Delmenhorst – Überall. Nirgendwo. Zu „Delmenhorst“ von Element of Crime

Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

Hinter Huchting ist ein Graben
Der ist weder breit noch tief
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich hab jetzt Sachen an, die du nicht magst 
Und die sind immer grün und blau 
Ob ich wirklich Sport betreibe 
Interessiert hier keine Sau

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich mach jetzt endlich alles öffentlich 
Und erzähle, was ich weiß 
Auf der Straße der Verdammten 
Die hier Bremer Straße heißt

Hinter Huchting ist ein Graben 
In den sich einer übergibt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will 
Und das ist immer Delmenhorst 
Erst wenn alles scheißegal ist 
Macht das Leben wieder Spaß

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

     [Element of Crime: Mittelpunkt der Welt. Universal 2005.]

Delmenhorst, das hinter Huchting im Norden Deutschlands liegt, ist ein überschaubarer Ort. Seinen Bewohnern hat er nichts weiter zu bieten als einen Getränkemarkt und einen Graben, der „weder breit noch tief“ ist. Ein wahres Paradies für alle Freunde von Stammtischparolen und Gartenzwergen. Durch die Aufzählung typischer Merkmale Delmenhorsts, die sich von jenen anderer gewöhnlicher Kleinstädte nicht zu unterscheiden scheinen, bietet Regener dem Zuhörer eine Identifikationsmöglichkeit. So kann „Delmenhorst“ metaphorisch für jeden beliebigen Zufluchtsort stehen. Indem Regener sowohl dem Getränkemarkt den Namen „Getränke Hoffmann“ gibt als auch dem Graben die banalen Eigenschaften „weder breit noch tief“ zuschreibt , entsteht bei den Hörern der Eindruck, sie seien schon einmal dort gewesen.

Das Sprecher-Ich flüchtet vor einer Person, die noch nie in Delmenhorst gewesen ist. Um welches Geschlecht es sich handelt, sei der Phantasie des Rezipienten überlassen. Fest steht jedoch, dass eine Flucht der einzige Trost für den Verlassenen zu sein scheint, denn dieser sieht darin die letzte Möglichkeit, Abstand zu gewinnen. Nur an einem Ort, an dem keine gemeinsamen Erinnerungen haften, ist die Verdrängung möglich. Da sich der Sprecher aber immer wieder im fiktiven Dialog mit seinem Gegenüber befindet, wird deutlich, dass es ihm nicht ganz gelingt, es zu vergessen. Die Einsicht einer gescheiterten Flucht lässt ihn schließlich resignieren. Sein einziger Lichtblick ist die Tatsache, dass es schön ist, wenn er den Schmerz nicht mehr fühlt.

Regener arbeitet kontinuierlich mit dem Stilmittel der Ironie und verdeutlicht damit den Zwiespalt, in dem das Sprecher-Ich gefangen ist. Einerseits genießt es die Freiheit das zu tun, wonach ihm ist, da sich niemand dafür zu interessieren scheint („Ob ich wirklich Sport betreibe / Interessiert hier keine Sau“). Anderseits lässt die ironische Wortwahl jedoch vermuten, dass die Aussagen des Sprechers stets an die vermisste Person gerichtet sind. So nutzt er in liebevoller Provokation das Sprichwort „grün und blau schmückt die Sau“ um zu verdeutlichen, dass er sich nun weder des Geschmackes der angesprochenen Person entsprechend kleiden noch verhalten muss. Die Ambivalenz seiner ausweglosen Situation wird deutlich, als er am Ende jeder Strophe betont, das angesprochene Du solle Bescheid sagen, wenn es ihn liebt. Diese Mischung aus dem verzweifelten Versuch, mit der Vergangenheit abzuschließen, und der gleichzeitigen Hoffnung auf ein Wiedersehen mündet immer wieder in der Resignation des Wartens. Diese wird dabei durch den monotonen Sound des Stückes unterstützt. Die musikalische Ausgestaltung ist reserviert, denn der Fokus des Songs liegt klar auf dem Text und Vortrag von Sven Regener. So lenken die ruhig gehaltenen, sich wiederholenden Gitarrenriffs das Augenmerk auf die rauchige Stimme des Frontmannes, der davon singt, warum das Leben erst wieder schön ist, wenn alles scheißegal ist.

Kontrastreich zeigt sich Regener hingegen in seiner Wortwahl. Es fällt auf, dass eine Zeile des sonst gleichbleibenden Refrains stets variiert. Der Zeile „Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief“ folgt im anschließenden Refrain an gleicher Stelle „Hinter Huchting ist ein Graben / Der in die Ochtum sich ergießt“. Regener wechselt hier von einer alltagssprachlichen Formulierung zu einer sehr gewählten Ausdrucksweise. Diese Widersprüchlichkeit spitzt sich im folgenden Refrain weiter zu, wenn es heißt „Hinter Huchting ist ein Graben / In den sich einer übergibt“, bevor er schließlich im letzten Refrain zur Ausgangszeile zurückkehrt. Überträgt man diese Spannungskurve auf die innere Verfassung des Sprecher-Ichs, bestätigt sich die Annahme eines sich fügenden Individuums, das letztendlich die Erkenntnis gewinnt, ihm sei nur dann geholfen, wenn es den Zustand der Gleichgültigkeit akzeptiert.

 Annika Nesheim, Franziska Caysa und Dominik Meyer, Kassel

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3 Responses to Delmenhorst – Überall. Nirgendwo. Zu „Delmenhorst“ von Element of Crime

  1. Pingback: Sommerloch | Spitzmarke

  2. MrPostman says:

    Hallo, der Beitrag ist zwar schon ein bisschen älter, aber ich habe noch eine Kleinigkeit zum Verständnis zu ergänzen. Ich komme selbst aus der Region Oldenburg/Bremen und Delmenhorst ist dort nicht nur eine gewöhnliche, langweilig Stadt, sondern das schwarze Schaf, das missratene Kind. Viele kennen wohl aus der Heimat so eine Stadt oder einen Ort, der optisch nicht schön ist, nichts zu bieten hat und wo gesellschaftliche Probleme herrschen. Die Leute steigern sich so sehr in diesen nicht immer ernst gemeinten Hass hinein, obwohl da die meisten gerade deshalb noch nie wirklich waren. Delmenhorst ist so ein Ort, bei dem sich die Oldenburger/Bremer fragen, warum jemand dort gern wohnen möchte. Wer Jan Böhmermann schon etwas länger verfolgt, wird genügend Seitenhiebe kennen. Sven Regener kommt nun mal aus Bremen und wird diese ganzen Klischees kennen. Das lyrische Ich flüchtet sich an einen Ort, der bei uns der Inbegriff von Scheiße ist (ich kann es nicht eleganter ausdrücken). Die Flucht an einen hässlichen und problematischen Ort, wohin niemand jemals freiwillig hingehen würde, nur damit man auf jeden Fall (!) vor der angesprochenen Person sicher ist. Die Verzweiflung muss riesig sein. Ich spiele hier natürlich mit Klischees, gehe aber davon aus, dass Delmenhorst metaphorisch genau dafür steht und deshalb ausgewählt wurde.

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