Udo geht zum Klassentreffen. Zu Udo Lindenberg: „Da war so viel los“

Udo Lindenberg

Da war so viel los

Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge 
ganz spitz auf Lakritz 
für den eine Expedition zum nächsten Block 
weit wie 'ne Reise nach China ist 
der kleine Robinson Crusoe 
auf Entdeckungstour 
meiner Mutter Hermine missfielen 
die Onkel-Doktor-Spiele 
und meine Schwäche für Whisky pur 
ich seh' July Müller, meine erste Liebe 
mein Herz knallte los 
wir wollten heiraten, doch dann kam Jan von nebenan 
und ich verliebte mich in Rennautos

Da war so viel los 
das Leben bestand ausschließlich aus Sensationen 
und jeder Tag 
brachte jede Menge phantastische Situationen 
Einmal sind wir losgezogen 
wir suchten das Ende vom Regenbogen 
da war schwer was los...

Und dann in der Schule hatte 
keiner Bock auf Mathe 
lieber ging man stolz mit 'ner Zigarette 
zum Schwindeligwerden auf die Toilette 
Gerne quälten wir auch manche Lehrer 
die wurden sowieso immer unfairer 
einen haben wir so fertiggemacht 
der hat sein ganzes Gehalt zum Psychiater gebracht

[Kinder:] 
Also ich werd' später Löwenbändiger 
Ach nee, das is' viel zu gefährlich 
da wird man ja gefressen 
ich werd' lieber Kaugummifabrikant 
Ich find' das besser: Taucher 
Ich werd' lieber Pop-Star 
Das find' ich alles ganz doof, ich mach 'nen Zirkus auf 
Ich werd' später Testpilot 
Und ich Filmstar in Hollywood

Letzte Woche war ein Klassentreffen 
da sah ich sie wieder 
die missglückten Helden, die jetzt Beamte sind 
die Bonnies und Clydes von früher 
jetzt als Herr und Frau Bieder 
die Power von damals ist leider hin 
und Fritz der Cowboy wurde nur 
Manager bei der Müllabfuhr...

     [Benjamin von Stuckrad-Barre u. Moritz von Uslar (Hg.): Am Trallafitti-Tresen. 
     Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten. Herausgegeben und ausführlich 
     besprochen. Hamburg: Europäische Verlangsanstalt 2008, S. 19f. 
     Vgl. auch www.udo-lindenberg.de.]

 

Keine Panik, dies wird nicht die Besprechung eines der üblichen, bekannteren Songs von Udo Lindenberg: Rudi Ratlos, Andrea Doria, Alles im Lot auf dem Riverboat … oder von neueren: Hinter dem Horizont, oder aus seiner mittleren Phase: Sonderzug nach Pankow. Auch das „Emblemwort“ (Matthias Matussek in seiner Laudatio auf Lindenberg anlässlich der Verleihung des „Jacob Grimm Preises Deutsche Sprache“ am 23.10.2010, in: Helmut Glück et al. (Hg.): Kulturpreis Deutsche Sprache 2010, S. 35.) Panik soll hier nicht wieder vorkommen. Allzu leicht ließe sich eine Rezension aus Versatzstücken der Lindenbergschen Neologismen, Phrasen und Stereotypen zusammensetzen. Darum aber geht es nicht. Also: Alles easy.

Vielmehr wurde bewusst ein Song ausgewählt, der ebenso typisch für den Lindenberg der 1970er ist, wie er gleichwohl weitgehend unbekannt sein bescheidenes Dasein fristen dürfte. Das Lied steht im Schatten anderer und wurde an 4. Stelle auf der LP Votan Wahnwitz von 1975 veröffentlicht. Dies war die erste Platte von Udo Lindenberg, die ich mir gekauft habe. Sie fand sogleich bei Klassenkameraden großen Anklang. Und das lag nicht unbedingt an dem Frontcover, das einen gut gefönten, im Dirigentenfrack richtig „serriös“ daher kommenden, aber noch jung und unverbraucht aussehenden Udo zeigt. Es lag vielleicht an der Ironie, mit der dies (halbe) Konzeptalbum sich über „serriöse Lieder“ lustig machte und sie zugleich dem jugendlichen Publikum nahebrachte.

Konzeptalben waren damals en vogue. Genesis, Pink Floyd und Queen waren unter Gymnasiasten sehr angesagt. Lindenberg ermöglichte uns, ohne rot zu werden, deutsche Musik zu hören: Es mochte also auch an der Professionalität der Musik gelegen haben, die in „Super-Besetzung“ mit „Thomas Kretschmer und Helmut Franke (Gitarra forte), Gottfried Böttger (Piano forte), Steffi Stephan (Basso Fantastico), Keith Forsey, Dieter Arendt und Udo Lindenberg (Schlagzeugo Bombastico)“ und unterstützt von Inga Rumpf, Elly Pirelli, Peter Herbolzheimer mit seinem „Dixieland-Gebläse“ und weiteren dargebracht wurde.

Vor allem aber, so meine bald empirisch erhärtete These, lag es an der Cellistin mit den riesigen Brüsten, die nackt zwischen den befrackten Orchestermusikern einen geigte – d.h., eigentlich spielte sie kein Cello (letzteres hatte sie nämlich schon auf der Andrea Doria von 1973), sondern Bass-Geige. Und um die Verwirrung komplett zu machen, zitierte Udo L. sie im 1. Song der Platte als „Sopran-Vokalistin mit den riesigen Brüsten“. Der Meister selbst lag der Cellistin/Geigerin/Sopran-Vokalistin im Rocker-Outfit mit Lederjacke, Jeans, aber auch Lackschuhen und Gamaschen zu Füßen – so wie vermutlich alle meine Klassenkameraden. Das wiederum fanden unsere Eltern – ich lebte im katholischen, ursprünglich einmal kur-kölnischen Sauerland – nicht unbedingt erziehungsförderlich. Ein Kumpel, dem ich die Platte geliehen hatte, bekam sie von seinem Vater verbal – man war noch höflich genug, fremdes Eigentum nicht zu beschädigen – mit den Worten „Was ist denn das für eine Schweinkram-Platte“ um die Ohren gehauen. Ich traute mich danach für längere Zeit nicht mehr in das Haus seiner Eltern.

Und damit sind wir schon im Song, der den poetischen Lindenberg zeigt; einen Lindenberg, der genau beobachten konnte und seine textlich teils skurrilen, teils schönen Bilder musikalisch präzise und passend komponierte, instrumentierte und spielte; einen Lindenberg, der noch nicht zur Paraphrase seiner selbst geworden war. Das Lied schlug, ohne dass mir das damals schon im Detail bewusst war, die Brücke zwischen dem Gestern, dem Jetzt und dem Morgen. Es drückte Hoffnungen und deren Desillusionierung genauso aus wie Energie und Zweifel.

Zur Rahmenhandlung: Udo L. kommt gerade mit Daniel Düsentrieb aus der Zukunft. Genauer, er kommt aus dem „Automaten-Bordell“. Was ihn zu dem verzweifelten Ausbruch veranlasst hatte: „Oh Daniel, oh Daniel, lass uns abhau’n – und zwar schnell!“ Auch so ein Spruch, den wir Pennäler sofort übernahmen. Daniel Düsentrieb – jedem Jugendlichen der damaligen Zeit bekannt, denn er war der sprichwörtlich gewordene Erfinder aus Entenhausen – hatte eine Zeitmaschine erfunden: Daniel’s Zeitmaschine. Ob er auf diese ein Patent hält, ließ sich auch in seiner Erfinder-Werkstatt nicht überprüfen. Die Werkstatt steht im Erika Fuchs Haus – Museum für Comic und Sprachkunst in Schwarzenbach an der Saale, das ich zu Recherchezwecken unlängst besucht habe. (1. Nebenbemerkung: Es ist ein Skandal, dass Daniel Düsentrieb kein Patent für seine Schwarzlichtlampe zugesprochen bekam, mit der man durch Knopfdruck hell erleuchtete Räume verdunkeln kann. 2. Nebenbemerkung: Der Song „Daniel’s Zeitmaschine“, der dem hier zu besprechenden voransteht, weist schon den sächsischen Genitiv auf, der unter heutigen jungen Menschen sich so großer Beliebtheit erfreut, dass er überall Verwendung findet; insbesondere dort, wo er nicht hingehört.)

Daniel’s Zeitmaschine war in Pink Floyd-Manier mit Maschinengeräuschen und Elektro-Rhythmen unterlegt. Ohne Pause setzt das nächste Lied ein: „Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge“, man hört zunächst nur eine harmonisch gespielte Akustik-Gitarre mit dem zurückhaltenden Beat eines dezenten Schlagzeugs: Die Zeitmaschine ist in der Vergangenheit, in Udos, aber auch in meiner eigenen, angekommen. „[G]anz spitz auf Lakritz“ – das ist so eine typische Lindenbergsche Reimfigur. Schnell wurde sie sprichwörtlich. Sie enthielt eine doppelte Botschaft: Einerseits und offensichtlich wurde die Neigung von Kindern zu Süßigkeiten angesprochen. Andererseits und versteckt, enthielt das Wort „spitz“ schon eine Anzüglichkeit, die erst in den übernächsten Zeilen verständlicher wird: „Spitz“ war damals eine Vokabel, die dem heutigen „geil“ entsprach. Zunächst in des Wortes engerer Bedeutung als Anspielung auf Sexuelles, darüber hinaus aber auch als Vokabel der Bewunderung, des Superlativs. Immerhin waren die 1970er auch die Zeit Hans „Hänschen“ Rosenthals, der in Dalli, Dalli – was noch ironiefrei und voller Bewunderung geschaut werden durfte – sich selbst zum Narren machte, wenn er in die Luft sprang, mit einem Höhepunkt damaliger Fernsehtechnik für einen Moment eingefroren wurde und dabei ausrief: „Das war … Spitze!“

Mit „ für den eine Expedition zum nächsten Block / weit wie ’ne Reise nach China ist / der kleine Robinson Crusoe / auf Entdeckungstour“ beginnt die Welteroberung, auf die jeder junge Mensch – wortwörtlich und im übertragenen Sinn – aus ist. Der beschriebene Junge ist offensichtlich noch recht klein, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Alles ist aufregend, die Welt einerseits überschaubar, andererseits fallen ihm schon Grenzen auf, die es nur, weil sie existieren, zu erkunden gilt. Die Maßstäbe sind noch nicht die der Erwachsenen. In den nächsten Zeilen entwickelt sich das Lied zu einer eigenen Zeitreise: „[M]einer Mutter Hermine missfielen / die Onkel-Doktor-Spiele“, da mag Udos jüngeres Ich vielleicht noch im gleichen Alter wie soeben sein. Nicht überliefert ist, was sein Vater Gustav dazu sagte, der immerhin die nächste Vorliebe geteilt haben soll: „und meine Schwäche für Whisky pur“.

Die vorherigen Zeilen lassen sich auch auf erste sexuelle Erfahrungen umdeuten, die dann wohl den älteren, pubertierenden Jugendlichen andeuten. Klarer wird das mit „ich seh‘ July Müller, meine erste Liebe / mein Herz knallte los / wir wollten heiraten“. Das passt nicht mehr zu dem kleinen Kind, aber schon gut zu einem Jungen in der Pubertät. Aber die Regression in kindliche Verhaltensmuster ist noch immer und jederzeit möglich: „doch dann kam Jan von nebenan / und ich verliebte mich in Rennautos.“ Die Zeilen über July Müller sind mit etwas Hall unterlegt, der Bass wird vernehmlicher. Lindenberg verdeutlicht die Schwärmerei seiner Erinnerungen auch musikalisch. Das unterstreicht der Wechsel der Tonlage – immer in Moll – ebenfalls. (Ich danke Michael Wild für seine Hinweise zu Tonart und -lage.)

Etwas rockiger und wieder in der ersten Tonlage geht es weiter: „Da war so viel los / das Leben bestand ausschließlich aus Sensationen / und jeder Tag / brachte jede Menge phantastische Situationen / Einmal sind wir losgezogen / wir suchten das Ende vom Regenbogen / da war schwer was los … (dadadada die dada …).“ Die Welteroberung wird energischer, zugleich ist der Junge immer noch romantisch; Illusionen, die einem Kind noch nicht als solche erkennbar sind, werden wörtlich genommen. Dass der Regenbogen kein Fundament hat, lässt sich vom kindlichen Standpunkt aus noch nicht erkennen. Die gesummten Silben am – dem Regenbogen ähnlichen – auslaufenden Ende werden nicht mehr von einer E-Gitarre, sondern wieder von einer ruhigen Akustik-Gitarre begleitet und leiten zur nächsten Szene über.

Musikalisch kehrt der Song zu seinem Auftakt zurück. Zwei typisch scheppernde Lindenberg-Reime verdeutlichen die allgemeine Erfahrung schulischer Unlust: „Und dann in der Schule hatte / keiner Bock auf Mathe / lieber ging man stolz mit ’ner Zigarette / zum Schwindeligwerden auf die Toilette“. Der leichte Hall unterstreicht die Ferne der Erinnerungen an Zeiten, in denen man sich auch über üble Streiche selber finden musste: „Gerne quälten wir auch manche Lehrer / die wurden sowieso immer unfairer / einen haben wir so fertiggemacht / der hat sein ganzes Gehalt zum Psychiater gebracht.“ Wie in Comics wird hier die Grausamkeit, zu der Jugendliche fähig sind, übertrieben und zugespitzt. Stanley Kubrick hatte sie annähernd zeitgleich in Clockwork Orange wesentlich drastischer inszeniert.

Dann folgt ein Zwischenspiel auf dem Schulhof mit im Wechsel gesprochenen Texten. 1. Junge: „Also ich werd‘ später Löwenbändiger“; 2. Junge: „Ach nee, das is‘ viel zu gefährlich / da wird man ja gefressen / ich werd‘ lieber Kaugummifabrikant“: 3. Junge: „Ich find‘ das besser: Taucher“; 4. Junge: „Ich werd‘ lieber Pop-Star“; 5. Junge: „Das find‘ ich alles ganz doof, ich mach ’nen Zirkus auf“; 6. Junge: „Ich werd‘ später Testpilot“. Nach dem Wechselsprechen der Jungen, singt ein Mädchen, sich mit Kopfstimme in die Höhe schraubend: „Und ich Filmstar in Hollywood“.

Die Dialoge sind mit Schulhofgeräuschen und dezenter musikalischer Begleitung unterlegt. Sieben Kinder träumen ihre Zukunft: Die Sprecher tönen abwechselnd aus dem rechten und dem linken Kanal. Die Kanalwechsel betonen das Dialogische der Szene. Die Zukunftserwartungen der Schüler sind teils noch sehr kindlich (Löwenbändiger, Zirkus, Kaugummifabrikant), teils pubertierend (Popstar), teils abenteuerlustig (Taucher und Testpilot).

Der „Pop-Star“ adressiert wohl eher die Jugendlichen der 1970er Jahre, als dass sich Lindenberg damit an die eigene Jugend erinnert hätte. Damals, in den 1950er Jahren, hätte er wohl eher davon geträumt, „Rock’n’Roll-Star“ zu werden. Jedoch ist der Sänger von 1975 „ein Pop-Star“. Im vorherigen Lied Daniel’s Zeitmaschine gefällt ihm das nicht. Denn in der „Gegenwart war ich gerade ein Popstar und der Job ist mir zu hart“. Darum flieht er mit Daniel in die Vergangenheit. So kontrastiert Lindenberg hier wohl jugendliche Träumereien mit der harten Wirklichkeit.

Der Testpilot und die angehende Filmdiva streben nach Höherem: Er wortwörtlich, sie im übertragenen Sinne. Lindenbergs Arrangement unterstreicht das doppelte Streben auch musikalisch. Mit der sphärisch anhebenden Gitarre mochte man einen abhebenden Jet assoziieren. Die große Zeit der Mondlandungen war schon passee, Testpiloten umgab aber immer noch die Aura der realen Superhelden.

Schritt die bisherige Zeitreise eher gemächlich dahin, und vielleicht auch immer wieder einen Schritt vorwärts und einen zurück, landet die Düsentriebsche Maschine mit Lindenberg an Bord wieder in der Gegenwart: „Letzte Woche war ein Klassentreffen / da sah ich sie wieder“. Eine verzerrte E-Gitarre unterlegt die zerbrochenen Träume der Jugend: „die missglückten Helden, die jetzt Beamte sind“. Statt Romantik und Abenteuer hat die Realität einer bürgerlichen Existenz mit stinknormalen Jobs die Kinder und Jugendlichen von ehedem eingeholt: „die Bonnies und Clydes von früher / jetzt als Herr und Frau Bieder“. Faye Dunaway und Warren Beatty hatten unverschämt gut aussehend dem Verbrecherpaar der Prohibitionszeit romantisches Flair, Sexappeal und Eleganz verliehen. Doch leider: Der Zahn der Zeit nagt, so könnte man kalauern, auch am steilsten Zahn: „[D]ie Power von damals ist leider hin“. Die letzte Zeile vermag den Kontrast zwischen hoffnungsvoller Erwartung und Enttäuschungen nicht mehr zu steigern: „und Fritz der Cowboy wurde nur / Manager bei der Müllabfuhr …“.

Die Tristesse der Klassentreffen kann nur noch beklagt werden. Mit einer elegischen E-Gitarre, David Gilmour-ähnlich gespielt, klingt das Lied aus. Hier zitiert Lindenberg sich selbst. Das traurige Lied vom Seemann, den nichts umhaut – auf Andrea Doria – endet ähnlich klagend.

Der Song ist Lindenberg-typisch. Zum einen haben nicht wenige seiner Lieder autobiografische Züge. Zum anderen ist Eskapismus der basso ostinato etlicher Texte. Manche Songs thematisieren die Fluchten eher indirekt: mittels Drogen und Alkohol; andere sehr direkt, sei es durch den jugendlichen Ausreißer (Er wollte nach London) oder den Malocher aus dem Ruhrgebiet, der „tat nun etwas, was sonst eher selten geschieht“. Die Zeitreisemaschine ermöglicht Fluchten in eine andere Dimension.

Wie jede gute Poesie enthält der Text neben Passagen, die nur (oder zumindest besser) aus der Entstehungszeit heraus verstanden werden können, auch solche von überzeitlicher Gültigkeit. Exakt beobachtend hat Lindenberg Erfahrungen skizziert, die beinahe jeder Erwachsene hat machen müssen. Aber schon einem Schüler, wie mir damals, mochte der Ausblick auf die damals noch ferne Zukunft der Klassentreffen plausibel erscheinen. Immerhin war man ja alt genug, um die Welt der Erwachsenen als Ausblick auf die eigene Zukunft zu begreifen. Das Lied erzählte die ganze bisherige Lebensgeschichte eines typischen jungen Erwachsenen jener Jahre. Es mangelte uns Jugendlichen noch an den Erfahrungen, die einen realistische von eher unrealistischen Erwartungen unterscheiden ließen. Zugleich war es diese mangelnde Erfahrung, die den Aufbruchwillen stets antrieb. Das kleidete Lindenberg in teils poetische, teils etwas scheppernde Formulierungen.

Seine Musik unterlegte den Text mit Ideen, die schon damals für mindestens fünf schlichtere Songs gereicht hätten. Lindenbergs deutsche Rockmusik besaß Niveau war international durchaus anschlussfähig. Sicherlich besitzt das Lied nicht die Wucht der Mini-Oper von Queen’s Bohemian Rhapsody aus dem gleichen Jahr 1975; aber der Song ist immer noch deutlich mehr als nur ein musikalisches Stillleben.

Rudolf Stöber, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Udo geht zum Klassentreffen. Zu Udo Lindenberg: „Da war so viel los“

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