Gegen das Vergessen. Freddys „Junge, komm bald wieder“ (Text: Walter Rothenburg)

Freddy

Junge, komm bald wieder

Langs. Walzer a. d. Musical Heimweh nach St. Pauli (Olias/Rothenburg)

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus,
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus!
Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich,
denk auch an morgen, denk auch an mich!
Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus,
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus!

Wohin die Seefahrt mich im Leben trieb,
ich weiß noch heute, was mir Mutter schrieb.
In jedem Hafen kam ein Brief an Bord,
und immer schrieb sie: "Bleib nicht so lange fort"!

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus,
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus!

Ich weiß noch, wie die erste Fahrt verlief,
ich schlich mich heimlich fort, als Mutter schlief.
Als sie erwachte, war ich auf dem Meer.
Im ersten Brief stand: "Komm doch bald wieder her"!

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus,
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus!
Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich,
denk auch an morgen, denk auch an mich!
Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus,
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus!

     [Freddy: Junge komm bald wieder. Polydor 1962.]
-

Lena Meyer-Landruts Satellite dürfte bereits zu den Songs gehören, die wir nie vergessen. Dafür bürgt ihr Sieg beim Eurovision Song Contest 2010, nach dem ihr Landesvater, der Ministerpräsident der Landes Niedersachsen, getrieben von der überbordenden Begeisterung des Publikums, zum Flughafen eilte, um die Interpretin persönlich zu begrüßen und die Glückwünsche der Bundeskanzlerin zu übermitteln. Im Moment des Sieges wurde dem Erfolgslied gar politische Bedeutsamkeit zuerkannt:

In Zeiten, die für die EU schwieriger denn je sind, ist es einer europäischen Öffentlichkeit nicht nur möglich, sondern erscheint es ihr auch geboten, sich auf faire, skandalfreie Weise über ästhetische Fragen zu verständigen, die in die Gesellschaft hineinwirken und nicht nur ein vordergründiges Interesse bedienen. Lena Meyer-Landruts Triumph von Oslo zeigt uns, dass es in Europa noch eine andere Währung gibt, auf die sich alle einigen können: die menschlich-künstlerische. (Edo Reents: Lena Meyer-Landrut. Unser Mädchen. In: FAZ, 31.05.2010)

Ob Satellite auch ein Song ist, der „den Nerv seiner Generation getroffen hat“ (Rainer Max u. Rainer Moritz Intro. In: Dies. [Hg.]: Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen. Leipzig: Reclam 1997, S. 13–20, hier: S. 14.), wird sich erst noch erweisen. Versehen mit einer solchen Bewertung stünde er in einer Reihe z. B. mit Nicoles Ein bißchen Frieden (Grand-Prix-Eurovision-Gewinner 1982) oder Freddys Junge, komm bald wieder, wobei letzterer auch den Max-Frisch-Herausgeber Peter von Matt zu einer auführlicheren Besprechung reizte.

Ebenso wie Reents Satellite verortet von Matt die Bedeutung von Junge, komm bald wieder in der Sphäre auch des Politischen: Das Wesentliche des Liedes sei die Sehnsucht (Peter von Matt: Zwischen  Meer und Mutter: der Mann. Ebd. S. 139–143, hier: S. 139), und zwar die Sehnsucht nach „Komplexitätsvergessenheit im Seelischen, im Zwischenmenschlichen und im Erotischen“, die ein Merkmal der damals endenden Adenauer-Epoche gewesen sei (ebd. S. 142f.). Von Matts Interpretation von Junge, komm bald wieder stellt hauptsächlich die literarische Seite des Liedes heraus und sieht dessen „emotionale Wucht“ als ein Resultat der äußersten „Einfachheit der Rede“ (ebd. S. 140). Spielt man die Schallplatte heute noch einmal, deutet sich eine weitere Hörart an: dass der Schlager eine noch größere emotionale Wucht durch das erfährt, wovon Freddy in seinem Lied gerade nicht singt.

Der vorangestellte Text allein hätte den Schlager kaum vierzehn Wochen lang auf Platz eins der Hitparade halten können, nicht zu einer der meistverkauften Single-Platten des Jahres 1963 machen, nicht für eine Goldene Schallplatte sorgen können; und Freddy wäre nicht zum beliebtesten Sänger des Jahres gewählt worden, nur weil eine solch große Hörergruppe mit der Mutter das zwar überaus schmerzliche, aber nicht gänzlich unwahrscheinliche Von-zu-Hause-Fortbleiben eines jungen Seemanns der Handelsmarine hätte befürchten müssen – Heimurlaube blieben trotzdem ‚nach der ersten Fahrt’ möglich. Es muss etwas Anderes gewesen sein, das die Freunde dieses Liedes berührt hat.

„Ringsum eine Wüste von kleinen Anfragen: Gesucht ein Zimmer in Stadtnähe. Und immer wieder: Wer kann Auskunft geben über meinen Sohn? Dazu ein Bild; das Lächeln eines gesunden Obergefreiten, die trauerlose Zuversicht eines jungen Gesichtes, wie es sie nur noch an Plakatsäulen gibt […]“ (Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II.2. 1944-1949. Hg. v. Hans Mayer unter Mitw. v. Walter Schmitz. Frankfurt a, M.: Suhrkamp  1976, S. 524 ), notierte Max Frisch in seinem ersten Tagebuch über einen Besuch in Frankfurt am Main des Jahres 1947, „(…) Alltag, es ist nicht abzusehen, was kommen soll“ (ebd. S. 523).

In den Junge, komm bald wieder-Jahren 1962/63 war nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland abzusehen, was hätte kommen können: Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag noch keine zwanzig Jahre zurück, da begann sich 1961 der Kalte Krieg  mit dem Bau der Berliner Mauer einem ersten Höhepunkt zu nähern; im Oktober desselben Jahres standen sich bereits amerikanische und sowjetische Panzer am Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße in Berlin, dem Checkpoint Charlie, gegenüber; 1962 brachte die Kuba-Krise die Welt an den Rand eines Atom-Krieges; die USA, NATO-Partner und Schutzmacht Deutschlands, engagierten sich zunehmend in Vietnam, zunächst mit einer Aufstockung der Zahl der sogenannten Militärberater in Südvietnam.

Die Kriegserfahrung der Deutschen lag noch nicht so lange zurück, dass sie nicht nicht mehr allgemein geteilte Erfahrung gewesen wäre, und viele der Musik-Hörer dachten in dieser Situation wahrscheinlich an den, von dem die Mutter in ihren im jeweiligen Hafen bereitliegenden Briefen an den Jungen so beharrlich schweigt: den Vater, sie vermissten eine Erwähnung des Vaters des jungen Seemanns. Es wäre doch zu erwarten gewesen, dass er seiner Frau, der Mutter seines Sohnes, in dieser belastenden Situation beisteht und mit ihr zusammen den Sohn zurückruft. Jedoch, ihr Mann bleibt stumm, ein Vermisster, möglicherweise ein vermisster Obergefreiter, auf dessen Rückkehr seine Frau fünfzehn Jahre nach Max Frischs Tagebuch-Notiz nicht mehr zu hoffen wagte, eine noch vergeblichere Hoffnung, nachdem im Jahre 1955, nach Adenauers Verhandlungen in Moskau, die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren.

Vielleicht noch verstärkt durch den ersten einsetzenden wirtschaftlichen Abschwung nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Kriegserfahrung im Wirtschaftswunder-Deutschland mit der Eskalation der militärischen Lage zwischen den Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt erneut dramatisch zu Bewusstsein kommen, sodass Freddys Zuhörer tatsächlich ahnten, ‚was in der Mutter des jungen Seemanns vorgeht‘ (ebd. S. 139). Nach dem Verlust des Mannes im Krieg quält sie die Angst, nun auch noch ihren Sohn auf dem Schlachtfeld zu verlieren, so wie die Hörer von Rundfunk und Schallplatten die Angst vor dem Verlust von Freunden, Verwandten oder des eigenen Lebens in einer höchst bedrohlichen politischen Situation peinigen musste.

Die musikalische Form von Junge, komm bald wieder unterstützt diese Lesart. Das Lied hebt mit einer gedehnten Solo-Akkordeon-Melodie (Man denke auch an die einleitende Mundharmonika der Titel-Melodie in Sergio Leones Western-Klassiker Once upon a Time in the West (1968). Mit dieser Melodie zeigt der Rächer nicht nur den Moment allerhöchster und letzter Gefahr für seine und seines Vaters ehemaligen Peiniger an. Er erinnert mit ihr auch die Qual, die er mit dem Verlust des Vaters erlitten hat.) an, mit der das unbegleitete Instrument das Motiv der lange anhaltenden Einsamkeit der Mutter vorwegnimmt, das eher alltägliche Instrument klingt vertraut. ¾-Takt und reduziertes Tempo lassen innehalten und eröffnen den Gedanken Raum, machen es zudem leicht, sich z. B. beim Tanz der Musik vollständig hinzugeben. Die tiefe Baritonstimme klingt in ihrer Gemessenheit vertrauenswürdig ernst, Sprechvortrag gesteigert zu eindringlich intoniertem Gesang signalisiert höchste Betroffenheit. Text und zeitgeschichtliche Erfahrung treten so in Gleichklang. Der Schlager vergegenwärtigt nun das Bekannte, das schon bewältigt geglaubt war.

Eine zunächst durch und durch gewöhnliche Musik zusammen mit der ‚Leerstelle in der Rede‘, dem Vater, gibt dem „Wesentlichen“ des Liedes jetzt einen neuen Sinn: Es ist die Sehnsucht nach Frieden, der vielen mit der Politik Adenauers endlich möglich schien, und es ist die Angst vor Krieg, die Junge, komm bald wieder anklingen lässt.

Georg Anders, Bochum

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Gegen das Vergessen. Freddys „Junge, komm bald wieder“ (Text: Walter Rothenburg)

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