„Es ist auch mein Land“. Zu Die Toten Hosen: „Willkommen in Deutschland“

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Viel mehr als nur ein Auto. Der Opel-Kult in der Musik am Beispiel von Liedern der Toten Hosen („Opel-Gang“) und der Motoristen/King Køng („Wir fahren Manta Manta“).

Die Toten Hosen

Opel-Gang

Den Arm aus dem Fenster, das Radio voll an,
draußen hängt ein Fuchsschwanz dran,
in jeder Karre sitzen vier Mann.
Die Bullen eben in der Stadt abgehängt,
mit 110 einen Ford versengt
und einen Fiat ausgebremst.
Wir haben neue Schluffen drauf
und uns Rallystreifen gekauft.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Opel-Gang!
 
Einmal rund um den Häuserblock,
danach wird die Karre aufgebockt
und sich unter die Kiste gehockt.
Samstags nachmittags um halb vier,
Fußballreportage und ein Bier.
Kavaliersstart wird ausprobiert,
dann geht's los in tollem Spurt,
wir schließen nie den Gurt.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang [...]

     [Die Toten Hosen: Opel-Gang. Virgin 1983.]

Die Motoristen

Wir fahren Manta Manta

Wir haben Geschmack, wir haben Stil,
wir sind jung und sehen super aus.
Heut sind wir unterwegs,
ich und Horst und Gerd und Klaus.
Wir sind bekannt
für unsere Subtilität,
und es gibt bei uns ein Auto,
um das sich alles dreht.
 
Nimm dir die Welt,
nimm die Sonne und die Sterne.
Nimm dir den Wald
und die Sonnenblumenkerne.
Laßt uns die Autobahn,
dann könn' wir weiterfahrn,
denn wir fahren nun mal gerne Manta Manta (Manta Manta).
 
Wir hören Bach, lesen Brecht,
ab und zu mal was von Goethe.
Immer nur Quantenphysik,
das wär uns echt zu blöde.
Was unsere Frauen betrifft,
da sind wir wählerisch.
Und unser Lieblingsauto
heißt genauso wie der Fisch.
 
Nimm dir die Welt [...]
 
Neulich ist dem Gerd,
was Gräßliches passiert:
Bei knapp 200 Sachen
ist er abgeschmiert.
Gerd hat's überlebt,
der Manta, der war Schrott
der fährt jetzt durch den Himmel,
getuned vom lieben Gott. (Gott fährt Manta.)
 
Nimm dir die Welt [...]

     [V.A.: Manta Manta - Der Soundtrack zum Film. Polydor 1991.]

 

Eine Welt ohne Autos kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Dieser Kasten auf vier Rädern ist mittlerweile mehr als ein Fortbewegungsmittel; das Auto entwickelte sich von einem Statussymbol, das der Elite vorbehalten war, zu einem Alltags- und Gebrauchsgegenstand, der nun in den meisten deutschen Haushalten, manchmal sogar in mehrfacher Ausführung „vorrätig“ ist. Da man sich infolgedessen nicht mehr darüber definieren konnte, bloß ein Auto zu haben, musste ein anderes identitätsstiftendes Merkmal her, was ab den 1980er Jahren die Automarke darstellte. Wer heutzutage in einem Audi oder BMW dazu verleitet wird, mit mehr als der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit über die deutschen Straßen zu schüren, wird schon mal als Rampensau beschimpft. Mercedes fahren seit Urzeiten Matthias Schweighöfer und seit letztem Jahr auch Weltmeister. Aber wurde bei dieser Aufzählung der qualitativ hochwertigen deutschen Automarken nicht eine vergessen? Richtig, der alteingesessene Opel-Konzern wird in heutigen Diskussionen um das coolste Auto gar nicht mehr erwähnt. Heutzutage ist Opel eher für seine Familienvans wie den Zafira oder das „Seniorenauto“ namens Meriva bekannt. Schön klingende Namen im Vergleich zum futuristischen „BMW 116i“ oder den wenig einfallsreichen ABC-Klassen von Mercedes Benz. Nichtsdestotrotz hatte auch Opel seine Glanzzeiten, auch wenn diese schon lange vorbei sind. An diese Zeiten erinnern noch die Kultlieder Opel-Gang von den Toten Hosen und Wir fahren Manta Manta von den Motoristen.

1983 erschien das Debütalbum der Toten Hosen, die damals, so erinnerte sich Campino, „vormittags Abiturprüfungen und abends Liedtexte schrieben“. Der darauf enthaltene Song Opel-Gang wurde nicht nur zum Namensgeber des Albums, sondern auch zum Kassenschlager. Die Toten Hosen gaben mit diesem Lied einer neuen Generation eine Stimme, die zum ersten Mal das Geld und die Zeit besaß, sich in ihrer Freizeit ganz der Pflege ihres Autos zu widmen. Der Song handelt vom Alltag einer Gruppe junger Männer, deren liebste Beschäftigung es ist, ihre Autos zu tunen und in Wettrennen vorzuzeigen. Dabei scheuen sie weder Polizisten noch Geschwindigkeitsüberschreitungen: „Die Bullen eben in der Stadt abgehängt, / mit 110 einen Ford versengt“. Im Gegenteil, ihr Ziel ist die Provokation der Obrigkeit, im Wissen um die eigene Geschwindigkeit. Dabei wollen sie sogar gesehen und wiedererkannt werden: Die Autos stechen mit aufgeklebten Rallystreifen und wehenden Fuchsschwänzen aus der Masse der anderen Verkehrsteilnehmer heraus, und auch im Wageninneren findet sich der draufgängerische Geist der Jugend wieder. Mit lauter Musik („das Radio voll an“) und unangeschnallt („wir schließen nie den Gurt“) verbringen die Jungs ihre Wochenenden mit Spritztouren und daran anschließenden Tuningaktionen, begleitet von Fußballreportagen und Bier. Der Alltag dieser Generation wird mehr denn je von der Pflege des mittlerweile erschwinglichen Statusobjekts bestimmt, das vor allem für Männer Unabhängigkeit und Nonchalance symbolisiert. Aus welchem Grund stellten sich die Toten Hosen sonst als Opel-„Gang“ dar? Der Titel besteht wohl kaum aus der amerikanischen Bezeichnung für eine Straßenbande, die sich vor allem über ihre kriminellen Handlungen definiert, weil die Band sich ein Image als „Saubermänner“ hätte verschaffen wollen, wofür es ohnehin ein bisschen zu spät gewesen sein dürfte.

Eine andere Art von Aufmerksamkeit (aber nicht weniger verpönt) will in dem Film Manta, Manta! die Gruppe um Protagonist Bertie erzielen, deren (mehr oder weniger ernst gemeinte) Verehrung weniger Opel allgemein als vielmehr dessen neuestem Modell, dem Manta, gilt. Als Titellied wurde Wir fahren Manta Manta 1991 von King Køng, der Band des Ärzte- Sängers und -Gitarristen Jan Vetter (Künstlername bei Die Ärzte: Farin Urlaub) unter dem Namen Die Motoristen eingespielt. Das Sprecher-Ich des Titellieds ist der Protagonist des Films, Bertie, was allerdings nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird: „Ich und Horst und Gerd und Klaus“. Die vier werden in der ersten Strophe zunächst so vorgestellt: „Wir haben Geschmack, wir haben Stil, / wir sind jung und sehen super aus […] Wir sind bekannt für unsere Subtilität“. Der ironische Unterton springt den Hörer geradezu an, vor allem, wenn man den Film und die Clique um Bertie vor Augen hat. Nach dieser Aufzählung wird schnell klargestellt, dass der Mittelpunkt der Welt für diese jungen Männer ein Auto bildet: „Und es gibt bei uns ein Auto, / um das sich alles dreht.“ Diese Anspielungen auf den typischen Manta-Fahrer der späten 80er Jahre kommen nicht von irgendwo. In den damals virulenten Mantawitzen wurden Manta-Fahrer durch den Kakao gezogen, Bertie und seine Freunde bilden dabei keine Ausnahmen vom Stereotyp: „Mantaletten“, Ruhrpott-Slang, Antipathie gegen VW Golf GTI-Fahrer und sehr blonde Freundinnen auf dem Beifahrersitz. Die Selbstdarstellung der Protagonisten im Titellied wird von der Figurenzeichnung des Films konterkariert. Die Feinfühligkeit, derer sich das Sprecher-Ich und seine Freunde rühmen, lässt sich nirgends finden; ihr niedriges Sprachniveau haben sie sicher nicht durch das Lesen von Brecht und Goethe erworben (vgl. „Wir hören Bach, lesen Brecht / und ab und zu mal was von Goethe“). Stattdessen wird ihr schlichtes Denken betont: Hast du Auto, hast du Frau. Und ganz im Gegenteil zu ihrer Behauptung (vgl. „Was unsere Frauen betrifft, da sind wir wählerisch“) ist keiner dieser Herren im Film besonders anspruchsvoll bei seiner Partnerwahl. Erst im Refrain wird das Ausmaß der Autofixierung dieser jungen Männer erkennbar: „Nimm dir die Welt, / nimm die Sonne und die Sterne. / Nimm dir den Wald / und die Sonnenblumenkerne.“ Das Wichtigste, die Autobahn, solle aber ihnen überlassen werden, auch wenn sie sich im Kultfilm Manta, Manta weniger auf Autobahnen als vielmehr auf Land- und Dorfstraßen im Ruhrpott austoben. Für mehr jedoch, könnte man meinen, hätte die Leistung des verspotteten Sportwagens sowieso nicht gelangt.

Neben diesen beiden, mehr oder weniger ernst gemeinten Liedern finden sich noch weitere, die die Autos der Marke Opel thematisieren. Da wären Kadett B von WIZO aus dem Jahr 1992 oder der Nachfolgesong der Toten Hosen Die Opel-Gang Teil II – Im Wendekreis des Opels. Obwohl der Hype um Autos der Marke Opel von den Hosen zunächst noch ernst gemeint zu sein schien, entpuppte sich dieser im Lauf der Zeit als Ironie.

Ein neuer Hype um die einst beliebte Marke blieb in jüngster Vergangenheit zum Nachteil des Konzerns aus. Das Unternehmen kämpft derzeit mit wirtschaftlichen Problemen, man denke nur an die Schließung des Werks in Bochum Anfang Dezember 2014. Das traurige Ende eines seit 52 Jahren bestehenden Werkes konnten letzten Endes weder die Mitarbeiter noch die Chefetage verhindern, trotz der erbaulichen Projekte, die die Angehörigen und Freunde der Opelaner in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen haben (vgl. etwa Kinder singen Opel-Rettungslied).

Die Toten Hosen konnten die Welle der Entrüstung bzw. Begeisterung für Lieder, die den Autos der Marke Opel gewidmet waren, die sich aus ihrem Punksong entwickelt hat, sicher nicht vorhersehen; noch weniger, dass es die Opel-Gang mittlerweile sogar in Wirklichkeit gibt: 2001 wurde aus dem Titel der Toten Hosen ein eingetragener Verein. Auf dem Internetauftritt der Gang posieren die circa zehn Mitglieder mit Frau und Hund stolz vor ihren Merivas (www.opel-ganggermany.de/). Mehr Einsatz für den untergehenden Stern am Himmel der deutschen Automarken kann sich sicher nicht mal Campino wünschen.

Marina Willinger, Bamberg

Fernweh als erklärtes Lebensziel. Zu Philipp Poisels Interpretation von Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“

Hannes Wader/Pilipp Poisel

Heute hier, morgen dort

Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab' mich niemals deswegen beklagt.
Hab' es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer
und dann denk ich,
es wär Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Daß man mich kaum vermisst,
schon nach Tagen vergißt,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht.
Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein oder anderen im Sinn.

Manchmal träume ich schwer [...]

Fragt mich einer, warum
ich so bin, bleib ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist, wird alt
und was gestern noch galt,
stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr.

Manchmal träume ich schwer [...]

     [Hannes Wader: 7 Lieder. Philips 1972,
     Pilipp Poisel: Bis nach Toulouse. Grönland 2010.]

Früher diente das Reisen Völkern zur Erschließung neuer Siedlungsgebiete, Königen zum Herrschen und Predigern zur Missionierung. Noch früher erfüllte die Reise gar den Zweck der Selbsterhaltung, des Schutzes und der Ernährung. Ab dem 18. Jahrhundert wurde mit der Grand Tour und den diversen Bildungsreisenden das kommerzielle Reisen begründet, das sich im Lauf der vergangenen Jahrhunderte zu einem unersetzlich scheinenden Aspekt des modernen Arbeits- und Privatlebens entwickelte. Auch wenn der Drang, Fremdes zu sehen und davon zu berichten, schon immer in den Menschen angelegt gewesen sein mag, diente das Reisen also keineswegs schon seit jeher vornehmlich dem Vergnügen wie heute. Und obwohl die meisten von uns ihre Sesshaftigkeit um nichts missen möchten, gibt es doch immer wieder Menschen, die eine Ruhelosigkeit empfinden und in einem Zuhause nicht das rechte Glück für sich finden können (vgl. dazu etwa auch Hannes Waders Song Viel zu schade für mich).

Mit „An keinem wie an einer Heimat hängen“, formulierte Hermann Hesse in seinem bekannten Gedicht Stufen die Gegenposition. Entsprechend diesem Grundsatz geht mit der Zuschreibung von Rastlosigkeit oft der indirekte Vorwurf des Wankelmuts oder der Schwermut einher. Von letzterer ist in der musikalischen Umsetzung von Hannes Waders Heute hier, morgen dort kaum etwas zu spüren: Er präsentiert die Eindrücke aus seinem Leben als Liedermacher mit mitreißenden Gitarrenklängen und einem schnellen, fröhlichen Rhythmus. Nicht umsonst hat u.a. dieser Song 1972 das Genre des modernen Volksliedes wieder aufleben lassen, das lange Zeit infolge nationalsozialistischer Assoziationen gegenüber Volksliedern verpönt gewesen war. Der Titel entwickelte sich zu einem geflügelten Wort der deutschen Sprache, das viele verwenden, wenn sie über ihr stressiges Arbeitsleben berichten. Im Zuge des Bekanntheitsgrades des Volksliedes blieb es allerdings nicht bei dieser einzigen Version. Vierzig Jahre nach seinem Erscheinen coverten die Toten Hosen Heute hier, morgen dort, um es in einer rockigen Version auf ihrem Album Die Geister, die wir riefen zu veröffentlichen. Als bei der darauffolgenden Echo-Verleihung im Frühjahr 2013 Hannes Wader den Preis für sein Lebenswerk erhielt, performten die Rockmusiker und der 71-jährige Liedermacher, deren Musikstile normalerweise inkompatibel erscheinen, den Titel gemeinsam (und lieferten den Beweis, dass man dies besser nicht tun sollte):

Dabei gibt es einen deutschen Künstler, der es sich in den vergangenen Jahren ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, Waders eingängigem Lied seine eigene Note aufzudrücken und dessen Interpretation neben der lauten Version der Toten Hosen leider völlig untergeht. Philipp Poisel ist ein deutscher Singer-Songwriter, der neben seiner, zugegebenermaßen sehr nuschelnden Stimme für seine melancholischen und oftmals philosophischen Texte bekannt ist. Eines seiner berühmtesten, wenn auch nicht sein tiefsinnigstes Stück ist Eiserner Steg, das er 2012 als Titellied für Matthias Schweighöfers Kinofilm What a man schrieb und einsang und durch das er einem größeren Publikum bekannt wurde. Sein erstes Album Wo fängt dein Himmel an? brachte Poisel 2006 auf den Markt, woraufhin Herbert Grönemeyer auf den 23-Jährigen aufmerksam wurde und ihn schließlich 2008 bei seinem Plattenlabel Grönland Records unter Vertrag nahm. Im gleichen Jahr erschien Poisels zweites Album Bis nach Toulouse, auf dessen Limited Edition die gecoverte Version von Hannes Waders Heute hier, morgen dort veröffentlicht wurde. Da kaum ein aktueller deutscher Sänger das Gefühl der Ruhe- und Rastlosigkeit so gekonnt vermittelt wie der 31-Jährige aus Stuttgart, wundert es nicht, dass sich Poisel an eine eigene Interpretation von Hannes Waders Heute hier morgen, dort gewagt hat, das Wader, dieses Urgestein eines deutschen Liedermachers 1972 auf seinem Album 7 Lieder einspielte. Wader griff in diesem Lied, dem die Melodie Indian Summer des amerikanischen Folksängers Gary Bolstad zugrunde liegt, die zwiespältigen Gefühle der Mitglieder der Wandervogelbewegung des frühen 20. Jahrhunderts auf, mit denen er sich als Liedermacher der 1960er und 70er immer noch verbunden fühlt. Das Fernweh wird zum Lebensziel erklärt und die allgegenwärtige Rastlosigkeit zum Motor dieser Bewegung. Wader singt in durchgängig anapästischem Rhythmus, der die Eintönigkeit eines gleichgültig-unaufgeregten Lebensstils hervorhebt, von dem Widerspruch zwischen der Sehnsucht nach unbekannten Fernen und dem Wunsch nach Ruhe und Angekommen-Sein. Letztendlich akzeptiert das Sprecher-Ich seine Rastlosigkeit und verzichtet darauf, eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür zu finden. In Verbindung mit der fröhlich-schnellen Melodie, die Wader diesem melancholischen Text zugrunde legt und die diesem seine Schwere nimmt, erhält der Hörer abschließend allerdings doch das Gefühl, dass das Sprecher-Ich eher leichten Herzens von seinem Lebensstil singt und nicht unzufrieden mit seiner Situation ist.

Anders Poisel, der mit seiner Interpretation dem Hörer durchaus die Lust auf ein solches Wanderleben nehmen könnte. Der 31-Jährige legt anders als Wader größeren Wert auf den Songtext und legt ihm deshalb eine langsamere und auch leisere musikalische Untermalung zugrunde, die dessen Botschaft nicht wie in der Originalversion voranträgt, sondern dessen drückende Stimmung in den Vordergrund rückt. Mit seiner an manchen Stellen fast gebrochen klingenden Stimme schafft es Poisel, den Fokus auf die Wehmütigkeit des Sprecher-Ichs zu legen, dessen Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Lebensstils letztendlich überwiegen. Wer mit Poisels anderen Liedern vertraut ist, weiß, dass das Motiv der Vergänglichkeit eine große Rolle in seinen Werken spielt (vgl. Froh dabei zu sein, Irgendwann, Für keine Kohle dieser Welt). Poisel, der in seinen Liedern das Leben gleichzeitig verflucht und ihm huldigt, macht sich so die Antithetik des Barock zu eigen und erklärt das carpe diem neben dem memento mori zu seinen Leitsätzen. Er schwebt buchstäblich [z]wischen innen und außen, wie ein anderes Lied von ihm heißt.

Poisel liefert einen Beleg dafür, dass Fernweh immer noch ein aktuelles Thema in der Musik sein kann. Man braucht sich in der aktuellen Rock- und Poplandschaft nur einmal umsehen: Mark Forster verabschiedet sich mit einem Au revoir und „‘nen Kopfsprung durch die Tür“ in unbekannte Fernen. Revolverheld ziehen in Lass uns gehen die Bilanz aus einem Leben zwischen Hochhäusern und Industriebauten der Stadt. Und Tim Bendzkos Sprecher-Ich ‚läuft so schnell und so weit es kann‘ (Ich laufe). Sind wir wirklich so eingeengt oder entpuppt sich diese Missstimmung nur als harmloses Zwischentief? Psychologisch gesehen fällt dieser Hang zum Schwermut sicher ein wenig aus dem Rahmen, den sich die deutsche Musiklandschaft mit ihrem Anspruch an Aufmunterung in jüngerer Zeitgeschichte selbst gestellt hat. Nichtsdestotrotz können wir uns an der nach wie vor aktuellen Botschaft von Heute hier, morgen dort selbst in dieser Zeit der Schnelllebigkeit erfreuen. Und das ist doch auch etwas wert.

Marina Willinger, Bamberg

Pummelfee in Lederhosen und Altpunks als poetae vates. Zur unerwarteten Aktualität von „Bayern“ von Die Toten Hosen

Die Toten Hosen

Bayern

Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann.
Manche sagen die Liebe,
vielleicht ist da was dran.
Und es bleibt ja immer noch Gott,
wenn man sonst niemand hat.
Andere glauben an gar nichts,
das Leben hat sie hart gemacht.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Nur eins weiß ich hundertprozentig:
Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen.

Ich meine, wenn ich 20 wär
und supertalentiert,
und Real Madrid hätte schon angeklopft,
und die Jungs aus Manchester.
Und ich hätt auch schon für Deutschland gespielt
und wär mental topfit
und Uli Hoeneß würde bei mir
auf der Matte stehen.

Ich würde meine Tür nicht öffnen,
weil's für mich nicht in Frage kommt,
sich bei so Leuten wie den Bayern
seinen Charakter zu versauen.

Das wollt ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen:
Ich habe nichts gegen München,
ich würde nur nie zu den Bayern gehen.

Muß denn sowas wirklich sein?
Ist das Leben nicht viel zu schön?
Sich selber so wegzuschmeißen
und zum FC Bayern zu gehen.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Ganz egal, wie hart mein Schicksal wär,
ich würde nie zum FC Bayern München gehen.

Was für Eltern muss man haben
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheißverein?

Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!

     [Die Toten Hosen: Unsterblich.  JKP 1999.]

Manche Lieder erscheinen zu früh. Als Die Toten Hosen 1999 das Album Unsterblich mit dem Song Bayern veröffentlichten, konnte man aber zunächst den gegenteilige Eindruck bekommen – dass es zu spät erschienen sei: Die Phase, in der der FC Bayern München Ligakonkurrenten systematisch kaputtkaufte, indem Spielmacher, Stürmer oder, wenn gar nichts mehr half, auch Trainer abgeworben wurden (Werder-Bremen-Fans wissen, wovon die Rede ist), schien sich ihrem Ende zuzuneigen, und mit der Ausweitung des Teilnehmerfelds der Champions League zur Saison 1997/1998 gewann die UEFA-Fünfjahreswertung an Bedeutung. Mit ihr wurde die Auffassung „International bin ich für Bayern“ zunehmend salonfähig, weil der FC ja gewissermaßen auch für die anderen deutschen Mannschaften spielte. Nicht zuletzt das tragisch verlorene Champions League-Finale 1999 dürfte zu einer partiellen bundesweiten Solidarisierung geführt haben.

In den Folgejahren gelang Bayern u. a. durch ‚Rettungsspiele‘ bei finanziell angeschlagenen Vereinen wie 2003 beim FC Sankt Pauli, geographisch und ideologisch eigentlich der Gegenpol zu Bayern, ein Imagewandel. Sogar Uli Hoeneß bewies Humor und zeigte sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Weltpokalsiegerbesiegerretter“ (in Anspielung auf das nach dem 2:1-Sieg von St. Pauli gegen Bayern am 6. Februar 2002 gedruckte „Weltpokalsiegerbesieger“-Motiv).

Gerade die öffentliche Person Hoeneß remodelte sich langsam, aber im Ergebnis grundlegend: Vom für die „Abteilung Attacke“ zuständigen Intriganten entwickelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung zum zwar aufbrausenden, aber großmütigen Patriarchen, der sich um seine Angestellten – sowohl die des FC Bayern als auch die seiner Wurstfabrik – sorgt. Und im Vergleich zu den hochverschuldeten spanischen Großvereinen Real Madrid und FC Barcelona oder den von Milliardären übernommenen englischen Clubs wie dem FC Chelsea und Manchester City wurde der FC Bayern nicht mehr primär als bedrohlich übermächtiger Liga-Krösus wahrgenommen, sondern als solides (Festgeldkonto!) deutsches Gegenmodell.

Den Höhepunkt dürfte die Bayern-Akzeptanz mit der Verpflichtung von Pep Guardiola als ‚begehrtestem Trainer der Welt‘, die wesentlich Hoeneß‘ Verdienst war, erreicht haben. Nicht nur, dass man aufgrund der Vereinsstruktur, die Guardiola dezidiert als einen Grund für seine Entscheidung anführte, finanzstärkere Konkurrenten wie den FC Chelsea ausgestochen hatte; mit dem schöngeistigen, weltgewandten (Sabbatical in New York!) und politisch eher links stehenden Katalanen („Wir spielen linken Fußball“) schickte sich der FC Bayern an, den letzten Rest des Reaktionär-Provinziellen abzustreifen. Wer käme sich nicht lächerlich vor, „Zieht den Bayern die Lederhosen aus?“ anzustimmen, wenn Guardiola im Anzug an der Seitenlinie steht? Selbst Tote Hosen-Sänger Campino hatte mehrfach Sympathie für Hoeneß geäußert (vgl. etwa im Interview in der Münchener Abendzeitung vom 17.2.2012).

So stellte sich die Lage dar – bis zur vergangenen Woche, als zwei Ereignisse, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hatte, das mühsam erarbeitete Bild zunichte und das Lied plötzlich tagesaktuell machten: Zuerst wurde die Selbstanzeige von Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung bekannt, dann der Wechsel von Mario Götze vom BVB Dortmund zum FC Bayern München. Nicht nur, dass jedes Detail der Phantasie des im Song probehandelnden Sprecher-Ichs auf Götze zutrifft (Alter, Nationalmannschaftseinsätze, kolportiertes Interesse von Real Madrid und Manchester [United und City]); Mario Götze, der von seinen Mitspielern „Pummelfee“ gerufene Heintje des deutschen Fußballs, eignet sich geradezu ideal für die Rolle des naiven Jungstars, der nun seiner unausweichlichen charakterlichen Deformation an der Säbener Straße entgegengeht. Und Hoeneß‘ im Anschluss an das Lied im Video zitierte Untergang des Abendlands-Rhetorik angesichts eines respektlosen Fußballsongs („Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“) taugt im Lichte seiner eigenen mutmaßlichen Straffälligkeit als ideales Beispiel für die Doppelmoral der Mächtigen, die schon immer ein zentrales Thema in Punktexten war, in denen hinter jeder gut bürgerlichen Fassade Abgründe vermutet werden.

So hat das Lied 14 Jahre nach seiner Veröffentlichung endlich seine Realitätsreferenz gefunden und dürfte zugleich aber für die meisten Hörer seine Mehrfachcodierung verloren haben: Aus der Allegorie für moralische Standhaftigkeit, in der Fußball, ähnlich wie im thematisch verwandten Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye von …But Alive, nur als Metapher dient, ist ein konkret adressierbares Schmählied geworden.

Martin Rehfeldt, Bamberg