Ein Quantum Trost aus der Mandschurei. André Hellers „Schnitterlied“ (1980)

André Heller

Schnitterlied

Ein Schnitter kommt gezogen
Weit aus der Mandschurei,
Der hat von Apfelschalen
Hosen und Rock dabei.

Ein Schnitter kommt […]

Sein Lachen, das ist Thymian,
Sein Lieben Rosmarin.
Es heißt, er bringt Erbarmen
Für New York und Berlin.

Sein Lachen, das […]

Für all die Menschenorte
Mit ihrer Lügen Not,
Den Ängsten der Verzweiflung,
Dem Leugnen von Alter und Tod.

Für all die […]

Ein Schnitter kommt gezogen
Weit aus der Mandschurei,
Der hat von Apfelschalen
Hosen und Rock dabei.

     [André Heller: Verwunschen. Mandragora 1980.]

Ich halte das Klischee für begründet, dass die Wiener ein besonders intimes Verhältnis zum Tod haben. Diese Beziehung ist meiner Kenntnis nach ausgesprochen facettenreich. In Reiseführern wird sie den Touristen gerne als ,liebevoll‘ oder ,gemütlich‘ verkauft, wofür sich mit Sicherheit auch viele Belege herbeibringen ließen. Aber es gibt halt auch ganz andere Ausprägungen, z.B. pragmatische. So war etwa dem aufklärerisch gestimmten Reformkaiser Joseph II. die Prunk- und Verschwendungssucht seiner Untertanen schon grundsätzlich ein Dorn im Auge und beim Begräbnispomp erst recht. Als ökonomisch denkender Regierungschef (was heute natürlich einen Widerspruch in sich darstellt!) regte er an, einen Sparsarg mit Bodenklappe zu entwickeln. Damit hätte man liebe Verstorbene auf respektable Weise zum Friedhof ihrer Wahl kutschieren, dort dann aber ressourcenschonend in Massengräbern verklappen können. Ich fürchte abzuschweifen …

Als Nicht-Wiener interessiere ich mich jedenfalls lebhaft dafür, was die dortigen Fachleute über den Tod, seinen Charakter, seine Vorlieben und Gewohnheiten, über seine kleinen Schwächen etc. etc. zu sagen wissen und welche Tipps sie für den Fall parat haben, dass einem Freund Hein (un)versehens über den Weg läuft. Dass dieses spezielle Interesse an einem zentralen Wiener Kompetenzbereich gerade in diesen Tagen Konjunktur hat, bedarf keiner Erläuterung. Weniger bekannt als andere einschlägige Lieder des schwarzen Genres wie Der Tod, das muss ein Wiener sein (Georg Kreisler/ Topsy Küppers), Es lebe der Zentralfriedhof (Wolfgang Ambros), Der Tod (EAV), Komm großer schwarzer Vogel (Ludwig Hirsch) oder Schickt mir die Post (Wanda) dürfte André Hellers Variation des barocken Volkslieds vom Schnitter Tod sein.

Zuerst nachgewiesen wurde das alte Schnitterlied auf einem Flugblatt von 1637. Diese früheste Fassung besteht aus fünf Versblöcken von zumeist sieben Zeilen und behandelt in konventioneller Bildlichkeit und mit vorhersehbarer Pointe das allbekannte Memento-mori-Motiv, d.h. es erinnert seine Rezipienten an die Fragilität des menschlichen Lebens und bläut ihnen ein, wie wichtig es sei, ihr Sinnen und Trachten auf das Jenseits zu richten. Die ersten vier Versblöcke entwerfen das Bild eines erbarmungslosen Sensenmanns, dem Gott die Gewalt gegeben hat, die als bunte „Blümelein“ gedachten Menschen ohne Ansehen ihrer Schönheit und Jugendblüte abzuschneiden. Trost können diese Hälmchen einzig und allein im christlichen Heilsversprechen finden:

Trutz, Tod, komm her, ich fürcht dich nit,
komm her und tu ein´n Schnitt!
Wenn er mich verletzet,
so werd ich versetzet,
ich will es erwarten,
in himmlischen Garten.
Freu dich, schöns Blümelein!

Der anonyme Text jener Flugschrift wurde in der Folge mehrfach erweitert, wobei sich weitere Verse relativ einfach hinzudichten ließen, indem man die Botanik bemühte und die Liste der Pflänzchen, die vom Schnitter abzumähen waren, einfach erweiterte. So waren im ursprünglichen Text auch die von André Heller namentlich erwähnten Kräutlein Thymian und Rosmarin noch nicht dabei. Jedenfalls kam das Thema – aus leicht nachvollziehbaren Gründen – auch nach Ende des 30jährigen Krieges, des Hexenwahns und der Pestjahre nicht aus der Mode. Clemens Brentano und Achim von Arnim kodifizierten das Schnitterlied gewissermaßen für die Moderne durch die Aufnahme in ihre Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn (um 1806). Insofern sind wir nicht überrascht, es auch im Zupfgeigenhansel (1908), dem maßgeblichen Liederbuch der Wandervogel-Bewegung, sowie vielen anderen und neueren Liedersammlungen vorzufinden. Das sich für die diversen Textfassungen auch immer wieder neue Komponisten (Jacob Balde, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Max Reger, Johannes Brahms, Leichenwetter und viele andere) erwärmen konnten, wird niemanden überraschen.

Hellers Schnitterlied ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert, weil ausgesprochen innovativ. Es findet sich im Kontext seines Studioalbums Verwunschen aus dem Jahr 1980. Man kann im Internet überall nachlesen, dass das Wiener Multitalent hier hauptsächlich Musiktitel mit autobiographischem Hintergrund veröffentlicht habe; im Hinblick auf das Schnitterlied hilft mir dieser Hinweis allerdings nicht weiter. Wichtiger scheint mir die Information, dass sich das ganze Verwunschen-Projekt der Zusammenarbeit mit dem Wiener Serapions Ensemble (gegründet 1973) verdankt, das sich vor 1980 übrigens noch Pupodrom genannt hat. Die hier zusammengeschlossenen Künstler verschiedener Sparten berufen sich auf E.T.A. Hoffmanns ,serapiontisches Prinzip‘, das die Wiener Truppe sowohl ästhetisch als auch ethisch auslegt. Die Programmatik dieser Serapiontiker ist so komplex wie anspruchsvoll. Für unseren Zusammenhang und die Kooperation mit André Heller scheinen mir vor allem drei Aspekte interessant: die beiden Ziele ihres Kunstschaffens, Gegensätzliches zu fusionieren und Geistig-Seelisches in Körperliches zu transformieren sowie das alles regierende Ethos einer grundsätzlichen Verweigerung gegenüber Opportunismus, Bevormundung und Ideologisierung in jeglicher Form. Dieses Selbstverständnis harmonierte mit André Hellers künstlerischem Selbstverständnis offensichtlich bestens.

Dieser benennt als Quelle für seine neue Behandlung des Schnitter-Themas ein portugiesisches Volkslied, das ich bislang leider noch nicht ermitteln konnte. Mitwirkende Künstler waren bei der Uraufführung:

  • Arrangement – René Clemencic
  • Bombarde [auch Pommer, Holzblasinstrument, im 15. Jh. aus der Schalmei entwickelt] – Alfred Hertel
  • Countertenor – Mircea Mihalache
  • Vasentrommel, Santur – Esmail Vasseghi
  • Renaissancelaute, Kobys [Schalenhalslaute] – András Kecskés
  • Text – A. Heller unter Rückgriff auf ein portugiesisches Volkslied
  • Rabab [auch Rubab genannt, afghanische (?) Schalenhalslaute] – Mikis Michaelides
  • Violine [engmensurierte Geige] – Andrea Bischof
  • Viola da braccio – Herwig Zelle
  • Violoncino – Alexandra Bachtiar
  • Violone – Ewald Zimmermann

André Hellers Schnitterlied besteht aus sieben vierzeiligen Strophen, von denen sich allerdings nur drei im Wortlaut unterscheiden. In drei Fällen werden die Strophen dergestalt wiederholt, dass sie zunächst von einem Countertenor präsentiert werden und in der Folge dann noch einmal von André Heller. Langeweile kommt bei dieser Verfahrensweise nicht auf, da sich die Darbietungsweisen der Sänger extrem unterscheiden. Der Vortrag des Countertenors, oft in der Maske einer mittelalterlich-frühneuzeitlichen Narrenfigur, ist stimmlich virtuos, evoziert ein längst vergangenes Zeitalter und wirkt zugleich gesteigert kunstvoll-künstlich. Heller singt betont ,unprofessionell‘, d.h. leise, sehr verhalten und in sich gekehrt. Die Performance und Stimmgewalt des Countertenors dürfen wir bewundern, aber sie erlaubt uns eine rein ästhetische Rezeption, verbunden mit einer maximalen emotionalen Distanzierung. Bei Hellers Wiederholung verhält es sich umgekehrt. Die letzte Liedstrophe wiederholt die erste; sie wird nur vom Countertenor gesungen, der im Verlauf des Videos aber demaskiert gezeigt wird, wodurch die Fremdheit bzw. Künstlichkeit seines Vortrags ein Stück weit reduziert wird.   

Wer sich mit deutschem Liedgut schon ein wenig befasst hat, weiß, dass mit einem ,daher ziehenden Schnitter‘ eigentlich nur der Tod gemeint sein kann. Dass der hier aus der ,Mandschurei‘ kommt, gibt uns ein kleines Rätsel auf, das sich aber lösen lässt, sobald die ,Apfelschalen‘ und dazu noch zwei Kleidungsstücke in den Blick geraten, die für Männer und Frauen als typisch gelten. Nach alttestamentarischem Narrativ ist der Tod erst nach dem Sündenfall in das Leben der Menschen eingebrochen, nach einer Ordnungswidrigkeit, die mit Äpfeln zu tun hatte. One apple a day keeps the doctor away? Von wegen! – Wenn unser Lied einsetzt, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen bzw., besser gesagt, der Apfel gegessen, wie die übrig gebliebenen Schalen beweisen. Obwohl diese, das müssen wir einräumen, nicht ganz bibelkonform sind. (Hatten Adam und Eva wirklich schon diese Keramik-Obstschälmesser? Falls ja, wer hat geschält? Adam oder Eva? Oder gar die Schlange? Eine Alternative, die ich aus Gründen, die – raumbedingt – hier nicht mehr expliziert werden können, präferieren würde. Hach, Fragen über Fragen!)

Halten wir uns nun aber wieder an die dürren Fakten! Der Tod hat die Schalen aufgelesen, gesichert und vernünftiger Weise verwertet bzw. verwerten lassen. Adam und Eva sind nach ihrem frugalen Mahl bekanntlich die Augen aufgegangen; anders formuliert: ihr Sinn für Mode ist auf einen Schlag erwacht. Nachvollziehbar, dass die Hosen und Röcke, die der Tod zum Tarnen gewisser (übrigens neu herangewachsener!) Körperteile im Sortiment hatte, mehr hermachten als alte Feigenblätter. Ob der Gevatter die schicken Teile nun selber geschneidert oder schon richtige Nadelmeister aufgetrieben hatte, konnte ich auf die Schnelle nicht in Erfahrung bringen, halte dieses Detail in unserem Kontext aber auch für nebensächlich. Auch die weiterführende Problematik essbarer Kleidung habe ich natürlich für diesen Beitrag ventiliert, zumal sie ökologisch hoch interessant ist. Ich erwähne in diesem Zusammenhang das kubanische Nationalgericht Ropa vieja („alte Kleidung“) sephardischen Ursprungs, das aber bedauerlicherweise nicht aus Apfelschalen, sondern Gemüse und geschmortem Rindfleisch zubereitet wird, und deshalb hier nicht weiter verfolgt werden soll.

Ich fasse als Zwischenergebnis zusammen: Mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies ist dem AT zufolge der Tod ins Leben der Menschheit getreten, die sich damals in Gestalt von Adam und Eva urplötzlich als ,nackt‘ wahrgenommen und nach Kleidungsstücken verlangt hat, um ihre Blößen zu bedecken. André Hellers Schnitter führt sich ziemlich nett ein, insofern er nicht zu Sense und Wetzstein greift wie seine ungehobelten barocken Vorläufer, sondern Klamotten anschleppt. Ach ja, das Stichwort ,Mandschurei‘ steht noch unerklärt im Raum! Die Angaben der Bibel sind hinsichtlich der geographischen Lokalisierung des Paradieses, vorsichtig gesagt, unscharf; allerdings war einschlägig Interessierten bis zum Ende des Mittelalters klar, dass man den Garten Eden irgendwo im Osten zu suchen hatte. Mit zunehmender Kenntnis der Topographie Asiens verschob man seine vermutliche Lage immer weiter nach hinten. Aber irgendwann konnte man nicht weiterschieben, denn hinter der Mandschurei kam nur noch Wasser: Wenn das Paradiesgärtlein nicht dort angepflanzt sein sollte, wo dann sonst?

Die zweite Doppelstrophe bestätigt, ja verstärkt das Bild eines gnädigen Todes, der es mit den Menschen vergleichsweise gut meint. Während sich der Schnitter in den traditionellen Lied-Varianten nun unverdrossen seiner Sensenarbeit widmen und ohne Unterschied die gesamte Botanik köpfen würde, hat André Hellers Titelfigur aber auch gar nichts von einem gefräßigen Mähdrescher an sich! Dieser Ankömmling aus dem fernen Osten ist einer, der lacht, liebt und voller Erbarmen ist. Mich erinnert das dezent an die Ankunft eines anderen Fernreisenden, natürlich ebenfalls parallel zum Lauf der Sonne, der den alten Griechen, Wein, Fruchtbarkeit und Lebensfreude als Gastgeschenke mitgebracht hatte, weshalb sie ihn – unter anderem (jetzt arg verkürzt!) – als Dionysos, den Sorgenbrecher, verehrten. Die mythologische Nähe dieser Gestalt aus der griechischen Mythologie zu unserem freundlichen Schnitter, der lacht und liebt, ist m.E. nicht ganz von der Hand zu weisen.

In Hellers Lied verwandelt sich das Lachen des Todes zu Thymian und sein Lieben zu Rosmarin. Diese Metamorphosen setzen in poetischer Sprache das Programm der Wiener Serapiontiker um, Geistig-Seelisches in sinnlich erfahrbare Materie zu verwandeln, denn beide Heilkräuter besitzen eine spirituelle Aura, sollen aber zugleich ganz konkret und praktisch bestimmten Krankheiten bzw. Mangelerscheinungen entgegenwirken. Nach jahrhundertealtem Glauben vertreibt Thymian Depressionen und flößt den Menschen wieder Selbstbewusstsein, Mut und Tatkraft ein. Rosmarin war der Aphrodite zugesprochen und somit selbstverständlich für alle möglichen Liebesangelegenheiten zuständig. Troubadoure verehrten ihren hohen Damen Rosmaringebinde, um sie ihrer Treue zu versichern, und in Deutschland trugen Bräute jahrhundertelang Kränze aus Rosmarin, bevor die Myrte in Mode kam. Allerdings spielte das Rosmarin-Kraut seit der Antike auch eine prominente Rolle bei Begräbnissen und in Totenkulten, da man ihm eine außerordentliche Schutzkraft gegen Infizierungen und sonstige Übergriffe aus dem Totenreich zuschrieb.

Dass die guten Gaben dieses Schnitters Akte des Erbarmens darstellen, ist plausibel. Warum er aber gerade New York und Berlin beglücken soll, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Beim Nachdenken über diese Kombination fiel mir spontan Leonard Cohens ,Terroristen-Song‘ First We Take Manhattan (… then wie take Berlin) ein. Da dieser Titel allerdings erst 1986 aufgenommen und 1987 veröffentlicht worden ist, kann eine ,Inspiration‘ André Hellers von dieser Seite her nicht in Betracht kommen; auch in umgekehrter Richtung waren keine Bezüge zu ermitteln. Hinweise für eine sinnvolle Deutung scheint der Texter aber in der nächsten Strophe untergebracht zu haben:

Für all die Menschenorte
Mit ihrer Lügen Not,
Den Ängsten der Verzweiflung,
Dem Leugnen von Alter und Tod.

Der erste Vers dieses Vierzeilers macht m.E. klar, dass die zuvor genannten Städte repräsentativ zu verstehen sind; stellvertretend für viele andere Menschenballungen, in denen Lüge, Verzweiflung und Verdrängung von Verfall und Sterben den Alltag bestimmen. Wenn wir eine solche Intention als gegeben ansehen, scheint es durchaus plausibel, dass sich der Dichter New York und Berlin als exemplarische Beispiele für seinen Zweck ausgesucht hat, entfalteten in den 1970er und 80er Jahren doch gerade diese beiden Metropolen eine überragende Anziehungskraft auf die ,kreative Szene‘ der westlichen Hemisphäre – dort steppte der Bär seinerzeit vielleicht noch ein bisschen atemloser als sonst wo, Jugendlichkeit wurde exzessiver zelebriert und ihr Gegenteil sturer ignoriert, obwohl die intelligenteren der Beteiligten gewusst haben dürften, dass …

Spürbar und nachvollziehbar wird das alles, auf Schritt und Tritt, zumindest aus heutiger Perspektive, in Kunstwerken, Autobiographien und Zeitdokumenten, vgl. etwa David Bowies Where Are We Now?

Ein Quantum Trost, werden sich André Heller und seine Künstler-Kollegen vom Wiener Serapions-Theater gedacht haben, kann da nicht schaden.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Literatur:

Lisa Freund: Es ist ein Schnitter, der heißt Tod – ein Lied über den Sensenmann. In: Elysium.Digital. Online Magazin | Leben – Sterben – Tod – Werden | unabhängig und überkonfessionell. (2017)

Homepage des Bestattungsmuseums am Wiener Zentralfriedhof.

Homepage Serapions Theater Wien.

Lieder Archiv.

Volksliederarchiv.

„Wo de Nordseewellen trecken an den Strand“ (Friesenlied) von Friedrich Fischer-Friesenhausen – die „norddeutsche Nationalhymne“

Friedrich Fischer-Friesenhausen

Wo die Nordseewellen

Wo de Nordseewellen trecken an den Strand,
Wor de geelen Blomen blöhn in‘t gröne Land,
Wor de Möwen schriegen gell in‘t Stormgebruus,
Dor is mine Heimat, dor bün ick to Huus.

Well'n un Wogenruschen weern min Weegenleed, 
Un de hohen Dieken seh‘n min Kinnerleed,  
Markten ook min Sehnsucht a sick wussen weer, 
Dör de Welt to fleegen, öwer Land un Meer.

Wohl hett mi dat Lewen all min Lengen stillt,
Hett mi allens geben, wat min Hart nu füllt;
Allens is verswunnen, wat mi quäl‘ un dreev,
Heff dat Glück woll funnen, doch dat Sehnsucht bleev.

Sehnsucht na min leewet, gröne Marschenland,
Wor de Nordseewellen trecken an de Strand,
Wor de Möwen schriegen gell in‘t Stormgebruus,
Dor is mine Heimat, dor bün ick to Huus. 
Martha Müller-Grählert

Wo die Ostseewellen

Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
wo de gäle Ginster bleught in’ Dünensand,
wo de Möwen schriegen grell in’t Stormgebrus,
dor is mine Heimat, dor bün ick tau Hus.

Well- un Wogenruschen wiern min Weigenlied,
un de hogen Dünen seg’n min Kinnertied,
seg'n uck mine Sähnsucht un min heit Begehr,
in de Welt tau fleigen öwer Land un Meer.

Woll hett mi dat Läwen dit Verlangen stillt,
hett mi allens gäwen, wat min Hart erfüllt,
allens is verschwunden, wat mi quält un drew,
häw nu Fräden funden, doch de Sähnsucht blew.

Sähnsucht nah dat lütte, stille Inselland,
wo de Wellen trecken an den witten Strand
wo de Möwen schriegen gell in’t Stormgebrus;
denn dor is min Heimat, dor bün ickt tau Hus!

Herkunft, Vorgeschichte

Mit der Anfangszeile Wo die Ostseewellen trecken an den Strand schrieb 1907 die in Zingst aufgewachsene Heimatdichterin Martha Müller-Grählert ein Gedicht, das später zur Grundlage des Friesenliedes wurde. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedicht 1908 unter dem Titel Mine Heimat in der Zeitschrift Meggendorfer Blätter.

Eine besondere Geschichte hat die Melodie: Ein Glasergeselle aus Flensburg brachte während seiner Wanderjahre den Ostseetext nach Zürich. Dort trat er dem Arbeitermännergesangverein bei und motivierte dessen Chorleiter, den Text zu vertonen. Der aus Thüringen stammende Simon Krannig, der sich nach Jahren der Wanderschaft als Schreinergeselle in Zürich niedergelassen hatte, komponierte als gelernter Orgelspieler 1910 nach einem Bericht seines Sohnes die Melodie in weniger als einer Stunde. Die Uraufführung des Liedes fand am Grab des inzwischen gestorbenen Glasergesellen statt.

Leicht geändert wurde das Ostseewellenlied von dem Lyriker und Verleger Friedrich Fischer-Friesenhausen zu dem Friesenlied mit der bekannten Titelzeile Wo die Nordseewellen.

Fischer-Friesenhausen ließ das Nordseewellenlied auf Postkarten drucken und sorgte auf diese Weise für dessen weite Verbreitung, so dass es bald „wie eine norddeutsche Nationalhymne“ (Theo Mang, Der LiederQuell, 2015, S. 450) empfunden wurde.

Liedbetrachtung

Wie der ursprüngliche Gedichttext Mine Heimat der Dichterin, die es in jungen Jahren aus beruflichen Gründen nach Berlin verschlagen hatte, ihre Sehnsucht nach der Ostsee beschreibt, so ist auch Wo die Nordseewellen ein Heimatlied. Der 1886 in Detmold geborene Friedrich Fischer-Friesenhaus hat das Ostseewellenlied nach seinem Wanderleben in England, Skandinavien, Holland, Belgien, Frankreich, Spanien und Amerika (s. www.lexikon-westfaelischer-autorinnen-und-autoren.de) mit 29 Jahren so wenig abgeändert, dass man durchaus von einem Plagiat sprechen könnte (vgl. Textversionen).

Es lässt sich gut nachvollziehen, wie die (blauen) Wellen mit den gelben Blumen (in manchen Versionen: der gelbe Ginster) und dem grünen Marschland einen Kontrast bilden, ebenso wie die Wellenbewegung zum ruhenden Festland. Und wenn man dann noch die Möwen schreien hört, können sich an der Waterkant Geborene wie zu Hause fühlen. Das lyrische Ich erinnert sich an seine Kindheit und meint, das Rauschen der Wellen sei wie ein Kinderlied gewesen, das die Deiche ebenso gekannt haben wie den Wunsch, durch die Welt über Land und Meer zu fliegen.

Wie stark die Sehnsucht ist, wird in der dritten Strophe ausgedrückt. Obwohl das Leben alles Verlangen erfüllt hat, alles gegeben hat, was das Herz erfüllt und zudem alles verschwunden ist, was das lyrische Ich gequält und umhergetrieben hat und es schließlich das Glück gefunden hat, bleibt die Sehnsucht nach dem Marschenland, den Nordseewellen und den schreienden Möwen. In Anlehnung an die Gedichtzeilen heißt es auf dem Grabstein der 1939 in Franzburg (Landkreis Vorpommern-Rügen) gestorbenen Dichterin Martha Müller-Grählert: „Hier ist meine Heimat, hier bün ick to Hus“ versehen.

Rezeption

Zur Verbreitung trug neben den erwähnten Postkarten bei, dass das Friesenlied ab 1922 als Partitur verlegt und publiziert wurde. Nachdem das Lied von den Nordseewellen im norddeutschen Radio häufig gespielt wurde und es auf den Fähren zu den ostfriesischen Inseln für Einheimische und Touristen zu hören war, stieg die Popularität weiter an. Auch der Deutschlandsender spielte es landesweit es gern und oft; 1934 war es im Film „Heimat im Meer“ in den Kinos zu hören.

Eines der ersten mir bekannten Liederbücher mit dem Friesenlied ist das Liederbuch Nordmarklager der Hitlerjugend, 1936. Weitere Nazi-Liederbücher folgten. Ohne nazistischen Bezug konnte 1939 der Knurrhahn – Seemannslieder und Shanties, Band 1 erscheinen.

Aus dem KZ Eschwegen wird ein Text überliefert: “Wo das Lager (die Hölle) steht, so dicht am Waldesrand“ (vgl. www.volksliederarchiv.de), den die Insassen, die“ Moorsoldaten“, nach der Melodie des Friesenliedes (mit der Version „die Hölle“ heimlich) gesungen haben (s. auch Aus dem Zirkus Konzentrazani: „Wir sind die Moorsoldaten“ (Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel)

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Lied zu den Evergreens, es wurde von Freddy Quinn, Lale Andersen, Lolita, Heidi Kabel, Hein Timm, Heino und vielen anderen Sänger*innen interpretiert. Bald gehörten die Nordseewellen zum Standardrepertoire jedes Shanty-Chors und vieler Männerchöre.

Von den ab 1948 bis 2015 erschienenen mir bekannten 32 Liederbüchern mit dem Friesenlied sollen hier der hohen Auflagen wegen zunächst die Taschenbücher des Heyne Verlags Der deutsche Liederschatz (1975) und Die schönsten Volkslieder (1977) und des Moewig Verlags Die schönsten Seemannslieder und Die schönsten Heimatlieder (beide 1992) erwähnt werden. Auch der Deutsche Liederschatz (Weltbild Verlag, 1985) und vor allem die Liederwolke (1986 kunterbundedition) weisen für Liederbücher zeichnen sich durch relativ hohe Auflagen aus.

Für mich erstaunlich ist, dass weder der Volksliedforscher Ernst Klusen das Lied in seine zweibändige Liedersammlung Deutsche Lieder (2. Auflage 1981, 51. bis 100. Tsd.) noch der Volkskundler und Liedersammler Heinz Rölleke in Das große Buch der Volkslieder (1993) aufgenommen haben. Dagegen ist es in Der LiederQuell (Neuauflage 2015) des Volkliedforschers Theo Mang vertreten.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, weist 31 Tonträger aus, darunter 22 Schellackplatten, 8 LPs und eine 2008 erschienene CD mit dem über Hamburg hinaus bekannten „Lautensänger“ Richard Germer.

Noch heute kann man Wo die Nordseewellen nicht nur in Norddeutschland, sondern in ganz Deutschland hören. Besonders beliebt ist das Lied in „fröhlicher Weinrunde am Rhein, an der Mosel oder am Neckar, …wo das Anstimmen durch einen Norddeutschen ausreicht, um den ‘Wellengesang‘ im Dreivierteltakt zum stimmungsvollen Schunkeln aufzugreifen“ (Mang, S. 450).

Über Deutschland hinaus ist es in Dänemark bekannt unter Der, hvor nordsøbølger ruller ind mod land; in Frankreich wird Les Flots du Nord angestimmt und in Südtirol heißt die Übersetzung aus dem Ladinischen Wo die Wiesen sind mit Blumen übersät.                                                                             

Georg Nagel, Hamburg

Frohe Weihnachten. „Was soll das bedeuten? (Es taget ja schon.)“

aus: Erk/Böhme, Deutscher Liederhort, Band 3, 1894, S. 653

1. Was soll das bedeuten? Es taget ja schon.
Ich weiß wohl, es geht erst um Mitternacht rum.
Schaut nur daher, schaut nur daher,
wie glänzen die Sternlein je länger, je mehr.

2. Treibt zusammen, treibt zusammen die Schäflein fürbaß.
Treibt zusammen, treibt zusammen, dort zeig ich euch was.
Dort in dem Stall, dort in dem Stall
werdet Wunderding sehen, treibt zusammen einmal.

3. Ich hab nur ein wenig von weitem geguckt,
da hat mir mein Herz schon vor Freuden gehupft:
Ein schönes Kind, ein schönes Kind
liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind.

4. Ein herziger Vater, der steht auch dabei,
eine wunderschöne Jungfrau kniet auch auf dem Heu,
Um und um singt's, um und um klingt's,
man sieht ja kein Lichtlein, so um und um brinnt's.

5. Das Kindlein, das zittert vor Kälte und Frost.
Ich dacht mir: Wer hat es denn also verstoßt,
daß man auch heut, daß man auch heut
ihm sonst keine andere Herberg anbeut?

6. So gehet und nehmet ein Lämmlein vom Gras,
und bringet dem schönen Christkindlein etwas.
Geht nur fein sacht, geht nur fein sacht,
auf daß ihr dem Kindlein kein Unruh nicht macht.

Herkunft und Vorgeschichte

Gemäß dem Volksliedforscher Theo Mang wurde Was soll das bedeuten zuerst durch ein Flugblatt von 1715 überliefert (Der Liederquell, 2015, S. 1020). Die Angabe bei Wikipedia „Frühe Flugblattdrucke des Textes sind vor allem aus Österreich in mundartlicher Fassung überliefert und gehen bis ins Jahr 1656 zurück“ ist zweifelhaft, da in der zitierten Quelle (Friedrich Erk und Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band III, 1894) dieser Hinweis bei dem Lied fehlt (vgl. S. 653).

Zum ersten Mal in einem Liederbuch gedruckt wurde das Lied 1842 in dem Werk Schlesische Volkslieder mit ihren Melodien, gesammelt und herausgegeben von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter mit dem Hinweis „aus Oppeln und der Grafsch. Glaz“ (S. 333).

Die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) hält es für wahrscheinlich, dass das Lied zu einem Hirtenspiel gehört hat. Ähnlich der Volksliedforscher Theo Mang (geb. 1940), der annimmt „nach Text und beschwingter Melodie“ sei das „Lied als Teil eines Krippenspiels des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts“ anzusehen.

Liedbetrachtung

Was soll da bedeuten gehört zum Genre der Hirtenlieder wie z. B. Inmitten in der Nacht, als die Hirten erwacht, Auf, auf ihr Hirten von dem Schlaf (Spätmittelalter) und das wohl bekannteste Kommet, ihr Hirten (Text: Carl Riedel, 1827-1888). In Hirtenliedern wird die Geburt Jesu Christi angekündigt und/oder das Jesuskind in der Krippe verehrt. Sie entstanden besonders zahlreich zur Weihnachtsfeier im katholischen Süddeutschland, in Schlesien und Österreich. Gedichtet wurden sie nicht von den Hirten, sondern in Anlehnung an die Weihnachtsgeschichte in Lukas, Kapitel 2 von katholischen Geistlichen und bibelkundigen Volksdichtern.

Heißt es bei Lukas, 2, Vers 9 „und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“, so glänzen in der 1. Strophe „die Sternlein je länger, je lieber“. Wer die Hirten auffordert, die Schafe zusammenzutreiben, wird im Lied nicht näher beschrieben, doch sicherlich ist es ein Engel, der ihnen verkündet, ein „Wunderding“ (vgl. Lukas 2, 10 und 11) zu sehen.

Unser Lied erzählt nicht, dass die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu gehen (Lukas 2, 15), sondern stellt uns gleich vor vollendete Tatsachen:  „Ein schönes Kind liegt dort in der Krippe bei Esel und Rind“. Während in Lukas 2, 16 die Eltern namentlich erwähnt werden: Maria und Joseph, wird im Lied der Vater als herzig und die Jungfrau (vgl. Lukas 1, 27, vgl. 2. Korinther 11, 2) als wunderschön beschrieben.

In dem Stall ist es kalt, und wie wir es von Krippenspielen oder kleinen Krippen kennen, ist nur Heu und Stroh vorhanden, so dass – wie es gleich die Hirten wahrnehmen – das „Kindlein“ vor Kälte zittert (vgl. dazu Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“ („Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande“): Auch Gottesliebe geht durch den Magen – zweite und dritte Strophe). Sie fragen sich, wieso es keine bessere Herberge gegeben hat. Wir wissen heute, dass aufgrund der vom Kaiser Augustus veranlassten Volkszählung (Lukas 2) alle Herbergen in Bethlehem ausgebucht waren und Maria und Joseph deshalb mit dem Stall vorlieb nehmen mussten. Die Hirten nahmen ein Lamm und übergaben es mit anderen Geschenken („bringet dem schönen Christkindlein etwas“) den Eltern. Ob sie es zum Wärmen des Jesuskindes in die Krippe legten oder das Tier erst töteten und das abgezogene Fell als Zudecke benutzten, erfahren wir nicht.

Rezeption

Nachdem Was soll das bedeuten 1913 in zwei Liederbüchern der Wandervögel aufgenommen worden war, erlangte es eine gewissen Beliebtheit in den 1920er Jahren; ohne die sechste Strophe und manchmal nur mit vier Strophen war es auch in einigen Schulbüchern vertreten.

In der Zeit von 1933 bis 1945 taucht es nach den mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern nur in wenigen NS-Veröffentlichungen auf, z.B. in Lieder des Volkes (Verlag Erben und Aussaat, 6. Auflage 196) und im Lied der Arbeitsmaiden (Reichsarbeitsdienst, 1938). Die Mehrheit der Publikationen mit unserem Lied konnte jedoch ohne NS-Lieder erscheinen.

Vom Hirtenbüchel auf die Weihnachtszeit (Bärenreiter 1946) über etliche Schulbücher in den 1950er Jahren und die weit verbreitete Bertelsmann-Ausgabe Macht hoch die Tür bis Unsere Weihnachtslieder zur Gitarre allein (Schott‘ Söhne 1958) trugen fast 40 Liederbücher zur Beliebtheit dieses Hirtenliedes bei. Erwähnenswert der 5. Auflage wegen ist das Liederbuch für (katholische) Frauen (1963). Auch in der DDR erschienen in dieser Zeit drei Liederbücher mit dem Lied.

Misst man die Verbreitung des Liedes an der Anzahl der Liederbücher, so nimmt seit 1960 bis 1989 die Popularität kontinuierlich ab, obwohl einige Veröffentlichungen hohe Auflagen haben: 1984 Die schönsten Weihnachtslieder (Bild und Funk) und 1988 Deutscher Liederschatz, Band 3 (Weltbild Verlag). Die Volksliedforscher Ernst Klusen und Heinz Rölleke haben das Lied nicht in ihre Sammelwerke aufgenommen, wohl aber der Liedersammler Theo Mang (Der Lieder Quell, 1967, Neuausgabe 2015) und die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in ihr Standardwerk Das Buch der Weihnachtslieder (1982).

Während es in den 1990er Jahren in keinem Liederbuch auftauchte, nahmen seit 2000 einige Liederbücher das Lied in ihr Repertoire auf, z. B. 2014 die Volkslieder und Weihnachtsliederfibel. Lübecker Kinder singen und 2018 Du meine Seele singe. Advents- und Weihnachtslieder. In etlichen von katholischen Institutionen herausgegebenen Liederbüchern ist das Lied vertreten. Im Gegensatz dazu ist es weder im Evangelischen Gesangbuch noch in anderen evangelisch orientierten Publikationen zu finden; Gedichte und Reime zur Weihnachtszeit (1980) auf evangelischer Seite bildet eine Ausnahme.

Noch heutzutage wird das Lied vorwiegend im süddeutschen Raum in Krippenspielen gesungen, manchmal auch mit verteilten Rollen.

Georg Nagel, Hamburg

Vom autobiographischen Gedicht zum Volkslied: Joseph von Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“

Joseph von Eichendorff

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad;
mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu gebrochen:
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
weit in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei stiller Nacht.

Hör' ich das Mühl'rad gehen,
ich weiß nicht, was ich will -
ich möcht' am liebsten sterben,
dann wär's auf einmal still.

Herkunft und Entstehung

Joseph von Eichendorff (1788-1857) hat den Text 1809/10 gedichtet. Anlass für das Verfassen des Gedichts war eine unglückliche Liebe Eichendorffs. Nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher 1908 wurde offenbar, dass Eichendorff als Student in Heidelberg 1807/08 eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen in Rohrbach (bei Heidelberg) hatte, deren Namen er im Tagebuch mit „K.“ abkürzte. Als das Tagebuch in Rohrbach bekannt wurde, meinten die Rohrbacher im Zusammenhang mit dem Text „In einem kühlen Grunde, / da geht ein Mühlenrad“, es könne sich nur um eine schöne Müllerstochter aus ihrem Ort handeln.

Zu Eichendorffs Zeit vor 200 Jahren besaß Rohrbach in einem zur Rheinebene abfallenden Seitental zwar fünf Wassermühlen, aber der Weg, der durch dieses Tal führte, hieß ganz unromantisch Bierhelder Weg, und der Grund wurde von den Bewohnern schlicht Mühlental genannt. Als Rohrbach im Jahre 1927 zu Heidelberg eingemeindet wurde, nutzte man die Chance zur Umbenennung dieses Weges in den touristenanziehenden „Kühlen Grund“.

Es dauerte noch etliche Jahre bis das „K.“ in Eichendorffs Tagebuch entschlüsselt wurde. Endgültige Klarheit schuf erst der Pfarrer Karl Otto Frey in einem Forschungsbericht (1938). Es war Katharina (Käthchen) Förster, die Tochter des Küfermeisters Johann Georg Förster, also keine Müllerstochter. Jedoch gab es eine Verbindung zu einer Wassermühle, da Käthchens Onkel Johann Jakob Förster Eigentümer der „Förstermühle“ war.

Eichendorffs Tagebuch bricht im April 1808 plötzlich ab. Es wird vermutet, dass er in seinem Gedicht Das zerbrochenen Ringlein seinen Schmerz über ein treuloses Mädchen von der Seele geschrieben hat.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedichtes 1813 in dem von Justinus Kerner und Ludwig Uhland herausgegebenen Almanach Deutscher Dichterwald mit der schlichten Überschrift „Lied“ und unterzeichnet mit „Florens“, dem Namen, den Eichendorff im Heidelberger Kreis (einer Gruppierung innerhalb der deutschen Romantik) erhalten hatte.

Der damaligen Theologiestudent und spätere Pfarrer Friedrich Glück (1793 – 1840) komponierte 1814 die Melodie zu dem Gedicht für sein Gesangsquartett.

Populär wurde das Lied vor allem in den Gesangvereinen, nachdem Friedrich Silcher dazu einen Männerchorsatz 1825 veröffentlicht hatte. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Kühle Grund auch ein beliebtes Motiv auf Liedpostkarten.

Liedbetrachtung

Anregungen zu dem Gedicht hat Eichendorff aus älteren Volksliedern gewonnen, z.B. aus den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Liedern Da droben auf jenem Bergenicht zu verwechseln mit Goethes gleichnamigen Gedicht -, (vgl. in dessen Strophe fünf „da treibet das Wasser ein Rad“ und sechs „das Mühlrad ist zerbrochen“) sowie Da drunten in jenem Tale, (vgl. dessen in Strophe einsda treibet das Wasser ein Rad“ und Strophe zwei „das Mühlrad ist zersprungen“).

Für Liedforscher deutet sich schon in den ersten Zeilen ein trauriges Ereignis an, da im 18. Jahrhundert die Mühle als Schauplatz einer unglücklichen Liebe galt und das zerbrochene Ringlein als Treuebruch (vgl. Heinz Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 204; Thomas Mang: Der Liederquell, 2015, S. 311).

Die Folgezeilen bestätigen das: Das vom lyrischen Ich als Liebchen bezeichnete Mädchen ist verschwunden. Obwohl das ihrem Liebsten einst gegebene Treueversprechen mit der Übergabe eines Ringes besiegelt hat, hat sie es gebrochen. Die Metapher, „das Ringlein sprang entzwei“ drückt die Endgültigkeit der Trennung aus.

So wie der Ring entzwei sprang, so ist auch das Herz des Liebsten gebrochen. Er mag nicht länger am Ort seiner Liebe verweilen, sondern möchte am liebsten weit in die Welt hinaus reisen. Seine Vorstellung, als Spielmann singend von Haus zu Haus ziehen, dürfte als eine Überkompensation seiner Niedergeschlagenheit anzusehen sein.

Aus dem erlitten Schmerz heraus erklärlich ist auch sein Wunsch in den Krieg zu ziehen, sich kämpfend zu beweisen, um dann abends endlich zur Ruhe zu kommen und am Lagerfeuer zu liegen.

Zwischen Spielmann und Kämpfer hin und her gerissen, gesteht er sich ein, weder ein noch aus zu wissen. Ihm kommt der Gedanken, am liebsten sterben zu wollen. Aber noch dreht sich das Mühlrad, und so besteht die Hoffnung, dass seine Todessehnsucht nur vorübergehend war.

In einer Variante der letzten Strophe (aus Volkslieder von der Mosel und Saar nach L. Röhrich und R.W. Brednich: Deutsche Volkslieder. Texte und Melodien, 1967, Band II, S. 434) heißt es:

Hör‘ ich ein Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was es will:
Am liebsten möchte‘ ich sterben!
Dann stand‘s auf einmal still.

Hier wird deutlich, dass einst ein stehendes Mühlrad symbolisch für Herzstillstand und Tod steht (vgl. oben Rölleke und Mang).

Angeregt durch Eichendorffs In einem kühlen Grunde hat Justinus Kerner (1786-1862) sein Gedicht Dort unten in der Mühle 1830 verfasst und die Melodie von Friedrich Glück (s. o.) übernommen. In der sechsten und letzten Strophe seines Liedes greift Kerner das Bild des stehenden Mühlrads auf:

Vier Bretter sah ich fallen,
mir ward’s ums Herze schwer;
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
da ging das Rad nicht mehr.

Rezeption

In einem kühlen Grunde ist seit 1825 (s.o.) bis heute ein außerordentlich beliebtes Lied, vor allem bei Männerchören, geblieben. Darauf deuten die zahlreichen mir online und in Privatbibliotheken zur Verfügung stehenden Liederbücher (rund 500) hin.

Im 19. Jahrhundert trugen vor allem das Sammelwerk von Kretschmer und Zuccalmaglio Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (1840), Hoffmanns von Fallersleben Deutsches Volksgesangbuch (1848) und Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch von 1858 (1914 101. bis 110. Auflage) zur Popularität des Liedes bei sowie Ludwig Erks Volkslieder-Album (1872).

Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Liederbücher für Studenten und Wandervögel. 1914 war Das zerbrochene Ringlein sogar im Kriegsliederbuch für das Deutsche Heer vertreten. 1933 erlebte das Liederbuch für Schule und Haus Kling Klang Gloria mit dem Lied seine 24. Auflage, und Das zerbrochene Ringlein fand Eingang in diverse NS- Liederbücher, darunter solche für den Bund Deutscher Mädel, die NS-Frauenschaften und das Chorliederbuch für die deutsche Wehrmacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige Liederbücher ohne die martialische 4. Strophe, so z. B. 1946 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone das Liederbuch für die deutsche Jugend (FDJ) und das vom Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebene Liederbuch für unsere schaffende Jugend (1948).

Bemerkenswert finde ich, dass 1953 der Deutsche Fußballbund das romantische Lied in sein Liederbuch des DFB aufnahm, ebenso wie ein Jahr später der deutsche Turnerbund in sein Liederbuch des DTB. Gleich in zwei Versionen ist es in der zweibändigen Sammlung der Volksliedforscher L. Röhrich und R.W. Brednich Deutsche Volkslieder (1967) vertreten. Wie populär Eichendorffs In einem kühlen Grunde auch in den 1970er Jahren war, zeigt sich daran, dass es Eingang fand im weit verbreiteten Sammelband Volkslieder aus fünfhundert Jahren von Ernst Klusen (1978, 2. Auflage 1981 51. bis 100. Tausend) und in den in relativ hohen Auflagen erschienenen Taschenbüchern des Heyne Verlags Der Deutsche Liederschatz (1975) und Der Deutsche Balladenschatz (1975, 3. Auflage 1976). Aufgrund der Verkaufserfolge zogen die Verlage Schneider mit Lieder unserer Zeit (1982) und Weltbild mit Deutscher Liederschatz (1988) und 1998 mit Das Volksliederbuch nach.

Wie beliebt das Lied heute noch ist, kann man an den 11 Liederbüchern mit ihm sehen, die in der Zeit von 2002 bis 2015 erschienen sind. Wie gern es gesungen wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig mit 62 Partituren für Männerchöre. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den 123 Tonträgern mit dem Lied im Katalog fast ausschließlich um Schellackplatten handelt, könnte man davon auszugehen, dass Das zerbrochene Ringlein heutzutage weniger angehört als gesungen wird.

Jedoch sprechen die Videos bei YouTube eine andere Sprache: Von den Comedian Harmonists und zahlreichen Chören, darunter dem Dresdner Kreuzchor (s.o.), abgesehen, haben die Tenöre Richard Tauber und Fritz Wunderlich, die Baritone Hermann Prey, Thomas Quasthoff und Max Raabe sowie die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, alle das Lied interpretiert. Auch Freddy Quinn und Hannes Wader und sogar die Chansonette Mireille Mathieu haben es sich nicht nehmen lassen, auf ihre Art In einem kühlen Grunde zu singen.

Georg Nagel, Hamburg

Vom barocken Pestlied zum Kinderlied. Die erstaunliche Karriere von ‚Wiens heimlicher Hymne‘ „O du lieber Augustin“

 

O du lieber Augustin

1.
O du lieber Augustin, 
Augustin, Augustin, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin. 
Geld ist weg, Mäd’l ist weg, 
alles weg, alles weg, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin.

2. 
O du lieber Augustin [...] 
Rock ist weg, Stock ist weg, 
Augustin liegt im Dreck, 
o du lieber Augustin,
alles ist hin.

3.
O du lieber Augustin [...]
Und selbst das reiche Wien, 
hin ist’s wie Augustin; 
weint mit mir im gleichen Sinn, 
alles ist hin.

4. 
O du lieber Augustin [...] 
Jeder Tag war ein Fest, 
und was jetzt? Pest, die Pest! 
Nur ein groß Leichenfest,
das ist der Rest.

5.
O du lieber Augustin [...] 
Augustin, Augustin, 
leg nur ins Grab dich hin! 
O du lieber Augustin,
alles ist hin.

Angesichts des Coronavirus fiel mir ein Lied ein, in dem die Pest eine Rolle spielt: Der liebe Augustin. Vermutlich kennen viele Leser nur die erste Strophe, eventuell auch noch die zweite. Beide Strophen sind als Kinderlied bis heute populär geblieben. Doch der „liebe Augustinerzählt, wie es ihm zur Zeit von Wiens letzter große Pestepidemie im Jahre 1679 ergangen ist.

Markus (auch Marx) Augustin (1643-1685), einen Sackpfeifer (Sackpfeife = einfacher Dudelsack) und Sänger hat es tatsächlich gegeben. Er zog um 1670 in Wien von Beisl (Kneipe) zu Beisl, um dort gegen Geld Bänkellieder zu singen. Er war stadtbekannt, und da er immer lustiger Dinge war, nannte man ihn bald den „lieben Augustin“. Selbst als im Jahr 1677 zunächst einige Vorstädte und 1679 ganz Wien von der Pest heimgesucht wurde, verlor er nicht seinen Frohsinn, auch nicht, als immer mehr Menschen auf der Straße tot umfielen.

Doch die Kneipen wurden immer leerer, viele Leute wagten es nicht auszugehen, und die Einnahmen des lieben Augustins wurden von Woche zu Woche geringer. Da erbarmten sich manche Wirtsleute und gaben mal einige Humpen Bier, mal einige Weinkannen Heurigen aus. Und der liebe Augustin, der dem Alkohol recht zugetan war, trank so manches Mal über seinen Durst. So passierte es eines Tages, dass er nur noch aus der Wirtshaustür heraustorkeln konnte und bald darauf, volltrunken wie er war, in eine Gosse fiel und dort einschlief.

Dort in der Gosse war er nicht der einzige Mensch. Jeden Tag lagen Hunderte von der Pest hingeraffte Menschen auf den Straßen; sie wurden von sogenannten Siechknechten aufgesammelt, mit großen Karren vor die Tore Wiens gefahren und in Massengräber geworfen. Und so erging es auch unserem Augustin. Wie ein Toter schlafend, von der Gosse verdreckt, glaubten die Siechknechte, einen Pesttoten vor sich zu haben. „Seine“ Pest­gru­be soll sich in der Nähe der Kirche St. Ulrich im 7. Bezirk be­funden haben, in der Nähe des Platzes, wo heute der Augustinbrunnen steht.

Als Augustin seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er entsetzt, inmitten all der Leichen zu liegen. Er fand seine Sackpfeife und versuchte aus dem Grab zu klettern, schaffte es aber nicht. Da fing er an nach Hilfe zu rufen und, als er kein Gehör fand, spielte er so laut er konnte auf seiner Sackpfeife. Schließlich wurde er gehört und aus dem Grab gezogen. Glücklicherweise hatte er sich nicht angesteckt, und er begann wieder seine Beisltouren zu drehen. Nach der Legende dichtete er bald darauf ein Lied über das, was ihm widerfahren war: „alles ist hin“.

So die Überlieferung, die so oder so ähnlich bereits fünf Jahre vor Ausbruch der Pest der wortgewaltige und populäre Prediger Abraham a Sancta Clara in Wien in einer Predigt verwandt hatte. Der Prediger kannte das Ereignis aus seiner schwäbischen Heimat und wollte diese Geschichte als Warnung vor der Pest und als abschreckendes Beispiel gegen übermäßiges Trinken verstanden wissen.

In Wien nachgewiesen worden sind Text und Melodie erstmals um 1800 – über 100 Jahre nach dem Tod des „lieben Augustins“ -, wobei Textdichter und Komponist bis heute unbekannt geblieben sind. Die Melodie lässt sich Ende des 18. Jahrhunderts als ein aus Böhmen oder Sachsen kommender Schlager nachweisen. Nach 1800,  so die Liedforscher, habe sich Der liebe Augustin über Sachsen in ganz Europa verbreitet.

Da das Lied zur „heimlichen Hymne Wiens“ geworden ist, hat die Stadt Wien Markus Augustin ein 1908 Denkmal gewidmet und einen Platz nach ihm benannt.

 

 

Relief am Haus mit dem Griechenbeisl (Foto: Zenit)

 

Augustin-Brunnen von Hans Scherpe (1908)

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Statue Au­gu­stins gestohlen. Kurz darauf wurde an ihre Stelle ein Schild mit der fol­gen­den Auf­schrift angebracht:

Der Schwarzen Pest bin ich entronnen,
die braune hat mich mitgenommen.

Liedbetrachtung

Der sicherlich aus Wien stammende unbekannte Textdichter versetzt sich in die Lage des auf wundersame Art von der Pest verschonten Augustins und erzählt, was Augustin alles verloren hat: Sein Geld, sein Mäd’l, sein Rock und sein Stock sind ihm abhandengekommen. Die Wiederholungen „alles ist hin“ deuten auf die triste Lage des Sackpfeifers. Es bleibt zu hoffen, dass er sein Instrument nicht auch noch verloren hat. Einige Schillinge wird er wohl noch vor seinem Tod mit 42 Jahren, sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Pest, eingenommen haben.

 „Alles ist hin“ trifft auch die reichen Leute in der vom „Schwarzen Tod“ befallenen Stadt zu. Nach den von ihm als festlich empfundenen Tagen trauert Augustin nun mit dem ganzen Wien. Ironisch nennt er die Auswirkungen der Pest „ein groß Leichenfest“. Und obwohl er sich auf dem Totenanger nicht angesteckt hat, ist  ihm doch bewusst, dass im Grab auch sein Leben zu Ende hätte gehen können. So traurig und ernst der Text ist, so wird er doch durch die beschwingte Melodie, nach der man sogar Walzer tanzen kann, konterkariert. Sie zeigt, dass ein jegliches seine Zeit hat, leben und sterben, tanzen und weinen (vgl. Abschnitt „Anmerkungen“ in der Interpretation zu Puhdys Wenn ein Mensch lebt).

Exkurs Epidemien

 Die bakterielle Infektionskrankheit Pest wird durch pestkranke Rattenflöhe (bei der Beulenpest) übertragen. Der “Schwarze Tod“, so genannt wegen der dunklen Beulen auf dem ganzen Körper, trat in Europa vom 14.-18 Jh. immer wieder epidemisch auf. Während der großen Pestepidemie 1348–52 (nach andere Quellen 1347–1351) starb ca. 1/3 (bis zu 25 Mio. Menschen) der Bevölkerung Europas.

Als die Pest noch einmal über Europa kam, traten in Wien die ersten Pestfälle im De­zem­ber 1678 in der damaligen Vorstadt Leopoldstadt auf. Die Seuche brei­te­te sich dann in ganz Wien schnell aus, wobei es vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten waren, die als erste er­krankten. Von Monat zu Monat stieg die Zahl der Todesfälle. Durch den „Schwarzen Tod“ kam 1679/80 ein Viertel der Bevölkerung um.

Ein zeitgenössischer Chronist berichtet von „3.000 und mehr inficirten Personen“ und darüber“, dass „vmb die gantze Stadt herumb fast alle Lust- vnnd Wein-Gärten, Gässen vnnd Straßen mit Toten- vvnd Kranken Leuten angefüllet,  ja sogar dass man nicht Leuth genug haben kunte, die Toten vnter die Erden zu bringen, vnnd daher es bisweilen geschahe, daß mit dem Tode allebreit Ringenden, auff Wägen vnter die Todten geleget vnnd mit einander in die hierzu gemachte Gruben geworffen worden“ (Johann Konstantin Feigius, Wunderbarer Adlers Schwung, Wien, 1694).

Wiens letzte Pestepidemie 1713 konnte wegen verbesserter Hygienemaßnahmen und mit Hilfe der Ausrottungskampagnen der Ratten in ganz Europa etwa ab 1740 eingedämmt werden. Ein Antibiotikum gegen die Pest wurde erst nach 1894 gefunden, nachdem der Schweizer Alexander Yersin den Pesterreger entdeckt hatte.

 

Michel Serre: Le chevalier Roze déblayant la Tourette au plus fort de la peste (1720)

 

Paul Fürst: Der Doctor Schnabel von Rom (1656)

Doch die Pest sollte nicht die letzte Pandemie bleiben. Durch die sich 1918 und 1919 in drei Wellen verbreitende sog. „Spanische Grippe“ fanden nach Schätzungen in Deutschland rund 40.000, global 25 Millionen bis etwa 50 Millionen Menschen den Tod.

Im Vergleich dazu gingen die „Asiatische Grippe“ von 1957 mit weltweit 1 bis 2 Millionen, davon in Deutschland geschätzten 30.000 Todesopfern und die Hongkong-Grippe 1967/68  mit rund 1 Million Toten (nach anderen Schätzungen 750.000 bis 2 Millionen) noch glimpflich aus.

Bei der derzeitigen durch den Coronavirus verursachten Pandemie bleibt zu hoffen, dass bald ein Impfstoff gegen Covid-19 entdeckt wird, so dass es nicht zu ähnlich hohen Todesraten kommt.

Rezeption

Das Lied bzw. die Figur des lieben Augustins ist seit seiner Entstehung (etwa um 1800) bis heute populär geblieben. Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) komponierte aus dem Lied ein Werk mit acht Variationen. Max Reger (1873–1916) griff die Melodie 1901 in der Sechsten Burleske (op. 58) auf und Arnold Schönberg (1874–1951) hat sie 1908 im 2. Satz seines Zweiten Streichquartetts (op. 10). verarbeitet. Leo Fall (1873–1925) knüpfte an die Berühmtheit des Augustins an und komponierte 1912 eine gleichnamige Operette, die inhaltlich ebenso wenig mit der Geschichte des Sackpfeifers zu tun hat wie der 1921 von Horst Wolfram Geißler (1893–1983) verfasste Roman mit dem Titel.

In Deutschland ist das Lied hauptsächlich als Kinderlied mit einer bzw. zwei Strophen beliebt, was die zahlreichen CDs und Videos (vgl. YouTube) und die 30 Partituren des Deutschen Musikarchivs, vorwiegend für Kinderchöre, belegen. In annähernd 100 Liederbüchern, die mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglich waren, habe ich den „lieben Augustin“ gefunden, häufig allerdings nur mit ein oder zwei Strophen.

In England ist das Lied bekannt als O my dear friend Augustin, und in den USA gibt es das Kinderlied „Ach, du lieber Augustin […] all is kaputt / money gone, honey gone / money gone, honey gone / my goose is cooked.“

In Österreich ist die Figur des lieben Augustins nach wie vor lebendig. Er gilt als „erster echter und legendärster Wienerliedsänger“ und „auch als Urvater der Mentalität des gemütlichen Wieners, der nicht untergeht“ (BR Klassik).

Georg Nagel, Hamburg

Quellen:

Johann Konstantin Feigius: Wunderbarer Adlers Schwung. Wien 1694.

Moritz Bermann: Die schönsten Sagen aus Österreich. Wien 1865.

Nanette Peithmann: Der Schwarze Tod – Die Pest wütet in Europa. In: Planet Wissen

Die Pest: Der schwarze Tod des Mittelalters. In: Geolino

www.sagen.at

timetravel-vienna.at

www.mein-oesterreich.info

www.augustin.ws