Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Musik: Rudi Goguel)

Wir sind die Moorsoldaten

1. Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

4. Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

5. Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten [...]

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.

Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis

Herkunft und Geschichte

Das Lied der Moorsoldaten ist heute eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal gesungen wurde das Moorsoldatenlied am 27. August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Unter der Bewachung von SS-Männern (1934 von SA-Männern abgelöst) mussten die politischen Strafgefangenen für die Moorkultivierung zwangsweise arbeiten: Torfabbau, Entwässerung, Straßen- und Wegebau. Die Häftlinge waren ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet.

Nach einer „Nacht der langen Latten“, bei der zahlreiche Gefangene verletzt wurden, beschloss die Häftlingsleitung mit Wolfgang Langhoff, dem späteren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, eine Kulturveranstaltung mit dem Namen „Zirkus Konzentrazani“ durchzuführen. Einige Tage nach der Planung kam der Bergarbeiter Johann Esser mit einem Gedicht mit sechs Versen zu Langhoff, der die manchmal holprigen Reime überarbeitete und den Refrain verfasste.

Auf die Umfrage, wer hierzu eine Melodie komponieren könnte, meldete sich Rudi Goguel, ehemals kaufmännischer Angestellter und Musikstudent, mit der Ansage, er brauche einige Tage Ruhe. Danach wurde Goguel ins Krankenrevier geschmuggelt und verfasste dort einen vierstimmigen Männerchorsatz. Mit dem Börgermoorlied komponierte Goguel die erste und einzige Melodie in seinem Leben. 1974 erklärte er gegenüber dem DDR-Rundfunk, dass “beabsichtigt war, durch die Aufführung mit Clownsauftritten und Musik den Mitgefangenen Mut zuzusprechen und unsere Moral gegenüber der SS öffentlich zu demonstrieren“.

Langhoff, Esser und Goguel waren überzeugte Kommunisten; sie gehörten zu einer Reihe politischer Gefangener aus dem Rhein-Ruhrgebiet, die bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in das zunächst als Schutzhaftlager bezeichnete Lager verschleppt wurden.

Aus dem Lagerchor stellte Goguel ein Quartett zusammen, jede Stimme wurde vierfach besetzt. Heimlich geübt wurde in einem Waschraum in einer abgelegenen Baracke.

Der „Zirkus Konzentrazani“ fand am August 1933 vor rund 900 Gefangenen im Beisein der Aufseher und Wächter statt. Nach den Darbietungen von Clownssketchen u. a. wurde zum Schluss der Veranstaltung das Lied uraufgeführt. Goguel beschreibt das so: „Die 16 Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitervereins (die als Kommunisten verhaftet worden waren), marschierten in ihren grünen Polizeiunformen (übernommen von der früheren Sicherheitspolizei, dann die damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit abgebrochenem Spatenstiel als Taktstock“.

„Bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast Tausend Gefangenen den Refrain mitzusingen“, erinnert sich Regisseur und Texter Langhoff. “Selbst die Wachmänner konnten sich dem Sog des Liedes nicht entziehen: Bei der letzten Strophe sangen alle mit auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, … offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten“, so Langhoff.

„Bei den Worten ‘Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‘ stießen die 26 Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuz wirkten“ (Rudi Goguel, Es war ein langer Weg, Düsseldorf, 1947).

Zwei Tage nach der Veranstaltung durfte das Lied nicht mehr gesungen werden, „doch sollen sich sogar SS-Leute dem Verbot widersetzt haben“ (Langhoff), indem einzelne SS-Mitglieder den  Häftlingen befahlen, vor allem auf dem Marsch zu den Arbeitsstätten das Lied zu singen.

Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 Emslandlagerla­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Esterwegen auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren. Nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer im Lager und während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt. Die standesamtlich registrierte Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 237.

Ende April 1945 wurden die Häftlinge von britischen Truppen befreit. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 aus politischen, sozialen, rassistischen oder religiösen Gründen Inhaftierten und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um. Wieviel davon an unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben und wie viele gezielt ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt. (vgl. NDR, 24.08.2018).

Ihr Schicksal sowie die Geschichte des Moorsoldatenlieds dokumentiert heute eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Esterwegen. Die Gedenkstätte wurde 2011 – 66 Jahre nach der Befreiung – eröffnet.

Foto: L. Willms  

Liedbetrachtung

Hört man die ersten drei gleichlautenden Töne (in e-Moll: e, e, e) der im 4/4-Takt geschriebenen Originalmelodie von Goguel, kann man sich vorstellen, dass sie bewusst monoton gehalten sind, um das schwere Los der Häftlinge im Marschschritt der Moorsoldaten zu versinnbildlichen. Sie treffen die Stimmung besser als der von Hans Eisler 1935 abgeänderte Auftakt e-moll: e, h, e.

Auch die zweite Zeile („Vogelsang…“) beginnt im Original monoton: g, g, g, während sie bei Eisler mit g, d, g etwas beschwingter klingt. Dazu heißt es in einem Artikel zu Das Moorsoldatenlied:  „Die zweite Zeile steht – einem vorübergehenden Hoffnungsstrahl gleich – im parallelen Dur, kehrt aber in der zweiten Zeilenhälfte wieder zum Moll zurück“ und weiter: „Der Refrain beginnt mit einem nach oben gerichteten Sextsprung, dem einzigen größeren Intervall im ganzen Lied. Aus ihm entspricht ein gewisser Stolz. So klingt der Anfang des Refrains wie ein Bekenntnis. Das Lied schließt, wie es begonnen hat mit einem düsteren Moll“ (Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel). Die heute auch im Ausland bekanntere Fassung der Melodie ist die von Hanns Eisler bearbeitete Version.

In den ersten beiden Strophen wird die Umgebung des Lagers geschildert: Im Moor und auf der Heide singen keine Vögel, und (vereinzelte) Bäume – hier Eichen – gedeihen nicht; sie sind „kahl und krumm“. Im Lager kann normalerweise keine Freude aufkommen. Das Lager ist von Stacheldraht umgeben (vgl. zweite Strophe) und streng bewacht, so dass Fluchtversuche aussichtslos sind (vgl. Strophe fünf).

Zeichnung des Häftlings Hanns Kralik (aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Sieben Tage in der Woche ziehen die Häftlinge in Kolonnen, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zur Arbeit. Bei jedem Wetter, auch wenn mittags die Sonne über den schattenlosen Mooren brennt, müssen sie unter strenger Bewachung von morgens bis abends arbeiten: Gräben ziehen, dass Moor entwässern und Torf stechen. Die Sehnsucht nach der Heimat, als Sinnbild der Freiheit, wird im vierten Vers wiederholt. Damit verbunden ist der Wunsch, daheim bei der Familie (und nicht explizit im Text: bei Freunden oder der Freundin) zu sein.

Der Text schildert die Härte des Lageralltags, verzichtet aber auf direkte Anklagen oder revolutionäres Vokabular. „Zeilen wie ‚ewig kann’s nicht Winter sein‘ oder ‚einmal werden wir froh sagen: Heimat, du bist wieder mein‘ sind für die Häftlinge allerdings leicht zu entschlüsseln – als Aufruf, den Widerstand nicht aufzugeben“ (Wolfgang Langhoff, 1935).

„Das Lied sollte Hoffnung geben und drückt eine Freiheitssehnsucht aus. Das Stück lehnt sich auf gegen Unterdrückung und menschenunwürdige Verhältnisse. In den letzten Zeilen klingt es nach Aufbruch: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, heißt es in einem Brief eines Börgermoorer Häftlings vom 30. August 1933, also drei Tage nach der Uraufführung des Liedes, an seine Frau: „Sonntag war hier großer Zirkus.“ (zitiert nach Fietje Ausländer: 75 Jahre Lied der Moorsoldaten).

Anhang: Kurze Biographien der Verfasser des Liedes:

Die drei Verfasser der Widerstandshymne hielten durch und überlebten den NS-Terror:

Johann Esser (1896–1971) arbeitete als Bergmann. 1924 bis 1933 war er Mitglied der KPD. Nachdem er sich 1931 an einem „wilden“ Streik be­tei­ligt ha­tte, wur­de mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Gleich nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen und kam in sog. Schutzhaft. 1934 aus dem KZ entlassen, dann aber in den Folgejahren mehrfach von den Nazis verhaftet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Bergmann und Gewerkschafter in Moers. Er löste sich vom Stalinismus des Kommunismus und verfasste bis zu seinem Tod Gedichte für verschiedene Zeitungen.

Wolfgang Langhoff (1901–1966) war 1928 bis 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde Anfang 1933 in „Schutzhaft“ genommen und in das Lager Börgermoor gebracht. 1934 aus dem KZ entlassen, konnte er in die in die Schweiz fliehen, wo er am Schauspielhaus Zürich als Regisseur und Schauspieler arbeitete. Bereits 1935 verfasste er den Tatsachenbericht, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager schildert: Die Moorsoldaten. 13 Monate KZ (Zürich). Er kehrte 1945 nach Deutschland zurück und wurde Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (1946–1963). 1966 starb er an Krebs in Ost-Berlin.

Rudi Goguel (1908–1976) ging nach seiner Entlassung 1934 in den Untergrund, wurde erneut verhaftet und zu zehn Jahren „Strafhaft“ verurteilt. 1944 kam er zunächst in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Im Mai 1945 überlebte er den Untergang der „Cap Arcona“, bei der mehr als 7.000 Menschen, hauptsächlich evakuierte KZ-Häftlinge, ums Leben kamen. Nach dem Krieg lebte zunächst in Süddeutschland, 1952 erhielt er eine Anstellung beim Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ, Ost-Berlin). Von 1959 bis 1968 war er Abteilungsleiter an der Humboldt-Universität Berlin für die „Geschichte der imperialistischen Ostforschung“. Über seine Erlebnisse an Bord der Cap Arcona berichtet er 1973 im Sammelband Juden unterm Hakenkreuz. Goguel starb 1976 in Ost-Berlin.

Rezeption und Verbreitung

Über in andere KZs verlegte oder entlassene Häftlinge und herausgeschmuggelte Aufzeichnungen gelangte das Lied auch an andere Gefangene und oppositionelle Kreise und wurde dadurch über die Grenzen des Emslands hinaus bekannt. „Außerhalb der KZ wurde es von der kommunistischen Agitprop-Truppe ‚Rotes Sprachrohr’ gesungen und am 8.3.1935 in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) im 4-stimmigen Originalchorsatz veröffentlicht“ (Hinze, S. 223).

1935 bearbeitete Hanns Eisler die Melodie für Ernst Busch, der das Lied während seiner Emigrationszeit verbreitete. Er sang es im Radio Moskau und nahm es 1937 in Barcelona auf Schallplatte auf. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurde es zum ersten Mal in den von Ernst Busch herausgegebenen Canciones de las Brigadas Internationales (5. Aufl., Barcelona 1938) veröffentlicht.

1942 wurde es in das geheime handschriftliche Lagerliederbuch des KZs Sachsenhausen aufgenommen und in Frankreich als Lied der Resistance, Chant de Marais, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer, bekannt. In der englischen Fassung The Peat Bog Soldiers sang es Pete Seeger 1943.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Moorsoldatenlied nicht vergessen. Bis 1955 erschienen nach den mir vorliegenden Unterlagen sechs Liederbücher in der SBZ bzw. DDR. Noch im Jahr 1945 wurde es in das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen. 1947 brachte die DDR eine Single mit dem Titel Die Moorsoldaten heraus mit der Anmerkung: „Verfasser und Komponist unbekannt“.

In der BRD tauchte „Wohin auch das Auge blicket“ zum ersten Mal erst 1952 im Liederbuch der Gewerkschaftsjugend Unsere Lieder auf.

Während das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne wurde – in der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Liedgut – dauerte es in der BRD bis in die 1970er Jahre, bevor das Lied eine begrenzte Verbreitung fand. Bekannt wurde es vor allem durch die Interpretation von Hannes Wader. Pfadfinder verschiedener Bünde und andere politisch links orientierte Künstler, wie Hein und Oss Kröher und das Folkduo Zupfgeigenhansel mit Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, nahmen es in ihr Repertoire auf.

Vor allem bei vielen Studenten wurde das Lied populär, nachdem der Verein Student für Europa, Student für Berlin das Liederbuch herausbrachte, das 1978 bereits in der 6. Auflage erschien. Daraufhin wurde das Lied auch vereinzelt in Liederbücher von Schulen aufgenommen.

In Baden-Württemberg wurde 1980 das Schulbuch „Banjo“ für den Gebrauch an den Haupt- und Realschulen vom Kultusminister des Landes Baden-Württemberg nicht zugelassen. Das Buch, so hieß es, könne wegen der Auswahl der Lieder nicht toleriert werden. Es handelte sich um das italienische Widerstandslied Bella Ciao, um Die Moorsoldaten und das Atomkraftwerksgegnerlied, eine Variante von Herrn Pastor sin Kauh (Interpretation hier). Die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Instituts für musikalische Völkerkunde (heute Institut für europäische Musikethnologie der Uni Köln) Gisela Propst-Effah schreibt: „Einer der Autoren von ‚Banjo‘ teilte mir mit, dass auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen die Zulassung des Buches wegen der Liedauswahl zunächst gescheitert und nur über persönliche Kontakte erreicht worden sei“.

In 15 Jahren von 1980 an erschienen laut Online-Archiven und Privatbibliotheken 22 Liederbücher mit dem KZ-Lied, davon 10 in der DDR. Von 2000 bis 2013 wurden in der BRD 20 Liederbücher, davon 11 von verschiedenen Pfadfinderbünden, herausgegeben.

In der DDR kam 1985 das Liederbuch der FDJ Leben – Kämpfen – Singen in der 17. Auflage heraus, und in Österreich folgte 1990 „ein demokratisches Liederbuch für Soldaten“ Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Die Popularität des Liedes kann man auch an den zahlreichen moderne Versionen ablesen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball und der Rockband Reservoir Dogs. Eine der jüngsten Versionen spielte 2012 die Deutschpunk-Band Die Toten Hosen ein. Deren Sänger Campino bezeichnet das Lied als „Hymne gegen die Unterdrückung und für das Durchhalten in brutalen Zeiten“.

Andere Interpretationen in Englisch The Peat Bog Soldiers mit der Melodie von Rudi Goguel gibt es von Paul Robeson, Pete Seeger, und The Dubliners. Der kanadische Folksänger Perry Friedmann und Joan Baez sangen das Lied auch auf Deutsch.

Das Widerstandslied ist in 15 Sprachen, auch ins Jiddische, übersetzt worden.

„Wohin auch das Auge blicket“ ist bis heute nicht vergessen worden wie auch die annähernd 300 Videos bei YouTube zeigen und das Vortragen des Liedes bei Feiern des Tages der Befreiung am 8. Mai 1945 und zum Abschluss einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 vom RIAS-Kammerchor aus Berlin.

„Das Moorsoldatenlied soll nicht nur an diejenigen erinnern, die Gegner des Nationalsozialismus waren und von ihm verfolgt wurden, es gehört zu den international weit verbreiteten Liedern, die auch dort die Erinnerung wachhalten an den schlimmsten Abschnitt deutscher Geschichte“. (Hubrich, Kutz-Bauer, Wenzel).

Zeichnungen des Häftlings Hanns Kralik. (linke Seite: Foto von Frank Vincentz; rechte Seite: aus Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Zürich 1935.)

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete und weiterführende Literatur

Ausländer, Fietje / Brandt, Susanne / Fackler, Guido: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Ed. by Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg.

Fack­ler, Gui­do: Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141–198.

Goguel, Rudi: Es war ein langer Weg – Ein Erlebnisbericht, Düsseldorf 1947.

Lang­hoff, Wolf­gang: Die Moor­sol­da­ten. 13 Mo­na­te ­Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­po­li­ti­scher Tat­sa­chen­be­richt, Zü­rich 1935 [zahl­rei­che Li­zenz­aus­ga­ben bis heu­te].

Lang­hoff, Wolf­gang, Scha­b­rod, Karl: Wir sind die Moor­sol­da­ten, in: Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt, Ber­lin 1983, S. 138-163.

Hinze, Werner, Das Moorsoldatenlied. In: Historisch-politische Lieder aus acht Jahrhunderten, Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2009, S. 222–225.

Historische Lieder aus acht Jahrhunderten, Hg. Wolfgang Hubrich, Helga Kutz-Bauer, Rüdiger Wenzel). Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 1989, S. 108–109.

Probst-Effah, Gisela, Das Moorsoldatenlied – Zur Geschichte eines Liedes von säkularer Bedeutung, in: Stambolis/Reulecke ((Hg.) Goodbye Memories – Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 155 – 173.

Das Lied der Weißen Rose – „Schließ Aug und Ohr“ von Friedrich Gundolf

Version von Die Grenzgänger (enthalten auf: und weil der Mensch ein Mensch ist, 2015)

Friedrich Gundolf

Schließ Aug und Ohr

Schließ Aug und Ohr für eine Weil
vor dem Getös der Zeit.
Du heilst es nicht und hast kein Heil
als wo dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehen
im Tag die Ewigkeit.
So bist du schon im Weltgeschehen
befangen und befreit.

Die Stunde kommt da man dich braucht,
dann sei du ganz bereit.
Und in das Feuer das verraucht,
wirf dich als letztes Scheit.

     [Fassung des Erstdrucks in: Jugendland. Jungenblätter des Bundes
     deutscher Ringpfadfinder 1931.]

Das Lied hörte ich kurz vor Weihnachten von einigen Pfadfinderinnen, die es nachts in einem Gemeindehaus sangen, leise, damit im Gemeindesaal schlafende Transit-Flüchtlinge nicht wach werden sollten.

Entstehung

Friedrich Gundolf (1880–1931) schrieb das Gedicht noch während seiner schweren Krankheit bald vor seinem Tod. Gundolf (eigentlich Gundelfinger) war Dichter und Professor der Germanistik, über sein Fachgebiet hinaus bekannt vor allem durch seine Übersetzungen (u.a. mit Stefan George Shakespeare in deutscher Sprache, 10 Bände) und zahlreichen Abhandlungen zur deutschen Literatur. Er war Mitglied im Kreis um Stefan George (1868–1912), dem auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg angehörte. Über Veröffentlichungen und Vorträge prägte der George-Kreis Teile der Jugendbewegung in politischer und kultureller Hinsicht. Schließ Aug und Ohr ist entstanden unter dem Einfluss des Symbolisten und Neuromantikers Stefan George, mit dem Gundolf zeitweise eng befreundet war.

Erstmalig im Druck erschienen ist das Lied Anfang 1931 in der Zeitschrift Jugendland. Jungenblätter des Bundes deutscher Ringpfadfinder, in der auch 1923 Hohe Tannen weisen die Sterne erstmalig gedruckt wurde. In bündischen und später auch in katholischen Kreisen wurde Schließ Aug und Ohr als Lied populär, nachdem es der der Jugendbewegung nahestehende Verlag Günther Wolff, Plauen, 1933 im Heft Lieder der Süd-Legion herausbrachte. Die Melodie „musikalischer Nähe zum russischen Liedgut“ (www.museenkoeln.de) ist im Tahoe-Ring entstanden, der, nachdem er aus der Ringgemeinschaft Deutscher Pfadfinder 1932 ausgetreten war, zum vor allem in Berlin aktiven Jungenbund Südlegion wurde. Ein Grund, weshalb in manchen nach 1945 erschienenen Liederbüchern als Urheber der Melodie mal Tahoe-Ring, mal Südlegion, mal beide Gruppierungen genannt werden. Die ebenfalls vorzufindende Nennung Alfred Zschiesches (1908–1992, Komponist einiger 100 Lieder der Jugendbewegung, u.a. Wenn die bunten Fahnen wehen) ist darauf zurückzuführen, dass Zschiesche eine eigene Melodie komponiert hat. Leicht variierende Weisen stammen von Karl Marx (1952) und Paul Becker (1951). Die oben verlinkte Version der Gruppe Die Grenzgänger hat mir am besten gefallen.

Rezeption 1933 bis 1945

Welche Auflage die Lieder der Süd-Legion hatte, ist mir nicht bekannt. Die Südlegion löste sich bereits 1934 offiziell auf, um der Eingliederung in die Hitler-Jugend zu entgehen. Heimlich und auf Auslandsfahrten wurde Schließ Aug und Ohr weiterhin gesungen. Handschriftliche Fassungen wurden im Geheimen weitergereicht, so z.B. bei der „Deutschen Jungenschaft“ in der Illegalität (1934-1945; erstes Verbot der bündischen Jugend 1934; neugefasste Verordnung 1938), die das Lied der Inneren Emigration für sich als Hymne gewählt hatte.

Verbot der Bündischen Jugend

Schließ Aug und Ohr

Handschriftlicher Auszug aus dem zwischen 1936 und 1941 entstandenen Liederbuch eines Kölner Pfadfinders (www.museenkoeln.de)

Auffällig ist, dass das Lied bis etwa 1939 in keinem weiteren gedruckten Liederbuch auftaucht – weder in bündischen noch konfessionellen oder anderen Liederbüchern. Während der Nazizeit galt es als eine Art ‚Besinnungslied‘ unter den verbotenen Jugendgruppen. In NS-Liederbüchern war für solch ein Lied kein Platz, zumal sein Verfasser aus einer jüdischen Familie stammte. Nach dem Verbot „bündischer Umtriebe“ hatte es keine Chance, in anderen Liederbüchern zu erscheinen. Um 1939 wagte es Günther Wollf, sogar nach dem Verbot seines Verlages 1938, erneut das Lied in Lieder der Süd-Legion mit dem Impressum „Günther Wolff i.V. Röderdruck, Leipzig“, herauszubringen (Archiv Schendel, www.deutscheslied.com). Einige Exemplare müssen in katholische Kreise gelangt sein. Und so wurde das Lied Ostern 1940 bei einer katholischen Jugendtagung in Altenberg (bei Köln) gesungen. Das Lied galt auch als Lieblingslied des aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangenen, 1938 verbotenen „Grauen Ordens“, dessen Leiter Willi Graf später der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ angehörte. Hier wiederum war es insbesondere das Schicksal Sophie Scholls, das dazu beigetragen hat, Schließ Aug und Ohr so populär zu machen, dass es schließlich als „Lied der Weißen Rose“ galt (vgl. www.museenkoeln.de).

Rezeption nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Schließ Aug und Ohr im Gegensatz zu vielen Liedern der Jugendbewegung in keines der Liederbücher mit großer Auflage aufgenommen worden. Der Grund, warum es in den handlichen, weit verbreiteten Taschenbüchern der Verlage Insel, Fischer, Heyne oder in den umfangreichen Liederbüchern von Bertelsmann, Kiepenheuer und Witsch und Weltbild, von der Mundorgel ganz abgesehen, und in den noch heute kursierenden Liederheften Liederbuch, Liederkarren, Liedersonne etc. nicht vertreten ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Gäbe es nicht die Liederbücher der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung und die CD der Folkrockgruppe Singvøgel (Hart am Rande, 2003) und vor allem die Auftritte und die CD der Songgruppe Die Grenzgänger (und weil der Mensch ein Mensch ist, 2015) wäre das Lied vermutlich verloren gegangen, zumal selbst im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, nicht einmal ein Tonträger aufgeführt ist. Gemessen an der Zahl der Liederbücher, die Schließ Aug und Ohr aufgenommen haben, steht es nach wie vor im Schatten der heute noch weit verbreiteten jugendbewegten Lieder, wie z.B. Im Frühtau zu Berge, Wenn die bunten Fahnen wehen, Wann wir schreiten Seit an Seit, Aus grauer Städte Mauern. Auffällig, dass es in einem Liederbuch der DDR erscheinen konnte: 1956 brachten die Seelsorgeämter der DDR Lieder der Runde – Ein Liederbuch für das christliche Heim heraus. In der vergangenen Dekade erschien das Lied in 10 Liederbüchern mit kleinen Auflagen, überwiegend in Eigenverlagen der verschiedenen Pfadfinderbünde und -gruppierungen. Einen Überblick über „die Lieder der Bündischen in der Verbotszeit 1933 – 1945“ gibt das von Klaus Meier, Verband der christlichen PfadfinderInnen, herausgegebene Singen in der dunklen Zeit (2014).

Zum Lied

Auch wenn die Nazis es abwertend als „Besinnungslied“ bezeichneten, ruft das Gedicht bzw. das Lied tatsächlich zur Besinnung auf. Es wendet sich direkt an den Leser und Hörer, und auch der Sänger, der den Inhalt transportiert, ist sicherlich gemeint. Es gilt „vor dem Getös der Zeit“ abzuschalten, „für eine Weil“ in sich zu gehen, „Aug und Ohr“ zu schließen. 1931, als das Gedicht entstand, nahm das „Getös der Zeitgrößere Ausmaße an. Es kann hier als Metapher für die zunehmende Hektik der Großstadt verstanden werden, aber auch für den zunehmenden Druck radikaler politischer Strömungen stehen, dem die Jugendlichen ausgesetzt waren. Ganz konnten sie sich dem nicht entziehen, und sie konnten es nicht ändern – „Du heilst es nicht“ -, aber sie sollten versuchen, immer wieder durch innere Einkehr zu sich zu kommen, denn man hat „kein Heil / als wo [s]ein Herz sich weiht“.

Dabei hat jeder der Angesprochenen das „Amt“ zu „hüten“, zu „harren“ und zu „sehen“, die Aufgabe, vorsichtig zu sein, sich (und die Seinen) vor aufziehendem Unheil zu bewahren. Auf die damalige Zeit bezogen, heißt das, nicht in den Sog radikaler Parolen zu geraten, sich nicht an Straßen- und Saalschlachten zu beteiligen, nicht Mitglied gewalttätiger oder rassistischer Organisationen zu werden.

Zunächst ist abzuwarten (in innerer Opposition), heißt es sich nicht vorzeitig zu exponieren und achtsam zu sein. Mit dieser Einsicht entzieht man sich nicht der Realität, sondern man ist „im Weltgeschehen“ zugleich „befangen und befreit“. Das bedeutet, nach wie vor gilt es, das Geschehen zu beobachten, um zu erkennen, wann es soweit ist, Widerstand zu leisten.

Denn, da ist sich der Dichter gewiss und spricht Mut machend: „Die Stunde kommt da man dich braucht“. Dann heißt es, sich für seine Ideale, z.B. für die Menschenrechte einzusetzen, „dann sei du ganz bereit“, auch wenn es gefährlich ist: „Und in das Feuer das verraucht“ – hier wahrscheinlich gemeint: die allgemeine Resignation, das Hinnehmen des gegebenen Unrechts – „Wirf dich als letztes Scheit“ , damit das Feuer wieder aufflackert und das Zeichen gibt: Der Widerstand ist noch nicht erloschen, so wie Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose es taten. Sie waren sich der Gefahr völlig bewusst, sie setzten ein Fanal, sie warfen sich ins Feuer „als letztes Scheit“ und wurden 1943 von den Nazis hingerichtet.

Heute mag jeder selbst entscheiden, ob die Stunde schon da ist, um einen Beitrag gegen Fremdenhass und Flüchtlingsnot, für Menschenrechte und Menschlichkeit zu leisten. ‚Bis zum letzten Scheit‘ möge es nie wieder kommen.

Georg Nagel, Hamburg