Loblied auf Bergische Frauen: Bill Ramseys „Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe)“ (1961)

Bill Ramsey (Text: Hans Bradtke)

Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe)

Kennt ihr die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
von der ganz Marokko spricht?
Die kleine süße Biene mit der Tüllgardine
vor dem Babydollgesicht?
Suleika, Suleika heißt die kleine Maus,
heißt die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
und genauso sieht sie aus.

Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient,
da staunt ein jeder, der sie kennt!
Und mancher Wüstensohn hat sie schon als Fata Morgana gesehn.
Ja, sogar mir, sogar mir blieb bei ihr das Herz fast stehn.

Denn diese Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
sah mich ohne Pause an.
Die kleine süße Biene mit der Tüllgardine,
die man nicht durchschauen kann.
Suleika, Suleika tanzte auf mich los.
Ja, die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
setzte sich auf meinen Schoß.

Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient,
da staunt ein jeder, der sie kennt!
Und mancher Wüstensohn hat sie schon als Fata Morgana gesehn.
Mir aber war im Moment noch nicht klar, was da geschehn.

Denn diese Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
rückte näher peu a peu.
Dann hob die süße Biene ihre Tüllgardine
vor mir plötzlich in die Höh'.
"Elfriede, Elfriede!" rief ich durch den Saal,
denn die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe
kannte ich aus Wuppertal!

     [Bill Ramsey: Zuckerpuppe (aus der Bauchtanz-Truppe). Polydor 1961.]

Für Bruni

Zu den sympathischen Zügen des deutschen Schlagers zählt seine prinzipielle Fähigkeit und hin und wieder auch tatsächlich nachgewiesene Bereitschaft, sich selber – d.h. seine Themen, Illusionen und Rezeptionsroutinen – auf die Schippe zu nehmen. In dieses illustre Subgenre selbstironischer Schlager ordne ich auch Bill Ramseys 1961 eingesungenen Hit Zuckerpuppe ein. Texter des Titels ist Hans Bradtke (Pack‘ die Badehose ein, Kalkutta liegt am Ganges, Pigalle usw.), als Produzent fungierte Kurt Feltz und die Komposition stammt von Heinz Gietz (1924-1980), der nach dem 2. Weltkrieg vor allem für den Hessischen Rundfunk und deutsche Bigbands als Arrangeur arbeitete, aber auch selber komponierte und gelegentlich sogar Texte schrieb. Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre gab es eine kurze, aber intensive Zeit gemeinsamer Produktionstätigkeit mit Kurt Feltz, wobei Gietz eher für die Musik zuständig war, Feltz meist für die Texte, sofern dafür nicht Bradtke einsprang. Ramseys Zuckerpuppe war das letzte Produkt dieser Zusammenarbeit (vgl. Wikipedia).

Mit Ramsey (geb. 1931 in Cincinnati, Ohio) war Heinz Gietz eng verbunden, hatte er dem ehemaligen amerikanischen Soldaten doch den Weg ins deutsche Film- und Schlagergeschäft (1955) geebnet. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass Ramsey schon als Truppen-Betreuer der amerikanischen Streitkräfte über professionelle Erfahrungen im Unterhaltungsgeschäft, speziell als Jazz-Sänger, verfügte. In Deutschland schaffte er seinen endgültigen Durchbruch 1959 mit Souvenirs, der Coverversion eines amerikanischen Songs von Cy Coben. Ramsey verlegte sich in den frühen 1960er Jahren auf humoristische Filmrollen und einschlägige Schlager (Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, 1962). Später widmete er sich wieder stärker Jazz- und Blues-Titeln, nahm aber auch Kinderlieder, Operettenarien und Musical-Songs auf. Im Frühjahr 1961 hatte das Quartett Ramsey/ Bradtke/ Gietz/ Feltz schon einmal mit Pigalle die Spitze der deutschen Hitparade für drei Wochen erobert, mit der Zuckerpuppe legte man nun nach: Wieder geht die Reise ins Rotlichtmilieu, das für die prüde deutsche Nachkriegsgesellschaft einen beachtlichen Attraktionswert gehabt haben muss. Wie schon bei Pigalle macht die humoristische Behandlung den Gegenstand für ein breites Publikum konsumierbar.

Das Geschehen ist leicht nacherzählt: Die Sprecherinstanz, der Ramsey einen starken amerikanischen Akzent und ein reges Minenspiel (dem zeitgenössischen Publikum von zahlreichen Film-, Fernseh- und Konzertauftritten bestens bekannt) verleiht, folgt den ,Lockungen des Orients‘ als hätte er noch nichts von Saids Kritik am westlichen Kulturimperialismus, von ,Orientalism‘, Dekonstruktion und political correctness im Postkolonialismus gehört- (Hoppla, hat er vermutlich tatsächlich nicht! Edward Saids diskursbegründender Megaseller sollte im englischen Original ja erst 17 Jahre später auf den Markt kommen, in der deutschen Übersetzung 1979.) So darf sich also im Schlager aus der bundesrepublikanischen Frühzeit ein Ramsey bzw. sein fiktionales Alter Ego noch ohne öffentliche Empörung auszulösen in eine hübsche Bauchtänzerin ,vergucken‘ und sich dabei ohne den geringsten Anflug eines schlechten Gewissens im siebten Himmel fühlen – oder sogar im achten, als diese „süße Biene“ auch noch auf ihn ,lostanzt‘, d.h. etwas inszeniert, was man dank Tina Turner heute als ,private dancing‘ bezeichnen würde, was aber damals erotisch so avanciert gewesen sein muss, dass es noch gar keinen richtigen Namen dafür gab.

Die letzte Strophe endet für die Sprecherinstanz, aber auch für das Publikum mit einer gewaltigen Überraschung. Wie es sich für einen ordentlichen Schleier- respektive Tüllgardinen-Tanz schickt, wird am Ende das Inkognito gelüftet. „Suleika“, die „Zuckerpuppe“, entpuppt sich – als ziemlich bodenständige „Elfriede“ aus dem Bergischen Land, aus „Wuppertal“. Offen bleibt, ob aus Barmen oder Elberfeld. Selbst Edward Said müsste an dieser Form von Orientalismus- bzw. Exotismus-Kritik seine Freude gehabt haben! (Stelle ich mir wenigstens vor.) Unser Schlager entlarvt bzw. ,entzaubert‘ die dekadenten Phantasien eines Kulturimperialisten als eben solche aufs Anschaulichste.

Oder passiert am Ende etwas ganz anderes? Versuchen wir doch einmal, uns vorzustellen, wie das seinerzeitige Publikum den Moment der Anagnorisis in diesem Schlager aufgefasst haben mag. Ich halte dafür, dass im Lachen über die Pointe eine ordentliche Portion Schadenfreude mitgeschwungen hat, dass man die Entwicklung der Dinge durchaus als Strafe für die Sprecherinstanz verstanden hat. Als Strafe für den ,unmoralischen‘ Besuch eines verruchten Etablissements, für ,schmutzige‘ Phantasien von orientalischen Zuckerpuppen, für die Hybris, etwas erleben zu dürfen, was normalen Männern – selbst Vorder- und Hinterorientalen! – allenfalls in Form einer Fata Morgana begegnet, oder einfach als ,gerechten Ausgleich‘ dafür, dass es ihr zu gut gegangen war. Da wird jemand auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – schließlich ist noch kein Baum in den Himmel gewachsen! Vielleicht war besagtes Vergnügen noch zusätzlich durch den Umstand befeuert, dass die Verwandlung Suleikas in Elfriede einen US-Boy getroffen hat, also einen, der damals mit Dollars nur so um sich schmeißen und Nachtlokale besuchen konnten, was dem ,normalen‘ Nachkriegsdeutschen in der Regel nicht vergönnt gewesen ist und entsprechende Neidgefühle provoziert haben könnte.

Gegen diese Deutung plädiere ich hier allerdings dafür, den eigentlich offenen Ausgang der Geschichte anzuerkennen und diesen als Chance für eine bessere gemeinsame Zukunft der Protagonisten zu begreifen. Die Sprecherinstanz hat aus seiner Erfahrung mit der Bauchtanztruppe (vielleicht? / hoffentlich!) gelernt, seine alte Bekannte aus Wuppertal, die nette Elfriede, die ihm ja offensichtlich herzlich zugeneigt ist, mit anderen Augen anzusehen, nämlich zu erkennen, dass sie eigentlich ja doch eine ausgesprochen „süße Biene“ ist und jederzeit als eine „Suleika“ durchgehen könnte. Dass eine Frau nicht aus Marokko kommen und auch keinen exotischen Namen mit erotischen Konnotationen haben muss, um einen Mann glücklich zu machen. Sollte der von Bill Ramsey verkörperte Galan das begriffen haben, wäre er von seinen exotistischen Phantasien geheilt und könnte mit Elfriede einen soliden deutsch-amerikanischen Hausstand begründen. Abstrakter formuliert dürfte man demnach die Zuckerpuppe als Exempel auf die Volksweisheit „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ betrachten. Das wäre dann natürlich wieder ein bisschen spießig, passte darin aber doch ganz gut zum Generaltrend des deutschen Schlagers der frühen sechziger Jahre.

Nachzutragen bleibt weiter Löbliches: Der lustige Song hat eine flotte Rhythmik, dazu eine Melodie mit Ohrwurmqualität, ist – im zeitlichen Kontext – erfrischend jazzig arrangiert (oft übernahm Ramsey selbst den Klavierpart), bestens tanzbar und im Übrigen multifunktional einsetzbar. So war beispielsweise der Auftritt der (von Corinna Duhr dargestellten) Bundeskanzlerin im Nockherberg-Singspiel zur Zuckerpuppen-Vorlage sicher ein Höhepunkt in der Geschichte dieses bajuvarischen Kabarett-Spektakels. Auch hat der Text formal einiges zu bieten, u.a. semantisch überraschende Reime, intelligente Variationen von Binnen- und Endreimen, schöne Parallelismen in der Makrostruktur sowie ein komisches Wechselspiel von Begriffen aus gegensätzlichen Sinnsphären – exotistischen Reizwörtern einerseits, Elementen bzw. Formulierungen eines spießigen Nachkriegs-Biedermeiers andererseits. Eine professionelle Arbeit von allen Beteiligten!

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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