Weicher Kern, harte Schale, Teil II. Selbstzweifel von unerwarteter Seite. Zu Onkel Toms „Zu wahr um schön zu sein“

Onkel Tom

Zu wahr um schön zu sein

Man kann es tun, man kann es lassen
Man kann es drehen, wie man will
Die einen lieben, was andere hassen
Ob man laut ist oder still
Soll man das Leid der anderen kennen
Oder ist man besser Schwein
Soll man alles niederbrennen
Nur um König der Asche zu sein

Zu alt um jung zu sterben
Zu krass um Held zu werden
Ein Schatten im Heiligenschein
Zu wahr um schön zu sein

Da bewegt man sich am Abgrund
Und ist für manche noch zu brav
Für die einen wie ein Bluthund
Für die anderen wie ein Schaf
Soll man denn wirklich etwas ändern
Andere verlieren, was ich gewinne
In einer Welt aus Blendern
Raubt es einem schnell die Sinne

Zu alt um jung zu sterben […]

Soll man die ganze Welt erneuern
Oder nur die Augen drehen
Soll man die ganze Ladung feuern
Oder auf Knien flehen
Man glaubt, man hat den Funken
Der das Feuer entfacht
Doch schnell ist der gesunken
Der aus Gold nur Scheiße macht

Zu alt um jung zu sterben […]

     [Onkel Tom: H.E.L.D. Steamhammer 2014.]

Ein Rocker reflektiert

Sänger aus Genres wie dem Punk oder Metal gelten nicht unbedingt als selbstkritisch. Schließlich gehört es zum Stereotyp des Rockers, sich völlig der Musik verschrieben zu haben und auch, wenn der Weg schwierig und lang ist, sich mit der Vorstellung der eigenen, originären Musik durchzusetzen. Typisch für diesen selbstbewussten Weg ist beispielswiese der AC/DC Klassiker It’s a long way to the top (if you want to rock’n roll), in dem der harte aber letzendlich erfolgreiche Weg in den Rockolymp glorifiziert wird. Umso überraschender präsentiert sich im hier vorgestellten Lied Onkel Tom, der sich gerne als rotziger Ruhrpottrocker stilisiert, beispielsweise im Lied Prolligkeit ist keine Schande.

Ganz reflektiert beginnt der Text mit der Feststellung von subjektiven Einschätzungen nicht näher definierter Leistungen. Zugespitzt wird in der ersten Strophe ausgedrückt, dass man es nie allen Recht machen kann. Der zunächst einmal offensichtlichen Feststellung, dass die „einen lieben, was andere hassen“, folgt dann ein breiter Fragenkatalog zum richtigen Verhalten. Dabei geht es um die Frage, ob man sich mit dem Leid der anderen beschäftigen soll oder dieses lieber ignoriert, in den letzten beiden Versen dann darum, ob sich ein radikaler Umbruch („alles niederbrennen“) letzten Endes lohnt. Schließlich wird gefragt ob ein Bruch mit Zwängen und Systemen wirklich zielführend ist („König der Asche“).

Schließlich wagt die Sprechinstanz den Blick in den Spiegel und auch wenn die erste Person nie verwendet wird, bezieht sich der Refrain in der hier vorgeschlagenen Lesart auf die Sprechinstanz, einen gealterten Rocker und damit ein Alter Ego Onkel Toms, selber. Also könnte man statt: ‚zu alt, um jung zu sterben…‘ auch sagen ‚ich bin zu alt um jung zu sterben…‘. Hier wird die Unsicherheit der Sprechinstanz besonders deutlich: Das Alter schreitet unaufhörlich voran (vgl. dazu auch den Vers „Ich glaub’s ja selbst kaum, ich bin noch am Leben“ des Liedes Ich bin noch am Leben auf dem gleichen Album), das Leben wurde „krass“ geführt und die Sprechinstanz befindet sich irgendwo zwischen Schatten und Licht. In den ersten Refrainzeilen gibt es noch keine Indikation, ob die Sprechinstanz es als gut oder schlecht empfindet „krass“ gelebt zu haben. Besonders die Tatsache, dass sie kein „Held“ ist, kann im Rockgenre auch positive Konnotationen haben, wo ein Anti-Held, der sich gegen Konventionen und Normen stellt, als positiv wahrgenommen werden kann.

Nicht so hier. Klar wird nämlich schließlich im Schlussvers, dass es sich bei dieser selbst-reflektiven Sprechinstanz um eine Person handelt, die es zumindest nicht ausschließlich als positiv empfindet, ein Anti-Held zu sein. „Zu wahr, um schön zu sein“, gibt klar zu erkennen, dass der Sprecher sich selber als ‚un-schön‘ sieht. Ganz im Gegensatz zu den anderen Texten in dieser Serie wird hier das „zu wahr um schön zu sein“ nicht auf die Welt an sich, sondern den Sprecher selber angewandt. Er scheint vom Leben enttäuscht.

Warum dies so ist, wird bereits in den ersten Strophen angedeutet, besonders in der zweiten. Die ersten zwei Verse dieser Strophe vermitteln den Eindruck, dass der Sprecher sein Bestes versucht, es allen Recht zu machen, und doch nie gut genug ist. Noch weiter geht es in den folgenden Versen, in denen durch Tiermetaphorik („Bluthund“ und „Schaf“) ausgedrückt wird, dass der Sprecher für die einen zu brav und für die anderen zu „krass“ ist und sich somit in einer Lage befindet, in der nichts gut genug ist. Versteht man die Sprechinstanz als einen gealterten Rocker, möglicherweise ein Alter Ego Onkel Toms, lässt sich noch weiter konkretisieren, dass dieses versucht Fans und Kritikern zu gefallen, aber damit nur bedingt Erfolg hat. Dieses Bild eines von externen Kritikern verunsicherten Rockers ist ein Gegenpol zum in schwarz gekleideten Rockstar, der umgeben von E-Gitarren, Bier und Zigarettenrauch von einer Frau zur nächsten hüpft. Unsicherheiten, so könnte man verallgemeinern, haben alle, nur manche sind besser darin sie zu verstecken.

Doch, und auch das zieht sich durch das ganze Lied, was der Befund aus dieser Verunsicherung ist, darüber ist sich die Sprechinstanz nicht sicher. So lautet die fragende Überleitung „Soll man wirklich etwas ändern“, um dann festzustellen, dass das, was die Sprechinstanz gewinnt, andere verlieren und es ohnehin nur Blender in der Welt gibt. Die Welt aus Blendern hat dem Sprecher ohnehin schon die Sinne geraubt, was wohl darauf hindeutet dass er deshalb selber nicht weiß, wie er sich verhalten, ob er „Bluthund“ oder „Schaf“ sein soll.

Auf ähnliche Weise wird in der letzten Strophe gefragt, ob man die Welt erneuern oder sich von ihr abwenden soll. Hierbei handelt es sich um eine Variation des Themas, das in der ersten Strophe durch die Verse „Soll man das Leid der anderen kennen / Oder ist man besser Schwein“ bereits eingeführt worden ist. Die gleiche Frage wird auch in den Versen drei und vier der letzten Strophe gestellt, wo gefragt wird, ob man einen radikalen Umbruch herbeisehnt („alles niederbrennen“ bzw. „die ganze Ladung feuern“). Als weitere Option, die nicht in der ersten Strophe vorkommt beinhaltet die letzte Strophe auch die Frage, ob man sich unterwerfen solle („auf Knien flehen“). Durch das Aufgreifen bereits eingeführter Themen erhält der Text auch eine gewisse Kohärenz, die sich durch den zentralen Fokus auf den Selbstzweifels noch verstärkt. So entgeht Onkel Tom der Auflistung von Klischees, die im Text von Hämatom (siehe Teil I) so ausgeprägt ist – auch wenn im hier besprochenen Text natürlich ebenfalls mit konventionellen Topoi wie Schatten/Licht gearbeitet wird. Der Kreis zwischen erster und letzter Strophe schließt sich mit der erneuten Verwendung von Feuermetaphern, doch endet die letzte Strophe auf eine pessimistische Weise, denn „Man glaubt, man hat den Funken“, macht dann aber doch nur aus Gold Scheiße. Blinder Aktionismus, so scheint hier nahegelegt zu werden, führt nicht immer ans Ziel.

Wie Onkel Tom an anderer Stelle ein überraschend positives Bild von Gott zeichnet (siehe Interpretation hier), überrascht er auch hier mit einem Liedtext, der voller Fragen und Unsicherheiten ist. Die Sprechinstanz wird sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten im Liedtext bewusst und bittet auf gewisse Weise den Hörer um Nachsicht, indem sie betont, dass sie versucht ihr Bestes zu geben. Die Sprechinstanz, die mit sich selber und der Welt hadert, hat auch eine repräsentative Funktion für Menschen, die an sich zweifeln. Dass dies so offen von einem Künstler dargestellt wird, der auch davon lebt, ein Image als saufender Trunkenbold zu zelebrieren, verdient Respekt.

Martin Christ, Oxford

Aktueller Kommentar von 1980: Fehlfarben: „Gott sei Dank nicht in England“

 

Fehlfarben

Gott sei Dank nicht in England

Wo ist die Grenze, wie weit wirst du gehn
Verschweige die Wahrheit, du willst sie nicht sehen
Richtig ist nur, was du erzählst
Benutze einzig, was dir gefällt

Schneid dir die Haare, bevor du verpennst
Wechsle die Freunde wie andere das Hemd
Bau dir ein Bild, so wie es dir passt
Sonst ist an der Spitze für dich kein Platz

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt
Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol
Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein
Das ist das Ende, du bleibst allein

Bild dir ein, du bist Lotse und hältst das Steuer
Mitten im Ozean spielst du mit dem Feuer
Sprichst andere Sprachen im eigenen Land
Zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt [...]

     [Fehlfarben: Monarchie und Alltag. Electrola 1980.]

Dieses Lied wurde nicht in den vergangenen Tagen gegen Boris Johnson geschrieben, sondern entstand 1980. Nichtsdestotrotz passt Gott sei Dank nicht in England Vers für Vers zur aktuellen Debatte: Vom instrumentellen und sehr flexiblen Umgang der Brexit-Befürworter mit der Wahrheit und Boris Johnsons scheinbar unfrisierten Haaren sowie seiner ehemaligen Mitgliedschaft in einem elitären, für Saufgelage berüchtigten Studentenclub, über sein ehemals zumindest vermeintlich freundschaftlichiches Verhältnis zu David Cameron und die ihm nachgesagte Ambition, dessen Nachfolger zu werden, bis zu den Themen Grenzen und Isolation.

„Und was sagt uns das? Weiß ich nicht.“ Das sang eine andere große deutschsprachige Band (mit englischsprachigen Anfängen), Element of Crime. Ihr Lied geht übrigens weiter mit „Alles ist besser ohne dich.“ Aber das klingt dort aus dem Mund des Sprecher-Ichs, der seine Ex-Freundin ansingt, wenig überzeugend. Als Beleg für prophetische Qualitäten von Popsongs taugt Gott sei Dank nicht in England jedenfalls nichts, denn der Text ließ sich im damaligen Kontext relativ eindeutig als szeneinternes Statement gegen diejenigen (Post-)Punks verstehen, die lediglich musikalische und modische Trends aus Großbritannien übernahmen. Die Fehlfarben um Sänger und Texter Peter Hein versuchten sich demgegenüber an einer deutschen Umsetzung der Punkidee und veröffentlichten 1980 mit Monarchie und Alltag eines der für die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik wohl einflussreichsten Alben.

Daran anzuknüpfen erscheint jetzt, da sich die führende europäische Pop-Nation vom Festland abwendet und vielleicht schon bald komplizierte Einreiseformalitäten Tourneen britischer Bands erschweren und Zölle den Import britischer Tonträger verteuern werden, besonders sinnvoll. Ein Ansatz dafür könnte ja die Verwendung mehrdeutiger Metaphern sein, die die Relektüre des hier vorgestellten Liedes erst ermöglicht hat. Als Inspiration kann man ja neben der frühen Neuen deutschen Welle auch englischen Pop dieser Zeit hören. Oder Björk natürlich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Es ist auch mein Land“. Zu Die Toten Hosen: „Willkommen in Deutschland“

Zwischen Ironie und Utopie. Die Ärzte: „Friedenspanzer“

Die Ärzte

Friedenspanzer

Ich möchte eine Welt, eine Welt in der Würmer und Insekten endlich wieder sprechen.
Ich möchte eine Welt, in der ich aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag 
zu kriegen
 
Die Tagesschau ist nicht mein Fall
Nichts als Mord und Massensterben überall
Die Hunde des Krieges wieder losgelassen
Wenn Schwestern und Brüder sich wieder hassen

Wenn Bomben fallen
Terror regiert
Und der Mensch im Allgemeinen
Zum Haß tendiert

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in Dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Er schießt Blumen statt Granaten
Er trifft jeden auch die Harten
Anstelle Giftgas gibt es Rosenduft
Schwängert mit Weihrauch die verschmutzte Luft

Er lässt uns nie-
mals mehr allein
Und auch Du und ich und alle
Werden seine Munition sein

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in Dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Er näht das Ozonloch zu
Pflanzen bauen Regenwald im Nu
Stoppt Hungersnöte mit der Tofukanone
Erklärt die ganze Welt zur Antiwalfangzone [im Songbook: "Antiwaffenzone"]

Selbst die Atombombe
Hat versagt
Die ist als Lösung wirklich nur noch ein Stück Wrack

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Macht Schluss mit jeder Diktatur
Ich frag mich, wie macht er das nur
Friedenspanzer
Er hilft uns bei jedem Reim
Trägt Omas Einkaufstüten heim
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer

     [Die Ärzte. Die Besite in Menschengestalt. Metronome 1993.]

Vorstellung der Band

Bela, Farin und Rod bilden seit 1982 das Punktrio Die Ärzte. Sie bezeichnen sich selbst als „die beste Band der Welt“. Das erste Album Debil erschien 1984 und das bis dato letzte 2012. Nicht nur die lange Existenzzeit der Band spricht für ihren Erfolg, sondern auch zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. die 1Live-Krone für das Lebenswerk der Ärzte 2008. Die Berliner trennten sich von 1988 bis 1993 und gründeten sich dann neu. Bei dieser Neugründung kam Rod als Bandmitglied dazu. 1993 entstand das Album Die Bestie in Menschengestalt, auf dem auch der Song Friedenspanzer zu finden ist.

Entstehung

Friedenspanzer ist nicht nur auf dem Album zu finden, sondern erschien auch als Singleauskopplung. In den 1980er-Jahren, also zur Zeit des kalten Krieges, schrieb Rod, der zu diesem Zeitpunkt noch kein Mitglied der Band war, die Ur-Version des Lieds. Die letzten Endes erschienene Version bearbeitete Rod zusammen mit Bela.

Kontext

Politisch-gesellschaftlich können folgende Ereignisse als Kontext zu dem Song gelesen werden: zum einen der Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt durch die Rote Armee Fraktion am 27.3.1993, zum anderen der Bosnienkrieg (1992-1995) und der Krieg in Georgien bzw. das Massaker von Sochumi (27.9.1993). Dies sind nur Beispiele, die die Situation um 1993 aufzeigen sollen und damit veranschaulichen, dass auch im Jahre 1993, nach dem Ende des Kalten Krieges, Kriege und Gewalttaten stattfanden und somit auch in den Medien (z.B. in der Tagesschau) präsent waren. Des Weiteren ist auch der Kalte Krieg als Kontext des Liedes anzusehen, da die Rohfassung in diesen Jahren entstanden ist.

Interpretation

Das Ich des Songtextes sieht die Welt als durch Krieg und Gewalt bedroht an. Ebendiese Bedrohung ist in der Tagesschau zu sehen und wird hier mittels der Begriffe „Mord“, „Massensterben“, „Bomben“ und „Terror“ angedeutet. Der Mensch wird als zum Hass tendierend beschrieben, sodass er als Verantwortlicher für die Gewalt erscheint. Als Lösung bzw. Gegenmittel schlägt das Ich den „Friedenspanzer“ vor, der „Frieden ohne Schmerz“ und „Liebe in dein Herz“ bringt. Mittels des Possessivpronomens „dein“ spricht das „Ich“ ein „Du“ an, welches der jeweilige Rezipient des Liedes darstellt.

Was ist ein „Friedenspanzer“?

Sprachlich gesehen ist der „Friedenspanzer“ ein Neologismus, der zugleich ein Oxymoron ist. Somit stehen die Begriffe „Frieden“ und „Panzer“ in Opposition zueinander. Der mit diesem Kompositum bezeichnete Gegenstand soll zur „Rettung dieser Welt“ beitragen, indem der Panzer Liebe und Frieden verbreitet. Seine Munition stellen Blumen, Rosenduft und Weihrauch dar. Der Friedenspanzer bekämpft nicht nur Gewalt und Krieg, sondern auch Naturkatastrophen und Hungersnöte, indem eine „Tofukanone“ genutzt wird. Des Weiteren werden auch Alltagssorgen beseitigt, so z.B. die Suche nach neuen Reimen für Bands (hier Die Ärzte) und das Tragen von „Omas Einkaufstüten“.

Weitere sprachliche Besonderheiten

Neben „Friedenspanzer“ sind auch andere Neologismen vorhanden, so z.B. die gerade bereits erwähnte „Tofukanone“ und die „Antiwalfangzone“. Diese illustrieren die weiteren Funktionen des „Friedenpanzers“. Außerdem werden bevorzugt Wörter aus den Wortfeldern „Krieg, Gewalt und Katastrophen“ einerseits und „Frieden und Natur“ andererseits benutzt. Im Zusammenhang mit Krieg sind dies folgende Wörter: Mord, Massensterben, Krieg, Bombe, Terror, Hass, Granate, Giftgas, verschmutze Luft, Ozonloch, Hungersnot, Neutronenbombe, Diktatur. Die Wörter Rettung, ohne Schmerz, Blumen, Rosenduft, Weihrauch, nähen, pflanzen, Regenwald, Lösung, helfen greifen hingegen den Kontext des Friedens auf.

Zitat am Anfang des Liedes

Am Anfang des Liedes ist als Sample ein Zitat von Frank Drebin aus dem Film Die nackte Kanone 2 ½ zu hören: „Ich möchte eine Welt, eine Welt in der Würmer und Insekten endlich wieder sprechen, ich möchte eine Welt, in der ich aus der Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu kriegen.“ Dies zeigt zum einen die Intermedialität des Songs an, da er einerseits auf eine angesehene Nachrichtensendung, die Tagesschau, referiert und andererseits auf einen Film aus dem Genre der Komödie. So wird am Anfang des Liedes demselben eine gewisse Ernsthaftigkeit abgesprochen, die dann wiederum durch die Erwähnung der Tagesschau – vorübergehend – (wieder)hergestellt wird.
Außerdem kann das Zitat auch als Verortung des Liedes in der Epoche der Romantik angesehen werden, da diese davon ausgeht, dass die Welt mit dem empfindsamen Menschen kommuniziert. Dies ist gegeben, da Tiere, in diesem Fall Würmer und Insekten sprechen. Diese Welt wäre eine ideale Welt, die derjenigen, wie sie in der Tagesschau ersichtlich wird, gegenübersteht.

Fazit

Insgesamt changiert das Lied zwischen dem ernsten Bemühen, eine Gegenwelt zu entwerfen, und der selbstironisch-humoristschen Infragestellung dieser ‚Gutmenschen‘-Vision (vgl. etwa die „Tofukanone“). Es ist dem Ich das Liedes klar, dass sich die Probleme der Welt nicht durch Panzer lösen lassen, dass aber das Alternativkonzept des Friedenspanzers ein frommer Wunsch oder schöner Traum bleiben muss: Es gibt keinen Daniel Düsentrieb, der in der Lage wäre, einen Friedenspanzer als eine universelle Problemlösungsmaschine, als deus ex machina, zu erfinden.

Melissa Müller, Düsseldorf

Literatur

Murielle Martin: Die Ärzte. Auf den Spuren der Kult-Band zwischen Charts und Provokation. Düsseldorf 2001.

http://www.bademeister.com (Offizielle Homepage der Ärzte)

Hört der Spaß da auf? Zum Deutschlandbild in „Schwarz Rot Braun“ von Swiss und Die Andern (2014).

Swiss und Die Andern

Schwarz Rot Braun

(Rausgeh'n, Dranmontier'n)

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun.
Wir lieben unsren Dackeln einmal mehr als unsre Frau.
Wir kaufen deutsche Autos, denn nur den' kann man vertrau'n.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?
 
(1,2,3,4)
 
Der Mazda vom Nachbarn steht in meiner Einfahrt
2 cm, wo komm' wir da hin?
Ich nehm' das auf auf Kamera,
weiß dieser Kommunist denn noch nicht wer ich bin?
Ich lege eine Akte an, 
marschier vor Gericht, wo ich ihn verklagen werde!
Keiner verarscht mich, meine Frau, mein' Dackel
und erst recht nicht meine Gartenzwerge!
Ich bin tolerant:
Meine Tochter darf mit Türken zur Schule gehen,
Multikulti, naja, doch ich hab ihr gesagt:
Ich will keinen Molukken in meiner Bude sehen!
Unser Dackel gewinnt Wettbewerbe, 
das Siegergeld werden meine Kinder irgendwann mal erben.
Man darf nicht alles viel zu ernst nehmen, 
zu Fasching kommen wir mit Hitlerbärten!

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun.
Wir lieben unsren Dackeln einmal mehr als unsre Frau.
Wir kaufen deutsche Autos, denn nur den' kann man trau'n.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?

Wir zählen unser Geld,
und wir geben dir kein' aus.
Wir sparen unsre Knete lieber
für ein deutsches Haus.
Dann zieh'n wir in den Krieg
und zwar gleich am Gartenzaun.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?

Freitagabend,
ich und meine Frau,
wir geh'n nochmal raus,
geben unsren Kindern 'nen Kuss (Jawoll!),
runterkomm'n vom Bürostress,
Freunde treffen im Swingerclub (Ficken!),
deutsche Bänker,
häufig Rentner.
Im Hintergrund läuft der Wendler, 
Andrea Berg, Helene Fischer, 
auf diese Frauen masturbieren deutsche Männer.
Geld ausgeben für 'nen neuen Camper,
Urlaub an der Ostsee,
man gönnt sich was.
Was Mallorca?
Was Ibiza?
Echte Deutsche triffst du auf'm Campingplatz.
Bei Freundschaft hört das Geld auf,
ich verleih nichts!
Schuldest mir noch 1,30€!
Freund aller Schwarzen,
Kein Pseudo,
ich gebe der Klofrau 'nen Euro.

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun [...]
Wir zählen unser Geld [...]
Ich wohn in schwarz-rot-gold mit etwas braun [...]

Wir zählen unser Geld [...]

     [Swiss und Die Anderen: Schwarz rot braun.  Missglückte Welt 2014.]

Im Rahmen der Aktion „Für ein weltoffenes Dresden“, die sich gegen die „Pegida“-Demonstrationen richtete, leuchtete einem von einem großen Monitor des Dresdner Staatsschauspiels folgende Statistik entgegen:

Sachsen hat mehr als 4 Millionen Einwohner

– davon Christen: 1 Million
– davon Muslime: 16.000 (0,4%)
– davon Salafisten: 100 (0,002%)

Straftaten von Rechtsextremisten in Sachsen: 1.635
Straftaten von Linksextremisten in Sachsen: 582
Straftaten mit ausländerextremistischem Hintergrund in Sachsen: 3

(Kommunale Statistikstelle der Stadt Dresden, Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge, Polizeiliche Kriminalstatistik Sachsen 2013, Verfassungsschutzbericht Freistaat Sachsen 2013)

Dass es dieses Hinweises überhaupt bedurfte, regt zum Nachdenken an. Obwohl sich an den „Pegida“-Kundgebungen, bei denen besonders ein schärferes Asylrecht gefordert wird, auch bekannte Neo-Nazis beteiligten, gab es dennoch auch viele Zuhörer und Mitläufer, die aus einer „ordentlichen“ Mittelschicht kamen. Diese Thematik, bei Spiegel Online zutreffend als „Brave-Bürger-Fremdenhass“ bezeichnet, wird von der Hamburger Band Swiss und Die Andern aufgegriffen.

Der Liedtext operiert auf zwei Ebenen: Einerseits wird das deutsche Spießertum auf die Schippe genommen, andererseits die braunen Tendenzen in einem kleinbürgerlichen Milieu. Obwohl die engstirnige Kleinbürgermentalität die Xenophobie fördert, sind die beiden Komplexe dennoch nicht deckungsgleich. Das adrette Kleingärtnerdasein wird als stereotyp deutsch dargestellt. Ausländerfeindlichkeit und Pseudo-Toleranz hingegen hat nicht nur gesellschaftsschichten-übergreifende, sondern momentan auch internationale Konnotationen. Während Humor das richtige Mittel scheint, deutsche Pünktlichkeit und kleinkarierten Geiz zu karikieren, scheint es im Lichte ausländerfeindlicher Demonstrationen und europaweiter rechter Tendenzen zunächst problematisch, diesem ernsten Thema mit Humor zu begegnen. Der Humor dient bei Swiss und Die Anderen allerdings nicht der Verharmlosung der Thematik, sondern ermöglicht es ihnen, klar aufzuzeigen, wie absurd die Standpunkte des Kleinbürgers in Sachen Ordnung, besonders auch in Bezug auf Ausländer, sind.

Wenden wir uns zunächst der ersten Ebene zu: Von der deutschen Korrektheit („Der Mazda vom Nachbarn steht in meiner Einfahrt, / 2 cm, wo komm‘ wir da hin?“) über die Versessenheit auf „deutsche Qualitätsarbeit“ (Auto, Haus) bis hin zum Geiz („Wir zählen unser Geld, / und wir geben dir kein‘ aus. / Wir sparen unsre Knete lieber“) gelingt Swiss ein Rundumschlag gegen die Gartenstrebermentalität. Auch des deutschen liebstes Urlaubsziel, Mallorca, ist nicht gut genug, weil nicht deutsch genug. An diesem Beispiel zeigt sich bereits, dass das deutsche Kleinbürgerdasein an manchen Stellen direkt mit der Ausländerfeindlichkeit (in diesem Fall gegen ausländische Urlaubsziele gerichtet) zusammenfällt. Das Beenden einer Freundschaft wegen einer Nichtigkeit (1,30€) erinnert stark an Loriots Kosakenzipfel, in dem eine ebenfalls auf dem Campingplatz begonnene Freundschaft auf Grund eines Mokka-Trüffel-Parfaits mit einem Zitronencreme-Bällchen ein abruptes Ende findet. Auch wenn diese Konnotation dem Punk-Rapper Swiss vielleicht nicht unbedingt vorschwebte, ist sie für den humoristischen Charakter des Liedes dennoch passend. Bei Swiss werden die scherzhaften Tendenzen ad absurdum geführt, indem der Campingplatz als urdeutsch dargestellt wird. Dass die Sprechinstanz dort auch viele Ausländer antreffen wird (vgl. statistica.com) unterstreicht die humoristische Widersprüchlichkeit zwischen dem, was der Spießer von sich selber und anderen denkt, und der Realität.

Dass das Spießertum nur eine Maske darstellt, ist wenig überraschend. Der Besuch im Swingerclub wird genauso wie das heimliche Masturbieren thematisiert. Hinter dem spießerhaften Äußeren steckt eben das genaue Gegenteil eines korrekt-adretten Bürgers. Dieses Spielen mit dem braven Äußeren und dem verdorbenen Inneren ist ein beliebtes Motiv in Film, Musik und Literatur und wird von Swiss auf die Spitze getrieben, etwa durch den obszönen Zwischenruf „Ficken!“. Unfähig in seiner eigenen, spießigen Welt Befriedigung zu finden, benötigt die Sprechinstanz den Ersatz des Swingerclubs. Sogar das Masturbieren wird sogleich zu einer Illustration des Deutsch-Seins und auch der Spießigkeit: Die Inspiration liefern Andrea Berg und Helene Fischer. Problematisch ist dies vor allem, weil Swiss damit selber ein Klischee bedient: Schlagerhörer sind Spießer. Dennoch erfüllen die Zeilen ihren Zweck: Der Spießer denkt, dass er, als guter deutscher Mann gute deutsche Frauen benutzt, um seine Phantasie zu beflügeln. Wieder schießt er damit ein Eigentor, denn Fischer wurde in Russland geboren. Der Spießer weiß auf Grund seiner Ignoranz nicht einmal, dass er sich somit lächerlich macht. Die abschätzige Verwendung von Frauen als reines Pin-Up-Motiv findet auch in der Zeile „Wir lieben unsren Dackel einmal mehr als unsre Frau“ ihren Ausdruck und bildet somit in den Augen von Swiss genauso wie die übertriebene Zuneigung zu einem deutschen Hund einen Teil der germanischen Engstirnigkeit.

In diesem sexuellen Kontext eröffnet sich auch eine Doppelbödigkeit, die auf eine subtilere Art und Weise mit dem Gegensatz von Sein und Schein spielt. Die Liebe gegenüber dem Dackel kann auch auf einer körperlichen Ebene verstanden werden. Somit wäre der adrette Kleingärtner das, was er selber vermutlich als Perversling bezeichnen würde. Ähnlich verhält es sich mit den Zeilen „Im Hintergrund läuft der Wendler, / Andrea Berg, Helene Fischer, / auf diese Frauen masturbieren deutsche Männer!“. Die Rolle von Michael Wendler wird hierbei offen gelassen. Dient seine im Hintergrund des Swingerclubs zu hörende Musik lediglich dem Wohlfühlen der deutschen Stammklientel oder hat er bereits eine stimulierende Wirkung auf die Swingerclubbesucher? Die Reihe Wendler, Berg, Fischer spielt mit der Möglichkeit, dass die Sprechinstanz homosexuelle Tendenzen pflegt – auch dies ein Widerspruch zum Bild des weißen, heterosexuelle, Mittelschichtsmanns.

Ähnlich verhält es sich mit den Ansichten über Ausländer, wobei wir bei der zweiten Ebene des Songtextes angelangt wären. Selbstgefällig versichert die Sprechinstanz (vermutlich auch sich selber), dass sie gar nichts gegen Ausländer habe: „ich bin tolerant“, „kein Pseudo!“, die Tochter darf sogar mit Türken auf die Schule gehen und die schwarze Klofrau bekommt immerhin einen Euro Trinkgeld. Bringt aber die Tochter einen Ausländer („Molukken“) nach Hause, ist die Grenze klar überschritten. Die Sprechinstanz gaukelt sich selber vor, an sich nichts gegen Ausländer zu haben. Nur sollten sie eben nicht zu nahe bei ihm sein. Genau auf diese Weise wird oft auch gegen Asylbewerberheime argumentiert. An sich hat man nichts gegen Asylanten, so lange sie nicht zu einem in die Stadt kommen. An sich ist man kulturell aufgeschlossen. Nur andere Kulturen in Deutschland, das dann doch nicht. An sich hat man Mitleid mit Opfern von Krieg und Gewalt. Nur sollen diese doch bitte schön auf der Mattscheibe bleiben und nicht in die eigene Umgebung kommen. Um dies dann zu rationalisieren werden absurde Vorwände angeführt (wie in dieser Reportage: die Asylbewerber hätten nicht genug Geld, um in einem bestimmten Stadtviertel einzukaufen). Solche Argumentationen sind so abwegig, dass sie (genau wie im Liedtext dargestellt) ungewollt komisch sind.

Auf diese Thematik spielt auch der Refrain („Was wollt’n ihr? Was wollt ihr hier?“) an. Die Frage, was Ausländer oder Asylbewerber in Deutschland „wollen“ ist ebenfalls eine mit aktuellen Konnotationen. Darin steckt auch Frage nach der kulturellen und wirtschaftlichen Integration von Asylbewerbern und Ausländern im Allgemeinen. Dass das Vereinigte Königreich, in dem durch das British Empire kultureller Austausch seit Jahrhunderten stattfindet, ebenfalls Debatten über die Ausländerintegration führt und die rechtslastige UKIP die Conservative Party stark nach rechts drängt, zeigt, dass das Schüren von Angst und die Vereinfachung komplexer Sachverhalte kein rein deutsches Phänomen ist (vgl. economist.com). Deswegen fallen die textlichen Ebenen der Charakterisierung des deutschen Kleinbürgertums einerseits und der ausländerfeindlichen oder, wie der Titel es nennt, „braunen“, Tendenzen andererseits im Liedtext nicht komplett zusammen. Eine große Schnittmenge besteht allerdings: Der scheinbar brave, tolerante Mittelschichtenbürger vertritt hinter geschlossenen Türen rassistische Ansichten.

Entsprechende Klischees werden in Schwarz Rot Braun dann von der Sprechinstanz auch für jegliche „Gegner“ verwendet. Ob „Kommunist“ oder „Türke“ spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl diese Stereoptype hier stark überzeichnet eingesetzt sind, zeigt die Verwendung solcher Topoi bei rechten Veranstaltungen, dass die perfide Manipulation durch Klischees sich immer noch großer Beliebtheit erfreut. Dies gilt natürlich genauso für linksextreme Klischees, beispielsweise gegenüber der Polizei. Die Stereotypen über Asylbewerber und Flüchtlinge werden momentan wieder vermehrt herangezogen, um eine Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu schüren. Alles, was dabei nicht in das klischeebehaftete Bild passt, wird einfach ignoriert: jahrhundertelanger kultureller Austausch genauso wie die Tatsache, dass auch die ersten Christen verfolgt und ins Exil gedrängt wurden.

Das überzeichnete Klischee des deutschen Schrebergärtners (im Musikvideo im Gartensessel im akkuraten Gärtchen dargestellt) ist ein geschicktes Zerrbild des trostlosen Bürgertums, das sich selber vormacht, weltoffen zu sein. Angesichts der humoristisch zugespitzten Darstellung stellt sich allerdings die Frage, ob es passend ist, Fremdenhass und Engstirnigkeit mit einem Augenzwinkern zu begegnen. Karikaturen zu Hitler und dem NS-Staat (beispielsweise das Lied Ich hock‘ in meinem Bonker oder der Roman Er ist wieder da) erfreuen sich seit längerer Zeit großer Beliebtheit und zeigen ein entspannteres Verhältnis einer neuen Generation mit der deutschen Geschichte. Swiss selber kritisiert implizit einen zu laxen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, wenn die durchweg negativ gezeichnete Sprechinstanz bemerkt: „Man darf nicht alles viel zu ernst nehmen, / zu Fasching kommen wir mit Hitlerbärten!“ (hier werden auch Erinnerungen an das Nazikostüm des jungen britischen Prinzen wach, der dies wohl ähnlich sah).

Der Humor, welcher dem Spießer eigen ist, erfüllt allerdings eine gänzlich andere Funktion als der Humor des Liedtextes. Während der deutsche Kleinbürger sich einen Hitlerbart anklebt, um die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zu verharmlosen, will Swiss durch das Herausstellen von Widersprüchlichkeiten den Spießer entlarven. Dabei spielt der Rapper mit Gegensätzen: selbst attestiertes Wissen und Ignoranz, Selbstdarstellung und Handlungsrealität, Humor und Ernst, pseudo-Toleranz und Engstirnigkeit. All dies dient dazu, einen grundsätzlichen Gegensatz zu zeigen: den zwischen Schein und Sein, zwischen der Selbsttäuschung, tolerant zu sein, und der Wirklichkeit, in welcher Rassismus und Intoleranz tief im Gedankengut der Sprechinstanz verankert sind.

Eine der wirkungsvollsten Waffen im Arsenal des Künstlers ist der spaßhafte Umgang mit ernsten Themen. Nicht um die dargestellten Ereignisse zu verharmlosen, sondern um durch Überzeichnung der Standpunkte die Absurdität eines Argumentes vor Augen zu führen. Gekonnt wird dies in dem Lied Schwarz Rot Braun umgesetzt. Zeile für Zeile werden die Selbstwidersprüche der Sprechinstanz herausgearbeitet. Genau diese Widersprüche müssen auch in einem aktuellen Kontext aufgezeigt werden. Obwohl der Liedtitel Schwarz Rot Braun lautet, wird im Refrain gesungen „Ich wohn‘ in Schwarz-rot-gold mit etwas [Hervorhebung M.C.] braun“. Ein Braunstich kann durchaus entfernt werden. Wird aber nichts gegen den kleinen, braunen Anteil unternommen, wird aus schwarz rot gold mit etwas braun, schwarz rot braun und schließlich: braun. Im Sinne des Liedtextes sind somit nicht nur die, die bei „Pegida“-Märschen mitlaufen, engstirnige Kleingeister. Noch perfider sind diejenigen, die sich selber vormachen, tolerant und weltoffen zu sein, hinter verschlossenen Türen aber mindestens genauso verblendet sind, wie die Menschen, die ihre rassistischen Meinungen offen zur Schau stellen. Diese versteckten braunen Überzeugungen müssen genauso herausgefordert werden wie die sichtbaren.

Martin Christ, Oxford

Viel mehr als nur ein Auto. Der Opel-Kult in der Musik am Beispiel von Liedern der Toten Hosen („Opel-Gang“) und der Motoristen/King Køng („Wir fahren Manta Manta“).

Die Toten Hosen

Opel-Gang

Den Arm aus dem Fenster, das Radio voll an,
draußen hängt ein Fuchsschwanz dran,
in jeder Karre sitzen vier Mann.
Die Bullen eben in der Stadt abgehängt,
mit 110 einen Ford versengt
und einen Fiat ausgebremst.
Wir haben neue Schluffen drauf
und uns Rallystreifen gekauft.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Opel-Gang!
 
Einmal rund um den Häuserblock,
danach wird die Karre aufgebockt
und sich unter die Kiste gehockt.
Samstags nachmittags um halb vier,
Fußballreportage und ein Bier.
Kavaliersstart wird ausprobiert,
dann geht's los in tollem Spurt,
wir schließen nie den Gurt.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang [...]

     [Die Toten Hosen: Opel-Gang. Virgin 1983.]

Die Motoristen

Wir fahren Manta Manta

Wir haben Geschmack, wir haben Stil,
wir sind jung und sehen super aus.
Heut sind wir unterwegs,
ich und Horst und Gerd und Klaus.
Wir sind bekannt
für unsere Subtilität,
und es gibt bei uns ein Auto,
um das sich alles dreht.
 
Nimm dir die Welt,
nimm die Sonne und die Sterne.
Nimm dir den Wald
und die Sonnenblumenkerne.
Laßt uns die Autobahn,
dann könn' wir weiterfahrn,
denn wir fahren nun mal gerne Manta Manta (Manta Manta).
 
Wir hören Bach, lesen Brecht,
ab und zu mal was von Goethe.
Immer nur Quantenphysik,
das wär uns echt zu blöde.
Was unsere Frauen betrifft,
da sind wir wählerisch.
Und unser Lieblingsauto
heißt genauso wie der Fisch.
 
Nimm dir die Welt [...]
 
Neulich ist dem Gerd,
was Gräßliches passiert:
Bei knapp 200 Sachen
ist er abgeschmiert.
Gerd hat's überlebt,
der Manta, der war Schrott
der fährt jetzt durch den Himmel,
getuned vom lieben Gott. (Gott fährt Manta.)
 
Nimm dir die Welt [...]

     [V.A.: Manta Manta - Der Soundtrack zum Film. Polydor 1991.]

 

Eine Welt ohne Autos kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Dieser Kasten auf vier Rädern ist mittlerweile mehr als ein Fortbewegungsmittel; das Auto entwickelte sich von einem Statussymbol, das der Elite vorbehalten war, zu einem Alltags- und Gebrauchsgegenstand, der nun in den meisten deutschen Haushalten, manchmal sogar in mehrfacher Ausführung „vorrätig“ ist. Da man sich infolgedessen nicht mehr darüber definieren konnte, bloß ein Auto zu haben, musste ein anderes identitätsstiftendes Merkmal her, was ab den 1980er Jahren die Automarke darstellte. Wer heutzutage in einem Audi oder BMW dazu verleitet wird, mit mehr als der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit über die deutschen Straßen zu schüren, wird schon mal als Rampensau beschimpft. Mercedes fahren seit Urzeiten Matthias Schweighöfer und seit letztem Jahr auch Weltmeister. Aber wurde bei dieser Aufzählung der qualitativ hochwertigen deutschen Automarken nicht eine vergessen? Richtig, der alteingesessene Opel-Konzern wird in heutigen Diskussionen um das coolste Auto gar nicht mehr erwähnt. Heutzutage ist Opel eher für seine Familienvans wie den Zafira oder das „Seniorenauto“ namens Meriva bekannt. Schön klingende Namen im Vergleich zum futuristischen „BMW 116i“ oder den wenig einfallsreichen ABC-Klassen von Mercedes Benz. Nichtsdestotrotz hatte auch Opel seine Glanzzeiten, auch wenn diese schon lange vorbei sind. An diese Zeiten erinnern noch die Kultlieder Opel-Gang von den Toten Hosen und Wir fahren Manta Manta von den Motoristen.

1983 erschien das Debütalbum der Toten Hosen, die damals, so erinnerte sich Campino, „vormittags Abiturprüfungen und abends Liedtexte schrieben“. Der darauf enthaltene Song Opel-Gang wurde nicht nur zum Namensgeber des Albums, sondern auch zum Kassenschlager. Die Toten Hosen gaben mit diesem Lied einer neuen Generation eine Stimme, die zum ersten Mal das Geld und die Zeit besaß, sich in ihrer Freizeit ganz der Pflege ihres Autos zu widmen. Der Song handelt vom Alltag einer Gruppe junger Männer, deren liebste Beschäftigung es ist, ihre Autos zu tunen und in Wettrennen vorzuzeigen. Dabei scheuen sie weder Polizisten noch Geschwindigkeitsüberschreitungen: „Die Bullen eben in der Stadt abgehängt, / mit 110 einen Ford versengt“. Im Gegenteil, ihr Ziel ist die Provokation der Obrigkeit, im Wissen um die eigene Geschwindigkeit. Dabei wollen sie sogar gesehen und wiedererkannt werden: Die Autos stechen mit aufgeklebten Rallystreifen und wehenden Fuchsschwänzen aus der Masse der anderen Verkehrsteilnehmer heraus, und auch im Wageninneren findet sich der draufgängerische Geist der Jugend wieder. Mit lauter Musik („das Radio voll an“) und unangeschnallt („wir schließen nie den Gurt“) verbringen die Jungs ihre Wochenenden mit Spritztouren und daran anschließenden Tuningaktionen, begleitet von Fußballreportagen und Bier. Der Alltag dieser Generation wird mehr denn je von der Pflege des mittlerweile erschwinglichen Statusobjekts bestimmt, das vor allem für Männer Unabhängigkeit und Nonchalance symbolisiert. Aus welchem Grund stellten sich die Toten Hosen sonst als Opel-„Gang“ dar? Der Titel besteht wohl kaum aus der amerikanischen Bezeichnung für eine Straßenbande, die sich vor allem über ihre kriminellen Handlungen definiert, weil die Band sich ein Image als „Saubermänner“ hätte verschaffen wollen, wofür es ohnehin ein bisschen zu spät gewesen sein dürfte.

Eine andere Art von Aufmerksamkeit (aber nicht weniger verpönt) will in dem Film Manta, Manta! die Gruppe um Protagonist Bertie erzielen, deren (mehr oder weniger ernst gemeinte) Verehrung weniger Opel allgemein als vielmehr dessen neuestem Modell, dem Manta, gilt. Als Titellied wurde Wir fahren Manta Manta 1991 von King Køng, der Band des Ärzte- Sängers und -Gitarristen Jan Vetter (Künstlername bei Die Ärzte: Farin Urlaub) unter dem Namen Die Motoristen eingespielt. Das Sprecher-Ich des Titellieds ist der Protagonist des Films, Bertie, was allerdings nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird: „Ich und Horst und Gerd und Klaus“. Die vier werden in der ersten Strophe zunächst so vorgestellt: „Wir haben Geschmack, wir haben Stil, / wir sind jung und sehen super aus […] Wir sind bekannt für unsere Subtilität“. Der ironische Unterton springt den Hörer geradezu an, vor allem, wenn man den Film und die Clique um Bertie vor Augen hat. Nach dieser Aufzählung wird schnell klargestellt, dass der Mittelpunkt der Welt für diese jungen Männer ein Auto bildet: „Und es gibt bei uns ein Auto, / um das sich alles dreht.“ Diese Anspielungen auf den typischen Manta-Fahrer der späten 80er Jahre kommen nicht von irgendwo. In den damals virulenten Mantawitzen wurden Manta-Fahrer durch den Kakao gezogen, Bertie und seine Freunde bilden dabei keine Ausnahmen vom Stereotyp: „Mantaletten“, Ruhrpott-Slang, Antipathie gegen VW Golf GTI-Fahrer und sehr blonde Freundinnen auf dem Beifahrersitz. Die Selbstdarstellung der Protagonisten im Titellied wird von der Figurenzeichnung des Films konterkariert. Die Feinfühligkeit, derer sich das Sprecher-Ich und seine Freunde rühmen, lässt sich nirgends finden; ihr niedriges Sprachniveau haben sie sicher nicht durch das Lesen von Brecht und Goethe erworben (vgl. „Wir hören Bach, lesen Brecht / und ab und zu mal was von Goethe“). Stattdessen wird ihr schlichtes Denken betont: Hast du Auto, hast du Frau. Und ganz im Gegenteil zu ihrer Behauptung (vgl. „Was unsere Frauen betrifft, da sind wir wählerisch“) ist keiner dieser Herren im Film besonders anspruchsvoll bei seiner Partnerwahl. Erst im Refrain wird das Ausmaß der Autofixierung dieser jungen Männer erkennbar: „Nimm dir die Welt, / nimm die Sonne und die Sterne. / Nimm dir den Wald / und die Sonnenblumenkerne.“ Das Wichtigste, die Autobahn, solle aber ihnen überlassen werden, auch wenn sie sich im Kultfilm Manta, Manta weniger auf Autobahnen als vielmehr auf Land- und Dorfstraßen im Ruhrpott austoben. Für mehr jedoch, könnte man meinen, hätte die Leistung des verspotteten Sportwagens sowieso nicht gelangt.

Neben diesen beiden, mehr oder weniger ernst gemeinten Liedern finden sich noch weitere, die die Autos der Marke Opel thematisieren. Da wären Kadett B von WIZO aus dem Jahr 1992 oder der Nachfolgesong der Toten Hosen Die Opel-Gang Teil II – Im Wendekreis des Opels. Obwohl der Hype um Autos der Marke Opel von den Hosen zunächst noch ernst gemeint zu sein schien, entpuppte sich dieser im Lauf der Zeit als Ironie.

Ein neuer Hype um die einst beliebte Marke blieb in jüngster Vergangenheit zum Nachteil des Konzerns aus. Das Unternehmen kämpft derzeit mit wirtschaftlichen Problemen, man denke nur an die Schließung des Werks in Bochum Anfang Dezember 2014. Das traurige Ende eines seit 52 Jahren bestehenden Werkes konnten letzten Endes weder die Mitarbeiter noch die Chefetage verhindern, trotz der erbaulichen Projekte, die die Angehörigen und Freunde der Opelaner in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen haben (vgl. etwa Kinder singen Opel-Rettungslied).

Die Toten Hosen konnten die Welle der Entrüstung bzw. Begeisterung für Lieder, die den Autos der Marke Opel gewidmet waren, die sich aus ihrem Punksong entwickelt hat, sicher nicht vorhersehen; noch weniger, dass es die Opel-Gang mittlerweile sogar in Wirklichkeit gibt: 2001 wurde aus dem Titel der Toten Hosen ein eingetragener Verein. Auf dem Internetauftritt der Gang posieren die circa zehn Mitglieder mit Frau und Hund stolz vor ihren Merivas (www.opel-ganggermany.de/). Mehr Einsatz für den untergehenden Stern am Himmel der deutschen Automarken kann sich sicher nicht mal Campino wünschen.

Marina Willinger, Bamberg

Warum Leberzirrhosen auch ornithologische Nachteile haben: „Zerstörte Zelle“ von den Einstürzenden Neubauten (1985)

Einstürzende Neubauten

Zerstörte Zelle

Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Ich weiss nur wo ich weiterhin bleibe
weiss nur wo ich scheinbar immer war
Ich weiss nur, dass ich noch hier bleibe                              (5)
weiss nur, dass ich wohl immer hier war
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Sieh die Zellstruktur
Sieh meine Zellstruktur, die Zug um Zug um Zug zerfällt               (10)
Sieh meine Zellstruktur zerfallen
um Zug um Zug um Zug
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Und auf einmal stelle ich fest:                                       (15)
dass Arme keine Schwingen sind
und völlig fluguntauglich
völlig fluguntauglich
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle                                                       (20)
Der Zellkern bricht aus
– Selbstzitat – der Zellkern bricht aus
die Zellwand stürzt ein
Zerstörte Zelle – Zellenbrand –
Leg heute Nacht noch meinen Zellenbrand                               (25)
Der Zellkern bricht aus
Lava bricht aus
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Hörst du Bruderherz?                                                  (30)
Ich bin Prometheus
hol mein Geschenk
hol mein Geschenk zurück, hol es ab
ich bin Prometheus
nur meine Leber wächst nicht nach                                     (35)
Zerstörte Zelle
Der Adler muss verhungern
Ich leg heut Nacht den Zellenbrand
Zerstörte Zelle
Der Adler muss verhungern                                             (40)
darf verhungern
wird verhungern
Das abgemagerte Federvieh
stürzt ab. 

     [Einstürzenden Neubauten: Fünf auf der nach oben offenen Richterskala. 
     Potomak (Indigo) 1987. Der hier abgedruckte Text verzichtet auf viele 
     Wort- und Vers-Wiederholungen im Vortrag.]

Zerfallende Zellstrukturen erscheinen spontan als naheliegendes Thema einer Band, die von ihrem künstlerischen Programm (Industrial) her mit Instrumenten wie Schlagbohrern und Abrissbirnen sympathisiert und sich den Namen Einstürzende Neubauten gegeben hat. Ein zweiter Blick auf den Liedtext ergibt allerdings schnell, dass hier nicht von Wohnwaben eines Plattenbaus die Rede sein kann, sondern ,Zelle‘ durchaus im biologischen Sinn als kleinste lebende Einheit eines Organismus‘ zu verstehen ist. Dem Sinn des Songs (zuerst 1985 erschienen auf der in Japan veröffentlichten Kassette Einstürzende Neubauten Live),  kommt man mit Hilfe der Zeilen 34 f. schnell auf die Spur:

ich bin Prometheus
nur meine Leber wächst nicht nach

Die Sprecherinstanz identifiziert sich mit Prometheus und gibt uns zugleich den entscheidenden Hinweis auf das kritische tertium comparationis: die Leber. Mit etwas kulturellem Wissen über den Prometheus-Mythos einerseits, Entstehung, Morphologie und Verlauf einer Leberzirrhose andererseits lässt sich der Text recht gut entschlüsseln. Bei meinen folgenden Ausführungen stütze ich mich auf Horst und Ingrid Daemmrichs Handbuch Themen und Motive in der Literatur (2. Aufl. 1995) sowie auf das Springer Lexikon Medizin (2004); dass die einschlägigen Artikel von mir nur hinsichtlich ihrer Relevanz für unser Lied herangezogen werden, versteht sich.

Prometheus, dessen Name programmatisch als ,der Vorausdenkende‘ zu übersetzen ist, repräsentiert als mythischer Prototypus das Motiv des Aufstands gegen überkommene Autoritätsansprüche, „sei es die Tyrannei einzelner oder der Zwang kollektiver Normen und Gesellschaftsverfassungen“ (Daemmrich und Daemmrich, S. 281). Seinem Mythos zufolge hat Prometheus diese Haltung schon unter Beweis gestellt, als er – selber Titanensohn – auf der Seite der neuen Götter gegen die alte Ordnung seiner Geschwister kämpfte (vgl. Aischylos, Titanomachie). Allerdings genügte ihm das damit Erreichte nicht, zumal ihm die von Zeus errichtete Oligarchie zutiefst zuwider war. So formte er, offenbar um die Macht der Olympier langfristig zu brechen, Menschen nach seinem Bilde, belebte sie mit seinem Atem, beschenkte sie mit zahlreichen Talenten und schließlich auch noch mit dem ihnen von Zeus vorenthaltenen Feuer, das er den Göttern mit Hilfe einer technischen List entwand.

Zeus rächte sich daraufhin – auf grausamste Weise – an Prometheus, aber auch an dessen Geschöpfen. Jenen ließ er fangen, an einen Felsen im Kaukasus schmieden und durch seinen Adler foltern, der jeden Tag ein Stück aus der Leber des unsterblichen Titanen hackte, das dann in der Nacht wieder nachwuchs; den Menschen sandte er das Trugbild einer schönen, mit vielfältigen Vorzügen ausgestatteten Frau (Pandora, die ,Allbeschenkte‘) als eine Art ,trojanisches Pferd‘ mit jener berüchtigte ,Büchse‘ (wobei es sich eigentlich um einem Krug handelte), in der vergiftete Gaben aller Götter deponiert waren: Arbeit, Krankheit, Tod usw. sowie die später höchst ambivalent gedeutete Gabe der Hoffnung. Da im Text der Einstürzenden Neubauten von einem „Bruderherz“ (Z. 30) die Rede ist, sei erwähnt, dass es ausgerechnet Prometheus‘ Bruder Epimetheus (,der danach Denkende‘) gewesen ist, der Pandora gegen die ausdrückliche Warnung seines Bruders vor Göttergeschenken aufgenommen und geheiratet hatte.

Im Prometheus-Mythos verbergen sich zahlreiche Aussagen zur conditio humana, er selber darf als Repräsentant menschlichen Strebens und Leidens, der Zwischenstellung des Menschen in der Schöpfung zwischen Tieren und Göttern verstanden werden:

In seiner Leidenszeit im Kaukasus […] teilt er sinnbildlich das Schicksal seiner Geschöpfe, die im Kreislauf von Geburt und Tod gefangen sind. Außerdem beleuchtet das Verhalten der Menschen […], daß in ihnen sein eigenes Unabhängigkeitsbestreben weiterlebt. Mit Prometheus setzt somit der Prozeß der Aussonderung des einzelnen aus dem Allgemeinen ein. Die Entwicklung zur subjektiven Individualität hat begonnen. Menschen werden rastlos, streben ins Unendliche, sind aber erdgebunden und müssen mit allen Übeln ringen, die der Büchse Pandoras entflohen sind. Da es Herakles gelingt, Prometheus zu erlösen und mit den Göttern zu versöhnen, besteht die Hoffnung, daß auch die Menschen ihr Schicksal eines Tages meistern werden. (Daemmrich und Daemmrich, S. 282.)

Die ,Leberzirrhose‘ (Cirrhosis hepatis) fungiert in der Medizin als Dachbegriff für eine Reihe chronischer Lebererkrankungen, die durch Entzündung, Gewebezerstörung und -umbildung sowie dadurch bedingte Durchblutungsstörungen und Funktionsverluste gekennzeichnet sind. In späten Stadien kommt es zu Hämatomen, Potenzverlust, Fettintoleranz und dadurch bedingte Diarrhöen. Bestimmte Erscheinungsformen führen zur Tumorbildung. Leberzirrhosen, die in Deutschland für ca. 20% aller Todesfälle verantwortlich gemacht werden, können durch vielfältige Ursachen bedingt sein, deren bekannteste übermäßiger Alkoholgenuss ist.

Ich gehe davon aus, dass die Sprecherinstanz des Textes unter einer fortgeschrittenen Leberzirrhose leidet und den eigenen körperlichen Verfall thematisiert: „Sieh meine Zellstruktur, die Zug um Zug um Zug zerfällt“ (Z. 10). Der Vers zeichnet sich – wie andere Zeilen dieses Textes auch – durch einen forcierten Einsatz des Stilmittels Alliteration (gleicher Anlaut betonter Stammsilben benachbarter Wörter) aus; allerdings lese ich „Zug um Zug um Zug“ (wiederholt in Z. 12) auch als starken Hinweis auf Alkoholmissbrauch. Mit dem Prometheus-Mythos eng verbunden ist das Feuermotiv, auf das im Text der Einstürzenden Neubauten mit „Zellenbrand“ und „Lava“ angespielt wird. Im Hinblick auf Morphologie und Symptomatik einer Leberzirrhose, kann „Zellenbrand“ mit Entzündung und der Lava-Ausbruch (Z. 27) mit den heftigen Durchfällen und Flatulenzen, die eine fortgeschrittene Cirrhosis hepatis zu begleiten pflegen, in Verbindung gebracht werden.

Die Annäherung des Zirrhose-Patienten an Prometheus gewinnt an Plausibilität, sobald man über das gemeinsame ,Leber-Problem‘ hinausdenkt. Wie oben erwähnt gestaltet der Mythos den Geist und die Energie des Aufstandes gegen etablierte, als bedrückend empfundene Ordnungen und Autoritäten; die ideologische Nähe zum ideologischen Kern der Punk-Bewegung, in der die Einstürzenden Neubauten seinerzeit beheimatet waren, liegt auf der Hand. Der Songtext unterstreicht diesen Bezug in den Versen 15-18; erst im Stadium der fortgeschrittenen Erkrankung erkennt die Sprecherinstanz, dass „Arme keine Schwingen sind“. Offensichtlich hatte sie sich zuvor, vermutlich mit Hilfe von Drogen, von ihrer Erdgebundenheit zu lösen versucht, ,um den Himmel zu erstürmen‘, wenn ich es einmal etwas pathetisch formulieren darf. Wie bei Prometheus (und Ikarus, darf man vielleicht ergänzen) folgt die Strafe für diese Hybris auf dem Fuße – hier allerdings weniger als Rache der Götter denn als medizinische Konsequenz auf den Raubbau am eigenen Körper.

Der Absturz ist heftig, die Erkenntnis deprimierend. Die Sprecherinstanz sieht sich in der Situation des im Kaukasus angeschmiedeten Prometheus (vgl. Z. 3-6). Das „hier“ des fünften Verses bezeichnet die Kaukasus-Position, die sich für das Ich vielleicht im Bett einer Intensivstation konkretisiert. Zeus hatte Prometheus für alle Zeiten bestrafen wollen, allerdings sollte es anders kommen: Nach dreißigtausend Jahren (geologisch gesehen ein Nichts, aber ganz schön lang, wenn täglich ein Adler an der Leber knabbert!), kam der Zeus-Sohn Herakles vorbei, empfand Mitleid mit dem Gequälten, erlegte den Adler seines Vaters und befreite Prometheus. Von dieser Hoffnung ist im Text der Neubauten nichts zu spüren. Seine Sprecherinstanz wird keine dreißigtausend Jahre überleben können, denn ihre Leber wächst nicht nach. In diesem Fall wird der Adler nicht von einem Herakles mit einem Meisterschuss vom Himmel geholt werden müssen, er ist bereits unterernährt und wird aus Schwäche abstürzen. Mit dieser Pointe endet der Text – nicht unbedingt ,happy‘.

Wenn diesem Klangbild (um das ein wenig unangemessene Wort ,Song‘ zu vermeiden) vom finalen Zerfall eines Menschen dann doch noch ein positiv interpretierbares Momentum eingeschrieben ist, dann vielleicht der Umstand, dass sich der promethische Protest- bzw. Ausbruchsgestus des Sprechers bereits seinem Körper eingeschrieben hat, und zwar so intensiv, dass die einzelnen Zellen bzw. Zell-Kerne bereits den sie beherrschenden Organismus als Zumutung empfinden und den Systemausbruch üben; dass sie das selbst nicht überleben werden, nehmen sie in Kauf. Das Bewusstsein des Organismus (d.h. die Sprecherinstanz) scheint klüger geworden. Es hat vermutlich verstanden, dass es zu weit gegangen ist und fordert ein Du auf, sein „Geschenk“ zu holen (Z. 32f.), merkwürdigerweise ,ab‘-, statt ,zurück zu holen‘!?

An dieser (einen!) Stelle bleibt der Text für mich zunächst einigermaßen kryptisch. Als nicht näher bestimmtes ,Geschenk‘ des Prometheus kann nach der mythischen Überlieferung nur das Feuer verstanden werden. Als ,promethisches Feuer‘ wurde seit dem 2. Weltkrieg zumeist die Atomtechnik (vgl. in diesem Zusammenhang die Benennung des 1945 entdeckten radioaktiven Elements Promethium!) verstanden, die m.E. aber relativ schlecht zum Kontext der Leberzirrhose passt. Zwar wäre das Feuermotiv gut in ein Kernschmelze-Szenarium integrierbar, dafür müssten aber andere Textpassagen (bes. „Zug um Zug um Zug“) ignoriert werden. Den Ausschlag für meine Deutung gab letztlich das Leber-Motiv, mit dem jede plausible Interpretation steht oder fällt. Verstrahlungs-Schädigungen betreffen meines Wissens nun einmal nicht speziell die Leber und auch die Zerfalls-Metaphorik wäre morphologisch schief.

Insofern deute ich das „Geschenk“, von dem hier die Rede ist, eher abstrakt im Sinne des Ausbruch-Strebens bzw. Widerstandsgeistes des Protagonisten. ,Zurückholen‘ (im Sinne von ungeschehen machen) könnte man übrigens weder die eine noch die andere Gabe; so war es bereits im Mythos für Zeus unmöglich gewesen, den Menschen das Feuer wieder zu entreißen. Allerdings, und das wollen wir nicht überlesen, setzt unser Text einigermaßen verwirrend das ,Zurückholen‘ und das ,Abholen‘ besagten Geschenkes gleich (vgl. V. 33) – so als hätte die promethische Sprecherinstanz noch ein Vermächtnis in irgendeinem Schließfach deponiert.

Der Auftrag, dieses Geschenk zurück- bzw. abzuholen, richtet sich an ein ,Bruderherz‘, das im Mythos als jener unselige Epimetheus zu interpretieren wäre, der auf die Winkelzüge der Götter hereingefallen ist, im Song aber wohl eher als ein ideologischer Kumpan aus dem Umfeld der Band oder Punk-Bewegung. Die Sprecherinstanz kündigt an, „heut Nacht den Zellenbrand zu legen“ (Z. 38, zuvor schon ähnlich Z. 25), d.h. sie hat beschlossen, ihr Ende nun selbst ins Werk setzen. Der gesamte Text liest sich damit als Abschiedsrede bzw. Testament. Die letzten Gedanken des dem Tode Geweihten und zum Tode Entschlossenen gelten dem Adler des Zeus, jenem abgemagerten „Federvieh“ (Z. 43), das mit dem eigenen Selbstmord verhungern „wird“ / „darf“ (Z. 42 / 41). Ironische Sympathie blitzt zwischen diesen Zeilen auf: Es ist ja auch kein ganz tolles Schicksal, über Ewigkeiten keinen anderen Daseinssinn zu haben, als das Rachewerkzeug eines brutalen Gottes zu geben. So bleibt – von wem auch immer, auf alle Fälle vom Text! – am Ende eine weitere Analogie als Einsicht zu verbuchen: Auch der König der Lüfte wird abstürzen, wenn sein Opfer erkannt hat, dass seine Arme keine Schwingen sind und daraus die Konsequenzen zieht. Etwas banaler formuliert, aber immer noch hinreichend paradox: Keine Herrschaft über Menschen ohne solche, die gegen eben diese Herrschaft aufbegehren!

Hans-Peter Ecker, Bamberg