Bildungsbürger proben den Aufstand, aber nicht im Sauerland! „Wissenswertes über Erlangen“ von Foyer des Arts

Foyer des Arts
 
Wissenswertes über Erlangen

„Sagen Sie mal junger Mann, ich hätte mal ’ne Frage.
Da rechts da steht doch so ’ne Kirche, wie heißt die denn?“

Das ist ein netter junger Mann,
was der sich alles merken kann.
Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen.
Wissenswertes, Wissenswertes über Erlangen ...

„Merken Sie sich eines: Erlangen liegt nicht im Sauerland!
Hier rechts das neue Schwimmzentrum,
zum Schwimmen, Trimmen, Sonnenbaden.
Diese Seite Erlangens ist weithin unbekannt.“  (10)

Das ist ein netter junger Mann,
was der sich alles merken kann.
Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen.
Wissenswertes, Wissenswertes über Erlangen ...

„Hier links ist eine Kirche, sie wurde erbaut in der Vergangenheit,
von einem Baumeister aus dem Sauerland.
Insbesondere sonntags wird sie von gläubigen Erlangern gern besucht.
Das religiöse Leben Erlangens ist breit gefächert und sehr interessant.“  (18)

Das ist ein netter junger Mann,
was der sich alles merken kann.
Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen.
Wissenswertes, Wissenswertes über Erlangen ...

„Jetzt kommen wir zum Marktplatz, im Volksmund auch das Stadtzentrum genannt.
Hier steht das Alte Rathaus und das neue Shopping-Zentrum.
Hier steh’n Vergangenheit und Gegenwart dicht beieinander.
Diese Seite Erlangens nimmt sich imposant aus und ist sehr interessant.“ (26)

Das ist ein netter junger Mann,
was der sich alles merken kann.
Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen.
Wissenswertes, Wissenswertes über Erlangen ... (30)

„Sagen Sie mal junger Mann, ich hätte mal ’ne Frage. Sind Sie ein echter Erlanger?“
– „Ja, ich bin von Erlangen.“
– „Ein waschechter Erlanger?“
– „Ja, ich bin gerne in Erlangen.“
– „Ich liebe den Humor der Erlanger.“ (35)
– „Das stimmt. Ha ha.“
– „Dieser Mutterwitz.“
– „Ja, ja.“
– „Und die Erlanger sind so gastfreundlich.“
– „Ja, ja.“ (40)
– „Und die modernen Bauten ...“
– „Ja, ja.“
– „... und dennoch traditionsbewusst.“
– „Ja ja, es stimmt. Die Erlanger sind wirklich gastfreundlich.“
– „Hm hm.“ (45)
– „Aber hier liegen ja so viele Zigarettenkippen auf der Straße.“
– „Naja.“
– „Martha, bei uns in Bielefeld ist das ja alles viel sauberer.“
– „Hören Sie mal zu. Die Bielefelder sind doch so mundfaul.“
– „Also wenn ich auch einmal etwas sagen darf. Am gastfreundlichsten sind doch die (50)
  Isarlohner. Und auch die jungen Leute in Isarlohn sind immer so gepflegt. Sicher,
  Jeanshosen tragen sie ja heut’ alle. Da hat man ja nicht’ gegen. Aber sauber ...“
– „Alle jungen Leute in Erlangen sind auch sehr adrett und grüßen im Treppenhaus wenn
  man sie trifft.“
– „Also ich hab’ mal ’ne Führung durchs Edelsteinmuseum. Sie wissen ja –  Idaoberstein.
  Was sach ich, ein wunderbarer Führer. So ein Student ... Lange Haare, aber eben sehr
  freundlich und hilfsbereit.“  (57)
(Ja die Erlanger sind gastfreundlich.)
– „Die Idaobersteiner sind ja überhaupt sehr hilfsbereit.“
– „Da mögen Sie aber noch Glück gehabt haben. Ich hab ja auch mal eine Führerin gehabt,
  im Marmeladenmuseum von Schwarthau. Ach, die zotteligen Haare hingen der so ins
  Gesicht und auch in den Mund, wenn sie sprach. Widerlich.“ (62)
– „Ja ja, die im Norden sind sowieso ein ganz anderer Menschenschlag.“
– „Die im Norden.“
–  „So humorlos!“
– „Ja ganz humorlos, schrecklich ...“
 – „...Ausgesprochen!“
–  „Bis die mal den Mund aufkriegen ...“
– „Ja, das kann man von den Erlangern nicht sagen.“
– (Ja, die Erlanger sind gastfreundlich.) (70)
– „Gott sei Dank. Die haben ja eine ganz besondere Herzlichkeit. Und wenn man mal in
  ein Gasthaus geht. Da ist ein ganz besonderes Flair. Das gibt’s eben nur in
  Erlangen.“
– „Also ich komme aus Wolfsburch. Bei uns ist es doch auch sehr schön. Die Stadt hat
  auch so ein eigenes Flair. Man kann das gar nicht richtig beschreiben.“
– „Also haben Sie denn in Wolfsburg auch so nette ... wo man mal ’nen Kaffee trinken
  kann, schön mittags ...?“ (76)

     [Foyer des Arts: Wissenswertes übedr Erlangen. WEA 1982.]

Wenn sich populäre Lieder des 20. Jahrhunderts bestimmten Städten oder Landschaften zuwandten, ging es ihnen in aller Regel um musikalische Sympathieerklärungen: „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“, „Das ist die Berliner Luft“, „Wien, du Stadt meiner Träume“, „In de Palz geht de Parre mit de Peif in die Kerch“ usw. Heute punkten Sänger und Texter bei ihrem Publikum dagegen weniger mit Panegyrik als mit Bashing, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass dergleichen Produktionen eher bei den Nachbarn Anklang finden als bei den Bewohnern der besungenen Objekte. Insofern macht es gleich mehrfachen Sinn, aus Bamberger Nahdistanz diese freche Erlangen-Hymne der Avantgarde-Band Foyer des Arts (Max Goldt und Gerd Pasemann) zu begutachten.

 Dieser 1982 aufgenommene Titel war der kommerziell erfolgreichste Song von Foyer des Arts. Die Aussagekraft dieser Information wird freilich durch eine andere relativiert, derzufolge das Lied in den deutschen Single-Charts gerade einmal Platz 36 erkletterte. Schade! Von seiner musikalischen und satirisch-komischen Substanz her wären ihm frenetischere Ovationen zu gönnen gewesen; denn so sparsam sich vielleicht (?) auch die musikalische Ausstattung darstellt (hier sei Wikipedia zitiert: „Der musikalische Verlauf des Stückes ist spannungsarm und bedient sich eher minimalistischer Mittel. Kennzeichnend ist der monoton durchlaufende Schlagzeug-Backbeat, die Basslinie und das Streicher-Riff sowie das öfters auftretende, fanfarenartige Trompeten-Motiv. Das Stück steht im 4/4-Takt und ist durch den ständigen Harmoniewechsel von h-Moll und A-Dur charakterisiert. Paradoxerweise beginnt der Titel mit nordseeartigem Möwengekreische und einem Nebelhornsignal, was für das im Landesinneren gelegene Erlangen untypisch ist.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenswertes_%C3%BCber_Erlangen), so kreativ und witzig entwickelt sich der Text bzw. das dargestellte Geschehen.

 Wie bei einer Life-Reportage werden die Hörer dieses Songs zu Zeugen einer Stadtführung, die allmählich die gewohnt banalen Bahnen derartiger Veranstaltungen verlässt und in einem polyphonen Chaos endet, das alle beteiligten Faktoren bzw. Instanzen der Situation satirisch verspottet. Wie schon oben angedeutet, scheint ein Bamberger (gerne auch Nürnberger) Publikum ideal prädisponiert, die vielen kleinen Gemeinheiten dieses Liedes zu erkennen und zu goutieren. Zunächst weiß man als fränkischer Nachbar Erlangens, dass die Bürger dieses altehrwürdigen Universitätsstandortes den Namen ihrer Ansiedlung auf der zweiten Silbe zu betonen pflegen. Indem Foyer des Arts in penetranter Übertreibung „Er-langen“ auf der ersten Silbe akzentuieren, gewinnen sie dadurch zwar einerseits eine markante rhythmische Grundfigur, produzieren damit zugleich aber das komische Paradox zwischen der Ankündigung, vorgeblich „Wissenswertes“ über eine Stadt verlautbaren zu wollen, deren Namen man nicht einmal richtig aussprechen kann,– bzw. deren korrekte Aussprache man zwar kennt, aber dennoch ignoriert, weil man die ganze Stadt nicht ernst nimmt und das auch deutlich machen will.

 Dass Erlangen die Rangliste touristischer Ziele nicht gerade anführt, dürfte weithin bekannt sein. Den Nachbarn aus Bamberg, Würzburg und Nürnberg dürfte es sogar ein inneres Schlammbad sein, wenn der Stadtführer dieses Songs seinen Schäfchen ein Schwimmzentrum, die Kirche eines Baumeisters aus dem Sauerland, das Alte Rathaus und das neue Shopping-Center mangels besserer Alternativen als die Hauptsehenswürdigkeiten Erlangens präsentiert. Die Komik der Situation springt aber schnell vom besichtigten Objekt auf die beteiligten Akteure über: Da ist zum einen der Stadtführer, der sich aufbläst und Trivialitäten mit dem Gestus der Gelehrsamkeit verkündet, zum anderen sein demonstrativ kulturbeflissenes, offenkundig älteres Publikum, das sich diesen Schwachsinn (zunächst) anscheinend aufmerksam anhört, bestaunt und mit Beifallsbekundungen honoriert.

 Urkomisch sind die überraschenden Sauerland-Einschübe in den Versen 7 und 16, die innerfiktional zunächst zu Lasten des vom Stadtführer offenbar als extrem desorientiert angesehenen Publikums bzw. auch Erlangens gehen, dessen wichtigster Baumeister ein namenloser Sauerländer zu sein scheint; außerfiktional setzt das Stichwort „Sauerland“ allerdings einen ähnlich lächerlichen Impuls wie die Namen „Bielefeld“ in Zeile 48 f., jener Stadt von der man ja gar nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt (vgl. RUTHE, Zeugenschutzprogramm), „Idaoberstein“, „Isarlohn“, „Schwarthau“ oder „Wolfsburch“. Alle diese – mehr oder minder verballhornten bzw. dialektal verzerrten – Ortsnamen bilden zusammen mit dem ,Haupttatort’ Erlangen ein Paradigma touristisch (mehr oder minder) uninteressanter Lokalitäten, das innerfiktional bestens zum Personal passt, außerfiktional aber unangemessen-komisch wirkt.

 In der zweiten Hälfte des Songs rückt allmählich das Publikum der Stadtführung ins Zentrum der Satire. Der dröge Stadtführer schafft es zunehmend nicht mehr, seine Herde zu disziplinieren. Die Leute werden aktiv, ja renitent. Sie erobern sich zunehmend Redeanteile, wobei sie sich zugleich als Kollektiv auflösen. Dieser Prozess ist bereits an der Form des Textes ablesbar, die nach Zeile 30 ihre Strophengliederung verliert. Der beschriebene Prozess verläuft psychologisch durchaus stimmig und realitätsnah. Die ersten Statements aus dem Publikum tarnen sich als Fragen und respektieren damit noch formal das Rollenschema einer Stadtführung, obwohl sie es inhaltlich schon untergraben, da es keine Fragen „zur Sache“ sind. Die Frage zur Herkunft des Stadtführers scheint das Eis gebrochen zu haben, weitere Personen der Gruppe melden sich zu Wort. Statt Fragen zu stellen, geben sie Statements ab: „Ich liebe den Humor der Erlanger.“, „Und die Erlanger sind so gastfreundlich.“, „Und die modernen Bauten …“. Dem Stadtführer bleibt nur noch die passive Rolle des ,Abnickers’: „Ja, ja.“ (38),   „Ja, ja.“ (40), „Ja, ja.“ (42). Von „Führung“ kann keine Rede mehr sein; mit seinem „Ja, ja.“ hält er die Meute allenfalls noch bei Laune, indem er den angebotenen ,Bestätigungs-Diskurs’ nicht stört.

 Ab Zeile 44 ist schon nicht mehr klar, wer die jeweiligen Sätze formuliert und ob der Stadtführer überhaupt noch einmal zu Wort kommt. Die Gruppe hat das Szepter übernommen, und jeder schwätzt daher, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Unter die bislang geäußerten Nettigkeiten mischen sich kritische Töne, man vergleicht Äpfel mit Birnen, demaskiert eigene Vorurteilsstrukturen und zeigt peinlicher Weise, wes Geistes Kind man ist. Dem Leser/Hörer wird klar, dass er dem Scheitern des Veranstaltungsformats ,Stadtführung’ beiwohnt, und er darf sich fragen, ob Stadtführungen nicht häufig fragwürdige, tendenziell anachronistische Veranstaltungen für ein ganz spezielles (,bildungsbürgerliches’) Publikum sind, dessen Mentalität und Werte-Horizont Gegenstände eines sozialpsychologischen Seminars sein könnten, hier aber nicht weiter analysiert werden können und sollen. In diesem Kontext ist für mich psychologisch hochinteressant, wie eine im Grunde doch konservativ und autoritätshörig ,gestrickte’ Gruppe gewissermaßen anarchistisch revoltiert, sobald ihr ,Führer’ die Zügel auch nur einen Augenblick locker lässt.

 Die satirische Kritik der Gruppe Foyer des Arts an ,spießigen’ Einstellungen einer älteren, konservativen Gesellschaftsschicht kommt 1982 bereits deutlich verspätet; eine ganze Generation sog. ,Liedermacher’ hatte dieses Thema bereits in den 1970er Jahren abgearbeitet. (Als typisch für diese Verspätung darf z.B. auch der Umstand gewertet werden, dass der Song 1983 – verkürzt – in Dieter Thomas Hecks „Hitparade“ aufgeführt werden durfte.)  Dass „Wissenswertes über Erlangen“ dessen ungeachtet – auch heute (2012) noch – als komisches Lied funktioniert, liegt m.E. weniger an seiner gesellschaftskritischen Sprengkraft als an seinen zahlreichen grotesken Einfällen, dem markanten Rhythmus der Titelzeile und der stringenten Durchführung einer anarchischen Befreiung von einer ebenso sinnleeren wie öden Bildungsveranstaltung.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Bildungsbürger proben den Aufstand, aber nicht im Sauerland! „Wissenswertes über Erlangen“ von Foyer des Arts

  1. Gabi says:

    Hat dies auf Gedankenkramschatulle rebloggt und kommentierte:
    Dieser erschöpfenden Interpretation ist nichts hinzuzufügen… drauf gestoßen bin ich, weil der @janboehm postete, er sei heute Abend in Erlangen. Etwas klickte in meinem Gedächtnis…

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