Wander-, Arbeiter-, Gewerkschafts- und SPD-Lied: Hermann Claudius‘ „Wann wir schreiten Seit an Seit“

Hermann Claudius

Wann wir schreiten Seit' an Seit'

1. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

2. Eine Woche Hammerschlag
eine Woche Häuserquadern
zittern noch in unsern Adern
aber keiner wagt zu hadern
Herrlich lacht der Sonnentag
herrlich lacht der Sonnentag.

3. Birkengrün und Saatengrün
Wie mit bittender Gebärde
hält die alte Mutter Erde
daß der Mensch ihr eigen werde
ihm die vollen Hände hin
ihm die vollen Hände hin.

4. Wort und Lied und Blick und Schritt
wie in uralt ew´gen Tagen
wollen sie zusammenschlagen
ihre starken Arme tragen
unsere Seelen fröhlich mit
unsere Seelen fröhlich mit.

5. Mann und Weib und Weib und Mann
sind nicht Wasser mehr und Feuer
Um die Leiber legt ein neuer
Frieden sich, wir blicken freier
Mann und Weib, uns fürder an
Mann und Weib, uns fürder an.

6. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

So sehr wie Biographen des Dichters Hermann Claudius (1878-1980) und Literaturwissenschaftler hinsichtlich seines politischen Werdegangs übereinstimmen – zunächst deutsch-national, dann vom Engagement in der SPD und sozialdemokratischen Gewerkschaften und Teilnehmer am jugendbewegten Treffen der Freideutschen auf dem Hohen Meißner zum Unterzeichner des Führergelöbnisses der deutschen Dichter (1933) und Führerverehrer (1937 Gedicht Herr Gott, steh dem Führer bei), nach 1945 vom anerkannten niederdeutschen Dichter bis zum Klaus-Groth-Preisträger der Freiherr vom Stein-Stiftung – , so uneins sind sie sich über Entstehungsjahr und Erstdruck seines wohl berühmtesten Gedichts.

Dazu hat der Urenkel von Matthias Claudius (1740-1815, Der Mond ist aufgegangen) selbst beigetragen, indem er irrigerweise die Entstehung auf das Jahr 1916 datierte. Tatsächlich hat er es 1913 auf oder nach einer Heidewanderung mit einer internationalen Jugendgruppe geschrieben. Zum ersten Mal gedruckt erschien es im Juni 1914 mit dem Titel Wanderlied – Der neuen Jugend gewidmet in der Monatsbeilage Die arbeitende Jugend der SPD- und gewerkschaftsnahen Zeitung Hamburger Echo. Manche Literaturwissenschaftler nennen hingegen als Erstdruck den Gedichtband Lieder der Unruh, der erst 1920 herausgegeben wurde.

Zur Vertonung des Gedichts durch den Rechtssekretär der freien Gewerkschaften Michael Englert (1868-1956, Komponist des heute noch bekannten Lieds Wir sind jung, die Welt ist offen, 1914) werden zwei unterschiedliche Jahre überliefert. Englert selbst, im Nebenberuf Musiklehrer und Chorleiter, spricht in einem Brief von der ersten öffentlichen Aufführung des Liedes auf einer Protestkundgebung von Teilen der Hamburger SPD gegen die Fortsetzung des Krieges im Frühjahr 1915. Die meisten Liederbücher nennen das Jahr 1916, in dem das Lied auf der Gründungsversammlung der Freien Jugend Hamburg-Altona vom Arbeiterjugendchor dargeboten wurde. Nachdem es die Hamburger Arbeiterjugend zum ersten reichszentralen Arbeiterjugendtag im August 1920 nach Weimar mitbrachte, wurde es zur Hymne des Jugendtages. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten die Jugendtagsteilnehmer und Jugendchöre das Weimarlied im ganzen Reich.

Ursprünglich sollte Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ ein Liebesgedicht werden. Claudius hatte auf der Heidewanderung eine junge Österreicherin kennengelernt und als erste Strophe „Mann und Weib und Weib und Mann“ vorgesehen (ausführlich unter www.hermann-claudius.de einer Website des Biographen Gerd Katthage). Dann aber, beeindruckt durch die von der Arbeiterschaft erkämpften sozialen Fortschritte (z. B. 1891 bzw. 1895 das Verbot der Sonntagarbeit, 1908 Nachtarbeitverbot für Frauen und Jugendliche), schreibt Claudius neue Verse und die ehemalige erste Strophe wird zur fünften. Durch die neue erste Strophe und die zweite, „Eine Woche Hammerschlag“, entsteht ein Arbeitergedicht. Die Erfahrung der sozialistischen Kräfte, dass mit Einigkeit und durch solidarisches Kämpfen soziale Fortschritte zu erreichen sind, greift Claudius auf: „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit“, „spüren wir, es muss gelingen“, und er ist gewiss „mit uns zieht die neue Zeit“. Und tatsächlich werden weitere Forderungen der SPD und der Gewerkschaften durchgesetzt: 1916 die Herabsetzung des Rentenalters für Arbeiter von 70 auf 65 Jahre – entsprechend dem für Angestellte -, für Frauen auf 60 Jahre und 1918 die Reduzierung der Arbeitszeit auf 8 Stunden täglich bzw. 48 Stunden wöchentlich.

Die zweite Strophe bezieht sich auf die „Maloche“ in der industriellen Arbeitswoche, die noch am Sonntag zu spüren ist, genauso wie die menschenunfreundlichen Städte und Wohnverhältnisse (vgl. die Interpretation von Aus grauer Städte Mauern auf diesem Blog).

Mit der dritten Strophe und den Naturmetaphern „Birkengrün und Saatengrün“ und „Mutter Erde“ knüpft Claudius an seine Eindrücke auf Wanderungen mit jugendbewegten Gruppen an, wie sie bereits mit den „widerklingenden Wäldern“ zum Ausdruck kamen.

„Mit Blick und Schritt“ und „Wort und Lied“ (vierte Strophe) schreitet man „Seit‘ an Seit‘“. Ein Ziel wird nicht genannt, auch nicht wie die „neue“ Zeit aussehen soll; von Klassenkampf ist nicht die Rede. Claudius bleibt in den ersten vier Versen in seinen Aussagen vage. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass sowohl Arbeiter auf Versammlungen und bei Demonstrationen als auch Jugendbewegte das Lied auf Fahrt und am Lagerfeuer gesungen haben und ihre Nachfolger es heute noch singen.

Erst die fünfte Strophe wird konkret. Es geht um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, um den Frieden zwischen den Geschlechtern und deren Versöhnung. Schaut man sich an, wie sich das im Original sechsstrophige Lied (in der sechsten Strophe werden die Zeilen der ersten wiederholt, s. o.) in Liederbüchern wiederfindet, so fällt auf, dass sie – besonders seit 1930 – in ihrer übergroßen Mehrheit die fünfte Strophe weggelassen haben. Es scheint so, als ob sie seitdem als nicht passend für ein Arbeiterlied oder ein Wanderlied angesehen wurde und wird.

Aber wegen der Unbestimmtheit der Aussagen wurde es in allen Kreisen der Bevölkerung gesungen wie die Liederbücher der jugendbewegten Wanderer, z. B. Auf froher Wanderfahrt (1921) oder Fritz Sotkes Unsere Lieder (6. Auflage 1924), der Handwerker und Arbeiter, z. B Gesellen-Liederbuch (1924) Das Volkslied (Arbeiterjugend Verlag 1927) oder Arbeiter- und Freiheitslieder (1928) zeigen. Auch Christen und Turner nahmen Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ in ihre Liederbücher auf, z. B. Liederbuch der Freiburger Turnerschaft von 1844 (1927) und Die güldene Sonne (Liederbuch des Bundes für Gegenwartschristentum, 1925), ebenso wie es Eingang in Schulbücher fand, z. B. Lied und Leben (Ausgabe A, 2. Teil, 1930).

Wie viele andere Lieder aus der Wandervogelzeit griffen die Nationalsozialisten, besonders in den ersten Jahren ihrer Herrschaft, mangels eigener Lieder und um jugendbewegte Gruppen leichter in die Hitlerjugend überführen zu können, auch Wann wir schreiten Seit an Seit‘ auf. Bereits 1933 erschien es im vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach herausgegebenen Liederbuch Blut und Ehre. Liederbücher der NSDAP, SA, des Reichsarbeitsdiensts und der NS-Frauenschaft folgten. Die Nazis zogen eine andere, von dem Richter und späteren Musikprofessor Armin Knab (1881-1951 komponierte, Melodie im 3/2 Takt vor, weil es sich danach besser marschieren ließ. Die 1933 im Liederbuch der NSDAP proklamierten drei zusätzlichen Strophen finden sich nur in wenigen anderen NS-Liederbüchern wieder. Die Strophen eines nicht benannten Verfassers mit dem Refrain der letzten Strophe „Mit uns zieht das Dritte Reich“ lauten:

Wann wir schreiten Seit an Seit_1

Wann wir schreiten Seit an Seit_2

(Faksimile aus: Sturm- und Kampflieder für Front und Heimat, Berlin 1941, Dank an das Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein.)

Die gängige Melodie hat weitere Organisationen zu Änderungen und Ergänzungen in ihrem Sinne veranlasst. So lautete der Refrain der Weimarer KPD und ihrer nahestehenden Organisationen „Mit uns zieht Karl Liebknechts Geist“ oder „… Ernst Thälmanns Geist“.

1924 erschien bereits ein Liederbuch für „Naturfreunde, Menschheitsfriede und Gottesgemeinschaft“ mit dem Titel Sonnenlieder, das zusätzlich zu den sechs Strophen des Originals folgende Strophen enthielt:

Mensch und Mensch und Volk und Volk,
Laßt uns nicht in Hass verzehren!
Gier und Selbstzucht , sie zerstören
Unser Leben, und sie wehren
/:alle guten Geister ab.:/

Mensch und Volk und Welt in Not
Was kann dir den Frieden bringen?
Deinen Hochmut mußt du zwingen,
im Verzeih’n die Hände schlingen:
/:Heimat wird nun allen Gott:/

Die katholische Kaufmannsjugend wollte 1930 nicht länger nachstehen, und so tauchten in ihrem Liederbuch Blaue Fahnen diese Strophen auf:

Wort und Lied und Blick und Schritt
wie in uralt ew´gen Tagen
wollen sie zusammenschlagen
ihre starken Arme tragen
unsere Seelen fröhlich mit

Heilgem Kampf sind wir geweiht
Gott verbrennt in Zornes Feuern
eine Welt, sie zu erneuern
wollen kraftvoll wir beteuern
/:Christus. Herr der neuen Zeit.:/

(aus: www.volksliederarchiv.de)

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Lindner meint zu der letzten christlich geprägten Strophe: „1944 wird, unter dem Eindruck des untergehenden ‚Dritten Reiches‘ und der Apokalypse des Bombenhagels, im Milieu der illegalen katholischen Pfadfinderbewegung durch deren Begründer in Bayern, den Theologen Ludwig Hugin, eine eschatologische Strophe angefügt, die den Neu-Reichs-Chiliasmus des ursprünglichen Textes (‚Mit uns zieht die neue Zeit‘) ins Christliche wendet“ (Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität. Hamburg 2003, S. 148):

Heil`gem Kampf sind wir geweiht.
Gott verbrennt in Zornesfeuern
eine Welt, sie zu erneuern,
wollen machtvoll wir beteuern.
Christus, Herr der neuen Zeit.

Eine ganz andere Strophe verfasste 1938 der im Arbeitslager Aschendorfer Moor (Emslandlager II) inhaftierte Kommunist Heinz Hentschke, in der er sich auf die Situation der Häftlinge in den elf Moorlagern bezog:

Einer Woche Kuhlbetrieb
und das Rollen schwerer Loren
klingen stets in unsern Ohren,
aber keiner träumt verloren.
/: Hoffnungsfroh bleib, Moorsoldat!:/

(norddeutsch „Kuhle“: Mulde, die beim Torfstechen und Trockenlegen entsteht)

Während 1942 der Originaltext von Hermann Claudius in das vor den KZ-Wächtern geheim gehaltene Lagerliederbuch des Konzentrationslagers von Sachsenhausen aufgenommen wurde, übernahm die Wehrmacht ebenfalls 1942 das Lied mit vier Strophen und der Melodie von Armin Knab in ihr Liederbuch Soldaten singen (Dank an das Archiv Schendel, www.deutscheslied.com).

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Beliebtheit des Weimarer Lieds ungebrochen. Bereits 1946 tauchte es im Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark auf. Katholische Jugend und Naturfreunde folgten mit ihren Liedersammlungen; die DDR brachte die Lieder der deutschen Jugend (FDJ) und Musik in der Schule, Bd. 3 heraus, und die drei Rundfunksender der DDR benutzten Anfang der 50er Jahre die Tonfolge des Refrains „….mit uns zieht die neue Zeit“ als Pausenzeichen.

Ab 1953/54 wurde das Lied in zahlreiche Liederbücher übernommen, von denen hier der Kuriosität halber nur das Liederbuch des Deutschen Fußball-Bundes und das des schwäbischen Albvereins (beide 1953) erwähnt werden sollen. Bis 2013 (zuletzt das Liederbuch des Freien Begegnungsschachts, einer Gruppierung fahrender Gesellen) erschienen über 100 Liederbücher und mehr als 20 Partituren (soweit sie im Archiv Schendel und im Deutschen Musikarchiv vorhanden sind) sowie unzählige Liederhefte und Liederblätter.

Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ war und ist vielseitig einsetzbar als Wanderlied, Arbeiterlied und als Lied, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. So verwundert es nicht, dass es von Wandervereinen, von Bündischen, Pfadfindern, konfessionellen Kreisen, von Turnern und anderen Sportlern, von der Zelt- und Waldjugend, von der Naturfreundejugend, von landsmannschaftlichen Gruppierungen und auch in Schulen und sogar von Neurechten (z. B. dem Freibund) gesungen wurde und noch wird. Sogar die Bundeswehr nahm das Lied 1956, 1976 und noch 1998 in ihre Liederbücher auf, ebenso wie der Verband der Fallschirmjäger 1983 (nicht bekannt ist, ob sie „Wenn wir springen Seit‘ an Seit‘ gesungen haben).

Auch in Österreich und in der Schweiz ist das Lied bekannt, wie z. B. das Steirische Liederbuch oder das Liederbuch des Schweizerischen Arbeitergesangverbands zeigen.

Und natürlich gehört Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ nach wie vor den Gewerkschaften, der SPD und den ihr nahestehenden Organisationen. Etliche Jahre wurde es auf Bundesparteitagen der SPD als Schlusslied benutzt, so dass es wie Brüder zur Sonne zur Freiheit auch als (zweite) „Hymne der SPD“ bezeichnet wird.

Bereits in den 30er Jahren war über das Musikalische hinaus die erste Zeile (Incipit) zu einem geläufigen Begriff geworden, wovon nicht nur die Titel einiger Liederbücher und Tonträger zeugen. Zusätzlich seien exemplarisch hier genannt: Die Deutsche Buch-Gemeinschaft 1932 mit ihrer „Sammlung von Aufsätzen über das Wandern und Jugendherbergen“ und dem Titel Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ (1932), Heinz Blievernichts Buch zur „Geschichte und Leistung der Arbeiterjugendbewegung“ (1983) und das Niederrheinische Museum, Duisburg, mit seinem Festival und einer Ausstellung mit dem Untertitel „Arbeiteralltag – Arbeiterbewegung – Arbeiterkultur“ (1989).

Von den rund 20 Tonträgern, von der Schellackplatte bis zur CD, die das Deutsche Musikarchiv in seinem Bestand ausweist, ist eine Aufnahme aus 2004 hervorzuheben, die den Untertitel „Hymnen und Kampflieder der Arbeiterbewegung“ trägt und u. a. Aufnahmen von Ernst Busch enthält.

Und um noch einmal auf die unbestimmten Aussagen des Weimarlieds zurückzukommen. In der ersten Strophe des Sachsenhausen-Lieds, die an den ersten Vers des Weimarer Lieds erinnert, wussten die KZ-Häftlinge genau, wovon sie sangen:

Wir schreiten fest im gleichen Schritt
Wir trotzen Not und Sorgen
/:Denn in uns zieht die Hoffnung mit
auf Freiheit und auf Morgen.:/

(Text von Karl Fischer, Bernhard Bästlein, Karl Wloch in Das Lagerliederbuch, 1942. Melodie nach Die Bauern wollen freie sein).

Georg Nagel, Hamburg

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Das Rübezahllied: „Hohe Tannen weisen die Sterne“

Anonym

Hohe Tannen weisen die Sterne

1. Hohe Tannen weisen die Sterne
An der Iser in schäumender Flut.
Liegt die Heimat auch in weiter Ferne,
Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.

2. Hast dich uns auch zu eigen gegeben,
Der die Sagen und Märchen erspinnt,
Und im tiefsten Waldesfrieden,
Die Gestalt eines Riesen annimmt.

3. Komm zu uns an das lodernde Feuer,
An die Berge bei stürmischer Nacht.
Schütz die Zelte, die Heimat, die teure,
Komm und halte bei uns treu die Wacht.

4. Höre, Rübezahl, lass dir sagen:
Volk und Heimat sind nimmermehr frei.
Schwing die Keule wie in alten Tagen,
Schlage Hader und Zwietracht entzwei.

5. Weiße Blume im Lichte da droben
Träume weiter vom wilden Streit
Denn Dir Blume ist im Ring da droben
Unser Waffengang des Lebens geweiht.

     [Originalverse aus der Zeitschrift Jugendland, Jungenblätter des Bundes deutscher 
     Ringpfadfinder, Heft 9/10, S. 95 f., Jahrgang 1923 (Dank an das Archiv der 
     deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein für den Scan).

Schon einige Jahre nach der Veröffentlichung im Jahr 1923 erschien den Ringpfadfindern die letzte Zeile des 5. Verses wohl zu martialisch. Die Strophe wurde umgeändert in:

Weiße Blume im Ringe dort droben
träume weiter vom wilden Streit,
denn dir Lilie im Ringe da droben
sei der Gang unseres Lebens geweiht.

[Diese Strophe aus dem handgeschriebenen Liederheft Freundeskreis Lilienwald des damaligen Schriftleiters der Zeitschrift Jugendland 1931 verdanke ich Klaus Meier vom VDC.]

Während die meisten nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbücher die Original- Strophen 1 bis 4 ausweisen, so z.B. Die Mundorgel, enthalten die Liedersammlungen der Bündischen, speziell der Pfadfinder, auch die 5. Originalstrophe, ist doch die Lilie das Symbol aller Pfadfinderbünde wie sie es im damaligen Ring der Ringpfadfinder war.

Die größeren Online-Lieder-Archive von Michael Zachcial (Gruppe Die Grenzgänger) (volksliederarchiv.de) und von (ingeb.org) weisen – ohne die Herkunft zu benennen – noch weitere Strophen aus:

a) Viele Jahre sind schon vergangen
Und ich sehn’ mich nach Hause zurück
Wo die frohen Lieder oft erklangen
Da erlebt’ ich der Jugendzeit Glück.

b) Wo die Tannen steh’n auf den Bergen
Wild vom Sturmwind umbraust in der Nacht
Hält der Rübezahl mit seinen Zwergen
Alle Zeiten für uns treue Wacht.

c) Drum erhebet die Gläser und trinket
Auf das Wohl dieser Riesengestalt,
Daß sie bald ihre Keule wieder schwinge
Und das Volk und die Heimat befreit.

d) Odalrune auf blutrotem Tuche,
Weh voran uns zum härtesten Streit.
Odalrune dir Zeichen aller Freien
Sei der Kampf unseres Lebens geweiht.

In den schlesischen Liederbüchern Gerhard Pankalla/Gotthard Speer, (Hg.): Der schlesische Wanderer – Ein Liederbuch, Köln 1959 und  Franz Hoffbauer (Hg.): Schlesischer Singvogel, o.J. sowie Hermann Janosch/Rudolf Woide (Hg.): Wie’s daheim war – Liederbuch der Oberschlesier, Bonn 1953 ist es laut Forschungsstelle der Gesellschaft Der Klingenden Brücke e.V., Bonn (Lieder der Völker Europas, Nord- und Südamerikas in Originalsprachen – www.klingende-bruecke.de) ist Hohe Tannen überhaupt nicht enthalten. Auch das Institut für Volkskunde der Deutschen im östlichen Europa ist weder in seinen Liederbüchern noch in seinem Tonträger-Archiv auf das Rübezahllied gestoßen. So bleibt die Vermutung, dass die Strophen a) bis c) nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Zeiten der Hochkonjunktur der Vertriebenenverbände entstanden sind, jedoch wegen der Zeilen „…dass sie bald ihre [die Riesengestalt Rübezahl] Keule wieder schwinge / und das Volk und die Heimat befreit“ keinen Eingang in die Liederbücher fanden und nur mündlich überliefert wurden.

Die Strophe d) mit der Odalrune als nazistischem Symbol für Blut und Boden, so könnte man meinen, stamme aus der Zeit des NS-Regimes. Sie ist jedoch in keinem der in Online-Archiven zugänglichen nazistischen Liederbücher vorhanden: Im Liederbuch für die Hitlerjugend Uns geht die Sonne nicht unter ist Hohe Tannen weisen die Sterne ohne die Odalrunen-Strophe vertreten.

Die Melodie geht zurück auf eine alte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammende fränkische Volksweise: Treue Freundschaft darf nicht wanken. Sie wurde veröffentlicht in der Crailsheimer Liederhandschrift 1747/49. Später wurde der Liedtitel in Wahre Freundschaft soll nicht wanken umgewandelt und in dem 1842 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter herausgegebenen Liederbuch Schlesische Volkslieder mit Melodien als „schlesische Weise“ bezeichnet.

Zur Melodik ist zu sagen: Der Tonumfang (Ambitus) des Liedes bewegt sich innerhalb einer Oktave. Das führt zu einer guten Singbarkeit auch von nichtausgebildeten Stimmen. Ebenso sind keine großen Intervallsprünge vorhanden; dadurch trägt die überwiegend in Terz- und Sekundschritten verfasste Melodie ebenfalls zur leichteren Singbarkeit bei. Das Lied ist vorwiegend in der Tonart C notiert; mit den vier Akkorden C, G, G7, F lässt sich die Melodie auf der Zupfgeige (Ausdruck der Jugendbewegung für Gitarre) leicht begleiten.

Der Text ist entstanden im Bund deutscher Ringpfadfinder (s.o. Erstveröffentlichung). Nach anderen Quellen stammt es als Rübezahl-Lied ursprünglich aus Böhmen. Dafür sprechen Anhaltspunkte, die das Lied bietet. Die Iser (1. Strophe) entspringt zwar im Isergebirge in Schlesien, mündet aber in Mittelböhmen bei Lazné Toušeň (25 km nordöstlich von Prag) in die Elbe. Das Isergebirge bildet die Verbindung zwischen Lausitzer Gebirge und Riesengebirge. Und von da ist es zur Sagengestalt Rübezahl nicht mehr weit.

1922 ist für die oberschlesischen Deutschen ein Teil ihrer Heimat verloren gegangen. Nach mehreren polnischen Aufständen (1919, 1920 und 1921) gab es eine Volksabstimmung, bei der mehr als 60 % für den Anschluss an Deutschland stimmten und knapp 40 % für Polen. Im Mai 1922 allerdings bestätigte eine Botschafterkonferenz (der Siegermächte des Ersten Weltkriegs) den Vorschlag des Völkerbunds zur Teilung Oberschlesiens. Dadurch kamen Kattowitz, Königshütte, Tarnowitz und andere industrieorientierte Städte und die damit verbundenen Regionen zu Polen.

In dem 1923 zum ersten Mal veröffentlichten Lied wird die Sehnsucht nach der alten Heimat besungen. „Liegt die Heimat auch in weiter Ferne“ meint nicht die geographische Entfernung, sondern drückt eher aus, wie weit man sich von zu Hause entfernt fühlt. Auch dass „viele Jahre […] schon vergangen“ sind, zeigt trotz der zeitlichen Nähe von Gebietsabtrennung 1922 und der Entstehung des Liedes 1923 das tiefe Gefühl des Verlustes der Heimat.

Ist in den drei ersten Strophen des Rübezahlliedes eine gewisse Resignation zu spüren, so gibt sich im Gegensatz dazu das bereits 1921 während der Zeit der Volksabstimmung entstandene Oberschlesienlied kämpferisch:

Oberschlesien ist mein liebes Heimatland,
wo vom Annaberg man schaut ins weite Land;
wo die Menschen bleiben treu in schwerster Zeit.
Für dies Land zu kämpfen, bin ich stets bereit.

In Hohe Tannen ruft man den Berggeist des Riesengebirges an; beschwörend wird die Heimat besungen: „Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.“ Dabei appelliert man an den guten Geist, den gerechten und hilfsbereiten, der durstigen Wanderern eine Quelle zeigt oder arme Leute mit einem Goldstück beschenkt. Von der anderen Seite Rübezahls, die ihn in anderen Versionen als arglistig und schadenfroh darstellt, indem er als Mönch verkleidet, Wanderern den falschen Weg zeigt, ist hier nicht die Rede. Hier hofft man, dass Rübezahl alle Zeit treue Wacht hält. Treffend schreibt der Germanist und Erzählforscher Heinz Rölleke in seinem Liederbuch Das große Buch der Volkslieder – Über 300 Lieder, ihre Melodien und Geschichten:Aus der Niederlage des Ersten Weltkriegs und deren Folgen erwächst die irrationale Sehnsucht nach einem Retter und gewalttätigen Befreier“ (S. 359). Soll Rübezahl zunächst nur „treu die Wacht“ halten (3. Strophe und b) jeweils letzte Zeile), so wird er in der 4. Strophe aufgefordert, „Hader und Zwietracht“ zu beseitigen, notfalls mit seiner Keule. Der Text der Strophe c) zeigt, worum es eigentlich geht: Es gilt, die verlorene Heimat wieder zu gewinnen, und zwar mit Gewalt. So hat sich aus der anfänglichen Resignation, der bloßen Sehnsucht nach der Heimat, ein sich dem Revanchismus nähernder Gedanke entwickelt. Neben dem Schlesierlied (Kehr ich einst zur Heimat wieder) und dem Oberschlesienlied (1. Strophe s.o.) wurde – und wird vermutlich noch – Hohe Tannen weisen die Sterne auf den jährlichen Treffen der Schlesier immer wieder gern gesungen.

Über die Pfadfindergruppen hinaus ist das Lied in der Jugendbewegung nur wenig bekannt geworden. Mit Ausnahme der oben genannten Zeitschrift Jugendland sind aus der Zeit der Weimarer Republik keine weiteren Druckveröffentlichungen des Liedes bekannt. Auch in umfangreichen Liederbuchsammlungen (wie z.B. deutscheslied.com) taucht Hohe Tannen in der Nazizeit nur im Deutschen Liederbuch für die Grundschule und im Liederbuch für die Hitlerjugend Uns geht die Sonne nicht unter (beide von 1934) auf; es wurde „aber schon ein Jahr später […] als unerwünschtes ‚bündisches Liedgut‘ aus der […] Neuauflage getilgt“ (museenkoeln.de).

Ob die Strophe d) in Kreisen der Hitlerjugend gesungen wurde, ist nicht belegt (Kann jemand Näheres sagen?). Die Odalrune (Zeichen für Erbe, Grundbesitz, Stammgut, Adel) galt bei den Nationalsozialisten als Symbol für Blut und Boden. Als nach dem Zweiten Weltkrieg sich viele Jugendgruppen, einige davon anknüpfend an die Jugendbewegung, neu organisierten, war es das Bestreben der Gruppierungen, sich in ihrem Äußeren und in ihren Liedern und Symbolen voneinander zu unterscheiden und abzugrenzen – so auch die bundesdeutschen Gruppen mit neonazistischer Ausrichtung wie die Wikingjugend. Die Wikingjugend und auch die später gegründete Heimattreue Deutsche Jugend benutzten bis zu ihrem Verbot 1994 bzw. 2009 die Odalrune als ihr Signet und sangen Hohe Tannen mit der Strophe „Odalrune in blutrotem Tuche“.

Bis etwa Mitte der 80er Jahre war das Rübezahllied nur in den Liedersammlungen Der Turm A, 2. Teil (1953) und in Unser Lied. Das deutsche Pfadfinderbuch (o.J.) vertreten. Später erschienen allmählich zahlreiche Liederbücher mit den ersten vier Strophen des Lieds, so die auflagenstarke Mundorgel (von 1953 bis 2013 über 10 Millionen) und das weit verbreitete Volksliederbuch – Über 300 deutsche Lieder, ihre Melodien und Geschichten. 1960 gab es einen überraschenden Erfolg des Hellberg Trios (8. Rang der Hitliste 1960). Im gleichen Jahr wurde ein österreichisch-deutscher Heimat- und Musikfilm mit dem Titel Hohe Tannen produziert, in dem das Volkslied vom Erich Storz-Trio gesungen wurde. Etliche Jahre danach begann die Vermarktung des Lieds in großem Umfang, und zwar mit den Interpreten Ray Coniff, Medium Terzett, René Kollo, Ivan Rebroff oder dem Opernsänger Hermann Prey und anderen weniger Prominenten.

Und 1968 zersang Heino (Heinz Georg Kramm) unter dem immerhin treffenden Albumtitel Und die Sehnsucht uns begleitet das Lied auf einer Langspielplatte. Dieser Platte folgten bis 2005 zehn weitere LPs und CDs, um 2006 mit der CD Deutschland, meine Heimat ihren (vorläufigen?) Abschluss zu finden. Laut dem Musiker, Komponisten und Produzenten Achim Reichel hat „das Lied seine Unschuld, aber nicht seine Schönheit verloren“.

Zusätzlich wurde und wird noch heute das Rübezahllied von Chören aller Art gesungen, worauf die zahlreichen vom Deutschen Musikarchiv, Leipzig, erfassten Partituren schließen lassen.

Dem Arbeiterlieder-Archiv (kampflieder.de) ist der Text einer anderen Version des Liedes von den „Edelweißpiraten“ zu entnehmen. Mitglieder dieser jugendlichen Widerstandsgruppe sangen es 1937 auf dem Georgsplatz in Köln und noch 1943 in der Jugendhaftanstalt Köln-Brauweiler:

Hohe Tannen weisen uns die Sterne
über der Isar springender Flut,
liegt ein Lager der Edelweisspiraten,
doch Du Eisbär schützt es gut.

Rübezahl, hör was wir dir sagen,
die bündische Jugend ist nicht mehr frei.
Schwingt den Spaten der Edelweißpiraten.
Schlagt die Hitler-Jugend entzwei.

[die letzten Zeilen auch:
Schlagt die Bündische Jugend wieder frei.]

Georg Nagel, Hamburg

Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans „Im Frühtau zu Berge“

Olof Thunman (Übersetzung: Robert Kothe/Walther Hensel)

Im Frühtau zu Berge

1. Im Frühtau zu Berge wir gehn, fallera,
Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
Singend in den Morgen
Noch eh im Tale die Hähne krähn.
 
2. Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,
Ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera?
Wer wollte aber singen,
Wenn wir schon Grillen fingen
In dieser herrlichen Frühlingszeit?
 
3. Werft ab alle Sorgen und Qual, fallera
Und wandert mit uns aus dem Tal, fallera!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit versucht es auch selbst einmal!

Der Text des schwedischen Wanderlieds Vi gå över daggstänkta berg stammt von dem Maler und Dichter Olof Thunman (1879–1944). Erstmals veröffentlicht mit dem Titel Gångsång (Wanderlied) wurde es 1908. Komponiert wurde das Lied gemäß der schwedischen Wikipedia von Edwin Ericson (1874–1968) „nach einer traditionellen schwedischen Melodie“ (Historisch-kritisches Liederlexikon http://www.liederlexikon.de/lieder/im_fruehtau_zu_berge). Viele deutsche Liederbücher schreiben die Melodie dem jugendbewegten Volksliedforscher und Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956) zu, wahrscheinlich, weil er eine deutsche Übersetzung überarbeitet und das Lied 1923/24 im Liederbuch Finkensteiner Blätter veröffentlicht hat, einem Liederbuch, das eine größere Verbreitung fand als die deutsche Erstveröffentlichung 1917 in der Sammlung Die 14. Folge für hohe und tiefe Stimme mit der Übersetzungdes Dichters, Sängers und Lautenspielers Robert Kothe (1869–1944). In Schweden gehörte das Lied bis 1969 zu den in der Schule zu lernenden und singenden Volksliedern. Auch danach wurde und wird das Lied noch heute in Schweden gern gesungen.

Sicherlich kann man die Rezeption eines Liedes nicht allein an der Aufnahme in Liederbücher festmachen, aber sie geben doch Aufschluss über die Beliebtheit eines Liedes. Vor 1933 wurde das Lied in zahlreiche deutsche Liederbücher, vor allem der Jugend- und Wandervogelbewegung, aufgenommen (z. B. Fahrtenlieder, hg. v. Fritz Sotke und Auf Fahrt, 1928, Das Lied der ‚Pfadfinder‘ – St.Georg Liederbuch, 2. Teil, beide 1930). Es wurde sowohl in studentischen (z. B. Untersberger Liederbuch – Christdeutsche Burschenschaft, 1925) als auch in sozialistischen (Jugend-Liederbuch, 1929) Kreisen gesungen. Besonders beliebt war es in konfessionellen Jugendgruppen (z. B. Freude in Fülle – Liederbuch für die christliche deutsche Mannesjugend, 1925, Der Trommler – Bund deutscher Bibelkreise, 1931 und Liederbuch für ev. Vereine und Kreise junger Mädchen, 7. Auflage 1931 – um nur einige zu nennen). Eingang fand das Wanderlied auch in deutsche Schulbücher (z. B. in Deutsche Lieder Band 1 für die höheren Schulen, o. J.). Bereits 1923 wurde es in Österreich in das Liederbuch Fahrend Volk aufgenommen.

Die Nationalsozialisten griffen das Frühlingslied wie viele andere Lieder der Jugendbewegung auf, verschwiegen aber häufig den schwedischen Ursprung. Bereits 1933 gab die Hitlerjugend Im Frühtau zu Berge als deutsches Lied aus (z. B. in Blut und Ehre, hg. v. Baldur von Schirach und in Uns geht die Sonne nicht unter, 1934) ebenso der Reichsarbeitsdienst (z. B. Singend wollen wir marschieren, o. J.) und die SS (z. B. SS-Liederbuch, o. J.). In vielen Schulbüchern wie in Ernte und Aussaat 2. Teil Oberstufe, 1940 und Klingendes Leben – Singebuch für Mädchen, Teil 1, 1941 sowie in Klingender Tag – Liederbuch für die Mittelstufe 1 und 2, 1942 war das Lied ebenfalls vertreten.

1942 wurde das Frühlingslied ähnlich wie andere Volkslieder, z. B. Der Winter ist vergangen, und Ade zur guten Nacht zu dem berühmt gewordenen Lied Wir sind die Moorsoldaten in das vor den KZ-Aufsehern geheim gehaltene Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen aufgenommen.

Nachdem in einem Flüchtlingslager in Dänemark deutsche Lieder gesammelt wurden, erschien Anfang 1945 das Liederbuch der deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In Deutschland kamen bereits 1946 die ersten neuen Liederbücher heraus: in der BRD Lieder der Jugend (Hg. Erzbischöfliches Jugendseelsorgeamt, München) und in der DDR das Liederbuch der deutschen Jugend, FDJ.

Von da an wurde das Lied in allen Kreisen und Gruppierungen gesungen, wie die zahlreichen Liederbücher zeigen: sowohl von Gewerkschaftern, Christen, Wandervereinen, Turnern als auch in Schulen, in Jugendbünden und sogar von Fußballspielern (Liederbuch des deutschen Fußballbundes) und Reformjugendlichen (Liederbuch der deutschen Reformjugend).

Gesungen wurde es auch in Österreichs; es erschienen allgemeine Gebrauchsliederbücher mit dem Frühlingslied (z B. Komm sing mit uns, 1980 und Volkslieder aus Österreich, 2004) und spezielle für verschiedene Regionen, z. B. in Kärnten, Steiermark, Südtirol.

Nicht nur österreichische Soldaten (Österreichisches Soldatenliederbuch, 1967) sangen das Lied, sondern bald nach Einrichtung der Bundeswehr 1956 auch westdeutsche Soldaten. So gab die Bundeswehr in unregelmäßigen Abständen Liederbücher mit Im Frühtau zu Berge heraus, z. B. 1958 Liederbuch der Bundeswehr, 1976 Hell klingen unsere Lieder und 1991 Kameraden singt!

Auch in der Schweiz kamen mehrere Lieder- und Schulbücher mit dem Lied heraus. In Deutschland wurde vor allem das in der Schweiz edierte Das große Kinderliederbuch bekannt, eines der schönsten Kinderliederbücher mit Illustrationen von Tomi Ungerer.

Zur größten Verbreitung hat jedoch die erstmals 1953 erschienene Mundorgel beigetragen mit einer bis 2012 verkauften Textauflage von rd. 10 Millionen und einer Notenausgabe von 4 Millionen. Auch das (ab 1978 erschienene) Fischer Taschenbuch Volkslieder aus 500 Jahren und Das große Liederbuch (ab 2000) des Clubs Bertelsmann trugen zur hohen Popularität des Liedes bei. In den vergangenen 10 Jahren ließ die Anzahl der aufgelegten Liederbücher nach. Von den in geringen Exemplaren aufgelegten seien noch folgende genannt: Fahrten und Feierlieder 2, das Wandervogel-Liederbuch (beide 2007) und Jurtenburg (Liederbuch des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, 2010).

Betrachtet man die Rezeption von Im Frühtau zu Berge auf Tonträgern, so fällt auf, dass sowohl in der BRD, in der DDR als auch in der Schweiz die Mehrheit der Langspielplatten und Compact Discs, auf denen das Lied enthalten ist, in den 1970er und 1980er Jahren erschienen ist. In der Bundesrepublik Deutschland wurden für die Aufnahme von Volksliedern häufig Chöre engagiert, vor allem Kinderchöre wie der Dresdner Kreuzchor, die Ulmer Spatzen und der Bielefelder Kinderchor, aber auch große Orchester, z. B. das Orchester Christian Wagner, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr und das Polizeiorchester Berlin. Auch bekannte Solisten wurden von der Tonträger-Industrie für die Interpretation des Frühlingsliedes gewonnen: vom Opernsänger Hermann Prey (LP Hermann Prey, 1970), dem ausgebildete Opern- und späteren Schlagersänger Tony Marshall (Das Wandern ist des Tony’s Lust, 1976) bis zum selbsternannten Volkssänger Heino (Sing mit Heino, Folge 7 und 8, 1979 und Lieder der Berge 2, 1981). Auch in späteren Jahren schien sich die Aufnahme des Liedes auf CDs zu lohnen: 1994 sangen es die Opernbassisten Günter Wewel auf Heimatklänge und Gunther Emmerlich auf Die schönsten Volkslieder aus aller Welt; und von dermit dem Megahit 99 Luftballons berühmt gewordene Nena erschien die Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus (1995) mit Im Frühtau zu Berge. Zur anhaltenden Popularität des Liedes leisteten natürlich auch der mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnete Chorleiter Gotthilf Fischer und seine Fischer-Chöre ihren Beitrag auf Vortragskonzerten, durch öffentliches Singen unter Einbeziehung des Publikums und u. a. mit ihrem Album Die schönsten Volkslieder (1997).

Ist ein Lied besonders populär, so wird es häufig parodiert oder die erste Zeile (sog. Incipit, lat. es beginnt) verselbständigt. Hier zeigen sich Verselbständigungen in Buchtiteln, die die erste Zeile verwenden, so z B. Im Frühtau zu Berge wir gehen (herausgegeben von den Naturfreunden, Kantonalverband St. Gallen 1980), beim Wanderbuch Im Frühtau zu Berge. Badens schönste Wanderungen undbei dem vom ehemaligen Chefredakteur des Manager Magazins Leo Brawand verfassten Buch Im Frühtau zu Berge – Was Wandern so vergnüglich macht (Bruckmann, München 2004).

Von den vielen Parodien des Liedes werden hier nur einige vorgestellt. 1978 hatte Otto Waalkes große Erfolge mit seiner Parodie auf Konzerten und auf der CD Ottocolor, auf der er das Lied im Gesangsstil von Louis Armstrong und Udo Lindenberg und als Country Song u. ä. interpretierte.

Werner Böhm (Künstlername Gottlieb Wendehals nahm 1983 mit der CD Ervolkslieder eine besondere Version auf; der Text der ersten Strophe lautet: „Im Frühstau bei Herne wir blühen richtig auf. / Da stehen wir so gerne und wachen langsam auf. / Wir gucken in die Runde und alle Viertelstunde, / da schiebt sich der Stau plötzlich meterweit vor“. Einige Jahre später versuchte sich Mike Krüger im Medley Lustig ist das Zigeunerschnitzel auf dem Album Ua Ua Ua (1989) mit „Im Kühlschrank die Zwerge sie frier’n, fallera /Sie können sich vor Kälte nicht rasieren, fallera. / Sie tanzen ohne Hosen um die Butterdose, komm her und versuch es doch selbst einmal“ und 2007 im satirischen Jahresrückblick des ZDF ein vorgeblicher Männerchor des SEK mit einer politischen Version:

Im Frühtau wir stürmen dein Haus, fallera.
Wir sprengen deine Haustür einfach raus, fallera.
Wir sind dann bei dir drinnen, du kannst uns nicht entrinnen
und siehst dabei ganz schön blöd aus, jaja.

Im Flugzeug wir schießen dich ab, fallera.
Im Ferienflieger geht es dann bergab, trallala.
Erlaubt wird es erst morgen, doch uns macht‘s keine Sorgen
weil danach kein Hahn mehr kräht, fallera.

Wir überwachen dich total, fallera.
Mecker‘ nicht du hast gar keine Wahl, trallala!
Wir sind hinaus gegangen, Terroristen fangen
komm mit und versuch es doch auch einmal!

Schließlich brachte 2012 die Gruppe Jazzkantine auf ihrer CD Jazzkantine singt Volkslieder unter Verwendung der ersten Strophe des Originals als Refraineinen Rap-Song heraus. Eine Parodie, die heute noch aktuell erscheint, schrieb 1967 der Satiriker, Grafiker und Schriftsteller Dieter Höss :

Millionärslied

1. Beim Frühstück am Morgen sie sehn, fallera,
wie schlecht ihre Aktien wieder stehn, fallera,
und warten dann voll Sorgen
auf den Stand von morgen
und sehen sich alle schon betteln gehn.

2.Selbst kluge und steinreiche Leut, fallera,
sind heute vor Angst nicht mehr gescheit, fallera,
nur weil sie mal von ihren
Milliönchen drei verlieren
und reden deswegen von Krisenzeit.

Georg Nagel, Hamburg

„O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!“ Zu „Der Mai ist gekommen“ von Emanuel Geibel

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Emanuel Geibel

Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, 
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus; 
wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, 
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal.
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
"Herr Wirt, eine Kanne, eine Kanne blanken Wein!"
Ergreife die Fiedel, du lust’ger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.

Und find ich keine Herberg, so lieg ich zu Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust,
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!

     [Emanuel Geibel: Geibels Werke. Hg. v. Wolfgang Stammler. Bd. 1.
     Leipzig/Wien: Bibliographisches Institut 1918, S. 49.]

Der Mai ist gekommen ist ein Frühlingsgedicht von Emanuel Geibel (1815–1885) aus dem Jahr 1841. Populär wurde es durch die volksliedhafte Melodie von Justus Wilhelm Lyra (1822–1882; Komponist einer Weihnachtskantate nach Texten von Matthias Claudius und vieler, vor allem studentischer, Lieder).

1841, als dieses auf eigenes Erleben zurückgehende Gedicht auf dem Schloss Escheburg (im jetzigen Landkreis Kassel) entstand, war Geibel Gast des Mäzens Karl Otto von Malsberg, der auch Moritz von Schwind, Friedrich Schlegel u. a. förderte. Zu Geibels Studentenzeit in Bonn (1830–1834), als er am Rhein gewandert ist (vgl. sein Lied Am Rhein, am grünen Rheine, 1834), hatte er, als 7. von 8 Kindern einer Lübecker Pfarrersfamilie, sicherlich nicht viel Geld. Jetzt aber denkt er verklärend an seine Jugendzeit zurück und träumt davon, alle Sorgen zu Hause zu lassen und angesichts des beginnenden Frühlingsmonats Mai „in die weite, weite Welt“ zu ziehen (vgl. Joseph Frhr. von Eichendorffs Lied Der frohe Wandersmann [„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“]Welt steht hier als Metapher für das Streben nach Ungebundenheit). Tatsächlich hat Geibel nach vollendetem Studium (1835 in Berlin) sein Fernweh mit einem Aufenthalt in Athen umgesetzt, wo er als Hauslehrer beim russischen Gesandten arbeitete (1838 bis 1839).

Im Lied aber geht er erst einmal auf eine längere Wanderschaft; von seinen Eltern nimmt er Abschied und wünscht, „daß Gott euch behüt‘“. Ihm steht der Sinn danach, Neues zu entdecken: nach mancher Straße, nach manchem ihm noch nicht bekannten Wein. Und ganz im Sinne der Spätromantiker schwärmt der 26jährige von der Wanderung über die Berge und durch das tiefe Tal (vgl. O Täler weit, o Höhen – 1810 – des Romantikers Eichendorff); er fühlt, sein Herz „wie ‘ne Lerche“ singen.

Im 4. Vers übergeht der Sänger den tatsächlichen Zustand seiner studentischen Börse. Stattdessen malt er sich aus, genug Geld zu haben, um in einer Herberge einzukehren, abends (jeden Abend) eine (ganze) „Kanne blanken Wein“ zu leeren, vom Spielmann ein Liebeslied fiedeln zu lassen und wahrscheinlich einen Obolus zu geben (Spielleute verdienten sich häufig ihren Lebensunterhalt durch die Spenden der Zuhörenden) und sicherlich auch zu speisen (vgl. Geibels Gedicht O, wie wohl ist mir am Abend, das als Kanon vertont wurde) und zu übernachten.

Und sollte er einmal nicht rechtzeitig vor Anbruch der Nacht eine Herberge finden, so liegt er nachts „unter blauem Himmel“ und „die Sterne halten Wacht“. Ein Gedanke, den das jugendbewegte Lied Aus grauer Städte Mauern aufgreift: „Der Wald ist unsre Liebe, der Himmel unsrer Zelt“.

In der letzten Strophe preist Geibel unbekümmert das Wandern als „freie Burschenlust“. Er, der selbst Burschenschafter in Bonn war, denkt nicht an die Wandergesellen, die häufig drei Jahre und einen Tag von Meister zu Meister ziehen mussten, bevor sie selbst Meister werden konnten (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß). Ihm geht – wie in der 3. Strophe – das Herz auf, und er ist so erfüllt von „Gottes Odem“, dass er sich direkt an die Natur wendet und sie glorifiziert: „Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt“.

Der Mai ist gekommen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zahlreiche Liederbücher aufgenommen (exemplarisch werden hier einzelne aufgeführt). Gesungen wurde es in Schulen (Liederbuch für Schule und Leben, 1857), von Studenten (Vivat Academia, 3. Auflage 1893) und Handwerkern (Liederbuch der Handwerker, 1859). Sehr beliebt war es bei Männerchören (seit dem 1843 von Friedrich Silcher [1789-1860] verfassten Chorsatz) und sogar in der Armee und bei der Feuerwehr (Deutsches Armee Liederbuch und Deutsches Feuerwehr Liederbuch, beide 1880). Auch in Österreich (Liederbuch für die Deutschen in Österreich, 1884), in der Schweiz (Helvetica – Liederbuch für Schweizer Schulen, 1894) und in den USA (Deutsches Liederbuch für amerikanische Studenten, 1900) war das Frühlingslied bekannt.

Die Jugendbewegung griff das Wanderlied ebenfalls auf; es entsprach der Aufbruchsstimmung vieler Jugendlicher, die sich in vielen ihrer Lieder widerspiegelt (Wir wollen zu Land ausfahren; Wir sind jung, die Welt ist offen, o du schöne weite Welt; Wenn die bunten Fahne wehen u.v.a.). Beliebt war das Lied bei der Turner- und Arbeiterjugend, bei konfessionellen Jugendgruppen und nach wie vor bei Handwerkern und Studenten.

Obwohl einige Gedichte Geibels in der Nazi-Zeit durchaus Anklang fanden, erlebte Der Mai ist gekommen in nazistischen Liederbüchern keinen großen Widerhall mit Ausnahme des Liederbuchs der NS-Frauenschaften. Allerdings entnahmen die Nationalsozialisten eine Zeile aus dem 1881 entstandenen Gedicht Deutschlands Beruf (gemeint ist: Berufung) und verkürzten sie auf das Schlagwort: Am deutschen Wesen mag die Welt genesen. Aus Sicht der Nazis war darin die die Überlegenheit der deutschen Art, Kultur und Rasse ausgedrückt. Der inzwischen politisierte 46jährige Geibel hatte das Gedicht aber als Aufruf an die deutschen Einzelstaaten zur Einigung gemeint.

Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Popularität des Frühlingslieds wieder an. Davon zeugt die Aufnahme in zahlreiche Liederbücher der Nachfolgegruppen der Jugendbewegung und anderer Jugendgruppen. Selbst im Liederbuch des Deutschen Fußballbunds wurde das Lied abgedruckt. Zur Beliebtheit des Liedes haben vor allem haben die auflagestarken Taschenbücher der Verlage Reclam (1962), Heyne (1975 und 1978), Fischer (1978, 1981 und 1984), Insel (1980 und 1995), Knaur (1988) und Moewig (1992 und 1993) und das 1993 im Club Bertelsmann erschienene Das große Buch der Volkslieder (mit Reproduktionen zeitgenössischer, zu den Liedern passender Gemälde) beigetragen. In Österreich, u. a. in 155 Volks- und Soldatenlieder (herausgegeben vom Österreichischen Heeresbundesamt 1998) und in der ehemaligen DDR wurde das Lied ebenfalls rezipiert; in der DDR u. a. in Leben – Kämpfen – Siegen, dem Liederbuch der Freien Deutschen Jugend, FDJ (10. Auflage 1964). Auch etliche deutsche Schulbücher weisen das Geibelsche Lied auf. Einen bedeutenden Anteil an der enormen Verbreitung hat auch der Deutsche Liederschatz, herausgegeben von Ludwig Erk und Max Friedländer, der von 1880 bis 2012 zahlreiche Auflagen bzw. Nachdrucke erlebte.

Von den bekannten Sängern bzw. Musikgruppen, die auch Volkslieder interpretiert haben, wie z. B. Hannes Wader, Hein und Oss Kröher, Zupfgeigenhansel und Liederjan haben nur Nena (CD Das Apfelhaus, 1995) und der Dresdner Kreuzchor (mehrere Tonträger von 1974 bis 2011) das Lied in ihr Repertoire aufgenommen. Vielleicht war es anderen zu sehr in der Romantik verhaftet. Heino, der sich an vielen Volksliedern vergriffen hat, hat das 3/4taktige Frühlingslied (bisher) nicht gesungen. Offensichtlich zieht er Lieder im Viervierteltakt vor.

Nach wie vor wird Der Mai ist gekommen gern gesungen und angehört; das zeigt sich auch an den rund 20 Partituren und 12 Tonträgern, die das Deutsche Musikarchiv Leipzig allein in den vergangenen 10 Jahren in seinen Katalog aufgenommen hat. Noch heute wird in manchen Gegenden Deutschlands der Frühling mit dem Errichten des Maibaums und in manchen Städten, z. B. Lübeck, Marburg und Osnabrück, mit dem öffentlichen Singen des Liedes begrüßt.

Zur Zeit der Entstehung des Frühlingsliedes verharrte der 26jährige Geibel in der unbekümmerten Naturschwärmerei des Spätromantikers; er ignorierte das Bestreben nach bürgerlichen Freiheiten und nach deutscher Einheit und nahm auch die beginnende Industrialisierung nicht zur Kenntnis. Rund 140 Jahre später dagegen zeigt das Mailied der Erwerbslosen die Realität der Arbeitswelt in einer gewinnorientierten Industriegesellschaft:

Kurt Mehl

Mailied der Erwerbslosen

Der Mai ist gekommen, der Setzer flog raus
und fegt, wenn er Glück hat, die Lagerhalle aus!
Der Computer, was tut er? Na, er ersetzt die Arbeitskraft,
und so wird elektronisch der Fortschritt geschafft!

Herr Otto Graf Lambsdorff*, dass Gott Euch behüt!
Wer weiß, wann in der Ferne das Glück uns noch blüht?
Ich lieg‘ auf der Straße, wo früher ich ins Werk marschiert,
und bin bei Herrn Stingl** auf Dauer abonniert!

Frisch auf drum, frisch auf drum, im hellen Sonnenlicht;
wer da sucht, der wird finden, nur Arbeit find’t er nicht!
Die Volksreden klingen aus Bonn*** berauschend allemal,
und ich putze die Klinken, die Lage ist fatal.

Auf Endstation Sozialamt, da kehrt‘ ich neulich ein:
„Herr Amtmann, ich bitte, Sie mögen mir verzeih’n!
Gewähret aus Güte mir einen neuen Zuschuss noch,
denn von meinem Bau die Miete, die ist mir zu hoch!“

Und flieg‘ ich auch dort raus, so lieg‘ ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, der Datenschutz hält Wacht;
die Deutschmark wird weltstark, der Kanzler mahnt zur Bürgerruh‘,
und ich decke mich einstweilen mit Fehlanzeigen zu!

* Otto Graf Lambsdorff war zum Zeitpunkt der Liedveröffentlichung Bundeswirtschaftsminister, **Josef Stingl Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. ***Bonn war bis 1999 die Bundeshauptstadt.

Als der Deutsche Gewerkschaftsbund in seiner Wochenzeitung Welt der Arbeit das Mailied von Kurt Mehl (vermutlich das Pseudonym eines bis heute nicht bekannt gewordenen Verfassers) veröffentlicht (in Nr. 18 vom 4. Mai 1978), hat eine neue Zeit der Arbeitskämpfe begonnen. Im Mittelpunkt stehen nicht die Forderungen nach höheren Löhnen, sondern nach Verkürzung der Arbeitszeit. Zum ersten Mal seit 82 Jahren streiken die Hafenarbeiter in Hamburg. Nach wochenlangen Streiks vor allem der Metallarbeiter in Baden- Württemberg können die Gewerkschaften zwar nicht die 35-Stunden-Woche durchsetzen, aber in mehreren Branchen eine Verkürzung der Jahresarbeitszeit durch zusätzliche freie Tage.

Angesichts der 1978 steigenden Anzahl von 4 Millionen Erwerbslosen (bei geschönter Statistik ohne Teilzeitarbeiter, Praktikanten und befristeten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) – 1968 Jahren waren es 1,5 Millionen – nimmt die Angst um die Arbeitsplätze zu. Immer mehr Arbeitsplätze werden durch den Einsatz EDV-gestützter Technik vernichtet. Bereits im August 1977 hatte DIE ZEIT geschrieben: „Mit weniger Arbeitskräften kann die deutsche Industrie genau so viel produzieren wie 1973“ (Heinz Michaels: Nun kommen die Praktiker. In: DIE ZEIT, 5.8.1977). Kein Wunder, dass vor allem in der Druckindustrie das Schlagwort vom „Jobkiller Computer“ umgeht. Erst nach langen Streiks können die Gewerkschaften den (vorläufigen) Erhalt der Arbeitsplätze und umfassende soziale Absicherungen aushandeln.

In diese Zeit passt das Mailied der Erwerbslosen. Ob diese Version eine große Verbreitung gefunden hat, ist nicht bekannt; in gewerkschaftlichen Liederbüchern ist es nicht enthalten. In Hamburg habe ich es 1979 oder 1980 gehört, gesungen vom „Chor Hamburger GewerkschafterInnen“. Inwieweit es noch heute aktuell ist, mögen die Leser beurteilen.

Georg Nagel, Hamburg

Hymne der Jugendbewegung. Zu „Aus grauer Städte Mauern“ von Hans Riedel und Hermann Löns

Hans Riedel/Hermann Löns

Aus grauer Städte Mauern

1. Aus grauer Städte Mauern
Ziehn wir durch Wald und Feld.
Wer bleibt, der mag versauern,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren,
Wir fahren in die Welt
Heidi heido*, wie fahren,
Wir fahren in die Welt

2. Der Wald ist uns're Liege**,
Der Himmel unser Zelt.
Ob heiter oder trübe,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

3. Ein Heil dem deutschen Walde,
Zu dem wir uns gesellt.
Hell klingt's durch Berg und Heide,
Wie fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

4. Die Sommervögel ziehen
Wohl über Wald und Feld.
Da heißt es Abschied nehmen,
Wir fahren in die Welt.

Heidi heido, wie fahren, [...]

[*in vielen Liederbüchern auch: Halli, hallo; ** Liebe].

Der Text der Strophen 1 bis 3 stammt vom Pfadfinder Hans Riedel (1889-1971). Geschrieben wurde er vor dem Ersten Weltkrieg etwa 1910, als Riedel gerade 21 Jahre alt war.

Es ist die Zeit, in der die fortschreitende Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung kritisch gesehen werden. Die Lebensreformbewegung strebt auf vielerlei Weise nach dem „Naturzustand“; es entstehen Schrebergärten, Gartenstädte, Landkommunen. Die Jugendbewegung wird von Oberschülern und einigen Lehrern des Gymnasiums Steglitz begründet; mit Hilfe der später studierenden Gymnasiasten verbreitet sie sich über ganz Deutschland und später auch in der Schweiz und in Österreich. Im Gründungsmanifest der Steglitzer Wandervögel heißt es pathetisch:

Die Großstadt verschandelt die Jugend, verbildet ihre Triebe, entfremdet sie immer mehr einer natürlichen, harmonischen Lebensweise. Aus den großen Hausmeeren steigt das neue Ideal: Erlöse dich selbst, ergreife den Wanderstab und suche da draußen den Menschen wieder, den einfachen, schlichten, natürlichen.  (1901: Gründung des Wandervogel. Eine Sendung des WDR 5 am 4.11.2006. Autor: Thomas Mense, Redaktion: Klaus Leymann.)

Aus grauer Städte Mauern hat dem Heidedichter Hermann Löns (1866-1914) so gut gefallen, dass er 1914, kurz vor seinem Tod, den 4. Vers hinzugefügt hat. Wieweit das Gedicht in jugendbewegten Kreisen verbreitet war, ist ungeklärt. Erst nachdem der Wandervogel und Musiklehrer Robert Götz (1892-1978)  1920 die Melodie verfasst hatte, wurde das Lied „zeitweise eine Art Hymne der Jugendbewegung“(www.museenkoeln.de).

Der Erstdruck des Liedes wird in vielen Liederbüchern auf das Jahr 1932 datiert, als der bündische Günther Wolff Verlag (von den Nazis 1937 aufgelöst) das von Robert Götz zusammengestellte Liederbuch Aus grauer Städte Mauern  herausbrachte. Um „eine Art Hymne“ zu werden, bedurfte es nicht nur des mündlichen Weitertragens von Text und Melodie am Lagerfeuer, auf Fahrten oder Wanderungen, sondern auch der schriftlichen Vervielfältigung. Eines der wenigen Dokumente dafür ist die handschriftliche Aufzeichnung im Liederheft des Hesse-Darmstädter Fähnleins, das 1927 dem Gründer und späteren Bundesführer des Nerother Wandervogels, Robert Oelbermann, gewidmet war:

Oelbermann_Titel

1. Strophe Mauern Faksimile

(Mit freundlicher Genehmigung von Hubertus Schendel. Quelle: Archiv Hubertus Schendel, www.deutscheslied.com).

Der Text knüpft an die Grundsätze der Lebensreformbewegung an und greift den Wunsch der Jugendbewegten nach Naturerleben auf. Die Sänger ziehen „durch Wald und Feld“ und fordern (indirekt: „wer bleibt, der mag versauern“) die Daheimgebliebenen auf, es ihnen gleichzutun. Der Refrain „Wir fahren in die Welt“ ist sinnbildlich zu verstehen; es geht um die – mindestens zeitweise – Befreiung von Arbeitsnormen und bürgerlichen Konventionen, die in Wald und Feld eher zu verwirklichen ist als in der (Groß)Stadt. Daher gilt „ein Heil dem deutschen Walde“ – Heil hier im Sinn des Begrüßens, vgl. „Weidmanns Heil“, „Heil am Seil“ oder „Petri Heil“ oder als das zu suchende Heil, wobei die Heilung von den krankmachenden Mietskasernen in Wald und Feld, am Berg oder auf der Halde (hier im Sinn von Abhang, Hügel) gemeint ist. Übernachtet wird im Freien: „der Wald ist unsre Liege“ und der Himmel ist das Zelt, unter dem die Wanderer sich behütet fühlen.

Hermann Löns nimmt in der vierten Strophe Bezug auf Herkunft des Begriffs Wandervogel. Die Sommervögel sind die Zugvögel, die im Herbst „Abschied nehmen“ ähnlich wie die Wandervögel. Jedoch sind sie im nächsten Frühling wieder da und „ziehen in die Welt“.

Nachdem 1932 Götz’ Liederbuch Aus grauer Städte Mauern in Druck erschienen ist, folgen im selben Jahr zwei weitere Sammlungen: Das Singeschiff – Lieder der katholischen Jugend und der Jung-Volker – Lieder der neudeutschen Jugend. Ab 1933 greifen die Nationalsozialisten viele Lieder und Traditionen der Jugendbewegung auf, wie Fahrten, Zeltlager und Lagerfeuer, um die Jugendlichen freiwillig für den Eintritt in die Hitlerjugend zu gewinnen. Das Lied Aus grauer Städte Mauern gehörte genauso dazu wie Wildgänse rauschen durch die Nacht (ebenfalls von Robert Götz vertont) und Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht. Erst das Gesetz über die Hitlerjugend aus dem Dezember 1936 sah vor, dass alle Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren Mitglieder werden sollten, die gesetzliche Jugenddienstpflicht folgte im März 1939. Die Lieder wurden nicht nur in der Hitlerjugend gesungen, sie tauchten auch in Liederbüchern anderer NS-Organisationen und in den Schulen verschiedener NS-Gaue auf sowie ab 1940 in etlichen Liederbüchern der Wehrmacht.

Bis etwa 1937 konnten noch einige nichtnationalsozialistische Liederbücher erscheinen, so z. B. 1934 das Singeschiff (2. Auflage) und 1933 St. Georg (beide herausgegeben für die katholische Jugend). Auch der einst Jugendbewegte und Förderer der Jugendmusikbewegung Fritz Jöde (1887-1970; NSDAP-Mitglied ab 1940) gab noch 1937 ein Liederbuch mit dem Titel Aus grauer Städte Mauern heraus. Nach dem Verbot der katholischen Jungmännervereine im Januar 1938 und dem  endgültigen „Verbot der Fortführung und Neubildung von Vereinigungen der bündischen Gruppen“ durch den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, im Juni 1939 war es mit der Duldung vorbei.

Zieht man die zahlreichen Liederbücher und Partituren heran, blieb die Popularität von Aus grauer Städte Mauern nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs ungebrochen. Nicht nur die in der Tradition der Jugendbewegung stehenden Wieder- oder Neugründungen der Wandervögel oder Pfadfinder, sondern auch konfessionsorientierte, Sport- und Wandergruppen nahmen das Lied in ihre Liederbücher auf. Auch in den zahlreichen Ausgaben der Mundorgel war das Lied enthalten, wie auch in den auflagestarken Liederanthologien Volkslieder aus 500 Jahren (Fischer Taschenbuch), Volksliederbuch (Weltbild Verlag) und Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann Buchgemeinschaft). Noch in den letzten Jahren wurde Aus grauer Städte Mauern in die Pfadfinderliederbücher Liederjurte (2007) und Jurtenburg (2010) und in das Wandervogel-Liederbuch (2013) aufgenommen.

In den bundesdeutschen Schulen, vor allem auf Wandertagen, war das Lied beliebt. Auch die bundesdeutschen Soldaten sangen das 4/4-taktige Lied, nach dem sich flott marschieren ließ. Gesungen wurde es auch in verschiedenen österreichischen Regionen und in der Schweiz.

Sing mit Heino war 1966 die erste LP nach dem Zweiten Weltkrieg, die Aus grauer Städte Mauern enthielt. Sie erzielte einen Achtungserfolg. Es sollte noch einige Jahre dauern, ehe nach dem großem Publikumsinteresse an Heinos  (Heinz Georg Kramms) Konzerten weitere Alben mit dem Lied erschienen: 1975 das Fahrtenlieder Album, 1977 eine Neuauflage von Sing mit Heino, 1981 das Doppelalbum Die schönsten deutschen Fahrtenlieder und 1983 mit dem Titel Aus grauer Städte Mauern. Als der Komponist des Liedes starb, „war der Bild-Zeitung […] der Tod von Robert Götz’ eine Schlagzeile Wert: ‚Der Mann, der Heino berühmt machte'“  (Claudia Gleimer zum 121. Geburtstag von Götz am 9. März 2013, Rhein Zeitung online).

Bis 1983  folgten weitere Interpreten: der Montanara Chor mit fünf Alben und viele andere Chöre wie die Regensburger Domspatzen, der Tölzer Knabenchor, der Dresdner Kreuzchor, um nur einige zu nennen.

Mitte der 1990er Jahre versuchte Bertelsmann an die früheren Erfolge mit renommierten Sängern anzuknüpfen: mit Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Günther Wewel u. a. Doch die Volkslieder-Welle war langsam verebbt, und es erschienen nur noch vereinzelt CDs mit dem Lied.

Zur Vermarktung von Fahrtenliedern schreibt das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln im „Projekt Jugend! Deutschland 1918–1945“:

Es gab Fahrtenlieder, die in den einzelnen Bünden entstanden, […] die weit über den eigenen Bund hinausstrahlten, darunter […] Wenn die bunten Fahnen wehen. Heute hat das Lied wahlweise den Status eines volkstümlichen Schlagers (in der Interpretation von Heino und den Gottfried Fischer Chören) oder eines Marsches (in der Interpretation der Bundeswehr oder d. V.: den Original Egerländer Musikanten) erhalten, ein Schicksal, das es mit anderen Fahrtenliedern wie Aus grauer Städte Mauern teilt.

Doch die die erste Zeile des Lieds war längst über das Musikalische hinaus zu einem geläufigen Begriff geworden. Die Burg Altena nennt ihre Führungen zur Lebensgeschichte der Mitgründer der Jugendherbergen, Richard Schirrmacher und Wilhelm Münker, Aus grauer Städte Mauern;  in der Musikzeitschrift Sounds erscheint 1979 eine dreiteilige Artikelserie von Alfred Hilsberg mit der Überschrift „Neue deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern“; für Wanderungen und Wanderwochen wird mit der ersten Zeile geworben; Zeit online macht einen Artikel mit  „Aus grauer Städte Mauern – Wer soll die Sanierung der Gemeinden bezahlen?“ auf, sogar ein Unternehmen, das Produkte wie Farben, Mauerputz und Ähnliches herstellt, wirbt im Internet mit „Aus grauer Städte Mauern“. Und auf dem Festival des Dokumentarfilms im November 2014 in Amsterdam  wird Aus grauer Städte Mauern gezeigt, eine Dokumentation über Wohnen und Leben im Ruhrgebiet von Thomas Tietsch aus dem Jahr 1986, ein Film, der wohl noch heute als aktuell angesehen wird.

Diese vielen Verselbständigungen des Incipits zeigen ebenso die Popularität des Liedes wie auch seine Verbreitung in Chören, Schulen und Nachfolgegruppen der einstigen Jugend- und Wandervogelbewegung. 2013  wurde Aus grauer Städte Mauern in den Jubiläumsband der Mundorgel aufgenommen, dem Liederbuch, das bis dahin eine Textauflage von über 10 Millionen und eine Text- und Melodie-Auflage von rund 4 Millionen aufweisen konnte.

 Georg Nagel, Hamburg

Vom Kriegs- zum Wanderlied. Zur Entstehung und Rezeption von Albert Methfessels „Hinaus in die Ferne“

Albert Methfessel

Hinaus in die Ferne

Hinaus in die Ferne mit lautem Hörnerklang,
die Stimmen erhebet zum männlichen [mächtigen] Gesang.
Der Freiheit Hauch weht kräftig durch die Welt,
ein freies, frohes Leben uns wohl gefällt.

Wir halten zusammen, wie treue Brüder tun,
wenn Tod uns umtobet und wenn die Waffen ruh'n.
Uns alle treibt ein reiner, freier Sinn,
nach einem Ziele streben wir alle hin!

Der Hauptmann, er lebe! Er geht uns kühn voran.
Wir folgen ihm mutig auf blut’ger Siegesbahn.
Er führt uns jetzt zu Kampf und Sieg hinaus.
Er führt uns einst, ihr Brüder, ins Vaterhaus.

Wer wollte wohl zittern vor Tod und Gefahr?
Vor Feigheit und Schande erbleichet unsere Schar.
Und wer den Tod im heil'gen Kampfe fand
ruht auch in fremder Erde im Vaterland.

Denkt man zunächst an ein Wanderlied, so wird einem spätestens in der dritten Strophe klar: Es geht in den Krieg. Der Komponist und Dirigent Albert Methfessel (1785-1869) verfasste dieses Marschlied 1813 in Rudolstadt (Thüringen). In diesem Jahr hatten in Deutschland die Befreiungskriege gegen die Herrschaft Napoleons begonnen. Zusätzlich zu den bestehenden Heeren wurden Freiwillige aufgerufen, sich zum „Freiheitskampf“ zu melden. Methfessel, der zu jener Zeit Hof- und Kammersänger war, leistete mit dem Lied einen musikalischen Beitrag für das Freicorps, das im damaligen Fürstentum Schwarzberg-Rudolstadt aufgestellt wurde.

Es ist die Zeit der Erhebung gegen Napoleon und zugleich die der Kriegsgedichte und -lieder. Theodor Körner, der spätere Adjutant Lützows (Kommandant des Freicorps „Schwarze Jäger“), schrieb mit 22 Jahren 1813 sein Gebet vor der Schlacht und das bekannt gewordene Lied Lützows wilde, verwegene Jagd (Text hier); beide Gedichte wurden von Karl Maria von Weber vertont. Bereits 1812 hatte Ernst Moritz Arndt‚ „der bedeutendste Lyriker der Epoche der Freiheitskriege“, sein Vaterlandslied („Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte…“) geschrieben (Text hier), das von Methfessel vertont wurde. Es ist anzunehmen, dass das Vaterlandslied ihn zum Text von Hinaus in die Ferne inspirierte.

Passend zur beabsichtigten Wirkung des Methfessel’schen Liedes klingt die erste Zeile wie ein Trompetensignal. Zuhörer und Sänger werden aufgefordert, dem Signal zu folgen und – euphemistisch ausgedrückt – „in die Ferne“, tatsächlich in den Krieg zu ziehen. Beschwingt geht die Melodie weiter;  im 4/4-Takt ließ sich gut danach marschieren, und außerdem ist „der Freiheit Hauch“ zu spüren. Beschworen wird der Zusammenhalt, vor allem „wenn der Tod uns umtobet“ [Hervorh. durch d. Verf.]. Hier ist noch keine Rede davon, dass es auch die Sänger selbst treffen kann. Es kommt darauf an, dem kühnen Hauptmann, der die Soldaten zum Sieg führt,  in den Kampf zu folgen (hier wird das nazistische „Führer befiehl! Wir folgen dir“! [Von Finnland bis zum Schwarzen Meer] vorweg genommen). So stimmungsvoll und aufrüttelnd die ersten drei Strophen daherkommen, in der 4. und letzten wird es ernst. „Tod und Gefahr“ sind allgegenwärtig, und wer den Tod findet „im heil’gen Kampf“, dem wird – und Methfessel meint es ernst – Trost gespendet: „Auch in fremder Erde [ruht  er]  im Vaterland“.  Eine Trostvariante, die an Ernst Moritz Arndts Gedicht Vaterlandslied erinnert, in dem es in der letzten Strophe heißt: „Wir siegen oder sterben hier / den süßen Tod der Freien“. Und im NS-Lied Ob’s stürmt oder schneit (sog. Panzerlied) heißt es in der dritten Strophe: „Was gilt denn unser Leben / für unsres Reiches Wehr? / Für Deutschland zu sterben, / ist unsre höchste Ehr’.“ Kriegspropaganda 1813 und 1935.

Beliebte Lieder, vor allem die mit eingängigen Melodien, werden häufig umgedichtet, geändert oder parodiert. Auch der Melodie von Hinaus in die Ferne wurde ein anderer Text unterlegt. Von den vielen zum großen Teil heute nicht mehr bekannten Umdichtungen werden hier nur einige erwähnt.

Von Chr. Blickhart stammt der Text des Turnerlieds Hinaus in weite Ferne, an Wald und Flur entlang (1860). Und mit dem Erfolg der Turnerbewegung entstehen weitere Turnerlieder. So dichtet 1865 ein unbekannter Verfasser Turners Wanderlust, endend mit den Zeilen „Die Freiheit sei stets unser Feldgeschrei / und unser Wahlspruch bleibe: frisch, fromm und frei.“ Ein weiteres Turnerlied, das zum Wandern auffordert, stammt aus der Feder von Ernst Klaar Hinaus, freie Turner, hinaus ins grüne Feld (1908). Die parodistische Strophe „Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck“, die vermutlich aus Kreisen der Burschenschafter stammt, wurde in den 1950er und 60er Jahren auf Klassenausflügen gern gesungen:

Hinaus in die Ferne
Mit Butterbrot und Speck.
Das mag ich ja so gerne,
Das nimmt mir keiner weg.
Und wer das tut,
Dem hau‘ ich auf die Schnut’,
Dem hau‘ ich auf die Nase,
Dass sie blut‘.

Der Originaltext von Methfessel wurde nach seiner Veröffentlichung als Beilage der Zeitung für die elegante Welt (Leipzig, 31. März 1814) im 19. Jahrhundert in zahlreiche Gebrauchsliederbücher aufgenommen. Seine Popularität setzte sich im 20. Jahrhundert fort, nachdem es von der Jugendbewegung als Wanderlied rezipiert wurde.

Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs erlebt das Lied einen weiteren Rezeptionshöhepunkt. Erstaunlicherweise findet es sich mit allen vier Strophen auch in Liederbüchern der Arbeiterturnjugend, der Pfadfinder, der „Christlichen Männerjugend“  und der Gewerkschaftsjugend. Hier, wie in der Rezeption durch die Jugendbewegung, scheint sich die Auffassung des Musikwissenschaftlers Heinrich Lindlar zu bewahrheiten, nach der die Melodie oft wichtiger als der Text ist (vgl. Heinrich Lindlar in: Meyers Handbuch über die Musik. Mannheim: Verlag Bibliographisches Institut 1972,  S. 222).

Dagegen verwundert es nicht, dass die vier Strophen in deutschnationalen, deutsch-völkischen, in SA- und in soldatischen Liederbüchern weite Verbreitung fanden. Auch Schulbücher und studentische Liederbücher haben das Lied aufgenommen. Wie populär es war, zeigt sich auch darin, dass allein bis 1933 sieben Bücher mit dem Lied im Titel erschienen  (sogenannte Verselbständigung des Incipits), darunter vier für Wanderer und das 1943 in der 1. und 1962 in der 4. Auflage erschienene Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck. Die schönsten Parodien von Goethe bis George von Ernst Heimeran.

Nach 1945 erscheinen nur wenige Liederbücher mit dem Lied, darunter einige für Wanderer, andere mit dem Begriff Heimat im Titel. Im Liederbuch mit der stärksten Auflage in Deutschland, in der Mundorgel, (11 Millionen Textauflage) ist Hinaus in die Ferne nicht vertreten. Vereinzelt wurde und wird es nach wie vor von Männer- und Kinderchören gesungen, überwiegend ohne die beiden letzten Strophen. Betrachtet man jedoch die beachtliche Zahl von Tonträgern mit dem Lied (vgl. Deutsches Musikarchiv, Hinaus in die Ferne, Nr. 1 bis 126), so wurde und wird es weiterhin gern gehört. Zumindest von denen, die früher Tony Marshall oder die Melodie mit dem Sound von James Last, Max Greger und anderen mochten und heute Ernst Mosch und seine Egerländer Musikanten mögen.

Georg Nagel, Hamburg

„Ich will mein Glück probieren, marschieren“. Zu „Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß“

Anonym

Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß

1. Es, es, es und es,
Es ist ein harter Schluß,
Weil, weil, weil und weil,
Weil ich aus Frankfurt muß!
Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn
Und wende mich Gott weiß wohin.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

2. Er, er, er und er,
Herr Meister, leb er wohl!
Ich sag's ihm grad frei in's Gesicht,
Seine Arbeit, die gefällt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

3. Sie, sie, sie und sie,
Frau Meistrin leb sie wohl!
Ich sag's ihr grad frei in's Gesicht,
Ihr Speck und Kraut, das schmeckt mir nicht
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

4. Er, er, er und er,
Herr Wirt, nun leb er wohl!
Hätt er die Kreid nicht doppelt geschrieben,
Wär ich noch länger dageblieben
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

5. Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Jungfern lebet wohl!
Ich wünsch' euch all'n zu guter letzt,
Einen andern, der mein' Stell’ ersetzt.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

6.Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Brüder lebet wohl!
Hab ich euch was zuleid getan
So bitt' ich um Verzeihung an.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss ist ein Abschieds- und Wanderlied, das im 19. Jahrhundert bei Handwerksburschen, aber auch bei Studenten (Liederbuch für Studenten,  Berlin, 2. Aufl. 1845; Neues Hallisches Liederbuch für Studenten, Halle 1853)  weit verbreitet war. Anfang des 20. Jahrhundert wurde es von der Jugendbewegung übernommen. Im „Dritten Reich“ war es in den Liederbüchern des Reichsarbeitsdienstes, der Hitlerjugend und des Bunds Deutscher Mädel vertreten. Heute wird es vorwiegend in Folk- und Wanderkreisen und von Mitgliedern der wenigen noch existierenden Schächte (Vereinigungen von Bauhandwerkern) gesungen.

Das Lied stammt aus dem 18. Jahrhundert; veröffentlicht wurde es um 1800 auf Flugblättern (vgl. Deutsches Volksliedarchiv, Freiburg). Die Melodie ist, geht man von der Mehrheit der in Archiven (z. B. deutscheslied.com) zugänglichen Liederbüchern aus, seit 1826 überliefert. In Druck erschienen ist das Lied erstmals 1838 in Erk-Irmers Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (vgl. Zeit.de).

Es ist die Zeit, in der viele Zunftordnungen bestimmten, dass die Handwerksgesellen, vor allem Bauhandwerker, drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft gehen mussten. Diese „Lehr- und Wanderjahre“ dienten dazu, die handwerklichen Fähigkeiten anzuwenden, zu verbessern und eventuell neue, in anderen Regionen gebräuchliche Techniken zu erlernen. Da die Wanderburschen, die  ja ihre Gesellenprüfungen bereits bestanden hatten, von ihren neuen Meistern voll zur Arbeit eingesetzt werden konnten, waren sie oft willkommen, zumal sie einen geringeren Lohn als ein Meister bekamen (vgl. Zupfgeigenhansel: Es wollt ein Bauer früh aufstehn. 222 Volkslieder. Dortmund 1978, S. 132 f.).

In diesem Lied nimmt ein Handwerksbursche, dessen Handwerk ungenannt bleibt, Abschied von den Misslichkeiten, die ihm widerfahren sind, aber auch von Angenehmem, das er erlebt hat.

Nicht gefallen hat ihm die Arbeit, die sein Meister ihm zugewiesen hat (in einer anderen Textversion: „die Arbeit, der geringe Lohn“), ebenso wenig wie das das Essen, das Frau Meisterin ihm vorgesetzt hat. Außerdem beklagt er sich darüber, dass der Wirt,  der Gastwirt, bei dem er ab und zu eingekehrt ist (und  einige Schoppen Apfelwein[?] getrunken hat), seine Zeche oft  ‚doppelt gekreidet‘  (angeschrieben) hat. Angesichts dieser Umstände, kann die erste Zeile „Es […] ist ein harter [Ent-]Schluß, / weil ich aus Frankfurt muss“ nur ironisch gemeint sein. Der Sänger ist froh, dass er wegkommt von dieser Arbeitsstätte, von diesem Ort, und so dürften  auch die Lebewohlwünsche an Meister, Frau Meisterin und Wirt nicht ganz ernst zu nehmen  sein. Es sei denn, er nimmt ihnen die Unannehmlichkeiten nicht übel; denn derartige Umstände kennt er so oder so ähnlich von anderen Arbeitsstätten und aus anderen Orten (vgl. die Varianten: „daß ich aus Berlin/Breslau/Nürnberg/Stuttgart/Hannover muß“).

Gern dagegen erinnert sich der Handwerksbursche an die Mädchen, die Jungfern – gleich mehrere –, die er in Frankfurt (näher?) kennen gelernt hat, und wünscht ihnen, dass sie bald einen Nachfolger finden. Hier wie bei seinen „Brüdern“, den Wanderburschen und Arbeitskollegen, ist das „Lebet wohl“ sicherlich ehrlich gemeint. Im Gegensatz  zu seinen Freundinnen bittet er seine Brüder um Verzeihung, falls er ihnen „was zuleid getan“ hat, vielleicht bei einer Rauferei, durch Beschimpfungen oder Beleidigungen.

Der Handwerksbursche nimmt gern Abschied; er ist „jung, die Welt ist offen“ (wie es in einem späteren Wanderlied der Jugendbewegung heißt). Aber er geht auch ins Ungewisse – „Gott weiß wohin“ –; und er weiß nicht, was ihn an seiner neuen Arbeitsstätte erwartet. Er muss weiterziehen (erst mit der Umsetzung der Gewerbefreiheit 1969/71 verlieren die Zunftordnungen ihre Bedeutung) und sich Mut machend und auf bessere Arbeitsbedingungen hoffend singt er in jeder Strophe „Ich will mein Glück probieren,/ Marschieren“.

Es, es, es und eswar bereits im 19. Jahrhundert so populär,  so dass es –  wie manche anderen Lieder mit eingängigen Melodien – umgedichtet wurde, z. B. als Auswandererlied Raus, raus, raus und raus (aus Deutschland muss ich raus), so Hoffmann von Fallersleben 1845 oder  das  1848 von Adolf Glaßbrenner verfasste satirisch gemeinte Lied eines fiktiven ausgewanderten Adeligen Ach, ach , ach und ach, wie schön’s doch früher war mit den  letzten Zeilen der dritte Strophe: „Mein Stammbaum hilft nit aus der Not / ´s wächst weder Butter d´rauf noch Brot / muss sie mit sauren Mienen / verdienen!“. Ebenfalls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt das Hoffmann von Fallersleben zugeschriebene „Schwalbenlied“ Fort, fort, fort und fort (an einen andern Ort!).  Noch zu klären ist, aus welchem Jahr der deftige Text stammt, den die Folkgruppe Zupfgeigenhansel als weitere Strophe ihrer Version von Es, es, es und es  gesungen hat (vgl. www.ingeb.org):

Und, und, und und und,
Und ward zu guter Letzt,
Auch, auch, auch und auch
Ein Hund auf mich gehetzt.
Dem Kerl setz‘ ich auf den Türenknauf
Des Nachts ’was Warmes, Weiches drauf.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Heino, der das Lied 1973, 1979 und 2003 auf seinen CDs interpretiert hat, hat diese Strophe nicht gesungen.

Georg Nagel, Hamburg