlage beschreibt das ganze Leben Christi und nicht nur dessen Geburt. Sie verwendet die rhetorische Form eines Abecedarius, was bedeutet, dass jede Strophe mit einem Buchstaben des Alphabets beginnt. Luther hingegen übersetzte den lateinischen Text in Reimform.

Inhaltlich werden in Luthers Übersetzung einige theologische Aspekte des Luthertums angeschnitten. Beispielsweise wird in der dritten Strophe auf „die göttliche gnad vom hymel“ verwiesen, was auch in Luthers Grundsatz sola gratia zum Ausdruck kam. Als Luther das Lied 1524 übersetzte, hatte sich noch keine vollständige lutherische Konfessionskultur gebildet. So wird auch noch auf „Sanct Johans“ verwiesen und das Lied ist stark auf Maria als Mutter Gottes zentriert; der Heiligenkult und die Marienverehrung sind beides Aspekte, die man heutzutage wohl eher mit dem Katholizismus verbinden würde. Überraschend ist dies allerdings nicht, weil sich erst im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts langsam eine konfessionelle Kultur herausbildete, die sich bei Lutheranern, Katholiken und Reformierten unterschied.

Stilistisch zeichnet sich Luther, der ein sehr feines Gefühl für Sprache besaß, auch als guter Übersetzer und Dichter aus. Die Reimform („schon…son“, „ding…gering“) hat das Lied einprägsam gemacht und die bereits bekannte Melodie für viele eingänglich. Gleichzeitig ist die Übersetzung in die Umgangssprache ein Indiz für die Wichtigkeit des Deutschen im Luthertum. Die Übersetzung der Bibel und die Durchführung von Kirchenritualen, beispielsweise Taufe und Kommunion, in der Umgangssprache waren Kernforderungen Luthers.

Daneben greift Luther in seiner Übersetzung auch beliebte religiöse Topoi auf, die natürlich oft im lateinischen Original bereits vorhanden sind und somit nicht unbedingt explizit lutherisch. Die weitstrahlende Sonne in der ersten Strophe zum Beispiel entwickelte sich zu einem wichtigen Symbol des Luthertums, wobei spätere Generationen von Theologen oft Luther selbst oder die Universität von Wittenberg als die hellstrahlende Sonne bezeichneten. Entgegensetzt war dem dann die Finsternis der katholischen Kirche.

Ein solches Lied konnte in vielen Situationen auch eine didaktische Funktion erfüllen. Die Nacherzählung von Aspekten der biblischen Weihnachtgeschichte, beispielsweise der unbefleckten Empfängnis („die keusche mutter“, „von gots wort sye man schwanger fand“, „reyne magd“), die Ankündigung durch die Engel („den Gabriel verhyeß zuuorn“) oder die Himmlischen Heerscharen („die engel syngen Got lob“) waren wichtige Aspekte des christlichen Selbstverständnisses, die natürlich auch in Predigten und Katechesen aufgenommen werden konnten. So wurde der lutherischen Theologie auch in solchen Liedern Gehör verschafft. Wie üblich verwies das Lied in der letzten Strophe auf die Dreifaltigkeit und die Ewigkeit des göttlichen Reiches und damit letztendlich auch die göttliche Omnipotenz. Dies war offensichtlich für Luther wichtig, denn die letzte Strophe hat im lateinischen Original kein direktes Äquivalent.

Doch, und um zum Anfang zurückzukehren, das Lied, welches heute nur noch in einigen regionalen evangelischen Gesangbüchern abgedruckt ist, zeigt auch, wie einfach es ist, die heutige Form des Luthertums auf das sechzehnte Jahrhundert zu projizieren. Denn während heute Vom Himmel hoch, da komm ich her als das lutherische Weihnachtslied par excellence gesehen wird, waren die Dinge im sechzehnten Jahrhundert nicht so eindeutig. Christum wir sollen loben schon fand sich in einem der frühesten lutherischen Liederbücher, dem Erfurter Enchiridion (1524) und erfreute sich großer Beliebtheit. Das Lied war so beliebt, dass es sogar in katholischen Gesangbüchern des sechzehnten Jahrhunderts abgedruckt wurde. Heute allerdings ist es nur noch Kennerinnen und Kennern bekannt. Es ist irreführend anzunehmen, dass, nur weil Elemente der lutherischen Konfessionskultur wie das Lied vom Himmel hoch, da komm ich her heute so beliebt sind, dies bereits im sechzehnten Jahrhundert der Fall war.

Die Tendenz, die Vergangenheit durch eine teleologische Brille zu sehen, hat sich auch in der Lutherdekade, welche nun mit einer durchwachsenen Bilanz zu Ende gegangen ist (vgl. faz.net), gezeigt. So spielte das Jahr 1517 und der Thesenanschlag in der lutherischen Memorialkultur des sechzehnten Jahrhunderts lange nicht die Rolle, die diesem Ereignis in den Jubiläen, die seitdem gefeiert wurden, zugeschrieben wurde. Die Konstruktion des Thesenschlages als Schlüsselereignis der Reformation geht vielmehr auf spätere Autoren zurück, die die Reformation als Ereignisgeschichte anhand von einigen wichtigen performativen Akten erzählten: dem Thesenanschlag, dem öffentlichen Verbrennen der Bannandrohungsbulle in Wittenberg, dem heroischen Luther auf dem Reichstag von Augsburg und noch einigen weiteren, ähnlichen Ereignissen.

Schlussendlich lässt sich nur dafür plädieren, dass jede Zeit in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden muss und die eigenen Annahmen immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Ein angenehmes Nebenprodukt eines solchen Ansatzes ist es, dass man einem bisher unbekannte Schätze entdecken kann wie das schöne Weihnachtslied Christum wir sollen loben schon.

Martin Christ, Tübingen

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert: Martin Luthers „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“

Martin Luther
 
Mit Fried und Freud ich fahr dahin
 
1. Mit Fried und Freud ich fahr dahin
in Gotts Wille;
getrost ist mir mein Herz und Sinn,
sanft und stille,
wie Gott mir verheißen hat:
der Tod ist mein Schlaf worden.

2. Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn,
der treu Heiland,
den du mich, Herr, hast sehen lan
und g’macht bekannt,
dass er sei das Leben mein
und Heil in Not und Sterben.

3. Den hast du allen vorgestellt
mit groß’ Gnaden,
zu seinem Reich die ganze Welt
heißen laden
durch dein teuer heilsam Wort,
an allem Ort erschollen.

4. Er ist das Heil und selig Licht
für die Heiden,
zu ’rleuchten, die dich kennen nicht,
und zu weiden.
Er ist deins Volks Israel
Preis, Ehre, Freud und Wonne.
 
     [EG 519]

Die Titelzeile dieses Lutherlieds von 1524 handelt vom Sterben und will so gar keine Weihnachtsfreude ausstrahlen. Und es steht erst seit dem EKG, also dem Vorgänger unseres heutigen Gesangbuchs, auch in Bayern unter den Liedern zum Ende des Kirchenjahres und entspricht so unseren Vorstellungen von Liedern zum Toten- und Ewigkeitssonntag. Früher und vor allem zu Luthers Zeit stand es ganz woanders. Aber wo? Die beiden Bilder aus Gesangbüchern von 1533 und 1545 helfen Ihnen weiter:

Beschneidung_Klug_1533

Beschneidung_Babst_1545

Sie zeigen Jesus bei seinem ersten Besuch im Tempel und Marias „Reinigung“ nach der Geburt ihres ersten Kindes. Diese Anlässe des jüdischen Ritus haben die Christen noch zu Luthers Zeiten als Feiertage begangen und ihnen eine eigene Liedgruppe im Gesangbuch gegeben. Mit ihnen untrennbar verbunden ist eine ganz alte Hymne unserer Kirchen, das NUNC DIMITTIS. Der alte Simeon sprach dieses Dankgebet nach Luk 2, 29-32, als er erkannte, dass das Kind, das Maria und Joseph zur Beschneidung brachten, der verheißene Messias sei.

Und damit gibt es vier gute Gründe dafür, dass ich Ihnen dieses Lied nahelege. Es ist zunächst die direkte, reformatorische Übertragung eines Biblischen Textes, der die Weihnachtszeit beschließt, in ein Kirchenlied. Es erinnert uns sodann daran, dass Jesus Jude war, der die Rituale und Gebote seines Volkes einhielt. Und das ist ein Gedanke, den wir mit bedenken müssen, wenn in Deutschland über die „Körperverletzung“ durch die Beschneidung diskutiert wird. Es gibt drittens uns Bambergern die Möglichkeit, unseren Besuchern zu erklären, wer die beiden alten Leute in unserer Stephanskrippe sind (nämlich Simeon und Hanna) und was die beiden Tauben bei den Figuren bedeuten (Luk 2, 24). Den vierten, wichtigsten Grund finden Sie selbst heraus, wenn Sie Ihr Gesangbuch neben die Bibel legen und den Liedtext mit dem Gebet des Simeon vergleichen. Es ist alles da, was Lukas überliefert hat, aber Martin Luther hat dies Gebet in einer unglaublich gewaltigen Sprache erweitert und uns als Bekenntnislied in den Mund gelegt. Wir, Menschen des 21. Jahrhunderts, dürfen mit seinen Worten sagen: Der Tod wird mir nur ein Schlaf sein. Denn ich werde wieder aufwachen – und dann ist endlich alles gut. Und das alles, weil Jesus für uns Mensch geworden ist! Was für ein Weihnachtslied!

Andreas Wittenberg, Bamberg

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert: Martin Luthers Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“ (1524)

Martin Luther 

Nun komm, der Heiden Heiland

Nun komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

Er ging aus der Kammer sein,
dem königlichen Saal so rein,
Gott von Art und Mensch, ein Held;
sein’ Weg er zu laufen eilt.

Sein Lauf kam vom Vater her
und kehrt wieder zum Vater,
fuhr hinunter zu der Höll
und wieder zu Gottes Stuhl.

Dein Krippen glänzt hell und klar,
die Nacht gibt ein neu Licht dar.
Dunkel muss nicht kommen drein,
der Glaub bleib immer im Schein.

Lob sei Gott dem Vater g’tan;
Lob sei Gott seim ein’gen Sohn,
Lob sei Gott dem Heilgen Geist
immer und in Ewigkeit.
-

ältere Version:

Nu kom der Heyden heyland /
der yungfrawen kynd erkannd.
Das sych wunnder alle welt /
Gott solch gepurt yhm bestelt.

Nicht von Mans blut noch von fleisch /
allein von dem heyligen geyst /
Ist Gottes wort worden eyn mensch /
vnd bluet eyn frucht weibs fleisch.

Der yungfraw leib schwanger ward /
doch bleib keuscheyt reyn beward
Leucht erfar manch tugend schon /
Gott da war yn seynem thron.

Er gieng aus der kamer seyn /
dem könglichensaal so reyn.
Gott von art vnd menscheyn hellt /
seyn weg er zu lauffen eyllt.

Seyn laufft kam vom vatter her /
vnd keret wider zum vater.
Fur hynvndtern zu der hell /
vnd wider zu Gottes stuel.

Der du bist dem vater gleich /
fur hynnaus den syegym fleisch /
das dein ewig gotsgewalt /
ynnvnns das kranck fleysch enthallt.

Dein kryppen glentzt hell vnd klar /
die nacht gybt eyn new liecht dar /
tunckel muß nicht komen dreyn /
der glaub bleib ymer ym scheyn.

Lob sey Gottd em vatter thon /
Lob sey got seym eyngen son.
Lob sey got dem heyligen geyst /
ymer vnnd ynn ewigkeyt.

Will man Luthers Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland interpretieren, so muss man zunächst bis in das Jahr 386 zurückgehen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt nämlich schrieb der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) den lateinischen Hymnus Veni Redemptor Gentium, auf dem das Lied basiert.

Der Hymnus erfreute sich im deutschsprachigen Raum seit jeher großer Beliebtheit. Übersetzungen vor Luther stammen von Heinrich von Laufenberg (Kum Har, Erlöser Volkes Schar, 1418) oder von dem späteren Führer der „Radikalen Reformation“, Thomas Müntzer (O Herr, erloeser alles volcks, 1524).

Interessant ist Luthers Übersetzung auch, weil sie ein Schlaglicht auf seine Übersetzungspraxis wirft. Anders als in seinem berühmtem Fazit aus dem Jahr 1530 in seinem Sendbrief vom Dometschen, „man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen“, gefordert, hält er sich zu diesem Zeitpunkt (1524) noch sehr stark an den lateinischen Grundtext. Der Zwiespalt zwischen Umgangssprachlichkeit und Adhärenz zu lateinischen Urtexten wird aber bereits hier deutlich. In diesem Fall entschied sich Luther stärker auf eine Übersetzung nah am Original zu setzen. Er tat dies so sehr, dass drei seiner Strophen (zwei, drei und sechs) schwer verständlich wurden und dadurch nicht in alle modernen Fassungen übernommen wurden.

Luthers Entscheidung, so nah am Original zu arbeiten, muss in einen historischen Kontext gesetzt werden. Es ist nicht überliefert, wann genau Luther seine Übersetzung anfertigte, doch stammt sie vermutlich aus dem selben Jahr, in dem er Andreas Karlstadt und Müntzer für ihre radikalen Ansichten verurteilte (1524) und letzterer eine Übersetzung des selben Liedes anfertigte. Müntzers Übersetzung war wesentlich freier und umgangssprachlich geprägt. Ein Beispiel: Das Veni im ersten Vers der ersten Strophe des lateinischen Originals, welches Luther korrekt als kom(m) übersetzte, wird von Müntzer komplett ignoriert und der erste Vers lautet in seiner Übersetzung stattdessen O Herr, erloeser alles volcks. Ironischerweise übersetzte Müntzer in diesem Fall somit näher an der später von Luther formulierten Übersetzungstheorie.

Das Lied kann auch als frühes Bekenntnis zur protestantischen Traditionsbildung verstanden werden. Im Zuge der Reformation wurde den Lutheranern immer wieder vorgeworfen, dass ihre Lehren falsch oder häretisch seien, weil der Protestantismus keine Geschichte, keine Tradition aufweisen konnte. Der Rückgriff auf Kirchenväter wie Ambrosius und das Historisieren von Glaubensdoktrinen war eine Möglichkeit, dem Protestantismus eine Tradition zu geben.

Inhaltlich kann festgehalten werden, dass das Lied – typisch für ein Adventslied – mit dem Ausdruck des Wunsches nach dem baldigen Erscheinen des Erlösers beginnt. Das erste Wort des Liedes ist, im Lateinischen und im Deutschen, im Imperativ Präsens geschrieben (veni, kom[m]) und stellt daher auch den Bezug zur Gegenwart her. Christus wird aufgefordert, zu erscheinen. Solch ein erwartungsfroher Wunsch ist durchaus verständlich in religiös so chaotischen Zeiten. Ebenfalls erwähnenswert ist der starke Bezug auf die ganze Welt. Auch dies kann in einen historischen Kontext gesetzt werden: In der Frühphase der Reformation hofften viele der Reformatoren, auch Luther, dass Gott bald seine Zufriedenheit mit dem Luthertum und Ablehnung des Katholizismus zeigen würde. In diesem Lied wird deshalb auch ausgedrückt, dass Luther auf eine baldige Bekehrung der ganzen Welt, inklusive Katholiken und Juden, hoffte.

Zentraler Topos des Liedes ist die Menschwerdung Christi, die bereits in der ersten Strophe hervorgehoben wird (Gott solch Geburt ihm bestellt). Die paradoxe Natur dieser Menschwerdung wird noch deutlicher der zweiten Strophe und dritten Strophe thematisiert. Mit diesem Fokus auf die Trinität wird auch das theologische Konzept der Wesensgleichheit (Homousie) hervorgehoben. Die Rolle Marias wird ebenfalls betont und kann mit der großen Präsenz der Mutter Gottes, auch im evangelischen Glauben (vgl. z.B. Bridget Heal: The Cult of the Virgin Mary in Early Modern Germany: Protestant and Catholic Piety, 1500-1648. Cambridge: Cambridge University Press 2007), in Verbindung gebracht werden. Während viele andere Heilige vollständig von Luther abgelehnt wurden, spielte Maria, wenn auch in veränderter Form, weiterhin eine wichtige Rolle.

Die Menschwerdung als Weg wird in der vierten Strophe mit einem erneuten Verweis auf die menschlichen und göttlichen Eigenschaften Christi („Gott von Art und Mensch, ein Held“) thematisiert. Das Komma in diesem Vers ist nötig um Klarheit zu schaffen. Das Lateinische kann die Doppelnatur Christi präziser mit einem Wort (geminae) ausdrücken.

Die nächste Strophe ist sehr interessant, weil sie in nur vier Versen die Leidensgeschichte Christi wiedergibt. Jesus „fuhr hinunter zu der Höll / und wieder zur Gottes Stuhl“. In diesen zwei Zeilen wird die Leidensgeschichte und Wiederauferstehung thematisiert. Passend zu Luthers Vorstellung von Musik wird das Leiden auf ein Minimum reduziert und stattdessen postwendend die Auferstehung zelebriert (vgl. z.B. Albrecht Beutel [Hg.]: Luther Handbuch. Stuttgart: Mohr Siebeck 2010). Luthers nächste Strophe betont nochmals die Zweigestalt Jesu und verweist mit dem Vers „ynnvnns das kranck fleysch enthallt“ auf Christi Bereitschaft, unsere Sünden auf sich zu nehmen.

Schließlich behandelt die vorletzte Strophe die Großartigkeit Gottes. Die beliebte Metapher des Lichts, welches eine Vielzahl von meist positiven Eigenschaften symbolisierte, wird in den Mittelpunkt gestellt. Aus der Nacht kommt ein Licht, das für immer scheinen soll. Wieder ist hier das lutherische Verständnis der Kirchengeschichte wichtig: In Luthers (und später auch Melanchthons) Verständnis erfuhr die Kirche und Religion nach dem Ableben der großen Kirchenväter einen Verfall, verfiel in eine Dunkelheit, die bis in das frühe 16. Jahrhundert hinein anhielt. Nun ‚gibt die Nacht ein neues Licht dar‘, das Licht des Evangeliums. Die Verse „dunkel muss nicht kommen drein, / der Glaub bleib immer im Schein“ besagen auch, dass die Lutheraner sich, ihrer Religion bewusst, nicht vor den Katholiken fürchten müssen. Dass der Glaube „immer“ präsent war, drück auch aus, dass es stets einige wenige gab, die die Kirche reformieren wollten und das deshalb das Luthertum eine lange Geschichte besitzt.

Das Lied endet mit einem Lobpreis, welcher nicht im Original des Ambrosius vorhanden war, sondern im Mittelalter hinzugefügt wurde. Passend ist dieser besonders, weil er das zentrale Thema des Liedes – Gottes Wesen und Jesu paradoxes Erscheinen als Mensch und Gott – nochmals aufgreift. Das Lied fand weite Verbreitung und wurde u.a. von Johann Sebastian Bach in Chorälen benutzt. Es ist nachvollziehbar, warum Luther gerade dieses Lied so früh in seiner Laufbahn zum Übersetzen auswählte, spiegelt es doch viele Themen des frühen 16. Jahrhunderts und des aufkeimenden Luthertums wieder.

Martin Christ, Oxford

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“

Martin Luther

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron.

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ,
der du Herr aller Herren bist,
beschirm dein arme Christenheit,
dass sie dich lob in Ewigkeit.

Gott Heilger Geist, du Tröster wert,
gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd,
steh bei uns in der letzten Not,
g’leit uns ins Leben aus dem Tod.

Dieses Lied hat eine bewegte Geschichte. Es war seit seiner ersten Veröffentlichung umstritten und wurde ebenso überzeugt gesungen wie bekämpft, sein Text wurde 400 Jahre lang immer wieder gekürzt oder erweitert und die erste seiner drei Strophen wurde so häufig verändert, wie wir es von nur wenigen anderen Lutherliedern kennen.

Betrachten wir zunächst die heutige Fassung. Die drei Strophen sprechen die Dreifaltigkeit an, und schon Luthers Zeitgenossen erkannten, dass auch die Bitten systematisch angeordnet sind: Sie entsprechen den drei ersten Bitten des Vaterunsers. Die erste Strophe umschreibt also, an Gott den Vater gerichtet, die Bitte „Geheiligt werde dein Name“.

Die zweite Strophe wendet sich an Gott den Sohn und bittet, „Dein Reich komme“. Sie beschreibt, wie dieses Reich auf der Erde aussehen soll: Christus regiert als Herr aller Herren und schützt seine Kirche. Nur so kann sie überleben.

An den Heiligen Geist ist die dritte Bitte gerichtet: „Dein Wille geschehe“. Was der Wille Gottes ist, das konkretisiert die dritte Strophe. Einheit der Kirche und Einigkeit der Glaubenden: So, wie das Lied heute in den Gesangbüchern steht, erregt es keinen Anstoß. Das war einmal ganz anders. Luther hatte nämlich die zweite Zeile der ersten Strophe nicht so formuliert, wie wir sie heute kennen, sondern er hatte geschrieben: „und stewr des Babsts vnd Türcken mort.“ Und als Überschrift hatte er darüber gesetzt: „Ein kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi vnd seiner heiligen Kirchen, den Bapst vnd Türcken“. Das machte das Lied zu einem Kampflied der Lutheraner nicht nur gegen den Reichsfeind, die Türken, sondern auch gegen die Katholiken.

1541 hatte ein neuer Angriff der Türken auf Mitteleuropa begonnen. Das kaiserliche Heer wurde bei Ofen (heute Budapest) geschlagen, die kaiserliche Flotte bei Algier durch einen Sturm zerstört und im Sommer 1542 verbündete sich auch noch der französische König mit den Türken gegen den Kaiser und es verbreitete sich das Gerücht, dass der Papst sich diesem Bündnis anschließen wolle, um den Kaiser unter Druck zu setzen.

In dieser Lage wies Kurfürst Johann Friedrich Martin Luther an, die Gemeinden zum Gebet gegen die Türken anzuhalten, und Luther verfasste zwei neue Schriften zu diesem Thema und schrieb noch im selben Jahr dieses Lied. Schon in seiner Türkenschrift von 1529 hatte er Türken und Papst als gemeinsame Feinde des Reiches und des recht verstandenen Evangeliums bekämpft. Diesen Gedanken nahm er nun wieder auf.

Mit dem neuen Lied, das in zahlreichen Gemeinden künftig an jedem Sonntag nach der Predigt durch die Chorknaben (daher „kinderlied“) oder nach dem Gottesdienst durch die ganze Gemeinde gesungen wurde, kam die Formel von den Erzfeinden nun ‚in aller Mund‘. Das wiederum erregte den Groll der Katholiken und löste in ganz Deutschland katholische Umdichtungen gegen die ketzerischen Lutheraner, aber auch zahlreiche Verbote und Veränderungen aus.

Die freie Reichsstadt Nürnberg beispielsweise war evangelisch. Als nun ein Besuch des Kaisers bevorstand, der ja katholisch war, verbot der Rat der Stadt vorbeugend bis auf weiteres, ‚Erhalt uns Herr bei deinem Wort‘ in jedem Gottesdienst, also dreimal täglich zu singen, sondern genehmigte das Lied nur noch für die Frühgottesdienste. 1548 veranlasste er dann auch noch die Änderung der ersten Strophe. Seitdem lautete die Ärgernis erregende Zeile in Nürnberg und bald auch in vielen anderen evangelischen Gesangbüchern „vnd wehr des Sathans list und mord“.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in den deutschen Kirchen mehrere Dutzend unterschiedlicher Fassungen dieser umstrittenen Zeile. In Bayern ist die heutige Fassung des EG seit dem ersten Landesgesangbuch von 1814, also seit fast 200 Jahren im Gebrauch. Schließlich war der König katholisch!

Die Auseinandersetzungen darüber, ob man die Stelle überhaupt verändern dürfe, haben noch 1854 den ersten deutschen evangelischen Gesangbuchausschuss gespalten und hätten fast das erste evangelische Einheitsgesangbuch für Deutschland verhindert.

Unser Lied ist in vielen alten Gesangbüchern dem Reformationsfest zugeordnet. Dieser Tag wurde ja früher in vielen Teilen der evangelischen Kirche als trotziges „Wir haben recht-Fest“ begangen, zu dem die Erinnerung an die ursprünglich aggressive, antikatholische Fassung der ersten Strophe gut passte. Der geänderte Text der ersten und die Bitten der dritten Strophe machen es aber auch heute noch zu einem guten Griff für einen Reformationsgottesdienst – schon, um dafür zu danken, was der Herr aller Herren als Antwort auf die zweite Strophe unseres Liedes in unserem Denken in den vergangenen 470 Jahren geändert hat.

 Andreas Wittenberg, Bamberg

Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Wir glauben all an einen Gott“

Martin Luther

Wir glauben all an einen Gott

1. Wir glauben all an einen Gott,
Schöpfer Himmels und der Erden,
der sich zum Vater geben hat,
dass wir seine Kinder werden.
Er will uns allzeit ernähren,
Leib und Seel auch wohl bewahren;
allem Unfall will er wehren,
kein Leid soll uns widerfahren.
Er sorget für uns, hüt’ und wacht;
es steht alles in seiner Macht.

2. Wir glauben auch an Jesus Christ,
seinen Sohn und unsern Herren,
der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren,
von Maria, der Jungfrauen,
ist ein wahrer Mensch geboren
durch den Heilgen Geist im Glauben;
für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.

3. Wir glauben an den Heilgen Geist,
Gott mit Vater und dem Sohne,
der aller Schwachen Tröster heißt
und mit Gaben zieret schöne,
die ganz Christenheit auf Erden
hält in einem Sinn gar eben;
hier all Sünd vergeben werden;
das Fleisch soll auch wieder leben.
Nach diesem Elend ist bereit’
uns ein Leben in Ewigkeit.   

Das deutsche Patrem lautet die Überschrift über unser Lied im sog. „Babstschen“ Gesangbuch von 1545. Die Lieder dieses Buches hat Luther noch selbst durchgesehen und geordnet. Aber was bedeutet dieser Titel eigentlich?

In der römischen Messe stimmte der Priester das Glaubensbekenntnis mit der Zeile Credo in unum deum an (Ich glaube an einen Gott), dann fuhr der Chor mit patrem omnipotentem (den allmächtigen Vater) fort. Dieses erste Wort gab dem Text seinen Namen.

Als Luther 1526 die „Deutsche Messe“ zusammenstellte, ersetzte er den Text des Chores durch ein Trinitatislied, das er 1524 geschrieben hatte und ließ es durch die Gemeinde singen: Wir glauben all an einen Gott. Heute sieht unsere Gottesdienstordnung ein gesprochenes Glaubensbekenntnis vor, bietet aber auch für besondere Gelegenheiten vier vertonte Textfassungen an, darunter unser Lutherlied (EG 183).

Es hat drei Strophen. Das entspricht den drei Personen des einigen Gottes und leuchtet uns deshalb ein. Die vorreformatorische Kirche hatte allerdings das Glaubensbekenntnis in 12 Artikel unterteilt. Die Erinnerung, dass es aus dem dreiteiligen Bekenntnis des Täuflings zu Vater, Sohn und Geist (Matth. 28, 19f) hervorgegangen ist, war damals in Vergessenheit geraten. Luther hat also die Dreiteilung wiederentdeckt.

Jede der drei Strophen beginnt mit „Wir glauben“, wobei eine Folge von fünf Tönen (ein sogenanntes „Melisma“) das „Wir“ besonders hervorhebt. Die erste Strophe beschreibt Gott, als den Schöpfer der Welt, als fürsorglichen Vater und allmächtigen Erhalter des Geschaffenen. So ausführlich wird dies weder im Nicänischen noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis dargestellt. Wie bei der Auslegung des ersten Artikels im kleinen Katechismus kommt es Luther offenbar darauf an, Abstraktes erfahrbar zu machen. Wir sollen hinter Versorgung und Schutz die Liebe des gütigen Gottes erleben.

Die zweite Strophe beschreibt Gott als den Erlöser in der Person Jesu Christi. Im Gegensatz zur ersten Strophe hat Luther hier die Darstellung der gesprochenen Glaubensbekenntnisse gekürzt. Geburt, Tod und Auferstehung des Erlösers werden mit wenigen Worten angesprochen, Pontius Pilatus, Grablegung, Himmelfahrt und die Ankündigung der Wiederkunft fehlen. Dafür nimmt er in der 8. Zeile etwas auf, was nicht im Apostolikum steht: Jesus Christus starb „für uns, die wir warn verloren“. D a s ist ihm wichtig, denn es unterstreicht erneut die Liebe Gottes, die er schon in der ersten Strophe besonders herausgehoben hat.

Sehen wir aber auch, was Luther n i c h t gestrichen hat: Die Geburt Jesu von „Maria der Jungfrauen“. Sie ist ihm wichtig, weil sie die Erniedrigung des Gottessohnes als wahrer Mensch erklärt. Verstehbar ist uns dieser Vorgang ohnehin nicht, man kann ihn nur „durch den Heilgen Geist im Glauben“ annehmen, so wie es Maria getan hat, die uns Luther ja immer wieder als Vorbild im Glauben vorstellt. Wenn Sie genau hinsehen, sind die vierte und sechste Zeile die einzigen im ganzen Lied, die sich nicht reimen sondern nur durch die Assonanz „Jungfrauen“ – „Glauben“ verbunden sind. Der Sprachkünstler Luther drückt also das Außergewöhnliche durch einen bewussten Verstoß gegen die Reimregeln aus.

Die dritte Strophe ist im Unterschied zu den anderen ganz im Präsens gehalten. Was hier beschrieben wird, ist nicht vor langer Zeit geschehen wie die Schöpfung und vor 2000 Jahren, wie Jesu erlösender Tod. Es geschieht jetzt. Täglich und überall. Die Strophe beschreibt Gott den Heiligen Geist: als „aller Blöden Tröster“ – so hieß es im Original, und meinte die Unverständigen, die sich selbst zur Verzweiflung treiben, weil sie Gottes Geheimnisse verstehen möchten und sich selbst erlösen wollen, anstatt sich auf seine Liebe und die Gaben des Geistes zu verlassen.

Und mit den drei wichtigsten Gaben des Geistes schließt Luther das Lied ab: Der Geist „hält die ganz Christenheit auf Erden“ vor Gott zusammen. Das ist die erste. Die andere: er stärkt uns im Glauben daran, dass „Hier all Sünd vergeben werden“. Und die dritte Gabe verweist in die Zukunft. Sie erinnert daran, dass das eigentliche Leben noch vor uns liegt, weil der Vater uns geschaffen und der Sohn uns erlöst hat: „Nach diesem Elend ist bereit’ / uns ein Leben in Ewigkeit.“ Wo das geglaubt wird, ist Kirche.

Ich habe eingangs auf das wir glauben hingewiesen, mit dem Luther zum Beginn jeder Strophe die Tonfolge c-g-f-g-d-e der alten Melodie unterlegt hat um das weltweite „wir“ der Christenheit zu betonen. Auf die Wiederholung dieser Tonfolge im zweiten Teil lässt er die Kernaussagen der drei Strophen singen: „Kein Leid soll uns widerfahren“ in der ersten, „für uns, die wir warn verloren“ in der zweiten und „das Fleisch soll auch wieder leben“ in der dritten. Das dürfen wir glauben, das bekennen wir und das kann jeder Christ mit uns singen.

Andreas Wittenberg, Bamberg

Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien im Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bamberg, St. Stephan, Mai-Juli 2012.