Vom Hetero- zum Autostereotyp: Die „Tramps vun de Palz“ von Willi Görsch und Egon Häusler (1977)

Tramps vun de Palz [Stimmungslied-Variante]

Es gibt die Berliner, natürlich auch die Wiener,
Athener und Römer auch,
es gibt auch Exoten, Teutonen und Goten,
die Namen sind Schall und Rauch.
Denn richtige Männer, das wissen die Kenner, 
kommen, das ist alter Brauch,
aus dem wunderschönen Land, die Pfalz genannt, 
die ganze Welt weiss das bald auch:

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz,
uns steht des Wasser immer bis zum Hals,
mir schaffe nix, nix, nix werd gedoh'
krie mer a nix abgezo.

Und wenn wir mal verreisen, nach Bayern 
nach Preussen, freut sich jeder Wirt am Ort,
wir trinken die Fässer, wir sind starke Esser
und über Nacht wieder fort.
Die Mädchen, sie wissen,
wenn wir sie mal küssen, Pälzer Buwe die sind treu,
ja für viereinhalb Stunden sind die Mädchen gebunden 
und dann sind sie wieder frei.

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz [...]

Das Sparen und Schaffen, das Zusammenraffen
bringt doch nur böses Blut,
mit viel guter Laune, man höre und staune,
geht es noch mal so gut.
Wir müssen verduften, wenn andere schuften,
auf uns wartet immer ein Glas Wein,
ja mit Lachen und Singen, die Zeit zu verbringen, 
was kann denn schöner sein.

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz [...]

Kenner wissen, dass der Pfälzer ,soi goldisch Ländsche‘ und vor allem auch ,sisch selwer‘ gerne besingt, möglichst oft und möglichst laut. Seit einigen Jahrzehnten dürfte das Lieblingslied seiner Selbstdarstellung, also gewissermaßen seine Nationalhymne, auf die Refrainzeile Wir sind die Tramps vun de Palz erschallen, die paradoxerweise in den späten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von gemeinen Nachbarn, nämlich den Rheinhessen Willi Görsch und Egon Häusler, zur Verulkung der Pfälzer ersonnen und mit durchschlagendem Erfolg bei verschiedenen karnevalistischen Auftritten, u.a. im Rahmen der Fernsehsendung Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht, zum Besten gegeben wurde.

Dass die Pfälzer sich dieses Spottlied schnell zu eigen machten, spricht m.E. ebenso für deren souveränen Humor wie für die Qualität des satirischen Angriffs von Görsch & Häusler, die in vielen – hier nicht abgedruckten – Liedstrophen Provinzialität, Naivität, Bauernschläue und, sagen wir mal vorsichtig: Neigung zu einem guten Leben des rheinaufwärts angesiedelten Nachbarvolks thematisierten. Als förderlich für beides – satirische Präzision wie souveräne Aneignung des Fremdstereotyps – mag sich der Umstand erwiesen haben, dass zwar Wormser, Frankenthaler und hochspezialisierte Sprachhistoriker ganz genau wissen, dass die einen Rheinhessen und die anderen Pfälzer sind, sich aber die meisten anderen Menschen (z.B. der gemeine Bamberger ohne nordpfälzischen Migrationshintergrund) extrem schwer damit tun dürften, entsprechende Sprach- und Mentalitätsgrenzen zu ziehen.

Was den Liedtext angeht, ist hauptsächlich der Refrain von Belang. In ihm verdichtet sich das Fremd- und nun offensichtlich auch Eigenstereotyp vom Pfälzer als eines lebenslustigen Gesellen, der vom Arbeiten nichts hält, es deshalb auch zu nichts bringt, deswegen aber keineswegs unglücklich ist: Er tröstet sich mit der Gewissheit, dass ihm das Finanzamt, sofern er nichts leistet, auch nichts abziehen kann. Zumindest Pfälzer werden mir mehrheitlich zustimmen, wenn ich dies mit Matth. 6, 26 als eine grundfromme Einstellung werte: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch.“

Mit dem Refrain definierten die Karnevalisten Görsch & Häusler einerseits eine bestimmte Sprecherrolle, aus der heraus diverse komische Erlebnisse erzählt oder spezifische Charaktereigenschaften demonstriert werden konnten, andererseits animierten sie mit ihm das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen. Der ,Tramp‘-Begriff ist einigermaßen ambivalent: Ursprünglich referierte er auf amerikanische Wanderarbeiter (vgl. auch ,Hobo‘), die Gelegenheitsjobs suchten bzw. auf diese zur Fristung eines kümmerlichen Lebens angewiesen waren. Eine romantisierende Darstellung und Popularisierung erfuhr dieser Sozialtypus durch Charlie Chaplin. Ich vermute, dass zumindest einige Pfälzer auf dieses Rollenvorbild referieren, wenn sie sich selbst als ,Tramps vun de Palz‘ besingen, andere (die Mehrheit?) wird sich unter Tramp vielleicht auch nur einen lustigen Wandervogel vorstellen, der vielleicht im Pfälzer Waldverein organisiert ist. (Es gibt zum Lied entsprechende Zusatzverse!) Görsch & Häusler mögen anfangs vielleicht auch noch die kritischen sexuellen Konnotationen des Begriffs im Sinn gehabt haben (,Flittchen‘, ,Herumtreiber‘), doch dürften die mit der positiven Aufnahme des Songs ins Pfälzer Selbstbild weitgehend verdrängt worden sein, obwohl einige Verse im Stimmungsliedtext genau genommen noch in diese Richtung weisen.

Im Gegensatz zum Refrain des Karnevalslieds von Görsch & Häusler zeichneten sich die Strophen dort durch einen lakonischen Vortragsstil und – zumeist auch – eine spezielle situative Bindung aus, die in der Regel allerdings keinen Beitrag für ein Pfalz-Stereotyp leistete; z.B. war das lustige Duo in der Kampagne 1977 in Kostümen von Olympioniken aufgetreten:

Die Spiele ging‘ los
War famos
Dreisprung Kleinigkeit
Unzufrieden
Ausgeschieden
Weil wir nur zu zweit.

[Refrain]

Im Speerwurf ganz groß
Der Speer flog los
Übers Olympiafeuer
Kam unten an
Eine Taube dran
Das Grillfleisch war ungeheuer.

[Refrain]

Wenn man sich auf Youtube den Gesangsstil des Duos vergegenwärtigt, versteht man, dass sich im Laufe der Rezeption dieses Liedes nur die Refrainstrophe erhalten hat. Sie wurde in der Folge durch weitgehend belanglose, konventionelle Verse ergänzt, um den zündenden Refrain zu einem ,brauchbaren‘ Pfälzer Stimmungslied normaler Länge zu ergänzen, das bei Wein-, Volks- und Vereinsfesten, Geburtstagen, alternativen Weihnachtsfeiern, Kaffee-Fahrten und natürlich immer auch noch bei karnevalistischen Veranstaltungen sein Publikum findet. Unser Eingangsvideo, dort wird der Schlager von Emil, Gerhard und Gunnar: Die Pälzer zum Besten gegeben, illustriert eine solche Situation. Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch den intertextuellen Bezug der Phrase ,Pälzer Buwe‘ zu einem in der Pfalz weithin bekannten traditionellen Mundart-Lied gleichen Titels, das seine Beliebtheit einer außergewöhnlichen Häufung dialektaler Schimpf- und Schmähwörter verdankt. Ob der Song von den Pfälzer Tramps, für dessen überregionale Popularisierung übrigens nicht zuletzt Tony Marshall nennenswerte Verdienste zukommen, inzwischen auch als Fan-Gesang des einen oder anderen Fußballclubs Karriere gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

P.S. Auch der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump scheint ein echter ,Tramp aus der Pfalz‘ zu sein. Seine Vorfahren stammen aus dem bekannten Weindorf Kallstadt (vgl. ,Kallstadter Saumagen‘ – eine der besten Weinlagen Deutschlands, Großlage ,Kallstadter Kobnert‘), ebenso wie die der Ketchup-Dynastie Heinz. Kallstadt gilt im nachbarschaftlichen Umfeld übrigens als ,Brulljesmacher-Metropole‘, d.h. als Zentrum der Sprücheklopfer und Angeber, was sich für einen Tramp vun de Palz prima schickt; zu diesen Zusammenhängen hat Hannelore Crolly in der Welt vom 24.8.2015 einen ebenso amüsanten wie informativen Zeitungsartikel verfasst.