Rückzug statt Revolte: „Columbo“ von Wanda (2017)

Wanda

Columbo

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z'haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Und der Regen fällt draußen vor dem Fenster
Und wir schlafen ein
Und am Ende wird's in Ordnung sein
Draußen vor dem Fenster
Ich schaue in das Fenster rein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum
Nur wir zwei, wie im Traum

Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Am Ende fällt Columbo etwas ein [...]

     [Wanda: Niente. Vertigo 2017.]

„Es ist lyrische Monotonie. Wir kennen die Texte, die sich mehr wie wahlloses Gebrabbel eines beschwipsten Hobby-Philosophen im Weinheurigen anhören, als tiefgründige Phrasen, die Interpretation zulassen. Ein beschränktes Vokabular. Seit Jahren sudern sie über dieselben Probleme. Aber ja, das ist Wanda. Es wäre auch ein Stück Selbstverrat, das aufzugeben. Manchmal muss man sich selbst ein Messer in den Rücken rammen, um zu sterben — und dann neu aufzuerstehen. Hatte Falco recht? Muss ich denn sterben, um zu leben?“ (Quelle: kultort.at)

Nicht zuletzt, um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, folgt hier der Versuch einer Interpretation:

Columbo hat es nach Österreich verschlagen. Statt der Skyline von Los Angeles ist die Donau zu sehen, dahinter die Hochhäuser Wiens. Davor zwei Männer, einer von ihnen trägt eine Lederjacke, auf der in großen Lettern „Columbo“ prangt. Der andere gebückt, im Trenchcoat. Sein Begleiter zündet ihm eine Zigarre an. Mit diesen Bildern beginnt das Video der österreichischen Band Wanda zu ihrem im Spätsommer 2017 veröffentlichten Lied „Columbo“. Die verwendeten Symbole könnten kaum eindeutiger sein, Zweifel an der Verortung ihres Kommissars lassen die fünf jungen Wiener nicht aufkommen. Beide sind sie leicht zerfleddert, teilen den Hang zum Nikotin: Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda und der Doppelgänger Columbos.

Instant Amore oder Fischvergiftung?

Columbo ist erschienen auf dem dritten Studioalbum Niente. Ihr Debütalbum Amore (2014) hatte die Band auf einen Schlag berühmt gemacht – ein kommerzieller Erfolg, von der Kritik überwiegend positiv, vom Publikum meist euphorisch aufgenommen. Das keine zwölf Monate später erschienene zweite Album Bussi (2015) verkaufte sich zwar auch sehr gut, bescherte Wanda jedoch eine mediale Kontroverse und den Vorwurf, sexistisch zu sein: Im Videoclip zu Bussi Baby taucht Sänger Marco Wanda in einem Ozean zwischen riesenhaften Frauenbeinen ab. Zuvor sieht man, wie sich Ronja von Rönne auf einem Bett räkelt – die Bloggerin, die mit dem Artikel Warum mich der Feminismus anekelt bekannt geworden war.

Allen, die sich davon in ihrer Begeisterung nicht stören lassen wollten, bescheinigte der Wiener Journalist Wolfgang Zechner eine „Fischvergiftung namens Wanda“. In seiner im Rolling Stone erschienenen Schmähkritik unterstellt er, Rezensenten wie jene der Süddeutschen Zeitung, die über „das grandiose Comeback des Austropop“ sinnierten, müssten von „einer unerklärlichen austrophilen Geisteskrankheit befallen“ sein: „Die so aufgegeilten Pop-Kritiker benehmen sich dabei wie eine mit Kleinem Feigling abgefüllte Urlauberinnengruppe aus Castrop-Rauxel, die in irgendeiner gottverlassenen, österreichischen Apres-Ski-Hölle von einer Meute grindiger Skilehrer eingekocht wird“. Was Zechner zu Columbo gesagt hätte, ist leider nicht bekannt: „Denn bevor ich mir eine dritte Wanda-Platte anhöre, entferne ich mir lieber alle Zehennägel eigenhändig mit einem Tortenheber“.

Dem stehen die zahlreichen zustimmenden Kommentare entgegen, die sich – nicht nur – unter dem Video zu Columbo finden: „Das Lied verursacht in mir ein Gefühl des Glücks!“, „Die ‚Ösis‘ machen jetzt den Sound!“ oder „Columbo ist instant amore“.

Den lässigen, leicht rotzigen Habitus hat die Band seit ihrem ersten Hit Bologna (2014) beibehalten, das Image der charmanten Verwahrlosung weiter gepflegt (vgl. die Besprechung auf diesem Blog). Die typischen nach außen sichtbaren Kennzeichen sind geblieben: abgeschrammelte Lederjacke, darunter wallendes Brusthaar, ganz viel Amore, Bier, Wein oder Schnaps stets in Reichweite und natürlich Zigaretten. Das kommt gut an. „Weiß jemand welche Zigarettenmarke Marco bzw. die anderen Bandmitglieder raucht/rauchen?“, hat jemand unter das Video geschrieben – und zwanzig verschiedene Antworten erhalten (Stand: 14.01.2018). „Parisienne“, „Chesterfield“, „Camel Blue“ – „Die rauchen alles was man überhaupt nur irgendwie rauchen kann“.

Binge Watching gegen die Wirklichkeit

Also alles beim Alten?

Nein, Wanda seien erwachsen geworden, lautet die Einschätzung im Deutschlandfunk. Die Amore habe ihren Charakter verändert; sie sei „nicht mehr der promiskuitive Cunnilingus, sondern ein versöhnlicher Kuss auf die Wange.“ Die Wandamania – von einem „mörderischen Tourplan“ hatte der Musikexpress berichtet – hat Spuren bei der Band hinterlassen, die Hysterie ist Erschöpfung gewichen: „Auf Niente sind die Zwischentöne drauf, die nie erzählt wurden, die Einsamkeit, das Gefühl, dass wir vier Jahre wie eine Partyflasche herumgereicht wurden. Jeder hat uns leer gesoffen, und jetzt ist wenig Wasser im Brunnen übrig“, erklärt Marco Wanda auf news.at. Tatsächlich ist die Musik ruhiger, die Texte wirken weniger provokant: Die Sehsucht nach der Cousine („Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, / obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht“) und die Abenteuer der Tante („Tante Ceccarelli hat / in Bologna Amore gemacht“) sind dem gemütlichen Dasein daheim vor dem Fernseher gewichen:

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir bleiben im Pyjama z’haus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

Ein Rückzug ins Private – „wie im Traum“:

 Schwarze Jalousie und auch
Schöne Haut auf deinem Bauch
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Die Schwarze Jalousie bleibt unten und schützt vor der Außenwelt.

Heute gehen wir gar nicht raus
Wir ziehen den Pyjama aus
Nur wir zwei, wie im Traum
Und Columbo schauen

 Alles Unerwünschte bleibt draußen, übrig bleiben nur der Blick aufeinander und auf den Bildschirm. So weit, so idyllisch, doch der Schein trügt:

Deine Angst und meine auch
Alles liegt auf deinem Bauch

Wanda machen schließlich „Rock‘n Roll mit Welteroberungsanspruch“, wie Sänger Marco Wanda nicht müde wird zu erklären, und keinen Schlager. Dazu gehört auch der eine oder andere markige Spruch, zumindest aber dürfte die Band mit ihren Texten das Lebensgefühl eines großen Teils ihrer Zuhörerschaft treffen: Angesichts politisch turbulenter Zeiten die Welt da draußen für ein Wochenende im Pyjama daheim beim Binge Watching der aktuellen Lieblingsserie vergessen. Doch noch nicht einmal die privaten Konflikte lassen sich auf diese Weise dauerhaft aussperren. Die Angst ist zurück, der Traum ist vorbei.

Am Ende fällt Columbo etwas ein
Lass es unsere Rettung sein
Es wird eine schöne Lösung sein
Doch wir beide passen nicht hinein

Columbo, der erfahrene Ermittler, löst seine Kriminalfälle, aber dem Pärchen vor dem Fernseher kann er nicht helfen.

Engel in Lederjacke

Das Video zu Columbo wurde im steirischen Eisenerzer Bergbaugebiet gedreht. Die zerklüftete Landschaft dient als Kulisse für die Liebesdramen mehrerer Pärchen. Erst sieht man verliebte Blicke, vorsichtige Annäherungen und zarte Berührungen. Dann verzweifeltes Weinen, traurige Gesichter, Regen fällt, die Pärchen laufen voneinander weg. Am Boden die Männer in Kreideumrissen, wie an einem Tatort. „Amore, Amore“ hallt es im Hintergrund. Und „Amore“ steht auch in Großbuchstaben auf einem Hügel – dann folgt die Sprengung.

Über dem Elend auf Erden fliegt Marco Wanda, einem Amor gleich, mit zerzausten Engelsflügeln am Rücken. Die Lederjacke hat er dafür freilich nicht abgenommen. Eine Anspielung auf Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin (1987)? Darin trifft Columbo-Darsteller Peter Falk an einer Imbissbude Engel Damiel. Und in dem Gedicht Lied vom Kindsein, das Peter Handke für den Film schrieb, wird die Kindheit als utopischer Idealzustand des Menschen geschildert.

Gegen Ende des Videos ist der Engel gefallen, mitten unter die tanzenden Pärchen auf einem Schiff. Es dauert nicht lange und der Columbo-Doppelgänger kommt auf ihn zu, schmiegt sich an ihn.

Im Interview geben sich die Bandmitglieder als große Fans des tollpatschig-smarten Inspektors zu erkennen. Columbo sei „ur-wienerisch, weil er gewaltlos und immer mit seinem Schmäh durchkommt“, zieht Marco Wanda im Interview mit TV-Media die Parallele zu seiner Heimatstadt. Die erste Folge der mit Pausen zwischen den Jahren 1968 und 2003 produzierten Serie habe er als Kind gesehen. Tatsächlich vergeht noch heute kaum ein Tag, an dem Columbo nicht im Fernsehen läuft: in Deutschland auf ZDF neo, in Österreich auf ORF 2. Seine Lieblingsfolge, so Marco Wanda, sei – wenig überraschend – Columbo in der Lederjacke. Das Motiv des Albums, Erinnerungen an die Kindheit, findet sich also auch in Columbo wieder – neben den äußeren Erkennungsmerkmalen des Inspektors, wie dem Peugeot 403 Cabrio und dem Basset. Fehlt nur noch das gekochte Ei.

Musik für postfaktische Zeiten?

Thematisch fügt sich Columbo gut in den Reigen der übrigen Lieder auf dem Album Niente ein. Melancholie und Rückschau dominieren. „Immer leichter wird es schwer / Und alles wirft mich aus der Bahn“, klagt Marco Wanda gleich im Eröffnungsstück Weiter, weiter. „Alles hier erinnert / Aber nix davon bleibt“, heißt es in Wenn du schläfst. Die „traurig schöne Kindheit in 0043“ wird in dem Lied besungen, das als Titel die Vorwahl Österreichs trägt, während im dazugehörigen Video die Bandmitglieder mit einem alten Mercedes durch die dämmrige Landschaft fahren, sich müde die Augen reiben und mit Dinosaurierfiguren im Wald kuscheln. Eine Flucht in Erinnerungen an längst vergangene Kindheitstage? Ein bisschen Wärme gegen die Kälte der Gegenwart und des Erwachsenseins?

„Alles, was ich brauche, ist ein einiges Mal / Ohne Förmlichkeit / (…) Ohne Sachlichkeit“, heißt es über und in Das Ende der Kindheit.

Von dort sei es dann auch nicht mehr weit zum „neuen, fragilen Wahrheitsbegriff in postfaktischen Zeiten“, mit dem eine Rezensentin in der Süddeutsche Zeitung die Musik von Wanda verbunden sieht. Schließlich, schreibt sie, seien deren Lieder unpolitisch, enthielten keine „Botschaften, Aussagen oder gar Meinungen“. Statt der häufig schnöden Gegenwart ginge es bei Wanda um größere Fragen, „das, was Menschen immer beschäftigen wird. Was wir denken, fühlen, wollen im großen Strom zwischen Liebe und Tod.“

„Muss ich denn sterben, um zu leben?“

Hört man sich die Lieder auf Niente an, ist man geneigt, mit Ja zu antworten. „Es ist nihilistisch angehaucht“, lautet die wenig überraschende Erklärung Marco Wandas zu dem italienischen Titel des Werks, der übersetzt „Nichts“ heißt. Die Stücke lassen eine Verletzlichkeit erkennen, Nachdenklichkeit, Traumzustände, Schwermut, Vergänglichkeit, Abschied. In einer Intensität, die über die bislang von Wanda gekannte Wiener Verfallsmystik hinaus geht. Zusätzlich betont von akustischen Gitarren, Klavier und Streichern. Die Band propagierte stets einen „Lebensstil der Selbstverschwendung“. Das kann man wiederum politisch oder zumindest gesellschaftskritisch finden: gegen den neoliberalen Zeitgeist, seinen Jugend- und Gesundheitswahn. Statt permanenter Selbstoptimierung hemmungsloser Rausch und die Hingabe an den Augenblick.

Mehr als auf den vorigen Alben hängen die Lieder miteinander zusammen. So findet Columbo in Lieb sein eine Art Fortschreibung, wenn es heißt:

Unglaublich gern sind wir hier
Unheimlich schwer tu ich mir
Samstag, Sonntag und auch
Keine Hände auf deinem Bauch
Alles einfach unendlich leer
Lieb sein ist schwer
Lieb sein ist anstrengend
Lieb sein tut weh

Das Wochenende dauert an, über den Bildschirm flimmert noch immer Columbo, doch auch die Konflikte sind noch da und auch die nackten Bäuche, auf denen statt der Hände die Angst ruht.

Der letzte Song auf Niente trägt den Titel Ich sterbe. Zumindest so viel ist gewiss.

Isabel Stanoschek, Bamberg

 

Es geht um Amore. Um die Liebe. In all ihren Formen. „Bologna“ von Wanda (2014)

Wanda

Bologna

Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen,
obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht.
Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine reden,
obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht.
Amore, meine Stadt!
Tante Ceccarelli hat einmal in Bologna Amore gehabt.
Bologna, meine Stadt!

Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine reden,
obwohl ich gerne würde, aber wir trauen uns nicht.
Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine tanzen,
obwohl ich gerne würde, aber sie traut sich nicht.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. [...]

Und eins merk dir genau:
Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!
Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. [...]
Bologna, meine Stadt!

     [Wanda: Amore. Problembär 2014.]

Ganz viel Amore

Schrammelige Gitarrenklänge mischen sich mit Wiener Schmäh. Der Sound ist ebensowenig geglättet wie die Texte. Es geht um Ehrlichkeit. „Ich kann sicher nicht mit mainer Cousine danzen“. Wandas Herkunft ist unverkennbar. Nach Bologna haben die fünf jungen Wiener einen Ausflug unternommen.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. Mit wem, das wird nicht verraten. Das Sänger-Ich würde gerne mit seiner Cousine schlafen. Handelt es sich bei ihr um die Tochter der Tante? Die in Bologna gezeugt wurde? Das wird der Phantasie überlassen.

Eine Auflösung erhofften sich zahlreiche Journalisten, die mit dem Sänger der österreichischen Newcomerband Wanda sprachen. Eine Reporterin der Zeitung Die Presse kam dem Rätsel zumindest teilweise auf die Spur: Marco Michael Wanda, Verfasser des Lieds „Bologna“, verriet ihr, seine Tante habe tatsächlich Ceccarelli geheißen und in Bologna gewohnt. Sie sei in ihren Cousin verliebt gewesen, der im Krieg starb. Ob es aber zwischen den beiden zum Vollzug der „Amore“ kam, bleibt ungewiss.

Seine Tante jedenfalls hatte einen Einfluss auf Marco Michael Wanda. Sie sei „super“ gewesen, habe „immer nur ferngesehen und geweint, weil sie schwer mit Arthritis beschäftigt war. Alle anderen in meinem Umfeld haben ihre Unsicherheit überspielt, diese Tante hat sie gezeigt. Das fand ich ehrlich. Sie war ein unglaublich mitfühlender Mensch“. Offen gezeigte Gefühle – darum geht es in Wandas Liedern. „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“ Wer mit wem verwandt ist, gerät da zur Nebensache.

Inszenierter Tabubruch

Oder doch nicht? „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen“ Warum nicht? „[I]ch trau mich nicht.“ Die fünf jungen Musiker von Wanda kommen aus Österreich. Dort sollte man sich im Grunde mit Liebesbeziehungen zwischen Verwandten auskennen. Schließlich war sogar Kaiser Franz Josef mit seiner Cousine Elisabeth, genannt Sissi, verheiratet. Doch was im 19. Jahrhundert möglich war, stellt heute eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft dar. Wanda scheuen sich nicht, es zu thematisieren.

Der Bruch mit Tabus – ein österreichisches Phänomen? Für einen Skandal sorgte Falco in den 1980er Jahren. Der nach Mozart vielleicht bekannteste österreichische Musiker veröffentlichte ab 1985 die Liederserie Jeanny. Thematisiert wird mutmaßlich die Sicht eines Vergewaltigers bzw. Stalkers auf sein Opfer. Zugegeben, dagegen geht es in Bologna geradezu harmlos zu. Und dennoch zu viel Provokation für manchen: Die österreichischen Radiosender spielten Wandas Lieder nicht. Frontmann Marco sieht darin ein „altes Prinzip: Falco ging nach Deutschland und kam zurück nach Österreich“ (Interview NDR).

Gebrochene Rollenmuster

Amore – das Thema ihrer Lieder transportieren Wanda auch nach außen. Nach Konzerten herzen sich die fünf jungen Wiener gegenseitig, verteilen Luftküsse an ihr Publikum und recken diesem aus Zeigefinger und Daumen geformte Herzen entgegen. Den Zuhörern gefällt’s, sie herzen zurück. Untereinander nennen sich die Bandmitglieder auch schon mal „Baby“. „Zum Wohl, Schatzi“, prosten sich Sänger und Keyboarder beim Interview vor einer ansonsten reizlosen Hannoveraner Pommesbude zu.

Sicherlich, eine Portion Werbung in eigener Sache schadet nicht, das werden auch Wanda wissen. Doch spricht Frontmann Marco über seine Bandkollegen, klingt dies fast wie eine Liebeserklärung: „Ich habe mir viele Jahre nicht gefallen. Es waren diese anderen vier Typen, die das möglich gemacht haben. Es ist das erste Mal, dass ich mir trauen konnte, und das erste Mal, dass mein Lebensentwurf Sinn ergeben hat.“ (Interview www.diepresse.com) Und Keyboarder Christian Hummer meint: „Das ist wie eine Beziehung, aber mehr als eine Beziehung.“ (Interwiew www.falter.at) Das Klischee des derben Rockstars geht anders.

Auf der Bühne beim Singen dagegen spart Marco Michael Wanda nicht mit machistischen Gesten: Nackter Oberkörper, laszive Hüftbewegungen. Dennoch: Wanda brechen mit gängigen Rollenmustern. Das haben sie mit einem weiteren österreichischen Popstar dieser Tage gemein: Tom Neuwirth alias Conchita Wurst. 2014 gewann der Österreicher in Ballkleid und Bart den Eurovision Song Contest. Conchitas Porträt küsst Sänger Marco im Interview auch schonmal.

Empfindet man Lust, muss man sie kompromisslos ausleben“, sagt Marco Michael Wanda im Interview. Ein Verhalten, das klassischerweise der männlichen Geschlechterrolle zugeschrieben wird. In „Bologna“ dagegen bleibt die Liebe unerfüllt. Das Sänger-Ich übt sich in Zurückhaltung, „ich trau mich nicht“. Das Eingestehen der eigenen Schwäche bedeutet einen Bruch mit der Norm.

(Männlich konnotierte) Entschlossenheit ist dennoch zu spüren; in Aufforderungen wie „Und eins merk dir genau“, „Wenn jemand fragt, […] sag“ oder der Einschätzung „sicher nicht“ kommt sie zum Ausdruck. Die Tragik entsteht aus der Unfähigkeit, die Entschlossenheit in die Tat umzusetzen, aus der Diskrepanz zwischen der Entschlossenheit und dem Sich-nicht-trauen.

Die wilde Wanda

Benannt hat sich die Männerband nach einer starken, aber auch brutalen Frau: Wanda Kuchwalek. Als Wilde Wanda wurde „Wiens einziger Zuhälterin“ in den 1970er-Jahren bekannt. Ihr Markenzeichen: eine ausziehbare Stahlrute. Vor ihr zitterten die Männer: Freier ebenso wie andere Zuhälter und sogar Polizisten, wie aus alten Berichten hervor geht.

Über zehn Jahre nach ihrem Tod zollt Marco Michael Wanda mit seiner eigenen Namensgebung und dem seiner Band der Zuhälterin Respekt, die „in einer männlichen Domäne als Frau gesiegt hat“ (Interview NDR). Das irritiert manche Medienvertreter auch im Jahr 2014 noch. Es sei „schon eher selten, dass eine Männerband sich nach einer Frau benennt“, so eine Journalistin des österreichischen Kuriers gegenüber dem Sänger. Der kontert, die Band habe „das Gefühl, das gehört sich so. Das ist anständig“.

Erfolgreicher Schmäh

Wandas Musik, ihr Habitus kommen bei den Medien wie beim Publikum gleichermaßen gut an. „Die beste deutschsprachige Popmusik kommt derzeit aus Österreich“, befindet der NDR. Wandas Debütalbum Amore wurde im Oktober 2014 veröffentlicht und erreichte fünf Monate später Goldstatus in Österreich. Derzeit tourt die Band durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bei den österreichischen Amadeus Awards waren Wanda die am häufigsten nominierten Künstler und gewannen zwei Preise.

„Ist das schon das grandiose Comeback des Austropop“, fragt die Süddeutsche Zeitung. Doch mit diesem Begriff wollen Wanda im Ausland nicht in Verbindung gebracht werden. Der Focus kann das nachvollziehen. Der Austropop werde als „altbacken und bieder“ wahrgenommen, da man an „Altherren“ wie Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Georg Danzer denke. Dagegen wollen Wanda, „dass es Popmusik mit Amore genannt wird“ (Interview www.kurier.at). Passt eh besser.

Kein Musikantenstadel

Ach, Wanda haben es trotz oder gerade wegen ihres Erfolgs nicht leicht. Unzählige Klischees gilt es zu widerlegen. Ein NDR-Reporter äußert sich überrascht, dass es eine österreichische Band gibt, die keinen Schlager macht. Er will wissen, ob Wanda „die Ehrenrettung des deutschen Schlagers“ seien. Keyboarder Christian Hummer ist zu höflich, um sein Entsetzen über diese Frage zu artikulieren. Nur ein leichtes Kopfschütteln verrät ihn, während er erklärt: „Unsere Akkordfolgen, unsere Lederjacken, unser Geruch passen nicht so gut mit Schlager zusammen.“ Sie seien eine Rockband, beeilt sich sein Bandkollege nachzuschieben. Allerdings: „Der Schlager kann unter seiner kitschigen Oberfläche relativ düster sein. Unsere Texte haben auch etwas Düsteres.“ Das stimmt. Man denke nur an Tante Ceccarelli und die Cousine.

Das Interview macht deutlich, wie schwer es Musiker haben, die sich nicht rollenkonform verhalten. Und wie mühsam es ist, Genrevorstellungen zu sprengen. Mit ihrer zurückhaltenden, höflichen Art lassen sich Sänger und Keyboarder auch als Kellner im Smoking in einem Wiener Caféhaus vorstellen. Beim Servieren von Törtchen und Melange. Wie sie Besucherinnen aufmerksam den Stuhl zurück schieben. Doch sie können auch anders und das stellt keinen Widerspruch dar: Auf der Bühne sind sie ganz Rockstars. Rockstars mit Amore und Luftküssen, was von der Kultiviertheit des Caféhauses nicht allzu weit entfernt zu sein scheint. Vielleicht kein Zufall. Schließlich haben sie nach eigener Aussage ihre Jugend dort verbracht.

Sprachliche Reduktion

Dass Wanda „nicht der Musikantenstadel“ (Interview www.rollingstone.de) sind, wie Frontmann Marco es ausdrückt, spiegelt sich auch in ihren Liedtexten. Die Sprache ist zurückgenommen und präzise eingesetzt. Bologna besteht im Wesentlichen aus drei Passagen, die sich in abgewandelter Form wiederholen:

„Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, / obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht!“

„Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. / Amore, meine Stadt!“

„Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!“

Wandas Lieder kommen mit einer vergleichsweise geringen Anzahl an Worten aus. Durch den Wechsel zwischen Wiederholung („Wenn jemand fragt“) und Variation („wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“) entstehen ein Sog und eine Eingängigkeit, die Wandas Musik kennzeichnen.

Wandas Herkunft hört man ihren Liedern an: helles, gedehntes a, stimmhaftes b, d, g statt ‚harter‘ Konsonanten. Bolognas Charme liegt nicht zuletzt in der Mischung aus unverkennbarer Wiener Sprachmelodie und italienischer Amore. Warum singen Wanda nicht von „Liebe“ oder „Love“? Amore mit seinen drei Selbstlauten sei zum Singen besser geeignet, erklärt Sänger Marco.

Was der Inspiration sonst noch dient: „Wir wühlen sehr viel in Literatur.“ (Interview www.rollingstone.de) Was Songschreiber Marco vermeidet: „Zu viele Adjektive. Ich bin bei allen Künsten ein Fan von Reduktion, vom Hemingway’schen Eisbergmodell. Wenn du als Produzierender genug fühlst, musst du es nicht mehr aufschreiben. Dann wird das, was du auslässt, vom Rezipienten trotzdem wahrgenommen.“ (Interview www.diepresse.com) Schaut man sich Videos von Wandas Konzerten an, findet man dies bestätigt. Die Emotionen der Band greifen auf das Publikum über.

Der Süddeutschen Zeitung lässt sich nur zustimmen: „Bitte bleibt Freunde, es ist so schön bei euch!“

Isabel Stanoschek, Bamberg