Anleitung zum Glücklichsein: „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“


Bolle reiste jüngst zu Pfingsten

1. Bolle reiste jüngst zu Pfingsten,
nach Pankow war sein Ziel.
Da verlor er seinen Jüngsten
janz plötzlich im Jewühl,
'ne volle halbe Stunde
hat er nach ihm jespürt.
Aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

2. In Pankow jab‘s keen Essen,
in Pankow jab‘s keen Bier,
war allet uffjefressen
von fremdem Leuten hier.
Nich' ma‘ 'ne Butterstulle
Ha’m ‘se ihm reserviert!
Aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

3. Auf der Schönholzer Heide,
da jab‘s ne Keilerei,
und Bolle jar nicht feige,
war mittenmang dabei,
hat‘s Messer rausjezogen
und fünfe massakriert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

4. Es fing schon an zu tagen,
als er sein Heim erblickt.
Det Hemd war ohne Kragen,
det Nasenbein zerknickt,
det rechte Auge fehlte,
det linke marmoriert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

5. Als er nach Haus jekommen,
da jing‘s ihm aber schlecht;
da hat ‘n seine Olle
janz mörderisch verdrescht!
ne volle halbe Stunde
hat sie auf ihm poliert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

Das ursprünglich fünfstrophige Lied ist um 1900 entstanden. Verfasser und Komponist sind unbekannt. Die „schröckliche Moritat“ verbreitete sich mündlich in vielen Teilen Deutschlands. Von Volksliedforschern und Liederbuch-Editoren wurde der „Gassenhauer“ als „inferior“ angesehen und fand deshalb lange Zeit keinen Verleger. Daher erlebte das Lied seinen Erstdruck erst 1934 (vgl. Historisch-kritisches Liederlexikon) in Der Kilometerstein. Klotz-Lieder. Dieses Liederbuch erschien bereits fünf Jahre später in der 8. Auflage mit dem Zusatz Eine lustige Sammlung.

Betrachtet man die einzelnen Verse, dann ist der Pfingstausflug gar nicht so lustig. Sicherlich sind Vater und Sohn voller Vorfreude nach Pankow (damals noch nicht in Berlin eingemeindet) wahrscheinlich mit dem Vorstadtpferdewagen gefahren. Pankow mit seinem Festgelände Schönholzer Heide war ein beliebtes Ausflugsziel (vgl. auch Komm Karlineken, wir woll’n nach Pankow gehen) und dementsprechend vor allem an Feiertagen gut besucht. Erwachsenen und Kindern wurden vielerlei Vergnügungen geboten. Und so verwundert es nicht, dass der Junge mal hier schaut, mal dahin läuft und der Vater, hier mit seinem Spitznamen Zwiebel, berlinerisch Bolle, genannt, seinen Sohn im „Jewühle“ verliert. Bei dem Publikumsandrang und der Weitläufigkeit des Geländes gibt Bolle die Suche nach „‘ne[r] voll[‘n] halbe[n] Stunde“ auf. Aber er bleibt guten Mutes: „dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert“.

Allmählich hat Bolle Hunger, aber es „war allet uffjefressen“ und auch das Bier war ausgegangen – ein Hinweis auf die vergnügungssüchtigen Massen, die frühzeitig nach Pankow geströmt waren. Wahrscheinlich aus Frust, „nicht mal ‘ne Butterstulle“ war für ihn übrig geblieben, beteiligt sich Bolle an einer Massenschlägerei. Da geht es hoch her, es wird gezerrt und gezogen und die Fäuste fliegen. Und Bolle ist dabei, zieht das Messer und „massakriert“ (wahrscheinlich: verletzt) fünf Männer. Zu seinen Gunsten gehe ich davon aus, dass er das als Reaktion auf sein ausgeschlagenes rechtes Auge und seine gebrochenen Nase getan hat. Aber was auch passiert ist, befreit vom Alltag und von der Maloche (10-Stunden- Arbeitstag und 6-Tage-Woche) hat Bolle, wie der Refrain bestätigt, seinen Spaß gehabt.

Ob er seinen Sohn noch gefunden hat oder der bereits zu Hause war, wird im Lied nicht berichtet. Als Bolle in der Morgendämmerung („es fing schon an zu tagen“) endlich nach Hause kommt (wer weiß, wie viel Stunden er, da vermutlich kein Vorstadtomnibus mehr fuhr, zu Fuß gebraucht hat), wird er, lädiert wie er ist, auch noch von seiner Frau „mörderisch verdrescht.“ Doch wie man Bolle kennt, hat er sich in Erinnerung an den erlebnisreichen Tag „janz köstlich amüsiert“.

Diese fünf Strophen waren in den diversen Auflagen des Kilometersteins, auch in dessen Feldpostausgabe, vertreten. In der Zeit des nationalsozialistischen Regimes tauchte das Lied weder in Schulbüchern noch in Liederbüchern von NS-Organisationen auf.

Im Online-Gemeinschaftsprojekt „Volkslieder“ von SWR2, dem Carus-Verlag und ZEIT ONLINE und im 2013 erschienenen Liederbuch der Bauhandwerker Freier Begegnungsschacht (aus dem Archiv Hubertus Schendel, www.deutscheslied.com) werden zusätzlich zu den ursprünglichen fünf Strophen eine 6. und 7. Strophe aufgeführt.

6.   Unser Bolle wollte sterben
Und hat sich’s überlegt
Er hat sich auf die Schienen
Der Kleinbahn draufgelegt
Die Kleinbahn hat Verspätung
Und vierzehn Tage auf
Da fand man unsern Bolle
Als Dürrgemüse auf. (Variante: Als Schimmel wieder auf)

7.   Und Bolle wurd‘ begraben
in einer alten Kist‘.
Der Pfarrer sagte „Amen“,
man warf ihn auf den Mist.
Die Leute klatschten Beifall
und gingen dann nach Haus.
Und nun ist die Geschichte
von unserm Bolle aus.

An Bolles Pfingstausflug knüpfen beide Strophen nicht an. Von wem und woher die Texte stammen, ist nicht bekannt. Aufgrund der hochdeutschen Sprache könnten die Verse auch aus anderen Teilen Deutschlands sein. Seit wann die beiden Strophen gesungen wurden, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wurden sie, wie die anderen fünf Strophen, mündlich überliefert. Laut Liederlexikon ist die sechste Strophe erstmals dokumentiert in Johannes Koepp u. Wilhelm Cleff, Lieber Leierkastenmann. Berliner Lieder. Bad Godesberg, 1959.

Das 1953 von Mitgliedern des Christlichen Vereins Junger Männer erstellte Liederbuch Die Mundorgel wies nur die ersten vier Strophen auf. Wahrscheinlich war den Herausgebern die Vorstellung, dass eine Ehefrau ihren Mann verdrischt, zu abwegig und brutal; gegen die Schlägerei unter Männern mit schlimmen Folgen hatten sie offenbar keine Bedenken. Während viele andere Liederbücher wie z. B. Lebendiges Lied. Eine Volksliedsammlung (1962) oder Unser fröhlicher Gesell. Ein Liederbuch für alle Tage (1964) die fünfte und einige wenige zusätzlich die 6. Strophe aufweisen, verzichten weitere Liederbücher wie die des Verbandes christlicher Pfadfinder ebenso wie späteren Auflagen der Mundorgel (Auflage bis 2013 über 10 Millionen) auf die 5. Strophe.

In der Schweiz gehörte die 5. Strophe wie selbstverständlich dazu. Im Liederbuch Sing mit, herausgegeben von der Jungschar der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz (2. Aufl. Zürich 1983), finden sich sogar sechs Strophen. Auch in Österreich wurde das Lied mit fünf Strophen bekannt, wie das Chor-Liederheft Freut euch des Lebens. Scherze im Lied (Wien 1977) und das Liederbuch des Nieder-Österreichischen Jugendwerks Unter dem Babenberger Adler (Wien 1987) zeigen.

Die weit verbreiteten Liederbücher, z.B. das Schneider-Taschenbuch Liederfundgrube (1978), das Insel-Taschenbuch Deutsche Lieder (1980) und Deutsche Heimatlieder. Das große Hausbuch (1965) haben die ersten fünf Strophen in ihr Repertoire aufgenommen, ebenso wie Gotthilf Fischer mit seinem Chorbuch Deutschland Deine Lieder. 80 deutsche Volkslieder (1985).

Das Deutsche Musikarchiv in Leipzig weist von 1976 bis 2011 fast 40 Tonträger mit dem Lied aus, davon 18 CDs. Wie beliebt Bolle heute noch ist, zeigen über 40 Videos bei Youtube, darunter auch eine Version Bolle beim Karneval in Köln.

Wenn ein Lied wie dieses weit verbreitet ist, wird es häufig parodiert, oder es werden einzelne Strophen oder Verszeilen umgedichtet. Der Kölner Klaus der Geiger (Klaus von Wrochem) hat verschiedene politische Vorfälle in einem elfstrophigen Lied verarbeitet (Liederlexikon, Edition E) und auf Konzerten und bei seinen Straßenauftritten vorgetragen. Die 3. Strophe des 1974/75 entstandenen Politsongs mit dem Incipit Am Samstag hatte Bolle ein‘ wundersamen Traum bezieht sich auf die „die Erstürmung von Bäckereien und Brotfabriken im Sommer 74 in Neapel durch Hausfrauen, nachdem es weder Brot noch Mehl mehr zu kaufen gab“:

Am Samstag war kein Brot da, die Bäcker haben zu.
Da treffen sich die Bolles vor Brotfabrik im Nu
Und holen sich die Brote da eigenhändig raus
Und tragen sie nach Hause, das gibt ein‘ Frühstücksschmaus.

Während der Montagdemos 2004 gegen die Verabschiedung der Hartz IV-Gesetze durch die damalige Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde in Berlin ein Protestlied (Liederlexikon, Edition F) von „Susanne aus Falkensee“ mit dem Titel Bolle im Winter gesungen, dessen erste, vierte und letzte Strophe hier wiedergegeben werden:

Es kamen Herbst und Winter, dem Bolle wurde kalt.
Ihm froren seine Flossen und ooch der Hintern bald.
Die großen Bosse dachten: „Der Widerstand jefriert!“
Aber dennoch hat der Bolle am Montag demonstriert.

Als Bolle Rentner wurde, da kam der nächste Schreck:
Der Staat kürzt ihm die Kohle und nimmt ihm alles weg.
Die Tante beim Sozialamt dit wenich interessiert.
Aber dennoch hat Bolle am Montag demonstriert.

Auch Bolle musst‘ mal sterben und schloss die Augen zu.
Erwacht is’ er im Himmel, ein Engel sagte: “Du,
es kann ja jetz‘ ejal sein, wat auf der Erd‘ passiert.“
Aber dennoch hat der Bolle im Himmel demonstriert!

Eine Lebensweisheit à la Bolle gibt seit 1997 die später auch in Wacken und auf anderen Festivals erfolgreiche Rockband J.B.O. in ihrer Bolle-Version, und zwar in der siebenten von neun Strophen:

Das Schicksal versucht jeden Tag, dich wieder reinzulegen,
Doch ist das Leben viel zu kurz, sich drüber aufzuregen.
Nimm Bolle dir zum Vorbild, denn egal was ihm passiert,
Der Bolle hat sich trotzdem ganz köstlich amüsiert!

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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