„Wir lachen der Feinde und aller Gefahren“. Zu „Wir lieben die Stürme“

Anonym

Wir lieben die Stürme

1)Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde rauhes Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gezogen,
und dennoch sank uns're Fahne nicht.
Heijo, heijo, heijo, heijo, heijoho, heijo, heijoho, heijo!

2) Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wogen,
jetzt strafft der Wind uns're Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben die Fahne sich wenden,
die blutrote Fahne, ihr Seeleut‘, habt Acht.

3) Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
wir jagen sei weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck, und wir kämpfen wie Löwen,
hei, unser der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!

4) Ja, wir sind Piraten und fahren zu Meere,
wir fürchten nicht Tod und den Teufel dazu,
wir lachen der Feinde und aller Gefahren,
am Grunde des Meeres erst finden wir Ruh.

Entstehung

Entstanden ist das Lied in Kreisen der Pfadfinder; der Verfasser ist unbekannt. Die Melodie stammt gemäß dem Germanisten, Erzähl- und Liedforscher Heinz Rölleke (geb. 1936) aus der Jugendbewegung (vgl. Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 370). Wie zuvor Fritz Sotke (1902 – 1970), der als Herausgeber von Unser Lied fälschlicherweise als Verfasser des Liedes Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht angesehen wird (vgl. Interpretation), wird in manchen Liederbüchern der Musikpädagoge und Lehrer Wilhelm Volk (1909-1994) für den Urheber des Liedes gehalten. Wilhelm Volk hat das Lied in Lieder des Bundes (hg. vom Bund Deutscher Pfadfinder) zusammen mit anderen Liedern erstmals 1933 veröffentlicht.

Wir lieben die Stürme gehört zu der Reihe der jugendbewegten Sturmlieder wie auch Wenn die bunten Fahnen wehen (vgl. Interpretation), wie in der zweiten Strophe deutlich wird: „Blasen die Stürme, / brausen die Wellen, / singen wir mit dem Sturm unser Lied“). Auch Wir wollen zu Land ausfahrender mit dem Vers „Woll’n lauschen, woher der Sturmwind braust“ in der ersten Strophe (vgl. Interpretation) oder das bereits erwähnte Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht gehören dazu.

Interpretation

Die Freude der bündischen Jugendlichen, sich den Elementen, hier dem Sturm, den ‚eiskalten Winden‘ und dem Meer (dem Wasser), auszusetzen und ihnen zu widerstehen, wird deutlich. In ihrer Fantasie sind die unbekannten Verfasser in ihrem Segelschiff über viele Meere gefahren, sie sind stolz darauf, trotz ‚brausender Wogen‘ und Stürme nicht gekentert zu sein, poetisch benannt: „und dennoch sank uns’re Fahne nicht“. Und dem Sturm setzen sie, ähnlich wie in manchen Shanties einen im Chor gesungenen Refrain entgegen: „Heijo, heijo, heijo, heijo, heijoho, heijo, heijoho, heijo! (vgl. „to my hoodah, hoodah, ho“ aus: Ick heff mol een Hamburger Veermaster sehn).

In der zweiten Strophe wird klar: Hier handelt es sich nicht um ein Frachtschiff, geschweige denn um eine Yacht bei einem Segeltörn zum Vergnügen, sondern um ein Piratenschiff. Die Seeleute sind stolz darauf, wie ihr Schiff durch die „schäumenden Wogen“ gleitet und sie sind froh, eine steife Brise (seemännische Untertreibung für starken Wind) erwischt zu haben, die die Segel strafft und nicht wie in einer Flaute oder bei Schwachwind flattern lässt. Und in diesem Wohlgefühl warnen sie andere Seefahrer: Sie sollen den Hinweis auf ihre „blutrote Fahne erkennen und sich in Acht nehmen. Normalerweise ist eine Piratenflagge schwarz, meistens mit einem weißen Totenkopf. Wahrscheinlich haben hier die Verfasser aus dramaturgischen Gründen die Farbe Rot gewählt, die auf bevorstehende Kämpfe hinweist, bei denen Blut fließen wird.

Damit sich ein Frachter, von dem sie sich Beute versprechen, nicht in die Obhut eines Hafens flüchten kann, treiben unsere Piraten ihn „mit fliegenden Segeln / […] weit auf das endlose Meer“. Dort sind die Piraten sicher, dass dem von ihnen angegriffenen Schiff so schnell niemand zu Hilfe kommen kann. Nah genug gekommen, werden die Enterhaken geworfen, übergesetzt und dann auf dem fremden Deck „wie Löwen“ bis zum Sieg gekämpft, selbst wenn der Gegner zahlreich, unter Umständen sogar von der Anzahl her überlegen ist. Wie früher in der Schlacht bei Creazzo 1513, als der Landsknechtführer Georg von Frundsberg mit seinen perfekt gedrillten Landsknechten einen mehrfach zahlenmäßig überlegenen Gegner schlug, gilt dessen Devise auch hier: „Viel Feind, viel Ehr!“ (Offensichtlich hatten die bündischen Gymnasiasten im Geschichtsunterricht gut aufgepasst.)

Sie sind nun mal Piraten und fürchten weder ‚Tod noch Teufel‘. Sie machen sich selbst Mut, indem sie über den Feind und die drohende Gefahr lachen. Zugleich hoffen sie, dass sie noch lange leben werden, aber sie sind sich bewusst, dass auch sie der Tod ereilen kann und sie dann ‚auf dem Grund des Meeres Ruhe finden‘.

Rezeption

Nachdem – noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten – der Deutsche Pfadfinderbund Wir lieben die Stürme veröffentlicht hatte, übernahmen die Nazis das Lied. Die mitreißende Melodie und der vitalisierende Text passten in ihre ‚Zeit des Aufbruchs‘. Mit der ‚blutroten Fahne‘ konnten sie sich identifizieren (vgl. Unsre Fahne flattert uns voran) und die Devise ‚Viel Feind, viel Ehr‘ wurde von den HJ-Führern schon den Pimpfen und Hitlerjungen nahegebracht.

Zwar war das Lied im ersten vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach herausgegebenen Hitlerjungen-Liederbuch Blut und Ehre (1933) nicht enthalten, aber 1934 wurde es in das am meisten verbreitete Liederbuch der Hitlerjugend (bis 1940 2,5 Millionen Auflage) Uns geht die Sonne nicht unter… aufgenommen. Der Titel entstammt dem Refrain des Liedes Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht, das wie viele andere Lieder der Jugendbewegung, z.B. Aus grauer Städte Mauern (Interpretation),  Im Frühtau zu Berge (Interpretation), Wir sind jung, die Welt ist offen oder Wir wollen zu Land ausfahren (Interpretation), von der HJ und anderen NS-Organisationen übernommen wurde. Und da es sich auf dem zugrunde liegenden 4/4-Takt gut marschieren ließ, folgten ab 1939 mehrere Liederbücher für Soldaten mit dem Lied, z. B. Der Führer hat gerufen – Unser Kriegsliederbuch und Morgen marschieren wir.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg galt das Lied als NS-belastet, aber seitdem es 1952 als Seemannslied wiederentdeckt wurde (vgl. Knurrhahn – Seemannslieder und Shanties und Die Seemannslust, 1954), setzte geradezu ein Run auf Wir lieben die Stürme ein: Die Sportjugend, die Christliche Pfadfinderschaft, die Turner- wie auch die Waldjugend nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Da wollte der Deutsche Fußballbund nicht abseits stehen, und auch die konfessionellen Kreise liebten die Stürme, sogar die sonst so in sich gekehrten Schülerbibelkreise. Die größte Verbreitung erfuhren die Stürme seit 1953 durch Die Mundorgel (Textauflage bis 2013: 11 Millionen) mit den vier bekannten Strophen. Dagegen enthielten die ab 1956 hinzu gekommenen Liederbücher der Bundeswehr, wie die Mehrheit der Liedersammlungen, nur die ersten drei Strophen, vermutlich weil in der vierten Strophe vom Tod und vom Sterben die Rede ist.

Nachdem Heino 1965 die erste seiner 15 Schallplatten und CDs (bis 2013) mit dem Lied eingesungen hatte, wuchs die Popularität weiter an. Es erschienen auflagestarke Taschenbücher der Verlage Heyne, Schneider, Moewig, Insel und Reclam; auch namhafte Liederforscher wie Ernst Klusen und Heinz Rölleke nahmen das Lied mit jeweils vier Strophen in ihre Liedersammlungen auf. Die Nachfolgeorganisationen der Wandervögel und der bündischen Jugend scheuten sich ebenfalls nicht, alle vier Strophen des Liedes zu veröffentlichen.

Das Lied ist bis heute beliebt und bekannt geblieben. Dazu beigetragen haben auch die Interpretationen von Freddy Quinn, Hermann Prey, Achim Reichel und von zahlreichen Chören z.B. von Shanty-, Marine- und Polizeichören bis zum Montanarachor und den Alsterspatzen. Noch 2013 erschien eine jazzige Version der Combo Jazz Hoch Drei. Und wie bei beliebten Liedern so üblich, gibt es auch eine parodistische Strophe, die in Schülerkreisen gern gesungen wurde:

Wir lieben die Schule, die brausenden Lehrer,
des eiskalten Rektors graues Gesicht.
Wir sind schon so oft von der Schule geflogen,
und dennoch wankt uns’re Frechheit nicht.

Eine verachtenswerte Umdichtung wurde auf einer Veranstaltung von Pegida Nürnberg vorgetragen (die erste Strophe ist mit dem Original identisch):

2) Wir kommen von Süden und woll’n in die Mitte
Europas, wo Frauen und Geldscheine blühn.
Wir haben Macheten und heilige Bücher,
damit bringen wir Europa zum glühn.

3) Wir gehen in die Boote und lassen uns treiben
vor Libyens Küste, da wartet das Glück,
da warten die Retter, die schützen die Grenzen,
doch niemanden schicken die Retter zurück.

4) Auf unseren Booten ist mancher nicht gläubig,
denn nicht eine Sure kommt aus seinem Mund.
Für Christen und Heiden, da endet die Reise
mit offener Kehle am Meeresgrund.

5) So mancher von uns hat noch viele Geschwister,
die warten nur auf unser Rettungssignal.
Dann werden sie kommen, dann werden wir stärker.
Was wird aus Europa? Das ist uns egal!

6) So hört unsre Botschaft, ihr Frauen und Männer,
wir bringen euch Reichtum besonderer Art.
Wir zeigen euch bald die Gesetze des Dschungels
und wie man im Dschungel mit Wonne sich paart.

7) Denn ihr seid die Knechte und wir sind die Herren
der neuen Bevölkerungsmischungskultur.
Ihr werdet uns weichen, wir werden euch scheuchen
und darauf, da schwören wir jeden Schwur.

Getextet und gesungen wurde das Lied von Ernst Cran, einem ehemaligen evangelischen Pfarrer. Cran, der auch manchmal im schwarz-rot-goldenen T-Shirt auftritt, hält bei Pegida-Veranstaltungen im süddeutschen Raum Reden, in denen er Flüchtlinge ähnlich wie im Lied diskriminiert. Einem Video des Bayerischen Rundfunks ist zu entnehmen, dass Angehörige eines Verstorbenen, vor denen er eine Trauerrede gehalten hatte, völlig fassungslos waren, als sie von seinen Reden bei Pegida-Veranstaltungen hörten. Darauf hingewiesen, zeigte er sich unbeeindruckt: „Da muss ich natürlich intellektuell in einem Rahmen bleiben, der verstehbar ist, und ich muss sprachlich in einer Weise reden“, die dem Anlass entspreche. Mit der Überzeugung als Theologe, als geistig denkender Mensch äußere ich mich auch zu politischen Gegebenheiten“. „Ich schäme mich nicht für das, was ich sage, in keinster Weise“. Wie Ernst Cran die Texte seiner Lieder und Reden mit seinem Selbstbild „als empfindsamer, fühlender, denkender, gottesrufender Mensch“, so seine Worte in einer Nachtcafé-Sendung des SWR, vereinbaren kann, bleibt ein Rätsel.

Georg Nagel, Hamburg

„Hei, die wilden Wandervögel“ – Alfred Zschiesches ‚bündischer Superhit‘ „Wenn die bunten Fahnen wehen“

 

Alfred Zschiesche

Wenn die bunten Fahnen wehen

1.
Wenn die bunten Fahnen wehen,
geht die Fahrt wohl übers Meer.
Woll'n wir ferne Lande sehen,
fällt der Abschied uns nicht schwer.
Leuchtet die Sonne,
ziehen die Wolken,
klingen die Lieder weit übers Meer.

2.
Sonnenschein ist unsre Wonne,
wie er lacht am lichten Tag!
Doch es geht auch ohne Sonne,
wenn sie mal nicht lachen mag.
Blasen die Stürme,
brausen die Wellen,
singen wir mit dem Sturm unser Lied.

3.
Hei, die wilden Wandervögel
ziehen wieder durch die Nacht,
schmettern ihre alten Lieder,
daß die Welt vom Schlaf erwacht.
Kommt dann der Morgen,
sind sie schon weiter,
über die Berge - wer weiß wohin.

4.
Wo die blauen Gipfel ragen,
lockt so mancher steile Pfad.
immer vorwärts, ohne Zagen;
bald sind wir dem Ziel genaht!
Schneefelder blinken,
schimmern von Ferne her,
Lande versinken im Wolkenmeer.

Als einen „bündischen ‚Superhit’“ hat der Kenner der Jugendbewegung Wolfgang Lindner Wenn die bunten Fahnen wehen bezeichnet (in: Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität, S. 90). Gehörte das Lied in den 1920er und 30er Jahren zum Kanon der Jugendkultur, so hat es heute den Status eines volkstümlichen Schlagers oder eines Marsches (vgl. www.jugend1918-1945.de; s. Rezeption ab 1945). Der Montanara Chor, Heino und die Fischerchöre haben sicherlich dazu beigetragen, dass das ursprüngliche Fahrtenlied 1975 bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts für musikalische Volkskunde, Neuss (heute: Institut für europäische Musikethnologie, Universität Köln) den 5. Rang (76,6 % der Nennungen) der vorgegebenen Lieder eingenommen hat. In den letzten Jahren wird es nach wie vor als Volkslied von Chören und als bündisches Lied in den Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung gesungen.

Entstehung

Verfasser des Liedes ist Alfred Zschiesche (1908–1992), Mitglied des Nerother Wandervogels. Alf, so sein Fahrtenname, hat über 100 Lieder geschrieben und zum großen Teil auch komponiert. Zur Entstehung seines bekanntesten Liedes schreibt Zschiesche:

Das Lied „Wenn die bunten Fahnen wehen“ entstand, als ich 24 Jahre alt […] im Dezember 1932. […] Als ich damals meine Akkorde und Melodieimprovisationen ausprobierte, stand ich noch ganz im Bann einer Film- und Liederveranstaltung des Nerother Wandervogels, die ich […] erlebt hatte. Es handelte sich um den Film „Iguassu, das große Wasser” von der Weltfahrt einer Nerother Gruppe nach Südamerika. Nun ereignete sich das für mich höchst Erstaunlichste, dass sich die Eindrücke des großartigen Films und meine eigenen viel bescheideneren bisherigen Fahrtenerlebnisse auf einmal in Worten und Tönen verdichteten, die mit unerhörter Geschwindigkeit in meinem Bewusstsein auftauchten. Es war fast, als ob mir eine Stimme die Melodie mitsamt den vier Textstrophen diktiere.

Ich hatte Notenpapier zur Hand und schrieb in größter Eile mit einer Art improvisierter Kurzschrift das Vernommene auf […]“. [www.buendische-blaue-blume.de]

Zschiesche war auch nach dem Verbot der freien Jugendbünde im Juni 1933 bei den Nerothern aktiv; bereits 1933 kam er wegen „bündischer Umtriebe“ vier Wochen ins Gefängnis (es genügte, mit einer Gruppe, die nicht der Hitlerjugend angehörte, auf Fahrt zu gehen). Zschiesche ist der bündischen Idee bis zu seinem Tod mit 84 Jahren treugeblieben. Noch bis ins hohe Alter war er außerdem als Schriftsteller, Fotograf und Zeichner tätig.

Wir können vermuten, dass „die Stimme, die die Melodie mitsamt der vier Textstrophen diktier[t]e“, nicht ganz unbeeinflusst war vom Hören anderer bündischer Lieder. Bereits zu seinem titelgebenden Liedanfang könnte Zschiesche durch den Refrain der ersten Strophe „Laß die bunten Fahnen wehen“ von Jürgen Riehls Lied Kameraden, wir marschieren inspiriert worden sein. Offensichtlich ist auch die Ähnlichkeit zwischen Riels „wollen fremdes Land durchspüren“ und Zschiesches „wollen fremde Lande sehen“. Da sich Riels Lied bereits im Jahr seiner Entstehung 1932 in der bündischen Jugend wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Zschiesche es im Dezember 1932 kannte. Auf vergleichbare Passagen der 4. Strophe mit Hjalmar Kutzlebs Wir wollen zu Land ausfahren (1911), komme ich noch zu sprechen.

Interpretation

Wie in vielen Liedern der Jugendbewegung drückt sich auch in Wenn die bunten Fahnen wehen das Fernweh und die Sehnsucht nach der Natur aus. Es geht hinaus „aus grauer Städte Mauern“ „über die Fluren weit“; „unser Sehen, unser Hoffen zieht hinaus durch Wald und Feld“, so in der ersten Strophe des 1919 von Jürgen Brand verfassten Lieds Wir sind jung, die Welt ist offen. Und wie es rückblickend in einem anderen, mündlich überlieferten Wandervogellied heißt „Wir sind durch Deutschland gefahren, / vom Meer bis zum Alpenschnee“; eine Fahrt (vgl. auf Fahrt gehen), wie sie auch hier beschrieben wird.

Wenn in der ersten Strophe „die Fahrt wohl übers Meer“ geht, ist nicht anzunehmen, dass die Nerother gesegelt sind – Segeltouren sind aus der Jugendbewegung nicht bekannt. Die Fahrtengruppe wird sich wohl an Bord eines großen Schiffes begeben haben und dann dort die bunten Fahnen wehen lassen haben. Vielleicht aber sind hier auch die bunten Flaggen gemeint, die beim Ablegen über Topp aufgezogen werden. Dass den jungen Leuten der Abschied nicht schwer fällt, ist verständlich, geht es doch „fernen Landen“ entgegen, warten Neues und damit verbundene Abenteuer auf sie. Und wenn dann noch die Sonne scheint und die Wolken (ruhig) ziehen, dann wird die Seefahrt ein Vergnügen, und sie singen aus voller Kehle ihre Lieder, sie „klingen weit übers Meer“. So sehr der Sonnenschein begrüßt wird, vor allem, wenn er den (ganzen) Tag lang lacht, so macht es den Jugendlichen nichts aus, wenn die Sonne einmal nicht scheint (vgl. auch „Regen, Wind, wir lachen drüber“, aus: Wir sind jung, die Welt ist offen). Wenn die Stürme blasen und die Wellen brausen, singen sie „mit dem Sturm [ihr] Lied“. Sie „lieben die Stürme, die brausenden Wogen“, wie es in einem anderen seit 1933 bekannten jugendbewegten Lied heißt – wahrscheinlich so lange, bis Sturm und Wellen weiter zunehmen und die Landratten seekrank werden.

In der 3. und 4. Strophe geht es in die Berge. Beim Auftakt „Hei“ merkt man den „wilden Wandervögeln“ die Freude an, wieder auf Fahrt zu gehen. Warum sie allerdings durch die Nacht ziehen, bleibt unklar; eventuell, weil es abenteuerlicher ist, wie es der Verfasser dieses Artikels vor Jahrzehnten bei Nachtwanderungen im CVJM (Christlicher Verein Junger Männer, seit den 1970er Jahren: Menschen) erlebt hat. Oder es sind romantische Vorstellungen, wie sie in der dritten Strophe von Wir wollen zu Land ausfahren angesprochen werden: „Dämpfet die Stimme, die Schritte im Wald, / so hör’n, so schau’n wir manch Zaubergestalt, / die wallt mit uns durch die Nacht“.

Hier aber sind die Wandervögel nicht gerade leise; im Gegenteil „sie schmettern ihre alten Lieder“ (vielleicht, um sich gegen aufkommende Ängste Mut zu machen). Auf Fahrt wurden die Lieder häufig „geschmettert“ (um nicht zu sagen gegrölt); man war in der Natur und störte niemanden, scheuchte schlimmstenfalls Hasen und Rehe auf. Im Text wird eine Begründung gegeben: „daß die Welt vom Schlaf erwacht“. Ja, so waren sie, die Wandervögel; sie waren nicht nur selbstbewusst, sondern auch sendungsbewusst, wie es auch die Aufforderung in einem bündischen Lied von Wilhelm Sell zeigt: „In die Sonne, in die Ferne hinaus, / laßt die Sorgen, den Alltag zu Haus!“ Die Wandervögel ziehen weiter, „wer weiß wohin?“. Eine Frage, die Zschiesche 1935 in einem seiner anderen Lieder aufgreift: Wo wollt ihr hin, ihr tollen Jungen? und er gibt gleich die Antwort: „Wir wissen’s nicht, in fremdes Land“. Hier zeigt sich erneut die Sehnsucht nach Neuem, Unbekanntem – ein Motiv, das sich in anderen Liedern ebenfalls findet, z.B. in Wir sind jung, die Welt ist offen: „Liegt dort hinter jenem Walde / nicht ein fernes, fremdes Land?“

Doch zurück zum „schmettern“: Wolfgang Lindner führt zu dem „bündischen ‚Superhit’“ aus: „ein von der Jugendmusik-Bewegung [s. Wikipedia, auch zu Fritz Jöde und Walther Hensel] bekritteltes herrlich pubertäres ‚Radau‘-Lied“ (Lindner s.o., Abschnitt 2.2.3: Genuine Lieder der Jugendbewegung, S. 90). Auch die Mehrheit der Herausgeber von Liederbüchern mit dem Fahrtenlied fand das laute Singen wohl unpassend und ersetzte das „schmettern“ durch „singen“ oder ließ die dritte Strophe ganz weg (s. Abschnitt Rezeption).

Wie in Kutzlebs Lied von 1911 („Wir wollen zu Land ausfahren / über die Gipfel weit, / aufwärts zu den klaren, / Gipfeln der Einsamkeit“ gilt es auch hier, auf „steilen Pfaden“ zu den „blauen Gipfeln“ zu wandern.

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Und wenn das Hochsteigen auch manchmal schwerfällt, so machen sich die Wandervögel selbst Mut mit dem verheißenden Hinweis „bald sind wir dem Ziel genaht“. Dort, am Ziel, findet man die Stille, die Besinnung, die Einsamkeit. Belohnt werden die Wanderer mit dem Blick in die Weite, wo die „Schneefelder blinken“. Sie sind weit weg vom Alltag, vom Trubel der Städte, fühlen sich frei und ungebunden und lassen zeitweise alles hinter sich: „Lande versinken im Wolkenmeer“.  Ein Gefühl, das 36 Jahre später der deutsche Chansonnier Reinhard Mey nachempfunden hat: „Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein.“ 

Rezeption 1932 bis 1945

Nachdem Zschiesche Wenn die bunten Fahnen wehen zur Burg Waldeck an den Bruder des Bundesführers der Nerother geschickt hatte und noch 1933 die ersten beiden Liederbücher – das von Zschiesche herausgegebene gleichnamige Liederbuch und das Nerother Fahrtenliederbuch Hejo, der Fahrtwind weht – mit dem Lied erschienen waren, verbreitete es sich schnell in der gesamten bündischen Jugend. Beide Liederbücher enthielten die 3. Strophe Hei, die wilden Wandervögel, die weder gedruckt noch gesungen werden durfte. Nach Bekanntwerden musste der Verlag Günther Wolff, Plauen, den Vertrieb des von Zschiesche herausgegebenen Buches einstellen. Trotzdem wurde das Lied, auch mit der „Wandervogel-Strophe“, weiterhin gesungen. 1937 kam es zu einem Prozess, in dem mehreren Nerothern vorgeworfen wurde, verbotene Fahrten (s. oben) und verbotenen Lieder gesungen zu haben. Ein alter Nerother weiß von einer damaligen Gerichtsverhandlung zu berichten:   

In dem Moment, als ihr Verteidiger sein Plädoyer hielt, marschierte eine Hitlerjugend-Gruppe am Gerichtsgebäude vorbei, und sie sangen: Wenn die bunten Fahnen wehen! Geistesgegenwärtig ließ der Anwalt sämtliche Fenster des Gerichtssaal öffnen: „Sehen sie, meine Herren Richter, diese Jugend hier, die sie verurteilen wollen, den Nerother Wandervögeln, von denen ist auch dieses Lied, was jetzt draußen die HJ gesungen hat.“ Der Vorfall war ausschlaggebend für den Freispruch der Angeklagten.    

Um der Beliebtheit des Liedes etwas entgegen zu setzen, sah sich die  NS-Reichsjugendführung unter Baldur von Schirach veranlasst, für den Film Hitlerjunge Quex (Uraufführung September 1933) eigens ein Lied in Auftrag zu geben. Mit dem Refrain „Die Fahne flattern uns voran“ wurde es als Vorwärts, vorwärts, schmettern die hellen Fanfaren „bald zum offiziellen Lied der HJ erhoben und musste wie das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied mit erhobenem Arm gesungen werden – anders als bei den Nationalhymnen allerdings nur während des Refrains“ (www.jugend1918-1945.de). Und 1934 zog die katholische Jugend mit ihrem christlich geprägten Seht die bunten Fahnen wehen nach (Text Georg Thurmair).

Doch Wenn die bunten Fahnen wehen wurde in der HJ – allerdings ohne dritte Strophe – weiterhin gern gesungen, so dass der Parteidichter Herybert Menzel 1938 mit Wenn wir unter Fahnen stehen einen weiteren Versuch unternahm, das bündische Lied zurückzudrängen. Zur Zeit des Nationalsozialismus war jedoch die Beliebtheit des Fahrtenliedes der Nerother nicht einzudämmen, wie auch aus der Anzahl der Veröffentlichungen zu ersehen ist. Von 1934 bis 1944 war es in mehr als 30 Lieder- und Schulbüchern vertreten. Bereits 1936 erschien es in mehreren Auflagen von Frisch gesungen im neuen Deutschland (Band 3) und im NS- Liederbuch (beide in der 6. Auflage) sowie im  auflagestarken Unser Liederbuch –  Lieder der HJ. Da man nach dem im 4/4-Takt stehenden Lied gut marschieren konnte, wurde es auch in etliche Soldatenliederbücher, z.B. ins NSDAP-Soldatenliederbuch, in Soldatenlieder von Front und Heimat (beide 1940) und in Unsere Soldatenlieder (1942) aufgenommen.

So gut wie alle NS-Lieder- und Schulbücher erschienen ohne 3. Strophe (Ausnahme: Im deutschen Land marschieren wir [1934]); die NS-Führung wollte nicht, dass die verbotenen bündischen Gruppierungen mit „Hei, wir wilden Wandervögel“ aufgewertet würden. Zu den wenigen Liederbüchern der NS-Zeit, die die 3. Strophe enthielten, gehörten das bündische St. Georg Liederbuch der deutschen Jugend (in der 2. Auflage 1935), das bereits erwähnte Hejo, der Fahrtwind weht, Zschiesches Wenn die bunten Fahnen wehen und das handschriftliche, vor den KZ-Wächtern geheim gehaltene Lagerliederbuch des „Konzentrationslagers“ Sachsenhausen (Der Gründer des Nerother Wandervogel, Robert Oelbermann, Mentor von Zschiesche, war einige Jahre in Sachsenhausen, bevor er im KZ Dachau 1941 zu Tode kam).

Rezeption ab 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Beliebtheit des Liedes an. In den ersten Nachkriegsjahren erschienen gleich mehrere Liederbücher und Schulbücher mit dem Fahrtenlied. Das Verhältnis von je zur Hälfte mit drei bzw. vier Strophen pendelte sich bis heute ein. Verständlich, dass vier Strophen überwiegend in Liedersammlungen (etwa 20 % aller untersuchten Liederbücher) der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung zu finden sind, zuletzt im Heft Singt Freunde zum Treffen des Verbands Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf der Burg Waldeck (2011) und in Lieder zur Sommerfahrt (nach Kanada) des Weinbacher Wandervogels (2013). Wenn die bunten Fahnen wehen wurde und wird, geht man von den in Online-Archiven aufgeführten und meinen eigenen Liederbüchern aus, in allen Kreisen der Bevölkerung gesungen, z.B. in sportlich engagierten (Liederbuch des Deutschen Fußballbundes und Liederbücher der Sport- und Turnerjugend und des Gebirgs- und Alpenvereins. Außerdem wurde das Fahrtenlied in soldatische Liederbücher, z.B. Hell klingen unsere Lieder (1976) und in christliche Liedersammlungen,  aufgenommen, z.B. in Der Turmhahn (ev. 1963) und Jugend singt (kath. 6., Auflage 1956) sowie in viele weitere Gebrauchsliederbücher und natürlich in Die Mundorgel, das deutsche  Liederbuch mit der höchsten Auflage: 1953 bis 2013 11 Millionen Text- und 3 Millionen Notenauflage.

Aus dem Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA), Leipzig, dem seit 1956 von jeder musikalischen Veröffentlichung auf Tonträgern oder als „Musikdruck“ je ein Exemplar zugewiesen werden muss, geht hervor, dass Wenn die bunten Fahnen wehen nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Mal  etwa 1960 auf einer Schellack-Schallplatte (17 cm) erschienen ist. Die gleichnamige Platte wurde vom Botho Lucas Chor besungen. 1963 folgte der Montanara Chor, der bis 1989 insgesamt 17 Schallplatten bzw. CDs – 1978 Gold – mit dem Fahrtenlied herausbrachte, darunter 1976 eine LP mit dem nicht gerade passenden Titel Non-stop Party Hits. Mit 13 Tonträgern, 1965 bis 1992 von einer Single bis zu CDs und einer weiteren CD 2015, kommt gleich danach Heino, der sich ja an einer Vielzahl von Volksliedern versuchte. Weit verbreitet war eine LP, die vom Verlag Das Beste herausgeben wurde: Die schönsten Lieder zum Wandern (1979), die auf Grund der großen Nachfrage 1981 neu aufgelegt wurde. Von insgesamt 75 Tonträgern weist der DMA-Katalog als 2012 zuletzt erschienene CD De Windbräkers aus, auf der das Fahrtenlied von einem Shantychor gesungen wird. Auffällig viele Chöre haben das Lied in ihr Repertoire aufgenommen, vom Posaunenchor und dem Chor der Bundeswehr über nicht namhafte Männer- und Jugendchöre bis hin zu berühmten Chören wie den Regensburger Domspatzen oder den Fischerchören, wie auch die Mehrheit der rund 400 Videos auf Youtube (allerdings viele Aufnahmen mehrfach vertreten) zeigen.

Georg Nagel, Hamburg

Nachtrag:

Nur in einem Liederbuch ist eine 5. Strophe veröffentlicht worden, nämlich in Heidenlieder, 2009 (Dank an Hubertus Schendel Archiv):

Wenn die großen Trommeln schlagen,
Fähnrich, dann ist Fahrenszeit.
Unsre Fahne selbst zu tragen,
sind wir allezeit bereit.
Heute und morgen
geht die große Trommel um,
heute und morgen wissen wir warum.

Wer etwas zum Verfasser, zur Herkunft und/oder zum Jahr der Entstehung dieses Verses beitragen kann, möge das im Kommentarfenster schreiben.