Spott- und Kampflied des Vormärz: „Die freie Republik (In dem Kerker saßen zu Frankfurt an dem Main)“

Anonym

Die freie Republik

1. In dem Kerker saßen
Zu Frankfurt an dem Main
Schon seit vielen Jahren
sechs Studenten ein
Die für die Freiheit fochten
Und für das Bürgerglück
Und für die Menschenrechte
Der freien Republik.

2. Und der Kerkermeister
Sprach es täglich aus:
"Sie, Herr Bürgermeister
Es reißt mir keiner aus!"
Aber doch sind sie verschwunden
Abends aus dem Turm
Um die 12. Stunde
Bei dem großen Sturm

3. Und am nächsten Morgen
Hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
Der Soldatenschwarm
Sie suchten auf und nieder
Sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
Und fanden sie nicht mehr.

4. Doch sie kamen wieder
Mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
Jetzt geht´s fürs Vaterland
Jetzt geht´s für Menschenrechte
Und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik!

5. Wenn euch die Leute fragen:
"Wo ist Absalom?"
So dürft ihr wohl sagen:
"Oh, er hänget schon!
Er hängt an keinem Galgen,
Erhängt an keinem Strick,
Sondern an dem Glauben
An die Freie Republik.

I. Herkunft und Vorgeschichte

Wer den Liedtext verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich stammt er aus studentischen Kreisen. Im April 1833 hatte eine Gruppe von Studenten die beiden Frankfurter Wachen überfallen, um dort gefangen gehaltene republikanisch gesinnte Kommilitonen zu befreien und einen allgemeinen Aufstand ins Rollen zu bringen. Da der Plan verraten worden war, scheiterte der Versuch. Aufgrund des alarmierten Militärs wurden etwa 20 Studenten festgenommen und inhaftiert. Erst im Oktober 1836 wurden die Urteile gesprochen: 10 wurden zu lebenslänglicher, einer zu einer 15-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt; andere erhielten geringere Strafen, zwei wurden freigesprochen.

Im Januar 1837 gelang es sechs Studenten (nach einer anderen Version: 12) mit Hilfe eines Gefängniswärters zu fliehen (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 89 f.). Vermutlich noch im selben Jahr entstand das Spottlied, dessen fünfte Strophe gemäß dem Volksliedforscher und Gründer des Deutschen Volkliedarchivs, Freiburg, John Meier, aus dem Lied der Verfolgten stammt. Dieses Lied auf die Melodie Hat man brav gestritten auf dem müden Pferd aus dem Theaterstück von Ludwig Sauerwein Der alte Feldherr, uraufgeführt 1825, war als Flüchtlingslied der politischen Flüchtlinge, darunter Studenten der verbotenen Burschenschaften, in den 1830ern und 40ern weit verbreitet.

 Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833
Sturm auf eine Frankfurter Wache 1833

Nachdem auf dem von rund 30.000 Menschen (nach anderen Quellen: 25.000) besuchten Hambacher Fest Freiheitsrechte und Volkssouveränität gefordert wurden, bot die Ermordung des konservativen Dichters Kotzebue durch einen Burschenschafter den Fürsten den Anlass dazu, verstärkt Repressionen auszuüben. Dazu gehörten die (erneute) Einführung der Pressezensur (s. Karlsbader Beschlüsse von 1817) und ein Versammlungsverbot für Burschenschaften und Turnvereine. Zu den politisch Verfolgten gehörten auch liberale Professoren („Demagogenverfolgung“) und viele Studenten.

In dieser Zeit des Vormärz, d.h. der Zeit bis zur Märzrevolution 1848, entstanden viele republikanische Lieder, wie z.B. 1830 Fürsten zum Land hinaus, nun kommt der Völkerschmaus!, 1844 Georg Weerths Hungerlied (Verehrter Herr und König, / weißt du die schlimme Geschicht? / Am Montag aßen wir wenig, / und am Dienstag aßen wir nicht“) oder ebenfalls 1844 Heinrich Heines Die schlesischen Weber (Im düstern Auge keine Thräne / Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“) und das Bürgerlied (Ob wir rote, gelbe Kragen, Helme oder Hüte tragen – Interpretation hier). In diese Zeit fällt auch die Entstehung unseres Liedes.

II. Liedbetrachtung

Während in unserem Lied von sechs Studenten gesprochen wird, die für Freiheit und Menschenrechte kämpften, haben in anderen Versionen Studenten auf der Straße von der Freiheit nur gesungen: „Sie saßen dort gefangen / wohl sechs Wochen lang, / weil sie von Freiheit sangen / durch die Stadt entlang“. Diese 1854 aufgezeichnete Fassung (vgl. Steinitz, Bd. II, S. 80 f.) nahm es mit den historisch belegten Ereignissen nicht so genau. Statt vielen Jahren Kerker – tatsächlich waren es fast fünf Jahre (s. Abschnitt Herkunft und Vorgeschichte) – ist hier von sechs Wochen Rede. Sollte der Verfasser des Flugblatts gedanklich berücksichtigt haben, dass nach seiner Auffassung die Studenten „nur“ gesungen haben?

In der zweiten Strophe macht man sich lustig über den Kerkermeister, der dem Bürgermeister wohl versichern musste, dass keiner mehr ausreißt, zumal einige Jahre vorher bereits ein Student und etwas später ein weiterer aus dem Gefängnis fliehen konnte. Unseren sechs Studenten kam nicht nur ein Gefängniswärter zur Hilfe; die Flucht wurde auch begünstigt durch „den großen Sturm“, der die Entdeckung und den Alarm erst am anderen Morgen zuließ.

Man kann sich gut vorstellen, wie gern die Studenten, die dieses Lied aus Flugblättern oder dank mündlicher Überlieferung kannten, auch die dritte Strophe gesungen haben, die sich über den „auf und nieder“ und „hin und her“ suchenden „Soldatenschwarm“ lustig macht.

Historisch nicht verbürgt ist, dass die Studenten bewaffnet zurückkehrten, wie es in der vierten Strophe heißt. Noch einmal wird wiederholt, worum es den Rebellierenden geht, nämlich den Forderungen des Hambacher Festes von 1832 nach Menschenrechten und Volkssouveränität Nachdruck zu verleihen. Die Aussage „Jetzt geht’s fürs Vaterland“ bezog sich auf eine ebenfalls 1832 erhobenen Forderung nach nationaler Einheit der rund 300 deutschen Staaten im sog. Deutschen Bund. Mut und Hoffnung drücken sich in den letzten beiden Versen aus: Hoffnung auf eine freie Republik und Mut, dass sie sich trotz der Repressionen der Fürsten nicht länger mehr als Knechte fühlen müssen.  

Die letzte Strophe greift die Flucht Absaloms, eines Sohns des Königs David auf,  der sich gegen diesen erhoben hatte (vgl.  2. Samuel, Kapitel 13-18). Dass Absalom auf seiner Flucht mit einem Maultier an den Zweigen einer Eiche hängen blieb (2. Sam., 18, Vers 9) und von seinen Häschern getötet wird, verschweigt unser Lied. Stattdessen hängt Absalom exemplarisch für die geflohenen Studenten an „seinem Traume der freien Republik“. Auch in späteren sog. Heckerliedern (s. Steinitz, Bd. II, S. 96 ff. und 102 ff.) wird berichtet, dass Friedrich Hecker (1811-1881) an seinem Träum der freien Republik hängt. Hecker, Rechtsanwalt, Abgeordneter und radikaldemokratischer Revolutionär, musste als einer der Anführer des Badischen Aufstands nach dessen Scheitern nach Basel fliehen und später in die USA emigrieren.  

So wie einige unterschiedliche Versionen des Heckerliedes vorliegen, so auch von der „Freien Republik“, was unter anderem der vorwiegend mündlichen Überlieferung zuzuschreiben ist. Steinitz weist zum Teil unter Berufung auf John Meier (Volksliedstudien, 1927, S. 217 ff.) 12 Varianten aus (Steinitz Bd. II, S. 79 ff.).

Im Historisch-kritischen Liederlexikon (HKL) des Deutsche Volksliedarchivs (seit 2014 integriert in das Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg) findet man im Artikel In dem Kerker saßen eine Version I als SPD-Kontrafaktur von 1890. Hier die erste Strophe: „Seid gegrüßt Genossen! / Kehret froh zurück, / muthig und entschlossen / trotzend dem Geschick. / Wir sind doch die Alten; / frisch zum Kampf bereit. / Treu zur Fahne halten / der Gerechtigkeit“.

Mit einer ähnlichen Melodie und einer leicht variierten Einleitung wurde nach dem Ruhrkampf 1920 ein Lied von Spartakisten gesungen mit folgendem Beginn: „Es saßen sechs Kommunisten zu Essen in der Stadt / Sie saßen dort gefangen, / weil sie Freiheitslieder sangen“ (HKL, Version J).

Aus jüngster Zeit stammt eine Fassung, die ich bei YouTube fand: „In England sitzt im Kerker / Julian Assange / auf Fairness hat er leider / gar keine Chance“ (Freiheit für Julian Assange).

So lebt der Freiheitsgedanke des Lieds, auch dank der eingängigen Melodie, bis in unsere Zeit weiter.

III. Rezeption, Verbreitung

Im Gegensatz zu Die Gedanken sind frei (Interpretation hier), das bereits 1832 auf dem Hambacher Fest gesungen wurde, taucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Die freie Republik in keiner der einschlägigen Liedersammlungen wie Karl Simrocks Die deutschen Volkslieder (1851), Erich Böhmes Deutscher Liederhort (Neuauflage 1856) oder Hoffmann von Fallerslebens Unsere Volkslieder (1869) auf – ein Schicksal, das das Lied mit dem Bürgerlied (Interpretation hier) oder Trotz alledem („Ob Armut euer Los“ bzw. „Es war ‘ne heiße Märzenszeit“ – Interpretation hier) teilt.

Die Repressionsmaßnahmen der Fürsten nach 1817 hinterließen ihre Wirkung. Hoffmann von Fallersleben beispielsweise verlor nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes Unpolitische Lieder (1840) seine preußische Staatsbürgerschaft und seine Professur in Breslau. Jahrzehntelang musste er ein Wanderleben führen; im Vielvölkerstaat Deutschland wurde er 39mal ausgewiesen.

Bis 1923 war In dem Kerker saßen nur in handschriftlichen Liederbüchern und Flugblättern zu finden (vgl. die auf John Meier, Volksstudien 1917 zurückgehenden Ausführungen bei Steinitz, Band II, S. 80). Allerdings fand das Lied eine weite Verbreitung in studentischen und Arbeiterkreisen wie auch in republikanisch gesinnten Bürgerchören.

Nach den mir zugänglichen Online-Liederarchiven und Privatbibliotheken taucht Die freie Republik gedruckt zum ersten Mal 1923 auf, und zwar im Liederbuch für deutsche Turner.

Es dauerte über 30 Jahre bis das Lied in einem Heft der Reihe Lieder der Revolution von 1848 in der DDR erschien, dem 1964 das Liederbuch der FDJ Leben, kämpfen, singen folgte.

In der Bundesrepublik wurde es erstmalig 1977 in der Liederkiste des Vereins Student für Europa und Berlin veröffentlicht. 1978 folgten im Rahmen des Folkrevivals einige Liederbücher verschiedener Pfadfinderbünde und auch das Taschenbuch des Musikwissenschaftlers und Volksliedforschers Ernst Klusen Volkslieder aus 500 Jahren.

Warum Klusen das Lied – wie auch das Bürgerlied in sein zweibändiges Werk Deutsche Lieder nicht aufgenommen hat, ist für mich nicht nachzuvollziehen. Auch andere Volksliedforscher wie z.B. Heinz Rölleke oder Theo Mang haben beide Lieder ebenfalls nicht in ihre Liedsammlungen aufgenommen. Bemerkenswert finde ich das Ignorieren der Freien Republik in den Bänden Historische Lieder aus acht Jahrhunderten der Landeszentralen für politische Bildung Baden-Württemberg, Hamburg (beide 1989) und Schleswig-Holstein (2009).

Betrachtet man die Anzahl der Liederbücher mit der Freien Republik, so wurde das Lied 1980 hauptsächlich durch Ausgaben von Pfadfinderliedern bekannt. Auch das in der Folkszene bekannte Duo Zupfgeigenhansel (Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, Es wollt ein Bauer früh aufstehn, 1980) sowie Oss und Hein Kröher (Das sind unsere Lieder, 1988) haben mit ihren Büchern und Konzerten die Verbreitung gefördert, ebenso wie die im Vergleich zu den Pfadfinderliederbüchern relativ hohen Auflagen der Büchergilde Gutenberg mit Lieder der Arbeiterbewegung (1981) und des Verlags Weltbild mit Das Volksliederbuch (1995).

Nach wie vor gepflegt wird Die freie Republik in Pfadfinderkreisen; in den Jahren 1995 bis 2014 sind allein acht Liederbücher mit dem Lied erschienen, darunter das wegen seiner Anmerkungen zur Geschichte der Lieder erwähnenswerte Codex Patomomomensis (Zauberverlag, 2. Auflage 2018).

Während der Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, keinen Tonträger mit dem Lied ausweist, finden sich bei YouTube über 30 Videos, darunter von Hannes Wader, Peter Rohland und der Leipziger Folksession Band.

Georg Nagel

Verwendete Quellen:

Deutscher Bundestag – Deutsche Einheits- und Freiheitsbewegung (1800 – 1848)

Artikel von Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon (Hrsg. vom Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg)

Wolfgang Steinitz: Der Große Steinitz – Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Westberlin, 4. Auflage 1980.

Thomas Friz, Erich Schmeckenbecher: Es wollt ein Bauer früh aufstehen – 222 (historisch-politische) Lieder, Dortmund, 2. Auflage 1980.

www.deutscheslied.com

Frohe Weihnachten. „Was soll das bedeuten? (Es taget ja schon.)“

aus: Erk/Böhme, Deutscher Liederhort, Band 3, 1894, S. 653

1. Was soll das bedeuten? Es taget ja schon.
Ich weiß wohl, es geht erst um Mitternacht rum.
Schaut nur daher, schaut nur daher,
wie glänzen die Sternlein je länger, je mehr.

2. Treibt zusammen, treibt zusammen die Schäflein fürbaß.
Treibt zusammen, treibt zusammen, dort zeig ich euch was.
Dort in dem Stall, dort in dem Stall
werdet Wunderding sehen, treibt zusammen einmal.

3. Ich hab nur ein wenig von weitem geguckt,
da hat mir mein Herz schon vor Freuden gehupft:
Ein schönes Kind, ein schönes Kind
liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind.

4. Ein herziger Vater, der steht auch dabei,
eine wunderschöne Jungfrau kniet auch auf dem Heu,
Um und um singt's, um und um klingt's,
man sieht ja kein Lichtlein, so um und um brinnt's.

5. Das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost.
Ich dacht mir: Wer hat es denn also verstoßt,
daß man auch heut, daß man auch heut
ihm sonst keine andere Herberg anbeut?

6. So gehet und nehmet ein Lämmlein vom Gras,
und bringet dem schönen Christkindlein etwas.
Geht nur fein sacht, geht nur fein sacht,
auf daß ihr dem Kindlein kein Unruh nicht macht.

Herkunft und Vorgeschichte

Gemäß dem Volksliedforscher Theo Mang wurde Was soll das bedeuten zuerst durch ein Flugblatt von 1715 überliefert (Der Liederquell, 2015, S. 1020). Die Angabe bei Wikipedia „Frühe Flugblattdrucke des Textes sind vor allem aus Österreich in mundartlicher Fassung überliefert und gehen bis ins Jahr 1656 zurück“ ist zweifelhaft, da in der zitierten Quelle (Friedrich Erk und Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band III, 1894) dieser Hinweis bei dem Lied fehlt (vgl. S. 653).

Zum ersten Mal in einem Liederbuch gedruckt wurde das Lied 1842 in dem Werk Schlesische Volkslieder mit ihren Melodien, gesammelt und herausgegeben von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter mit dem Hinweis „aus Oppeln und der Grafsch. Glaz“ (S. 333).

Die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) hält es für wahrscheinlich, dass das Lied zu einem Hirtenspiel gehört hat. Ähnlich der Volksliedforscher Theo Mang (geb. 1940), der annimmt „nach Text und beschwingter Melodie“ sei das „Lied als Teil eines Krippenspiels des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts“ anzusehen.

Liedbetrachtung

Was soll da bedeuten gehört zum Genre der Hirtenlieder wie z. B. Inmitten in der Nacht, als die Hirten erwacht, Auf, auf ihr Hirten von dem Schlaf (Spätmittelalter) und das wohl bekannteste Kommet, ihr Hirten (Text: Carl Riedel, 1827-1888). In Hirtenliedern wird die Geburt Jesu Christi angekündigt und/oder das Jesuskind in der Krippe verehrt. Sie entstanden besonders zahlreich zur Weihnachtsfeier im katholischen Süddeutschland, in Schlesien und Österreich. Gedichtet wurden sie nicht von den Hirten, sondern in Anlehnung an die Weihnachtsgeschichte in Lukas, Kapitel 2 von katholischen Geistlichen und bibelkundigen Volksdichtern.

Heißt es bei Lukas, 2, Vers 9 „und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“, so glänzen in der 1. Strophe „die Sternlein je länger, je lieber“. Wer die Hirten auffordert, die Schafe zusammenzutreiben, wird im Lied nicht näher beschrieben, doch sicherlich ist es ein Engel, der ihnen verkündet, ein „Wunderding“ (vgl. Lukas 2, 10 und 11) zu sehen.

Unser Lied erzählt nicht, dass die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu gehen (Lukas 2, 15), sondern stellt uns gleich vor vollendete Tatsachen:  „Ein schönes Kind liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind“. Während in Lukas 2, 16 die Eltern namentlich erwähnt werden: Maria und Joseph, wird im Lied der Vater als herzig und die Jungfrau (vgl. Lukas 1, 27, vgl. 2. Korinther 11, 2) als wunderschön beschrieben.

In dem Stall ist es kalt, und wie wir es von Krippenspielen oder kleinen Krippen kennen, ist nur Heu und Stroh vorhanden, so dass – wie es gleich die Hirten wahrnehmen – das „Kindlein“ vor Kälte zittert (vgl. dazu Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen – zweite und dritte Strophe). Sie fragen sich, wieso es keine bessere Herberge gegeben hat. Wir wissen heute, dass aufgrund der vom Kaiser Augustus veranlassten Volkszählung (Lukas 2) alle Herbergen in Bethlehem ausgebucht waren und Maria und Joseph deshalb mit dem Stall vorlieb nehmen mussten. Die Hirten nahmen ein Lamm und übergaben es mit anderen Geschenken („bringet dem schönen Christkindlein etwas“) den Eltern. Ob sie es zum Wärmen des Jesuskindes in die Krippe legten oder das Tier erst töteten und das abgezogene Fell als Zudecke benutzten, erfahren wir nicht.

Rezeption

Nachdem Was soll das bedeuten 1913 in zwei Liederbüchern der Wandervögel aufgenommen worden war, erlangte es eine gewissen Beliebtheit in den 1920er Jahren; ohne die sechste Strophe und manchmal nur mit vier Strophen war es auch in einigen Schulbüchern vertreten.

In der Zeit von 1933 bis 1945 taucht es nach den mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern nur in wenigen NS-Veröffentlichungen auf, z.B. in Lieder des Volkes (Verlag Erben und Aussaat, 6. Auflage 196) und im Lied der Arbeitsmaiden (Reichsarbeitsdienst, 1938). Die Mehrheit der Publikationen mit unserem Lied konnte jedoch ohne NS-Lieder erscheinen.

Vom Hirtenbüchel auf die Weihnachtszeit (Bärenreiter 1946) über etliche Schulbücher in den 1950er Jahren und die weit verbreitete Bertelsmann-Ausgabe Macht hoch die Tür bis Unsere Weihnachtslieder zur Gitarre allein (Schott‘ Söhne 1958) trugen fast 40 Liederbücher zur Beliebtheit dieses Hirtenliedes bei. Erwähnenswert der 5. Auflage wegen ist das Liederbuch für (katholische) Frauen (1963). Auch in der DDR erschienen in dieser Zeit drei Liederbücher mit dem Lied.

Misst man die Verbreitung des Liedes an der Anzahl der Liederbücher, so nimmt seit 1960 bis 1989 die Popularität kontinuierlich ab, obwohl einige Veröffentlichungen hohe Auflagen haben: 1984 Die schönsten Weihnachtslieder (Bild und Funk) und 1988 Deutscher Liederschatz, Band 3 (Weltbild Verlag). Die Volksliedforscher Ernst Klusen und Heinz Rölleke haben das Lied nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen, wohl aber der Liedersammler Theo Mang (Der Lieder Quell, 1967, Neuausgabe 2015) und die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in ihr Standardwerk Das Buch der Weihnachtslieder (1982).

Während es in den 1990er Jahren in keinem Liederbuch auftauchte, nahmen seit 2000 einige Liederbücher das Lied in ihr Repertoire auf, z. B. 2014 die Volkslieder und Weihnachtsliederfibel. Lübecker Kinder singen und 2018 Du meine Seele singe. Advents- und Weihnachtslieder. In etlichen von katholischen Institutionen herausgegebenen Liederbüchern ist das Lied vertreten. Im Gegensatz dazu ist es weder im Evangelischen Gesangbuch noch in anderen evangelisch orientierten Publikationen zu finden; Gedichte und Reime zur Weihnachtszeit (1980) auf evangelischer Seite bildet eine Ausnahme.

Noch heutzutage wird das Lied vorwiegend im süddeutschen Raum in Krippenspielen gesungen, manchmal auch mit verteilten Rollen.

Georg Nagel, Hamburg

Ode an den Augenblick: „Freu dich über jede Stunde“

Anonym

Freu dich über jede Stunde

Freu dich über jede Stunde,
die du lebst auf dieser Welt!
Freu dich, dass die Sonne aufgeht
und auch, dass der Regen fällt!
Du kannst atmen, du kannst fühlen,
du kannst auf neuen Wegen geh'n!
Freu dich, dass dich and're brauchen
und dir in die Augen seh'n!

Freue dich an jedem Morgen,
dass ein neuer Tag beginnt!
Freu dich an den Frühlingsblumen
und am kalten Winterwind!
Du kannst hoffen, du kannst kämpfen,
kannst dem Bösen widersteh'n.
Freu dich, dass die dunklen Wolken
irgendwann vorübergeh'n!

Freue dich an jedem Abend,
dass du ein Zuhause hast!
Freu dich an den schönen Stunden,
und vergiss die laute Hast!
Du kannst lieben, du kannst träumen
und jemand kann dich gut versteh'n!
Freu dich über jede Stunde,
denn das Leben ist so schön! 

Zu Zeiten der Corona-Krise können wir uns ein wenig damit trösten, dass auch die Pandemien der Pest (1348-1352), der Spanischen Grippe (1918 und 1919) und der Asiatischen Grippe (1957) vorübergegangen sind. Christen finden vielleicht in der Bibel Trost: „Ein jegliches hat seine Zeit…geboren werden und sterben…weinen und lachen, klagen und tanzen“ (Prediger Salomo, Kapitel 3, Verse 1, 2 und 4). Muslime können die Pandemie als Kismet begreifen. Und in Pete Seegers weltberühmten Song Turn, turn, turn heißt es: „To everything there is a season…  And a time for every purpose under Heaven“ (Alles hat seine Jahreszeit… und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit). Gewiss ist es nicht leicht, eine Krankheit oder die Bedrohung durch das Corona-Virus so einfach mit dieser Hoffnung hinzunehmen, aber unsere Stimmung kann auch das Hören oder Singen des obigen Lieds aufhellen.

Zu singen ist der Text nach der Melodie von Freude, schöner Götterfunken aus der der Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven. Der ursprüngliche Text von Friedrich Schiller ist als (Ode) An die Freude bekannt. Nicht bekannt ist der Dichter bzw. die Dichterin von Freu dich über jede Stunde. Laut Dagmar Amslinger, Geschäftsführerin des in Würzburg etablierten Bundesverbands für die Rehabilitation der Aphasiker (Aphasie: eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Hirnverletzung) dichtete den Text eine Aphasikerin aus Thüringen; wie sie heißt, ist nicht bekannt.

Ich habe es vor einigen Monaten im Gute Laune Chor in der Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel gesungen. Zur Aufmunterung in Zeiten der Corona-Krise wurde es auch von Balkonen und vor dem Verbot von Versammlungen auch in den Straßen einiger Städte, z. B. in Berlin Steglitz und in Hamburg jeden Sonntag in der Eichenstraße, der Telemannstraße und Am Weiher gesungen.

Es finden sich im Internet noch weitere Strophen:

Freu dich über deine Lieben,
die mit dir des Weges geh’n!
Freu dich über ihr Bemühen
und ihr gütiges Versteh’n!
Du darfst weinen, du darfst lachen,
du darfst ganz du selber sein.
Freu dich über jeden Menschen!
Lass ihn dein Gefährte sein!

Freu dich über schwere Stunden,
die du gut gemeistert hast!
Freu dich über Gottes Güte,
die dir half bei jeder Last!
Auf sie darfst du glaubend hoffen,
täglich neu, zu jeder Zeit,
bis der Herr dich wird geleiten
zur glücksel'gen Herrlichkeit. 

Georg Nagel, Hamburg

Vom autobiographischen Gedicht zum Volkslied: Joseph von Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“

Joseph von Eichendorff

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad;
mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu gebrochen:
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
weit in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei stiller Nacht.

Hör' ich das Mühl'rad gehen,
ich weiß nicht, was ich will -
ich möcht' am liebsten sterben,
dann wär's auf einmal still.

Herkunft und Entstehung

Joseph von Eichendorff (1788-1857) hat den Text 1809/10 gedichtet. Anlass für das Verfassen des Gedichts war eine unglückliche Liebe Eichendorffs. Nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher 1908 wurde offenbar, dass Eichendorff als Student in Heidelberg 1807/08 eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen in Rohrbach (bei Heidelberg) hatte, deren Namen er im Tagebuch mit „K.“ abkürzte. Als das Tagebuch in Rohrbach bekannt wurde, meinten die Rohrbacher im Zusammenhang mit dem Text „In einem kühlen Grunde, / da geht ein Mühlenrad“, es könne sich nur um eine schöne Müllerstochter aus ihrem Ort handeln.

Zu Eichendorffs Zeit vor 200 Jahren besaß Rohrbach in einem zur Rheinebene abfallenden Seitental zwar fünf Wassermühlen, aber der Weg, der durch dieses Tal führte, hieß ganz unromantisch Bierhelder Weg, und der Grund wurde von den Bewohnern schlicht Mühlental genannt. Als Rohrbach im Jahre 1927 zu Heidelberg eingemeindet wurde, nutzte man die Chance zur Umbenennung dieses Weges in den touristenanziehenden „Kühlen Grund“.

Es dauerte noch etliche Jahre bis das „K.“ in Eichendorffs Tagebuch entschlüsselt wurde. Endgültige Klarheit schuf erst der Pfarrer Karl Otto Frey in einem Forschungsbericht (1938). Es war Katharina (Käthchen) Förster, die Tochter des Küfermeisters Johann Georg Förster, also keine Müllerstochter. Jedoch gab es eine Verbindung zu einer Wassermühle, da Käthchens Onkel Johann Jakob Förster Eigentümer der „Förstermühle“ war.

Eichendorffs Tagebuch bricht im April 1808 plötzlich ab. Es wird vermutet, dass er in seinem Gedicht Das zerbrochenen Ringlein seinen Schmerz über ein treuloses Mädchen von der Seele geschrieben hat.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedichtes 1813 in dem von Justinus Kerner und Ludwig Uhland herausgegebenen Almanach Deutscher Dichterwald mit der schlichten Überschrift „Lied“ und unterzeichnet mit „Florens“, dem Namen, den Eichendorff im Heidelberger Kreis (einer Gruppierung innerhalb der deutschen Romantik) erhalten hatte.

Der damaligen Theologiestudent und spätere Pfarrer Friedrich Glück (1793 – 1840) komponierte 1814 die Melodie zu dem Gedicht für sein Gesangsquartett.

Populär wurde das Lied vor allem in den Gesangvereinen, nachdem Friedrich Silcher dazu einen Männerchorsatz 1825 veröffentlicht hatte. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Kühle Grund auch ein beliebtes Motiv auf Liedpostkarten.

Liedbetrachtung

Anregungen zu dem Gedicht hat Eichendorff aus älteren Volksliedern gewonnen, z.B. aus den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Liedern Da droben auf jenem Bergenicht zu verwechseln mit Goethes gleichnamigen Gedicht -, (vgl. in dessen Strophe fünf „da treibet das Wasser ein Rad“ und sechs „das Mühlrad ist zerbrochen“) sowie Da drunten in jenem Tale, (vgl. dessen in Strophe einsda treibet das Wasser ein Rad“ und Strophe zwei „das Mühlrad ist zersprungen“).

Für Liedforscher deutet sich schon in den ersten Zeilen ein trauriges Ereignis an, da im 18. Jahrhundert die Mühle als Schauplatz einer unglücklichen Liebe galt und das zerbrochene Ringlein als Treuebruch (vgl. Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 204; Thomas Mang: Der Liederquell, 2015, S. 311).

Die Folgezeilen bestätigen das: Das vom lyrischen Ich als Liebchen bezeichnete Mädchen ist verschwunden. Obwohl das ihrem Liebsten einst gegebene Treueversprechen mit der Übergabe eines Ringes besiegelt hat, hat sie es gebrochen. Die Metapher, „das Ringlein sprang entzwei“ drückt die Endgültigkeit der Trennung aus.

So wie der Ring entzwei sprang, so ist auch das Herz des Liebsten gebrochen. Er mag nicht länger am Ort seiner Liebe verweilen, sondern möchte am liebsten weit in die Welt hinaus reisen. Seine Vorstellung, als Spielmann singend von Haus zu Haus ziehen, dürfte als eine Überkompensation seiner Niedergeschlagenheit anzusehen sein.

Aus dem erlitten Schmerz heraus erklärlich ist auch sein Wunsch in den Krieg zu ziehen, sich kämpfend zu beweisen, um dann abends endlich zur Ruhe zu kommen und am Lagerfeuer zu liegen.

Zwischen Spielmann und Kämpfer hin und her gerissen, gesteht er sich ein, weder ein noch aus zu wissen. Ihm kommt der Gedanken, am liebsten sterben zu wollen. Aber noch dreht sich das Mühlrad, und so besteht die Hoffnung, dass seine Todessehnsucht nur vorübergehend war.

In einer Variante der letzten Strophe (aus Volkslieder von der Mosel und Saar nach L. Röhrich und R.W. Brednich: Deutsche Volkslieder. Texte und Melodien, 1967, Band II, S. 434) heißt es:

Hör‘ ich ein Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was es will:
Am liebsten möchte‘ ich sterben!
Dann stand‘s auf einmal still.

Hier wird deutlich, dass einst ein stehendes Mühlrad symbolisch für Herzstillstand und Tod steht (vgl. oben Rölleke und Mang).

Angeregt durch Eichendorffs In einem kühlen Grunde hat Justinus Kerner (1786-1862) sein Gedicht Dort unten in der Mühle 1830 verfasst und die Melodie von Friedrich Glück (s. o.) übernommen. In der sechsten und letzten Strophe seines Liedes greift Kerner das Bild des stehenden Mühlrads auf:

Vier Bretter sah ich fallen,
mir ward’s ums Herze schwer;
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
da ging das Rad nicht mehr.

Rezeption

In einem kühlen Grunde ist seit 1825 (s.o.) bis heute ein außerordentlich beliebtes Lied, vor allem bei Männerchören, geblieben. Darauf deuten die zahlreichen mir online und in Privatbibliotheken zur Verfügung stehenden Liederbücher (rund 500) hin.

Im 19. Jahrhundert trugen vor allem das Sammelwerk von Kretschmer und Zuccalmaglio Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (1840), Hoffmanns von Fallersleben Deutsches Volksgesangbuch (1848) und Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch von 1858 (1914 101. bis 110. Auflage) zur Popularität des Liedes bei sowie Ludwig Erks Volkslieder-Album (1872).

Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Liederbücher für Studenten und Wandervögel. 1914 war Das zerbrochene Ringlein sogar im Kriegsliederbuch für das Deutsche Heer vertreten. 1933 erlebte das Liederbuch für Schule und Haus Kling Klang Gloria mit dem Lied seine 24. Auflage, und Das zerbrochene Ringlein fand Eingang in diverse NS- Liederbücher, darunter solche für den Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und das Chorliederbuch für die deutsche Wehrmacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige Liederbücher ohne die martialische 4. Strophe, so z. B. 1946 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone das Liederbuch für die deutsche Jugend (FDJ) und das vom Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebene Liederbuch für unsere schaffende Jugend (1948).

Bemerkenswert finde ich, dass 1953 der Deutsche Fußballbund das romantische Lied in sein Liederbuch des DFB aufnahm, ebenso wie ein Jahr später der deutsche Turnerbund in sein Liederbuch des DTB. Gleich in zwei Versionen ist es in der zweibändigen Sammlung der Volksliedforscher L. Röhrich und R.W. Brednich Deutsche Volkslieder (1967) vertreten. Wie populär Eichendorffs In einem kühlen Grunde auch in den 1970er Jahren war, zeigt sich daran, dass es Eingang fand im weit verbreiteten Sammelband Volkslieder aus fünfhundert Jahren von Ernst Klusen (1978, 2. Auflage 1981 51. bis 100. Tausend) und in den in relativ hohen Auflagen erschienenen Taschenbüchern des Heyne Verlags Der Deutsche Liederschatz (1975) und Der Deutsche Balladenschatz (1975, 3. Auflage 1976). Aufgrund der Verkaufserfolge zogen die Verlage Schneider mit Lieder unserer Zeit (1982) und Weltbild mit Deutscher Liederschatz (1988) und 1998 mit Das Volksliederbuch nach.

Wie beliebt das Lied heute noch ist, kann man an den 11 Liederbüchern mit ihm sehen, die in der Zeit von 2002 bis 2015 erschienen sind. Wie gern es gesungen wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig mit 62 Partituren für Männerchöre. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den 123 Tonträgern mit dem Lied im Katalog fast ausschließlich um Schellackplatten handelt, könnte man davon auszugehen, dass Das zerbrochene Ringlein heutzutage weniger angehört als gesungen wird.

Jedoch sprechen die Videos bei YouTube eine andere Sprache: Von den Comedian Harmonists und zahlreichen Chören, darunter dem Dresdner Kreuzchor (s.o.), abgesehen, haben die Tenöre Richard Tauber und Fritz Wunderlich, die Baritone Hermann Prey, Thomas Quasthoff und Max Raabe sowie die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, alle das Lied interpretiert. Auch Freddy Quinn und Hannes Wader und sogar die Chansonette Mireille Mathieu haben es sich nicht nehmen lassen, auf ihre Art In einem kühlen Grunde zu singen.

Georg Nagel, Hamburg

Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Musik: Rudi Goguel)

Wir sind die Moorsoldaten

1. Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

4. Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

5. Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.

Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis

Herkunft und Geschichte

Das Lied der Moorsoldaten ist heute eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal gesungen wurde das Moorsoldatenlied am 27. August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Unter der Bewachung von SS-Männern (1934 von SA-Männern abgelöst) mussten die politischen Strafgefangenen für die Moorkultivierung zwangsweise arbeiten: Torfabbau, Entwässerung, Straßen- und Wegebau. Die Häftlinge waren ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet.

Nach einer „Nacht der langen Latten“, bei der zahlreiche Gefangene verletzt wurden, beschloss die Häftlingsleitung mit Wolfgang Langhoff, dem späteren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, eine Kulturveranstaltung mit dem Namen „Zirkus Konzentrazani“ durchzuführen. Einige Tage nach der Planung kam der Bergarbeiter Johann Esser mit einem Gedicht mit sechs Versen zu Langhoff, der die manchmal holprigen Reime überarbeitete und den Refrain verfasste.

Auf die Umfrage, wer hierzu eine Melodie komponieren könnte, meldete sich Rudi Goguel, ehemals kaufmännischer Angestellter und Musikstudent, mit der Ansage, er brauche einige Tage Ruhe. Danach wurde Goguel ins Krankenrevier geschmuggelt und verfasste dort einen vierstimmigen Männerchorsatz. Mit dem Börgermoorlied komponierte Goguel die erste und einzige Melodie in seinem Leben. 1974 erklärte er gegenüber dem DDR-Rundfunk, dass “beabsichtigt war, durch die Aufführung mit Clownsauftritten und Musik den Mitgefangenen Mut zuzusprechen und unsere Moral gegenüber der SS öffentlich zu demonstrieren“.

Langhoff, Esser und Goguel waren überzeugte Kommunisten; sie gehörten zu einer Reihe politischer Gefangener aus dem Rhein-Ruhrgebiet, die bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in das zunächst als Schutzhaftlager bezeichnete Lager verschleppt wurden.

Aus dem Lagerchor stellte Goguel ein Quartett zusammen, jede Stimme wurde vierfach besetzt. Heimlich geübt wurde in einem Waschraum in einer abgelegenen Baracke.

Der „Zirkus Konzentrazani“ fand am August 1933 vor rund 900 Gefangenen im Beisein der Aufseher und Wächter statt. Nach den Darbietungen von Clownssketchen u. a. wurde zum Schluss der Veranstaltung das Lied uraufgeführt. Goguel beschreibt das so: „Die 16 Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitervereins (die als Kommunisten verhaftet worden waren), marschierten in ihren grünen Polizeiunformen (übernommen von der früheren Sicherheitspolizei, dann die damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit abgebrochenem Spatenstiel als Taktstock“.

„Bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast Tausend Gefangenen den Refrain mitzusingen“, erinnert sich Regisseur und Texter Langhoff. “Selbst die Wachmänner konnten sich dem Sog des Liedes nicht entziehen: Bei der letzten Strophe sangen alle mit auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, … offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten“, so Langhoff.

„Bei den Worten ‘Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‘ stießen die 26 Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuz wirkten“ (Rudi Goguel, Es war ein langer Weg, Düsseldorf, 1947).

Zwei Tage nach der Veranstaltung durfte das Lied nicht mehr gesungen werden, „doch sollen sich sogar SS-Leute dem Verbot widersetzt haben“ (Langhoff), indem einzelne SS-Mitglieder den  Häftlingen befahlen, vor allem auf dem Marsch zu den Arbeitsstätten das Lied zu singen.

Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 Emslandlagerla­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Esterwegen auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren. Nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer im Lager und während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt. Die standesamtlich registrierte Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 237.

Ende April 1945 wurden die Häftlinge von britischen Truppen befreit. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 aus politischen, sozialen, rassistischen oder religiösen Gründen Inhaftierten und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um. Wieviel davon an unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben und wie viele gezielt ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt. (vgl. NDR, 24.08.2018).

Ihr Schicksal sowie die Geschichte des Moorsoldatenlieds dokumentiert heute eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Esterwegen. Die Gedenkstätte wurde 2011 – 66 Jahre nach der Befreiung – eröffnet.

Foto: L. Willms  

Liedbetrachtung

Hört man die ersten drei gleichlautenden Töne (in e-Moll: e, e, e) der im 4/4-Takt geschriebenen Originalmelodie von Goguel, kann man sich vorstellen, dass sie bewusst monoton gehalten sind, um das schwere Los der Häftlinge im Marschschritt der Moorsoldaten zu versinnbildlichen. Sie treffen die Stimmung besser als der von Hans Eisler 1935 abgeänderte Auftakt e-moll: e, h, e.

Auch die zweite Zeile („Vogelsang…“) beginnt im Original monoton: g, g, g, während sie bei Eisler mit g, d, g etwas beschwingter klingt. Dazu heißt es in einem Artikel zu Das Moorsoldatenlied:  „Die zweite Zeile steht – einem vorübergehenden Hoffnungsstrahl gleich – im parallelen Dur, kehrt aber in der zweiten Zeilenhälfte wieder zum Moll zurück“ und weiter: „Der Refrain beginnt mit einem nach oben gerichteten Sextsprung, dem einzigen größeren Intervall im ganzen Lied. Aus ihm entspricht ein gewisser Stolz. So klingt der Anfang des Refrains wie ein Bekenntnis. Das Lied schließt, wie es begonnen hat mit einem düsteren Moll“ (Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel). Die heute auch im Ausland bekanntere Fassung der Melodie ist die von Hanns Eisler bearbeitete Version.

In den ersten beiden Strophen wird die Umgebung des Lagers geschildert: Im Moor und auf der Heide singen keine Vögel, und (vereinzelte) Bäume – hier Eichen – gedeihen nicht; sie sind „kahl und krumm“. Im Lager kann normalerweise keine Freude aufkommen. Das Lager ist von Stacheldraht umgeben (vgl. zweite Strophe) und streng bewacht, so dass Fluchtversuche aussichtslos sind (vgl. Strophe fünf).

Zeichnung des Häftlings Hanns Kralik (aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Sieben Tage in der Woche ziehen die Häftlinge in Kolonnen, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zur Arbeit. Bei jedem Wetter, auch wenn mittags die Sonne über den schattenlosen Mooren brennt, müssen sie unter strenger Bewachung von morgens bis abends arbeiten: Gräben ziehen, dass Moor entwässern und Torf stechen. Die Sehnsucht nach der Heimat, als Sinnbild der Freiheit, wird im vierten Vers wiederholt. Damit verbunden ist der Wunsch, daheim bei der Familie (und nicht explizit im Text: bei Freunden oder der Freundin) zu sein.

Der Text schildert die Härte des Lageralltags, verzichtet aber auf direkte Anklagen oder revolutionäres Vokabular. „Zeilen wie ‚ewig kann’s nicht Winter sein‘ oder ‚einmal werden wir froh sagen: Heimat, du bist wieder mein‘ sind für die Häftlinge allerdings leicht zu entschlüsseln – als Aufruf, den Widerstand nicht aufzugeben“ (Wolfgang Langhoff, 1935).

„Das Lied sollte Hoffnung geben und drückt eine Freiheitssehnsucht aus. Das Stück lehnt sich auf gegen Unterdrückung und menschenunwürdige Verhältnisse. In den letzten Zeilen klingt es nach Aufbruch: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, heißt es in einem Brief eines Börgermoorer Häftlings vom 30. August 1933, also drei Tage nach der Uraufführung des Liedes, an seine Frau: „Sonntag war hier großer Zirkus.“ (zitiert nach Fietje Ausländer: 75 Jahre Lied der Moorsoldaten).

Anhang: Kurze Biographien der Verfasser des Liedes:

Die drei Verfasser der Widerstandshymne hielten durch und überlebten den NS-Terror:

Johann Esser (1896–1971) arbeitete als Bergmann. 1924 bis 1933 war er Mitglied der KPD. Nachdem er sich 1931 an einem „wilden“ Streik be­tei­ligt ha­tte, wur­de mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Gleich nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen und kam in sog. Schutzhaft. 1934 aus dem KZ entlassen, dann aber in den Folgejahren mehrfach von den Nazis verhaftet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Bergmann und Gewerkschafter in Moers. Er löste sich vom Stalinismus des Kommunismus und verfasste bis zu seinem Tod Gedichte für verschiedene Zeitungen.

Wolfgang Langhoff (1901–1966) war 1928 bis 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde Anfang 1933 in „Schutzhaft“ genommen und in das Lager Börgermoor gebracht. 1934 aus dem KZ entlassen, konnte er in die in die Schweiz fliehen, wo er am Schauspielhaus Zürich als Regisseur und Schauspieler arbeitete. Bereits 1935 verfasste er den Tatsachenbericht, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager schildert: Die Moorsoldaten. 13 Monate KZ (Zürich). Er kehrte 1945 nach Deutschland zurück und wurde Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (1946–1963). 1966 starb er an Krebs in Ost-Berlin.

Rudi Goguel (1908–1976) ging nach seiner Entlassung 1934 in den Untergrund, wurde erneut verhaftet und zu zehn Jahren „Strafhaft“ verurteilt. 1944 kam er zunächst in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Im Mai 1945 überlebte er den Untergang der „Cap Arcona“, bei der mehr als 7.000 Menschen, hauptsächlich evakuierte KZ-Häftlinge, ums Leben kamen. Nach dem Krieg lebte zunächst in Süddeutschland, 1952 erhielt er eine Anstellung beim Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ, Ost-Berlin). Von 1959 bis 1968 war er Abteilungsleiter an der Humboldt-Universität Berlin für die „Geschichte der imperialistischen Ostforschung“. Über seine Erlebnisse an Bord der Cap Arcona berichtet er 1973 im Sammelband Juden unterm Hakenkreuz. Goguel starb 1976 in Ost-Berlin.

Rezeption und Verbreitung

Über in andere KZs verlegte oder entlassene Häftlinge und herausgeschmuggelte Aufzeichnungen gelangte das Lied auch an andere Gefangene und oppositionelle Kreise und wurde dadurch über die Grenzen des Emslands hinaus bekannt. „Außerhalb der KZ wurde es von der kommunistischen Agitprop-Truppe ‚Rotes Sprachrohr’ gesungen und am 8.3.1935 in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) im 4-stimmigen Originalchorsatz veröffentlicht“ (Hinze, S. 223).

1935 bearbeitete Hanns Eisler die Melodie für Ernst Busch, der das Lied während seiner Emigrationszeit verbreitete. Er sang es im Radio Moskau und nahm es 1937 in Barcelona auf Schallplatte auf. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurde es zum ersten Mal in den von Ernst Busch herausgegebenen Canciones de las Brigadas Internationales (5. Aufl., Barcelona 1938) veröffentlicht.

1942 wurde es in das geheime handschriftliche Lagerliederbuch des KZs Sachsenhausen aufgenommen und in Frankreich als Lied der Resistance, Chant de Marais, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer, bekannt. In der englischen Fassung The Peat Bog Soldiers sang es Pete Seeger 1943.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Moorsoldatenlied nicht vergessen. Bis 1955 erschienen nach den mir vorliegenden Unterlagen sechs Liederbücher in der SBZ bzw. DDR. Noch im Jahr 1945 wurde es in das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen. 1947 brachte die DDR eine Single mit dem Titel Die Moorsoldaten heraus mit der Anmerkung: „Verfasser und Komponist unbekannt“.

In der BRD tauchte „Wohin auch das Auge blicket“ zum ersten Mal erst 1952 im Liederbuch der Gewerkschaftsjugend Unsere Lieder auf.

Während das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne wurde – in der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Liedgut – dauerte es in der BRD bis in die 1970er Jahre, bevor das Lied eine begrenzte Verbreitung fand. Bekannt wurde es vor allem durch die Interpretation von Hannes Wader. Pfadfinder verschiedener Bünde und andere politisch links orientierte Künstler, wie Hein und Oss Kröher und das Folkduo Zupfgeigenhansel mit Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, nahmen es in ihr Repertoire auf.

Vor allem bei vielen Studenten wurde das Lied populär, nachdem der Verein Student für Europa, Student für Berlin das Liederbuch herausbrachte, das 1978 bereits in der 6. Auflage erschien. Daraufhin wurde das Lied auch vereinzelt in Liederbücher von Schulen aufgenommen.

In Baden-Württemberg wurde 1980 das Schulbuch „Banjo“ für den Gebrauch an den Haupt- und Realschulen vom Kultusminister des Landes Baden-Württemberg nicht zugelassen. Das Buch, so hieß es, könne wegen der Auswahl der Lieder nicht toleriert werden. Es handelte sich um das italienische Widerstandslied Bella Ciao, um Die Moorsoldaten und das Atomkraftwerksgegnerlied, eine Variante von Herrn Pastor sin Kauh (Interpretation hier). Die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Instituts für musikalische Völkerkunde (heute Institut für europäische Musikethnologie der Uni Köln) Gisela Propst-Effah schreibt: „Einer der Autoren von ‚Banjo‘ teilte mir mit, dass auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen die Zulassung des Buches wegen der Liedauswahl zunächst gescheitert und nur über persönliche Kontakte erreicht worden sei“.

In 15 Jahren von 1980 an erschienen laut Online-Archiven und Privatbibliotheken 22 Liederbücher mit dem KZ-Lied, davon 10 in der DDR. Von 2000 bis 2013 wurden in der BRD 20 Liederbücher, davon 11 von verschiedenen Pfadfinderbünden, herausgegeben.

In der DDR kam 1985 das Liederbuch der FDJ Leben – Kämpfen – Singen in der 17. Auflage heraus, und in Österreich folgte 1990 „ein demokratisches Liederbuch für Soldaten“ Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Die Popularität des Liedes kann man auch an den zahlreichen moderne Versionen ablesen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball und der Rockband Reservoir Dogs. Eine der jüngsten Versionen spielte 2012 die Deutschpunk-Band Die Toten Hosen ein. Deren Sänger Campino bezeichnet das Lied als „Hymne gegen die Unterdrückung und für das Durchhalten in brutalen Zeiten“.

Andere Interpretationen in Englisch The Peat Bog Soldiers mit der Melodie von Rudi Goguel gibt es von Paul Robeson, Pete Seeger, und The Dubliners. Der kanadische Folksänger Perry Friedmann und Joan Baez sangen das Lied auch auf Deutsch.

Das Widerstandslied ist in 15 Sprachen, auch ins Jiddische, übersetzt worden.

„Wohin auch das Auge blicket“ ist bis heute nicht vergessen worden wie auch die annähernd 300 Videos bei YouTube zeigen und das Vortragen des Liedes bei Feiern des Tages der Befreiung am 8. Mai 1945 und zum Abschluss einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 vom RIAS-Kammerchor aus Berlin.

„Das Moorsoldatenlied soll nicht nur an diejenigen erinnern, die Gegner des Nationalsozialismus waren und von ihm verfolgt wurden, es gehört zu den international weit verbreiteten Liedern, die auch dort die Erinnerung wachhalten an den schlimmsten Abschnitt deutscher Geschichte“. (Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel).

Zeichnungen des Häftlings Hanns Kralik. (linke Seite: Foto von Frank Vincentz; rechte Seite: aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete und weiterführende Literatur

Ausländer, Fietje / Brandt, Susanne / Fackler, Guido: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Ed. by Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg.

Fack­ler, Gui­do: Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141–198.

Goguel, Rudi: Es war ein langer Weg – Ein Erlebnisbericht, Düsseldorf 1947.

Lang­hoff, Wolf­gang: Die Moor­sol­da­ten. 13 Mo­na­te ­Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­po­li­ti­scher Tat­sa­chen­be­richt, Zü­rich 1935 [zahl­rei­che Li­zenz­aus­ga­ben bis heu­te].

Lang­hoff, Wolf­gang, Scha­b­rod, Karl: Wir sind die Moor­sol­da­ten, in: Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt, Ber­lin 1983, S. 138-163.

Hinze, Werner, Das Moorsoldatenlied. In: Historisch-politische Lieder aus acht Jahrhunderten, Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2009, S. 222–225.

Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Wolfgang Hubrich, Helga Kutz-Bauer, Rüdiger Wenzel). Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 1989, S. 108–109.

Probst-Effah, Gisela, Das Moorsoldatenlied – Zur Geschichte eines Liedes von säkularer Bedeutung, in: Stambolis/Reulecke ((Hg.) Goodbye Memories – Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 155 – 173.