Engagement und Distinktion. Zum Vorwurf der RAF-Glorifizierung in Jan Delays „Söhne Stammheims“

Jan Delay

Söhne Stammheims

Endlich sind die Terroristen weg,
und es herrscht Ordnung und Ruhe und Frieden.
Und das bisschen Gesindel, das noch in den Knästen steckt,
tut sowieso keinen mehr interessieren.

Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin,
folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin.
Die, die Unheil und Armut und Krankheit verbreiten,
für sie herrschen sorglose Zeiten,
da kein bisschen Sprengstoff sie daran hindert,
ihre Geschäfte zu betreiben.

Endlich haben sie keine Angst mehr,
verkaufen fröhlich ihre Panzer,
jeden Tag sieben, Kinder abschieben
und dann zum Essen mit dem Kanzler.

Endlich sind die Terroristen weg,
und es herrscht Ordnung und Ruhe und Frieden,
und man kann wieder sicher Mercedes fahren,
ohne dass die Dinger immer explodieren. 

Endlich sind die Terroristen weg,
und es kann nichts mehr passieren.
Endlich sind die Terroristen weg,
und es herrscht Ordnung und Ruhe und Frieden.

     [Jan Delay: Searching For The Jan Soul Rebels. Buback 2001.]

 

Um Heino war es nach seinem Coveralbum und einem Auftritt mit Rammstein in beim Wacken Open Air wieder recht ruhig geworden – auch weil sich schnell herausgestellt hatte, dass die von seinem Management via Bild-Zeitung lancierten Verbotsversuche des Albums durch die Gecoverten offenbar frei erfunden waren (vgl. bildbog.de). Man könnte dahinter PR vermuten, es wäre aber auch möglich, dass Heinz Georg Kramm einfach dem in der Psychologie bekannten falschen Konsensus-Effekt zum Opfer gefallen ist, demzufolge Menschen dazu neigen anzunehmen, andere würden das tun, was sie selbst in einer entsprechenden Situation tun würden. Denn Heinos Reaktion auf Kritik oder Parodie ist eben das Beschreiten des Rechtswegs (er klagte etwa gegen den „wahren Heino“). So verwundert es auch kaum, dass er rechtliche Schritta ankündigte, nachdem Jan Delay die bekannten Tatsachen, dass Heino im Laufe seiner Karriere diverse unter Nationalsozialisten beliebte Lieder eingesungen hat (vgl. dazu den Artikel zum Ärzte-Cover Junge) und zu einer Zeit in Südafrika aufgetreten ist, als gegen das Land wegen der Apartheitsgesetze ein UNO-Embargo bestand, zur Aussage zugespitzt hatte, Heino sei ein Nazi. Irritierend ist jedoch, dass Jan Delay, der gerade sein drittes Nr. 1-Album in Folge veröffentlicht hat, nun vorgeworfen wird, die Äußerung aus PR-Gründen getätigt zu haben, und nicht Heino, aus PR-Gründen Anzeige zu erstatten. Im Rahmen der Kritik an Jan Delay wurde auch wieder angeführt, dass er 2001 mit Söhne Stammheims ein Lied veröffentlich hat, das die RAF „glorifizier[e]“ (Spiegel online). Ob dieser Vorwurf haltbar ist, soll im Folgenden diskutiert werden.

Man könnte diese Frage einfach damit beantworten, dass von einer Glorifizierung allein schon deshalb nicht die Rede sein kann, weil aufgrund der gewählten Perspektive kaum von den angeblich Glorifizierten selbst die Rede ist. Fasst man den Vorwurf indes weniger wörtlich auf und interpretiert ihn dahingehend, dass die Taten der RAF bejaht würden, liegt eine Antwort nicht derart auf der Hand.

In rhetorischer Ironie wird im Text ex negativo beschrieben, welchen Nutzen der Terror der RAF gehabt haben soll. So hätten die RAF-Mitglieder als revolutionäre Role Models fungiert. Nach ihrem Tod oder ihrer Inhaftierung seien apolitische Role Models an ihre Stelle getreten – hier konkret zwei Teilnehmer der ersten Big Brother-Staffel (bereits der Sendungsname ist mit der positiven Umkodierung von Orwells Diktatorenfigur offensiv antipolitisch), Jürgen Milski und Zlatko Trpkovski, der dadurch Bekanntheit erlangte, dass er Shakespeare nicht kannte, und dieses Nicht-Wissen anschließend offensiv vermarktete: „Ob nun Shakespeare oder Goethe, / die sind mir doch scheißegal“ heißt es in seiner ersten Single Ich vermiss‘ Dich… (wie die Hölle). Dies habe dazu geführt, dass Menschen sich nicht mehr für allgemeine politische Belange einsetzten, sondern nur noch für die eigenen Alltagsbedürfnisse. Die RAF wird hier also als Gegenentwurf zu einer Populärkultur präsentiert, die ausschließlich der Unterhaltung dient. In diesem Sinne präsentiert der Titel des Songs die RAF-Mitglieder als Alternative zur missionarisch-christlichen Band Söhne Mannheims, in der zum Zeitpunklt der Veröffentlichung auch Xavier Naidoo sang. Doch auch für Funktionseliten der BRD hätte die Existenz der RAF laut Songtext Konsequenzen gehabt: Diejenigen, die Geschäfte betrieben, die Menschen schaden, etwa Waffengeschäfte, und die Verantwortlichen für inhumane Politik hätten sich darum sorgen müssen, dass sie einem Anschlag, etwa durch eine Autobombe, zum Opfer fallen könnten, wohingegen sie all dies heute ungestört tun könnten.

Dass Jan Delay Gewalt gegen Menschen als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele ausdrücklich ablehnt und die RAF durchaus kritisch sieht (vgl. etwa ein taz-Interview von 2007) mag nach dem Anhören des Lieds zunächst verwundern. Bei genauerer Betrachtung erscheint dies aber nicht unbedingt als widersprüchlich. Denn auch wer die Mittel, mit denen ein Ziel erreicht worden ist, ablehnt, kann den hergestellten Zustand einem anderen – im Falle der Sprechinstanz der eigenen Gegenwart – trotzdem vorziehen. Das Lied zieht somit eine Bilanz des Wirkens der RAF, der man von Geschmacklosigkeit bis historischer Unrichtigkeit Diverses vorwerfen kann. Daraus eine Glorifizierung abzuleiten, fällt aber in die Argumentationsmuster der Zeit zurück, als die RAF noch aktiv war, und jeder, der ihre Ziele für diskussionswürdig hielt, sich mit dem Vorwurf des Sympathiesantentums konfroniert sah.

Nun muss man, wenn man bei Jan Delay eine differenzierte Betrachtung einfordert, eine solche auch Heino zugestehen. Denn natürlich lässt sich aus der Tatsache, dass jemand ein nazistisches und rassistisches Publikum bedient, noch nicht zwingend schließen, dass er selbst dessen Überzeugungen teilt – er könnte etwa auch aus rein kommerziellen Gründen so handeln, was auch Jan Delay klar sein dürfte. Insofern dürfte es ihm auch nicht schwer gefallen sein, seine Aussage zurückzunehmen. Denn ebenso wie der Liedtext, der keine differenzierte historische Beurteilung der RAF darstellen soll, sondern eher eine provokante Kritik an der gegenwärtigen Situation, muss auch für die Interpretation der Interviewaussage der Kontext der HipHop-Kultur, in der Zuspitzungen ein gängiges Stilmittel sind, einbezogen werden. Einen festen Bestandteil dieser Kultur bilden ritualisierte Battles (was auch im zitierten Spiegel online-Artikel angesprochen wird), bei denen der Opponent gedisst wird, wobei oft im Ansatz begründete Kritik ins mitunter Grotesk-Hyperbolische gesteigert wird. Wenn die Kunstfigur Jan Delay (bürgerlich Jan Phillip Eißfeld) die Kunstfigur Heino des Nazitums zeiht, stellt das zum einen durchaus politisch motivierte Kritik eines sich dezidiert als links verstehenden Musikers an einem zumindest konservativen Kollegen dar, zum anderen aber auch eine Reaktion auf Heinos im Covern liegenden Akt der Aneignung eines Lieds von Delays früherer Band Absolute Beginner, eine Zurückweisung von Heinos onkelhaft-herablassender Umarmung. Und wenn Delay seine Gegenwartskritik ausgerechnet unter Bezug auf die RAF formuliert, so ist das nicht zuletzt auch ein Mittel, sich vor linksliberalen Vereinnahmungen zu schützen.

Dass Delays Aussagen, etwa auch im zitierten taz-Interview, mitunter wirr erscheinen, was manche Gegner wenig originell auf seinen eingestandenen Marihuanakonsum zurückführen wollen, lässt sich somit auch deuten als Versuch, sich trotz politischer Positionierung nicht mit allen, die die eigenen Ziele teilen, gemein zu machen, den eigenen Style beizubehalten – mithin als Ausdruck des wohl unlösbaren, jeder auch politischen Subkultur immanenten Konflikts zwischen Distinktionsbedürfnis und der Notwendigkeit, Verbündete zu finden.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Und wie du wieder aussiehst“. Warum Heino kein Rocker ist. Zu Heinos Coverversion von „Junge“ (Die Ärzte)

Original von Die Ärzte:

Heino
 

Junge

Junge, 
warum hast du nichts gelernt? 
Guck' dir den Dieter an, 
der hat sogar ein Auto 
Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt? 
Der gibt dir 'ne Festanstellung (wenn du ihn darum bittest) 
Junge... 

Und wie du wieder aussiehst 
Löcher in der Hose 
Und ständig dieser Lärm 
(Was sollen die Nachbarn sagen?) 
Und dann noch deine Haare 
Da fehlen mir die Worte 
Musst du die denn färben? 
(Was sollen die Nachbarn sagen?) 
Nie kommst du nach Hause 
Wir wissen nicht mehr weiter... 

Junge, 
Brich deiner Mutter nicht das Herz 
Es ist noch nicht zu spät 
Dich an der Uni einzuschreiben 
Du hast dich doch früher so für Tiere interessiert 
Wäre das nichts für dich? 
Eine eigene Praxis 
Junge... 

Und wie du wieder aussiehst 
Löcher in der Nase 
Und ständig dieser Lärm 
(Was sollen die Nachbarn sagen?) 
Elektrische Gitarren 
Und immer diese Texte 
Das will doch keiner hören 
(Was sollen die Nachbarn sagen?) 
Nie kommst du nach Hause 
So viel schlechter Umgang 
Wir werden dich enterben 
(Was soll das Finanzamt sagen?) 
Wo soll das alles enden? 
Wir machen uns doch Sorgen... 

Und du warst so ein süßes Kind 
Und du warst so ein süßes Kind 
Und du warst so ein süßes Kind 
Du warst so süß... 

Und immer deine Freunde 
Ihr nehmt doch alle Drogen 
Und ständig dieser Lärm 
(Was sollen die Nachbarn sagen?) 
Denk an deine Zukunft 
Denk an deine Eltern 
Willst du, dass wir sterben?

     [Heino: Mit freundlichen Grüßen. Starwatch 2013. 
     Original: Die Ärzte: Junge. Hot Action Records 2007.]

„Heino, ich glaub‘, du bist doch eigentlich auch ganz locker. Ich weiß, tief in dir drin, bist du eigentlich auch ’n Rocker. Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an und schließt dich ein auf’m Klo und hörst Rock-Radio.“ So mag es Heinz Georg Kramm eines Tages aus dem nicht mehr ganz neuen und etwas rauschenden Rundfunkempfänger vernommen haben. Und wie 1973 angesichts der Frage, ob er für die NPD auftreten würde, mag sich Heino erneut gedacht haben: „Warum nicht?“ – Warum eigentlich nicht einmal ein paar dieser Lieder singen, die die jungen Menschen mit der komischen Kleidung so hören? Warum nicht dem Feind seine Lieder nehmen? Dass dieses Konzept schon von den Nachwuchskräften von Gigi und die braunen Stadtmusikanten umgesetzt worden ist, dürfte Heino kaum geschreckt haben, schließlich hat er im Laufe seiner Karriere die Quintessenz aller NS-Liederbücher eingesungen (neben dem Deutschlandlied mit allen drei Strophen auch die inoffizielle Hymne der 6. Armee vor Stalingrad Es steht ein Soldat am Wolgastrand das Lied wurde erst in dieser Nutzung bekannt –, das bei HJ und Wehrmacht beliebte Schwarzbraun ist die Haselnuß sowie das Treuelied der SS, Wenn alle untreu werden; wer an der bis heute ungebrochenen Beliebtheit von Heinos Versionen in einschlägigen Kreisen zweifelt, gebe die Titel bei Youtube ein) – selbstverständlich mit dem Hinweis, dass es sich um Titel aus der Zeit vor der nationalsozialistischen Herrschaft handle. Gesagt getan, ein Mann ein Wort: Am nächsten Tag stand Heino im Tonstudio und schmetterte das fremdartige und unterkomplexe (was will man von Hottentottenmusik auch erwarten?) Liedgut. Zu den wiederkehrenden Interviewaussagen Heinos gehört der Hinweis, dass die Stimmlinie von Blau blüht der Enzian drei Oktaven umfasse, die gecoverten Rock- und Pop-Songs seiner neuen CD hingegen maximal eine.

Missverständnis 1: Komplexität

Spätestens dieses musikalische Äquivalent zum adoleszenten Genitalabgleich (schon Die goldenen Zitronen sangen „Zwei Meter lang, so muss er sein, drei Meter lang“) lässt jedoch erste Zweifel an der popkulturellen Kompetenz des rüstigen Barden mit der Vorliebe für die Zahl drei („Ich schlafe dreimal in der Woche mit meiner Frau“, BILD-Interview) aufkommen. Denn im Rock’n’Roll ging es noch nie um drei Oktaven, sondern um drei Akkorde in drei Minuten, mithin: um Reduktion. Das Kokettieren mit der eigenen musikalischen Primitivität (It’s only Rock’n’Roll, but I like it) gehört, ungeachtet einiger hochkomplexer Spielarten insbesondere im Bereich des Heavy Metal, zum Rock wie das Kokettieren mit dem Nationalsozialismus zu Heino („Aber noch bin ich ja hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund“, FAZ-Interview).

Missverständnis 2: Kleidung

Das nächste Missverständnis betrifft das Outfit, namentlich die Lederjacke und den Totenkopfring, mit denen Heino für seine aktuelle Platte posiert hat. Von Stuart Hall wissen wir, dass auch ursprünglich nicht als zeichenhaft produzierte Gegenstände wie die Jeans oder eben die Lederjacke popkulturell im Akt einer „signifying practice“ mit Bedeutung aufgeladen werden können. Ihnen ist eine spezielle Bedeutung also keineswegs inhärent, sondern sie werden in bestimmten sozialen Zusammenhängen mit einer solchen aufgeladen. Entsprechend ist die Jeans des Bauarbeiters auch dann noch Funktionskleidung, die keine weitere Bedeutung transportiert, wenn sie zeitgleich jugendkulturell mit Rebellion assoziiert ist. Auf Heino bezogen heißt das: Auch wenn schwarzes Leder und Totenköpfe bei Rockmusikern beliebte (mittlerweile ohnehin fast nur noch ironisch genutzte) Accessoires sind, so ruft diese Kombination bei Heino angesichts seines erwähnten musikalischen Outputs doch eine andere, ältere Traditionslinie auf.

Missverständnis 3: Geschichtlichkeit

Zum Image des neuen Heino gehört es, zu leugnen, es gebe ein neues Image. Schließlich habe er schon 1965 eine schwarze Lederjacke und einen Rollkragenpullover (Eben! Einen Rollkragenpullover!) getragen, und außerdem habe er seine Karriere mit Liedern der Bündischen Jugend begonnen: „Die waren mit dem damaligen System auch nicht zufrieden. Es waren die Rocker und Popper der Jahrhundertwende.“ (tz-Interview). Abgesehen davon, dass die Bündische Jugend, anders als der Wandervogel, nicht um die Jahrhundertwende aktiv war, sondern in der Weimarer Republik, dass also das System, mit dem sie nicht zufrieden war, die erste deutsche Demokratie war und zumindest große Schnittmengen mit nationalsozialistischen Idealen bestanden, und abgesehen davon, dass die Popper der 1980er Jahre nun gerade offensiv system- und insbesondere konsumaffirmativ auftraten, ignoriert Heino hier die Dimension der Geschichtlichkeit von politischen wie auch ästhetischen Positionen: Was zu einem bestimmten Zeitpunkt revolutionär (und also, wenn man so will, ‚rock’n’roll‘ war), muss dies nicht für alle Zeiten bleiben. Das lässt sich auch am Rock’n’Roll selbst zeigen: Ein Elvis-Imitator auf der Betriebsfeier ist heute nicht mehr rebellisch oder subversiv, wie es Elvis gewesen ist, als er den schwarzen, sexuell aufgeladenen Rock’n’Roll in die Kinderzimmer weißer Vorstadtfamilien brachte. Und so können ehemals revolutionäre Lieder (die sich in Heinos Repertoire ohnehin kaum finden) durchaus reaktionär werden, wenn sich eben der Erwartungshorizont (Hans Robert Jauß) verschiebt. Und Heino war von Beginn seiner Karriere an eben anti-rock’n’roll, sein Verständnis von Volksmusik war ein rein bewahrendes (Heino schlug sich 2005 selbst für das eigens zu schaffende Amt des Volkslied-Beauftragten der Bundesregierung vor, vgl. Der Spiegel), keines, das auf Fortschreibung zielt, wie es etwa neuere Spielarten traditioneller Musik unter dem Slogan „Volxmusik ist Rock’n’Roll“ für sich in Anspruch nehmen.

Missverständnis 4: Materialästhetik

Ein weiteres gravierendes Missverständnis betrifft die beabsichtigte Denunziation der gecoverten Stücke als ‚auch nur Schlager‘. Denn die zugrunde liegende Vorstellung, dass ein Lied seinen ‚wahren Charakter‘ zeige, wenn man es uminstrumentiert, ignoriert die Bedeutung der Materialästhetik, des Sounds in der Rock- und Popmusik zugunsten eines Primats der Komposition. Träfe das zu, wäre es keine Sensation gewesen, als Bob Dylan erstmals mit elektrisch verstärkter Gitarre auftrat (in I’m not there ins Bild gesetzt als Maschinenpistolensalve ins verstörte Folk-Publikum – ab Minute 2.05 hier zu sehen.) oder als Depeche Mode, Inbegriff der Synthie-Pop-Band, auf dem Album Ultra Gitarren einsetzten (und im Booklet auch noch damit posierten). Die großen Einschnitte in der Rock- und Pop-Musik waren, anders als in der klassischen, nicht kompositorischer (z. B. Zwölftonmusik), sondern soundtechnischer Natur: Punk etwa war nur schnell, verzerrt und unsauber gespielter Rock’n’Roll und nichtsdestotrotz eine ästhetische Revolution.

Für die Interpretation von Songtexten ist der Sound insofern von Bedeutung, als er ein semantisches Paradigma mit entsprechenden Codes und Mythen als Referenzrahmen aufruft – derselbe Text kann, in unterschiedlichem musikalischem Gewand, eine andere Bedeutung erhalten – dies hat ja in der vergangenen Woche Florian Seubert mit dem Gedankenexperiment, Blau blüht der Enzian werde von einer Rockband gecovert (wie es Tankard als Tankwart getan haben), in einer Gegen-den-Strich-Lektüre demonstriert. Wenn Heino das Lied als volkstümlichen Schlager singt, wird aber nicht das semantische Potenzial des Enzians als Sexdroge aufgerufen, sondern fungiert dieser nur als floraler Teil der Landschaftsstaffage für eine Geschichte, in der es wieder einmal (wie beim Polenmädchen und der Schwarzen Barbara oder Komm in meinen Wigwam) um die Verfügbarkeit einer Frau geht.

Missverständnis 5: Interpret

Dass Popsongs und Volkslieder rein kompositorisch große Ähnlichkeiten aufweisen, ist nichts Neues, schließlich können in Fahrtenliederbüchern Das Wandern ist des Müllers Lust und Yellow Submarine durchaus einmal nebeneinander stehen. Und von Pfadfinderwölflingen zur akustischen Gitarre des Rudelführers geheult verliert jedes Lied seinen Rock-Charakter – was allerdings mehr über die Interpreten als über das Lied aussagt. Wenn also Heino Junge von Die Ärzte singt, einen Rollentext, in dem ein über den Lebenswandel des Sohnes besorgtes Elternteil diesen mit Vorwürfen und guten Ratschlägen eindeckt, so entsteht dadurch keineswegs eine doppelte Ironie, sondern, ganz gemäß der algebraischen Regel ‚minus mal minus gibt plus‘ eigentliches Sprechen, weil man Heino ohne Weiteres zutraut, die Auffassungen des Sprecher-Ichs zu teilen (was er in Interviews auch angab, vgl. Wikipedia). Schließlich hatte sein maritimes Äquivalent Freddy Quinn nicht nur in Junge, komm bald wieder eine besorgte Mutter-Perspektive eingenommen, sondern mit Wir auch glaubhaft eine Suada gegen langhaarige, ungewaschene „Gammler“ vorgetragen. Und Heino selbst hatte noch 2012 die Rolle des gestrengen pater familias der Volksmusikszene für sich beansprucht, als er Stefanie Hertel aufgrund ihm zu gewagt erscheinender Outfits bei Let’s Dance (via BILD-Zeitung) zurechtwies: „Wie Stefanie sich zu einem halb nackigen Revue-Girl entwickelt, bereitet mir Bauchschmerzen“; „Wenn Stefanie sich unbedingt so zeigen will, dann sage ich: Es gibt in Deutschland viele Stangen, an denen man tanzen kann. Zum Beispiel auf der Reeperbahn“.

Der Effekt einer Entironisierung durch den Interpreten, den Gigi und die braunen Stadtmusikanten, die ein affirmatives Lied über die NSU-Morde veröffentlicht haben, ganz bewusst genutzt haben, wenn sie etwa Wolfgang Ambros‘ Kanackenzerhacken gecovert haben, stellt sich bei Heino mutmaßlich unfreiwillig ein.

Heino steht außerdem (wie es sich mit der Privatperson Heinz Georg Kramm verhält, spielt für die Wirkung der Texte keine Rolle) für absolute Humorfreiheit. Er erwirkte wegen angeblicher Verwechslungsgefahr eine einstweilige Verfügung gegen den ‚wahren Heino‘, der zeitweise mit Die Toten Hosen auftrat, kommentierte Ottos Mashup von Michael Jacksons Thriller-Video und Heinos Schwarzbraun ist die Haselnuß wiederum via Bildzeitung mit „Otto ist ein A…loch“ und schnarrt bei jeder Kritik, gleich von wem sie vorgetragen wird, „Was stört es eine alte Eiche, wenn sich die Sau dran kratzt.“ Selbstironie, wie sie ihm nun mancherorts zugeschrieben wird, ist Heino völlig fremd, nichts an seinen Liedern und Äußerungen deutet darauf hin.

Hier wird auch der zentrale Unterschied zwischen Heino und Johnny Cash (vgl. dazu auch Andreas Borcholte: Heinos Hit-Album: Der Unversöhnliche) deutlich, zu dessen Alterswerk ebenfalls Cover von Rock- und Popsongs gehörten: Johnny Cash war mit seinem Interesse an Outlaw-Figuren und seinen Auftritten in Gefängnissen tatsächlich immer schon eine Art Rebell innerhalb der Country-Szene; entsprechend konnte er sich auch Songs von Nick Cave and the Bad Seeds, Nine Inch Nails und Depeche Mode glaubhaft aneignen. Heino hingegen kann seine Verachtung für die Gecoverten nicht verbergen, für die er sich so wenig interessiert, dass er die Liedauswahl seinem Produzenten und seinem Manager überließ.

So mag Heinos Coveralbum zwar in finanzieller Hinsicht ein Coup gewesen sein, auf einem Feld also, auf dem er sich ohnehin den meisten Konkurrenten überlegen weiß: Der Hinweis auf seine 50 Millionen verkauften Tonträger fehlt in kaum einem Interview. Der Versuch aber, nach einem nahezu vollständigen Aufmerksamkeitsverlust als Sänger auch ästhetisch wieder ins Spiel zu kommen, kann als gescheitert betrachtet werden: Schien vor der Veröffentlichung seines Coveralbums der Gedanke an eine „Versöhnung mit Heino“ (taz) noch „möglich“, so ist eine solche nun gar nicht mehr von Interesse.  Denn Heino hätte auf keinem anderen Wege als dem des Coverns aktueller Songs besser demonstrieren können, dass er kein Fall für die Musikkritik mehr ist, sondern für die Mentalitätsgeschichtsschreibung der 1960er und 1970er Jahre.

Möglicherweise wird Heinz Georg Kramm demnächst, dösend vor seinem Fernsehgerät, das ebenfalls ein wenig rauscht, wieder einmal ein Lied hören, in dem – Warum sollte ihn das wundern? – er direkt angesprochen wird:  „Heino, Heino, deine Welt sind die Berge“. Und vielleicht wird sich Heinz Georg Kramm dann denken: Recht hat sie, die gute alte Braunsche Röhre. Heinos Welt sind der Westerwald, die hohen Tannen, der Enzian – und nicht diese Asphaltthemen der jungen Menschen. Man könnte vielleicht mal wieder ein Album mit den schönsten Wander- und Fahrtenliedern veröffentlichen. Aber vielleicht muss auch das gar nicht sein.  Schließlich hat er 50 Millionen Platten verkauft.

 Martin Rehfeldt, Bamberg

„Keiner weiß, was dann geschehen ist.“ Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Oder: Warum Heino eigentlich schon immer ein Rocker war. Zu „Blau blüht der Enzian“

Heino (Text: Adolf von Kleebsattel) 

Blau blüht der Enzian

Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an 
Die ich nie vergessen kann

Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht 
Und das Schweizer Madel auf die Alm 'naufgeht 
Bleib' ich ja so gern am Wegrand stehen, ja, stehen 
Denn das Schweizer Madel sang so schön 
Holla hia hia holla di holla di ho 
Holla hia hia holla di holla di ho
Blaue Blumen dann am Wegrand stehen, ja, stehen 
Und das Schweizer Madel sang so schön

Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an 
Die ich nie vergessen kann
Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian [...]

In der ersten Hütte, da haben wir zusammen gesessen 
In der zweiten Hütte, da haben wir zusammen gegessen 
In der dritten Hütte hab' ich sie geküßt 
Keiner weiß, was dann geschehen ist 
Holla hia hia holla di holla di ho 
Holla hia hia holla di holla di ho 
In der dritten Hütte hab' ich sie geküßt 
Keiner weiß was dann geschehen ist

Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an
Die ich nie vergessen kann
Die ich nie vergessen kann
Die ich nie vergessen kann – Ja!

     [Heino: Blau blüht der Enzian/Irgendwann sind alle gleich. Electrola 1972.]

Heino ist wieder cool. Oder war es vielleicht schon immer? Zumindest ist er mit seinen Coversongs aus Rock und Pop an die Spitze der Charts marschiert. Auf diese Weise hat der  Schlagerbarde mit seinem tiefen Stimmton die Pophits in deutsches Volksliedgut überführt. Die Frage nun an alle Rocker: Warum im Gegenzug nicht einfach mal aus einem Heino-Lied ein Rockhymne machen? Denn so wie sich die Rocknummern als Schlager eignen, stecken in so manchem Heino’schen Schlagertext echte Rockqualitäten. Blau blüht der Enzian aus dem Jahre 1972 zum Beispiel weist gleich zwei Elemente der Trias Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll deutlich auf, und mit etwas Phantasie kann man sich auch das dritte dazureimen.

In Heinos Schlager geht es heiß her: Die Alpen glühen förmlich, und das muss man hier nicht nur keusch als Sonnenaufgangsszenario verstehen. Es wird die Geschichte erzählt, wie ein (vermutlich männliches) Sprecher-Ich einem Schweizer Madl nachstellt und dabei schließlich erfolgreich ist. Der Refrain ist voll mit sexuellen Anspielungen. Deutlich stechen die roten Lippen durch die exzessive Betonung der roten Farbe neben dem Blau des Enzians heraus. Schon im Minnesang waren sie eine Chiffre für die erotische Anziehungskraft einer hehren Dame. Der Enzian selbst erhält gleich mehrere erotische Komponenten. Bereits im Mittelalter wurde er als Aphrodisiakum verwendet, wie das österreichische Heimatlexikon Austria-Forum vermerkt. Um dem Enzian seinen Liebeszauber zu entlocken, musste man ihn am Johannistag bei Sonnenaufgang, also beim Alpenglühen, mit einer goldenen Schaufel ausgraben.

Die erotischen Zuschreibungen für den Enzian werden zudem durch die im Text explizit aufgerufene „blauen Blume“ unterstützt. Sie gilt als zentrales romantische Symbol und taucht im Kontext eines (sexuellen) Erweckungserlebnisses in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen auf. Abgesehen davon gibt es auch eine Tradition von phallisch-sprießenden („blühenden“) Gewächsen im Schlager: Man denke an, Veronika, der Lenz ist da und den Spargel, der darin ostentativ wächst. Parallel sind Blumen (und vor allem das Brechen dieser) weiblich geprägte Metaphern für Geschlechtsverkehr, wie beispielsweise in Goethes Heideröslein.

Der unschuldige Enzian, der aufgrund seiner blauen Farbe auch ein Symbol für Treue ist (vgl. wikipedia), mutiert vor dem gezeichneten Hintergrund also zur Sex-Droge. Schon die leuchtenden Primärfarben und deren eindringliche mehrfache Wiederholung sind ein Indiz dafür, dass die alpinen Schäferstündchen möglicherweise von Drogenkonsum begleitet werden, was wiederum den psychedelischen Farbrausch erklärt. Außerdem fände sich im Enzianrausch auch eine Erklärung dafür, warum der Tempusgebrauch so bunt und oft unerwartet wechselt. Die Zeitebenen zwischen Erleben und Erinnern verschwimmen:

Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht
Und das Schweizer Madel auf die Alm naufgeht
Bleib ich ja so gern am Wegrand stehn, ja, stehn
Denn das Schweizer Madel sang so schön.

Aufgrund der Uneindeutigkeiten beim Tempusgebrauch, kann nicht eindeutig geklärt werden ob sich das Sprecher-Ich als älterer Mann bei einer Bergwanderung zurückerinnert und an ein vergangenes Ritual des Wiedersehen beim Alpenglühn denkt oder aber, ob das erlebende Ich sich erneut nach sei’m Schweizer Madel und dessen Gesang sehnt und folglich den Sonnenaufgang um viere kaum erwarten kann.

Dass die sexuell-frivolen Zwischentöne durchaus beabsichtig sein mögen, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte zwischen Bursch und Madel. Eine Orgie kann der Schlagertext freilich nicht schildern, aber im dem Genre eigenen prüd-keuschen Rahmen geht er so weit, wie es eben noch vertretbar ist: In einer Drei-Hütten-Klimax kommt es zur körperlichen Annährung. Erst wird „gesessen“ (händchenhaltend?), dann wird „gegessen“ (sich fütternd?), dann wird „geküsst“ (sich küssend!) und dann… . Die dramaturgische Struktur der letzten Strophe führt unausweichlich im doppelten Wortsinne zum Höhepunkt. Ausgesprochen wird dies allerdings nicht: „Keiner weiß, was dann geschehen ist.“ Und damit weiß es jeder (Denken Sie jetzt nicht an rosa Elefanten!). Falls dem Hörer das beim ersten Mahl nicht klar geworden ist, wird die Passage mit Bezug auf den mehrdeutig-schlüpfrigen „Gesang“ der feschen Maid („Holla hia hia holla di holla di ho/ Holla hia hia holla di holla di ho“) wiederholt.

Viel mehr sex and drugs lässt sich in einem traditionellen deutschen Schlager kaum unterbringen. Das offensichtliche Ausstellen eines geradezu aufgedrängten Zwischen-den-Zeilen-Lesens macht die rhetorische Spannung des Textes aus. Es hat sich also gezeigt, dass Heino thematisch eigentlich schon immer ein Rocker war. Und dass er auch noch der Roller schlecht hin ist, um an einen SZ-Artikel vom 1. Februar anzuschließen, lässt sich zumindest mit Blick auf die lautliche Ebene nicht bestreiten: Sein ro-, ro-, rollendes R ist unverwechselbar. Und das ist dann ja irgendwie auch wieder cool.

Florian Seubert, Bamberg