Der Moment des Sammelns. Gedanken zu „Momentnsammler“ von Werner Schmidbauer

Das Lied beginnt nach einleitenden Ausführungen von Schmidtbauer und Fendrich zum Leben im Agggemeinen und zum Künstlerleben im Besonderen bei 1:20. Die live gespielte Fassung ist gegenüber der unten wiedergegebenen Studioversion um einige Verse gekürzt.

Werner Schmidbauer

Momentnsammler

Manche sammeln Buidln, manche Souvenirs,
manche sammeln Ketterl fürs Gnack und für de Fiaß,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Manche sammeln Fraun, manche sammeln Hund,
manche sammeln Reisch, aber des is a ned gsund,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Manche sammeln Geld, manche sammeln Ruhm,
manche sammeln Punkte fürd Versicherung,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Manche sammeln Macht, manche sammeln Ämter,
manche sammeln für die andern und gebn ihr letztes Hemd her,
Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Manche sammeln Liader, manche Instrumente,
manche sammeln Kinder, manche Alimente,
Momentsammler, i bin Momentnsammler.

Manche sammeln Biacher, manche sammeln Weisheit,
manche sammeln Gurus oder irgend so an Scheiß hoit,
Momentsammler, i bin Momentnsammler.

Nix is so schee wia der Moment,
wo ois so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt.
Und des allerbeste is dabei:
Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.

Mit der Klampfn auf am Felsn hoch überm Meer,
der Wind waht ma a nagelneis Liadl her,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Unter mir de Welln und über mir de Wolkn fliagn,
scheena wia jetz grad konn is gar ned kriagn,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Der Nebel aufm Fluss in der Morgensonn,
de Hand, de mir wer reicht, wenn i ned weiter konn,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Nach Wochn ohne Kraft plötzlich wieder a Ziel,
„Comes a time“ singt da oide Neil,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

A Festl und an Garten voller Freind und Kinder,
paar Gitarn, ums Feier sitzen und a Nacht lang singa,
Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

An da oiden Muatter Oach hocka auf a Bank,
und mit dem ratschen, der ois gmacht hod und an scheena Dank,
i bin Momentnsammler, i bin Momentnsammler.

Nix is so schee wia der Moment,
wo ois so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt.
Und des allerbeste is dabei:
Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei. 

Nix is so schee wia der Moment,
wo ois so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt.
Und des allerbeste is dabei:
Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.

     [Schmidbauer & Kälberer: Momentnsammler. F.a.M.E. Artist 2010.]

Das Schöne an einem Augenblick ist, dass er nicht verweilt. Auf Bayrisch klingt das dann so: „Und des allerbeste is dabei: / Wennsd den Moment gfunden host, is er vorbei.“ Der Klimax in Werner Schmidbauers Lied „Momentnsammler“ (2010) stellt somit Mephistos Grundannahme, dass sich der Mensch an einen besonders schönen Moment klammern möchte, auf den Kopf. Für das Sprecher-Ich ist das Schöne am Moment gerade das Nicht-Verweilen. Und damit verbunden eventuell die Aussicht auf das Sammeln von weiteren schönen Momenten.

Die Möglichkeit, immer wieder einen Glücksmoment zu erleben, und nicht bei einem einzigen verweilen zu müssen, rückt damit in den Mittelpunkt. Der Moment des Sammelns wird selbst zum Moment des Glücks. Der Sammler ist Teil des Augenblicks, in dem er das „Lebn […] einfach gschenkt [kriagt]“. Er muss passiv sein, kann sich nicht selbst beschenken. Und er kann sich beim Erhalten des Geschenks nicht beobachten, dieses Erlebnis nicht künstlich festhalten. Das verweist auf die alte Spannung zwischen Kunst und Realität: Kunst kann den perfekten Moment bannen. Der gemalte Ikarus bleibt ewig auf dem höchsten Punkt, bevor das Wachs in den Flügeln seine Bindekraft verliert. In der Realität muss dieser Glücksmoment kollabieren.

Goethes Oxymoron von der Ewigkeit des Moments ist allerdings in Schmidbauers Lied nicht aufgehoben. Denn wie kann der Momentnsammler etwas sammeln, dessen Grundbaustein die Flüchtigkeit ist? Hier wird das Konzept des Moments auf einem brüchigen Träger der Ewigkeit „fixiert“: der Erinnerung. Nachdem sich das Sprecher-Ich in den ersten sechs Strophen von anderen Sammlern abgrenzt hat durch die refrainartige Betonung seines Status’ als „Momentnsammler“, folgt in den zweiten sechs Stanzen eine Akkumulation von erinnerten Momenten. Das Betrachten seiner Sammlung, das durch die Erinnerung möglich wird, wird also ebenfalls zum wichtigen Bestandteil des Momentnsammelns.

Mit einer zwar poetischen Bildwahl, aber weitgehend nüchternen Umsetzung der Bilder gelingt es dem Sprecher, möglichst viele Menschen an seiner Momentnsammlung teilhaben zulassen. Denn seine Bilder sind gebraucht, aber nicht abgenutzt. Sie sind dem Zuhörer vertraut, gleiten aber nicht ins Klischeehafte ab. Adjektive zum Beispiel werden selten gebraucht, kaum ja prenominal; wenn, dann nur als entscheidende Komponente für das momentane Glück. Betrachtet man die Zeile „der Wind waht ma a nagelneis Liadl her“ [Hervorh. durch d. Verf.], dann ist das ‚Nagelneie‘ am Lied unabdingbar, da es den Moment der Kreativität, das plötzliche Aufflammen einer neuen Melodie beschreibt. Auch der Gedanke an den „oide[n] Neil“ [Hervorh. durch d. Verf.] erhält seine Glückswertigkeit unter anderem durch die nostalgische Verklärung. Das Adjektiv „alt“ kann beispielsweise mit einer Faszination an der Altersweisheit und Abgekämpftheit eines Künstlers verknüpft sein. Abgesehen von diesen wenigen Ausnahmen öffnet die pure Wirkung der Substantive in den meisten Zeilen die Gleichung für den Moment („Nebel“ + „Fluss“ + „Morgensonn[e]“ = glücklicher Moment). Diese Gleichung ist klar und nachvollziehbar, somit wirkungsvoll, da in der Kürze des Liedhörens aufnehmbar.

Für den „Momentnsammler“ entstammen die aufgelisteten Glücksmomente drei Themenkomplexen: Musik, Natur und Menschen. Gerne auch in Verknüpfung: „Mit der Klampfn auf am Felsn hoch überm Meer“, „A Festl und an Garten voller Freind und Kinder, paar Gitarn, […] und a Nacht lang singa“. Der Sammler kann sich zwar an diese Momente erinnern, sie kurzzeitig wiederbeleben, aber nicht mehr erneut erleben.

Das Beleben selbst wird dabei zum erlebten Moment, beschert dem Sänger einen immer-neuen Moment des Glücks beim Vortragen des Lieds. Das Erinnern wird zum Erleben des Belebens. Das Sammeln wird potenziert. Dies färbt auch auf den Zuhörer ab. Er wird selbst zum „Momentnsammler“, der sich später einmal an Situationen erinnern wird, in denen er das Lied gehört hat – wie etwa ein Kommentar unter dem Youtube-Video des Liedes zeigt: „Des Lied hamma mir 5x auf da Abschlussfahr[t] gehört und es war das erste und [l]etzte Lied. Aber Hamma .“ (http://www.youtube.com/watch?v=a-jD78lw16I)

Florian Seubert

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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