Ich brauch’ nur mich? Überlegungen zu Autonomie und Isolation in „Meine Sache“ von den Broilers und Udo Lindenbergs „Mein Ding“

Broilers

Meine Sache 

Ich mache einen Ritt
Denn ich weiß das Land ist weiter
Ich lass’ sie hinter mir
Deine Welt und meine Geister
Wo bleibt die Erlösung
Kalte Nächte, endloses Warten
Was ist mit Absolution,
Wenn es Nacht wird im Volksgarten
 
Ich mache einen Ritt […] 
 
Meine Sache, mein Problem
Ich wird’ nicht untergehen
Statt der weißen Fahne werdet ihr
Meinen Mittelfinger sehen!

Meine Sache, mein Problem […]
 
Was ich mit mir trage
Kann ich mit niemandem teilen
Nicht mit dir, mit meiner Liebe
Und nicht in diesen Zeilen
Ich sehe die Versuchung
Hier und überall, wo ich gehe
Ich muss stark sein
Gib mir die Kraft zum Widerstehen
 
Meine Sache, mein Problem […]

Meine Sache, mein Problem […]
 
Ich brauche niemanden
In solchen Zeiten liebt man nicht
Hab meine Freunde verlassen
Oder verließen die mich?
Ich sollte ehrlich bleiben
Wenn nur noch eines zählt
Auf der Suche zu sein
Besser als jeder Ort auf dieser Welt
 
Meine Sache, mein Problem […]

Meine Sache, mein Problem […]

     [Broilers: Vanitas Recordings. Prison 2007.]

 

Udo Lindenberg

Mein Ding

Als ich noch ein junger Mann war
saß ich locker irgendwann da
auf der Wiese vor’m Hotel Kempinski
Trommelstöcke in der Tasche
in der Hand ’ne Cognacflasche
und ’n Autogramm von Klaus Kinski
 
Ich guckte hoch aufs weiße Schloss
oder malochen bei Blohm & Voss
Nee, irgendwie, das war doch klar
irgendwann da wohn ich da
in der Präsidentensuite
wo’s nicht reinregnet und nicht zieht
und was bestell’ ich dann?
Dosenbier und Kaviar
 
Und ich mach mein Ding
egal, was die anderen sagen
Ich geh meinen Weg
ob gerade ob schräg, das ist egal
Ich mach mein Ding
egal, was die anderen labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ich mach mein Ding
 
Und jetzt kommst du aus der Provinz
und wenn auch jeder sagt, du spinnst
du wirst es genauso bringen
machst auf die charmante Art
mal elastisch, manchmal hart
manchmal musst du das Glück auch zwingen
Später spricht dann Wilhelm Wieben
er ist sich immer treu geblieben
die Mode kam, die Mode ging
man war immer noch der King.
 
Ja, du machst dein Ding
Egal was die ander’n sagen
Du gehst deinen Weg
Ob gerade ob schräg
Das is doch egal
Du machst dein Ding
Egal was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
 
Und dann bist du dir immer treu geblieben
Und Roomservice wird mit U und H geschrieben
 
Und ich mach mein Ding
egal, was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ja, ich mach mein Ding
egal, was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ich mach mein Ding!

     [Udo Lindenberg: Stark wie zwei. Starwatch Music 2008.]

Individuelle Autonomie ist ein ständig wiederkehrender Topos bei vielen Liederschreiber_innen. Unabhängig von äußeren Einflüssen macht das Sprecher-Ich, so wird oft suggeriert, „sein Ding“, „geht seinen Weg“ oder „macht seine Sache“. Die Selbstbestimmtheit, das wird meistens zwischen den Zeilen vermittelt, macht eine Person besonders authentisch und, weil losgelöst von kontextuellen Einschränkungen, besonders innovativ. Auch wenn Künstler_innen ihre eigenen Biographien, in denen natürlich andere Menschen und größere Umstände eine wichtige Rolle spielten, oft in das Zentrum ihrer Texte rücken, findet doch eine explizite Abgrenzung gegenüber zeitlich gebundenen Trends, anderen Personen und einem imaginierten „Mainstream“ statt. Hier sollen zwei Texte vorgestellt werden, die als zentrales Thema eine derart aufgefasste Unabhängigkeit haben.

Die lyrics der Düsseldorfer Punkrockband Broilers betonen kontinuierlich die Autonomie des Sprecher-Ichs. Seine Unabhängigkeit wird dabei so sehr betont, dass es den Eindruck erweckt, dass es sich selber von seiner Unabhängigkeit überzeugen muss. Besonders deutlich wird dies in der Mantra-haften Wiederholung des Refrains („Meine Sache, mein Problem“), der jeweils zweimal nacheinander gesungen und komplett dreimal wiederholt wird. Auch wenn der Refrain natürlich per Definition wiederholt wird, ist diese Frequenz für ein relativ kurzes Lied dennoch recht hoch. Ähnlich verhält es sich mit der ersten Strophe, die auch gleich zweimal gesungen wird, als müsste sich das Sprecher-Ich selber Mut zusprechen.

Zu dieser Interpretation passen auch die weiteren Formulierungen, die verwirrt daherkommen. „Ich mache einen Ritt / denn das Land ist weit“ hat mittelalterlich-ritterliche Konnotationen, der pathetische Verweis auf „Erlösung“ und „Absolution“ religiös-christliche Anklänge und schließlich der Verweis auf den „Volksgarten“ wiederum konkret lokale Bezugspunkte zu Düsseldorf. Und warum in besagtem Volkspark nun auf Absolution gewartet wird, und was überhaupt mit der Erlösung gemeint ist erschließt sich – zumindest mir – beim Hören des Liedes nicht. Somit scheint die Sprechinstanz selber nicht so genau zu wissen, was Sache ist. Vielleicht kommt es gerade wegen dieser Unsicherheiten zum Verweis auf die eigene Unabhängigkeit.

In der zweiten Strophe wird dann das Lied selber dekonstruiert. („Was ich mit mir trage / Kann ich mit niemandem teilen / Nicht mit dir, mit meiner Liebe / Und nicht in diesen Zeilen“ [Hervorh. durch d. Verf.]). Die Unfähigkeit sich anderen, auch den Zuhörern, mitzuteilen dem Sprecher-Ich bewusst. Doch in den Versen schwingt Wehmut darüber mit, dass es sich niemandem offenbaren kann oder will. Diese Wehmut wird übrigens musikalisch überhaupt nicht aufgegriffen, weil das Lied sehr flott und (auch im Video) durchaus lebenbejahend interpretiert wird. Was genau nun nicht angesprochen wird, lässt sich nur raten, denn das Sprecher-Ich ‚widersteht der Versuchung‘ sich mitzuteilen erfolgreich. Die Tatsache, dass es dem Impuls widerstehen muss, das was es mit sich trägt, zu teilen, legt nahe, dass es das gerne täte, aber nicht kann. Das Sprecher-Ich braucht sogar „Kraft“, dies nicht zu tun. Diese Geheimnistuerei lässt einen schon fast an einen begangenen Mord oder Ähnliches denken. Statt so etwas aber anzusprechen, wird lieber auf aggressive Weise der Mittelfinger gezeigt. Hier wird die Unabhängigkeit durch aggressives Verhalten und ohne erkennbaren Grund verteidigt, doch das Sprecher-ich ist selber nicht zufrieden mit der Isolation, denn es würde ja gerne etwas sagen, sonst bräuchte es keine Kraft, dies nicht zu tun.

Wenig verwunderlich also, dass das Sprecher-Ich von seinen Freunden verlassen wurde (nachdem das Sprecher-Ich im Lied als ein verschlossen-aggressiver Mensch dargestellt wird, würde ich dafür plädieren, dass die Freunde es verlassen haben und nicht umgekehrt). Deswegen muss sich das Sprecher-Ich so sehr zureden, dass es unabhängig ist („Ich brauche niemanden“). Mit der wiederkehrenden Betonung der Unabhängigkeit haben diese Rufe etwas Trotziges. Das Sprecher-Ich will sich dabei nicht mitteilen, von seinen Freunden verlassen und ohne eine andere Wahl, ist es allein. Bei den Broilers ist das Sprecher-Ich somit nicht autonom, sondern isoliert.

Wenden wir uns nun Udo Lindenberg zu, dessen Text stärker autobiographisch geprägt ist. Auch wenn bei den Broilers die erste Person benutzt wird, finden sich außer dem Lokalbezug wenig konkrete Anhaltspunkte auf die Biographie des Autors. Lindenberg hingegen nutzt sein Lied, um seine eigene Lebensgeschichte (natürlich stark zusammengefasst) zu vertonen. Dabei finden sich zahlreiche Stationen von Lindenbergs Vita, die inzwischen schon zur Legendenbildung um den Künstler gehören, beispielsweise die Vorliebe für das Hotel Kempinski (siehe auch die Interpretation von Da war so viel los).

Auch wenn Lindenberg mit einem bekannten und viel rezipierten Topos im Stile von ‚vom Tellerwäscher zum Millionär‘ bzw. hier ‚von der Wiese in die Präsidentensuite‘ arbeitet, machen die autobiographische Herangehensweise und seine Wortwahl den Text dennoch charmant und hörens- bzw. auch lesenswert. Im Gegensatz zum Sprecher-Ich bei den Broilers geht das Sprecher-Ich in Lindenbergs Lied, statt lediglich abstrakt zu betonen, wie unabhängig er ist, ins Detail und illustriert „sein Ding“ mit konkreten Beispielen – Dosenbier und Kaviar beispielsweise. Wenn ‚Lindenberg‘ dann seine Unabhängigkeit betont, scheint dies wesentlich authentischer, weil es nicht im Abstrakten bleibt, wie bei den Broilers.

Im Vergleich zu den Broilers handelt es sich bei Lindenberg auch nicht um eine gezwungene Isolation, sondern eine bewusste Entscheidung zur Andersartigkeit. Die Zeilen sind mit Stolz gefüllt („Und ich mach mein Ding / egal was die anderen sagen / Ich geh meinen Weg / ob gerade ob schräg, das ist egal“). Für Lindenbergs alter ego ist Autonomie ein Zeichen der Stärke, wobei es auch um Authentizität geht („er ist sich immer treu geblieben“). Während das Sprecher-Ich bei den Broilers Stärke benötigt, sich nicht mitzuteilen, und sich fast schon verkrampft dazu zwingen muss, unabhängig zu bleiben, indem es nichts teilt, hat Lindenbergs damit kein Problem, es kann sich problemlos und ungezwungen mitteilen.

Schließlich durchbricht Lindenbergs alter ego auch das rein autobiographische Sprechen und spricht den Hörer direkt an („Du machst dein Ding“). Auch dieses Absehen von sich selbst steht im direkten Gegensatz zur Auslegung von Autonomie durch bei den Broilers, deren Sprecher-Ich eben betont, dass es sich in dem Lied nicht mitteilen kann. Bei Lindenberg ist die Anspreche der Hörer auch eine Aufforderung, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Im Gegensatz zu den Broilers, wo der eigene Weg als etwas Quälendes erscheint, zu dem man sich durchringen muss und wobei man seine Freunde verliert, offenbart Lindenbergs alter ego eine wesentlich positivere Einstellung zu individueller Unabhängigkeit. Dies wird auch im charmanten Video zu Lindenbergs Lied sichtbar, das eine sehr positive Grundstimmung hat.

Während das Sprecher-Ich bei den Broilers allein ist, weil sie so versessen darauf ist, ein eigenes Ding zu machen, sieht sich Lindenbergs alter ego nicht von anderen isoliert und erwähnt Klaus Kinski und Wilhelm Wieben als Referenzpunkte. Es empfiehlt seinen Hörern sich selber treu zu bleiben, sogar wenn die „Schwachmachten“ etwas anderes sagen. Lindenbergs Sprecher-Ich bemitleidet dabei diese „Schwachmaten“ fast, weil für es klar ist, dass diese nicht ihr eigenes Ding machen. Das Sprecher-Ich bei den Broilers hingegen ist wesentlich aggressiver gegenüber denen, die sich ihm in den Weg stellen. Lindenbergs alter ego hingegen braucht keine Durchhalteparolen, weil es weiß, dass seine Autonomie ihm dazu verholfen hat, seine Träume zu erfüllen.

Somit sind die Gründe warum die beiden Sprechinstanzen unabhängig sind, diametral entgegengesetzt. Im Text der Düsseldorfer Punkrocker bleibt dem Sprecher-Ich gar nichts anderes übrig als unabhängig zu sein, weil es sich selber isoliert hat. Wirklich zufrieden erscheint es dabei nicht und muss sich ständig selber gut zureden, dass es doch am besten sei, alles ganz alleine zu machen. Bei Lindenbergs Text hingegen, geht das Sprecher-Ich, ein alter ego Lindenbergs, sehr entspannt, gelegentlich auch ironisch-augenzwinkernd mit dem Topos der Autonomie um. Es  fühlt sich sehr wohl dabei seinen eigenen Weg zu gehen und empfiehlt dies seinen Zuhörern auch. Eine Empfehlung der man sicher beipflichten kann.

Martin Christ, Oxford

Was Xavier Naidoo und die Böhsen Onkelz gemeinsam haben. Ein Vergleich von „Dieser Weg“ und „Wir bleiben“

Xavier Naidoo

Dieser Weg

Also ging ich diese Straße lang,
und die Straße führte zu mir.
Das Lied, das du am letzten Abend sangst,
spielte nun in mir.
Noch ein paar Schritte und dann war ich da
mit dem Schlüssel zu dieser Tür.

Dieser Weg wird kein leichter sein.
Dieser Weg wird steinig und schwer.
Nicht mit vielen wirst du dir einig sein.
Doch dieses Leben bietet so viel mehr.

Es war nur ein kleiner Augenblick.
Einen Moment war ich nicht da.
Danach ging ich einen kleinen Schritt.
Und dann wurde es mir klar.

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

Manche treten dich.
Manche lieben dich.
Manche geben sich für dich auf.
Manche segnen dich.
Setz' dein Segel nicht,
wenn der Wind das Meer aufbraust.

Manche treten dich [...]

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

     [Xavier Naidoo: Dieser Weg. Naidoo Records 2005.]

Böhse Onkelz

Wir bleiben

Wir waren unsterblich, 
bis wir gestorben sind.
Doch wir glauben, dass die Zeit
wirklich alle Wunden heilt,

sagt der Geist, der stets verneint,
zum Sterben ist noch immer Zeit.
Das Leben, eine Unbekannte.
Schicksal, du böse Schlampe.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben.
Wir bleiben und feiern das Leben
Räumt uns ein Zimmer frei
Macht Platz für eine neue Zeit
Wir bleiben
Wir bleiben – Und feiern das Leben
Lasst uns zusammen
Die Fahne in den Gipfel rammen

Neue Frucht am alten Baum,
lang genug gegeißelt,
wir wollten uns zurück,
jetzt wird’s in Stein gemeißelt.

Das Beste kommt zum Schluss,
wir werden singen und nicht weinen.
Wer so zurück kommt,
darf gerne bleiben.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben [...]

     [Böhse Onkelz: Wir bleiben. V.I.E.R. 2015.]

Während der langen Durststrecke der deutschen Titellosigkeit beim Grand Prix Eurovision de la Chanson nach Nicoles Gewinn im Jahr 1982 empfahl die Fun-Metal-Band J.B.O., die deutschen Exporterfolge Nicole und Rammstein zu kombinieren und coverte Ein bißchen Frieden im Industrial-Metal-Stil. Nachdem die Zuständigen beim NDR es nach Jahren der Erfolglosigkeit in der Post-Raab-Ära diesmal wissen wollten und beschlossen hatten, dass Xavier Naidoo Deutschland (auf die BRD sollte man den Sänger bekanntlich nicht ansprechen) beim Eurovision Song Contest 2016 vertreten solle, wollte ich eigentlich an diesen Vorschlag erinnern. Weil Naidoo allein ja musikalisch eher den Nicole-Part vertritt, hätte man ihm (wie schon mit Kool Savas bei Xavas) jemand zur Seite stellen müssen, der etwas Aggressivität in die Sache bringt, ein klassisches Beauty & The Beast-Duett also. Und da die Kriterien der Verantwortlichen kommerzieller Erfolg und politisch fragwürdige Äußerungen in der Vergangenheit zu sein scheinen – wer hätte sich da eher angeboten als Kevin Russel, Sänger der Böhsen Onkelz, die mit ihrer Comeback-Single Wir bleiben immerhin auf Platz 4 der Charts eingestiegen sind. Nun wird es also nicht dazu kommen. Und dass die Böhsen Onkelz nun Gelegenheit bekommen, in Stockholm die deutsche Fahne ‚in den Gipfel zu rammen‘, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Doch auch wenn dieser Auftritt nun nicht stattfinden wird, lohnt ein Vergleich zwischen zwei der seit Langem erfolgreichsten Vertreter des Genres der Lebenshilfemusik. Denn auch wenn die Fans beider sich musikalisch und im Outfit fern stehen mögen, so dürften nicht nur Naidoos Texte von seinen Fans zum ermutigenden Mood Management eingesetzt werden. Unter Onkelz-Liedern auf Youtube findet man fast immer schon in den ersten Kommentaren Bekenntnisse von Fans, die angeben, dass ihnen der jeweilige Song in einer bestimmten Krise geholfen habe, und die ausführen, die Band habe für jede Lebensituation das richtige Lied geschrieben.

Eine weitere Gemeinsamkeit neben diesem Rezeptionsmuster stellt das Konzept dar, mit dem sich beide als überaus erfolgreiche Mainstream-Musiker etabliert haben: Sie haben eine schon sehr erfolgreiche Musikrichtung mit breiter Käuferschaft (Soul bzw. Heavy Metal), innerhalb derer aber bis dahin fast ausschließlich englisch gesungen wurde, mit deutschen Texten kombiniert. Erfolgreiche Geschäftsmodelle zu identifizieren und so zu modifizieren, dass sie eine Marklücke füllen, stellt eine bekannte betriebswirtschaftliche Strategie dar.

Nun ist noch eine Gemeinsamkeit hinzugekommen: Das vermeintliche Außenseitertum, der Status als Opfer der ‚Lügenpresse‘, zu dem seine Fans nun umso fester stehen und dies durch den Besuch von Konzerten und den Kauf von Fan-Editionen der Alben und Merchandise unter Beweis stellen müssen.  Was für die Böhsen Onkelz die aus Sicht der Band irreführende MTVMasters-Sendung (die Reaktion darauf, Keine Amnestie für MTV, erreichte immerhin Platz 2 der Singlecharts) und für Frei.Wild die ECHO-Ausladung, das wird gerade für Xavier Naidoo dessen ESC-Denominierung. Ist ein Außenseiter-Image einmal erfolgreich etabliert worden, können ihm erfahrungsgemäß Fakten nichts mehr anhaben: Auch vier Nummer 1-Alben in Folge und hunderttausende Konzertbesucher hindern die „Nichten und Neffen“ der Böhsen Onkelz nicht daran, voller Inbrunst „Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde / doch die, die du hast, teilen deine Träume“ (Danket dem Herrn) mitzusingen.

Wenn das anfängliche Alleinstellungsmerkmal beider die deutschsprachigen Texte waren, so kann angenommen werden, dass diese auch eine wichtige Rolle für ihren Erfolg gespielt haben und eventuell, ebenso wie beim betriebswirtschaftlichen Erfolgsmodell der Musiker, auch hier Ähnlichkeiten bestehen. Deshalb soll nun exemplarisch an der neuen Single der Böhsen Onkelz und an Xavier Naidoos Hit Dieser Weg analysiert werden, wie solche Texte rhetorisch funktionieren. Auf Formulierungsebene zeichnen sich beide Texte durch einen archaisierenden Grundton aus: Bei den Böhsen Onkelz tragen neben dem Mephisto-Zitat aus Goethes Faust I („der Geist, der stets verneint“) „Neue Frucht am alten Baum“, „gegeißelt“ und „in Stein gemeißelt“ dazu bei, bei Naidoo der manieristische Refrainanfang „Dieser Weg wird kein leichter sein“ (statt „Dieser Weg wird nicht leicht werden“), das Bild des ’steinigen‘ Weges und schließlich die aus der christlichen Tradition bekannte (vgl. u.a. Es kommt ein Schiff geladen) Segelschiffmetapher mit der sprachlich falschen Verwendung von „aufbrausen“ (statt „aufwühlen“ oder, dann ohne das Meer als Objekt, „brausen“).  Desweiteren werden in beiden Texten heroische Bilder evoziert: Bei den Böhsen Onkelz vor allem das zwischen Luis Trenker und Raising the Flag on Iwo Jima changierende der in den Gipfel gerammten Fahne, bei Xavier Naidoo das des Schiffs in Seenot. Insgesamt wird so eine pathetische Stimmung erzeugt, die die Texte durchzieht.

Doch was wird eigentlich so feierlich besungen? Diese Frage lässt sich rein textimmanent nur schwer beantworten, weil in beiden Texten in großem Umfang mit Leerstellen bzw. Aktualisierungsmöglichkeiten und Metaphern gearbeitet wird. Bei Dieser Weg bleibt nicht nur offen, um welchen Weg es sich handelt, sondern auch, wer das angesprochene Du sein soll und ob das Du, das in der ersten Strophe gesungen hat, auch das Du der Bridge („Manche treten dich […]“) ist. Bei Wir bleiben verhält es sich ähnlich. Wer ist dieses Wir? Wie wird die neue Zeit? Auf welchem Gipfel soll welche Fahne gehisst werden? An welchem alten Baum hängt welche neue Frucht? Und was wird in Stein gemeißelt?

Max Fellmann hat sich in seiner Charts-Kolumne im SZ-Magazin über die Inkohärenz der Metaphorik in Wir bleiben lustig gemacht und darauf hingewiesen, dass der Text so vage gehalten sei, „dass sich zwischen Früher-war-alles-besser und Es-muss-sich-endlich-was-ändern ziemlich alles hineininterpretieren lässt“ – auch, so Fellmanns Vorwurf, der Aufruf zu Aktionen gegen Flüchtlinge. Das entspricht zwar der Wahrheit, ist aber nur die halbe. Denn der Text lässt sich für die Fans sehr wohl eindeutig referenzialisieren. „Wir“ sind natürlich die Böhsen Onkelz selbst, erkennbar nicht nur am Selbstzitat „Wir waren unsterblich“, das sich auf den Heckscheibenklassiker „Helden leben lange, Legenden sterben nie“ bezieht, sondern auch daran, dass in ihren Texten mit „wir“ fast immer die Band selbst gemeint ist. Anschließend werden Auflösung und Reunion angesprochen, was in der Aufforderung an die Fans mündet, die neu erschienene Single („Neue Frucht am alten Baum“) zu kaufen, damit die Böhsen Onkelz endlich auch in den Single-Charts einen Nummer 1-Hit („Gipfel“) haben (genau in diesem Sinne hat offenbar auch der Autor der ‚Offiziellen Support Seite‘ www.weidnerwatchblog.de diesen Text verstanden).

Für die Eingeweihten bietet sich so einerseits die Möglichkeit, sich einmal mehr über die Unterstellungen der Journalisten zu empören; andererseits lässt sich das Lied durch seine offenen, interpretationsfähigen und -bedürftigen Formulierungen auch auf viele eigene Lebenssituationen beziehen und vermittelt so das Gefühl, von der Band und den übrigen Familienmitgliedern (den anderen ‚Nichten und Neffen‘) verstanden zu werden, nicht allein zu sein. Diese Wechselwirkung aus durch die textliche Offenheit provozierter ‚Fehllektüre‘ von Außenstehenden, die ein Zusammenstehen der Fangemeinschaft zur Verteidigung der Band (etwa mittels Kommentaren im Internet) nach sich zieht, einerseits und aus der ebenfalls durch eben jene Offenheit eröffneten Möglichkeit zur identifikatorischen Aneignung andererseits dürfte einen erheblichen Teil zum Erfolg der Band beitragen.

Auch Xavier Naidoos Dieser Weg lässt sich durch Kontextualisierung mit dem übrigen Werk Naidoos und seinen öffentlichen Äußerungen monosemieren: Der Text handelt von einem christlichen Erweckungserlebnis, der Weg ist der des aufrechten Christen in einer aus Sicht des Sprechers unchristlichen (d.h. bei Xavier Naidoo wohl: zu liberalen) Gesellschaft, der zwar nur von wenigen Rechtgläubigen mitbeschritten wird und schwer ist, aber zur Erlösung führt. Mit dem Du in der Bridge hingegen wird wohl Jesus angesprochen. Es handelt sich um ein Missionslied, das typische Elemente einer Missionspredigt beinhaltet: Bericht vom Erweckungserlebnis, der Selbstfindung des Predigers selbst, Ansprache des Zuhörers, Verdammung des sündigen Diesseits, Heroisierung des Festhaltens am Glauben, Versprechen von Belohnung. Doch auch Xavier Naidoos Text ermöglicht, kontextualisiert man ihn nicht mit dem übrigen Werk und seinen Äußerungen, andere Lesarten, indem eben weder Jesus genannt noch ausdrücklich eine Jenseitsvorstellung beschrieben wird. So lässt das Lied sich, ebenso wie das bei der Fußball-WM 2006 eingesetzte Was wir alleine nicht schaffen, als Motivationslied für beinahe jede Situation nutzen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Immer mitten in die Fresse rein“. Zur Frage der Gewaltverherrlichung in „Ein Song namens Schunder“ von Die Ärzte und „Rache muss sein“ von Frei.Wild

Die Ärzte

Ein Song namens Schunder

Du hast mich so oft angespuckt, geschlagen und getreten.
Das war nicht sehr nett von dir, ich hatte nie darum gebeten.
Deine Freunde haben applaudiert, sie fanden es ganz toll,
wenn du mich vermöbelt hast. Doch jetzt ist das Maß voll.

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erklärt?
Oder hast du da auch, wie so oft, einfach nicht genau zugehört?
Jetzt stehst du vor mir, und wir sind ganz allein.
Keiner kann dir helfen, keiner steht dir bei.
Ich schlage nur noch auf dich ein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Ich bin nicht stark und ich bin kein Held, doch was zu viel ist, ist zuviel.
Für deine Aggressionen war ich immer das Ventil.
Deine Kumpels waren immer dabei, doch jetzt wendet sich das Blatt,
auch wenn ich morgen besser umzieh', irgendwo in eine andere Stadt
(irgendwo in eine andere Stadt).

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erzählt?
Oder hast du da auch, wie so oft, im Unterricht gefehlt?
Jetzt liegst du vor mir, und wir sind ganz allein,
und ich schlage weiter auf dich ein.
Das tut gut. Das mußte einfach mal sein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Immer mitten in die Fresse!
Mitten in die Fresse!

     [Die Ärzte: Ein Song namens Schunder. Metronome 1995.]

Frei.Wild

Rache muss sein 

Eins, zwei,
eins, zwei, drei, vier

Ich seh in deine Augen
Ich seh in dein Gesicht
Seh deine freche Fresse, oho
Ich erkenne dich

Hast auf mich geschlagen
Warst einer dieser Drei
Doch in fünf Minuten
Sind´s ja eh nur noch zwei
(Sind´s ja eh nur noch zwei, Jaaaah)

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid mein Freundchen
Aber Rache muss sein, die muss sein

Jetzt liegst du am Boden
Liegst in deinem Blut
Das Blut auf meinen Fäusten
Ich find das steht mir gut

Wirst es jetzt wohl merken
Zu dritt auf einen geht man nicht
Ich fang an zu lachen, (jahaha)
Seh dein entstelltes Gesicht
(Seh dein entstelltes Gesicht, Jaaaah)

Denn heut verhaute ich dich
Schlug dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbelte ich dich
Zähne sind gefallen durch mich

Und ich trat dir in deine Rippen
Schlug mit dem Ellbogen auf dich ein
Hab’s gerne gemacht mein Freundchen
Denn Rache muss sein, die muss sein

Ja!

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid du Arschloch
Aber Rache muss sein, die muss sein
Rache muss sein!
     [Frei.Wild: Eines Tages. Asphalt Records 2002.
     Zitiert nach dem Offiziellen Songtextarchiv von Frei.Wild.]

Habemus avuculos! Die Ausladung vom Musikpreis ECHO war die Krönungsmesse von Frei.Wild als Nachfolger der Böhsen Onkelz. Seit der Auflösung dieser Band und dem Nachtatverhalten von deren Sänger Kevin Russel, der nach einem unter Drogeneinfluss von ihm verursachten Autounfall Fahrerflucht beging, zunächst seine Beteiligung leugnete und später versuchte, unter Hinweis auf seinen Gesundheitszustand seine Haftstrafe nicht antreten zu müssen, fehlten den „Nichten und Neffen“ der Band geistige Führer. Da Rebellion einen integralen Bestandteil des Mythos Rock’n’Roll bildet, ist es verständlich, dass auch junge Menschen, deren Wertesystem weitgehend deckungsgleich mit dem ihrer Eltern und Großeltern ist, sich unverstanden fühlen möchten. Ein gegenwärtig naheliegender Weg, auf dem dieses Gefühl hergestellt werden kann, ist ein Bekenntnis zu Frei.Wild.

Dem arbeitet die Band durchaus zu. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Selbstpositionierung zwischen Nazis und linken Nazigegnern bildete eine Demonstration von Frei.Wild mit Fans gegen eine NPD-Mahnwache für die Band. Dabei waren auf Transparenten Slogans wie „Diktatur und Anarchie zwingen Menschen in die Knie“ zu lesen. Eine solche Abgrenzung gegen jede Form des Extremismus, die ansonsten vor allem bei konservativen Bürgermeistern von Orten, in denen rechtsradikal motivierte Gewaltverbrechen verübt werden, beliebt ist, hatten auch bereits die Böhsen Onkelz kultiviert (etwa in Ohne mich, in dem die Antifa als „Nicht besser als Faschisten“ bezeichnet wird). Auch Frei.Wilds Ablehnung eines Streitgesprächs mit ihrem wohl prominentesten Kritiker Thomas Kuban unter dem Hinweis darauf, dass dieser (aus Furcht vor Vergeltung, weil er jahrelang in der rechten Szene recherchiert hatte) sein Gesicht nicht öffentlich zeige, passt zur Strategie, auf die erhobenen Vorwürfe nicht im Detail einzugehen. Die Band belässt es vielmehr bei Erklärungen, die denjenigen, die ihr wohlgesonnen sind, ausreichend erscheinen, mit denen ihre Kritiker aber kaum zufrieden sein dürften. So wird die Kontroverse um die politischen Aussagen von Frei.Wild aufrechterhalten, die massive Solidarisierungseffekte bei den eigenen Anhängern generiert, die wiederum u. a. zu Shitstorms auf den (vermeintlichen) Seiten von Kritikern führen. (Angesichts dieser Phänomene möchte ich den Diskutanten in der Kommentarspalte unter meinem letzten Frei.Wild-Artikel  für die respektvolle und konstruktive Debatte danken.)

Neben dem Hinweis auf die besondere Lage in Südtirol, auf die sich die Texte der Band beziehen (vgl. hierzu den Beitrag zu Wahre Werte), ist ein zentraler Topos der Frei.Wild-Rechtfertigung die Behauptung, es werde im Umgang mit der Band mit zweierlei Maß gemessen (was sich unlängst auch der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein, der freimütig seine geringe Kenntnis der Materie einräumt, zu eigen gemacht hat). Ein Beispiel dafür liefert ein (mutmaßlicher) Fan der Band als Kommentar zu einer Frei.Wild-kritischen Materialsammlung, in der sich auch der nicht direkt politische Text Rache muss sein findet:

Ach wenn die Songtexte von Frei.Wild ja „ach so Böse“ sind was ist dann zum bsp. mit dem Text von der Gruppe „Die Ärzte“:
„Jetzt stehst du vor mir
Und wir sind ganz allein
Keiner kann dir helfen
Keiner steht dir bei
Ich schlag‘ nur noch auf dich ein
Immer mitten in die Fresse rein
Immer mitten in die Fresse rein“

Natürlich werdet ihr das ja wieder durch irgendeine Interpretation umdrehen usw. weil ihr ja eh nix anderes könnt … sowas finde ich sowas von Armseelig … [Kommentar auf antifameran.blogspot.de, Rechtschreibung im Original]

Zunächst einmal wird hier natürlich genau die Technik angewandt, die Fans den Kritikern der Band vorwerfen: Es wird eine Textstelle ohne den Textzusammenhang zitiert. Doch selbst wenn man diesen mit einbezieht (s. o.), so erscheinen die Texte zunächst tatsächlich vergleichbar.

Die Texte

Der Plot beider Liedtexte besteht darin, dass ein Gewaltopfer sich seinerseits gewaltsam an demjenigen rächt, der es in der Vergangenheit misshandelt hat, und dass es diese Rache genießt. Damit enden jedoch die Gemeinsamkeiten. Denn während man bei Rache muss sein über die erste Tat nur erfährt, dass die Angreifer, deren einer das aktuelle Opfer des Sprecher-Ichs ist, zu dritt waren, ist das zum Täter werdende Opfer im Ärzte-Song  über einen längeren Zeitraum hinweg misshandelt und gedemütigt worden. Zudem unterscheiden sich die Milieus, in denen die Handlung angesiedelt ist: Während es sich bei Frei.Wild um eine wohl zufällige Straßen- oder Kneipenschlägerei (bei bekannten Tätern wäre die Aussage, einen der drei erkannt zu haben, sinnlos) zu handeln scheint, liegt beim Schunder-Song ein Konflikt unter Schülern nahe, worauf neben dem gesamten Szenario des körperlichen Mobbings auch der Hinweis auf die Fehlzeiten des einstigen Täters im Unterricht hindeuten.

Einen weiteren markanten Unterschied stellt die Gewaltintensität dar. Zwar ist es sicher auch kein schönes Erlebnis immer wieder „mitten in die Fresse rein“ geschlagen zu werden, jedoch geht das Sprecher-Ich bei Die Ärzte davon aus, dass sein Opfer schon am nächsten Tag wieder in der Lage sein dürfte, mit Unterstützung seiner Freunde den Spieß umzudrehen („auch wenn ich morgen besser umzieh, / irgendwo in eine andere Stadt“). Bei Frei.Wild hingegen werden dem Opfer nicht nur Zähne ausgeschlagen und das Gesicht entstellt, sondern handelt das Sprecher-Ich sogar mit Tötungsvorsatz („Doch in fünf Minuten / Sind’s ja eh nur noch zwei.“). Damit einhergehend hat der Protagonist des Ärzte-Songs seine Situation wohl mittelfristig verschlechtert. Der Rächer bei Frei.Wild jedoch bejaht seine Tat ausdrücklich auch noch nach ihrer Durchführung, wie der im Präteritum gehaltene vorletzte Refrain zeigt.

In beiden Texten wird die individuelle Tat zudem mit einem überindividuellen Prinzip erklärt. Im Schunder-Song handelt es sich um den psychologischen Kausalzusammenhang „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Das Sprecher-Ich selbst folgt diesem Prinzip keineswegs aus Überzeugung oder freiem Entschluss, sondern erkennt es nur als Grundlage seines eigenen Handelns. Der auch titelgebende Grundsatz in Rache muss sein hingegen ist ein moralischer, dem das Sprecher-Ich ganz bewusst zur Geltung verhilft. Entsprechend lässt sich „Es tut mir leid mein Freundchen“ auch kaum ernst nehmen und wird  im vorletzten Refrain auch durch „Hab’s gerne gemacht mein Freundchen“ konterkariert. Der Schwerpunkt der Schilderung liegt im Schunder-Song auf der Vorgeschichte, in Rache muss sein auf der detailliert beschriebenen Gewalt des Sprecher-Ichs.

Stilistisch setzt der Ärzte-Song gleich mit einem Gag ein: Die euphemistische Bezeichnung der Misshandlungen als „nicht sehr nett“ erfolgt unter dem Hinweis darauf, dass der Misshandelte „nie darum gebeten habe“ – was wohl außerhalb von SM-Rollenspielen (vgl. dazu Sweet, Sweet Gwendoline) ohnehin eher selten der Anlass für Gewaltakte ist.  Der Frei.Wild-Text erzeugt mit seiner ungelenk wirkenden Mischung aus defekter Grammatik („Hast auf mich geschlagen“ statt „mich geschlagen“ oder „auf mich eingeschlagen“) und eigenwilligen Pseudoarchaismen („Zähne werden fallen durch mich“) den Eindruck der Authentizität, da hier offenbar jemand ungeachtet seiner überschaubaren rhetorischen Fähigkeiten versucht, im Medium der Sprache etwas auszudrücken.

Paratexte: Titel, Cover, Video, Musik, Bandname

Der bloße Inhalt eines Liedtextes lässt sich jedoch nicht direkt seinen Interpreten als  pragmatische Aussage zuschreiben, handelt es sich doch, nicht anders als bei Gedichten, um literarische Texte. Ob sie eine Referenzialisierbarkeit nahe legen, muss jeweils diskutiert werden. Dabei sollten neben dem gesungenen Text selbst auch ihn umgebende und kommentierende Elemente wie sein Titel, ggf. das Cover der Veröffentlichung, das zugehörige Video, die Band sowie nicht zuletzt die Musik in die Analyse einbezogen werden.

Der Ärzte-Song weist, zumal in der Single-Version, einen rätselhaften Titel auf, der auch durch den Hinweis, dass er sich auf das Crewmitglied Erik Schunder beziehe, kaum nachvollziehbarer wird. Damit steht von vornherein eine unernste Lesart zur Disposition. Einen ähnlichen Effekt dürfte das Single-Cover haben, das einen im Stil eines Karatekämpfers gekleideten Jungen zeigt, der wurfbereit zwei Torten auf den Händen hält. Das Musikvideo schließlich ruft mit der Inszenierung der Band als Showband samt Tänzerinnen die Tradition der Revue auf, in der statt Authentizität gerade der Rollenwechsel (den die Band als Punkband hier selbst durchspielt) kultiviert wird (man denke etwa an Travestien). Musikalisch wird das Lied als glatt produzierter Punk mit Ska-Refrain vorgetragen, wobei insbesondere die durch den Bläsersatz vermittelte Fröhlichkeit den Inhalt konterkariert, zugleich aber die euphorische Stimmung des Sprecher-Ichs abbildet. Bezieht man schließlich die Band selbst noch mit ein, so ist von Bedeutung, dass es sich bei Die Ärzte (die ihren Bandnamen angeblich gewählt haben, weil er mit Ä beginnen sollte und sie „Die Ätztussis“ verworfen haben) von Beginn an um eine postmoderne Punkband gehandelt hat, die keinen einheitlichen Stil spielt, sondern die sowohl musikalisch mit verschiedenen Stilen parodistisch experimentiert (Kinderlied, Country, Pop, Rock, Punk etc.) als auch in ihren Texten regelmäßig das Stilmittel der Rollenrede nutzt (so etwa im bis heute indizierten Geschwisterliebe). Außerdem weisen bereits die Künstlernamen der beiden Hauptsongschreiber und Sänger – Farin Urlaub und Bela B – darauf hin, dass das Vorgetragene hier keineswegs den Vortragenden als eigentliche Rede zugerechnet werden kann.

Diametral anders verhält es sich bei Frei.Wild: Im Titel des Songs wird das moralische Prinzip, dem das Sprecher-Ich innerfiktional folgt, genannt und somit tendenziell affirmiert. Denn der Titel eines Liedes gehört, weil er nicht gesungen wird, prinzipiell nicht zur Rede des Sprecher-Ichs. Das aus der Froschperspektive aufgenommene Albumcover (der Song wurde nicht als Single ausgekoppelt) zeigt die Band in Freizeitkleidung und ernster Pose. Der Proberaumcharme der eher rumpligen, unterproduzierten Musik wird durch das in der Aufnahme enthaltene Einzählen noch verstärkt; die durch den typischen Oi-Punk mit verhaltenem Tempo und rauhem Gesang erzeugte Atmosphäre ist aggressiv. Der Bandname soll die Mitglieder als frei und wild charakterisieren. Und auch sonst inszeniert sich die Band, wie im Genre Deutschrock üblich, als authentisch.

Fazit

Bei nahezu identischem Plot erweisen sich die beiden Songtexte mit Blick auf die Bewertung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung bei einer näheren Betrachtung als unterschiedlich. Ein Song namens Schunder schildert einen Gewaltausbruch, der zwar psychologisch verständlich ist, die Lage des Sprecher-Ichs aber verschlechtert. In Rache muss sein hingegen bejaht der Protagonist seine wesentlich massivere Gewalt auch noch nach der Tat, überhöht sie moralisch und ist seinen Gegner eventuell ein für alle Mal los.

Nun muss natürlich in jeder Kunstform die Schilderung aller möglichen Wertesysteme und Verhaltensmuster zulässig sein, auch und vielleicht gerade von solchen, die die Rezipienten ablehnen. Für eine Beurteilung ist es deshalb entscheidend, ob das fiktional Geschilderte als realweltliches Verhalten bejaht wird. Angesichts der unterschiedlichen Inszenierungen der Bands – Die Ärzte als ironische Meta-Rockband, Frei.Wild als authentische Jungs, die zusammen Spaß haben und darüber singen, was sie bewegt – ist eine gewaltaffirmierende Rezeption eher beim Frei.Wild-Song zu erwarten.

Martin Rehfeldt, Bamberg