Der Deutschen liebste Hymne im Glück: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ der Mainzer Hofsänger (Text: Walter Rothenburg; 1951)

Die Mainzer Hofsänger (Text: Walter Rothenburg)

So ein Tag, so wunderschön wie heute

Der Tag mit euch war wunderschön,
Wir sagen gern auf Wiedersehn
Und hoffen, dass auch euch gefiel,
Was wir gebracht in unserm Spiel.

Schau die bunten Sterne
Am Firmament hier stehn, [Variante: Am Narrenhimmel stehn,]
Ach, ich blieb' so gerne,
Doch leider muß ich gehn.

So ein Tag, so wunderschön wie heute,
So ein Tag, der dürfte nie vergehn.
So ein Tag, auf den man sich so freute,
Und wer weiß, wann wir uns wiedersehn.

Ach wie bald entschwinden frohe Stunden, [Ach wie bald ist wieder Aschermittwoch,]
Und die Tage im Wind verwehn.
So ein Tag, auf den man sich so freute,
Und wer weiß, wann wir uns wiedersehn.

Ach wie bald entschwinden frohe Stunden
Und die Tage im Wind verwehn.
So ein Tag, so wunderschön wie heute,
So ein Tag, der dürfte nie vergehn.

Fürwahr kein Lied für Goethes komischen Zausel, der bei seiner berühmten Wette mit dem Teufel (Studierzimmerszene) folgende Bedingung für die Niederlage formulierte:

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Faust gibt sich in diesen Versen als der Gierschlund zu erkennen, der er ist: ein Action-Junkie, der seinen Hals nie voll bekommt. Kaum ist das eine Begehren gestillt, geht es weiter. Als Konsument ein Superheld des Turbo-Kapitalismus, im Grunde aber doch nur ein unglücklicher Tropf! Wer So ein Tag, so wunderschön wie heute anstimmt oder mitsingt, ist dagegen in aller Regel höchst zufrieden mit sich und der Welt, nein, mehr als zufrieden – der ist glücklich (oder tut wenigstens so)! Er ist nicht nur einfach glücklich, sondern er weiß das auch und er weiß diesen Zustand zu schätzen. Er freut sich über sein momentanes Glückserlebnis nicht zuletzt deshalb, weil er dessen Fragilität nur zu genau kennt; mehr noch: Im Bewusstsein der Singenden mindert die Vergänglichkeit des schönen Augenblicks dessen Wert nicht, sondern steigert sie noch.

Unser Loblied auf den ,wunderschönen Tag‘ singt man nicht für sich allein, normaler Weise auch nicht zu zweit, ja nicht einmal zu dritt oder viert: Es braucht schon ein ansehnliches ,Kollektiv‘ – eine größere Geburtstagsrunde, einen Festsaal oder womöglich ein volles Fußballstadion –, das gemeinsam das Glück des Moments empfindet und diesem Gefühl auch gemeinsam Ausdruck geben will, um sich des gemeinsamen Glücks-Bewusstseins zu versichern, den schönen Augenblick im Gesang noch ein wenig länger festzuhalten und vielleicht auch für die Erinnerung zu speichern.

Die Mitglieder solcher Kollektive können miteinander bekannt, ja sogar befreundet sein, doch ist das keine zwingende Voraussetzung, wie das Beispiel der Fußball-Fans zeigt. Wichtiger als eine vorgängige Verbindung ist die spontan einsetzende ,Verschwisterung‘ (ich schreibe bewusst nicht ,Verbrüderung‘), die während des Singens dieser Glücks-Hymne zwischen den Mitsingenden erfolgt. Zur Abrundung des perfekten Tages fehlt nun nur noch der Topos, dass sich ,wildfremde Leute in die Armen fallen‘. Wir haben im deutschen Sprachraum eine Reihe ähnlicher Lieder, die ebenfalls positive Befindlichkeiten von Kollektiven artikulieren und Prozesse spontaner Vergemeinschaftung unterstützen: Ich erinnere nur an Schillers/Beethovens Ode An die Freude, das Weihnachtslied O du fröhliche, Julis Perfekte Welle oder, ganz eng bei unserem Lied, Tage wie diese von den Toten Hosen. Es bräuchte einen eigenen ethnologischen Essay, die – manchmal nur recht feinen – pragmatischen Differenzen all dieser Lieder zu klären. Sehr grob kann man vielleicht sagen, dass So ein Tag, so wunderschön wie heute ohne Symphonieorchester und das staatstragende Pathos von Schillers Ode, ohne einschränkende Bezüge auf eine religiöse Botschaft bzw. ein spezielles jugendliches Milieu und mit deutlich weniger Alkohol als das Glückslied der Hosen auskommt. Wenn es anlässlich großer Siege in Fußballstadien zelebriert wird, fehlt ihm der Gestus des Triumphs (wie bei We are the Champions von Queen), im karnevalistischen Kontext evoziert es eher Tränen der Rührung als solche des Lachens. Auf alle Fälle ist es das mit Abstand beliebteste ,Stimmungslied‘ der Deutschen.

Auch deshalb gehört es zu karnevalistischen Festen und wegen seiner Wehmut angesichts der Vergänglichkeit aller schönen Dinge von der Dramaturgie her natürlich an deren Ende. Die Veranstalter närrischer Großveranstaltungen wussten und beherzigten dies schon seit den frühen 1950er Jahren, indem sie die großen Finale ihrer Bühnenshows bevorzugt mit diesem Lied einleiteten, das von Lotar Olias 1951 für den Auftritt der Mainzer Hofsänger für die kommende Saison komponiert worden ist (vgl. Walter Moßmann und Peter Schleunig: Alte und neue politische Lieder. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 269). Es markiert im zeitlichen Kontinuum eines Festes jene Phase, in der die Hochstimmung ihren Gipfelpunkt erreicht und überschreitet. Die Teilnehmer denken bereits an Aufbruch, Abschied, Trennung, an ihre Rückkehr in den mehr oder minder grauen Alltag. Aus dieser Situation einer gewissen Distanz zum – bereits gehabten, aber immer noch emotional wärmenden, ja erregenden – Glücks-Erlebnis entsteht seine Reflexion. Diese Reflexion der abflutenden Freude führt zum Wunsch nach ewigwährender Verlängerung des glücklichen Moments bei gleichzeitigem Bewusstsein der Nicht-Realisierbarkeit dieses Begehrens.

Zur oben angesprochenen Verschwisterungs-Leistung dieses Liedes trägt sein Perspektivenwechsel bei. Die Sprecherinstanz wechselt zwischen einem (eher) kollektiven „wir“ (Refrain, 4. Zeile), einem individuellen „ich“ (2. Strophe) und einem unscharfen „man“ (Refrain, 3. Zeile), was aber insofern vernachlässigt werden kann, als Individuum und Kollektiv ersichtlich im Gleichtakt ,ticken‘. Der mehrfache Wechsel von kollektiver Stimme und individuellen Sprechern fügt sich bestens zum Vortrag des Liedes durch einen Chor mit Solisten, wie es die ,Mainzer Hofsänger‘ jahrzehntelang ihrem Publikum vorgemacht haben. Mitglieder des Mainzer Konservatoriums hatten sich 1926 zu einem karnevalistischen Spaßchor zusammengefunden, der die Prunksitzungen lokaler Fassenachts-Vereine mit seinen Beiträgen bereicherte. Von 1952 an hatten die Hofsänger So ein Tag, so wunderschön wie heute in ihrem Programm, das ab 1955, mit Beginn der Fernsehübertragungen der großen Mainzer Prunksitzung Mainz wie es singt und lacht (ab 1973 unter dem Titel „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“), dann auch deutschlandweit ausgestrahlt wurde.

Der Titel wurde von Walter Rothenburg getextet, die Melodie hatte, wie oben schon erwähnt, Lotar Olias beigesteuert. Inwieweit sich Olias dafür von der Melodie der Internationale inspirieren ließ (so die These von Moßmann/Schleunig, s.o., S. 270), wage ich nicht zu beurteilen. Rotenburg (1889-1975) war eine mehr als schillernde Persönlichkeit im deutschen Unterhaltungsgeschäft: Der gebürtige Hamburger hatte seinen ersten Beruf bei der deutschen Kriegsmarine gefunden, in den zwanziger und dreißiger Jahren kannte man ihn als einen bedeutenden Boxpromoter, gleichzeitig betätigte er sich aber auch als freier Schriftsteller und Liedtexter. So stammt beispielsweise der Text von Freddys Junge, komm bald wieder ebenso aus seiner Feder wie der große Karnevalsschlager Oh, wie ist das schön.

Lotar Olias (1913-1990) war ebenfalls kein Unbekannter im Schlager- und Filmgeschäft der Nachkriegszeit; er textete und komponierte damals recht erfolgreich. Da sich Olias im Dritten Reich mächtig exponiert hatte, stand er nach dem Krieg zunächst im Abseits der Unterhaltungsbranche. Ab 1949 ging es für ihn dann aber wieder deutlich voran, bis in die mittleren 1960er Jahre komponierte er praktisch jedes Jahr gleich für mehrere Filme. So ein Tag, so wunderschön wie heute wurde 1954 in dem Unterhaltungsfilm Geld aus Luft (Regie: Géza von Cziffra, Sängerin: Lonny Kellner) eingebaut. Beim gebürtigen Königsberger und späteren Hamburger Olias gibt es, ähnlich wie bei Walter Rothenburg, eine auffällige Affinität zu Fernweh-Produktionen, bei denen Freddy Quinn als Schauspieler bzw. Sänger beteiligt war.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

 

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Stadionrock. Zu Die Doofen: „Volltreffer“

Video hier

Die Doofen

Volltreffer

Volltreffer, Volltreffer, wieder mal ein Tor
Jeder Schuss ein Treffer, jeder Schuss geht rein
Volltreffer, Volltreffer, alle singen mit
Dieser Bundesligaschlager ist ein Superspiel

Didi gibt von links hinein
auf Professor Bolz
eine kurze Körpertäuschung
und dann kracht das Holz
wieder einmal an den Pfosten
und von dort zu Paul
dieser wird gleich umgeruppt
Elfmeter wegen Foul

Volltreffer [...]

Willy ist ein Flankengott
er trägt die Nummer Drei
früher hatte er die Fünf
davor die Nummer Zwei
Eigentlich will er die Zehn
doch die ist schon besetzt
und zwar von der Nummer Acht
doch der ist heut verletzt

Volltreffer [...]

Fußi ist ein schöner Sport
man spielt den Ball per Fuß
Ebenfalls erlaubt ist auch
das Köpfen mit dem Kopf
nimmt man dann die Hand zur Hand,
pfeift der Schiri ab
und verwarnt den Bösewicht
mit einer gelben Papp

Volltreffer [...]

     [Die Doofen: Lieder, die die Welt nicht braucht. Sing Sing 1995.]

 

Seit auch fast schon wieder einem Jahrezehnt ist das Münchener Olympiastadion keine Bühne des Weltfußballs mehr: Die zentrale Austragungsstätte der Olympischen Sommerspiele von 1972, die den „Spiele[n] im Grünen“ und „Spiele[n] der Freiheit“ durch ihr seifenblasengleiches Zeltdach ein markantes, erst von den Architekten, dann vom Publikum und mittlerweile auch von (Kunst-)Historikern vielfach gelobtes Gesicht gab, erschien zu Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr ausreichend attraktiv. Der FC Bayern wollte in eine Arena nach Fröttmaning ziehen, der TSV 1860 musste wohl oder übel mit (zu den damaligen Diskussion vgl. etwa aktuell wieder aufgekocht den Konflikt zwischen Ex-Oberbürgermeister Christian Ude und Ex-Vereinsmanager Uli Hoeneß). Ein Stadion, in dem sich die Zuschauer wie zu einem gemütlichen Picknick als Individuen einfinden können, in dem sie nicht zur Masse konzentriert werden, entsprach leider nicht mehr der Mode der Zeit. Zur Saison vor der WM in Deutschland verließ der große Fußball das Olympiastadion.

Man kann mit dieser Betonschlüssel freilich kein echtes Mitleid haben. Bis 2005 hatte es zahlreiche bedeutende Spiele der Fußballgeschichte – u.a. die Finalpartien der Weltmeisterschaft 1974 und der Europameisterschaft 1988 sowie den Dortmunder Champions League-Triumph von 1997 – beherbergen dürfen. Und auch musikalisch gab es einige Sternstunden. Zu diesen Sternstunden zählt – zumindest aus der Sicht der Akteure (vgl. hierzu etwa Olli Dittrichs Erinnerungen in seiner Autobiografie Das wirklich wahre Leben) – zweifellos das Konzert von Wigald Boning und Olli Dittrich alias Die Doofen am 3. Juni 1995 (vgl. Artikel der Zeitschrift Musikexpress im Juni 1995).

Mitte des Jahres 1995 hatten Die Doofen den Gipfel ihres gemeinsamen Ruhmes erklommen. Die Single Mief (Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke) stand ebenso auf Platz 1 der Charts wie das Album Lieder, die die Welt nicht braucht; das Comedy-Duo verkaufte innerhalb weniger Monate fast eine Million Tonträger (vgl. Spiegel vom 19.2.1996). Im Magazin Focus hieß es dazu: „Deutschland im Blödelfieber – die Musikindustrie verdient sich mit Schwachsinn dumm und dämlich“.

Manche werteten den Erfolg der „Blödelbarden“ Boning und Dittrich als besonders deppertes Phänomen der damals viel dikutierten „Spaßgesellschaft“ ab, andere hatten reichlich Spaß an einer Reihe von abwechslungsreichen Musikstücken, deren pennälerhumoristischen Texten zufolge z.B. ein Haus aus Schweinskopfsülze entstehen soll oder ein Pullunder auf Reisen geht. Weitere Lieder, die die Welt nicht braucht, beschäftigen sich etwa mit FKK oder Jesus, erzählen die Lebensgeschichte eines Weihnachtsbaums mit sexuellen Anspielungen („und dann bekam er auch noch einen Ständer“ – Ein Hoch auf das Fest der Liebe) oder preisen das Leben ohne Abitur in der Natur („der Esel fährt zur IAA / und ich geh nicht zur Penne“ – Muh, Muh, Muh).

Unter diesen Liedern weist Volltreffer wohl nicht gerade die offensichtlichsten Pointen auf, auf jeden Fall aber passte es am Abend des 3. Juni 1995 am ehesten in das Münchner Olympiastadion. Der Song kann als Parodie des schmetternden Fußballschlagers verstanden werden; vielleicht aber besser noch als Hommage, die an Der Theodor im Fußballtor(1948), die Beschreibung spektakulärer Spielszenen in Gerd Müllers Dann macht es Bumm (1974) oder die Volksfeststimmung in Gert Fröbes Laß doch mal Dampf ab („und geh mit deinem Schatz / am nächsten Samstag / auf den Fußballplatz“; 1980) erinnert.

Nach den gute alte Zeiten des Fußballs klingen bereits die Spielernamen „Didi“, „Paul“ und „Flankengott“ „Willy“; statt einem Pfosten aus Aluminium wird noch das „Holz“ getroffen, zudem kann Fußballnostalgiker erfreuen, dass „Professor Bolz“ hier wörtlich „umgeruppt“ wird (vgl. aktuell etwa die Aktion „Rettet Ruppen“ im Rahmen von Arnd Zeiglers Wunderbarer Welt des Fußballs).

In der zweiten Strophe wird sich dann einem besondern Thema der Fußballgeschichte zugewandt: dem Rückennummernfetischismus. Zur Saison 1994/95 wurde im deutschen Profifußball das herkömmliche Durchnummeriern nach Position durch feste Rückennummern ersetzt. Das führte freilich nicht dazu, dass die traditionellen Bedeutungen der Nummern 1 bis 11 verloren gingen. Wer heute den Experten lauscht, hört sie ständig von zwei Sechsern, abgekippten Neunern oder klassichen Zehnern reden. Der Flankengott kommt mit seiner „Nummer Drei“ offenbar aus der Abwehr über den linken Flügel. Dass er in vorherigen Spielen andere Ziffern auf dem Trikot trug, lässt auf eine gewisse Vielseitigkeit schließen. Dass er letztlich aber nur „die Zehn“ will, zeugt vom nach wie vor anhaltenden Prestige, das dieser Trikotnummer seit Pelé und Maradona zukommt.

In der dritte Strophe gibt es dann noch etwas banale Regelkunde – Volltreffer will schließlich nicht mehr sein als ein in seiner Banalität klassischer Fußballschlager. Der Refrain ist entsprechend mitgrölgeeignet; der Chor muss nur aufpassen, dass er nicht am alten Comedy-Prinzip des fröhlich angedeuteten und dann doch verweigerten Reims scheitert: Auf „alle singen mit“ folgt am Ende des nächsten Verses „Superspiel“.

Auf Lieder, die die Welt nicht braucht folgte 1996 das Album Melodien für Melonen. Passenderweise endete die furiose Karriere der Doofen mit einem vermeintlichen Live-Mitschnitt eines angeblichen Konzerts im Atztekenstadion von Mexico-City und der Stadionrock-Hymne Wir sind die Doofen.

Martin Kraus, Bamberg

Von der (damals noch) schleichenden Kommerzialisierung des Fußballs. Zu Gerhard Bronners „Der Opitz und der Zwirschina“ (1957)

Gerhard Bronner

Der Opitz und der Zwirschina

Wir habʼn als klane Gʼschroppen ein Ziel vor uns gesehʼn
Wir wollen sehr berühmt werdʼn und in der Zeitung stehn
Egal, obʼs als Verbrecher oder Bundeskanzler war
So wählten wir den Mittelweg und wurden Fußballstar
Und jetzt schätz die ganze Fußballjugend
Den Opitz und den Zwirschina,
Das bin ich und dieser da
Als Vorbild sportlicher Tugend
Von Hütteldorf und Floridsdorf
bis nach Amerika.

Zwaa Haxn und a Laaberl, einen Dress und einen Kopf
Den braucht man nämlich ab und zu zum Köpfeln
Dann braucht man einen Schmäh
Um den Herrn vom ÖFB
Diäten und Moneten abzuknöpfeln.
Weil der Opitz und der Zwirschina
Sind nicht zum Vergnügen da
Und gratis tut das Fußballspielen weh
Und ladʼt uns ein Verein
Zu einem scharfen Training ein,
Da müssen wir energisch protestieren:
Wir wollen unsʼre Ruah
Besonders in der Fruah,
Weil wir da noch den Wein von gestern spüren.
Der Opitz un der Zwirschina
Sind nicht zum Trainieren da,
Weil da schaut außerʼm Trainer keiner zua.
Ja, beim Trainieren da kommst ins Schwitzen
Und strapezierst den internationalen Fuß.
Da tun wir lieber im Klubhaus sitzen
Und sagʼn dem Nachwuchs, wie man Fußballspielen muss.
Und wenn man ʼmal ein Match verliert
Was hie und da passsiert
Weil schwache Stunden habʼn wir schließlich alle
Dann sagen wir sofort
Darüber reden wir kein Wort
Weil Gʼwinnen spielt beim Fußball keine Rolle
Zum Gʼwinnen sind die Andern da,
Der Opitz und der Zwirschina
Die denken – wenn sie denken – nur an Sport.

Pepi, schieß her da!
Hatschert schau!
Nimm eahm krowotisch!
Scheib eahm ins Loch!
Schiedsrichter, mach die Glurren auf!
Outwachler, geh furt!

Ja, ja, der Opitz und der Zwirschina
Das bin ich und dieser da
Die reden – wenn sie reden – nur vom Schpurt
Hörst, der hat der a Maasen
Schau, hinter Dir!
Gʼfäulter geh baden!
Nimm eahm mitʼn Eisenbahnerschmäh!
Foul – der haut eahm inʼd Röhrln,
Zwirnblader, steig eahm an Huat!
Ja, ja, der Opitz und der Zwirschina
Das bin ich und dieser da
Die reden – wenn sie reden – nur vom Schpurt.

Pepi, hörst, da fallt ma ein, i muuaß da was derzöhln:
Da neulich im Kaffeehaus, da redʼt mich einer an
Ein Patzen Kren aus Frankreich, ein reicher Fußballfan.
Der bietet hundert Fetzen – I sag eahm: ja, i brauchʼs,
Dafür spielʼ ich ab nächstes Jahr beim F.C. Bordeaux.

Aber geh, die lassen uns net laufen
Weil Opitz oder Zwirschina
Habʼnʼs ja nicht so viele da.

Dann kriegʼn ma noch höhʼre Schraufen.
Die brennen net – wir rennen net.
Weil trotzig samma aa.

Den Fußball unterstützen ist die erste Bürgerpflicht,
So hieß es kürzlich erst auf einer Tagung.
So denkt auch nebenbei
Eine große Brauerei
Und zahlt a ganze Fußballübertragung.
Doch der Opitz und der Zwirschina
Kriegen nix von denen da,
Drum ist das eine patzen Schweinerei.
Und leider sind in letzter Zeit Verräter unter uns,
Die zersetzen unsern Sportlergeist von innen.
Die habʼn a Ambition.
Die Folgen merkt man schon,
Wennʼs hie und da ein Ländermatch gewinnen
Und der Opitz und der Zwirschina
Stehʼn dadurch als Sandler da,
Der Undank ist und bleibt der Welten Lohn
Jedoch die Presse
Ist niemals böse,
Auch wenn wir noch so sehr bedient sind auf die Schläuchʼ
Was wir auch treiben,
Die werden schreiben:
Ein Unentschieden ist ein Sieg für Österreich!
Auf diese Art bekommt man eine Popularität
Und eventuell a Tankstellʼ mit zwei Pumpen.
Doch wenn ein Star net kriegt,
Worauf er eben fliegt,
Dann laßt er sie halt stocken diese Lumpen.
Der Opitz und der Zwirschina
Machen niemals ein Trara,
Nur – sie spielen bisserl ungeschickt:

Pepi, tua wassern!
Gʼstauchter bleib stehʼ!
Mir geht die Luft aus …
Die Füaß tuan ma weh.
Schau dir was an!
Jetzt habʼn uns die Luxemburger schon des sechste Bummerl gʼschossʼn.
Da kannst nix machen, das sind halt Amateure …
Doch der Opitz und der Zwirschina –
Das bin ich und dieser da –
Die denken – wenn sie denken …
Die reden – wenn sie reden …
Nur von an aanzigen Ideal: den Sport!

     [Zitiert nach: Gerhard Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets. 
     St. Andrä-Wödern 1995.]

Bei Fußballweltmeisterschaften in Südamerika sahen die deutschen Vertreter bis dato ja immer verhältnismäßig schlecht aus. 1930 in Uruguay und 1950 im jetzigen Gastgeberland Brasilien reiste man erst gar nicht an,1962 in Chile war im Viertelfinale Schluss, 1978 in Argentinien gab es dann den Modus der Zwischenrunde und die sogenannte „Schmach“ oder „Schande“ (bzw. – aus gegnerischer Sicht – das „Wunder“) von Córdoba: am 21. Juni 1978 verlor die westdeutsche Auswahl – wie mittlerweile wieder und wieder und wieder erzählt (vgl. Verteidigung dieser fortgesetzten Erzählungen durch Hans Krankl), medial verarbeitet (siehe etwa Parodie von Christoph Grissemann und Dirk Stermann) oder sogar künstlerisch aufbereitet wurde (siehe Inszenierung durch Massimo Furlan im Wiener Hanappi-Stadion 2008) – mit 2:3 gegen die Nationalmannschaft Österreichs (hier ein Zusammenschnitt der Live-Übertragung des deutschen Fernsehens). Das passierte u.a. wegen der fußballerischen Fähigkeiten von Spielmacher Herbert „Schneckerl“ Prohasaka (Auszug aus ORF-Radiokommentar von Edi Finger: „noch einmal Deutschland am Ball und Prohaska haut den Ball ins Out“) und Doppeltorschütze Hans Krankl („I werʼ narrisch! Krankl schießt ein“).

Trotz „Johann K.s“ großartigem Lonely Boy ist man sich allgemein darüber einig, dass die sängerischen Fähigkeiten von Krankl und Prohaska als vergleichsweise bescheiden zu bewerten sind. Über die Art, mit der sie sich 1990 – Prohaska war zuvor zum Übungsleiter bei der Wiener Austria (Vereinsfarben Violett und Weiß); Krankl war Trainer beim Stadtrivalen SK Rapid (Grün und Weiß) – als die Figuren Opitz und Zwirschina präsentierten, urteilte Gerhard Bronner:

Kennen Sie das Gefühl, wenn sich einem vor Peinlichkeit innerhalb der Schuhe die Zehen einringeln? So erging es mir damals beim Betrachten dieser Darbietung. Die beiden Herren sahen zwar, im Unterschied zu Wehle und mir, wie wirkliche Fußballer aus. Aber das ist auch schon das einzig Positive, was über diesen Auftritt zu berichten wäre.

Die „größere Publicity“, die den beiden Helden von Córdoba mit ihrer Version seines Liedes (hier die Originalversion von Bronner mit Wehle aus dem Jahr 1957) naturgemäß zukam, machte Kabarettist und Komponist Bronner bewusst, dass er „den falschen Beruf gewählt“ hatte (zit. nach: Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets, S. 60). Fußballprofi müsste man sein. Fußballprofis bekommen krass viel Aufmerksamkeit, verdienen absurd viel Geld und fahren unerhört luxuriöse Autos (vgl. hierzu aktuell den Bericht der NDR-Sendung Panorama 3 vom 10.6.2014).

Wer deshalb eine Neiddebatte anstoßen möchte, sollte das vielleicht besser nicht versuchen, solange Deutschland bei einer Weltmeisterschaft Spiele gewinnt. Fest steht, dass das oft pervers erscheinende Verhältnis von Profifußball und Geld nur die Konsequenz unserer anhaltenden Begeisterung und das Ergebnis einer seit Jahrzehnten fortschreitenden Entwicklung ist (vgl. aus früheren Zeiten z.B. die Aussagen von Michael Rummenige aus den 1980er Jahren oder etwa den Prämienstreit der DFB-Elf bei der WM 1974). Am Anfang besagter Entwicklung standen Exemplare wie hier „der Opitz“ und „der Zwirschina“, denen das Fußballspielen „gratis“ schon damals „weh“ tat, die bei nicht ausreichender Bezahlung „energisch protestier[t]en“ oder gar „a bisserl ungeschickt“ spielten, denen es verstärkt darum ging, mit „Schmäh / […] den Herrn vom ÖFB / Diäten und Moneten abzuknöpfeln“, deren Forderungen aber angesichts aktueller Ausmaße doch noch recht bescheiden erscheinen.

Über die Inspiration für diese Kabarettnummer schrieb Bronner rückblickend: „Länderspiele wurden schmählich verloren, die wenigen guten Spieler gingen ins Ausland, andere waren nur dadurch in Österreich festzuhalten, daß ihnen irgendwelche Mäzene Tankstellen oder sonstige sichere Einnahmequellen spendierten.“ (zit. nach: Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets, S. 60) Von einer „Tankstellʼ mit zwei Pumpen“ lassen sich die heutigen Nationalspieler freilich nicht mehr zum Verbleib bewegen, umgekehrt reichen „hundert Fetzen“ Handgeld auch kaum mehr für einen Vereinswechsel. Bronner karikierte den gewieften Berufsfußballer, wie er sich 1957 zunehmend geschäftstüchtig und weniger idealistisch präsentierte. Aus heutiger Sicht wirken die zwei Wiener Fußballlegenden ziemlich genügsam und als „Typen“ (vgl. zur Bedeutung bzw. erhöhten Wertigkeit des Begriffs „Typen“ aktuell die Aussagen von Kevin-Prince Boateng) auch darüber hinaus durchaus sympathisch. Nicht wenige vermissen im modernen Fußball die Enfants terribles, die sich – wie etwa George Best, Eric Cantona oder Ansgar Brinkmann – auch mal unverkrampft trainigsfaul geben, weil sie noch den „Wein von gestern spüren“. Wieviel unterhaltsamer wäre schließlich der ganze Fußballzirkus, wenn es zumindest ab und an noch ein bisschen unprofessioneller zuginge?

Dass „Opitz“ und „Zwirschina“ hier – statt immer nur an ihrer eigenen Fitness zu feilen – „dem Nachwuchs [erklären], wie man Fußballspielen muß“, mutet nachgerade romantisch an. Ebenso nostalgisch wirkt der einleitende Verweis auf die Protagonisten als „klane Gʼschroppen“, die sich wünschten „sehr berühmt [zu] werdʼn“. Die Karriere als Fußballer wird dabei als „Mittelweg“ zwischen „Verbrecher“ und „Bundeskanzler“ verortet – eine Umschreibung, die abgesehen vom jeweiligen Nettoeinkommen noch heute passt. Es sei dahingestellt, ob Deutschlands Fußballnationalmannschaft doch einmal in Südamerika erfolgreich sein kann; schade, dass sich Österreich nicht qualifizieren konnte – und sehr schade, dass es dabei an Spielern wie Opitz und Zwirschina mangelt.

 Martin Kraus, Bamberg

Ahnherr aller Torwarthelden: „Der Theodor im Fußballtor“ von Kurt Feltz

 

Kurt Feltz

Der Theodor im Fußballtor

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor.
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der Held, der hält!

Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

„Hallo, Hallo, Sie hören jetzt die letzten 5 Minuten der interessanten Übertragung des
internationalen Fußballwettspiels: Schienbein 04 gegen Miniskuskickers.
Das Spiel steht 45 zu … Ja, das weiß man noch …, nein, das weiß man leider noch nicht,
denn alle 2 Minuten fielen hier 3 Tore, sämtliche 32 Karten befinden sich auf dem
Spielfeld verteilt, der … die 22 Spieler befinden sich noch in … Pardon, eben hat der
Mittelstürmer von Miniskus den Ball nach rechts gegeben, nein, Verzeihung, das war der
Schuh vom Schiedsrichter, aber ein anderer Stürmer trägt etwas nach vorne. Was trägt
denn der nach vorne? Aaah ja, den Ball natürlich, den Ball und alle anderen ihm nach,
sie setzen ihm nach, sie rennen ihm nach, sie laufen ihm nach, man könnte sogar sagen,
sie segeln ihm nach, denn der Zustand des Spielfeldes ist geradezu katastrophal,
sämtliche Spieler stehen bis zu den Knöcheln im Wasser, vom Ball ist leider weit und
breit nichts zu sehen, aber jetzt, aber jetzt, der halbrechte Verteidiger von
Schienbein 04, nimmt dem voreiligen Stürmer von Miniskus in die Krawatte, er setzt ihm
einen doppelten Meldor [eigentlich eine Abart der Hunderasse des Irish Setters, hier
als Ringergriff gemeint], drückt ihm die Brücke ein und auch eine Brücke, eine Brücke,
Akrobat schön, und beide versinken im Morast, das Spiel aber geht weiter, der Sturm
rast, ja, es rast der Sturm und will sein Opfer haben und hilflos steht der arme
Tormann von Schienbein 04 dem Ansturm gegenüber, nur noch 5 Meter, nein 4, nein 3 1/2
trennen die Hyänen des Spielfeldes von dem armen Tormann, da in letzter Minute, in
letzter Sekunde reißt Theo, der Tormann, geistesgegenwärtig die obere Latte vom Tor und
schlägt damit den Angriff zurück, gerettet“.

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor!
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der hält, der hält!

Und Schuss hinein, aber nein, aber nein, aber nein
der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält:
Ja, unser Theodor, der Held, der hält.

Lied und Reportage stammen aus dem Jahr 1948. Vom „Stürmer“ hatte das Volk die Nase voll, und so geriet der Torwart in den Brennpunkt des Geschehens. Ein Torwart greift nicht an, er ist der wichtigste Defensivspieler. Das Volksempfinden nimmt hier das Jahr 1956 vorweg: Aus dem Kriegsministerium wurde das Ministerium für Verteidigung. Und so wie ein Torwart seinen Strafraum sauber hält, so sollte die neu geschaffene Bundeswehr nur die Heimat verteidigen.

1948: Deutschland war aufgeteilt in vier Besatzungszonen; Adenauer wurde zum Präsidenten des aus den Ministerpräsidenten der elf Länder der Westzonen bestehenden Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz der späteren Bundesrepublik ausarbeitete. Westberlin wurde mit der Luftbrücke durch die „Rosinenbomber“ der US-Amerikaner versorgt. Der Zweite Weltkrieg lag drei Jahre zurück, aber die Folgen waren noch zu spüren, u. a. daran, dass die Deutschen nicht zu den Olympischen Spielen in Sankt Moritz und London eingeladen wurden. Doch war das Brot auch knapp, Spiele mussten her. Und so entstanden viele Sportvereine; vor allem wurden viele Fußballvereine neu- oder wiedergegründet. Passend zur geplanten 1. deutschen Fußballmeisterschaft 1948 textete Kurt Feltz das Fußballlied Der Theodor im Fußballtor, das zunächst über das Radio und durch die von seinem Schulfreund Ralph Maria Siegel im selben Jahr herausgegebene Akkordeon-Partitur schnell bekannt wurde.

Theodor1

Nicht überliefert ist, ob es bei den nach dem K.o.-System ausgetragenen Ausscheidungsspielen oder beim rein westdeutschen Endspiel gesungen wurde. Noch vor Beginn des Wettbewerbs zogen nach der Währungsreform (Einführung der DM) in den drei westlichen Besatzungszonen die Vereine der sowjetischen Besatzungszone ihre Teilnahme zurück. So kam es, dass sich im Endspiel der FC Nürnberg und der 1. FC Köln gegenüberstanden. Die Franken gewannen das Spiel 2:1.

Adäquat zur Ernährungslage und zur politischen Situation entstanden 1948 auch die Schlager Ich hab‘ so Sehnsucht nach Würstchen mit Salat, gesungen von Bully Buhlan, und Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, ein Lied, das nicht nur zum Karneval gesungen wurde.

Kurt Feltz (1910-1982), der Texter des Theodor, wurde in den späteren Jahren berühmt als Verfasser zahlreicher Schlager (rund 3.500 Liedtexte), von denen 20 die Nr. 1 der Hitlisten in den Jahren 1955 bis 1982 einnahmen. Bereits 1952 und 1953 hatte Feltz große Erfolge zu verzeichnen mit Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein und Man müßte noch mal zwanzig sein.

Der Komponist des Fußballlieds, Werner Bochmann (1900-1993), mit Filmmusiken für rund 120 deutsche und internationale Filme, darunter Heimat, deine Sterne, Quax, der Bruchpilot und Die Feuerzangenbowle, erhielt 1967 für sein Lebenswerk den Bundesfilmpreis in Gold.

War dem Theodor, zuerst von der Schauspielerin Margot Hielscher gesungen, zunächst ein überschaubarer Erfolg beschieden, so wurde das Lied langsam populär, seitdem der Burgschauspieler Theo Lingen es auf der gleichnamigen Schellackplatte interpretierte und näselnd eine rasante Reportage zu einem Fußballspiel zwischen den Mannschaften Schienbein 04 und Meniskusmuskel ablieferte. Geradezu Kult wurden Gesang und Reportage nach der Kinopremiere des gleichnamigen deutsch-österreichischen Films vom 29. August 1950.

Theodor2

Wie das Lied bediente auch dieses Lustspiel mit den bereits vor oder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekannten und beliebten Stars wie Lucie Englisch, Hans Moser, Gustav Knuth, Josef Meinrad oder Beppo Brem den Wunsch der Überlebenden nach Spaß und Spiel.

Bereits im August 1948 war in der SBZ bei AMIGA eine gleichnamige Platte erschienen, gesungen von Ilja Glusgal, der von Kurt Henkels Tanzorchester Sender Leipzig begleitet wurde. Ilja Glusgal, der einige Jahre nach 1945 als der beste Schlagzeuger in Deutschland galt, war als Sänger bereits 1940 von Michael Jary (Schlager- und Filmkomponist und Orchesterleiter) entdeckt worden. Glusgals berühmtester, auch in Westdeutschland populärer Schlager, war das ebenfalls von Kurt Feltz getextete Lied Maria aus Bahia.

Ebenfalls 1948 erfolgte in Österreich eine Pressung des Theodor auf Austrophon mit den Austrophon-Solisten unter Leitung von Bruno Uher. Auch in der Schweiz und sogar in Australien kamen Platten mit den Titeln Teddy Holds the Soccer Goal bzw. Theodor the Goalkeeper heraus.
Eine eindeutig am Theodor orientierte Version spielen und singen Die 3 Travellers (bekannt geworden durch ihre Erfolgsschlager: Hallo, kleines Fräulein, Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin) in Form einer Fußballreportage: „Hallo, hallo, hier Fußballplatz, / wir schalten uns jetzt ein …“

Wie bekannt unser Theodor im Fußballtor nach wie vor ist, zeigen einige Fußballfreunde in Weingarten. Anlässlich der Stadtmeisterschaft der Amateurvereine dichteten sie nach dem Sieg (2:1) der Stadtwerke Weingarten gegen den GHV (Gewerbe und Handelsverein):

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der GHV auch rennt, wie die Stadt auch macht,
dreimal hat‘ s gekracht…

2009 verjazzte die Old Merry Tale Jazzband den Theodor auf ihrem Album Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Und im April 2010 wurde in Wuppertal eine Revue aufgeführt mit dem Titel Der Theodor im Fußballtor – Lieder und Schlager aus den 50er Jahren.

Dagegen wird die folgende Strophe wahrscheinlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen:

Du bist kein Übermensch,
du bist kein Untermensch,
du bist ein Sportsmann
und du hast deinen Sportverein.
Ob der nun vorne liegt,
ob der nun hinten liegt,
du wirst als Sportsmann,
bei jedem Spiel zugegen sein.

Georg Nagel, Hamburg

Nebensachen. Zur Verschränkung von Fußball und Sexualität in „Toni, laß es polstern!“ von Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen

Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen

Toni, laß es polstern

Toni, laß es polstern!
Toni, polstern, polstern!
Toni, triff im Doppelpack!
Schlampen trinken Sechserpack.

Mein Spiel hat Feuer, ich hab Wiener Blut.
Dann spiel mit mir, denn du fummelst gut!
Hab ich den Ball, mach ich ihn rein.
Wie kriegt er diese Waden in die Söckchen rein?
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Komm Toni, bitte jag mit mir!

Toni, laß es polstern! [...]

Meine Show beginnt samstags um halb vier.
Deine Locken, die frisier'n wir dir.
Ja, Wiener Walzer tanz ich mit dem Ball.
'n Freistoß gibt's auf jeden Fall.
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Komm Toni, Toni, jag mit mir!

Toni, laß es polstern! [...]

Der Schuß ging leider nicht ins Netz.
Das macht doch nichts, dann sing'n mer jetzt!

Toni, laß es polstern! [...]

     [Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen: Toni lass es polstern. BMG 1997.]

Spätestens seit Kick it like Beckham wissen wir um den emanzipatorischen Wert von Frauenfußball. Und welche – mutmaßlich erfreulichen – Folgen es haben wird, dass, weil viele Mädchen auch Fußball spielen können, Kinder ab einem bestimmten Alter nicht mehr automatisch in gleichgeschlechtlichen Gruppen spielen, wird sich in den kommenden Jahrzenhten zeigen. Doch gibt es auch eine Schattenseite des gestiegenen weiblichen Interesses an Fußball. Liliana Nova, als Ex-Frau von Lothar-Matthäus für die BILD-Redaktion offenbar kompetent in Bezug auf den Sexappeal von Fußballern, teilt in einem Interview mit: „Wir haben einige Sahneschnitten in unserer Elf“. Und im Radio läuft ein Lied mit dem Refrain: „Zieh einfach nur dein T-Shirt aus, / du kleine, verspielte Zuckermaus!“ Gesungen wird das von einer Frau, gemeint ist ein Mann, genauer: ein Fußballer. Das klingt zunächst aufgrund der Subversion von Rollenklischees interessant, erweist sich aber letzlich nur als der gleiche Sexismus, mit dem Männer zuweilen Damenbeachvolleyball kommentieren. Dieses Lied, das ich bislang keinem Interpreten zuordnen konnte (für Hinweise bin ich dankbar), hat thematisch einen außerhalb Kölns und Österreichs der eher wenig bekannten Vorgänger: Toni, laß es polstern, 1997 gesungen vom damaligen Stürmer des 1. FC Köln, Anton Polster, und der Kölner Band Die fabulösen Thekenschlampen, denen auch Mirja Boes, die später zunächst als Möhre auf Mallorca u.a. mit dem Hit 20 Zentimeter erfolgreich war und mittlerweile etablierte Komikerin ist, als eine der drei Sängerinnen angehörte. Ein Auftritt Polsters mit der Band (kurzer Auschnnitt hier ab Min. 20) am Abend nach dem verlorenen Pokalspiel gegen den SSV Ulm überstrapazierte seinerzeit das Humorverständnis der karnevalsgestählten Kölner Verantwortlichen, was insbesondere wegen des beschwingten Verspaars „Der Schuß ging leider nicht ins Netz. / Das macht doch nichts, dann sing’n mer jetzt!“ zumindest ein wenig nachvollziehbar erscheint.

Dabei erweist sich der Liedtext bei genauerer Betrachtung sogar als recht raffiniert: Da wäre zum einen der durchaus originelle Wechsel zwischen von Polster gesungenen Zeilen und dem Groupie-Chor, wobei dieser auf ihn reagiert, aber nicht umgekehrt. Somit bleibt unklar, ob wir es mit weiblichen Fans zu tun haben, die den z.B. ein Interview gebenden Fußballer aus der Ferne anschmachten, oder mit einer echten Dialogsitation. Nimmt man das Szenario des Interviews, vielleicht sogar eines der berüchtigten gleich nach Spielende vom Feldreporter in der Mixed Zone geführten, an, und liest Polsters Sätze isoliert, so ergibt sich folgendes recht unspektakuläres Phrasenstakkato:

Mein Spiel hat Feuer, ich hab Wiener Blut.
Hab ich den Ball, mach ich ihn rein.
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Meine Show beginnt samstags um halb vier.
Ja, Wiener Walzer tanz ich mit dem Ball.
Der Schuß ging leider nicht ins Netz.

Auf diese Allerweltsaussagen reagiert der Chor nun jeweils mit erotisch motivierten Assoziationen: Die Formulierung „Dann spiel mit mir, denn du fummelst gut!“ nutzt dabei die verschiedenen Bedeutungen von ‚fummeln‘ einerseits als „zu häufig und zu lange dribbeln„, andererseits als „jemanden als Form des erotisch-sexuellen Kontakts berühren, streicheln“ (Duden). Ähnlich, wenn auch in seiner sexuellen Bedeutung, die sich erst aus dem Kontext der Sprechsituation ergibt, neologistisch, ist der Vers „’n Freistoß gibt’s auf jeden Fall“ gestaltet. Auf der anderen Seite verwendet Polster selbst primär erotisch aufgeladene Metaphorik, etwa, wenn er seinen Umgang mit dem Ball als Paartanz beschreibt oder sein „Jagdrevier“ benennt (damit wird zudem einer der grauenhaftesten krypto-pornographischen Schlager in diesem an Grauenhaftem nicht eben armen Subgenre zitiert: Tony Marshalls Ach, laß mich doch in deinem Wald der Oberförster sein). Klaus Zeyringer konstatiert eine generelle erotische Grundierung der Fußballsprache: „Diese Sprache braucht ihr Milieu, sonst gerät sie ins Zweideutige.“ (Klaus Zeyringer. Fußball. Eine Kulturgeschichte. Frankfurt a.M.: Fischer 2014, S. 425.)  Eben dieses semantische Potential bringen die Thekenschlampen durch eine erotische Rekontextualisierung zum Vorschein, so dass selbst die gängige Fußballvokabel ‚im Doppelpack treffen‘ auf einmal als Angebot einer ménage à trois lesbar wird.

Die Etablierung eines sexuellen Subtextes führt auch dazu, dass für sich betrachtet gänzlich unverfänglich wirkende Passagen entsprechend gedeutet werden können: „Hab ich den Ball, mach ich ihn rein“ klingt entsprechend gelesen nach erotischer Prahlerei, die der Realität dann nicht ganz entspricht: „Der Schuß ging leider nicht ins Netz.“ Aber der Trost erfolgt sofort: „Das macht doch nichts, dann sing’n mer jetzt!“ Und so werden im Laufe des Liedes das Sprechen über Fußball und das über Sex ununterscheidbar – und das, obwohl Fußball als traditionelle Männerdomäne oft als Gegenwelt zur heterosexuellen Paarbeziehung aufgefasst wird. Die Verschränkung beider Bereiche gipfelt im hier von Polsters Namen abgeleiteten Verb „polstern“, das in der Form „es polstern lassen“ keine konvetionelle Bedeutung trägt: Als Ruf der Fans war der Ruf „Toni, laß es polstern“ unzweifelhaft die Aufforderung, ein Tor zu schießen; im Kontext des Liedtextes ist für den Zuhörer frei wählbar, ob er eine sportliche oder erotische Bedeutung unterstellt.

Damit macht der Text deutlich, dass es sich bei einem Fußballspiel vor Publikum um eine durchaus auch erotische Inszenierung („Meine Show beginnt samstags um halb vier.“) handelt, bei der es neben äußeren Merkmalen (Waden, Locken) auch um Attribute wie Eleganz, Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, Kampf und Erfolg geht. Im Gegensatz zum eingangs erwähnten sexualisierten Blick auf Fußballer, bei dem der Sport vollständig in den Hintergrund tritt und es lediglich um eine möglichst freie Sicht auf den Körper der Spieler geht („Zieh einfach nur dein T-Shirt aus“ [Trikot! Es heißt Trikot!]), liegt hier also kein Sexismus (in der Form der Voyeurismus) vor, der den Anderen auf ein reines Sexualobjekt reduziert, sondern wird ein erotisch gefärbtes Fantum ausgestellt, wie es im Showbusiness allgemein nicht nur verbreitet ist, sondern von seinen Akteuren auch durchaus intendiert wird.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Vereinsliebe als Passion. Zu Maximilian Kerners „Iiech bin a Glubberer“

Maximilian Kerner

Iiech bin a Glubberer

Manche gänger in ihr Ärwäd, jede Wochng, jedn Dooch
des wennsd fümfervöddsg Johr gmachd hast, vill hasd ned außer am Schlooch.
Danooch gänger's in Bension, grübblgrumm, grank und gabutt.
Und ich geh Samsdooch Nammidooch a bissla zu meim Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim.
Uugmoold habb i schwadds und roud mei Fensderscheim.
Mei Nachbern soong ich gherrad in a Derrabie
und an jeds münchner Audo bruns mer a weng hie.

Manche hauer si a Greem und a Louschn aaf die Haud
fingerdigg, damid der Doud ned aus jeder Faldn schaud.
Manche reddoschiern ihr Foddo fir a Ehe-Inschdidudd.
Mei Haud is roud, vom Dreg ofd schwadds, wall des sin die Farm vom Glubb.

Iiech bin a Glubberer und mei Härdz hängd an ihm droo.
Und schdadd am Gruddsifix, do hängd a Endnmoo
an meiner Wänd lehmsgrouß als Farbfoddografie,
und an jeds Münchner Audo bruns mer aweng hie.

Manche siggsd im Schweinsgalobb, su als däds ihner bressiern,
suball si moll aweng wos rührt, in die Oddoschdrass marschiern.
An Fuchdsger zoolsd doo logger, fir an aansichn, koddsn Schubb.
Wädds z'haas in meiner Huusn, gäi ich aweng zum Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer‘s immer bleim […]

Manche beedn si an ab, jedn Sunndooch in der Kärch,
sie simmer so symbaddisch wäi fir an Fruusch die Schdärch.
Manche boodn im Weihwasser, wass ned, ob des su goud dudd.
Wenn ich beed, dann beed i häggsdns um zwaa Bungde fir mein Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche siggsd in Himalaya fläing, walls häicher nimmer gäit.
Alle mid am Moddsdrumbuggl, des is es Sauerstoffgerät.
Mim Gleddern hobbich nix am Houd, mir langd mei Schmausenbugg,
do binni bliddsschnell drundn und hobs ned weid zum Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche kochn aaf Chinesisch, wall des is der leddsde Schrei.
Wennich koch, dann blos franzesisch, a Bulliong mid am Ei.
Und will i moll wos wergli gouds, der Gschmagg is absoludd
vo am Saddienerweggla, drassn bei meim Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche gänger in die Bärch und do foans a bissla Schii.
Manche schbringer mid am Fallschirm, wenner zou bleibd, dann sin s hie.
Manche laffm hunderd Meeder in am aansichn, koddsn Schbodd.
Und ich laff Samsdooch Namidooch vo der Schdrassaboo zum Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche hom an Oarsch so hadd, daßd der dengst: Ich glaab, ich schbinn.
Blos wennsd draafhausd mergst sofodd, sie hom an Flachmann hindn drin.
Ich dring aa moll gern a Schnäbbsler, ich mach aamoll gern an Schlugg,
blos an Vullrausch hobbi seldn, wall er gwinnd net ofd mei Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer‘s immer bleim […]

Manche färchdn si vorm Doud, manche färchdn si vorm Schderm.
Andre waddn scho lang draaf, gibds a bissla wos zu ärm.
Ich hab ka Angsd, wenn ich amoll do aaf meim Siechbedd lich,
ich was, der Heiner Stuhlfaud und der Ströll waddn aaf miich.

Iiech bin a Glubberer, des ganze Abschdiegsgwaaf,
des is mer woschd, wall näggsds Joah steing mer widder aaf.
Mir kummer widder und zwoa under Garandie,
und an jeds Münchner Audo bruns mer widder hie.
Und an jeds Münchner Audo bruns mer widder hie. 
Und an jeds Münchner Audo .... brunsmer widder hiiiie!

     [Kerner's Kombo: Iiech bin a Glubberer. Music Media 1995.]

Mit dem Fußball und der Musik ist es ja bekanntlich so eine Sache. Einige Aspekte dieser komplizierten Beziehungen wurden im Rahmen der Bamberger Anthologie etwa schon bezüglich der Weltmeister-Schlager Fußball ist unser Leben (1974) und Wir sind schon auf dem Brenner (1990), bezüglich der Lieder Er steht im Tor (Wenke Myhre, 1969) und Bayern (Funny van Dannen/Die Toten Hosen, 1999) sowie am Rande eines Beitrags zu Max Schmelings Das Herz eines Boxers (1930) angesprochen. Vor einigen Wochen konnte man in einer Sonderausgabe der Fußballzeitschrift 11Freunde zum Thema „Fußball und Pop“ lesen, was Werder Bremens Stadionsprecher und -DJ Arnd Zeigler über die Auswahl der Stimmungshits für die Halbzeitpause und die Unmöglichkeit eines „ultimativ-perfekten Stadion-Musikprogramm[s]“ (hier der Artikel auf 11freunde.de) zu berichten weiß. Auch die sogenannten Torhymnen, die bei einem erfolgreichen Abschluss der Heimmannschaft für einige Sekunden eingespielt werden, sind ein sensibles Thema (vgl. hierzu z.B. die Diskussionen beim 1. FC Nürnberg – nachzulesen in Artikeln auf der Internetpräsenz der Nürnberger Nachrichten, die von den Saisonauftakten 2012 und 2013 berichten.

Egal, ob Vereins-, Einlauf-, Tor- oder Halbzeithymnen, die Ansichten in der Kurve und die Meinungen auf der Haupttribüne kollidieren beim Thema Musik häufiger. Die Mischungen, die klassischerweise auf Geheiß der Marketingabteilungen aus Schlagermelodien oder weichgespültem Hardrock und mit Pathos aufgeblasenen, aber letztlich allzu oft allzu platt bleibenden Liebeserklärungen angerührt werden, zünden bei den Anhängern nicht zwangsläufig. Umgekehrt war das, was traditionell – gerade an beleidigendem Liedgut – aus den Fanblöcken kommt, den Vereinsbossen nie ganz geheuer. Hinzu kommt, dass Fußballhymnen per se nicht gerade als Meisterwerke anspruchsvoller Lyrik angesehen werden (vgl. hierzu die Kommentare zu den Vereinshymnen von Borussia Dortmund und dem FC Bayern München).

Als ein (zunächst einmal rein subjektiv betrachtet sehr positives) Gegenbeispiel zu all den eher mittelmäßigen Liedern über eine innige Beziehung zu einem Fußballverein sei hier das Lied Iiech bin a Glubberer von Maximilian Kerner vorgestellt. Nicht völlig überraschend wurde es bei den oben erwähnten Diskussionen über einen erträglichen Jingle zum Torjubel aus den Reihen der Club-Fans mehrfach als Alternativlösung vorgeschlagen. Das Stück aus dem Jahre 1995 genießt anhaltende Beliebtheit – obwohl bzw. gerade weil es weder plumper Schlager noch weichgespülter Hardrock noch pathetisch noch sonst etwas ist.

Als im Jahre 2005 der Tod des Nürnberger Mundart-Lyrikers (seine Gedichtbände heißen u.a. Druggns Brood oder Gnabb derneem) und Liedermachers (z.B. Gostenhofer Blues und Wos soll mer do machen) Maximilian Kerner vermeldet wurde, hob die Nürnberger Zeitung den „größte[n] Hit von Kerners Combo“ als „die einzige Fußball-Hymne, in der das Wort ‚Therapie‘ vorkommt“ (Nürnberger Zeitung am 29.07.2005) hervor. Ohne dass nachgeprüft werden kann, ob Iiech bin a Glubberer tatsächlich das „einzige“ entsprechende Musikstück mit einer Verwendung dieses Begriffes ist, dürfen die eher fanhymnenuntypischen Bilder, mit denen das Sprecher-Ich hier sein für manchen krankhaft erscheinendes Fan-Sein – seinen Fanatismus – besingt, als Besonderheit (und eine wesentliche Qualität) des Liedes angesehen werden.

Zum besagten Begriff Fanatismus heißt es in einem Online-Psychologie-Lexikon: „Mit positiver Konnotation gebraucht, wenn eine hohe emotionale Verbundenheit und unbedingte Identifikation mit einem Objekt oder einer Tätigkeit besteht.“ Auf einer anderen Seite dieser Art wird der Fanatismus als „unduldsames, kompromißloses, aggressives Eintreten für eine Sache und Verfolgen eines Ziels“ definiert. Auf Wikipedia findet man zum Stichwort folgenden Satz: „Daraus kann sich eine erhebliche Einseitigkeit der Lebensführung ergeben, und es kann nicht zuletzt zu Spannungen mit Partnern oder Bezugspersonen kommen, die sich vernachlässigt fühlen.“

Von einem „Partner“ ist im Lied erst gar nicht die Rede, das „Ehe-Inschdidudd“ kommt nicht in Frage, auch die im Umfeld der Nürnberger „Oddoschdrass“ tätigen Prostituierten erscheinen wenig attraktiv, als „Bezugspersonen“ werden einzig die eher verständnisarmen „Nachbern“ genannt. Demzufolge lässt die Lebensbeschreibung eine „erhebliche Einseitigkeit“ erkennen. „Ärwäd“ ist nachrangig, genauso wenig interessiert das Kochen gemäß dem „der leddsde[n] Schrei“. Auch andere Beschäftigungen wie „a bissla Schi“, „[S]pringer mid am Fallschirm“ oder Bergsteigen mit einem „Sauerschdoffgeräd“ kommen nicht in Frage. Zumindest was das aktive Ausführen dieser (Extrem-)Sportarten anbelangt, bleibt alles hinter dem Erlebnis eines „Samsdooch Namidooch[s]“ beim geliebten „Glubb“ zurück.

In Ansätzen „aggressives“ Verhalten zeigt sich gegenüber Fahrzeugen mit Münchner Kennzeichen: die potenziellen Erzfeind-Fans müssen es über sich bzw. ihre „Audo[s]“ ergehen lassen, dass „mer a weng hie“ urinieren. Gegenüber Andersgläubigen wird ein in tendenziell „unduldsames“ Benehmen erkennbar: Wenn statt „Gruddsifix“ der (speziell aus damaliger FCN-Perspektive) ‚langjährige‘ Cheftrainer Willi „Endnmoo“ Entenmann an der Wand hängt, zeigt das, dass Fußball zur (Ersatz-)Religion geworden ist. Konventionell praktizierende Christen sind dem so stark auf den Fußball Ausgerichteten so „so symbaddisch wäi fir an Fruusch die Schdärch“. Er stellt klar: „Wenn ich beed, dann beed i häggsdns um zwaa Bungde fir mein Glubb.“ Entsprechend relativiert sich auch die Angst vor dem Tod angesichts der Gelegenheit eines Wiedersehens mit den vorausgegangenen Vereinsidolen Heinrich Stuhlfauth und Heinz Strehl. Man kann dies zweifellos als „kompromißloses“ Denken werten.

Wenn neben der Fensterscheibe auch die Haut „schwadds und roud“ ist, bezeugt dies die „hohe emotionale Verbundenheit und unbedingte Identifikation“. Das Fan-Sein ist nach außen hin deutlich sichtbar, mehr noch, es bestimmt die gesamte Weltsicht, so dass zwangsläufig alle alltäglichen Situation letzlich einen Bezug zu dem einen Verein aufweisen. Das Bekenntnis zu dieser Lebensführung erscheint umso stärker, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es  aus jener dunklen Zeit stammt, in der die erste Mannschaft gerade dabei war, von der zweiten in die dritte Liga abzusteigen. In diesem Kontext wirkt auch der Satz „Iiech bin a Glubberer, des ganze Abschdiegsgwaaf, / des is mer woschd, wall näggsds Joah steing mer widder aaf.“. Wurscht, was passiert, der Club-Fan bleibt Club-Fan.

Martin Kraus, Bamberg

Pummelfee in Lederhosen und Altpunks als poetae vates. Zur unerwarteten Aktualität von „Bayern“ von Die Toten Hosen

Die Toten Hosen

Bayern

Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann.
Manche sagen die Liebe,
vielleicht ist da was dran.
Und es bleibt ja immer noch Gott,
wenn man sonst niemand hat.
Andere glauben an gar nichts,
das Leben hat sie hart gemacht.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Nur eins weiß ich hundertprozentig:
Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen.

Ich meine, wenn ich 20 wär
und supertalentiert,
und Real Madrid hätte schon angeklopft,
und die Jungs aus Manchester.
Und ich hätt auch schon für Deutschland gespielt
und wär mental topfit
und Uli Hoeneß würde bei mir
auf der Matte stehen.

Ich würde meine Tür nicht öffnen,
weil's für mich nicht in Frage kommt,
sich bei so Leuten wie den Bayern
seinen Charakter zu versauen.

Das wollt ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen:
Ich habe nichts gegen München,
ich würde nur nie zu den Bayern gehen.

Muß denn sowas wirklich sein?
Ist das Leben nicht viel zu schön?
Sich selber so wegzuschmeißen
und zum FC Bayern zu gehen.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Ganz egal, wie hart mein Schicksal wär,
ich würde nie zum FC Bayern München gehen.

Was für Eltern muss man haben
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheißverein?

Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!

     [Die Toten Hosen: Unsterblich.  JKP 1999.]

Manche Lieder erscheinen zu früh. Als Die Toten Hosen 1999 das Album Unsterblich mit dem Song Bayern veröffentlichten, konnte man aber zunächst den gegenteilige Eindruck bekommen – dass es zu spät erschienen sei: Die Phase, in der der FC Bayern München Ligakonkurrenten systematisch kaputtkaufte, indem Spielmacher, Stürmer oder, wenn gar nichts mehr half, auch Trainer abgeworben wurden (Werder-Bremen-Fans wissen, wovon die Rede ist), schien sich ihrem Ende zuzuneigen, und mit der Ausweitung des Teilnehmerfelds der Champions League zur Saison 1997/1998 gewann die UEFA-Fünfjahreswertung an Bedeutung. Mit ihr wurde die Auffassung „International bin ich für Bayern“ zunehmend salonfähig, weil der FC ja gewissermaßen auch für die anderen deutschen Mannschaften spielte. Nicht zuletzt das tragisch verlorene Champions League-Finale 1999 dürfte zu einer partiellen bundesweiten Solidarisierung geführt haben.

In den Folgejahren gelang Bayern u. a. durch ‚Rettungsspiele‘ bei finanziell angeschlagenen Vereinen wie 2003 beim FC Sankt Pauli, geographisch und ideologisch eigentlich der Gegenpol zu Bayern, ein Imagewandel. Sogar Uli Hoeneß bewies Humor und zeigte sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Weltpokalsiegerbesiegerretter“ (in Anspielung auf das nach dem 2:1-Sieg von St. Pauli gegen Bayern am 6. Februar 2002 gedruckte „Weltpokalsiegerbesieger“-Motiv).

Gerade die öffentliche Person Hoeneß remodelte sich langsam, aber im Ergebnis grundlegend: Vom für die „Abteilung Attacke“ zuständigen Intriganten entwickelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung zum zwar aufbrausenden, aber großmütigen Patriarchen, der sich um seine Angestellten – sowohl die des FC Bayern als auch die seiner Wurstfabrik – sorgt. Und im Vergleich zu den hochverschuldeten spanischen Großvereinen Real Madrid und FC Barcelona oder den von Milliardären übernommenen englischen Clubs wie dem FC Chelsea und Manchester City wurde der FC Bayern nicht mehr primär als bedrohlich übermächtiger Liga-Krösus wahrgenommen, sondern als solides (Festgeldkonto!) deutsches Gegenmodell.

Den Höhepunkt dürfte die Bayern-Akzeptanz mit der Verpflichtung von Pep Guardiola als ‚begehrtestem Trainer der Welt‘, die wesentlich Hoeneß‘ Verdienst war, erreicht haben. Nicht nur, dass man aufgrund der Vereinsstruktur, die Guardiola dezidiert als einen Grund für seine Entscheidung anführte, finanzstärkere Konkurrenten wie den FC Chelsea ausgestochen hatte; mit dem schöngeistigen, weltgewandten (Sabbatical in New York!) und politisch eher links stehenden Katalanen („Wir spielen linken Fußball“) schickte sich der FC Bayern an, den letzten Rest des Reaktionär-Provinziellen abzustreifen. Wer käme sich nicht lächerlich vor, „Zieht den Bayern die Lederhosen aus?“ anzustimmen, wenn Guardiola im Anzug an der Seitenlinie steht? Selbst Tote Hosen-Sänger Campino hatte mehrfach Sympathie für Hoeneß geäußert (vgl. etwa im Interview in der Münchener Abendzeitung vom 17.2.2012).

So stellte sich die Lage dar – bis zur vergangenen Woche, als zwei Ereignisse, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hatte, das mühsam erarbeitete Bild zunichte und das Lied plötzlich tagesaktuell machten: Zuerst wurde die Selbstanzeige von Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung bekannt, dann der Wechsel von Mario Götze vom BVB Dortmund zum FC Bayern München. Nicht nur, dass jedes Detail der Phantasie des im Song probehandelnden Sprecher-Ichs auf Götze zutrifft (Alter, Nationalmannschaftseinsätze, kolportiertes Interesse von Real Madrid und Manchester [United und City]); Mario Götze, der von seinen Mitspielern „Pummelfee“ gerufene Heintje des deutschen Fußballs, eignet sich geradezu ideal für die Rolle des naiven Jungstars, der nun seiner unausweichlichen charakterlichen Deformation an der Säbener Straße entgegengeht. Und Hoeneß‘ im Anschluss an das Lied im Video zitierte Untergang des Abendlands-Rhetorik angesichts eines respektlosen Fußballsongs („Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“) taugt im Lichte seiner eigenen mutmaßlichen Straffälligkeit als ideales Beispiel für die Doppelmoral der Mächtigen, die schon immer ein zentrales Thema in Punktexten war, in denen hinter jeder gut bürgerlichen Fassade Abgründe vermutet werden.

So hat das Lied 14 Jahre nach seiner Veröffentlichung endlich seine Realitätsreferenz gefunden und dürfte zugleich aber für die meisten Hörer seine Mehrfachcodierung verloren haben: Aus der Allegorie für moralische Standhaftigkeit, in der Fußball, ähnlich wie im thematisch verwandten Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye von …But Alive, nur als Metapher dient, ist ein konkret adressierbares Schmählied geworden.

Martin Rehfeldt, Bamberg