„O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!“ Zu „Der Mai ist gekommen“ von Emanuel Geibel

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Emanuel Geibel

Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, 
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus; 
wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, 
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal.
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
"Herr Wirt, eine Kanne, eine Kanne blanken Wein!"
Ergreife die Fiedel, du lust’ger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.

Und find ich keine Herberg, so lieg ich zu Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust,
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!

     [Emanuel Geibel: Geibels Werke. Hg. v. Wolfgang Stammler. Bd. 1.
     Leipzig/Wien: Bibliographisches Institut 1918, S. 49.]

Der Mai ist gekommen ist ein Frühlingsgedicht von Emanuel Geibel (1815–1885) aus dem Jahr 1841. Populär wurde es durch die volksliedhafte Melodie von Justus Wilhelm Lyra (1822–1882; Komponist einer Weihnachtskantate nach Texten von Matthias Claudius und vieler, vor allem studentischer, Lieder).

1841, als dieses auf eigenes Erleben zurückgehende Gedicht auf dem Schloss Escheburg (im jetzigen Landkreis Kassel) entstand, war Geibel Gast des Mäzens Karl Otto von Malsberg, der auch Moritz von Schwind, Friedrich Schlegel u. a. förderte. Zu Geibels Studentenzeit in Bonn (1830–1834), als er am Rhein gewandert ist (vgl. sein Lied Am Rhein, am grünen Rheine, 1834), hatte er, als 7. von 8 Kindern einer Lübecker Pfarrersfamilie, sicherlich nicht viel Geld. Jetzt aber denkt er verklärend an seine Jugendzeit zurück und träumt davon, alle Sorgen zu Hause zu lassen und angesichts des beginnenden Frühlingsmonats Mai „in die weite, weite Welt“ zu ziehen (vgl. Joseph Frhr. von Eichendorffs Lied Der frohe Wandersmann [„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“]Welt steht hier als Metapher für das Streben nach Ungebundenheit). Tatsächlich hat Geibel nach vollendetem Studium (1835 in Berlin) sein Fernweh mit einem Aufenthalt in Athen umgesetzt, wo er als Hauslehrer beim russischen Gesandten arbeitete (1838 bis 1839).

Im Lied aber geht er erst einmal auf eine längere Wanderschaft; von seinen Eltern nimmt er Abschied und wünscht, „daß Gott euch behüt‘“. Ihm steht der Sinn danach, Neues zu entdecken: nach mancher Straße, nach manchem ihm noch nicht bekannten Wein. Und ganz im Sinne der Spätromantiker schwärmt der 26jährige von der Wanderung über die Berge und durch das tiefe Tal (vgl. O Täler weit, o Höhen – 1810 – des Romantikers Eichendorff); er fühlt, sein Herz „wie ‘ne Lerche“ singen.

Im 4. Vers übergeht der Sänger den tatsächlichen Zustand seiner studentischen Börse. Stattdessen malt er sich aus, genug Geld zu haben, um in einer Herberge einzukehren, abends (jeden Abend) eine (ganze) „Kanne blanken Wein“ zu leeren, vom Spielmann ein Liebeslied fiedeln zu lassen und wahrscheinlich einen Obolus zu geben (Spielleute verdienten sich häufig ihren Lebensunterhalt durch die Spenden der Zuhörenden) und sicherlich auch zu speisen (vgl. Geibels Gedicht O, wie wohl ist mir am Abend, das als Kanon vertont wurde) und zu übernachten.

Und sollte er einmal nicht rechtzeitig vor Anbruch der Nacht eine Herberge finden, so liegt er nachts „unter blauem Himmel“ und „die Sterne halten Wacht“. Ein Gedanke, den das jugendbewegte Lied Aus grauer Städte Mauern aufgreift: „Der Wald ist unsre Liebe, der Himmel unsrer Zelt“.

In der letzten Strophe preist Geibel unbekümmert das Wandern als „freie Burschenlust“. Er, der selbst Burschenschafter in Bonn war, denkt nicht an die Wandergesellen, die häufig drei Jahre und einen Tag von Meister zu Meister ziehen mussten, bevor sie selbst Meister werden konnten (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß). Ihm geht – wie in der 3. Strophe – das Herz auf, und er ist so erfüllt von „Gottes Odem“, dass er sich direkt an die Natur wendet und sie glorifiziert: „Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt“.

Der Mai ist gekommen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zahlreiche Liederbücher aufgenommen (exemplarisch werden hier einzelne aufgeführt). Gesungen wurde es in Schulen (Liederbuch für Schule und Leben, 1857), von Studenten (Vivat Academia, 3. Auflage 1893) und Handwerkern (Liederbuch der Handwerker, 1859). Sehr beliebt war es bei Männerchören (seit dem 1843 von Friedrich Silcher [1789-1860] verfassten Chorsatz) und sogar in der Armee und bei der Feuerwehr (Deutsches Armee Liederbuch und Deutsches Feuerwehr Liederbuch, beide 1880). Auch in Österreich (Liederbuch für die Deutschen in Österreich, 1884), in der Schweiz (Helvetica – Liederbuch für Schweizer Schulen, 1894) und in den USA (Deutsches Liederbuch für amerikanische Studenten, 1900) war das Frühlingslied bekannt.

Die Jugendbewegung griff das Wanderlied ebenfalls auf; es entsprach der Aufbruchsstimmung vieler Jugendlicher, die sich in vielen ihrer Lieder widerspiegelt (Wir wollen zu Land ausfahren; Wir sind jung, die Welt ist offen, o du schöne weite Welt; Wenn die bunten Fahne wehen u.v.a.). Beliebt war das Lied bei der Turner- und Arbeiterjugend, bei konfessionellen Jugendgruppen und nach wie vor bei Handwerkern und Studenten.

Obwohl einige Gedichte Geibels in der Nazi-Zeit durchaus Anklang fanden, erlebte Der Mai ist gekommen in nazistischen Liederbüchern keinen großen Widerhall mit Ausnahme des Liederbuchs der NS-Frauenschaften. Allerdings entnahmen die Nationalsozialisten eine Zeile aus dem 1881 entstandenen Gedicht Deutschlands Beruf (gemeint ist: Berufung) und verkürzten sie auf das Schlagwort: Am deutschen Wesen mag die Welt genesen. Aus Sicht der Nazis war darin die die Überlegenheit der deutschen Art, Kultur und Rasse ausgedrückt. Der inzwischen politisierte 46jährige Geibel hatte das Gedicht aber als Aufruf an die deutschen Einzelstaaten zur Einigung gemeint.

Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Popularität des Frühlingslieds wieder an. Davon zeugt die Aufnahme in zahlreiche Liederbücher der Nachfolgegruppen der Jugendbewegung und anderer Jugendgruppen. Selbst im Liederbuch des Deutschen Fußballbunds wurde das Lied abgedruckt. Zur Beliebtheit des Liedes haben vor allem haben die auflagestarken Taschenbücher der Verlage Reclam (1962), Heyne (1975 und 1978), Fischer (1978, 1981 und 1984), Insel (1980 und 1995), Knaur (1988) und Moewig (1992 und 1993) und das 1993 im Club Bertelsmann erschienene Das große Buch der Volkslieder (mit Reproduktionen zeitgenössischer, zu den Liedern passender Gemälde) beigetragen. In Österreich, u. a. in 155 Volks- und Soldatenlieder (herausgegeben vom Österreichischen Heeresbundesamt 1998) und in der ehemaligen DDR wurde das Lied ebenfalls rezipiert; in der DDR u. a. in Leben – Kämpfen – Siegen, dem Liederbuch der Freien Deutschen Jugend, FDJ (10. Auflage 1964). Auch etliche deutsche Schulbücher weisen das Geibelsche Lied auf. Einen bedeutenden Anteil an der enormen Verbreitung hat auch der Deutsche Liederschatz, herausgegeben von Ludwig Erk und Max Friedländer, der von 1880 bis 2012 zahlreiche Auflagen bzw. Nachdrucke erlebte.

Von den bekannten Sängern bzw. Musikgruppen, die auch Volkslieder interpretiert haben, wie z. B. Hannes Wader, Hein und Oss Kröher, Zupfgeigenhansel und Liederjan haben nur Nena (CD Das Apfelhaus, 1995) und der Dresdner Kreuzchor (mehrere Tonträger von 1974 bis 2011) das Lied in ihr Repertoire aufgenommen. Vielleicht war es anderen zu sehr in der Romantik verhaftet. Heino, der sich an vielen Volksliedern vergriffen hat, hat das 3/4taktige Frühlingslied (bisher) nicht gesungen. Offensichtlich zieht er Lieder im Viervierteltakt vor.

Nach wie vor wird Der Mai ist gekommen gern gesungen und angehört; das zeigt sich auch an den rund 20 Partituren und 12 Tonträgern, die das Deutsche Musikarchiv Leipzig allein in den vergangenen 10 Jahren in seinen Katalog aufgenommen hat. Noch heute wird in manchen Gegenden Deutschlands der Frühling mit dem Errichten des Maibaums und in manchen Städten, z. B. Lübeck, Marburg und Osnabrück, mit dem öffentlichen Singen des Liedes begrüßt.

Zur Zeit der Entstehung des Frühlingsliedes verharrte der 26jährige Geibel in der unbekümmerten Naturschwärmerei des Spätromantikers; er ignorierte das Bestreben nach bürgerlichen Freiheiten und nach deutscher Einheit und nahm auch die beginnende Industrialisierung nicht zur Kenntnis. Rund 140 Jahre später dagegen zeigt das Mailied der Erwerbslosen die Realität der Arbeitswelt in einer gewinnorientierten Industriegesellschaft:

Kurt Mehl

Mailied der Erwerbslosen

Der Mai ist gekommen, der Setzer flog raus
und fegt, wenn er Glück hat, die Lagerhalle aus!
Der Computer, was tut er? Na, er ersetzt die Arbeitskraft,
und so wird elektronisch der Fortschritt geschafft!

Herr Otto Graf Lambsdorff*, dass Gott Euch behüt!
Wer weiß, wann in der Ferne das Glück uns noch blüht?
Ich lieg‘ auf der Straße, wo früher ich ins Werk marschiert,
und bin bei Herrn Stingl** auf Dauer abonniert!

Frisch auf drum, frisch auf drum, im hellen Sonnenlicht;
wer da sucht, der wird finden, nur Arbeit find’t er nicht!
Die Volksreden klingen aus Bonn*** berauschend allemal,
und ich putze die Klinken, die Lage ist fatal.

Auf Endstation Sozialamt, da kehrt‘ ich neulich ein:
„Herr Amtmann, ich bitte, Sie mögen mir verzeih’n!
Gewähret aus Güte mir einen neuen Zuschuss noch,
denn von meinem Bau die Miete, die ist mir zu hoch!“

Und flieg‘ ich auch dort raus, so lieg‘ ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, der Datenschutz hält Wacht;
die Deutschmark wird weltstark, der Kanzler mahnt zur Bürgerruh‘,
und ich decke mich einstweilen mit Fehlanzeigen zu!

* Otto Graf Lambsdorff war zum Zeitpunkt der Liedveröffentlichung Bundeswirtschaftsminister, **Josef Stingl Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. ***Bonn war bis 1999 die Bundeshauptstadt.

Als der Deutsche Gewerkschaftsbund in seiner Wochenzeitung Welt der Arbeit das Mailied von Kurt Mehl (vermutlich das Pseudonym eines bis heute nicht bekannt gewordenen Verfassers) veröffentlicht (in Nr. 18 vom 4. Mai 1978), hat eine neue Zeit der Arbeitskämpfe begonnen. Im Mittelpunkt stehen nicht die Forderungen nach höheren Löhnen, sondern nach Verkürzung der Arbeitszeit. Zum ersten Mal seit 82 Jahren streiken die Hafenarbeiter in Hamburg. Nach wochenlangen Streiks vor allem der Metallarbeiter in Baden- Württemberg können die Gewerkschaften zwar nicht die 35-Stunden-Woche durchsetzen, aber in mehreren Branchen eine Verkürzung der Jahresarbeitszeit durch zusätzliche freie Tage.

Angesichts der 1978 steigenden Anzahl von 4 Millionen Erwerbslosen (bei geschönter Statistik ohne Teilzeitarbeiter, Praktikanten und befristeten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) – 1968 Jahren waren es 1,5 Millionen – nimmt die Angst um die Arbeitsplätze zu. Immer mehr Arbeitsplätze werden durch den Einsatz EDV-gestützter Technik vernichtet. Bereits im August 1977 hatte DIE ZEIT geschrieben: „Mit weniger Arbeitskräften kann die deutsche Industrie genau so viel produzieren wie 1973“ (Heinz Michaels: Nun kommen die Praktiker. In: DIE ZEIT, 5.8.1977). Kein Wunder, dass vor allem in der Druckindustrie das Schlagwort vom „Jobkiller Computer“ umgeht. Erst nach langen Streiks können die Gewerkschaften den (vorläufigen) Erhalt der Arbeitsplätze und umfassende soziale Absicherungen aushandeln.

In diese Zeit passt das Mailied der Erwerbslosen. Ob diese Version eine große Verbreitung gefunden hat, ist nicht bekannt; in gewerkschaftlichen Liederbüchern ist es nicht enthalten. In Hamburg habe ich es 1979 oder 1980 gehört, gesungen vom „Chor Hamburger GewerkschafterInnen“. Inwieweit es noch heute aktuell ist, mögen die Leser beurteilen.

Georg Nagel, Hamburg

Hymne der Jugendbewegung. Zu „Aus grauer Städte Mauern“ von Hans Riedel und Hermann Löns

Hans Riedel/Hermann Löns

Aus grauer Städte Mauern

1. Aus grauer Städte Mauern
Ziehn wir durch Wald und Feld.
Wer bleibt, der mag versauern,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren,
Wir fahren in die Welt
Heidi heido*, wir fahren,
Wir fahren in die Welt

2. Der Wald ist uns're Liege**,
Der Himmel unser Zelt.
Ob heiter oder trübe,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

3. Ein Heil dem deutschen Walde,
Zu dem wir uns gesellt.
Hell klingt's durch Berg und Halde,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

4. Die Sommervögel ziehen
Wohl über Wald und Feld.
Da heißt es Abschied nehmen,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

[*in vielen Liederbüchern auch: Halli, hallo; ** Liebe].

Der Text der Strophen 1 bis 3 stammt vom Pfadfinder Hans Riedel (1889-1971). Geschrieben wurde er vor dem Ersten Weltkrieg etwa 1910, als Riedel gerade 21 Jahre alt war.

Es ist die Zeit, in der die fortschreitende Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung kritisch gesehen werden. Die Lebensreformbewegung strebt auf vielerlei Weise nach dem „Naturzustand“; es entstehen Schrebergärten, Gartenstädte, Landkommunen. Die Jugendbewegung wird von Oberschülern und einigen Lehrern des Gymnasiums Steglitz begründet; mit Hilfe der später studierenden Gymnasiasten verbreitet sie sich über ganz Deutschland und später auch in der Schweiz und in Österreich. Im Gründungsmanifest der Steglitzer Wandervögel heißt es pathetisch:

Die Großstadt verschandelt die Jugend, verbildet ihre Triebe, entfremdet sie immer mehr einer natürlichen, harmonischen Lebensweise. Aus den großen Hausmeeren steigt das neue Ideal: Erlöse dich selbst, ergreife den Wanderstab und suche da draußen den Menschen wieder, den einfachen, schlichten, natürlichen.  (1901: Gründung des Wandervogel. Eine Sendung des WDR 5 am 4.11.2006. Autor: Thomas Mense, Redaktion: Klaus Leymann.)

Aus grauer Städte Mauern hat dem Heidedichter Hermann Löns (1866-1914) so gut gefallen, dass er 1914, kurz vor seinem Tod, den 4. Vers hinzugefügt hat. Wieweit das Gedicht in jugendbewegten Kreisen verbreitet war, ist ungeklärt. Erst nachdem der Wandervogel und Musiklehrer Robert Götz (1892-1978)  1920 die Melodie verfasst hatte, wurde das Lied „zeitweise eine Art Hymne der Jugendbewegung“(www.museenkoeln.de).

Der Erstdruck des Liedes wird in vielen Liederbüchern auf das Jahr 1932 datiert, als der bündische Günther Wolff Verlag (von den Nazis 1937 aufgelöst) das von Robert Götz zusammengestellte Liederbuch Aus grauer Städte Mauern  herausbrachte. Um „eine Art Hymne“ zu werden, bedurfte es nicht nur des mündlichen Weitertragens von Text und Melodie am Lagerfeuer, auf Fahrten oder Wanderungen, sondern auch der schriftlichen Vervielfältigung. Eines der wenigen Dokumente dafür ist die handschriftliche Aufzeichnung im Liederheft des Hesse-Darmstädter Fähnleins, das 1927 dem Gründer und späteren Bundesführer des Nerother Wandervogels, Robert Oelbermann, gewidmet war:

Oelbermann_Titel

1. Strophe Mauern Faksimile

(Mit freundlicher Genehmigung von Hubertus Schendel. Quelle: Archiv Hubertus Schendel, www.deutscheslied.com).

Der Text knüpft an die Grundsätze der Lebensreformbewegung an und greift den Wunsch der Jugendbewegten nach Naturerleben auf. Die Sänger ziehen „durch Wald und Feld“ und fordern (indirekt: „wer bleibt, der mag versauern“) die Daheimgebliebenen auf, es ihnen gleichzutun. Der Refrain „Wir fahren in die Welt“ ist sinnbildlich zu verstehen; es geht um die – mindestens zeitweise – Befreiung von Arbeitsnormen und bürgerlichen Konventionen, die in Wald und Feld eher zu verwirklichen ist als in der (Groß)Stadt. Daher gilt „ein Heil dem deutschen Walde“ – Heil hier im Sinn des Begrüßens, vgl. „Weidmanns Heil“, „Heil am Seil“ oder „Petri Heil“ oder als das zu suchende Heil, wobei die Heilung von den krankmachenden Mietskasernen in Wald und Feld, am Berg oder auf der Halde (hier im Sinn von Abhang, Hügel) gemeint ist. Übernachtet wird im Freien: „der Wald ist unsre Liege“ und der Himmel ist das Zelt, unter dem die Wanderer sich behütet fühlen.

Hermann Löns nimmt in der vierten Strophe Bezug auf Herkunft des Begriffs Wandervogel. Die Sommervögel sind die Zugvögel, die im Herbst „Abschied nehmen“ ähnlich wie die Wandervögel. Jedoch sind sie im nächsten Frühling wieder da und „ziehen in die Welt“.

Nachdem 1932 Götz’ Liederbuch Aus grauer Städte Mauern in Druck erschienen ist, folgen im selben Jahr zwei weitere Sammlungen: Das Singeschiff – Lieder der katholischen Jugend und der Jung-Volker – Lieder der neudeutschen Jugend. Ab 1933 greifen die Nationalsozialisten viele Lieder und Traditionen der Jugendbewegung auf, wie Fahrten, Zeltlager und Lagerfeuer, um die Jugendlichen freiwillig für den Eintritt in die Hitlerjugend zu gewinnen. Das Lied Aus grauer Städte Mauern gehörte genauso dazu wie Wildgänse rauschen durch die Nacht (ebenfalls von Robert Götz vertont) und Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht. Erst das Gesetz über die Hitlerjugend aus dem Dezember 1936 sah vor, dass alle Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren Mitglieder werden sollten, die gesetzliche Jugenddienstpflicht folgte im März 1939. Die Lieder wurden nicht nur in der Hitlerjugend gesungen, sie tauchten auch in Liederbüchern anderer NS-Organisationen und in den Schulen verschiedener NS-Gaue auf sowie ab 1940 in etlichen Liederbüchern der Wehrmacht.

Bis etwa 1937 konnten noch einige nichtnationalsozialistische Liederbücher erscheinen, so z. B. 1934 das Singeschiff (2. Auflage) und 1933 St. Georg (beide herausgegeben für die katholische Jugend). Auch der einst Jugendbewegte und Förderer der Jugendmusikbewegung Fritz Jöde (1887-1970; NSDAP-Mitglied ab 1940) gab noch 1937 ein Liederbuch mit dem Titel Aus grauer Städte Mauern heraus. Nach dem Verbot der katholischen Jungmännervereine im Januar 1938 und dem  endgültigen „Verbot der Fortführung und Neubildung von Vereinigungen der bündischen Gruppen“ durch den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, im Juni 1939 war es mit der Duldung vorbei.

Zieht man die zahlreichen Liederbücher und Partituren heran, blieb die Popularität von Aus grauer Städte Mauern nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs ungebrochen. Nicht nur die in der Tradition der Jugendbewegung stehenden Wieder- oder Neugründungen der Wandervögel oder Pfadfinder, sondern auch konfessionsorientierte, Sport- und Wandergruppen nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Auch in den zahlreichen Ausgaben der Mundorgel war das Lied enthalten, wie auch in den auflagestarken Liederanthologien Volkslieder aus 500 Jahren (Fischer Taschenbuch), Volksliederbuch (Weltbild Verlag) und Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann Buchgemeinschaft). Noch in den letzten Jahren wurde Aus grauer Städte Mauern in die Pfadfinderliederbücher Liederjurte (2007) und Jurtenburg (2010) und in das Wandervogel-Liederbuch (2013) aufgenommen.

In den bundesdeutschen Schulen, vor allem auf Wandertagen, war das Lied beliebt. Auch die bundesdeutschen Soldaten sangen das 4/4-taktige Lied, nach dem sich flott marschieren ließ. Gesungen wurde es auch in verschiedenen österreichischen Regionen und in der Schweiz.

Sing mit Heino war 1966 die erste LP nach dem Zweiten Weltkrieg, die Aus grauer Städte Mauern enthielt. Sie erzielte einen Achtungserfolg. Es sollte noch einige Jahre dauern, ehe nach dem großem Publikumsinteresse an Heinos  (Heinz Georg Kramms) Konzerten weitere Alben mit dem Lied erschienen: 1975 das Fahrtenlieder Album, 1977 eine Neuauflage von Sing mit Heino, 1981 das Doppelalbum Die schönsten deutschen Fahrtenlieder und 1983 mit dem Titel Aus grauer Städte Mauern. Als der Komponist des Liedes starb, „war der Bild-Zeitung […] der Tod von Robert Götz’ eine Schlagzeile Wert: ‚Der Mann, der Heino berühmt machte'“  (Claudia Gleimer zum 121. Geburtstag von Götz am 9. März 2013, Rhein Zeitung online).

Bis 1983  folgten weitere Interpreten: der Montanara Chor mit fünf Alben und viele andere Chöre wie die Regensburger Domspatzen, der Tölzer Knabenchor, der Dresdner Kreuzchor, um nur einige zu nennen.

Mitte der 1990er Jahre versuchte Bertelsmann an die früheren Erfolge mit renommierten Sängern anzuknüpfen: mit Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Günther Wewel u. a. Doch die Volkslieder-Welle war langsam verebbt, und es erschienen nur noch vereinzelt CDs mit dem Lied.

Zur Vermarktung von Fahrtenliedern schreibt das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln im „Projekt Jugend! Deutschland 1918–1945“:

Es gab Fahrtenlieder, die in den einzelnen Bünden entstanden, […] die weit über den eigenen Bund hinausstrahlten, darunter […] Wenn die bunten Fahnen wehen. Heute hat das Lied wahlweise den Status eines volkstümlichen Schlagers (in der Interpretation von Heino und den Gottfried Fischer Chören) oder eines Marsches (in der Interpretation der Bundeswehr oder d. V.: den Original Egerländer Musikanten) erhalten, ein Schicksal, das es mit anderen Fahrtenliedern wie Aus grauer Städte Mauern teilt.

Doch die die erste Zeile des Lieds war längst über das Musikalische hinaus zu einem geläufigen Begriff geworden. Die Burg Altena nennt ihre Führungen zur Lebensgeschichte der Mitgründer der Jugendherbergen, Richard Schirrmacher und Wilhelm Münker, Aus grauer Städte Mauern;  in der Musikzeitschrift Sounds erscheint 1979 eine dreiteilige Artikelserie von Alfred Hilsberg mit der Überschrift „Neue deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern“; für Wanderungen und Wanderwochen wird mit der ersten Zeile geworben; Zeit online macht einen Artikel mit  „Aus grauer Städte Mauern – Wer soll die Sanierung der Gemeinden bezahlen?“ auf, sogar ein Unternehmen, das Produkte wie Farben, Mauerputz und Ähnliches herstellt, wirbt im Internet mit „Aus grauer Städte Mauern“. Und auf dem Festival des Dokumentarfilms im November 2014 in Amsterdam  wird Aus grauer Städte Mauern gezeigt, eine Dokumentation über Wohnen und Leben im Ruhrgebiet von Thomas Tietsch aus dem Jahr 1986, ein Film, der wohl noch heute als aktuell angesehen wird.

Diese vielen Verselbständigungen des Incipits zeigen ebenso die Popularität des Liedes wie auch seine Verbreitung in Chören, Schulen und Nachfolgegruppen der einstigen Jugend- und Wandervogelbewegung. 2013  wurde Aus grauer Städte Mauern in den Jubiläumsband der Mundorgel aufgenommen, dem Liederbuch, das bis dahin eine Textauflage von über 10 Millionen und eine Text- und Melodie-Auflage von rund 4 Millionen aufweisen konnte.

 Georg Nagel, Hamburg

Vom Kriegs- zum Wanderlied. Zur Entstehung und Rezeption von Albert Methfessels „Hinaus in die Ferne“

Albert Methfessel

Hinaus in die Ferne

Hinaus in die Ferne mit lautem Hörnerklang,
die Stimmen erhebet zum männlichen [mächtigen] Gesang.
Der Freiheit Hauch weht kräftig durch die Welt,
ein freies, frohes Leben uns wohl gefällt.

Wir halten zusammen, wie treue Brüder tun,
wenn Tod uns umtobet und wenn die Waffen ruh'n.
Uns alle treibt ein reiner, freier Sinn,
nach einem Ziele streben wir alle hin!

Der Hauptmann, er lebe! Er geht uns kühn voran.
Wir folgen ihm mutig auf blut’ger Siegesbahn.
Er führt uns jetzt zu Kampf und Sieg hinaus.
Er führt uns einst, ihr Brüder, ins Vaterhaus.

Wer wollte wohl zittern vor Tod und Gefahr?
Vor Feigheit und Schande erbleichet unsere Schar.
Und wer den Tod im heil'gen Kampfe fand
ruht auch in fremder Erde im Vaterland.

Denkt man zunächst an ein Wanderlied, so wird einem spätestens in der dritten Strophe klar: Es geht in den Krieg. Der Komponist und Dirigent Albert Methfessel (1785-1869) verfasste dieses Marschlied 1813 in Rudolstadt (Thüringen). In diesem Jahr hatten in Deutschland die Befreiungskriege gegen die Herrschaft Napoleons begonnen. Zusätzlich zu den bestehenden Heeren wurden Freiwillige aufgerufen, sich zum „Freiheitskampf“ zu melden. Methfessel, der zu jener Zeit Hof- und Kammersänger war, leistete mit dem Lied einen musikalischen Beitrag für das Freicorps, das im damaligen Fürstentum Schwarzberg-Rudolstadt aufgestellt wurde.

Es ist die Zeit der Erhebung gegen Napoleon und zugleich die der Kriegsgedichte und -lieder. Theodor Körner, der spätere Adjutant Lützows (Kommandant des Freicorps „Schwarze Jäger“), schrieb mit 22 Jahren 1813 sein Gebet vor der Schlacht und das bekannt gewordene Lied Lützows wilde, verwegene Jagd (Text hier); beide Gedichte wurden von Karl Maria von Weber vertont. Bereits 1812 hatte Ernst Moritz Arndt‚ „der bedeutendste Lyriker der Epoche der Freiheitskriege“, sein Vaterlandslied („Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte…“) geschrieben (Text hier), das von Methfessel vertont wurde. Es ist anzunehmen, dass das Vaterlandslied ihn zum Text von Hinaus in die Ferne inspirierte.

Passend zur beabsichtigten Wirkung des Methfessel’schen Liedes klingt die erste Zeile wie ein Trompetensignal. Zuhörer und Sänger werden aufgefordert, dem Signal zu folgen und – euphemistisch ausgedrückt – „in die Ferne“, tatsächlich in den Krieg zu ziehen. Beschwingt geht die Melodie weiter;  im 4/4-Takt ließ sich gut danach marschieren, und außerdem ist „der Freiheit Hauch“ zu spüren. Beschworen wird der Zusammenhalt, vor allem „wenn der Tod uns umtobet“ [Hervorh. durch d. Verf.]. Hier ist noch keine Rede davon, dass es auch die Sänger selbst treffen kann. Es kommt darauf an, dem kühnen Hauptmann, der die Soldaten zum Sieg führt,  in den Kampf zu folgen (hier wird das nazistische „Führer befiehl! Wir folgen dir“! [Von Finnland bis zum Schwarzen Meer] vorweg genommen). So stimmungsvoll und aufrüttelnd die ersten drei Strophen daherkommen, in der 4. und letzten wird es ernst. „Tod und Gefahr“ sind allgegenwärtig, und wer den Tod findet „im heil’gen Kampf“, dem wird – und Methfessel meint es ernst – Trost gespendet: „Auch in fremder Erde [ruht  er]  im Vaterland“.  Eine Trostvariante, die an Ernst Moritz Arndts Gedicht Vaterlandslied erinnert, in dem es in der letzten Strophe heißt: „Wir siegen oder sterben hier / den süßen Tod der Freien“. Und im NS-Lied Ob’s stürmt oder schneit (sog. Panzerlied) heißt es in der dritten Strophe: „Was gilt denn unser Leben / für unsres Reiches Wehr? / Für Deutschland zu sterben, / ist unsre höchste Ehr’.“ Kriegspropaganda 1813 und 1935.

Beliebte Lieder, vor allem die mit eingängigen Melodien, werden häufig umgedichtet, geändert oder parodiert. Auch der Melodie von Hinaus in die Ferne wurde ein anderer Text unterlegt. Von den vielen zum großen Teil heute nicht mehr bekannten Umdichtungen werden hier nur einige erwähnt.

Von Chr. Blickhart stammt der Text des Turnerlieds Hinaus in weite Ferne, an Wald und Flur entlang (1860). Und mit dem Erfolg der Turnerbewegung entstehen weitere Turnerlieder. So dichtet 1865 ein unbekannter Verfasser Turners Wanderlust, endend mit den Zeilen „Die Freiheit sei stets unser Feldgeschrei / und unser Wahlspruch bleibe: frisch, fromm und frei.“ Ein weiteres Turnerlied, das zum Wandern auffordert, stammt aus der Feder von Ernst Klaar Hinaus, freie Turner, hinaus ins grüne Feld (1908). Die parodistische Strophe „Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck“, die vermutlich aus Kreisen der Burschenschafter stammt, wurde in den 1950er und 60er Jahren auf Klassenausflügen gern gesungen:

Hinaus in die Ferne
Mit Butterbrot und Speck.
Das mag ich ja so gerne,
Das nimmt mir keiner weg.
Und wer das tut,
Dem hau‘ ich auf die Schnut’,
Dem hau‘ ich auf die Nase,
Dass sie blut‘.

Der Originaltext von Methfessel wurde nach seiner Veröffentlichung als Beilage der Zeitung für die elegante Welt (Leipzig, 31. März 1814) im 19. Jahrhundert in zahlreiche Gebrauchsliederbücher aufgenommen. Seine Popularität setzte sich im 20. Jahrhundert fort, nachdem es von der Jugendbewegung als Wanderlied rezipiert wurde.

Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs erlebt das Lied einen weiteren Rezeptionshöhepunkt. Erstaunlicherweise findet es sich mit allen vier Strophen auch in Liederbüchern der Arbeiterturnjugend, der Pfadfinder, der „Christlichen Männerjugend“  und der Gewerkschaftsjugend. Hier, wie in der Rezeption durch die Jugendbewegung, scheint sich die Auffassung des Musikwissenschaftlers Heinrich Lindlar zu bewahrheiten, nach der die Melodie oft wichtiger als der Text ist (vgl. Heinrich Lindlar in: Meyers Handbuch über die Musik. Mannheim: Verlag Bibliographisches Institut 1972,  S. 222).

Dagegen verwundert es nicht, dass die vier Strophen in deutschnationalen, deutsch-völkischen, in SA- und in soldatischen Liederbüchern weite Verbreitung fanden. Auch Schulbücher und studentische Liederbücher haben das Lied aufgenommen. Wie populär es war, zeigt sich auch darin, dass allein bis 1933 sieben Bücher mit dem Lied im Titel erschienen  (sogenannte Verselbständigung des Incipits), darunter vier für Wanderer und das 1943 in der 1. und 1962 in der 4. Auflage erschienene Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck. Die schönsten Parodien von Goethe bis George von Ernst Heimeran.

Nach 1945 erscheinen nur wenige Liederbücher mit dem Lied, darunter einige für Wanderer, andere mit dem Begriff Heimat im Titel. Im Liederbuch mit der stärksten Auflage in Deutschland, in der Mundorgel, (11 Millionen Textauflage) ist Hinaus in die Ferne nicht vertreten. Vereinzelt wurde und wird es nach wie vor von Männer- und Kinderchören gesungen, überwiegend ohne die beiden letzten Strophen. Betrachtet man jedoch die beachtliche Zahl von Tonträgern mit dem Lied (vgl. Deutsches Musikarchiv, Hinaus in die Ferne, Nr. 1 bis 126), so wurde und wird es weiterhin gern gehört. Zumindest von denen, die früher Tony Marshall oder die Melodie mit dem Sound von James Last, Max Greger und anderen mochten und heute Ernst Mosch und seine Egerländer Musikanten mögen.

Georg Nagel, Hamburg

„Ich will mein Glück probieren, marschieren“. Zu „Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß“

Anonym

Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß

1. Es, es, es und es,
Es ist ein harter Schluß,
Weil, weil, weil und weil,
Weil ich aus Frankfurt muß!
Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn
Und wende mich Gott weiß wohin.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

2. Er, er, er und er,
Herr Meister, leb er wohl!
Ich sag's ihm grad frei in's Gesicht,
Seine Arbeit, die gefällt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

3. Sie, sie, sie und sie,
Frau Meistrin leb sie wohl!
Ich sag's ihr grad frei in's Gesicht,
Ihr Speck und Kraut, das schmeckt mir nicht
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

4. Er, er, er und er,
Herr Wirt, nun leb er wohl!
Hätt er die Kreid nicht doppelt geschrieben,
Wär ich noch länger dageblieben
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

5. Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Jungfern lebet wohl!
Ich wünsch' euch all'n zu guter letzt,
Einen andern, der mein' Stell’ ersetzt.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

6.Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Brüder lebet wohl!
Hab ich euch was zuleid getan
So bitt' ich um Verzeihung an.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss ist ein Abschieds- und Wanderlied, das im 19. Jahrhundert bei Handwerksburschen, aber auch bei Studenten (Liederbuch für Studenten,  Berlin, 2. Aufl. 1845; Neues Hallisches Liederbuch für Studenten, Halle 1853)  weit verbreitet war. Anfang des 20. Jahrhundert wurde es von der Jugendbewegung übernommen. Im „Dritten Reich“ war es in den Liederbüchern des Reichsarbeitsdienstes, der Hitlerjugend und des Bunds Deutscher Mädel vertreten. Heute wird es vorwiegend in Folk- und Wanderkreisen und von Mitgliedern der wenigen noch existierenden Schächte (Vereinigungen von Bauhandwerkern) gesungen.

Das Lied stammt aus dem 18. Jahrhundert; veröffentlicht wurde es um 1800 auf Flugblättern (vgl. Deutsches Volksliedarchiv, Freiburg). Die Melodie ist, geht man von der Mehrheit der in Archiven (z. B. deutscheslied.com) zugänglichen Liederbüchern aus, seit 1826 überliefert. In Druck erschienen ist das Lied erstmals 1838 in Erk-Irmers Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (vgl. Zeit.de).

Es ist die Zeit, in der viele Zunftordnungen bestimmten, dass die Handwerksgesellen, vor allem Bauhandwerker, drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft gehen mussten. Diese „Lehr- und Wanderjahre“ dienten dazu, die handwerklichen Fähigkeiten anzuwenden, zu verbessern und eventuell neue, in anderen Regionen gebräuchliche Techniken zu erlernen. Da die Wanderburschen, die  ja ihre Gesellenprüfungen bereits bestanden hatten, von ihren neuen Meistern voll zur Arbeit eingesetzt werden konnten, waren sie oft willkommen, zumal sie einen geringeren Lohn als ein Meister bekamen (vgl. Zupfgeigenhansel: Es wollt ein Bauer früh aufstehn. 222 Volkslieder. Dortmund 1978, S. 132 f.).

In diesem Lied nimmt ein Handwerksbursche, dessen Handwerk ungenannt bleibt, Abschied von den Misslichkeiten, die ihm widerfahren sind, aber auch von Angenehmem, das er erlebt hat.

Nicht gefallen hat ihm die Arbeit, die sein Meister ihm zugewiesen hat (in einer anderen Textversion: „die Arbeit, der geringe Lohn“), ebenso wenig wie das das Essen, das Frau Meisterin ihm vorgesetzt hat. Außerdem beklagt er sich darüber, dass der Wirt,  der Gastwirt, bei dem er ab und zu eingekehrt ist (und  einige Schoppen Apfelwein[?] getrunken hat), seine Zeche oft  ‚doppelt gekreidet‘  (angeschrieben) hat. Angesichts dieser Umstände, kann die erste Zeile „Es […] ist ein harter [Ent-]Schluß, / weil ich aus Frankfurt muss“ nur ironisch gemeint sein. Der Sänger ist froh, dass er wegkommt von dieser Arbeitsstätte, von diesem Ort, und so dürften  auch die Lebewohlwünsche an Meister, Frau Meisterin und Wirt nicht ganz ernst zu nehmen  sein. Es sei denn, er nimmt ihnen die Unannehmlichkeiten nicht übel; denn derartige Umstände kennt er so oder so ähnlich von anderen Arbeitsstätten und aus anderen Orten (vgl. die Varianten: „daß ich aus Berlin/Breslau/Nürnberg/Stuttgart/Hannover muß“).

Gern dagegen erinnert sich der Handwerksbursche an die Mädchen, die Jungfern – gleich mehrere –, die er in Frankfurt (näher?) kennen gelernt hat, und wünscht ihnen, dass sie bald einen Nachfolger finden. Hier wie bei seinen „Brüdern“, den Wanderburschen und Arbeitskollegen, ist das „Lebet wohl“ sicherlich ehrlich gemeint. Im Gegensatz  zu seinen Freundinnen bittet er seine Brüder um Verzeihung, falls er ihnen „was zuleid getan“ hat, vielleicht bei einer Rauferei, durch Beschimpfungen oder Beleidigungen.

Der Handwerksbursche nimmt gern Abschied; er ist „jung, die Welt ist offen“ (wie es in einem späteren Wanderlied der Jugendbewegung heißt). Aber er geht auch ins Ungewisse – „Gott weiß wohin“ –; und er weiß nicht, was ihn an seiner neuen Arbeitsstätte erwartet. Er muss weiterziehen (erst mit der Umsetzung der Gewerbefreiheit 1969/71 verlieren die Zunftordnungen ihre Bedeutung) und sich Mut machend und auf bessere Arbeitsbedingungen hoffend singt er in jeder Strophe „Ich will mein Glück probieren,/ Marschieren“.

Es, es, es und eswar bereits im 19. Jahrhundert so populär,  so dass es –  wie manche anderen Lieder mit eingängigen Melodien – umgedichtet wurde, z. B. als Auswandererlied Raus, raus, raus und raus (aus Deutschland muss ich raus), so Hoffmann von Fallersleben 1845 oder  das  1848 von Adolf Glaßbrenner verfasste satirisch gemeinte Lied eines fiktiven ausgewanderten Adeligen Ach, ach , ach und ach, wie schön’s doch früher war mit den  letzten Zeilen der dritte Strophe: „Mein Stammbaum hilft nit aus der Not / ´s wächst weder Butter d´rauf noch Brot / muss sie mit sauren Mienen / verdienen!“. Ebenfalls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt das Hoffmann von Fallersleben zugeschriebene „Schwalbenlied“ Fort, fort, fort und fort (an einen andern Ort!).  Noch zu klären ist, aus welchem Jahr der deftige Text stammt, den die Folkgruppe Zupfgeigenhansel als weitere Strophe ihrer Version von Es, es, es und es  gesungen hat (vgl. www.ingeb.org):

Und, und, und und und,
Und ward zu guter Letzt,
Auch, auch, auch und auch
Ein Hund auf mich gehetzt.
Dem Kerl setz‘ ich auf den Türenknauf
Des Nachts ’was Warmes, Weiches drauf.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Heino, der das Lied 1973, 1979 und 2003 auf seinen CDs interpretiert hat, hat diese Strophe nicht gesungen.

Georg Nagel, Hamburg