„Wann ist ein Mann ein Mann“? Herbert Grönemeyers „Männer“ als Hymne der Gender Studies

Herbert Grönemeyer

Männer

Männer nehm'n in den Arm
Männer geben Geborgenheit
Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit
Und Männer sind so verletzlich
Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich

Männer kaufen Frauen
Männer steh'n ständig unter Strom
Männer baggern wie blöde
Männer lügen am Telefon
Und Männer sind allzeit bereit
Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit

Männer haben's schwer, nehmen's leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer haben Muskeln
Männer sind furchtbar stark
Männer können alles
Männer kriegen 'nen Herzinfarkt
Und Männer sind einsame Streiter
Müssen durch jede Wand, müssen immer weiter

Männer haben's schwer, nehmen's leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer führen Kriege
Männer sind schon als Baby blau
Männer rauchen Pfeife
Männer sind furchtbar schlau
Männer bauen Raketen
Männer machen alles ganz, ganz genau

Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer krieg'n keine Kinder
Männer kriegen dünnes Haar
Männer sind auch Menschen
Männer sind etwas sonderbar
Und Männer sind so verletzlich
Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich

Männer haben's schwer, nehmen's leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist ein Mann ein Mann?
Wann ist man ein Mann?
Wann ist man ein Mann?
Wann ist man ein Mann?
Wann ist man ein Mann?
Wann ist man ein Mann?

     [Herbert Grönemeyer: 4630 Bochum. EMI 1984.]

Was geschähe, wenn Herbert Grönemeyer Männer nicht schon 1984 veröffentlich hätte, sondern es heute erschiene? Denn wir leben in seltsamen Zeiten, wo ein Werbespot für viele ein Verbrechen ist, weil er dazu aufruft, sich als Mann gegen sexuelle Belästigung und Mobbing zu stellen, wie der groteske Hass zeigte, der sich in Internetkommentarspalten überall dort, wo anfang des Jahres der aktuelle Gilette-Werbespot (s.u.) gezeigt oder über ihn berichtet wurde, entlud.

Nichts an diesem Spot sollte für einen zivilisierten Menschen im 21. Jahrhundert noch provokant sein. Es geht nicht einmal um Reizthemen (die eigentlich auch längst keine mehr sein sollten) wie Transgender. Gezeigt werden vielmehr als role models ganz klassich mann-männliche Männer, die sich (sogar maßvoll körperlich) für die Schwachen einsetzen. In früheren Zeiten hätte man das ritterlich genannt. Feministische Kritik daran, dass hier wieder Männer als Beschützer die schwachen Frauen schützen, anstatt dass diese sich selbst empowern, wäre noch eher verständlich gewesen. Aber stattdessen wurden offenbar all die notorischen „Verschwulung“- und „Genderwahn“-Schreier bzw. -Tipper getriggert.

In einem solchen diskursiven Klima ist es zielmlich wahrscheilich, dass heute Grönemeyers Lied Männer nicht der bei beiden Geschlechtern beliebte Partyhit geworden wäre, als der es seit seinem Erscheinen in den 1980ern rezipiert wird, sondern wahlweise als Versuch linksgrünversiffter Hirnwäsche oder, von denjenigen, die völlig unempfänglich für Ironie sind, als Männerbewegungshymne – eine Spekulation, die traurigerweise durch die Kommentare unter dem beliebtesten Youtube-Video des Liedes plausibilisiert wird: Gleich der zweite Top-Kommentar lautet „Der Anti Feminazi Song“, gekontert von „Der Anti Toxic Masculinity Song“, wozu ein weiterer User ein paar Kommentare später das Freund-Feind-Denken der (neu)rechten Bewegungen konsequent und ohne jede Ironiemarkierung zuende denkt: „Leute die ernsthaft Wörter wie ‚Toxic Masculinity‘ benutzen, gehören erschossen.“ Diese Hysterisierung und Brutalisierung der gesellschatklichen Debatte ist vielfach diskutiert worden und angesichts der Menschen, die Opfer davon werden, beginnend mit denen, die zigfach mit Morddrohungen und Vergewaltigungsphantasien bedacht werden, weil sie in irgendeiner Frage dem neurechten Weltbild widersprochen haben, scheinen drohende rein ästhetische Opfer zurecht als harmlos. Aber da es in diesem Blog nun einmal Liedtexte geht, soll an dieser Stelle auch einmal beklagt wereden, dass es eines der schönsten Stilmittel des Pop, die Ironie, heutzutage immer schwerer hat.

Dabei muss differenziert werden zwischen der rhetorischen Ironie – man meint das genaue Gegenteil von dem, was man sagt – und der romantischen – man sagt, vereinfacht dargestellt, eine Sache und ihr Gegenteil zugleich. Erstere ist gerade im rechten politischen Lager in der Form einer plumpen Schulhofironie überaus beliebt, wenn Zitate des politischen Gegners dekontextualisiert werden und etwa höhnisch von „Kulturbereicherern“, „Goldstücken“ oder dem „Land, in dem wir gut und gerne leben“ gesprochen wird. Diese Form der Ironie dient vornehmlich der Selbstverständigung innerhalb der eigenen, sich so immer weiter radikalisierenden (virtuellen) peer group und trägt zur Entstehung der vieldiskutierten Filterblasen bei. Was bedroht ist, ist vielmehr die ästhetisch weitaus reizvollere ambivalente Ironie. Und für diese Spielart liefert Grönemeyers Lied ein sehr schönes Beispiel: Er stellt Klischees des männlichen Selbstbilds („furchtbar stark“, „einsame Streiter / Müssen durch jede Wand, müssen immer weiter“) neben negative Männerklischees („baggern wie blöde“, „lügen am Telefon“) und positive Bilder („nehm’n in den Arm“, „geben Geborgenheit“), mischt sie mit statischtisch signifikanten Besonderheiten („kiegen ’nen Herzinfarkt“, „kriegen dünnes Haar“) und unbestreitbaren biologischen Tatsachen („kriegen keine Kinder“). Hinzu kommen noch ambivalente Zuschreibungen, die sowohl Teil eines maskulinen Selbstbbilds wie der Kritik an männlichem Verhalten sind („Und Männer sind allzeit bereit / Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit“, „Männer führen Kriege“).

Und dann sind da noch Aussagen, die sich keiner dieser Kategorien zuordnen lassen, insbesodenere „Männer brauchen viel Zärtlichkeit / Und Männer sind so verletzlich / Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich“. Liegt hier unironisches, eigentliches Sprechen vor? Oder wird doch wieder nur, wie bei „außen hart und innen ganz weich“, das Klischee vom weichen Kern unter der rauhen Schale wiedergegeben? Und vor allem: Wie ist das mit der Unersetzlichkeit gemeint? Damit sind wir bei einem für das Verständnis des Ironiekonzepts, dem das Lied entspricht, zentralen Satz angelangt: Weder die wörtliche Aussage noch die rhetorisch ironisch umgekehrte taugen als Schlussfolgerung aus den aufgezählten Männereigenschaften, weil diese gegensätzlich sind: Wie blöde baggernde Männer kann man sicher für verzichtbar halten, Geborgenheit gebende wiederum als unersetzlich empfinden. Diese Autfeilung ließe sich für alle genannten angeblich typisch männlichen Verhaltensweisen durchdeklinieren, natürlich je nach eigener Einstellung mit diversen Grenzfällen – ein schönes, dreispaltiges Tafelbild für den Deutschunterricht, das aber bei der Beantwortung der Frage, ob sich dem Text denn nun eine geschlechterpolitische Positionierung entnehmen oder zumindest halbwegs widerspruchsfrei begründet unterschieben lässt, allerdings nicht unbedingt weiterhilft. Vielmehr bietet der Text Anlass, darüber zu reden oder auch zu streiten, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen wirklich (noch immer) empirisch betrachtet typisch männlich seien und welche davon man gutheiße. Und schon das wäre ja ein schönes Rezeptionsergebnis: Wenn ein Gespräch über Männlichkeit bzw. Männlichkeiten zustande käme mit Leuten von außerhalb der eigenen Filterblase.

Doch ist der Text an dieser Stelle noch nicht ausinterpretiert: Denn in der für Geschlechterrollendebatten zentralen Frage, welche Rolle die Biologie und welche die Gesellschaft spielt, positioniert sich der Text recht eindeutig: „Männer sind schon als Baby blau“ zieht eine Linie von der ersten sichtbaren Rollenzuschreibung über die Auswahl einer allgemein als solche anerkannten geschlechtsspezifischen Kleidungsfarbe, die das Baby in einem Alter, in dem Jungen und Mädchen ansonsten in angezogenem Zustand optisch kaum unterscheidbar sind, geschlechtlich identifizierbar macht, zu einem zentralen Medium der späteren männlichen Selbstvergewisserung: dem Alkoholkonsum. Dieser fällt bei Männern statistisch nicht nur wesentlich höher aus als bei Frauen, er ist auch fester Bestandteil vieler Männlichkeitsriten: Vom pubertären Kampftrinken, Dosenstechen etc. führt der Weg über die Initioation in Männerbünde wie studentische Verbindungen  zum Alkoholkonsum in Männergruppen beim Fußball, Festivalbesuch, Geschäftsabschluss o.Ä. Nicht zuletzt spiegelt sich dies in der Popmusik: Zur schier unermesslichen Anzahl von männlichen Interpreten gesungener Trinkhymnen finden sich kaum Äquivalente von Sängerinnen.

Ausgehend von dieser Positionierung des Textes lässt sich auch die beschriebene Ambivalenz des übrigen Textes deuten: Wenn Geschlechterrollen erlernt werden, dann können natürlich alle genannten Verhaltensweisen in diesem konstruierten Sinne „männlich“ sein, d.h. als „männlich“ wahrgenommen werden. Und was nun? Soll das, wie alle „Gerderwahn“- und „Genderismus“-Schreier behaupten, heißen, dass es keine Rollenunterschiede mehr zwischen Menschen verschiedener Geschlechter geben solle? Nein. Denn die falsche Behauptung, „Gleichmacherei“ sei das politische Ziel der Gender Studies, wird auch vom permanenten Wiederholen nicht wahrer. Vielmehr führt Herbert Grönemeyers Text vor, was schon die Godmother of Gender Studies, Judith Butler, empfohlen hat: Mit den Geschlechterrollen, in die wir nun einmal hineinsozialisiert worden sind, spielerisch umzugehen, sie ironisch zu brechen. Und so ist es auch kein Zufall, dass Grönemeyer gerade die einzige ernste Aussage des Textes, die nämlich, dass Geschlechterrollen anerzogen werden, in einen Gag verpackt.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Wechselbad der Gefühle. Zu Herbert Grönemeyers „Was soll das?“

Herbert Grönemeyer

Was soll das? 

Sein Pyjama liegt in meinem Bett
Sein Kamm in meiner Bürste steckt
Was soll das, was soll das?
Seine Schuhe stehen in Reih' und Glied
Ein Anblick, den man gerne sieht
Was soll das, was soll das?
Sein Aftershave klebt in der Luft
Warum hat er nicht gleich meins benutzt?
Was soll das, was soll das?
Du sagst, er wohnt ab jetzt bei dir
Und zeigst nur stumm auf die Ausgangstür
Was soll das, was soll das?
Du kochst gerade sein Leibgericht
Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht
Und darf nicht, und darf nicht
Von Verlegenheit überhaupt keine Spur
Er ist 'ne wahre Frohnatur
Er grinst nur, er grinst nur

Oh, womit hab ich das verdient
Daß der mich so blöde angrient?
Warum hast du mich nicht wenigstens gewarnt?
Zu einer betrogenen Nacht
Hätt' ich vielleicht nichts gesagt
Hätt' mich zwar schockiert
Wahrscheinlich hätt ich's noch kapiert
Aber du hast ja gleich auf Liebe gemacht

Sein Kopf stützt sich auf sein Doppelkinn
Seit wann zieht's dich zu Fetten hin?
Los, sag was, los, sag was!
Wie man an einen solchen Schwamm
Sein Herz einfach verschleudern kann
Los, sag was, los, sag was!

Ich laß dich viel zu oft allein
Aber der muß es doch nun wirklich nicht sein!
Was soll das, was soll das?

Oh, womit hab ich das verdient […]

Ihr glotzt mit euren Unschuldsmienen
Wie zwei die einander verdienen
Spielt verliebt, doch ihr lacht zu laut
Hat dich beim Wühlen in den Kissen
Denn nie dein Gewissen gebissen?
Seit wann bist du so abgebrüht?
Hast mich so schnell abgeliebt, oh

Oh, womit hab ich das verdient […]

     [Herbert Grönemeyer: Ö. EMI 1988.] 

Eines der bekanntesten Lieder Herbert Grönemeyers thematisiert die Gefühlswelt einer verlassenen Person. Vermutlich handelt es sich um einen Mann, der verlassen wurde, weswegen im Nachfolgenden davon ausgegangen wird, dass das Sprecher-Ich männlich ist und von einer Frau verlassen wurde, die sich einem anderen Mann zugewandt hat. Dabei beschreibt der Liedtext ein Szenario, in dem der Sprecher von der ehemaligen Partnerin der Wohnung verwiesen wird. Die ehemalige Partnerin vergnügt sich nun stattdessen mit einem Neuen, der seinerseits lächelnd die Trennungsszene beobachtet. Durchweg wird die Entfaltung der Trennung in der ersten Person, aus der Perspektive des Verlassenen, geschildert. Es ist möglich den Text als eine Art inneren Monolog zu lesen, aber durch die einseitige Struktur des Liedes befinden sich die Rezipientinnen und Rezipienten des Textes gewissermaßen in der Rolle der Frau und bekommen somit zu hören, was der Sprecher ihnen und ihr an den Kopf wirft. Das Ganze geschieht, durch das durchweg verwendete Präsens verdeutlicht, live und in Farbe.

Grönemeyer versteht es, die komplexen und manchmal widersprüchlichen Emotionen des Sprecher-Ichs zu beschreiben. Im Nachfolgenden werden die im Lied ausgedrückten Gefühle und Emotionen im Vordergrund der Analyse stehen.

Wenden wir uns also zunächst dem zentralsten Gefühl des Sprecher-Ichs zu: seiner durchgängigen Verwirrtheit über das, was sich gerade abspielt. Grönemeyer, sicher einer der bedeutendsten und fähigsten Liedtexter, versteht es, diese Emotion auf mehreren Ebenen abzubilden. Grammatikalisch ist natürlich die immerwährende Frage das auffälligste Stilmittel, das die konstante Grübelei des Sprecher-Ichs verdeutlicht. Das wird besonders durch die immer wieder auftauchende Frage „Was soll das?“ deutlich. Angefangen beim Titel zieht sich diese Frage als Leitmotiv durch das ganze Lied. Daneben tauchen variable weitere Fragen auf: zum neuen Mann, zur Verflossenen oder zum Ablauf der Trennung. Weil das Sprecher-Ich keine Antwort auf seine Frage erhält, wiederholt es diese wieder und wieder.

Folgt man der Lesart, dass sich Rezipientinnen und Rezipienten des Textes in der Rolle der Frau befinden, verdeutlicht die Sprachlosigkeit der Rezipientinnen und Rezipienten die Unvereinbarkeit der beiden ehemaligen Partner. Genauso wie die Frau ihren vormaligen Partner nicht erreichen konnte, kann das Publikum dem imaginären Mann nicht antworten.  Augenzwinkernd kann man so auch den Kommentar verstehen, dass die Frau „stumm“ auf die Ausgangstür zeigt, denn setzt man die Rezipientinnen und Rezipienten mit der Frau gleich, können natürlich keine Widerworte an den nur im Text existierenden Charakter gerichtet werden.

Auch inhaltlich ist das Sprecher-Ich ziemlich erschüttert und hinterfragt als Resultat der Trennung seine grundsätzliche Menschenkenntnis („Hat Dich denn nie dein Gewissen gebissen?“, „Seit wann bist du so abgebrüht?“). Das Sprecher-Ich denkt, dass es die Frau gänzlich falsch eingeschätzt hat und steht schockiert vor dem Trümmerhaufen der Beziehung. Besonders wurmt es dabei, dass es sich als „dem Neuen“ in jederlei Hinsicht überlegen wahrnimmt („Sein Kopf stützt sich auf sein Doppelkinn / Seit wann zieht’s dich zu Fetten hin?“). Der saugt schließlich die Liebe der Frau nur auf wie ein „Schwamm“.

Das Schlimmste an der ganzen Situation scheint für das Sprecher-Ich die Tatsache zu sein, dass die Ex-Partnerin ihm nicht sagt, warum sie den neuen Mann will. Weil sie „stumm“ auf die Ausgangstür zeigt, muss er immer wieder gebetsmühlenartig die Frage stellen „Was soll das?“, sprich „Warum?“. Wenigstens irgendeine Art der Vorahnung hätte sich das Sprecher-Ich gewünscht, damit die Entscheidung nicht gar so abrupt für sie gekommen wäre. Und dass dann noch alles so schnell geht, und jetzt bereits der Pyjama des Neuen im Bett des Sprechers liegt, ist für ihn kaum zu ertragen. Das wird auch durch die wiederholte Verwendung von Possessivpronomen deutlich „Sein Pyjama liegt in meinem Bett / Sein Kamm in meiner Bürste steckt“. Eigentlich sollte nicht „sein“, sondern „mein“ Pyjama auf „meinem“ Bett liegen.

Die Verwirrung des Sprecher-Ichs kann schnell in eine andere Emotion, nämlich Wut, umschlagen. So wird die Frage „Was soll das?“ wegen ausbleibender Antwort auch mit einem „Los sag was!“ untermauert. In Liveaufnahmen wird dieser Eindruck noch zusätzlich durch den noch kürzeren und abrupteren Ausruf „Los!“ verstärkt.

Auch die Wortwahl zeigt die Wut der Sprechinstanz, so ist der neue Mann ‚fett‘, explizit wird auch sein Doppelkinn erwähnt, die Turteltäubchen ‚glotzen‘. Die Übernahme des ehemals mit der Freundin geteilten Raumes ist dem Sprecher-Ich ein besonderer Dorn im Auge, so „klebt“ das Aftershave in der Luft der Wohnung, die nicht länger sein Zuhause ist. Der ganze Raum ist von dem Neuen durchdrungen, überall stehen seine Sachen. Da bricht sich die Wut schließlich auch in Gewaltphantasien Bahn: „Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht“.

Die Bitterkeit des Sprechers wird dabei auch immer wieder ironisch gebrochen, so z.B. in der Zeile „Seine Schuhe stehen in Reih‘ und Glied / Ein Anblick den man gerne sieht“. Doch gleichzeitig ist Ordentlichkeit tatsächlich eine positive Eigenschaft, die verdeutlicht, dass das Sprecher-Ich nicht nur wütend und verwirrt ist, sondern auch traurig, was dann wiederum zur Selbstreflexion führt. Das Sprecher-Ich ist letztlich auf den Neuen neidisch. Er ist ordentlich, zufrieden und, was natürlich am schlimmsten ist, er hat die Frau, die das Sprecher-Ich so gerne wieder hätte. Besonders schwierig ist für den Sprecher, dass sich die beiden Frischverliebten nicht nur angrinsen, sondern die Verflossene gar „gleich auf Liebe gemacht“ hat. Dadurch wird für ihn auch die Chance einer neuerlichen Annäherung zunichte gemacht und die Trennung hat etwas Definitives.

Die Selbstreflexion führt schließlich auch zu zögerlichen Schuldeingeständnis: „Ich laß dich viel zu oft allein / Aber der muß es doch nun wirklich nicht sein“. Ganz so unklar, wie es in den wiederholten Fragen nach dem Grund für die Trennung scheint, ist es dem Sprecher-Ich dann eben doch nicht, warum die Partnerin ihm den Laufpass gibt. Und es geht noch einen Schritt weiter und betont, dass es bereit gewesen wäre, einen bloßen einmaligen Seitensprung hinzunehmen („Zu einer betrogenen Nacht / Hätt‘ ich vielleicht nichts gesagt“). Bezeichnenderweise zeigt auch hier das Sprecher-Ich eine Bereitschaft, die eigenen Schwächen zu verstehen. Denn ein Seitensprung hätte sie „wahrscheinlich […] noch kapiert“. Doch jetzt ist es schon zu spät.

Die gleiche Tendenz ist auch an anderen Stellen erkennbar, so z.B. im immer wiederkehrenden Motiv des Lächelns. Hierbei beschreibt das Sprecher-Ich eindrücklich, wie sich die beiden Frischverliebten ständig anlächeln und wahrscheinlich dabei verliebt in die Augen schauen. Der neue Mann wird als eine „Frohnatur“ bezeichnet, was in der Welt des Sprechers zwar nichts Gutes ist, aber dennoch im Gegensatz zu ihm selbst zu stehen scheint, der dementsprechend vielleicht eher griesgrämig ist und sich deshalb besonders über das ständige Grinsen aufregt („Er grinst nur, er grinst nur“). Verbunden wird diese Ablehnung des Grinsens dabei auch mit einer Gehörigen Prise Selbstmitleid („Oh, womit hab ich das verdient / Daß der mich so blöde angrient?“), wodurch das verliebte Lächeln auch die Konnotation eines hämischen Grinsens seitens des neuen Mannes bekommt. Das Lachen der beiden wird für das Sprecher-Ich unerträglich („[ihr] spielt verliebt, doch ihr lacht zu laut“).

Im verschriftlichten Text kann das „Oh“ im Refrain auch als ein Ausdruck von Trauer verstanden werden, wenn man es als eine Art Seufzer liest. Doch, und hier ist das Lied wohl atypisch für ein Trennungslied, wird es zumindest von Grönemeyer nicht so gesungen, sondern vielmehr als zum Mitsingen animierender Aufruf. In einer Liveaufnahme aus Montreux unterstreicht Grönemeyer diese humoristische Eben des Liedes noch indem er weitere, ähnliche Laute zwischen den Strophen singt (siehe hier Minute 3:03). Das ganze Lied ist von ihm flott und beschwingt dargeboten. Weder wird das Lied von Grönemeyer traurig-melancholisch noch wütend-rockig dargeboten. Passend zu dieser Art der Darbietung sind auch die Reime, die den Text humoristisch brechen (z.B. Glied/sieht, Spur /Frohnatur). Am auffälligsten ist dies in den schönen Zeilen „Hat dich beim Wühlen in den Kissen / Denn nie dein Gewissen gebissen?“, wo die Abfolge Kissen – Gewissen – gebissen, die ansonsten ernste Frage, warum die ehemalige Partnerin kein schlechtes Gewissen habe, einen unterhaltsamen Klang bekommt.

Möglich ist, dass dadurch eine weitere Ebene erschlossen werden soll, dass der Sprecher vielleicht insgesamt doch ganz zufrieden damit ist, nun neue Wege gehen zu können. Oder es soll die eingangs dargestellte Verwirrung widerspiegeln und einen Kontrast zur Wut und Trauer sein. Es ist auch denkbar, und das halte ich für die plausibelste Erklärung, dass Grönemeyer den Text als Ganzes nicht so ernst verstanden wissen will. Vielleicht will er somit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben, dass Trennungen zwar Verwirrung, Wut und Trauer hervorrufen, aber diese Gefühle einem den Spaß am Leben nicht verderben sollten.

Martin Christ, Erfurt

Ich brauch’ nur mich? Überlegungen zu Autonomie und Isolation in „Meine Sache“ von den Broilers und Udo Lindenbergs „Mein Ding“

Broilers

Meine Sache 

Ich mache einen Ritt
Denn ich weiß das Land ist weiter
Ich lass’ sie hinter mir
Deine Welt und meine Geister
Wo bleibt die Erlösung
Kalte Nächte, endloses Warten
Was ist mit Absolution,
Wenn es Nacht wird im Volksgarten
 
Ich mache einen Ritt […] 
 
Meine Sache, mein Problem
Ich wird’ nicht untergehen
Statt der weißen Fahne werdet ihr
Meinen Mittelfinger sehen!

Meine Sache, mein Problem […]
 
Was ich mit mir trage
Kann ich mit niemandem teilen
Nicht mit dir, mit meiner Liebe
Und nicht in diesen Zeilen
Ich sehe die Versuchung
Hier und überall, wo ich gehe
Ich muss stark sein
Gib mir die Kraft zum Widerstehen
 
Meine Sache, mein Problem […]

Meine Sache, mein Problem […]
 
Ich brauche niemanden
In solchen Zeiten liebt man nicht
Hab meine Freunde verlassen
Oder verließen die mich?
Ich sollte ehrlich bleiben
Wenn nur noch eines zählt
Auf der Suche zu sein
Besser als jeder Ort auf dieser Welt
 
Meine Sache, mein Problem […]

Meine Sache, mein Problem […]

     [Broilers: Vanitas Recordings. Prison 2007.]

 

Udo Lindenberg

Mein Ding

Als ich noch ein junger Mann war
saß ich locker irgendwann da
auf der Wiese vor’m Hotel Kempinski
Trommelstöcke in der Tasche
in der Hand ’ne Cognacflasche
und ’n Autogramm von Klaus Kinski
 
Ich guckte hoch aufs weiße Schloss
oder malochen bei Blohm & Voss
Nee, irgendwie, das war doch klar
irgendwann da wohn ich da
in der Präsidentensuite
wo’s nicht reinregnet und nicht zieht
und was bestell’ ich dann?
Dosenbier und Kaviar
 
Und ich mach mein Ding
egal, was die anderen sagen
Ich geh meinen Weg
ob gerade ob schräg, das ist egal
Ich mach mein Ding
egal, was die anderen labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ich mach mein Ding
 
Und jetzt kommst du aus der Provinz
und wenn auch jeder sagt, du spinnst
du wirst es genauso bringen
machst auf die charmante Art
mal elastisch, manchmal hart
manchmal musst du das Glück auch zwingen
Später spricht dann Wilhelm Wieben
er ist sich immer treu geblieben
die Mode kam, die Mode ging
man war immer noch der King.
 
Ja, du machst dein Ding
Egal was die ander’n sagen
Du gehst deinen Weg
Ob gerade ob schräg
Das is doch egal
Du machst dein Ding
Egal was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
 
Und dann bist du dir immer treu geblieben
Und Roomservice wird mit U und H geschrieben
 
Und ich mach mein Ding
egal, was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ja, ich mach mein Ding
egal, was die ander’n labern
Was die Schwachmaten einem so raten
das ist egal
Ich mach mein Ding!

     [Udo Lindenberg: Stark wie zwei. Starwatch Music 2008.]

Individuelle Autonomie ist ein ständig wiederkehrender Topos bei vielen Liederschreiber_innen. Unabhängig von äußeren Einflüssen macht das Sprecher-Ich, so wird oft suggeriert, „sein Ding“, „geht seinen Weg“ oder „macht seine Sache“. Die Selbstbestimmtheit, das wird meistens zwischen den Zeilen vermittelt, macht eine Person besonders authentisch und, weil losgelöst von kontextuellen Einschränkungen, besonders innovativ. Auch wenn Künstler_innen ihre eigenen Biographien, in denen natürlich andere Menschen und größere Umstände eine wichtige Rolle spielten, oft in das Zentrum ihrer Texte rücken, findet doch eine explizite Abgrenzung gegenüber zeitlich gebundenen Trends, anderen Personen und einem imaginierten „Mainstream“ statt. Hier sollen zwei Texte vorgestellt werden, die als zentrales Thema eine derart aufgefasste Unabhängigkeit haben.

Die lyrics der Düsseldorfer Punkrockband Broilers betonen kontinuierlich die Autonomie des Sprecher-Ichs. Seine Unabhängigkeit wird dabei so sehr betont, dass es den Eindruck erweckt, dass es sich selber von seiner Unabhängigkeit überzeugen muss. Besonders deutlich wird dies in der Mantra-haften Wiederholung des Refrains („Meine Sache, mein Problem“), der jeweils zweimal nacheinander gesungen und komplett dreimal wiederholt wird. Auch wenn der Refrain natürlich per Definition wiederholt wird, ist diese Frequenz für ein relativ kurzes Lied dennoch recht hoch. Ähnlich verhält es sich mit der ersten Strophe, die auch gleich zweimal gesungen wird, als müsste sich das Sprecher-Ich selber Mut zusprechen.

Zu dieser Interpretation passen auch die weiteren Formulierungen, die verwirrt daherkommen. „Ich mache einen Ritt / denn das Land ist weit“ hat mittelalterlich-ritterliche Konnotationen, der pathetische Verweis auf „Erlösung“ und „Absolution“ religiös-christliche Anklänge und schließlich der Verweis auf den „Volksgarten“ wiederum konkret lokale Bezugspunkte zu Düsseldorf. Und warum in besagtem Volkspark nun auf Absolution gewartet wird, und was überhaupt mit der Erlösung gemeint ist erschließt sich – zumindest mir – beim Hören des Liedes nicht. Somit scheint die Sprechinstanz selber nicht so genau zu wissen, was Sache ist. Vielleicht kommt es gerade wegen dieser Unsicherheiten zum Verweis auf die eigene Unabhängigkeit.

In der zweiten Strophe wird dann das Lied selber dekonstruiert. („Was ich mit mir trage / Kann ich mit niemandem teilen / Nicht mit dir, mit meiner Liebe / Und nicht in diesen Zeilen“ [Hervorh. durch d. Verf.]). Die Unfähigkeit sich anderen, auch den Zuhörern, mitzuteilen dem Sprecher-Ich bewusst. Doch in den Versen schwingt Wehmut darüber mit, dass es sich niemandem offenbaren kann oder will. Diese Wehmut wird übrigens musikalisch überhaupt nicht aufgegriffen, weil das Lied sehr flott und (auch im Video) durchaus lebenbejahend interpretiert wird. Was genau nun nicht angesprochen wird, lässt sich nur raten, denn das Sprecher-Ich ‚widersteht der Versuchung‘ sich mitzuteilen erfolgreich. Die Tatsache, dass es dem Impuls widerstehen muss, das was es mit sich trägt, zu teilen, legt nahe, dass es das gerne täte, aber nicht kann. Das Sprecher-Ich braucht sogar „Kraft“, dies nicht zu tun. Diese Geheimnistuerei lässt einen schon fast an einen begangenen Mord oder Ähnliches denken. Statt so etwas aber anzusprechen, wird lieber auf aggressive Weise der Mittelfinger gezeigt. Hier wird die Unabhängigkeit durch aggressives Verhalten und ohne erkennbaren Grund verteidigt, doch das Sprecher-ich ist selber nicht zufrieden mit der Isolation, denn es würde ja gerne etwas sagen, sonst bräuchte es keine Kraft, dies nicht zu tun.

Wenig verwunderlich also, dass das Sprecher-Ich von seinen Freunden verlassen wurde (nachdem das Sprecher-Ich im Lied als ein verschlossen-aggressiver Mensch dargestellt wird, würde ich dafür plädieren, dass die Freunde es verlassen haben und nicht umgekehrt). Deswegen muss sich das Sprecher-Ich so sehr zureden, dass es unabhängig ist („Ich brauche niemanden“). Mit der wiederkehrenden Betonung der Unabhängigkeit haben diese Rufe etwas Trotziges. Das Sprecher-Ich will sich dabei nicht mitteilen, von seinen Freunden verlassen und ohne eine andere Wahl, ist es allein. Bei den Broilers ist das Sprecher-Ich somit nicht autonom, sondern isoliert.

Wenden wir uns nun Udo Lindenberg zu, dessen Text stärker autobiographisch geprägt ist. Auch wenn bei den Broilers die erste Person benutzt wird, finden sich außer dem Lokalbezug wenig konkrete Anhaltspunkte auf die Biographie des Autors. Lindenberg hingegen nutzt sein Lied, um seine eigene Lebensgeschichte (natürlich stark zusammengefasst) zu vertonen. Dabei finden sich zahlreiche Stationen von Lindenbergs Vita, die inzwischen schon zur Legendenbildung um den Künstler gehören, beispielsweise die Vorliebe für das Hotel Kempinski (siehe auch die Interpretation von Da war so viel los).

Auch wenn Lindenberg mit einem bekannten und viel rezipierten Topos im Stile von ‚vom Tellerwäscher zum Millionär‘ bzw. hier ‚von der Wiese in die Präsidentensuite‘ arbeitet, machen die autobiographische Herangehensweise und seine Wortwahl den Text dennoch charmant und hörens- bzw. auch lesenswert. Im Gegensatz zum Sprecher-Ich bei den Broilers geht das Sprecher-Ich in Lindenbergs Lied, statt lediglich abstrakt zu betonen, wie unabhängig er ist, ins Detail und illustriert „sein Ding“ mit konkreten Beispielen – Dosenbier und Kaviar beispielsweise. Wenn ‚Lindenberg‘ dann seine Unabhängigkeit betont, scheint dies wesentlich authentischer, weil es nicht im Abstrakten bleibt, wie bei den Broilers.

Im Vergleich zu den Broilers handelt es sich bei Lindenberg auch nicht um eine gezwungene Isolation, sondern eine bewusste Entscheidung zur Andersartigkeit. Die Zeilen sind mit Stolz gefüllt („Und ich mach mein Ding / egal was die anderen sagen / Ich geh meinen Weg / ob gerade ob schräg, das ist egal“). Für Lindenbergs alter ego ist Autonomie ein Zeichen der Stärke, wobei es auch um Authentizität geht („er ist sich immer treu geblieben“). Während das Sprecher-Ich bei den Broilers Stärke benötigt, sich nicht mitzuteilen, und sich fast schon verkrampft dazu zwingen muss, unabhängig zu bleiben, indem es nichts teilt, hat Lindenbergs damit kein Problem, es kann sich problemlos und ungezwungen mitteilen.

Schließlich durchbricht Lindenbergs alter ego auch das rein autobiographische Sprechen und spricht den Hörer direkt an („Du machst dein Ding“). Auch dieses Absehen von sich selbst steht im direkten Gegensatz zur Auslegung von Autonomie durch bei den Broilers, deren Sprecher-Ich eben betont, dass es sich in dem Lied nicht mitteilen kann. Bei Lindenberg ist die Anspreche der Hörer auch eine Aufforderung, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Im Gegensatz zu den Broilers, wo der eigene Weg als etwas Quälendes erscheint, zu dem man sich durchringen muss und wobei man seine Freunde verliert, offenbart Lindenbergs alter ego eine wesentlich positivere Einstellung zu individueller Unabhängigkeit. Dies wird auch im charmanten Video zu Lindenbergs Lied sichtbar, das eine sehr positive Grundstimmung hat.

Während das Sprecher-Ich bei den Broilers allein ist, weil sie so versessen darauf ist, ein eigenes Ding zu machen, sieht sich Lindenbergs alter ego nicht von anderen isoliert und erwähnt Klaus Kinski und Wilhelm Wieben als Referenzpunkte. Es empfiehlt seinen Hörern sich selber treu zu bleiben, sogar wenn die „Schwachmachten“ etwas anderes sagen. Lindenbergs Sprecher-Ich bemitleidet dabei diese „Schwachmaten“ fast, weil für es klar ist, dass diese nicht ihr eigenes Ding machen. Das Sprecher-Ich bei den Broilers hingegen ist wesentlich aggressiver gegenüber denen, die sich ihm in den Weg stellen. Lindenbergs alter ego hingegen braucht keine Durchhalteparolen, weil es weiß, dass seine Autonomie ihm dazu verholfen hat, seine Träume zu erfüllen.

Somit sind die Gründe warum die beiden Sprechinstanzen unabhängig sind, diametral entgegengesetzt. Im Text der Düsseldorfer Punkrocker bleibt dem Sprecher-Ich gar nichts anderes übrig als unabhängig zu sein, weil es sich selber isoliert hat. Wirklich zufrieden erscheint es dabei nicht und muss sich ständig selber gut zureden, dass es doch am besten sei, alles ganz alleine zu machen. Bei Lindenbergs Text hingegen, geht das Sprecher-Ich, ein alter ego Lindenbergs, sehr entspannt, gelegentlich auch ironisch-augenzwinkernd mit dem Topos der Autonomie um. Es  fühlt sich sehr wohl dabei seinen eigenen Weg zu gehen und empfiehlt dies seinen Zuhörern auch. Eine Empfehlung der man sicher beipflichten kann.

Martin Christ, Oxford

Was Xavier Naidoo und die Böhsen Onkelz gemeinsam haben. Ein Vergleich von „Dieser Weg“ und „Wir bleiben“

Xavier Naidoo

Dieser Weg

Also ging ich diese Straße lang,
und die Straße führte zu mir.
Das Lied, das du am letzten Abend sangst,
spielte nun in mir.
Noch ein paar Schritte und dann war ich da
mit dem Schlüssel zu dieser Tür.

Dieser Weg wird kein leichter sein.
Dieser Weg wird steinig und schwer.
Nicht mit vielen wirst du dir einig sein.
Doch dieses Leben bietet so viel mehr.

Es war nur ein kleiner Augenblick.
Einen Moment war ich nicht da.
Danach ging ich einen kleinen Schritt.
Und dann wurde es mir klar.

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

Manche treten dich.
Manche lieben dich.
Manche geben sich für dich auf.
Manche segnen dich.
Setz' dein Segel nicht,
wenn der Wind das Meer aufbraust.

Manche treten dich [...]

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

     [Xavier Naidoo: Dieser Weg. Naidoo Records 2005.]

Böhse Onkelz

Wir bleiben

Wir waren unsterblich, 
bis wir gestorben sind.
Doch wir glauben, dass die Zeit
wirklich alle Wunden heilt,

sagt der Geist, der stets verneint,
zum Sterben ist noch immer Zeit.
Das Leben, eine Unbekannte.
Schicksal, du böse Schlampe.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben.
Wir bleiben und feiern das Leben
Räumt uns ein Zimmer frei
Macht Platz für eine neue Zeit
Wir bleiben
Wir bleiben – Und feiern das Leben
Lasst uns zusammen
Die Fahne in den Gipfel rammen

Neue Frucht am alten Baum,
lang genug gegeißelt,
wir wollten uns zurück,
jetzt wird’s in Stein gemeißelt.

Das Beste kommt zum Schluss,
wir werden singen und nicht weinen.
Wer so zurück kommt,
darf gerne bleiben.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben [...]

     [Böhse Onkelz: Wir bleiben. V.I.E.R. 2015.]

Während der langen Durststrecke der deutschen Titellosigkeit beim Grand Prix Eurovision de la Chanson nach Nicoles Gewinn im Jahr 1982 empfahl die Fun-Metal-Band J.B.O., die deutschen Exporterfolge Nicole und Rammstein zu kombinieren und coverte Ein bißchen Frieden im Industrial-Metal-Stil. Nachdem die Zuständigen beim NDR es nach Jahren der Erfolglosigkeit in der Post-Raab-Ära diesmal wissen wollten und beschlossen hatten, dass Xavier Naidoo Deutschland (auf die BRD sollte man den Sänger bekanntlich nicht ansprechen) beim Eurovision Song Contest 2016 vertreten solle, wollte ich eigentlich an diesen Vorschlag erinnern. Weil Naidoo allein ja musikalisch eher den Nicole-Part vertritt, hätte man ihm (wie schon mit Kool Savas bei Xavas) jemand zur Seite stellen müssen, der etwas Aggressivität in die Sache bringt, ein klassisches Beauty & The Beast-Duett also. Und da die Kriterien der Verantwortlichen kommerzieller Erfolg und politisch fragwürdige Äußerungen in der Vergangenheit zu sein scheinen – wer hätte sich da eher angeboten als Kevin Russel, Sänger der Böhsen Onkelz, die mit ihrer Comeback-Single Wir bleiben immerhin auf Platz 4 der Charts eingestiegen sind. Nun wird es also nicht dazu kommen. Und dass die Böhsen Onkelz nun Gelegenheit bekommen, in Stockholm die deutsche Fahne ‚in den Gipfel zu rammen‘, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Doch auch wenn dieser Auftritt nun nicht stattfinden wird, lohnt ein Vergleich zwischen zwei der seit Langem erfolgreichsten Vertreter des Genres der Lebenshilfemusik. Denn auch wenn die Fans beider sich musikalisch und im Outfit fern stehen mögen, so dürften nicht nur Naidoos Texte von seinen Fans zum ermutigenden Mood Management eingesetzt werden. Unter Onkelz-Liedern auf Youtube findet man fast immer schon in den ersten Kommentaren Bekenntnisse von Fans, die angeben, dass ihnen der jeweilige Song in einer bestimmten Krise geholfen habe, und die ausführen, die Band habe für jede Lebensituation das richtige Lied geschrieben.

Eine weitere Gemeinsamkeit neben diesem Rezeptionsmuster stellt das Konzept dar, mit dem sich beide als überaus erfolgreiche Mainstream-Musiker etabliert haben: Sie haben eine schon sehr erfolgreiche Musikrichtung mit breiter Käuferschaft (Soul bzw. Heavy Metal), innerhalb derer aber bis dahin fast ausschließlich englisch gesungen wurde, mit deutschen Texten kombiniert. Erfolgreiche Geschäftsmodelle zu identifizieren und so zu modifizieren, dass sie eine Marklücke füllen, stellt eine bekannte betriebswirtschaftliche Strategie dar.

Nun ist noch eine Gemeinsamkeit hinzugekommen: Das vermeintliche Außenseitertum, der Status als Opfer der ‚Lügenpresse‘, zu dem seine Fans nun umso fester stehen und dies durch den Besuch von Konzerten und den Kauf von Fan-Editionen der Alben und Merchandise unter Beweis stellen müssen.  Was für die Böhsen Onkelz die aus Sicht der Band irreführende MTVMasters-Sendung (die Reaktion darauf, Keine Amnestie für MTV, erreichte immerhin Platz 2 der Singlecharts) und für Frei.Wild die ECHO-Ausladung, das wird gerade für Xavier Naidoo dessen ESC-Denominierung. Ist ein Außenseiter-Image einmal erfolgreich etabliert worden, können ihm erfahrungsgemäß Fakten nichts mehr anhaben: Auch vier Nummer 1-Alben in Folge und hunderttausende Konzertbesucher hindern die „Nichten und Neffen“ der Böhsen Onkelz nicht daran, voller Inbrunst „Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde / doch die, die du hast, teilen deine Träume“ (Danket dem Herrn) mitzusingen.

Wenn das anfängliche Alleinstellungsmerkmal beider die deutschsprachigen Texte waren, so kann angenommen werden, dass diese auch eine wichtige Rolle für ihren Erfolg gespielt haben und eventuell, ebenso wie beim betriebswirtschaftlichen Erfolgsmodell der Musiker, auch hier Ähnlichkeiten bestehen. Deshalb soll nun exemplarisch an der neuen Single der Böhsen Onkelz und an Xavier Naidoos Hit Dieser Weg analysiert werden, wie solche Texte rhetorisch funktionieren. Auf Formulierungsebene zeichnen sich beide Texte durch einen archaisierenden Grundton aus: Bei den Böhsen Onkelz tragen neben dem Mephisto-Zitat aus Goethes Faust I („der Geist, der stets verneint“) „Neue Frucht am alten Baum“, „gegeißelt“ und „in Stein gemeißelt“ dazu bei, bei Naidoo der manieristische Refrainanfang „Dieser Weg wird kein leichter sein“ (statt „Dieser Weg wird nicht leicht werden“), das Bild des ’steinigen‘ Weges und schließlich die aus der christlichen Tradition bekannte (vgl. u.a. Es kommt ein Schiff geladen) Segelschiffmetapher mit der sprachlich falschen Verwendung von „aufbrausen“ (statt „aufwühlen“ oder, dann ohne das Meer als Objekt, „brausen“).  Desweiteren werden in beiden Texten heroische Bilder evoziert: Bei den Böhsen Onkelz vor allem das zwischen Luis Trenker und Raising the Flag on Iwo Jima changierende der in den Gipfel gerammten Fahne, bei Xavier Naidoo das des Schiffs in Seenot. Insgesamt wird so eine pathetische Stimmung erzeugt, die die Texte durchzieht.

Doch was wird eigentlich so feierlich besungen? Diese Frage lässt sich rein textimmanent nur schwer beantworten, weil in beiden Texten in großem Umfang mit Leerstellen bzw. Aktualisierungsmöglichkeiten und Metaphern gearbeitet wird. Bei Dieser Weg bleibt nicht nur offen, um welchen Weg es sich handelt, sondern auch, wer das angesprochene Du sein soll und ob das Du, das in der ersten Strophe gesungen hat, auch das Du der Bridge („Manche treten dich […]“) ist. Bei Wir bleiben verhält es sich ähnlich. Wer ist dieses Wir? Wie wird die neue Zeit? Auf welchem Gipfel soll welche Fahne gehisst werden? An welchem alten Baum hängt welche neue Frucht? Und was wird in Stein gemeißelt?

Max Fellmann hat sich in seiner Charts-Kolumne im SZ-Magazin über die Inkohärenz der Metaphorik in Wir bleiben lustig gemacht und darauf hingewiesen, dass der Text so vage gehalten sei, „dass sich zwischen Früher-war-alles-besser und Es-muss-sich-endlich-was-ändern ziemlich alles hineininterpretieren lässt“ – auch, so Fellmanns Vorwurf, der Aufruf zu Aktionen gegen Flüchtlinge. Das entspricht zwar der Wahrheit, ist aber nur die halbe. Denn der Text lässt sich für die Fans sehr wohl eindeutig referenzialisieren. „Wir“ sind natürlich die Böhsen Onkelz selbst, erkennbar nicht nur am Selbstzitat „Wir waren unsterblich“, das sich auf den Heckscheibenklassiker „Helden leben lange, Legenden sterben nie“ bezieht, sondern auch daran, dass in ihren Texten mit „wir“ fast immer die Band selbst gemeint ist. Anschließend werden Auflösung und Reunion angesprochen, was in der Aufforderung an die Fans mündet, die neu erschienene Single („Neue Frucht am alten Baum“) zu kaufen, damit die Böhsen Onkelz endlich auch in den Single-Charts einen Nummer 1-Hit („Gipfel“) haben (genau in diesem Sinne hat offenbar auch der Autor der ‚Offiziellen Support Seite‘ www.weidnerwatchblog.de diesen Text verstanden).

Für die Eingeweihten bietet sich so einerseits die Möglichkeit, sich einmal mehr über die Unterstellungen der Journalisten zu empören; andererseits lässt sich das Lied durch seine offenen, interpretationsfähigen und -bedürftigen Formulierungen auch auf viele eigene Lebenssituationen beziehen und vermittelt so das Gefühl, von der Band und den übrigen Familienmitgliedern (den anderen ‚Nichten und Neffen‘) verstanden zu werden, nicht allein zu sein. Diese Wechselwirkung aus durch die textliche Offenheit provozierter ‚Fehllektüre‘ von Außenstehenden, die ein Zusammenstehen der Fangemeinschaft zur Verteidigung der Band (etwa mittels Kommentaren im Internet) nach sich zieht, einerseits und aus der ebenfalls durch eben jene Offenheit eröffneten Möglichkeit zur identifikatorischen Aneignung andererseits dürfte einen erheblichen Teil zum Erfolg der Band beitragen.

Auch Xavier Naidoos Dieser Weg lässt sich durch Kontextualisierung mit dem übrigen Werk Naidoos und seinen öffentlichen Äußerungen monosemieren: Der Text handelt von einem christlichen Erweckungserlebnis, der Weg ist der des aufrechten Christen in einer aus Sicht des Sprechers unchristlichen (d.h. bei Xavier Naidoo wohl: zu liberalen) Gesellschaft, der zwar nur von wenigen Rechtgläubigen mitbeschritten wird und schwer ist, aber zur Erlösung führt. Mit dem Du in der Bridge hingegen wird wohl Jesus angesprochen. Es handelt sich um ein Missionslied, das typische Elemente einer Missionspredigt beinhaltet: Bericht vom Erweckungserlebnis, der Selbstfindung des Predigers selbst, Ansprache des Zuhörers, Verdammung des sündigen Diesseits, Heroisierung des Festhaltens am Glauben, Versprechen von Belohnung. Doch auch Xavier Naidoos Text ermöglicht, kontextualisiert man ihn nicht mit dem übrigen Werk und seinen Äußerungen, andere Lesarten, indem eben weder Jesus genannt noch ausdrücklich eine Jenseitsvorstellung beschrieben wird. So lässt das Lied sich, ebenso wie das bei der Fußball-WM 2006 eingesetzte Was wir alleine nicht schaffen, als Motivationslied für beinahe jede Situation nutzen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Immer mitten in die Fresse rein“. Zur Frage der Gewaltverherrlichung in „Ein Song namens Schunder“ von Die Ärzte und „Rache muss sein“ von Frei.Wild

Die Ärzte

Ein Song namens Schunder

Du hast mich so oft angespuckt, geschlagen und getreten.
Das war nicht sehr nett von dir, ich hatte nie darum gebeten.
Deine Freunde haben applaudiert, sie fanden es ganz toll,
wenn du mich vermöbelt hast. Doch jetzt ist das Maß voll.

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erklärt?
Oder hast du da auch, wie so oft, einfach nicht genau zugehört?
Jetzt stehst du vor mir, und wir sind ganz allein.
Keiner kann dir helfen, keiner steht dir bei.
Ich schlage nur noch auf dich ein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Ich bin nicht stark und ich bin kein Held, doch was zu viel ist, ist zuviel.
Für deine Aggressionen war ich immer das Ventil.
Deine Kumpels waren immer dabei, doch jetzt wendet sich das Blatt,
auch wenn ich morgen besser umzieh', irgendwo in eine andere Stadt
(irgendwo in eine andere Stadt).

Gewalt erzeugt Gegengewalt – hat man dir das nicht erzählt?
Oder hast du da auch, wie so oft, im Unterricht gefehlt?
Jetzt liegst du vor mir, und wir sind ganz allein,
und ich schlage weiter auf dich ein.
Das tut gut. Das mußte einfach mal sein.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein!

Immer mitten in die Fresse!
Mitten in die Fresse!

     [Die Ärzte: Ein Song namens Schunder. Metronome 1995.]

Frei.Wild

Rache muss sein 

Eins, zwei,
eins, zwei, drei, vier

Ich seh in deine Augen
Ich seh in dein Gesicht
Seh deine freche Fresse, oho
Ich erkenne dich

Hast auf mich geschlagen
Warst einer dieser Drei
Doch in fünf Minuten
Sind´s ja eh nur noch zwei
(Sind´s ja eh nur noch zwei, Jaaaah)

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid mein Freundchen
Aber Rache muss sein, die muss sein

Jetzt liegst du am Boden
Liegst in deinem Blut
Das Blut auf meinen Fäusten
Ich find das steht mir gut

Wirst es jetzt wohl merken
Zu dritt auf einen geht man nicht
Ich fang an zu lachen, (jahaha)
Seh dein entstelltes Gesicht
(Seh dein entstelltes Gesicht, Jaaaah)

Denn heut verhaute ich dich
Schlug dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbelte ich dich
Zähne sind gefallen durch mich

Und ich trat dir in deine Rippen
Schlug mit dem Ellbogen auf dich ein
Hab’s gerne gemacht mein Freundchen
Denn Rache muss sein, die muss sein

Ja!

Denn heut verhaue ich dich
Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein
Heut vermöbel ich dich
Zähne werden fallen durch mich

Und ich tret dir in deine Rippen
Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein
Tut mir leid du Arschloch
Aber Rache muss sein, die muss sein
Rache muss sein!
     [Frei.Wild: Eines Tages. Asphalt Records 2002.
     Zitiert nach dem Offiziellen Songtextarchiv von Frei.Wild.]

Habemus avuculos! Die Ausladung vom Musikpreis ECHO war die Krönungsmesse von Frei.Wild als Nachfolger der Böhsen Onkelz. Seit der Auflösung dieser Band und dem Nachtatverhalten von deren Sänger Kevin Russel, der nach einem unter Drogeneinfluss von ihm verursachten Autounfall Fahrerflucht beging, zunächst seine Beteiligung leugnete und später versuchte, unter Hinweis auf seinen Gesundheitszustand seine Haftstrafe nicht antreten zu müssen, fehlten den „Nichten und Neffen“ der Band geistige Führer. Da Rebellion einen integralen Bestandteil des Mythos Rock’n’Roll bildet, ist es verständlich, dass auch junge Menschen, deren Wertesystem weitgehend deckungsgleich mit dem ihrer Eltern und Großeltern ist, sich unverstanden fühlen möchten. Ein gegenwärtig naheliegender Weg, auf dem dieses Gefühl hergestellt werden kann, ist ein Bekenntnis zu Frei.Wild.

Dem arbeitet die Band durchaus zu. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Selbstpositionierung zwischen Nazis und linken Nazigegnern bildete eine Demonstration von Frei.Wild mit Fans gegen eine NPD-Mahnwache für die Band. Dabei waren auf Transparenten Slogans wie „Diktatur und Anarchie zwingen Menschen in die Knie“ zu lesen. Eine solche Abgrenzung gegen jede Form des Extremismus, die ansonsten vor allem bei konservativen Bürgermeistern von Orten, in denen rechtsradikal motivierte Gewaltverbrechen verübt werden, beliebt ist, hatten auch bereits die Böhsen Onkelz kultiviert (etwa in Ohne mich, in dem die Antifa als „Nicht besser als Faschisten“ bezeichnet wird). Auch Frei.Wilds Ablehnung eines Streitgesprächs mit ihrem wohl prominentesten Kritiker Thomas Kuban unter dem Hinweis darauf, dass dieser (aus Furcht vor Vergeltung, weil er jahrelang in der rechten Szene recherchiert hatte) sein Gesicht nicht öffentlich zeige, passt zur Strategie, auf die erhobenen Vorwürfe nicht im Detail einzugehen. Die Band belässt es vielmehr bei Erklärungen, die denjenigen, die ihr wohlgesonnen sind, ausreichend erscheinen, mit denen ihre Kritiker aber kaum zufrieden sein dürften. So wird die Kontroverse um die politischen Aussagen von Frei.Wild aufrechterhalten, die massive Solidarisierungseffekte bei den eigenen Anhängern generiert, die wiederum u. a. zu Shitstorms auf den (vermeintlichen) Seiten von Kritikern führen. (Angesichts dieser Phänomene möchte ich den Diskutanten in der Kommentarspalte unter meinem letzten Frei.Wild-Artikel  für die respektvolle und konstruktive Debatte danken.)

Neben dem Hinweis auf die besondere Lage in Südtirol, auf die sich die Texte der Band beziehen (vgl. hierzu den Beitrag zu Wahre Werte), ist ein zentraler Topos der Frei.Wild-Rechtfertigung die Behauptung, es werde im Umgang mit der Band mit zweierlei Maß gemessen (was sich unlängst auch der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein, der freimütig seine geringe Kenntnis der Materie einräumt, zu eigen gemacht hat). Ein Beispiel dafür liefert ein (mutmaßlicher) Fan der Band als Kommentar zu einer Frei.Wild-kritischen Materialsammlung, in der sich auch der nicht direkt politische Text Rache muss sein findet:

Ach wenn die Songtexte von Frei.Wild ja „ach so Böse“ sind was ist dann zum bsp. mit dem Text von der Gruppe „Die Ärzte“:
„Jetzt stehst du vor mir
Und wir sind ganz allein
Keiner kann dir helfen
Keiner steht dir bei
Ich schlag‘ nur noch auf dich ein
Immer mitten in die Fresse rein
Immer mitten in die Fresse rein“

Natürlich werdet ihr das ja wieder durch irgendeine Interpretation umdrehen usw. weil ihr ja eh nix anderes könnt … sowas finde ich sowas von Armseelig … [Kommentar auf antifameran.blogspot.de, Rechtschreibung im Original]

Zunächst einmal wird hier natürlich genau die Technik angewandt, die Fans den Kritikern der Band vorwerfen: Es wird eine Textstelle ohne den Textzusammenhang zitiert. Doch selbst wenn man diesen mit einbezieht (s. o.), so erscheinen die Texte zunächst tatsächlich vergleichbar.

Die Texte

Der Plot beider Liedtexte besteht darin, dass ein Gewaltopfer sich seinerseits gewaltsam an demjenigen rächt, der es in der Vergangenheit misshandelt hat, und dass es diese Rache genießt. Damit enden jedoch die Gemeinsamkeiten. Denn während man bei Rache muss sein über die erste Tat nur erfährt, dass die Angreifer, deren einer das aktuelle Opfer des Sprecher-Ichs ist, zu dritt waren, ist das zum Täter werdende Opfer im Ärzte-Song  über einen längeren Zeitraum hinweg misshandelt und gedemütigt worden. Zudem unterscheiden sich die Milieus, in denen die Handlung angesiedelt ist: Während es sich bei Frei.Wild um eine wohl zufällige Straßen- oder Kneipenschlägerei (bei bekannten Tätern wäre die Aussage, einen der drei erkannt zu haben, sinnlos) zu handeln scheint, liegt beim Schunder-Song ein Konflikt unter Schülern nahe, worauf neben dem gesamten Szenario des körperlichen Mobbings auch der Hinweis auf die Fehlzeiten des einstigen Täters im Unterricht hindeuten.

Einen weiteren markanten Unterschied stellt die Gewaltintensität dar. Zwar ist es sicher auch kein schönes Erlebnis immer wieder „mitten in die Fresse rein“ geschlagen zu werden, jedoch geht das Sprecher-Ich bei Die Ärzte davon aus, dass sein Opfer schon am nächsten Tag wieder in der Lage sein dürfte, mit Unterstützung seiner Freunde den Spieß umzudrehen („auch wenn ich morgen besser umzieh, / irgendwo in eine andere Stadt“). Bei Frei.Wild hingegen werden dem Opfer nicht nur Zähne ausgeschlagen und das Gesicht entstellt, sondern handelt das Sprecher-Ich sogar mit Tötungsvorsatz („Doch in fünf Minuten / Sind’s ja eh nur noch zwei.“). Damit einhergehend hat der Protagonist des Ärzte-Songs seine Situation wohl mittelfristig verschlechtert. Der Rächer bei Frei.Wild jedoch bejaht seine Tat ausdrücklich auch noch nach ihrer Durchführung, wie der im Präteritum gehaltene vorletzte Refrain zeigt.

In beiden Texten wird die individuelle Tat zudem mit einem überindividuellen Prinzip erklärt. Im Schunder-Song handelt es sich um den psychologischen Kausalzusammenhang „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Das Sprecher-Ich selbst folgt diesem Prinzip keineswegs aus Überzeugung oder freiem Entschluss, sondern erkennt es nur als Grundlage seines eigenen Handelns. Der auch titelgebende Grundsatz in Rache muss sein hingegen ist ein moralischer, dem das Sprecher-Ich ganz bewusst zur Geltung verhilft. Entsprechend lässt sich „Es tut mir leid mein Freundchen“ auch kaum ernst nehmen und wird  im vorletzten Refrain auch durch „Hab’s gerne gemacht mein Freundchen“ konterkariert. Der Schwerpunkt der Schilderung liegt im Schunder-Song auf der Vorgeschichte, in Rache muss sein auf der detailliert beschriebenen Gewalt des Sprecher-Ichs.

Stilistisch setzt der Ärzte-Song gleich mit einem Gag ein: Die euphemistische Bezeichnung der Misshandlungen als „nicht sehr nett“ erfolgt unter dem Hinweis darauf, dass der Misshandelte „nie darum gebeten habe“ – was wohl außerhalb von SM-Rollenspielen (vgl. dazu Sweet, Sweet Gwendoline) ohnehin eher selten der Anlass für Gewaltakte ist.  Der Frei.Wild-Text erzeugt mit seiner ungelenk wirkenden Mischung aus defekter Grammatik („Hast auf mich geschlagen“ statt „mich geschlagen“ oder „auf mich eingeschlagen“) und eigenwilligen Pseudoarchaismen („Zähne werden fallen durch mich“) den Eindruck der Authentizität, da hier offenbar jemand ungeachtet seiner überschaubaren rhetorischen Fähigkeiten versucht, im Medium der Sprache etwas auszudrücken.

Paratexte: Titel, Cover, Video, Musik, Bandname

Der bloße Inhalt eines Liedtextes lässt sich jedoch nicht direkt seinen Interpreten als  pragmatische Aussage zuschreiben, handelt es sich doch, nicht anders als bei Gedichten, um literarische Texte. Ob sie eine Referenzialisierbarkeit nahe legen, muss jeweils diskutiert werden. Dabei sollten neben dem gesungenen Text selbst auch ihn umgebende und kommentierende Elemente wie sein Titel, ggf. das Cover der Veröffentlichung, das zugehörige Video, die Band sowie nicht zuletzt die Musik in die Analyse einbezogen werden.

Der Ärzte-Song weist, zumal in der Single-Version, einen rätselhaften Titel auf, der auch durch den Hinweis, dass er sich auf das Crewmitglied Erik Schunder beziehe, kaum nachvollziehbarer wird. Damit steht von vornherein eine unernste Lesart zur Disposition. Einen ähnlichen Effekt dürfte das Single-Cover haben, das einen im Stil eines Karatekämpfers gekleideten Jungen zeigt, der wurfbereit zwei Torten auf den Händen hält. Das Musikvideo schließlich ruft mit der Inszenierung der Band als Showband samt Tänzerinnen die Tradition der Revue auf, in der statt Authentizität gerade der Rollenwechsel (den die Band als Punkband hier selbst durchspielt) kultiviert wird (man denke etwa an Travestien). Musikalisch wird das Lied als glatt produzierter Punk mit Ska-Refrain vorgetragen, wobei insbesondere die durch den Bläsersatz vermittelte Fröhlichkeit den Inhalt konterkariert, zugleich aber die euphorische Stimmung des Sprecher-Ichs abbildet. Bezieht man schließlich die Band selbst noch mit ein, so ist von Bedeutung, dass es sich bei Die Ärzte (die ihren Bandnamen angeblich gewählt haben, weil er mit Ä beginnen sollte und sie „Die Ätztussis“ verworfen haben) von Beginn an um eine postmoderne Punkband gehandelt hat, die keinen einheitlichen Stil spielt, sondern die sowohl musikalisch mit verschiedenen Stilen parodistisch experimentiert (Kinderlied, Country, Pop, Rock, Punk etc.) als auch in ihren Texten regelmäßig das Stilmittel der Rollenrede nutzt (so etwa im bis heute indizierten Geschwisterliebe). Außerdem weisen bereits die Künstlernamen der beiden Hauptsongschreiber und Sänger – Farin Urlaub und Bela B – darauf hin, dass das Vorgetragene hier keineswegs den Vortragenden als eigentliche Rede zugerechnet werden kann.

Diametral anders verhält es sich bei Frei.Wild: Im Titel des Songs wird das moralische Prinzip, dem das Sprecher-Ich innerfiktional folgt, genannt und somit tendenziell affirmiert. Denn der Titel eines Liedes gehört, weil er nicht gesungen wird, prinzipiell nicht zur Rede des Sprecher-Ichs. Das aus der Froschperspektive aufgenommene Albumcover (der Song wurde nicht als Single ausgekoppelt) zeigt die Band in Freizeitkleidung und ernster Pose. Der Proberaumcharme der eher rumpligen, unterproduzierten Musik wird durch das in der Aufnahme enthaltene Einzählen noch verstärkt; die durch den typischen Oi-Punk mit verhaltenem Tempo und rauhem Gesang erzeugte Atmosphäre ist aggressiv. Der Bandname soll die Mitglieder als frei und wild charakterisieren. Und auch sonst inszeniert sich die Band, wie im Genre Deutschrock üblich, als authentisch.

Fazit

Bei nahezu identischem Plot erweisen sich die beiden Songtexte mit Blick auf die Bewertung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung bei einer näheren Betrachtung als unterschiedlich. Ein Song namens Schunder schildert einen Gewaltausbruch, der zwar psychologisch verständlich ist, die Lage des Sprecher-Ichs aber verschlechtert. In Rache muss sein hingegen bejaht der Protagonist seine wesentlich massivere Gewalt auch noch nach der Tat, überhöht sie moralisch und ist seinen Gegner eventuell ein für alle Mal los.

Nun muss natürlich in jeder Kunstform die Schilderung aller möglichen Wertesysteme und Verhaltensmuster zulässig sein, auch und vielleicht gerade von solchen, die die Rezipienten ablehnen. Für eine Beurteilung ist es deshalb entscheidend, ob das fiktional Geschilderte als realweltliches Verhalten bejaht wird. Angesichts der unterschiedlichen Inszenierungen der Bands – Die Ärzte als ironische Meta-Rockband, Frei.Wild als authentische Jungs, die zusammen Spaß haben und darüber singen, was sie bewegt – ist eine gewaltaffirmierende Rezeption eher beim Frei.Wild-Song zu erwarten.

Martin Rehfeldt, Bamberg