Was zum Leben wichtig ist – Theodor Kramers Gedicht „Woher soll das Brot für heute kommen“ und seine Vertonung

Theodor Kramer

Woher soll das Brot für heute kommen

Woher soll das Brot für heute kommen,
Wenn ich keine Arbeit finden kann?
Andre wissen nicht, wie davon essen,
Doch ich darf mich nicht einmal vermessen
Sie zu suchen wie ein andrer Mann.

Woher soll die Ruh' zum Abend kommen,
Wenn man jederzeit sie stören kann?
Jede Stunde können sie mich holen
Und mir krümmen sich im Bett die Sohlen,
Läutet es, und ist's nur nebenan.

Woher soll der Mut für morgen kommen,
Wenn ich ihn mir gar nicht denken kann?
Gegen nichts vermag ich mich zu wehren,
Denn seit Langem leb' ich ganz im Leeren
Und ich streif' nur an den Möbeln an.

Woher soll aus mir die Liebe kommen,
Wenn ich doch zu keinem gut sein kann?
Brot und Ruhe sind zum Leben wichtig
Und mein eignes ist seit Langem nichtig,
Aber Liebe not tut jedermann.

Theodor Kramers Gedicht Woher soll das Brot für heute kommen erzählt von Not und Bedrängnis. Das Duo Zupfgeigenhansel hat die Verse in eine Melodie gekleidet und sie dadurch wieder bekannter gemacht.

Der Autor wurde 1897 in Niederhollabrunn in Österreich-Ungarn geboren. Nach einem abgebrochenen Studium der Germanistik und der Staatswissenschaften und einigen Jahren der Tätigkeit u. a. als Buchhändler war er ab 1931 freier Schriftsteller. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 wurde er als Jude und Sozialdemokrat mit einem Berufsverbot belegt und emigrierte 1939 nach London. Eine schnelle Rückkehr in die Heimat nach Ende des Zweiten Weltkriegs lehnte Theodor Kramer ab, erst 1957 verließ er England wieder. Er starb 1958 in Wien.

Sein Werk umfasst etwa 12.000 Gedichte, von denen nur 2.000 publiziert wurden. Die Verse des einst erfolgreichen und bekannten Dichters, denen „eine leichte Verständlichkeit, ein volksliedhafter, konventioneller Ton“ nachgesagt werden, fielen nach 1945 der Vergessenheit anheim.

Woher soll das Brot für heute kommen kann zu Theodor Kramers zweiter Schaffensphase gezählt werden, während derer er sich mit den Themen Verfolgung und Exil befasste.

Wir haben es mit vier Strophen aus jeweils fünf Versen zu tun. Das Reimschema ist durchgängig abccb, wobei die Endwörter der ersten beiden Verse einer jeden Strophe den gesamten Text hindurch die gleichen bleiben. Diese ersten beiden Verse sind jeweils parallel aufgebaut: „Woher soll x […] kommen / wenn y (nicht) […] kann?“ Nebenbei können wir bei den Anfangsversen der einzelnen Strophen, die sich durch das ganze Gedicht ziehen, auch Alliterationen feststellen: Das erste Wort im ersten und zweiten Vers beginnt immer mit einem „w“, das letzte mit einem „k“.

Auf der Wortebene finden sich im gesamten Text zahlreiche Wiederholungen von „ich“, „mich“ etc. sowie von Negationen wie „nicht“ und „keine“. In der letzten Strophe werden diverse Wörter wiederholt, die schon zuvor verwendet wurden, nämlich „Brot“ aus der ersten, „Ruhe“ aus der zweiten und „Liebe“ vom Anfang der gleichen Strophe.

Aus der ersten Strophe spricht materielle Not: Das lyrische Ich hat nichts zu essen, da es nicht arbeitet und gar nicht arbeiten darf. Es wird ein Gegensatz zwischen dem „Ich“ und den „anderen“ beschrieben – andere können von ihrer Arbeit nicht leben, doch der Sprecher hat nicht einmal das Recht, nach einer Arbeit zu suchen.

In der zweiten Strophe ist von einer Bedrohung die Rede, die jedoch namenlos bleibt, mit „man“, „sie“ und „es“ umschrieben wird. Das lyrische Ich kann keine Ruhe finden, denn seine Befürchtungen könnten sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt bewahrheiten, wie durch die Wiederholung von „jederzeit“ / „jede Stunde“ deutlich wird. Befürchtet wird offenbar eine Verhaftung („Jede Stunde können sie mich holen“) und der Krampf in den Füßen („mir krümmen sich im Bett die Sohlen“) beim Ertönen der Klingel in der Nachbarwohnung zeigt anschaulich, wie groß die Angst sein muss.

In der dritten Strophe scheint das lyrische Ich gar nicht mehr richtig da zu sein: Es lebt „im Leeren“ und „streif[t] nur an den Möbeln an.“ Grund dafür ist ein Mangel an „Mut“ und die Unfähigkeit, für sich selbst einzustehen, sich „zu wehren“.

Die vierte Strophe zieht Bilanz aus dem zuvor Gesagten und wechselt von der Schilderung der persönlichen Lage etwas ins Allgemeine: „Brot und Ruhe sind [generell] zum Leben wichtig“, und „jedermann“ braucht Liebe. Das lyrische Ich kann niemanden lieben, da es praktisch gar nicht existiert (sein Leben ist „nichtig“ und zwar schon „seit Langem“ – hier wird eine in der vorigen Strophe gebrauchte Wendung wiederholt).

Da wir Theodor Kramers Biographie kennen, ist klar, was hinter der anonymen Bedrohung in der zweiten Strophe steckt: der Naziterror. Verhaftungen bei Nacht, die jederzeit erfolgen können und schon im Voraus Angst machen, scheinen generell ein Merkmal von Diktatur und Gewaltherrschaft zu sein. Der katalanische Dichter Lluís Serrahima schrieb 1968 den Text zu dem Lied „Què volen aquesta gent“, mit dem die Sängerin Maria del Mar Bonet bekannt wurde. Die Inspiration lieferte die wahre Geschichte eines Studenten, der sich gegen das Franco-Regime engagierte und sich aus dem Fenster stürzte, um einer Verhaftung zu entgehen. „Què volen aquesta gent / Que truqen de matinada?“, „Was wollen diese Leute / Die am Morgen klingeln?“, fragt der Refrain. In dem katalanischen Lied hat der junge Mann ein eventuelles Klingeln am frühen Morgen bereits seit Tagen gefürchtet: „Dies fa que parla poc / I cada nit s’agitava / Li venia un tremolor / Tement un truc a trenc d’alba.“ („Seit Tagen sprach er wenig / Und wälzte sich jede Nacht herum / Ihn überkam ein Zittern / Da er ein Klingeln im Morgengrauen fürchtete“).

Der Verlust der Würde und Menschlichkeit, der aus der dritten und vierten Strophe von Kramers Gedicht spricht, findet sich im Zusammenhang mit der Naziherrschaft auch in anderen Texten. Der jüdische italienische Autor Primo Levi hat seinem Buch „Se questo è un uomo“ (deutscher Titel „Ist das ein Mensch?“), in dem er seine Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz schildert, ein Gedicht vorangestellt. Darin fordert er die Leser*innen auf: „Considerate se questo è un uomo / […] / Che non conosce pace / Che lotta per mezzo pane / [….]“: „Denkt darüber nach, ob das ein Mensch ist / […] / Der keine Ruhe kennt / Der um ein halbes Brot kämpft / […]“. Brot und Ruhe, da haben wir sie wieder!

Die Sprache von „Woher soll das Brot für heute kommen“ ist schlicht und gut verständlich (nur die Formulierungen „sich vermessen“ und „not tun“ wirken heute etwas altmodisch). Jeder Vers bildet eine Sinneinheit, die einzelnen Strophen sind sehr ähnlich aufgebaut. Die vielen Negationen vermitteln einen starken Eindruck von Not und Hilflosigkeit. Sowohl die sprachliche Gestaltung als auch die universellen, zeitlosen Motive tragen dazu bei, dass der Text auch heutige Leser*innen anspricht. Er schildert zwar eine spezielle Situation aus der Sicht eines Einzelnen, widmet sich jedoch auch der Frage, was der Mensch generell braucht. Geht man ein wenig großzügiger heran, kann man das Gedicht auch auf andere Fälle von Ausgeschlossenheit und mangelnder Teilhabe beziehen.

Das aus Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher bestehende Duo Zupfgeigenhansel gab in den 70er-Jahren „die wohl stärksten Impulse zur Wiederbelebung der deutschen Volkslieder“. Gegen Ende des Jahrzehnts trugen sie maßgeblich zur Wiederentdeckung von Theodor Kramer bei; das Album Andre, die das Land so sehr nicht liebten von 1985 enthält ausschließlich Vertonungen seiner Gedichte. Woher soll das Brot für heute kommen ist bereits auf dem Album Miteinander von 1982 zu finden. Das Arrangement fällt mit Gesang, Gitarre, Kontrabass, Geige und Akkordeon sehr reich aus.

Die Vertonung des Zupfgeigenhansels ist soweit mir bekannt zweimal von anderen Ensembles aufgegriffen worden. 1999 erschien die heute vergriffene CD Lieder der Fahrtengruppe Jona – es handelt sich hier um Mädchen aus der bündischen Jugendbewegung, die mehrfach den Augsburger und Würzburger Singewettstreit gewannen. Sie interpretieren das Lied mit teilweise zweistimmigem Gesang, Gitarre und Geige, ihre Version ist schlichter als die Vorlage, wirkt aber vielleicht gerade deshalb so ergreifend. 2011 schließlich nahm sich der kleine YouTube-Kanal „Frostfrattenprinz“ der Vertonung an; laut Videobeschreibung singt Till und Tobi spielt Gitarre. Der Kanal liegt schon seit einigen Jahren brach, doch wir können dankbar auch für diese Interpretation sein, die wiederum andere Facetten von Text und Melodie hervorhebt, sie wirkt etwas rauer. Das Lied verdient es, gehört und gesungen zu werden.

Irina Brüning, Hamburg

Links und Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Kramer_(Lyriker)

https://de.wikipedia.org/wiki/Qu%C3%A8_volen_aquesta_gent%3F

https://www.cancioneros.com/nc/2090/0/que-volen-aquesta-gent-lluis-serrahima-maria-del-mar-bonet

Primo Levi: Se questo è un uomo, Milano 1992.

Klappentext zur CD „Den schönsten Frühling sehn wir wieder“ von Zupfgeigenhansel, zusammengestellt von der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH.

„Der Mensch kann manche Sachen…“ – Zu Dieter Süverkrüps Übersetzung von „La Lega“, gesungen von Zupfgeigenhansel

Zupfgeigenhansel (Text: Dieter Süverkrüp)

Miteinander

1. Der Mensch kann manche Sachen   
ganz für sich selber machen
laut lachen oder singen, 
kreuzweis' im Tanze springen.
Doch bringt das nicht die reine   
Erfüllung so alleine,
es wird gleich amüsanter,   
betreibt man's miteinander.

Oli, oli, ola, 
wir sind miteinander da,
zusammen und gemeinsam, 
nicht einsam und alleinsam.
Oli, oli, ola, 
miteinander geht es ja,
wenn wir zusammen kommen, 
komm' wir der Sache nah.

2. Zu manchen Tätigkeiten,   
bedarf es eines Zweiten,
so etwa zum Begleiten,   
zum Tratschen und zum Streiten.
Auch das zusammen Singen,   
soll zweisam besser klingen.
Erst recht in Liebesdingen   
läßt sich zu zweit mehr bringen.

Oli, oli, ola, [...]

3. Sodann das Fußballspielen   
geht immer nur mit vielen,
wie auch das Volksfest feiern   
und das nicht nur in Bayern.
Auch Demonstrationen,   
wenn sie den Aufwand lohnen,
erfordern eine Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

4. Im wesentlichen Falle,   
da brauchen wir uns alle
auf diesem Erdenballe,   
damit er nicht zerknalle.
Schiebt alle Streitigkeiten   
für eine Weil' beiseiten,  
und laßt uns drüber streiten   
dereinst in Friedenszeiten.

Oli, oli, ola, [...]

5. Befällt uns das Verzagen   
so müssen wir's verjagen,
vielleicht zusammen singen,   
ein Faß zu Ende bringen.
Laßt uns zusammen juchzen   
und wenn es sein muß schluchzen.
Der Mensch braucht jede Menge   
an menschlichem Gedränge.

Oli, oli, ola, [...]

     [Zupfgeigenhansel: Miteinander. Musikant 1982.]

Der Textdichter Süverkrüp

Der Text ist die recht freie Übersetzung von Dieter Süverkrüp eines italienischen Gewerkschaftslieds. Der 1934 geborene Liedermacher, Musiker, Grafiker und Maler Süverkrüp war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt. Seine musikalisch besonders kreative Phase und sein starkes politisches Engagement lagen bereits hinter ihm. War er in den sechziger Jahren erfolgreich als Jazzgitarrist mit den Düsseldorfer Feetwarmers – in den Pausen der Konzerte spielt er auch mal Bach -, so füllte der Singer Songwriter in den siebziger Jahren mühelos die großen Auditorien der Unis (Audimax) und sang bei Ostermärschen, Betriebsbesetzungen und Festivals bis Anfang der achtziger Jahre.

Nach den Erfolgen seiner Interpretationen französischer Revolutionslieder wie Ah, ca ira (Ah, das geht ran, die Aristokraten an die Laterne) oder La Caramagnole (Madame Veto) (Übersetzung Gerd Semmer), der Lieder gegen die Atombewaffnung, z. B. Strontium 90 oder Unser Marsch ist eine gute Sache, (Text und Melodie: Hannes Stütz) wurde er in allen Schichten der deutschen Bevölkerung mit seinem sozialkritischen Kinderlied Der Baggerführer Willibald bekannt. Weniger bekannt wurden seine antikapitalistischen Parodien wie Wilde Nacht, streikende Nacht oder Leise pieselt das Reh und sein Vietnam-Zyklus. Süverkrüps Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten fand Beifall über enge parteipolitische Grenzen hinaus. Er erhielt Preise für seine „widerborstigen Lieder“ (so ein Albumtitel) sowohl in der Bundesrepublik (Deutscher Kleinkunstpreis und Preis der Deutschen Schallplattenkritik) als auch in der DDR (Heinrich-Heine-Preis).

Als studierter Grafiker und Maler widmet sich Süverkrüp nach seinen „Liederjahren“ seinen anderen Talenten (vgl. das mit einigen seiner Liedtexte und Grafiken versehene von Udo Achten herausgegebene Buch Süverkrüps Liederjahre 1963 – 1985 ff, Essen 2002). Zahlreiche Zeichnungen, Radierungen, Kupferstiche und Ölbilder zeugen bis heute davon.

Offen bleibt, wann und wo Süverkrüp das italienische Lied Sebben che siamo donne mit dem Titel La Lega kennengelernt hat. Die im folgenden notierte deutsche Fassung basiert auf einer wörtlichen Übersetzung, die ich als Versuch in eine annähernd singbare Version übertragen habe.

Vergleich La LegaMiteinander 

 

La Lega 

1. Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli , per amor die nostrr figli
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Per amor dei nostri figli in lega ci mettiamo.

O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e moi altri lavoratori
O li o li o la E la lega la crescerà
E noi altri lavoratori  vogliamo la libertà.

2. E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone, crumiri col padrone
E la libertà non viene perchè non c'è l'unione
Crumiri col padrone son tutti d'ammazzar.

O li o li o la [...]

3. Sebben‘ che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
Sebben che siamo donne paura non abbiamo
Abbiam‘ delle belle buone lingue
E ben ci difendiamo.

O li o li o la [...]

4. E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia abasiate la superbia
E voialtri signoroni che ci avete tanto orgoglio
Abbassate la superbia e aprite il portofoglio.

O li o li o la e la lega la crescerà
E noialtri lavoratori e noialtri lavoratori
O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri lavoratori e noialtri lavoratori

O li o li o la e la lega la crescerà
E noi altri socialisti e noi altri socialisti
O li o li o la e la lega la crescerà
E no ialtri socialisti vogliamo la libertà .


[Übersetzung]

1. Und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
dank der Liebe unsrer Kinder, dank der die Liebe unsrer Kinder,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste.
mit der Liebe unsrer Kinder, geh'n wir in die Gewerkschaft.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird wachsen
und wir Arbeiterinnen, wir streben nach der Freiheit.

2. Die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft,
Streikbrecher und Gutsherren, Streikbrecher und Gutsherren,
die Freiheit wird nicht kommen, es gibt keine Gewerkschaft
Streikbrecher und Gutsherren sind alle totzuschlagen.

Oli-oli-ola, [...]

3. Und sind wir auch nur  Frauen, wir haben keine Ängste,
wir haben Argumente und zwar richtig treffende,
und sind wir auch nur Frauen, wir haben keine Ängste
wir haben gute Argumente, wissen uns zu verteidigen.

Oli-oli-ola, [...]

4. Und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
schlagt nieder euren Hochmut, schlagt nieder euren Hochmut
und ach, ihr hohen Herren mit eurem großen Stolze,
vergeßt bloß euren Hochmut und öffnet die Schatullen.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, und wir Arbeiterinnen,
oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir Arbeiterinnen, wir wollen gut bezahlt werden.

Oli-oli-ola, die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten und wir, wir Sozialisten
oli-oli-ola die Gewerkschaft, die wird stärker
und wir, wir Sozialisten, wir streben nach der Freiheit.

Das Lied La Lega (die Liga, hier: die Gewerkschaft) entstand in den Jahren 1890 bis 1900. Wer den Text verfasst hat, ist nicht bekannt; vermutlich ist er während der Arbeit auf den Reisfeldern in der Poebene von mehreren Frauen gedichtet worden. Die Melodie setzt sich aus Teilen verschiedener italienischer Volkslieder zusammen, die nicht näher zu bestimmen sind.

Während es im Original die schwer arbeitenden Frauen sind, die Reis anbauend oder pflückend, ihre Situation besingen, geht es in der freien Übersetzung von Süverkrüp um Menschen allgemein.

In der ersten Strophe des italienischen Liedes machen sich die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern selbst Mut – „wir haben keine Angst“ – Mut, den sie auch der Liebe ihrer Kinder verdanken. Aber sie sind sich klar darüber, dass sie, um ihre soziale Lage zu verbessern, eine Gewerkschaft brauchen, und sie wollen in die Gewerkschaft eintreten (um 1900 wurden in Italien die ersten Gewerkschaften gegründet).

Dagegen beschreibt Süverkrüp zunächst, was ein Mensch „für sich selber machen“ kann, und zählt exemplarisch auf: lachen, singen tanzen. Zugleich weist er darauf hin, dass es viel mehr Freude macht, diese „Sachen“ gemeinsam zu machen. Diese Aussage wird im Refrain bekräftigt: Nach der reinen Beschreibung gemeinsamer Tätigkeiten der Strophen eins bis drei bezieht sich der Dichter ein: „wenn wir gemeinsam kommen, komm‘ wir der Sache nah“.

Im Refrain des Originals sind die Frauen zuversichtlich, dass die Gewerkschaft wachsen und damit stärker werden wird. Das erinnert an das seit mehr als 100 Jahren gewerkschaftliche Motto Gemeinsam sind wir stark oder an den Spontispruch aus den 1970er Jahren Allein machen sie dich ein.

Zugleich streben die Frauen nach der Freiheit, nach der Befreiung von der Fronarbeit auf den Reisfeldern. Aber, so singen die Frauen bedauernd, die Befreiung kommt nicht, wenn es keine Gewerkschaft gibt. Die Frauen sind so enttäuscht, als andere Arbeiter ihren (gerade begonnenen) Streik brechen, dass sie wünschen, dass die Streikbrecher totgeschlagen werden sollten, ebenso wie die ausbeuterischen Großgrundbesitzer.

Süverkrüp setzt der zweiten Strophe seine anfangs unpolitische Beschreibung der Tätigkeiten, die man besser zu zweit ausübt, fort: ‚begleiten, tratschen, streiten, singen‘ – nicht zuletzt gilt das auch „in Liebesdingen“. In der dritten Strophe erweitert Süverkrüp die Zweisamkeit. Es leuchtet ein, dass das Fußballspielen vieler Menschen bedarf, ebenso wie Demonstrationen mit nur einer Handvoll Leute keinen Eindruck auf die Adressaten machen.

Um ihre Furcht zu vertreiben, wiederholen die italienischen Frauen mehrmals, dass sie keine Ängste haben. Schließlich haben sie gute Argumente und wissen sich zu verteidigen, d.h. ihre Forderungen gut zu begründen. Dann werden die Arbeiterinnen offensiv: sie fordern die hohen Herren auf, ihren Hochmut und ihre Überheblichkeit abzulegen und ihre Schatullen zu öffnen und angemessene Löhne zu zahlen (Strophen 4 und 5).

In der vierten Strophe der Version Süverkrüps erkennen wir den politischen Liedermacher. Zwar wird der ‚wesentliche Fall, in dem der Erdball zerknallt‘ nicht konkretisiert, aber wir können uns leicht vorstellen, was gemeint ist, nämlich ein Weltkrieg mit dem Einsatz von Atomwaffen. Und um es nicht zum overkill kommen zu lassen, fordert Süverkrüp uns, v.a. diejenigen, die sich für Frieden einsetzen, auf, alle (politischen) Differenzen so lange ruhen („für eine Weil‘ beiseiten“) zu lassen, bis das wichtige gemeinsame Ziel erreicht ist und „Friedenszeiten“ eingekehrt sind.

Und während in der italienischen Fassung die Frauen nach wir vor auf eine starke Gewerkschaft hoffen, betonen sie, dass sie als Sozialistinnen – in anderen Fassungen als Kommunistinnen – die Befreiung von der Fronarbeit und damit bessere Arbeitsbedingungen fordern.

In der fünften Strophe sieht Süverkrüp, wobei er sich als Person erneut einbezieht, durchaus die Möglichkeit, dass die Forderung nach friedlichem Zusammenleben nicht in jedem Fall Gehör finden wird. Daher macht er uns Mut, eventuell durch gemeinsames Singen (auf Demonstrationen und Kundgebungen) unsere Kleinmütigkeit „zu verjagen“, auch indem wir gemeinsam Freude erleben und Leiden durchleben. Und wir sollten uns klarmachen, dass wir das nicht alleine schaffen, sondern nur gemeinsam, wie Süverkrüp es ausdrückt „Der Mensch braucht jede Menge / an menschlichem Gedränge“.

So ist aus der anfänglichen nett daher kommenden Aufzählung spielerischer und sportlicher Betätigungen der deutschen Version doch noch ein politisches Lied geworden.

Rezeption

Wie die italienische Musikgruppe Bella Ciao auf ihrem Konzert beim Internationalen Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) 2018 erzählte, war das Gewerkschaftslied La Lega jahrzehntelang in Vergessenheit geraten. Erst 1964 auf dem Festival dei Due Mondi in Spoleto, einer Kleinstadt in Perugia (Umbrien) wurden Lieder wie La Lega und auch das Partisanenlied Bella Ciao wiederentdeckt (vgl. www.iedm.it/) „Die Uraufführung dieses Meilensteins der italienischen Musikgeschichte“, die wegen der alten Arbeiter- und Partisanenlieder „nicht ohne wüste Polemiken“ (www.cultureworks.at stattfand, war ein Auslöser zum Folk-Revival in Italien.

Das erste mir bekannte Liederbuch mit La Lega stammt aus dem Jahr 1975: Canzoni italiane di protesta 1794-1974. Weltweit bekannt wurde dieses „erste Lied des proletarischen Kampfes von Frauen“ (Nanni Svampa, La mia morosa cara, Milano, 1978) 1976 durch den Film 1900 (Novecento) von Bernado Bertolucci. Im Film wird die Lebensgeschichte zweier Männer zwischen 1900 und 1945 erzählt, der Söhne eines Landarbeiters und eines Gutsherren. Deren ambivalente Freundschaft wird geschildert vor dem Hintergrund des aufkommenden Faschismus und  der kommunistischen Gegenbewegung. Das Lied ist zu hören, als die Bauern unter der Leitung von Anna, einer Landarbeiterin, anfangen, gegen die Vertreibung der Bauern, die ihre Schulden an die wohlhabenden Gutsbesitzer nicht bezahlen können, zu demonstrieren.

1982, im selben Jahr, in dem Süverkrüp das italienische Lied frei ins Deutsche übertragen hatte, nahm es das Folkduo Zupfgeigenhansel in sein Repertoire auf. Mit großem Erfolg trugen sie es auf ihren Tourneen durch Deutschland vor, wobei der Refrain von vielen Konzertbesuchern mitgesungen wurde. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, in dem ich von Süverkrüp keinen Tonträger mit Der Mensch kann manche Sachen gefunden habe, sind zwei LPs (1982 und 1984) und eine CD (2004) mit dem Titel Miteinander vorhanden, gesungen und gespielt von Zupfgeigenhansel, gelistet. Miteinander fand nur in wenige deutsche Liederbücher Eingang , z.B. in Wir lieben das Leben der Naturfreunde (1987), in das Bundesliederbuch des Deutschen Pfadfinderbundes Mosaik (2001) und in Feuerfunken – Greifenlieder, 2015 herausgegeben von einem lokalen Wandervogelverein.

In Italien ist La Lega inzwischen fast so populär wie das Partisanenlied Bella Ciao. In Italien und in einigen anderen Ländern wird „Sebben che siamo donne“ am 8. März, dem Internationalen Frauentag, in der jeweiligen Landessprache oder in der Originalfassung  gesungen.

Hier zum gemeinsamen Singen die Noten mit der ersten Strophe der Süverkrüp-Version:

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag:

Laut Auskunft von Dieter Süverkrüp hat er um 1980 eine deutsche Übersetzung von La Lega in der Liedermacher-Szene kennengelernt. Vom Singer/Songwriter Lerryn (= Dieter Dehm, bekanntestes Lied 1000 und eine Nacht, 1984) angeregt, hat Süverkrüp dann 1982 seine Fassung des italienischen Gewerkschaftslieds getextet. Wie Süverkrüp bei einem Auftritt in Italien von einem Lehrer erfahren hat, wurde „Oli, oli, ola“ in den Bergen gerufen ähnlich wie der Almschroa, der Juchzer des Jodelns, z.B. in den Alpenländern den Hirten und Sammlern als Verständigungsruf diente.