Grenzen der Hufeisentheorie. Zur Verwendung der Marionetten-Metapher in „Marionetten“ von Söhne Mannheims und „Geld regiert die Welt“ von Targets

 

Söhne Mannheims 

Marionetten 

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter

Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten
Denn weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Müssen wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschilde ausbreiten

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? [...]

Aufgereiht zum Scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung?
Ihr seid blind für Nylonfäden an euren Glieden und hackt
man euch im Bundestags-WC, twittert ihr eure Gliedmaßen
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid

Mit dem zweiten sieht man …

Wir steigen euch aufs Dach und verändern Radiowellen
Wenn ihr die Tür’n nicht aufmacht, öffnet sich plötzlich ein Warnhinweisfenster
Vom Stadium zum Zentrum einer Wahrheitsbewegung
Der Name des Zepters erstrahlt die Neonreklame im Regen
Zusamm’n mit den Söhnen werde ich Farbe bekennen
Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen
Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten
Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen

Ihr seid so langsam und träge, es ist entsetzlich
Denkt, ihr wisst alles besser, und besser geht’s nicht, schätz’ ich
Doch wir denken für euch mit und lieben euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein’n in die Finger krieg’, dann reiß’ ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? [...] 

     [Söhne Mannheims: MannHeim. Söhne Mannheims 2017.]

Aus dem Duellwesen ist das Konzept der Satisfaktionsfähigkeit bekannt. Es besagt, dass, auch wenn eigentlich ein Grund für eine ritualisierte bewaffnete Auseinandersetzung vorliegt, diese dennoch nicht mit jeden beliebigen Gegner stattfinden kann. Vielmehr muss der Gegner nach bestimmten – historisch: ständischen – Kriterien dieser Form der Konfliktbeilegung würdig sein. So treibt es Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl bekanntlich beinahe in den Selbstmord, dass er einen Bäckermeister, der ihn im Theater öffentlich gedemütigt hat, aufgrund von dessen ‚niederem‘ Stand nicht zum Duell fordern kann, um seine Ehre wieder herzustellen. Überträgt man die Idee der Satisfaktionsfähigkeit auf die Literaturkritik, so stellt sich die Frage, ob es legitim ist, Xavier Naidoos Texte zu verreißen. Denn während seine Stimme weitgehend einhellig als außergewöhnlich angesehen wird, so waren seine von schiefen Formulierungen, unreinen Reimen, falschen Betonungen und Stilbrüchen geprägten Texte schon von seinen frühen Veröffentlichungen an prädestiniert dazu, sich darüber lustig zu machen. Und Naidoos begriffliches Irrlichtern auch neben der Bühne (er bezeichnete sich schon 1999 als „Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“, vgl. Rolling Stone) machte es, zusammen mit seinem zumindest in der europäischen Popmusik ungewohnten inbrünstigen religiösen Sendungsbewusstsein, nicht besser.

In Marionetten bleibt Naidoo nicht nur seinen zuletzt immer deutlicher geäußerten politischen Überzeugungen, sondern auch seinem sprachlichen Stil treu: Im Refrain wird die popmusikalisch weidlich plattgeprügelte Marionetten-Metapher (Metallica widmete ihr bereits 1986 ein gesamtes Album – Master of Puppets) konkretisiert durch zwei sich eigentlich ausschließende Metaphern: Das ehemals in politischen Debatten gebräuchliche, mittlerweile aber doch antiquiert wirkende Bild des Steigbügelhalters besagt ja, dass jemand einem anderen erst zur Macht verhilft; das juristischer Terminologie entlehnte Bild des Sachverwalters hingegen setzt voraus, dass diese Herrschaft bereits besteht, denn der Sachverwalter übt ja bestimmte Rechte für jemanden anderen aus. In den Strophen setzt sich dann das Stil- und Metaphernchaos fort: Aus den Nylonfäden, an denen die Puppen hängen und die zu deren Steuerung dienen, wird auf einmal eine Nabelschnur, die der Ernährung dient. Hinzu kommen noch die (etwa auch von Frei.Wild bekannten) Stilwechsel zwischen archaisierender („Zepter“), förmlicher („beziehungsweise“) und Umggangssprache („reiß ich euch in Fetzen“, „Volks-in-die-Fresse-Treter“).

Wenn es also in ästhetischer Hinsicht nicht reizvoll ist, sich kritisch mit Marionetten auseinanderzusetzen, warum sollte man es dann tun? Nahe läge die Antwort: aus politischen Gründen. Doch auch diskursiv bietet der Songtext nichts Neues, sondern bedient die gängigen Vorstellungen der neuen rechten Bewegungen – von der abstrakten (Marionetten-Metapher) bis zur konkreten („Pizzagate“) Verschwörungstheorie, von der Verachtung der ersten („Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen“), der zweiten („Marionetten“, „Hoch- beziehungsweise Volksverräter“), der dritten („da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen“) sowie der vierten Gewalt („weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht“).

Wenn nun der Text sprachlich wie inhaltlich nur das bietet, was erwartbar war – warum sich dann näher mit ihm beschäftigen? Liest man sich durch die Kommentarspalten, in denen Naidoo verteidigt wird, so findet sich zuweilen neben dem üblichen Beschimpfungen und Gewaltfantasien gegen die ‚links-grün-versifften‘ Politiker der ‚Systemparteien‘, die als ‚Klaschhasen‘ der ‚Kanzlerdiktatorin‘ Merkel zujubelten, Andersdenkende von der ‚roten SA‘ der Antifa verfolgen ließen und, unterstützt von der ‚Lügenpresse‘ bzw. den ‚Mainstreammedien‘ im Auftrag fremder Mächte einen ‚Bevölkerungsaustausch‘ vorantrieben, tatsächlich auch so etwas wie ein Argument: Warum man sich denn bei Musik mit linksradikalen Texten nicht aufrege? Dass das Social-Media-Team des Justizministers Heiko Maas der antifaschistischen Ska-Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, die in einige Jahre lang in Verfassungsschutzberichten des Landes Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht ist, auf Twitter für die Organisation eines Konzerts gegen Rechtsextremismus gedankt hat, wir hier immer wieder gern als Beleg für vermeintliche Doppelmoral angeführt, ebenso wie Claudia Roths frühere Tätigkeit als Managerin von Ton Steine Scherben. Nun ist das natürlich ein Musterbeispiel für Whataboutism und wurden außerdem viele linke Bands durchaus, wie ja auch Feine Sahne Fischfilet, Ziel stattlicher Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen, aber dennoch: War die in Texten deutscher Politpunkbands insbesondere in den 1980er Jahren transportierte Weltsicht hinsichtlich der Ablehnung des ‚Systems‘ so anders? War ihre Sprache gemäßigter, die propagierten Mittel zur Veränderung zivilgesellschaftlich akzeptabler? Beispielhaft soll hier ein Text der Targets, die der Slime-Gitarrist Elf nach der ersten Slime-Auflösung gründete, betrachtet werden:

Targets

Geld regiert die Welt

Schon Hitler gaben sie ihr Geld
Damit das Schwein die Macht behält
Bestechung war schon immer normal
Sie gehen über Leichen, egal

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn
Menschlichkeit ergibt für sie keinen Sinn

Die Multinationalen erpressen und bezahlen
Die Multinationalen erpressen und bezahlen

Sie reden von Freiheit und Demokratie
Doch Bosse wählen konnte man noch nie
Sie herrschen durch Mord und Korruption
Der Tod durch Konsum ist unser Lohn

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn […]

Die Multinationalen erpressen und bezahlen […]

Politiker sind ihre Marionetten
Wer nicht mitmacht, wird sofort zertreten
Gefühle und Skrupel sind ihnen unbekannt
Das Kapital herrscht über jedes Land

Das einzige, was zählt, ist der Gewinn […]

Die Multinationalen erpressen und bezahlen […]

     [Targets: Schneller, lauter, härter. Aggressive Rockproduktionen 1984.]

Der Text ist zwar in seinen politischen Aussagen konkreter und sprachlich homogener als der der Söhne Mannheims, teilt aber diverse Motive mit ihm: Politiker werden nicht als selbstbestimmte Akteure gesehen, sondern als Marionetten international agierender Mächte – bei den Targets direkt benannt: internationaler Konzerne. Der Verweis auf Hitler zitiert dabei John Heartfields berühmte Collage Der Sinn des Hitlegrusses:

Und das Versprechen von Freiheit und Demokratie wird auch bei den Targets als Propaganda, die über die wahren Machtverhältnisse hinwegtäuschen soll, ‚entlarvt‘ – ganz im Sinne von Frank Zappas Diktum „Politics is the Entertainment Branch of Industry.“ Zwar finden sich in Geld regiert die Welt keine Gewaltphantasien, aber dies ist keineswegs auf eine gewaltablehnende Haltung zurückzuführen, sondern liegt lediglich daran, dass der Text sich konsequent auf die Analyse der Zustände beschränkt. In anderen Politpunktexten der Zeit finden sich durchaus Umsturzvorstellungen (z.B. „Schickischweine, Bonzen / wir zerschlagen euren Staat / Schickischweine, Bonzen / dann wird es für euch hart“, Klischee: Schickischweine, Bonzen, 1981) sowie konkrete Gewaltaufrufe („Dies ist ein Aufruf zur Revolte / Dies ist ein Aufruf zur Gewalt / Bomben bauen, Waffen klauen / Den Bullen auf die Fresse hauen“ – Slime: Wir wollen keine Bullenschweine, 1980); was aber in linken Punktexten weitgehend fehlt, sind die sadistischen Volksgerichts- und Vergeltungsfantasien nach einem erfolgreichen Umsturz, in denen Naidoo in seinen Texten schwelgt. Während diese in Marionetten noch vage gehalten werden zwischen dem salbungsvollen In-Aussicht-Stellen von Vergebung („Euch wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid“) und Gewaltandrohung („sonst sorgt der Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid“), so hat sie Naidoo mit Xavas, seinem gemeinsamen Projekt mit Kool Savas, im Song Wo sind sie jetzt? ausgeschmückt:

Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab
Und dann fick ich euch in den Arsch, so wie ihr’s mit den Klein‘ macht
Ich bin nur traurig und nicht wütend, trotzdem will ich euch töten
Ihr tötet Kinder und Föten und dir zerquetsch ich die Klöten

Ebenso wie laut der von Naidoo zustimmend zitierte Pizzagete-Verschwörungstheorie wird in diesem Text angenommen, dass die Mächtigen in Politik, Justiz und Medien nicht nur geheimbündlerisch (als Illuminaten, Freimaurer, Bilderberger etc.) die Etablierung einer neuen Weltordnung vorantrieben, sondern dass auch satanistische Ritualmorde und sexueller Missbrauch von Kindern ein integraler Bestandteil ihrer Zusammenkünfte seien:

Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht
Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet
Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe
Sie schreiben ihre eigenen Gebote, Bruderschaften erricht‘ aus Leid
Sie fühl’n sich sicher und überlegen, posieren vor uns und lächeln ins Blitzlicht

Naidoo, der sich in Raus aus dem Reichstag auch schon ganz offen antisemitisch geäußert hat („Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel / Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel“), nutzt hier Motive des strukturellen Antisemitismus, indem er die traditionelle antisemitische Behauptung, dass Juden christliche Kinder schächteten, abgewandelt auf andere angebliche geheime Herrschaftseliten überträgt. Dieser Vorwurf erfüllt mehrere Funktionen: Zum einen desavouiert er den politischen Gegner (und die Strafverfolgungsbehörden, die solche Taten im verschwörungstheoretischen Narrativ dulden) moralisch vollkommen, zum anderen legitimiert er sadistische Marter- und Mordphantasien am politischen Gegner ebenso wie den Ruf nach einem starken Mann/Rächer/Führer (im Refrain von Wo sind sie jetzt? heißt es dann auch „Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer? / Wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“). Dass das vermeintliche Interesse am Wohl missbrauchter Kinder dabei lediglich Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer politischen Agenda ist (wie auch bei der rechtsradikalen Forderung ‚Todesstrafe für Kinderschänder‘), zeigt sich daran, dass hier keineswegs der typische Fall des Kindesmissbrauchs durch dem Opfer bekannte Täter (93 % der Fälle, vgl. Wikipedia), darunter insbesondere Verwandte (zwei Drittel der Fälle) geschildert wird, und dass nicht das Opfer sich als Ermächtigungs-role model letztlich erfolgreich zur Wehr setzt (beide Momente sind typisch für Punksongs über das Thema, vgl. etwa Hass: Sag du liebst mich, 1990, und Abstürzende Brieftauben: Allein, 1993), sondern dass die Figur, deren Sicht eingenommen wird, der (männliche) gewalttätige Rächer ist.

Dass der politische Gegner auch moralisch abgewertet wird und ihn betreffende Vernichtungsphantasien entworfen werden stellt ein Muster dar, dass sich etwa auch in Internetforen und andernorts bei AfD-Anhängern und anderen Vertretern der neuen rechten Bewegungen beobachten lässt – von der noch eher harmlosen Variante, sich vorzustellen, wer nach der nächsten Wahl alles arbeitslos sei, über die Wünsche, politische Gegner und ihre Familien sollten Opfer von Migranten begangener Verbrechen werden bis hin zu ganz offenen Lynchjustizszenarien sowie der unverhohlenen Freude daran, wenn politische Gegner Opfer politisch motivierter verbaler (Morddrohungen) oder realer Gewalt werden. Dies lässt sich als Ausdruck eines grundsätzlichen Unterschieds zwischen einem rechten völkischen Weltbild einerseits und der linken Idee verschiedener gesellschaftlicher Klassen mit verschiedenen Interessen andererseits interpretieren: Im Klassenkampf hat, im Sinne des historischen Materialismus gedacht, die Arbeiterklasse zwar den Lauf der Geschichte auf ihrer Seite; dass die Bourgeoisie, die mit der Emanzipation vom Adel einst selbst die Geschichte vorangebracht hat, aber ihre Privilegien verteidigt, wird ebenso als selbstverständlich angesehen, wie dass die Unterprivilegierten gegen die Verhältnisse aufbegehren. Moral spielt in diesem Modell keine Rolle, der (auch gewalttätige) Klassenkampf ist gleichsam der natürliche Weg, auf dem Konflikte ausgetragen werden. In einem völkischen Modell hingegen ist es natürliche, quasi-religiöse und moralische Pflicht jedes Mitglieds des Volks, alles zu dessen Erhalt beizutragen und eigene Bedürfnisse diesem unterzuordnen – man denke an die NS-Losung „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ oder die Inschrift auf einem Hamburger Kriegerdenkmal „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ (auf die die Hamburger Punkband Slime in ihrem wohl bekanntesten Lied reagierte: „Deutschland muß sterben, damit wir leben können“). Wer das nicht tut, muss entweder manipuliert worden sein (durch die Mainstreammedien etc.) und deshalb früher oder später ‚aufwachen‘ und sich der „Wahrheitsbewegung“ anschließen, oder ein durch und durch verworfenes Subjekt, dem auch ansonsten alles zuzutrauen ist. So wird aus jedem politischen Gegner, der eine nach eigener Meinung falsche Position vertritt, ein amoralischer und krimineller Feind, ein Volkverräter, den es mit allen Mitteln zu vernichten gilt. Hier ergänzen sich die religiöse Rhetorik und die rechtsradikale Ideologie von Naidoos Texten, hier wird, wie in der neurechten Rede vom drohenden Volkstod, aus einer Auseinandersetzung zwischen Anhängern verschiedener Positionen ein apokalytischer Endkampf zwischen Gut und Böse, in dem eine kleine Gruppe von Gerechten (schon in Dieser Weg sang Naidoo: „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein“) mutig gegen die Mächte der Finsternis antritt. In diesem Weltbild erscheint dann selbst die Veröffentlichung eines auf eine große Zielgruppe zugeschnittenen Popsongs als Heldentat.

Martin Rehfeldt, Bamberg

 

 

Weicher Kern, harte Schale, Teil II. Selbstzweifel von unerwarteter Seite. Zu Onkel Toms „Zu wahr um schön zu sein“

Onkel Tom

Zu wahr um schön zu sein

Man kann es tun, man kann es lassen
Man kann es drehen, wie man will
Die einen lieben, was andere hassen
Ob man laut ist oder still
Soll man das Leid der anderen kennen
Oder ist man besser Schwein
Soll man alles niederbrennen
Nur um König der Asche zu sein

Zu alt um jung zu sterben
Zu krass um Held zu werden
Ein Schatten im Heiligenschein
Zu wahr um schön zu sein

Da bewegt man sich am Abgrund
Und ist für manche noch zu brav
Für die einen wie ein Bluthund
Für die anderen wie ein Schaf
Soll man denn wirklich etwas ändern
Andere verlieren, was ich gewinne
In einer Welt aus Blendern
Raubt es einem schnell die Sinne

Zu alt um jung zu sterben […]

Soll man die ganze Welt erneuern
Oder nur die Augen drehen
Soll man die ganze Ladung feuern
Oder auf Knien flehen
Man glaubt, man hat den Funken
Der das Feuer entfacht
Doch schnell ist der gesunken
Der aus Gold nur Scheiße macht

Zu alt um jung zu sterben […]

     [Onkel Tom: H.E.L.D. Steamhammer 2014.]

Ein Rocker reflektiert

Sänger aus Genres wie dem Punk oder Metal gelten nicht unbedingt als selbstkritisch. Schließlich gehört es zum Stereotyp des Rockers, sich völlig der Musik verschrieben zu haben und auch, wenn der Weg schwierig und lang ist, sich mit der Vorstellung der eigenen, originären Musik durchzusetzen. Typisch für diesen selbstbewussten Weg ist beispielswiese der AC/DC Klassiker It’s a long way to the top (if you want to rock’n roll), in dem der harte aber letzendlich erfolgreiche Weg in den Rockolymp glorifiziert wird. Umso überraschender präsentiert sich im hier vorgestellten Lied Onkel Tom, der sich gerne als rotziger Ruhrpottrocker stilisiert, beispielsweise im Lied Prolligkeit ist keine Schande.

Ganz reflektiert beginnt der Text mit der Feststellung von subjektiven Einschätzungen nicht näher definierter Leistungen. Zugespitzt wird in der ersten Strophe ausgedrückt, dass man es nie allen Recht machen kann. Der zunächst einmal offensichtlichen Feststellung, dass die „einen lieben, was andere hassen“, folgt dann ein breiter Fragenkatalog zum richtigen Verhalten. Dabei geht es um die Frage, ob man sich mit dem Leid der anderen beschäftigen soll oder dieses lieber ignoriert, in den letzten beiden Versen dann darum, ob sich ein radikaler Umbruch („alles niederbrennen“) letzten Endes lohnt. Schließlich wird gefragt ob ein Bruch mit Zwängen und Systemen wirklich zielführend ist („König der Asche“).

Schließlich wagt die Sprechinstanz den Blick in den Spiegel und auch wenn die erste Person nie verwendet wird, bezieht sich der Refrain in der hier vorgeschlagenen Lesart auf die Sprechinstanz, einen gealterten Rocker und damit ein Alter Ego Onkel Toms, selber. Also könnte man statt: ‚zu alt, um jung zu sterben…‘ auch sagen ‚ich bin zu alt um jung zu sterben…‘. Hier wird die Unsicherheit der Sprechinstanz besonders deutlich: Das Alter schreitet unaufhörlich voran (vgl. dazu auch den Vers „Ich glaub’s ja selbst kaum, ich bin noch am Leben“ des Liedes Ich bin noch am Leben auf dem gleichen Album), das Leben wurde „krass“ geführt und die Sprechinstanz befindet sich irgendwo zwischen Schatten und Licht. In den ersten Refrainzeilen gibt es noch keine Indikation, ob die Sprechinstanz es als gut oder schlecht empfindet „krass“ gelebt zu haben. Besonders die Tatsache, dass sie kein „Held“ ist, kann im Rockgenre auch positive Konnotationen haben, wo ein Anti-Held, der sich gegen Konventionen und Normen stellt, als positiv wahrgenommen werden kann.

Nicht so hier. Klar wird nämlich schließlich im Schlussvers, dass es sich bei dieser selbst-reflektiven Sprechinstanz um eine Person handelt, die es zumindest nicht ausschließlich als positiv empfindet, ein Anti-Held zu sein. „Zu wahr, um schön zu sein“, gibt klar zu erkennen, dass der Sprecher sich selber als ‚un-schön‘ sieht. Ganz im Gegensatz zu den anderen Texten in dieser Serie wird hier das „zu wahr um schön zu sein“ nicht auf die Welt an sich, sondern den Sprecher selber angewandt. Er scheint vom Leben enttäuscht.

Warum dies so ist, wird bereits in den ersten Strophen angedeutet, besonders in der zweiten. Die ersten zwei Verse dieser Strophe vermitteln den Eindruck, dass der Sprecher sein Bestes versucht, es allen Recht zu machen, und doch nie gut genug ist. Noch weiter geht es in den folgenden Versen, in denen durch Tiermetaphorik („Bluthund“ und „Schaf“) ausgedrückt wird, dass der Sprecher für die einen zu brav und für die anderen zu „krass“ ist und sich somit in einer Lage befindet, in der nichts gut genug ist. Versteht man die Sprechinstanz als einen gealterten Rocker, möglicherweise ein Alter Ego Onkel Toms, lässt sich noch weiter konkretisieren, dass dieses versucht Fans und Kritikern zu gefallen, aber damit nur bedingt Erfolg hat. Dieses Bild eines von externen Kritikern verunsicherten Rockers ist ein Gegenpol zum in schwarz gekleideten Rockstar, der umgeben von E-Gitarren, Bier und Zigarettenrauch von einer Frau zur nächsten hüpft. Unsicherheiten, so könnte man verallgemeinern, haben alle, nur manche sind besser darin sie zu verstecken.

Doch, und auch das zieht sich durch das ganze Lied, was der Befund aus dieser Verunsicherung ist, darüber ist sich die Sprechinstanz nicht sicher. So lautet die fragende Überleitung „Soll man wirklich etwas ändern“, um dann festzustellen, dass das, was die Sprechinstanz gewinnt, andere verlieren und es ohnehin nur Blender in der Welt gibt. Die Welt aus Blendern hat dem Sprecher ohnehin schon die Sinne geraubt, was wohl darauf hindeutet dass er deshalb selber nicht weiß, wie er sich verhalten, ob er „Bluthund“ oder „Schaf“ sein soll.

Auf ähnliche Weise wird in der letzten Strophe gefragt, ob man die Welt erneuern oder sich von ihr abwenden soll. Hierbei handelt es sich um eine Variation des Themas, das in der ersten Strophe durch die Verse „Soll man das Leid der anderen kennen / Oder ist man besser Schwein“ bereits eingeführt worden ist. Die gleiche Frage wird auch in den Versen drei und vier der letzten Strophe gestellt, wo gefragt wird, ob man einen radikalen Umbruch herbeisehnt („alles niederbrennen“ bzw. „die ganze Ladung feuern“). Als weitere Option, die nicht in der ersten Strophe vorkommt beinhaltet die letzte Strophe auch die Frage, ob man sich unterwerfen solle („auf Knien flehen“). Durch das Aufgreifen bereits eingeführter Themen erhält der Text auch eine gewisse Kohärenz, die sich durch den zentralen Fokus auf den Selbstzweifels noch verstärkt. So entgeht Onkel Tom der Auflistung von Klischees, die im Text von Hämatom (siehe Teil I) so ausgeprägt ist – auch wenn im hier besprochenen Text natürlich ebenfalls mit konventionellen Topoi wie Schatten/Licht gearbeitet wird. Der Kreis zwischen erster und letzter Strophe schließt sich mit der erneuten Verwendung von Feuermetaphern, doch endet die letzte Strophe auf eine pessimistische Weise, denn „Man glaubt, man hat den Funken“, macht dann aber doch nur aus Gold Scheiße. Blinder Aktionismus, so scheint hier nahegelegt zu werden, führt nicht immer ans Ziel.

Wie Onkel Tom an anderer Stelle ein überraschend positives Bild von Gott zeichnet (siehe Interpretation hier), überrascht er auch hier mit einem Liedtext, der voller Fragen und Unsicherheiten ist. Die Sprechinstanz wird sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten im Liedtext bewusst und bittet auf gewisse Weise den Hörer um Nachsicht, indem sie betont, dass sie versucht ihr Bestes zu geben. Die Sprechinstanz, die mit sich selber und der Welt hadert, hat auch eine repräsentative Funktion für Menschen, die an sich zweifeln. Dass dies so offen von einem Künstler dargestellt wird, der auch davon lebt, ein Image als saufender Trunkenbold zu zelebrieren, verdient Respekt.

Martin Christ, Oxford

Aktueller Kommentar von 1980: Fehlfarben: „Gott sei Dank nicht in England“

 

Fehlfarben

Gott sei Dank nicht in England

Wo ist die Grenze, wie weit wirst du gehn
Verschweige die Wahrheit, du willst sie nicht sehen
Richtig ist nur, was du erzählst
Benutze einzig, was dir gefällt

Schneid dir die Haare, bevor du verpennst
Wechsle die Freunde wie andere das Hemd
Bau dir ein Bild, so wie es dir passt
Sonst ist an der Spitze für dich kein Platz

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt
Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol
Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein
Das ist das Ende, du bleibst allein

Bild dir ein, du bist Lotse und hältst das Steuer
Mitten im Ozean spielst du mit dem Feuer
Sprichst andere Sprachen im eigenen Land
Zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt [...]

     [Fehlfarben: Monarchie und Alltag. Electrola 1980.]

Dieses Lied wurde nicht in den vergangenen Tagen gegen Boris Johnson geschrieben, sondern entstand 1980. Nichtsdestotrotz passt Gott sei Dank nicht in England Vers für Vers zur aktuellen Debatte: Vom instrumentellen und sehr flexiblen Umgang der Brexit-Befürworter mit der Wahrheit und Boris Johnsons scheinbar unfrisierten Haaren sowie seiner ehemaligen Mitgliedschaft in einem elitären, für Saufgelage berüchtigten Studentenclub, über sein ehemals zumindest vermeintlich freundschaftlichiches Verhältnis zu David Cameron und die ihm nachgesagte Ambition, dessen Nachfolger zu werden, bis zu den Themen Grenzen und Isolation.

„Und was sagt uns das? Weiß ich nicht.“ Das sang eine andere große deutschsprachige Band (mit englischsprachigen Anfängen), Element of Crime. Ihr Lied geht übrigens weiter mit „Alles ist besser ohne dich.“ Aber das klingt dort aus dem Mund des Sprecher-Ichs, der seine Ex-Freundin ansingt, wenig überzeugend. Als Beleg für prophetische Qualitäten von Popsongs taugt Gott sei Dank nicht in England jedenfalls nichts, denn der Text ließ sich im damaligen Kontext relativ eindeutig als szeneinternes Statement gegen diejenigen (Post-)Punks verstehen, die lediglich musikalische und modische Trends aus Großbritannien übernahmen. Die Fehlfarben um Sänger und Texter Peter Hein versuchten sich demgegenüber an einer deutschen Umsetzung der Punkidee und veröffentlichten 1980 mit Monarchie und Alltag eines der für die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik wohl einflussreichsten Alben.

Daran anzuknüpfen erscheint jetzt, da sich die führende europäische Pop-Nation vom Festland abwendet und vielleicht schon bald komplizierte Einreiseformalitäten Tourneen britischer Bands erschweren und Zölle den Import britischer Tonträger verteuern werden, besonders sinnvoll. Ein Ansatz dafür könnte ja die Verwendung mehrdeutiger Metaphern sein, die die Relektüre des hier vorgestellten Liedes erst ermöglicht hat. Als Inspiration kann man ja neben der frühen Neuen deutschen Welle auch englischen Pop dieser Zeit hören. Oder Björk natürlich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

„Es ist auch mein Land“. Zu Die Toten Hosen: „Willkommen in Deutschland“

Zwischen Ironie und Utopie. Die Ärzte: „Friedenspanzer“

Die Ärzte

Friedenspanzer

Ich möchte eine Welt, eine Welt in der Würmer und Insekten endlich wieder sprechen.
Ich möchte eine Welt, in der ich aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag 
zu kriegen
 
Die Tagesschau ist nicht mein Fall
Nichts als Mord und Massensterben überall
Die Hunde des Krieges wieder losgelassen
Wenn Schwestern und Brüder sich wieder hassen

Wenn Bomben fallen
Terror regiert
Und der Mensch im Allgemeinen
Zum Haß tendiert

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in Dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Er schießt Blumen statt Granaten
Er trifft jeden auch die Harten
Anstelle Giftgas gibt es Rosenduft
Schwängert mit Weihrauch die verschmutzte Luft

Er lässt uns nie-
mals mehr allein
Und auch Du und ich und alle
Werden seine Munition sein

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in Dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Er näht das Ozonloch zu
Pflanzen bauen Regenwald im Nu
Stoppt Hungersnöte mit der Tofukanone
Erklärt die ganze Welt zur Antiwalfangzone [im Songbook: "Antiwaffenzone"]

Selbst die Atombombe
Hat versagt
Die ist als Lösung wirklich nur noch ein Stück Wrack

Das, was mir dazu einfällt
Für die Rettung dieser Welt
Friedenspanzer
Er schießt Liebe in dein Herz
Bringt den Frieden ohne Schmerz
Friedenspanzer
Friedenspanzer

Macht Schluss mit jeder Diktatur
Ich frag mich, wie macht er das nur
Friedenspanzer
Er hilft uns bei jedem Reim
Trägt Omas Einkaufstüten heim
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer
Friedenspanzer

     [Die Ärzte. Die Besite in Menschengestalt. Metronome 1993.]

Vorstellung der Band

Bela, Farin und Rod bilden seit 1982 das Punktrio Die Ärzte. Sie bezeichnen sich selbst als „die beste Band der Welt“. Das erste Album Debil erschien 1984 und das bis dato letzte 2012. Nicht nur die lange Existenzzeit der Band spricht für ihren Erfolg, sondern auch zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. die 1Live-Krone für das Lebenswerk der Ärzte 2008. Die Berliner trennten sich von 1988 bis 1993 und gründeten sich dann neu. Bei dieser Neugründung kam Rod als Bandmitglied dazu. 1993 entstand das Album Die Bestie in Menschengestalt, auf dem auch der Song Friedenspanzer zu finden ist.

Entstehung

Friedenspanzer ist nicht nur auf dem Album zu finden, sondern erschien auch als Singleauskopplung. In den 1980er-Jahren, also zur Zeit des kalten Krieges, schrieb Rod, der zu diesem Zeitpunkt noch kein Mitglied der Band war, die Ur-Version des Lieds. Die letzten Endes erschienene Version bearbeitete Rod zusammen mit Bela.

Kontext

Politisch-gesellschaftlich können folgende Ereignisse als Kontext zu dem Song gelesen werden: zum einen der Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt durch die Rote Armee Fraktion am 27.3.1993, zum anderen der Bosnienkrieg (1992-1995) und der Krieg in Georgien bzw. das Massaker von Sochumi (27.9.1993). Dies sind nur Beispiele, die die Situation um 1993 aufzeigen sollen und damit veranschaulichen, dass auch im Jahre 1993, nach dem Ende des Kalten Krieges, Kriege und Gewalttaten stattfanden und somit auch in den Medien (z.B. in der Tagesschau) präsent waren. Des Weiteren ist auch der Kalte Krieg als Kontext des Liedes anzusehen, da die Rohfassung in diesen Jahren entstanden ist.

Interpretation

Das Ich des Songtextes sieht die Welt als durch Krieg und Gewalt bedroht an. Ebendiese Bedrohung ist in der Tagesschau zu sehen und wird hier mittels der Begriffe „Mord“, „Massensterben“, „Bomben“ und „Terror“ angedeutet. Der Mensch wird als zum Hass tendierend beschrieben, sodass er als Verantwortlicher für die Gewalt erscheint. Als Lösung bzw. Gegenmittel schlägt das Ich den „Friedenspanzer“ vor, der „Frieden ohne Schmerz“ und „Liebe in dein Herz“ bringt. Mittels des Possessivpronomens „dein“ spricht das „Ich“ ein „Du“ an, welches der jeweilige Rezipient des Liedes darstellt.

Was ist ein „Friedenspanzer“?

Sprachlich gesehen ist der „Friedenspanzer“ ein Neologismus, der zugleich ein Oxymoron ist. Somit stehen die Begriffe „Frieden“ und „Panzer“ in Opposition zueinander. Der mit diesem Kompositum bezeichnete Gegenstand soll zur „Rettung dieser Welt“ beitragen, indem der Panzer Liebe und Frieden verbreitet. Seine Munition stellen Blumen, Rosenduft und Weihrauch dar. Der Friedenspanzer bekämpft nicht nur Gewalt und Krieg, sondern auch Naturkatastrophen und Hungersnöte, indem eine „Tofukanone“ genutzt wird. Des Weiteren werden auch Alltagssorgen beseitigt, so z.B. die Suche nach neuen Reimen für Bands (hier Die Ärzte) und das Tragen von „Omas Einkaufstüten“.

Weitere sprachliche Besonderheiten

Neben „Friedenspanzer“ sind auch andere Neologismen vorhanden, so z.B. die gerade bereits erwähnte „Tofukanone“ und die „Antiwalfangzone“. Diese illustrieren die weiteren Funktionen des „Friedenpanzers“. Außerdem werden bevorzugt Wörter aus den Wortfeldern „Krieg, Gewalt und Katastrophen“ einerseits und „Frieden und Natur“ andererseits benutzt. Im Zusammenhang mit Krieg sind dies folgende Wörter: Mord, Massensterben, Krieg, Bombe, Terror, Hass, Granate, Giftgas, verschmutze Luft, Ozonloch, Hungersnot, Neutronenbombe, Diktatur. Die Wörter Rettung, ohne Schmerz, Blumen, Rosenduft, Weihrauch, nähen, pflanzen, Regenwald, Lösung, helfen greifen hingegen den Kontext des Friedens auf.

Zitat am Anfang des Liedes

Am Anfang des Liedes ist als Sample ein Zitat von Frank Drebin aus dem Film Die nackte Kanone 2 ½ zu hören: „Ich möchte eine Welt, eine Welt in der Würmer und Insekten endlich wieder sprechen, ich möchte eine Welt, in der ich aus der Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu kriegen.“ Dies zeigt zum einen die Intermedialität des Songs an, da er einerseits auf eine angesehene Nachrichtensendung, die Tagesschau, referiert und andererseits auf einen Film aus dem Genre der Komödie. So wird am Anfang des Liedes demselben eine gewisse Ernsthaftigkeit abgesprochen, die dann wiederum durch die Erwähnung der Tagesschau – vorübergehend – (wieder)hergestellt wird.
Außerdem kann das Zitat auch als Verortung des Liedes in der Epoche der Romantik angesehen werden, da diese davon ausgeht, dass die Welt mit dem empfindsamen Menschen kommuniziert. Dies ist gegeben, da Tiere, in diesem Fall Würmer und Insekten sprechen. Diese Welt wäre eine ideale Welt, die derjenigen, wie sie in der Tagesschau ersichtlich wird, gegenübersteht.

Fazit

Insgesamt changiert das Lied zwischen dem ernsten Bemühen, eine Gegenwelt zu entwerfen, und der selbstironisch-humoristschen Infragestellung dieser ‚Gutmenschen‘-Vision (vgl. etwa die „Tofukanone“). Es ist dem Ich das Liedes klar, dass sich die Probleme der Welt nicht durch Panzer lösen lassen, dass aber das Alternativkonzept des Friedenspanzers ein frommer Wunsch oder schöner Traum bleiben muss: Es gibt keinen Daniel Düsentrieb, der in der Lage wäre, einen Friedenspanzer als eine universelle Problemlösungsmaschine, als deus ex machina, zu erfinden.

Melissa Müller, Düsseldorf

Literatur

Murielle Martin: Die Ärzte. Auf den Spuren der Kult-Band zwischen Charts und Provokation. Düsseldorf 2001.

http://www.bademeister.com (Offizielle Homepage der Ärzte)

Hört der Spaß da auf? Zum Deutschlandbild in „Schwarz Rot Braun“ von Swiss und Die Andern (2014).

Swiss und Die Andern

Schwarz Rot Braun

(Rausgeh'n, Dranmontier'n)

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun.
Wir lieben unsren Dackeln einmal mehr als unsre Frau.
Wir kaufen deutsche Autos, denn nur den' kann man vertrau'n.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?
 
(1,2,3,4)
 
Der Mazda vom Nachbarn steht in meiner Einfahrt
2 cm, wo komm' wir da hin?
Ich nehm' das auf auf Kamera,
weiß dieser Kommunist denn noch nicht wer ich bin?
Ich lege eine Akte an, 
marschier vor Gericht, wo ich ihn verklagen werde!
Keiner verarscht mich, meine Frau, mein' Dackel
und erst recht nicht meine Gartenzwerge!
Ich bin tolerant:
Meine Tochter darf mit Türken zur Schule gehen,
Multikulti, naja, doch ich hab ihr gesagt:
Ich will keinen Molukken in meiner Bude sehen!
Unser Dackel gewinnt Wettbewerbe, 
das Siegergeld werden meine Kinder irgendwann mal erben.
Man darf nicht alles viel zu ernst nehmen, 
zu Fasching kommen wir mit Hitlerbärten!

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun.
Wir lieben unsren Dackeln einmal mehr als unsre Frau.
Wir kaufen deutsche Autos, denn nur den' kann man trau'n.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?

Wir zählen unser Geld,
und wir geben dir kein' aus.
Wir sparen unsre Knete lieber
für ein deutsches Haus.
Dann zieh'n wir in den Krieg
und zwar gleich am Gartenzaun.
Was wollt'n ihr? 
Was wollt ihr hier?

Freitagabend,
ich und meine Frau,
wir geh'n nochmal raus,
geben unsren Kindern 'nen Kuss (Jawoll!),
runterkomm'n vom Bürostress,
Freunde treffen im Swingerclub (Ficken!),
deutsche Bänker,
häufig Rentner.
Im Hintergrund läuft der Wendler, 
Andrea Berg, Helene Fischer, 
auf diese Frauen masturbieren deutsche Männer.
Geld ausgeben für 'nen neuen Camper,
Urlaub an der Ostsee,
man gönnt sich was.
Was Mallorca?
Was Ibiza?
Echte Deutsche triffst du auf'm Campingplatz.
Bei Freundschaft hört das Geld auf,
ich verleih nichts!
Schuldest mir noch 1,30€!
Freund aller Schwarzen,
Kein Pseudo,
ich gebe der Klofrau 'nen Euro.

Ich wohn' in Schwarz-rot-gold mit etwas braun [...]
Wir zählen unser Geld [...]
Ich wohn in schwarz-rot-gold mit etwas braun [...]

Wir zählen unser Geld [...]

     [Swiss und Die Anderen: Schwarz rot braun.  Missglückte Welt 2014.]

Im Rahmen der Aktion „Für ein weltoffenes Dresden“, die sich gegen die „Pegida“-Demonstrationen richtete, leuchtete einem von einem großen Monitor des Dresdner Staatsschauspiels folgende Statistik entgegen:

Sachsen hat mehr als 4 Millionen Einwohner

– davon Christen: 1 Million
– davon Muslime: 16.000 (0,4%)
– davon Salafisten: 100 (0,002%)

Straftaten von Rechtsextremisten in Sachsen: 1.635
Straftaten von Linksextremisten in Sachsen: 582
Straftaten mit ausländerextremistischem Hintergrund in Sachsen: 3

(Kommunale Statistikstelle der Stadt Dresden, Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge, Polizeiliche Kriminalstatistik Sachsen 2013, Verfassungsschutzbericht Freistaat Sachsen 2013)

Dass es dieses Hinweises überhaupt bedurfte, regt zum Nachdenken an. Obwohl sich an den „Pegida“-Kundgebungen, bei denen besonders ein schärferes Asylrecht gefordert wird, auch bekannte Neo-Nazis beteiligten, gab es dennoch auch viele Zuhörer und Mitläufer, die aus einer „ordentlichen“ Mittelschicht kamen. Diese Thematik, bei Spiegel Online zutreffend als „Brave-Bürger-Fremdenhass“ bezeichnet, wird von der Hamburger Band Swiss und Die Andern aufgegriffen.

Der Liedtext operiert auf zwei Ebenen: Einerseits wird das deutsche Spießertum auf die Schippe genommen, andererseits die braunen Tendenzen in einem kleinbürgerlichen Milieu. Obwohl die engstirnige Kleinbürgermentalität die Xenophobie fördert, sind die beiden Komplexe dennoch nicht deckungsgleich. Das adrette Kleingärtnerdasein wird als stereotyp deutsch dargestellt. Ausländerfeindlichkeit und Pseudo-Toleranz hingegen hat nicht nur gesellschaftsschichten-übergreifende, sondern momentan auch internationale Konnotationen. Während Humor das richtige Mittel scheint, deutsche Pünktlichkeit und kleinkarierten Geiz zu karikieren, scheint es im Lichte ausländerfeindlicher Demonstrationen und europaweiter rechter Tendenzen zunächst problematisch, diesem ernsten Thema mit Humor zu begegnen. Der Humor dient bei Swiss und Die Anderen allerdings nicht der Verharmlosung der Thematik, sondern ermöglicht es ihnen, klar aufzuzeigen, wie absurd die Standpunkte des Kleinbürgers in Sachen Ordnung, besonders auch in Bezug auf Ausländer, sind.

Wenden wir uns zunächst der ersten Ebene zu: Von der deutschen Korrektheit („Der Mazda vom Nachbarn steht in meiner Einfahrt, / 2 cm, wo komm‘ wir da hin?“) über die Versessenheit auf „deutsche Qualitätsarbeit“ (Auto, Haus) bis hin zum Geiz („Wir zählen unser Geld, / und wir geben dir kein‘ aus. / Wir sparen unsre Knete lieber“) gelingt Swiss ein Rundumschlag gegen die Gartenstrebermentalität. Auch des deutschen liebstes Urlaubsziel, Mallorca, ist nicht gut genug, weil nicht deutsch genug. An diesem Beispiel zeigt sich bereits, dass das deutsche Kleinbürgerdasein an manchen Stellen direkt mit der Ausländerfeindlichkeit (in diesem Fall gegen ausländische Urlaubsziele gerichtet) zusammenfällt. Das Beenden einer Freundschaft wegen einer Nichtigkeit (1,30€) erinnert stark an Loriots Kosakenzipfel, in dem eine ebenfalls auf dem Campingplatz begonnene Freundschaft auf Grund eines Mokka-Trüffel-Parfaits mit einem Zitronencreme-Bällchen ein abruptes Ende findet. Auch wenn diese Konnotation dem Punk-Rapper Swiss vielleicht nicht unbedingt vorschwebte, ist sie für den humoristischen Charakter des Liedes dennoch passend. Bei Swiss werden die scherzhaften Tendenzen ad absurdum geführt, indem der Campingplatz als urdeutsch dargestellt wird. Dass die Sprechinstanz dort auch viele Ausländer antreffen wird (vgl. statistica.com) unterstreicht die humoristische Widersprüchlichkeit zwischen dem, was der Spießer von sich selber und anderen denkt, und der Realität.

Dass das Spießertum nur eine Maske darstellt, ist wenig überraschend. Der Besuch im Swingerclub wird genauso wie das heimliche Masturbieren thematisiert. Hinter dem spießerhaften Äußeren steckt eben das genaue Gegenteil eines korrekt-adretten Bürgers. Dieses Spielen mit dem braven Äußeren und dem verdorbenen Inneren ist ein beliebtes Motiv in Film, Musik und Literatur und wird von Swiss auf die Spitze getrieben, etwa durch den obszönen Zwischenruf „Ficken!“. Unfähig in seiner eigenen, spießigen Welt Befriedigung zu finden, benötigt die Sprechinstanz den Ersatz des Swingerclubs. Sogar das Masturbieren wird sogleich zu einer Illustration des Deutsch-Seins und auch der Spießigkeit: Die Inspiration liefern Andrea Berg und Helene Fischer. Problematisch ist dies vor allem, weil Swiss damit selber ein Klischee bedient: Schlagerhörer sind Spießer. Dennoch erfüllen die Zeilen ihren Zweck: Der Spießer denkt, dass er, als guter deutscher Mann gute deutsche Frauen benutzt, um seine Phantasie zu beflügeln. Wieder schießt er damit ein Eigentor, denn Fischer wurde in Russland geboren. Der Spießer weiß auf Grund seiner Ignoranz nicht einmal, dass er sich somit lächerlich macht. Die abschätzige Verwendung von Frauen als reines Pin-Up-Motiv findet auch in der Zeile „Wir lieben unsren Dackel einmal mehr als unsre Frau“ ihren Ausdruck und bildet somit in den Augen von Swiss genauso wie die übertriebene Zuneigung zu einem deutschen Hund einen Teil der germanischen Engstirnigkeit.

In diesem sexuellen Kontext eröffnet sich auch eine Doppelbödigkeit, die auf eine subtilere Art und Weise mit dem Gegensatz von Sein und Schein spielt. Die Liebe gegenüber dem Dackel kann auch auf einer körperlichen Ebene verstanden werden. Somit wäre der adrette Kleingärtner das, was er selber vermutlich als Perversling bezeichnen würde. Ähnlich verhält es sich mit den Zeilen „Im Hintergrund läuft der Wendler, / Andrea Berg, Helene Fischer, / auf diese Frauen masturbieren deutsche Männer!“. Die Rolle von Michael Wendler wird hierbei offen gelassen. Dient seine im Hintergrund des Swingerclubs zu hörende Musik lediglich dem Wohlfühlen der deutschen Stammklientel oder hat er bereits eine stimulierende Wirkung auf die Swingerclubbesucher? Die Reihe Wendler, Berg, Fischer spielt mit der Möglichkeit, dass die Sprechinstanz homosexuelle Tendenzen pflegt – auch dies ein Widerspruch zum Bild des weißen, heterosexuelle, Mittelschichtsmanns.

Ähnlich verhält es sich mit den Ansichten über Ausländer, wobei wir bei der zweiten Ebene des Songtextes angelangt wären. Selbstgefällig versichert die Sprechinstanz (vermutlich auch sich selber), dass sie gar nichts gegen Ausländer habe: „ich bin tolerant“, „kein Pseudo!“, die Tochter darf sogar mit Türken auf die Schule gehen und die schwarze Klofrau bekommt immerhin einen Euro Trinkgeld. Bringt aber die Tochter einen Ausländer („Molukken“) nach Hause, ist die Grenze klar überschritten. Die Sprechinstanz gaukelt sich selber vor, an sich nichts gegen Ausländer zu haben. Nur sollten sie eben nicht zu nahe bei ihm sein. Genau auf diese Weise wird oft auch gegen Asylbewerberheime argumentiert. An sich hat man nichts gegen Asylanten, so lange sie nicht zu einem in die Stadt kommen. An sich ist man kulturell aufgeschlossen. Nur andere Kulturen in Deutschland, das dann doch nicht. An sich hat man Mitleid mit Opfern von Krieg und Gewalt. Nur sollen diese doch bitte schön auf der Mattscheibe bleiben und nicht in die eigene Umgebung kommen. Um dies dann zu rationalisieren werden absurde Vorwände angeführt (wie in dieser Reportage: die Asylbewerber hätten nicht genug Geld, um in einem bestimmten Stadtviertel einzukaufen). Solche Argumentationen sind so abwegig, dass sie (genau wie im Liedtext dargestellt) ungewollt komisch sind.

Auf diese Thematik spielt auch der Refrain („Was wollt’n ihr? Was wollt ihr hier?“) an. Die Frage, was Ausländer oder Asylbewerber in Deutschland „wollen“ ist ebenfalls eine mit aktuellen Konnotationen. Darin steckt auch Frage nach der kulturellen und wirtschaftlichen Integration von Asylbewerbern und Ausländern im Allgemeinen. Dass das Vereinigte Königreich, in dem durch das British Empire kultureller Austausch seit Jahrhunderten stattfindet, ebenfalls Debatten über die Ausländerintegration führt und die rechtslastige UKIP die Conservative Party stark nach rechts drängt, zeigt, dass das Schüren von Angst und die Vereinfachung komplexer Sachverhalte kein rein deutsches Phänomen ist (vgl. economist.com). Deswegen fallen die textlichen Ebenen der Charakterisierung des deutschen Kleinbürgertums einerseits und der ausländerfeindlichen oder, wie der Titel es nennt, „braunen“, Tendenzen andererseits im Liedtext nicht komplett zusammen. Eine große Schnittmenge besteht allerdings: Der scheinbar brave, tolerante Mittelschichtenbürger vertritt hinter geschlossenen Türen rassistische Ansichten.

Entsprechende Klischees werden in Schwarz Rot Braun dann von der Sprechinstanz auch für jegliche „Gegner“ verwendet. Ob „Kommunist“ oder „Türke“ spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl diese Stereoptype hier stark überzeichnet eingesetzt sind, zeigt die Verwendung solcher Topoi bei rechten Veranstaltungen, dass die perfide Manipulation durch Klischees sich immer noch großer Beliebtheit erfreut. Dies gilt natürlich genauso für linksextreme Klischees, beispielsweise gegenüber der Polizei. Die Stereotypen über Asylbewerber und Flüchtlinge werden momentan wieder vermehrt herangezogen, um eine Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu schüren. Alles, was dabei nicht in das klischeebehaftete Bild passt, wird einfach ignoriert: jahrhundertelanger kultureller Austausch genauso wie die Tatsache, dass auch die ersten Christen verfolgt und ins Exil gedrängt wurden.

Das überzeichnete Klischee des deutschen Schrebergärtners (im Musikvideo im Gartensessel im akkuraten Gärtchen dargestellt) ist ein geschicktes Zerrbild des trostlosen Bürgertums, das sich selber vormacht, weltoffen zu sein. Angesichts der humoristisch zugespitzten Darstellung stellt sich allerdings die Frage, ob es passend ist, Fremdenhass und Engstirnigkeit mit einem Augenzwinkern zu begegnen. Karikaturen zu Hitler und dem NS-Staat (beispielsweise das Lied Ich hock‘ in meinem Bonker oder der Roman Er ist wieder da) erfreuen sich seit längerer Zeit großer Beliebtheit und zeigen ein entspannteres Verhältnis einer neuen Generation mit der deutschen Geschichte. Swiss selber kritisiert implizit einen zu laxen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, wenn die durchweg negativ gezeichnete Sprechinstanz bemerkt: „Man darf nicht alles viel zu ernst nehmen, / zu Fasching kommen wir mit Hitlerbärten!“ (hier werden auch Erinnerungen an das Nazikostüm des jungen britischen Prinzen wach, der dies wohl ähnlich sah).

Der Humor, welcher dem Spießer eigen ist, erfüllt allerdings eine gänzlich andere Funktion als der Humor des Liedtextes. Während der deutsche Kleinbürger sich einen Hitlerbart anklebt, um die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zu verharmlosen, will Swiss durch das Herausstellen von Widersprüchlichkeiten den Spießer entlarven. Dabei spielt der Rapper mit Gegensätzen: selbst attestiertes Wissen und Ignoranz, Selbstdarstellung und Handlungsrealität, Humor und Ernst, pseudo-Toleranz und Engstirnigkeit. All dies dient dazu, einen grundsätzlichen Gegensatz zu zeigen: den zwischen Schein und Sein, zwischen der Selbsttäuschung, tolerant zu sein, und der Wirklichkeit, in welcher Rassismus und Intoleranz tief im Gedankengut der Sprechinstanz verankert sind.

Eine der wirkungsvollsten Waffen im Arsenal des Künstlers ist der spaßhafte Umgang mit ernsten Themen. Nicht um die dargestellten Ereignisse zu verharmlosen, sondern um durch Überzeichnung der Standpunkte die Absurdität eines Argumentes vor Augen zu führen. Gekonnt wird dies in dem Lied Schwarz Rot Braun umgesetzt. Zeile für Zeile werden die Selbstwidersprüche der Sprechinstanz herausgearbeitet. Genau diese Widersprüche müssen auch in einem aktuellen Kontext aufgezeigt werden. Obwohl der Liedtitel Schwarz Rot Braun lautet, wird im Refrain gesungen „Ich wohn‘ in Schwarz-rot-gold mit etwas [Hervorhebung M.C.] braun“. Ein Braunstich kann durchaus entfernt werden. Wird aber nichts gegen den kleinen, braunen Anteil unternommen, wird aus schwarz rot gold mit etwas braun, schwarz rot braun und schließlich: braun. Im Sinne des Liedtextes sind somit nicht nur die, die bei „Pegida“-Märschen mitlaufen, engstirnige Kleingeister. Noch perfider sind diejenigen, die sich selber vormachen, tolerant und weltoffen zu sein, hinter verschlossenen Türen aber mindestens genauso verblendet sind, wie die Menschen, die ihre rassistischen Meinungen offen zur Schau stellen. Diese versteckten braunen Überzeugungen müssen genauso herausgefordert werden wie die sichtbaren.

Martin Christ, Oxford

Viel mehr als nur ein Auto. Der Opel-Kult in der Musik am Beispiel von Liedern der Toten Hosen („Opel-Gang“) und der Motoristen/King Køng („Wir fahren Manta Manta“).

Die Toten Hosen

Opel-Gang

Den Arm aus dem Fenster, das Radio voll an,
draußen hängt ein Fuchsschwanz dran,
in jeder Karre sitzen vier Mann.
Die Bullen eben in der Stadt abgehängt,
mit 110 einen Ford versengt
und einen Fiat ausgebremst.
Wir haben neue Schluffen drauf
und uns Rallystreifen gekauft.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang,
wir haben alle abgehängt.
Opel-Gang!
 
Einmal rund um den Häuserblock,
danach wird die Karre aufgebockt
und sich unter die Kiste gehockt.
Samstags nachmittags um halb vier,
Fußballreportage und ein Bier.
Kavaliersstart wird ausprobiert,
dann geht's los in tollem Spurt,
wir schließen nie den Gurt.
 
Wir sind die Jungs von der Opel-Gang [...]

     [Die Toten Hosen: Opel-Gang. Virgin 1983.]

Die Motoristen

Wir fahren Manta Manta

Wir haben Geschmack, wir haben Stil,
wir sind jung und sehen super aus.
Heut sind wir unterwegs,
ich und Horst und Gerd und Klaus.
Wir sind bekannt
für unsere Subtilität,
und es gibt bei uns ein Auto,
um das sich alles dreht.
 
Nimm dir die Welt,
nimm die Sonne und die Sterne.
Nimm dir den Wald
und die Sonnenblumenkerne.
Laßt uns die Autobahn,
dann könn' wir weiterfahrn,
denn wir fahren nun mal gerne Manta Manta (Manta Manta).
 
Wir hören Bach, lesen Brecht,
ab und zu mal was von Goethe.
Immer nur Quantenphysik,
das wär uns echt zu blöde.
Was unsere Frauen betrifft,
da sind wir wählerisch.
Und unser Lieblingsauto
heißt genauso wie der Fisch.
 
Nimm dir die Welt [...]
 
Neulich ist dem Gerd,
was Gräßliches passiert:
Bei knapp 200 Sachen
ist er abgeschmiert.
Gerd hat's überlebt,
der Manta, der war Schrott
der fährt jetzt durch den Himmel,
getuned vom lieben Gott. (Gott fährt Manta.)
 
Nimm dir die Welt [...]

     [V.A.: Manta Manta - Der Soundtrack zum Film. Polydor 1991.]

 

Eine Welt ohne Autos kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Dieser Kasten auf vier Rädern ist mittlerweile mehr als ein Fortbewegungsmittel; das Auto entwickelte sich von einem Statussymbol, das der Elite vorbehalten war, zu einem Alltags- und Gebrauchsgegenstand, der nun in den meisten deutschen Haushalten, manchmal sogar in mehrfacher Ausführung „vorrätig“ ist. Da man sich infolgedessen nicht mehr darüber definieren konnte, bloß ein Auto zu haben, musste ein anderes identitätsstiftendes Merkmal her, was ab den 1980er Jahren die Automarke darstellte. Wer heutzutage in einem Audi oder BMW dazu verleitet wird, mit mehr als der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit über die deutschen Straßen zu schüren, wird schon mal als Rampensau beschimpft. Mercedes fahren seit Urzeiten Matthias Schweighöfer und seit letztem Jahr auch Weltmeister. Aber wurde bei dieser Aufzählung der qualitativ hochwertigen deutschen Automarken nicht eine vergessen? Richtig, der alteingesessene Opel-Konzern wird in heutigen Diskussionen um das coolste Auto gar nicht mehr erwähnt. Heutzutage ist Opel eher für seine Familienvans wie den Zafira oder das „Seniorenauto“ namens Meriva bekannt. Schön klingende Namen im Vergleich zum futuristischen „BMW 116i“ oder den wenig einfallsreichen ABC-Klassen von Mercedes Benz. Nichtsdestotrotz hatte auch Opel seine Glanzzeiten, auch wenn diese schon lange vorbei sind. An diese Zeiten erinnern noch die Kultlieder Opel-Gang von den Toten Hosen und Wir fahren Manta Manta von den Motoristen.

1983 erschien das Debütalbum der Toten Hosen, die damals, so erinnerte sich Campino, „vormittags Abiturprüfungen und abends Liedtexte schrieben“. Der darauf enthaltene Song Opel-Gang wurde nicht nur zum Namensgeber des Albums, sondern auch zum Kassenschlager. Die Toten Hosen gaben mit diesem Lied einer neuen Generation eine Stimme, die zum ersten Mal das Geld und die Zeit besaß, sich in ihrer Freizeit ganz der Pflege ihres Autos zu widmen. Der Song handelt vom Alltag einer Gruppe junger Männer, deren liebste Beschäftigung es ist, ihre Autos zu tunen und in Wettrennen vorzuzeigen. Dabei scheuen sie weder Polizisten noch Geschwindigkeitsüberschreitungen: „Die Bullen eben in der Stadt abgehängt, / mit 110 einen Ford versengt“. Im Gegenteil, ihr Ziel ist die Provokation der Obrigkeit, im Wissen um die eigene Geschwindigkeit. Dabei wollen sie sogar gesehen und wiedererkannt werden: Die Autos stechen mit aufgeklebten Rallystreifen und wehenden Fuchsschwänzen aus der Masse der anderen Verkehrsteilnehmer heraus, und auch im Wageninneren findet sich der draufgängerische Geist der Jugend wieder. Mit lauter Musik („das Radio voll an“) und unangeschnallt („wir schließen nie den Gurt“) verbringen die Jungs ihre Wochenenden mit Spritztouren und daran anschließenden Tuningaktionen, begleitet von Fußballreportagen und Bier. Der Alltag dieser Generation wird mehr denn je von der Pflege des mittlerweile erschwinglichen Statusobjekts bestimmt, das vor allem für Männer Unabhängigkeit und Nonchalance symbolisiert. Aus welchem Grund stellten sich die Toten Hosen sonst als Opel-„Gang“ dar? Der Titel besteht wohl kaum aus der amerikanischen Bezeichnung für eine Straßenbande, die sich vor allem über ihre kriminellen Handlungen definiert, weil die Band sich ein Image als „Saubermänner“ hätte verschaffen wollen, wofür es ohnehin ein bisschen zu spät gewesen sein dürfte.

Eine andere Art von Aufmerksamkeit (aber nicht weniger verpönt) will in dem Film Manta, Manta! die Gruppe um Protagonist Bertie erzielen, deren (mehr oder weniger ernst gemeinte) Verehrung weniger Opel allgemein als vielmehr dessen neuestem Modell, dem Manta, gilt. Als Titellied wurde Wir fahren Manta Manta 1991 von King Køng, der Band des Ärzte- Sängers und -Gitarristen Jan Vetter (Künstlername bei Die Ärzte: Farin Urlaub) unter dem Namen Die Motoristen eingespielt. Das Sprecher-Ich des Titellieds ist der Protagonist des Films, Bertie, was allerdings nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird: „Ich und Horst und Gerd und Klaus“. Die vier werden in der ersten Strophe zunächst so vorgestellt: „Wir haben Geschmack, wir haben Stil, / wir sind jung und sehen super aus […] Wir sind bekannt für unsere Subtilität“. Der ironische Unterton springt den Hörer geradezu an, vor allem, wenn man den Film und die Clique um Bertie vor Augen hat. Nach dieser Aufzählung wird schnell klargestellt, dass der Mittelpunkt der Welt für diese jungen Männer ein Auto bildet: „Und es gibt bei uns ein Auto, / um das sich alles dreht.“ Diese Anspielungen auf den typischen Manta-Fahrer der späten 80er Jahre kommen nicht von irgendwo. In den damals virulenten Mantawitzen wurden Manta-Fahrer durch den Kakao gezogen, Bertie und seine Freunde bilden dabei keine Ausnahmen vom Stereotyp: „Mantaletten“, Ruhrpott-Slang, Antipathie gegen VW Golf GTI-Fahrer und sehr blonde Freundinnen auf dem Beifahrersitz. Die Selbstdarstellung der Protagonisten im Titellied wird von der Figurenzeichnung des Films konterkariert. Die Feinfühligkeit, derer sich das Sprecher-Ich und seine Freunde rühmen, lässt sich nirgends finden; ihr niedriges Sprachniveau haben sie sicher nicht durch das Lesen von Brecht und Goethe erworben (vgl. „Wir hören Bach, lesen Brecht / und ab und zu mal was von Goethe“). Stattdessen wird ihr schlichtes Denken betont: Hast du Auto, hast du Frau. Und ganz im Gegenteil zu ihrer Behauptung (vgl. „Was unsere Frauen betrifft, da sind wir wählerisch“) ist keiner dieser Herren im Film besonders anspruchsvoll bei seiner Partnerwahl. Erst im Refrain wird das Ausmaß der Autofixierung dieser jungen Männer erkennbar: „Nimm dir die Welt, / nimm die Sonne und die Sterne. / Nimm dir den Wald / und die Sonnenblumenkerne.“ Das Wichtigste, die Autobahn, solle aber ihnen überlassen werden, auch wenn sie sich im Kultfilm Manta, Manta weniger auf Autobahnen als vielmehr auf Land- und Dorfstraßen im Ruhrpott austoben. Für mehr jedoch, könnte man meinen, hätte die Leistung des verspotteten Sportwagens sowieso nicht gelangt.

Neben diesen beiden, mehr oder weniger ernst gemeinten Liedern finden sich noch weitere, die die Autos der Marke Opel thematisieren. Da wären Kadett B von WIZO aus dem Jahr 1992 oder der Nachfolgesong der Toten Hosen Die Opel-Gang Teil II – Im Wendekreis des Opels. Obwohl der Hype um Autos der Marke Opel von den Hosen zunächst noch ernst gemeint zu sein schien, entpuppte sich dieser im Lauf der Zeit als Ironie.

Ein neuer Hype um die einst beliebte Marke blieb in jüngster Vergangenheit zum Nachteil des Konzerns aus. Das Unternehmen kämpft derzeit mit wirtschaftlichen Problemen, man denke nur an die Schließung des Werks in Bochum Anfang Dezember 2014. Das traurige Ende eines seit 52 Jahren bestehenden Werkes konnten letzten Endes weder die Mitarbeiter noch die Chefetage verhindern, trotz der erbaulichen Projekte, die die Angehörigen und Freunde der Opelaner in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen haben (vgl. etwa Kinder singen Opel-Rettungslied).

Die Toten Hosen konnten die Welle der Entrüstung bzw. Begeisterung für Lieder, die den Autos der Marke Opel gewidmet waren, die sich aus ihrem Punksong entwickelt hat, sicher nicht vorhersehen; noch weniger, dass es die Opel-Gang mittlerweile sogar in Wirklichkeit gibt: 2001 wurde aus dem Titel der Toten Hosen ein eingetragener Verein. Auf dem Internetauftritt der Gang posieren die circa zehn Mitglieder mit Frau und Hund stolz vor ihren Merivas (www.opel-ganggermany.de/). Mehr Einsatz für den untergehenden Stern am Himmel der deutschen Automarken kann sich sicher nicht mal Campino wünschen.

Marina Willinger, Bamberg