Zwischen Resignation und Anklage: Das Aushebungslied „Wo soll ich mich hinwenden“

Wo soll ich mich hinwenden (Aushebungslied)

1) Wo soll ich mich hinwenden bei der betrübten Zeit*
   An allen Orten und Enden ist nichts als Krieg** und Streit
   Rekruten fanget man, so viel man haben kann;
   Soldat muss alles werden, sei einer Knecht oder Mann,
   Soldat muss alles werden, es sei Knecht oder Mann.

*  in einer anderen Version: in dieser schlechten Zeit.
** auch: Hass oder Kampf

2) Mit List hat man mich g’fangen, als ich im Bette schlief.
   Strickreuter* kam gegangen**, ganz leise auf mich griff:
   „Ei Bruder, bist du da? Von Herzen bin ich froh!
   Steh nur auf, Soldat mußt werden, das ist nun einmal so!“

*  berittener Soldat,
** auch: Da kam der Hauptmann gegangen

3) So bin ich nun gefangen, mit Eisen angelegt;
   Als wär‘ ich durchgegangen, so hat man mich belegt.
   Ach Gott, verleih‘ Geduld, ich bitt‘ um deine Huld!
   Mein Schicksal will ich tragen, vielleicht hab‘ ich’s verschuld’t.

4) Der König hat’s beschlossen, zu streiten für sein Land;
   viel‘ Kinder* werden erschossen durch der Feindlichen Hand.
   Das ist des Krieges Lauf: Rekruten hebt man auf,
   viel‘ tausend Kinder müssen ihr Leben geben drauf.

*  auch: Krieger

5) Dem König muß ich dienen, solang ich’s Leben hab‘;
   werd‘ ich einmal erschossen, wirft man den Leib ins Grab,
   allwo in einer Schicht – Ach Gott, erbarme dich! –
   viel‘ Kamerad‘* begraben; vielleicht betrifft’s auch mich.

*  auch: Brüder

6) Man hört Kanonen knallen, daß es die Luft erschallt;
   Viel tausend Brüder fallen, verlieren ihr‘ Gestalt,
   seufzen in ihrem Blut, das stromweis fließen tut,
   müssen den Geist aufgeben; o du unschuldig’s Blut!

7) „Ade, mein Vater und Mutter!“ „Ade, mein lieber Sohn;
   mußt dich zur Reis‘ begeben auf eine Festung zu,
   s’regiert jetzt in der Welt die Falschheit und das Geld;
   der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld.“

     [Aus dem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn der Folkgruppe 
     Zupfgeigenhansel, 1978.]

Zupfgeigenhansel hat dem im Großen Steinitz abgedruckten 12-strophigen Lied die Strophen 1 bis 6 entnommen und ihre 7. Strophe aus den ursprünglichen Strophen 7 und 8 kombiniert (s. auch Nachtrag Strophe 7 bis 12). Nicht bekannt ist, im welchen Jahr der Text der 12 Strophen entstanden ist. Für seine Entstehung geben manche Liederbücher an „aus dem 18.Jahrhundert“ bzw. „aus dem letzten Drittel des 18.Jahrhunderts“.

Ob die Melodie mit dem Schlemmerlied (auch Das tumbe Brüderlein) Wo soll ich mich hinkehren, ich tumbes Brüderlein übereinstimmt, ist umstritten. Dieses Lied wurde gemäß dem Lied- und Erzählforscher Heinz Rölleke „in manchen Umdichtungen geistlicher und politischer Art […] und erstmals in den ‚Bergreihen‘ 1535 und auch in Georg Forsters ‚Frische Teutsche Liedlein‘ I, Nürnberg 1540, überliefert“ (Das Große Buch der Volkslieder, Köln 1939, S. 94). Die dort abgedruckten Noten weisen nur eine geringe Ähnlichkeit mit der Melodie von Wo soll ich mich hinwenden auf. Dagegen ist die Verwandtschaft mit dem im Zupfgeigenhansl (hier 20. Auflage von 1921, S. 265) abgedruckten Schlemmlied offensichtlich, und auch im einigen Liederbüchern heißt es „Melodie Tumbes Brüderlein“ (z.B. 1912 in Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige und 1914 in Deutsche Soldatenlieder).

Interpretation

Das Lied handelt von einem offensichtlich jungen Mann, der als Soldat zwangsrekrutiert wird und sich Gedanken macht, wie es nun mit ihm weitergehen werden wird. Er ist sich klar darüber, dass im Krieg viele Soldaten sterben müssen. Er verabschiedet sich von seinen Eltern und verspricht seiner Liebsten, sie zu heiraten, falls er (heil) zurückkommt.

Im Einzelnen: Zu der Zeit, als das Lied im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand, war der Siebenjährige Krieg (1756–1763) gerade erst zu Ende gegangen. Preußen litt schwer an den Kriegsfolgen, es herrschte Hungersnot (die erst Jahre später mit Hilfe der aus Amerika eingeführten Kartoffel überwunden werden konnte).

Es ist nachzuvollziehen, dass das Sprecher-Ich in der ersten Strophe fragt, wo es sich angesichts des überall herrschenden Hasses (Kampfes, Krieges) und Streits hinwenden soll, um dem Soldatwerden zu entgehen. Eine gesetzliche Kriegsdienstverweigerung gab es nicht, und der Weg an die Küste, um per Schiff auszuwandern, barg die Gefahr, unterwegs geschnappt und rekrutiert zu werden. So ist anzunehmen, dass der junge Mann sich versteckt und gehofft hat, dass man ihn so schnell nicht finden würde. Er weiß, wie die Monarchen ihre Soldaten rekrutieren lassen: Wer sich nicht freiwillig meldet oder als Söldner anheuern lässt, der wird zwangsrekrutiert: „Rekruten fanget man“, denn „Soldat muß alles werden, es sei Knecht oder Mann“. Und ein neuer, der Österreichische Erbfolgekrieg 1778–1789, (Preußen gegen Österreich, das sich Bayern einverleiben will) steht bevor.

So ist er eines Nachts, als er (fest) schlief, auch tatsächlich von einem Hauptmann ausgehoben worden (vgl. Untertitel „Aushebungslied“), der ihn mit „Ei Bruder“ kumpelhaft begrüßt, „von Herzen froh“ ist, ihn endlich zu fassen und ihm lapidar erklärt: „Soldat mußt du nun werden, das ist nun einmal so!“

Resignierend bedauert der Sprecher in der 3. Strophe, dass er gefangen und in Ketten gelegt wurde. Er hat sich ohne Gegenwehr und Fluchtversuch gefangen nehmen lassen und beklagt sich darüber, dass man ihn wie einen Verbrecher gefesselt hat. Äußerlich hat er sich damit abgefunden, doch er bittet Gott um Geduld, damit er keinen Befreiungsversuch unternehmen möge, womöglich, falls der Versuch scheitern sollte, mit schlimmen Folgen. Auch bittet er Gott um Huld, dass der ihm als Soldat wohlgesonnen sein möge. Denn er befürchtet (5. Strophe), dem König so lange dienen zu müssen, wie er am Leben bleibt. Er fürchtet den Tod und in einem Massengrab („allwo in einer Schicht“) begraben zu werden wie (voraussichtlich) „viel‘ Kamerad‘“.

Während das Sprecher-Ich in den Strophen 2, 3 und 5 von sich und seinen Befürchtungen erzählt hat, sinniert es in der 4. und 6. Strophe allgemein über den Krieg. Die Menschen sind nicht gefragt worden, ob sie Krieg führen wollen; der König beschließt und seine Untertanen müssen gehorchen (hier eventuell ein Untertan des preußischen Königs Friedrich II.). Und es sieht so aus, als wenn der Dichter bereits Soldat gewesen wäre und seine Erfahrungen gemacht hat: vom Ausheben, der Zwangsrekrutierung der Männer, bis zum Sterben vieler tausend (Landes-)Kinder (in einer anderen Version: Brüder). Seine Kameraden (hier Brüder genannt) haben wie er die Kanonen nicht nur knallen hören, sondern auch erlebt, was sie anrichten können: vom Wunden schlagen bis hin zum massenhaften Töten. Bereits 1733 hatte König Friedrich-Wilhelm I. („Soldatenkönig“) das „Kantonsytem“ in Preußen eingeführt, danach wurde Preußen in sogenannte “Enrolierungskantone“ eingeteilt, aus denen die Rekruten regimentsweise ausgehoben wurden.

Wo soll ich mich hinwenden_1Wo soll ich mich hinwenden_2

Werbung von Rekruten für die Befreiungskriege

In einer anderen Version ist es der Kaiser, der beschlossen hat, in fremdes Land zu ziehen. Das deutet darauf hin, dass der junge Mann ein Untertan des österreichischen Kaisers war. Doch da das Lied in vielen Teilen Deutschlands verbreitet war (in den Liederbüchern werden verschiedene Regionen genannt: Franken, Hessen, Lothringen, Tirol, Sudetenland, Altmark u.a.), ist es woanders der König oder der Fürst. Wenn es in den Krieg ging, im Kabinett die Kriegsziele behandelt wurden (sogenannte Kabinettskriege, wie sie vielfach im 18. Jahrhundert üblich waren), dann wurden überall Männer rekrutiert. Die Monarchen, gedanklich noch im Absolutismus befangen, sahen die Untertanen als persönliches Eigentum an, die auch als Siedler oder Soldaten an andere Herrscher oder Staaten verkauft werden konnten.

In der „Kaiserstrophe“ beklagt der Dichter, dass viele Tausend ihr Leben lassen müssen und es Unschuldige trifft (ähnlich wie in der o.a. 6. Strophe), während die Regenten bei gewonnenen Kriegen zu Ruhm und Ehre kommen und vor allem zu neuen Ländern (vgl. Friedrich II., „der Große“, nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg: Schlesien und nach dem Siebenjährigen Krieg: Sachsen): „Das ist der Kriege Lauf, Regenten steigen auf / vieltausend von uns müssen ihr Leben geben drauf.“

Hier ist ähnlich wie bei den Strophen 8 bis 12 (s. Nachtrag) zu erkennen, dass das Lied mehrere Verfasser hatte und auf den Fliegenden Blättern in verschiedenen Versionen existierte bis schließlich 1855 alle Strophen vom Liedersammler Ditfurth zusammengefasst wurden (s. Rezeption).

Mit einem „Ade“ verabschiedet sich der junge Mann in der 7. Strophe von seinen Eltern, die ihm ebenfalls ein ‚Geh mit Gott‘ wünschen („Ade, mein lieber Sohn“). Auch die Eltern haben sich damit abgefunden, dass ihr Sohn Soldat werden muss. Sie meinen, dass in der Welt nur „die Falschheit und das Geld“ regiert und aus Erfahrung wissen sie, dass (nur) der Reiche sich helfen kann (sprich: sich dem Wehrdienst entziehen kann), wogegen der Arme ins Feld muss. Und heute noch werden entgegen dem UN-Fakultativprotokoll vom 12. Februar 2002 zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten massenhaft sogar Kinder (gemäß UN-Kinderrechtskonvention Jugendliche unter 18 Jahren) in Myanmar, Syrien, Kolumbien oder Somalia, Uganda, Kongo und anderen afrikanischen Staaten oder vom „Islamischen Staat“ (IS) zum Kriegsdienst gepresst.

Vor 1814 (Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen) konnten sich Söhne adeliger Eltern, sofern sie nicht Offiziere werden wollten, ebenso freikaufen wie reiche Bauern sich oder ihre Söhne. Derartiges Freikaufen war in vielen Ländern gängige Praxis. Noch fast hundert Jahre später, nämlich im spanischen Marokkokrieg 1909, konnten sich Reiche mit 6.000 Reales „einen Vertreter beschaffen, was jenseits der Möglichkeiten der Arbeiter lag(Wikipedia). Nicht freikaufen dagegen konnten sich die Männer aus Polen, Belgien, Luxemburg und anderen Staaten, die entgegen Artikel 45 der Haager Landkriegsordnung im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zum Wehrdienst oder zum Dienst in der Waffen-SS (NS-Erlass vom 22. Aug. 1942) gezwungen wurden. Und noch heute besteht in der Türkei die Möglichkeit des Freikaufs vom Wehrdienst für die im Ausland lebenden Türken, dabei ist nach dem Aktionsplan der 64. Regierung im Dezember 2015 der Betrag des Freikaufs von 6.000 auf 1.000 € gesenkt worden (vgl. deutsch-türkisches journal online, 10.12.2015).

Rezeption

Das Lied wurde nach seiner Entstehung im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und etwa bis 1830 mithilfe Fliegender Blätter verbreitet. Häufig waren dem ursprünglichen Lied mit sieben oder acht Strophen die Strophen neun bis zwölf (s. Nachtrag) hinzugefügt worden, vermutlich um die Zensoren bereits mit dem Hinweis „Abschiedslied“ von der der Brisanz der Strophen eins bis acht abzulenken. Häufig fehlten die Zeilen „‘s regiert in der Welt die Falschheit und das Geld; / der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ aus Vorsichtsgründen „offenbar vom Verleger weggelassen oder von den Zensoren gestrichen“ (Steinitz, S. 338). Doch in den Befreiungskriegen, als Tausende sich freiwillig meldeten, verlor das Lied seine Aktualität; dazu beigetragen hat sicherlich auch die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht 1814, obwohl noch bis 1830 Fliegende Blätter mit dem Lied in diversen Versionen erschienen sind (Steinitz berichtet von 19 Fassungen, die er im Freiburger Deutschen Liederarchiv vorfand, S. 337). 1812 erschien ein Fliegendes Blatt mit einer Umdichtung: Im ersten Vers lautet nun die 2. Zeile „An allen Orten und Ländern führt Napoleon Kampf und Streit“; im 4. Vers heißt es „Napoleon hat beschlossen, zu kriegen in Russland“ und weiter „Und viele deutschen Brüder müssen geben ihr Leben drauf.“

Bis 1855 sind keine Veröffentlichungen in Liederbüchern bekannt. 1855 brachte der Dichter und Liedersammler F. W. von Ditfurth (1821-1880) die Fränkischen Volkslieder, Teil II: Die weltlichen Lieder mit 12 Strophen des Liedes heraus. Seit dieser Veröffentlichung ist das Lied im Vergleich zu anderen Volksliedern, aber auch im Verhältnis zu anderen Soldatenliedern, nur in wenigen Liederbüchern erschienen. Bis zum Jahr 1907 (Historische Volkslieder und Zeitgedichte vom 16 bis 19. Jahrhundert mit 7 Strophen) ist vor der Jahrhundertwende hauptsächlich die bedeutende Liedersammlung Deutscher Liederhort III von Erk/Böhmer (1894) mit 12 Strophen zu erwähnen.

Mit Ausnahme von Singsang zur Drehorgel und Zupfgeige (1912) ist das Aushebungslied in keinem Liederbuch der Wandervogelbewegung enthalten. Dagegen taucht es 1914 und 1915, allerdings nur mit 5 bzw. 3 Strophen in Soldatenliederbüchern auf, und zwar 1914 in Deutsche Soldatenlieder, ohne die Strophe mit der Zeile „der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld“ und 1915 in Das deutsche Soldatenlied. Im Krieg ist das Lied „kaum noch gesungen worden“ (Wilhelm Schumacher, Leben und Seele unseres Soldatenliedes im Weltkrieg, 1928, S. 231).

Ein Lied mit der Anfangszeile „Wo soll ich mich hinwenden in der betrübten Zeit“ passte den Nationalsozialisten nicht in ihre „Zeit der nationalen Erhebung“ bzw. „Erneuerung“. So nimmt es nicht Wunder, dass es in kein einziges NS-Liederbuch aufgenommen wurde. Laut Schendel-Archiv (deutscheslied.com) ist es in der Zeit bis 1945 nur in Volkslieder des rumänischen Banats (1935) und in Deutsches Lied der Sudetendeutschen (1938) vertreten.

In den meisten der wenigen nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbücher mit dem Lied sind nur die Strophen 1, 2 und die obige 7. Strophe enthalten. Die erste Ausgabe nach 1945 ist 1957 die Liedersammlung Ludolf Parisius und seine altmärkischen Volkslieder (um 1850), neu herausgegeben von der Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann. 1965 folgte eine Neuauflage des Ditfurth-Buches von 1872, Deutsche Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 18. Jahrhunderts, und danach 1972 Lieder gegen den Tritt. Politische Lieder aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von der Publizistin Annemarie Stern. Anhänger der Folkmusik kennen das Lied seit 1975 durch Hannes Waders Album Volkssänger (und bis 2000 durch fünf weitere Alben mit dem Lied, jeweils nur mit 3 Strophen, s. Video), durch Hein und Oss Kröher (Doppel-LP Auf der großen Straße, 1977 mit dem Titel Der Arme muß ins Feld) und/oder durch Live-Auftritte von Wader, den Gebrüdern Kröher, der Gruppe Zupfgeigenhansel oder auch aus ihrem Liederbuch Es wollt ein Bauer früh aufstehn 1978 (7 Strophen).

Im Liederbuch mit der höchsten Auflage, Die Mundorgel, (bis 2013 10 Millionen Druck- und 4 Millionen Notenauflage) ist es ebenso wenig enthalten wie in den bedeutenden Liedsammlungen der Liederforscher Ernst Klusen, Heinz Rölleke oder Brederich/Röhrich/Suppan wie in den auflagestarken Liederbüchern Das Volksliederbuch (Weltbildverlag), Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann, 1993) oder im Insel Taschenbuch Alte und neue Lieder mit ihren Weisen (4. Auflage 1979) und in anderen Lieder-Taschenbüchern der Verlage Reclam, Fischer, Heyne oder Moewig. Dagegen taucht es jedoch seit 1977 in der weitverbreiteten Liederkiste mit 12 Strophen auf, sowie 1981 in der Sammlung Lieder der Arbeiterbewegung der Büchergilde Gutenberg.

In den meisten Liederbüchern der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung ist Wo soll ich mich hinwenden nicht zu finden mit Ausnahme des Liederbuchs der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (1985) und des Liederbocks (Verband Christlicher Pfadfinder, 1990).

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag

Die folgenden Strophen stammen ursprünglich aus den Fränkischen Liedern von Ditfurth  (s. o.). Sowohl der Große Steinitz (S. 336 f.) als auch die Liederkiste haben sie übernommen. Während die 8. Strophe in den ersten zwei Zeilen eine Variante der 7. ist (ähnlich auch Strophe 11 und 12), weisen die Zeilen 5 bis 8 eine Brisanz auf, die die Zensoren aktiv werden ließ. Betrachtet man die Verse 9 bis 12, wird verständlich, warum das Lied auch als Abschiedslied bezeichnet wurde und sie als später hinzugefügt angesehen werden.

7) „Adje nun, Vater und Mutter. Adje, mein lieber Freund!
Muß mich zur Reis‘ begeben, zur Residenz noch heut‘.
Der Himmel schütze euch! Wenn ich im Felde bleib‘
betet für meine Seele, daß sie komm‘ ins Himmmelreich!“

8) „Ach Vater, Schwester, Bruder, stellt euer Weinen ein!
Es kann nichts anders helfen, Soldat muss ich jetzt sein.
’s regieret in der Welt, die Falschheit und das Geld;
Der Reiche kann sich helfen, der Arme muss ins Feld“.

9) Der Vater weint um seinen Sohn, die Mutter um ihr Kind;
das Weib bedauert ihren Mann, weil sie geschieden sind;
Die Schwester um den Bruder, die Kinder um den Vater;
das ist ein Lamentieren, daß man nicht hören kann.

10) „Mein Schätzchen steht von weiten, schaut mich ganz traurig an;
ich sag es allen Leuten, was sie mit Gut’s getan.
Ob ich gleich fortmarschier‘, bleibt doch mein Herz bei dir
und bis zum Tod ergeben, gib mir das dein‘ dafür!“

11) „Noch ein Kuss wirst geben zum Zeugnis meiner Treu;
Ich geb‘ dir zwei dagegen und liebe dich aufs Neu.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich einst wiederkomme, gewiss ich heirat‘ dich!“

12) „Man hört die Vöglein singen, die liebliche Musik;
Ich wünsch‘ vor allen Dingen ein angenehmes Glück.
Leb‘ wohl, denk‘ oft an mich! Und glaube sicherlich:
Wann ich zu Hause komme, gewiss heirat‘ ich dich!“

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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