Begleitmusik für den Wiener Zauberfußball der 1920er Jahre: „Heute spielt der Uridil“ von Hermann Leopoldi u. Robert Katscher (1922)

Von der CD Wir sind Rapid (110 Jahre Rapid)

Hermann Leopoldi/Robert Katscher

Heute spielt der Uridil

Draußen in Hütteldorf muss heut
ein Weltwunder wohl zu sehn sein.
Mein Gott, da drängen sich die Leut,
ein Unglück muss da geschehn sein.
Ich kann das nicht begreifen,
was will man da von fern und nah?
Ich hör den Rettungswagen pfeifen,
es stehn auch zehn berittne Wachleut da.
Ich frag einen: Bitte sehr, was hat sich zugetragen?
Der sagt: Aber lieber Herr,

wie kann man nur so fragen?

Heute spielt der Uridil, Uridil, Uridil!
Man kann sagen, was man will:
So wundervoll trifft keiner mehr ins Goal!
Jawohl!

Den, der ein Fußballmatch gesehn,
reizt sonst nichts mehr in Europa.
Man kann auch in die Oper gehn – 
doch was ist schon eine Oper?
Die Konjunktur ist jetzt vorüber,
der Parsifal ist heut verlorn.
Ein ,reines Tor‘ ist jedem lieber,
als zehnmal sehn die allerreinsten Torn.
Man macht jetzt in Kronensturz
und in Gerüchtverbreitung
und pfeift auf die Selma Kurz,
steht in der Kronenzeitung.

Heute spielt der Uridil [...]

     [Quelle Rohtext: klubderfreunde.at]

Dass das bewundernswerte Biotop der Wiener Kaffeehaus-Kultur auch Fußballfans als Habitat diente, erfuhr ich kürzlich bei der Lektüre von Jonathan Wilsons Standardwerk zur Geschichte der Fußballtaktik Revolutionen auf dem Rasen (4., überarbeitete und erweiterte Auflage 2015). In seinem Kapitel über den österreichischen Kombinationsfußball der 1920er und 1930er Jahre, der schließlich in den spektakulären Auftritten des sog. ,Wunderteams‘ unter dem Verbandskapitän Hugo Meisl gipfelte, kommentiert Wilson auch die in mancherlei Hinsicht exemplarische Karriere eines gefeierten und sogar besungenen Hütteldorfer Stürmerstars. Kein geringerer als Hermann Leopoldi, später bekannt geworden als Komponist des Buchenwaldliedes (1938), seinerzeit ein bekannter Klavierhumorist der Wienerlied-Szene, verfasste zusammen mit Robert Katscher den Text zu unserem Schlager, für dessen Melodie Oskar Virag und Oskar Steiner verantwortlich zeichneten. Gesungen wurde die Original-Aufnahme von 1922 auf „A.B.C. Grand Record“ von dem heute weitgehend unbekannten Walter Herrling (vgl. www.mediathek.at).

Der unter Zeitgenossen ausgesprochen populäre ,Foot-Ball-Walk‘ auf Josef Uridil, genannt ,Pepi, der Tank‘, entstand schon 1922, d.h. in der Frühzeit der goldenen Ära des Wiener Fußballs. Der Wiener Fußball stand damals gleichbedeutend für den österreichischen Fußball schlechthin, denn in den 1920ern stellte dieser Sport auf dem europäischen Festland noch ein durchaus urbanes Phänomen dar. Schließlich war die Kickerei zunächst von den gebildeten Angehörigen einer anglophilen Mittelschicht (die teilweise schon in Cricket-Clubs organisiert waren) installiert und gefeiert worden. Diese Feststellung steht übrigens nicht im Widerspruch zu der unbestreitbaren Tatsache, dass die meisten ,Gladiatoren‘ der Wiener Vereine – wie u.a. auch ,Tank‘ Uridil – aus der Arbeiterschicht stammten, d.h. jener Klasse, die den neuen Sport in der Folgezeit relativ rasch für sich adaptieren sollte.

In den Nachfolgestaaten der im Ersten Weltkrieg untergegangenen Habsburgermonarchie konzentrierte sich der Fußballsport also auf die Metropolen Wien, Budapest und Prag. Dort hatten sich bereits 1900/1901 nationale Verbände etabliert, die Wettbewerbsmodalitäten für ihre spielstärksten Teams entwickelten. Diese Strukturierungsprozesse liefen nicht ohne Verwerfungen bzw. Konflikte ab, auf die ich hier aber nicht eingehen muss, da sie nichts zum Verständnis unseres Fußball-Songs beitragen. Als wichtig für das Verständnis des gesellschaftlichen Kontextes bleibt nur festzuhalten, dass schon kurz nach Kriegsende in Wien die besten Vereine ihre prestigeträchtigen Meisterschaftskämpfe vor mehreren 10.000 Zuschauern auszutragen pflegten. Vor diesem speziellen sozialen und ökonomischen Hintergrund fiel Österreich die kontinentale Vorreiterrolle bei der Professionalisierung, Kommerzialisierung und Popularisierung des Fußballs zu.

Im Foot-Ball-Walk auf Uridil finden sich alle diese Prozesse wieder, gewissermaßen die drei Seiten einer Medaille, sofern man geneigt ist, neben Avers und Revers auch die Rändelung als Seite anzuerkennen. Der Liedtext erzählt von der Popularität des neuen Sports, der die Massen anzieht. Die sich unbedarft gebende Sprecherinstanz wundert sich über einen ungeheuren Volksauflauf, erkundigt sich – bei einem Vertreter der Obrigkeit – nach der Ursache und wird sofort belehrt, wobei sich der befragte Wachmann offensichtlich über die Unwissenheit des Fragestellers wundert: Es sei der Fußballsport, der die Massen mobilisiere, der Fußballsport im Allgemeinen und sein spezieller Protagonist Uridil im Besonderen, der so „wundervoll“ wie kein anderer „ins Goal“ zu treffen versteht. Das hier Gebotene mag reichlich profan sein und doch umgibt es noch, wenn es von einem großen Könner zelebriert wird, ein Anflug des Wunderbaren, das die Massen fasziniert und in seinen Bann schlägt. (Prozesse der Transformation religiöser Empfindungen und Praktiken auf strukturverwandte Gegenstände – Stichworte: Starkult, Heldenverehrung – können bzw. sollen hier nicht ,ausdiskutiert‘ werden.)

In der zweiten Liedstrophe wird die größere Anziehungskraft des Fußballs gegenüber anderen zeitgenössischen ,Sensationen‘ und Unterhaltungsangeboten behauptet, wobei Katscher und Leopoldi den Fußball vor allem gegen die Oper profilieren. Zum Vergleich mit Wagners Parzifal mag die beiden vermutlich das – zugegebenermaßen ein recht kalauerhafter Einfall! – Homonym „Tor“ (Treffer im Fußball vs. tumber Narr in der Oper) angeregt haben, Selma Kurz war nicht nur eine sehr schöne Frau mit einem interessanten Promi-Leben, sondern auch eine der besten Koloratursopranistinnen aller Zeiten, die mit überlangen Trillern ihr Publikum (das angeblich Stoppuhren in die Aufführungen mitbrachte!) außer Rand und Band versetzte. Zur Zeit des Uridil-Songs gastierte die Kurz gerade in der Hauptrolle von Mozarts Entführung bei den Salzburger Festspielen …

Etwas unvermittelt schiebt sich das ökonomische Thema „Kronensturz“ in der zweiten Strophe zwischen die beiden Bezugsnahmen auf die Opernwelt. Im Sommer 1922 spitzte sich die österreichische Wirtschaftskrise zu, die Inflation erreichte ein erschreckendes Ausmaß, bis mit der sog. Völkerbundanleihe (Kredit über 650 Goldkronen; der Schilling wurde als neue Währung erst 1925 eingeführt) im Spätjahr wieder eine gewisse Stabilisierung des Staatswesens erreicht wurde, die freilich ihrerseits wieder umfassende Probleme mit sich brachte (Souveränitätsverlust im Finanzwesen, Verpflichtung zur Reduktion des Beamtenapparats, Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen politischen Lagern usw.). So offen unser Liedtext die konkreten Bezüge lässt, seine Botschaft ist eindeutig: Den modernen Zeitgenossen (und darunter vor allem den Anhänger des Hütteldorfer Spitzenclubs Rapid Wien!) interessiert der Fußball mehr als alle anderen konkurrierenden Themen, die öffentliche Aufmerksamkeit beanspruchen, weil sie in der Kronenzeitung (zwischen 1905 und 1941: Illustrierte Kronen-Zeitung), dem auflagenstärksten österreichischen Boulevardblatt, prominent auftauchen.

Hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Popularität ermöglichen Professionalismus und Starkult, wobei sie wiederum von diesem profitieren. Noch vor der offiziellen Einführung einer Profiliga (1924) war Josef Uridil einer der ersten Stars des österreichischen Fußballs, der seinen Sport zum Beruf machte, mit ,professioneller‘ Disziplin lebte und damit zu großen Erfolgen kam. Als wuchtiger Stoßstürmer führte er seinen Verein Rapid Wien nach dem Krieg zu Meistertiteln und errang mehrmals die Torjägerkrone. Legendär das Meisterschaftsspiel der Hütteldorfer gegen den Wiener AC von 1921, als man nach einem 1:5-Rückstand dank sieben Toren von Uridil noch als 7:5-Sieger vom Platz ging. Vermutlich bedeutete dieses Match für ihn den endgültigen Durchbruch; hinfort verdiente er sich mit Fußball – direkt und indirekt – als Spieler, Werbe-Ikone, Filmschauspieler und international tätiger Trainer seinen Lebensunterhalt.

Für die Nationalmannschaft bestritt der ,Tank‘ nur acht Begegnungen, wobei allerdings in Rechnung zu stellen ist, dass damals sehr viel weniger Länderspiele ausgetragen wurden als heute. Aber auch der Fußball veränderte sich. 1926 ließ der österreichische Nationaltrainer, vermutlich auf Druck der Öffentlichkeit hin, einen neuen Typus von Mittelstürmer debütieren, der mit einem intelligenten, schnellen und filigranen Kombinationsspiel das österreichische ,Wunderteam‘ (auf der Insel respektvoll als ,Danubian Whirl‘ tituliert) dirigieren sollte: Matthias Sindelar. Aber obwohl ,der Papierene‘ (so Sindelars Spitzname) von der Wiener Intelligenzija als das ,fleischgewordene Kaffeehaus‘ geliebt wurde, weil er Fußball spiele wie andere Schach, hat meines Wissens kein Lied sein Andenken gepflegt.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Der Deutschen liebste Hymne im Glück: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ der Mainzer Hofsänger (Text: Walter Rothenburg; 1951)

Die Mainzer Hofsänger (Text: Walter Rothenburg)

So ein Tag, so wunderschön wie heute

Der Tag mit euch war wunderschön,
Wir sagen gern auf Wiedersehn
Und hoffen, dass auch euch gefiel,
Was wir gebracht in unserm Spiel.

Schau die bunten Sterne
Am Firmament hier stehn, [Variante: Am Narrenhimmel stehn,]
Ach, ich blieb' so gerne,
Doch leider muß ich gehn.

So ein Tag, so wunderschön wie heute,
So ein Tag, der dürfte nie vergehn.
So ein Tag, auf den man sich so freute,
Und wer weiß, wann wir uns wiedersehn.

Ach wie bald entschwinden frohe Stunden, [Ach wie bald ist wieder Aschermittwoch,]
Und die Tage im Wind verwehn.
So ein Tag, auf den man sich so freute,
Und wer weiß, wann wir uns wiedersehn.

Ach wie bald entschwinden frohe Stunden
Und die Tage im Wind verwehn.
So ein Tag, so wunderschön wie heute,
So ein Tag, der dürfte nie vergehn.

Fürwahr kein Lied für Goethes komischen Zausel, der bei seiner berühmten Wette mit dem Teufel (Studierzimmerszene) folgende Bedingung für die Niederlage formulierte:

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Faust gibt sich in diesen Versen als der Gierschlund zu erkennen, der er ist: ein Action-Junkie, der seinen Hals nie voll bekommt. Kaum ist das eine Begehren gestillt, geht es weiter. Als Konsument ein Superheld des Turbo-Kapitalismus, im Grunde aber doch nur ein unglücklicher Tropf! Wer So ein Tag, so wunderschön wie heute anstimmt oder mitsingt, ist dagegen in aller Regel höchst zufrieden mit sich und der Welt, nein, mehr als zufrieden – der ist glücklich (oder tut wenigstens so)! Er ist nicht nur einfach glücklich, sondern er weiß das auch und er weiß diesen Zustand zu schätzen. Er freut sich über sein momentanes Glückserlebnis nicht zuletzt deshalb, weil er dessen Fragilität nur zu genau kennt; mehr noch: Im Bewusstsein der Singenden mindert die Vergänglichkeit des schönen Augenblicks dessen Wert nicht, sondern steigert sie noch.

Unser Loblied auf den ,wunderschönen Tag‘ singt man nicht für sich allein, normaler Weise auch nicht zu zweit, ja nicht einmal zu dritt oder viert: Es braucht schon ein ansehnliches ,Kollektiv‘ – eine größere Geburtstagsrunde, einen Festsaal oder womöglich ein volles Fußballstadion –, das gemeinsam das Glück des Moments empfindet und diesem Gefühl auch gemeinsam Ausdruck geben will, um sich des gemeinsamen Glücks-Bewusstseins zu versichern, den schönen Augenblick im Gesang noch ein wenig länger festzuhalten und vielleicht auch für die Erinnerung zu speichern.

Die Mitglieder solcher Kollektive können miteinander bekannt, ja sogar befreundet sein, doch ist das keine zwingende Voraussetzung, wie das Beispiel der Fußball-Fans zeigt. Wichtiger als eine vorgängige Verbindung ist die spontan einsetzende ,Verschwisterung‘ (ich schreibe bewusst nicht ,Verbrüderung‘), die während des Singens dieser Glücks-Hymne zwischen den Mitsingenden erfolgt. Zur Abrundung des perfekten Tages fehlt nun nur noch der Topos, dass sich ,wildfremde Leute in die Armen fallen‘. Wir haben im deutschen Sprachraum eine Reihe ähnlicher Lieder, die ebenfalls positive Befindlichkeiten von Kollektiven artikulieren und Prozesse spontaner Vergemeinschaftung unterstützen: Ich erinnere nur an Schillers/Beethovens Ode An die Freude, das Weihnachtslied O du fröhliche, Julis Perfekte Welle oder, ganz eng bei unserem Lied, Tage wie diese von den Toten Hosen. Es bräuchte einen eigenen ethnologischen Essay, die – manchmal nur recht feinen – pragmatischen Differenzen all dieser Lieder zu klären. Sehr grob kann man vielleicht sagen, dass So ein Tag, so wunderschön wie heute ohne Symphonieorchester und das staatstragende Pathos von Schillers Ode, ohne einschränkende Bezüge auf eine religiöse Botschaft bzw. ein spezielles jugendliches Milieu und mit deutlich weniger Alkohol als das Glückslied der Hosen auskommt. Wenn es anlässlich großer Siege in Fußballstadien zelebriert wird, fehlt ihm der Gestus des Triumphs (wie bei We are the Champions von Queen), im karnevalistischen Kontext evoziert es eher Tränen der Rührung als solche des Lachens. Auf alle Fälle ist es das mit Abstand beliebteste ,Stimmungslied‘ der Deutschen.

Auch deshalb gehört es zu karnevalistischen Festen und wegen seiner Wehmut angesichts der Vergänglichkeit aller schönen Dinge von der Dramaturgie her natürlich an deren Ende. Die Veranstalter närrischer Großveranstaltungen wussten und beherzigten dies schon seit den frühen 1950er Jahren, indem sie die großen Finale ihrer Bühnenshows bevorzugt mit diesem Lied einleiteten, das von Lotar Olias 1951 für den Auftritt der Mainzer Hofsänger für die kommende Saison komponiert worden ist (vgl. Walter Moßmann und Peter Schleunig: Alte und neue politische Lieder. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 269). Es markiert im zeitlichen Kontinuum eines Festes jene Phase, in der die Hochstimmung ihren Gipfelpunkt erreicht und überschreitet. Die Teilnehmer denken bereits an Aufbruch, Abschied, Trennung, an ihre Rückkehr in den mehr oder minder grauen Alltag. Aus dieser Situation einer gewissen Distanz zum – bereits gehabten, aber immer noch emotional wärmenden, ja erregenden – Glücks-Erlebnis entsteht seine Reflexion. Diese Reflexion der abflutenden Freude führt zum Wunsch nach ewigwährender Verlängerung des glücklichen Moments bei gleichzeitigem Bewusstsein der Nicht-Realisierbarkeit dieses Begehrens.

Zur oben angesprochenen Verschwisterungs-Leistung dieses Liedes trägt sein Perspektivenwechsel bei. Die Sprecherinstanz wechselt zwischen einem (eher) kollektiven „wir“ (Refrain, 4. Zeile), einem individuellen „ich“ (2. Strophe) und einem unscharfen „man“ (Refrain, 3. Zeile), was aber insofern vernachlässigt werden kann, als Individuum und Kollektiv ersichtlich im Gleichtakt ,ticken‘. Der mehrfache Wechsel von kollektiver Stimme und individuellen Sprechern fügt sich bestens zum Vortrag des Liedes durch einen Chor mit Solisten, wie es die ,Mainzer Hofsänger‘ jahrzehntelang ihrem Publikum vorgemacht haben. Mitglieder des Mainzer Konservatoriums hatten sich 1926 zu einem karnevalistischen Spaßchor zusammengefunden, der die Prunksitzungen lokaler Fassenachts-Vereine mit seinen Beiträgen bereicherte. Von 1952 an hatten die Hofsänger So ein Tag, so wunderschön wie heute in ihrem Programm, das ab 1955, mit Beginn der Fernsehübertragungen der großen Mainzer Prunksitzung Mainz wie es singt und lacht (ab 1973 unter dem Titel „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“), dann auch deutschlandweit ausgestrahlt wurde.

Der Titel wurde von Walter Rothenburg getextet, die Melodie hatte, wie oben schon erwähnt, Lotar Olias beigesteuert. Inwieweit sich Olias dafür von der Melodie der Internationale inspirieren ließ (so die These von Moßmann/Schleunig, s.o., S. 270), wage ich nicht zu beurteilen. Rotenburg (1889-1975) war eine mehr als schillernde Persönlichkeit im deutschen Unterhaltungsgeschäft: Der gebürtige Hamburger hatte seinen ersten Beruf bei der deutschen Kriegsmarine gefunden, in den zwanziger und dreißiger Jahren kannte man ihn als einen bedeutenden Boxpromoter, gleichzeitig betätigte er sich aber auch als freier Schriftsteller und Liedtexter. So stammt beispielsweise der Text von Freddys Junge, komm bald wieder ebenso aus seiner Feder wie der große Karnevalsschlager Oh, wie ist das schön.

Lotar Olias (1913-1990) war ebenfalls kein Unbekannter im Schlager- und Filmgeschäft der Nachkriegszeit; er textete und komponierte damals recht erfolgreich. Da sich Olias im Dritten Reich mächtig exponiert hatte, stand er nach dem Krieg zunächst im Abseits der Unterhaltungsbranche. Ab 1949 ging es für ihn dann aber wieder deutlich voran, bis in die mittleren 1960er Jahre komponierte er praktisch jedes Jahr gleich für mehrere Filme. So ein Tag, so wunderschön wie heute wurde 1954 in dem Unterhaltungsfilm Geld aus Luft (Regie: Géza von Cziffra, Sängerin: Lonny Kellner) eingebaut. Beim gebürtigen Königsberger und späteren Hamburger Olias gibt es, ähnlich wie bei Walter Rothenburg, eine auffällige Affinität zu Fernweh-Produktionen, bei denen Freddy Quinn als Schauspieler bzw. Sänger beteiligt war.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

 

Stadionrock. Zu Die Doofen: „Volltreffer“

Video hier

Die Doofen

Volltreffer

Volltreffer, Volltreffer, wieder mal ein Tor
Jeder Schuss ein Treffer, jeder Schuss geht rein
Volltreffer, Volltreffer, alle singen mit
Dieser Bundesligaschlager ist ein Superspiel

Didi gibt von links hinein
auf Professor Bolz
eine kurze Körpertäuschung
und dann kracht das Holz
wieder einmal an den Pfosten
und von dort zu Paul
dieser wird gleich umgeruppt
Elfmeter wegen Foul

Volltreffer [...]

Willy ist ein Flankengott
er trägt die Nummer Drei
früher hatte er die Fünf
davor die Nummer Zwei
Eigentlich will er die Zehn
doch die ist schon besetzt
und zwar von der Nummer Acht
doch der ist heut verletzt

Volltreffer [...]

Fußi ist ein schöner Sport
man spielt den Ball per Fuß
Ebenfalls erlaubt ist auch
das Köpfen mit dem Kopf
nimmt man dann die Hand zur Hand,
pfeift der Schiri ab
und verwarnt den Bösewicht
mit einer gelben Papp

Volltreffer [...]

     [Die Doofen: Lieder, die die Welt nicht braucht. Sing Sing 1995.]

 

Seit auch fast schon wieder einem Jahrezehnt ist das Münchener Olympiastadion keine Bühne des Weltfußballs mehr: Die zentrale Austragungsstätte der Olympischen Sommerspiele von 1972, die den „Spiele[n] im Grünen“ und „Spiele[n] der Freiheit“ durch ihr seifenblasengleiches Zeltdach ein markantes, erst von den Architekten, dann vom Publikum und mittlerweile auch von (Kunst-)Historikern vielfach gelobtes Gesicht gab, erschien zu Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr ausreichend attraktiv. Der FC Bayern wollte in eine Arena nach Fröttmaning ziehen, der TSV 1860 musste wohl oder übel mit (zu den damaligen Diskussion vgl. etwa aktuell wieder aufgekocht den Konflikt zwischen Ex-Oberbürgermeister Christian Ude und Ex-Vereinsmanager Uli Hoeneß). Ein Stadion, in dem sich die Zuschauer wie zu einem gemütlichen Picknick als Individuen einfinden können, in dem sie nicht zur Masse konzentriert werden, entsprach leider nicht mehr der Mode der Zeit. Zur Saison vor der WM in Deutschland verließ der große Fußball das Olympiastadion.

Man kann mit dieser Betonschlüssel freilich kein echtes Mitleid haben. Bis 2005 hatte es zahlreiche bedeutende Spiele der Fußballgeschichte – u.a. die Finalpartien der Weltmeisterschaft 1974 und der Europameisterschaft 1988 sowie den Dortmunder Champions League-Triumph von 1997 – beherbergen dürfen. Und auch musikalisch gab es einige Sternstunden. Zu diesen Sternstunden zählt – zumindest aus der Sicht der Akteure (vgl. hierzu etwa Olli Dittrichs Erinnerungen in seiner Autobiografie Das wirklich wahre Leben) – zweifellos das Konzert von Wigald Boning und Olli Dittrich alias Die Doofen am 3. Juni 1995 (vgl. Artikel der Zeitschrift Musikexpress im Juni 1995).

Mitte des Jahres 1995 hatten Die Doofen den Gipfel ihres gemeinsamen Ruhmes erklommen. Die Single Mief (Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke) stand ebenso auf Platz 1 der Charts wie das Album Lieder, die die Welt nicht braucht; das Comedy-Duo verkaufte innerhalb weniger Monate fast eine Million Tonträger (vgl. Spiegel vom 19.2.1996). Im Magazin Focus hieß es dazu: „Deutschland im Blödelfieber – die Musikindustrie verdient sich mit Schwachsinn dumm und dämlich“.

Manche werteten den Erfolg der „Blödelbarden“ Boning und Dittrich als besonders deppertes Phänomen der damals viel dikutierten „Spaßgesellschaft“ ab, andere hatten reichlich Spaß an einer Reihe von abwechslungsreichen Musikstücken, deren pennälerhumoristischen Texten zufolge z.B. ein Haus aus Schweinskopfsülze entstehen soll oder ein Pullunder auf Reisen geht. Weitere Lieder, die die Welt nicht braucht, beschäftigen sich etwa mit FKK oder Jesus, erzählen die Lebensgeschichte eines Weihnachtsbaums mit sexuellen Anspielungen („und dann bekam er auch noch einen Ständer“ – Ein Hoch auf das Fest der Liebe) oder preisen das Leben ohne Abitur in der Natur („der Esel fährt zur IAA / und ich geh nicht zur Penne“ – Muh, Muh, Muh).

Unter diesen Liedern weist Volltreffer wohl nicht gerade die offensichtlichsten Pointen auf, auf jeden Fall aber passte es am Abend des 3. Juni 1995 am ehesten in das Münchner Olympiastadion. Der Song kann als Parodie des schmetternden Fußballschlagers verstanden werden; vielleicht aber besser noch als Hommage, die an Der Theodor im Fußballtor(1948), die Beschreibung spektakulärer Spielszenen in Gerd Müllers Dann macht es Bumm (1974) oder die Volksfeststimmung in Gert Fröbes Laß doch mal Dampf ab („und geh mit deinem Schatz / am nächsten Samstag / auf den Fußballplatz“; 1980) erinnert.

Nach den gute alte Zeiten des Fußballs klingen bereits die Spielernamen „Didi“, „Paul“ und „Flankengott“ „Willy“; statt einem Pfosten aus Aluminium wird noch das „Holz“ getroffen, zudem kann Fußballnostalgiker erfreuen, dass „Professor Bolz“ hier wörtlich „umgeruppt“ wird (vgl. aktuell etwa die Aktion „Rettet Ruppen“ im Rahmen von Arnd Zeiglers Wunderbarer Welt des Fußballs).

In der zweiten Strophe wird sich dann einem besondern Thema der Fußballgeschichte zugewandt: dem Rückennummernfetischismus. Zur Saison 1994/95 wurde im deutschen Profifußball das herkömmliche Durchnummeriern nach Position durch feste Rückennummern ersetzt. Das führte freilich nicht dazu, dass die traditionellen Bedeutungen der Nummern 1 bis 11 verloren gingen. Wer heute den Experten lauscht, hört sie ständig von zwei Sechsern, abgekippten Neunern oder klassichen Zehnern reden. Der Flankengott kommt mit seiner „Nummer Drei“ offenbar aus der Abwehr über den linken Flügel. Dass er in vorherigen Spielen andere Ziffern auf dem Trikot trug, lässt auf eine gewisse Vielseitigkeit schließen. Dass er letztlich aber nur „die Zehn“ will, zeugt vom nach wie vor anhaltenden Prestige, das dieser Trikotnummer seit Pelé und Maradona zukommt.

In der dritte Strophe gibt es dann noch etwas banale Regelkunde – Volltreffer will schließlich nicht mehr sein als ein in seiner Banalität klassischer Fußballschlager. Der Refrain ist entsprechend mitgrölgeeignet; der Chor muss nur aufpassen, dass er nicht am alten Comedy-Prinzip des fröhlich angedeuteten und dann doch verweigerten Reims scheitert: Auf „alle singen mit“ folgt am Ende des nächsten Verses „Superspiel“.

Auf Lieder, die die Welt nicht braucht folgte 1996 das Album Melodien für Melonen. Passenderweise endete die furiose Karriere der Doofen mit einem vermeintlichen Live-Mitschnitt eines angeblichen Konzerts im Atztekenstadion von Mexico-City und der Stadionrock-Hymne Wir sind die Doofen.

Martin Kraus, Bamberg

Von der (damals noch) schleichenden Kommerzialisierung des Fußballs. Zu Gerhard Bronners „Der Opitz und der Zwirschina“ (1957)

Gerhard Bronner

Der Opitz und der Zwirschina

Wir habʼn als klane Gʼschroppen ein Ziel vor uns gesehʼn
Wir wollen sehr berühmt werdʼn und in der Zeitung stehn
Egal, obʼs als Verbrecher oder Bundeskanzler war
So wählten wir den Mittelweg und wurden Fußballstar
Und jetzt schätz die ganze Fußballjugend
Den Opitz und den Zwirschina,
Das bin ich und dieser da
Als Vorbild sportlicher Tugend
Von Hütteldorf und Floridsdorf
bis nach Amerika.

Zwaa Haxn und a Laaberl, einen Dress und einen Kopf
Den braucht man nämlich ab und zu zum Köpfeln
Dann braucht man einen Schmäh
Um den Herrn vom ÖFB
Diäten und Moneten abzuknöpfeln.
Weil der Opitz und der Zwirschina
Sind nicht zum Vergnügen da
Und gratis tut das Fußballspielen weh
Und ladʼt uns ein Verein
Zu einem scharfen Training ein,
Da müssen wir energisch protestieren:
Wir wollen unsʼre Ruah
Besonders in der Fruah,
Weil wir da noch den Wein von gestern spüren.
Der Opitz un der Zwirschina
Sind nicht zum Trainieren da,
Weil da schaut außerʼm Trainer keiner zua.
Ja, beim Trainieren da kommst ins Schwitzen
Und strapezierst den internationalen Fuß.
Da tun wir lieber im Klubhaus sitzen
Und sagʼn dem Nachwuchs, wie man Fußballspielen muss.
Und wenn man ʼmal ein Match verliert
Was hie und da passsiert
Weil schwache Stunden habʼn wir schließlich alle
Dann sagen wir sofort
Darüber reden wir kein Wort
Weil Gʼwinnen spielt beim Fußball keine Rolle
Zum Gʼwinnen sind die Andern da,
Der Opitz und der Zwirschina
Die denken – wenn sie denken – nur an Sport.

Pepi, schieß her da!
Hatschert schau!
Nimm eahm krowotisch!
Scheib eahm ins Loch!
Schiedsrichter, mach die Glurren auf!
Outwachler, geh furt!

Ja, ja, der Opitz und der Zwirschina
Das bin ich und dieser da
Die reden – wenn sie reden – nur vom Schpurt
Hörst, der hat der a Maasen
Schau, hinter Dir!
Gʼfäulter geh baden!
Nimm eahm mitʼn Eisenbahnerschmäh!
Foul – der haut eahm inʼd Röhrln,
Zwirnblader, steig eahm an Huat!
Ja, ja, der Opitz und der Zwirschina
Das bin ich und dieser da
Die reden – wenn sie reden – nur vom Schpurt.

Pepi, hörst, da fallt ma ein, i muuaß da was derzöhln:
Da neulich im Kaffeehaus, da redʼt mich einer an
Ein Patzen Kren aus Frankreich, ein reicher Fußballfan.
Der bietet hundert Fetzen – I sag eahm: ja, i brauchʼs,
Dafür spielʼ ich ab nächstes Jahr beim F.C. Bordeaux.

Aber geh, die lassen uns net laufen
Weil Opitz oder Zwirschina
Habʼnʼs ja nicht so viele da.

Dann kriegʼn ma noch höhʼre Schraufen.
Die brennen net – wir rennen net.
Weil trotzig samma aa.

Den Fußball unterstützen ist die erste Bürgerpflicht,
So hieß es kürzlich erst auf einer Tagung.
So denkt auch nebenbei
Eine große Brauerei
Und zahlt a ganze Fußballübertragung.
Doch der Opitz und der Zwirschina
Kriegen nix von denen da,
Drum ist das eine patzen Schweinerei.
Und leider sind in letzter Zeit Verräter unter uns,
Die zersetzen unsern Sportlergeist von innen.
Die habʼn a Ambition.
Die Folgen merkt man schon,
Wennʼs hie und da ein Ländermatch gewinnen
Und der Opitz und der Zwirschina
Stehʼn dadurch als Sandler da,
Der Undank ist und bleibt der Welten Lohn
Jedoch die Presse
Ist niemals böse,
Auch wenn wir noch so sehr bedient sind auf die Schläuchʼ
Was wir auch treiben,
Die werden schreiben:
Ein Unentschieden ist ein Sieg für Österreich!
Auf diese Art bekommt man eine Popularität
Und eventuell a Tankstellʼ mit zwei Pumpen.
Doch wenn ein Star net kriegt,
Worauf er eben fliegt,
Dann laßt er sie halt stocken diese Lumpen.
Der Opitz und der Zwirschina
Machen niemals ein Trara,
Nur – sie spielen bisserl ungeschickt:

Pepi, tua wassern!
Gʼstauchter bleib stehʼ!
Mir geht die Luft aus …
Die Füaß tuan ma weh.
Schau dir was an!
Jetzt habʼn uns die Luxemburger schon des sechste Bummerl gʼschossʼn.
Da kannst nix machen, das sind halt Amateure …
Doch der Opitz und der Zwirschina –
Das bin ich und dieser da –
Die denken – wenn sie denken …
Die reden – wenn sie reden …
Nur von an aanzigen Ideal: den Sport!

     [Zitiert nach: Gerhard Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets. 
     St. Andrä-Wödern 1995.]

Bei Fußballweltmeisterschaften in Südamerika sahen die deutschen Vertreter bis dato ja immer verhältnismäßig schlecht aus. 1930 in Uruguay und 1950 im jetzigen Gastgeberland Brasilien reiste man erst gar nicht an,1962 in Chile war im Viertelfinale Schluss, 1978 in Argentinien gab es dann den Modus der Zwischenrunde und die sogenannte „Schmach“ oder „Schande“ (bzw. – aus gegnerischer Sicht – das „Wunder“) von Córdoba: am 21. Juni 1978 verlor die westdeutsche Auswahl – wie mittlerweile wieder und wieder und wieder erzählt (vgl. Verteidigung dieser fortgesetzten Erzählungen durch Hans Krankl), medial verarbeitet (siehe etwa Parodie von Christoph Grissemann und Dirk Stermann) oder sogar künstlerisch aufbereitet wurde (siehe Inszenierung durch Massimo Furlan im Wiener Hanappi-Stadion 2008) – mit 2:3 gegen die Nationalmannschaft Österreichs (hier ein Zusammenschnitt der Live-Übertragung des deutschen Fernsehens). Das passierte u.a. wegen der fußballerischen Fähigkeiten von Spielmacher Herbert „Schneckerl“ Prohasaka (Auszug aus ORF-Radiokommentar von Edi Finger: „noch einmal Deutschland am Ball und Prohaska haut den Ball ins Out“) und Doppeltorschütze Hans Krankl („I werʼ narrisch! Krankl schießt ein“).

Trotz „Johann K.s“ großartigem Lonely Boy ist man sich allgemein darüber einig, dass die sängerischen Fähigkeiten von Krankl und Prohaska als vergleichsweise bescheiden zu bewerten sind. Über die Art, mit der sie sich 1990 – Prohaska war zuvor zum Übungsleiter bei der Wiener Austria (Vereinsfarben Violett und Weiß); Krankl war Trainer beim Stadtrivalen SK Rapid (Grün und Weiß) – als die Figuren Opitz und Zwirschina präsentierten, urteilte Gerhard Bronner:

Kennen Sie das Gefühl, wenn sich einem vor Peinlichkeit innerhalb der Schuhe die Zehen einringeln? So erging es mir damals beim Betrachten dieser Darbietung. Die beiden Herren sahen zwar, im Unterschied zu Wehle und mir, wie wirkliche Fußballer aus. Aber das ist auch schon das einzig Positive, was über diesen Auftritt zu berichten wäre.

Die „größere Publicity“, die den beiden Helden von Córdoba mit ihrer Version seines Liedes (hier die Originalversion von Bronner mit Wehle aus dem Jahr 1957) naturgemäß zukam, machte Kabarettist und Komponist Bronner bewusst, dass er „den falschen Beruf gewählt“ hatte (zit. nach: Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets, S. 60). Fußballprofi müsste man sein. Fußballprofis bekommen krass viel Aufmerksamkeit, verdienen absurd viel Geld und fahren unerhört luxuriöse Autos (vgl. hierzu aktuell den Bericht der NDR-Sendung Panorama 3 vom 10.6.2014).

Wer deshalb eine Neiddebatte anstoßen möchte, sollte das vielleicht besser nicht versuchen, solange Deutschland bei einer Weltmeisterschaft Spiele gewinnt. Fest steht, dass das oft pervers erscheinende Verhältnis von Profifußball und Geld nur die Konsequenz unserer anhaltenden Begeisterung und das Ergebnis einer seit Jahrzehnten fortschreitenden Entwicklung ist (vgl. aus früheren Zeiten z.B. die Aussagen von Michael Rummenige aus den 1980er Jahren oder etwa den Prämienstreit der DFB-Elf bei der WM 1974). Am Anfang besagter Entwicklung standen Exemplare wie hier „der Opitz“ und „der Zwirschina“, denen das Fußballspielen „gratis“ schon damals „weh“ tat, die bei nicht ausreichender Bezahlung „energisch protestier[t]en“ oder gar „a bisserl ungeschickt“ spielten, denen es verstärkt darum ging, mit „Schmäh / […] den Herrn vom ÖFB / Diäten und Moneten abzuknöpfeln“, deren Forderungen aber angesichts aktueller Ausmaße doch noch recht bescheiden erscheinen.

Über die Inspiration für diese Kabarettnummer schrieb Bronner rückblickend: „Länderspiele wurden schmählich verloren, die wenigen guten Spieler gingen ins Ausland, andere waren nur dadurch in Österreich festzuhalten, daß ihnen irgendwelche Mäzene Tankstellen oder sonstige sichere Einnahmequellen spendierten.“ (zit. nach: Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets, S. 60) Von einer „Tankstellʼ mit zwei Pumpen“ lassen sich die heutigen Nationalspieler freilich nicht mehr zum Verbleib bewegen, umgekehrt reichen „hundert Fetzen“ Handgeld auch kaum mehr für einen Vereinswechsel. Bronner karikierte den gewieften Berufsfußballer, wie er sich 1957 zunehmend geschäftstüchtig und weniger idealistisch präsentierte. Aus heutiger Sicht wirken die zwei Wiener Fußballlegenden ziemlich genügsam und als „Typen“ (vgl. zur Bedeutung bzw. erhöhten Wertigkeit des Begriffs „Typen“ aktuell die Aussagen von Kevin-Prince Boateng) auch darüber hinaus durchaus sympathisch. Nicht wenige vermissen im modernen Fußball die Enfants terribles, die sich – wie etwa George Best, Eric Cantona oder Ansgar Brinkmann – auch mal unverkrampft trainigsfaul geben, weil sie noch den „Wein von gestern spüren“. Wieviel unterhaltsamer wäre schließlich der ganze Fußballzirkus, wenn es zumindest ab und an noch ein bisschen unprofessioneller zuginge?

Dass „Opitz“ und „Zwirschina“ hier – statt immer nur an ihrer eigenen Fitness zu feilen – „dem Nachwuchs [erklären], wie man Fußballspielen muß“, mutet nachgerade romantisch an. Ebenso nostalgisch wirkt der einleitende Verweis auf die Protagonisten als „klane Gʼschroppen“, die sich wünschten „sehr berühmt [zu] werdʼn“. Die Karriere als Fußballer wird dabei als „Mittelweg“ zwischen „Verbrecher“ und „Bundeskanzler“ verortet – eine Umschreibung, die abgesehen vom jeweiligen Nettoeinkommen noch heute passt. Es sei dahingestellt, ob Deutschlands Fußballnationalmannschaft doch einmal in Südamerika erfolgreich sein kann; schade, dass sich Österreich nicht qualifizieren konnte – und sehr schade, dass es dabei an Spielern wie Opitz und Zwirschina mangelt.

 Martin Kraus, Bamberg

Ahnherr aller Torwarthelden: „Der Theodor im Fußballtor“ von Kurt Feltz

 

Kurt Feltz

Der Theodor im Fußballtor

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor.
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der Held, der hält!

Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

„Hallo, Hallo, Sie hören jetzt die letzten 5 Minuten der interessanten Übertragung des
internationalen Fußballwettspiels: Schienbein 04 gegen Miniskuskickers.
Das Spiel steht 45 zu … Ja, das weiß man noch …, nein, das weiß man leider noch nicht,
denn alle 2 Minuten fielen hier 3 Tore, sämtliche 32 Karten befinden sich auf dem
Spielfeld verteilt, der … die 22 Spieler befinden sich noch in … Pardon, eben hat der
Mittelstürmer von Miniskus den Ball nach rechts gegeben, nein, Verzeihung, das war der
Schuh vom Schiedsrichter, aber ein anderer Stürmer trägt etwas nach vorne. Was trägt
denn der nach vorne? Aaah ja, den Ball natürlich, den Ball und alle anderen ihm nach,
sie setzen ihm nach, sie rennen ihm nach, sie laufen ihm nach, man könnte sogar sagen,
sie segeln ihm nach, denn der Zustand des Spielfeldes ist geradezu katastrophal,
sämtliche Spieler stehen bis zu den Knöcheln im Wasser, vom Ball ist leider weit und
breit nichts zu sehen, aber jetzt, aber jetzt, der halbrechte Verteidiger von
Schienbein 04, nimmt dem voreiligen Stürmer von Miniskus in die Krawatte, er setzt ihm
einen doppelten Meldor [eigentlich eine Abart der Hunderasse des Irish Setters, hier
als Ringergriff gemeint], drückt ihm die Brücke ein und auch eine Brücke, eine Brücke,
Akrobat schön, und beide versinken im Morast, das Spiel aber geht weiter, der Sturm
rast, ja, es rast der Sturm und will sein Opfer haben und hilflos steht der arme
Tormann von Schienbein 04 dem Ansturm gegenüber, nur noch 5 Meter, nein 4, nein 3 1/2
trennen die Hyänen des Spielfeldes von dem armen Tormann, da in letzter Minute, in
letzter Sekunde reißt Theo, der Tormann, geistesgegenwärtig die obere Latte vom Tor und
schlägt damit den Angriff zurück, gerettet“.

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor!
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der hält, der hält!

Und Schuss hinein, aber nein, aber nein, aber nein
der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält:
Ja, unser Theodor, der Held, der hält.

Lied und Reportage stammen aus dem Jahr 1948. Vom „Stürmer“ hatte das Volk die Nase voll, und so geriet der Torwart in den Brennpunkt des Geschehens. Ein Torwart greift nicht an, er ist der wichtigste Defensivspieler. Das Volksempfinden nimmt hier das Jahr 1956 vorweg: Aus dem Kriegsministerium wurde das Ministerium für Verteidigung. Und so wie ein Torwart seinen Strafraum sauber hält, so sollte die neu geschaffene Bundeswehr nur die Heimat verteidigen.

1948: Deutschland war aufgeteilt in vier Besatzungszonen; Adenauer wurde zum Präsidenten des aus den Ministerpräsidenten der elf Länder der Westzonen bestehenden Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz der späteren Bundesrepublik ausarbeitete. Westberlin wurde mit der Luftbrücke durch die „Rosinenbomber“ der US-Amerikaner versorgt. Der Zweite Weltkrieg lag drei Jahre zurück, aber die Folgen waren noch zu spüren, u. a. daran, dass die Deutschen nicht zu den Olympischen Spielen in Sankt Moritz und London eingeladen wurden. Doch war das Brot auch knapp, Spiele mussten her. Und so entstanden viele Sportvereine; vor allem wurden viele Fußballvereine neu- oder wiedergegründet. Passend zur geplanten 1. deutschen Fußballmeisterschaft 1948 textete Kurt Feltz das Fußballlied Der Theodor im Fußballtor, das zunächst über das Radio und durch die von seinem Schulfreund Ralph Maria Siegel im selben Jahr herausgegebene Akkordeon-Partitur schnell bekannt wurde.

Theodor1

Nicht überliefert ist, ob es bei den nach dem K.o.-System ausgetragenen Ausscheidungsspielen oder beim rein westdeutschen Endspiel gesungen wurde. Noch vor Beginn des Wettbewerbs zogen nach der Währungsreform (Einführung der DM) in den drei westlichen Besatzungszonen die Vereine der sowjetischen Besatzungszone ihre Teilnahme zurück. So kam es, dass sich im Endspiel der FC Nürnberg und der 1. FC Köln gegenüberstanden. Die Franken gewannen das Spiel 2:1.

Adäquat zur Ernährungslage und zur politischen Situation entstanden 1948 auch die Schlager Ich hab‘ so Sehnsucht nach Würstchen mit Salat, gesungen von Bully Buhlan, und Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, ein Lied, das nicht nur zum Karneval gesungen wurde.

Kurt Feltz (1910-1982), der Texter des Theodor, wurde in den späteren Jahren berühmt als Verfasser zahlreicher Schlager (rund 3.500 Liedtexte), von denen 20 die Nr. 1 der Hitlisten in den Jahren 1955 bis 1982 einnahmen. Bereits 1952 und 1953 hatte Feltz große Erfolge zu verzeichnen mit Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein und Man müßte noch mal zwanzig sein.

Der Komponist des Fußballlieds, Werner Bochmann (1900-1993), mit Filmmusiken für rund 120 deutsche und internationale Filme, darunter Heimat, deine Sterne, Quax, der Bruchpilot und Die Feuerzangenbowle, erhielt 1967 für sein Lebenswerk den Bundesfilmpreis in Gold.

War dem Theodor, zuerst von der Schauspielerin Margot Hielscher gesungen, zunächst ein überschaubarer Erfolg beschieden, so wurde das Lied langsam populär, seitdem der Burgschauspieler Theo Lingen es auf der gleichnamigen Schellackplatte interpretierte und näselnd eine rasante Reportage zu einem Fußballspiel zwischen den Mannschaften Schienbein 04 und Meniskusmuskel ablieferte. Geradezu Kult wurden Gesang und Reportage nach der Kinopremiere des gleichnamigen deutsch-österreichischen Films vom 29. August 1950.

Theodor2

Wie das Lied bediente auch dieses Lustspiel mit den bereits vor oder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekannten und beliebten Stars wie Lucie Englisch, Hans Moser, Gustav Knuth, Josef Meinrad oder Beppo Brem den Wunsch der Überlebenden nach Spaß und Spiel.

Bereits im August 1948 war in der SBZ bei AMIGA eine gleichnamige Platte erschienen, gesungen von Ilja Glusgal, der von Kurt Henkels Tanzorchester Sender Leipzig begleitet wurde. Ilja Glusgal, der einige Jahre nach 1945 als der beste Schlagzeuger in Deutschland galt, war als Sänger bereits 1940 von Michael Jary (Schlager- und Filmkomponist und Orchesterleiter) entdeckt worden. Glusgals berühmtester, auch in Westdeutschland populärer Schlager, war das ebenfalls von Kurt Feltz getextete Lied Maria aus Bahia.

Ebenfalls 1948 erfolgte in Österreich eine Pressung des Theodor auf Austrophon mit den Austrophon-Solisten unter Leitung von Bruno Uher. Auch in der Schweiz und sogar in Australien kamen Platten mit den Titeln Teddy Holds the Soccer Goal bzw. Theodor the Goalkeeper heraus.
Eine eindeutig am Theodor orientierte Version spielen und singen Die 3 Travellers (bekannt geworden durch ihre Erfolgsschlager: Hallo, kleines Fräulein, Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin) in Form einer Fußballreportage: „Hallo, hallo, hier Fußballplatz, / wir schalten uns jetzt ein …“

Wie bekannt unser Theodor im Fußballtor nach wie vor ist, zeigen einige Fußballfreunde in Weingarten. Anlässlich der Stadtmeisterschaft der Amateurvereine dichteten sie nach dem Sieg (2:1) der Stadtwerke Weingarten gegen den GHV (Gewerbe und Handelsverein):

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der GHV auch rennt, wie die Stadt auch macht,
dreimal hat‘ s gekracht…

2009 verjazzte die Old Merry Tale Jazzband den Theodor auf ihrem Album Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Und im April 2010 wurde in Wuppertal eine Revue aufgeführt mit dem Titel Der Theodor im Fußballtor – Lieder und Schlager aus den 50er Jahren.

Dagegen wird die folgende Strophe wahrscheinlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen:

Du bist kein Übermensch,
du bist kein Untermensch,
du bist ein Sportsmann
und du hast deinen Sportverein.
Ob der nun vorne liegt,
ob der nun hinten liegt,
du wirst als Sportsmann,
bei jedem Spiel zugegen sein.

Georg Nagel, Hamburg