Kölsche Elegie: „Verdamp lang her“ von BAP (1981)

BAP

Verdamp lang her

1)
Verdamp lang her, dat ich fast alles ähnz nohm.
Verdamp lang her, dat ich ahn jet jejläuv,
un dann dä Schock, wie et anders op mich zokohm,
merkwürdich, wo su manche Haas langläuf.
Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert.
E bessje jet hann ich kapiert.

[Verdammt lange her, daß ich fast alles ernst nahm.
Verdammt lange her, daß ich an etwas geglaubt.
Und dann der Schock, wie es anders auf mich zukam.
Merkwürdig, wo so mancher Hase langläuft.
Nicht resigniert, nur reichlich desillusioniert –
ein bißchen was habe ich kapiert.]

2)
Wer alles, wenn dir et klapp, hinger dir herrennt,
ding Schulder klopp, wer dich nit all hofiert,
sich ohne ruut ze weede dinge Fründ nennt
un dich daachs drop janz einfach ignoriert.
Et ess lang her, dat ich vüür sujet ratlos stund
un vüür Enttäuschung echt nit mieh kunnt.

[Wer alles, wenn es dir klappt (gelingt), hinter dir herrennt,
deine Schulter klopft, wer dich nicht alles hofiert,
sich, ohne rot zu werden, dein Freund nennt
und dich tags drauf ganz einfach ignoriert.
Es ist lange her, daß ich vor so etwas ratlos stand
und vor Enttäuschung echt nicht mehr konnte.]

3)
Ich weiß noch, wie ich nur dovun gedräump hann,
wovunn ich nit woss, wie ich et sööke sollt,
vüür lauter Söökerei et Finge jlatt versäump hann
un övverhaup, wat ich wo finge wollt.
Ne Kopp voll nix, nur die paar instinktive Tricks.
Et duhrt lang, besste dich durchblicks.

[Ich weiß noch, wie ich nur davon geträumt habe,
wovon ich nicht wußte, wie ich es suchen sollte.
Vor lauter Sucherei das Finden glatt versäumt habe
und überhaupt, was ich wo finden wollte.
Ein Kopf voll Nichts, nur die paar instinktiven Tricks –
es dauert lange, bis du dich durchblickst.]

4)
Dat woor die Zick, wo ich noch nit ens Pech hat.
Noch nit ens dat, ich hatt se nit ens satt.
He woor John Steinbeck, do stund Joseph Conrad,
dozwesche ich, nur relativ schachmatt.
Et ess paar Johr her, doch die Erinnerung fällt nit schwer.
Hück kütt mer vüür, als wenn et jestern wöör.

[Das war die Zeit, wo ich noch nicht einmal Pech hatte,
noch nicht einmal das, ich hatte sie nicht einmal satt.
Hier war John Steinbeck, da stand Joseph Conrad,
dazwischen ich – nur relativ schachmatt.
Es ist ein paar Jahre her, doch die Erinnerung fällt nicht schwer.
Heute kommt es mir vor, als wenn es gestern wäre.]

Verdamp lang her, verdamp lang. Verdamp lang her.
[Verdammt lange her, verdammt lange. Verdammt lange her.]

5)
Frööchs mich, wann ich zoletz e Bild jemohlt hann,
ob mir e Leed tatsächlich jetz jenüsch,
ob ich jetz do benn, wo ich hinjewollt hann,
ob mir ming Färv op die Tour nit verdrüsch.
Ich jläuv, ich weiß, ob du nu laut mohls oder leis,
et kütt drop ahn, dat du et deiß.

[Fragst mich, wann ich zuletzt ein Bild gemalt habe,
ob mir ein Lied tatsächlich jetzt genügt,
ob ich jetzt da bin, wo ich hingewollt habe,
ob mir meine Farbe auf dieser Tour nicht vertrocknet.
Ich glaube, ich weiß, ob du nun laut malst oder leise:
Es kommt nur drauf an, daß du es tust.]

Verdamp lang her, verdamp lang. Verdamp lang her.

6)
Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Jraav woor
Verdamp lang her, dat mir jesprochen hann,
un dat vum eine och jet beim andere ahnkohm,
su lang, dat ich mich kaum erinnre kann.
Häss fess jejläuv, dat wer em Himmel op dich waat,
"Ich jönn et dir", hann ich jesaat.

[Verdammt lange her, daß ich bei dir am Grab war.
Verdammt lange her, daß wir gesprochen haben
und daß vom einen auch etwas beim anderen ankam,
so lange, daß ich mich kaum erinnern kann.
Hast fest geglaubt, daß wer im Himmel auf dich wartet.
„Ich gönne es dir“, habe ich gesagt.]

     [BAP: Für Usszeschnigge! Musikant 1981. 
     Quelle für Text und Übersetzung: www.bap.de, kleinere Korrekturen von mir.]

Verdamp lang her ist ein Herzblut-Lied – der Kölschrock-Band BAP, ihres Frontmanns Wolfgang Niedecken im Speziellen und auch vieler Fans, die in Internetkommentaren davon sprechen, wie sie die emotionale Wucht dieses Songs erfahren haben und seitdem nie mehr vergessen konnten. Selbstverständlich ist das Lied kein typisches Karnevalslied, obwohl es zur Karnevalszeit – allerdings weitab von den närrischen Zentren in einem fränkischen Dorf – entstanden ist und man es im Karneval permanent hört. Wolfgang Niedecken hat sich zur Entstehungssituation des Liedes selbst geäußert. So weiß man, dass es für ihn ganz wesentlich ein innerer Dialog mit seinem ein paar Monate zuvor verstorbenen Vater war, eine Aufarbeitung nie wirklich ausdiskutierter Konflikte und Standpunkte, in zweiter Linie auch eine Selbstbesinnung hinsichtlich seiner sich gerade abzeichnenden Karriere als Pop-Star (vgl. Wolfgang Niedecken: Verdamp lang her. Die Stories hinter den BAP-Songs. Köln 1999, S. 44-49). In seinem Bericht äußert Niedecken die Vermutung, dass nur die wenigsten seiner Fans diese Bezüge realisieren und stattdessen ihre eigenen Lebensgeschichten auf den Refrain projizieren würden: „[J]eder hat etwas, was er erinnert, was er bereut. ,Verdamp lang her‘ ist total katholisch, komplett lila, ein Reue-Stück. ,Oh Gott, wir haben etwas falsch gemacht, und das bereuen wir jetzt.‘ Es gibt Stücke, die vermitteln sich, ohne sich zu definieren, ganz instiktiv.“ Damit ist der Song für mich ein prima Aschermittwochslied.

Ich denke, dass Niedecken im obigen Zitat den Erfolg dieses BAP-Titels im Großen und Ganzen richtig erfasst. Indem er den Fans beim Verstehen subjektive Freiheit zugesteht, akzeptiert er kluger Weise zugleich ein grundlegendes Prinzip von Literatur bzw. konservierter Zeichen überhaupt: Ist ein Text, Song, Film oder Gemälde erst einmal in der Welt, führt er/es fortan ein gewisses (aber nicht totales!) Eigenleben, das weder von der Intention des Urhebers noch von seiner eigenen sprachlichen, musikalischen, visuellen Gestalt streng determiniert wird. Bei jedem Rezeptionsakt spielen die sich permanent verändernden gesellschaftlichen, semiotischen und subjektiven Erfahrungen der Leser oder Hörer eine neue Rolle. Schon für Niedecken selbst wird sich der Sinn seines Liedes heute, im Jahr 2016, mit Sicherheit anders darstellen als 1981, als er es für das BAP-Album Für Usszeschnigge! mit seiner Band einspielte. Für literaturwissenschaftliche Kommentare bieten sich damit mehrere ,Felder‘ an, zu denen etwas gesagt werden kann: der Entstehungs- bzw. Produktionszusammenhang, der Text an sich mit seinen Bezügen zum allgemeinen ,kollektiven Wissen‘ einer bestimmten Zeit bzw. eines bestimmten Milieus sowie die Rezeptionsgeschichte.

Im Hinblick auf den Produktionszusammenhang habe ich schon auf das wichtige Vater-Thema, die Selbstreflexion und die Haltung der ,Reue‘ hingewiesen; im oben zitierten Bericht geht Niedecken auch auf musikalische Inspirationen („Karikatur eines Police-Gitarrenlicks in Moll“, S. 48) und die frühe Rezeption des Songs im WDR ein, die aus „Verdamp lang her“ schnell einen Super-Hit machte. Ich muss diese Dinge hier nicht wiederholen. Stattdessen gehe ich nachfolgend ein wenig genauer auf die einzelnen Strophen ein. Am Anfang meiner Beschäftigung mit diesem Song stand ein kleines Grinsen darüber, dass ein Mensch, der noch keine 30 Jahre alt ist, sich überhaupt traut, „Verdamp lang her“ zu sagen. Beim zweiten Nachdenken nahm ich diese Reaktion zurück; denn ich – schon deutlich über 60 – würde beim Rückblick auf meine jungen Jahre nicht „Verdamp lang her“ sagen, sondern „Grad wie gestern“; womöglich gehört es typischer Weise zum Lebensgefühl junger Menschen, Brüche, Entwicklungsschübe der eigenen Identität so intensiv zu empfinden, dass man Vergangenes, Verlorenes, Überwundenes als zeitlich weit entrückt empfindet? Dann hatte ich noch einen dritten Einfall: Geht es in dem Lied nicht (auch) um die subjektive und damit höchst relative Empfindung von Zeit, die mit Erfahrungen und Erlebnissen korreliert?

Man weiß aus Interviews, dass Niedecken mit dem in der letzten Strophe genannten „Grab“ auf seinen verstorbenen Vater Bezug nimmt, mit den folgenden Versen auf die – zumindest teilweise – missglückte bzw. offene Enden hinterlassen habende Kommunikation zwischen Sohn und Vater, die jenem Schuldgefühle bereitet. Im Song stellt sich der Sohn diesen Emotionen und zeigt sich am Ende ,erwachsen‘, gereift:

Häss fess jejläuv, dat wer em Himmel op dich waat,
„Ich jönn et dir“, hann ich jesaat.

[Hast fest geglaubt, daß wer im Himmel auf dich wartet.
„Ich gönne es dir“, habe ich gesagt.]

Diese Schlussverse explizieren ihren Sinn nicht, sondern deuten ihn nur an; dessen ungeachtet sind sie entscheidend für das Verständnis des gesamten Songs. Ich lese sie, auch mit Hilfe von Paratexten über die Entstehung des Liedes, so, dass sie als Teil eines ,stillen Dialogs‘ aufzufassen sind, die der Sohn am Grab seines Vaters (oder in der Imagination einer solchen Situation, was für die Deutung keinen Unterschied macht) mit diesem und gewissermaßen auch sich selber führt. Der Vater war offenbar ein religiöser Mensch, dem sein Glaube den nahen Tod leichter gemacht hat. Dem Sohn scheint dieser Glaube fern gelegen zu haben und auch immer noch zu liegen, aber er respektiert und toleriert ihn jetzt – am Grabe – als zwischenzeitlich im tieferen Sinne erwachsen gewordener, gereifter Mensch und nach all den Veränderungen, wovon der Song handelt. Er ,gönnt‘ seinem Vater die mit dem Glauben verbundene Erleichterung seines Schicksals, obwohl er selber eine andere Weltanschauung hat. Das ist eine humane Haltung, die er als Jugendlicher bzw. jüngerer Mann, der gegen seinen Vater revoltierte, nicht hatte aufbringen können.

Schon die erste Strophe berichtet von den bestürzenden Erfahrungen, die aus der Sprecherinstanz einen, dem eigenen Empfinden nach, anderen Menschen gemacht haben. Das Abstraktum ,Desillusionierung‘ fasst diesen Entwicklungsschub, der der Sache nach recht gut mit der Schillerschen Formel vom ,naiven‘ und ,sentimentalischen‘ Künstler erfasst wird, zusammen. Der alte, ,naive‘ – und als solcher glücklich-heile – Zustand erscheint dem seine Situation reflektierenden Ich als ,verdammt‘ weit zurückliegend, womit aber wenig über den realen zeitlichen Abstand ausgesagt wird, umso mehr über den ,gefühlten‘. Die Situation des Sprechers ist damit, noch einmal mit Schiller, aber auch zeitgenössischen Gattungstheoretikern gedacht, als „elegisch“ zu klassifizieren.

Die zweite Strophe thematisiert das Phänomen falscher Freunde, das zwei Jahre später von den Höhnern mit ihrem Hit Echte Fründe noch einmal ausführlich aufgegriffen werden sollte. Hier geht es um menschliche Enttäuschungen, die junge Popstars, deren Karrieren auf und ab gehen, anscheinend häufiger machen müssen als normale Sterbliche. Die nächste Strophe handelt von der Suche junger Leute nach Sinn und sich selbst und der dabei nicht seltenen Verfehlung des Wesentlichen. Der letzte Vers dieser Strophe deutet die Zuversicht des Ich an, sich inzwischen endlich gefunden, d.h. verstanden zu haben. Strophe vier ist die für mich kryptischste im gesamten Song. Dass es darin um eine Phase der künstlerischen (zwischen „John Steinbeck“ und „Joseph Conrad“) Stagnation bzw. Blockade geht („relativ schachmatt“) scheint mir klar, aber wie dieser Zustand des ,zwischen-den-Stühlen-Sitzens‘ zu konkretisieren wäre, sehe ich momentan nicht. Die literarischen Erfolgswerke dieser Autoren erscheinen mir zu unterschiedlich, als dass ich sie mit gutem Gewissen auf Formeln bringen könnte, zwischen denen man die Sprecherinstanz platzieren könnte. Hier fehlt mir Spezialwissen: Welche Texte von Steinbeck und Conrad hatte Niedecken beispielsweise vor Augen, als er diese Zeilen schrieb? Welche künstlerischen Pole verkörperten für ihn diese, für mich in ihren gesellschaftskritischen Bestrebungen gar nicht so unterschiedlichen Autoren? Weshalb fühlte er sich – als Musiker – ausgerechnet durch Schriftsteller blockiert usw.?

Niedecken hatte Malerei studiert und arbeitete seitdem auch als bildender Künstler. Der Eingangsvers zur fünften Strophe „Fröchs mich …“ lässt offen, ob das Du auf den – damals noch lebenden – Vater referiert oder ob die Sprecherinstanz eine solche Frage nachträglich imaginiert und an sich selbst richtet. Im ersten Fall würde die Erinnerung zu Tage bringen, dass sich der Vater auch zu Zeiten scheinbarer Funkstille immer noch für seinen Sohn interessiert hat; im anderen Fall würde sich der Sprecher eigene Gedanken zum Umgang mit seinen verschiedenen Talenten machen und schließlich zu der Antwort kommen, dass es letztlich nur auf eine produktive Existenz ankomme, nicht aber auf das spezielle Ausdrucksmedium.

Das Du in den zwei letzten Versen dieser Strophe changiert zwischen einer Anrede an sich selbst und einer Anrede an die Hörer des Songs, die sich womöglich noch im ,naiven, unaufgeklärten‘ Lebensmodus bewegen und hier Tipps zur Lebensbewältigung bekommen sollen. Der gesamte Song besitzt einen didaktischen Zug, der mir nicht wirklich richtig schmecken will. Am Beispiel der geschilderten Entwicklung des Sprechers wird den Hörern/Lesern/Fans ein Rollenvorbild angeboten, das ihnen das Erwachsen- bzw. Reifwerden erleichtern soll: nicht alles ernst nehmen (1. Strophe), falschen Freunden nicht auf den Leim gehen (2.), sich selber erkennen (3.), sich nicht von übermächtigen Vorbildern blockieren lassen (4.), einfach sein Ding machen (5.), Vater und Mutter ehren und tolerieren (6.).

Aus diesen ,Lehren‘, die der Sprecher „Schock“-artig (vgl. Strophe 1) anerkennen musste, sind deutlich die kaum modifizierten Ratschläge des verstorbenen Vaters herauszuhören, die das jüngere Ich vor ,verdamp‘ langen Zeiten offenbar nicht zu schätzen wusste, deren Evidenz dem gereiften Sprecher dafür umso mehr einleuchtet. Die Kommunikationssituation des Songs drängt seine Hörer in die Rolle eines noch ziemlich unerfahrenen, naiven Bewusstseinsträgers, vermutlich in der guten Absicht, diesem bei der Bewältigung des Lebens und der Absolvierung seines Reifungsprozesses beizustehen. Das erinnert mich sehr an Hermann Hesse, von dem ich in der zehnten oder elften Klasse auch einmal mächtig beeindruckt war. Das ist nun aber wirklich schon verdammt lange her.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Kitsch für einen guten Zweck. Zur deutschen Version des Band Aid-Projektes „Do They Know It’s christmas?“ (2014)

Band Aid Thirty (Text: Campino, Marteria, Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings)

Do They Know It’s Christmas? (Deutsche Version)

Endlich wieder Weihnachtszeit (Campino [Die Toten Hosen])
Die Nerven liegen so schön blank (Philipp Poisel)
Egal ob’s regnet oder schneit (Clueso)
Wir treffen uns am Glühweinstand (Seeed)
Wir vergessen unsere Nächsten nicht (Andreas Bourani) 
Kaufen all die Läden leer (Ina Müller) 
Die ganze Stadt versinkt heut‘ Nacht im Lichtermeer (Jan Delay) 
Und du fliegst nur 6 Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen (Marteria)
Kleine Jungs im Barcelona-Shirt malen ihre Träume an die Wände (Marteria und Max Herre)
Es gibt so viel Zukunft, so viel Vielfalt (Max Herre) 
In all den 54 Ländern (Cro)
Doch immer nur dieselben Bilder (Cro und Michi Beck) 
Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern (Michi Beck)
Du gehst durch den Dezember (Peter [Sportfreunde Stiller])
Mit einem Lied im Ohr (Steffi [Silbermond])

Do they know it’s Christmas Time at all? (Clemens [Milky Chance])

Wir feiern unsere Feste (Max Raabe)
Doch wir sehen nicht wie sie fallen (Wolfgang Niedecken)
Der Tod kennt keine Feiertage (Udo Lindenberg) 
Und schon ein Kuss kann tödlich sein (Sammy Amara [Broilers] und Anna Loos)
Kein Abschied und keine Umarmung (Peter Maffay)
Jeder stirbt für sich allein (Thees Uhlmann & Joy Denalane)

Do they know it’s Christmas Time at all? (Gentleman)
Do they know it's Christmas Time at all? (Patrice)
Do they know it's Christmas Time (Chor)

Und auf all den Feiern (Clemens [Milky Chance])
Von hier bis nach Monrovia (Jan-Josef Liefers)
Denken wir daran in dieser stillen Nacht (Adel Tawil)

Do they know it's Christmas Time at all? (Campino)
Do they know it's Christmas Time at all? (Inga Humpe [2Raumwohnung])
Do they know it's Christmas Time (Chor)
Heal the world (Chor) 
Heal the world (Donots)
Heal the world (Chor)
Let them know it’s Christmas Time. Heal the world (Gentleman und Patrice)
Let them know it’s Christmas Time (Jennifer Rostock)
Heal The World.

Do we know it's Christmas Time at all.

Heal The World.

Let them know it's Christmas Time again (Chor)

     [Band Aid 30: Do They Know It’s Christmas? (2014). Polydor 2014.]

 

Es ist so weit, der Advent ist wieder da und mit ihm auch die kopfschmerzbereitende Geschenkefrage, die Plätzchenbäckerei und die in Endlosschleife gespielten Weihnachtslieder im Radio. Ja, wir hassen den Hype manchmal, der mittlerweile um die Weihnachtsfeiertage zelebriert wird, aber entziehen können wir uns ihm nicht. Und ganz ehrlich – am Ende lässt sich doch jeder von der hektischen, aber trotz allem besinnlichen Stimmung mitreißen. Denn der Grundgedanke dieses Festes berührt letztendlich jeden von uns. Das hat sich in diesem Jahr auch Bob Geldof zum Ziel gesetzt, den vor einigen Wochen die UNO darum gebeten hat, zum Jubiläum seines Klassikers Do they know it’s christmas? von 1984 eine Neuauflage zugunsten der Ebola-Opfer in Westafrika zu produzieren. Der Sänger ließ sich nicht lange bitten, sondern trommelte im Handumdrehen eine Gruppe stimmgewaltiger Briten (u.a. Ed Sheeran, Sinead O’Connor und Chris Martin) zusammen, die den Song in unveränderter Form neu aufnahmen. Da dieses Projekt, das Band Aid genannt wird, in dieser Art schon des Öfteren organisiert wurde, zuletzt 2004, als das Geld zur Bekämpfung einer Hungersnot im afrikanischen Sudan verwendet wurde, ist es nicht unbedingt eine Überraschung, wenn der Weihnachtshit auch dieses Jahr wieder im Radio rauf und runter gespielt wird. Neue Töne werden diesmal allerdings aus den deutschen Lautsprechern schallen. Zum ersten Mal nämlich gibt es auch eine deutsche Version des Band Aid-Projektes, das von Campino, dem Frontsänger der Punkrockband Die Toten Hosen, auf Anfrage/Bitte/Auftrag von Bob Geldof in die Wege geleitet wurde. Der Rocksänger wurde Anfang November von seinem alten Bekannten angerufen, der ihm, wie Campino im ZEIT-Interview gestand (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!), keine andere Wahl ließ als zuzusagen, den deutschen Beitrag zu organisieren. Kurz darauf, am 13. November, war Campino in der Lage, sein All-Star-Team vorzustellen, für das er fast die gesamte deutsche Pop-Elite gewinnen konnte. Rund dreißig Musiker haben Do they know it’s christmas? nun neu aufgenommen und jeder von ihnen singt i.d.R. eine Textzeile der Übersetzung, die Campino zusammen mit Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings (u.a. Texter von Adel Tawil) und Marteria in mühevoller Kleinarbeit erarbeitete. Das allein sei laut dem Punksänger schon ein „Himmelfahrtskommando“ gewesen, wie er im Morgenmagazin von ARD/ZDF berichtete (vgl. Sendung vom 21.11.2014). Die Musiker hätten sich bemüht, den deutschen Text des Klassikers von all den Flachheiten zu reinigen, die, wie Bob Geldof selbst zugab, im Original steckten. Campino wollte mit seinem Team einen Song schaffen, hinter dem die deutschen Musiker stehen könnten und der frei von den Klischees und Undifferenziertheiten ist, die in der Gegenwart sowieso schon überhandgenommen haben. Natürlich ist der Song immer noch Kitsch – aber dafür Kitsch auf hohem Niveau.

Als Beispiel für eine solche Flachheit des Originals kann die Textzeile „And there won’t be snow in Africa this Christmas Time“ dienen. So hat man sich schließlich für einen komplett neuen Text entschieden, der nicht wie die Originalversion auf Hungersnöte eingeht, sondern spezifisch auf die Ebola-Epidemie verweist: „Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern“. Daher haben Campino und Co. auch den Refrain-Zusatz „Feed the world“ in „Heal the world“ verwandelt (und dabei Michael Jacksons Metapher wörtlich genommen). Manchmal sind Neuerungen einfach unumgänglich. Der Text überzeugt zwar nicht von tiefsinnigen Betrachtungen über das Elend in Afrika und er stellt auch nicht mit erhobenem Zeigefinger Moralvorstellungen in den Mittelpunkt. „Natürlich ist es ein Kitschlied“, meinte selbst Campino dazu. Aber es ist schon eine Leistung, dass der Text nicht in den Ohren weh tut, sondern man sich trotzdem noch an ihm erfreuen kann.

Do they know it’s christmas? wird mit seinem Bezug zur deutschen Alltagssprache zu einer Weihnachtshymne, in der Campino und Co. unter anderem auch deutsche Sprichwörter miteinbezogen haben: „Wir feiern unsere Feste / doch wir sehen nicht wie sie fallen“. Diese Redewendung verwendete in jüngster Vergangenheit schon die Newcomerin Julia Engelmann, die Anfang des Jahres mit ihrem Beitrag One Day/Reckoning Text beim Bielefelder Campus TV Hörsaalslam, einem Poetry-Slam-Wettbewerb, für Furore sorgte: „Lasst uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reißen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind“. Man sieht, die junge Slammerin und auch die deutsche Band Aid-Gruppe haben mit der Botschaft, die sie in ihren Werken vertreten, irgendwie den Nerv der Zeit getroffen: Müssen die Deutschen mittlerweile daran erinnert werden, die Feste dann zu feiern, wann sie sind, anstatt sie aufzuschieben, obwohl der übervolle Terminkalender sowieso keinen Platz für sie lässt? Der Text appelliert also nicht nur an unsere Hilfsbereitschaft, sondern auch an unser Unvermögen, unseren Wohlstand so zu genießen, wie es ihm gebührt. Eine recht philosophische Botschaft für solch eine leichte Lektüre, wenn man es sich recht überlegt.

In diesem Sinne ist es wohl auch ein großer Pluspunkt des Projektes, dass sich Musiker aus so vielen unterschiedlichen Genres an der Spendenaktion beteiligen, die dem Song alle individuelle Stimmungen und Schattierungen geben, kurz, die dem Text, so verschieden wie diese Sänger sind, ihren Stempel aufdrücken. Es finden sich hier etablierte Interpreten aus Pop und Rock, aber auch unbekanntere Musiker aus dem Soul wie Joy Denalane oder dem Reggae wie Patrice. Abwechslung bieten insbesondere die Textzeilen der Rapper Marteria und Max Herre, die genau wie Cro und Michi Beck (Fanta 4) die idyllische Stimmung gesanglich wie textlich wieder auf den Boden holen: „Und du fliegst nur sechs Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen“. Natürlich könnte man sich nun fragen, weshalb Herbert Grönemeyer und Schlagerstars wie Helene Fischer oder Andrea Berg nicht bei dem Projekt mitgewirkt haben. Auch eine deutsche Diskursband wie Tocotronic hätte sich in der bunten Vielfalt an Musikercharakteren sicher gut gemacht. Letztendlich spielt es aber keine Rolle, wer dabei war und wer nicht. Und Campino stellte außerdem ganz schnell klar, dass er „über die reden möchte, die mitgemacht haben und nicht über die, die nicht mitgemacht haben.“ (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!)

Der Kampf gegen Ebola hat also dazu geführt, dass Musiker wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten (und von denen sich mit Sicherheit einige bei der ECHO-Verleihung lieber aus dem Weg gehen), ein Lied produziert haben, das wider aller Erwartungen sogar richtig gut geworden ist. Der Band Aid Trust entscheidet schließlich, wem die Einnahmen aus dem Verkauf der Singles und Downloads zugespielt werden. Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes ist neben der Bekämpfung des akuten Ausbruchs der Krankheit das Hauptanliegen der Bemühungen. Aber trotz des guten Zwecks wurden schon vor Veröffentlichung des Videos des deutschen Band Aid-Beitrags am Freitag, dem 21.11.14, kurz vor den Tagesthemen um 20.00 Uhr, kritische Stimmen laut. „Schlimmer als Ebola“ sei diese Version, die nur eine „neue Eskalationsstufe von Scheiße“ erreichen würde, wertete das Vice-Magazin den Beitrag ab. Harte Worte in Anbetracht der noch härteren Lage in Afrika. Natürlich könnte man die Künstler, die sich daran beteiligten, bezichtigen, dies nur wegen des Imagegewinns zu tun und auch für die Plattenfirmen bietet sich hier ein kostenloses globales Marketingmittel. Der Appell¸ der mit dem Lied aus dem Radio in unsere Ohren transportiert wird, grenze an zwischenmenschlichen Druck, der auf uns aufgebaut werden würde, sodass man gar keine andere Möglichkeit habe, als die Single zu kaufen. Das könnten schon alles wahre Worte sein. Aber muss man bei einem einfachen Popsong, dessen Gewinne lediglich an eine Hilfsorganisation gehen, gleich von modernem Ablasshandel sprechen, der uns wie eine Drohung mit dem Fegefeuer einschüchtert? Nun, diese Ansicht ist mit Sicherheit leicht übertrieben. Campino hält das alles jedenfalls für „beispiellosen Zynismus“. Und wenn man folgende Zeilen auf dem Internetauftritt des Vice-Magazins liest, dann stimmt man ihm auch schon mal zu: „2014 hat soeben offiziell seine Bewerbung für das beschissenste Jahr der Weltgeschichte eingereicht, 1939 kriegt schon kalte Füße.“ (Nicht mal Ebola rechtfertigt die deutsche Version von „Do They Know It’s Christmas“, 18.11.14). Soll man da lachen oder weinen? Man weiß es einfach nicht.

Die Ambivalenz eines solchen Projekts zeigt sich darin, dass zwar ungewiss ist, in welchem Umfang der die Veröffentlichung dieses Songs den Ebola-Opfern hilft, dass er jedoch uns  in jedem Fall hilft, uns in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Denn das ist heutzutage ja auch, um Campino zu zitieren, „ein Himmelfahrtskommando“.

 Marina Willinger, Bamberg