Gegröhlter Feminismus. Zu Claire Waldoffs „Wegen Emil seine unanständ’ge Lust“ (Text: Julian Arendt)

Claire Waldoff (Text: Julian Arendt)

Wegen Emil seine unanständ'ge Lust 

Mein Emil, der meckert mir so breejenklütrich an,
mein Emil, der hat keene Scham.
Mein Emil, der sacht mir, du, ick bin doch nu dein Mann
Und ick möchte von die Ehe ooch wat ham.
Ick möchte dir hübscher und niedlicher
Mit eenem Wort – appetitlicher,
Dann würde ick mir viel mehr amüsier’n.
Jeh zum Doktor, sagt er, laß dir operier’n.

Ick laß mir nich die Neese verpatzen
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.
Ick laß mir nich das Fett aus de Oberschenkel kratzen
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.
Wie ick bin, hat ja der Emil schon immer jewußt,
Da hätt er mir eben nich nehmen jemußt.
Ick lasse keen‘n Doktor ran an meine Brust
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.

Die Emma von Meyers jing bei Dr. Veilchenfels
Und ließ sich auf hübsch operier’n.
Die dußlige Emma jab den Veilchenfels ihr Geld
Und nu glaubt se, kann se jeden Mann verführ’n.
Man hat ihr vermanscht in de Charité
Sie war schon mies – aber nu erst, nö!
Nu hat se ‘nen Bauch wie‘n Kerl
Und ‘nen Podex wie‘n sechzehnjährjet Jörl.

Ick laß mir nicht die Neese verpatzen [...]

Ick wer doch mein Leben nich bei so ‘nen Doktor jehn,
Ick hab für so’n Blödsinn keen Jeld.
Ick denk nur immer nach, und ick kann et nich versteh’n
Det die Männer so’n vermanschtet Ding jefällt.
Aus Liebe ans Messer, da lach ick nur,
Een richtiger Mann sacht: Ick will Natur!
Und macht er nich von selber Tam-tam,
hilft ihm ooch die neue Brust nich uff’n Damm.

Ick laß mir nich die Neese verpatzen [...]

Claire Waldoff wurde 1884 als Clara Wortmann (und elftes von sechzehn Kindern einer Gastwirtsfamilie) in Gelsenkirchen geboren und starb 1957 im Berchtesgardener Land (vgl. Wikipedia-Eintrag Claire Waldoff). Doch wenn man sich heute – insgesamt wohl leider etwas zu selten – an sie erinnert, dann denkt man beinahe selbstverständlich an Berlin und dessen Zeiten als Zentrum „goldener“ 1920er Jahre. Warum dem so ist, erkennt man schon bei einem kurzen Blick auf die Titel ihrer wesentlichsten Tonbandaufnahmen.

Auffällig viele ihrer heute noch ein bisschen bekannten Lieder weisen einen Bezug zu besagter Metropole auf: Eine dufte Stadt ist mein Berlin (1910), Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt (eine vielleicht noch etwas berühmtere Version dieses Liedes wurde von Marlene Dietrich eingesungen) und Das noble Berlin (jeweils 1911), So denkt im Frühling die Berlinerin sowie Berlin, so siehste aus und Die Berliner Pflanze (jeweils 1913), Auf der Banke, an der Panke (1914), Berliner Bummellied (1920), Berliner Tempo (1922), Dornröschen aus’m Wedding (1923), In Berlin auf dem Kurfürstendamm (1924), Wenn’s duster is im Friedrichshain (1925), Berliner sein genügt (1926), O wie praktisch (…ist die Berlinerin) (1927), Was braucht der Berliner um glücklich zu sein? und Emilie vom Kurfürstendamm sowie In Weißensee träumt eine alte Pappel (jeweils 1928), Unsere Havel ist unser Rhein und Es gibt nur ein Berlin (jeweils 1932) sowie schließlich Die Ballade vom allzufleißigen Berliner (1934). Viele ihrer Lieder funktionieren entsprechend mit – manchmal nur in Anklängen hörbarer, manchmal aber auch in seiner Wirkung durch grammatikalische Abweichungen noch verstärkte – Berliner Mundart (– und fast ebenso viele erscheinen für eine Besprechung im Rahmen der Bamberger Anthologie nicht nur wegen Textern wir etwa Kurt Tucholsky durchaus attraktiv).

Claire Waldoff gefällt uns aber heute nicht nur – bzw. vergleichsweise etwas weniger – als Vertreterin eines kommerziell erfolgreichen Lokalpatriotismus. Noch stärker assoziiert die Nachwelt ihren Namen mit einem – natürlich typisch berlinerisch sehr kessem – Auftreten im Sinne einer besseren Geltung von Frauen sowie – eingeschränkt durch damalige Gegebenheiten – auch von Homosexuellen. Neulich hatte die von Friedrich Radszuweit (Männer zu verkaufen, 1932) herausgegebene, ab März 1933 (ebenso wie öffentliche Auftritte Waldoffs) von den Nationalsozialisten verbotene Zeitschrift Die Freundin (Untertitel: Das ideale Freundschaftsblatt) 90jähriges Gründungsjubliäum (vgl. Wikipedia-Eintrag: Die Freundin). Man kann sich gut und vorstellen, dass diese Zeitschrift bei Waldoff und ihrer Lebensgefährtin Olga von Roeder in ihren vielbesuchten Wohnungen auslag – die beiden waren prägende Figuren der lesbischen Szene Berlins. Freilich beschäftigen sich Waldoffs Lieder in aller Regel mit einem männlichen Lebensgefährten. Recht häufig geht es aber um die Unzulänglichkeiten des anderen Geschlechts; etwa in den Liedern Morgens willste nicht und abends kannste nicht (1910), Wozu hat der Soldat eine Braut? (1916), Ach Gott, was sind die Männer dumm (1918), Wenn wir Mädchen jung sind, gehen die Männer ran und vor allem in Raus mit den Männern aus dem Reichstag (jeweils 1926).

Bei Youtube am häufigsten aufgerufen wurde bisher allerdings ihre von Julius Arendt getextete und durch Paul Strasser vertonte Nummer Wegen Emil seine unanständ’ge Lust. Das hat wohl wesentlich auch damit zu tun, dass das Geschäft mit der ästhetischen Chirurgie in den vergangenen 85 Jahren so boomte, wie es sich Julius Arendt und Clair Waldoff damals, im Jahr 1929, kaum ausmalen konnten oder wollten. Umso interessanter wirkt heute, im Jahr 2014, eine explizite Absage gegenüber diesem Buisness. Vor allem, wenn sie aus einer Zeit stammt, in der man eine gesellschaftliche Relevanz von bzw. die entsprechende musikalische Beschäftigung mit Schönheitschirurgie nicht gleich vermuten mag.

Historisch betrachtet ist es aber so: Als Pionier der modernen Schönheitsmedizin in Deutschland gilt der Berlin-Friedrichshainer Chirurg Jacques Joseph, auch „Nasenjoseph“ genannt; als Geburtsstunde gilt eine von ihm 1896 heimlich durchgeführte Operation abstehender Ohren. In der Folge brachte vor allem der Erste Weltkrieg mit seinen unzähligen Kriegsversehrten die plastische Chirurgie voran; in der Weimarer Republik wurden die neuen Erkenntnisse dann auf die Zivilbevölkerung angewandt. Im Fokus der Kritik steht hier also ein Phänomen der Zeit bzw. die Frage, ob man das machen soll, was seit Neustem tatsächlich gemacht werden kann – konkret: unzulängliche Männer, denen „ein vermanschtet Ding jefällt“, das einen „Bauch wie‘n Kerl“ und einen „Podex wie‘n sechzehnjährjet Jörl“ hat.

Wer Schönheitsoperationen heute nicht schon am eigenen Körper erfahren hat oder aus dem Bekanntenkreis kennt, wurde und wird wiederholt durch die Boulevardpresse darauf aufmerksam gemacht. So einige Menschen unserer Zeit haben sich schon die „Neese verpatzen“ oder „ Fett aus de Oberschenkel kratzen“ lassen. Wie viele von ihnen von „breejenklütrich[en]“ – d.h. frei übersetzt etwa zu kopflastigen oder verrückten – Lebensgefährten wie diesem „Emil“ sowie mit einem Verweis auf eheliche Pflichten à la „ick möchte von die Ehe ooch wat ham“ dazu genötigt worden sind, sich „in de Charité“ oder anderen Kliniken „vermansch[en]“ zu lassen, lässt sich kaum mehr zählen – es ist mittlerweile irgendwie auch schon ziemlich wurscht. Das ganze Thema hängt vielen ein bisschen zum Halse heraus. Es tut ihnen sicher gut, nach der Lektüre gewisser Frauenzeitschriften Lieder der alten Feministin Claire Waldoff zu hören.

Martin Kraus, Bamberg

 

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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