Heimat-, Trink-, Jäger- und Liebeslied. Hermann Löns‘ „Auf der Lüneburger Heide“

Hermann Löns

Auf der Lüneburger Heide

1.
Auf der Lüneburger Heide, in dem wunderschönen Land,
ging ich auf und ging ich nieder, allerlei am Weg ich fand.
Valleri, vallera, (juchhe) und juchheirassa und juchheirassa!
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.

2.
Brüder, lasst die Gläser klingen, denn der Muskatellerwein
wird vom langen Stehen sauer, ausgetrunken muß er sein.
Valleri, vallera, (juchhe) und juchheirassa und juchheirassa!
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.

3.
Und die Bracken und die bellen, und die Büchse und die knallt,
rote Hirsche woll'n wir jagen in dem grünen, grünen Wald.
Valleri, vallera, (juchhe) und juchheirassa und juchheirassa!
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.

4.
Ei du Hübsche, ei du Feine, ei du Bild wie Milch und Blut,
unsre Herzen woll'n wir tauschen, denn du glaubst nicht, wie das tut.
Valleri, vallera, (juchhe) und juchheirassa und juchheirassa!
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.

 

Hermann Löns

Als jugendliche Sänger des wohl bekanntesten aller Heidelieder haben wir uns gefragt, was denn der „beste Schatz“ so wissen mochte. Die manchmal ins (Heide-)Kraut schießenden Fantasien will ich hier den Lesern ersparen. Sicherlich wusste es Hermann Löns (geboren am 26. August 1866), als er das Gedicht schrieb. Ich weiß es bis heute nicht. Anzunehmen ist, dass Löns, wo immer er die Heide bedichtete, voller Liebe zur Naturlandschaft der Heide war, sei es auf seinen Wanderungen „auf der Lüneburger Heide“ oder in Hannover, wo Löns Journalist und später zeitweise Chefredakteur war, oder schon in Walsrode im Wirtshaus seines Onkels. Jahre später (1901) gehörte er zu den zwölf Gründern des Heimatbundes Niedersachsen, 1906 wurde er Leiter der Staatlichen Stelle für Naturpflege in Preußen und 1911 war er Mitbegründer des „Heideschutzparks“ am Wilseder Berg, aus dem dann der Naturpark Lüneburger Heide hervorging, der ältesten Einrichtung dieser Art in Deutschland (ausführliche Löns-Biographie s. u. a. hier). Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Löns, 46jährig, an die Front. Er starb bei einem Sturmangriff am 26. September 1914 in der Nähe von Reims.

Löns_Heide

Entstehung

Doch zurück zum Lied. Der Titel und die beiden ersten Zeilen stammen, wie Löns im Sammelband Mein braunes Buch schreibt, aus einem von ihm während seiner Göttinger Studentenzeit gehörten „frechen Strolchlied“, das ihm „nicht aus dem Kopf will“:

Auf der Lüneburger Heide
ging ich auf und ging ich unter.
Bruder, pump mir deine Kleine,
denn die meine ist nicht munter.

Löns selbst bezeichnete viele seiner Gedichte, die 1911 in Der kleine Rosengarten erschienen, als Lieder. Tatsächlich waren viele seiner „Rosengarten-Reime“ vertont worden – von dem Musikpädagogen Fritz Jöde (der auch den Kanon Abendstille überall komponierte), dem Operettenkomponisten Eduard Künneke u. a. Die heute noch gesungene Melodie unseres Heideliedes wurde 1912 von Ludwig Rahlfs (1863-1950) komponiert, zu jener Zeit Organist in Walsrode, dem Sitz des heutigen Löns Museums. Löns und Rahlfs sind sich dem Vernehmen nach nie begegnet.

Die Mehrheit der im Schendel-Archiv (www.deutscheslied.com) vorhandenen Liederbücher weist 1911 als Entstehungsjahr des Liedes aus. Dagegen kündigt Löns bereits in einem Brief von Mai 1910 an die Balladendichterin Lulu von Strauß und Torney das Erscheinen eines Gedichtbands mit bereits geschriebenen über 100 „Liedern“ an, des späteren Kleinen Rosengartens, in dem auch Auf der Lüneburger Heide enthalten ist.

Interpretation

Schaut man sich die vier Strophen dieses Heidelieds an, stellt man fest, dass drei Liedarten darin enthalten sind. Ein Liebeslied im ersten und letzten Vers, ein Trinklied im 2. und ein Jägerlied im 3. Vers. Es scheint, als hätte Löns dem Motto „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen gefrönt. Wahrscheinlich sind ihm, als er in der „Lüneburger Heide auf und nieder“ ging, verschiedene Gedanken durch den Kopf gegangen, und er hat seine Liebe zur „wunderschönen“ Heide, zum Wein, zur Jagd, zu Frauen in diesem Lied zusammengefasst.

Was er bei seinen Spaziergängen „allerlei am Weg“ fand, erfahren wir nicht. Vielleicht fand er Tierspuren oder Vogelfedern; eventuell verweist „fand“ auch auf das, was er auf seine Wegen gesehen hat, z.B. Birken oder Birkhähne (vgl. sein Lied Alle Birken grünen in Moor und Heid‘, worin es heißt „jeder Birkhahn kollert und tollt“). Aber Löns ist sich gewiss, sein Schatz, der „weiß es ja“.

In Erinnerung an seine Studentenzeit als Mitglied in Studentenverbindungen in Greifswald und später in Göttingen fordert Löns in der zweiten Strophe seine Trinkkumpanen („Brüder“) auf, anzustoßen und ihre Gläser auszutrinken, weil der Wein sonst vom langen Stehen sauer werden könnte. Die Aussage, dass der Weißwein mit dem Muskatgeschmack („Muskateller“) vom „langen Stehen sauer“ werden kann, ist zwar grundsätzlich richtig, denn dies ist eine bekannte und einfache Methode, Essig herzustellen. Hier jedoch ist hier klar, die Begründung dient eher dem Verlangen, in fröhlicher Runde ordentlich zu picheln. Das erinnert an den in einigen Regionen Norddeutschlands bekannten, vielleicht auf einem Feuerwehrfest entstandenen, Saufspruch: „Hermann Löns, die Heide brennt – Was soll man da machen? – Löschen, löschen, löschen!“. Hermann Löns, die Heide, Heide brennt wird noch heute bei Festivitäten im westlichen Niedersachsen nach dem Refrain der Melodie Yellow Submarine gesungen (s. hier).

Auch in der zweiten Strophe wird nicht gesagt, was der Schatz weiß; eventuell wünscht sich der Sprecher Löns – oder sollte er es sogar wissen? -, dass sein Schatz Verständnis dafür haben soll, dass Löns gern dem Wein zuspricht und, wie man weiß, nicht nur in kleinen Mengen.

Löns Jagdleidenschaft wird in der dritten Strophe deutlich. Er erfreut sich am Bellen der Jagdhunde (Bracken sind Stöber- und Verfolgungshunde, die normalerweise „auf der Spur“ nicht bellen, sondern nur für die nachfolgenden Jäger Laut geben, (vgl. hier) und dem Knallen der Jagdflinten (der „Büchsen“). Er, der gern auch auf Niederwild „ging“, möchte hier „im grünen Wald“ mit seiner Jagdgesellschaft („wir“), vermutlich mit Hilfe von Treibern und den „Bracken“, Rotwild jagen und sogar Hirsche schießen. Auch hier bleibt dem Leser dieser Strophe bzw. dem Hörer des Liedes überlassen, den Sinn des Verses „ Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja“ zu ergründen.

In der vierten Strophe macht der Dichter seinem Schatz schöne Worte, umschmeichelt ihn mit „Ei du Hübsche, ei du Feine, ei du Bild wie Milch und Blut“. Vielleicht hat er dabei an seine damalige Ehefrau Elisabeth gedacht, von der allgemein als der „schönen Else“ gesprochen wurde. „Milch und Blut“ als Metapher für ein nicht sonnengebräuntes Gesicht mit roten Wangen und Lippen galten bereits in der höfischen Minnelyrik (beispielsweise bei Walther von der Vogelweide) als Zeichen der weiblichen Schönheit und Gesundheit. Auch der Komponist vieler Volkslieder, Friedrich Silcher, greift 1837 in Rosenstock, Holderblüt eines unbekannten Dichters das Bild auf: „Gsichterl wie Milch und Blut, s Dirndl ist gar so gut“.

Eventuell hat Löns eine andere junge Frau umworben, mit der er die „Herzen tauschen“ möchte. Zusätzlich versucht er, ihr das Angedeutete, das wohl mehr als eine Schmuserei ist, schmackhaft zu machen: „denn du glaubst nicht, wie das tut“; gemeint ist: wie gut das tut. Auch hier heißt es erneut: „Bester Schatz, du weißt es ja“. Der sprachliche Widerspruch zur werbenden Aussage „denn du glaubst nicht, wie das tut“ hebt sich auf, geht man davon aus, dass die junge Frau nicht ganz unerfahren war. Offen bleibt, ob das Bemühen Löns‘ – wie so manches Mal – auch hier erfolgreich war.

Rezeption bis 1945

Besonders nach der Vertonung durch Ludwig Rahlfs und durch die Veröffentlichung im Kleinen Rosengarten wurde die „Regionalhymne der Heide“ weiten Bevölkerungskreisen bekannt. Ab 1914 tauchte das Lied in den Kriegsliederheften und Tat-Feldpostheften des Diederichs Verlags mit Auflagen von bis zu 20.000 auf. Nach dem Soldatentod von Löns im September 1914 an der Westfront stiegen die Auflagen: Der Lieder-Gedichtband erreichte bereits 1917 eine Auflage von 23.000, die 1933 auf 105.000 anstieg.

Löns_Der kleine Rosengarten

Während das Lied im Standardwerk der Jugend- und Wandervogelbewegung, dem Zupfgeigenhansl, nicht vertreten war, erlebte es in einem der auflagenstärksten Liederbücher vor 1933, dem Jugend Lieder Buch des Arbeiterjugend-Verlags (500.000) weiterhin eine enorme Verbreitung. Von den anderen Liederbüchern aus dieser Zeit seien nur der Kuriosität halber Das Deutsche Marineliederbuch (1931) und das Liederbuch des Erzgebirgsvereins (1932) angeführt.

Bei den Nationalsozialisten, die Löns seit 1933 aufgrund seiner ihm nachgesagten völkischen Ansätze für ihre Ideologie vereinnahmten, stieg die Popularität des Heidelieds weiterhin an. Mehrere Liederbücher verschiedener NS-Organisationen, vom Reichsarbeitsdienst über die SA bis zur Hitlerjugend, nahmen das Lied ebenso auf wie viele Schulbücher. Bereits 1934 weist das Liederbuch für die Hitlerjugend Uns geht die Sonne nicht unter eine Auflage von 451.000 bis 500.000 aus (Dank an Hubertus Schendel, Archiv www.deutscheslied.com ).

Aber auch Der kleine Rosengarten führte mit einer Auflage von rund 200.000 zwischen 1934 bis 1939 nicht gerade ein Nischendasein; eine zusätzliche Feldpostausgabe erreichte 1943 170.000. Hinzu kamen seit 1939 zahlreiche Liederbücher für Soldaten, z. B. eines aus dem Jahr 1939 mit dem bezeichnenden Titel Morgen marschieren wir. Und dass sich nach dem 4/4 Takt des Liedes gut marschieren ließ, hatten schon 1925 die nationalen jungdeutschen Ordensleute (Liederbuch des jungdeutschen Ordens) festgestellt.

Rezeption nach 1945

Nach 1945 war die Beliebtheit des Heidelieds ungebrochen. Waren es in den ersten Jahren nur wenige Liederbücher – vermutlich wegen der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten -, die das Lied aufnahmen, so wurde das Lied geradezu (west-)deutschlandweit berühmt, nachdem es 1951 in einem der ersten und erfolgreichsten deutschen Heimatfilme, Grün ist die Heide, von Kurt Reimann, Hans Richter und Ludwig Schmitz gesungen wurde. In einem völlig anderen Film, aber mit dem gleichen Titel, sang 1972 Roy Black ebenfalls das Heidelied.

Die Filme trugen dazu bei, dass in vielen Regionen, von Schleswig-Holstein und Niedersachsen, vom Rheinland und Saarland bis hin nach Österreich Unmengen von Liederbüchern mit dem Lied Auf der Lüneburger Heide herauskamen. Abgesehen von zahlreichen allgemeinen Gebrauchsliederbüchern und Schulbüchern wurde das Lied auch von der Turnerjugend, der Jugend des Deutschen Fußballbundes und der Bergsteigerjugend (!), von Wanderern, Pfadfindern und Wandervögeln, in christlichen und parteipolitischen Kreisen (von Falken bis zur FDJ) gesungen.

Erstaunlich ist, dass es keine Aufnahme in der Mundorgel fand, dem Liederbuch mit der höchsten Auflage (bis 2013 Textauflage über 10 Millionen; Text und Noten 4 Millionen). Auch in bedeutenden Liedersammlungen, wie dem zweibändigen Werk mit fast 600 Liedern Deutsche Lieder des Musikwissenschaftlers und Volksliedforschers Hans Klusen oder dem Großen Buch der Volkslieder taucht es nicht auf.

So gern wie „unser“ Heidelied neben Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt Erika (Text und Melodie: Herm Niel) gesungen wurde und wird, so weisen die zahlreichen Veröffentlichungen von Tonträgern im Deutschen Musikarchiv – rund 150 Schallplatten und CDs in den vergangenen 50 Jahren – darauf hin, dass es in allen Bevölkerungskreisen auch immer wieder gern gehört wurde und wird. Zu den bekannten Interpreten gehören Roy Black (dem 1980 die Hermann Löns Medaille verliehen wurde) Heino, Tony Marshall, Vico Torriani, Rudi Schuricke und Willy Schneider sowie die Opernsänger Rudolf Schock und Hermann Prey und viele Chöre wie der Kölner Kinderchor oder der Montanara Chor. Instrumental wurde es häufig intoniert von Musikkorps der Bundeswehr, aber auch von den Orchestern Max Gregor und James Last.

Eine originelle Version, nicht für jeden Geschmack, brachte die slowenische Post-Industrial-Band Laibach 1988 mit einer verfremdeten ersten und dritten Strophe heraus (Ausschnitt hier).

Detlef Kasten, von der Sondersammlung Löns der Stadtbibliothek Hannover verdanke ich den Hinweis auf Band 1 der von Friedrich Castelle (1879–1954) 1923 herausgegebenen acht Bände: Hermann Löns, Sämtliche Werke. Das folgende Gedicht, gereimt wie die Version von Mai 1910, ist zum ersten Mal 1911 im Roman Das zweite Gesicht veröffentlicht worden.

 Auf der Lüneburger Heide geht der Wind die kreuz und quer
auf der Lüneburger Heide jag ich hin und jag ich her

An die hundert grüne Jünger werden nicht des Lebens froh
denn Passup so heißt mein Leithund und mein Schweißhund heißt Wahrtoo.

Wenn die lauten Hunde jagen, fährt der Fuchs zum Baue ein
und in jedem dritten Dorfe ist ein wacker Mädchen mein.

Heute die und morgen jene heut ein Rehbock, dann ein Hirsch
Rosen blühn in jedem Garten überall ist frei die Pirsch.

 Georg Nagel, Hamburg

„Die Welt ist voller Morden“. Zur Entstehung und Rezeption von Walter Flex‘ Kriegslied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ (1915)

Walter Flex

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Wildgänse rauschen durch die Nacht
mit schrillem Schrei nach Norden;
Unstete Fahrt habt Acht, habt Acht,
die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,
graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt und Schlachtruf gellt,
weit wallt und wogt der Hader.

Rausch zu, fahr zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!
Fahrt ihr nach Süden übers Meer,
was ist aus uns geworden?

Wir sind wie ihr ein graues Heer
und fahr'n in Kaisers Namen*
Und fahr'n wir ohne Wiederkehr,
rauscht uns im Herbst ein Amen.

     *In späteren Fassungen auch: in Gottes Namen

Das Gedicht mit dem Titel Nachtposten im Herbst ist von Walter Flex 1915 an der Westfront verfasst worden. Flex, zunächst als untauglich für den Militärdienst befunden, meldet sich gleich nach Kriegsbeginn als Freiwilliger. An der Westfront schreibt er in seiner berühmt gewordenen Erzählung Wanderer zwischen beiden Welten, wie das Lied, als er als Horchposten vor der Verteidigungslinie lag, entstanden ist:

Über Helmspitze und Gewehrlauf hin sang und pfiff es schneidend, schrill und klagend, und hoch über den feindlichen Heerhaufen, die sich lauernd im Dunkel gegenüberlagen, zogen mit messerscharfem Schrei wandernde Graugänse nach Norden. Die verflackernde Lichtfülle schweifender Leuchtkugeln hellte wieder und wieder in jähem Überfall die klumpigen Umrisse kauernder Gestalten auf, die in Mantel und Zeltbahn gehüllt gleich mir, eine Kette von Spähern, sich vor unseren Drahtverhauen in Erdmulden und Kalkgruben schmiegten. […] das wandernde Heer der wilden Gänse strich gespensterhaft über uns alle dahin. Ohne im Dunkel die ineinanderlaufenden Zeilen zu sehen, schrieb ich auf einen Fetzen Papier ein paar Verse.

Wenn auch Walter Flex nie ein Wandervogel war, so hatte er Kontakt zur Wandervogelbewegung. Und so spricht er nicht von Flug, sondern von „Fahrt“, und im Gedicht heißt es nicht: „flieg zu“, sondern „fahr zu“. Am liebsten – so könnte man meinen – wäre der Soldat mit den Wildgänsen auf Fahrt gegangen, weg von der Front, von Kanonendonner, Gewehrfeuer und Leuchtkugeln. Doch als Flex als Leutnant nach Berlin berufen wird, um am Kriegswerk (einer Historie des Krieges) des Großen Generalstabs mitzuarbeiten, meldet er sich erneut an die Front, diesmal an die Ostfront. Nach dem Stellungskrieg im Westen sehnt Flex sich geradezu nach Russland: „Im Osten geschah alles Heiße, Wilde und Große […] Über Russland stand immerfort eine brandrote Wolke“, wie er in seiner Kriegserzählung schreibt. Der Dichter ist gern Soldat und noch kurz vor seinem Tod schreibt er in einem Brief: „ Ich bin heute innerlich noch so kriegsfreiwillig wie am ersten Tage“.

Die doppelte Warnung „habt Acht, habt Acht“ besagt: die Wildgänse sollen vorsichtig sein und sich nicht abschießen lassen. Dabei ist sich der Soldat bewusst, dass es auch ihn treffen kann, denn „die Welt ist voller Morden“. Die Identifikation Soldat – Wildgänse zeigt sich auch in den Wörtern „graureisig“ (Reisige = im 16. Jahrhundert bewaffnete Reiter) und „graues Heer“: die Wildgänse sind Graugänse und grau sind die Uniformen der Soldaten. Ähnlich wie die Wildgänse mit schrillem Schrei ziehen, gellen die Schlachtrufe der Soldaten. Während die Wildgänse im Frühling gen Norden zu ihren Nistplätzen ziehen, fragt sich der Soldat, was aus ihm und seinen Kameraden („aus uns“) geworden sein wird, wenn die Wildgänse im Herbst nach Süden ziehen. Im Frühjahr 1915 ist allen klar, dass aus dem propagierten schnellen Sieg und damit der Beendigung des Krieges nichts werden wird. Und in Vorahnung seines Todes auf dem Schlachtfeld (im Oktober 1917 an der Ostfront auf der estnischen Insel Saaränen, deutsch Ösel) schreibt Flex die Zeilen „fahrn wir ohne Wiederkehr, rauscht uns im Herbst ein Amen!“

Viele Wandervögel hatten sich als Kriegsfreiwillige gemeldet; die Zahlen schwanken zwischen 10.000 und 13.000. „Ohnehin patriotisch bis völkisch gesinnt“, konnten und wollten sie sich der anfänglichen Kriegsbegeisterung nicht entziehen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges kehrten die überlebenden Soldaten nach Hause zurück. Viele tausend Wandervögel waren gefallen (die Angaben schwanken zwischen 5.000 und 8.000), die Zurückkehrenden waren nun nicht mehr allein geprägt von ihrer Wandervogelzeit, sondern gezeichnet von einem grauenvollen Krieg. Doch die Ideale und Gedanken des „Idealtyps eines vaterländischen Weltkriegsdichters aus dem Geist der Jugendbewegung und einer zuweilen chauvinistischen patriotischen Gesinnung“, von einer völkischen Ethik, einem Kult der Frontkameradschaft […] bis hin zur Verherrlichung des Opfertodes“ (Rölleke, s.u.), wie sie sich in Wanderer zwischen beiden Welten finden, blieben erhalten. Davon profitierte auch die Verbreitung des Gedichts Wildgänse rauschen durch die Nacht, das der Kriegserzählung als Vorspann dient. Das Buch – heute würde man von einem Kultbuch sprechen – und der Text des Gedichts fanden an der Front und auch in der Heimat großen Anklang. Noch während des Krieges stieg die Auflage der Erzählung auf über 10.000 Exemplare (1917). Nach Beendigung des Krieges setzte sich die Nachfrage auf fast 200.000 (1920) fort und später auf über eine Million.

Noch populärer wurde das Gedicht, nachdem es 1916 von dem Musikpädagogen und Komponisten Robert Götz (1895–1978, auch Komponist der Lieder Aus grauer Städte Mauern und Jenseits des Tales standen ihre Zelte) vertont worden war. Dazu beigetragen hat die schlichte Melodie, meistens in G-Dur notiert, die mit ihrem Tonumfang von nur sieben Tönen und ohne große Tonabstände leicht zu singen ist. Dagegen ist die in a-Moll notierte Melodie des Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956, der auch Gedichte von Eichendorff, Mörike, Uhland, Löns u. a. vertonte) wegen des häufigen Wechsels von Dur und Moll und der größeren Tonabstände schwer zu singen. Daher fand, mit Ausnahme des von Hensel selbst herausgegebenen Liederbuchs Strampedemi (1. Auflage 1930) und einigen wenigen nazistischen Liederbüchern, wie dem Liederbuch der HJ Uns geht die Sonne nicht unter (1934, hg. vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach) die Hensel’sche Melodie kein großes Echo.

So erfolgreich der Erzählband Wanderer zwischen beiden Welten war (Auflage 1929 rd. 420.000), so selten wurden die Wildgänse in die Liederbücher der Jugendbewegung aufgenommen. Doch wurde das Lied mit der von Götz komponierten Melodie von Wandervogel- und bündischen Kreisen über das Singen weiter verbreitet. Mit Ausnahme des bereits erwähnten Strampedemi tauchte das Lied bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nur in wenigen Liederbüchern auf, etwa in Aus grauer Städte Mauern (1932). Dagegen erfuhr das Lied zur Zeit des Nazi-Regimes eine große Verbreitung; besonders beliebt war es bei der Hitlerjugend, die mit den Wildgänsen an die Fahrtenträume der Jugendbewegung anknüpfen wollte. Von 1934 (z. B. mit dem hohe Auflagen erzielenden HJ-Liederbuch Uns geht die Sonne nicht unter und mit Folget der Fahne und dem Führer; 1937 folgte Wir Mädel singen des Bund deutscher Mädel – BDM) bis 1939 (z. B. Der Führer hat gerufen), gab es kaum eine „braunes“ Liederbuch ohne das Lied. Hinzu kam, dass die Wildgänse Aufnahme auch in viele Schulbücher, so z. B. Unser Lied (2. Auflage 1937) und Singkamerad (8. Auflage 1938) fanden.

Und weil der Rhythmus sich zum Marschieren gut eignete und die Fahrt in Wald und Flur auf „Kriegsfahrt“ fortgesetzt werden konnte, fand das Lied seinen Weg in die meisten der von 1939 bis 1943 von oder im Namen der Wehrmacht herausgegebenen Liederbücher mit bezeichnenden Titeln wie Morgen marschieren wir (1939, Neuauflage 1941) und Sturm (1941). 1942 kam für 30 Pfennig pro Exemplar eine Massenauflage von Soldaten singen heraus, der 1943 die Bertelsmann-Feldpostreihe Deutsche Volkslieder folgte.

Auch in den westdeutschen Nachkriegsfilmen Der junge Törleß (1960, Regie Volker Schlöndorff nach dem Roman von Robert Musil) und Fabrik der Offiziere (1960, Regie Frank Wisbar nach dem Roman von Hans Hellmut Kirst) wird das Lied von Hitlerjungen bzw. Offiziersanwärtern geschmettert. Sicherlich mit anderen Gedanken als bei der Wehrmacht wurde das Lied in einigen „Konzentrationslagern“ gesungen, worauf das handgeschriebene Lagerliederbuch Sachsenhausen (1942) hinweist.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte aus dem einstigen Kriegslied ein Frühlings- und Liebeslied werden (aus dem für deutsche Kriegsgefangene gedruckten Liederbuch Frisch gesungen, zitiert nach Walter Kurz, s.u.):

Wildgänse rauschen durch die Nacht
mit schrillem Schrei nach Norden.
Ihr lieben Boten seid gegrüßt:
Nun ist es Frühling worden.

Frühling in Wald und Feld und Flur
Frühling auch in den Herzen:
Bald kommt mein Hans, es kommt die Zeit
für Tanz, Kosen und Scherzen.

Rausch zu, fahr zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden:
Fliegt ihr im Herbst nach Süden her,
bin ich die Seine worden.

Diese Version hat sich jedoch nicht durchgesetzt; Liederbücher und Sänger bevorzugen den Originaltext von Walter Flex. Das Lied wurde unabhängig von der Flex’schen Verherrlichung des Krieges gesehen (Krieg „als beste Schule“, ohne die „wohl niemand ein rechter Führer werden kann“ [Wanderer zwischen beiden Welten] oder „Krieg […] als Gipfel für den deutschen Geist“). Waren mit den Worten „die Welt ist voller Morden“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Feinde gemeint – deutsche Soldaten, so meinte man, mordeten nicht , sie töteten den Feind: – „Jeder Stoß (mit dem Seitengewehr) ein Franzos“, „jeder Schuss ein Russ“ -, so konnte diese Zeile von den Nachfolgeorganisationen der Jugend- und Wandervogelbewegung nach 1945 auf die „böse Außenwelt“ allgemein bezogen werden. Wer den Hintergrund des Dichters und des Liedes nicht kannte, konnte es unbefangen als Wanderlied singen, zumal es ja eine mitreißende Melodie hat und der Rhythmus flottes Wandern herausfordern kann. Hier, wie auch später in der anhaltenden Rezeption, scheint sich die Auffassung des Musikwissenschaftlers Heinrich Lindlar zu bewahrheiten, nach der die Melodie oft wichtiger ist als der Text. Der Komponist, Robert Götz, war ohnehin davon überzeugt, dass „die Hauptsache […] immer das Lied, die Melodie“ ist.

Katholische und bündische Kreise machten mit ihren Liederbüchern den Anfang (Lieder der Jugend, 1946 und Der Turm, 1952). 1953 folgte die vom Christlichen Verein junger Männer (CVJM, seit den 1970er Jahren Christlichen Verein junger Menschen) herausgegebene Mundorgel, das erfolgreichste deutsche Liederbuch nach 1945 (bis 2013 über 10 Millionen Auflage).

Auch bei der Bundeswehr und dem Bundesgrenzschutz wird das Lied, wie auch im österreichischen Heer, gern gesungen. Seit 1958 wurden immer wieder Liederbücher mit dem Lied aufgelegt, wie die zahlreichen Titel, z.B. Hell klingen unsre Lieder, Liederbuch der Fallschirmjäger oder Kameraden singt zeigen. In französischen und englischen Armeeliederbüchern sind die Wildgänse (Les Oies Sauvage bzw. Wild Gees are rushing through the Night) ebenfalls vertreten. Dagegen galten sie in der DDR als so sehr mit dem Nationalsozialismus verbunden, dass das Lied in keinem der Liederbücher der Nationalen Volksarmee oder der Freien Deutschen Jugend auftaucht.

Enthielten in den 1960er Jahren nur wenige Liederbücher das Lied, so nahm nach den Erfolgen des Montanara Chors mit ihrer LP Wildgänse zogen durch die Nacht (1964) und Heinos 1966 mit Sing mit Heino, Folge Nr. 5 – 6 (bis 1981 vier weitere Alben mit den Wildgänsen) die Beliebtheit des Liedes weiter zu. Mitte der 1970er Jahre zählten die Wildgänse zu den 20 bekanntesten Liedern in der BRD; fast 60 % der Befragten war das Lied geläufig (Umfrage 1975 nach Klusen).

Die Popularität zeigt sich auch in der Aufnahme des ehemaligen Kriegslieds in rund 60 Liederbücher, die in der Zeit von 1971 bis 2013 erschienen. Vor allem bei Pfadfindern und anderen bündischen Jugendverbänden, aber auch in konfessionellen Gruppierungen und bei Rechtsextremen erfreut sich das Lied nach wie vor großer Beliebtheit. Darüber hinaus fanden die Wildgänse Verbreitung durch die in hohen Auflagen erschienenen Liederbücher, wie die Mundorgel (s. o.), Volkslieder aus 500 Jahren (1978 und 1995, Fischer Taschenbuch), Deutsche Lieder (1995, Insel Taschenbuch), Das Volksliederbuch (1995, Weltbild Verlag) und Das große Buch der Volkslieder (o. J., Bertelsmann Club).

Die Landesbildstelle Baden hielt die rauschenden Wildgänse für so bedeutsam, dass sie das Lied 1998 in Zusammenarbeit mit dem Centre Culturel Français, Karlsruhe, in ein Liederbuch mit Noten aufnahm, unter dem Titel Amitié du coeur – chanson populaire, zusammen mit Au clair de la lune, Ade zur guten Nacht, Il était un petit navire, Hoch auf dem gelben Wagen u. a.

Spätestens seit den martialischen Filmen Die Wildgänse kommen (GB 1978), Geheimcode Wildgänse (D/I 1984) und Wildgänse 2 (GB 1985), in denen söldnerische Sonderkommandos unter Einsatz aller Arten von Gewalt heikle Missionen überstehen, ist der Begriff Wildgänse mit ausgeprägter – m. E. falsch verstandener – Männlichkeit besetzt. Das wird auch erkennbar an vielen Kommentaren zu den vor allem als Marschlied erkenntlichen Interpretationen auf YouTube und an den Selbstbezeichnungen einiger Motorradclubs und Airsoft Teams (Airsoftgun: Druckluftwaffe mit Plastikkugeln).

Geht man von den über 100 Videos auf YouTube aus und bezieht die Kommentare vor allem bei den als Marschlied erkenntlichen Interpretationen ein, ist Wildgänse rauschen durch die Nacht bis heute auch bei Jugendlichen und Jungerwachsenen populär geblieben.

Georg Nagel, Hamburg

Aus der folgenden Literatur habe ich die Zitate entnommen und einige Fakten und Anregungen gewonnen:

Robert Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben – Gespräche mit Ernst Klusen. Köln 1975.

Gerhard Kurz; „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – Graue Romantik im Lied von Walter Flex. In: Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis:  Good bye memories – Lieder im Generationengedächtnis. Essen 2007.

Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebens­ideo­logischer Mentalität – Die mentalitäts­geschichtlichen Präferenzen der deutschen Jugendbewegung im Spiegel ihrer Liedertexte.   Hamburg 2003.

„Heinrich Lindlar“. In: Meyers Handbuch über die Musik. Mannheim 1972.

Jürgen Rölleke: Das große Volksliederbuch – Über 300 Lieder, ihre Melodien und Geschichten. Bertelmann Club Lizenzausgabe o. J., Köln 1993.

Wander-, Arbeiter-, Gewerkschafts- und SPD-Lied: Hermann Claudius‘ „Wann wir schreiten Seit an Seit“

Hermann Claudius

Wann wir schreiten Seit' an Seit'

1. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

2. Eine Woche Hammerschlag
eine Woche Häuserquadern
zittern noch in unsern Adern
aber keiner wagt zu hadern
Herrlich lacht der Sonnentag
herrlich lacht der Sonnentag.

3. Birkengrün und Saatengrün
Wie mit bittender Gebärde
hält die alte Mutter Erde
daß der Mensch ihr eigen werde
ihm die vollen Hände hin
ihm die vollen Hände hin.

4. Wort und Lied und Blick und Schritt
wie in uralt ew´gen Tagen
wollen sie zusammenschlagen
ihre starken Arme tragen
unsere Seelen fröhlich mit
unsere Seelen fröhlich mit.

5. Mann und Weib und Weib und Mann
sind nicht Wasser mehr und Feuer
Um die Leiber legt ein neuer
Frieden sich, wir blicken freier
Mann und Weib, uns fürder an
Mann und Weib, uns fürder an.

6. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

So sehr wie Biographen des Dichters Hermann Claudius (1878-1980) und Literaturwissenschaftler hinsichtlich seines politischen Werdegangs übereinstimmen – zunächst deutsch-national, dann vom Engagement in der SPD und sozialdemokratischen Gewerkschaften und Teilnehmer am jugendbewegten Treffen der Freideutschen auf dem Hohen Meißner zum Unterzeichner des Führergelöbnisses der deutschen Dichter (1933) und Führerverehrer (1937 Gedicht Herr Gott, steh dem Führer bei), nach 1945 vom anerkannten niederdeutschen Dichter bis zum Klaus-Groth-Preisträger der Freiherr vom Stein-Stiftung – , so uneins sind sie sich über Entstehungsjahr und Erstdruck seines wohl berühmtesten Gedichts.

Dazu hat der Urenkel von Matthias Claudius (1740-1815, Der Mond ist aufgegangen) selbst beigetragen, indem er irrigerweise die Entstehung auf das Jahr 1916 datierte. Tatsächlich hat er es 1913 auf oder nach einer Heidewanderung mit einer internationalen Jugendgruppe geschrieben. Zum ersten Mal gedruckt erschien es im Juni 1914 mit dem Titel Wanderlied – Der neuen Jugend gewidmet in der Monatsbeilage Die arbeitende Jugend der SPD- und gewerkschaftsnahen Zeitung Hamburger Echo. Manche Literaturwissenschaftler nennen hingegen als Erstdruck den Gedichtband Lieder der Unruh, der erst 1920 herausgegeben wurde.

Zur Vertonung des Gedichts durch den Rechtssekretär der freien Gewerkschaften Michael Englert (1868-1956, Komponist des heute noch bekannten Lieds Wir sind jung, die Welt ist offen, 1914) werden zwei unterschiedliche Jahre überliefert. Englert selbst, im Nebenberuf Musiklehrer und Chorleiter, spricht in einem Brief von der ersten öffentlichen Aufführung des Liedes auf einer Protestkundgebung von Teilen der Hamburger SPD gegen die Fortsetzung des Krieges im Frühjahr 1915. Die meisten Liederbücher nennen das Jahr 1916, in dem das Lied auf der Gründungsversammlung der Freien Jugend Hamburg-Altona vom Arbeiterjugendchor dargeboten wurde. Nachdem es die Hamburger Arbeiterjugend zum ersten reichszentralen Arbeiterjugendtag im August 1920 nach Weimar mitbrachte, wurde es zur Hymne des Jugendtages. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten die Jugendtagsteilnehmer und Jugendchöre das Weimarlied im ganzen Reich.

Ursprünglich sollte Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ ein Liebesgedicht werden. Claudius hatte auf der Heidewanderung eine junge Österreicherin kennengelernt und als erste Strophe „Mann und Weib und Weib und Mann“ vorgesehen (ausführlich unter www.hermann-claudius.de einer Website des Biographen Gerd Katthage). Dann aber, beeindruckt durch die von der Arbeiterschaft erkämpften sozialen Fortschritte (z. B. 1891 bzw. 1895 das Verbot der Sonntagarbeit, 1908 Nachtarbeitverbot für Frauen und Jugendliche), schreibt Claudius neue Verse und die ehemalige erste Strophe wird zur fünften. Durch die neue erste Strophe und die zweite, „Eine Woche Hammerschlag“, entsteht ein Arbeitergedicht. Die Erfahrung der sozialistischen Kräfte, dass mit Einigkeit und durch solidarisches Kämpfen soziale Fortschritte zu erreichen sind, greift Claudius auf: „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit“, „spüren wir, es muss gelingen“, und er ist gewiss „mit uns zieht die neue Zeit“. Und tatsächlich werden weitere Forderungen der SPD und der Gewerkschaften durchgesetzt: 1916 die Herabsetzung des Rentenalters für Arbeiter von 70 auf 65 Jahre – entsprechend dem für Angestellte -, für Frauen auf 60 Jahre und 1918 die Reduzierung der Arbeitszeit auf 8 Stunden täglich bzw. 48 Stunden wöchentlich.

Die zweite Strophe bezieht sich auf die „Maloche“ in der industriellen Arbeitswoche, die noch am Sonntag zu spüren ist, genauso wie die menschenunfreundlichen Städte und Wohnverhältnisse (vgl. die Interpretation von Aus grauer Städte Mauern auf diesem Blog).

Mit der dritten Strophe und den Naturmetaphern „Birkengrün und Saatengrün“ und „Mutter Erde“ knüpft Claudius an seine Eindrücke auf Wanderungen mit jugendbewegten Gruppen an, wie sie bereits mit den „widerklingenden Wäldern“ zum Ausdruck kamen.

„Mit Blick und Schritt“ und „Wort und Lied“ (vierte Strophe) schreitet man „Seit‘ an Seit‘“. Ein Ziel wird nicht genannt, auch nicht wie die „neue“ Zeit aussehen soll; von Klassenkampf ist nicht die Rede. Claudius bleibt in den ersten vier Versen in seinen Aussagen vage. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass sowohl Arbeiter auf Versammlungen und bei Demonstrationen als auch Jugendbewegte das Lied auf Fahrt und am Lagerfeuer gesungen haben und ihre Nachfolger es heute noch singen.

Erst die fünfte Strophe wird konkret. Es geht um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, um den Frieden zwischen den Geschlechtern und deren Versöhnung. Schaut man sich an, wie sich das im Original sechsstrophige Lied (in der sechsten Strophe werden die Zeilen der ersten wiederholt, s. o.) in Liederbüchern wiederfindet, so fällt auf, dass sie – besonders seit 1930 – in ihrer übergroßen Mehrheit die fünfte Strophe weggelassen haben. Es scheint so, als ob sie seitdem als nicht passend für ein Arbeiterlied oder ein Wanderlied angesehen wurde und wird.

Aber wegen der Unbestimmtheit der Aussagen wurde es in allen Kreisen der Bevölkerung gesungen wie die Liederbücher der jugendbewegten Wanderer, z. B. Auf froher Wanderfahrt (1921) oder Fritz Sotkes Unsere Lieder (6. Auflage 1924), der Handwerker und Arbeiter, z. B Gesellen-Liederbuch (1924) Das Volkslied (Arbeiterjugend Verlag 1927) oder Arbeiter- und Freiheitslieder (1928) zeigen. Auch Christen und Turner nahmen Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ in ihre Liederbücher auf, z. B. Liederbuch der Freiburger Turnerschaft von 1844 (1927) und Die güldene Sonne (Liederbuch des Bundes für Gegenwartschristentum, 1925), ebenso wie es Eingang in Schulbücher fand, z. B. Lied und Leben (Ausgabe A, 2. Teil, 1930).

Wie viele andere Lieder aus der Wandervogelzeit griffen die Nationalsozialisten, besonders in den ersten Jahren ihrer Herrschaft, mangels eigener Lieder und um jugendbewegte Gruppen leichter in die Hitlerjugend überführen zu können, auch Wann wir schreiten Seit an Seit‘ auf. Bereits 1933 erschien es im vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach herausgegebenen Liederbuch Blut und Ehre. Liederbücher der NSDAP, SA, des Reichsarbeitsdiensts und der NS-Frauenschaft folgten. Die Nazis zogen eine andere, von dem Richter und späteren Musikprofessor Armin Knab (1881-1951 komponierte, Melodie im 3/2 Takt vor, weil es sich danach besser marschieren ließ. Die 1933 im Liederbuch der NSDAP proklamierten drei zusätzlichen Strophen finden sich nur in wenigen anderen NS-Liederbüchern wieder. Die Strophen eines nicht benannten Verfassers mit dem Refrain der letzten Strophe „Mit uns zieht das Dritte Reich“ lauten:

Wann wir schreiten Seit an Seit_1

Wann wir schreiten Seit an Seit_2

(Faksimile aus: Sturm- und Kampflieder für Front und Heimat, Berlin 1941, Dank an das Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein.)

Die gängige Melodie hat weitere Organisationen zu Änderungen und Ergänzungen in ihrem Sinne veranlasst. So lautete der Refrain der Weimarer KPD und ihrer nahestehenden Organisationen „Mit uns zieht Karl Liebknechts Geist“ oder „… Ernst Thälmanns Geist“.

1924 erschien bereits ein Liederbuch für „Naturfreunde, Menschheitsfriede und Gottesgemeinschaft“ mit dem Titel Sonnenlieder, das zusätzlich zu den sechs Strophen des Originals folgende Strophen enthielt:

Mensch und Mensch und Volk und Volk,
Laßt uns nicht in Hass verzehren!
Gier und Selbstzucht , sie zerstören
Unser Leben, und sie wehren
/:alle guten Geister ab.:/

Mensch und Volk und Welt in Not
Was kann dir den Frieden bringen?
Deinen Hochmut mußt du zwingen,
im Verzeih’n die Hände schlingen:
/:Heimat wird nun allen Gott:/

Die katholische Kaufmannsjugend wollte 1930 nicht länger nachstehen, und so tauchten in ihrem Liederbuch Blaue Fahnen diese Strophen auf:

Wort und Lied und Blick und Schritt
wie in uralt ew´gen Tagen
wollen sie zusammenschlagen
ihre starken Arme tragen
unsere Seelen fröhlich mit

Heilgem Kampf sind wir geweiht
Gott verbrennt in Zornes Feuern
eine Welt, sie zu erneuern
wollen kraftvoll wir beteuern
/:Christus. Herr der neuen Zeit.:/

(aus: www.volksliederarchiv.de)

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Lindner meint zu der letzten christlich geprägten Strophe: „1944 wird, unter dem Eindruck des untergehenden ‚Dritten Reiches‘ und der Apokalypse des Bombenhagels, im Milieu der illegalen katholischen Pfadfinderbewegung durch deren Begründer in Bayern, den Theologen Ludwig Hugin, eine eschatologische Strophe angefügt, die den Neu-Reichs-Chiliasmus des ursprünglichen Textes (‚Mit uns zieht die neue Zeit‘) ins Christliche wendet“ (Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität. Hamburg 2003, S. 148):

Heil`gem Kampf sind wir geweiht.
Gott verbrennt in Zornesfeuern
eine Welt, sie zu erneuern,
wollen machtvoll wir beteuern.
Christus, Herr der neuen Zeit.

Eine ganz andere Strophe verfasste 1938 der im Arbeitslager Aschendorfer Moor (Emslandlager II) inhaftierte Kommunist Heinz Hentschke, in der er sich auf die Situation der Häftlinge in den elf Moorlagern bezog:

Einer Woche Kuhlbetrieb
und das Rollen schwerer Loren
klingen stets in unsern Ohren,
aber keiner träumt verloren.
/: Hoffnungsfroh bleib, Moorsoldat!:/

(norddeutsch „Kuhle“: Mulde, die beim Torfstechen und Trockenlegen entsteht)

Während 1942 der Originaltext von Hermann Claudius in das vor den KZ-Wächtern geheim gehaltene Lagerliederbuch des Konzentrationslagers von Sachsenhausen aufgenommen wurde, übernahm die Wehrmacht ebenfalls 1942 das Lied mit vier Strophen und der Melodie von Armin Knab in ihr Liederbuch Soldaten singen (Dank an das Archiv Schendel, www.deutscheslied.com).

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Beliebtheit des Weimarer Lieds ungebrochen. Bereits 1946 tauchte es im Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark auf. Katholische Jugend und Naturfreunde folgten mit ihren Liedersammlungen; die DDR brachte die Lieder der deutschen Jugend (FDJ) und Musik in der Schule, Bd. 3 heraus, und die drei Rundfunksender der DDR benutzten Anfang der 50er Jahre die Tonfolge des Refrains „….mit uns zieht die neue Zeit“ als Pausenzeichen.

Ab 1953/54 wurde das Lied in zahlreiche Liederbücher übernommen, von denen hier der Kuriosität halber nur das Liederbuch des Deutschen Fußball-Bundes und das des schwäbischen Albvereins (beide 1953) erwähnt werden sollen. Bis 2013 (zuletzt das Liederbuch des Freien Begegnungsschachts, einer Gruppierung fahrender Gesellen) erschienen über 100 Liederbücher und mehr als 20 Partituren (soweit sie im Archiv Schendel und im Deutschen Musikarchiv vorhanden sind) sowie unzählige Liederhefte und Liederblätter.

Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ war und ist vielseitig einsetzbar als Wanderlied, Arbeiterlied und als Lied, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. So verwundert es nicht, dass es von Wandervereinen, von Bündischen, Pfadfindern, konfessionellen Kreisen, von Turnern und anderen Sportlern, von der Zelt- und Waldjugend, von der Naturfreundejugend, von landsmannschaftlichen Gruppierungen und auch in Schulen und sogar von Neurechten (z. B. dem Freibund) gesungen wurde und noch wird. Sogar die Bundeswehr nahm das Lied 1956, 1976 und noch 1998 in ihre Liederbücher auf, ebenso wie der Verband der Fallschirmjäger 1983 (nicht bekannt ist, ob sie „Wenn wir springen Seit‘ an Seit‘ gesungen haben).

Auch in Österreich und in der Schweiz ist das Lied bekannt, wie z. B. das Steirische Liederbuch oder das Liederbuch des Schweizerischen Arbeitergesangverbands zeigen.

Und natürlich gehört Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ nach wie vor den Gewerkschaften, der SPD und den ihr nahestehenden Organisationen. Etliche Jahre wurde es auf Bundesparteitagen der SPD als Schlusslied benutzt, so dass es wie Brüder zur Sonne zur Freiheit auch als (zweite) „Hymne der SPD“ bezeichnet wird.

Bereits in den 30er Jahren war über das Musikalische hinaus die erste Zeile (Incipit) zu einem geläufigen Begriff geworden, wovon nicht nur die Titel einiger Liederbücher und Tonträger zeugen. Zusätzlich seien exemplarisch hier genannt: Die Deutsche Buch-Gemeinschaft 1932 mit ihrer „Sammlung von Aufsätzen über das Wandern und Jugendherbergen“ und dem Titel Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ (1932), Heinz Blievernichts Buch zur „Geschichte und Leistung der Arbeiterjugendbewegung“ (1983) und das Niederrheinische Museum, Duisburg, mit seinem Festival und einer Ausstellung mit dem Untertitel „Arbeiteralltag – Arbeiterbewegung – Arbeiterkultur“ (1989).

Von den rund 20 Tonträgern, von der Schellackplatte bis zur CD, die das Deutsche Musikarchiv in seinem Bestand ausweist, ist eine Aufnahme aus 2004 hervorzuheben, die den Untertitel „Hymnen und Kampflieder der Arbeiterbewegung“ trägt und u. a. Aufnahmen von Ernst Busch enthält.

Und um noch einmal auf die unbestimmten Aussagen des Weimarlieds zurückzukommen. In der ersten Strophe des Sachsenhausen-Lieds, die an den ersten Vers des Weimarer Lieds erinnert, wussten die KZ-Häftlinge genau, wovon sie sangen:

Wir schreiten fest im gleichen Schritt
Wir trotzen Not und Sorgen
/:Denn in uns zieht die Hoffnung mit
auf Freiheit und auf Morgen.:/

(Text von Karl Fischer, Bernhard Bästlein, Karl Wloch in Das Lagerliederbuch, 1942. Melodie nach Die Bauern wollen freie sein).

Georg Nagel, Hamburg

Das Rübezahllied: „Hohe Tannen weisen die Sterne“

Anonym

Hohe Tannen weisen die Sterne

1. Hohe Tannen weisen die Sterne
An der Iser in schäumender Flut.
Liegt die Heimat auch in weiter Ferne,
Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.

2. Hast dich uns auch zu eigen gegeben,
Der die Sagen und Märchen erspinnt,
Und im tiefsten Waldesfrieden,
Die Gestalt eines Riesen annimmt.

3. Komm zu uns an das lodernde Feuer,
An die Berge bei stürmischer Nacht.
Schütz die Zelte, die Heimat, die teure,
Komm und halte bei uns treu die Wacht.

4. Höre, Rübezahl, lass dir sagen:
Volk und Heimat sind nimmermehr frei.
Schwing die Keule wie in alten Tagen,
Schlage Hader und Zwietracht entzwei.

5. Weiße Blume im Lichte da droben
Träume weiter vom wilden Streit
Denn Dir Blume ist im Ring da droben
Unser Waffengang des Lebens geweiht.

     [Originalverse aus der Zeitschrift Jugendland, Jungenblätter des Bundes deutscher 
     Ringpfadfinder, Heft 9/10, S. 95 f., Jahrgang 1923 (Dank an das Archiv der 
     deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein für den Scan).

Schon einige Jahre nach der Veröffentlichung im Jahr 1923 erschien den Ringpfadfindern die letzte Zeile des 5. Verses wohl zu martialisch. Die Strophe wurde umgeändert in:

Weiße Blume im Ringe dort droben
träume weiter vom wilden Streit,
denn dir Lilie im Ringe da droben
sei der Gang unseres Lebens geweiht.

[Diese Strophe aus dem handgeschriebenen Liederheft Freundeskreis Lilienwald des damaligen Schriftleiters der Zeitschrift Jugendland 1931 verdanke ich Klaus Meier vom VDC.]

Während die meisten nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbücher die Original- Strophen 1 bis 4 ausweisen, so z.B. Die Mundorgel, enthalten die Liedersammlungen der Bündischen, speziell der Pfadfinder, auch die 5. Originalstrophe, ist doch die Lilie das Symbol aller Pfadfinderbünde wie sie es im damaligen Ring der Ringpfadfinder war.

Die größeren Online-Lieder-Archive von Michael Zachcial (Gruppe Die Grenzgänger) (volksliederarchiv.de) und von (ingeb.org) weisen – ohne die Herkunft zu benennen – noch weitere Strophen aus:

a) Viele Jahre sind schon vergangen
Und ich sehn’ mich nach Hause zurück
Wo die frohen Lieder oft erklangen
Da erlebt’ ich der Jugendzeit Glück.

b) Wo die Tannen steh’n auf den Bergen
Wild vom Sturmwind umbraust in der Nacht
Hält der Rübezahl mit seinen Zwergen
Alle Zeiten für uns treue Wacht.

c) Drum erhebet die Gläser und trinket
Auf das Wohl dieser Riesengestalt,
Daß sie bald ihre Keule wieder schwinge
Und das Volk und die Heimat befreit.

d) Odalrune auf blutrotem Tuche,
Weh voran uns zum härtesten Streit.
Odalrune dir Zeichen aller Freien
Sei der Kampf unseres Lebens geweiht.

In den schlesischen Liederbüchern Gerhard Pankalla/Gotthard Speer, (Hg.): Der schlesische Wanderer – Ein Liederbuch, Köln 1959 und  Franz Hoffbauer (Hg.): Schlesischer Singvogel, o.J. sowie Hermann Janosch/Rudolf Woide (Hg.): Wie’s daheim war – Liederbuch der Oberschlesier, Bonn 1953 ist es laut Forschungsstelle der Gesellschaft Der Klingenden Brücke e.V., Bonn (Lieder der Völker Europas, Nord- und Südamerikas in Originalsprachen – www.klingende-bruecke.de) ist Hohe Tannen überhaupt nicht enthalten. Auch das Institut für Volkskunde der Deutschen im östlichen Europa ist weder in seinen Liederbüchern noch in seinem Tonträger-Archiv auf das Rübezahllied gestoßen. So bleibt die Vermutung, dass die Strophen a) bis c) nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Zeiten der Hochkonjunktur der Vertriebenenverbände entstanden sind, jedoch wegen der Zeilen „…dass sie bald ihre [die Riesengestalt Rübezahl] Keule wieder schwinge / und das Volk und die Heimat befreit“ keinen Eingang in die Liederbücher fanden und nur mündlich überliefert wurden.

Die Strophe d) mit der Odalrune als nazistischem Symbol für Blut und Boden, so könnte man meinen, stamme aus der Zeit des NS-Regimes. Sie ist jedoch in keinem der in Online-Archiven zugänglichen nazistischen Liederbücher vorhanden: Im Liederbuch für die Hitlerjugend Uns geht die Sonne nicht unter ist Hohe Tannen weisen die Sterne ohne die Odalrunen-Strophe vertreten.

Die Melodie geht zurück auf eine alte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammende fränkische Volksweise: Treue Freundschaft darf nicht wanken. Sie wurde veröffentlicht in der Crailsheimer Liederhandschrift 1747/49. Später wurde der Liedtitel in Wahre Freundschaft soll nicht wanken umgewandelt und in dem 1842 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter herausgegebenen Liederbuch Schlesische Volkslieder mit Melodien als „schlesische Weise“ bezeichnet.

Zur Melodik ist zu sagen: Der Tonumfang (Ambitus) des Liedes bewegt sich innerhalb einer Oktave. Das führt zu einer guten Singbarkeit auch von nichtausgebildeten Stimmen. Ebenso sind keine großen Intervallsprünge vorhanden; dadurch trägt die überwiegend in Terz- und Sekundschritten verfasste Melodie ebenfalls zur leichteren Singbarkeit bei. Das Lied ist vorwiegend in der Tonart C notiert; mit den vier Akkorden C, G, G7, F lässt sich die Melodie auf der Zupfgeige (Ausdruck der Jugendbewegung für Gitarre) leicht begleiten.

Der Text ist entstanden im Bund deutscher Ringpfadfinder (s.o. Erstveröffentlichung). Nach anderen Quellen stammt es als Rübezahl-Lied ursprünglich aus Böhmen. Dafür sprechen Anhaltspunkte, die das Lied bietet. Die Iser (1. Strophe) entspringt zwar im Isergebirge in Schlesien, mündet aber in Mittelböhmen bei Lazné Toušeň (25 km nordöstlich von Prag) in die Elbe. Das Isergebirge bildet die Verbindung zwischen Lausitzer Gebirge und Riesengebirge. Und von da ist es zur Sagengestalt Rübezahl nicht mehr weit.

1922 ist für die oberschlesischen Deutschen ein Teil ihrer Heimat verloren gegangen. Nach mehreren polnischen Aufständen (1919, 1920 und 1921) gab es eine Volksabstimmung, bei der mehr als 60 % für den Anschluss an Deutschland stimmten und knapp 40 % für Polen. Im Mai 1922 allerdings bestätigte eine Botschafterkonferenz (der Siegermächte des Ersten Weltkriegs) den Vorschlag des Völkerbunds zur Teilung Oberschlesiens. Dadurch kamen Kattowitz, Königshütte, Tarnowitz und andere industrieorientierte Städte und die damit verbundenen Regionen zu Polen.

In dem 1923 zum ersten Mal veröffentlichten Lied wird die Sehnsucht nach der alten Heimat besungen. „Liegt die Heimat auch in weiter Ferne“ meint nicht die geographische Entfernung, sondern drückt eher aus, wie weit man sich von zu Hause entfernt fühlt. Auch dass „viele Jahre […] schon vergangen“ sind, zeigt trotz der zeitlichen Nähe von Gebietsabtrennung 1922 und der Entstehung des Liedes 1923 das tiefe Gefühl des Verlustes der Heimat.

Ist in den drei ersten Strophen des Rübezahlliedes eine gewisse Resignation zu spüren, so gibt sich im Gegensatz dazu das bereits 1921 während der Zeit der Volksabstimmung entstandene Oberschlesienlied kämpferisch:

Oberschlesien ist mein liebes Heimatland,
wo vom Annaberg man schaut ins weite Land;
wo die Menschen bleiben treu in schwerster Zeit.
Für dies Land zu kämpfen, bin ich stets bereit.

In Hohe Tannen ruft man den Berggeist des Riesengebirges an; beschwörend wird die Heimat besungen: „Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.“ Dabei appelliert man an den guten Geist, den gerechten und hilfsbereiten, der durstigen Wanderern eine Quelle zeigt oder arme Leute mit einem Goldstück beschenkt. Von der anderen Seite Rübezahls, die ihn in anderen Versionen als arglistig und schadenfroh darstellt, indem er als Mönch verkleidet, Wanderern den falschen Weg zeigt, ist hier nicht die Rede. Hier hofft man, dass Rübezahl alle Zeit treue Wacht hält. Treffend schreibt der Germanist und Erzählforscher Heinz Rölleke in seinem Liederbuch Das große Buch der Volkslieder – Über 300 Lieder, ihre Melodien und Geschichten:Aus der Niederlage des Ersten Weltkriegs und deren Folgen erwächst die irrationale Sehnsucht nach einem Retter und gewalttätigen Befreier“ (S. 359). Soll Rübezahl zunächst nur „treu die Wacht“ halten (3. Strophe und b) jeweils letzte Zeile), so wird er in der 4. Strophe aufgefordert, „Hader und Zwietracht“ zu beseitigen, notfalls mit seiner Keule. Der Text der Strophe c) zeigt, worum es eigentlich geht: Es gilt, die verlorene Heimat wieder zu gewinnen, und zwar mit Gewalt. So hat sich aus der anfänglichen Resignation, der bloßen Sehnsucht nach der Heimat, ein sich dem Revanchismus nähernder Gedanke entwickelt. Neben dem Schlesierlied (Kehr ich einst zur Heimat wieder) und dem Oberschlesienlied (1. Strophe s.o.) wurde – und wird vermutlich noch – Hohe Tannen weisen die Sterne auf den jährlichen Treffen der Schlesier immer wieder gern gesungen.

Über die Pfadfindergruppen hinaus ist das Lied in der Jugendbewegung nur wenig bekannt geworden. Mit Ausnahme der oben genannten Zeitschrift Jugendland sind aus der Zeit der Weimarer Republik keine weiteren Druckveröffentlichungen des Liedes bekannt. Auch in umfangreichen Liederbuchsammlungen (wie z.B. deutscheslied.com) taucht Hohe Tannen in der Nazizeit nur im Deutschen Liederbuch für die Grundschule und im Liederbuch für die Hitlerjugend Uns geht die Sonne nicht unter (beide von 1934) auf; es wurde „aber schon ein Jahr später […] als unerwünschtes ‚bündisches Liedgut‘ aus der […] Neuauflage getilgt“ (museenkoeln.de).

Ob die Strophe d) in Kreisen der Hitlerjugend gesungen wurde, ist nicht belegt (Kann jemand Näheres sagen?). Die Odalrune (Zeichen für Erbe, Grundbesitz, Stammgut, Adel) galt bei den Nationalsozialisten als Symbol für Blut und Boden. Als nach dem Zweiten Weltkrieg sich viele Jugendgruppen, einige davon anknüpfend an die Jugendbewegung, neu organisierten, war es das Bestreben der Gruppierungen, sich in ihrem Äußeren und in ihren Liedern und Symbolen voneinander zu unterscheiden und abzugrenzen – so auch die bundesdeutschen Gruppen mit neonazistischer Ausrichtung wie die Wikingjugend. Die Wikingjugend und auch die später gegründete Heimattreue Deutsche Jugend benutzten bis zu ihrem Verbot 1994 bzw. 2009 die Odalrune als ihr Signet und sangen Hohe Tannen mit der Strophe „Odalrune in blutrotem Tuche“.

Bis etwa Mitte der 80er Jahre war das Rübezahllied nur in den Liedersammlungen Der Turm A, 2. Teil (1953) und in Unser Lied. Das deutsche Pfadfinderbuch (o.J.) vertreten. Später erschienen allmählich zahlreiche Liederbücher mit den ersten vier Strophen des Lieds, so die auflagenstarke Mundorgel (von 1953 bis 2013 über 10 Millionen) und das weit verbreitete Volksliederbuch – Über 300 deutsche Lieder, ihre Melodien und Geschichten. 1960 gab es einen überraschenden Erfolg des Hellberg Trios (8. Rang der Hitliste 1960). Im gleichen Jahr wurde ein österreichisch-deutscher Heimat- und Musikfilm mit dem Titel Hohe Tannen produziert, in dem das Volkslied vom Erich Storz-Trio gesungen wurde. Etliche Jahre danach begann die Vermarktung des Lieds in großem Umfang, und zwar mit den Interpreten Ray Coniff, Medium Terzett, René Kollo, Ivan Rebroff oder dem Opernsänger Hermann Prey und anderen weniger Prominenten.

Und 1968 zersang Heino (Heinz Georg Kramm) unter dem immerhin treffenden Albumtitel Und die Sehnsucht uns begleitet das Lied auf einer Langspielplatte. Dieser Platte folgten bis 2005 zehn weitere LPs und CDs, um 2006 mit der CD Deutschland, meine Heimat ihren (vorläufigen?) Abschluss zu finden. Laut dem Musiker, Komponisten und Produzenten Achim Reichel hat „das Lied seine Unschuld, aber nicht seine Schönheit verloren“.

Zusätzlich wurde und wird noch heute das Rübezahllied von Chören aller Art gesungen, worauf die zahlreichen vom Deutschen Musikarchiv, Leipzig, erfassten Partituren schließen lassen.

Dem Arbeiterlieder-Archiv (kampflieder.de) ist der Text einer anderen Version des Liedes von den „Edelweißpiraten“ zu entnehmen. Mitglieder dieser jugendlichen Widerstandsgruppe sangen es 1937 auf dem Georgsplatz in Köln und noch 1943 in der Jugendhaftanstalt Köln-Brauweiler:

Hohe Tannen weisen uns die Sterne
über der Isar springender Flut,
liegt ein Lager der Edelweisspiraten,
doch Du Eisbär schützt es gut.

Rübezahl, hör was wir dir sagen,
die bündische Jugend ist nicht mehr frei.
Schwingt den Spaten der Edelweißpiraten.
Schlagt die Hitler-Jugend entzwei.

[die letzten Zeilen auch:
Schlagt die Bündische Jugend wieder frei.]

Georg Nagel, Hamburg

Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans „Im Frühtau zu Berge“

Olof Thunman (Übersetzung: Robert Kothe/Walther Hensel)

Im Frühtau zu Berge

1. Im Frühtau zu Berge wir gehn, fallera,
Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
Singend in den Morgen
Noch eh im Tale die Hähne krähn.
 
2. Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,
Ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera?
Wer wollte aber singen,
Wenn wir schon Grillen fingen
In dieser herrlichen Frühlingszeit?
 
3. Werft ab alle Sorgen und Qual, fallera
Und wandert mit uns aus dem Tal, fallera!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit versucht es auch selbst einmal!

Der Text des schwedischen Wanderlieds Vi gå över daggstänkta berg stammt von dem Maler und Dichter Olof Thunman (1879–1944). Erstmals veröffentlicht mit dem Titel Gångsång (Wanderlied) wurde es 1908. Komponiert wurde das Lied gemäß der schwedischen Wikipedia von Edwin Ericson (1874–1968) „nach einer traditionellen schwedischen Melodie“ (Historisch-kritisches Liederlexikon http://www.liederlexikon.de/lieder/im_fruehtau_zu_berge). Viele deutsche Liederbücher schreiben die Melodie dem jugendbewegten Volksliedforscher und Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956) zu, wahrscheinlich, weil er eine deutsche Übersetzung überarbeitet und das Lied 1923/24 im Liederbuch Finkensteiner Blätter veröffentlicht hat, einem Liederbuch, das eine größere Verbreitung fand als die deutsche Erstveröffentlichung 1917 in der Sammlung Die 14. Folge für hohe und tiefe Stimme mit der Übersetzungdes Dichters, Sängers und Lautenspielers Robert Kothe (1869–1944). In Schweden gehörte das Lied bis 1969 zu den in der Schule zu lernenden und singenden Volksliedern. Auch danach wurde und wird das Lied noch heute in Schweden gern gesungen.

Sicherlich kann man die Rezeption eines Liedes nicht allein an der Aufnahme in Liederbücher festmachen, aber sie geben doch Aufschluss über die Beliebtheit eines Liedes. Vor 1933 wurde das Lied in zahlreiche deutsche Liederbücher, vor allem der Jugend- und Wandervogelbewegung, aufgenommen (z. B. Fahrtenlieder, hg. v. Fritz Sotke und Auf Fahrt, 1928, Das Lied der ‚Pfadfinder‘ – St.Georg Liederbuch, 2. Teil, beide 1930). Es wurde sowohl in studentischen (z. B. Untersberger Liederbuch – Christdeutsche Burschenschaft, 1925) als auch in sozialistischen (Jugend-Liederbuch, 1929) Kreisen gesungen. Besonders beliebt war es in konfessionellen Jugendgruppen (z. B. Freude in Fülle – Liederbuch für die christliche deutsche Mannesjugend, 1925, Der Trommler – Bund deutscher Bibelkreise, 1931 und Liederbuch für ev. Vereine und Kreise junger Mädchen, 7. Auflage 1931 – um nur einige zu nennen). Eingang fand das Wanderlied auch in deutsche Schulbücher (z. B. in Deutsche Lieder Band 1 für die höheren Schulen, o. J.). Bereits 1923 wurde es in Österreich in das Liederbuch Fahrend Volk aufgenommen.

Die Nationalsozialisten griffen das Frühlingslied wie viele andere Lieder der Jugendbewegung auf, verschwiegen aber häufig den schwedischen Ursprung. Bereits 1933 gab die Hitlerjugend Im Frühtau zu Berge als deutsches Lied aus (z. B. in Blut und Ehre, hg. v. Baldur von Schirach und in Uns geht die Sonne nicht unter, 1934) ebenso der Reichsarbeitsdienst (z. B. Singend wollen wir marschieren, o. J.) und die SS (z. B. SS-Liederbuch, o. J.). In vielen Schulbüchern wie in Ernte und Aussaat 2. Teil Oberstufe, 1940 und Klingendes Leben – Singebuch für Mädchen, Teil 1, 1941 sowie in Klingender Tag – Liederbuch für die Mittelstufe 1 und 2, 1942 war das Lied ebenfalls vertreten.

1942 wurde das Frühlingslied ähnlich wie andere Volkslieder, z. B. Der Winter ist vergangen, und Ade zur guten Nacht zu dem berühmt gewordenen Lied Wir sind die Moorsoldaten in das vor den KZ-Aufsehern geheim gehaltene Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen aufgenommen.

Nachdem in einem Flüchtlingslager in Dänemark deutsche Lieder gesammelt wurden, erschien Anfang 1945 das Liederbuch der deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In Deutschland kamen bereits 1946 die ersten neuen Liederbücher heraus: in der BRD Lieder der Jugend (Hg. Erzbischöfliches Jugendseelsorgeamt, München) und in der DDR das Liederbuch der deutschen Jugend, FDJ.

Von da an wurde das Lied in allen Kreisen und Gruppierungen gesungen, wie die zahlreichen Liederbücher zeigen: sowohl von Gewerkschaftern, Christen, Wandervereinen, Turnern als auch in Schulen, in Jugendbünden und sogar von Fußballspielern (Liederbuch des deutschen Fußballbundes) und Reformjugendlichen (Liederbuch der deutschen Reformjugend).

Gesungen wurde es auch in Österreichs; es erschienen allgemeine Gebrauchsliederbücher mit dem Frühlingslied (z B. Komm sing mit uns, 1980 und Volkslieder aus Österreich, 2004) und spezielle für verschiedene Regionen, z. B. in Kärnten, Steiermark, Südtirol.

Nicht nur österreichische Soldaten (Österreichisches Soldatenliederbuch, 1967) sangen das Lied, sondern bald nach Einrichtung der Bundeswehr 1956 auch westdeutsche Soldaten. So gab die Bundeswehr in unregelmäßigen Abständen Liederbücher mit Im Frühtau zu Berge heraus, z. B. 1958 Liederbuch der Bundeswehr, 1976 Hell klingen unsere Lieder und 1991 Kameraden singt!

Auch in der Schweiz kamen mehrere Lieder- und Schulbücher mit dem Lied heraus. In Deutschland wurde vor allem das in der Schweiz edierte Das große Kinderliederbuch bekannt, eines der schönsten Kinderliederbücher mit Illustrationen von Tomi Ungerer.

Zur größten Verbreitung hat jedoch die erstmals 1953 erschienene Mundorgel beigetragen mit einer bis 2012 verkauften Textauflage von rd. 10 Millionen und einer Notenausgabe von 4 Millionen. Auch das (ab 1978 erschienene) Fischer Taschenbuch Volkslieder aus 500 Jahren und Das große Liederbuch (ab 2000) des Clubs Bertelsmann trugen zur hohen Popularität des Liedes bei. In den vergangenen 10 Jahren ließ die Anzahl der aufgelegten Liederbücher nach. Von den in geringen Exemplaren aufgelegten seien noch folgende genannt: Fahrten und Feierlieder 2, das Wandervogel-Liederbuch (beide 2007) und Jurtenburg (Liederbuch des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, 2010).

Betrachtet man die Rezeption von Im Frühtau zu Berge auf Tonträgern, so fällt auf, dass sowohl in der BRD, in der DDR als auch in der Schweiz die Mehrheit der Langspielplatten und Compact Discs, auf denen das Lied enthalten ist, in den 1970er und 1980er Jahren erschienen ist. In der Bundesrepublik Deutschland wurden für die Aufnahme von Volksliedern häufig Chöre engagiert, vor allem Kinderchöre wie der Dresdner Kreuzchor, die Ulmer Spatzen und der Bielefelder Kinderchor, aber auch große Orchester, z. B. das Orchester Christian Wagner, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr und das Polizeiorchester Berlin. Auch bekannte Solisten wurden von der Tonträger-Industrie für die Interpretation des Frühlingsliedes gewonnen: vom Opernsänger Hermann Prey (LP Hermann Prey, 1970), dem ausgebildete Opern- und späteren Schlagersänger Tony Marshall (Das Wandern ist des Tony’s Lust, 1976) bis zum selbsternannten Volkssänger Heino (Sing mit Heino, Folge 7 und 8, 1979 und Lieder der Berge 2, 1981). Auch in späteren Jahren schien sich die Aufnahme des Liedes auf CDs zu lohnen: 1994 sangen es die Opernbassisten Günter Wewel auf Heimatklänge und Gunther Emmerlich auf Die schönsten Volkslieder aus aller Welt; und von dermit dem Megahit 99 Luftballons berühmt gewordene Nena erschien die Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus (1995) mit Im Frühtau zu Berge. Zur anhaltenden Popularität des Liedes leisteten natürlich auch der mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnete Chorleiter Gotthilf Fischer und seine Fischer-Chöre ihren Beitrag auf Vortragskonzerten, durch öffentliches Singen unter Einbeziehung des Publikums und u. a. mit ihrem Album Die schönsten Volkslieder (1997).

Ist ein Lied besonders populär, so wird es häufig parodiert oder die erste Zeile (sog. Incipit, lat. es beginnt) verselbständigt. Hier zeigen sich Verselbständigungen in Buchtiteln, die die erste Zeile verwenden, so z B. Im Frühtau zu Berge wir gehen (herausgegeben von den Naturfreunden, Kantonalverband St. Gallen 1980), beim Wanderbuch Im Frühtau zu Berge. Badens schönste Wanderungen undbei dem vom ehemaligen Chefredakteur des Manager Magazins Leo Brawand verfassten Buch Im Frühtau zu Berge – Was Wandern so vergnüglich macht (Bruckmann, München 2004).

Von den vielen Parodien des Liedes werden hier nur einige vorgestellt. 1978 hatte Otto Waalkes große Erfolge mit seiner Parodie auf Konzerten und auf der CD Ottocolor, auf der er das Lied im Gesangsstil von Louis Armstrong und Udo Lindenberg und als Country Song u. ä. interpretierte.

Werner Böhm (Künstlername Gottlieb Wendehals nahm 1983 mit der CD Ervolkslieder eine besondere Version auf; der Text der ersten Strophe lautet: „Im Frühstau bei Herne wir blühen richtig auf. / Da stehen wir so gerne und wachen langsam auf. / Wir gucken in die Runde und alle Viertelstunde, / da schiebt sich der Stau plötzlich meterweit vor“. Einige Jahre später versuchte sich Mike Krüger im Medley Lustig ist das Zigeunerschnitzel auf dem Album Ua Ua Ua (1989) mit „Im Kühlschrank die Zwerge sie frier’n, fallera /Sie können sich vor Kälte nicht rasieren, fallera. / Sie tanzen ohne Hosen um die Butterdose, komm her und versuch es doch selbst einmal“ und 2007 im satirischen Jahresrückblick des ZDF ein vorgeblicher Männerchor des SEK mit einer politischen Version:

Im Frühtau wir stürmen dein Haus, fallera.
Wir sprengen deine Haustür einfach raus, fallera.
Wir sind dann bei dir drinnen, du kannst uns nicht entrinnen
und siehst dabei ganz schön blöd aus, jaja.

Im Flugzeug wir schießen dich ab, fallera.
Im Ferienflieger geht es dann bergab, trallala.
Erlaubt wird es erst morgen, doch uns macht‘s keine Sorgen
weil danach kein Hahn mehr kräht, fallera.

Wir überwachen dich total, fallera.
Mecker‘ nicht du hast gar keine Wahl, trallala!
Wir sind hinaus gegangen, Terroristen fangen
komm mit und versuch es doch auch einmal!

Schließlich brachte 2012 die Gruppe Jazzkantine auf ihrer CD Jazzkantine singt Volkslieder unter Verwendung der ersten Strophe des Originals als Refraineinen Rap-Song heraus. Eine Parodie, die heute noch aktuell erscheint, schrieb 1967 der Satiriker, Grafiker und Schriftsteller Dieter Höss :

Millionärslied

1. Beim Frühstück am Morgen sie sehn, fallera,
wie schlecht ihre Aktien wieder stehn, fallera,
und warten dann voll Sorgen
auf den Stand von morgen
und sehen sich alle schon betteln gehn.

2.Selbst kluge und steinreiche Leut, fallera,
sind heute vor Angst nicht mehr gescheit, fallera,
nur weil sie mal von ihren
Milliönchen drei verlieren
und reden deswegen von Krisenzeit.

Georg Nagel, Hamburg