„Leben spüren Tag für Tag“. Zu Volker Lechtenbrink: „Leben, so wie ich es mag“

Volker Lechtenbrink

Leben, so wie ich es mag

Leben, so wie ich es mag,
Leben spüren Tag für Tag,
Da heißt immer wieder fragen,
Das heißt wagen, nicht nur klagen,
Leben so wie ich es mag.

1. Und ich liebe manche Kämpfe,
Lieber Kampf als all die Krämpfe,
Davon krieg man ein Geschwür.
Und ich hasse Leisetreter
Und auch Obrigkeitsanbeter,
Sie können alle was dafür.

2.Und ich liebe Diskussionen
Über Dinge, die sich lohnen,
Lass' mich überzeugen.
Doch so laschen Argumenten,
So wie Sicherheit und Renten,
Will ich mich nun mal nicht beugen.

Leben, so wie ich es mag,
Leben, so wie ich es mag,
Das heißt nicht nur alles schlucken,
Das heißt aufmucken, nicht ducken,
Leben, so wie ich es mag.

3. Und ich hass' die Selbstgerechten,
Diese echten Schlechten,
Die ihre Kinder heut noch haun.
Dafür liebe ich die Raren,
Die sich ihren Stolz bewahren,
Denen kann man noch vertraun.

4. Und ich hasse alle Zwänge,
Hasse Muff und Enge,
Den Satz: Das tut man nicht!.
Lieber geh ich stets auf's Ganze,
Nutze jede Chance,
Auch wenn mir's den Hals mal bricht.

Leben, so wie ich es mag,
Leben spüren Tag für Tag,
Da heißt immer wieder fragen,
Das heißt wagen, nicht nur klagen,
Leben, so wie ich es mag.

5. Es reicht nur für ein paar Runden
Für uns Volk hier unten,
Und für jeden kommt der Tag,
Wenn sie mich dann dereinst oben
Rügen oder loben,
Ich hab gelebt, wie ich es mag.

Leben, so wie ich es mag,
Leben spüren Tag für Tag,
Da heißt immer wieder fragen,
Das heißt wagen, nicht nur klagen,
Leben, so wie ich es mag.

Leben, so wie ich es mag,
Leben, so wie ich es mag,
Das heißt nicht nur alles schlucken,
Das heißt aufmucken, nicht ducken,
Leben, so wie ich es mag.

     [Volker Lechtenbrink: Leben, so wie ich es mag. Polydor 1980.]

Vorgeschichte

Der Schauspieler, Regisseur und Sänger Volker Lechtenbrink (geb. 1944) hatte seinen ersten Erfolg als Sänger mit dem von ihm getexteten Lied Der Macher. Sein Album mit dem gleichnamigen Titel stand 1976 acht Wochen in den deutschen Charts an 28. Stelle. Daraufhin textete er weitere Lieder u.a. für Peter Maffay und 1980 Leben so wie ich es mag.

Die Melodie geht zurück auf den aus 1978 stammenden Country Song Tulsa Time (Text s. unten) von dem im selben Jahr zum besten Country-Sänger gewählten Don Williams. Der Text stammt von dem Gitarristen Danny Flowers. Im Januar 1979 stand Tulsa Time auf Platz 1 der Country-Charts des Billboards, jenes US-Magazins, das wöchentlich in über 50 Kategorien die offiziellen Verkaufscharts für Musikalben und Singles veröffentlicht.

Wann und wo Lechtenbrink diesen rockigen Song zum ersten Mal gehört hat, ist nicht bekannt. Jedoch dichtete er, vermutlich angeregt durch die Aufbruchs-stimmung des Protagonisten, 1980 den Text zu unserem Lied.

Aufgrund des Verkaufserfolgs der Single mit dem Titel Leben so wie ich es mag brachte seine Schallplattenfirma noch 1980 ein gleichnamiges Album heraus, das es allerdings nicht in die Charts schaffte. Immerhin erschienen weitere Tonträger mit dem gleichnamigen Titel: 1985 eine LP, 1990 und 1999 je eine CD. Auch die fünf CDs Die schönsten Erfolge großer Liedermacher, u.a. von Reinhard Mey und Konstantin Wecker, erschienen unter dem Titel Leben, so wie ich es mag; wahrscheinlich der Grund, weshalb auch Volker Lechtenbrink sich in der Reihe „große Liedermacher“ wiederfinden durfte. Wie beliebt Lechtenbrinks Lied war, zeigt sich auch daran, dass die Musikproduzenten von Frank Schöbel und Bernd Schöne ihre CDs 2002 bzw. 2004 mit dem Titel und deren Interpretationen herausbrachten.

Nachdem es einige Jahre um das Lied ruhig geworden war, brachte das Ernst-Deutsch-Theater, Hamburg ein Schauspiel mit dem Titel Leben so wie ich es mag heraus. Es war ein Geschenk zum 70. Geburtstag Lechtenbrinks von seiner Tochter, der Drehbuchautorin Saskia Ehlers. Volker Lechtenbrink spielte in diesem Stück über sein bewegtes Leben die Hauptrolle und sang 15 seiner bekanntesten Lieder. Nach der Uraufführung im Herbst 2014 feierte das Publikum den Schauspieler und Sänger mit Standing Ovations. Aufgrund des großen Erfolgs auch im Jahr 2015 folgte 2016 eine Tournee mit 12 Aufführungen von Cuxhaven bis München.

Interpretation

Der Erfolg dieses Liedes und des Theaterstücks ist verständlich: Wer möchte nicht nach seinem Gusto leben, ein intensives Leben führen? Obwohl der Refrain in Manchem vage bleibt – wonach soll man fragen, worüber klagen –, will der Protagonist mal etwas Gewagtes unternehmen.

In der ersten Strophe erfahren wir nichts Genaues: welche Kämpfe muss er ausfechten? Manche Kämpfe scheint er zu lieben, andere nicht. Immerhin wird er dann konkret: Von „all den Krämpfen“ „kriegt man ein Geschwür“, und unter „Leisetretern“ und „Obrigkeitsanbetern“ kann sich jedermann Duckmäuser, Speichellecker u. ä. vorstellen.

In den folgenden drei Strophen wird der Text nur teilweise konkret: So sehr wie der Protagonist Diskussionen liebt und sich von guten Argumenten überzeugen lässt, so sehr hasst er – wie wir uns gut vorstellen können – Stammtischparolen über Sicherheit und Klagen über die geringe Höhe von Renten. Wiederum erfahren wir nicht, welche Diskussionsthemen sich aus seiner Sicht stattdessen lohnen.

Erneut wird hier in der folgenden Strophe nicht differenziert: Wieso hauen Selbstgerechte ihre Kinder, sind selbstgerechte Menschen immer schlecht, sind sie die große Mehrheit? Kann man wirklich der Minderheit vertrauen, nur weil sie „ihren Stolz bewahrt“?

Auch ohne das starke Gefühl des Hasses kann man nachvollziehen, dass das Sprecher-Ich es vorzieht, wie wir in den 1970er Jahren den „Muff der Talare“ stellvertretend für spießbürgerliche Zwänge anprangerten und eine autoritätsarme Erziehung forderten, statt „Muff und Enge“ hinzunehmen, lieber zu testen, wie weit man in Wort und Tat gehen kann. Das aus den 1980er Jahren stammende bis heute aktuelle Motto „No risk no fun“ zeigt am Beispiel des Bungee-Springens deutlich, dass gilt „Spaß muss sein!“, auch „wenn mir’s den Hals mal bricht“.

Nachdenklich schließt das Lied mit der Erkenntnis: Unser Leben auf Erden ist zeitlich begrenzt, aber die Hoffnung bleibt, einst vor einem himmlischen Richter zu stehen und Rechenschaft abzulegen. Und egal wie das Urteil ausfällt, heißt es im letzten Vers fast trotzig: „Ich hab gelebt, wie ich es mag“.

Obwohl vieles nur angedeutet und nicht ausgesprochen wird, ist das Lied ein Ausdruck eines Lebensgefühls, das viele Menschen gut nachvollziehen können. Vielleicht ist es gerade dieses Vage, nach dem sich jeder denken kann, was er will, das das Lied so erfolgreich gemacht hat, dass es heute noch von manchen Chören, z.B. vom Gute Laune Chor (Hamburg), dessen Mitglied ich bin, gern gesungen wird.

Die Vorlage

Don Williams

Tulsa Time

1. I left Oklahoma, drivin‘ in a Pontiac
Just about to lose my mind
I was goin‘ to Arizona
Maybe on to California
Where the people all live so fine.

1. My baby said, I’z crazy
My mama called me lazy
I was gonna show ‚em all this time
‚Cause you know I ain’t no fool
And I don’t need no more schoolin‘
I was born to just walk the line.

Livin‘ on Tulsa time
Livin‘ on Tulsa time
Well, you’ll know I been through it
When I set my watch back to it
Livin‘ on Tulsa Time.

3. Well, there I was in Hollywood
Wishin‘ I was doin‘ good
Talkin‘ on the telephone line
But they don’t need me in the movies
And nobody sings my songs
Guess, I’m just a wastin‘ time.

4. Well, then I got to thinkin‘
Man I’m really sinkin‘
And I really had a flash this time
I had no business leavin‘
An nobody would be grievin‘
If I just went on back to Tulsa time.

Livin‘ on Tulsa time
Livin‘ on Tulsa time
Gonna set my watch back to it
‚Cause you know I been through it
Livin‘ on Tulsa time.

Im rockigen Countrysong Tulsa Time erzählt ein junger Mann von seinem Plan, sich in sein Auto zu setzen, alles hinter sich zu lassen und sich auf den Weg nach Arizona und California zu machen. Von seiner Mutter als faul, von seiner Freundin als verrückt bezeichnet, will er beweisen, dass er kein Spinner ist und nicht von anderen belehrt werden muss.

Tulsa, im Staat Oklahoma als zweitgrößte Stadt mit mehreren 100.000 Einwohnern (Selbstbezeichnung: „Ölhauptstadt der Welt“), bietet einem jungen Mann sicherlich gute berufliche Aussichten und genügend Vergnügungen in der arbeitsfreien Zeit, aber er hat (erst einmal) genug von Tulsa. Es ist der Mythos von Freiheit, der den jungen Mann veranlasst, obwohl er „geboren wurde, um die Regeln einzuhalten“ (im Original: „I was born to just walk the line“).

Er setzt sich also in seinen Pontiac und fährt einige hundert Meilen über Oklahoma City, wahrscheinlich die Fernstraße, die Route 66 (heute „Interstate“), über Amarillo und El Paso (Texas) und über Phönix (Arizona) nach Los Angeles (California). Wie eindrucksvoll eine solche lange Fahrt sein kann, zeigt sich im Bluessong Get your Kicks on Route 66, der Robert William Troup 1946 auf seiner Reise von Pennsylvania nach Los Angelos eingefallen ist. Wie es unserem jungen Mann unterwegs ergangen ist, erfahren wir nicht. Wichtig war ihm das Unterwegssein – vgl. die Weisheit des Konfuzius „Der Weg ist das Ziel“.

Von sich überzeugt, bildet er sich ein, dass man in Hollywood auf einen solchen Kerl wie ihn schon lange gewartet hat, doch er muss erfahren, dass man ihn nicht braucht und nicht einmal seine Lieder singt. Schließlich sieht er ein, dass der Abstecher in den Vorort von Los Angeles vergeudete Zeit war. Nachdenklich fragt er sich, wie tief er gesunken sein muss. Doch dann kommt ihm die Erleuchtung, fern von Tulsa gibt es nichts mehr zu tun, niemand würde trauern, wenn er zurück in seine Heimatstadt fahren würde. Und er setzt sich in sein Auto, hat noch einmal die Freude am Abenteuer, unterwegs zu sein und freut sich, bald zu Hause zu sein.

Georg Nagel, Hamburg

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Aber bitte mit Whisky. Volker Lechtenbrinks „Ich mag“ als Loblied auf den Alltagskonservatismus

Volker Lechtenbrink

Ich mag

Ich mag Sonne, die mich wärmt,
wohnen, wo’s nicht lärmt,
Hunde, die noch bellen,
schöne, hohe Wellen.
Ich mag Whisky ohne Eis,
Böll, der soviel weiß,
Essen scharf gewürzt
und nichts überstürzt.
Ich mag Countrysongs und Rock,
Skat mit Ramsch und Bock,
lang spazieren gehen,
Winde, die stark wehn.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Breitner und sein Spiel,
Kinder mit Gefühl,
Freunde mit Verstand,
Bockwurst aus der Hand.
Ich mag Mozart, Mahler, Bach,
Skilaufen und Schach,
Pokern nächtelang,
Trennung ohne Zank.
Ich mag Zärtlichkeit und Lust,
Frauen selbstbewußt,
Lachen übern Scherz,
Omis mit viel Herz.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Schenken ohne Dank,
Treue ohne Zwang,
trocknen, herben Wein,
mal alleine sein.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Lino Ventura,
Mama und Papa,
jeden Zirkusclown,
meine Tochter, meinen Sohn.
Ich mag Quadflieg, wenn er liest,
Regen, wenn er gießt,
Sonntage im Bett,
Eisbein richtig fett.
Ich mag Bilder von Magritte,
Schwimmen ohne mit,
barfuß gehn durchs Watt,
Hamburg, meine Stadt.

All das mag ich
und ganz doll dich.

All das mag ich
und ganz doll dich.

     [Volker Lechtenbrink: Ich mag. Polydor 1981.]

Hier wird, auch wenn das Sprecher-Ich in Hamburg lebt, deutsch-provin­zielle Gemütlichkeit gefeiert, ergänzt durch einige integrierte Aspekte angloamerikanischer und europäischer Kultur. So tritt neben den urdeutschen „Skat mit Ramsch und Bock“ das „Pokern nächtelang“, neben den „trocknen, herben Wein“ der „Whisky ohne Eis“, und neben die Musik der sämtlich dem deutschsprachigen Raum entstammenden Komponisten „Mozart, Mahler, Bach“ treten „Countrysongs und Rock“. Um welche Art Rock es sich dabei handelt, wird – es sei denn, man fasst beide Musikstile als Gegensatzpaar auf, – durch die Reihung mit „Countrysongs“ deutlich: Es geht nicht um Rock als Ausdruck von Rebellion, nicht um die der Kultur der unterdrückten afroamerikanischen Bevölkerung entstammenden Blues-Elemente, sondern um die ‚weißenʻ Hillbilly-Elemente des Rock’n’Roll. Es geht demnach nicht um sexuell aufgeladene Tanzmusik, sondern um Songs, die auch noch volltrunken am Lagerfeuer zur Akustikgitarre mitgegrölt werden können. Der Exzess beschränkt sich auf das Durchmachen von Nächten (vermutlich Samstagnächten, denen dann die Sonntage im Bett folgen), die Freiheit auf das Untenrum-ohne-Schwimmen, wobei das Wortspiel „ohne mit“ die Verklemmtheit anzeigt. Ansonsten werden, ungeachtet der möglichen „Trennung ohne Zank“, Familienwerte und Lokalpatriotismus gepflegt, und werktags wird, so lässt sich ex negativo aus den im Bett verbrachten Sonntagen schließen, natürlich gearbeitet.

Politische Implikationen werden, wo sie unterstellt werden könnten, abgelehnt: So wird Paul Breitner aufgrund seines Spiels gemocht und nicht wegen seiner Rolle als Rebell, der Afro trug (worauf die Ärzte in Der Afro von Paul Breitner Bezug nehmen), mit Mao-Bibel zum Training erschien und sowohl Trainer als auch DFB-Funktionäre beschimpfte. Heinrich Böll gefällt nicht als politisch engagierter Schriftsteller, sondern – in kleinbürgerlicher Devotion – weil er über eine beeindruckende Bildung verfügt. Die Großelterngeneration wird nicht historisch als Tätergeneration während des Dritten Reichs wahrgenommen, sondern in ihrer überzeitlich stabil vorgestellten Rolle als emotional zugewandte „Omis“. Keine Relation zu gesellschaftlichen oder politischen Fragen stört die hedonistische Zufriedenheit zwischen Eisbein, Bockwurst, Zärtlichkeit und Lust mit der selbstbewussten (im Kontext wohl eher ‚nicht verklemmtenʻ als ‚emanzipiertenʻ) Frau.

Hier wird ein Idyll entworfen, das zwar zeitlich und geographisch fixiert ist, in dessen biedermeierlicher Behaglichkeit aber die Elemente, die Zeitgenossenschaft signalisieren, beliebig austauschbar sind, was sich auch daran zeigt, dass der Text, abgesehen von der Erwähnung Paul Breitners, in den 1950er Jahren hätte entstanden sein können – mit dem Unterschied, dass das Bekenntnis zu Rock zu diesem Zeitpunkt noch tendenziell progressiv gewirkt hätte. Durch das völlige Fehlen zeitgenössischer Populärkultur erhält die Aufzählung eine konservative Tendenz, der Rock wird zum ‚guten, alten, handgemachten‘ Rock im Gegensatz zum 1981 verbreiteten elektronischen Pop.

Der konservative Grundzug des Lieds wird auch im geschilderten Verhältnis zur Natur deutlich: Gegen das Zurück zum Beton von S.Y.P.H, gegen die Zerfalls- und Zerstörungsästhetik des Punk und die kalte Neonästhetik des New Wave, urbane Ästhetiken also, wird das „Wohnen, wo’s nicht lärmt“ gesetzt, gegen die gebrochene ästhetische Affirmation des Hässlichen und Künstlichen die unmittelbare sinnliche Naturerfahrung der barfüßigen Wattwanderung. Natur wird als Ort vitaler Kraft und Schönheit beschrieben: Winde sollen stark wehen, Wellen sind schön, wenn sie hoch sind, und Regen soll gießen. Übertragen auf den Bereich des Zwischenmenschlichen heißt das Heterosexualität mit dem Ergebnis der Fortpflanzung als Gegenmodell zur im Pop der 1980er Jahre demonstrativ inszenierten Homosexualität. Dabei tritt an die Stelle des romantischen Liebesideals, wie es im Rock und Pop dominiert, eine Wahrnehmung der Partnerin als einer Person, die zum eigenen Wohlbefinden in besonderem Maße beiträgt, denn sie wird gemocht wie die aufgezählten Genussmittel und Freizeitaktivitäten, nur eben „ganz doll“ – viel weiter kann sich eine Liebeserklärung kaum vom romantischen Liebesideal entfernen.

Die partielle Affirmation von Wildheit und Natürlichkeit hat hier nichts Revolutionäres, stellt keine Gegenwelt wie in Henry David Thoreaus Walden dar, sondern erschöpft sich bei näherer Betrachtung in einem konservativen reinen Gestus des Bewahrens: Am deutlichsten wird dies in der bekundeten Zuneigung zu „Hunde[n], die noch bellen“: Welche Hunde täten dies nicht bzw. nicht mehr? Die Konfrontation mit einer Kontrafaktur des Liedes von der Poppunkband Die Piddlers macht dabei die Aussagelosigkeit der Bejahung bellender Hunde besonders sichtbar, indem es hier heißt: „Ich mag Hunde, die noch beißen / und in jede Ecke scheißen“. Hier werden also Eigenschaften geschätzt, die Hunden in der Regel tatsächlich abtrainiert werden.

Aufgrund seiner einfach zu variierenden Aufzählungsstruktur hat das Lied noch weitere Kontrafakturen nach sich gezogen, u. a. von Rolf Zuckowski, dem Gotthilf Fischer des Kinderlieds. Er variierte die Strophen bezogen auf eine kindliche Lebenswelt und ließ den Refrain mit „und ganz doll mich“ enden. Tocotronic hingegen haben unter Nutzung der Strophenstruktur eine Absage an eben jene deutsche Lebenswelt, die das Original feiert, formuliert: Der Refrain ihrer auch melodisch abweichenden Version lautet: „Aber hier leben, / Nein Danke.

Die Werbeabteilung von Caro Kaffee schließlich wollte, als sie Lechtenbrink sein Lied für einen Caro Landkaffee-Werbespot in einer umgetexteten Fassung singen ließ, wohl die schon im Original identifizierbare Gemütlichkeitsästhetik zur Imagebildung nutzen:

Ich mag das Schöne dieser Welt.
Ich mag den Wind im Roggenfeld.
Ich mag es, wenn der Tag erwacht
und die Sonne dazu lacht.
Ich mag plaudern am Nachmittag,
Obstkuchen mit Schlag.
Ich mag die Lichter meiner Stadt,
diskutier’n bis in die Nacht.
Laß mich von deinem Duft verführ’n,
deine Wärme spür’n.

Dieser Text kann als Kurzfassung des ursprünglichen Liedtextes gelesen werden: Gleich in der ersten Zeile findet eine entsprechende Abstraktion statt. Anschließend geht es, dem Produkt entsprechend, um domestizierte Natur (der – wohl sanfte – „Wind im Roggenfeld“ tritt an die Stelle der „Winde, die stark wehen“), die Nächte werden nicht mehr zur Gänze genutzt, sondern es wird nur noch „bis in die Nacht“ diskutiert. Diese Bereinigung der geschilderten Lebenswelt um alle vermeintlich ‚wilden’ Elemente entstellt Lechtenbrinks Original zur Kenntlichkeit: Denn auch dieses hat ja nichts anderes als eine ‚männlich‘ codierte Version des Nachmittagskaffes entworfen.

Martin Rehfeldt