Zur mörderischen Freiheit von Grassland und Gebirge. Das Jennerwein-Lied und die Räuberballade im ausgehenden 19. Jahrhundert

Volkslied

Das Jennerwein-Lied (um 1877)

Es war ein Schütz in seinen besten Jahren,
er wurde weggeputzt von dieser Erd,
Man fand ihn erst am neunten Tage
bei Tegernsee am Peißenberg.

Auf den Bergen ist die Freiheit,
Auf den Bergen ist es schön,
Doch auf so eine schlechte Weise
Mußte Jennerwein zugrunde gehn!

Auf hartem Stein hat er sein Blut vergossen,
Am Bauche liegend fand man ihn,
Von hinten war er angeschossen,
Zersplittert war sein Unterkinn.

Und es war schrecklich anzusehen;
Als man ihm das Hemd zog aus,
Da dachte jeder bei sich selber:
Jäger, bleib mit'm Selbstmord z'Haus!

Du feiger Jäger, s’ ist eine Schande,
Du erwirbst dir wohl kein Ehrenkreuz;
Er fiel mit dir nicht im offnen Kampfe,
Wie es der Schuß von hint’ beweist.

Man bracht ihn dann noch auf den Wagen,
Bei finstrer Nacht ging es noch fort,
Begleitet von seinen Kameraden,
Nach Schliersee, seinem Lieblingsort.

Von der Höh ging’s langsam runter,
Denn der Weg war schlecht und weit;
Ein Jäger hat es gleich erfunden,
daß er sich hat selbst entleibt.

Und als man ihn dort in den Sarg wollt legen,
Und als man gsagt hat: Ist jetzt alles gut?
O nein! sprach einer von den Herren, o nein!
Auf seiner Brust, da klebt ja frisches Blut!

In Schliersee ruht er, wie ein jeder,
Bis an den großen jüngsten Tag,
Dann zeigt uns Jennerwein den Jäger,
Der ihn von hint’ erschossen hat.

Zum Schlusse Dank noch den Vet'ranen,
Da ihr den Trauermarsch so schön gespielt,
Ihr Jäger, tut Euch nun ermahnen,
Daß keiner mehr von hinten zielt.

Am jüngsten Tag da putzt ein jeder
Ja sein Gewissen und sein Gewehr.
Und dann marschiern viel Förster und auch Jäger
Aufs hohe Gamsgebirg, zum Luzifer!

Traditional

The Ballad of Jesse James (um 1882, Billy Gashade)
 
Jesse James was a lad that killed many a man
He robbed the Danville train
He stole from the rich and he gave to the poor
He'd a hand, a heart, and a brain

Jesse was a man, a friend to the poor
He couldn't see a brother suffer pain
And with his brother Frank he robbed the Springfield bank
And he stopped the Glendale train

Poor Jesse had a wife, a lady all her life
And three children, they were so brave
But that dirty lettle coward that shot Mr. Howard
Has laid ol' Jesse James in his grave

It was Robert Ford, the dirty little coward
And I wonder how he feels
For he slept in Jesse's bed and he ate o' Jesse's bread
But he laid Jesse James in his grave  

It was with his brother Frank that he robbed the Gallatin Bank
An' carried the money from the town
It was at that very place that they had a little chase
For they shot ol' Captain Sheets to the ground

Poor Jesse had a wife to morn for his life
And three children, they were so brave
But that dirty lettle coward that shot Mr. Joward
Has laid ol' Jesse James in his grave  

They went to a crossing, not very far from there
And there they did the same 
For the agent on his knees delivered up the keys
To the outlaws, Frank an' Jesse James  

It was on a Wednesday night, not a star was in sight
When they robbed the Glendale train
Those people, they did say for many miles away
It was robbed by Frank an' Jesse James 

Poor Jesse had a wife to mourn for his life
And three children, they were so brave
But that dirty lettle coward that shot Mr. Joward
Has laid ol' Jesse James in his grave 

Then on a Saturday night, Jesse was at home
Just talking with his family brave
When Robert Ford came along like a thief in the night
And laid poor Jesse in his grave

Now, the people held their breath when they heard of Jesse's death
They wondered how he came to die
It was one of his own gang called little Robert Ford
An' he shot Jesse James on the sly

Poor Jesse had a wife who mourned for his life
And three children, they were so brave
But that dirty lettle coward that shot Mr. Joward
Has laid ol' Jesse James in his grave

Jesse went to his rest with his hand upon his breast
And there are many who never saw his face
He was born one day in the County of Clay
And he came from a solitary race

This song was made by Billy Gashade
As soon as the news did arrive
He said there's no one man with the law in his hand
Could ever take ol' Jesse James alive  

Poor Jesse had a wife to mourn his life
An' his children too, they were brave
But that dirty little coward shot Mr. Howard
An' laid Jesse James in his grave

Oh, they laid poor Jesse in his grave, yes, Lord
They laid Jesse James in his grave
Oh, he took from the rich and he gave to the poor
But, they laid Jesse James in his grave

Zugegeben, einen echten wilden Westen wie in den USA gab es im 19. Jahrhundert im deutschen Raum nicht. Somit gab es vermutlich auch keine echten Westernhelden wie Buffalo Bill oder Jesse James, die durch das karge Grassland jagten und dessen gefährliche Freiheit genossen. Andererseits wiederum gab es da doch das Königreich Bayern, einen mehr oder weniger wilden Süden mit seinen zerklüftenten Berglandschaften und deren ebenso gefährlicher Freiheit. Und durch dieses Gebirg jagte wiederum ein bajuwarischer Jesse James: Georg „Girgl“ Jennerwein (ein weiterer bayrischer Volksheld wäre etwa der Hiasl).

Wie sein amerikanischer Zeitgenosse Jesse James (vgl. The Ballad of Jesse James mehrfach gecovert, z. B. von Pete Seeger und Nick Cave) wurde auch Jennerwein in einer Räuberballade verewigt. An beiden Texten zeigt sich, dass es gerade ein mysteriöser und verfrühter Tod ist, der die Mythenbildung um den Helden befeuert und zu seiner Erhöhung zum Volkshelden mit beiträgt (vgl. bezogen auf Jesse James dekonstruierend Andrew Dominiks Film The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford [2007]); so auch beim Lied vom Jennerwein, das beispielhaft für das Genre der Räuber-, Wildschütz- oder Mörderballade ist. Sowohl formal als auch inhaltlich bedient die Ballade das zentrale Motiv des Heldentods und seine entscheidende Rückwirkung auf die glorifizierte Heldenbiografie.

Wo es um Mord und Todschlag geht, geht es blutig zu. Für das Genre der Mörderballade typisch ist eine drastische Darstellung der Leiche. So wird auch der Körper des bayrischen outlaw, der neun Tage nach der Mordtat am Preißenberg gefunden wird, ungeschönt beschrieben: „Auf hartem Stein hat er sein Blut vergossen“, „von hinten war er angeschossen“ und „zersplittert war sein Unterkinn“. Die Schlussfolgerung: „[E]r war schrecklich anzusehen!“. Erste Verwesungserscheinungen lassen sich vermuten.

Das Blut spielt nicht nur für die genreeigene Goreästhetik eine wichtige Rolle, sondern auch für den Verlauf des heldischen Erzählgedichts. Wie beim ermordeten Siegfried im Nibelungenlied, brechen die Wunden des Toten wieder auf – bluten frisch – sobald der Mörder an die Bahre seines Opfers tritt. Dieser wunderbar wirkliche Vorgang entlarvt den feigen Rückenschützen:

Ein Jäger hat es gleich erfunden,
daß er sich hat selbst entleibt.

Und als man ihn dort in den Sarg wollt legen,
Und als man gsagt hat: Ist jetzt alles gut?
O nein! sprach einer von den Herren, o nein!
Auf seiner Brust, da klebt ja frisches Blut!

Nicht nur das frische Blut ist ein Indiz dafür, dass es sich bei dem genannten Jäger um den Mörder handeln könnte. Allein die physikalisch gewagte Überlegung, dass Jennerwein sich selbst mit seinem Gewehr in den Rücken geschossen haben müsste, deutet hier auf ein Ablenkungsmanöver des Täters hin, worauf diejenigen, die die Leiche sehen, jedoch nicht hereinfallen: „Da dachte jeder bei sich selber: /
Jäger, bleib mit‘m Selbstmord z’Haus!“ Das zerschmetterte Unterkinn resultiert wohl aus einem Versuch, nachträglich einen Selbstmord durch Kopfschuss vorzutäuschen und von der Rückenwunde als Todesursache abzulenken. Letztlich führt das Nachtatverhalten des Jägers allerdings zum Gegenteil seiner Absicht, indem er sich damit selbst verrät. Wie die Totenblutung ist auch der Selbstverrat ein beliebtes Motiv der Räuberballade – man denke an Schillers Die Kraniche des Ibykus.

Dass der Täter versucht, sich von der Tat zu distanzieren, verwundert nicht, wird er doch im Lied durchweg degradiert und als genaues Gegenteil zum heroischen Märtyrer etabliert: Er ist ein Feigling, der gewiss kein „Ehrenkreuz“ verdient hat, da er nicht im „offenen Kampfe“, Aug in Auge und fair mit seinem Gegenüber gekämpft hat. Die schon für mittelalterliche Helden und Ritter so wichtigen Tugenden wie Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit werden dem Schützen aberkannt. Wie im Mittelalter bedeutet das auch im duellfreudigen ausgehenden 19. Jahrhundert den Verlust des Ansehens, der êre. Der Täter ist zu einer persona non grata geworden.

Doch damit ist das für die Jennerwein-Ballade bestimmende Thema Mord noch nicht abgeschlossen. Zwar mag man den Täter im Hier und Jetzt nicht endgültig dingfest machen,  am jüngsten Tage aber gibt es kein Entrinnen mehr für ihn und andere dreiste Gesetzesbrecher: Nicht nur Jennerwein wird dann nämlich auferstehen und seinen Mörder benennen. „Am jüngsten Tag da putzt ein jeder / Ja sein Gewissen und sein Gewehr.“ Ein Höllenmarsch beschließt die Ballade, es geht für die Gegner der Wilderer, Jäger und Förster, aufs teuflisch-gezackte „hohe Gamsgebirg, zum Luzifer“.

Diese Höllenparade verläuft räumlich entgegengesetzt zum Trauerzug für Jennerwein: Führt die Beerdingungsprozession „von der Höh […] langsam runter“, vom Preißenberg nach Schliersee, wo noch heute ein Denkmal für Jennerwein zu finden ist, führt es die Sünder nach oben, auf den höllischen Berg. Das zugespitzte Fazit: In der gefährlichen Freiheit der Berge lauert entweder Todesgefahr oder Höllenangst. Dies allerdings wirkt beinahe als Widerspruch zum (auch im Lied zitierten) geflügelten Wort: „Auf den Bergen ist die Freiheit,/ Auf den Bergen ist es schön!“ Beinahe. Denn die mörderische Ambivalenz dieser Freiheit ist wohl gerade das faszinierend Schaurig-Schöne am Bergraum. In der Tat ist der Reiz an der Freiheit ja oft der Nervenkitzel, dass alles möglich ist, und ein sicheres Ende nicht vorauszubestimmen, im Kontrast zu einem geregelten Alltag. Moral setzt erst wieder im Tal ein oder in der beengten Wohnung des Bürgers. Der Berg kennt keine Gesetze, keine Vernunft. Extreme Gefühle steigen in der schroffen Bergwelt auf wie die kantigen Gipfel der Felsen.

In dieser Funktion ist der montanarische Raum übrigens dem amerikanischen Grassland ähnlich. Zugegeben, ein echtes bajuwarisches Bergland gab es im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht. Somit wohl auch keine echten Wildschützhelden wie Jennerwein. Jedoch gab es da die Volkshelden des wilden Westens, die durch die karge Prairie jagten und dort – zwischen messerscharfen Grashalmen und brockigen Steinwüsten  – ihre gefährliche Freiheit genossen.

 Florian Seubert, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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