Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen

Werner Bergengruen

Kaschubisches Weihnachtslied

1. Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
wärst auf Daunen weich gebettet worden.

2. Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
dich und deine Mutter zu verehren.

3. Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
blauen Mantel von kaschubischem Tuche,
pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.

4. Hätten dir den eig’nen Gurt gegeben,
rote Schuhchen für die kleinen Füße,
fest und blank mit Nägelchen beschlagen!
Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!

5. Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke [Buttersoße],

6.Gänsefleisch und Kuttelfleck, fette Wurst

und gold’nen Eierkuchen,
Krug um Krug das starke Bier aus Putzig!
Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!

7.Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
Sieh, wir wären alle fromm geworden,
alle Knie würden sich dir beugen,
alle Füße Himmelwege gehen.

8. Niemals würde eine Scheune brennen,
sonntags nie ein trunk’ner Schädel bluten, —
wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!

Zu den 18 mir bekannten Liedern über die bzw. zur Geburt Christi lernte ich erst kürzlich „Wärst du, Kindchen, doch im Kaschubenlande … geboren“ kennen dank Ingeborg Weber-Kellermanns Das Buch der Weihnachtslieder. Den Text mit dem Titel Das kaschubische Weihnachtslied hat der in Riga geborene Dichter und Schriftsteller Werner Bergengruen (1892-1964) 1927 verfasst. Erstmalig veröffentlicht wurde es 1938 in der Sammlung der Gedichte Bergengruens Die verborgene Frucht. Das Gedicht wurde mehrmals vertont, 1942 von Franz Motzer (s. o. Noten) und später von Karl Heinz Malzer (geb. 1942). Zudem gibt es eine Kantate von Hans Poser nach der Melodie von Franz Motzer (diesen Hinweis verdanke ich dem kaschubischen Heimatforscher Richard Glischinski).

Bergengruen hat sein berühmtestes Werk, den verschlüsselten zeitgenössischen Roman Der Großtyrann und das Gericht, 1935 fertiggestellt. Aufgrund der Parallelen zu einem diktatorischen System wurde Bergengruen 1936 aus der Reichsschriftumkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, zumal noch Rundfunk- und Auftrittsverbote folgten.

Entstehung

Zur Entstehung von Bergengruens Weihnachtsgedicht hat 1964 der Slawist und Kaschubologe Friedhelm Hinze in der Zeitschrift für Slawistik die Vermutung zurückgewiesen, Bergengruen habe das Gedicht „direkt aus dem Kaschubischen übertragen, da er einiger slawischer Sprachen sehr wohl mächtig war“. Hinze beruft sich auf einen Brief von Bergengruen an ihn und zitiert den Dichter. Danach entstand das Gedicht „auf Grund von Erzählungen einer kaschubischen Hausangestellten meiner Eltern, die damals in Danzig lebten“ (Dank an Richard Glischinski für die Übersendung eines Auszugs aus Hinzes Artikel Zur Quelle des Kaschubischen Weihnachtslieds von Werner Bergengruen).

Richard Glischinski hat das Original des Kaschubischen Weihnachtslieds online gestellt (vgl. http://www.glischinski.de/roots/Bergengruen.htm ). Er hat es entdeckt in dem 1911 veröffentlichten Buch des kaschubischen Schriftstellers und Lehrers Ernst Seefried-Gulgowski (1874 – 1925) Von einem unbekannten Volke in Deutschland – Ein Beitrag zur Volks- und Landeskunde der Kaschubei.

1. Sei uns gegrüßet geliebter Jesu, unser von Ewigkeit ersehnter Herr.
Aus Kaschubien zum Stalle eilen hurtig wir alle
und bis zur Erde neigen die Stirne – und bis zur Erde neigen die Stirne.

2. Warum so arm liegst du in der Krippe und nicht im Bettchen, wie es dir zukommt.
Im Stalle geboren, in der Krippe gebettet.
Warum mit Ochsen und nicht mit Herren – warum mit Ochsen und nicht mit Herren.

3. Wärst in Kaschubien du uns geboren, wärest auf Heu von uns nicht gebettet.
Hättest ein Strohsäckchen, darüber ein Bettchen,
und viele Kissen gefüllt mit Daunen – und viele Kissen gefüllt mit Daunen.

4. Und auch dein Kleidchen wär nicht so einfach. Aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen.
Aus blauem Tuche ein Röckchen und ein grünes Warb-Jöppchen [Trachtenjäckchen],
dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben – dazu ein’ Netzgurt würd’ man dir geben

5.Wärst in Kaschubien du uns geboren, brauchtest dann niemals Hungersnot leiden.
Zu jeder Tageszeit hättest Gebratenes,
zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen – zum Butterbrödchen, Wodki ein Gläschen.|

6. Zu Mittag hätt’st du Buchweizengrütze, mit gelber Butter reichlich begossen.
Saftiges Gänsefleisch, mit Speck Kartoffelmus,
und Fleck (Kutteln, in Streifen geschnittener Magen) mit  Ingwer nicht zu vergessen – und Fleck mit Ingwer nicht zu vergessen.

7. Und Wurst mit Rührei gar fett gebraten, darnach der Liebling würd’ wohl geraten.
Zum Trinken gäb man dir Tuchler- oder Berent-Bier.
Könntest dann schwelgen in den Genüssen – könntest dann schwelgen in den Genüssen.

8. Zum Abendbrot hätt’st du schmackhafte Flinzen [Pfannkuchen] und zarte Würstchen mitsamt Pieroggen [Teigtaschen], Wruken [Steckrüben] mit Hammelfleisch, Erbsen mit Speck gekocht,
und fette Vöglein knusprig gebraten – und fette Vöglein knusprig gebraten.

9. Bei uns gibts Wildbret, Jesu, in Menge.
Wäre allzeit für dich wohl bereitet, ganz junge Rebhühnchen und andre Vögelchen,
auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen – auch fette Täubchen und Krammetsvögelchen.

10. Dort hast du allzeit Mangel gelitten, hier hätt’st du alles im Überfluß.
Beim Trinken und Essen, Beim Spielen, Erzählen,
wäre beim Amtmann dein Platz am Tische – wäre beim Amtmann dein Platz am Tische.

11. Doch dir genügt schon der gute Wille, unsere Wünsche nimmst du als Gaben.
Die Herzen zum Opfer bringen wir dem Schöpfer.

12. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind.

Den Gedanken, dass Jesus Christus ein besseres Los verdient habe, als auf Heu und Stroh zu liegen, hat bereits der bedeutendste Kirchenlieddichter und Theologe Paul Gerhardt (1607-1676) rund 250 Jahre vor dem kaschubischen Weihnachtslied gehegt. Davon zeugen die Strophen sechs und sieben seines Liedes Ich steh an deiner Krippen hier:

6. O daß doch so ein lieber Stern
Soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn
Gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,Dies Kindlein drauf zu legen !

7. Nehm weg das Stroh, nehm weg das Heu!
Ich will mir Blumen holen,
Daß meines Heilands Lager sei
Auf lieblichen Violen;
Mit Rosen, Nelken, Rosmarin
Aus schönen Gärten will ich ihn
Von oben her bestreuen.

Während Glischinski – aus meiner Sicht wohlwollend – meint, „Der hier genannte Text [gemeint ist das Kaschubische Weihnachtslied] zeigt interessante Bezüge zum späteren Gedicht von Werner Bergengruen“, meine ich: Hier hat sich der 37jährige Dichter mit fremden Federn geschmückt. Die Strophen eins bis sechs entsprechen bis auf kleinere Abweichungen der zweiten bis neunten des Originals. Selbst die siebente Strophe Bergengruens ist noch von der elften Strophe des Originals inspiriert.

Anzuerkennen ist, dass Bergengruen den Titel Kaschubisches Weihnachtslied übernommen hat; für Liedforscher und andere Interessierte gibt er damit einen deutlichen Hinweis auf das Original-Krippenlied. Dabei hätte er es doch ganz einfach gehabt, sein Gedicht z.B. „Masurisches Weihnachtslied“ zu nennen und im Text statt Kaschubenlande Masurenlande zu schreiben, zumal ihm als gebürtigem Letten das ostpreußische Masuren mindestens räumlich näher lag, als die Kaschubei. Und da die Masuren ebenfalls als gastfreundlich galten und ihre Feste, genau wie die Kaschuben, mit üppigem Essen und reichlichem Trinken feierten, wäre die Übernahme des Originals kaum aufgefallen.

Das ‚Kaschubenland‘ ist die Kaschubei (polnisch kaszuby)genannte Region westlich und südwestlich von Danzig. Heute sprechen rund 150.000 Menschen als eine von Polen anerkannte eigenständige ethnische Minderheit kaschubisch. An der Universität in Danzig besteht ein Lehrstuhl für diese westslawische Sprache (vgl. www.westpreussisches-landesmuseum.de). Aufnahme in die Weltliteratur fand die Kaschubei durch Günter Grass‘ Werk Die Blechtrommel. Wie die Mutter des Blechtrommlers Oskar war auch die Mutter von Grass Kaschubin.

Die kaschubischen Weihnachtslieder – andere Krippenlieder

Während bereits in der ersten Originalstrophe Jesus Christus gehuldigt wird, greift Bergengruen gleich zu Beginn die dritte Strophe des Originals auf und fragt sich, was passiert wäre, wenn Jesus nicht in Bethlehem, sondern im Kaschubenlande geboren worden wäre. Angesichts seiner „christlich-humanistischen Einstellung“ (www.hdg.de) finde ich es bemerkenswert, dass die Sprechinstanz bei Bergengruen nicht, wie in den meisten Krippenliedern üblich, die Geburt Jesu lobt, Jesus willkommen heißt und oder anbetet(vgl. Strophen 3 und 4 bzw. 5 von Vom Himmel hoch, da komm ich her, oder 4. Strophe von Nun singet und seid froh oder Ich steh an deiner Krippen hier).

Beim Vergleich des Originals und Bergengruens Version mit anderen Krippenliedern fallen auch die Unterschiede von Obdach, Kleidung und Nahrung auf. Während Bergengruen nichts über die Unterkunft und die Anwesenheit von Tieren sagt, nimmt das Originallied wie die Mehrheit der Krippenlieder Bezug auf die Weihnachtsgeschichte bei Lukas: „Und sie [Maria] gebar ihren ersten Sohn […] und legte ihn in eine Krippe“. (Lukas, Kapitel 2, Vers 7). Die Krippe als Futtertrog aus Flechtwerk weist auf einen Viehstall hin; von Ochsen, wie im Originallied, ist bei Lukas ebenso wenig die Rede wie von einem Esel oder von Schafen. Die Verfasser der Krippenlieder haben „Ochs, Esel und Schafe“ hinzu gedichtet, wie z. B. in O, Jesulein zart (2. Strophe) oder Martin Luthers „Rind und Esel“ in Vom Himmel hoch, da komm ich her (9. Strophe) und in Was soll das bedeuten (3. Strophe).

Auch darauf, dass Joseph und Maria besonders arm gewesen wären (vgl. Original 2. Strophe oder Ihr Kinderlein kommet:Ach, hier in der Krippe schon Armut und Not“, 5. Strophe, 3. Vers), gibt es bei Lukas keinen Hinweis; lapidar heißt es „denn sie hatten sonst keinen Platz in der Herberge gefunden“. Was kein Wunder ist, hatte doch Kaiser Augustus eine Volkszählung veranlasst, nach der jeder in seiner Heimatstadt erfasst werden sollte (vgl. Lukas 2,2). Und so machten sich viele in Bethlehem geborene Menschen auf, so wie Joseph, um sich in ihrer Geburtsstadt Bethlehem registrieren zu lassen.

Während bei Lukas (2, 7) darüber berichtet wird, dass Jesus von Maria „in Windeln gewickelt“ wurde, machen einige Hirtenlieder andere Aussagen: Jesus liegt „elend nackt und bloß in einem Krippelein“ (Lobt Gott, ihr Christen allzugleich, 2. Strophe) oder „das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost“ (Was soll das bedeuten, 5. Strophe). Im Vergleich dazu würde Jesus im kaschubischen Land nicht frieren, er hätte ein „Bettchen und viele Kissen gefüllt mit Daunen“. Bergengruen greift diesen Gedanken auf: Jesus wäre „auf Daunen weich gebettet […], das Bettchen stünde warm am Ofen“.

Die Bekleidung im Original, bestehend „aus grauem Fellchen ein reiches Mützchen“, einem „Röckchen aus blauem Tuche“, „einem grünen Warb-Jöppchen“ (Trachtenjäckchen) und einen „Netzgurt“ (einen geflochtenen Gürtel), variiert Bergengruen: Jesus müsste eine ‚Schaffellmütze tragen, einen blauen pelzgefütterten Mantel und rote mit Nägelchen beschlagenen Schuhe‘.

Nur in einem der mir bekannten 18 Krippenlieder habe ich einen Hinweis auf die Ernährung Jesu gefunden. Die 4. Strophe von Ihr Kinderlein kommet lautet:

Manch Hirtenkind trägt wohl mit freudigem Sinn
Milch, Butter und Honig nach Betlehem hin;
ein Körblein voll Früchte, das purpurrot glänzt,
ein schneeweißes Lämmchen mit Blumen bekränzt.

Dagegen zählt das Original des kaschubischen Lieds in fünf von insgesamt elf Strophen Mahlzeiten und Getränke in Hülle und Fülle auf, während Bergengruen sich auf zwei Strophen beschränkt, ohne dabei freilich an kindliche Ess- und Trinkbedürfnisse zu denken. Es waren wohl eher die Vorstellungen der Erwachsenen, wenigstens einmal im Jahr in Saus und Braus zu leben. Wenn man bedenkt, dass um 1900, der wahrscheinlichen Entstehung des Originallieds, abgesehen von einigen Handwerkern die Mehrheit der Kaschuben als Landarbeiter* bei den häufig deutschen Großgrundbesitzern malochen und ihr ganzes Leben in Armut verbringen musste, werden die heimlichen Wünsche verständlich.

Und so gibt es nicht nur „Arme-Leute-Essen“ wie Buchweizen- bzw. Gerstengrütze oder Kutteln (auch Kuttelfleck, in Streifen geschnittener Magen, Pansen) und Wruken (Steckrüben), sondern es werden auch – sonst den Familien der Gutsbesitzer vorbehalten – Wildbret, Rebhühnchen, Täubchen und Krammetvögel (Wacholderdrossel) und ähnliche Genüsse aufgefahren.

Von Milch oder Wasser als Getränken für das Krippenkind erzählen weder Lukas noch ein einziges mir bekanntes Krippenlied. Nur im originalkaschubischen Weihnachtslied und bei Bergengruen wird von Getränken gesprochen. Allerdings, wieder wie bei den Essensmahlzeiten, nicht gerade kind-, geschweige denn kleinkindgerecht.

Dass die Bewohner der sogenannten „Kalten Heimat“ (Ost- und Westpreußen und Kaschubei), gern dem Alkohol zugesprochen haben, ist bekannt. Übertrieben jedoch dürfte jedoch sein, dass es bereits zum Frühstück „ein Gläschen Wodki“ gegeben haben soll. Und jeden Abend Bier zutrinken, war auch nur den Betuchten möglich.

In seiner letzten Strophe greift Bergengruen die bei Festen üblichen Gelage der männlichen Landbevölkerung auf, indem er auf die manchmal in Schlägereien bis hin zum Scheuneanstecken ausartenden Alkoholexzesse erinnert. Nach all den fiktiven Gaben, die ja indirekt eine Würdigung des Christuskindes darstellen, passt die achte Strophe nicht so recht zu den vorhergehenden. Hier wird Bergengruens Text realistisch, um in der letzten Zeile jedoch darauf hinzuweisen, dass Derartiges nicht vorgekommen wäre, wenn das „Kindchen im Kaschubenlande geboren“ worden wäre.

Die 10. Strophe des Originals vergleicht die Geburt in Bethlehem mit einer fiktiven Geburt im Kaschubenlande. Während Jesus in Bethlehem „allzeit Mangel gelitten“ hat, hätte er hier alles im Überfluss. Hinzu käme, dass Jesus einen Platz am Tische des Amtmanns, einem Vertreter der Obrigkeit, eingenommen hätte mit allem was dazu gehörte: „Trinken und Essen, Spielen, Erzählen“.

Nach der Aufzählung der leiblichen Genüsse ist sich der kaschubische Dichter darüber im Klaren, dass es die erwähnten Annehmlichkeiten – warmes Bett, Kleidung und Nahrungsmittel – es nur in der Vorstellung der armen Leute gibt. Doch als Christen sind sie sich sicher, dass Jesus „schon der gute Wille genügen“ würde und, wie es metaphorisch weiter in der 11. Strophe heißt: „Die Herzen bringen wir dem Schöpfer zum Opfer“. Auch Bergengruen ist gegen Schluss „seines“ Gedichts darauf gekommen, die Geburt Jesu zu würdigen: „Und wie wir das Herz dir schenken wollten“ (7. Strophe).

Das Original schließt mit einem Gebet, das der Dichter für die Mehrheit der Kaschuben spricht: „Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind. Verachte uns nicht, obwohl wir arm sind“.

Rezeption

Das Originallied und Bergengruens vertontes Gedicht sind weitgehend unbekannt geblieben. Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist in seinem Katalog nicht einen einzigen Tonträger aus und auch die Anzahl von lediglich vier Partituren ist im Vergleich zu anderen Krippenliedern außerordentlich gering. Im Online-Liederbuch-Archiv www.deutschelieder.com sind nur neun Liederbücher bzw. -hefte zu finden, darunter aus dem Jahr 2002 Unterm Siebenstern – Deutsche Lieder aus sieben Großlandschaften Osteuropas. Auch die beiden Videos bei Youtube deuten darauf hin, dass diese Kaschubischen Weihnachtslieder nicht gerade populär sind. Und anders als die Volkskundlerin und Liederforscherin Ingeborg Weber-Kellermann (s.o.) haben weder die Liedforscher Ernst Mang oder Heinz Rölleke noch der Nestor der Volksliedforschung Ernst Klusen das Weihnachtslied von Bergengruen in ihre umfangreichen Liedersammlungen aufgenommen.

Georg Nagel, Hamburg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

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