Romantisiertes Landleben. Zu „Im Märzen der Bauer“

Anonym

Im Märzen der Bauer

Version A

1.
Im Märzen der Bauer
die Rößlein einspannt.
Er setzt seine Felder
und Wiesen instand.
Er pflüget den Boden
er egget und sät
und rührt seine Hände
frühmorgens und spät.

2.
Die Bäuerin, die Mägde
sie dürfen nicht ruh´n.
Sie haben im Haus
und im Garten zu tun.
Sie graben und rechen
und singen ein Lied
und freu´n sich, wenn alles
schön grünet und blüht.

3.
So geht unter Arbeit
das Frühjahr vorbei.
Dann erntet der Bauer
das duftende Heu.
Er mäht das Getreide,
dann drischt er es aus.
Im Winter da gibt es
manch herrlichen Schmaus.

Version B

1.
Im Märzen der Bauer
Die Rößlein einspannt;
Er pfleget und pflanzet
All' Bäume und Land.
Er akkert, er egget,
Er pflüget und sät
Und regt seine Hände
Gar früh und noch spät.

a.
Den Rechen, den Spaten,
Den nimmt er zur Hand
Und ebnet die Äcker
Und Wiesen im Land.
Auch pfropft er die Bäume
Mit edlerem Reis
Und spart weder Arbeit
Noch Mühe und Fleiß.

2.
Die Knechte und Mägde
Und all sein Gesind,
Das regt und bewegt sich
Wie er so geschwind.
Sie singen manch munteres,
Fröhliches Lied
Und freu'n sich von Herzen,
Wenn alles schön blüht.

3.
Und ist dann der Frühling
Und Sommer vorbei,
So füllet die Scheuer
Der Herbst wieder neu.
Und ist voll die Scheuer,
Voll Keller und Haus,
Dann gibt's auch im Winter
Manch fröhlichen Schmaus.

Herkunft

Erstmals veröffentlicht wurde das uns heute geläufige Lied (A) 1923 in der von Walther Hensel herausgegebenen Liedersammlung Das Aufrecht Fähnlein. Hensel (1887–1956), der Musikpädagoge und Mitbegründer der Jugendmusikbewegung, hat das unter B aufgeführte Lied textlich und musikalisch bearbeitet, wie auch andere Volkslieder (vgl. auch Im Frühtau zu Berge in diesem Blog).

Ursprünglich stammen Text und Melodie aus Nordmähren, wo es „von der deutschen Landbevölkerung der mährischen Sudeten häufig und gern gesungen wurde“ (so der österreichische Ethnomusikologe Josef Pommer, 1845-1918). Die Version B taucht erstmalig 1884 im Liederbuch für die Deutschen in Österreich (Hrsg. Pommer) auf. Laut Eckart John, dem Volksliedforscher und Herausgeber des online verfügbaren Historisch-kritischen Liederlexikons, gehen beide Versionen auf die vierte Strophe des Liedes So hasset alle Sorgen, verjaget sie gar zurück:

Im Märzen der Bauer die Ochsen anspannt.
Er pflüget die Felder und bauet das Land.
Er pflüget und pflanzet die Bäumchen und Land.
Das bringet uns öfter ein‘ fröhlichen Stand.

Unbekannt geblieben ist, von wem Text und Weise dieses vom Beginn des 19. Jahrhunderts stammenden Kalenderliedes – jeder Monat wird einzeln besungen – stammen (vgl. liederlexikon.de).

Melodie

Formal ist das Lied dreiteilig aufgebaut: A B A, ein Aufbau wie er auch häufig bei Kinderliedern zu finden ist, z. B. Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann oder Weißt du wie viel Sternlein stehen. Hier wird der erste Formteil zu Beginn wiederholt: |:A:| B A. Die Formteile bestehen aus nur 4 Takten, wobei alle Formteile mit einem Auftakt beginnen wie viele Volkslieder (vgl. z. B. Aus grauer Städte Mauern oder Kommt ein Vogel geflogen). Die Melodie umfasst eine Oktave; sie enthält ausschließlich Viertelnoten, lediglich am Schluss eines jeden Formteils steht wegen des Auftaktes eine halbe Note. Die Textverteilung ist syllabisch, d.h. auf jeden Ton kommt eine Silbe.

Begleiten lässt sich die meistens in G-Dur notierte Melodie mit zwei Hauptharmonien, der Tonika und der Dominante; farbiger wird das Begleitspiel unter Einbeziehung des Dominantseptakkords. Die eingängige und einfache Melodie im Dreivierteltakt und sein leicht verständlicher Inhalt haben zur Beliebtheit des Liedes beigetragen, in den letzten Jahrzehnten vor allem bei Kindern und Kinderchören.

Interpretation

Das Lied gibt uns ein idyllisches Bild von der Arbeit auf dem Lande. Zwar wird von „früh bis spät“ gearbeitet, aber von der Härte der Arbeit ist nicht die Rede, und außerdem helfen dem Bauern beim Pflügen und Eggen „die Rößlein“, die ja eigentlich Ackergäule sind. Es scheint, als ob er anschließend ohne Hilfe nur noch das Säen besorgen müsste.

In der zweiten Strophe werden die Arbeiten der Bäuerin und der Mägde im Haus erwähnt und im Garten mit „graben und rechen“ beschrieben. Nach dem Motto Mit einem Liedchen auf den Lippen fließt die Arbeit munter fort „singen sie ein Lied“. Wer schon einmal ein Beet umgegraben hat, wird gemerkt haben, dass einem dabei nicht gerade nach Singen zumute ist. Zu der Zeit dienten die Gärten von Bauern fast ausschließend dem Anbau von Gemüse; blühende Stauden werden nicht zu sehen gewesen sein. Hier aber heißt es romantisierend „sie freun sich, wenn alles /  schön grünet und blüht“.

Darüber, wie schweißtreibend und anstrengend das Mähen in der (noch) nicht technisierten Landwirtschaft mit der Sense war, erfahren wir ebenso wenig wie über das tagelange Dreschen des Getreides mit dem Flegel. Aber im Winter geht es den Landleuten gut, „da gibt es manch fröhlichen Schmaus“. Auch hier dürfte die Realität geschönt worden sein. So viel Geld, wie für Fleisch und andere Zutaten zu einem fröhlichen Schmaus nötig war, hat der (Klein-)Bauer wohl kaum eingenommen. Also ist davon auszugehen, dass der Bauer nicht nur „ Rößlein“, sondern, wie selbst bei ärmeren Bauern üblich, Federvieh, mindestens eine Kuh und ein, zwei Schweine besessen hat und Bäuerin und Bauer sowie die Mägde davon profitieren konnten. Das aber würde bedeuten, dass eine Menge zusätzliche Arbeit in die Tierhaltung, ins Füttern, Melken, Stall ausmisten usw. gesteckt werden musste, wie es auch in der dritten Strophe einer Neudichtung von O. Haen (veröffentlicht 1973 in der Sammlung Der Liederquell) heißt:

Dann hat er das Tagwerk noch lang nicht vollbracht,
er füttert die Tiere noch ehe es Nacht.
Die Rösslein, das Kälbchen, das Lämmchen, die Kuh,
und geht dann mit Frieden im Herzen zur Ruh.

(liederlexikon.de)

Doch davon ist in unserem Lied keine Rede. Im Gegensatz zu dem an der Wirklichkeit des damaligen Bauernlebens vorbeigehenden Lied zeichnen uns frühere Bauernlieder ein ganz anderes Bild.

Bauernleben

In den Bauernliedern, die Der Große Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten ausweist (vgl. S. 53 ff.), geht es tatsächlich alles andere als idyllisch zu. Da mussten Fron- und Anspanndienste (Ackerbau und Arbeiten mit eigenen Zugtieren für den Grund- oder Leibherrn) geleistet werden, die häufig zu Lasten der Arbeit auf dem eigenen Acker gingen, der Zehnte an die Kirche und hohe Steuern gezahlt und auch noch „Pickdienste“ (Drill- und Kriegsdienste – „Ich trag ein Pick im vierten Glied“ heißt es in der 21. Strophe der Schwäbischen Bauernklage) erfüllt werden. Steinitz weist unter dem Titel Ich bin ein armer Bauer neun Lieder bzw. Gedichte über Bauernklagen aus. In dem unter dem Titel wohl bekanntesten Lied aus dem 17. Jahrhundert mit dem Untertitel „Wie sich der Baur beklagt wegen der grossen Contribution (Grundsteuer) und Beschwärnussen“ heißt es in der ersten von 31 Strophen:

Ach ich bin wol ein armer Baur,
Mein Leben wird mir mächtig saur,
Ich mein, ich könn oft nimmermehr:
Ach daß ich nie geboren wär!

Eine Variante aus dem Jahr 1818, die die ersten beiden Zeilen aufnimmt, stammt aus Mähren:

Ei, Pauer, liewer Pauer,
Dos Lawe fällt mer sauer,
Dos Lawe fällt mer a su schwer,
Ich woll‘, dos ich kae Pauer wär.

Sicherlich gibt es auch aus früheren Zeiten Bauernlieder, die von zufriedenen Bauern handeln, besonders nachdem Fron- und Pickdienste abgeschafft waren, so z. B. Ich lebe als Landmann zufrieden (1880) oder Ich bin das ganze Jahr vergnügt, im Frühling wird das Feld gepflügt (um 1900) (weitere Bauernlieder s. volksliederarchiv.de).

 Im Märzen der Bauer19. Jahrhundert, unbekannter Maler

 

Rezeption

Ob die Henselsche Fassung in der späten Jugend- und Wandervogelbewegung gesungen wurde, ist nicht bekannt. In die einschlägigen Liederbücher ist es nicht aufgenommen worden, jedoch in viele Schulbücher der Weimarer Zeit und in einige Liederbücher der Wanderburschen.

In der Zeit des NS-Staats fand es als Frühlings- oder Kinderlied Aufnahme in zahlreiche Schulbücher. Während es den meisten NS-Organisationen wahrscheinlich als zu unpassend für „Aufbau oder Stärkung des Nationalsozialismus“ erschien, fand es Platz im Liederbuch Werkleute singen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude und in der Sammlung Lieder der Arbeitsmaiden.

Geht man von der Anzahl der Liederbücher (über 250) im Schendel-Archiv (www.deutscheslied.com) sowie der Platten, CDs (rund 70) und Partituren fast (200) des Deutschen Musikarchivs Leipzig aus, wurde Im Märzen der Bauer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute gern gehört und gesungen. Da es auch als Kinderlied gilt, singen es vor allem Kinderchöre, wie die Wiener Sängerknaben, die Regensburger Domspatzen und der Tölzer Knabenchor u.v.a., aber auch Nena auf der Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus. In ihr Repertoire nahmen es auch der Tenor Peter Schreier und der Bariton Peter Schreyer auf. Bei den über 100 Videos von Youtube überwiegen die Interpretationen als Kinderlied.

Parodien

Wie populär ein Lied ist, kann sich auch in Parodien oder Umdichtungen zeigen, wobei häufig die erste Zeile (sog. Incipit) als Aufmacher bzw. Titel dient. Von acht mir bekannten Parodien aus den vergangenen Jahrzehnten handeln sieben von der Mechanisierung der Landwirtschaft. Statt der „Rösslein“ wird zum Pflügen ein „Traktor“ eingesetzt; dafür gibt es ein überzeugendes Beispiel: Im Märzen der Bauer Motoren anwirft (m. E. sehens- und hörenswert dieses Youtube-Video). In dreien dieser Varianten wird zusätzlich der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und Giften angeprangert. Folgerichtig heißt es einem Lied des früheren Mitglieds der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, Klaus Peter Schreiner:

Er [der Bauer, Anm. d. Verf.] fährt in die Kreisstadt
– er ist ja nicht dumm,
und kauft im Reformhaus
– er weiß schon, warum.

Politische Variante

Zum Schluss noch die Variante, die am schärfsten die Verwendung von Chemikalien anprangert. Das folgende Lied wurde anlässlich der Demonstrationen im Mai 2013 „March against Monsanto“ von A. E. Corvis verfasst:

Der Bauer im 21. Jahrhundert

Im Märzen der Bauer den Traktor anspannt
er spritzt tonnenweise Glyphosat auf das Land.
Kein Regenwurm lebt mehr, kein Pflänzchen, o Graus!
Nur Saat von Monsanto mit Genen hält‘s aus!

April ist‘s, der Bauer die Felder schön düngt,
er spritzt reichlich Gülle, das ganze Land stinkt.
Dazu noch Ammoniumnitrat und Phosphat,
ganz dick und massiv bald empor wächst die Saat.

Im Maien der Bauer das Rapsfeld einsprüht.
Besonders gut wirkt‘s, wenn der Raps goldgelb blüht.
Es sterben die Bienen, und krank wird das Vieh,
doch die Aktien von Bayer, die steigen wie nie!

Im Juni der Bauer mit Ammoniak aast,
ganz tief wird mit Düsen der Acker vergast.
Kein Vöglein mehr singt, da die Lunge verätzt,
die Kröten am Boden gleich werden zersetzt!

Im Juli der Bauer mit Gift um sich spritzt,
damit ihm kein Käfer ein Körnchen stibitzt.
Von Jahr zu Jahr stärker das Gift wird dosiert,
doch sind die Insekten längst immunisiert.

Im Herbste dem Bauern die Ernte verdorrt,
die Bank um Kredit er vergebens anschnorrt.
Der Herr von Monsanto verspricht ihm sehr viel:
„Ein paar Zentner Gift noch, dann sind Sie am Ziel!“

Im Winter der Bauer durchs Stadttor einfährt,
damit die Familie gesund sich ernährt.
Er schaut auf dem Markte sich aufmerksam um,
kauft BIO-Gemüse, er weiß schon, warum!

Georg Nagel, Hambung

Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans „Im Frühtau zu Berge“

Olof Thunman (Übersetzung: Robert Kothe/Walther Hensel)

Im Frühtau zu Berge

1. Im Frühtau zu Berge wir gehn, fallera,
Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
Singend in den Morgen
Noch eh im Tale die Hähne krähn.
 
2. Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,
Ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera?
Wer wollte aber singen,
Wenn wir schon Grillen fingen
In dieser herrlichen Frühlingszeit?
 
3. Werft ab alle Sorgen und Qual, fallera
Und wandert mit uns aus dem Tal, fallera!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit versucht es auch selbst einmal!

Der Text des schwedischen Wanderlieds Vi gå över daggstänkta berg stammt von dem Maler und Dichter Olof Thunman (1879–1944). Erstmals veröffentlicht mit dem Titel Gångsång (Wanderlied) wurde es 1908. Komponiert wurde das Lied gemäß der schwedischen Wikipedia von Edwin Ericson (1874–1968) „nach einer traditionellen schwedischen Melodie“ (Historisch-kritisches Liederlexikon http://www.liederlexikon.de/lieder/im_fruehtau_zu_berge). Viele deutsche Liederbücher schreiben die Melodie dem jugendbewegten Volksliedforscher und Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956) zu, wahrscheinlich, weil er eine deutsche Übersetzung überarbeitet und das Lied 1923/24 im Liederbuch Finkensteiner Blätter veröffentlicht hat, einem Liederbuch, das eine größere Verbreitung fand als die deutsche Erstveröffentlichung 1917 in der Sammlung Die 14. Folge für hohe und tiefe Stimme mit der Übersetzungdes Dichters, Sängers und Lautenspielers Robert Kothe (1869–1944). In Schweden gehörte das Lied bis 1969 zu den in der Schule zu lernenden und singenden Volksliedern. Auch danach wurde und wird das Lied noch heute in Schweden gern gesungen.

Sicherlich kann man die Rezeption eines Liedes nicht allein an der Aufnahme in Liederbücher festmachen, aber sie geben doch Aufschluss über die Beliebtheit eines Liedes. Vor 1933 wurde das Lied in zahlreiche deutsche Liederbücher, vor allem der Jugend- und Wandervogelbewegung, aufgenommen (z. B. Fahrtenlieder, hg. v. Fritz Sotke und Auf Fahrt, 1928, Das Lied der ‚Pfadfinder‘ – St.Georg Liederbuch, 2. Teil, beide 1930). Es wurde sowohl in studentischen (z. B. Untersberger Liederbuch – Christdeutsche Burschenschaft, 1925) als auch in sozialistischen (Jugend-Liederbuch, 1929) Kreisen gesungen. Besonders beliebt war es in konfessionellen Jugendgruppen (z. B. Freude in Fülle – Liederbuch für die christliche deutsche Mannesjugend, 1925, Der Trommler – Bund deutscher Bibelkreise, 1931 und Liederbuch für ev. Vereine und Kreise junger Mädchen, 7. Auflage 1931 – um nur einige zu nennen). Eingang fand das Wanderlied auch in deutsche Schulbücher (z. B. in Deutsche Lieder Band 1 für die höheren Schulen, o. J.). Bereits 1923 wurde es in Österreich in das Liederbuch Fahrend Volk aufgenommen.

Die Nationalsozialisten griffen das Frühlingslied wie viele andere Lieder der Jugendbewegung auf, verschwiegen aber häufig den schwedischen Ursprung. Bereits 1933 gab die Hitlerjugend Im Frühtau zu Berge als deutsches Lied aus (z. B. in Blut und Ehre, hg. v. Baldur von Schirach und in Uns geht die Sonne nicht unter, 1934) ebenso der Reichsarbeitsdienst (z. B. Singend wollen wir marschieren, o. J.) und die SS (z. B. SS-Liederbuch, o. J.). In vielen Schulbüchern wie in Ernte und Aussaat 2. Teil Oberstufe, 1940 und Klingendes Leben – Singebuch für Mädchen, Teil 1, 1941 sowie in Klingender Tag – Liederbuch für die Mittelstufe 1 und 2, 1942 war das Lied ebenfalls vertreten.

1942 wurde das Frühlingslied ähnlich wie andere Volkslieder, z. B. Der Winter ist vergangen, und Ade zur guten Nacht zu dem berühmt gewordenen Lied Wir sind die Moorsoldaten in das vor den KZ-Aufsehern geheim gehaltene Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen aufgenommen.

Nachdem in einem Flüchtlingslager in Dänemark deutsche Lieder gesammelt wurden, erschien Anfang 1945 das Liederbuch der deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In Deutschland kamen bereits 1946 die ersten neuen Liederbücher heraus: in der BRD Lieder der Jugend (Hg. Erzbischöfliches Jugendseelsorgeamt, München) und in der DDR das Liederbuch der deutschen Jugend, FDJ.

Von da an wurde das Lied in allen Kreisen und Gruppierungen gesungen, wie die zahlreichen Liederbücher zeigen: sowohl von Gewerkschaftern, Christen, Wandervereinen, Turnern als auch in Schulen, in Jugendbünden und sogar von Fußballspielern (Liederbuch des deutschen Fußballbundes) und Reformjugendlichen (Liederbuch der deutschen Reformjugend).

Gesungen wurde es auch in Österreichs; es erschienen allgemeine Gebrauchsliederbücher mit dem Frühlingslied (z B. Komm sing mit uns, 1980 und Volkslieder aus Österreich, 2004) und spezielle für verschiedene Regionen, z. B. in Kärnten, Steiermark, Südtirol.

Nicht nur österreichische Soldaten (Österreichisches Soldatenliederbuch, 1967) sangen das Lied, sondern bald nach Einrichtung der Bundeswehr 1956 auch westdeutsche Soldaten. So gab die Bundeswehr in unregelmäßigen Abständen Liederbücher mit Im Frühtau zu Berge heraus, z. B. 1958 Liederbuch der Bundeswehr, 1976 Hell klingen unsere Lieder und 1991 Kameraden singt!

Auch in der Schweiz kamen mehrere Lieder- und Schulbücher mit dem Lied heraus. In Deutschland wurde vor allem das in der Schweiz edierte Das große Kinderliederbuch bekannt, eines der schönsten Kinderliederbücher mit Illustrationen von Tomi Ungerer.

Zur größten Verbreitung hat jedoch die erstmals 1953 erschienene Mundorgel beigetragen mit einer bis 2012 verkauften Textauflage von rd. 10 Millionen und einer Notenausgabe von 4 Millionen. Auch das (ab 1978 erschienene) Fischer Taschenbuch Volkslieder aus 500 Jahren und Das große Liederbuch (ab 2000) des Clubs Bertelsmann trugen zur hohen Popularität des Liedes bei. In den vergangenen 10 Jahren ließ die Anzahl der aufgelegten Liederbücher nach. Von den in geringen Exemplaren aufgelegten seien noch folgende genannt: Fahrten und Feierlieder 2, das Wandervogel-Liederbuch (beide 2007) und Jurtenburg (Liederbuch des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, 2010).

Betrachtet man die Rezeption von Im Frühtau zu Berge auf Tonträgern, so fällt auf, dass sowohl in der BRD, in der DDR als auch in der Schweiz die Mehrheit der Langspielplatten und Compact Discs, auf denen das Lied enthalten ist, in den 1970er und 1980er Jahren erschienen ist. In der Bundesrepublik Deutschland wurden für die Aufnahme von Volksliedern häufig Chöre engagiert, vor allem Kinderchöre wie der Dresdner Kreuzchor, die Ulmer Spatzen und der Bielefelder Kinderchor, aber auch große Orchester, z. B. das Orchester Christian Wagner, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr und das Polizeiorchester Berlin. Auch bekannte Solisten wurden von der Tonträger-Industrie für die Interpretation des Frühlingsliedes gewonnen: vom Opernsänger Hermann Prey (LP Hermann Prey, 1970), dem ausgebildete Opern- und späteren Schlagersänger Tony Marshall (Das Wandern ist des Tony’s Lust, 1976) bis zum selbsternannten Volkssänger Heino (Sing mit Heino, Folge 7 und 8, 1979 und Lieder der Berge 2, 1981). Auch in späteren Jahren schien sich die Aufnahme des Liedes auf CDs zu lohnen: 1994 sangen es die Opernbassisten Günter Wewel auf Heimatklänge und Gunther Emmerlich auf Die schönsten Volkslieder aus aller Welt; und von dermit dem Megahit 99 Luftballons berühmt gewordene Nena erschien die Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus (1995) mit Im Frühtau zu Berge. Zur anhaltenden Popularität des Liedes leisteten natürlich auch der mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnete Chorleiter Gotthilf Fischer und seine Fischer-Chöre ihren Beitrag auf Vortragskonzerten, durch öffentliches Singen unter Einbeziehung des Publikums und u. a. mit ihrem Album Die schönsten Volkslieder (1997).

Ist ein Lied besonders populär, so wird es häufig parodiert oder die erste Zeile (sog. Incipit, lat. es beginnt) verselbständigt. Hier zeigen sich Verselbständigungen in Buchtiteln, die die erste Zeile verwenden, so z B. Im Frühtau zu Berge wir gehen (herausgegeben von den Naturfreunden, Kantonalverband St. Gallen 1980), beim Wanderbuch Im Frühtau zu Berge. Badens schönste Wanderungen undbei dem vom ehemaligen Chefredakteur des Manager Magazins Leo Brawand verfassten Buch Im Frühtau zu Berge – Was Wandern so vergnüglich macht (Bruckmann, München 2004).

Von den vielen Parodien des Liedes werden hier nur einige vorgestellt. 1978 hatte Otto Waalkes große Erfolge mit seiner Parodie auf Konzerten und auf der CD Ottocolor, auf der er das Lied im Gesangsstil von Louis Armstrong und Udo Lindenberg und als Country Song u. ä. interpretierte.

Werner Böhm (Künstlername Gottlieb Wendehals nahm 1983 mit der CD Ervolkslieder eine besondere Version auf; der Text der ersten Strophe lautet: „Im Frühstau bei Herne wir blühen richtig auf. / Da stehen wir so gerne und wachen langsam auf. / Wir gucken in die Runde und alle Viertelstunde, / da schiebt sich der Stau plötzlich meterweit vor“. Einige Jahre später versuchte sich Mike Krüger im Medley Lustig ist das Zigeunerschnitzel auf dem Album Ua Ua Ua (1989) mit „Im Kühlschrank die Zwerge sie frier’n, fallera /Sie können sich vor Kälte nicht rasieren, fallera. / Sie tanzen ohne Hosen um die Butterdose, komm her und versuch es doch selbst einmal“ und 2007 im satirischen Jahresrückblick des ZDF ein vorgeblicher Männerchor des SEK mit einer politischen Version:

Im Frühtau wir stürmen dein Haus, fallera.
Wir sprengen deine Haustür einfach raus, fallera.
Wir sind dann bei dir drinnen, du kannst uns nicht entrinnen
und siehst dabei ganz schön blöd aus, jaja.

Im Flugzeug wir schießen dich ab, fallera.
Im Ferienflieger geht es dann bergab, trallala.
Erlaubt wird es erst morgen, doch uns macht‘s keine Sorgen
weil danach kein Hahn mehr kräht, fallera.

Wir überwachen dich total, fallera.
Mecker‘ nicht du hast gar keine Wahl, trallala!
Wir sind hinaus gegangen, Terroristen fangen
komm mit und versuch es doch auch einmal!

Schließlich brachte 2012 die Gruppe Jazzkantine auf ihrer CD Jazzkantine singt Volkslieder unter Verwendung der ersten Strophe des Originals als Refraineinen Rap-Song heraus. Eine Parodie, die heute noch aktuell erscheint, schrieb 1967 der Satiriker, Grafiker und Schriftsteller Dieter Höss :

Millionärslied

1. Beim Frühstück am Morgen sie sehn, fallera,
wie schlecht ihre Aktien wieder stehn, fallera,
und warten dann voll Sorgen
auf den Stand von morgen
und sehen sich alle schon betteln gehn.

2.Selbst kluge und steinreiche Leut, fallera,
sind heute vor Angst nicht mehr gescheit, fallera,
nur weil sie mal von ihren
Milliönchen drei verlieren
und reden deswegen von Krisenzeit.

Georg Nagel, Hamburg