Die lauteste und witzigste Hessenhymne: „Die Hesse komme“ von den Rodgau Monotones


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Rodgau Monotones

Die Hesse komme 

Was kommt denn da fürn wüster Krach
aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach?
Was lärmt in Kassel, Gießen und Wiesbaden
bloß so gnadenlos?
Was tut den Bayern, Schwaben, Friesen 
gründlich jeden Spaß vermiesen?
Was tobt seit vielen Wochen schon? 
Ne schaurig-schöne Invasion!

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

München stöhnt entsetzt: Jo mei,
Oktoberfest mit Äppelwoi.
Hamburgs heller Stern versinkt,
wenn der Fischmarkt erst nach Handkäs stinkt.
Die ganze Westberliner Scene 
gibt sich Kraut und Rippcher hin.
Und sogar das Ruhrgebiet 
kaut Haddekuche statt Pommes frites.

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme! 
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

Weil Breakdance zu gefährlich ist,
gibts Electric-Bembel und Gummitwist.
Viel schneller noch als Kurtis Blow 
babbelt Lia Wöhr in ihrer Show.
Die Discos geben nichts mehr her,
denn Heavy-Schunkeln bringt viel mehr.
Was ist das größte Scratcher-Ass
gegen das Gerausche in der Klappergass?

Da packt euch das kalte Grausen (uuääh),
unser David Bowie heißt Heinz Schenk.
Hallo ihr Kulturbanausen,
seht die Sache einfach nicht so eng!

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

[ausführliche scratching-Passage] -
"He, was machst dann du mit meim Pladdespieler?"
"Kaputt."
"Du Drecksack!"

"Haste ma e Mark oder e Kipp, du Depp?" 
"Ah, da muß isch ma gucke."
"Ei dann guck doch in de Tasch."
"Isch glaub, du bist doch überhaupt net Hip, du Depp."
"Muß mer des sein?"
"Ei du Hippie-Arsch."
"Hör mer doch uff mit dem bekloppte Rap, das is 
doch alles nur Nepp, ist doch billisch un lasch."
"Was?"
"Hier, da haste dei Kipp, du Kapp,
komm mach disch dünne, Typ, schwirr ab."

Was hatn da de Babba da? 
Der hat e Flasch Grappa da, de Babba.
Wo hat dann der Babba die Flasch?
De Babba hat de Grappa in die Tasch.
Un nochema!
Was hatn da de Babba da? 
Der hat e Flasch Grappa da, de Babba.
Wo hat dann der Babba die Flasch?
De Babba hat de Grappa in die Tasch.

Un de eins und de zwei un de Äppelwoi
un de drei un de vier,
der schmeckt besser wie Bier.
Un de Hipp un de Hopp 
un de Schoppe in de Kopp
un de fünf un de Sechs,
da lacht die Gummihex.

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

     [Rodgau Monotones: Die Hesse komme. Musikant 1984.]

Im Spätjahr 1977 gründeten fünf südhessische Musiker aus der Umgebung von Rodgau bei Offenbach eine Musikgruppe, die zunächst lauten Party-Rock spielte, bekannte Titel mit deutschen Texten coverte, sich allmählich aber zur hessischen Kultband mauserte und nach und nach mit nationalen und internationalen Musikgrößen (Bob Dylan, Herbert Grönemeyer, Die Toten Hosen usw.) auftrat. Ihre Hessen-Hymne – als solche jedenfalls in einer offiziellen Pressemitteilung der hessischen Landtagsfraktion der Grünen gewürdigt – von 1984 ist in mehrfacher Hinsicht interessant: formal, musikalisch, sprachlich, intertextuell, funktional, wobei in dieser Aufzählung bestimmt noch viele interessante Aspekte unberücksichtigt geblieben sind. Arbeiten wir im Folgenden einige dieser Punkte ab!

Formal beginnt der Text mit Spannung erzeugenden Fragen eines souveränen Sprecher-Ichs, das seine Adressaten mit einer massiven sinnlichen Wahrnehmung konfrontiert, deren Ursache dann der Refrain ab Vers 9 aufklärt; man hat es fast geahnt: „die Hesse komme“, und zwar in Gestalt einer „schaurig-schönen Invasion“. „Erbarmen!“ Aber das Um-Gnade-Winseln der heimgesuchten deutschen Stämme („Bayern, Schwaben, Friesen“ werden pars pro toto genannt) kommt leider, leider „zu spät“ – die „Hesse“ sind offenkundig schon da. Man hört es auch! Die zweite narrative Versgruppe nach den Refrain-Zeilen baut den sinnlichen impact der hessischen Invasoren aus: Sie bringen nicht nur eine Menge „Krach“ mit, sondern auch ihre unvermeidliche und zumindest teilweise auch unüberriechbare Marschverpflegung – „Äppelwoi, Handkäs, Kraut und Rippcher, Haddekuche“. Refrain. Der dritte Versblock setzt das machtvolle Einbrechen chattischer Kultur ins Fremdstämmige fort, wobei das anfängliche Invasionsszenario verlassen und durch ein Überbietungsschema ersetzt wird. Nochmals folgt eine Refrainpassage nach bekanntem Muster.

Den im Hessischen Brauchtum weniger bewanderten Fremdvölkern muss man wahrscheinlich nicht erklären, was es mit „Äppelwoi“ auf sich hat, aber vielleicht doch die kulinarische Spezialität „Haddekuche“ erläutern, hinter der man sich keinesfalls einen „Hundekuchen“ vorstellen darf, sondern einen rautenförmigen Pfefferkuchen, der schon von seiner Form her gut zum Design des typischen Äppelwoi-Glases passt und in Frankfurt von fliegenden „Bretzelbubbe“ in einschlägigen Kneipen angeboten wird. Kurtis Blow, 1959 in Harlem geboren, erfährt seine Referenz als Pionier und Altmeister des Rap, wobei es diesem Status keinen Abbruch tut, dass ihm Lia Wöhrs (1911 in Frankfurt geborene Schauspielerin, bekannt geworden als Fernseh-Wirtin neben Heinz Schenk im „Blauen Bock“) in Sachen Geschlewwer-Geschwindigkeit den Rang abläuft. Jüngeren Lesern muss man vielleicht auch noch das „Gerausche in der Klappergass“ erklären, das auf ein traditionelle Apfelweinlied (Die Fraa Rauscher aus de Klappergass) anspielt. Dessen Geschichte basiert das auf einem historischen Frankfurter Lokalschwank, in dessen Mittelpunkt der polizeiaktenkundig gewordene „Unfall“ einer stadtbekannten Äppelwoi-Liebhaberin steht („Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hoot e Beul am Ei, / ob des vom Rauscher, obs vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.“) Vielleicht widmet ja jemand diesem traditionellen Frankfurter Stimmungslied hier bei Gelegenheit einmal eine ausführliche Besprechung. Verdient hätte es diese Beachtung allemal, zumal an seine Protagonistin und deren „Beulenvorfall“ noch heute ein Denkmal in der Mainmetropole erinnert.

Nun aber zurück zum Lied! Nach den einleitenden Versblöcken eines Sprecher-Ichs geschieht Überraschendes, nachdem eine musikalische scratching-Passage eine deutliche Zäsur gesetzt hat. Nun setzt lebhaftes hessisches „Gebabbel“ verschiedener Sprecher ein, das die bisherige Ordnung überwuchert und ein ziemliches semantisches Chaos erzeugt. Dieses „Gebabbel“ bleibt gleichwohl musikalisch goutierbar, weil es sich lautlich (witzige Lautkorrespondenzen wie bei „Kipp“-„Depp“, „Rap“-„Nepp“, Binnenreime etc.)  und rhythmisch bestens organisiert präsentiert. Der Einstiegsdialog nimmt auf das gerade gehörte Gescratche Bezug: Der erste Dialogpartner, offensichtlich Besitzer jenes Abspielgeräts, von dem die schrecklichen Töne kommen, macht sich Sorgen: “He, was machst dann du mit meim Pladdespieler?” In lakonischer Kürze informiert ihn ein zweiter Sprecher, dass diese Sorgen berechtigt sind: „Kaputt!“ Spontan aus dem Bauch heraus, ebenso knackig-kurz die Reaktion des ersten: “Du Drecksack!” Ein flotter Dialog wie aus dem Leben gegriffen.

So ähnlich geht’s weiter, wobei auffällt, dass die Lautqualität der im Rapstil aneinander gereihten Dialogfragmente im Verlauf zu-, ihr semantischer Gehalt hingegen immer weiter abnimmt. So gehen Schnorrerszenen in eine Zungenbrecher-Passage („Babba“-„Grappa“, „Flasch“-„Tasch“) über, die schon viele Effekte von Stefan Raabs späterem Eurovisions-Hit Wadde hadde dudde da? produziert. Vor dem dreimal wiederholten Schlussrefrain bieten uns die Monotones noch einen ins hessische Kampftrinker-Milieu („un de Schoppe in de Kopp“) transformierten Kinder-Abzählreim, der auf diese Weise zu einer Art Trinkspruch mutiert. Dass dies alles nicht ganz bier-, pardon! äppelwoiernst zu nehmen ist, signalisiert der letzte Vers vor dem Schlussrefrain: „da lacht die Gummihex.“

Diese alternative ,Landeshymne’ bricht das traditionelle Genre regionaler Identitätslieder auf eine ausgesprochen sympathische, weil selbstironische Weise auf. Die klassischen einschlägigen Lieder wie z.B. die Bayernhymne, der Bremer Schlüssel oder das Sachsenlied besingen im hohen Ton Schönheit, Pracht und Bürgerfleiß der jeweiligen Länder und erflehen für sie Glück und Gottes Segen; sie sind dem Denken und Fühlen einer älteren Epoche verhaftet und wirken heute sicher nicht in allen, aber doch in vielen Ohren museal, wenn nicht gar abgedroschen-phrasenhaft. So lädt das alte Identitätslied heute kritisch gestimmte Geister zur Karikatur ein, die nicht selten recht despektierlich ausfällt (vgl. etwa exemplarisch Rainald Grebes Brandenburg). Die Rodgau Monotones haben dieses Geschäft klugerweise in die eigenen hessischen Hände genommen, dafür gesorgt, dass der Spott im zuträglichen Rahmen bleibt, und auf diese Weise mit ihrem Erfolg einen neuen Typus des Identitätsliedes begründet.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen: Deichkinds „Bück dich hoch!“ als Entwurf des falschen Lebens im Falschen


Deichkind

Bück dich hoch!

Halt die Deadline ein, so ist's fein!
Hol' die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!
Bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich hoch, ja!
Das muss heute noch zum Chef, besser jetzt!
Bück dich hoch.
Ach du Schreck, Bonus-Scheck, ist schon weg!
Bück dich hoch.
Fleißig Überstunden, ganz normal!
Bück dich hoch.
Unbezahlt, scheißegal, keine Wahl!
Bück dich hoch.

Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Auch wenn es dich verbiegt!
Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Bück dich hoch, ja!

Dieses Wochenende Pitch, machste mit!
Bück dich hoch.
Denke groß, sei aktiv, halt dich fit!
Bück dich hoch.
Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team!
Bück dich hoch.
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!
Bück dich hoch.
Aufgebraucht, Akku raucht, ausgetauscht!
Bück dich hoch.
Komm pack im Meeting noch ne Schippe drauf!
Bück dich hoch.
Yogakurs, abgesagt, reingekloppt!
Bück dich hoch.
Fehlt der Job, ja mein Gott, tu als ob!
Bück dich hoch.
Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

Zick dich, pitch dich, grins dich, push dich,
deal dich, klatsch dich, drück dich, reib dich,
swing dich, stech dich, grip dich, zech dich,
roll dich, fahr dich, stampf dich, jag dich,
kämpf dich, schieß dich, gräm dich, flash dich,
schlag dich, kick dich, press dich, füg dich,
treib dich, knöpf dich, schraub dich, quäl dich,
bück dich hoch.

Du brauchst Konkurrenz, keine Friends!
Do your fucking Job, till the End!
Nimm dir ein Beispiel an Donald Trump!
Was ist los, reiß dich zusammen, pack mit an!
Deinen Einsatz gibst du denen da oben gern!
Bück dich hoch.
Schenke deinen Urlaub dem Konzern!
Bück dich hoch.
Trink einen großen Schluck Leistungsdruck!
Bück dich hoch.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

     [Deichkind: Befehl von ganz unten. Vertigo 2012.]

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Wer Deichkind schon länger kennt, erinnert sich vielleicht noch, dass Arbeit nervt. Glaubt man dem so benannten Track der Hamburger, möchte jeder am liebsten „gammeln, feiern, flirten, fummeln, fressen“. Deshalb reibt man sich verwundert die Ohren, wenn auf dem aktuellen Album der Befehl von ganz unten erfolgt: Bück dich hoch! Unterlegt von elektronischen Samstagabendbeats, die irgendwo zwischen Acid Trance und Rap wummern, erhalten wir eine Anleitung zum falschen Leben im Falschen. In vier Minuten entfaltet Philipp Grütering aka Cryptic Joe ein Einmaleins der gegenwärtigen Arbeitswelt.

In seinem sprachlichen Aufbau orientiert sich der Liedtext an den Beats. Dem Hörer fliegen knapp und eingängig formulierte Slogans um die Ohren. Zu Beginn vermittelt der Text einen ersten Blick in die schöne neue, von Stress geprägte Welt der Arbeit: Statt schwer erkämpfter 40-Stundenwoche und wohl verdienter Freizeit herrscht das Prinzip der unentwegten Erreichbarkeit. Permanente Arbeit ist das Ziel. Um diese erfolgreich zu erledigen, sollte man die Kollegen als Gegner begreifen. Dieser einleitende Textabschnitt führt bereits alle Elemente der sich ähnelnden, aber nie ganz gleich aufgebauten Strophen und Bridges ein. Nach den spezifische Aufforderungen formulierenden Befehlszeilen findet sich das isolierte Mantra vom Hoch-bücken, das anschließend im Wechsel mit den Befehlszeilen zum Einsatz kommt. Wir haben nach dem „Präludium“ drei Grundelemente des Textes: 1. die insgesamt dreimal verwendete Bridge, die die Formel „Bück dich hoch!“ variiert, 2. den Refrain, bei dem auf die Aufforderung zum Hoch-bücken ein weiterer, diesen Ausruf präzisierender Appell folgt, und 3. die beiden Strophen, in denen das Prinzip des Refrains umgekehrt wird.

In der musikalischen Untermalung unterscheiden sich die einzelnen Elemente stark. Die Strophen erinnern in der Konzentration auf den Rhythmus an das Prinzip aus der Rapmusik, dass sich Beat und Rap ergänzen, um den Text zu unterstreichen oder kontrastierend hervorzuheben. Die Bridge erhöht dann das Grundtempo und führt den melodischen Loop ein, der anschließend im mitsingbaren Refrain aufgeht. Da kann man dann feiern, was einem zuvor an Widerlichem ausgebreitet worden ist.

Soweit der grobe Aufbau. Aber was soll das Ganze? Die ersten Zeilen lassen sich als vorläufige Ausführungen zum paradoxen Titel lesen. Sich selbst erniedrigen, aber mit allen Mitteln darum kämpfen, an die ökonomische Spitze zu gelangen, das ist, was uns der Song als Grundzug der Arbeitswelt vorstellt. Mit Peter Rühmkorf ließe sich die inhärente Logik der ironisch angepriesenen Arbeitsethik etwas dialektischer fassen: „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“. Die Bridge macht klar, egal was man auch tut, ums Hoch-bücken kommt keiner herum.

Wenn man den Refrain ernst nimmt, ist es unwichtig, ob die Arbeit entlohnt wird und wie viele Überstunden man ableistet. Es gibt – auf den ersten Blick – keinen Ausweg. Wer sich nicht unterordnet, sich nicht verbiegen will, wer keine Lust hat, sich der Profitmaximierung ganz und gar unterzuordnen, wird eben „ausgesiebt“, auch weil er selbst ja immerzu dringend Geld braucht. Mitmachen beim Verdienen darf nur, wer mitläuft ohne zu murren. Erfolg hat, wer die Entwürdigung feiert und singt.

Mit sich immer wieder ähnelnden Formulierungen stellt der Text die Allpräsenz von Leistungsdruck und Selbstaufgabe aus. Man soll sich fit halten, aber keinesfalls die Arbeit zu kurz kommen lassen. Seinen Gedanken keine Grenzen setzen, dabei aber bitte nicht vergessen, dass man nur im Team etwas wert sei. Wie verlogen das englische Wort für Mannschaft gebraucht wird, unterstreicht die Bridge. Sie erinnert daran, welche Möglichkeiten es gibt, um sich nach oben zu bücken. Nichts ist verboten, um nach oben zu kommen: Neben dem adäquaten Einsatz der elektronischen Medien, die einen, wie man aus den ersten Zeilen weiß, immerzu erreichbar machen, rät der Song zum möglichst umfänglichen Einsatz des eigenen Körpers, sei es durch Gewalt oder auch Sex, nicht zu vergessen intrigantes Verhalten gegen alle.

Strophe drei liefert dafür eine Begründung: Konkurrenz ist alles, Freundschaft nichts. Das Ideal des Erfolgs ist, als ironische Krone des ganzen Lieds, Donald Trump. Seit 2004 sucht der amerikanische Immobilienunternehmer in der Realityshow The Apprentice nach dem idealen (leitenden) Angestellten. Dem von Deichkind entworfenen Idealtyp kommen die Kandidaten und vor allem der Sieger der Sendung ziemlich nahe. Wer ohne Rücksicht auf Verluste für den Profit kämpft, wer seine Mitarbeiter effizient auswringt, kommt ans Ziel. Ausreden gelten nicht. Auch wer ohne Arbeit ist, kann noch eine Stresspantomime tanzen. Alles für ein Ziel, das den meisten Hörern allzu bekannt sein dürfte: die heilige Steigerung des BIP.

Spätestens mit diesem Zitat in der letzten Strophe erinnert man sich dann an einen ähnliches Lied. Als in den achtziger Jahren der letzte große Umbruch der Arbeitswelt erfolgte und das Mantra vom alles erhaltenden, heilbringenden Wirtschaftswachstum erstmals die politische Debatte dominierte, komponierten Geier Sturzflug die passende Hymne zur Neuausrichtung der Gesellschaft. Rückblickend wirkt die dort besungene übermäßige Arbeitslust fast harmlos. Zwar entwerfen auch die Bochumer eine Welt voller Überstunden und Arbeitswut, und ihr Song ist mit einer ordentlichen Portion Konsumkritik angereichert, aber keine Spur findet sich von konkurrenzwütigen, den sozialen Zusammenhalt und die Würde gefährdenden Prozessen, wie sie Deichkind skizzieren. Beide Lieder ähneln sich aber in der Vermittlung. Melodie und Rhythmus sind, wenn auch unterschiedlich schnell, eingängig gestaltet. Man kann das eigene Leid wunderbar mitschallern und dazu tanzen, egal ob mit Discofox oder Discopogo.

Die Musikkritiker der Groove bezeichnen diese Verbindung von freudiger Musik und sozial-realistischem Text als malträtierende Sektdusche, weil ihnen die Reime zu simpel erscheinen. Sie wünschen sich anscheinend mehr Ernsthaftigkeit. Diese Ansicht muss man freilich nicht teilen. Es gibt sie natürlich, nachzulesen bei Elfriede Jellinek und anderen. Wer sich aber auf den Deichkind-Song einlässt und die entworfene Arbeitswelt mitdenkt, fragt sich, mit welchen Mitteln die entwürdigenden Anforderungen an den zeitgenössischen Angestellten besser zu fassen wären. So viel Schreckliches kann man eigentlich nur in solcher Überzeichnung und elektronischer Unbeschwertheit ertragen. Zumal die Einfacheit der Reime aus der ökonomisierten Sprache unserer Alltagswelt erwächst. Was mancher Roman auf mehreren hundert Seiten an Sprachkritik und Sozialstudie entfaltet, packen die Hamburger MCs in einen im besten Sinne poetischen, also verdichteten Text.

Patrick Galke, Bamberg

Ekel is’n starkes Gefühl – „Schimmliges Brot“ von Foyer des Arts

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Foyer des Arts

Schimmliges Brot

Ein Wahlkampfplakat
Ein Staatsmann von Format
lockt mich, lockt mich, aber nein:
In der Hand hält er leider
ein schimmliges Brot.

Ein Fernsehquiz
mit Schwung und mit Schmiß
lockt mich, lockt mich, aber nein:
Zu gewinnen gibt´s leider
nur ein schimmliges Brot.

Schimmliges Brot
verdirbt oft die Freude.
Schimmliges Brot
schmälert das Vergnügen
Schimmliges Brot
ist selten von Vorteil

Großes Geknall
ein Autounfall
lockt mich, lockt mich, aber nein:
statt Blut sieht man leider
nur schimmliges Brot

Eine spanische Marquesa
namens Theresa
lockt mich, lockt mich, aber neín:
Im Mund hat sie leider
ein schimmliges Brot.

Schimmliges Brot [...]

Eine Welle der Verachtung
brandet tosend im Abendrot.
Eine Fontäne der Verzweiflung
speit zornige Parolen.
Im Krater der Gesellschaft
brodelt die Wut:
Schimmliges Brot
finden wir nicht jut!

     [Foyer des Arts: Schimmliges Brot. ARO 1985.]

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Auf schimmliges Brot gibt es unter den Menschen unseres Kulturkreises eigentlich nur eine denkbare Reaktion: Ekel. Diese Empfindung, ausgelöst durch unser Auge, bestätigt durch unser intellektuelles Wissen um die toxische Wirkung des graublauen Belags, strömt sofort durch unseren ganzen Körper und löst das dringende Bedürfnis aus, Distanz zwischen uns und die Ekelquelle zu bringen.

Im Ekel scheint nie weniger als alles auf dem Spiel zu stehen. Er ist ein Alarm- und Ausnahmezustand, eine akute Krise der Selbstbehauptung gegen eine unassimilierbare Andersheit, ein Krampf und Kampf, in dem es buchstäblich um Sein oder Nicht-Sein geht. Das macht, selbst bei scheinbar harmlosen Anlässen, den eigentümlichen Ernst der im Ekel getroffenen Unterscheidung von ,Wohlbekommen’ und Ungenießbarkeit, von Einnehmen und Verwerfen (Erbrechen, Aus-der-Nähe-Entfernen) aus. (Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999, S. 7.)

Unser Song unternimmt nun einiges gegen den Ernst der Bedrohung, kann (und will) ihn indes nicht völlig aufheben, um ästhetisch von der Affekt-Freisetzung dieses „elementaren Gefühls“ (Darwin) zu profitieren. Unverkennbar ironisch konstruiert sind die Situationen, in denen hier das libidinöse Begehren des Sprecher-Ichs durch schimmliges Brot gestört wird. Während Liebe und Appetit auf Nähe bis hin zur Vereinnahmung eines Objekts durch ein Subjekt zielen, zwingt die durch das schimmlige Brot immer wieder ausgelöste Ekelreaktion das Individuum zur Distanzierung vom eigentlich begehrten Objekt. Das Sprecher-Ich erleidet auf diese Weise gewissermaßen Tantalus-Qualen, die ,uns’ allerdings nur begrenztes Mitleid abfordern, da ,wir’ seine Begehrlichkeiten eher nicht teilen. Deren prekärer, um nicht zu sagen perverser „Geschmack“ wird beim Autounfall am deutlichsten offenkundig; aber die Hörer von Foyer des Arts (von Max Goldt und Gerd Pasemann 1981 gegründet) sollen auch die in unserer Gesellschaft weit verbreiteten und als ,normal’ eingestuften ,Gelüste’ auf Glamour-Politiker, Fernsehshows oder Prominenz als abwegig, ja ,eklig’ empfinden.

In vier jeweils fünfzeiligen Versblöcken (1, 2, 4, 5) begegnen dem Ich zunächst starke Oberflächenreize audiovisueller Art, die stets im ersten Satz, der sich über zwei Verse zieht, beschrieben werden. Deren libidinöse Attraktivität wird mit dem immer gleichen Mittelvers explizit konstatiert „lockt mich, lockt mich“, doch sofort folgt die entscheidende Zäsur von Vers und Strophe „aber nein:“ – „leider, leider, leider, leider“ folgt beim genaueren Hinsehen in stereotyper vierfacher Wiederholung die ernüchternde Wahrnehmung von schimmligem Brot, das wir durchaus als Metapher nehmen dürfen. Der Politiker hält’s in der Hand, d.h. was er zu geben hat, ist wertlos, wenn nicht gar schädlich. Beim Fernsehquiz ist nur „schimmliges Brot“ zu gewinnen – vielleicht nicht für den Saalkandidaten, aber bestimmt für den Zuschauer, dem Belehrendes vorgegaukelt, aber letztlich nur abstruse, wertlose Information präsentiert wird. Der Autounfall scheint ,großes Kino’ zu versprechen, aber am Ende gibt’s nur menschliches Elend zu sehen und den erbärmlichen Voyeurismus der Gaffer. Hochgespannte Erwartungen auf Glamour („Marquesa“) und vorbildliche Philanthropie („Theresa“) der Prominenz verpuffen – vielleicht im Zuge einer Fernsehtalkshow, vielleicht beim Durchblättern einer einschlägigen Illustrierten –, zurück bleibt die Enttäuschung über dümmliches Geschwätz („Im Mund hat sie leider / ein schimmliges Brot).

Das ironische Zentrum des Songs sehe ich also in der ambivalenten Situation eines Sprecher-Ichs, das einerseits einen ausgesprochen ,schlechten Geschmack’ beweist, indem es Objekte libidinös besetzt, die eigentlich als unappetitlich angesehen werden müssten, zugleich aber an der Ausübung dieses schlechten Geschmacks durch kollektiv geteilte Ekelreflexe gehindert wird. Grotesk-komisch wirkt dabei das Auftauchen des konkreten Ekel-Auslösers in der Art eines running gag in unkonventionellen bzw. absurden Konstellationen, wobei sich diese Komik sofort auflöst, sobald man das schimmlige Brot metaphorisch nimmt und angemessen deutet. Komische Effekte gehen darüber hinaus auch von musikalisch-stimmlich hervorgehobenen rekurrenten Phrasen wie dem viermal wiederholten „lockt mich, lockt mich“ aus. (Zur Problematik eines grundsätzlichen Zusammenhangs zwischen ,Verlockung’ und Ekelreaktion vgl. Aurel Kolnai: Ekel, Hochmut, Haß. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle. Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 2007, = stw 1845, S. 19 f.)

Die Strophenfolge des Songs besitzt eine für populäre Lieder ungewöhnlich unregelmäßige Struktur. Auf jeweils zwei mit narrativen Inhalten besetzte Versblöcke (zu 5 Versen) folgt zunächst je ein sechszeiliger Refrain, der in umständlichen, künstlich gestelzten, hoch redundanten Formulierungen gewissermaßen die triviale Lehre aus den Erlebnissen des Ichs zieht: Schimmliges Brot „verdirbt oft die Freude“ und „ist selten von Vorteil“. Die vorsichtig-einschränkenden Formulierungen dieser banalen Erkenntnis wirken abermals komisch. Den Abschluss des Liedes bildet ein achtzeiliger Versblock, der sich aus vier Sätzen zusammensetzt. Die ersten drei Sätze betreiben mit ihren ebenso pompösen wie schief-demaskierenden Metaphern und Bildern höchsten rhetorischen Aufwand; dabei scheint das Sprecher-Ich seine individuelle Frustration in eine kollektive gesellschaftliche Empörung überführen zu wollen. Peinlicherweise fallen ihre letzten beiden Verse abrupt auf das banale Sprach- und Denkniveau zurück, das seinem schlichten Geschmack entspricht und diesen einmal mehr entlarvt. Zugleich kollabieren alle vom starken Affekt des Ekels befeuerten revolutionären Energien zum facebookartigen Reflex eines geprügelten Hundes: „Schimmliges Brot / finden wir nicht jut!“ Was sich oberflächlich besehen lustig ausnimmt, ist im Grunde tief traurig.

Der Gesamttext operiert dialektisch mit Ekeltabus: Während das Sprecher-Ich das Nahrungsmitteltabu (schimmliges Brot ist schädlich) affirmiert, verstößt es implizit – wie oben ausgeführt – gegen viele Tabus des ,guten Geschmacks’. Die Hörer des Lieds können dies erkennen und jene Geschmackstabus bestätigen, indem sie sich vom Ich distanzieren und dieses ,verlachen’. Ekel bzw. die Fähigkeit, Ekel zu empfinden, gehört zwar zur menschlichen Natur, die Objekte, auf die sich Ekelimpulse richten, sind aber variabel und werden kulturell ausgehandelt. Das Lied von Foyer des Arts greift nun genau in diesen gesellschaftlichen Prozess der Verhandlung von libidinösen Antrieben und ekelbesetzten Objekten ein (vgl. ganz analog in diesem Zusammenhang auch das Video „Ihhhh, ein Banker“).

Auf ästhetischer Metaebene verstößt der Text gegen konservativ-bürgerliche Konventionen, indem er Ekliges explizit thematisiert und zum Gegenstand von Kunst macht. Damit bewegt er sich auf einem Feld, das spätestens seit dem Barockzeitalter intensiv diskutiert wird (vgl. den Aufstieg von dégoût als diskursiver Kategorie). Seitdem bringen viele Künstler ,Unschönes’ in ihre Werke ein, um dem Grundproblem ,nur-schöner Kunst’ entgegen zu wirken, selber ,eklig’ (in den Formen des ,zu Süßen’, ,Langweiligen’, ,Unwahren’ oder ,Kitschigen’) zu werden.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Reimportierter Nationalismus. Warum gerade Frei.Wild aus Tirol erfolgreich die Rückbesinnung auf nationale „Wahre Werte“ fordern können

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Frei.Wild

Wahre Werte

Lichter und Schatten
Undefinierbar, woher sie kommen
Formen und Spalten
Die dein Ich-Gefühl zurückerstatten
Geräusche und Winde
Die dich umgeben und unheimlich wirken
Höhen und Tiefen
Laden ein zum Genießen

Da, wo wir leben, da wo wir stehen
Ist unser Erbe, liegt unser Segen
Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache
Für uns Minderheiten eine Herzenssache
Das, was ich meine, und jetzt werft ruhig Steine
Wir sind von keinem Menschen die Feinde
Wir sind verpflichtet, dies zu bewahren
Unser Tirol gibt's seit 1200 Jahren

Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen
Wenn ihr euch ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen
Du kannst dich nicht drücken, auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später darauf bauen
Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk

Dialekte und Umgangssprache
Hielten so lange, so viele Jahre
Bräuche, Geschichten, Kunst und Sagen
Sehe schon die Nachtwelt klagen und fragen
Warum habt ihr das verkommen lassen
Die Wurzeln des Landes, wie kann man die hassen?
Nur um es manchen recht zu machen,
Die nur danach trachten, sich selbst zu verachten.

Nicht von gestern, Realisten
Wir hassen Faschisten, Nationalsoziallisten
Unsere Heimat hat darunter gelitten
Unser Land war begehrt, umkämpft und umstritten
Patriotismus heißt Heimatliebe
Respekt vor dem Land und Verachtung der Kriege
Wir stehen hier, mit unseren Namen
Wir werden unsere Wurzeln immer bewahren

     [Frei.Wild: Gegengift. Rookies & Kings 2010.]

„Wer ohne primäre Not Identität verlangt, stiftet oder verehrt, ist ein Faschist. Da, wo Identitäten ohne primäre Not angehäuft werden, hat jemand etwas vor. Und zwar nichts Gutes.“ (Diedrich Diederichsen: Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock’n'Roll. 1990-1993. Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1993,  S. 268) Diese Einschätzung von Diedrich Diederichsen ist zwar nicht unbedingt Allgemeingut, aber wenn es um die politische Beurteilung von Bands ging, wurde sie, zumindest bezogen auf nationale oder ethnische Identität, bis vor einigen Jahren von vielen geteilt – die auch nach der Abwendung der Band von der neonazistischen Skinheadszene lange aufrecht erhaltene Ächtung der Böhsen Onkelz durch große Multimediaketten und Musiksender ist das vielleicht bekannteste Beispiel dafür. Bedeutsam ist bei Diederichsens Äußerung vor allem die zweimal genannte Einschränkung „ohne primäre Not“. In der Konsequenz hieß das: Politisch unterdrücken oder marginalisierten Völkern und Ethnien gestand man die unkritische Bezugnahme auf eine nationale Identität zu, denjenigen, die die Mehrheit bildeten und die Herrschaftseliten stellten, hingegen nicht. Entsprechend betrachten es die linksradikalen Freunde des Sprecher-Ichs in Freundin von Aeronauten auch nicht als Widerspruch, die Faschisten schlagen zu wollen und zugleich Musik aus dem Baskenland zu hören.

Bezeichnenderweise kam einer der ersten erfolgreichen Versuche, sich innerhalb der Popmusik affirmativ auf Deutschland zu beziehen, aus dem Rap: Fler übernahm als ethnischer Deutscher den Minderheitennationalismus von Rappern mit Migrationshintergrund. Auf seinem Album Fremd im eigenen Land, dessen Titel ein berühmtes antirassistisches Stück der multiethnischen Gruppe Advanced Chemistry deutschnational rekontextualisiert, findet sich das programmatische Lied Ich bin Deutscha. Es beginnt mit den Zeilen:

Ich bin Deutscha, du hast keine Identität
Du bist ein Niemand, okay Junge, ich zeig dir, wie es geht
Ich bin Deutscha, auch wenn es niemand versteht
Ich bin stolz auf was ich bin, denn ich hab Identität
Ich bin Deutscha, ich bin Berliner hoch zehn
und meine Ausländerjungs sagen, ich hab Identität
Ich bin Deutscha, auch wenn es niemand versteht
Ich bin Deutscha, denn ich hab Identität

[...]

     [Fler: Fremd im eigenen Land. Aggro Berlin 2008.]

Das Sprecher-Ich sichert sich hier gleich mehrfach gegen den drohenden Vorwurf des Rechtsradikalismus ab: Die Mitteilung, dass seine „Ausländerjungs“ seine „Identität“ wahrnehmen, kommuniziert zum einen, dass es ausländische Freunde hat; zum anderen wird eine des Deutschnationalismus unverdächtige Instanz bemüht, um sein Gefühl zu objektivieren: Nationale Identität erscheint hier nicht nur als Gefühl, sondern als von anderen wahrgenommene Entität. Und indem das Sprecher-Ich sich als „Berliner hoch zehn“ bezeichnet, stuft es den allgemein als harmlos angesehenen Lokalpatriotismus als für seine Identität deutlich wichtiger ein (dem steht allerdings performativ die häufigere Nennung der deutschen Identität entgegen, wobei allerdings die Schreibung „Deutscha“ wiederum dem Berliner Idiom nachempfunden ist).

Frei.Wild hingegen sind hinsichtlich der aggressiven Artikulation von Nationalgefühlen in der privilegierten Situation, keine Deutschen (und auch keine Österreicher oder Schweizer) zu sein, sondern deutschsprachige italienische Staatsbürger aus Südtirol. Der Status als Minorität wird im Text auch eigens betont, interessanterweise ist dabei von „Minderheiten“ im Plural die Rede, womit eine Parallele zur Situation anderer Minderheiten in anderen Staaten gezogen wird.

Dennoch ist auch in Wahre Werte ist das Sprecher-Ich zusätzlich um Abgrenzung vom Rechtsradikalismus bemüht, es differenziert zwischen den bejahten, ja eingeforderten Gefühlen „Heimatliebe“ bzw. „Patriotismus“ einerseits und abgelehntem „Nationalismus“ andererseits. Im übrigen Liedtext (wie etwa auch in anderen, z.B. Südtirol) wird diese postulierte Differenzierung aber nicht umgesetzt: Es wird ausdrücklich ein nicht nur kultureller, sondern auch völkischer Heimatbegriff verwendet („Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache“), und in dieser Hinsicht Andersdenkenden wird das gute alte „Geht doch rüber“-Argument entgegengeschleudert, eine kritische Haltung gegenüber dem Konzept nationaler Identität wird, ganz wie in Texten rechtsradikaler Bands, mit Hass auf die Heimat identifiziert. Hinzu kommt, dass die Bedürfnisse des Individuums hinter den Erhalt eines synchron wie diachron gedachten Volkskollektivs zurückgestellt werden: Der Einzelne ist seinen Nachfahren verpflichtet, das kulturelle Erbe seiner Vorfahren zu tradieren – militärisch zugespitzt kommt eine solche Haltung etwa in der berüchtigten, dem Soldatenlied von Heinrich Lersch entlehnten Inschrift des Kriegerdenkmals am Hamburger Dammtor „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen“ zum Ausdruck, gegen die sich das berühmte Slime-Lied Deutschland richtete, in dem die Inschrift umgekehrt wird zu „Deutschland muß sterben, damit wir leben können.“

Die explizite Ablehnung von Faschismus und Nationalsozialismus erfolgt in Wahre Werte dann auch nicht mit ideologischen Begründungen, sondern unter Verweis auf die Geschichte Südtirols, wobei „Faschisten“ in diesem Kontext (wie auch im Vorspann des Videos) die italienischen Faschisten, also die kulturell und ethnisch fremde ‘Besatzungsmacht’ bezeichnet, und Nationalsozialisten die Deutschen, die Südtirol von 1943 bis 1945 besetzt hatten. Dass Kriege schließlich ganz allgemein abgelehnt werden und dies als Ausdruck von Patriotismus verstanden wird, ist durchaus kompatibel mit dem in der ‘Neuen Rechten’ propagierten Konzept des „Ethnopluralismus“, also einer (friedlichen) Koexistenz ethnisch und kulturell jeweils homogener Staaten.

Eine bundesdeutsche Band, die in ihren Texten so massiv rechte Ideologeme integrierte, hätte umfangreichen Widerstand, nicht nur seitens antifaschistisch engagierter Gruppen, sondern wohl auch aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft zu gewärtigen, zumal wenn Bandmitglieder, wie im Fall von Frei.Wild der Sänger, früher in einer Neonaziband (Kaiserjäger) aktiv gewesen wären. Bei Frei.Wild hingegen lässt sich das eingangs referierten Argument, dass es marginalisierten Bevölkerungsgruppen zusteht, sich im Zuge von Emanzipationsbestrebungen positiv auf eine nationale Identität zu beziehen, entschuldigend ins Feld führen.

Dieser Exkulpationsmechanismus dürfte auch ein Grund dafür sein, dass es Frei.Wild gelungen ist, den Platz der in ihrer Vergangenheit skandalumwitterten, aber letztlich erfolgreichen Band von der Straße einzunehmen (Der Titel ihrer aktuellen DVD lautet Durch Straßen, durch Dreck – in’s Händemeer), der mit der Auflösung der Böhsen Onkelz, mit denen Bandmitglieder von Frei.Wild auch die Naziskin-Vergangeheit teilen, frei geworden war. Der Erfolg von Frei.Wild in Deutschland lässt sich als Reimport von Nationalismus beschreiben: Die Band wurde nach eigenen Angaben massiv von den Böhsen Onkelz beeinflusst und entspricht ihnen musikalisch wie biographisch, es handelt sich also, um im Bild zu bleiben, um das gleiche Produkt; dadurch, dass es aus dem Ausland eingeführt wird, hat es aber gegenüber inländischen Konkurrenzprodukten einen wettbewerbsentscheidenden Vorteil.

Frei.Wild werden aber von ihren deutschen Fans keineswegs ausschließlich als südtiroler Band, deren Texte nur vor einem spezifischen, in Deutschland nicht gegebenen Hintergrund verstanden werden können, wahrgenommen; vielmehr kommt es zu einer identifikatorischen Rezeption der Texte, wie sie gerade unter Fans des als ehrlich und authentisch geltenden Genres „Deutschrock“ verbreitet ist (was sich in entsprechenden Foren nachlesen lässt). Werden nationalistische Identitätskonzepte auch von denjenigen übernommen, die sich nicht in einer Minderheitenposition befinden, sondern die Mehrheit stellen, greift Diederichsens Einschränkung jedoch nicht mehr und liegt entsprechend die Befürchtung nahe, dass zumindest einige Frei.Wild-Fans nichts Gutes vorhaben.

Nun begibt man sich in fragwürdige Gesellschaft, wenn man eine Band für die Rezeption ihrer Lieder verantwortlich macht – man denke etwa an die Vorwürfe gegenüber Marilyn Manson nach dem School Shooting an der Columbine High School von Littleton. Deshalb ist es in solchen Debatten unumgänglich, genau zu analysieren, inwiefern eine bestimmte Lesart der Texte und die von Rezipienten realweltlich daraus gezogenen Konsequenzen erwartbar waren oder nicht. Eine rein vom Text her argumentierende literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen legitimer Interpretation und Lektüre gegen den Strich erscheint hier jedoch wenig zielführend, da bei Frei.Wild, ebenso wie ehemals bei den Böhsen Onkelz, der Vorwurf der Camouflage im Raum steht, demzufolge die Bands sich nur aus taktischen Gründen vom Rechtsradikalismus distanzierten, dem rechtsradikalen Teil der Fans aber signalisierten, insgeheim doch die Alten geblieben zu sein. Zudem hat sich in der Debatte um diverse „Deutschrock“-Bands der Begriff „Grauzone“ etabliert, der Bands zugerechnet werden, die zwar nicht selbst explizit rechtsradikal auftreten, allerdings „rechtsoffen“ agierten, indem sie bewusst Anschlussmöglichkeiten für rechtsradikale Fans böten.

Bei Frei.Wild bestünde eine solche Anschlussmöglichkeit darin, die Affirmation des südtiroler Minoritätsnationalismus auf den deutschen Majoritätsnationalismus zu übertragen. Begünstigt wird dies nicht nur dadurch, dass Wahre Werte und andere Texte der Band allgemein gehaltene nationalistische Formulierungen beinhalten, die auch von deutschen Fans identifikatorisch mitgesungen werden können, und dass Frei.Wild selbst immer wieder auf eine deutsche nationale Identität Bezug nehmen (etwa, wenn der Sänger im Video zu Land der Vollidioten ein Plakat mit der Aufschrift „Deutsch sein = Nazi sein“, unterschrieben mit „Die Vollidioten“, verbrennt, oder wenn die Band anlässlich der vergangenen Fußballweltmeisterschaft mit Dieses Jahr holen wir uns den Pokal ein Lied veröffentlicht, das zur Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft aufruft), sondern vor allem dadurch, dass Frei.Wild nicht im südtiroler Dialekt, dessen Erhalt in Wahre Werte gefordert wird, sondern auf hochdeutsch singen. Mit dieser Entscheidung adressieren sie ihre Texte auch an ein Publikum, das keiner Minderheit angehört. Insofern muss es sich die Band gefallen lassen, dass ihr deutschnationalistische „Missverständisse“ ihrer Texte zugerechnet werden.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Große Leerstelle in Moll – Minas „Heißer Sand und ein verlorenes Land“

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Mina

Heißer Sand

Heißer Sand und ein verlorenes Land,
und ein Leben in Gefahr.
Heißer Sand und die Erinnerung daran,
daß es einmal schöner war.

Schwarzer Tino, deine Nina,
war dem Rocko schon im Wort.
Weil den Rocko sie nun fanden,
schwarzer Tino, mußt du fort.

Heißer Sand... Heißer Sand!

Schwarzer Tino, deine Nina,
tanzt im Hafen mit den Boys,
nur die Wellen singen leise,
was von Tino jeder weiß.

Heißer Sand und ein verlorenes Land,
und ein Leben in Gefahr.
Heißer Sand und die Erinnerung daran,
daß es einmal schöner war.

     [Mina: Heißer Sand. Polydor 1962.]

Neun Wochen lang belegte 1962 die Italienerin Mina (Anna Maria Mazzini) den Spitzenplatz der deutschen Hitparade mit einem Schlager, dessen narrativer Plot wie die Aufgabenstellung für ein Seminar „Kreatives Schreiben“ daherkommt: drei Namen, ein paar vage Andeutungen zu den Schauplätzen des Geschehens, ein elegischer Zug und ansonsten jede Menge Leerstellen – macht was draus!

Tino, Nina, Rocko – zwei Männer, eine Frau, offenbar eine klassische Dreieckskonstellation – das kann nicht gut gehen … Schon gar nicht im temperamentvollen italienischen Kontext, auf den Interpretin und Namen der Protagonisten verweisen. Soweit sind sich Leser anspruchsvoller wie trivialer Genres schon einmal einig. Schlagertexter Kurt Feltz (1910-1982), einer der erfolgreichsten Vertreter seiner Zunft, gibt uns noch ein paar weitere Appetitanreger, aus denen sich eine passable melodramatische Eifersuchtstragödie (re-)konstruieren lässt: Tino liebt Nina, die ist aber schon einem Rocko versprochen. Der Text formuliert hier unpersönlich, was die Vermutung nahe legt, dass es sich dabei um eine von den Familien arrangierte Beziehung gehandelt, Nina tatsächlich aber Tino den Vorzug gegeben hat. Auch das Possessivpronomen des Verses „Schwarzer Tino, deine Nina“ weist in diese Richtung.

Nun muss der „schwarze Tino“ (im historischen Kontext sicher als ,schwarzhaarig’, dunkler Typ zu verstehen, nicht als ,Afro-Italiener’!), fort, weil Rocko wieder da ist, aller- und schlechterdings nur als Fundstück. Wir reimen uns eine Handlung nach melodramatischem Schema, durchaus ein wenig angelehnt an Lucio Viscontis bei den Filmfestspielen in Venedig preisgekrönten Film Rocco e i suoi fratelli (1960) zusammen, und siehe da, alle Bruchstücke fügen sich schnell zu einem stimmigen Bild: Tino hat Rocko – vorsätzlich, im Affekt, eventuell auch in Notwehr? – aus dem Wege geräumt, aber anscheinend bei der Beseitigung der Leiche gepatzt. Das rächt sich nun; man ist ihm auf den Fersen, Polizei oder – genregemäßer, ergo schöner – gleich zwei rachdurstige Familienclans. Nun erschließt sich auch die Form des Textes: Er besteht aus einem auf die Gegenwart Tino bezogenen Rahmenteil (Refrain) und zwei die Vor- bzw. Parallgeschichte Ninas referierenden Strophen. Zwischen letztere ist in der Mittelachse noch eine Verszeile eingeschoben, die zum Rahmenteil zählt und als extrem verdichteter Refrain (quasi als Super-Leerstelle) gelesen werden kann.

Die zweite ,historische’ Strophe berichtet, wie die erste ausdrücklich an Tino adressiert, vom Leben in der alten Heimat. Auch seine geliebte Nina hat die Tragödie nicht ,unbeschädigt’ überstanden; sie ist – vermutlich aufgrund sozialer Ächtung – zum Hafenmädchen herabgesunken, einer im Schlager und Unterhaltungsfilm durchaus anschlussfähigen und assoziationsträchtigen Rolle („Ein Schiff wird kommen“). Dass sie mit „Boys“ tanzt, scheint mir im Kontext der anderen Narrative dieses Schlagers eher auf einen süditalienischen Flottenstützpunkt hinzuweisen als auf die Neigung deutscher Songs der Nachkriegsjahre zu Amerikanismen. Selbstverständlich macht der Text Nina für das Schicksalsdrama nicht verantwortlich, mehr noch als Tino oder der (vermutlich) tote Rocko ist sie Opfer des Geschehens. Elmar Kraushaars Schuldzuweisung in Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen (Hrsg. von Max & Moritz, Leipzig: Reclam, 1997, S. 136-138) kann ich hier gar nicht nachvollziehen: „Mit Nina hat das Böse einen Namen, sie hält die Fäden in der Hand, lässt die Männer über die Klinge springen und kennt nur ihr selbstsüchtiges Vergnügen dabei.“ Diese Sicht der Dinge (ähnlich, wenn auch abgeschwächt, im Wikipedia-Artikel) ist schlicht abwegig und wird vom Text in keiner Weise gedeckt.

In der zweiten Hälfte der zweiten ,historischen’ Strophe erfahren wir noch, dass Tinos Tat inzwischen zwar ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist, gleichwohl aber totgeschwiegen wird. In solchen Situationen übernimmt in der Poesie traditionell die Natur (hier sind es konkret „die Wellen“) die vakante Rolle des Erzählers bzw ,Sängers’. Dieser Kunstgriff ist nun wirklich nicht neu, hier aber trotzdem stimmig und erzähltechnisch fast schon notwendig; nur Naturphänomene wie Wind und Wellen sind unter den gegebenen Umständen in der Lage, alles zu wissen und die Distanz zwischen alter Heimat und neuem Aufenthaltsort Tinos in der gefährlichen Fremde zu überbrücken.

Der Refrain beschreibt nach meiner Lesart also die aktuelle Situation Tinos: „Heißer Sand und ein verlorenes Land, / und ein Leben in Gefahr.“ Das klingt nach ausgesprochen abenteuerlicher Existenz. Dass diese Lebensweise einer zivilen Lebensperspektive auf alle Fälle unterlegen ist, machen die nächsten Verse klar – früher, d.h. zu Hause, hatte es Tino eindeutig „schöner“. Lässt sich diese aktuelle Situation noch ein wenig konkretisieren? Ich denke schon: „Heißer Sand“ evoziert im Kontext des Schlagers das Bild nordafrikanischer Wüsten, „ein Leben in Gefahr“ den Dienst in der französischen Fremdenlegion. Die Légion étrangère bot sich jungen Männern in der Lage Tinos – allerdings eher innerhalb zeitgenössischer deutschsprachiger Boulevardpresseartikel und Abenteuergeschichten als in der Realität! – als Zufluchtsort beinahe zwingend an. (Nach 1945 bis zum Ende des Algerienkrieges waren zeitweise über 50% der Legionäre deutscher Nationalität oder Sprache, entsprechend intensiv und häufig beschäftigte man sich hierzulande in öffentlichen Diskursen mit dieser Truppe und einschlägigen Einzelschicksalen; vgl. Eckard Michels: Deutsche in der Fremdenlegion1870-1965. Mythen und Realitäten. Paderborn u.a.: Schöningh, 5. Aufl. 2006. Auch im Schlager waren Fremdenlegionäre Thema, etwa in Freddy Quinns Der Legionär.)

Von 1954 (legendäre Niederlage in Indochina) bis 1962 wurde die Legion vor allem als Speerspitze der Kolonialmacht im Algerienkrieg gegen die algerische Befreiungsfront (FNL) eingesetzt. Dieser Konflikt entwickelte sich über die Jahre hinweg zu einem der schmutzigsten und opferreichsten Unabhängigkeitskriege überhaupt, der von beiden Seiten auch unter Einsatz terroristischer Mittel geführt wurde. Frankreich stand 1961 dank seiner überlegenen Kriegsmaschinerie zwar vor dem militärischen Sieg, gleichzeitig aber vor einer moralischen und politischen Niederlage. In dieser Lage stimmte das kriegsmüde französische Volk mit 75% (allerdings nur mit 40% der algerischen Wähler) für die Politik des Präsidenten de Gaulle, der Algerien in die Unabhängigkeit entlassen wollte. In den Folgemonaten bekämpften sich OAS (geheime Organisation der Algerien-Siedler) und FNL mit brutalen Terroraktionen inklusive Folter, ein Putsch algerischer Militärs scheiterte, in Paris kam es zu einem Massaker von Polizei und Militär an Demonstranten. Schließlich erkannte Charles de Gaulle im März 1962 das Recht Algeriens auf Selbstbestimmung offiziell an, worauf eine Massenflucht der französischen Siedler ins Mutterland einsetzte. Am 1. Juli entschieden sich 99% der Algerier für die Unabhängigkeit, die postwendend von Frankreich bestätigt wurde. Das französische Militär bezifferte seine Toten mit rund 17.500, davon knapp 2.000 Legionäre, was einem weit überproportionalen Blutzoll entsprach. Die FNL gab die eigenen Verluste mit 300.000 an. Schätzungen der getöteten algerischen Bürger schwanken zwischen 350.000 und 1,5 Millionen. Von den rund 150.000 muslimischen Kollaborateuren, die von den Franzosen nach ihrem Abzug entwaffnet und schutzlos zurückgelassen wurden, dürften die meisten unter schrecklichen Umständen ermordet worden sein.

Die zeitgenössischen Bezüge der kleinen Phrase „Heißer Sand und ein verlorenes Land / und ein Leben in Gefahr“ in unserem Schlagers sind damit ein wenig konkreter geworden. Allerdings besitzen sowohl „Sand“ wie auch „verlorenes Land“ durchaus ambivalente Konnotationen. Betrachten wir das private Schicksal Tinos, so ,brennt’ diesem – metaphorisch gesehen – ,der Boden unter den Füßen’; andererseits bekämpfen sich auf dem klimatisch wie militärisch heißen Terrain Algeriens Legionäre und FNL-Kämpfer, wobei die zusätzliche ,Aufheizung’ der Sahara durch französische Atombombentests vom Texter vermutlich nicht einmal mitgedacht war. Tino hat seine italienische Heimat verloren, Frankreich spätestens mit dem 1961er Referendum seine wichtigste nordafrikanische Kolonie.

Orientalisierende Melodiebögen, Moll-Orchestrierung, Background-Chor und Akzent der Interpretin verdichten das hochdramatische Geschehen mit musikalischen Mitteln (Komponist: Werner Scharfenberger) und bestätigen damit zusammen mit dem Text – in diesem Punkt folge ich gerne Elmar Kraushaar (s.o., S. 137) – allerlei deutsche Klischees über italienische Mentalität: „Männer und Frauen voller Leidenschaft, tödliche Eifersucht, Familienehre, Blutrache.“ Neben die Verniedlichung der neuen Mitbürger („Gastarbeiter“) in Schlagern à la Zwei kleine Italiener (Conny Froboess, ebenfalls 1962) tritt hier deren Dämonisierung. Inwieweit Figuren wie Tino, Nina und Rocko nicht nur an zeitgenössische Filme des italienischen Neorealismus erinnern, sondern auch älteren Traditionslinien der Oper geschuldet sind, wäre in einer Spezialuntersuchung zu klären.

Eingangs habe ich „Heißer Sand“ scherzhaft als Vorlage für ein Kreativ-Seminar eingeführt, doch selbstverständlich haben Schlager dieser Art einen anderen „Sitz im Leben“, sie sprechen intuitive Gefühle, Sehnsüchte, Ängste, Sorgen und Wünsche ihrer HörerInnen an und funktionieren in der Regel nicht ,über den Kopf’. Um eine konsequente Rekonstruktion der angedeuteten ,Geschichte’, um ein Verständnis der ästhetischen Struktur geht es ihren Verfassern allenfalls am Rande. Wie sehr sich Teenies 1962 von Mina angesprochen fühlen konnten und wie intensiv sie auf eine unscharfe, aber nichtsdestoweniger existenzielle Weise über diesen Schlager etwas über die ungeheure anarchische Macht der Liebe erfahren konnten (die ja immer auch Thema ganz großer, ernster Literatur gewesen ist, siehe etwa Tristan und Isolde), expliziert eine Internetquelle:

[...] meine fortgeschrittene Lebenserfahrung läßt mich heute die Brisanz der geschilderten Konstellation klipp und klar erkennen. Hätte mich allerdings damals [als 12jährige] jemand gefragt, was dieser Text zu bedeuten habe, ich hätte es vermutlich beim allerbesten Willen nicht sagen können. Eines aber wußte ich mit Sicherheit: Ich fand diesen Text super. ,Heißer Sand und ein verlorenes Land und ein Leben in Gefahr…’ – das klang in meinen Ohren gefährlich, düster, diabolisch, geheimnisvoll und machtdurchtobt. So und nicht anders mußte es sein, all das, was ich schon immer einmal gerne erlebt hätte und von dem ich nicht sicher war, ob ich es mir irgendwann einmal [zu]trauen würde. Und kein anderer Schlagertext vermochte mir je eine ähnliche Ahnung davon zu vermitteln, welche Gefahren im Leben auf mich lauern, welche Schicksalsschläge meiner harren und wie ich ihnen erfolgreich würde trotzen können. Immer, wenn ich einmal nicht weiter wußte, dann legte ich diese Platte auf, glücklich darüber, daß es in Mina einen Menschen gab, der mich voll und ganz verstand. ,Nur die Wellen singen leise / was von Tino jeder weiß’ – genau. (http://www.schulla.com/covergalerie/DATEN/M/MINA/Mina.htm)

Hans-Peter Ecker (Bamberg)